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Kapitel 2 Wenn Du denkst, Du denkst … zur Psychologie von Kognitionen und Bewusstsein in:

Detlef Fetchenhauer

Psychologie, page 44 - 66

1. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3713-3, ISBN online: 978-3-8006-3940-3, https://doi.org/10.15358/9783800639403_44

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29 Kapitel 2 Kapitel 2 Wenn Du denkst, Du denkst … zur Psychologie von Kognitionen und Bewusstsein Welche kognitiven Fähigkeiten unterscheiden den Menschen von anderen Spezies? Wenn man Menschen danach fragt, was den Menschen von anderen Tieren unterscheide, wird man als Antwort oftmals zu hören bekommen, dies sei unsere größere Intelligenz. Auch wenn dies in gewissem Maße zutrifft, sollte man sich klar darüber sein, dass auch andere Spezies über zum Teil ganz erstaunliche Fähigkeiten verfügen. Dies bezieht sich nicht nur darauf, dass viele Tiere schneller laufen, besser klettern oder sogar fliegen können, sondern auch auf bestimmte kognitive Fähigkeiten. Im letzten Kapitel hatten wir schon auf den langen Reiseweg der Aale zu ihren Laichplätzen verwiesen. Neben einem enorm hohen Antrieb, eine solche Reise InhaltWelche kognitiven Fähigkeiten unterscheiden den Menschen von anderen Spezies? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29 Sprache . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30 Selbstbewusstsein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32 Phantasie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34 Von Schweizer Armeemessern: Modulare Intelligenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35 Heuristiken und kluge Daumenregeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37 Exkurs: Ein Beispiel für eine adaptive Heuristik – Einfädeln auf der Autobahn . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39 Warum haben Menschen ein Bewusstsein? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40 Knifflige Fragen: Das Leib-Seele Problem und die Frage der Willensfreiheit . . . . . 45 Das Leib-Seele Problem und die Relevanz neurologischer Forschung . . . . . 46 Gibt es einen freien Willen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48 Ausblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49 Kurz und gut . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50 Studentenfutter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50 Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 29 30 Wenn Du denkst, Du denkst … zur Psychologie von Kognitionen und Bewusstsein Kapitel 2 anzutreten, braucht es offensichtlich auch bemerkenswerte kognitive Fähigkeiten, um ohne Landkarte, Kompass oder moderne Navigationsgeräte den Weg vom Rursee in der Eifel in den Golf von Mexiko zu finden. Andere Beispiele sind die Fähigkeiten von Zugvögeln, im Frühjahr bzw. Herbst das Habitat zu wechseln oder der Adler, der selbst aus 2 000 Metern Höhe noch jede Maus erspähen kann. Vor diesem Hintergrund behaupten viele Biologen, es gäbe nichts, worauf der Mensch hinsichtlich seiner kognitiven Fähigkeiten besonders stolz zu sein habe. Dennoch aber gibt es einige Fähigkeiten, bei denen sich Menschen in hohem Maße von allen anderen Tieren unterscheiden. Der Psychologe Roy F. Baumeister (2005, S. 179) drückt diesen Gedanken wie folgt aus: „Although it is fashionable nowadays to say that each species is well suited to its niche and therefore cross-species comparisons of intelligence are meaningless, there are still some thinkers who are willing to state the obvious: Human beings are capable of much more complex, abstract, and otherwise intelligent thought than any other species“. Im Folgenden sollen drei spezifisch menschliche Fähigkeiten etwas ausführlicher diskutiert werden, nämlich seine Sprachfähigkeit, seine Fähigkeit zur Empathie und seine Fähigkeit zur Unterscheidung zwischen Realität und Phantasie. Sprache Homo sapiens ist die einzige Spezies mit einem elaborierten Sprachvermögen. Zwar verfügen auch Schimpansen über ein Vokabular von ca. 100 Wörtern, dies aber wird allenfalls in Zwei-Wort-Sätzen miteinander kombiniert. Was menschliche Sprache ausmacht ist, sind die folgenden Eigenschaften: 1) Die Zuweisung von Wörtern zu einer bestimmten Bedeutung erfolgt vollkommen arbiträr (d. h. willkürlich). Nur wenige Wörter haben einen lautmalerischen Ursprung (wie z. B. die Wörter „Peng“ oder „Uff“), die meisten Wörter könnten jedoch auch vollkommen anders lauten. So könnte z. B. das Wort „Tisch“ auch dasjenige bezeichnen, was wir mit dem Wort „Stuhl“ umschreiben und umgekehrt. Auf diese Weise ist es möglich, neue Sachverhalte dadurch auszudrücken, dass man ihnen einen Namen gibt (so gab es bis vor ca. 25 Jahren das Wort „Internet“ noch nicht). 2) Alle menschlichen Sprachen folgen einer universellen Grammatik (Chomsky, 1985, 2002), welche es ermöglicht, diese willkürlich definierten Begriffe in einer „Ohne Wort, ohne Schrift und Bücher gibt es keine Geschichte, gibt es nicht den Begriff der Menschheit“ Hermann Hesse Arbiträre Bedeutungszuweisung Universalgrammatik Roy Baumeister (*1953) US-amerikanischer Sozialpsychologe – Baumeister beschäftigt sich mit einer Vielzahl von psychologischen Themen: der Idee der sozialen Zusammengehörigkeit (s. Kapitel 10 und 17), den Prin zipien von Motiva tion und Aggression (s. Kapitel 3 und 9) sowie Ideen, die sich um das Selbst drehen – etwa Selbstbewusstsein, Selbstbetrug und Selbst kontrolle (s. u. a. Kapitel 12). Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 30 31 Welche kognitiven Fähigkeiten unterscheiden den Menschen von anderen Spezies? Kapitel 2 unendlichen Vielzahl von Kombinationen miteinander zu verknüpfen. Teil dieser Universalgrammatik ist die Unterscheidung zwischen Substantiven, Adjektiven, die zur Beschreibung von Substantiven dienen, sowie Verben, die Handlungen von Subjekten umschreiben. Durch diese Eigenschaften der menschlichen Sprache ist es uns möglich, nahezu beliebige Sachverhalte in Sätzen zu formulieren, die so bislang noch niemand je formuliert hat. Evolutionspsychologen wie Steven Pinker (2000) führen die Existenz der Universalgrammatik daher auf deren direkte Adaptivität zurück. Sprache ermöglicht Kommunikation und die Weitergabe von Information. Dadurch führte Sprache zu einer Vervielfachung menschlichen Wissens, weil Erfahrungen nicht mehr von jedem Individuum selbst gemacht werden mussten, sondern verbal an andere weitergegeben werden konnten. Durch die Fähigkeiten des menschlichen Gedächtnisses kann mittels Sprache nicht nur Wissen über aktuelle Sachverhalte weitergegeben werden, sondern auch Wissen, das zu einem früheren Zeitpunkt von einer bestimmten Person erworben wurde. Vor diesem Hintergrund wird auch die Tatsache erklärt, dass ältere Menschen in ihrer fluiden Intelligenz (d. h. ihrer geistigen Flexibilität) und in ihrem Kurzzeitgedächtnis nachlassen, ihre kristalline Intelligenz (d. h. ihre Fähigkeit, feststehenden kognitiven Regeln zu folgen) und ihr Langzeitgedächtnis hingegen kaum (Bjorklund & Greve, 2009). Eine adaptive Funktion dieses differentiellen Fähigkeitsverlustes könnte darin bestehen, dass Wissen über Geschehnisse erhalten bleibt, die nur sehr selten eintreten, aber von großer Bedeutung sind (z. B. das Wissen, dass sich die Flutwelle eines Tsunamis dadurch ankündigt, dass sich das Meer zurückzieht). Weitergabe von Information Steven Pinker (*1954) Kanadisch-US-amerikanischer Psychologe – Pinker beschäftigt sich vorrangig mit Kognitionspsychologie – speziell mit Sprachpsychologie – und ist durch etliche populärwissenschaftliche Bücher auch einem breiten Publikum außerhalb der Wissenschaft bekannt. Abbildung 2.1: Schriftzeichen zur Verständigung: Nur Menschen haben ein ausgeprägtes Sprachvermögen und nutzen schriftliche Sprache, um sich über Zeit und Raum hinweg zu verständigen. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 31 32 Wenn Du denkst, Du denkst … zur Psychologie von Kognitionen und Bewusstsein Kapitel 2 Vor ca. 2 700 Jahren (1700 v. Chr.) haben Menschen im Nahen Osten die Schrift erfunden (Haarmann, 2002). Diese Erfindung bestand darin, dass bestimmten Lauten willkürliche Zeichen zugeordnet werden, die vom Leser in den entsprechenden Laut zurückübersetzt werden können. Schrift ist ein effizienter Schutz vor dem Vergessen von Informationen und ermöglicht Kommunikation jenseits von Zeit und Raum. Denn durch die Möglichkeit, schriftliche Zeugnisse zu kopieren, stehen diese unterschiedlichen Lesern zeitgleich zur Verfügung. So können Sie heute ein Exemplar von Darwins „The Origin of Species“ lesen, obwohl dieses Buch vor 150 Jahren an einem ganz anderen Ort geschrieben wurde. Diese Entwicklung der Vervielfachung von Informationen und Wissen hat sich seit der Entwicklung der Buchdruckerkunst vor 560 Jahren (1450 nach Chr.), der Entwicklung von Computern und im Gefolge von Internet und E-Mails noch einmal deutlich beschleunigt. Das menschliche Sprachvermögen ist angeboren, jeder – geistig nicht behinderte – Mensch lernt seine Muttersprache nahezu perfekt. Hierbei lernt ein Kind zwischen seinem zweiten und seinem achtzehnten Lebensjahr insgesamt 80 000 neue Wörter (das entspricht ca. 13 Wörtern am Tag!) (Miller & Gildea, 1987). Zudem lernen Kinder die extrem komplexen Regeln der Grammatik ihrer Muttersprache, die sie selbst dann anwenden können, wenn niemand ihnen diese beigebracht hat. Am Beispiel Sprache lässt sich übrigens auch aufzeigen, wie sehr Anlage und Umwelt bei der Entwicklung bestimmter menschlicher Eigenschaften bzw. Fähigkeiten miteinander interagieren. Menschen haben offensichtlich ein angeborenes Vermögen zum Erwerb ihrer Muttersprache. Welche Sprache sie von ihrer Mutter lernen, ist hingegen vollkommen von ihrer Umwelt abhängig. Dies gilt im Übrigen auch für die Unfähigkeit einzelner Ethnien, bestimmte Buchstaben auszusprechen. Franzosen können z. B. kein „H“ sprechen. Diese Unfähigkeit hat aber nichts mit genetischen Unterschieden zwischen Franzosen und Deutschen zu tun, sondern einzig damit, dass im Französischen ein „H“ niemals so ausgesprochen wird wie im Deutschen und deshalb französische Kinder diese Fähigkeit nicht erwerben. Selbstbewusstsein Ein weiteres Spezifikum des Menschen ist seine Fähigkeit zur Empathie, d. h. das Vermögen, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und die Welt aus der Perspektive eines anderen zu betrachten. Eine Vorstufe von Empathie besteht in der Fähigkeit, sich selbst als Subjekt wahrzunehmen, das über seine eigene Person, seine eigenen Wünsche, Ziele und Ängste reflektieren kann. Schrift Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 32 33 Welche kognitiven Fähigkeiten unterscheiden den Menschen von anderen Spezies? Kapitel 2 In einer weiteren Stufe werden später auch andere Menschen als Subjekte wahrgenommen, die eigene Wünsche, Ziele und Ängste haben, die sich von den eigenen Wünschen, Zielen und Ängsten unterscheiden können. Diese Fähigkeit zur Perspektivenübernahme wird häufig als „Theory of Mind“ (Premack & Woodruff, 1978) bezeichnet, wobei dieser Ausdruck nicht auf eine wissenschaftliche Theorie verweist, sondern darauf, dass Menschen die subjektive Theorie haben, dass auch andere Menschen über ein Bewusstsein verfügen. Sie entwickelt sich bei gesunden Kindern im Alter von ca. vier bis fünf Jahren (Doherty, 2009). Ob ein Kind über diese Fähigkeit verfügt, kann man wie folgt überprüfen: Zwei Kinder befinden sich in einem Raum. Der Versuchsleiter versteckt einen Ball in einem Korb. Danach verlässt eines der Kinder den Raum. In dessen Abwesenheit entfernt der Versuchsleiter den Ball aus dem Korb und legt ihn in eine sich ebenfalls im Raum befindende Kiste. Das Kind, welches im Raum geblieben ist, wird nun gefragt, an welcher Stelle das zweite Kind, wenn es den Raum wieder betritt, den Ball suchen wird. Kinder, die über eine Theory of Mind verfügen, sind sich darüber im Klaren, dass nur sie das neue Versteck kennen. Kinder, bei denen dieser Reifungsprozess noch nicht abgeschlossen ist, werden antworten, dass das zweite Kind den Ball im neuen Versteck suchen wird. Ob auch Primaten über eine „Theory of Mind“ verfügen, wird kontrovers diskutiert (siehe Dunbar, 2004), unstrittig scheint jedoch, dass diese beim Menschen sehr viel elaborierter ist. So können Menschen sich nicht nur in den mentalen Zustand einer anderen Person versetzen, sondern auch darüber nachdenken, welche Mutmaßungen eine zweite über eine dritte Person hat. Beispiel: Peter denkt, dass Heinz glaubt, dass Sabine in ihn verliebt ist. Ein solches Abstraktionsvermögen erleichtert menschliche Kommunikation, kann aber auch dazu verwandt werden, andere Menschen anzulügen bzw. zu manipulieren. Eine erfolgreiche Lüge setzt immer voraus, dass der Lügner sich in die Lage des Anderen versetzt, um so abzuschätzen, wie er seine Lüge glaubhaft machen kann. Autisten, die über keine oder nur eine sehr rudimentäre Theory of Mind verfügen, sind denn auch nicht in der Lage, zu lügen, ja sie verstehen den Sinn einer Lüge zumeist nicht (ebenso übrigens wie den Sinn von Höflichkeitsregeln) (Baron-Cohen, 1997). Übrigens trainieren wir unsere Fähigkeit zur Perspektivenübernahme ständig und ohne es zu merken – wenn wir den Erzählungen eines Freundes zuhören, einen Kinofilm gucken oder einen Roman lesen (Pette, 2001). Theory of Mind Lügen und Manipulation Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 33 34 Wenn Du denkst, Du denkst … zur Psychologie von Kognitionen und Bewusstsein Kapitel 2 In Film und Fernsehen sehen wir die Welt permanent durch die Augen eines Anderen, wobei diese Perspektive oftmals wechselt (z. B. wenn ein Tor beim Fußball aus verschiedenen Kameraeinstellungen gezeigt wird). Phantasie Eng verbunden mit der Fähigkeit zur Empathie ist die Fähigkeit zur Phantasie. Beides setzt voraus, dass wir uns die Welt in einem anderen Zustand vorstellen können als er jetzt und hier von uns wahrgenommen wird (Dunbar, 2004). Kinder, die über eine Theory of Mind verfügen, zeigen auch ein Interesse an Rollenspielen, wobei entweder den Spielpartnern bestimmte Rollen zugewiesen werden („Ich bin heute ein Indianer und Du ein Cowboy“), oder aber objektiv unbelebten Gegenständen menschliche Eigenschaften zugeschrieben werden, z. B. wenn kleine Kinder mit ihren Puppen oder ihren Supermanfiguren spielen. Solche Phantasiespiele enden keineswegs mit der Kindheit, auch Erwachsene verbringen einen enormen Teil ihrer Freizeit mit dem Gucken von Spielfilmen und Krimis oder mit dem Lesen von Romanen. Diesen Aktivitäten ist gemeinsam, dass Informationen verarbeitet werden über Geschehnisse, die nicht wirklich stattfinden (Tooby & Cosmides, 2001). Die menschliche Neigung, sich für Fiktio- „Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt.“ Albert Einstein (1879–1955), dt. Physiker Phantasiespiele Abbildung 2.2: Test der Theory of Mind mit einem Comic: Sally kann nicht wissen, dass der Ball nun woanders ist. Wenn ein Kind dies bemerkt, kann es Bewusstseinsvorgänge in anderen Menschen erahnen und interpretieren. (Quelle: Frith, 2003, S. 83) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 34 35 Von Schweizer Armeemessern: Modulare Intelligenz Kapitel 2 nen zu interessieren, ist dabei keinesfalls auf moderne Gesellschaften beschränkt. Auch in Jäger- und Sammlergesellschaften versammelt man sich abends um das Lagerfeuer und hört zu, wie andere Märchen erzählen. Hierbei reagieren Menschen auf solche Fiktionen emotional zum Teil sehr intensiv, sind sich aber dennoch zu jedem Zeitpunkt der Fiktionalität des Geschehens vollständig bewusst, so dass aus dem Erlebten keine eigenen Handlungen folgen. So mögen Menschen im Kino weinen, wenn beim Untergang der Titanic Leonardo Di Caprio sein Leben für Kate Winslet opfert, aber sie haben keine Angst davor, selber unterzugehen (selbst nicht im Meer ihrer Tränen) und verlassen deshalb auch nicht panisch das Kino. Die Fähigkeit zur Phantasie ist dabei nicht nur ein eitler Zeitvertreib, sondern sie dient dazu, mentale Probehandlungen auszuführen. Wir können uns eine bestimmte Handlung vorstellen, überlegen, zu welchen Konsequenzen diese Handlung führen würde und in Abhängigkeit davon entscheiden, ob wir diese Handlung tatsächlich ausführen wollen (Freud, 1925; Schwender, 2001; Tooby & Cosmides, 2001). In späteren Kapiteln werden wir allerdings sehen, dass Menschen durchaus Schwierigkeiten damit haben, in der Zukunft liegende Gefühle valide vorherzusagen. Von Schweizer Armeemessern: Modulare Intelligenz Fassen wir das Kapitel bis hierhin zusammen: Menschen unterscheiden sich in einigen wichtigen Domänen deutlich von anderen Spezies. Durch ihr Sprachvermögen, durch ihre Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen sowie durch ihr Vorstellungsvermögen sind Menschen mehr als alle anderen Spezies in der Lage, abstrakt und komplex zu denken und zu urteilen. Diese Fähigkeiten aber sind vergleichsweise neue Errungenschaften des Menschen und wie viele Neuprodukte arbeiten sie oftmals nur wenig zuverlässig. Zudem ist unser kognitiver Apparat zwar zu abstrakterem und komplexerem Prozessen in der Lage als der aller anderen Spezies, diese Fähigkeit aber ist phylogenetisch (d. h. stammesgeschichtlich) vergleichsweise jung und baut auf älteren Denkstrukturen auf, die keineswegs ihre Funktion verloren haben. So unterscheiden sich Menschen von anderen Primaten vor allem durch einen größeren Neocortex, dennoch hat auch beim Menschen das sehr viel ältere Stammhirn eine wesentliche Funktion (Kasten, 2007). Probehandlungen Abstraktes und komplexes Denken Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 35 36 Wenn Du denkst, Du denkst … zur Psychologie von Kognitionen und Bewusstsein Kapitel 2 Darüber hinaus ist Folgendes zu beachten: Das Gesamtsystem unserer kognitiven Fähigkeiten ist nicht im Zuge eines großen Entwurfs entstanden ist, sondern hat sich Stückchen für Stückchen aus unserem evolutionären Erbe weiterentwickelt. Hierbei dient unser kognitiver Apparat nicht der Lösung abstrakter Probleme, sondern dazu, in unserer physikalischen und sozialen Umwelt möglichst sinnvolle Entscheidungen zu treffen (d. h. solche Entscheidungen, die geeignet sind, die eigene reproduktive Fitness zu erhöhen). Wie William James (1890) bereits vor über hundert Jahren formulierte: „Thinking is for doing!“. Unser Geist ist dabei nicht als eine abstrakte Hochleistungsmaschine zur Lösung beliebiger Probleme zu verstehen. Stattdessen ist unsere Intelligenz modular aufgebaut, wobei jede Teilfähigkeit der Lösung ganz bestimmter Probleme dient. Das lässt sich mit der Idee eines Schweizer Taschenmessers vergleichen, bei dem jedes einzelne Werkzeug genau einer Funktion zugeordnet ist und man z. B. mit einer Schere keine Weinflasche öffnen kann (Tooby & Cosmides, 1994). Damit ist zu erklären, dass bestimmte Teilsysteme zu deutlich komplexeren Leistungen in der Lage sind als andere. Während Menschen auf der einen Seite die Grammatik ihrer Muttersprache intuitiv nahezu vollständig begreifen, haben sie auf der anderen Seite große Probleme mit mathematischen Operationen, die über die vier Grundrechenarten hinausgehen. Dies hat damit zu tun, dass z. B. die Fähigkeit zur Differential- und Integralrechnung in der Umwelt eines Jägers und Sammlers keine notwendige Fähigkeit darstellen. Zu Divisionsaufgaben sind Menschen hingegen intuitiv in der Lage, weil sie für die Aufteilung von Ressourcen notwendig sind, z. B. wenn fünf Menschen zusammen 15 Früchte gesammelt haben und diese unter sich aufteilen sollen. Zu einer solchen Aufgabe sind übrigens auch Menschen fähig, deren Sprache keine eigenständigen Bezeichnungen für Zahlen kennt, die größer als drei sind. Unsere mangelnde mathematische Begabung kann in unseren modernen Umwelten jedoch ein großer Nachteil sein, z. B. wenn Menschen nicht in der Lage sind, abstrakte Wahrscheinlichkeitsaussagen zu verstehen (Tversky & Kahne- Thinking is for doing! Abbildung: 2.3: Der Neocortex bei Maus, Affe und Mensch: Das Basisfunktionen bestimmende Stammhirn ist bei allen Arten fast gleich groß, doch der evolutionär neue Neocortex ist vor allem beim menschlichen Gehirn ausgeprägt. (Quelle: Abdruck mit Erlaubnis von www.brainmuseum.org und dem Japanischen Nationalinstitut für Basisbiologie) William James (1842–1910) US-amerikanischer Psychologe und Philosoph – James ist einer der Urväter der Psychologie. Sein über 1000seitiges Werk „Principles of Psychology“ umfasst alle damaligen psychologischen Teildisziplinen und ist noch heute ein bedeutendes Referenzwerk. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 36 37 Heuristiken und kluge Daumenregeln Kapitel 2 man, 2003) oder hinsichtlich ihrer Altersvorsorge die exponentiellen Effekte von Wachstumsraten zu begreifen (Christandl & Fetchenhauer, 2009; Dörner, 1989). Heuristiken und kluge Daumenregeln Zur Ausstattung unseres Schweizer Armeemessers gehören auch so genannte Heuristiken. Solche Heuristiken basieren nicht auf elaborierten und rationalen Überlegungen, sondern sie sind zu verstehen als Regeln, die in einem bestimmten Kontext unter Anwendung einfacher Regeln ohne großen Aufwand und in hoher Geschwindigkeit zu einer Entscheidung führen (Gigerenzer, 2008). Ein Beispiel für eine solche Heuristik ist die von Gigerenzer und Goldstein entdeckte Rekognitionsheuristik (Goldstein & Gigerenzer, 2002). Diese Heuristik kann angewandt werden, um zu entscheiden, welche von zwei Alternativen den höheren Wert auf einer bestimmten Dimension hat. Zur Entscheidung einer solchen Frage besagt die Rekognitionsheuristik: „If one of two objects is recognized and the other is not, then infer that the recognized object has the higher value” (Goldstein & Gigerenzer, 1999, S. 41). Goldstein und Gigerenzer demonstrierten die Wirkung dieser Heuristik mit Hilfe des folgenden Experiments: Sie fragten Studierende in München und Chicago danach, welche Stadt mehr Einwohner habe – San Diego oder San Antonio. Von den deutschen Versuchspersonen gaben 100 % die richtige Antwort (San Diego), von den amerikanischen Versuchspersonen hingegen nur 62 %. Die beiden Autoren erklären diesen Befund damit, dass viele der deutschen Studierenden zwar schon einmal von San Diego gehört hatten, aber noch nie von San Antonio. Unter Verwendung der Rekognitionsheuristik gingen sie davon aus, dass der Bekanntheitsgrad einer Stadt mit ihrer Einwohnerzahl steigt und waren somit in der Lage, diese schwierige Aufgabe zu lösen. Da die meisten der amerikanischen Studierenden hingegen schon einmal von beiden Städten gehört hatten, konnten sie die Rekognitionsheuristik nicht anwenden. An diesem simplen Beispiel lassen sich einige Eigenschaften von Entscheidungsheuristiken verdeutlichen. Erstens: Obwohl, bzw. gerade weil die amerikanischen Studenten mehr über die beiden Städte wussten, waren ihre Schätzungen hinsichtlich ihrer relativen Größe schlechter. Dies bedeutet: Manchmal ist es besser, weniger zu wissen (Hertwig & Todd, 2003). Daher hat auch menschliches Vergessen eine Funktion. Nämlich diejenige, die so genannte „Fluency Heuristic“ zu ermöglichen, welche besagt, dass man alles, was sich leicht und schnell erinnern lässt – zum Beispiel weil nur Rekognitionsheuristik Eigenschaften von Entscheidungsheuristiken Gerd Gigerenzer (*1947) Deutscher Entscheidungspsychologe – Gigerenzer ist einer der international renommiertesten deutschen Psychologen. Er ist Experte für Heuristiken (s. auch Kapitel 11) und Direktor des Max-Planck „Center for Adaptive Behavior and Cognition“ (ABC), was seinem Team den Namen ABC-Group verliehen hat. Daniel Goldstein war einst Gigerenzers Schüler. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 37 38 Wenn Du denkst, Du denkst … zur Psychologie von Kognitionen und Bewusstsein Kapitel 2 wenige Informationen oder vergleichbare Erinnerungen vorhanden sind –, für korrektere Erinnerungen hält (Schooler & Hertwig, 2005). Zweitens: Die Anwendung von Heuristiken führt nicht immer zu einer guten Entscheidung, sondern kann unter bestimmten Bedingungen systematisch in die Irre führen. So machte es z. B. wenig Sinn, den Ort für Ihren Strandurlaub nach der Rekognitionsheuristik auszusuchen, wenn Sie dadurch in einen Ort fahren würden, der Ihnen deshalb durch die Medien bekannt ist, weil es dort ständig zu Umweltskandalen kommt. Drittens: Die Anwendung von Heuristiken lohnt sich immer dann, wenn es zu ihrer Nutzung keine Alternativen gibt. So hatten z. B. die Versuchspersonen von Goldstein und Gigerenzer nicht die Möglichkeit, systematisch nach Informationen zu suchen, um die Frage fundiert zu beantworten (etwa, im Internet die Einwohnerzahl der beiden Städte zu recherchieren). Auch die Befolgung sozialer Normen (auf die wir im Kapitel 18 noch näher eingehen werden) kann als die Anwendung einer simplen und effizienten Heuristik betrachtet werden. Neben einer solchen Strategie, der Mehrheit zu folgen, kann man auch gezielt das Verhalten besonders erfolgreicher Anderer imitieren (Boyd & Richerson, 2005). Diese Heuristik wird von Sozialpsychologen unter dem Stichwort Modelllernen behandelt (siehe Kapitel 4). Eng mit diesen Strategien verwandt ist die so genannte „Default-Heuristic“, welche besagt, dass man sich an Vorgaben halten soll, die anscheinend gesellschaftliche Erwartungen zum Ausdruck bringen. Ein besonders beeindruckender Beleg dafür, dass Menschen dieser Heuristik folgen, ist die Analyse interkultureller Unterschiede in der Häufigkeit von Organspenden. Solche Unterschiede können nahezu vollständig dadurch erklärt werden, ob Menschen sich aktiv dafür entscheiden müssen, ihre Organe zu spenden (so wie dies z. B. in Deutschland der Fall ist) oder aber ob Menschen sich aktiv dafür entscheiden müssen, ihre Organe nicht zu spenden (Johnson & Goldstein, 2003). Auf die Frage, wie Menschen Entscheidungen treffen sollten und welche Rolle Urteilsheuristiken dabei spielen, werden wir in Kapitel 11 zurückkommen. Default-Heuristic Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 38 39 Heuristiken und kluge Daumenregeln Kapitel 2 4,3 12 17,2 27,5 28 85,9 98 99,5 99,6 99,9 99,9 99,9 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 A nt ei l d er S pe nd er in P ro ze nt Organspenden Dänemark Deutschland Großbritannien Niederlande USA Schweden Belgien Polen Portugal Ungarn Österreich Frankreich opt-in opt-out Abbildung 2.4: Machen was alle machen: Der Anteil an Organspenden zeigt deutlich, wie sehr Menschen an von außen vorgegebenen – und daher als „normal“ erachteten – Einstellungen festhalten, obwohl sie willkürlich sind und änderbar wären. (Quelle: Eigene Darstellung, basierend auf Johnson & Goldstein, 2003) Exkurs: Ein Beispiel für eine adaptive Heuristik – Einfädeln auf der Autobahn Stellen Sie sich vor, Sie wollen mit Ihrem Auto von einer Autobahnauffahrt auf die rechte Spur einer Autobahn fahren. Im Rückspiegel sehen Sie ein Auto, Abbildung 2.5: Einfädeln auf der Auto bahn: Wie schnell andere Autos sind, wissen wir intuitiv, d. h. ohne uns bewusst zu sein, woran wir die Schnelligkeit eigentlich einschätzen. (Quelle: Pixelio) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 39 40 Wenn Du denkst, Du denkst … zur Psychologie von Kognitionen und Bewusstsein Kapitel 2 Warum haben Menschen ein Bewusstsein? Psychologen neigen manchmal dazu, Fragen zu stellen, deren Beantwortung eigentlich völlig trivial erscheint – zumindest so lange, bis man beginnt, darüber nachzudenken. Eine dieser Fragen ist die, warum Menschen eigentlich ein Bewusstsein haben. Spontan werden Sie vielleicht antworten, bewusste Entscheiwelches ebenfalls auf der rechten Spur fährt. Ein Problem, das sich vor allem Anfängern stellt: Wie entscheiden Sie, ob Sie Gas geben und vor dem anderen Fahrzeug auf die Autobahn fahren oder aber warten und hinter dem anderen Fahrzeug auf die Autobahn fahren? Wenn ich diese Frage in meiner Vorlesung stelle, ergeben sich immer wieder die gleichen Antworten: „Je nachdem wer schneller ist.“ Dies aber ist keine Antwort, sondern lediglich eine Reformulierung des Problems. „Auf jeden Fall den anderen vorlassen“ (wird eher von Frauen genannt); „auf jeden Fall vor dem Anderen auf die Fahrbahn, der wird schon bremsen“ (wird eher von Männern genannt); „auf die Automarke achten – einen BMW vorlassen, bei einem Opel Gas geben“ (wird eher von Studenten der Betriebswirtschaftslehre genannt). Tatsächlich ist keine dieser Regeln geeignet, das Problem zu lösen. Wer alle anderen vorlässt, steht irgendwann am Ende der Auffahrt und kann kaum noch gefahrlos auf die rechte Spur gelangen. Wer sich immer vordrängelt, wird dies irgendwann mit seinem Leben bezahlen. Wer sich immer an der Automarke orientiert, kollidiert irgendwann mit einem getunten Opel Astra. Stattdessen gibt es eine sehr viel einfachere Heuristik. Wenn wir in den linken Außenspiegel schauen, sehen wir ein Abbild des anderen Fahrzeugs. Wenn dieses Abbild größer wird, ist das andere Fahrzeug schneller als wir und wir sollten es vorlassen. Wenn dieses Abbild kleiner wird, sind wir schneller als das andere Fahrzeug, wir sollten weiter beschleunigen und uns vor dem anderen Fahrzeug auf die rechte Fahrbahn einfädeln. Noch etwas anderes lässt sich an diesem Beispiel verdeutlichen: In unseren modernen Umwelten benutzen wir oftmals kognitive Fähigkeiten, die ursprünglich für einen anderen Zweck evolviert sind (Cartwright, 2000). Die soeben beschriebene Fähigkeit ist vermutlich entstanden aus einem gänzlich anderen Lebenszusammenhang, in dem die Abschätzung relativer Geschwindigkeiten überlebenswichtig war: der Jagd auf wilde Tiere bzw. der Flucht vor ihnen. Wenn wir von einem wilden Tier verfolgt werden, ist es extrem wichtig, einzuschätzen, wer von uns beiden schneller läuft. Wenn wir ein Tier jagen, spart es wertvolle Ressourcen, wenn wir erkennen, dass das andere Tier schneller ist als wir. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 40 41 Warum haben Menschen ein Bewusstsein? Kapitel 2 dungen seien viel rationaler und sinnvoller als solche, die man trifft, ohne „seinen Verstand einzuschalten“. Ganz so simpel ist die Antwort allerdings nicht. Dies sieht man schon daran, dass kognitive Komplexität auch bei nichtmenschlichen Spezies zu beobachten ist, die nicht eindeutig über ein Bewusstsein verfügen. Auch bei Menschen spielen unbewusste Prozesse eine wichtige Rolle. Ein Beispiel: Pro Sekunde kann unser Bewusstsein ca. 40–60 Informationseinheiten verarbeiten, unser unbewusster kognitiver Apparat hingegen 11 200 000 Informationseinheiten (Wilson, 2002). Allein acht Millionen dieser Informationseinheiten verarbeitet unser visuelles System. Und trotzdem, wenn man uns danach fragt, was wir eigentlich tun, wenn wir sehen, dann können wir diesen Vorgang nicht erklären. Ähnlich verhält es sich mit so simplen Aktivitäten wie Gehen oder Stehen. Dies fällt einem gesunden Menschen leicht, dennoch kann er nur schwer verbalisieren, wie er dies tut. Für Schlaganfallpatienten ist hingegen das Gehen und Stehen nur sehr schwer wieder erlernbar, weil dieser Prozess bewusst und reflektiert geschehen muss. Eben weil die meisten Menschen nicht erklären können, wie Unbewusste vs. bewusste Prozesse Abbildung 2.6: Wie geht man eigentlich? Schlaganfallpatienten müssen neu lernen, was sie vorher ganz unbewusst gemacht haben. (Quelle: www.frehe-watzel.de) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 41 42 Wenn Du denkst, Du denkst … zur Psychologie von Kognitionen und Bewusstsein Kapitel 2 man geht und steht, benötigen diese Patienten Betreuung von ausgebildetem Fachpersonal, welches dazu in der Lage ist, den menschlichen Bewegungsapparat kognitiv begreiflich zu machen. Viele Funktionen des Menschen sind unbewusst bereits so perfekt organisiert, dass sie durch willentliche Kontrolle kaum verbessert werden könnten. Dazu zählt z. B. unser Herz-Kreislaufsystem (zumindest bei gesunden Menschen): Wenn Sie Sport machen, ist Ihr Puls höher als wenn Sie sitzen, d. h. Ihr Körper erhöht die Sauerstoffzufuhr des Körpers dadurch, dass er die Herzschlagrate erhöht. Die meisten Menschen sind jedoch nicht dazu in der Lage, ihren Pulsschlag willkürlich zu senken oder zu heben. Und das ist auch gut so. Stellen Sie sich vor, unser gesamtes Herz-Kreislauf System wäre bewusst gesteuert und wir lebten beständig in der Gefahr, das Atmen zu vergessen! Ferner lässt sich beobachten, dass wir Verhaltensweisen, die wir zunächst bewusst ausüben, nach einer gewissen Dauer „automatisieren“, d. h. ganz unbewusst praktizieren (Bargh & Chartrand, 2000). Ein Beispiel: Sehr wahrscheinlich werden Sie manchmal auf einer Computertastatur tippen. Vielleicht haben Sie sich hierzu selber ein „Zwei-Finger-Adler-Suchsystem“ beigebracht, vielleicht sind Sie aber auch in der Lage, „blind“ zu tippen, d. h. ohne beim Schreiben auf die Tastatur zu blicken. Nun kommt meine Frage: Welcher Buchstabe befindet sich auf der Tastatur weiter links, das „e“ oder das „r“? Viele Menschen können diese Frage nicht beantworten, selbst dann, wenn sie beim täglichen Tippen diese Tasten in Sekundenbruchteilen finden. Nun könnte man das bislang Gesagte so interpretieren, dass unser Bewusstsein unwichtige Routineaufgaben an unser Unbewusstes delegiere, gleichwohl aber immer die Kontrolle über unsere Wahrnehmung und Entscheidungen behalte. Umfangreiche Forschungen aus den letzten 20 Jahren stellen dieses Bild jedoch deutlich in Frage (Bargh & Morsella, 2008). Sie zeigen, dass Menschen sich oftmals nicht bewusst sind, welche Stimuli sie wahrnehmen, wie sie diese verarbeiten bzw. welchen Einfluss diese unbewusst verarbeiteten Stimuli auf ihre Ziele bzw. ihr Verhalten haben. Ein berühmtes Beispiel ist die folgende Studie von John Bargh (Bargh, Chen & Burrows, 1996): Versuchspersonen nahmen an einem Experiment teil, in der es angeblich um die Messung ihrer Sprachfähigkeit ging. Hierbei wurden ihnen jeweils fünf Wörter vorgegeben, wovon sie jeweils vier Wörter verwenden sollten, um einen grammatikalisch korrekten und sinnvollen Satz zu bilden. Dabei beschäftigten sich die Versuchspersonen entweder mit neutralen Wörtern oder aber mit Wörtern, die mit dem Stereotyp alter Menschen assoziiert sind, so wie „grau“, „konservativ“ oder „Florida“ (wo viele ältere Menschen in den USA ihren Automatizität Unbewusste Informationsverarbeitung John Bargh US-amerikanischer Sozialpsychologe – Bargh ist seit den 1980ern einer der führenden Psychologen im Bereich der automatischen und unbewussten Informationsverarbeitung. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 42 43 Warum haben Menschen ein Bewusstsein? Kapitel 2 Wohnsitz haben). Die abhängige Variable bestand in der Zeit, welche die Versuchspersonen brauchten, um nach dem Abschluss des Experiments vom Büro des Versuchsleiters zum Aufzug zu gehen. Tatsächlich gingen die Versuchspersonen, die zuvor Sätze mit Wörtern bilden sollten, welche mit dem Stereotyp alter Menschen assoziiert sind, deutlich langsamer als die Versuchspersonen aus der Kontrollbedingung. Das heißt: Die Versuchspersonen wurden unbewusst von dem Stereotyp über alte Menschen beeinflusst, dass zuvor bei ihnen aktiviert worden war. Keiner der Versuchspersonen war sich bewusst, dass sein Gehtempo von dem Experiment beeinflusst war, an dem sie gerade teilgenommen hatten. Hätte man sie danach gefragt, warum sie schnell oder langsam gehen, hätte ihr Bewusstsein vermutlich dennoch eine plausible Begründung gegeben (z. B. „ich habe keine Eile, weil ich ohnehin erst in einer halben Stunde zu meiner nächsten Verabredung muss“). Wie kommt es aber dann, dass Menschen in aller Regel das Gefühl haben, Herr über ihre Handlungen zu sein, d. h. sich bewusst für oder gegen ein bestimmtes Verhalten zu entscheiden? Vielleicht ist dies nichts anderes als ein Beispiel dafür, dass Menschen automatisch einen kausalen Zusammenhang zwischen zwei Variablen annehmen, wenn diese regelmäßig zur gleichen Zeit auftreten. Ein Zusammenhang zwischen zwei Variablen besagt jedoch nicht, dass dieser kausal bedingt sein muss. Möglicherweise hängen zwei Variablen nur deshalb zusammen, weil beide durch eine dritte Variable verursacht sind. Mit anderen Worten: Es ist denkbar, dass unbewusste Motive und Handlungsintentionen sowohl unsere Handlungen als auch unsere bewussten Intentionen determinieren. Da uns die unbewussten Intentionen verborgen bleiben – sonst wären sie ja nicht unbewusst – bringen wir nur die bewussten Intentionen und die Handlung in Verbindung. So bleiben wir im Glauben der völligen Kontrolle unseres Handelns (Wegner & Wheatley, 1999). Von einigen Autoren wird vor dem Hintergrund dieser und vieler anderer Ergebnisse argumentiert, das Bewusstsein habe keinerlei echte Funktion, sondern es handle sich bei diesem um ein reines Epiphänomen: Menschen denken sie hätten Handlungen intentional verursacht, obwohl dies gar nicht der Fall war (Wegner, 2002). Wenn dies so wäre, dann würde sich allerdings die Frage stellen, warum so etwas wie ein Bewusstsein beim Menschen überhaupt evolvieren konnte. „Natural selection went through a great deal of trouble and expense to give us the capacity for conscious thought, and it would be surprising if it couldn’t do anything useful“ (Baumeister, 2005, S. 297). Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 43 44 Wenn Du denkst, Du denkst … zur Psychologie von Kognitionen und Bewusstsein Kapitel 2 Sinnvoller erscheint deshalb die Annahme, dass Informationsverarbeitung und Entscheiden sowohl durch unser Bewusstsein als auch durch unser Unbewusstes beeinflusst sind, wobei beide Systeme teilweise redundant sind, sich teilweise ergänzen, sich teilweise aber auch widersprechen. Die Idee, dass unser kognitiver Apparat aus zwei parallelen Systemen besteht, hat in den letzten Jahren zur Entwicklung einer Vielzahl von „Dual Process Theories“ geführt (für einen Überblick siehe Fiske & Taylor, 2008). Wir wollen im Folgenden in Anlehnung an den Psychologen und Nobelpreisträger Daniel Kahneman (Kahneman & Frederick, 2002) von System 1 und System 2 sprechen. Die folgende Tabelle fasst die Eigenschaften beider Systeme zusammen: System 1. Dieses stellt sozusagen unseren unbewussten Autopiloten dar. Es ist phylogenetisch alt (d. h. wir teilen dieses System mit vielen anderen Spezies), es arbeitet weitgehend intuitiv und ist somit unserer Introspektion nur schwer zugänglich. Informationen werden ganzheitlich und assoziativ miteinander verknüpft, wodurch es Informationen automatisch, sehr schnell und parallel verarbeitet, ohne dabei zu ermüden. Beispiel: Visuelle Wahrnehmung. System 2. Dieses System ist phylogenetisch jung (d. h. es ist so nur beim Menschen evolviert). Es arbeitet rational, ist unserer eigenen Introspektion zugänglich Dual Process Theories System 1 und System 2 Abbildung 2.7: Dual Process: Beim menschlichen Denken und Handeln lassen sich unbewusst und bewusste Systeme unterscheiden. (Quelle: Eigene Darstellung) System 1 (Unbewusstes System) System 2 (Bewusstes System) Phylogenetisch alt Phylogenetisch neu Intuitiv Rational / reflexiv Introspektiv nicht zugänglich Introspektiv zugänglich Ganzheitlich Analytisch Assoziativ Regelbasiert Automatisch Kontrolliert Schnell Langsam Parallel Sequentiell Wenig anstrengend Anstrengend Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 44 45 Knifflige Fragen: Das Leib-Seele-Problem und die Frage der Willensfreiheit Kapitel 2 (d. h. wir können zumindest im Prinzip wissen, warum wir welche Regel anwenden) und arbeitet analytisch, regelbasiert und kontrolliert (d. h. wir können bewusst entscheiden, ob wir in einer gegebenen Situation eine bestimmte Regel für angemessen halten). Dieser kognitive Mehraufwand sorgt allerdings dafür, dass dieses System langsam arbeitet, immer nur eine Aufgabe zugleich bewältigen kann und anstrengend ist. Beispiel: das Schreiben eines Lehrbuchs. Zusammengefasst bedeutet dies: Bewusste Handlungen und Entscheidungen sind flexibel und kontrolliert, aber sie beanspruchen enorme kognitive Kapazitäten, d. h. sie sind wenig effizient und „teuer“. Unbewusste Handlungen und Entscheidungen sind hingegen fehlerbehaftet und relativ starr, aber sie erfolgen schneller und beanspruchen deutlich weniger kognitive Kapazitäten, d. h. sie sind sehr viel effizienter und „preiswerter“ als bewusste Entscheidungen. In den meisten Fällen gelingt es beiden Systemen, effizient zusammenzuarbeiten, indem jedes die Aufgaben übernimmt, für die es besonders geeignet ist. Hierbei sollten wir uns aber keinen Illusionen hingeben. Oftmals ringen unser Unbewusstes und unser Bewusstsein auch miteinander, wie sich am Problem der Selbstkontrolle und anderen intrapsychischen Konflikten einer Person zeigt. Knifflige Fragen: Das Leib-Seele-Problem und die Frage der Willensfreiheit Die Frage, ob unser Verhalten von unserem Bewusstsein gesteuert oder zumindest kontrolliert wird, ist auch für zwei Probleme von Bedeutung, mit denen sich die Psychologie und viele andere Disziplinen schon seit Jahrhunderten beschäftigen: Erstens: Das Leib-Seele Problem, d. h. die Frage, inwiefern alle psychischen Entitäten wie Emotionen oder Kognitionen auf körperliche Prozesse reduzierbar sind. Zweitens: Das Problem des freien Willens, d. h. die Frage, ob alles menschliche Verhalten durch externe Ursachen determiniert ist oder aber, ob Menschen das Vermögen besitzen, Entscheidungen zu treffen, die nicht durch externe Ursachen kausal verursacht sind. Beide Probleme sind offensichtlich miteinander verknüpft: Wenn alle Psychologie auf physikalische Prozesse reduzierbar ist, erscheint es wenig plausibel, zu argumentieren, menschliches Entscheiden unterliege einem freien Willen. Darum lohnt es sich, beide Fragen genauer zu betrachten. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 45 46 Wenn Du denkst, Du denkst … zur Psychologie von Kognitionen und Bewusstsein Kapitel 2 Das Leib-Seele-Problem und die Relevanz neurologischer Forschung Die meisten Menschen lassen sich als „intuitive Dualisten“ beschreiben (Boyer, 2001). Wir nehmen wahr, dass wir einen Körper „haben“, aber wir erleben, sehr viel mehr zu sein als die Summe unserer physiologischen Prozesse. Stattdessen empfinden wir unser eigentliches „Ich“ als eine rein psychische Entität, die unabhängig von unserem Körper existiert. Der Dichter Robert Gernhardt fasst diese Wahrnehmung in seinem Gedicht „Mein Körper“ wie folgt zusammen: „Mein Körper ist voll Unvernunft, ist gierig, faul und geil. Tagtäglich geht er mehr kaputt, ich mach ihn wieder heil.“ Die moderne Neurowissenschaft lehrt uns etwas anderes (Roth, 2003). Nach ihr ist die Idee einer immateriellen Seele, die unser Verhalten steuert, ein vollkommener Irrglaube. Stattdessen seien alle psychischen Prozesse auf neurologische und damit letztlich physikalische Prozesse reduzierbar. Ist unser „Ich“ somit nichts weiter als eine Illusion? Dem widerspricht zum einen unser subjektives Empfinden. Wenn man dieses Empfinden als reine Täuschung erklärt, bleibt zumindest die Frage, wie und warum es zu dieser Täuschung kommt. Hinzu kommt etwas anderes: Alle mentalen Prozesse haben eine physikalische Entsprechung. Ohne Hirn kein Denken. Daran kann es beim heutigen Wissensstand keinen Zweifel geben. Aber lässt sich daraus logisch ableiten, psychische Prozesse wie Denken, Fühlen oder Motivation seien auf physikalische Prozesse zu reduzieren? Die Tatsache, dass mentale Prozesse eine physikalische Entsprechung haben, bedeutet keineswegs, dass die physikalischen Prozesse die kausale Ursache der mentalen Prozesse sind oder gar, dass unser Geist auf seine materiellen Grundlagen „reduzierbar“ ist. Beispiel: Wir beobachten, wie eine Person, deren Handy klingelt, an den Apparat geht und in diesem Telefonat erfährt, dass ihr Partner einen schweren Verkehrsunfall hatte, in Lebensgefahr schwebt und ins nächste Krankenhaus gebracht wurde. Wäre diese Person zum Zeitpunkt ihres Telefonats an die entsprechenden Apparaturen angeschlossen, ließen sich mit Sicherheit dramatische physiologische Prozesse beobachten. Aber was wäre hier Ursache, was wäre Wirkung? Wäre es nicht absurd, zu formulieren, die Person habe Angst, weil physiologischen Prozesse beobachtbar sind, die als Indikator für Angst gelten? Nein, diese Person hat Angst, weil sie gerade erfahren hat, dass ihr Partner im Krankenhaus liegt. Diese Angst offenbart sich auf verschiedenen Ebenen: Auf einer mentalen Ebene ebenso wie auf einer physiologischen, aber Intuitiver Dualismus Neurowissenschaft Physische Entsprechung mentaler Prozesse „Wenn einer keine Angst hat, hat er keine Phantasie.“ Erich Kästner (1899–1974), dt. Schriftsteller Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 46 47 Knifflige Fragen: Das Leib-Seele-Problem und die Frage der Willensfreiheit Kapitel 2 es wäre absurd, in diesem Fall die physiologische Ebene als die kausal wirkende zu betrachten. Auffallend ist übrigens, dass bei der Interpretation von physiologischen und neurologischen Phänomenen stets Vokabeln aus der Phänomenologie der Psychologie bzw. der mentalen Prozesse verwendet werden. Ein Beispiel: Studien haben gezeigt, dass soziale Stimuli (wie andere Menschen) neurologisch anders verarbeitet werden als nonsoziale Stimuli (wie Kaffeetassen oder Autos) (Fiske & Taylor, 2008). Das ist sicher spannend, aber die Klassifikation der Stimuli als sozial versus nonsozial liefert nicht die Neurologie, sondern die Psychologie. Auch viele Ökonomen haben in den letzten Jahren die Neurowissenschaften für sich entdeckt und daraus eine Forschungslinie entwickelt, die sie als „Neuroeconomics“ bezeichnen (Loewenstein et al., 2008). Ein Grund für ihre Begeisterung liegt vermutlich darin, dass sie auf diese Weise zur Erklärung menschlichen Verhaltens nicht auf weiche Konzepte wie „Kognitionen“ oder „Einstellungen“ zurückgreifen müssen. Dennoch: Durch Fortschritte der Neurologie wird Psychologie nicht obsolet (auch nicht für Ökonomen) und mit der Analyse neurologischer Prozesse analysieren wir keineswegs die „wahren“ Ursachen menschlichen Verhaltens. Neuroeconomics Abbildung 2.8: Das Gehirn bei der Vorfreude auf eine finanzielle Belohung (li) und bei Angst (re): Fühlen wir etwas, weil unsere Neuronen aktiv sind oder sind die Neuronen aktiv, weil wir etwas fühlen? (Quelle: li: Knutson, 2001; re: Prof. Rupert Lanzenberger, Wien) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 47 48 Wenn Du denkst, Du denkst … zur Psychologie von Kognitionen und Bewusstsein Kapitel 2 Gibt es einen freien Willen? Ähnlich komplex wie die Frage nach dem Zusammenhang zwischen psychischen und physiologischen Prozessen ist die Frage danach, ob Menschen eigentlich so etwas wie einen freien Willen haben. Auch hier scheint es einen nahezu unüberbrückbaren Gegensatz zu geben zwischen formaler Logik auf der einen und unserem subjektiven Empfinden auf der anderen Seite. Logisch kann argumentiert werden, die Idee eines freien Willens sei absurd, weil alles, was sich ereignet, eine Ursache habe, d. h. kausal determiniert sei. Dieser Erkenntnis widerspreche jedoch die Idee eines freien Willens, da dieser definitionsgemäß nicht kausal erklärt werden könne (Dennett, 2004). Dennoch empfinden Menschen dies anders. Wenn ich jetzt aufstehe, um mir eine Tasse Kaffee einzuschenken, habe ich subjektiv das Gefühl, eine freie Entscheidung zu treffen. Ich könnte mich auch dazu entscheiden, keinen Kaffee zu trinken. Diese Wahrnehmung mag eine Illusion sein, aber wenn man diesen Standpunkt vertritt, dann muss man auch erklären, warum Menschen dieser Illusion unterliegen. Und wir wissen, dass für Menschen diese Illusion sehr wichtig ist. Die Reaktanztheorie z. B. beschäftigt sich mit der Frage, wie wir darauf reagieren, wenn man unsere Entscheidungsfreiheit einschränkt (Brehm & Brehm, 1981). Das Ergebnis: Steht eine Verhaltensalternative unerwartet nicht mehr zur Verfügung, so werten Menschen diese spontan auf und nehmen erhebliche Anstrengungen auf sich, sie doch noch realisieren zu können. Der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer hat einmal festgestellt: „Ein Mensch kann zwar tun, was er will, aber nicht wollen, was er will“. Dies mag wohl sein, aber es macht für uns einen enormen Unterschied, ob wir das tun können, was wir wollen oder aber, ob wir das tun müssen, was andere wollen. Eine vermittelnde Position vertritt Baumeister (2008), der argumentiert, dass sich Entscheidungen im Grad ihrer Freiheit bzw. Unfreiheit unterscheiden und dass die menschliche Fähigkeit, eine freie Entscheidung zu treffen, ein vergleichsweise junges Produkt der menschlichen Evolution sei. Ihre Funktion liege vor allem darin, sich für die Verfolgung langfristiger Ziele entscheiden zu können, auch wenn diese im Widerstreit mit anderen, kurzfristigen Zielen stünden (auf das Problem der menschlichen Selbstkontrolle werden wir im Kapitel 12 noch ausführlicher zu sprechen kommen). Reaktanztheorie Freiheitsgrad einer Entscheidung Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 48 49 Knifflige Fragen: Das Leib-Seele-Problem und die Frage der Willensfreiheit Kapitel 2 Ausblick Fragen, wie die nach dem Zusammenhang von Leib und Seele bzw. danach, ob Menschen so etwas wie einen freien Willen haben, sind sowohl logisch als auch empirisch nur äußerst schwer zu beantworten. Der deutsche Phyisologe Emil du Bois-Reymond meinte hierzu bereits vor hundert Jahren: „Ignoramus et ignorambimus“ (Wir wissen es nicht und werden es niemals wissen) (Du Bois- Reymond, 1872). Auch wenn es letztlich eine Illusion ist, wir könnten Entscheidungen bewusst treffen, wir seien mehr als die Summe unserer physiologischen Prozesse und wir hätten so etwas wie einen freien Willen, erscheinen diese Illusionen aus evolutionärer Perspektive höchst funktional. Stellen wir uns einen Menschen vor, der die Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaft radikal akzeptiert. Woher sollte ein solcher Mensch die Kraft nehmen, zu leben? Abbildung 2.9: Wenn du denkst, du denkst: Lohnt sich das denken überhaupt oder ist alle Willensfreiheit nur Illusion? Zumindest werden die Menschen wohl nie aufhören, sich als rationalen Entscheider zu sehen. Der Denker, Auguste Rodin. (© Justimagine – Fotolia.com) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 49 50 Wenn Du denkst, Du denkst … zur Psychologie von Kognitionen und Bewusstsein Kapitel 2 Studentenfutter Pinker, S. (1997). How the mind works. London: Penguin. (deutsch: Wie das Denken im Kopf entsteht). Wegner, D. M. (2002). The illusion of conscious will. Massachusetts: The MIT Press. Kurz und gut 1. Sprachfähigkeit, Empathie und die Fähigkeit zur Unterscheidung zwischen Phantasie und Realität sind wichtige Eigenschaften, durch die sich homo sapiens von allen anderen Spezies unterscheidet. 2. Menschliche Sprache ist dadurch gekennzeichnet, dass bestimmten Bedeutungsinhalten willkürlich bestimmte Wörter zugeordnet sind. 3. Alle menschlichen Sprachen folgen einer Universalgrammatik, d. h. sie sind in ihrer logischen Grundstruktur identisch. 4. Unter „Theory of Mind“ versteht man die Fähigkeit des Menschen, zu begreifen, dass auch andere Menschen über ein Bewusstsein verfügen, welches sich vom eigenen Bewusstsein deutlich unterscheidet. 5. Unser kognitiver Apparat hat vor allem die Funktion, unser Handeln zu steuern: „Thinking is for doing“ (William James). 6. Menschliches Denken und Entscheiden folgt häufig so genannten kognitiven Heuristiken. Diese sind simple Daumenregeln, die ohne großen Aufwand an Informationsverarbeitung oftmals zu guten Ergebnissen führen. 7. Viele Funktionen des Menschen (wie z. B. unser Herz-Kreislauf System) sind unbewusst bereits so perfektioniert, dass sie durch eine bewusste Steuerung kaum verbessert werden könnten. 8. Viele Verhaltensweisen, die wir zunächst bewusst ausüben, werden nach einer gewissen Weile automatisiert, d. h. ganz unbewusst praktiziert (wie z. B. das Tippen mit 10 Fingern oder das Fahren eines Autos). 9. Das menschliche kognitive System besteht aus einem (intuitiven) unbewussten und einem (reflektierten) bewussten Teilsystem. 10. Psychische und physische Prozesse beim Menschen sind durch hochgradig komplexe Wechselwirkungen gekennzeichnet. Versuche, die menschliche Psyche vollständig auf physiologische Prozesse zu reduzieren, erscheinen deshalb fragwürdig. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 50 Kapitel 3 Eine Frage des Gefühls – zur Psychologie von Emotion und Motivation Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 51

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References

Zusammenfassung

Vorteile

- Die psychologischen Grundlagen für das wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Studium: von der Allgemeinen über die Sozial- bis zur Wahrnehmungspsychologie

- Kompakter Aufbau

- Komplett vierfarbig

Zum Werk

In den Wirtschaftswissenschaften gilt das Bild des rational denkenden Menschen als überholt. Kenntnisse aus der Psychologie spielen dagegen eine immer größere Bedeutung für die Analyse, was sich nicht zuletzt in der aktuellen Diskussion um die Glücksforschung widerspiegelt.

Dieses Lehrbuch führt Wirtschaftswissenschaftler an die Grundlagen der Psychologie heran und stellt dar, wie sie das menschliche Verhalten (und damit auch das für die Wirtschaftwissenschaften wichtige Entscheidungsverhalten) beeinflussen.

Autor

Prof. Dr. Detlef Fetchenhauer ist Direktor des Instituts für Wirtschafts- und Sozialpsychologie an der Universität zu Köln. Er lehrt darüber hinaus an der Universität Wien.

Zielgruppe

Für Studierende der Wirtschaftswissenschaften an Universitäten und Fachhochschulen sowie Studierende, die im Nebenfach Psychologie belegen müssen (z.B. Lehramt).