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Kapitel 4 Anlage versus Umwelt – wie viel menschliches Verhalten ist gelernt? in:

Detlef Fetchenhauer

Psychologie, page 87 - 107

1. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3713-3, ISBN online: 978-3-8006-3940-3, https://doi.org/10.15358/9783800639403_87

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75 Kapitel 4 Kapitel 4 Anlage versus Umwelt – wie viel menschliches Verhalten ist gelernt? Der Schneider von Ulm und die Verheißung der Tabula Rasa Von Bertolt Brecht (1934) stammt ein Gedicht über den „Schneider von Ulm“, der im späten Mittelalter versuchte, mit selbstgebauten Flügeln von einem Kirchturm aus zu fliegen. Als der Bischof darüber informiert wird, dass der Schneider bei diesem Versuch ums Leben gekommen ist, sagt er: „Es waren nichts als Lügen, der Mensch ist kein Vogel, es wird nie ein Mensch fliegen.“ Brecht will seinen Lesern mit diesem Gedicht vermitteln, dass Fortschritt möglich ist und das vieles, was heute noch wie eine Utopie wirke, in der Zukunft Wirklichkeit werden könne – wobei es ihm hierbei natürlich nicht nur um die Entwicklung der Technik ging, sondern auch und vor allem um die Gestaltung von Gesellschaft. Fortschrittsgläubigkeit InhaltDer Schneider von Ulm und die Verheißung der Tabula Rasa . . . . . . . . . . . . . . . 75 Behavioristische Lerntheorien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77 Pawlow und das Phänomen der klassischen Konditionierung . . . . . . . . . . . 78 Die Theorie des instrumentellen Konditionierens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79 Exkurs: Angewandte Lernpsychologie – jedes Kind kann schlafen lernen . . . 82 Die sozial-kognitive Lerntheorie von Bandura . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83 Zur Kritik am Behaviorismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85 Zur Modularität der Lernfähigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86 Die Stimulusabhängigkeit von Lernkurven . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89 Warum einige Stimulus-Reaktionsverbindungen sehr schnell gelernt werden 90 Eine abschließende Würdigung des Behaviorismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90 Der Kulturpessimismus der Evolutionspsychologie und der Abschied von den Utopien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92 Kurz und gut . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94 Studentenfutter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94 Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 75 76 Anlage versus Umwelt – wie viel menschliches Verhalten ist gelernt?Kapitel 4 Die Idee, die dieser Überzeugung zugrunde liegt, lässt sich wie folgt beschreiben: 1) Menschen sind das Produkt der gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen sie leben; 2) gesellschaftliche Bedingungen sind das Produkt menschlichen Handelns und lassen sich ändern; 3) durch eine Veränderung der gesellschaftlichen Bedingungen lässt sich auch das Erleben und Verhalten der einzelnen Mitglieder einer Gesellschaft verändern. Dieser Annahme folgten keineswegs nur überzeugte Kommunisten wie Bertolt Brecht, sondern der Glaube an die Veränderung des Menschen durch eine Veränderung seiner Umwelt findet sich in der europäischen Geistesgeschichte bereits seit der Aufklärung. Von John Locke stammt die berühmte Metapher, Menschen seien bei ihrer Geburt wie eine „tabula rasa“, d. h. wie eine unbeschriebene Tafel oder ein leeres Blatt Papier. Nahezu alles Verhalten erkläre sich demnach aus den Erfahrungen, welche ein Mensch in seinem Leben gemacht habe: „all the men we meet with, nine parts of ten are what they are, good or evil, useful or not, by their education.“ (Locke, 1692/1910, S. 9). Es ist sicher kein Zufall, dass dieser Satz aus der Feder eines Aufklärungsphilosophen stammt, denn die Zeit der Aufklärung war entscheidend vom Optimismus geprägt, dass man durch einen rationalen Diskurs sowohl die Gesellschaft als auch die in ihr lebenden Menschen gestalten und verbessern könne. So definierte Kant Aufklärung als den „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“. Dass Menschen vor allem das Produkt ihrer Umwelt sind, ist eine Idee, die seit der Aufklärung stets populär geblieben ist und markiert noch heute eine der grundlegenden Annahmen vieler Sozialwissenschaftler und Psychologen. Der amerikanische Psychologe J. B. Watson erklärte mehr als zweihundert Jahre nach Locke: „Give me a dozen healthy infants, well-formed, and my own specified world to bring them up in and I‘ll guarantee to take any one at random and train him to become any type of specialist I might select – doctor, lawyer, artist, merchantchief and, yes, even beggar-man and thief, regardless of his talents, penchants, tendencies, abilities, vocations, and race of his ancestors.“ (Watson, 1930, 1968). Dieses berühmte Zitat verdeutlicht das Selbstbewusstsein einer Schule, die unter der Bezeichnung Behaviorismus für nahezu fünfzig Jahre die amerikanische Psychologie dominiert hat, und die erklärte, jene Mechanismen identifiziert zu haben, die zur Erklärung menschlichen Verhaltens notwendig seien. Allerdings gibt es auch zahlreiche Kritiker dieser Meinung und die Frage, ob unser Verhalten vor allem durch unsere Umwelt geprägt wird oder aber unsere genetischen Anlagen die wichtigere Rolle spielen, wird bis heute sehr kontrovers diskutiert (Rutter 2006; Ceci & Williams, 1999), oftmals unter der Überschrift „Nature versus Nurture“ (Ridley 2003). Behaviorismus John Locke (1632–1704) Englischer Philosoph – Locke war wie Hume (s. Kapitel 1) ein bedeutender Vertreter der Aufklärung und des Empirismus. In seinem „Essay Concerning Human Understanding“ entwickelt er die Idee, dass der Mensch als eine „tabula rasa“ zur Welt kommt. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 76 77 Behavioristische Lerntheorien Kapitel 4 Vor diesem ideengeschichtlichen Hintergrund werden im vorliegenden Kapitel zunächst die wesentlichen Hypothesen und empirischen Befunde verschiedener behavioristischer Lerntheorien miteinander verglichen. Danach wird dargestellt, welche konzeptuelle und empirische Kritik an diesen Theorien angebracht erscheint. Zum Abschluss wird es darum gehen, warum weder „Nature“ noch „Nurture“ alleine geeignet sind, menschliches Verhalten zu erklären. Behavioristische Lerntheorien Der Bahaviorismus vertrat die Auffassung, wissenschaftliche Psychologie bestehe darin, unter streng kontrollierten Bedingungen das Verhalten von Menschen (aber auch von Ratten, Tauben und anderen Tieren) zu beobachten. Dabei wurde darauf verzichtet, internale Prozesse (wie Kognitionen, Emotionen oder Motive) zu untersuchen, stattdessen erfolgt eine Konzentration auf die Beobachtung und quantitative Erfassung overten Verhaltens. Theoretisch ist der Behaviorismus damit einem mechanistischen Weltbild verhaftet, das Menschen und andere Organismen als komplexe Maschinen betrachtet und versucht, die Zusammenhänge zwischen einem Verhalten und seinen Determinanten möglichst exakt und mathematisch zu beschreiben. Zudem erfolgte sowohl theoretisch als auch methodologisch eine starke Orientierung an der Physik. So verfasste der Behaviorist Clark. L. Hull 1943 seine „Principles of Behavior“ in bewusster Anlehnung an Newtons „Principia“, in denen jener das Gesetz der Schwerkraft abgeleitet hatte. Methodologisch wurde von der Physik ein starker Fokus auf das Laborexperiment übernommen, bei dem alle Störvariablen nach Möglichkeit ausgeschlossen bzw. konstant gehalten werden sollen. Diese Ausrichtung wirkt bis heute nach: Das Laborexperiment ist das Standardverfahren der Psychologie (mehr dazu im Kapitel 6). Im Mittelpunkt des behavioristischen Forschungsprogramms stand immer die Suche nach allgemeinen Lernprinzipien, wobei postuliert wurde, dass diese sich beim Menschen nicht von anderen Tierarten unterscheiden (was erklärt, warum der Behaviorismus manchmal auch als „Rattenpsychologie“ verunglimpft wird). Auch wenn die moderne Evolutionspsychologie dem Behaviorismus außerordentlich skeptisch gegenübersteht (dazu weiter unten mehr), ist beiden doch die Suche nach Theorien und Erklärungen gemeinsam, die sowohl für den Menschen als auch für alle anderen Spezies Gültigkeit haben. Im Gegensatz zur Evolutionspsychologie betonen Behavioristen jedoch die Plastizität (d. h. die Veränder- und Formbarkeit) menschlichen Verhaltens. Es sei immer Beobachtung und quantitative Erfassung Allgemeine Lernprinzipien Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 77 78 Anlage versus Umwelt – wie viel menschliches Verhalten ist gelernt?Kapitel 4 als das Produkt von Lernprozessen zu verstehen, wobei auch scheinbar noch so komplexe Verhaltensweisen (wie z. B. das Lernen von Sprache oder das Lösen komplexer Probleme) durch einfache Lernmechanismen erklärbar sind (Watson, 1930, 1968; Lefrancois, 2003). Der Verzicht auf alle Daten, die nicht unmittelbar aus der Beobachtung von Verhalten stammen, wird von Behavioristen oftmals mit der fragwürdigen Validität (d. h. Gültigkeit) von Daten begründet, die auf Introspektion beruhen (wie z. B. die Befragung von Versuchspersonen). In den folgenden Abschnitten sollen die wichtigsten Vertreter des Behaviorismus und ihre Theorien vorgestellt und verglichen werden. Pawlow und das Phänomen der klassischen Konditionierung Ivan Pawlow (1849–1936) war ein russischer Physiologie, der sich intensiv mit menschlichen und tierischen Verdauungsprozessen beschäftigt hat (1904 erhielt er für diese Forschung einen Nobelpreis in Medizin). Sehr viel bekannter ist er aber durch seine Forschung zum klassischen Konditionieren geworden, wobei diese zunächst eher ein Zufalls- und Nebenprodukt seiner medizinischen Untersuchungen war. Um die Verdauungsorgane seiner Versuchshunde zu stimulieren, legte er diesen Fleischpulver ins Maul, worauf die Tiere mit der Produktion von Speichel reagierten. Nach einer Weile stellte Pawlow fest, dass diese Speichelproduktion bei einem Versuchstier nicht erst begann, wenn das Fleischpulver im Mund war, sondern bereits vorher – zunächst, wenn der Hund das Fleischpulver sah bzw. roch, dann bereits, wenn er den Assistenten sah, der ihm das Fleischpulver in den Mund legte, schließlich sogar, wenn er nur die Schritte des Assistenten aus einem Nebenraum hörte. Der Hund hatte gelernt, den Assistenten mit dem Futter zu assoziieren. Pawlow erkannte sofort die Bedeutung dieser zufälligen Beobachtung und konnte in einer Klassisches Konditionieren Ivan Pawlow (1849–1936) Russischer Arzt und Verhaltensforscher – Pawlow entdeckte das Prinzip der Klassischen Konditionierung und legte damit den Grundstein für die behavioristischen Lerntheorien. Abbildung 4.1: Speichelfluss durch Klingeltöne: Bei der klassischen Konditionierung nach Pawlow lernt man mit einer bestimmten Reaktion auf einen zuvor völlig neutralen Reiz – wie die Schritte des Assistenten oder in weiteren Studien Pawlows das Tönen einer Klingel – zu reagieren. (Quelle: Eigene Darstellung). Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 78 79 Behavioristische Lerntheorien Kapitel 4 Vielzahl von Studien einen Prozess nachweisen, der seitdem als Pawlowsche oder klassische Konditionierung bekannt ist: Das Prinzip der klassischen Konditionierung besagt das Folgende: Wenn ein zunächst neutraler Stimulus (A) wiederholt mit einem Stimulus (B) gepaart wird, der zu einer bestimmten Reaktion führt (z. B. Speichelfluss), dann reicht irgendwann die Anwesenheit des zunächst neutralen Stimulus (A), um die Reaktion auszulösen. Auf diesem einfachen Grundprinzip aufbauend kann eine Vielzahl an Phänomenen erklärt werden, beispielsweise das Lernen von Emotionen. So löst z. B. bei vielen Menschen, die vor über 60 Jahren – zumeist als kleine Kinder oder Jugendliche – den zweiten Weltkrieg erlebt haben, der Klang von Alarmsirenen auch heute noch starke Furchtreaktionen aus. Die Erklärung: Diese Menschen haben gelernt, dass auf das Heulen der Sirenen (A) die Bombardements (B) der alliierten Flugzeuge folgten, so dass die Furcht als Reaktion auf diese Bombardements auch heute noch bereits auf das Heulen der Sirenen (A) hin erfolgt. Auch die Werbung macht sich die Prinzipien des klassischen Konditionierens zunutze, wenn sie versucht, Assoziationen zwischen zunächst neutralen Reizen (z. B. einem bestimmten Produkt) und positiven Reizen (wie z. B. schönen Frauen oder Männern) zu generieren (Moser, 1990). Eine andere Anwendung der Pawlowschen Prinzipien findet sich in der modernen Medizin. Dort konnte gezeigt werden, dass Patienten auf die Gabe von entsprechenden Medikamenten auch dann noch mit einer Senkung ihres Bluthochdrucks reagierten, wenn ihnen nach einer Weile Placebos (d. h. Tabletten, die keinen medizinischen Wirkstoff enthalten) verabreicht wurden. Die Theorie des instrumentellen Konditionierens Während die klassische Konditionierung die Entstehung von Assoziationen zwischen verschiedenen Reizen untersuchte, geht es beim instrumentellen Konditionieren um die Erklärung der Häufigkeit, mit der von einem Organismus ein bestimmtes Verhalten gezeigt wird. Einer ihrer bekanntesten Vertreter ist der Behaviorist Burrhus Frederic Skinner (in der Fachzeitschrift „Monitor on Psychology“ wurde er im Jahr 2002 zum bedeutendsten Psychologen des 20. Jahrhunderts gewählt). Seine Theorie des instrumentellen Konditionierens basiert auf dem so genannten Effektgesetz („law of effect“), das als erstes von Edward L. Thorndike (Thorndike, 1905) formuliert wurde: Wenn ein bestimmtes Verhalten zu einer positiven Konsequenz führt, dann steigt die Häufigkeit, mit der dieses Verhalten auftritt. Wenn ein bestimmtes Verhalten zu einer negativen Konsequenz führt, dann sinkt die Häufigkeit, mit der dieses Verhalten auftritt. Instrumentelle Konditionierung Burrhus Frederic Skinner (1904–1990) US-amerikanischer Psychologe – Skinner prägte den Begriff der operanten Konditionierung, welche sich mit Reiz- und Reaktionsmechanismen befasst. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 79 80 Anlage versus Umwelt – wie viel menschliches Verhalten ist gelernt?Kapitel 4 Positive Konsequenzen eines Verhaltens können aus dem Hinzufügen eines positiven Stimulus (positive Verstärkung) oder aus dem Entfernen eines negativen Stimulus bestehen (negative Verstärkung). Ein Beispiel für positive Verstärkung: Ein Student lernt für eine Klausur, weil dieses Verhalten in der Vergangenheit zu guten Noten geführt hat. Ein Beispiel für negative Verstärkung: Ein Autofahrer schnallt sich an, um dadurch ein entsprechendes Warnsignal seines Autos zu beenden, weil er in der Vergangenheit gelernt hat, dass das Warnsignal aufhört, wenn er sich anschnallt. Negative Konsequenzen eines Verhaltens können hingegen sowohl aus dem Hinzufügen eines als aversiv empfundenen Stimulus (Bestrafung 1. Art) als auch aus dem Entfernen eines angenehmen Stimulus bestehen (Bestrafung 2. Art). Ein Beispiel für eine Bestrafung 1. Art: Ein Kind muss eine Strafarbeit schreiben, weil es im Unterricht gestört hat. Ein Beispiel für eine Bestrafung 2. Art: Einem Kind wird von seinen Eltern der Gameboy abgenommen, weil es in der Schule schlechte Noten hat. Jegliches Verhalten sowohl von Tieren als auch von Menschen ist laut Skinner als Ergebnis einer solchen instrumentellen Konditionierung zu verstehen (Skinner, 1982). Aus diesem Grunde glaubte er auch, dass man mit Hilfe von Tierversuchen allgemeine Gesetzmäßigkeiten untersuchen könne, die auch für den Menschen Gültigkeit hätten. Wichtig ist, dass Skinner unter Lernen dabei lediglich die Veränderung der Häufigkeit meinte, mit der ein bestimmtes Verhalten zu beobachten ist. Wenn z. B. eine Ratte in einer so genannten Skinnerbox für das Drücken eines Hebels mit einer Futterpille verstärkt wird, so wird sich – vorausgesetzt sie ist hungrig – die Positive Konsequenzen eines Verhaltens Negative Konsequenzen eines Verhaltens Lernen als Veränderung der Häufigkeit eines Verhaltens Abbildung 4.2: Die Skinnerbox – Belohnung sorgt für Widerholung. Bei der instrumentellen Konditionierung nach Skinner lernt man ein Verhalten, das durch einen so genannten Verstärker belohnt wurde, zu wiederholen. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 80 81 Behavioristische Lerntheorien Kapitel 4 Häufigkeit erhöhen, mit der die Ratte auf den Hebel drückt. Es ging ihm nicht darum, ob die Ratte irgendwann versteht, dass auf das Drücken des Hebels eine Futterpille folgt, da er versuchte, jegliches Verhalten ohne Rückgriff auf mentale Konzepte (wie z. B. Verstehen oder Einsicht) zu untersuchen. Ausgehend von zunächst sehr einfachen Versuchsanordnungen wurden von Behavioristen u. a. folgende Eigenschaften des instrumentellen Konditionierens identifiziert: Ein Verstärker muss kurz nach einem bestimmten Verhalten erfolgen, um die Wahrscheinlichkeit seines Auftretens zu erhöhen (Prinzip der Kontiguität). Versuche mit Ratten zeigten, dass diese ein bestimmtes Verhalten niemals lernten, wenn sie länger als wenige Sekunden auf den Verstärker warten mussten. Zudem wurde herausgefunden, dass Organismen mit fortschreitender Konditionierung lernen, ihr Verhalten immer stärker an bestimmten diskriminativen (d. h. spezifischen) Hinweisreizen zu orientieren. So lernen z. B. Partner im Laufe der Zeit immer besser, wann sie ihren Partner liebevoll in den Arm nehmen und wann sie ihren Partner besser in Ruhe lassen sollten. Auf viele weitere Differenzierungen der Theorie des instrumentellen Konditionierens kann hier aus Platzgründen nicht eingegangen werden. Es soll aber zumindest erwähnt werden, dass die Theorie Skinners auch heute noch eine Grundlage der so genannten Verhaltenstherapie ist – eine der wenigen psychotherapeutischen Verfahren, deren Wirksamkeit empirisch erwiesen ist (Kröner- Herwig, 2004). In der Verhaltenstherapie werden bestimmte für den Patienten belastende Verhaltensweisen oder Gefühle (z. B. Angst oder extreme Schüchternheit) als Ergebnisse ihrer Lerngeschichte untersucht. So zeichnen sich z. B. viele Angststörungen dadurch aus, dass ein bestimmter Stimulus (z. B. ein Hund oder eine Spinne) beim Patienten zu einer Angstreaktion führt (z. B. Ausweichverhalten oder einem Gefühl von Panik). Tatsächlich aber tritt das gefürchtete Ereignis in aller Regel gar nicht ein (z. B. das Ereignis, von einem Hund gebissen zu werden). Diese Erfahrung führt jedoch beim Patienten nicht zu der Einsicht, dass seine Angst weitestgehend unbegründet ist, sondern der Patient lernt, dass ein gefürchtetes Ereignis ausbleibt, wenn nur die Furcht vor ihm groß genug ist. An diesem Beispiel lässt sich gut verdeutlichen, dass Lernen tatsächlich nicht immer auf Einsicht beruht, sondern manchmal sogar im Widerspruch zu dieser steht. Im Rahmen einer Verhaltenstherapie wird deshalb versucht, durch geeignete Gegenkonditionierung das unerwünschte Verhalten zu löschen (für eine Einführung in die Verhaltenstherapie siehe Reinecker, 2005). Verhaltenstherapie Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 81 82 Anlage versus Umwelt – wie viel menschliches Verhalten ist gelernt?Kapitel 4 Exkurs: Angewandte Lernpsychologie – jedes Kind kann schlafen lernen Viele Eltern leiden darunter, dass ihre Kinder mehrfach nachts wach werden, an die Brust gelegt oder sonst wie beschäftigt werden müssen, bis sie nach einer Weile wieder einschlafen – nur um wenige Stunden später erneut wach zu werden. Dieses Phänomen hat eine Ursache darin, dass unser Schlaf in verschiedene Phasen unterteilt ist. Nach einer Phase traumlosen Tiefschlafs beginnen wir zu träumen, was sich physiologisch durch eine erhöhte Atmung, einen schnelleren Herzschlag und durch sehr schnelle Augenbewegungen bemerkbar macht. Danach werden wir für eine kurze Zeit wach. In den meisten Fällen schlafen wir sehr bald wieder ein und können uns an diese Wachphasen am nächsten Morgen gar nicht mehr erinnern. Die Funktion dieser kurzen Wachphasen liegt darin, dass sie uns ermöglichen, unsere Umwelt auf die Anwesenheit möglicher Gefahrenquellen zu überprüfen (z. B. wilde Tiere, Feinde oder Feuer). Auch wenn kleine Kinder nachts wach werden, überprüfen sie ihre Umwelt. Da sie noch nicht über ein elaboriertes Wissen verfügen, auf welche Hinweisreize sie dabei achten sollen, verwenden sie hierzu eine einfache Heuristik: Ist alles genauso, wie es war, als ich eingeschlafen bin? Falls ja, schlafen sie von alleine wieder ein. Falls nein, rufen sie um Hilfe. Stellen wir uns nun ein Kind vor, dass von seiner Mutter im müden Zustand, aber noch wach, ins Bett gelegt wurde und nach einer gewissen Weile einschläft. Wenn es wach wird, hat sich an seiner Umwelt nichts geändert und es kann beruhigt weiterschlafen. Ein anderes Kind schläft am Busen seiner Mutter nuckelnd ein. Wenn dieses Kind wach wird, hat sich während des Schlafs die Umwelt dramatisch verändert. Die Reaktion: Dieses Kind ruft um Hilfe. Die Mutter kommt, legt es an die Brust (weil sie denkt, das Kind habe Hunger bzw. Durst oder ganz allgemein, um es zu beruhigen) und das Kind findet sich in der gleichen Umwelt, in der es immer wohlig einschläft. Erleichtert legt die Mutter ihr Kind wieder ins Bett, bis in wenigen Stunden das gleiche Spiel von vorne beginnt. Die einfache Therapie gegen solche Schlafstörungen besteht darin, das Kind im wachen Zustand ins Bett zu legen und das Kind unter den Umweltbedingungen einschlafen zu lassen, in denen es auch wieder wach werden wird. Das ist zunächst sehr anstrengend, wie jeder weiß, der diese Methode angewandt Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 82 83 Behavioristische Lerntheorien Kapitel 4 Die sozial-kognitive Lerntheorie von Bandura Die sozial-kognitive Lerntheorie von Albert Bandura (1979) erweitert den reinen Behaviorismus in zwei entscheidenden Aspekten: Zum einen werden von ihr mentale Prozesse (wie z. B. kognitive Erwartungen und das Abwägen zwischen verschiedenen Alternativen) explizit berücksichtigt und nicht, wie bei Pawlow und Skinner, aus der Analyse ausgeschlossen. Menschen lernen nach Bandura nicht nur durch Versuch und Irrtum, sondern auch durch Einsicht und Verstehen. Zum anderen betont die sozial-kognitive Lerntheorie, dass Menschen nicht nur aus den Konsequenzen ihres eigenen Verhaltens lernen, sondern auch aus der Beobachtung des Verhaltens Anderer (Bandura, 1979). Wenn eine Modellperson für ein gezeigtes Verhalten belohnt wird, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass das Verhalten der Modellperson imitiert wird. Und umgekehrt: Wenn eine Modellperson für ein gezeigtes Verhalten bestraft wird, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass das Verhalten der Modellperson imitiert wird. In manchen Situationen fungiert die beobachtete Person hierbei intentional (d. h. absichtlich) als Modell, (z. B. ein Grundschullehrer, ein Skilehrer oder ein Vorgesetzter). Oftmals allerdings ist eine Modellwirkung durch die Modellperson jedoch gar nicht intendiert. Beispiele hierfür sind TV-Schauspieler, Mitstudenten, Freunde oder Geschwister einer Person. „Der Mensch hat dreierlei Wege klug zu handeln: erstens durch nachdenken, das ist der edelste, zweitens durch nachahmen, das ist der leichteste, und drittens durch Erfahrung, das ist der bitterste.“ Konfuzius (vermutlich von 551 v. Chr. Bis 479 v. Chr.), chin. Philosoph Lernen durch Einsicht und Verstehen hat, um seinen Kinder beizubringen, nachts durchzuschlafen, weil Kinder sich gegen eine Veränderung ihres Einschlafrituals zur Wehr setzen. Bereits nach wenigen Tagen allerdings haben die allermeisten Kinder gelernt, alleine in ihrem Bett ein- und nachts durchzuschlafen (Kast-Zahn & Morgenroth, 2007). Eine ebenso einfache wie überzeugende Anwendung der Skinnerschen Lerntheorie. In Jäger- und Sammlergesellschaften sind solche Probleme übrigens nahezu unbekannt. Der Grund liegt darin, dass dort Kinder zumeist die gesamte Nacht an der Mutterbrust verbringen. Dies dient nicht nur dazu, den Schlaf der Kinder und ihrer Eltern zu gewährleisten, sondern hat auch eine kontrazeptive Funktion. Wenn Mütter ihre Kinder sehr regelmäßig stillen (d. h. mindestens alle zwei Stunden), verhindert dies einen Eisprung und damit eine erneute Schwangerschaft. Auf diese Weise ist gewährleistet, dass Mütter nicht schwanger werden, solange noch ein weiteres Kind gestillt werden muss (Schlatter, 2008). Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 83 84 Anlage versus Umwelt – wie viel menschliches Verhalten ist gelernt?Kapitel 4 Wie sehr Kinder unbewusst durch ihre Geschwister oder gute Freunde beeinflusst werden, zeigt sich auch in ihren Zeichnungen. Diese zeigen oftmals erhebliche Ähnlichkeiten mit denen ihrer Geschwister und Freunde (Schuster, 2001). Diese Annahme wurde 1965 von Bandura im folgenden klassischen Experiment überprüft: Versuchspersonen (Kinder) beobachteten, wie in einem Film eine erwachsene Modellperson eine Puppe aggressiv behandelte. In der „Belohnungsbedingung“ beobachteten die Versuchspersonen anschließend, wie die Modellperson für ihr Verhalten gelobt wurde. In der „Bestrafungsbedingung“ beobachteten die Versuchspersonen anschließend, wie die Modellperson für ihr Verhalten getadelt wurde. Darüber hinaus gab es eine Kontrollbedingung, in der die Modellperson weder gelobt noch getadelt wurde. Im Anschluss an das Video erhielten die Versuchspersonen die Gelegenheit zum freien Spiel, wobei sie unter anderem mit einer Puppe spielen konnten, die der im Film verwandten Puppe sehr ähnlich war. Die untersuchte abhängige Variable war die Häufigkeit, mit der sich die Kinder der Puppe gegenüber aggressiv verhielten. Was geschah? Hypothesenkonform zeigten die Kinder aus der „Belohnungsbedingung“ die meisten Aggressionen, die wenigsten Aggressionen wurden hingegen bei den Kinder aus der „Bestrafungsbedingung“ beobachtet. Als die Kinder zum Schluss gefragt wurden, was sie in dem Film am Anfang des Experiments gesehen hatten, beschrieben alle drei Gruppen einheitlich das beobachtete aggressive Verhalten. Es lagen also keine Unterschiede in der Erinnerungsleistung zwischen den unterschiedlichen Versuchsbedingungen vor. Das bedeutet: Unabhängig von Belohnung, Bestrafung oder Konsequenzlosigkeit wurde das Verhalten der Modellperson durchaus verinnerlicht und gelernt. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Verhalten einer Person imitiert wird, wird neben der Beobachtung der Belohnung dieser Person noch von einer anderen Variable determinert: Bandura bezeichnet diese als Effizienzerwartungen („efficacy expectations“). Sie beschreibt das Maß, in dem eine Person glaubt, das Ver- Effizienzerwartungen („efficacy expectations“) Albert Bandura (*1925) Kanadischer Psychologe – Bandura ist ein Vertreter der behavioristischen Lerntheorie und wurde vor allem durch seine Forschung zum so genannten Modell-Lernen (s.u) bekannt. Abbildung 4.3: Lernen durch Vorbilder: Sogar in Kinderzeichnungen lässt sich erkennen, wie sehr Menschen sich in ihrem Tun an anderen orientieren. Links: Zeichnung eines Zehnjährigen. Re: Zeichnung seines 7jährigen Bruders. (Quelle: Eigenes Material, vgl. Schuster, 2010) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 84 85 Zur Kritik am Behaviorismus Kapitel 4 halten einer Modellperson auch tatsächlich imitieren zu können (Bandura, 1977). Nehmen wir als Beispiel einen Jugendlichen, der im Fernsehen „Deutschland sucht den Superstar“ sieht und dabei lernt, dass ein Gewinn dieses Wettbewerbs zu Ruhm, Ehre und vor Begeisterung in Ohnmacht fallenden Fans führt. Auch wenn ein Jugendlicher diese Konsequenzen sehr positiv bewertet, wird er sich in der Regel nur dann bei der nächsten Staffel der Sendung bewerben, wenn er meint, stimmlich ähnlich begabt zu sein wie der Sieger der letzten Staffel (in Kapitel 14 werden wir uns mit der Frage beschäftigen, auf welchen psychologischen Mechanismus es zurückzuführen ist, dass so viele unbegabte Jugendliche glauben, der nächste „Superstar“ zu werden, obwohl ihre Stimme noch nicht einmal für die Badewanne geeignet ist). Oftmals wirken Effizienzerwartungen im Sinne sich selbst erfüllender Prophezeiungen. Wenn ich mir etwas nicht zutraue, werde ich es gar nicht erst versuchen und es deshalb tatsächlich nicht schaffen. Hieraus leiten vor allem amerikanische Autoren der Selbsthilfeliteratur (finden Sie in der Buchhandlung zumeist zwischen „Psychologie“ und „Esoterik“) gerne den Schluss ab, man könne alles erreichen, wenn man es nur wolle (z. B. Murphy, 2000, Höller, 2000, Byrne, 2007). Ähnliche Sätze finden sich auch in vielen Autobiographien erfolgreicher Showstars und Sportler (wie z. B. Dieter Bohlen, 2002). Ein solcher Optimismus vernachlässigt jedoch die Schicksale all’ jener Sänger, Sportler, Erfinder oder Unternehmer, die von ihrem eigenen Erfolg überzeugt waren und damit kläglich gescheitert sind. Menschen können viel erreichen, wenn sie sich anstrengen, aber auch wenn man davon überzeugt ist, man könne aus eigener Kraft fliegen, sollte man das Fliegen lieber den Vögeln überlassen. Zur Kritik am Behaviorismus Nachdem der Behaviorismus über mehr als ein halbes Jahrhundert die universitäre Psychologie bestimmt hatte, erfolgte ab Anfang der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts das, was später als „kognitive Wende“ bezeichnet wurde (Lück, 2002). Und ähnlich wie Bandura wiesen immer mehr Wissenschaftler auf die Bedeutung von Kognitionen (wie z. B. Erwartungen oder subjektive Mutmaßungen über Ursache-Wirkungszusammenhänge) für die Erklärung menschlichen Verhaltens hin. Allerdings ist gerade im Bezug auf neuere Arbeiten zum Einfluss von unbewussten Prozessen auf unser Denken, Fühlen und Handeln auf folgendes hinzuweisen: Es handelt sich um eine Illusion, es reiche zum Verständnis des menschli- Effizienzerwartungen als sich selbst erfüllende Prophezeiungen Kognitive Wende Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 85 86 Anlage versus Umwelt – wie viel menschliches Verhalten ist gelernt?Kapitel 4 chen Verhaltens aus, lediglich die jeweiligen Akteure nach den Gründen für ihr Verhalten zu fragen. Ganz wie der klassische Behaviorismus vertritt übrigens auch die moderne experimentelle Ökonomie den Standpunkt, die einzig wissenschaftliche Methode sei die strikte Beobachtung menschlichen Verhaltens, da die Validität von Selbstberichten stets zweifelhaft sei. Eine solche Skepsis wird von experimentellen Ökonomen allerdings selten durch ihre Einsicht in die Bedeutsamkeit unbewusster Prozesse begründet, sondern in der Annahme, dass Menschen oftmals nicht motiviert sind, die wahren Gründe ihres Verhaltens anzugeben – auch wenn sie sich dieser Gründe durchaus bewusst sind. Ökonomen sprechen hier von „cheap talk“ (Farrell & Rabin, 1996). Es ist allerdings zu erwarten, dass auch die Ökonomie irgendwann eine kognitive Wende erleben wird. Evolutionspsychologen kritisieren nicht nur die Methoden des Behaviorismus, sondern auch seine inhaltliche Ausrichtung. Dies liegt in der grundsätzlichen Divergenz hinsichtlich des ihrer Forschung zugrunde liegenden Menschenbilds begründet. Mit dem kritischen Dialog zwischen Evolutionspsychologie und Behaviorismus wollen wir uns im Folgenden befassen. Zur Modularität der Lernfähigkeit Eine der grundlegenden Annahmen des Behaviorismus besteht ja darin, dass Menschen weitgehend als eine tabula rasa zur Welt kommen und ihr Verhaltensrepertoire über klassisches und instrumentelles Konditionieren erwerben. Dabei folgen diese Lernprozesse allgemeinen Gesetzen, die sich nicht zwischen unterschiedlichen Verhaltensdomänen unterscheiden. In Kapitel 2 hatten wir gesehen, dass die Evolutionspsychologie auf grundlegend anderen Annahmen aufbaut, nämlich darauf, dass Menschen domänenspezifisch mit sehr unterschiedlichen Lernbereitschaften bzw. -fähigkeiten ausgestattet sind. Nicht zufällig war der bekannte Linguist Noam Chomsky einer der schärfsten Kritiker Skinners (Chomsky, 1967). In einer Kritik an Skinners Überlegungen zum Thema Spracherwerb erläutert Chomsky, dass die enorme Geschwindigkeit, mit der kleine Kinder ein Vokabular und ein Verständnis für die Grammatik ihrer Muttersprache entwickeln, mit Hilfe des instrumentellen Konditionierens kaum zu erklären sei. Zudem könne der Behaviorismus nicht erklären, warum Kinder offensichtlich intrinsisch motiviert seien, ihre Muttersprache zu lernen und dafür nicht extrinsisch verstärkt werden müssen. Spracherwerb Noam Chomsky (*1928) US-amerikanischer Sprachwissenschaftler – Chomsky leistete die Grundlagenforschung zum Thema Universalgrammatik (s. Kapitel 2), ist aber auch einer der bekanntesten Kritiker des Behaviorismus und trug mit zum Paradigmenwechsel von Behaviorismus zu Kognitionswissenschaft bei. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 86 87 Zur Kritik am Behaviorismus Kapitel 4 Stattdessen postuliert Chomsky, dass Menschen über eine angeborene Bereitschaft und Befähigung zum Spracherwerb verfügen, die es ihnen erlaube, mit ihrer Muttersprache eine Fähigkeit mit einem Maß an Komplexität zu erwerben, zu der sie in anderen Domänen nicht in der Lage seien. Ebenso angeboren sei darüber hinaus die bereis erwähnte Universalgrammatik, die für alle menschlichen Sprachen gelte und in welche die jeweiligen Regeln der einzelnen spezifischen Sprachen eingepasst würden (siehe hierzu auch Kapitel 2). Wenn wir uns vor Augen führen, dass auch heute, in Zeiten hochleistungsfähiger Computer und intelligenter Software, noch kein Übersetzungsprogramm besteht, welches an die Leistungsfähigkeit eines menschlichen Übersetzers heranreicht, dann wird die Komplexität dieser Fähigkeit deutlich. Diese beachtliche Fähigkeit des intuitiven Erlernens einer Sprache nimmt ab dem siebten Lebensjahr allerdings deutlich ab. Bis zu diesem Alter sind Kinder übrigens problemlos in der Lage, auch mehrere Sprachen parallel zu erwerben (z. B. wenn sie in bikulturellen Familien aufwachsen). Evolutionspsychologen betonen, dass die Lernfähigkeit einer Spezies in einer bestimmten Domäne davon abhängig ist, unter welchem Selektionsdruck diese Fähigkeit in der Vergangenheit gestanden hat. Ein Beispiel hierfür ist die Fähigkeit der Wüstenameise, den Weg von einer Futterstelle zu ihrem Nest zu finden (Wehner & Srinivasan, 1981). Wenn sich eine tunesische Wüstenameise auf Futtersuche begibt, dann verlässt sie ihr Nest und entfernt sich relativ gradlinig bis zu 20 Meter. Dort angekommen sucht die Ameise in vielerlei Drehungen und Wendungen nach Futter. Hat sie dieses gefunden, macht sie sich auf den Rück- Spezifische Lernfähigkeiten Abbildung 4.4: Angeboren oder erworben? Die menschliche Fähigkeit zum Sprach erwerb ist genetisch bedingt. Welche Sprache wir lernen, hängt jedoch vollständig von unserer Umwelt ab (Quelle: © Adam Borkowski – Fotalia.com) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 87 88 Anlage versus Umwelt – wie viel menschliches Verhalten ist gelernt?Kapitel 4 weg in ihr Nest. Aber woher weiß eine solche Ameise, wie sie wieder nach Hause kommt? Auf dem Heimweg erinnert sie sich an jeden Richtungswechsel, den sie vorgenommen hat sowie an die jeweiligen Distanzen, die sie in eine Richtung gelaufen ist und offenbart damit eine Fähigkeit, über die z. B. Menschen in sehr viel niedrigerem Maße verfügen (wie jeder weiß, der sich schon einmal in einem Wald verlaufen hat). Diese Fähigkeit der Wüstenameisen lässt sich daran erkennen, was passiert, wenn man eine solche Ameise hochhebt und einen Meter weiter wieder auf den Boden Nest Futtersuche Futter-Fundstelle Versetzte Ameise Normaler, geradliniger Heimweg Ameise läuft exakt dorthin, wo Nest normalerweise wäre Abbildung 4.5: Orientierung lebensnotwendig: Die tunesische Wüstenameise weiß genau wie sie sich wenden muss, um nach Hause zu gelangen. Doch versetzt man sie, führt sie ihr Orientierungssinn in die Irre. (Quelle: Eigene Darstellung, angelehnt an Gaulin & McBurney, 2004, S. 189) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 88 89 Zur Kritik am Behaviorismus Kapitel 4 setzt. Dann nämlich wird diese Ameise auf geraden Weg zu ihrem Nest laufen, dieses aber um genau einen Meter verfehlen. Die Stimulusabhängigkeit von Lernkurven Darüber hinaus haben Evolutionspsychologen darauf aufmerksam gemacht, dass die Fähigkeit, neue Verhaltensweisen mittels instrumenteller Konditionierung zu lernen, auch von der Art der Stimuluseigenschaften abhängen (Gaulin & McBurney, 2004). So wurden Ratten in einem Experiment an den Anfang eines T-Labyrinth gesetzt, an dessen Ende sie entweder nach links oder rechts laufen konnten. In der einen Bedingung mussten die Ratten lernen, immer in die gleiche Richtung zu laufen. In der anderen Bedingung mussten die Ratten lernen, immer in die jeweils andere Richtung zu laufen. Der Verstärker bestand entweder aus Futter oder aus Wasser. In welcher der Bedingungen lernten die Ratten wohl am schnellsten? Aus behavioristischer Perspektive würde man antworten, dass Ratten deutlich schneller lernen, wenn sie dafür verstärkt werden, immer in die gleiche Richtung zu laufen und dass dieser Effekt unabhängig von der Art des Verstärker sein sollte. Tatsächlich bestätigte sich die behavioristische Hypothese aber lediglich bei der Verstärkung mit Wasser. Bei Futter war es hingegen umgekehrt. Dieser Effekt ist evolutionspsychologisch nachvollziehbar: Während sich Wasserstellen in der Natur fast immer an der gleichen Stelle befinden, bleiben Futterressourcen selten über längere Zeiträume am gleichen Ort. Somit sind Tiere prädisponiert, Futter an unterschiedlichen Stellen zu suchen. Somit zeigt sich: Ratten (und Menschen) haben eine genetische Veranlagung, Zusammenhänge zwischen bestimmten Stimuli und Konsequenzen schneller zu Einfluss der Stimulusart Abbildung 4.6: Ratte im T-Labyrinth. (Quelle: Martin Butz, Universität Würzburg) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 89 90 Anlage versus Umwelt – wie viel menschliches Verhalten ist gelernt?Kapitel 4 lernen als die zwischen anderen Stimuli und Konsequenzen – ein Befund, der sich mit rein behavioristischen Theorien nur schwer vereinbaren lässt. Warum einige Stimulus-Reaktionsverbindungen sehr schnell gelernt werden Eine weitere mögliche Kritik am Behaviorismus bezieht sich auf unterschiedliche Geschwindigkeiten des Lernen von Stimuli. Aus behavioristischer Perspektive sollten Organismen grundsätzlich mehrere Durchgänge benötigen, um den Zusammenhang zwischen einem bestimmten Verhalten und einem bestimmten Stimulus zu lernen. Dabei sollte die Lerngeschwindigkeit nicht von der Art des Stimulus abhängig sein, der mit einem bestimmten Verhalten verbunden ist. Empirisch lässt sich diese Annahme allerdings nicht bestätigen. In einem Experiment wurden Ratten zwei unterschiedlichen Stimuli ausgesetzt (Garcia & Ervin, 1968). Sie wurden entweder mit einer geschmacksneutralen Flüssigkeit gesäugt, wonach (durch einen Beschuss mit Röntgenstrahlen) Übelkeit ausgelöst wurde, oder sie wurden in Folge eines Glockentons einem elektrischen Schock ausgesetzt. Die Ratten erlernten diesen Zusammenhang sehr schnell innerhalb von nur einem Konditionierungsdurchgang. Wurde das Trinken der Flüssigkeit aber mit dem elektrischen Schock gekoppelt und der Glockenton mit der Erzeugung von Übelkeit, so erlernte die Ratte diesen Zusammenhang auch nach mehreren Versuchsdurchgängen nicht. Offensichtlich waren die Ratten prädestiniert dafür, zu lernen, dass eine Flüssigkeit Übelkeit hervorrufen kann. Da Ratten in ihrer natürlichen Umwelt niemals lernen mussten, dass Geräusche mit Übelkeit einhergehen, versagten sie hingegen bei der Erlernung des Zusammenhangs von Glocke und Übelkeit. Aus evolutionärer Perspektive macht es durchaus Sinn, wenn Organismen die Fähigkeit haben, Zusammenhänge zwischen bestimmten Stimuli und bestimmten Verhalten sehr schnell zu lernen. Wer etwa die Vergiftung durch eine bestimmte Speise (z. B. eine bestimmte Pilzart) mit Mühe und Not überlebt hat, tut gut daran, nicht noch weitere Lernerfahrungen zu brauchen, um diesen Zusammenhang zu verstehen. Eine abschließende Würdigung des Behaviorismus Wie ist der Behaviorismus insgesamt zu bewerten? Handelte es sich bei ihm um eine Sackgasse der Psychologie, aus der sich diese nur mühsam befreien konn- Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 90 91 Eine abschließende Würdigung des Behaviorismus Kapitel 4 te, oder aber sind die wesentlichen Aussagen des Behaviorismus nach wie vor gültig? Die in den letzten Abschnitten diskutierten Kritikpunkte zeigen, dass einige wichtige Postulate des Behaviorismus empirisch falsifiziert (d. h. widerlegt) sind. Dazu gehört vor allem die Annahme, alle Lernprozesse verliefen im Wesentlichen identisch, unabhängig von Spezies oder Verhaltensdomäne. Wie in diesem Kapitel aber gezeigt werden konnte, ist Lernen nicht gleich Lernen! Je nach Selektionsdruck ist die Lernfähigkeit einer Spezies in einem bestimmten Lebensbereich besonders hoch oder eher niedrig. Dies bezieht sich zum einen auf die Komplexität dessen, was gelernt werden kann, zum anderen auf die Schnelligkeit, mit der gelernt wird. Also ab mit dem Behaviorismus in das psychologiegeschichtliche Raritätenkabinett? Einer solchen Verdammnis folgend, liefe man Gefahr, das sprichwörtliche Kind mit dem Bade auszuschütten. Denn unzählige Experimente haben gezeigt, dass Organismen ihr Verhalten zumindest in bestimmten Kontexten in einer Art ändern, die durch die behavioristischen Lerntheorien sehr genau erklärt werden kann. Vielleicht sollten die behavioristischen Lernprinzipien verstanden werden als adaptive Heuristiken, wie diese im Kapitel 2 beschrieben wurden. So sind z. B. die Gesetzmäßigkeiten des instrumentellen Konditionierens geradezu ein Musterbeispiel für das, was Gigerenzer als eine einfache und effiziente Heuristik beschreiben würde. Sie lassen sich in folgende, einfache Handlungsanweisung übersetzen: Wenn ein bestimmtes Verhalten zu positiven Konsequenzen führt, wiederhole es! Wenn ein bestimmtes Verhalten zu negativen Konsequenzen führt, wiederhole es nicht! Die Anwendung einer solchen Heuristik verlangt nur sehr wenig Wissen über die genauen Umweltbedingungen und nur einen minimalen Aufwand an Informationsverarbeitung. Ähnlich ist es mit den von Bandura beschriebenen Mechanismen des Modelllernens, die sich in folgende Heuristiken übersetzen lassen: Wenn Du beobachtest, dass bei einer anderen Person ein bestimmtes Verhalten zu positiven Konsequenzen führt und Du Dich in der Lage fühlst, Dich genauso zu verhalten, dann imitiere dieses Verhalten! Wenn Du Dich zu diesem Verhalten nicht in der Lage fühlst oder wenn das Verhalten bei der Modellperson zu negativen Konsequenzen geführt hat, imitiere das Verhalten nicht! Eine solche Neuinterpretation der behavioristischen Lerngesetze könnte im Übrigen auch erklären, unter welchen Umweltbedingungen diese Heuristiken nicht angewandt werden: Dies ist z. B.: immer dann der Fall, wenn im Laufe der Entwicklungsgeschichte einer Spezies durch einen hohen Selektionsdruck Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 91 92 Anlage versus Umwelt – wie viel menschliches Verhalten ist gelernt?Kapitel 4 komplexere Lernmechanismen evolviert sind, die dann den einfachen Heuristiken vorgezogen werden (z. B. beim menschlichen Spracherwerb, oder bei der Einsicht, dass sich Wasserquellen in ihrer Lokation nur selten, Futterquellen in ihrer Lokation hingegen häufig verändern). Ganz allgemein werden die behavioristischen Lernmechanismen vor allem unter neuartigen Umweltbedingungen aktiviert werden. Genau unter solchen Umweltbedingungen aber sind die meisten behavioristischen Experimente durchgeführt worden. Ratten z. B. erhalten in ihrer natürlichen Umgebung nicht dadurch Futter, dass sie auf einen Hebel drücken. Der Kulturpessimismus der Evolutionspsychologie und der Abschied von den Utopien Wir haben dieses Kapitel damit begonnen, den Glauben an die Plastizität menschlichen Verhaltens aus dem Zeitgeist der Aufklärung und dem Optimismus zu erklären, dass durch eine gezielte Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse das Verhalten des Menschen grundlegend geändert werden könne. Die Evolutionspsychologie hingegen neigt dazu, menschliches Verhalten aus unserem evolutionären Erbe zu erklären und ist deshalb hinsichtlich der Plastizität menschlichen Verhaltens sehr viel skeptischer. Abbildung 4.7: Oft kritisiert, verunglimpflicht und ins Lächerliche gezogen: Trotz etlicher gerechtfertigter Kritikpunkte, hat der Behaviorismus große Aussagekraft, wenn man ihn nur neu interpretiert. (Quelle: Dave Blazek, TMS Reprints) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 92 93 Der Kulturpessimismus der Evolutionspsychologie und der Abschied von den Utopien Kapitel 4 Diese Diskussion bietet eine Fülle von Argumenten, zwei der wichtigsten sollen an dieser Stelle aber genügen: Erstens: Es kann m. E. kein Zweifel bestehen, dass das Verhalten von Homo Sapiens in hohem Maße durch seine Umwelt geprägt ist. Ein Yanamano Indianer am Amazonas und ein Einwohner der Bundesrepublik leben buchstäblich in verschiedenen Welten. Dabei sind die Motive ihres Handelns vermutlich gar nicht so unterschiedlich. Beide sind an gutem Essen und Trinken interessiert, an einen hohen sozialen Status und an einem attraktiven Sexualpartner (siehe Kapitel 3). Aber die Art, wie sie diese Ziele zu erreichen versuchen, ist grundlegend verschieden. Ein moderner Deutscher verbringt seine Tage in einer anderen Umwelt als ein Jäger und Sammler und er tut in dieser Umwelt andere Dinge. Dies ist umso bemerkenswerter, als dass diese beiden Umwelten nicht so sehr durch klimatische oder sonstige vorgegebene Unterschiede charakterisiert sind, sondern sich diese Umwelten vor allem durch die vergangenen Handlungen anderer Menschen unterscheiden. Wir Heutigen leben in einer gänzlich anderen Welt als unsere Vorfahren vor 100.000 Jahren, weil unsere Vorfahren während der letzten 100.000 Jahre diese Welt verändert haben, und sich das Tempo dieser Veränderungen ständig erhöht. Zweitens: Auch wenn der Fortschrittsglauben vergangener Jahrzehnte bzw. Jahrhunderte mittlerweile reichlich naiv erscheint, sollten wir nicht vergessen, wie sehr sich unsere Gesellschaft in der Vergangenheit tatsächlich verändert hat – und oftmals durchaus zum Guten. Wir werden in den folgenden Kapiteln an verschiedenen Stellen darauf zurückkommen. Für einen bei manchem Evolutionspsychologen spürbaren Kulturpessimismus, der sich aus der Überzeugung speist, die „Natur des Menschen“ lasse sich eben nicht verändern, besteht jedenfalls kein Anlass. Die Debatte über Anlage versus Umwelt wird uns in diesem Buch an vielen Stellen wieder begegnen, z. B. in den Kapiteln über Geschlechterunterschiede, Persönlichkeit und interkulturelle Psychologie. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 93 94 Anlage versus Umwelt – wie viel menschliches Verhalten ist gelernt?Kapitel 4 Studentenfutter Lefrancois G. (2003). Psychologie des Lernens. Berlin/Heidelberg/New York: Springer. Richerson, P. J. & Boyd, R. (2005). Not by genes alone: How culture transformed human evolution. Chicago: University of Chicago Press. Kurz und gut 1. Der Behaviorismus fußt auf der Idee, dass Menschen als „tabula rasa“ auf die Welt kommen und in ihrem Verhalten vollständig durch ihre Umwelt determiniert sind. 2. Eine Grundannahme des Behaviorismus besteht darin, dass jegliches Verhalten sowohl beim Menschen als auch bei anderen Spezies auf einige wenige und allgemeine Lernprinzipien zurückgeführt werden kann. 3. Das Prinzip der klassischen Konditionierung besagt: Wenn ein zunächst neutraler Stimulus (A) wiederholt mit einem Stimulus (B) gepaart wird, der zu einer bestimmten Reaktion führt (z. B. Speichelfluss), dann reicht irgendwann die Anwesenheit des zunächst neutralen Stimulus (A), um die Reaktion auszulösen. 4. Das Prinzip des instrumentellen Konditionierens besagt: Wenn ein bestimmtes Verhalten zu einer positiven (negativen) Konsequenz führt, dann steigt (sinkt) die Häufigkeit, mit der dieses Verhalten gezeigt wird. 5. Die sozial-kognitive Lerntheorie nach Bandura besagt, dass Menschen nicht nur durch Versuch und Irrtum, sondern auch durch Einsicht und Verstehen lernen. 6. Menschen lernen nicht nur durch eigene Erfahrungen, sondern auch durch Beobachtung von Modellpersonen. 7. Ob das Verhalten einer Modellperson imitiert wird, hängt davon ab, ob diese für ihr Verhalten belohnt wird und ob der Beobachter sich in der Lage fühlt, die beobachtete Handlung ebenfalls auszuführen. 8. Im Gegensatz zum Behaviorismus betont die moderne Evolutionspsychologie, dass Lernprozesse nicht allgemeinen Gesetzmäßigkeiten folgen, sondern dass Menschen domänenspezifisch mit sehr unterschiedlichen Lernbereitschaften bzw. –fähigkeiten ausgestattet sind. 9. Die Fähigkeit, neue Verhaltensweisen mittels instrumenteller Konditionierung zu lernen, hängt auch von der Art der Stimuluseigenschaften ab. 10. Auch wenn der Behaviorismus die Plastizität menschlichen Verhaltens überschätzt hat, ist menschliches Verhalten in enormem Maße durch unsere Umwelt geprägt. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 94 Kapitel 5 Eine kurze Einführung in die Wissenschaftstheorie Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 95

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References

Zusammenfassung

Vorteile

- Die psychologischen Grundlagen für das wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Studium: von der Allgemeinen über die Sozial- bis zur Wahrnehmungspsychologie

- Kompakter Aufbau

- Komplett vierfarbig

Zum Werk

In den Wirtschaftswissenschaften gilt das Bild des rational denkenden Menschen als überholt. Kenntnisse aus der Psychologie spielen dagegen eine immer größere Bedeutung für die Analyse, was sich nicht zuletzt in der aktuellen Diskussion um die Glücksforschung widerspiegelt.

Dieses Lehrbuch führt Wirtschaftswissenschaftler an die Grundlagen der Psychologie heran und stellt dar, wie sie das menschliche Verhalten (und damit auch das für die Wirtschaftwissenschaften wichtige Entscheidungsverhalten) beeinflussen.

Autor

Prof. Dr. Detlef Fetchenhauer ist Direktor des Instituts für Wirtschafts- und Sozialpsychologie an der Universität zu Köln. Er lehrt darüber hinaus an der Universität Wien.

Zielgruppe

Für Studierende der Wirtschaftswissenschaften an Universitäten und Fachhochschulen sowie Studierende, die im Nebenfach Psychologie belegen müssen (z.B. Lehramt).