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Kapitel 18 Von Vätern und Metzgern: Wie soziale Rollen, soziale Normen und sozialer Status unser Handeln bestimmen in:

Detlef Fetchenhauer

Psychologie, page 396 - 414

1. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3713-3, ISBN online: 978-3-8006-3940-3, https://doi.org/10.15358/9783800639403_396

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407 Kapitel 18 Kapitel 18 Von Vätern und Metzgern: Wie soziale Rollen, soziale Normen und sozialer Status unser Handeln bestimmen Sozial normal – Was sind soziale Normen? Nach John Turner (1991) können soziale Normen definiert werden als Regeln des Denkens, Fühlens und Handelns, an denen sich ein Akteur in einer bestimmten Situation orientieren sollte. Sie beziehen sich dabei auf die unterschiedlichsten Lebensbereiche: Welche Kleidung ist in einer bestimmten Situation – z. B. bei einer Hochzeit oder beim Besuch einer wissenschaftlichen Konferenz – angemessen? Welche Speisen sind erlaubt und welche nicht (z. B. dürfen Moslems kein Schweinefleisch essen)? Welche Sexualpraktiken sind „normal“ und welche sind unmoralisch (z. B. Sex mit Minderjährigen)? Ist es legitim, dem Finanzamt einen Teil seiner Einkünfte zu verschweigen oder ist dies unmoralisch (unabhängig von der rechtlichen Bewertung dieses Verhaltens)? Anhand dieser Beispiele lassen sich bereits einige wesentliche Merkmale sozialer Normen verdeutlichen: Merkmale sozialer Normen InhaltSozial normal – Was sind soziale Normen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 407 Injunktive versus deskriptive Normen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 408 Warum befolgen Menschen eigentlich soziale Normen? . . . . . . . . . . . . . . . . 410 Herkunft und Veränderung sozialer Normen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 414 Soziale Rollen und wie sie uns beeinflussen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 415 Verschiedene Konzeptionen sozialer Rollen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 416 Das Stanford-Gefangenenexperiment . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 418 Rollenkonflikte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 418 Rollen als Be- und Entlastung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 419 Sozialer Status . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 420 Status, Macht und sozialer Einfluss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 421 Konsequenzen des sozialen Status . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 421 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 422 Kurz und gut . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 423 Studentenfutter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 424 Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 407 408 Von Vätern und MetzgernKapitel 18 (1) Soziale Normen beinhalten immer auch eine moralische Komponente, d. h. der Verstoß gegen eine bestimmte soziale Norm wird von den Sendern dieser Norm als unethisch betrachtet. (2) Verschiedene Normsender können sich in der Bewertung eines bestimmten Verhaltens sehr unterscheiden. So mag der eine Steuerhinterziehung als Kavaliersdelikt betrachten, ein anderer hingegen mag darin eine schwere moralische Verfehlung sehen. (3) Soziale Normen beziehen sich nicht nur auf ein bestimmtes Verhalten, sondern auch auf das Denken und Fühlen einer Person. Ein Beispiel: Paula verlangt von Paul nicht nur, dass dieser sie nicht betrügt, sondern auch, dass dieser noch nicht einmal daran denkt, dies zu tun bzw. dies auch gar nicht will. (4) Soziale Normen haben immer eine objektive und eine subjektive Komponente. Die objektive Komponente bezieht sich darauf, welche normativen Erwartungen von einem Normsender an eine andere Person – d. h. an den Normempfänger – gerichtet werden. Die subjektive Komponente bezieht sich darauf, welche normativen Erwartungen von einem Normempfänger in einer bestimmten Situation wahrgenommen werden. In manchen Fällen fällt es uns schwer, einer sozialen Norm zu folgen, weil wir unsicher sind, worin diese genau besteht. Solche Unsicherheiten stellen sich vor allem dann ein, wenn wir ein bestimmtes Verhalten zum ersten Mal zeigen sollen (z. B. wenn wir zum ersten Mal einen Hummer essen müssen oder wenn wir zum ersten Mal vor einem Traualtar stehen). (5) Soziale Normen unterscheiden sich im Grad ihrer Allgemeinheit. Während einige soziale Normen abstrakt sind und einen breiten Gültigkeitsbereich haben (z. B. allgemeine Höflichkeitsnormen), gelten andere Normen nur für sehr spezifische Situationen (z. B. Bekleidungsvorschriften für Hochzeiten). Injunktive versus deskriptive Normen Normen lassen sich im Hinblick auf ihre Vermittlung und Wahrnehmung in zwei Kategorien unterscheiden: injunktive und deskriptive Normen (Cialdini et al., 1990). Injunktive Normen beziehen sich auf die von einem Akteur wahrgenommenen normativen Erwartungen seiner Umwelt. Erwartet meine Freundin zum Beispiel, dass ich im Restaurant für sie mitbezahle? Was sind die Erwartungen meiner Kollegen und meines Vorgesetzten hinsichtlich der Zeit, wann ich morgens ins Büro komme, und hinsichtlich der Zeit, wann ich dieses abends wieder verlasse? Deskriptive Normen hingegen beziehen sich auf das von einem Akteur wahrgenommene tatsächliche Verhalten anderer. Ist es üblich, für seine Freundin im Restaurant zu bezahlen? Wann kommen meine Kollegen morgens zur Arbeit und wann verlassen sie abends ihr Büro? „Die Menschen scheinen nicht leben zu können ohne Normen, nach denen sie nicht leben wollen.“ Wolfgang Mocker, (1954–2009), dt. Journalist und Autor Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 408 409 Sozial normal – Was sind soziale Normen? Kapitel 18 Die Wirksamkeit injunktiver und deskriptiver Normen wurde experimentell eingehend untersucht (Reno, Cialdini & Kallgren, 1993). In einer Studie von Cialdini und Kollegen z. B. fanden Bürger (die nicht wussten, dass sie an einem Experiment teilnahmen) ein Flugblatt hinter der Windschutzscheibe ihres Autos. Die abhängige Variable bestand darin, ob sie dieses Flugblatt auf den Boden werfen würden oder nicht. Die unwissenden Versuchsteilnehmer befanden sich dabei in unterschiedlichen Versuchsbedingungen. In der ersten Bedingung warf ein Mitarbeiter des Versuchsleiters vor ihren Augen eine leere Tüte eines Fast Food-Unternehmens auf den Boden und signalisierte dadurch die deskriptive Norm, dass man auf diesem Parkplatz seinen Müll auf den Boden wirft. In der zweiten Versuchsbedingung hob ein Mitarbeiter des Versuchsleiters vor den Augen der Versuchsperson die leere Tüte vom Boden auf und warf sie in einen Papierkorb. Durch dieses Verhalten wurde die injunktive Norm signalisiert, dass das achtlose Wegwerfen von Müll unmoralisch sei. In einer dritten Bedingung (der Kontrollbedingung) ging ein Mitarbeiter des Versuchsleiters lediglich an der Versuchsperson vorbei, ohne Müll zu verursachen oder zu beseitigen. Unabhängig von diesen drei unterschiedlichen Versuchsbedingungen war der Parkplatz zusätzlich entweder mit Müll übersäht oder aber völlig sauber und aufgeräumt. Diese zweite Variable kann ebenfalls als eine Operationalisierung deskriptiver Normen aufgefasst werden. Die folgende Abbildung zeigt den Anteil der verschmutzenden Versuchspersonen in den unterschiedlichen Versuchsbedingungen, die das Flugblatt auf den Boden warfen. Wirksamkeit injunktiver und deskriptiver Normen Robert Cialdini (*1945) US-amerikanischer Sozialpsychologe – Cialdini beschäftigt sich vorrangig mit Marketingpsychologie und dem Einfluss sozialer Normen. In der breiten Öffentlichkeit bekannt wurde er durch seine populärwissenschaftliche Bücher zur Psychologie der Überzeugung. Keine (andere Person geht vorbei) Deskriptiv (Person wirft Tüte weg) Injunktiv (Person hebt Tüte auf) 0 5 10 15 20 25 30 35 40Anteil der verschmutzenden Testpersonen Art der in der Situation salient gemachten Norm Saubere Umgebung Verschmutzte Umgebung Abbildung 18.1: Injunktive Normen beeinflussen das Verhalten stärker als deskriptive Normen. (Quelle: Eigene Darstellung, nach Reno, Cialdini & Kallgren, 1993) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 409 410 Von Vätern und MetzgernKapitel 18 Wie man sieht, hatten in dieser Studie injunktive Normen einen hohen Einfluss auf das Verhalten der Versuchspersonen und zwar unabhängig davon, ob der Parkplatz insgesamt sauber war oder nicht. Der Einfluss deskriptiver Normen hingegen war schwächer und nur dann signifikant, wenn sowohl durch das Verhalten des Mitarbeiters des Versuchsleiters als auch durch den Müll auf dem Parkplatz signalisiert wurde, dass es in dieser Situation üblich ist, seinen Müll auf den Boden zu werfen. Aus den Ergebnissen dieser Studie sollte jedoch nicht gefolgert werden, dass deskriptive Normen ganz allgemein weniger wichtig sind als injunktive Normen. So weist Cialdini (2005) darauf hin, dass deskriptive Normen das Verhalten von Menschen in einer sehr subtilen Weise beeinflussen. In einem Feldexperiment wurde beispielsweise der Text eines Hinweisschildes variiert, mit dem Hotelgäste dazu animiert werden sollten, ihre Handtücher nicht täglich waschen zu lassen sondern mehrfach zu benutzen (Goldstein et al., 2008). Hierbei verwandten sie vier verschiedene Texte: 1) „Helfen Sie die Umwelt zu schützen!“, 2) „Helfen Sie Ressourcen für zukünftige Generationen zu schonen!“, 3) „Werden Sie unser Partner im Umweltschutz!“, 4) „Machen Sie es so wie andere Hotelgäste und schützen Sie die Umwelt!“ Die Ergebnisse dieses Feldexperiments zeigten sehr deutlich, dass vor allem in der vierten Versuchsbedingung, in der Informationen über deskriptive Normen gegeben wurden, die Bereitschaft der Hotelgäste stieg, ihre Handtücher mehrfach zu benutzen. Warum befolgen Menschen eigentlich soziale Normen? Warum hält ein Autofahrer nachts an einer roten Ampel, auch wenn weit und breit weder ein anderer Verkehrsteilnehmer noch ein Polizist zu sehen ist? Warum geben Menschen Einkünfte aus Nebentätigkeiten bei ihrem Finanzamt an, auch wenn es sehr unwahrscheinlich erscheint, dass das Finanzamt einen Steuerbetrug entdecken würde und im Falle einer Aufdeckung nur mit einer geringen Geldstrafe zu rechnen wäre? Warum kaufen sich Menschen für eine Beerdigung einen schwarzen Anzug, obwohl sie diesen ansonsten kaum gebrauchen können (und der Tote ohnehin nichts davon hat)? Warum wird es einem kleinen Kind nachgesehen, wenn es in einem Restaurant nicht mit Messer und Gabel isst, seinen Eltern hingegen nicht? Bei der Beantwortung solcher Fragen ist zwischen Situationen zu unterscheiden, in denen es im materiellen Eigeninteresse einer Person liegt, bestimmten sozialen Normen zu folgen, und solchen, in denen dies im Widerspruch zu ihrem eigenen Interesse liegt. So ist es z. B. im eigenen Interesse eines Autofahrers, sich Erklärung norm konformen Verhaltens Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 410 411 Sozial normal – Was sind soziale Normen? Kapitel 18 (zumindest in Deutschland) an die Regel des Rechtsverkehrs zu halten. Im Falle solcher Koordinationsnormen ist die Befolgung einer Norm nicht weiter erklärungsbedürftig. Sehr häufig aber halten sich Menschen auch dann an soziale Normen, wenn dies für sie mit Kosten und Unannehmlichkeiten verbunden ist. Zur Erklärung dieses Verhaltens werden in der Regel zwei unterschiedliche Erklärungsansätze angeboten: Erstens: Die Nichtbefolgung sozialer Normen wird von Dritten negativ sanktioniert. Zweitens: Soziale Normen werden im Laufe der Sozialisation internalisiert. Die erste Erklärung geht davon aus, dass sich Menschen oftmals deshalb an soziale Normen halten, weil sie von anderen bestraft werden, wenn sie dies nicht tun. Im Bereich gesetzlicher Normen gibt es spezialisierte Sanktionsinstanzen (wie die Polizei oder das Rechtssystem), die darauf achten, dass sich die Bürger an bestehende Gesetze halten. Oftmals wichtiger als legale Normen sind für das soziale Miteinander jedoch informelle soziale Normen, deren Einhaltung nicht durch das Justizsystem er- Sanktionen Abbildung 18.2: Manche Normen befolgen Menschen aus direktem Eigeninteresse. So ist es z. B. sinnvoll, in Deutschland auf der rechten Straßenseite zu fahren, doch in angelsächsischen Ländern sollte man sich an die Norm des Linksverkehrs halten. (© Benshot – Fotolia.com) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 411 412 Von Vätern und MetzgernKapitel 18 zwungen wird. Hierbei ist allerdings darauf hinzuweisen, dass die Durchsetzung sozialer Normen durch die Sanktionierung von Normabweichlern oftmals mit Kosten verbunden ist. Beobachtet z. B. jemand, wie in einer Fußgängerzone ein Ausländer von Skinheads provoziert wird und stellt sich auf die Seite des Ausländers, begibt er sich damit in die Gefahr, selbst von den Skinheads attackiert zu werden. Bereits im vorigen Kapitel hatten wir diskutiert, dass Menschen bereit sind, sich unfair verhaltende andere Versuchspersonen zu bestrafen, auch wenn dies mit eigenen monetären Kosten verbunden ist und ein solches Verhalten nicht im finanziellen Eigeninteresse des Bestrafenden liegt (Fehr & Fischbacher, 2003; Yamagishi, 1986). Warum sind Menschen bereit, die Kosten für die Bestrafung anderer auf sich zu nehmen? Verschiedene Studien wiesen nach, dass ein solches Verhalten oftmals durch moralische Emotionen wie Verärgerung oder Empörung motiviert ist und die Bestrafung einer Person, die gegen bestehende Normen verstößt, zu positiven Emotionen auf Seiten des Bestrafenden führt (de Quervain et al., 2004). Dies erklärt allerdings nicht, warum Menschen solche Emotionen erleben. Denn aus evolutionsgeschichtlicher Perspektive hätte es adaptiver sein sollen, die Bestrafung von „Free Ridern“ anderen zu überlassen, da solche Sanktionen oftmals mit Kosten für den Bestrafenden verbunden sind (Fehr & Gächter, 2002). Allerdings können Bestrafungen von Normabweichlern häufig auch relativ „preiswert“, sein. Dies ist besonders dann der Fall, wenn die Bestrafungskosten unter einer Anzahl an Personen aufgeteilt werden und wenn die Sanktion aus der sozialen Meidung einer Person besteht. Eine Vielzahl an Studien zeigt, dass der Ausschluss aus einer sozialen Gruppe für Menschen eine massive psychische Belastung darstellt (siehe Kapitel 17). Es handelt sich dabei demnach um eine durchaus gefürchtete und effektive Sanktion. So wird z. B. ein bestimmter Mitarbeiter auf dem nächsten Betriebsausflug gemieden oder nicht mehr zu privaten Geburtstagsfeiern eingeladen, weil er gegen die Norm verstoßen hat, keine Über- Abbildung 18.3: Ein weiterer Grund, warum Menschen sich meist an soziale Normen halten, ist die Angst vor Bestrafung, welche oft in Form von Ausschluss, Mobbing und Meidung erfolgt. (© godfer – Fotolia.com) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 412 413 Sozial normal – Was sind soziale Normen? Kapitel 18 stunden zu machen. Einen solchen Ausschluss vermeidet man dadurch, dass man sich an die Normen seiner Bezugsgruppe hält (z. B. indem man als Jugendlicher die „richtigen“ Turnschuhe trägt und die „richtige“ Jeansmarke). Neben der Furcht vor den Sanktionen anderer halten sich Menschen aber auch deshalb an soziale Normen, weil sie diese im Laufe ihrer Sozialisation internalisiert haben. Dadurch werden Normen ein Teil von uns, dem wir uns kaum entziehen können und Menschen reagieren mit Gefühlen von Schuld und Scham, wenn sie sich nicht an bestimmte Normen halten, deren Befolgung sie selber für moralisch geboten halten. Schon Freud hat in seinem Instanzenmodell der Psyche (aus Es, Über-Ich und Ich) darauf hingewiesen, dass Menschen in ihrem Verhalten maßgeblich durch ihr „Über-Ich“ geprägt sind. Menschen befolgen soziale Normen oftmals auch dann, wenn sie rein kognitiv den Sinn einer solchen Norm in Frage stellen. So erzählte mir einmal eine ältere Dame, dass ihr als kleines Kind unter Androhung von Hölle und Fegefeuer verboten worden sei, beim Schwimmen ins Meer zu urinieren. Heute, Jahrzehnte später, wisse sie, dass ein solches Verhalten zu keinerlei Schaden für die Umwelt oder andere Schwimmer im Meer führe, dennoch aber schäme sie sich bei dem Gedanken, ins Meer zu urinieren und sei körperlich nicht dazu in der Lage (wenn Sie, lieber Leser, dieses Beispiel unappetitlich finden, mag dies daran liegen, dass Sie als Kind ähnlich erzogen wurden). Solche Scham- und Schuldgefühle wider besseren Wissens sind ein häufiges Problem im Erleben der Sexualität von Menschen (vor allem Frauen), die in einem Klima erzogen wurden, in dem das Genießen der eigenen Sexualität als „schmutzig“ und „unmoralisch“ dargestellt wurde (Daniluk, 1998). In diesem Zusammenhang ist auch darauf hinzuweisen, dass Religion häufig die Funktion übernimmt, die Einhaltung sozialer Normen (kostengünstig) zu kontrollieren. So kennen z. B. die drei monotheistischen Religionen des Judentums, des Christentums und des Islams die Vorstellung eines allwissenden Gottes, der jede Nichtbefolgung sozialer (religiöser) Normen beobachtet und entweder sofort oder nach dem Tode bestraft (Fetchenhauer, 2009). In einer Studie (Baldwin, Carrell & Lopez , 1990) verminderte sich das Selbstwertgefühl von Katholiken, wenn sie ein Bild des Papstes gesehen hatten, auf dem dieser unfreundlich guckte. Hierbei hatten Versuchspersonen das Bild des Papstes nur für wenige Millisekunden gesehen, so dass sie sich gar nicht bewusst an dieses Bild erinnern konnten. Sozialisation Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 413 414 Von Vätern und MetzgernKapitel 18 Herkunft und Veränderung sozialer Normen Eine wichtige Frage ist, wie Normen eigentlich entstehen und warum sie sich verändern. Diese Frage ist allerdings nur schwer zu beantworten (Elster, 2007) und der diesbezügliche Erkenntnisstand der Sozialwissenschaften (einschließlich der Sozialpsychologie) ist sehr unbefriedigend. Zur Erklärung der Herkunft sozialer Normen können folgende drei Erklärungsansätze unterschieden werden (Opp, 1983; Horne, 2007): Erstens: Soziale Normen entstehen dann, wenn ein bestimmtes Verhalten häufig ausgeführt wird. Juristen sprechen hierbei von der „normativen Kraft des Faktischen“. Bei dieser Erklärung bleibt allerdings unklar, warum ein Verhalten so häufig gezeigt wird, dass es irgendwann von einer statistischen zu einer sozialen Norm wird. Zudem gibt es viele Verhaltensweisen, die sehr weit verbreitet sind, dennoch aber nicht zur sozialen Norm werden, sondern im Gegenteil sozial verurteilt werden, wie z. B. Neid und Missgunst. Zweitens: Soziale Normen dienen dem (friedlichen) Zusammenleben der Menschen in einer Gesellschaft. Diese Erklärung krankt allerdings daran, dass sie dem so genannten „funktionalistischen Fehlschluss“ erliegt – das in Frage stehende Phänomen wird aus seiner sozialen Funktion heraus erklärt, ohne dass angegeben wird, welcher Mechanismus die einzelnen Akteure dazu bringt, sich in einer bestimmten Weise zu verhalten. Drittens: Soziale Normen dienen den Interessen der Herrschenden und werden von diesen auch definiert sowie aufrechterhalten. Ein Beispiel: In vie- Erklärungsansätze zur Normentstehung Funktionalistischer Fehlschluss gecancelt downgeloaded stylisch out sein Backpacker gestrichen heruntergeladen modern altmodisch sein Rucksackreisender Abbildung 18.4: Die normative Kraft des Faktischen: Eine Erklärung zum Ursprung von Normen ist, dass zur Norm wird, was alle tun. So werden z. B. manche Wörter von Deutschen mittlerweile nur noch in ihrer englischen Form benutzt. Wer heute noch „Haarwaschmittel“ statt „Shampoo“ sagt, widersetzt sich einer unausgesprochenen Norm. (Quelle: Eigene Darstellung) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 414 415 Soziale Rollen und wie sie uns beeinflussen Kapitel 18 len afrikanischen Ländern gilt es als soziale Norm, dass sich junge Frauen die Klitoris beschneiden lassen, wobei diese Norm nicht im Interesse der betroffenen Frauen liegt, sondern im Interesse der sie dominierenden Männer. Gemäß diesem Erklärungsansatz ließe sich argumentieren, dass Menschen oder Kollektive von Menschen dann soziale Normen einführen, wenn sie sich durch die Nichteinhaltung dieser Normen negativ betroffen fühlen und wenn sie die Macht haben, solche Normen auch durchzusetzen. So erfolgte die soziale Ächtung von Fahren unter dem Einfluss von Alkohol erst dann, als aus verschiedenen Studien deutlich wurde, wie sehr die Unfallwahrscheinlichkeit nach dem Genuss von Alkohol steigt (Horne, 2007). Noch schwieriger als die Erklärung der Herkunft sozialer Normen gestaltet sich die Erklärung ihrer Veränderung. In den letzten Jahrzehnten haben sich in vielen westlichen Ländern soziale Normen hinsichtlich Sexualität, Ehe und Partnerschaft deutlich verändert. Während z. B. vor 50 Jahren das unverheiratete Zusammenleben von Mann und Frau massiv gegen soziale Normen verstieß (und sich z. B. ein Vermieter der „Kuppelei“ schuldig machte, wenn er dies duldete), wird ein solches Verhalten heute kaum noch negativ sanktioniert. Woran liegt es also, dass sich diese Norm verändert hat? Auf der Mikroebene sind Veränderungen sozialer Normen immer dadurch gekennzeichnet, dass zunächst einige wenige und dann immer mehr Akteure sich nicht (mehr) an eine bestimmte Norm halten bzw. einer veränderten Norm folgen. Aus ökonomischer Sicht ließe sich argumentieren, dass Menschen dann einer sozialen Norm nicht mehr folgen, wenn die Kosten von Normkonformität über ihrem Nutzen liegt. Ein solcher Ansatz kann aber nur schwer erklären, warum Menschen oftmals auch dann an sozialen Normen festhalten, wenn dies für sie mit erheblichen Kosten verbunden ist. Soziale Rollen und wie sie uns beeinflussen Eng mit dem Konzept sozialer Normen verbunden ist der Begriff der sozialen Rolle. Unter sozialen Rollen versteht man die Gesamtheit der normativen Erwartungen, die an den Inhaber einer bestimmten sozialen Position gerichtet werden (zu unterschiedlichen Rollenerwartungen an Männer und Frauen siehe auch Kapitel 9). So erwartet man z. B. von einer Mutter Engagement und Einsatz für ihre Kinder, Warmherzigkeit, aber auch Durchsetzungsfähigkeit bei der Erziehung und oftmals das Zurückstellen eigener beruflicher Ambitionen. Katholische Geistliche haben ein keusches (d. h. asexuelles) Leben zu führen und sollten bereit sein, den eigenen Glauben in die Gemeinde zu tragen (d. h. ein katholischer Geistlicher sollte nicht an der Existenz Gottes zweifeln und schon „Wir alle spielen Theater.“ Erving Goffman (1922–1982), US-amerikanischer Soziologe Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 415 416 Von Vätern und MetzgernKapitel 18 gar nicht öffentlich darüber predigen). Diese Beispiele machen deutlich, dass die Gültigkeit bestimmter sozialer Normen oftmals an bestimmte Adressaten, d. h. an die Inhaber bestimmter sozialer Rollen und Positionen, geknüpft ist. So verlangt die katholische Kirche nicht von allen gläubigen Katholiken (völlige) sexuelle Enthaltsamkeit, sondern nur von ihren Priestern und Bischöfen. Ein anderes Beispiel gibt Ariely (2008): Es ist sehr üblich und entspricht der sozialen Rolle des Gastes, wenn man im Restaurant für sein Essen bezahlt und sich für einen hervorragenden Service durch ein hohes Trinkgeld erkenntlich zeigt. Es entspricht jedoch nicht der Rolle eines Gastes, wenn man sich bei einer privaten Einladung für die hohe Qualität des Essens bedankt, indem man seiner Schwiegermutter einen 20-Euro-Schein zukommen lässt. Verschiedene Konzeptionen sozialer Rollen In der soziologischen Rollentheorie werden zumeist zwei unterschiedliche Konzeptionen sozialer Rollen unterschieden: Der Strukturfunktionalismus und der Symbolische Interaktionismus (Fischer & Wiswede, 2009). Sie unterscheiden sich vor allem durch die (angenommene) Generalität bzw. Individualität sozialer Rollen. In der Tradition des von Parsons entwickelten Strukturfunktionalismus werden Rollen als gesellschaftliche Vorgaben betrachtet, denen sich der Inhaber einer sozialen Rolle weitgehend sklavisch zu unterwerfen hat (Parsons, 1991). In dieser Konzeption bestehen Gesellschaften bzw. soziale Organisationen vor allem aus einem System sozialer Positionen, die weitgehend unabhängig von den konkreten Personen existieren, welche diesen Positionen zugeordnet sind. Der von Georg Herbert Mead (1934) begründete symbolische Interaktionismus betont hingegen den dynamischen Charakter sozialer Rollen. Danach werden Rollen jeweils individuell ausgehandelt und der Inhaber einer sozialen Rolle hat hohe Freiheitsgrade, seine Rolle individuell zu definieren. Die Gültigkeit beider Paradigmen hängt in großem Maße von der konkreten Rolle ab, die eine bestimmte Person innehat. So kann z. B. ein Universitätsprofessor relativ frei entscheiden, in welchen Bereichen er forscht, wie viele Doktoranden er betreut und ob er zu den Studierenden ein vertrautes oder ein eher distanziertes Verhältnis pflegt. Auf der anderen Seite hat ein Gefreiter bei der Bundeswehr sehr viel weniger Möglichkeiten zur Gestaltung seiner eigenen Rolle und muss sich stattdessen weitgehend den Befehlen seiner Vorgesetzten unterordnen. Grundsätzlich lässt sich allerdings festhalten, dass so gut wie jede Rolle sowohl Rollenzwänge als auch Freiräume zur individuellen Ausgestaltung der Rolle Strukturfunktionalismus Symbolischer Interaktionismus Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 416 417 Soziale Rollen und wie sie uns beeinflussen Kapitel 18 beinhaltet. So ist auch ein Universitätsprofessor Zwängen unterworfen und auch ein Bundeswehrsoldat hat begrenzte Freiheiten bei der Definition seiner Rolle. Die Sozialpsychologie fügt den beiden genannten Konzepten eine weitere Perspektive hinzu, der zufolge soziale Rollen oftmals als kognitive Schemata definiert werden (zum Konzept sozialer Schemata siehe auch Kapitel 13). Soziale Rollen sind hierbei als besondere Formen sozialer Stereotype zu verstehen, die dem Inhaber einer Rolle bestimmte Eigenschaften zuschreiben, wobei diese sich nicht nur auf die normativen Inhalte, sondern ganz allgemein auf typische Eigenschaften des Inhabers einer bestimmten Rolle beziehen. So gehört es etwa zum Stereotyp eines Balletttänzers, dass dieser homosexuell ist, ohne dass dies von ihm normativ erwartet würde. Kognitive Schemata helfen somit als automatisierte Denkmuster, Informationen schneller auszuwerten und zu verarbeiten. Bereits in Kapitel 13 hatten wir darauf hingewiesen, dass eine Sonderform kognitiver Schemata so genannte Skripte sind, die sich auf die typischen Handlungsfolgen von Menschen in bestimmten Interaktionssituationen beziehen. Soziale Skripte sind oftmals kulturgebunden, was zu erheblichen Kommunikationsstörungen führen kann, wenn sich die beteiligten Akteure der Kulturgebundenheit ihres Verhaltens nicht bewusst sind. So hatte z. B. ein niederländischer Kollege einmal ein befreundetes amerikanisches Ehepaar zum Essen zu sich nach Hause eingeladen. Der Abend war sehr gelungen, aber ab einer bestimmten Uhrzeit hätte es der Gastgeber gerne gesehen, wenn die Gäste den Abend beendet hätten und nach Hause gegangen wären. Wie sich einige Stunden und mehrere Tassen Kaffee später herausstellte, wären auch die Gäste gerne gegangen, warteten aber darauf, dass die Gastgeber den Abend beendeten. Übrigens: Das besagte amerikanische Paar verbrachte einige Monate in den Niederlanden, um sich aus Kultur vergleichender Perspektive mit Unterschieden zwischen Amerikanern und Niederländern zu beschäftigen, war also für Unterschiede zwischen beiden Kulturen hochgradig sensibilisiert – und brauchte dennoch Stunden, um sich der Kulturgebundenheit ihrer eigenen Rollenerwartungen hinsichtlich des Verhaltens von Gästen und Gastgebern bewusst zu werden. Rollen als kognitive Schemata George Herbert Mead (1863– 1931) US-amerikanischer Philosoph und Psychologe – Mead beschäftigte sich u. a. mit der Frage, wie die menschliche Identität zustande kommt und welchen Einfluss die Gesellschaft auf sie hat. Seine Vorstellung, dass der Mensch die Identität erst innerhalb und mithilfe sozialer Beziehungen entwickelt, wurde von seinem Schüler Herbert Blumer in den Begriff „Symbolischer Interaktionalismus“ gegossen. Abbildung 18.5: Manche Rollen lassen mehr Spielraum als andere. So können ProfessorInnen ihren Arbeitsalltag relativ individuell gestalten, SoldatInnen müssen sich jedoch strengen Regeln und Befehlen beugen (Quelle: li: Pixelio; re: © Tetastock – Fotolia.com) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 417 418 Von Vätern und MetzgernKapitel 18 Das Stanford-Gefangenenexperiment Welche dramatischen Konsequenzen soziale Rollen auf das Verhalten von Menschen haben können, zeigt das berühmte Gefängnisexperiment von Zimbardo (Haney, Banks & Zimbardo, 1973; Zimbardo, 2007), das in Deutschland durch die Verfilmung mit Moritz Bleibtreu in einer der Hauptrollen bekannt wurde. In diesem Experiment wurden männliche Versuchspersonen der hochangesehenen Stanford University darum gebeten, für die Dauer von 14 Tagen an einem sozialpsychologischen Versuch teilzunehmen, in dem sie zufällig die Rolle der Wärter bzw. der Insassen eines Gefängnisses einnahmen. Hierbei erhielten sowohl die Wärter als auch die Gefangenen nur sehr vage formulierte Rollenerwartungen. Im Wesentlichen wurden die Teilnehmer aufgefordert, sich so zu verhalten, wie sie es ihrer Rolle für angemessen hielten. Schon nach kurzer Zeit hatten die Versuchsteilnehmer die unterschiedlichen Rollen in einem für die Forscher verblüffenden Ausmaß internalisiert. So verhielten sich die Wärter zunehmend bösartiger und sadistischer, während die Gefangenen die Anweisungen der Wärter nach anfänglichem Protest nahezu ohne Widerstand akzeptierten. Aufgrund der zunehmenden Eskalation sowohl der psychischen als auch der physischen Aggressionen der Wärter musste das Experiment nach sechs Tagen abgebrochen werden. Rollenkonflikte Soziale Rollen können eine Fülle an Erwartungen und impliziten Aufforderungen mit sich bringen. Darum wird die Übernahme bzw. das Ausüben sozialer Rollen oftmals als konfliktträchtig und belastend erlebt. Hierbei lassen sich folgende „Rollenkonflikte“ unterscheiden:Formen von Rollenkonflikten Phillip Zimbardo (*1933) US-amerikanischer Psychologe – Zimbardo wurde in den 1970er Jahren durch das Gefangenenexperiment bekannt, welches den Einfluss von sozialen Situationen und zugewiesenen Rollen auf das Verhalten deutlich gemacht hat. Im Laufe seiner Karriere hat er sich auch mit einer Vielzahl von Themen wie Schüchternheit und Zeit beschäftigt. Abbildung 18.6: Szene aus dem Original des Stanford Gefängnis Experiments in den 1970er Jahren und Plakat einer populären Verfilmung von 2001 mit Moritz Bleibtreu. (Quelle: li: Zimbardo; re: Universum Film GmbH) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 418 419 Soziale Rollen und wie sie uns beeinflussen Kapitel 18 Erstens: Inter-Rollenkonflikte entstehen, wenn man zwei sich widersprechende Rollen gleichzeitig zu erfüllen versucht und so die Anforderungen der sozialen Rollen in Widerstreit zueinander stehen. Dies ist z. B. der Fall, wenn der Chef erwartet, dass ein wichtiges Projekt zur Not auch am Wochenende zu Ende gebracht wird, die Ehefrau oder der Ehemann hingegen erwarten, dass sich ihr Partner am Wochenende um sie kümmert. Zweitens: Intra-Rollenkonflikte liegen dann vor, wenn innerhalb einer Rolle widersprüchliche Erwartungen an eine Person gestellt werden. Diesbezüglich wird oftmals noch zwischen Inter-Sender- und Intra-Senderkonflikten unterschieden. Ein Inter-Senderkonflikt liegt z. B. vor, wenn ein Vater von seiner Frau dazu angehalten wird, die gemeinsamen Kinder nicht zu verwöhnen, während die Kinder erwarten, von ihrem Vater nicht zu streng behandelt zu werden. Ein Intra-Senderkonflikt liegt dagegen z. B. vor, wenn ein Mann von seiner Partnerin sowohl Keuschheit als auch sexuelle Erfahrung erwartet. Drittens: Rolle-Selbst-Konflikte, bei denen eine Person in einer Rolle agieren muss, die sie als unverträglich mit ihrer eigenen Persönlichkeit bzw. ihren eigenen Werten wahrnimmt. Jemand fühlt sich z. B. von seiner Rolle als Metzger belastet, weil er mittlerweile selbst Vegetarier ist. Bereits in Kapitel 9 hatten wir diskutiert, dass Unterschiede zwischen Frauen und Männern von vielen Autoren vor allem darauf zurückgeführt werden, dass diese im Sinne bestimmter Geschlechterrollen sozialisiert werden (Eagly & Wood, 1999; Wood & Eagly, 2002). Nach Meinung dieser Autoren werden Jungen durch die Gesellschaft zu Männern gemacht und Mädchen zu Frauen. Gäbe es hingegen keine unterschiedlichen gesellschaftlichen Erwartungen an Männer und Frauen, dann ließen sich zwischen diesen auch keinerlei Unterschiede feststellen. So argumentieren die Autoren zum Beispiel, Frauen kämen vor allem deshalb nicht in Führungsrollen, weil die Rolle eines typischen Managers eine hohe Übereinstimmung mit der männlichen, nicht aber mit der weiblichen Geschlechterrolle aufweist („Think manager, think male“) (Eagly & Sczesny, 2009). Rollen als Be- und Entlastung Insgesamt lässt sich somit festhalten, dass die Wirkung sozialer Rollen auf unser Leben sehr ambivalent ist. Auf der einen Seite engen sie uns ein und erscheinen uns wie ein Korsett. Sie zwingen uns, Dinge zu tun, die wir oft eigentlich nicht tun wollen. Laut Dahrendorf (1965, 2006) geben sie nicht nur vor, wie wir uns in bestimmten Situationen zu verhalten, sondern auch, wie wir in diesen Situationen zu denken und zu fühlen haben. Eine solche Sichtweise auf soziale Rollen wäre jedoch zu einseitig. Denn auf der anderen Seite helfen uns soziale Rollen Soziale Rollen als kognitive Heuristiken Ralf Dahrendorf (1929–2009) Deutsch-britischer Soziologe und Politiker – Als Soziologe ist Dahrendorf vor allem für sein Konzept des „homo sociologicus“ bekannt, welches den Mensch vorrangig als soziales Wesen darstellt, dass stark durch soziale Rollen, Normen, Erwartungen und Sanktionen anderer geprägt ist. Auf politischer Ebene war Dahrendorf u. a. für die FDP Mitglied des deutschen Bundestages, parlamentarischer Staatssekretär im Auswärtigen Amt und Mitglied der Europäischen Kommission. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 419 420 Von Vätern und MetzgernKapitel 18 dabei, unseren Alltag zu strukturieren und zu gestalten. Sie bewirken, dass das Verhalten unserer Mitmenschen vorhersehbar ist und sie verringern den Koordinationsbedarf bei der Ausgestaltung des sozialen Miteinanders. Soziale Rollen können somit auch als kognitive Heuristiken verstanden werden (zur Funktion von Heuristiken siehe Kapitel 2). In Kapitel 11 hatten wir bereits dargestellt, dass Menschen Situationen bevorzugen, in denen sie zwischen verschiedenen Alternativen frei wählen können. Doch da die Optionsvielfalt in den letzten Jahren stark zugenommen hat und es zunehmend mehr Ressourcen erfordert, sich zwischen verschiedenen Alternativen rational zu entscheiden, können viele Alternativen häufig auch eine paralysierende Wirkung haben (Schwartz, 2005). Insofern können Rollen durch ihre Struktur gebende Art auch befreiend wirken. Sozialer Status Der soziale Status einer Person bezeichnet den Grad der Wertschätzung, der dieser Person von anderen entgegengebracht wird. Dieser Grad an Wertschätzung ist abhängig von den unterschiedlichsten Variablen. In soziologischen Studien wird Status oftmals über eine Kombination aus Einkommen, Bildung und Berufsprestige operationalisiert (Miller & Salkind, 2002). Darüber hinaus ist das Ansehen einer Person in ihrem sozialen Nahumfeld allerdings auch von den Fähigkeiten und Kompetenzen auf Dimensionen abhängig, die nur in einer ganz bestimmten Gruppe von Bedeutung sind. So ist z. B. in einer Gruppe von Skateboardfahrern die Fähigkeit zum „Crossfoot-Casper“ bedeutend für den Status in der Gruppe, während diese Fähigkeit unter einer Gruppe von Psychologieprofessoren nur eine randständige Bedeutung hat. Abbildung 18.7: „Schatz, was soll ich anziehen?“ – Während Männern die Kleiderwahl bei festlichen Anlässen wie einer Hochzeit durch die Norm „Anzug“ erleichtert wird, können Frauen zwischen vielen Alternativen wie Kostüm oder Hosenanzug, Cocktailkleid oder Ballkleid, schwarz oder rot, eng anliegend oder leger wählen. Haben sich Frauen jedoch zuvor für eine gewisse soziale Rolle entschieden – z. B. Femme fatale, graue Maus oder elegante Dame –, dann erfordert die Kleiderwahl weniger Anstrengung. (© seen und © romina rossi – Fotolia.com) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 420 421 Sozialer Status Kapitel 18 Neben diesen sehr spezifischen Dimensionen ist das Ansehen einer Person auch von ihrer Attraktivität und ihrer Körpergröße abhängig. Attraktive, große Menschen genießen ein höheres Ansehen, sind beruflich erfolgreicher und erzielen ein höheres Einkommen als weniger attraktive, kleine Menschen (Hosoda, Stone- Romero & Coats, 2003; Judge & Cable, 2004; Kapitel 8 und 13). Status, Macht und sozialer Einfluss Es werden zwei Formen des sozialen Staus unterschieden: Ein formeller Status drückt sich durch eine offizielle Zuweisung aus (z. B. Stellenbezeichnung in einem Unternehmen oder Bürgermeisteramt), während sich ein informeller Status in sozialen Gefügen spontan ergibt und nicht festgeschrieben ist. Eine Vielzahl von Studien belegt, dass ein hoher formeller oder informeller Status den Einfluss und die Macht einer Person deutlich erhöht. So sind Menschen in Verhandlungsspielen umso mehr zu Zugeständnissen bereit, je höher der soziale Status ihres Verhandlungspartners ist, selbst dann, wenn der Status den Versuchspersonen nach offensichtlich eher zufälligen Merkmalen zugewiesen wurde (Ball et al., 2001). Die berühmten, bereits in Kapitel 15 vorgestellten Studien von Milgram (1974) zeigen, dass Menschen bereit sind, den Anweisungen einer anderen Person Folge zu leisten, wenn diese Anweisungen mit dem Status eines Experten legitimiert werden. Auch unter Wissenschaftlern beeinflusst der soziale Status eines Forschers seinen Erfolg. Die beiden amerikanischen Psychologen Ceci und Peters (1982) reichten unter einem gänzlich unbekannten Namen insgesamt zwölf Manuskripte bei führenden psychologischen Zeitschriften zur Veröffentlichung ein, wobei sie angaben, von einer unbekannten amerikanischen Forschungseinrichtung zu stammen. Sämtliche Manuskripte waren allerdings bereits vorher publiziert worden – in der Regel von namhaften Autoren hoch angesehener amerikanischer Universitäten – und zwar genau in den Journals, in denen Ceci und Peters ihre Dubletten einreichten. In drei Fällen fiel der Schwindel auf, von den übrigen neun Manuskripten wurden acht wegen ihrer vermeintlich niedrigen wissenschaftlichen Qualität abgelehnt. Konsequenzen des sozialen Status Wenn sozialer Status den Einfluss und die Macht einer Person beeinflusst, ist es nicht überraschend, dass Menschen daran interessiert sind, einen möglichst hohen Status zu erreichen. Dies macht auch aus evolutionspsychologischer Per- Formeller vs. Informeller Status Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 421 422 Von Vätern und MetzgernKapitel 18 spektive Sinn, weil Männer mit einem hohen sozialen Status über mehr Sexualpartner verfügen und mehr Kinder zeugen als Männer mit einem niedrigen sozialen Status. Demzufolge ist es auch nicht überraschend, dass sozialer Status – operationalisiert über das Einkommen – positiv mit Lebenszufriedenheit assoziiert ist. Man hört immer wieder, Geld mache nicht glücklich. Empirisch ist es aber eben doch so (Lucas & Schimmack, 2009). Sozialer Status steigert jedoch nicht nur die Lebenszufriedenheit, er erhöht auch die Lebenserwartung. Marmot (2004) spricht in diesem Zusammenhang von einem „Status-Syndrom“ und zeigt in einer Vielzahl von Studien, dass reiche und gebildete Menschen deutlich älter werden als arme und ungebildete Menschen. Zusammenfassung In diesem Kapitel ging es um die Frage, inwiefern menschliches Denken, Fühlen und Verhalten durch unsere soziale Umwelt determiniert ist. Wie wir gesehen haben, ist dies in hohem Maße der Fall. Wir tun vieles, weil bestimmte soziale Normen uns dies nahe legen. Diese Normen sind oftmals an bestimmte soziale Zusammenhang von sozialem Status und Lebenszufriedenheit Michael Marmot (*1945) Britischer Epidemologe – Marmot ist Professor für Epidemologie und Gesundheitswissenschaft sowie Vorsitzender der von der WHO 2005 eingerichteten Kommission für Soziale Determinanten der Gesundheit. Er forscht zur sozial bedingten Ungleichheit von Gesundheitschancen und vor allem zum Einfluss von geringem sozialen Status auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Abbildung 18.8: Hoher Status steigert die Lebenserwartung: Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt beispielsweise genießt in Deutschland den Status des beliebtesten Politikers der jüngeren deutschen Geschichte und hat seinen 90. Geburtstag schon längst hinter sich – trotz Rauchens. (Quelle: Süddeutsche Zeitung) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 422 423 Kurz und gut Kapitel 18 Rollen gekoppelt. Ferner wird unser Verhalten auch von unserem eigenen sozialen Status und dem unserer Interaktionspartner beeinflusst. Auch wenn wir zumeist denken, unser soziales Verhalten sei frei und selbst bestimmt, tun wir oftmals nur dies, was die Gesellschaft von uns fordert. Kurz und gut 1. Soziale Normen können definiert werden als Regeln des Denkens, Fühlens und Handelns, an denen sich ein Akteur in einer bestimmten Situation orientieren sollte. 2. Injunktive Normen beziehen sich auf die von einem Akteur wahrgenommenen normativen Erwartungen seiner Umwelt. 3. Deskriptive Normen beziehen sich auf das von einem Akteur wahrgenommene tatsächliche Verhalten anderer. 4. Menschen halten sich an soziale Normen, weil sie für ihre Nichteinhaltung von anderen sanktioniert werden und/oder weil sie diese im Laufe ihres Lebens internalisiert haben. 5. Soziale Normen dienen dem sozialen Miteinander aller Mitglieder einer Gruppe, werden zum Teil aber auch von den Herrschenden in einer Gesellschaft zur Sicherung ihrer Macht eingesetzt. 6. Unter sozialen Rollen versteht man die Gesamtheit der normativen Erwartungen, die an den Inhaber einer bestimmten sozialen Position gerichtet werden. 7. Das Stanford-Gefangenenexperiment zeigt sehr eindrucksvoll, wie sehr Menschen in ihrem Verhalten von sozialen Rollen beeinflusst werden. 8. Das Ausfüllen sozialer Rollen ist oftmals mit spezifischen Rollenkonflikten verbunden, die daraus entstehen, dass verschiedene Rollen nicht kompatibel miteinander erscheinen (Interrollenkonflikte) oder dass innerhalb einer bestimmten Rolle einander widersprechende Erwartungen bestehen. 9. Der soziale Status bezeichnet den Grad der Wertschätzung, der einer Person entgegengebracht wird. 10. Ein hoher sozialer Status führt zu mehr Lebenszufriedenheit und einer längeren Lebensdauer. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 423 424 Von Vätern und MetzgernKapitel 18 Studentenfutter Dahrendorf, R. (2006). Homo Sociologicus. Ein Versuch zur Geschichte, Bedeutung und Kritik der Kategorie der sozialen Rolle. Wiesbaden: VS Verlag. (Original veröffentlicht 1958) Marmot, M. (2004). The status syndrome. London: Bloomsbury Publishing. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 424 Kapitel 19 Dr. Jeckyll und Mr. Hyde – zur Psychologie von Gut und Böse Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 425

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Zusammenfassung

Vorteile

- Die psychologischen Grundlagen für das wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Studium: von der Allgemeinen über die Sozial- bis zur Wahrnehmungspsychologie

- Kompakter Aufbau

- Komplett vierfarbig

Zum Werk

In den Wirtschaftswissenschaften gilt das Bild des rational denkenden Menschen als überholt. Kenntnisse aus der Psychologie spielen dagegen eine immer größere Bedeutung für die Analyse, was sich nicht zuletzt in der aktuellen Diskussion um die Glücksforschung widerspiegelt.

Dieses Lehrbuch führt Wirtschaftswissenschaftler an die Grundlagen der Psychologie heran und stellt dar, wie sie das menschliche Verhalten (und damit auch das für die Wirtschaftwissenschaften wichtige Entscheidungsverhalten) beeinflussen.

Autor

Prof. Dr. Detlef Fetchenhauer ist Direktor des Instituts für Wirtschafts- und Sozialpsychologie an der Universität zu Köln. Er lehrt darüber hinaus an der Universität Wien.

Zielgruppe

Für Studierende der Wirtschaftswissenschaften an Universitäten und Fachhochschulen sowie Studierende, die im Nebenfach Psychologie belegen müssen (z.B. Lehramt).