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Kapitel 7 Offenbarung oder nur Einbildung – warum glauben Menschen an Gott? in:

Detlef Fetchenhauer

Psychologie, page 147 - 168

1. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3713-3, ISBN online: 978-3-8006-3940-3, https://doi.org/10.15358/9783800639403_147

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139 Kapitel 7 Kapitel 7 Offenbarung oder nur Einbildung – warum glauben Menschen an Gott? Religion als Thema der Psychologie Das Thema Religion sucht man in den meisten Psychologiebüchern vergebens. Überhaupt haben sich Psychologen mit diesem Thema nur selten beschäftigt. Dies hat wohl zum Teil mit der Tatsache zu tun, dass Psychologen ihre Themen lieber aus „theoretischen Fragestellungen“ ableiten als aus dem echten Leben. Bei näherem Hinsehen aber ist das Thema Religion aus psychologischer Perspektive extrem spannend und zwar aufgrund folgender Beobachtungen: 1) Weltweit glaubt eine Mehrheit aller Menschen an Gott bzw. Götter, wobei dieser Glaube negativ mit dem Wohlstand einer Nation korreliert: In armen Ländern sind Menschen religiöser als in reichen Ländern. Aber selbst im „aufgeklärten“ und reichen Westen glaubt eine Mehrheit aller Menschen an ein höheres Wesen (Norris & Inglehart, 2004). InhaltReligion als Thema der Psychologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 139 Gibt es Gott? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 140 Rationale Theologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141 Offenbarungstheologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 142 Agnostizismus versus Atheismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145 Zur psychologischen Erklärung von Religiosität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 146 Ist Religiosität adaptiv? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 147 Religion als evolutionäres Nebenprodukt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149 Der menschliche Geist als Kontingenzsuchmaschine . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149 Confirmation Bias . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 151 Die Wahrnehmung übernatürlicher Agenten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 152 Eigenschaften von Göttern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153 Die Bausteine religiöser Glaubenssysteme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155 Warum Menschen an eine unsterbliche Seele glauben . . . . . . . . . . . . . . . . . 156 Religion, Wissenschaft und Aberglaube . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157 Kurz und gut . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159 Studentenfutter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159 Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 139 140 Offenbarung oder nur Einbildung – warum glauben Menschen an Gott?Kapitel 7 2) Aus wissenschaftlicher Perspektive gibt es für diesen Glauben nur wenig Anlass. Die Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaft sprechen gegen eine Existenz göttlicher Wesen. Dies bedeutet: Die Mehrheit aller Menschen glaubt an etwas, das vermutlich gar nicht existiert. Wie der Kabarettist Jürgen Becker (Becker, 2007) treffend formuliert hat: „Die katholische Kirche versucht seit zweitausend Jahren etwas zu verkaufen, das noch niemand gesehen hat.“ 3) Viele Menschen sind bereit, für ihre Religion extreme Kosten auf sich zu nehmen. Ein erheblicher Teil aller militärischen Konflikte der Vergangenheit, aber auch der Gegenwart sind – zumindest teilweise – religiös motiviert. Wenn sich weltweit Menschen für etwas buchstäblich die Köpfe einschlagen, dessen Existenz äußerst zweifelhaft ist, dann ist es eine spannende psychologische Frage, wie dies zu erklären ist. Das folgende Kapitel ist dabei wie folgt aufgebaut: Im ersten Teil wird es um die Frage gehen, ob Menschen beim gegenwärtigen Stand der Naturwissenschaften mit guten Gründen an Gott glauben können. Weil meine Antwort auf diese Frage eher skeptisch ausfallen wird, wird es im Anschluss um die Frage gehen, warum weltweit eine Mehrheit aller Menschen sehr wohl religiös ist. Dabei geht es mir in diesem Kapitel aber in keiner Weise darum, die religiösen Gefühle eines Lesers zu verletzen. Gibt es Gott? Jede psychologische Erklärung von Religion sieht sich mit dem Problem konfrontiert, dass es weltweit eine unendliche Vielzahl von religiösen Glaubenssystemen gibt. Aus diesem Grund muss eine Definition von Religion sehr abstrakt sein, wenn sie nicht einzelne Religionen ausschließen will. Eine Grundannahme aller Religionen lässt sich mit einem Zitat von Shakespeare ausdrücken, der seinen Hamlet sagen lässt: „There are more things in heaven and earth that are dreamed of in your philosophy“ (Shakespeare, 1603/2008, S. 159–167). Anders ausgedrückt: Nicht alles beruht auf den mechanischen Gesetzen der Naturwissenschaft, sondern es gibt nicht-materielle Entitäten, die Einfluss auf das Leben des Menschen haben. Dieser Annahme folgen die drei großen abrahamitischen Religionen (Judentum, Christentum und Islam) ebenso wie zeitgenössische Jäger- und Sammlergesellschaften, die an Geister und Dämonen glauben, Grundannahme aller Religionen Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 140 141 Gibt es Gott? Kapitel 7 Menschen, die ihr Schicksal durch Mondphasen und Sternzeichen beeinflusst sehen, aber auch Buddhisten, die an eine immaterielle Seele glauben, die im Akt der Wiedergeburt von Körper zu Körper wandert. Wie rechtfertigen Theologen ihren Glauben an eine höhere Macht? Grundsätzlich lassen sich hierbei zwei Arten von Argumentationen unterscheiden, die als „rationale Theologie“ und als „Offenbarungstheologie“ bezeichnet werden. Mit beiden Argumentationen wollen wir uns im Folgenden beschäftigen. Rationale Theologie Rationale Theologie ist der Versuch, den Glauben an Gott mit den Mitteln der Logik und der Wissenschaft zu begründen. Von Theologen sind eine ganze Reihe von „Gottesbeweisen“ vorgelegt worden (siehe Comte-Sponville, 2008). Aus Platzgründen sollen hier aber nur zwei von ihnen exemplarisch diskutiert werden. Ein erstes Argument wurde bereits von Thomas von Aquin vorgebracht. Er vertrat die Ansicht, dass alles naturwissenschaftliche Denken ein bestimmtes Phänomen auf eine bestimmte Ursache zurückführe, die ihrerseits wiederum durch eine andere Ursache determiniert sei. Dies aber führe zu einem infiniten Regress. Stattdessen – so argumentiert Aquin weiter – gebe es eine letzte Ursache, die selber keine Ursache habe: Gott. Die allermeisten Physiker führen die Existenz des Universums auf einen „Urknall“ zurück, der vor 13,7 Milliarden Jahren stattgefunden habe. Für viele Theologen ist diese Urknalltheorie ein Beweis für die Existenz Gottes – wer sonst sollte den Urknall verursacht und damit die Evolution des Universums angestoßen haben? Ein anderes Argument für rationale Theologie besteht in dem Hinweis, dass die Komplexität des Universums und der Natur nur durch das Wirken eines allmächtigen Schöpfergottes zu erklären sei. Im ersten Kapitel hatten wir allerdings Gott als letzte Ursache Komplexität des Universums Abbildung 7.1: Irgendwie nicht von dieser Welt: Der Glaube an etwas Außerweltliches und eine höhere Macht ist allen Religionen gemein. (© Leonid Nyshko – Fotolia.com) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 141 142 Offenbarung oder nur Einbildung – warum glauben Menschen an Gott?Kapitel 7 gesehen, dass die Evolutionstheorie Darwins die adaptive Komplexität der nahezu unendlich vielen Pflanzen- und Tierarten durch die Gesetze der natürlichen Selektion erklären kann, ohne dafür auf einen Schöpfergott zu rekurrieren. Aus Platzgründen können wir auf die Stichhaltigkeit der Argumente, wie sie von rationalen Theologen entwickelt werden, nicht näher eingehen. Deshalb muss hier der Hinweis genügen, dass aus der Perspektive der meisten Logiker sich die Existenz Gottes mit rationalen Argumenten nicht beweisen lässt. Vielfach beruht die Argumentation der rationalen Theologie darauf, dass bestimmte Sachverhalte naturwissenschaftlich nicht zu erklären seien – und der impliziten Hoffnung, dass dies auch in Zukunft so sein möge. Beispiel: Die Determinanten des Urknalls vor 14 Milliarden Jahren sind noch weitgehend unbekannt. Dies führt dazu, dass eine solche Theologie in ständigen Rückzugsgefechten verwickelt ist. So wurde vor Darwin die Existenz verschiedener Tier- und Pflanzenarten auf einen Schöpfungsakt Gottes zurückgeführt, mittlerweile ist diese Annahme von den meisten (nicht allen) Theologen zurückgenommen worden. Zudem hatten wir weiter oben diskutiert, dass jemand, der eine bestimmte Hypothese vertritt, positive Evidenz für deren Richtigkeit anführen muss. Eine Hypothese ist dann gut, wenn sie falsifizierbar ist und wenn sie trotz vielfacher Falsifizierungsversuche bislang nicht widerlegt werden konnte. Die Aussage: „Es gibt ein göttliches Wesen“ ist letztendlich nichts anderes als eine Hypothese, die an den gleichen Kriterien wie alle anderen Hypothesen gemessen werden kann. Von daher ist die Aussage vieler Theologen, die Naturwissenschaft habe noch keineswegs bewiesen, dass Gott nicht existiert, nur wenig überzeugend. Dies lässt sich an folgendem Kinderwitz verdeutlichen: „Siehst Du die tausenden unsichtbaren Elefanten um uns herum? Nein? Dies beweist, dass diese Elefanten wirklich unsichtbar sind.“ Die Aussage, dass wir von unsichtbaren Elefanten umgeben sind, ist in einem strengen wissenschaftlichen Sinne bislang nicht falsifiziert. Macht es deshalb Sinn, daran zu glauben? Offenbarungstheologie Selbst wenn man den Argumenten der rationalen Theologie folgt, ist diese lediglich in der Lage, die Existenz eines abstrakten göttlichen Wesens zu erklären. Tatsächlich aber sind weltweit die meisten religiösen Menschen nicht an abstrakten Gottesbeweisen interessiert – mögen diese zutreffend sein oder nicht –, sondern sie glauben an die Wirkung eines ganz bestimmten Gottes aufgrund eines Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 142 143 Gibt es Gott? Kapitel 7 starken religiösen Gefühls, in dem ihnen die Existenz dieses Gottes unmittelbar offenbar wird. Die Rechtfertigung des Glaubens anhand des eigenen religiösen Empfindens kann deshalb als Offenbarungstheologie bezeichnet werden. Hierzu kann auch der Versuch gezählt werden, religiöse Glaubenssysteme dadurch zu rechtfertigen, dass sich Gott ganz bestimmten Menschen offenbart habe (z. B. Propheten) und diese Menschen deshalb von Gott legitimiert seien, ein bestimmtes Glaubenssystem zu postulieren. Ein Beispiel hierfür sind die 10 Gebote, die Gott dem Moses offenbart hat, damit dieser sie seinem Volk Israel mitteile. Aus logischer Perspektive lässt sich zu religiösen Offenbarungen das Folgende anmerken: Erstens: Religiöse Systeme, die sich auf Offenbarungen berufen, sind tautologisch (d. h. sich selbst rechtfertigend). So glaubt ein Muslim an Allah und betrachtet deshalb den Koran als Gottes Wort. Warum glaubt ein Muslim an Allah? Weil es im Koran steht. Abstrakt formuliert wird die Gültigkeit einer Religion aus dem Inhalt einer bestimmten Offenbarung und zugleich wird die Gültigkeit der Offenbarung aus dem Inhalt einer Religion abgeleitet. Zweitens: Warum gibt es so viele verschiedene Offenbarungen, die einander widersprechen? Muslime glauben aufgrund religiöser Offenbarungen an einen Logische Inkonsistenz des Glaubens Abbildung 7.2: Bei Argumenten für den Glauben an Gott lassen sich zwei Arten unterscheiden: Rationale Argumente und Offenbarung. Die meisten Menschen neigen zu letzterem; sie „fühlen einfach“, dass es eine Art Gott gibt. (Quelle: Die Offenbarung des Johannes. Angerer der Ältere) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 143 144 Offenbarung oder nur Einbildung – warum glauben Menschen an Gott?Kapitel 7 anderen Gott als Christen und diese wiederum an einen anderen Gott als Hindus. Weltweit gibt es über 600 verschiedene Religionen (Bellinger, 1991), von denen nur eine zutreffend sein kann. Aufgrund religiöser Offenbarungen kann nicht entschieden werden, welche von ihnen zutreffend ist. Der Kabarettist Volker Pispers hat dies sinngemäß einmal so ausgedrückt: „Ob Mohammed Recht hat oder der Papst, lässt sich allenfalls entscheiden, nachdem wir gestorben sind. Wenn ich Recht habe, erfahren wir es nie.“ Drittens: Um diese Schwäche auszugleichen, berufen sich viele Religionen auf Wunder, um ihre Gültigkeit zu belegen. Das Christentum z. B. begründet seinen Glauben, dass Jesus der Sohn Gottes war, mit dem Wunder der Auferstehung Jesu drei Tage nach seinem Tod. Auch der Verweis auf Wunder aber löst nicht das Problem, dass es so viele unterschiedliche Religionen gibt. Jede Religion, die sich zu ihrer Rechtfertigung auf (vermeintliche) Wunder beruft, wird durch die (vermeintlichen) Wunder aller anderen Religionen widerlegt. Viertens: Warum offenbart sich Gott immer nur Einzelnen? Moses stieg allein auf den Berg Sinai, um die zehn Gebote zu empfangen, Allah offenbarte sich Mohammed in der Abwesenheit aller anderen Menschen, Jesus erschien nach seinem Tode nur wenigen seiner Jünger. Wenn Gott will, dass die Menschen an ihn glauben, warum verlässt er sich dann auf die Überzeugungskraft einiger weniger Propheten? Fünftens: Wie wir bereits im Kapitel über Wissenschaftstheorie (Kapitel 5) erläutert haben, ist subjektive Stärke kein gutes Argument für das Zutreffen einer Überzeugung. Auch wenn etwa ein Muslim ebenso wie ein Christ zutiefst von der Richtigkeit seiner jeweiligen Religion überzeugt ist, kann doch nur maximal eine Religion wahr sein. Sechstens: Die meisten Religionen, die sich auf Offenbarungen berufen, enthalten nur wenige Aussagen, die empirisch falsifizierbar sind. So kann z. B. die Aussicht auf ein Leben nach dem Tode nicht überprüft werden. Eine Ausnahme hierzu stellt eine Religion dar, die sich 1950 in den Niederlanden um den Heringsfischer Louwrens Voorthuizen bildete (Hutten, 1968, S. 740 ff.). Voorhuizen glaubte, der Auferstehungskörper Christi zu sein, und verkündete folglich, unsterblich zu sein. Einige Menschen folgten ihm und formten eine religiöse Gemeinschaft. Wahrscheinlich ahnen Sie schon, wie diese Geschichte ausging. Voorthuizen starb 18 Jahre später (im Alter von 70Jahren) und seine Sekte fiel wenige Jahre nach seinem Tod in sich zusammen. Zusammenfassend lässt sich somit festhalten, dass es für die Annahme göttlicher Wesen nur wenige rationale Gründe gibt. Aus diesem Grunde werden wir uns „Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind“ Goethe (1749–1832) deutscher Dichter Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 144 145 Gibt es Gott? Kapitel 7 weiter unten mit der Frage beschäftigen, wie ein solcher Glaube psychologisch erklärbar ist. Agnostizismus versus Atheismus Auffallend viele Naturwissenschaftler würden sich dennoch nicht als Atheisten, sondern eher als Agnostiker bezeichnen, d. h. sie leugnen nicht die Existenz Gottes, sondern argumentieren, dass zu dieser Frage keine wissenschaftliche Aussage möglich sei. So fügt z. B. auch der Biologe Eckart Voland seiner evolutionären Begründung für die Existenz religiöser Empfindungen beim Menschen folgenden Satz hinzu: „Diese Aussage nimmt übrigens nicht Stellung zu der Frage, ob es Gott gibt oder nicht“ (Voland, 2007, S. 117). Auch der Astrophysiker Harald Lesch und sein Koautor Harald Zaun erklären: „Gott steht nicht außerhalb der Evolution. Glauben und Wissenschaft müssen nicht miteinander kollidieren oder einander ausschließen“ (Lesch & Zaun, 2008, S. 11). Allerdings sind nicht alle Naturwissenschaftler derart tolerant. Für den bekannten britischen Biologen Richard Dawkins ist der Glaube an Gott eine „Delusion“ (was sich ins Deutsche mit „Täuschung“, aber auch mit „Wahnvorstellung“ übersetzen lässt) (Dawkins, 2006). „Ich habe nichts gegen Frömmigkeit, sie ist zugleich Bequemlichkeit. Wer ohne Frömmigkeit will leben, muss großer Mühe sich ergeben.“ Goethe (1749–1832) deutscher Dichter Eckart Voland (*1949) Deutscher Biologe und Philosoph – Voland arbeitet aus evolutionstheoretischer Sicht auf dem Gebiet der Anthropologie, Ethik, Ästhetik und Religionswissenschaft. Abbildung 7.3 Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 145 146 Offenbarung oder nur Einbildung – warum glauben Menschen an Gott?Kapitel 7 Es gibt viele Motive, warum viele Wissenschaftler sich lieber als Agnostiker denn als Atheisten bezeichnen, wie z. B. die Furcht, hierfür von gläubigen Menschen sanktioniert zu werden oder die religiösen Gefühle anderer zu verletzen. Zudem kann es ganz angenehm sein, die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tode nicht vollständig aufzugeben. Wenn wir uns aber aus psychologischer Perspektive mit der Frage beschäftigen, warum Menschen an Gott glauben, ist eine solche Ausflucht mit erheblichen Problemen verbunden. Ein agnostischer Standpunkt verlangt nämlich, dass wir zwei gänzlich unterschiedliche Erklärungen für Religiosität entwickeln müssen – eine für den Fall, dass Gott existiert und eine andere für den Fall, dass Gott nicht existiert. Aus diesem Grunde wollen wir für den Rest dieses Kapitels versuchen, den Glauben an Gott zu erklären unter der Annahme, dass es sich dabei um einen Irrglauben handelt (diese Aussage nimmt übrigens nicht Stellung zu der Frage, ob es Gott gibt oder nicht). Zur psychologischen Erklärung von Religiosität Wenn die Evolutionspsychologie Recht hat und die menschliche Psyche ein Produkt der Evolution von homo sapiens ist, dann sollte sie im Prinzip auch in der Lage sein, zu erklären, warum Menschen an übernatürliche Wesen glauben. Wie kann die Evolutionspsychologie also erklären, dass weltweit religiöse Menschen etwas wahrnehmen, dessen Existenz höchst fragwürdig ist? Diese Frage wiegt umso schwerer, als es aus evolutionärer Perspektive in den allermeisten Fällen adaptiv ist, die Welt so wahrzunehmen, wie sie tatsächlich ist. Beispiele: Soll ich vor einem bestimmten Tier davonlaufen oder soll ich mit ihm spielen? Soll ich diesen Pilz essen oder nicht? In all’ diesen Beispielen sind Illusionen über die Wirklichkeit dysfunktional und senken die Fitness eines Organismus. Was könnte also adaptiv an einem religiösen Glauben sein? Diese Frage ist auch deshalb so interessant, weil Religiosität oftmals mit erheblichen Kosten verbunden ist (z. B. die Einhaltung religiöser Gebote) (Atran, 2002). Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 146 147 Zur psychologischen Erklärung von Religiosität Kapitel 7 Ist Religiosität adaptiv? Da es sich bei religiösem Glauben trotz dieser Kosten um ein kulturuniversal und weltweit nachweisbares Phänomen handelt, haben sich Evolutionspsychologen gefragt, warum Religiosität dennoch adaptiv sein könnte und verweisen auf die folgenden Funktionen: Erstens: Aus vielen Untersuchungen ist bekannt, dass Menschen ein Interesse daran haben, ihre Umwelt zu kontrollieren (siehe Kapitel 3). Jenseits solcher Handlungskontrolle im engeren Sinne steigert aber auch bereits das pure Verständnis einer bestimmten Situation das Gefühl, dieser Situation nicht hilflos ausgeliefert zu sein. So will z. B. die Witwe eines Verstorbenen erfahren, woran ihr Mann gestorben ist, auch wenn eine solche Information den Ehemann nicht mehr lebendig macht. Nahezu alle Religionen beinhalten Kosmologien, d. h. Erklärungen über die Entstehung der Welt und das Funktionieren des Universums, und erscheinen somit geeignet, existenzielle Unsicherheiten zu reduzieren (North, 2001). Zweitens: Religion lindert die Angst vor dem eigenen Tod und erhöht dadurch die Handlungsfähigkeit (Jömann et al, 2004). Hierbei ist allerdings darauf hinzuweisen, dass die Verheißung auf ein Paradies, in dem ein Verstorbener ein ewiges Leben führen wird, eine sehr junge Erfindung der drei großen abrahamitischen Religionen (d. h. des Judentums, des Christentums und des Islam) ist. Zwar kennen auch die meisten Religionen in Jäger- und Sammlergesellschaften den Gedanken an ein Leben nach dem Tode, dieses wird aber selten als paradiesisch beschrieben (siehe hierzu weiter unten). Drittens: Der Glaube an einen allwissenden Gott kann dabei helfen, bestimmte Selbstkontrollprobleme zu lösen. Wenn jemand erwartet, für ein sündiges Leben im Jenseits bestraft zu werden, kann dies zu einem gesünderen Leben und damit zu einer höheren inklusiven Fitness führen (Atran, 2002). Viertens: Das Vertrauen in religiös motivierte Heilungszeremonien (z. B. die Behandlung durch Schamanen oder das religiöse Gebet) kann die Wirkung eines Placebos haben. Aus der Medizin ist bekannt, dass das Vertrauen in eine be- Individuell adaptive Funktionen von Religiösität Abbildung 7.4: Glauben hilft beim Gesunden: Heilungsritual in Mesopotamien. Das haben sich Menschen schon immer zu Nutze gemacht (Quelle: Stephane Beaulieu, nach Fuhr, 1977, S. 138) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 147 148 Offenbarung oder nur Einbildung – warum glauben Menschen an Gott?Kapitel 7 stimmte Heilmethode (z. B. ein bestimmtes Medikament) seinen Heilungserfolg ganz erheblich beeinflusst (u. a. Evans & Richardson, 1988; Flood et. al., 1993). Fünftens: Es wird argumentiert, dass religiöse Menschen schon deshalb eine höhere inklusive Fitness haben, weil sie mehr Kinder bekämen als nichtreligiöse Menschen (Blume, 2009). Von David Sloan Wilson ist der Standpunkt vertreten worden, die Funktionalität von Religion sei nicht auf der Ebene des einzelnen Individuums zu suchen, sondern auf der Ebene von religiösen Gruppen. Eine gemeinsame Religion stärke den Gruppenzusammenhang, fördere das Wir-Gefühl (u. a. durch gemeinsame religiöse Rituale) und ermögliche die Durchsetzung sozialer Normen, die für den Einzelnen zwar kostspielig, für den Erfolg der Gruppe aber vorteilhaft seien (Wilson, 2007). Eine gänzlich andere Funktionalität wird Religion durch Daniel Dennett (2007) zugeschrieben. Er argumentiert, dass religiöse Glaubenssätze als so genannte Meme zu verstehen sind. Meme sind Einheiten oder Elemente kultureller Ideen, Symbole oder Praktiken, die durch Sprache, Gesten oder Rituale von einer Person an eine andere Person weitergeleitet werden. Dennett betont, dass die differentielle Verbreitung von Memen im Prinzip durch Darwins Theorie der natürlichen Selektion erklärt werden könne. Ein Beispiel für Meme sind Wörter. Während die Häufigkeit der Verwendung einiger Wörter in bestimmten Umwelten (z. B. in einer bestimmten Subkultur) steigt, nimmt die Häufigkeit der Verwendung anderer Wörter ab (die Zeitschrift Cicero veröffentlicht in jeder Ausgabe eine Liste „ausgestorbener“ Wörter). Ähnlich wie Wörter können auch religiöse Glaubensinhalte als Meme verstanden werden, die sich entweder verbreiten oder aussterben, je nachdem, von wie vielen Menschen sie übernommen und an andere Menschen weitergegeben werden. Der entscheidende Punkt in Dennetts Theorie besteht darin, dass der Erfolg religiöser Meme nicht davon abhängt, dass diese die inklusive Fitness der Menschen steigern, die an sie glauben. Erfolgreiche religiöse Meme zeichnen sich z. B. dadurch aus, dass Menschen, die an sie glauben, bereit sind, für diesen Glauben ihr Leben zu opfern, auch wenn eine solche Opferbereitschaft die inklusive Fitness der Gläubigen senkt (z. B. die inklusive Fitness eines islamistischen Selbstmordattentäters). Zusammenfassend kann somit festgehalten werden, dass Religiosität eine adaptive Funktion haben kann, wobei die Selektionseinheit, die von Religiosität profitiert, entweder einzelne Individuen, Gruppen von Individuen (d. h. religiöse Funktionalität der Religion auf Gruppenebene Religiöse Glaubenssätze als Meme Daniel Dennett (*1942) US-amerikanischer Philosoph und Kognitionswissenschaftler – Dennett ist wie Dawkins Vertreter der Memetik und befasst sich u. a. mit Reli gionsphilosophie, wobei er selbst eine atheistische Position einnimmt. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 148 149 Der menschliche Geist als Kontingenzsuchmaschine Kapitel 7 Sekten oder Glaubensgemeinschaften) oder aber Meme sein können (d. h. religiöse Glaubenssysteme als solche). Religion als evolutionäres Nebenprodukt All‘ diese funktionalen Erklärungen von Religion haben jedoch den Nachteil, dass sie dasjenige, was sie eigentlich erklären wollen, immer schon voraussetzen, nämlich die Eigenschaft von Menschen, an höhere Wesen zu glauben. Ein Beispiel: Wenn ich an ein Leben nach dem Tode glaube, mag dies meine Furcht vor dem Tod mindern und mich zu einem tapferen Krieger machen, wovon mein Stamm oder meine religiöse Sekte ganz sicher profitieren würde. Warum lassen sich Menschen aber davon überzeugen, es gebe ein Leben nach dem Tode? Vor diesem Hintergrund haben in den letzten Jahren einige Forscher darauf hingewiesen, dass der menschliche Glaube an übernatürliche Kräfte zurückzuführen sei auf die gleichen Gesetzmäßigkeiten, mit denen Menschen ganz allgemein ihre Umwelt wahrnehmen (Atran, 2002; Barrettt, 2004; Boyer, 2001). Von diesen Autoren wird Religiosität deshalb als evolutionäres Nebenprodukt verstanden: „Religion is not an evolutionary adaptation per se, but a recurring cultural byproduct of the complex evolutionary landscape that sets cognitive, emotional, and material conditions for ordinary human interactions“ (Atran, 2007, 479). Als Grundlagen einer solchen kognitiven Theorie der Religion lassen sich die nachfolgenden Beobachtungen anführen. Der menschliche Geist als Kontingenzsuchmaschine Wenn Menschen ihre Umwelt wahrnehmen, sehen sie unwillkürlich Muster und Regelmäßigkeiten, auch wenn diese objektiv nicht vorhanden sind. Betrachten Sie z. B. die Graphik auf der nächsten Seite (Hood, 2009)! Was sehen Sie? Die meisten Menschen sehen neben vier schwarzen Kreisen, bei denen jeweils eine Ecke fehlt, ein weißes Viereck. Ist es nicht so, dass Sie die Linie, durch die das Viereck definiert wird, selbst dort sehen, wo sie gar nicht vorhanden ist, nämlich zwischen den schwarzen Flächen? Sie können gar nicht anders, als ein weißes Viereck wahrzunehmen und ihr Gehirn ersetzt automatisch den zum Teil nicht vorhandenen Rand. Diese Gesetzmäßigkeiten der menschlichen Denken in Gesetz- und Regelmäßigkeiten Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 149 150 Offenbarung oder nur Einbildung – warum glauben Menschen an Gott?Kapitel 7 Wahrnehmung wurden bereits in den 1920er Jahren von den so genannten Gestaltpsychologen erkannt und populär gemacht (Wertheimer, 1925, 2000). Menschen suchen beständig nach Kontingenzen – wir sehen Regelmäßigkeiten, selbst dann, wenn keine vorhanden ist, weil Chaos nicht zu bewältigen ist und deshalb Angst erzeugt. Aus diesem Grunde widerspricht das Weltbild der modernen Naturwissenschaften mit seinem Denken in Zufällen und Wahrscheinlichkeiten unseren Denkgewohnheiten. Zu den Eigenschaften unserer Kontingenzsuchmaschine gehört auch, dass wir versuchen, die Handlungen unserer Mitmenschen kausal zu interpretieren (mehr dazu in Kapitel 13). Hierbei gehen wir davon aus, dass Menschen sich in aller Regel aus guten Gründen so verhalten, wie sie das tun. Es gibt z. B. eine klassische Episode der „versteckten Kamera“, in der eine ahnungslose Versuchsperson zusammen mit zehn anderen Personen in einem Wartezimmer sitzt (wobei diese natürlich Mitarbeiter des Fernsehteams sind). Ohne erkennbaren Grund ziehen diese zehn Personen sich plötzlich bis auf die Unterhose aus. Alle Versuchspersonen reagieren zunächst völlig irritiert, aber ein erheblicher Teil von ihnen folgt schließlich dem Vorbild der anderen. Übertragen auf Religionen bedeutet dies: Wenn eine Mehrheit aller Mitglieder einer bestimmten Gruppe an einen bestimmten Gott glaubt (oder zu glauben scheint), wird dies von den Mitgliedern der Gruppe als Indikator dafür verwandt, dass dieser Glaube gerechtfertigt ist. Betrachten Sie hierzu das Foto auf der nächsten Seite. Es zeigt Teilnehmer der Ostermesse, die jedes Jahr vom Papst auf dem Petersplatz praktiziert wird. Es fällt unserem kognitiven Apparat schwer, anzunehmen, dass ein solches Verhalten (und der prächtige Petersdom, vor dem diese Messe zele- Abbildung 7.5: Der Mensch als Kontingenzsuchmaschine: Wir können gar nicht anders als Regelmäßigkeiten und Verbindungen wahrnehmen, auch wenn gar keine vorhanden sind. (Quelle: Eigene Darstellung, nach Hood, 2008, S. 10) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 150 151 Der menschliche Geist als Kontingenzsuchmaschine Kapitel 7 briert wird) vollständig auf einer Illusion beruhen soll, selbst wenn sich jemand nicht als gläubiger Christ bezeichnet. Hieraus lässt sich ableiten, dass Religionen, wenn sie einmal zum selbstverständlichen Kulturwissen geworden sind, eine überaus große Beharrungstendenz haben. Diesen Mechanismus kann man als eine Umkehrung des Thomas-Theorems begreifen. Das Thomas-Theorem besagt ja, dass Entitäten, die als real erlebt werden, reale Konsequenzen haben. Als Umkehrung dieses Theorems könnte man formulieren: Entitäten, die real sind in ihren Konsequenzen, werden als real wahrgenommen – oder wie ein deutsches Sprichwort sagt: „Wo Rauch ist, da ist auch Feuer“. Confirmation Bias Eine weitere mögliche Erklärung für die Verbreitung und Beständigkeit von Religion könnte durch den so genannten Confirmations Bias erfolgen (Sanbonmatsu et al., 1993): Wenn wir einmal eine halbwegs plausible Hypothese entwickelt haben, halten wir an dieser fest, weil wir bei der Überprüfung einer einmal aufgestellten Hypothese vor allem auf solche Ereignisse achten, die eine Bestätigung dieser Hypothese darstellen. Ereignisse, welche die Hypothese widerlegen würden, werden hingegen oftmals gar nicht wahrgenommen oder als wenig aussagekräftig betrachtet. Das folgende Beispiel soll dies verdeutlichen: Eine weit verbreitete Annahme unter Hebammen ist die, dass Kinder besonders häufig bei Vollmond zur Welt kommen, während Geburten an Neumond äußerst selten sind. Wenn man den Zusammenhang zwischen Mondphasen und Geburtenrate statistisch untersucht, zeigt sich allerdings nicht der geringste Zusammenhang (siehe Morton-Pradhan Abbildung 7.6: Gläubige Katholiken bei der Ostermesse vor dem Petersdom: Können so viele Menschen irren? (Quelle: AP) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 151 152 Offenbarung oder nur Einbildung – warum glauben Menschen an Gott?Kapitel 7 et al., 2005). Ein Ergebnis, das bei näherem Nachdenken nicht weiter verwundert – warum sollte der Mond Einfluss auf die Wehentätigkeit einer Frau nehmen? Wie kommt es dann aber, dass die meisten Hebammen davon überzeugt sind, bei Vollmond würden mehr Kinder geboren als bei Neumond? Die Befunde zum Confirmation Bias legen folgende Erklärung nahe: Wenn eine Hebamme erst einmal die Hypothese hat, es gebe einen Zusammenhang zwischen Mondphase und Geburtenrate (z. B. weil ihre Kolleginnen sie über einen solchen Zusammenhang „informiert“ haben), dann wird sie in der Zukunft vor allem auf solche Ereignisse achten, die einen solchen Zusammenhang bestätigen. Jede Vollmondnacht, in der viele Kinder geboren werden, wird sie als Bestätigung ihrer Hypothese betrachten. Um eine solche Hypothese sinnvoll zu überprüfen, müsste sie aber die relative Häufigkeit aller vier möglichen Ereignisse prüfen: 1) Vollmond und viele Geburten; 2) Vollmond und wenige Geburten; 3) Neumond und viele Geburten, sowie 4) Neumond und wenige Geburten. Viele religiöse Überzeugungen beruhen auf ebensolchen „Ammenmärchen“, so z. B. das Vertrauen in die Wirksamkeit bestimmter religiöser Rituale. Beispiel: Von den Azteken wurde an jedem Tag des Jahres dem Sonnengott ein Menschenopfer dargebracht, um so sicherzustellen, dass auch am nächsten Morgen die Sonne aufgeht (Kallweit, 2008). Die empirische Evidenz für die Wirksamkeit solcher Menschenopfer schien den Azteken unumstößlich, da auf jedes Menschenopfer tatsächlich ein neuer Sonnenaufgang erfolgte. Die Wahrnehmung übernatürlicher Agenten Stellen Sie sich vor, Sie machen eine mehrtägige Wanderung oder Fahrradtour, liegen nachts in einem Zelt, das Sie auf einer einsamen Wiese aufgebaut haben und hören plötzlich ein Geräusch, dessen Herkunft Sie sich nicht erklären können. Viele Menschen, die eine solche oder ähnliche Situation schon einmal erlebt haben, wissen zu berichten, dass sie schlagartig hellwach waren und blitzschnell überlegt haben, ob dieses Geräusch durch den Wind, durch ein Tier oder durch einen anderen Menschen verursacht wurde. Ganz allgemein können Dinge, die wir wahrnehmen, entweder durch „Agenten“, d. h. absichtsvoll handelnde Wesen oder aber durch unbeseelte natürliche Mechanismen (wie z. B. dem Wind) verursacht sein. Von Barrett (2004) stammt die Idee, dass Menschen dazu neigen, Agenten auch dort zu vermuten, wo keine sind, weil eine solche Wahrnehmungsstrategie zwar oftmals zu falschem Alarm führt, insgesamt aber dem eigenen Überleben in einer feindlichen Umwelt dienlich ist (wie die Engländer sagen: „Better safe than sorry“). Er spricht in diesem Zusammenhang von einem „hypersensitive agency detection device“. Justin Barrett (*1971) US-amerikanischer Evolutionsund Kognitionspsychologe – Barrett erachtet die Religion als evolutionäres By-Product. Er hat zahlreiche Artikel und Buchkapitel sowie ein populärwissenschaftliches Buch zur kognitiven Religionspsychologie geschrieben. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 152 153 Der menschliche Geist als Kontingenzsuchmaschine Kapitel 7 Voland (2007) drückt diesen Gedanken wie folgt aus: „Jener Vorfahr, der nicht seinen Intuitionen gefolgt ist, sondern das Blätterrauschen einer analytisch offenen, abwägenden, rationalen Betrachtung unterzogen hat, wäre dann nicht Vorfahr geworden, wenn das Blätterrauschen tatsächlich von einem Feind oder von einem Raubtier verursacht wurde“. Was hat dies mit Religion zu tun? Laut Barrett dient ein solcher „Hypersensitive Agency Detection Device“ dazu, ansonsten unerklärliche Geschehnisse intentional handelnden, übernatürlichen Agenten (wie z. B. Göttern oder Dämonen) zuzuschreiben. Zusammen mit der bereits beschriebenen Suche nach Kontingenz führt dies dazu, dass Menschen z. B. den plötzlichen Tod eines Mitmenschen nicht auf eine Viruserkrankung zurückführen, sondern auf das Wirken eines dem Toten feindlich gesonnenen höheren Wesens. Die Zuschreibung von Geschehnissen auf unsichtbare Wesen ist hierbei das Produkt der menschlichen Fähigkeit, die Wirkung des Handelns eines anderen auch dann zu erkennen, wenn dieser Andere physisch nicht anwesend ist. Eigenschaften von Göttern Der Gedanke, dass die Menschen ihre Götter nach ihrem Bilde formten, ist nicht neu (siehe hierzu bereits Xenophanes von Kolophon ca. 570–480 v.Chr), hat sich aber vor dem Hintergrund neuerer anthropologischer Studien als sehr valide erwiesen (Boyer, 2001). In allen Religionen, die bislang untersucht wurden, haben übernatürliche Wesen (d. h. Götter, Dämonen, Geister oder Gespenster) Eigenschaften, die auch andere „Agenten“ wie z. B. Menschen oder Tiere auszeichnen. So haben übernatürliche Wesen Intentionen („Gott sandte die sieben Plagen, um die Ägypter zu strafen“), Kognitionen („und Gott sah, dass es gut war“) und Emotionen („Gott wurde zornig“). Hypersensitive Agency Detection Device Abbildung 7.7: Hypersensitive Agency Detection Device: Zunächst unerklärlich Scheinendes schreiben Menschen meist automatisch übernatürlichen Wesen zu. So auch im Fall der angeblich von Außerirdischen verursachten Kornkreise in Kornfeldern. (Quelle: Jabberocky, wikicommons) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 153 154 Offenbarung oder nur Einbildung – warum glauben Menschen an Gott?Kapitel 7 Diese Wesen haben darüber hinaus die Fähigkeit, mit den Menschen zu kommunizieren. Diese Interaktion kann einseitig sein (die Götter beeinflussen das Schicksal der Menschen) oder aber zweiseitig (d. h. Menschen können auch das Verhalten der Götter beeinflussen). Übernatürliche Wesen können dabei sowohl als potentielle Partner aber auch als Feinde wahrgenommen werden. Im religiösen Handeln vom Menschen lassen sich deshalb folgende Kategorien unterscheiden: Erstens: Abwehrmaßnahmen gegenüber potentiell feindlichen Wesen (man denke etwa an die berühmte Knoblauchzwiebel, mit der man Vampire verjagt). Zweitens: Maßnahmen mit dem Ziel, potentiell friedlich gestimmte übernatürliche Wesen zu Handlungen zu veranlassen, welche der eigenen Sache dienlich sind. Dies erfolgt oftmals dadurch, dass Menschen versuchen, übernatürliche Wesen durch religiöse Handlungen zu bestimmten Handlungen zu bewegen. Wie sehr Götter hierbei anthropomorphisiert, d. h. ihnen menschliche Eigenschaften zugeschrieben werden, zeigt sich auch daran, dass solche Interaktionen oftmals gemäß der Reziprozitätsregel organisiert sind: „Eine Hand wäscht die andere“ (siehe hierzu auch Kapitel 17). In vielen religiösen Ritualen werden den Göttern Opfer dargebracht, mit der Erwartung, dass diese sich im Gegenzug veranlasst sehen, den Menschen, die für sie opfern, Gutes zu tun (z. B. indem sie diese von Katastrophen verschonen oder gegen andere, feindliche Götter schützen). Kategorien religiöser Handlungen Abbildung 7.8: Auch wenn der Gott mit Bart als Kinderglaube gilt, haben die Götter fast aller Religion in der Tat menschengleiche Eigenschaften. (Quelle: Gottvater, Léon Frédéric) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 154 155 Der menschliche Geist als Kontingenzsuchmaschine Kapitel 7 Von den Vertretern einiger hoch entwickelter Religionen (wie z. B. dem Judentum, dem Christentum oder dem Islam) wird oftmals darauf hingewiesen, dass man sich Gott keineswegs als „alten Mann mit einem langen Bart“ vorzustellen habe, sondern dass es sich bei diesem um ein für den menschlichen Verstand nur schwer begreifbares und allumfassendes Wesen handle. Tatsächlich aber zeigt sich in der religiösen Praxis auch dieser Religionen, dass Menschen ihren Göttern immer auch menschliche Eigenschaften zuschreiben (z. B. wenn in der katholischen Kirche von bestimmten Berufsgruppen eigens für diese zuständige „Schutzheilige“ um Beistand angerufen werden). Die Bausteine religiöser Glaubenssysteme Neben einer gewissen Vertrautheit durch die Zuschreibung menschlicher Eigenschaften sind Götter aber immer auch ganz anders als „Normalsterbliche“. Sie sind uns fremd, weil sie mindestens eine Eigenschaft aufweisen, über die Menschen nicht verfügen: Sie sind körperlos, unsterblich, allwissend usw. Von Boyer ist darauf aufmerksam gemacht worden, dass religiöse Ideen sich nur dann durchsetzen, wenn sie die Aufmerksamkeit ihrer Rezipienten erzielen und von diesen gut erinnert werden. Dies gilt besonders für schriftlose Kulturen, in denen Wissen mündlich von einer Person an die nächste weitergegeben wird. Einige Forscher argumentieren des Weiteren, dass vor allen Dingen solche Bausteine religiöser Systeme erinnert und weitergegeben werden, bei denen übernatürliche Wesen ganz überwiegend menschliche Eigenschaften haben und nur auf einer Dimension hiervon abweichen (z. B. unsichtbar sind) (Atran, 2002; Barrettt, 2004; Boyer, 2001). Die empirische Evidenz für diese Annahme ist bislang allerdings eher begrenzt. Auf einer sehr viel allgemeineren Ebene lässt sich vermuten, dass sich bevorzugt solche Meme verbreiten, die den ästhetischen Ansprüchen ihrer Rezipienten genügen. So gibt es z. B. die spanische Sage, dass Sonne und Mond einstmals zwei Verliebte gewesen sind. Als sich Gott dazu entschloss, die Erde zu schaffen, trennte er die beiden, weil er wollte, dass die Sonne den Tag erhellt und der Mond die Nacht. Daraufhin sind die beiden unendlich traurig. Damit Sonne und Mond sich zumindest manchmal sehen können, schafft Gott die Sonnenfinsternis. Der Schein ihrer Leidenschaft während dieser seltenen Augenblicke ist so stark, dass man davon blind werden kann und deswegen nicht direkt in den Himmel sehen soll. Die Ästhetik dieser Geschichte sorgt dafür, dass ich sie Jahre nach ihrer Entstehung als Beispiel verwende. Relevanz von Ähnlichkeit und Ästhetik Pascal Boyer Französischer Psychologe und Anthropologe – Boyer ist einer der aktuell bekanntesten Religionskritiker. In seinem Buch „Und Mensch schuf Gott“ betrachtet er den Glauben als Nebenprodukt adaptiver menschlicher Eigenschaften. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 155 156 Offenbarung oder nur Einbildung – warum glauben Menschen an Gott?Kapitel 7 Aus diesen Überlegungen lassen sich auch Schlussfolgerunden darüber ableiten, warum einige Religionen erfolgreicher sind als andere. Ist es wirklich nur Zufall, dass mit dem Christentum und dem Islam zwei Religionen überaus erfolgreich sind, die ihren Gläubigern ein ewiges Leben nach dem Tode versprechen? Warum Menschen an eine unsterbliche Seele glauben Schon Freud (2007) vertrat die Ansicht, dass Menschen kognitive Probleme damit haben, ihre eigene Sterblichkeit zu begreifen. Einen Zustand, in dem wir selber nicht mehr existieren werden, können wir uns schon deshalb nur schwer vorstellen, weil zu einem Zustand ja immer eine Person gehört, die ihn wahrnimmt. Viele Studien verweisen zudem darauf, dass man Menschen als intuitive Dualisten bezeichnen könnte. Auch wenn sie nicht religiös erzogen werden, glauben Menschen daran, dass es neben ihrem sterblichen Körper so etwas wie eine unsterbliche Seele gibt, die ihren Körper nach dessen Tod verlassen und weiterleben wird (Bering, 2002). Hierbei gehen Menschen intuitiv davon aus, dass Tote bestimmte Eigenschaften lebender Menschen verlieren, andere Eigenschaften jedoch behalten. So haben Tote keinen Hunger oder Durst, sind aber sehr wohl in der Lage, ihre Umwelt wahrzunehmen. In einer Studie nahmen Versuchspersonen an einem Computerspiel teil, bei denen auf dem Bildschirm irrtümlicherweise die Antworten auf einige der Fragen erschienen, die sie zu beantworten hatten (Bering et al, 2005). Der Hälfte aller Versuchspersonen wurde mitgeteilt, dass ein ehemaliger Mitarbeiter des Forschungsinstituts in genau den Räumen gestorben sei, in dem der Versuch stattfände und – so verrückt dies auch klinge – einige Mitarbeiter des Instituts wären sich sicher, manchmal den Geist des Verstorbenen in diesen Räumen zu sehen. Tatsächlich zeigte sich, dass Versuchspersonen in dieser Bedingung sehr viel seltener „pfuschten“ (d. h. die richtigen Antworten vom Bildschirm ablasen) als Versuchspersonen in einer Kontrollgruppe. Wenn Menschen intuitiv davon ausgehen, dass Menschen auch nach ihrem Tod weiterleben, ist es nur ein kleiner Schritt zu der Annahme, dass manches, was wir uns nicht erklären können, durch die Handlungen von Verstorbenen verursacht ist. Tatsächlich ist der „Ahnenkult“, d. h. die Verehrung verstorbener Angehöriger der eigenen Verwandtschaft, ein wichtiger Bestandteil vieler Religionen (einschließlich des Christentums, in dem die Gläubigen in Jesus ebenfalls einen Verstorbenen anbeten). Intuitiver Dualismus Ahnenkult Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 156 157 Religion, Wissenschaft und Aberglaube Kapitel 7 Religion, Wissenschaft und Aberglaube In diesem und den beiden vorangegangenen Kapiteln ging es um die Frage, auf welche Weise Menschen versuchen sollten, sich selbst und ihre Umwelt besser zu verstehen. Hierbei wurden zwei grundsätzlich verschiedene Wege zu einem solchen Verständnis beschrieben: Der eine Weg führt über den nüchternen Weg der wissenschaftlichen Methode, wobei klar geworden sein sollte, dass auch die moderne Psychologie eine wissenschaftliche Disziplin ist. Der andere Weg führt seit jeher über den Glauben an übernatürliche Wesen, die unser Handeln und unser Schicksal beeinflussen. Diese beiden Erklärungssysteme lassen sich m. E. nur schwer miteinander versöhnen, auch wenn viele religiöse Menschen argumentieren, Religion stehe nicht im Widerspruch zur modernen Naturwissenschaft. Bevor diese zu ihren Erkenntnissen gelangt sind, waren die ontologischen und metaphysischen Deutungsangebote der Religionen übrigens sehr plausible Hypothesen. Die Prämisse der Naturwissenschaft, dass jegliche Phänomene als die Wirkung stabiler Naturgesetze zu verstehen sind und nicht als das Ergebnis göttlichen Wirkens, steht jedoch entweder im Gegensatz zur Religion oder aber verweist diese in immer entferntere Ecken des Weltalls (Gott als Initiator des Urknalls). Kurz gesagt: Wir „brauchen“ immer weniger Religion, um die Welt zu erklären, und also verwenden wir sie hierzu auch immer weniger. Im internationalen Vergleich zeigt sich, dass Religiosität vor allem in solchen Ländern zurückgedrängt worden ist, in denen materielle Versorgung und Sicherheit der Menschen durch säkulare (d. h. weltliche) Systeme garantiert werden (wie z. B. dem Wohlfahrtsstaat). Richard Dawkins sagte einmal in einem Fernsehinterview, Atheist zu sein, bedeute, sein Leben nicht damit zu verbringen, auf ein besseres Jenseits zu hoffen (das es gar nicht gebe), sondern „to live life to its fullest“. Das ist gut gesagt. Aber dies ist recht einfach zu sagen, wenn man ein überaus er- Wechselspiel von Religion und Wissenschaft Abbildung 7.9: Der Tod betrifft den Körper, doch mit ihren Seelen leben Menschen weiter. Diese Vorstellung ist Teil der meisten Religionen. (Quelle: Die Seele verlässt im Moment des Todes den Körper, Luigi Schiavonetti) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 157 158 Offenbarung oder nur Einbildung – warum glauben Menschen an Gott?Kapitel 7 folgreicher Oxford-Professor ist, international hoch angesehen und – so wirkte Dawkins jedenfalls in diesem Interview – sehr gesund. Es ist schwieriger, Atheist zu sein, wenn man krank, alt und arm ist. Macht es die Menschen glücklich, wenn Gott tot ist? Max Weber postulierte bereits vor ca. 100 Jahren, dass Wissenschaft immer auch eine „Entzauberung der Welt” bedeute (Weber, 1919, 1996). Man kann die Wissenschaft vergleichen mit einem kleinen Jungen, der sich nicht sicher ist, ob er an den Weihnachtsmann glauben soll und der durch geschickte Detektivarbeit herausfindet, dass der Weihnachtsmann niemand anderes ist als sein Onkel Peter. Auf das kurzfristige Hochgefühl dieses intellektuellen Erfolgs folgt die Ernüchterung, dass es keinen Weihnachtsmann gibt und dass man für den Rest seines Lebens mit dieser Erkenntnis wird leben müssen. Die Geschichte des wissenschaftlichen Denkens kann somit verstanden werden als eine fortschreitende Entseelung des Universums. Zunächst werden die Gestirne entseelt. Sonne und Mond sind nicht mehr Mann und Frau. Auch Flüsse, Berge, Bäume und Tiere sind für die Naturwissenschaft keine beseelten Wesen, sondern vollständig durch die Gesetze der Physik zu erklären. Als Schlusspunkt kränkt uns die moderne Neurowissenschaft mit der Behauptung (Erkenntnis?), dass auch wir Menschen keine Seele haben und die Wahrnehmung von so etwas wie einem Selbst als Kern unserer Person nichts weiter sei als eine Illusion (Menzinger, 2009). Vor dem Hintergrund der Tatsache, wie unnatürlich eine solche Sicht der Welt ist, verwundert es nicht, dass sich viele Menschen gegen eine solche seelenlose Naturwissenschaft stellen und stattdessen lieber an Götter, Bachblütentherapie und Schutzengel glauben. Dies mag man tun. Ich möchte Sie aber dennoch auffordern, auch in den nächsten Kapiteln unsere Reise durch die Psychologie fortzuführen. Einer Psychologie, die sich als Wissenschaft versteht und nur solche Erklärungen ernst nimmt, die sich auch empirisch belegen lassen, aber hoffentlich dennoch nicht ohne Zauber ist. Entzauberung der Welt Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 158 159 Studentenfutter Kapitel 7 Studentenfutter Dennett, D. C. (2007). Breaking the spell: Religion as a natural phenomenon. London: Penguin Books. Hood, B. M. (2009). Supersense: Why we believe in the unbelievable. New York: Harper- Collins Publishers. Kurz und gut 1. Aus naturwissenschaftlicher Perspektive gibt es für den Glauben an Gott bzw. übernatürliche Wesen nur wenig Gründe. 2. Rationale Theologie ist der Versuch, den Glauben an Gott mit den Mitteln der Logik und der Wissenschaft zu begründen. 3. Die Rechtfertigung des eigenen Glaubens auf Basis eigener religiöser Erfahrungen wird als „Offenbarungstheologie“ beschrieben. 4. Einige Evolutionspsychologen argumentieren, dass Religiosität adaptiv sein kann, weil sie Gefühle von Kontrolle vermittelt, die Angst vor dem Tod mindert, Selbstkontrollprobleme löst, die Funktion eines Placebos hat und religiöse Menschen mehr Kinder haben. 5. David Sloan Wilson argumentiert, dass Religiosität nicht so sehr für den einzelnen Gläubigen, sehr wohl aber auf Ebene religiöser Gemeinschaften adaptiv ist. 6. Religionen lassen sich als Meme verstehen, die sich durch Kommunikation reproduzieren. 7. Wenn Menschen ihre Umwelt wahrnehmen, sehen sie unwillkürlich Muster und Regelmäßigkeiten, auch wenn diese objektiv nicht vorhanden sind. 8. In Umkehrung des Thomas-Theorems lässt sich sagen: Entitäten, die real sind in ihren Konsequenzen, werden als real wahrgenommen. 9. Der Confirmation Bias besagt, dass Menschen bei der Überprüfung einer einmal formulierten Hypothese vor allem auf solche Ereignisse achten, welche diese Hypothese bestätigen. 10. Göttlichen Wesen werden übernatürliche Fähigkeiten zugeschrieben, aber sie haben zumeist auch ganz menschliche Eigenschaften. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 159 Kapitel 8 Liegt alles in den Genen? Zur Psychologie der Persönlichkeit Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 161

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Zusammenfassung

Vorteile

- Die psychologischen Grundlagen für das wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Studium: von der Allgemeinen über die Sozial- bis zur Wahrnehmungspsychologie

- Kompakter Aufbau

- Komplett vierfarbig

Zum Werk

In den Wirtschaftswissenschaften gilt das Bild des rational denkenden Menschen als überholt. Kenntnisse aus der Psychologie spielen dagegen eine immer größere Bedeutung für die Analyse, was sich nicht zuletzt in der aktuellen Diskussion um die Glücksforschung widerspiegelt.

Dieses Lehrbuch führt Wirtschaftswissenschaftler an die Grundlagen der Psychologie heran und stellt dar, wie sie das menschliche Verhalten (und damit auch das für die Wirtschaftwissenschaften wichtige Entscheidungsverhalten) beeinflussen.

Autor

Prof. Dr. Detlef Fetchenhauer ist Direktor des Instituts für Wirtschafts- und Sozialpsychologie an der Universität zu Köln. Er lehrt darüber hinaus an der Universität Wien.

Zielgruppe

Für Studierende der Wirtschaftswissenschaften an Universitäten und Fachhochschulen sowie Studierende, die im Nebenfach Psychologie belegen müssen (z.B. Lehramt).