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Kapitel 10 Indianer und Chinesen – welchen Einfluss hat Kultur auf unser Verhalten? in:

Detlef Fetchenhauer

Psychologie, page 215 - 238

1. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3713-3, ISBN online: 978-3-8006-3940-3, https://doi.org/10.15358/9783800639403_215

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213 Kapitel 10 Kapitel 10 Indianer und Chinesen – welchen Einfluss hat Kultur auf unser Verhalten? Kultur unter der psychologischen Lupe In diesem Kapitel geht es um die Frage, welchen Einfluss die Kultur auf das Denken, Fühlen und Handeln von Menschen hat. Kulturvergleichende Studien werden dabei von verschiedenen psychologischen Schulen aus sehr unterschiedlichen Gründen durchgeführt. Zum einen sind Forscher, die sich als „interkulturelle Psychologen“ bezeichnen, vor allem an der Frage interessiert, wie sehr Menschen von der Kultur geprägt sind, der sie angehören. Interkulturelle Psychologie InhaltKultur unter der psychologischen Lupe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 213 Wie lässt sich „Kultur“ definieren? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 214 Eigenschaften von Kulturen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 214 Zentrale Werte versus veränderbare Praktiken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 215 Kulturen ändern sich nur langsam . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 216 Kulturen sind unhinterfragbare Wahrheiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 217 Gibt es so etwas wie universelle Werte? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 218 Wieviel Einfluss hat Kultur auf das Verhalten von Menschen? . . . . . . . . . . . . 219 Kultur aus evolutionärer Perspektive . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 219 Durch welche Wertedimensionen lassen sich Kulturen unterscheiden? . . . . . . . . 222 Machtdistanz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 222 Femininität versus Maskulinität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 224 Unsicherheitsvermeidung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 225 Individualismus versus Kollektivismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 226 Klima und Kultur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 229 Dänen lügen nicht – finanzielle Ehrlichkeit und interpersonales Vertrauen . . . . . . 232 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 234 Kurz und gut . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 235 Studentenfutter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 235 Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 213 214 Indianer und Chinesen – welchen Einfluss hat Kultur auf unser Verhalten? Kapitel 10 Zweitens liegt der Fokus von Evolutionspsychologen vor allem darauf, nachzuweisen, dass bestimmte Phänomene keineswegs von der jeweiligen lokalen Kultur determiniert, sondern im Gegenteil kulturuniversal sind (siehe z. B. die im vorigen Kapitel diskutierte Studie von Buss zu Partnerwahlpräferenzen). Eine dritte Ausrichtung kulturvergleichender Forschung widmet sich der Überprüfung, ob bestimmte Theorien, die bislang nur in bestimmten Kulturen empirisch überprüft wurden, auch in anderen Kulturen gültig sind. Wie lässt sich „Kultur“ definieren? Bei näherer Betrachtung erweist es sich als außerordentlich schwierig, den Begriff der Kultur eindeutig zu definieren, so dass von verschiedenen Autoren sehr unterschiedliche Definitionen vorgeschlagen wurden. Je nach theoretischem Hintergrund betonen unterschiedliche Definitionen die folgenden Elemente von Kultur: (1) Kultur als System von Werten, Normen und Praktiken (2) Kultur als ein Geflecht von Institutionen und Regeln (3) Kultur als die Summe des Wissens über Techniken und Strategien zur Lösung bestimmter Alltagsprobleme In einer sehr pragmatischen Weise definiert der niederländische Organisationspsychologe Geert Hofstede Kulturen als mentale Programme („Software of the mind“) (2001). Ein Mangel aller Definitionen von Kultur besteht darin, dass sie nicht angeben, welche Eigenschaften ein Sozialgefüge braucht, um es als Kultur zu bezeichnen und von anderen Kulturen abzugrenzen (gibt es z. B. so etwas wie eine „europäische“ Kultur?). Eigenschaften von Kulturen Trotz dieser definitorischen Unschärfe sollen im Folgenden einige wesentliche Eigenschaften von Kulturen beschrieben werden. Geert Hofstede (*1928) Niederländischer Psychologe – Hofstede beschäftigt sich vor allem mit den Zusammenhängen zwischen nationalen Kulturen und den Kulturen in Organisationen. Bekannt geworden ist er für seine Unterscheidung verschiedener Kulturdimensionen, anhand derer sich Nationen und Kulturen klassifizieren lassen. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 214 215 Eigenschaften von Kulturen Kapitel 10 Zentrale Werte versus veränderbare Praktiken Hofstede unterscheidet bei Kulturen zwischen zentralen Werten und peripheren Praktiken. Zentrale Werte stellen dabei für ihn den Kern einer Kultur dar, der sich nur langsam ändert und von Generation zu Generation weitergegeben wird. Praktiken hingegen beschreiben die konkrete Art und Weise, wie in einer Kultur bestimmte Handlungen erfolgen, ohne dass diese den Kern einer Kultur berühren. Aus diesem Grunde, so Hofstede, werden Praktiken veränderten ökologischen Rahmenbedingungen angepasst, ohne dass sich dadurch die Werte einer Kultur verändern würden. Ein Beispiel: Kulturen unterscheiden sich darin, wie intensiv Kinder sich um ihre Eltern zu kümmern haben, wenn diese alt sind. Durch moderne Kommunikationsmedien wie Telefon oder Internet mögen Kinder in der Lage sein, ihren Verpflichtungen gegenüber ihren Eltern nachzukommen, auch ohne dass sie diese persönlich besuchen. Das würde aber nach Hofstede nichts daran ändern, inwiefern in einer bestimmten Kultur Kinder verpflichtet sind, einen regelmä- ßigen Kontakt zu ihren Eltern zu suchen, sondern lediglich die Art und Weise, wie sie dies tun. Hofstede weist darauf hin, dass man daher aus geänderten Praktiken nicht vorschnell auf geänderte Werte schließen sollte. Wenn z. B. arabische Jugendliche Coca Cola trinken anstatt Pfefferminztee, bedeutet dies nicht unbedingt, dass sie sich einem amerikanischen Kulturimperialismus unterwerfen. Wenn man diesem Gedanken folgt und Werte als die zentralen Elemente einer Kultur definiert, die sich von Kultur zu Kultur unterscheiden, dann sind zwei verschiedene Fälle denkbar: Entweder ein Wert gilt nur in der einen, nicht aber in der anderen Kultur, oder ein Wert gilt in beiden Kulturen, hat aber von Kultur zu Kultur unterschiedlich viel Bedeutung (Joas, 2001). Interkulturelle Werteunterschiede Abbildung 10.1: Seit einigen Jahren wird das christliche Weihnachtsfest in China immer beliebter. Dabei sind die meisten Chinesen Buddhisten. Von dieser veränderten kulturellen Praktik sollte man aber nicht vorschnell auf veränderte Werte schließen. (Quelle: J. Ehrlinger) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 215 216 Indianer und Chinesen – welchen Einfluss hat Kultur auf unser Verhalten? Kapitel 10 Ein Beispiel für den ersten Fall wäre die Enthaltsamkeit vor der Ehe. In Marokko stellt diese einen zentralen Wert dar. Noch heute wird erwartet, dass nach der Hochzeitsnacht ein blutbeflecktes Laken die Entjungferung der Braut beweist. In Deutschland hingegen gibt es keine soziale Norm, die verlangt, dass Frauen jungfräulich vor den Traualtar treten. Zur Veranschaulichung des zweiten Falls wollen wir die unterschiedliche Bedeutung von Normen wie Höflichkeit und Ehrlichkeit diskutieren: Beide stellen sowohl in den Niederlanden als auch in Österreich einen Wert dar. Doch während Niederländer im Zweifel eher unhöflich, aber dafür ehrlich sind, sind Österreicher grundsätzlich eher höflich als ehrlich. Hierzu eine kleine Anekdote aus dem wahren Leben: Ein holländischer Kollege von mir besuchte eine Konferenz in Wien und ging an einem freien Nachmittag ins Kaffeehaus. Dort kam er mit einem Wiener ins Gespräch, der ihm nach einer Weile anbot, eine Stadtführung durch seine Heimatstadt zu machen. Mein Kollege war von dieser Idee begeistert, war sich aber nicht sicher, ob der Wiener nicht vielleicht homosexuell sei. Diese Vorstellung störte ihn als toleranten Niederländer im Grunde überhaupt nicht, nur hatte er Angst, seinen Wiener Gastgeber am Ende des Nachmittags zu enttäuschen, falls dieser sich Hoffnungen auf ein sexuelles Abenteuer machen sollte. Da man als Niederländer mit jedem über alles reden kann, erklärte er dem Wiener: „Ich würde mich freuen, wenn Sie mir die Stadt zeigen, aber ich möchte Ihnen mitteilen, dass ich nicht homosexuell bin“. Zu der Stadtführung ist es nicht gekommen – für meinen niederländischen Kollegen ein sicheres Zeichen dafür, dass jener Wiener tatsächlich homosexuell war. Kulturen ändern sich nur langsam Kulturelle Werte sind außerordentlich persistent und bleiben auch dann wirksam, wenn ihr „ideologischer Überbau“ weitgehend obsolet geworden ist. Auch dies erläutert ein Beispiel aus den Niederlanden sehr anschaulich: Die Niederlande haben sich vor ca. 500 Jahren zum Calvinismus bekannt. Ein Teil dieser protestantischen Glaubensrichtung ist die so genannte Prädestinationslehre, welche besagt, dass von Gott das Schicksal eines Menschen bereits bei seiner Geburt festgelegt sei. Auch wenn Gott sich durch ein „gottgefälliges“ Leben von dieser Festlegung nicht abbringen lassen wird, versuchen Calvinisten möglichst wenige Sünden zu begehen und möglichst viele materiellen Güter anzuhäufen, weil sie wirtschaftlichen Erfolg und Wohlstand als Indikator dafür sehen, nach ihrem Tod in den Himmel und nicht in die Hölle zu kommen. Auch wenn die meisten Niederländer heute keine überzeugten Calvinisten mehr sind, hat sich an der aus dem Calvinismus entsprungenen extremen Sparsamkeit der Niederländer nichts geändert. Nicht umsonst sagen die Amerikaner „Do it the Dutch Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 216 217 Eigenschaften von Kulturen Kapitel 10 way“, wenn sie besonders sparsam sein wollen und in einer Kneipe jeder sein eigenes Getränk zahlt. Kulturen sind unhinterfragbare Wahrheiten Kulturen zeichnen sich dadurch aus, dass sich die in ihnen lebenden und handelnden Personen der Kulturgebundenheit ihres Handelns kaum bewusst sind. Kulturell vermittelte Werte erlangen für ihre Träger eine unmittelbare und nicht hinterfragbare Plausibilität. Dies liegt unter anderem daran, dass sie Teil des Systems 1 sind (siehe Kapitel 2), das einer introspektiven Analyse nur bedingt zugänglich ist. Über kulturelle Werte lässt sich deshalb nur schwer streiten. Nehmen wir als Beispiel den Verzehr von Hunden. Während es für die meisten Deutschen unvorstellbar ist, einen Hund zu essen (oder gar ihren eigenen), sehen dies Chinesen ganz anders. Wenn wir uns bei dem Gedanken an „Hundefilet in Rotweinsauce“ schütteln, sind wir uns kaum der Tatsache bewusst, dass dieser Ekel keineswegs „natürlich“ ist, sondern kulturell vermittelt. Im Gegenteil neigen Menschen zum Ethnozentrismus: Das Eigene wird als gut und richtig, das Fremde als schlecht und falsch deklariert. Aus dieser Unfähigkeit, kulturelle Praktiken und Werte zu hinterfragen, erwächst offenbar dann ein hohes Konfliktpotential, wenn Angehörige verschiedener Kulturen miteinander leben und auskommen müssen. Es ist daher sicher hilfreich, wenn Menschen dazu angeleitet werden, ihren eigenen Ethnozentrismus kritisch zu hinterfragen. Allerdings muss man sich klar machen, dass die Bereitschaft zur Hinterfragung der eigenen Werte als solche ein Wert ist, der keineswegs von allen Kulturen geteilt wird. Kultur als unmittelbare, nicht hinterfragbare Plausibilität Abbildung 10.2: Huhn oder Hund: Kulturelle Werte sind Teil des Systems 1 und als solche kaum hinterfragt. Daher dürften die meisten Menschen in westlichen Ländern bei der Idee, Hundefleisch zu essen, angeekelt das Gesicht verzerren – und zwar selbst wenn sie kognitiv keinen Unterschied zwischen dem Verzehr von Hühner- und Hundefleisch erkennen können. (Quelle: Andreas Gardner, edition filou & sophie) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 217 218 Indianer und Chinesen – welchen Einfluss hat Kultur auf unser Verhalten? Kapitel 10 Gibt es so etwas wie universelle Werte? Dies führt zu der Frage, ob es überhaupt möglich ist, bestimmte Werte kulturübergreifend zu begründen und zu vertreten. Gibt es universale Werte, die auch gegenüber solchen Menschen oder Kulturen zu vertreten sind, die diese Werte nicht teilen? Oder sind Werte immer nur das Produkt bestimmter Kulturen, so dass eine Kategorisierung in „richtige“ bzw. „falsche“ Werte ganz unsinnig ist? Blaise Pascal formulierte hierzu schon vor 340 Jahren, „Was diesseits der Pyrenäen richtig ist, ist jenseits der Pyrenäen falsch“ (Pascal, 1670, 1997). Die Antwort auf diese Frage sollte unterschiedlich ausfallen, je nachdem, ob man sie aus wissenschaftlicher oder aus moralphilosophischer Perspektive beantwortet. Aus wissenschaftlicher Perspektive ist es nicht möglich, Werturteile logisch zu begründen. Daher kann man aus wissenschaftlicher Sicht Werte nie in richtig oder falsch unterteilen und sollte folglich auch nicht versuchen, andere Kulturen von der „Richtigkeit“ der eigenen Werte zu überzeugen. Im 5. Kapitel hatten wir diskutiert, dass ein solcher Standpunkt der einzig mögliche ist, den ein Wissenschaftler als Wissenschaftler einnehmen kann. Dennoch aber stellt sich die Frage, ob sich eine solche Position außerhalb der Wissenschaft im alltäglichen Miteinader durchhalten lässt. Das ist relativ leicht, wenn es um kulturelle Praktiken wie Ess- und Trinkgewohnheiten oder Kleidungs- und Musikgeschmack geht (wobei z. B. die deutsche Gesellschaft bereits erhebliche Mühe damit hat, wenn Türken auf ihrem Balkon einen Hammel schlachten wollen). Aber können oder sollen wir etwas akzeptieren, was in unseren Augen blankes Unrecht ist, (nur) weil es Teil anderer Kulturen ist? Diese Frage ist schier unmöglich zu beantworten und wirft erneut die Diskussion nach einer Definition des Wesens einer Kultur auf. Gehört es z. B. zu den wesentlichen Kernen einer islamischen Kultur, dass Frauen sich ihren Ehemann nicht selber aussuchen und von diesem nicht scheiden lassen dürfen? Selbst wenn wir zu der Überzeugung kämen, die Unterordnung der Frau unter die Interessen des Mannes sei tatsächlich integraler Bestandteil des Islam – sollten wir eine Ungleichbehandlung von Männern und Frauen deshalb tolerieren, auch wenn sich dies mit unserer Einstellung zu Emanzipation und Gleichberechtigung nur schwer vereinbaren lässt? Hier eine Antwort zu finden, ist offensichtlich nur schwer möglich, weshalb ich es gar nicht erst versuchen will. Man sollte sich aber m. E. bewusst sein, dass ein wirklich neutraler Standpunkt in solchen Fragen nicht möglich ist. Denn sich nicht einzumischen bedeutet immer, sich damit indirekt auf die Seite derer zu stellen, die nach unseren eigenen Wertvorstellungen ein Unrecht begehen. Begründung von Werturteilen Blaise Pascal (1632–1662) Französischer Philosoph, Mathematiker, Physiker und Literat – Ausgehend von mathematischen und physikalischen Arbeiten widmete sich der zeit seines Lebens eher kränkliche und depressive Pascal auch immer mehr religiösen und philosophischen Problemen. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 218 219 Kultur aus evolutionärer Perspektive Kapitel 10 Wieviel Einfluss hat Kultur auf das Verhalten von Menschen? Die Frage, wie entscheidend Kultur für das Denken, Fühlen und Handeln von Menschen ist, wird von unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen durchaus unterschiedlich bewertet. Die meisten Forscher, die sich gleichsam „hauptberuflich“ mit dem Thema Kultur befassen, werden dazu neigen, Kultur als einen ganz wesentlichen Einflussfaktor zu betrachten. Im Gegensatz dazu wird in der Ökonomie Kultur eher als „Epiphänomen“ betrachtet, das keinerlei eigenständigen Erklärungswert habe. „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“ formulierte Karl Marx bereits 1859. Ökonomen erklären Verhalten nicht so sehr aus bestimmten Werten (Präferenzen), sondern aus den Randbedingungen, unter denen es stattfindet. Wenn sich Verhalten ändert oder zwischen zwei Kulturen unterscheidet, versuchen Ökonomen solche Unterschiede aus den jeweils unterschiedlichen Randbedingungen zu erklären. Ziehen wir als Beispiel die Zunahme von Scheidungsraten heran. Diese muss nicht unbedingt etwas mit einer veränderten Wertschätzung von Ehe und Familie zu tun haben, sondern kann auch aus einem höheren Wohlstand bzw. einem höheren Bildungsniveau von Frauen zu erklären sein (so dass diese weniger als früher finanziell auf ihre Ehemänner angewiesen sind). Kultur aus evolutionärer Perspektive Es wurde bereist thematisiert, dass Evolutionspsychologen in der Regel versuchen, menschliches Verhalten weitgehend unabhängig von kulturellen Einflüssen zu erklären. Auch wenn viele evolutionstheoretische Lehrbücher allgemein den Zusammenhang von genetischen Prädispositionen und den konkreten Umweltbedingungen betonen, reduzieren sie ihre Betrachtung dann doch meist auf die so genannten transkulturellen Universalien. Transkulturelle Universalien sind Ökonomische Perspektive auf Kultur „We shape our environment and then the environment shapes us“ (Winston Churchill (1874–1965), britischer Premierminister) Transkulturelle Phänome Abbildung 10.3: Toleranz gegenüber anderen Kulturen wird oft gefordert, ist aber nicht immer leicht. Das wurde auch jüngst beim Streit um den Bau einer Großmoschee in Köln sehr deutlich. (Quelle: ddp) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 219 220 Indianer und Chinesen – welchen Einfluss hat Kultur auf unser Verhalten? Kapitel 10 soziale Phänomene, die bislang in allen Kulturen gefunden wurden. Dazu gehören: Konzepte von Zeit (d. h. die Unterteilung des Zeitstrahls in Vergangenheit, Gegenwart & Zukunft), das Überwiegen von Rechtshändigkeit, Institutionen wie Familie und Heirat, Religion, Etiquette, Begrüßungsrituale, Tabus, Haarmoden, Waffen, Tanz, Musik, Spiele, Poesie, Fremdenangst, Eifersucht, Konzepte personaler Verantwortlichkeit sowie ein binäres System von Geschlecht und Geschlechterrollen (Brown, 2004) Eine solche einseitige Betonung dessen, was Menschen in allen Kulturen tun, verstellt jedoch den Blick auf eine simple Tatsache, nämlich dass sich menschliches Verhalten zwischen verschiedenen Kulturen gleichzeitig zum Teil erheblich unterscheidet. Einen sehr interessanten Versuch, die Bedeutung von Kultur in eine evolutionäre Erklärung menschlichen Verhaltens zu integrieren, haben Richerson und Boyd (2005) unternommen. Hierbei definieren sie Kultur weniger als ein System von Werten und Normen, sondern vor allem als ein System kultureller Praktiken (d. h. Wegen zur Lösung konkreter Probleme wie z. B. die Beschaffung von Nahrung oder Schutz vor Fressfeinden). Ausgangspunkt ihrer Analysen ist zunächst der Verweis darauf, dass Menschen sich von anderen Spezies in ihrer Kulturfähigkeit unterscheiden, d. h. darin, hochkomplexe Verhaltensmuster durch Imitation ihrer sozialen Umwelt zu übernehmen (siehe hierzu auch Baumeister, 2005). Dabei orientieren sich Menschen an zwei einfachen kognitiven Heuristiken: 1) Übernehme das Verhalten der Mehrheit aller anderen! 2) Imitiere vor allem das Verhalten von Menschen mit einem hohen sozialen Status! Da es zur Lösung bestimmter Probleme immer mehrere Möglichkeiten gibt und da sich die Herausforderungen der sozialen und physikalischen Umwelt zwischen verschiedenen Lebensräumen z. T. erheblich unterscheiden, haben sich demnach in der Geschichte von homo sapiens höchst unterschiedliche Kulturen entwickelt. Wichtig ist allerdings, sich klarzumachen, dass Kultur immer der Lösung evolutionär vorgegebener Probleme dient (wie z. B. dem Sichern des eigenen Überlebens oder dem Finden eines Sexualpartners). Von besonderer Bedeutung bei Boyd und Richerson ist auch die Idee einer Koevolution von Genen und Kultur. Unsere Gene beeinflussen, welche kulturellen Lösungen für bestimmte Probleme adaptiv sind, umgekehrt beeinflussen kulturelle Praktiken die Evolution bestimmter Gene. Ein oft zitiertes Beispiel für diesen Effekt ist die Entwicklung der Laktoseverträglichkeit des Menschen, die wir bereits im ersten Kapitel diskutiert haben. Erst Koevolution von Genen und Kultur Robert Boyd (*1948) US-amerikanischer Anthropologe – Boyds Hauptinteresse gilt der evolutionären Entwicklung und Veränderung von Kultur und dem Einfluss von Kultur auf menschliches Verhalten. Er arbeitet meist gemeinsam mit Peter Richerson. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 220 221 Kultur aus evolutionärer Perspektive Kapitel 10 durch die kulturelle Innovation der Domestizierung von Rindern, Schafen und Ziegen war es von Vorteil, gegen das Trinken von Milch auch im Erwachsenenalter nicht allergisch zu sein. Hieraus erklärt sich auch, dass es weltweit große Unterschiede in diesem Merkmal gibt. Überall dort, wo das Trinken von Tiermilch Teil der lokalen Kultur war, sind die meisten Menschen daran adaptiert, in Asien aber ist auch heute noch eine Mehrheit aller Erwachsenen nicht in der Lage, sich von Tiermilch zu ernähren. Ein anderes Beispiel ist die Adaptivität von Religion und Aberglauben. Jeder Mediziner weiß, dass die Wirksamkeit von Medikamenten und anderen Heilmethoden zum Teil auf Placeboeffekten beruht – sie wirken, weil Menschen daran glauben, dass sie wirken (Gerrig & Zimbardo, 2008). Vor der Entwicklung der modernen Medizin bestand ihre Wirkung ausschließlich auf solchen Placeboeffekten. Die kulturelle Entwicklung von Religion und Schamanentum bewirkte, dass es in hohem Maße adaptiv war, für solche Placeboeffekte empfänglich zu sein. Wer daran glaubte, dass ein Schaman ihn heilen könne, indem er böse Geister vertrieb, hatte eine höhere Lebenserwartung als jemand, der in rationaler Skepsis einen solchen Versuch für Unsinn hielt. Verhaltensgenetische Studien zeigen tatsächlich, dass Suggestibilität (d. h. die Neigung, Gedanken, Gefühle, Wahrnehmungen oder Vorstellungen anderer zu übernehmen) ein Persönlichkeitsmerkmal ist, das in hohem Maße genetisch bedingt ist (Lichtenberg et al., 2004). Fassen wir zusammen: Das Konzept der Koevolution von Genen und Kultur verweist darauf, dass unsere Gene die Entwicklung von Kultur beeinflussen, zugleich aber Kultur auch Einfluss auf die Gene des Menschen nehmen. Diese Adaptivität von Aberglauben Peter Richerson (*1943) US-amerikanischer Ökologe – Wie Boyd arbeitet Richerson zum Thema Kultur-Evolution. Schwerpunkte sind wie bei Boyd u. a. kulturelle Entwicklung durch Imitation, sowie Ursprung der Sprache, der Landwirtschaft und der Kooperation Abbildung 10.4: Die weltweit sehr unterschiedliche Verbreitung der Laktosetoleranz bzw. -intoleranz zeigt eindrucksvoll, wie Gene und Kultur koevolvieren. Je dunkler das Blau, desto höher die Laktoseintoleranz. (Quelle: wikicommons) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 221 222 Indianer und Chinesen – welchen Einfluss hat Kultur auf unser Verhalten? Kapitel 10 Konzeption stellt im Übrigen eine Annahme in Frage, die von den meisten Evolutionspsychologen vehement vertreten wird, nämlich das sich unsere Gene seit der Entwicklung des homo sapiens nur geringfügig verändert hätten. Eine solche Annahme ist allerdings höchst unplausibel (Cochran & Harpending, 2009). Tatsächlich ist zu vermuten, dass durch die Akzeleration (d. h. Beschleunigung) unserer kulturellen Entwicklung auch die Veränderung unserer Gene beschleunigt worden ist und sich beide Prozesse gegenseitig beeinflussen und verstärken. Durch welche Wertedimensionen lassen sich Kulturen unterscheiden? Im Folgenden sollen beispielhaft einige Studien vorgestellt werden, in denen interkulturelle Unterschiede zwischen Menschen untersucht worden sind. Hierbei kann es nicht darum gehen, einen repräsentativen Überblick über die interkulturelle Psychologie zu geben. Stattdessen soll ein Eindruck davon vermittelt werden, in welcher Vielfalt solche Studien vorliegen. Eine der bekanntesten kulturvergleichenden Studien stammt von Geert Hofstede (1984). Dieser befragte weltweit 100 000 Mitarbeiter eines multinationalen Unternehmens (IBM) nach ihren Arbeitswerten und Normen. Der methodische Vorteil dieser Studie lag darin, dass in allen 40 untersuchten Ländern der gleiche Fragebogen verwandt wurde und durch die Konstanthaltung des Unternehmens Einflüsse unterschiedlicher Unternehmenskulturen ausgeschlossen werden konnten. Gleichwohl liegt ein Nachteil dieser Studie darin, dass nur Mitarbeiter von IBM, also eine durch das Unternehmen vorausgewählte und geprägte Personengruppe, befragt wurden. Aufgrund statistischer Analysen konnte Hofstede (1984) die von ihm untersuchten Werte vier Dimensionen zuordnen: 1) Machtdistanz, 2) Femininität versus Maskulinität, 3) Unsicherheitsvermeidung sowie 4) Individualismus versus Kollektivismus. In späteren Studien ergänzte Hofstede eine Dimension, die sich darauf bezieht, ob Menschen ihr Leben eher in kurzen oder langfristigen Zeiträumen denken (Hofstede, 2001). Machtdistanz Diese beschreibt das Maß, in dem in einer Kultur soziale Ungleichheit und soziale Statusunterschiede akzeptiert werden. Kulturvergleichende Studien von Geert Hofstede Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 222 223 Durch welche Wertedimensionen lassen sich Kulturen unterscheiden? Kapitel 10 Länder mit hoher Machtdistanz sind Russland, China, Frankreich und Spanien. Als Länder mit niedriger Power Distance sind die Niederlande, die skandinavischen Länder, aber auch Deutschland zu nennen. Diese Kulturdimension korreliert mit folgenden Eigenschaften einer Gesellschaft: In Ländern mit niedriger Machtdistanz werden Kinder gleichberechtigt behandelt, unterrichten Lehrer unpersönliche Wahrheiten, beschränkt sich Hierarchie auf spezifische Aufgaben und Rollen und ist Arbeit dezentral organisiert. Ein gesellschaftliches Ziel besteht darin, soziale Ungleichheit zu minimieren, was sich in geringen Einkommensunterschieden in Unternehmen und einem stark progressivem Steuersystem widerspiegelt. In Ländern mit hoher Machtdistanz haben Kinder vor allem zu gehorchen und sind Lehrer „Gurus“, die persönliche Weisheiten transferieren, welche nicht hinterfragt werden dürfen. Arbeit ist zentral organisiert und unterschiedliche 0 20 40 60 80 100 120 140 Deutschland China Macht distanz - Individu alismus - Maskulinität Unsicherheitsvermeidung Langzeitorientierung Abbildung 10.5: Die deutsche und die chinesische Kultur unterscheiden sich in manchen Dimensionen extrem – wie bei Individualismus, Machtdistanz und Langzeitorientierung, doch auf anderen, wie Maskulinität, sind sie sich sehr ähnlich. (Quelle: eigene Darstellung, nach Gerd Hofstede) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 223 224 Indianer und Chinesen – welchen Einfluss hat Kultur auf unser Verhalten? Kapitel 10 Hierarchieebenen symbolisieren existentielle Ungleichheiten zwischen Menschen. Soziale Ungleichheit wird demzufolge als unvermeidlich betrachtet, Einkommensunterschiede sind hoch und die Progressivität des Steuersystems ist niedrig. Femininität versus Maskulinität In maskulinen Kulturen sind Geschlechtsrollen eindeutig getrennt. Von Männern wird erwartet, dass sie durchsetzungsfähig und hart sind. Von Frauen wird erwartet, dass sie bescheiden und liebevoll sind. In femininen Kulturen wird hingegen von Frauen und Männern erwartet, dass sie bescheiden und liebevoll sind. Typisch maskuline Kulturen sind Japan, Italien, Deutschland und die angelsächsischen Länder. Feminine Kulturen finden wir in den skandinavischen Ländern und den Niederlanden. In maskulinen Gesellschaften sind soziale Anerkennung und ein hoher Status wichtige Ziele. Die Bezahlung orientiert sich an der Leistung eines Mitarbeiters und Geld ist wichtiger als Freizeit. Der Ehrgeiz von Frauen ist auf den Erfolg ihrer Männer gerichtet. Väter kümmern sich um die Fakten und Mütter kümmern sich um Gefühle. Mädchen dürfen weinen, Jungen nicht. Homosexualität wird als bedrohlich empfunden. In der Schule orientiert man sich an den besten Schülern, Sport ist wichtig und brillante Lehrer werden bewundert. In femininen Gesellschaften dominieren hingegen andere Ziele: Hier stehen vor allem intakte Beziehungen und eine hohe Lebensqualität im Mittelpunkt. Bezahlung orientiert sich an der Bedürftigkeit und Freizeit ist wichtiger als Geld. Der Ehrgeiz von Frauen ist auf den eigenen Erfolg gerichtet. Väter und Mütter kümmern sich um Fakten und Gefühle. Jungen dürfen, genau wie Mädchen, weinen und Homosexualität wird nicht als bedrohlich empfunden. In der Schule orientiert sich der Unterricht vor allen an den durchschnittlichen Schülern, Sport in der Schule ist eher unwichtig und freundliche Lehrer werden geschätzt. Abbildung 10.6: In femininen Kulturen dürfen Männer auch mal soft sein, in maskulinen Kulturen gelten hingegen noch strikte Rollenvorstellungen, bei denen Männer durchsetzungsfähig sind und nach Macht und Anerkennung streben. (© Gina Sanders und © ddgrigg – Fotolia.com) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 224 225 Durch welche Wertedimensionen lassen sich Kulturen unterscheiden? Kapitel 10 Unsicherheitsvermeidung Durch die Dimension Unsicherheitsvermeidung wird beschrieben, wieweit Mitglieder einer Kultur unbekannte und undefinierte Situationen als belastend und bedrohlich empfinden. Länder mit einer hohen Unsicherheitsvermeidung sind Griechenland und Portugal, Länder, die einen niedrigen Grad an Unsicherheitsvermeidung aufweisen, sind Schweden und Dänemark, aber auch China und Hongkong. Menschen in Ländern mit einer hohen Unsicherheitsvermeidung fühlen sich häufig gestresst, sind oftmals ängstlich und neigen zu einer niedrigen Lebenszufriedenheit. Diesen Gefühlen existentieller Unsicherheit wird durch strenge Regeln über „Gut und Böse“ begegnet. Menschen neigen zu ethnozentrischen Haltungen gegenüber anderen Kulturen – was anders ist, wird als bedrohlich empfunden. Diese Haltung hat Auswirkungen auf die verschiedensten Lebensbereiche. So vertraut man lieber Experten als Laien, da diese scheinbar mehr Sicherheit bieten. Das führt dazu, dass es vergleichsweise wenige Krankenschwestern, aber viele Ärzte gibt, dass in der Werbung oftmals Experten eingesetzt werden und dass im öffentlichen Dienst viele Juristen (d. h. Experten für Rechtsfragen) angestellt sind. Menschen wechseln nur selten ihren Arbeitgeber, bevorzugen risikoarme Geldanlagen, technologische Innovationen werden nur zögerlich akzeptiert und Neuwagen werden Gebrauchtwagen eindeutig vorgezogen. Öffentlichen Institutionen wird ganz allgemein mit Misstrauen begegnet. In Ländern mit einer niedrigen Ausprägung auf der Dimension Unsicherheitsvermeidung sind Menschen tendenziell weniger gestresst, weniger ängstlich und genießen eine hohe Lebenszufriedenheit. Die Sicherheit, mit der man dem Leben und seinen Unwägbarkeiten begegnet, macht strenge Regeln über „Gut und Böse“ überflüssig, anderen Kulturen wird mit Offenheit begegnet, was anders ist, wird als spannend und anregend empfunden. Bei wichtigen Entscheidungen vertraut man weniger auf den Rat von Experten, sondern lieber auf einen „common sense“. In Krankenhäusern gibt es vergleichsweise viele Krankenschwestern und wenige Ärzte, Menschen wechseln häufig ihren Arbeitgeber, investieren z. T. auch in risikoreiche Geldanlagen, technologische Innovationen werden schnell akzeptiert und Gebrauchtwagen werden aufgrund ihres niedrigeren Preises Neuwagen oftmals vorgezogen. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 225 226 Indianer und Chinesen – welchen Einfluss hat Kultur auf unser Verhalten? Kapitel 10 Individualismus versus Kollektivismus Eine der am intensivsten untersuchten Kulturdimensionen, die neben Hofstede auch von einer Vielzahl anderer Psychologen untersucht wurde, ist die Unterscheidung in Kollektivismus versus Individualismus (Nisbett, 2003; Triandis, 1995). Bei dieser Dimension geht es um die Frage, ob Menschen sich vor allem als individuelle Persönlichkeit oder als Mitglieder einer sozialen Gruppe definieren. Länder mit einem hohen Maß an Individualismus sind die angelsächsischen Länder (in denen das Wort „I“ buchstäblich großgeschrieben wird), die Niederlande sowie die skandinavischen Länder. Kollektivistische Länder finden sich vor allem in Asien und Südamerika. Kollektivistische Gesellschaften zeichnen sich durch folgende Eigenschaften aus (Hofstede, 2006): Erstens: Menschen akzeptieren Hierarchien und Statusunterschiede, auch wenn diese nicht durch aktuelle Leistung, sondern durch Tradition bzw. Alter (Seniorität) bestimmt sind. Berufliche und soziale Mobilität sind niedrig. Zweitens: Im sozialen Miteinander sind direkte Auseinandersetzungen zu vermeiden, vor allem dann, wenn sie zum Gesichtsverlust einer der Beteiligten führen würden. Höflichkeit geht grundsätzlich vor Ehrlichkeit und die Pflege von Beziehungen ist wichtiger als die effiziente Erledigung von Aufgaben. Selbstverständnis Ich Ich A. Independent B. Interdependent Mutter MutterVater Vater Geschwister Kollegen Kollegen Freund Freund Freund Freund Geschwister Abbildung 10.7: Die Dimension Kollektivismus/Individualismus bezieht sich darauf, ob sich jemand eher als unabhängiges Wesen wahrnimmt (independent) oder als Wesen, das eng mit anderen Menschen seiner Kultur verbunden ist (interdependent). (Quelle. Eigene Darstellung nach Markus & Kitayama, 1991, S. 226) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 226 227 Durch welche Wertedimensionen lassen sich Kulturen unterscheiden? Kapitel 10 Drittens: Bei der Aufteilung der Ressourcen wird deutlich zwischen Ingroup (Eigengruppe) und Outgroup (Fremdgruppe) unterschieden. So erhalten Kunden der eigenen Ingroup eine bevorzugte Behandlung und werden Mitglieder der eigenen Gruppe (vor allem Verwandte) aktiv in ihrer Berufslaufbahn unterstützt, auch wenn dafür formale Regeln umgangen werden müssen. Ressourcen sollten mit den eigenen Verwandten oder Kollegen geteilt werden. Viertens: Die Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern ähneln familialen Bindungen mit einem hohen Ausmaß an gegenseitiger Verantwortung. Arbeitnehmer verstehen sich vor allem als Mitglieder eines Kollektivs und versuchen, den Erfolg dieses Kollektivs zu maximieren. Öffentliches Lob richtet sich in aller Regel an die gesamte Arbeitsgruppe, individuelles Lob wird vermieden und würde vom Gelobten als peinlich empfunden. Fünftens: Verfehlungen und unmoralisches Handeln führen zu einem Gesichtsverlust vor der Gruppe und zu Schamgefühlen sowohl beim Täter als auch bei den Mitgliedern seiner Gruppe (z. B. seiner Arbeitsgruppe oder seiner Familie). Sechstens: Dem Staat wird eine dominierende Rolle bei der Organisation des Wirtschaftssystems zugesprochen, kollektive Ziele werden höher geachtet als individuelle Rechte (wie das auf Meinungsfreiheit). Die Gleichheit der Gruppenmitglieder wird stärker betont als die individuelle Freiheit der einzelnen Bürger.  Bei  politischen Entscheidungen wird Harmonie und Einstimmigkeit angestrebt. Im Gegensatz dazu lassen sich individualistische Kulturen wie folgt beschreiben: Erstens: Sozialer Status sollte nach meritokratischen Regeln (d. h. nach Leistung) verteilt werden. Wer viel leistet, soll nicht durch seine Herkunft daran gehindert werden, gesellschaftlich aufzusteigen. Zweitens: Auch wenn Harmonie wichtig ist, wird vor allem bei Sachdiskussionen Ehrlichkeit und Geradlinigkeit geschätzt, wobei hierbei Statusunterschiede nur eine geringe Rolle spielen. Drittens: Zumindest als ethisches Ideal gilt, dass alle Menschen gleich zu behandeln sind und dabei nicht zwischen Ingroup und Outgroup zu differenzieren ist. Nisbett (2003, S. 70) berichtet von einem protestantisch individualistischen Sozialwissenschafter, der einmal stolz erzählte, er habe seinen eigenen Sohn bei dessen Universitätskarriere niemals durch seinen eigenen guten Namen geholfen – sehr zum Unverständnis seiner jüdischen und katholischen (d. h. stärker kollektivistisch) orientierten Kollegen. Richard E. Nisbett (*1941) US-amerikanischer Sozialpsychologe – Nisbett ist vor allem für empirische Forschung zu unbewussten mentalen Prozessen bekannt (zusammen mit Timothy Wilson, s. Kapitel 14) sowie für sein Buch „The Geography of Thought“, in welchem er argumentiert, dass kognitive Strukturen von Kultur zu Kultur unterschiedlich sind. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 227 228 Indianer und Chinesen – welchen Einfluss hat Kultur auf unser Verhalten? Kapitel 10 Viertens: Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern folgen weitgehend einem wechselseitig utilitaristischem Prinzip. Arbeitnehmer arbeiten deshalb bei einem bestimmten Arbeitgeber, weil und solange dies ihrem eigenen Nutzen dient. Mitarbeiter folgen in ihrem Handeln ihren eigenen Karrieremotiven und freuen sich über öffentliches Lob (z. B. wenn sie „Mitarbeiter des Monats“ werden). Fünftens: Moralisches Verhalten orientiert sich an eigenen, weniger an durch das Kollektiv vorgegebenen Leitbildern. Unmoralisches Verhalten führt zu Gefühlen von Schuld und individueller Verantwortung. Sechstens: Der Staat wird nicht nur in wirtschaftlichen Fragen als lästiges Übel gesehen, der sich so wenig wie möglich in das Handeln der einzelnen Bürger einzumischen habe. Individuelle Rechte sind unantastbar, politische Entscheidungen sind demokratisch zu treffen und werden eher durch formale Regeln (z. B. durch formale Regeln über erforderliche Mehrheiten) legitimiert als durch Harmonie und Einstimmigkeit. In vielen Untersuchungen konnte gezeigt werden, dass Menschen individualistischen Kulturen im Durchschnitt glücklicher und zufriedener mit ihrem Leben sind als in kollektivistischen Kulturen. Allerdings ist die kausale Richtung dieses Zusammenhangs äußerst schwierig zu bestimmen, wobei die Befunde insgesamt eher darauf hindeuten, dass steigender Wohlstand zu mehr Individualismus führt als umgekehrt. Zudem hat diese Korrelation in den letzten 40 Jahren deutlich abgenommen, was damit zu tun hat, dass viele kollektivistische Länder (wie z. B. die Tigerstaaten Südkorea, Singapur, Taiwan und Hongkong) einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung verzeichnen. Die vom Westen gerne propagierte Gleichstellung von Abbildung 10.8: Menschen in individualistischen Gesellschaften sind im Durchschnitt glücklicher als Menschen in kollektivistischen Gesellschaften. Doch sind vermutlich sowohl Glück als auch Individualismus durch eine dritte Variable bedingt: Wohlstand. (© Michael Brown – Fotolia.com) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 228 229 Klima und Kultur Kapitel 10 politischer sowie wirtschaftlicher Freiheit mit wirtschaftlichem Wohlstand wird dadurch empirisch in Frage gestellt. Darüber hinaus lässt sich am Beispiel der Dimension Kollektivismus/Individualismus aber auch zeigen, dass man den kulturellen Einfluss auf das Empfinden und Handeln der einzelnen Menschen nicht überschätzen sollte. Auch Briten und Amerikaner denken häufig im Kollektiv, auch Chinesen und Brasilianer denken häufig vor allem an sich selbst. Zudem sind kollektivistische und individualistische Orientierungen auch davon abhängig, welchen situationalen Hinweisreizen Menschen ausgesetzt sind (Oyserman & Lee, 2007). In einer Serie von Experimenten wurden Versuchspersonen entweder danach gefragt, inwiefern sie ihren Freunden oder Verwandten ähnlich sind (Aktivierung von Kollektivismus) oder sie wurden danach gefragt, inwiefern sie sich von diesen unterscheiden (Aktivierung von Individualismus). Je nach Experimentalgruppe zeigten die Versuchspersonen im Anschluss entweder typisch kollektivistisches oder typisch individualistisches Verhalten und zwar unabhängig davon, ob es sich bei ihnen um Amerikaner oder um Asiaten handelte. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Studien von Hofstede eine wichtige Pionierarbeit geleistet und viele weitere Studien stimuliert haben, in denen ebenfalls Werte, Normen und Einstellungen zwischen verschiedenen Kulturen verglichen wurden. Diese Studien zeigen, wie sehr unser Empfinden und Handeln oftmals von den kulturellen Werten beeinflusst sind, in die wir sozialisiert wurden und stehen damit im Kontrast zu den Postulaten von Ökonomen und Evlutionspsychologen. Klima und Kultur In seinen Untersuchungen zu interkulturellen Unterschieden geht Hofstede nur am Rande darauf ein, warum sich die von ihm untersuchten Länder unterscheiden. Der Psychologe Evert van de Vliert (2007, 2009) stellt die Ursachen kultureller Unterschiede hingegen in den Mittelpunkt seiner Forschungen. Ihm geht es nicht nur um eine Beschreibung von Zusammenhängen, sondern auch um deren Erklärung bzw. Vorhersage. Die Hauptgründe für kulturelle Unterschiede sieht er in unterschiedlichen klimatischen Bedingungen einzelner Länder und unterschiedlichen Wohlstandsniveaus. Sein Ansatz basiert auf den folgenden Annahmen: Zum einen spielt das Klima eine entscheidende Rolle: Länder unterscheiden sich demnach darin, welche klimatischen Anforderungen an seine Bewohner gestellt werden. In milden Klimazonen sind die Anforderungen niedriger als in Ländern mit einem sehr kalten oder einem sehr heißen Klima. Als perfektes Effekte klimatischer Bedingungen Evert van de Vliert Niederländischer Psychologe – Der Schwerpunkt von van de Vlierts Forschung liegt auf kulturvergleichender Organisationspsychologie, wobei er besonders den Einfluss von klimatischen Bedingungen untersucht. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 229 230 Indianer und Chinesen – welchen Einfluss hat Kultur auf unser Verhalten? Kapitel 10 Klima beschreibt van de Vliert Temperaturen von ca. 22 Grad ohne allzu große jahreszeitliche Schwankungen. Unter solchen Bedingungen muss der Körper weder Energie zur Kälte- noch zur Hitzeregulation verwenden (d. h. weder Zittern noch Schwitzen) und stellt die Umwelt durch eine natürliche Artenvielfalt ein reichhaltiges Angebot an Nahrung und Flüssigkeit bereit. Länder mit einem annähernd „perfekten“ Klima sind demnach die Seychellen oder die Malediven, Länder mit sehr anspruchsvollem Klima hingegen z. B. Kanada (mit heißen Sommern und sehr kalten Wintern). Neben dem Klima sieht van de Vliert eine zweiten entscheidenden Faktor für die Erklärung von kulturellen Unterschieden: wirtschaftlicher Wohlstand. Es gibt Länder, in denen Menschen über viele bzw. nur über wenige ökonomische Ressourcen verfügen. Mit Verweis auf eine ganze Reihe soziologischer und psychologischer Theorien argumentiert van de Vliert, dass Menschen durch eine Kombination von hohen Anforderungen und hinreichenden Ressourcen an ihren Aufgaben wachsen können (d. h. ein Gefühl von Kontrolle entwickeln und Bedrohungen als positive Herausforderungen interpretieren). Wenn hingegen Menschen objektiv großen Herausforderungen mit ungenügenden Ressourcen gegenübertreten müssen, führt dies zu einem Gefühl der Verunsicherung und des Scheiterns. Wenn Menschen durch ihre Umwelt in nur geringem Maße mit Herausforderungen konfrontiert sind, sollte ihr psychisches Funktionieren nur wenig davon beeinflusst sein, welche Ressourcen ihnen zur Verfügung stehen. Diese beiden generellen Hypothesen hat van de Vliert an einer Vielzahl von abhängigen Variablen empirisch überprüft und bestätigen können, z. B. im Hinblick auf positive Emotionen und Prosozialität, die Motive ehrenamtlicher und bezahlter Arbeit, die Bedeutung egoistischer bzw. altruistischer Erziehungsziele, sowie Einstellungen zu autokratischer versus demokratischer Führung. „Perfektes“ Klima Einfluss wirtschaftlichen Wohlstands Abbildung 10.9: Klima und Wohlstand prägen die Kultur: Sowohl Kanada (linkes Bild) als auch die Mongolei (rechtes Bild) sind von einem eher anspruchsvollen Klima geprägt, doch verfügen Menschen in Kanada über wesentlich mehr Ressourcen, um mit den klimatischen Anforderungen zurechtzukommen. (© Andreas Edelmann und © Johann Loigge – Fotolia.com) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 230 231 Klima und Kultur Kapitel 10 In einer weiteren Studie hat er überprüft, wie das allgemeine Wertesystem einer Kultur durch eine Interaktion aus klimatischen Bedingungen und ökonomischen Wohlstand zu erklären ist. Hierbei unterscheidet er in Anlehnung an den US-amerikanischen Politologen Ronald Inglehart (1977, 1990), der sich mit dem Thema Wertewandel beschäftigt, zwischen zwei einander gegenüberstehenden Werten: Auf der einen Seite stehen Sicherheitswerte wie die Vermeidung körperlicher und ökonomischer Risiken und eine extrinsische Arbeitsmotivation, die auf das Erreichen von Wohlstand und Status gerichtet ist. Auf der anderen Seite stehen expressive Werte, die auf Selbstaktualisierung, Glück, und intrinsische Arbeitswerte (wie z. B. Spaß an der eigenen Tätigkeit) gerichtet sind. Anhand einer Stichprobe von 77 Ländern zeigte sich tatsächlich der von van de Vliert vorhergesagte Zusammenhang. Expressive Werte waren vor allen Dingen in wohlhabenden Nationen mit hohen klimatischen Anforderungen zu beobachten (wie z. B. in Kanada oder Skandinavien), Sicherheitswerte hingegen vor allem in armen Nationen mit hohen klimatischen Anforderungen (wie z. B. in Russland oder Moldavien). Bei Ländern mit einem milden Klima zeigte sich hingegen kein Zusammenhang zwischen Wohlstand und den vorhandenen Wertorientierungen. Abbildung 10.10: In relativ reichen Ländern mit rauem Klima haben sich durch die klimatischen Herausforderungen selbst-expressive Wert entwickeln können; in relativ armen Ländern mit rauem Klima dominiert hingegen das bloße Ziel, zu überleben. (Quelle: Van de Vliert, 2007) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 231 232 Indianer und Chinesen – welchen Einfluss hat Kultur auf unser Verhalten? Kapitel 10 Dänen lügen nicht – finanzielle Ehrlichkeit und interpersonales Vertrauen „Kann man den meisten Mitbürgern in Ihrem Lande vertrauen oder sollte man dies besser nicht tun?“ Wenn man Menschen weltweit diese Frage stellt, wird man je nach Land sehr unterschiedliche Antworten erhalten. Während z. B. in Frankreich nur ca. 20 % diese Frage mit „ja“ beantworten, sind es in Norwegen mit ca. 60 % dreimal so viele Befragte. Spiegeln sich in solchen Umfragewerten lediglich individuelle Eigenheiten dieser Länder wider oder gibt es einen Zusammenhang zwischen Vertrauen in einem Land und der tatsächlichen Vertrauenswürdigkeit seiner Bewohner? Über ein interessantes Experiment, das diese Frage beantworten kann, wird in der Zeitung The Economist (1996) berichtet: In 20 verschiedenen europäischen Städten wurden Portemonnaies mit Geld im Wert von 50 $ und der Adresse des Besitzers „verloren“. Der Anteil der Portemonnaies, die an ihren Besitzer zurückgeschickt wurden, fiel in diesem Experiment recht unterschiedlich aus. Während in der norwegischen Stadt Oslo und in Odense in Dänemark alle Portemonnaies zurückgegeben wurden, belief sich die Rückgabequote in Lausanne (Schweiz), Ravena (Italien) und im deutschen Weimar nur auf 20 % der Geldbeutel. Setzt man diese Ergebnisse zu dem Vertrauen in den unterschiedlichen Ländern in Bezug, zeigen sich sehr deutliche positive Zusammenhänge. Ein ähnliches Ergebnis zeigte sich auch in einer Studie von Fetchenhauer & van der Vegt (2001), in der anhand von Daten aus dem so genannten „World Value Survey“ die durchschnittliche finanzielle Ehrlichkeit von Bürgern verschiedener Länder bestimmt wurde. Die finanzielle Ehrlichkeit wurde hierbei gemessen über sieben Fragen nach der Legitimität von finanziell unehrlichem Verhalten (wie z. B. Steuerhinterziehung, Schwarzfahren, oder dem Beziehen staatlicher Leistungen, die einem nicht zustehen). Die Ergebnisse dieser Analyse und die Beziehung von finanzieller Ehrlichkeit und Vertrauen in den verschiedenen Ländern ist in der nachfolgenden Abbildung dargestellt. In Ländern mit hoher finanzieller Ehrlichkeit vertrauen die Menschen einander mehr als in Ländern mit niedriger finanzieller Ehrlichkeit. Mit anderen Worten: Die Menschen in den untersuchten westlichen Industrienationen haben offensichtlich ein intuitives Gespür dafür, ob sie ihren Mitmenschen vertrauen können oder nicht. Wahrgenommene und tatsächliche Vertrauenswürdigkeit im Vergleich Finanzielle Ehrlichkeit Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 232 233 Dänen lügen nicht – finanzielle Ehrlichkeit und interpersonales Vertrauen Kapitel 10 Die Abbildung verweist auch auf einige Variablen, die mit der Ehrlichkeit und dem Vertrauen der Menschen in den unterschiedlichen Ländern korrelieren (Fetchenhauer & van der Vegt, 2001). So sind Menschen in protestantischen Ländern (wie z. B. Norwegen und Schweden) ehrlicher und haben mehr Vertrauen in ihre Mitbürger als Menschen in katholischen Ländern wie Frankreich, Portugal oder Belgien. Länder mit einer gemischtkonfessionellen Tradition wie die USA oder die Niederlande liegen hingegen ganz überwiegend in der Mitte. Ferner zeigt sich, dass Menschen vor allem in solchen Ländern Vertrauen zu ihren Mitmenschen haben, in denen es eine lange demokratische Tradition gibt (definiert über den Zeitraum, seitdem es in den einzelnen Ländern ein ununterbrochenes demokratisches Regime gibt). Während z. B. skandinavische Länder seit sehr langer Zeit demokratisch verfasst sind, gab es in Portugal und auch in Frankreich nach dem zweiten Weltkrieg zumindest für eine gewisse Periode ein nichtdemokratisches Regierungssystem. Finanzielle Ehrlichkeit und Vertrauen (Ländervergleich) 706050403020 2 1 0 -1 -2 -3 Frankreich Großbritannien Deutschland Italien Niederlande Dänemark Belgien Spanien Irland USA Japan Norwegen Schweden Island Finnland Finanzielle Ehrlichkeit Vertrauen Abbildung 10.11: Ehrlichkeit und Vertrauen im Ländervergleich: Vertrauen und finanzielle Ehrlichkeit in westlichen Industriegesellschaften sind positiv korreliert. (Quelle: Fetchenhauer & van der Vegt, 2001) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 233 234 Indianer und Chinesen – welchen Einfluss hat Kultur auf unser Verhalten? Kapitel 10 Auffallend ist zudem, dass in Ländern mit einem hohen Maß an Vertrauen und finanzieller Ehrlichkeit die Emanzipation der Frau sehr viel stärker realisiert ist als in Ländern mit niedrigem Vertrauen und nur geringer finanzieller Ehrlichkeit. So waren z. B. bereits im Jahr 1990 in Norwegen über ein Drittel der Parlamentssitze mit Frauen besetzt, in Frankreich hingegen nur jeder fünfzehnte. In einer Reihe von Studien konnte darüber hinaus gezeigt werden, dass hohe finanzielle Ehrlichkeit und hohes interpersonelles Vertrauen das Wirtschaftswachstum von Gesellschaften positiv beeinflusst (Fetchenhauer & van der Vegt, 2001; Knack & Keefer, 1997). Zusammenfassung In diesem Kapitel ging es um die Frage, inwiefern Menschen durch die Kultur, in der sie leben bzw. aufgewachsen sind, beeinflusst werden. Auch wenn aus Platzgründen nur einige wenige empirische Studien zu dieser Frage vorgestellt werden konnten, sollte deutlich geworden sein, dass Menschen immer auch das Produkt ihrer kulturellen Umwelt sind. Ein durchschnittlicher Däne lebt in einer Gesellschaft, in der er den meisten seiner Mitbürger vertrauen kann und dies auch tut, in der es nur geringe Unterschiede zwischen arm und reich gibt, in der man mit Unsicherheiten entspannt umgeht und in der Frauen und Männer sich nur geringfügig unterscheiden. Ein Franzose, der nur wenige hundert Kilometer entfernt lebt, lebt hingegen in einer Gesellschaft, in der er den meisten Mitmenschen mit Misstrauen begegnet (oftmals zurecht), in der Unterschiede zwischen unterschiedlichen sozialen Schichten groß und allgemein akzeptiert sind, in der man versucht, Unsicherheiten durch strikte Regeln zu vermeiden und in der nach wie vor „echte Männer“ (wie z. B. Staatspräsident Sarkozy) das Sagen haben. Dennoch sollte man den Einfluss von Kultur auch nicht überschätzen. Hinter den meisten Unterschieden verbergen sich viele Gemeinsamkeiten und die psychologische Analyse interkultureller Unterschiede sagt immer nur etwas über Mittelwerte aus, aber nichts über den Charakter eines einzelnen Menschen. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 234 235 Studentenfutter Kapitel 10 Kurz und gut 1. Kulturen lassen sich als Systeme von Normen und Werten, als ein Geflecht von Institutionen und Regeln sowie als die Summe des Wissens über Techniken und Strategien zur Lösung bestimmter Alltagsprobleme definieren. 2. Hofstede weist darauf hin, dass sich kulturelle Praktiken wandeln können, ohne dass sich der Kern kultureller Werte verändert. 3. Kulturelle Werte sind subjektiv nur schwer hinterfragbar, sondern werden als natürlich und selbstevident empfunden. 4. Evolutionspsychologen weisen darauf hin, dass es neben kulturellen Unterschieden auch viele transkulturelle Universalien gibt. 5. Machtdistanz beschreibt das Maß, in dem in einer Kultur soziale Ungleichheit und soziale Statusunterschiede akzeptiert werden. 6. Maskuline Kulturen zeichnen sich dadurch aus, dass die gesellschaftlichen Rollenerwartungen an Männer und Frauen deutlich getrennt sind. 7. Unsicherheitsvermeidung beschreibt, inwieweit Mitglieder einer Kultur unbekannte und undefinierte Situationen als belastend und bedrohlich empfinden. 8. Bei der Unterscheidung zwischen individualistischen und kollektivistischen Kulturen geht es um die Frage, ob Menschen sich vor allem als individuelle Persönlichkeit oder als Mitglieder einer sozialen Gruppe definieren. 9. In Ländern mit einem herausfordernden Klima gelingt das Zusammenleben umso besser, über je mehr Wohlstand ein Land verfügt. In Ländern mit gemäßigtem Klima gibt es hingegen keinen solchen Zusammenhang. 10. Kulturen unterscheiden sich darin, inwiefern sich Menschen einander vertrauen und ob ein solches Vertrauen in Fremde gerechtfertigt ist. Studentenfutter Hofstede, G. (2001). Culture’s consequences: Comparing values, behaviors, institutions, and organizations across nations. Thousand Oaks: Sage Publications. Nisbett, R. E. (2003). The geography of thought: How asians and westerners think differently … and why. New York: Free Press. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 235 Kapitel 11 Warum Logik oftmals nicht weiterhilft – normative versus deskriptive Entscheidungstheorie Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 237

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Zusammenfassung

Vorteile

- Die psychologischen Grundlagen für das wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Studium: von der Allgemeinen über die Sozial- bis zur Wahrnehmungspsychologie

- Kompakter Aufbau

- Komplett vierfarbig

Zum Werk

In den Wirtschaftswissenschaften gilt das Bild des rational denkenden Menschen als überholt. Kenntnisse aus der Psychologie spielen dagegen eine immer größere Bedeutung für die Analyse, was sich nicht zuletzt in der aktuellen Diskussion um die Glücksforschung widerspiegelt.

Dieses Lehrbuch führt Wirtschaftswissenschaftler an die Grundlagen der Psychologie heran und stellt dar, wie sie das menschliche Verhalten (und damit auch das für die Wirtschaftwissenschaften wichtige Entscheidungsverhalten) beeinflussen.

Autor

Prof. Dr. Detlef Fetchenhauer ist Direktor des Instituts für Wirtschafts- und Sozialpsychologie an der Universität zu Köln. Er lehrt darüber hinaus an der Universität Wien.

Zielgruppe

Für Studierende der Wirtschaftswissenschaften an Universitäten und Fachhochschulen sowie Studierende, die im Nebenfach Psychologie belegen müssen (z.B. Lehramt).