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Kapitel 1 Was ist eigentlich Psychologie und wie beeinflusst die Steinzeit unser Verhalten? in:

Detlef Fetchenhauer

Psychologie, page 20 - 43

1. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3713-3, ISBN online: 978-3-8006-3940-3, https://doi.org/10.15358/9783800639403_20

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3Kapitel 1 Kapitel 1 Was ist eigentlich Psychologie und wie beeinflusst die Steinzeit unser Verhalten? Einladung zur Psychologie Willkommen bei dieser Einladung zur Psychologie. Ich freue mich sehr, dass Sie dieses Buch lesen wollen und hoffe, dass Sie dies nicht nur deshalb tun, weil Sie seinen Inhalt für eine Klausur lernen müssen. Falls Sie gerade in einer Buchhandlung stehen und sich überlegen, ob Sie dieses Buch tatsächlich erwerben sollen, rate ich Ihnen ganz uneigennützig: Kaufen Sie es! Nie mehr werden Sie ihr Leben derart tiefgreifend für unter 40 € verändern können. Im vorliegenden Buch geht es um Psychologie, d. h. um die Frage, wie man menschliches Denken, Fühlen, Wollen und Handeln verstehen und vorhersagen InhaltEinladung zur Psychologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3 Was ist Psychologie? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5 Eine kurze Geschichte der Erde und der Menschheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5 Die Theorie der natürlichen Selektion von Charles Darwin . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 Grundlagen der modernen Evolutionspsychologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 Proximate versus ultimate Erklärungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14 Die Vergangenheit erklärt die Gegenwart . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 Exkurs: Warum gibt es heute so wenige Kinder? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 Warum Evolution nichts mit Moral zu tun hat . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17 Ist Evolutionspsychologie nichts anderes als das Erzählen von Anekdoten? 18 Let’s talk about Sex – zur Bedeutung sexueller Selektion . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20 Sexuelle Selektion und Unterschiede zwischen Frauen und Männern . . . . . . 22 Evolutionspsychologie – Sackgasse oder Königsweg? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23 Die Entwicklung der Menschheit (Erich Kästner) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24 Kurz und gut . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24 Studentenfutter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25 Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 3 4Was ist eigentlich Psychologie und wie beeinflusst die Steinzeit unser Verhalten?Kapitel 1 kann. Dies ist eine spannende Frage. Ich finde sogar, aber vielleicht hat dies mit meinem Beruf zu tun, dies ist die spannendste Frage, die man sich überhaupt stellen kann. Ich werde versuchen, Ihnen auf den nächsten 4 Seiten zu erläutern, welche Antworten die Psychologie auf diese Frage gefunden hat. Einige meiner Mitarbeiter haben mich beim Probelesen dieses Buches davor gewarnt, dass ich den Leser – das heißt Sie – durch zu große Komplexität überfordern könnte. Aber wenn Sie bis hierher gekommen sind, schaffen Sie es auch bis ans Ende. Lassen Sie es mich so formulieren: Vor Ihnen liegt durchaus mehr als eine halbe Stunde „Nordic Walking“ im flachen Gelände. Manchmal werden wir auf unserem Weg einen Abstecher ins Hochgebirge machen, mag sein, dass Sie an der ein oder anderen Stelle ins Schwitzen kommen werden, mag sein, dass sie in den ein oder anderen Abgrund nur mit Schwindel werden blicken können, aber dafür werden Sie auch mit dem Hochgefühl belohnt, irgendwann auf dem Gipfel zu stehen. Am Ende dieses Buches werden Sie sich selbst und ihre Umwelt besser verstehen. Versprochen. Was Sie für dieses Buch allerdings mitbringen sollten, ist eine gewisse Offenheit, sich von den Theorien, Gedanken und Erkenntnissen der Psychologie beeindrucken und manchmal auch verunsichern zu lassen. Wie Goethe einmal gesagt hat: „Es gibt nichts, das ich mir von mir nicht vorstellen könnte.“ Wenn Sie diesem Satz zustimmen können, dann ist dieses Buch genau das Richtige für Sie. „Ich habe keine besondere Begabung, sondern ich bin nur leidenschaftlich neugierig.“ Albert Einstein (1879–1955), dt. Physiker Abbildung 1.1: Gleichzeitig erwecken und verzaubern – wie eine Bergwanderung im Nebel, bei der man irgendwann den Gipfel erklimmt und den Nebel am Fuße des Berges plötzlich mit ganz anderen Augen sieht – das ist Ziel dieses Buches. (Quelle: Wanderer über dem Nebelmeer; Caspar David Friedrich) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 4 5Eine kurze Geschichte der Erde und der Menschheit Kapitel 1 Was ist Psychologie? Psychologie lässt sich ganz allgemein beschreiben als die Lehre vom Erleben und Verhalten des Menschen. Mit dieser Frage beschäftigen sich allerdings nicht nur Psychologen, sondern auch Soziologen, Ökonomen, Anthropologen, Biologen, Philosophen und einige andere wissenschaftliche Disziplinen. Uns wird es in diesem Buch nicht um die Unterscheidungen zwischen verschiedenen Wissenschaften gehen, sondern nur darum, welche spannenden und guten Antworten es auf spannende und gute Fragen gibt. Ob eine solche Antwort von einem Psychologen oder jemand Anderem gegeben wird, ist dabei vollkommen egal: „Interdisziplinarität ist gut, völlige Disziplinlosigkeit ist besser.“ Es wird mir auch nicht darum gehen, mich in diesem Buch auf eine einzelne Theorie oder Forschungsperspektive festzulegen, da meines Erachtens keine einzige Theorie oder Forschungsperspektive in der Lage ist, der Fülle des Lebens und der menschlichen Psyche gerecht zu werden. Gleichwohl werde ich mich an der grundlegenden Idee orientieren, dass die menschliche Psyche nur erklärbar ist vor dem Hintergrund ihrer evolutionären Vergangenheit. Der moderne Mensch ist nicht einfach „vom Himmel gefallen“, sondern er ist entstanden in einer langen Geschichte, die ihn auch heute noch prägt. Unser Verhalten ist abhängig von unserer ganz individuellen Lern- und Lebensgeschichte, von der Umwelt, der Epoche und der Kultur, in der wir leben. Aber es ist eben auch abhängig von unseren genetischen Prädispositionen, die über Millionen von Jahren evolviert sind und die sich in den letzten 20 000 bis 100 000 Jahren kaum geändert haben. Dieser Standpunkt, von dem ich auch Sie überzeugen möchte, fußt auf der Erkenntnis, dass die menschliche Existenz nur zu verstehen ist aus dem ganz eigentümlichen Spannungsverhältnis, welches die Conditio Humana kennzeichnet. Wir müssen versuchen, in einer hochkomplexen Umwelt mit Internet, Interkontinentalflügen und Speed-Dating zurechtzukommen, obwohl unser Körper und unser Geist an eine Existenz als Jäger und Sammler angepasst sind. Bevor wir uns mit Psychologie im engeren Sinne beschäftigen, möchte ich Sie deshalb bitten, mich auf einen kurzen Exkurs in die Geschichte der Menschheit zu begleiten. Eine kurze Geschichte der Erde und der Menschheit Als die Erde vor ca. vier Milliarden Jahren entstand, war sie zunächst ein glühend heißer Ball, deren Oberfläche flüssig war und dessen Atmosphäre noch keinerlei Sauerstoff enthielt. Aber bereits vor 3,8 Milliarden Jahren gab es erste Einzeller, Interdisziplinarität Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 5 6Was ist eigentlich Psychologie und wie beeinflusst die Steinzeit unser Verhalten?Kapitel 1 die über viele Entwicklungsstufen hinweg vor ca. 220 Millionen Jahren zu den ersten Säugetieren führten. Aus ihnen sind vor ca. 30 Millionen Jahren die ersten Primaten entstanden, aus denen sich wiederum vor ca. 7 Millionen Jahren im Nordosten Afrikas die ersten Hominiden entwickelten. Über verschiedene Entwicklungsstufen hinweg evolvierte schließlich vor ca. 150 000 bis 200 000 Jahren homo sapiens (d. h. der moderne Mensch) (Storch et. al, 2007). Einige unserer Vorfahren machten sich etwa 100 000 Jahre später erstmals von Afrika auf den Weg „in die weite Welt“ und wanderten zunächst nach Vorderasien und Australien. Zentraluropa erreichten die ersten Menschen vor ca. 30 000 und das hintere Asien vor ca. 20 000 Jahren. Von dort aus wanderten sie über eine damals am Ort der heutigen Beringstraße existierende Landbrücke zwischen Asien und Alaska nach Amerika (Wells, 2003). Vor circa 10 000 Jahren hatte der homo sapiens schließlich selbst den südamerikanischen Kontinent besiedelt (Wells, 2003) Für den größten Teil der Menschheitsgeschichte lebten alle unsere Vorfahren als Jäger und Sammler in kleinen Gruppen von ca. 50 bis 150 Mitgliedern, die sich als nichtsesshafte Nomaden in ständiger Wanderschaft befanden (Diamond, 1999). „Die einzige Konstante im Universum ist die Veränderung.“ Heraklit von Ephesus (etwa 540–480 v. Chr.), gr. Philosoph Abbildung 1.2: Out of Africa. Von Afrika aus breitete sich der moderne Mensch (homo sapiens) über Europa und Asien bis nach Amerika aus. Die Farben und Zahlen geben den Zeitraum der Ausbreitung an (Wells, 2003); die Zahlen bedeuten vor unserer Zeit. (Quelle: Jürgen Paeger; www.oekosystem-erde.de) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 6 7Eine kurze Geschichte der Erde und der Menschheit Kapitel 1 Erst vor ca. 10 000 Jahren wurden im heutigen Irak die ersten Menschen sesshaft, indem sie begannen, Ackerbau und Viehzucht zu betreiben. Während Jäger und Sammler darauf angewiesen sind, das zu essen, was sie in der Natur vorfinden, produzieren Ackerbauer und Viehzüchter ihre Nahrung selbst. Der Nutzen dieser Lebensweise besteht allerdings keineswegs darin, dass die Ernährung zuverlässiger zu gewährleisten war oder das Leben dadurch gesünder und länger wurde. Im Gegenteil: Wie paläontologische Studien zeigen wurde das Leben anstrengender und kürzer (Junker, & Paul. 2009, S. 27). Warum dann aber der Wechsel? Der wesentliche Vorteil von Ackerbau und Viehzucht besteht darin, dass es möglich ist, sehr viel mehr Menschen in einem gegebenen Gebiet zu ernähren. Da Menschen seit jeher Krieg miteinander geführt haben, war eine große Anzahl an Kriegern in einem Stamm ein entscheidender Vorteil und der Grund dafür, dass immer mehr Menschen sesshaft wurden. Archäologische Studien zeigen, dass schon bald nach der Entwicklung der Landwirtschaft die ersten Wachtürme installiert wurden, um die eigenen Ressourcen (wie Tiere oder Ernten) vor den Angriffen verfeindeter Stämme zu schützen (Keeley, 1996). Von Jared Diamond (1999) ist darauf hingewiesen worden, dass die relative Vorteilhaftigkeit einer sesshaften gegenüber einer nomadischen Existenz in hohem Maße davon abhängig ist, welche Tiere und Pflanzen in der natürlichen Umwelt vorhanden sind. In Eurasien gab es, im Gegensatz zu allen anderen Kontinenten, eine Vielzahl domestizierbarer Pflanzen- und Tierarten, die vom Menschen für ihre Zwecke verwendet werden konnten: Verschiedene Getreidearten wie Gerste und Einkorn – ein Vorfahr des Weizen –, sowie Tierarten wie Kühe, Schafe und Schweine. Besonders Kühe und Schafe hatten hierbei eine wichtige Bedeutung, weil ihr Fleisch gegessen, ihre Milch getrunken und ihre Arbeitskraft in der Landwirtschaft genutzt werden konnten. Als die Flotten der europäischen Großmächte am Ende des 15ten Jahrhunderts begannen, die Welt zu erobern, stießen sie in anderen Erdteilen auf Menschen, denen sie kulturell und militärisch haushoch überlegen waren. Dies hatte jedoch nichts mit genetischen Unterschieden zwischen Eroberern und Eroberten zu tun, sondern einzig mit ihrer unterschiedlichen Geschichte, die wiederum ihren Ursprung hatte in der unterschiedlichen Anzahl an Tieren und Pflanzen, die  tausende Jahre zuvor für eine Domestizierung zur Verfügung gestanden hatte. Es ist aber wichtig darauf hinzuweisen, dass der durchschnittliche Wohlstand der Menschen durch die „Entdeckung“ der Landwirtschaft keineswegs zugenommen hat. Die Lebenserwartung war nach wie vor sehr niedrig. Wer krank wurde, wurde von selber wieder gesund – oder starb. Bis zur industriel- Jared Diamond (*1937) US-amerikanischer Evolutionsbiologe und Geograph – Durch zahlreiche populärwissenschaftliche Bücher ist Diamond wohl einer der prominentesten Verfechter der Evolutionstheorie Charles Darwins (s.u). Sein Buch „Guns, Germs and Steels“ beschäftigt sich mit der Erklärung kultureller Unterschiede durch geografische und klimatische Bedingungen. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 7 8Was ist eigentlich Psychologie und wie beeinflusst die Steinzeit unser Verhalten?Kapitel 1 len Revolution lebte der weitaus überwiegende Teil der Menschheit in bitterer Armut. Erst seit der industriellen Revolution ist weltweit eine enorme Zunahme des menschlichen Wohlstands zu beobachten (siehe Graphik). Seit dem Jahr 1750 hat sich der Wohlstand eines durchschnittlichen Bewohners unseres Planeten vervielfacht. Mit nur geringer Übertreibung ließe sich behaupten: Der Durchschnittsdeutsche heute lebt besser als ein König vor 500 Jahren! Ein König hatte keine Zentralheizung, schlechteres Essen und schlechteren Wein. Es war mühsamer sich fortzubewegen (man vergleiche eine rumpelnde königliche Kutsche mit dem Komfort eines Volkswagen-Golf). Es gab kein Fernsehen und kein Telefon (es gab also kaum aktuelle Informationen über das eigene Reich, geschweige denn andere Königreiche). Fassen wir zusammen: Aus den ersten Einzellern haben sich im Laufe der Evolution über mehrere Milliarden Jahre verschiedenste und hochkomplexe Spezies entwickelt. Homo sapiens existiert seit ca. 150 000 Jahren, aber erst durch den Übergang zu Ackerbau und Viehzucht bzw. durch die industrielle Revolution ist die Menschheit zu ihrem gegenwärtigen Wohlstand gelangt. Wie aber kann die biologische Entwicklung des Menschen und aller anderen Arten erklärt werden? Auf diese Frage gibt die Evolutionstheorie von Charles Darwin eine Antwort. B IP in D o lla r p ro K o p f (K au fk ra ft v o n 19 90 ) 1000 2000 3000 4000 5000 6000 7000 0 200 400 600 800 1000 1200 1400 1600 1800 2000 Die weltweite Entwicklung des menschlichen Wohlstands seit Christi Geburt (de Long, 2000) Abbildung 1.3: Wirtschaft- und Wohlstandswachstum gibt es aus evolutionärer Sicht erst seit sehr kurzer Zeit. (Quelle: de Long, 2000; eigene Übersetzung) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 8 9Die Theorie der natürlichen Selektion von Charles Darwin Kapitel 1 Die Theorie der natürlichen Selektion von Charles Darwin In seinem Buch „The Origin of Species“ (erstmals publiziert 1859) entwickelte Charles Darwin seine revolutionäre Theorie, wie die Vielfalt und komplexe Adaptivität der verschiedenen Pflanzen- und Tierarten auf der Erde zu erklären sei. Die Reichweite der Theorie Darwins sowie die Anzahl an wissenschaftlichen Disziplinen und Theorien, die durch Darwin beeinflusst wurden, ist extrem beeindruckend. Im Gegensatz zur modernen Physik ist ihre Grundstruktur hingegen verblüffend simpel (in Anlehnung an einen Werbespruch könnte man sagen: „genial einfach, einfach genial“). Die Relativitätstheorie Einsteins oder die moderne Stringtheorie sind nur nach einem mehrjährigen Physikstudium zu verstehen (wenn überhaupt), die grundlegenden Annahmen der Evolutionstheorie von Darwin lassen sich jedoch erstaunlich knapp zusammenfassen. Erstens: Die Individuen einer Art unterscheiden sich. Das gilt für Menschen, aber auch für alle anderen Tiere und Pflanzen. Küchenchefs und erfahrene Hausfrauen wissen dies und wählen deshalb in der Gemüseabteilung nicht gleich den erstbesten Blumenkohl. Zweitens: Kinder gleichen in gewissem Maße ihren Eltern, weil sich Eigenschaften von Eltern auf ihre Kinder vererben. Auch dies gilt nicht nur für Menschen, sondern auch für alle anderen Tier- und Pflanzenarten. Drittens: Das Leben ist schwer. Alle Spezies produzieren sehr viel mehr Nachkommen als für den Bestand der Population notwendig sind. Das bedeutet: Nur ein kleiner Teil aller geborenen Organismen erreicht ein Alter, in dem sie in der Lage sind, eigene Nachfahren zu zeugen. Die Mitglieder einer Spezies stehen somit im Wettbewerb um knappe Ressourcen (z. B. Wasser, Nahrung, Schutz vor Fressfeinden) und nur ein Teil aller Organismen überlebt diesen Wettbewerb. Darwin (1859/1979) erläutert diese Tatsache am Beispiel von Elefanten. Wenn wir davon ausgehen, dass jedes Elefantenweibchen im Laufe eines 90jährigen Lebens sechs Nachfahren produziert und jedes dieser Nachfahren seinerseits sechs Nachfahren zeugt, so ergäbe sich aus dieser Kalkulation, dass ein Elefantenpaar innerhalb von nur 500 Jahren insgesamt 15 Millionen Nachfahren hätte – wenn nicht die Mehrzahl aller Elefanten stürbe, bevor sie alt genug sind, sich fortzupflanzen. Wovon hängt es nun ab, ob ein bestimmter Organismus diesen Wettbewerb überlebt? Hierbei sind grundsätzlich zwei Möglichkeiten zu unterscheiden: Charles Darwin (1809–1882) Britischer Naturforscher – Darwin gilt als Begründer der Evolutionstheorie. Seine wichtigsten Werke sind „Origins of Species“ und „The descent of man“. Die Übertragung der Evolutionstheorie ins Politische – im Rahmen des Sozialdarwinismus – geht allerdings nicht auf Darwin selbst zurück. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 9 10 Was ist eigentlich Psychologie und wie beeinflusst die Steinzeit unser Verhalten?Kapitel 1 Zum einen kann die Wahrscheinlichkeit, zu überleben, vollkommen vom Zufall abhängig und für alle Organismen gleich groß sein. Dies ist in der Realität vielfach der Fall, z. B. bei den Mitgliedern eines Fischschwarms, die von einem Raubfisch gefressen werden. Zum anderen aber kann zwischen den verschiedenen Organismen einer Spezies ein systematischer Unterschied in der individuellen Überlebenswahrscheinlichkeit bestehen. Darwin postulierte, dass derjenige Organismus überlebt, der am besten an die herrschenden Umweltbedingungen angepasst ist. Er betitelte dieses Prinzip mit dem Ausdruck „Survival of the fittest“. Fälschlicherweise fand die Wendung mit der Übersetzung „das Überleben des Stärksten“ Einzug in die deutsche Sprache, was die Sichtweise Darwins nicht zutreffend wiedergibt. Darwin ging keinesfalls davon aus, dass der Kräftigste gewinnt; er war vielmehr der Überzeugung, dass der Organismus überlebt, dessen Schlüssel (= genetische Ausstattung) am besten ins Schloss (= Umwelt) passt. Durch welche Faktoren wird die relative Überlebenswahrscheinlichkeit eines Organismus determiniert? Zum einen spielen hierbei Variationen in kontinuierlichen Merkmalen eine wichtige Rolle (wie z. B. der Größe oder der Intelligenz eines Organismus). Warum ist z. B. das Fell von Eisbären weiß? Stellen wir uns eine Bärenart vor, die in der Arktis lebt und sich von anderen Tieren ernährt. Das Fell dieser Bären sei braun, was ihren Jagderfolg offensichtlich beeinträchtigt, weil diese braunen Bären aufgrund der Farbe ihres Fells schon von weitem zu erkennen sind. Gehen wir nun davon aus, dass sich die Bären ein wenig in der Bräune ihres Fells unterscheiden. Einige Bären haben ein dunkleres Fell als andere. Wenn nun die Bären mit einem etwas helleren Fell eine etwas höhere Überlebenswahrscheinlichkeit durch den etwas höheren Jagderfolg haben als Bären mit einem etwas dunkleren Fell, so werden die Bären mit einem helleren Fell mehr Nachfahren produzieren, d. h. in der nachfolgenden Generation werden die Bären im Schnitt ein helleres Fell haben als in der Generation zuvor. Im Laufe der Zeit wird sich somit die Fellfarbe der Bären soweit ändern, bis diese in ihrer Farbe optimal an ihre Umwelt angepasst sind. Voilà: der moderne Eisbär (Haring, 2003). Zum anderen unterscheiden sich Organismen auch durch das Vorliegen von Mutationen, d. h. Fehlern bei der Rekombination der elterlichen DNA (d. h. ihres Erbmaterials) im Zuge der Reproduktion. Mutationen sind in den allermeisten Fällen nachteilig. Lediglich ein ganz kleiner Teil an Mutationen führt zu einer positiven Veränderung der Erbstruktur, die zu einer Erhöhung der Überlebenswahrscheinlichkeit führt. Survival of the fittest Kontinuierliche Merkmale Mutationen Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 10 11 Die Theorie der natürlichen Selektion von Charles Darwin Kapitel 1 Ein oft zitiertes Beispiel für diesen Effekt ist die Entwicklung der Laktoseverträglichkeit des Menschen. Als vor ca. 10 000 Jahren die Menschen begannen, Rinder, Schafe und Ziegen zu domestizieren, stand ihnen auch die Milch dieser Tiere als Nahrung zur Verfügung. Allerdings waren zunächst die meisten Menschen im Erwachsenenalter gegen Tiermilch allergisch. Unter diesen veränderten kulturellen Bedingungen war es offensichtlich in hohem Maße adaptiv, auch als Erwachsener nicht allergisch gegen Milch zu sein, was erklärt, dass heute Laktoseunverträglichkeit beim Menschen selten ist – allerdings nur bei Menschen, deren Vorfahren in Umwelten lebten, in denen das Trinken von Tiermilch Teil der lokalen Kultur war. So ist in Asien auch heute noch eine Mehrheit aller Erwachsenen nicht in der Lage, sich von Tiermilch zu ernähren. Hierbei müssen die relativen Reproduktionsvorteile sowohl von kontinuierlichen Merkmalen als auch von Mutationen nicht sehr groß sein, um im Laufe der Zeit eine große Wirkung zu haben. Stellen wir uns eine Population einer bestimmten Art vor, die aus zwei verschiedenen Subtypen bestehe: Subtyp A habe eine bestimmte Eigenschaft (z. B. Laktoseverträglichkeit), Subtyp B aber nicht. Wir nehmen der Anschaulichkeit halber eine Gesamtpopulation von 100 Individuen dieser Spezies an. Beide Subtypen machen 50 % der Gesamtpopulation aus, es gibt demnach 50 mit und 50 ohne Laktoseverträglichkeit. Nun kommt die entscheidende Annahme: Wir nehmen an, dass die Wahrscheinlichkeit, ihre Gene an zukünftige Generationen weiterzuleiten, für den Subtyp A (Laktoseverträglichkeit) geringfügig höher als für den Subtyp B. Für ein Individuum des Subtyp A betrage die Gesamtzahl an Nachfahren im Durchschnitt also 1,01 (für Subtyp B hingegen nur 0,99). Nach nur hundert Generationen wäre in diesem Fall ein Individuum des Subtyps A sieben Mal so häufig wie der Subtyp B. Die Auswirkung dieser Entwicklung verdeutlicht die folgende Abbildung: Laktoseverträglichkeit Abbildung 1.4: Tarnung als Überlebensstrategie: Natürliche Selektion und genetische Variation haben dazu geführt, dass Eisbären ein weißes Fell haben. (© outdoorsman – Fotolia.com) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 11 12 Was ist eigentlich Psychologie und wie beeinflusst die Steinzeit unser Verhalten?Kapitel 1 Aus evolutionärer Perspektive sind hundert Generationen vergleichsweise wenig. Wenn man davon ausgeht, dass Hominiden seit ca. vier Millionen Jahren existieren und dass sich Menschen durchschnittlich im Alter von 30 Jahren fortpflanzen, liegen zwischen dem Beginn der Menschheit und der Gegenwart ca. 130 000 Generationen. Zusammengefasst besagt die Theorie Darwins, dass kleine Unterschiede zwischen den Individuen einer Art sowie der harte Konkurrenzkampf zwischen ihren Mitgliedern dafür sorgen, dass diese im Laufe der Evolution immer besser an ihre Umwelt angepasst sind. Wichtig ist hierbei, den Begriff der Anpassung nicht falsch zu verstehen. Kein Lebewesen passt sich genetisch seiner Natur an, sondern die bereits am besten angepassten haben die höchste Überlebenswahrscheinlichkeit. Evolution ist nichts anderes als die nicht intendierte (d. h. nicht beabsichtigte) Konsequenz eines immerwährenden Selektionsprozesses. Die enorme Leistung dieser Theorie ist nur zu verstehen, wenn wir uns verdeutlichen, dass vor Darwin die einzige plausible Alternativerklärung in der Annahme eines allmächtigen Schöpfergottes bestand. Wie sonst hätte die Komplexität und Angepasstheit von Tieren und Pflanzen erklärt werden können? Der britische Theologe William Payley gebrauchte hierfür im Jahr 1809 das Bildnis einer Uhr, die wir am Strand finden. Selbst wenn wir nicht wüssten, was eine Richard Dawkins (*1941) Britischer Evolutionsbiologe – Dawkins wurde bekannt durch seine Arbeit zur evolutionären Genetik – besonders durch die Einführung des Begriffes des Memes bzw. der Memetik (s. Kapitel 7), sowie durch seine Religionskritik (s. Kapitel 7). Abbildung 1.5: Natürliche Selektion führt zur Fortpflanzung von Subtypen mit adaptiven Eigenschaften und zum Aussterben von Subtypen mit maladaptiven Eigenschaften. (Quelle: eigene Darstellung) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 12 13 Grundlagen der modernen Evolutionspsychologie Kapitel 1 Uhr sei, würden wir nicht vermuten, dass dieses komplexe Gebilde aus Metall und Glas zufällig entstanden sei. Stattdessen würden wir uns fragen, wer diese Uhr gemacht habe. Genauso sei auch die komplexe Adaptivität von Pflanzen und Tieren nicht zufällig entstanden, sondern durch einen Schöpfergott so intendiert worden. Die Theorie Darwins hingegen kommt ohne die Annahme eines solchen allmächtigen Schöpfers aus. Richard Dawkins spricht deshalb von der Evolution auch als einem „blinden Uhrmacher“ (Dawkins, 1996). Die Darwinsche Evolutionstheorie kann hierbei nicht nur die Angepasstheit von Arten an ihre Umwelt erklären, sondern auch, wie es zur Entstehung verschiedener Arten kommt: Wenn die Mitglieder einer Art sich im Laufe der Evolution immer mehr an ihre eigene ökologische Nische anpassen, dann unterscheiden sie sich irgendwann deutlich von den Mitgliedern der gleichen Art, die eine andere ökologische Nische bewohnen, bis es sich irgendwann um zwei verschiedene Arten handelt (technisch lassen sich zwei Organismen dann zwei verschiedenen Arten zuordnen, wenn diese sich untereinander nicht fortpflanzen können). Grundlagen der modernen Evolutionspsychologie Bisher haben wir die Evolutionstheorie in einer sehr allgemeinen Form besprochen, d. h. wir haben uns noch nicht mit der Frage beschäftigt, inwiefern auch das Denken, Fühlen und Handeln des Menschen durch die Gesetze der Evolution erklärt werden kann. Hierzu gibt es sehr kontroverse Ansichten. Viele Sozialwissenschaftler bestreiten, dass unser Verhalten sonderlich viel mit unserer evolutionären Geschichte zu tun habe. Sie argumentieren, der Mensch sei – im Gegensatz zu allen anderen Tieren – gleichsam aus der Natur herausgetreten, indem sein Verhalten nicht durch Instinkte gesteuert sei. Stattdessen werde der Mensch als eine tabula rasa (d. h. ein unbeschriebenes Blatt) geboren und zeichne sich dadurch aus, äußerst flexibel auf seine jeweilige Umwelt zu reagieren (c. f. Locke, 1690). Menschliches Verhalten sei deshalb vollständig durch die jeweiligen Lebensbedingungen determiniert. Hieraus lasse sich auch die enorme Bandbreite menschlichen Verhaltens in unterschiedlichen Kontexten bzw. Kulturen erklären. Evolutionspsychologen sind hingegen anderer Meinung (c. f. Pinker, 2002). Sie argumentieren, dass der Mensch – wie auch jede andere Spezies – nur zu erklären sei als Produkt seiner evolutionären Vergangenheit. Aus dieser Perspektive betrachtet wandeln Menschen mit einer Psyche über unseren Globus, die sich seit der Entstehung des homo sapiens nicht nennenswert verändert habe. Dieses evolutionäre Erbe zeige sich sowohl in unserem Denken, als auch in unseren Motiven Ökologische Nische Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 13 14 Was ist eigentlich Psychologie und wie beeinflusst die Steinzeit unser Verhalten?Kapitel 1 und Emotionen sowie in unserem Verhalten (Buss, 2004). Der Amerikaner David Buss (2004) etwa erklärt sowohl Emotionen wie Neid, als auch kognitive Vorgänge wie die Einschätzung von sozialem Status, als auch Verhalten wie Mord oder gar Stalking aus evolutionspsychologischer Perspektive. Um ein bestimmtes Verhalten zu verstehen, müsse man deshalb folgendes untersuchen: Zur Lösung welchen adaptiven Problems könnte dieses Verhalten evolviert sein? Bevor diskutiert werden soll, welcher dieser beiden Positionen zuzustimmen ist, wollen wir zunächst einige Grundannahmen der evolutionären Psychologie verdeutlichen. Proximate versus ultimate Erklärungen Auf der Suche nach evolutionstheoretischen Erklärungen muss man bei der Analyse physischer und psychischer Anpassungen grundsätzlich unterscheiden zwischen einer proximaten und einer ultimaten Analyseebene. Auf der proximaten Ebene wird untersucht, welche physischen und psychischen Prozesse zu einem bestimmten Verhalten führen. Auf der ultimaten Ebene liegt der Fokus hingegen auf der Frage, welchen langfristigen, adaptiven Nutzen dieser proximate Mechanismus hat. Nehmen wir als Beispiel die Präferenz von Männern für junge und gesunde Frauen. Auf einer proximaten Ebene ließe sich zunächst feststellen, dass Männer solche Frauen bevorzugen, weil sie diese als „schöner“ und „attraktiver“ empfinden. Eine solche Antwort wäre aus evolutionärer Perspektive allerdings sehr unbefriedigend. Um eine ultimate Erklärung für dieses Phänomen zu erhalten, müsste untersucht werden, welche adaptiven Fitnessvorteile Männer mit diesen Partnerwahlpräferenzen haben. Eine solche Analyse würde zu folgendem Ergebnis führen: Männer können nur dann ihre Gene an folgende Generationen weitergeben, wenn sie sich mit fruchtbaren Frauen verpaaren, die in der Lage sind, gesunde Kinder zu gebären. Diese Eigenschaften sind bei jüngeren Frauen sehr viel stärker ausgeprägt als bei älteren Frauen. So steigt z. B. die Wahrscheinlichkeit schwerer Missbildungen eines Säuglings mit dem Alter der Mutter. Beispiel: 0,1 Prozent aller Kinder einer 20jährigen Mutter leiden unter einem Down-Syndrom, aber 4 Prozent aller Kinder einer 45jährigen Mutter. Zudem ist die Fruchtbarkeit einer Frau durch die Menopause begrenzt. Wer sich als junger Mann in eine 50jährige verliebt, wird mit dieser Frau keine Kinder bekommen, die seine Gene in zukünftige Generationen transportiert. Motive und Emotionen David Buss (*1953) US-amerikanischer Evolutionspsychologe – Buss ist einer der bekanntesten Evolutionspsychologen, was unter anderem auf eine Vielzahl veröffentlichter Bücher zurückgeht. Dazu gehören „The Evolution Of Desire:“, „Dangerous Passion“ und „The Murderer Next Door:“. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 14 15 Grundlagen der modernen Evolutionspsychologie Kapitel 1 Dies bedeutet: Männer, die eine Präferenz für junge Frauen hatten, haben in unserer Vergangenheit mehr Nachfahren gezeugt als Männer mit einer Präferenz für ältere Frauen. Und diese Nachfahren haben die Präferenzen ihrer Väter geerbt. Die Vergangenheit erklärt die Gegenwart Da Evolutionsprozesse auf der relativen Vorteilhaftigkeit bereits vorliegender Merkmale beruhen, vollziehen sie sich immer nur mit einer gewissen Trägheit und Verzögerung. Hieraus lässt sich ableiten, dass moderne Menschen nicht an ihre gegenwärtige hochkomplexe Umwelt adaptiert sind, sondern an ein Leben als Jäger und Sammler, weil diese Existenzform die conditio humana über Hunderttausende von Jahren determiniert hat, bis vor ca. 10 000 Jahren die ersten Menschen sesshaft wurden. Dies bedeutet, dass viele Verhaltensweisen des Menschen, die in der so genannten „Environment of evolutionary adaptedness“ (Bowlby, 1969) adaptiv waren, unter heutigen Lebensbedingungen maladaptiv sind. Hierzu gehört z. B. die menschliche Präferenz für süße und fette Speisen. Jägerund Sammlergesellschaften leben in aller Regel unter der Bedingung ständiger Nahrungsknappheit. Eine Präferenz für Süßes und Fettes war daher in hohem Maße adaptiv, weil solche Speisen einen hohen Kaloriengehalt haben und deshalb ihre Aufnahme zum Überleben eines Individuums beitragen. Unter heutigen Lebensbedingungen führt die menschliche Bevorzugung hochkalorischer Speisen jedoch zu Übergewicht, orthopädischen Überbelastungen und Herz-Kreislauferkrankungen. So ist in den USA mittlerweile mehr als die Hälfte aller Menschen im medizinischen Sinne übergewichtig. Environment of evolutionary adaptedness Abbildung 1.6: Süß und fettig: Kalorienhaltiges Essen sorgt heutzutage für schwerwiegende gesundheitliche Probleme, doch lieben wir Menschen es, da fettige und süße Speisen früher durchaus sinnvoll waren. (Quelle: Fotolia) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 15 16 Was ist eigentlich Psychologie und wie beeinflusst die Steinzeit unser Verhalten?Kapitel 1 Exkurs: Warum gibt es heute so wenige Kinder? Ein anderes Beispiel für eine nur mangelnde Anpassung an unsere modernen Lebensumstände sind die stets weiter sinkenden Fertilitätsraten (d. h. Geburtenraten) in westlichen Gesellschaften. Für alle nichtmenschlichen Spezies und für Menschen in Jäger- und Sammlergesellschaften gilt, dass die Reproduktionsrate umso höher ist, je günstiger die Lebensbedingungen sind. Dies erscheint plausibel: Je weniger Ressourcen in das eigene Überleben investiert werden müssen, desto mehr Ressourcen stehen für Reproduktionszwecke zur Verfügung. In modernen Industriegesellschaften gibt es hingegen einen negativen Zusammenhang zwischen sozialem Status (d. h. Ressourcenausstattung) und Fertilitätsraten. Dies gilt sowohl innerhalb von Gesellschaften (Akademikerinnen bekommen weniger Kinder als Nicht-Akademikerinnen) als auch beim Vergleich zwischen Gesellschaften: In den reichsten Ländern dieser Welt sind die Reproduktionsraten niedriger als in den Entwicklungsländern. Zu erklären ist dieses Paradox wahrscheinlich damit, dass beim Menschen durch die zur Verfügung stehenden Kontrazeptionsmittel (d. h. Empfängnisverhütungsmittel) der deterministische Zusammenhang zwischen sexueller Betätigung und Fortpflanzung unterbrochen ist. In vorindustriellen Gesellschaften sowie bei nicht-menschlichen Spezies funktioniert Reproduktion vor allem durch das Vorliegen eines hinreichend starken Sexualtriebs. Ein genuiner und bereits zum Zeitpunkt der Zeugung antizipierter Wunsch, eigene Kinder großzuziehen ist dort – im Gegensatz zu modernen Industrienationen – nicht notwendig, um eine hohe Reproduktionsrate sicher zu stellen. Diese Erklärung verweist auf einen wichtigen Unterschied zwischen zwei verschiedenen evolutionären Denkschulen, nämlich der evolutionären Psychologie auf der einen und der Verhaltensökologie auf der anderen Seite (Laland & Brown, 2002; Voland, 2000). Evolutionäre Psychologen betonen Unterschiede zwischen der „Environment of evolutionary Adaptedness“ und der Umwelt, in der heutige moderne Menschen leben. Ihr Forschungsgegenstand besteht vor allem in der Untersuchung bestimmter kognitiver Module und Steuermechanismen. Sie untersuchen dabei, wie diese aus ihrer evolutionären Vergangenheit zu erklären sind, ohne die Annahme zu treffen, dass diese Module auch heute noch dazu geeignet sind, die Fitness eines Individuums zu maximieren (siehe unsere Präferenz für süße und fette Speisen). Am aktuellen Reproduktionserfolg eines Individuums sind evolutionäre Psychologen kaum interessiert. Evolutionspsychologische Perspektive Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 16 17 Grundlagen der modernen Evolutionspsychologie Kapitel 1 Warum Evolution nichts mit Moral zu tun hat Wie bei allen wissenschaftlichen Theorien gilt auch für die Evolutionspsychologie, dass ihre Aussagen rein deskriptiv sind und kein Urteil über die Moralität des von ihr untersuchten Gegenstandes implizieren. Dennoch wird Evolutionspsychologen immer wieder vorgeworfen, dass sie durch ihre Erklärungen den gesellschaftlichen Status Quo verteidigen, weil sie bestimmte Verhaltensweisen bzw. gesellschaftliche Phänomene als „natürlich“ und damit als unveränderbar auffassen würden. Dieses Problem sei an folgendem Beispiel erläutert. Im Jahr 2000 veröffentlichten die beiden Amerikaner Randy Thornhill und Craig Palmer ihr Buch „A Natural History of Rape“, in dem sie sich mit der Frage beschäftigen, warum manche Männer unter bestimmten Umständen zu sexueller Gewalt neigen. Hierbei diskutieren sie, dass ein solches Verhalten unter bestimmten Umständen adaptiv sein könne. Sie kommen zu dem Schluss, dies könne vor allem bei solchen Männern der Fall sein, die nicht in der Lage sind, eine Partnerin zu finden, die bereit ist, freiwillig mit ihnen zu schlafen. Eine solche „Desperado“ Taktik sei für solche Männer somit die einzige Möglichkeit, überhaupt Nachfahren zu zeugen. Obwohl Thornhill und Palmer an unzähligen Stellen ihres Buches betonen, dass sie mit dieser Überlegung sexuelle Gewalt gegenüber Frauen in keiner Weise rechtfertigen wollten, löste dieses Buch einen Sturm der Entrüstung aus (Smith, Bogerhoff et al., 2001). Auf einer Tagung erzählte mir Craig Palmer sehr eindrucksvoll, dass er über mehrere Jahre unter Polizeischutz gestanden habe, weil er immer wieder körperlich bedroht worden sei. Dabei hat schon David Hume 1739 erkannt, dass aus einem „Sein“ kein „Sollen“ gefordert werden kann und aus einem „Sollen“ kein „Sein“ (Hume 1739, 2004). Mit anderen Worten: Die Erklärung von Thornhill und Palmer mag zutreffend sein oder nicht, es ist aber Unsinn, eine solche Erklärung als unmoralisch zu beschimpfen. Dieser „naturalistische Fehlschluss“ findet sich in verschiedenen Varianten. Naturalistischer Fehlschluss Verhaltensökologen gehen hingegen davon aus, dass alles Verhalten unter den gegebenen Umweltbedingungen und unter Berücksichtigung aller Alternativen dazu geeignet ist, den Reproduktionserfolg eines Individuums zu maximieren. So wird z. B. versucht, die geringe Kinderzahl moderner Frauen damit zu erklären, dass diese in die „Qualität“ anstatt in die „Quantität“ ihrer Kinder investierten (Kaplan, 1996). Verhaltensökologische Perspektive David Hume (1711–1776) Schottischer Philosoph und Ökonom – Hume gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der Aufklärung und des Empirismus. Für die Psychologie ist er auch bedeutend, da er als einer der ersten zwischen Vernunft und Sinneseindrücken unterschied (siehe auch Kapitel 5). Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 17 18 Was ist eigentlich Psychologie und wie beeinflusst die Steinzeit unser Verhalten?Kapitel 1 Zum einen gibt es – wie im Falle von Thornhill und Palmer – Kritiker, die der Evolutionspsychologie vorwerfen, diese rechtfertige z. B. Gewalt oder Rassismus, weil sie diese Phänomene evolutionär erkläre. Dieses Argument folgt einer ähnlichen Logik wie die Aussage, Mediziner würden Krankheiten wie HIV oder Krebs rechtfertigen, weil sie deren Ursachen untersuchen. Zum anderen aber ist darauf hinzuweisen, dass einige Vertreter der Evolutionstheorie tatsächlich manchmal den Eindruck erwecken, sie verteidigten den Status Quo damit, dass dieser eben „natürlich“ und deshalb nicht zu ändern sei. Auf diesen Aspekt werden wir in Kapitel 4 zurückkommen. Ist Evolutionspsychologie nichts anderes als das Erzählen von Anekdoten? Gelegentlich wird der Evolutionspsychologie der Vorwurf gemacht, bei ihr handle es sich gar nicht um eine echte Theorie, sondern lediglich um eine Sammlung von Anekdoten, die dazu dienten, bereits vorhandenes Wissen im Nachhinein ohne allzu große logische Stringenz evolutionär zu interpretieren. Ein Beispiel: Ein Evolutionspsychologe (und eigentlich hoch verehrter Kollege von mir) wurde einmal vom Radio angerufen und gefragt, warum Frauen immer gemeinsam aufs Klo gehen. Darüber hatte er – zumindest wissenschaftlich – noch nie nachgedacht, aber nach wenigen Minuten rief er den Sender zurück und wusste die Antwort: Schon in der Environment of Evolutionary Adaptedness hätten Menschen ihre Notdurft außerhalb der eigenen Lagerstätte verrichtet und hätten sich dabei von der Gruppe entfernt. Dabei habe aber für Frauen die Gefahr bestanden, von einem fremden Mann vergewaltigt zu werden, weswegen es adaptiv gewesen sei, seine Notdurft in Begleitung einer weiblichen Gefährtin vorzunehmen. Diese Erklärung ist gar nicht so abwegig, vielleicht ist sie sogar zutreffend, aber sie kann auch völlig falsch sein. Aus wissenschaftstheoretischer Perspektive ist sie eine schlechte Theorie, weil sie nur etwas erklärt, was lange bekannt war und sie nicht angibt, welche innovativen Forschungshypothesen sich aus ihr ableiten lassen. Im 5. Kapitel werden wir uns intensiv damit beschäftigen, was eine gute Theorie ausmacht. An dieser Stelle sei lediglich darauf hingewiesen, dass eine gute Theorie zweierlei können sollte. Zum einen sollte sie in der Lage sein, bereits bekannte Phänomene zu erklären. Zum anderen aber sollte sie auch in der Lage sein, zukünftige Ereignisse vorherzusagen, z. B. den Ausgang eines Experiments, das bisher noch gar nicht durchgeführt wurde. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 18 19 Grundlagen der modernen Evolutionspsychologie Kapitel 1 Ein Beispiel für eine gute Theorie, die beide Kriterien in hohem Maße erfüllt, ist die Newtonsche Gravitationstheorie, die nicht nur erklärt, weshalb ein Apfel auf den Boden fällt, wenn man ihn loslässt, sondern darüber hinaus Sonnen- und Mondfinsternisse präzise vorhersagen kann. Der Vorwurf, Evolutionspsychologie zimmere sich lediglich Erklärungen für bereits Bekanntes, sei aber nicht in der Lage, eigenständige Forschung zu stimulieren, trifft vor allem auf die Art von Evolutionspsychologie zu, die man in Bahnhofsbuchhandlungen kaufen kann (z. B. den Bestseller „Warum Männer nicht zuhören und Frauen nicht einparken können“ von Barbara und Allan Pease). Wir werden im Verlauf dieses Buches immer wieder auf Forschung zu sprechen kommen, die höchst innovativ zur Entdeckung gänzlich neuer Phänomene beigetragen hat. An dieser Stelle soll zur Illustration lediglich ein Beispiel vorgestellt werden: Während Männer in allen Kulturen übereinstimmende Präferenzen hinsichtlich der Attraktivität von Frauen haben (z. B. bei der Bewertung von Gesichtszügen), gibt es große interkulturelle Unterschiede im Idealgewicht (Buss, 1989). So präferieren Männer in armen Ländern dicke Frauen und Männer in reichen Ländern dünne Frauen. Wie lassen sich diese Unterschiede erklären? Die Evolutionspsychologie gibt eine gute Begründung für dieses Phänomen: Hohes Gewicht steht für eine hohe Verfügbarkeit physischer Ressourcen in armen Ländern, aber für eine erhöhte Anfälligkeit gegenüber Herz- und Kreislauferkrankungen in reichen Ländern. Da Männer im Laufe der Evolution Mechanismen entwickelt haben, eine gesunde Sexualpartnerin zu bevorzugen, haben sie, je nach Krankheitsrisiko, unterschiedliche Präferenzen im Idealgewicht. Ähnliche Unterschiede lassen sich auch innerhalb von Kulturen finden: So bevorzugen arme Männer dickere Frauen als reiche Männer. Dies bedeutet: Die Ressourcenausstattung eines Mannes beeinflusst das Idealgewicht der von ihm präferierten Frau. Die beiden US-Psychologen Nelson und Morrison (2005) wollten wissen, wie Männer zu einer solchen Einschätzung ihrer eigenen Ressourcen gelangen und daraus – gänzlich unbewusst – zu ihren Präferenzen hinsichtlich des Idealgewichts ihrer Partnerin. Hierbei stellten sie die Hypothese auf, dass Männer dazu die so genannte „Feeling as Information“ Heuristik verwenden. Diese Heuristik besagt, dass Menschen sich bei der Einschätzung abstrakter Sachverhalte häufig auf ihr momentanes Gefühl verlassen (Schwarz 2002). Die Idee von Nelson und Morrison bestand nun darin, dass es sich bei diesem Gefühl um den gegenwärtigen Hunger von Männern handeln könne. Für hungrige Männer sollte das Idealgewicht einer Frau höher sein als für satte Männer. Entdeckung gänzlich neuer Phänomene Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 19 20 Was ist eigentlich Psychologie und wie beeinflusst die Steinzeit unser Verhalten?Kapitel 1 Um diese Hypothese zu überprüfen, wurden männliche Studierende entweder vor dem Betreten oder beim Verlassen einer Mensa darum gebeten, das Idealgewicht ihrer Traumfrau anzugeben. Und tatsächlich: Die Hypothese konnte eindeutig bestätigt werden. Diese Studie ist insofern bemerkenswert als vor dem Vorliegen ihrer Daten nicht bekannt war, dass Männer das Idealgewicht ihrer Traumfrau auch in Abhängigkeit davon bewerten, wie voll oder leer ihr Magen ist. Darüber hinaus zeigt die Studie, welche lebenspraktischen Ratschläge aus evolutionspsychologischen Ergebnissen gezogen werden können. Wenn Sie als Frau ein Rendezvous mit einem Mann haben, sollten Sie vorher in den Spiegel schauen und sich genau überlegen, ob sie sich von diesem Mann ins Restaurant oder ins Kino einladen lassen. Let’s talk about Sex – zur Bedeutung sexueller Selektion Kennen Sie folgenden Witz: Ein Schweizer wird in einer Meinungsumfrage danach gefragt, woran er beim Anblick der Schweizer Nationalflagge denke. Seine Antwort (in Schweizer Dialekt): „Da denk ich an Geschlechtsverkehr“. Auf die entgeisterte Frage des Interviewers, warum er ausgerechnet bei der Nationalflagge an Sex denke, antwortet der Schweizer: „Ich denke immer an Geschlechtsverkehr“. Dabei handelt es sich allerdings keinesfalls nur um einen albernen Witz, denn Sex ist in der Tat wichtig. Der Grund dafür ist einfach: Nur die Organismen einer bestimmen Spezies, die über einen hinreichend großen Sexualtrieb verfügen, werden Nachkommen produzieren. Ein wunderschönes Beispiel dafür ist der Aal. Die Larven des Aals schlüpfen im Golf von Mexiko. Von dort werden sie mit dem Golfstrom zu den Küsten Europas und Nordamerikas getrieben, wandeln sich dort zum Süßwasserfisch und wandern über Flüsse und Bäche in stehende Gewässer, wo sie ihr weiteres Leben Sexuelle Selektion Abbildung 1.7: Dick oder dünn? Ob ein Mann eher schlanke oder eher etwas füllige Frauen liebt, hängt davon ab ob er selbst eher reich oder arm ist. (Quelle: Die Toilette der Venus, Peter Paul Ruben; re: Pixelio) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 20 21 Let’s talk about Sex – zur Bedeutung sexueller Selektion Kapitel 1 verbringen. In dieser Umgebung haben Aale kaum Fressfeinde und können lange überleben. Mit etwa 9–15 Jahren aber werden sie geschlechtsreif. Was machen sie? Sie begeben sich auf eine äußerst mühsame Reise zurück in den Golf von Mexiko. Dort laichen sie ein einziges Mal und sterben. Tatsächlich überlebt im Übrigen nur ein kleiner Teil aller Aale diese anstrengende Reise. Stellen wir uns nun einen Aal vor, dem dies alles zu anstrengend ist und der beschließt, lieber kinderlos zu bleiben. Dieser Aal wird noch einige Jahre vergnügt und stressfrei leben, aber er wird keine Nachkommen produzieren. Die jungen Aale, die jedes Jahr im Golf von Mexiko geboren werden, erben hingegen von ihren Eltern den unbändigen Trieb, zumindest einmal im Leben Sex zu haben. Ein Lebewesen, welches Nachkommen produzieren will, muss allerdings nicht nur einen hinreichend großen Sexualtrieb haben, sondern es muss darüber hinaus in der Lage sein, einen geeigneten Sexualpartner finden. Darwin leitete aus dieser Tatsache eine weitere bedeutende These ab: Männchen und Weibchen einer Spezies konkurrieren miteinander um die attraktivsten und besten Vertreter des jeweils anderen Geschlechts. Dieses Phänomen wird seit Darwin als „sexuelle Selektion“ bezeichnet (zur Bedeutsamkeit der sexuellen Selektion für die Evolution des Menschen, siehe Miller, 2000). Die Bedeutung der sexuellen Selektion zeigt sich darin, dass die Maximierung der eigenen Lebenserwartung oftmals im Widerspruch zur Maximierung der eigenen reproduktiven Fitness steht. Das Beispiel mit dem Aal verdeutlicht dies sehr gut. Manche Spezies beschränken sich sogar selbst – man spricht von handicapping (Zahavi, 1975) –, um zu zeigen, dass sie trotz Einschränkung überleben können und daher erst recht attraktive Sexualpartner sind. Ihre Ressourcen sind sozusagen so gut, dass sie sie verschwenden können. Das am häufigsten zitierte Beispiel für dieses handicapping ist das prächtige Gefieder des männlichen Pfau, das einzig dem Zweck dient, die Weibchen zu beeindrucken, ansonsten aber außerordentlich hinderlich ist. Sexualpartner Abbildung 1.8: Schönheit als Indiz für Fruchtbarkeit: Je schöner das Pfauenauge, desto attraktiver ist der Pfau für Paarungspartnerinnen, obwohl er selbst eher unter dem großen Gefieder leidet. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 21 22 Was ist eigentlich Psychologie und wie beeinflusst die Steinzeit unser Verhalten?Kapitel 1 Sexuelle Selektion und Unterschiede zwischen Frauen und Männern Um reproduktiv erfolgreich zu sein, müssen Frauen und Männer Partner finden, die bereit sind, mit ihnen zu schlafen und Kinder zu zeugen. Aus der Theorie der sexuellen Selektion von Darwin lässt sich ableiten, dass sowohl Männer als auch Frauen um die attraktivsten Sexualpartner konkurrieren. Der Biologe Robert Trivers hat allerdings darauf hingewiesen, dass sich dieser Wettbewerb aus der Sicht von Frauen bzw. Männern sehr unterschiedlich gestaltet (Trivers, 1972). Hierzu ist es wichtig, sich klar zu machen, dass Frauen sehr viel mehr in die Geburt eines Nachkommens investieren als Männer. Um ein Kind zu zeugen, benötigen Menschen im Extremfall nicht mehr als wenige Minuten. Nach diesem Zeugungsakt ist das Überleben des befruchteten Embryos auch dann möglich, wenn sich der Mann nach dem Zeugungsakt vollständig von der begatteten Frau zurückzieht. Aus der Perspektive einer Frau hingegen sind sehr viel mehr Investitionen notwendig, um das Überleben eines Kindes zu sichern. Da sind zunächst einmal neun Monate Schwangerschaft, die eine erhebliche physische Anstrengung für die werdende Mutter implizieren. Nach der Geburt sind Kinder nahezu vollständig darauf angewiesen, von ihrer Mutter mit Nahrung versorgt zu werden. In Jäger- und Sammlergesellschaften werden Kinder bis zu vier Jahre gestillt. Die Substitution der Muttermilch durch künstliche Milch ist hingegen erst seit sehr kurzer Zeit möglich. Die Anzahl an eigenen Kindern hängt für einen Mann hauptsächlich davon ab, wie oft es ihm gelingt, sich sexuellen Zugang zu einer jungen (d. h. fruchtbaren) Frau zu verschaffen. Die Anzahl solcher Frauen ist jedoch durch die lange Dauer von Schwangerschaft und Stillzeit sehr viel niedriger als die Anzahl paarungswilliger Männer. Der Zugang zu fruchtbaren Frauen ist somit für Männer eine äußerst wichtige Ressource, um die sie heftig – und notfalls mit Gewalt – konkurrieren. Es ist evident, dass die durchschnittliche Kinderzahl von Frauen und Männern sich nicht unterscheidet, da jedes Kind immer genau einen Vater und eine Mutter hat. Was sich jedoch unterscheidet ist die Varianz des Fortpflanzungserfolgs bei Männern und Frauen. Eine Folge des Konkurrenzkampfes zwischen Männern besteht darin, dass Fortpflanzungserfolg bei Männern sehr viel ungleicher verteilt ist als bei Frauen. Während einige Männer sehr viele Frauen (und sehr viele Kinder) haben, gehen andere Männer in diesem Wettkampf leer aus, das heißt, es gelingt ihnen nicht, sich fortzupflanzen („some guys have all the luck, some guys have all the pain“). Die Anzahl an Nachkommen für Frauen ist hingegen sehr viel weniger variabel und hauptsächlich dadurch limitiert, dass die Aufzucht eines jeden Kindes erhebliche physische und zeitliche Investitionen impliziert. Elterliches Investment „it takes two to tango“ Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 22 23 Evolutionspsychologie – Sackgasse oder Königsweg? Kapitel 1 In Kapitel  9 werden wir diskutieren, dass aus evolutionspsychologischer Perspektive Unterschiede zwischen Männern und Frauen in Empathie (d. h. Einfühlungsvermögen) und Fürsorglichkeit, Ehrgeiz und Kompetitivität sowie Selbstbewusstsein und Assertivität auf die Tatsache zurückzuführen sind, dass eine hohe bzw. niedrige Ausprägung dieser Merkmale für Männer und Frauen einen jeweils unterschiedlichen reproduktiven Nutzen hatten. Evolutionspsychologie – Sackgasse oder Königsweg? Es wurde bereits angedeutet, dass die Grundannahmen der Evolutionspsychologie keineswegs von allen Sozialwissenschaftlern geteilt werden. Gelegentlich stehen sich beide Lager geradezu „feindselig“ gegenüber und bezichtigen sich gegenseitig, dass der jeweils gegnerische Standpunkt weniger wissenschaftlich als vielmehr weltanschaulich motiviert sei. Nach meiner Einschätzung liegt die Wahrheit – wie so oft im Leben – auch hier in der Mitte. Es ist unsinnig, die evolutionären Wurzeln und die daraus resultierenden genetischen Grundlagen menschlichen Verhaltens zu negieren und zu argumentieren, dass menschliches Verhalten „nichts mit Biologie zu tun“ habe. Es ist aber ebenso wenig sinnvoll, zu erklären, der Mensch sei nichts anderes als eine Spezies wie Tausend andere auch und menschliches Verhalten könne somit durch die gleichen Theorien vollständig erklärt werden, die auch bei anderen Tierarten angewandt werden. Beide Sichtweisen werden der Komplexität der Fragestellung nicht gerecht. Die Erklärung menschlichen Verhaltens wird nur dann gelingen, wenn man sie als Wechselspiel von Anlage, Evolutionsgeschichte und Genen einerseits und physikalischer sowie sozialer Umwelt andererseits begreift. Wer den Menschen nicht auch als Tier begreift wird menschliches Verhalten nicht erklären können. Das Gleiche gilt für manchen Biologen oder Evolutionspsychologen, der die Tatsache ignoriert, dass sich Menschen durch sehr spezifische Eigenschaften auszeichnen, welche den Vergleich mit anderen Arten immer einschränken. Die Stellung des modernen Menschen im Spannungsverhältnis zwischen Genen und Kultur, Anlage und Umwelt, biologischer Determination und Selbstbestimmung wird uns durch das gesamte Buch begleiten. Bevor wir uns dem nächsten Kapitel zuwenden, sollen aber die grundsätzlichen Aussagen der Evolutionspsychologie noch einmal mit den Worten Erich Kästners zusammengefasst werden: Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 23 24 Was ist eigentlich Psychologie und wie beeinflusst die Steinzeit unser Verhalten?Kapitel 1 Die Entwicklung der Menschheit (Erich Kästner) Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt, behaart und mit böser Visage. Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt und die Welt asphaltiert und aufgestockt, bis zur dreißigsten Etage. Da saßen sie nun, den Flöhen entflohn, in zentralgeheizten Räumen. Da sitzen sie nun am Telefon. Und es herrscht noch genau derselbe Ton wie seinerzeit auf den Bäumen. Sie hören weit. Sie sehen fern. Sie sind mit dem Weltall in Fühlung. Sie putzen die Zähne. Sie atmen modern. Die Erde ist ein gebildeter Stern mit sehr viel Wasserspülung. Sie schießen die Briefschaften durch ein Rohr. Sie jagen und züchten Mikroben. Sie versehn die Natur mit allem Komfort. Sie fliegen steil in den Himmel empor und bleiben zwei Wochen oben. Was ihre Verdauung übrigläßt, das verarbeiten sie zu Watte. Sie spalten Atome. Sie heilen Inzest. Und sie stellen durch Stiluntersuchungen fest, dass Cäsar Plattfüße hatte. So haben sie mit dem Kopf und dem Mund den Fortschritt der Menschheit geschaffen. Doch davon mal abgesehen und bei Lichte betrachtet sind sie im Grund noch immer die alten Affen. Kurz und gut 1. Psychologie ist die Wissenschaft vom Denken, Fühlen und Handeln des Menschen. Da sich auch andere Wissenschaften mit diesen Themen beschäftigen, ist gute Wissenschaft immer interdisziplinär. 2. Die menschliche Psyche ist geprägt von unserer kulturellen und gesellschaftlichen Umgebung, unseren individuellen Lernerfahrungen sowie von unseren genetischen Prädispositionen. 3. Für den größten Teil ihrer Geschichte haben Menschen in kleinen Gruppen von 50 bis 150 Mitgliedern als Jäger und Sammler gelebt. 4. Die Evolutionstheorie von Charles Darwin basiert auf der Beobachtung, dass die Individuen einer Spezies sich unterscheiden, dass diese Unterschiede zum Teil vererbt sind, und dass sich die Überlebens- und Fortpflanzungswahrscheinlichkeiten der einzelnen Individuen unterscheiden. 5. Die relative Überlebenswahrscheinlichkeit eines Menschen hängt ab vom Vorhandensein adaptiver Mutationen sowie der Ausprägung bestimmter kontinuierlicher Eigenschaften. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 24 25 Studentenfutter Kapitel 1 Studentenfutter Buss, D. (2004). Evolutionäre Psychologie. München: Pearson Studium. Diamond, J. M. (1999). Guns, germs, and steel: The fates of human societies. New York: W. W. Norton & Company. 6. Während viele Sozialwissenschaftler den Einfluss der Gene als gering erachten, betonen Evolutionspsychologen die Bedeutung unserer evolu tionären Vergangenheit für die Erklärung menschlichen Verhaltens. 7. Evolutionspsychologen unterscheiden zwischen proximaten und ultimaten Erklärungen. 8. Aus einem „Sein“ kann grundsätzlich kein „Sollen“ abgeleitet werden. Die Analyse eines bestimmten Verhaltens als „natürlich“ beinhaltet deshalb keineswegs seine moralische Legitimität. 9. Eine gute Theorie ist nicht nur in der Lage, bereits bekannte Tatsachen zu erklären, sondern kann darüber hinaus auch bislang unbekannte Phänomene vorhersagen. 10. Um ihre Gene an zukünftige Generationen weiterzuleiten, müssen Menschen nicht nur physisch überleben, sondern auch einen geeigneten Reproduktionspartner finden. Hierbei stellen sich für Frauen und Männer unterschiedliche Herausforderungen, welche einen großen Teil der Geschlechterunterschiede erklären können. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 25 Kapitel 2 Wenn Du denkst, Du denkst … zur Psychologie von Kognitionen und Bewusstsein Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 27

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References

Zusammenfassung

Vorteile

- Die psychologischen Grundlagen für das wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Studium: von der Allgemeinen über die Sozial- bis zur Wahrnehmungspsychologie

- Kompakter Aufbau

- Komplett vierfarbig

Zum Werk

In den Wirtschaftswissenschaften gilt das Bild des rational denkenden Menschen als überholt. Kenntnisse aus der Psychologie spielen dagegen eine immer größere Bedeutung für die Analyse, was sich nicht zuletzt in der aktuellen Diskussion um die Glücksforschung widerspiegelt.

Dieses Lehrbuch führt Wirtschaftswissenschaftler an die Grundlagen der Psychologie heran und stellt dar, wie sie das menschliche Verhalten (und damit auch das für die Wirtschaftwissenschaften wichtige Entscheidungsverhalten) beeinflussen.

Autor

Prof. Dr. Detlef Fetchenhauer ist Direktor des Instituts für Wirtschafts- und Sozialpsychologie an der Universität zu Köln. Er lehrt darüber hinaus an der Universität Wien.

Zielgruppe

Für Studierende der Wirtschaftswissenschaften an Universitäten und Fachhochschulen sowie Studierende, die im Nebenfach Psychologie belegen müssen (z.B. Lehramt).