Content

Kapitel 15 Das komplexe Verhältnis von Einstellungen und Verhalten – nur wer sich ändert, bleibt sich treu in:

Detlef Fetchenhauer

Psychologie, page 331 - 354

1. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3713-3, ISBN online: 978-3-8006-3940-3, https://doi.org/10.15358/9783800639403_331

Bibliographic information
337 Kapitel 15 Kapitel 15 Das komplexe Verhältnis von Einstellungen und Verhalten – nur wer sich ändert, bleibt sich treu Was sind Einstellungen? Welche Einstellungen haben Sie zum Papst, zu Vegetariern, der deutschen Fußballnationalmannschaft, dem Buddhismus oder in der Nase bohren? Und haben Sie sich je gefragt, woher diese Haltungen rühren und was genau sie eigentlich sind? Einstellungen lassen sich vereinfacht definieren als die Bewertung eines Einstellungsobjekts. Hierbei können sich Einstellungen auf nahezu beliebige Objekte beziehen. Die wichtigsten Kategorien sind die folgenden: Kategorien von Einstellungsobjekten InhaltWas sind Einstellungen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 337 Warum man aus Einstellungen nicht auf Verhalten schließen kann . . . . . . . . . . . 339 Die Theorie des geplanten Verhaltens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 340 Multideterminiertheit von Handlungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 341 Spezifische versus abstrakte Einstellungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 341 Elaboriertheit von Einstellungen und die Rolle eigener Erfahrungen . . . . . . . 343 Viele Einstellungen sind unbewusst . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 343 Moralische Einstellungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 345 Grundlegende Aussagen der Dissonanztheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 348 Wann tritt Dissonanz auf? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 349 Schlussfolgerungen aus der Dissonanztheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 351 Rechtfertigung des Aufwands . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 352 Dissonanztheorie und die Moralität unseres Verhaltens . . . . . . . . . . . . . . . . 353 Commitment und Dissonanz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 356 Das Leben ist nicht konsequent… . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 357 Kurz und gut . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 359 Studentenfutter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 359 Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 337 338 Das komplexe Verhältnis von Einstellungen und VerhaltenKapitel 15 Erstens: Menschen können eine Einstellung zu konkreten Personen haben, wie z. B. zu Angela Merkel, zu Lukas Podolski, zu ihrem Vorgesetzten, ihrem besten Freund, aber auch zu sich selbst. Zweitens: Einstellungen können sich auf abstrakte Gruppen von Personen beziehen, wie z. B. auf Politiker, Deutsche, Ausländer, Kapitalismus, CDU-Wähler oder Psychologen. Drittens: Menschen haben Einstellungen zu bestimmten Institutionen, wie z. B. politischen Parteien, dem 1. FC Köln oder der katholischen Kirche. Viertens: Auch im Bezug auf (abstrakte) Ideen oder Ideologien bilden wir Einstellungen, so z. B. zur Demokratie, zu Mindestlöhnen, Abtreibung, Pazifismus oder zu einer bestimmten Religion. Fünftens: Schließlich haben Menschen auch Einstellungen zu ganz bestimmten Verhaltensweisen, wie z. B. der Teilnahme an der Bundestagswahl, Skifahren oder dem Kirchgang. Darüber hinaus wird oftmals zusätzlich eine kognitive und eine behaviorale (d. h. verhaltensgerichtete) Dimension von Einstellungen unterschieden. In diesem Kapitel sollen unter Einstellungen jedoch ausschließlich die affektiven Bewertungen eines Einstellungsobjekts verstanden werden, da es nur bei einer solchen definitorischen Trennung möglich ist, den Zusammenhang zwischen Kognitionen, Bewertungen und Verhalten empirisch zu untersuchen. Aus einer rationalistischen Perspektive wäre zu vermuten, dass Menschen ein Einstellungsobjekt zunächst in einer bestimmten Weise kognizieren (d. h. wahrnehmen), sie aufgrund dessen eine (affektive) Einstellung bilden, aus der schlussendlich ein bestimmtes Verhalten folgt. Nehmen wir als Beispiel eine Person, die Abbildung 15.1: Bei öffentlichen Demonstrationen machen Menschen Ihre Einstellungen besonders deutlich. Doch bilden Menschen nicht nur Einstellungen zu politischen Themen, sondern auch zu den meisten andere Dingen, die ihnen im Leben begegnen, wie Personen, Personengruppen, Institutionen, Ideen und Verhaltensweisen. (Quelle dpa) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 338 339 Warum man aus Einstellungen nicht auf Verhalten schließen kann Kapitel 15 sich überlegt, welche Partei sie bei der nächsten Bundestagswahl wählen soll. Diese Person könnte die Programme der verschiedenen Partei mit ihren eigenen politischen Grundüberzeugungen vergleichen, feststellen, mit welcher Partei sie die höchste Übereinstimmung aufweist und aufgrund dessen dieser Partei ihre Stimme geben. Tatsächlich aber ist der Zusammenhang zwischen den drei Einstellungskomponenten oftmals sehr viel komplexer. Auf das komplizierte Verhältnis von Kognitionen, Einstellungen und Verhalten werden wir in diesem Kapitel deshalb mehrfach zu sprechen kommen. Zunächst wenden wir uns dem Verhältnis von Einstellung und Verhalten zu. Warum man aus Einstellungen nicht auf Verhalten schließen kann Psychologen und andere Sozialwissenschafter verwenden einen großen Teil ihrer Forschung darauf, Einstellungen zu messen – wohl auch deshalb, weil man zu nahezu jedem Thema die Einstellungen von Menschen ohne allzu großen Aufwand messen kann. Oftmals werden hierzu kurze Skalen mit nur wenigen oder gar nur einem Item verwandt. Beispiel: „Wie bewerten Sie die Arbeit der derzeitigen Bundesregierung?“ In vielen Fällen, in denen Einstellungen gemessen werden, gehen die Fragesteller zumindest implizit davon aus, dass 1) Einstellungen und daraus folgendes Verhalten hoch miteinander korreliert sind, und dass 2) Einstellungen kausale Determinanten von Verhalten sind. Dieser enge Zusammenhang zwischen Einstellung und Verhalten erweist sich jedoch oftmals als eine Illusion, was bereits in den 1930er Jahren durch eine berühmte Studie des Soziologen Richard LaPierre (1934) gezeigt werden konnte. LaPierre reiste zusammen mit einem chinesischen Ehepaar durch die USA, wobei zu dieser Zeit Chinesen in den Vereinigten Staaten häufig offen diskriminiert wurden. Deshalb hatte er im Vorfeld Briefe an Hotels und Restaurants geschickt und gefragt, ob er und seine beiden chinesischen Begleiter willkommen seien. In den meisten Fällen lautete die postalische Antwort, dass man Chinesen nicht gerne empfangen würde. LaPierre suchte die Hotels und Restaurants dennoch auf und es stellte sich heraus, dass man sich, als die drei Gäste erst einmal da waren, in keinem Fall weigerte, diese zu bedienen oder zu beherbergen. Auch spätere Übersichtsarbeiten (wie z. B. von Wicker, 1969) bestätigten den Befund, dass zwischen Einstellungen und Verhalten oftmals nur eine geringe Die klassische Studie von LaPiere Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 339 340 Das komplexe Verhältnis von Einstellungen und VerhaltenKapitel 15 Korrelation besteht. Im Folgenden sollen einige Erklärungen für dieses zunächst überraschende Ergebnis diskutiert werden. Die Theorie des geplanten Verhaltens Eine Erklärung bietet die Theorie des geplanten Verhaltens nach Ajzen (1985). Diese besagt, dass es neben Einstellungen zwei wichtige andere Faktoren gibt, die das Verhalten in einer bestimmten Situation beeinflussen, 1) subjektive Normen und 2) subjektive Verhaltenskontrolle. Subjektive Normen beziehen sich auf die Hypothesen eines Individuums darüber, wie Menschen in seiner Umgebung auf ein bestimmtes Verhalten reagieren würden. Ein Beispiel: Angenommen, Sie seien ein Universitätsprofessor und sie schwärmten dafür, einmal einen Ford Mustang Cabrio zu besitzen (d. h. Sie haben zum Kauf dieses Autos eine positive Einstellung). Trotzdem könnte es sein, dass sie auf den Kauf eines solchen Autos verzichten, weil sie für diesen Fall mit negativen Reaktionen aus ihrer sozialen Umwelt rechnen würden. So könnten Sie z. B. erwarten, dass ihre Kollegen über den Kauf eines solchen primitiven amerikanischen Autos die Nase rümpfen, dass Ihre Freunde das Auto albern und protzig finden und dass ihre Studierenden vermuten, Sie wollten mit einem solchen „Muscle Car“ lediglich ihre Midlife Crisis übertünchen. Empirische Studien zeigen in diesem Zusammenhang, dass die von einem Akteur erwarteten Reaktionen seiner Umwelt das Verhalten stärker determinieren als die tatsächlichen Reaktionen (mal wieder: Das Thomas Theorem) (Ajzen & Fishbein, 1980). Subjektive Verhaltenskontrolle bezieht sich darauf, ob eine Person glaubt, ein als positiv bewertetes Verhalten auch tatsächlich ausführen zu können. So haben z. B. viele Raucher eine positive Einstellung dazu, mit dem Rauchen aufzuhören. Subjektive Normen Subjektive Verhaltenskontrolle Abbildung 15.2: Nicht immer verhalten sich Menschen gemäß ihren Einstellungen, und zwar u. a. weil sie Angst haben, ihre Mitmenschen könnten das Verhalten missbilligen. So fahren z. B. Mitarbeiter von Autokonzernen oftmals einen Wagen desselben Konzerns, obwohl sie eigentlich eine andere Marke bevorzugen würden. (© Jürgen Effner – Fotolia.com) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 340 341 Warum man aus Einstellungen nicht auf Verhalten schließen kann Kapitel 15 Dennoch rauchen sie weiter, weil sie sich nicht in der Lage fühlen, ihre Sucht zu überwinden. Das Konzept der subjektiven Verhaltenskontrolle von Ajzen entspricht somit weitgehend dem Konzept der Effizienzerwartungen bei Bandura. Durch empirische Studien konnte belegt werden, dass die subjektive Verhaltenskontrolle in vielen Kontexten ein Verhalten stärker determiniert als die Einstellung zu diesem Verhalten. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn ein Verhalten (bzw. das Unterlassen eines Verhaltens) mit Anstrengung und Selbstkontrolle verbunden ist. Als erste mögliche Erklärung lässt sich also festhalten, dass aus einer Einstellung oftmals deshalb nicht immer ein bestimmtes Verhalten folgt, weil dieses auch von subjektiven Normen und der subjektiven Verhaltenskontrolle eines Akteurs beeinflusst ist. Multideterminiertheit von Handlungen Neben subjektiven Normen und subjektiver Verhaltenskontrolle gibt es weitere Gründe, weshalb Einstellungen nicht immer das Verhalten determinieren. Ein Grund kann darin liegen, dass aus einer bestimmten Einstellung zwar ein bestimmtes Verhalten zu folgen scheint, dieses aber nicht stattfindet, weil eine andere Einstellung diesem Verhalten entgegensteht. Nehmen wir z. B. eine Person, die zugleich eine positive Einstellung zur Marktwirtschaft und eine negative Einstellung zur Atomkraft hat. Aufgrund der positiven Einstellung zur Marktwirtschaft könnte man vermuten, dass diese Person eher eine konservative Partei wählt (CDU oder FDP), aus ihrer negativen Einstellung zur Atomkraft ließe sich hingegen das Gegenteil vorhersagen. Handlungen können somit durch verschiedene Einstellungen beeinflusst sein, die im Konflikt zueinander stehen können. Dies erschwert den Schluss von einer Einstellung auf eine Handlung. Spezifische versus abstrakte Einstellungen Auch die Spezifität von Einstellungen spielt eine wichtige Rolle. Abstrakte Einstellungen korrespondieren weniger mit einem spezifischen Verhalten als Einstellungen, die sich bereits auf das konkret in Frage stehende Verhalten beziehen. Dieser Effekt lässt sich anhand einer Studie zum Thema Empfängnisverhütung verdeutlichen (Davidson & Jaccard, 1979). In dieser Studie wurden verheiratete Frauen danach gefragt, 1) welche Einstellung sie ganz allgemein dazu haben, empfängnisverhütende Mittel zu gebrauchen, 2) welche Einstellung sie ganz allgemein zur Antibaby-Pille haben, 3) welche Einstellung sie zum persönlichen Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 341 342 Das komplexe Verhältnis von Einstellungen und VerhaltenKapitel 15 Gebrauch der Antibaby-Pille haben, und 4) welche Einstellung sie dazu haben, in den nächsten zwei Jahren eine solche Pille zu verwenden. Zwei Jahre später wurden dieselben Frauen noch einmal kontaktiert und danach gefragt, ob sie in den letzten zwei Jahren eine Antibaby-Pille verwandt haben oder nicht. Die folgende Abbildung zeigt den Zusammenhang zwischen den verschiedenen Einstellungen und dem Verhalten der befragten Frauen. Je spezifischer die Einstellung war, die gemessen wurde, desto stärker korrespondierte diese Einstellung mit dem Verhalten. Kritisch ist allerdings anzumerken, dass man mit einer allzu hohen Passung zwischen Einstellung und vorhergesagtem Verhalten in die Nähe der Tautologie rückt. Das Ziel der Einstellungsforschung ist es ja eigentlich, von abstrakten Einstellungen auf sehr unterschiedliche Verhaltensweisen schließen zu können. Wenn dies nicht der Fall ist, stellt sich die Frage, welchen forschungsökonomischen Sinn es noch macht, Einstellungen zu erheben. Diese Kritik ist allerdings im Bereich der Grundlagenforschung stichhaltiger als im Bereich der angewandten Forschung, in der es oftmals genau darum geht, ein ganz bestimmtes Verhalten vorhersagen zu können (z. B., wieviele Konsumenten ein neues Produkt erwerben oder wieviele Wähler eine bestimmte Partei wählen). 0 0,1 0,2 0,3 0,4 0,5 0,6 Vorhersagekraft von Einstellungen je nach Einstellungs-Konkretisierung Einstellung zu Verhütung Einstellung zur „Pille“ Einstellung zur Nutzung „der Pille“ Einstellung zur Nutzung „der Pille“ innerhalb der nächsten zwei Jahre Abbildung 15.3: Je konkreter die Einstellung, desto mehr stimmen Verhalten und Einstellung überein. (Quelle: Eigene Darstellung, nach Davidson & Jaccard, 1979) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 342 343 Warum man aus Einstellungen nicht auf Verhalten schließen kann Kapitel 15 Elaboriertheit von Einstellungen und die Rolle eigener Erfahrungen Verschiedene Studien zeigen, dass Einstellungen einer Person umso mehr Einfluss auf ihr Verhalten haben, je mehr diese Einstellung auf einer persönlichen Betroffenheit beruht (Regan & Fazio, 1977) und je mehr Erfahrungen die Person mit dem in Frage stehenden Verhalten hat (Davidson et al., 1985). Angenommen, ein Forscher wolle untersuchen, welche Korrelation es bei Jugendlichen zwischen der Einstellung zum Gebrauch von Kondomen und deren tatsächlichen Verwendung gibt. Diese Korrelation wird größer sein bei Jugendlichen, die von diesem Thema betroffen sind (d. h. die schon einmal mit ihrem Partner Geschlechtsverkehr hatten) und sie wird größer sein bei Jugendlichen, die in der Vergangenheit schon einmal Kondome verwendet haben. Viele Einstellungen sind unbewusst Ein weiterer Grund, warum man aus den Einstellungen einer Person nur bedingt auf ihr Verhalten schließen kann, liegt darin, dass wir uns unserer Einstellungen nicht immer bewusst sind. Demzufolge ist es sinnvoll, zwischen bewussten und unbewussten Einstellungen zu unterscheiden. Nehmen wir als Beispiel die Einstellung gegenüber ethnischen Minderheiten. Viele weiße Amerikaner sind darum bemüht, jegliche Vorurteile gegenüber Afroamerikanern zu vermeiden. Wenn man deshalb nach ihren bewussten Einstellungen gegenüber Schwarzen fragt, werden sie jegliche Äußerungen vermeiden, die als negative Einstellung gegenüber dieser Bevölkerungsgruppe interpretiert werden können. So würden sie z. B. der Aussage zustimmen, dass Afroamerikaner auf dem Arbeitsmarkt nicht diskriminiert werden dürfen. Unabhängig von diesen bewussten Einstellungen kann eine Person jedoch auf einer unbewussten Ebene durchaus Vorbehalte gegenüber Afroamerikanern haben. Ein häufig verwandtes Verfahren zur Messung unbewusster Einstellungen ist der so genannte IAT („Implicit Association Test“), bei dem eine Reihe von Wörtern auf einem Computerbildschirm gezeigt werden (Greenwald & Banaji, 1995). Die Versuchspersonen werden dabei gebeten, je nach Art des Wortes entweder eine linke oder eine rechte Taste zu drücken. Sie sollen beispielsweise so schnell wie möglich die linke Taste drücken, wenn das Wort eine negative Konnotation hat (z. B. „böse“) bzw. so schnell wie möglich die rechte Taste drücken, wenn das Wort eine positive Konnotation hat (z. B. „gut“). Neben diesen Wörtern sehen die Versuchspersonen Photos von Weißen und Schwarzen und werden z. B. aufgefordert, die linke Taste zu drücken, wenn sie einen Schwarzen und die rechte Taste zu drücken, wenn sie einen Weißen sehen. Hierbei werden sowohl die dem Stimulusmaterial (d. h. positive versus negative Wörter) als auch die dem „Wir glauben, Erfahrungen zu machen, aber die Erfahrungen machen uns.“ Eugène Ionesco (1909–1994), franz. Dramatiker IAT („Implicit Association Test“ Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 343 344 Das komplexe Verhältnis von Einstellungen und VerhaltenKapitel 15 Einstellungsobjekt (in diesem Fall „Weiße“ versus „Schwarze“) zugewiesenen Tasten systematisch gewechselt. Abhängig davon, welche Reaktionsgeschwindigkeiten sich bei Erfüllung der Aufgaben ergeben, kann auf die Einstellung der Versuchsperson geschlossen werden (Greenwald & Banaji, 1995). Wenn z. B. eine Versuchsperson die Anweisung hat, bei positiven Worten auf den linken Knopf zu drücken und länger braucht, bei schwarzen als bei weißen Stimuluspersonen ebenfalls auf den linken Knopf zu drücken, wird daraus auf eine negative Einstellung gegenüber Schwarzen geschlossen. Wenn Sie selber einmal an einem „Implicit Association Test“ teilnehmen wollen, können Sie dies auf der folgenden Website tun: https://implicit. harvard.edu/implicit/ In vielen Studien zeigte sich, dass bewusste und unbewusste Einstellungen nur schwach miteinander korreliert sind (Hofmann et al. 2005). Dies legt die Frage nahe, durch welche Methode denn nun die „wahren“ Einstellungen eines Menschen gemessen werden, durch konventionelle Methoden wie dem Ausfüllen eines Fragebogens oder durch Verfahren wie dem IAT. Und hier lautet die Antwort ebenfalls: Es kommt darauf an. Denn auch diesbezüglich hängen die unterschiedlichen Einstellungsarten mit unterschiedlichen Verhaltensweisen zusammen, nämlich bewusste Einstellungen mit bewusstem Verhalten und unbewusste mit unbewusstem Verhalten. So zeigte sich in Studien, dass bewusste besser als unbewusste Einstellungen in der Lage sind, vorherzusagen, ob Schwarze etwa bei einem Bewerbungsgespräch diskriminiert werden (Dovido et al., 2002; Hendricks & Bootzin, 1976; Fazio & Olson, 2003). In einer anderen Studie betraten die Versuchspersonen einen Raum, in dem sie zusammen mit einem Schwarzen auf den Beginn eines Experiments warten sollten. Hierbei wurde gemessen, wie weit entfernt von der schwarzen Versuchsperson sie sich hinsetzten. Tatsächlich korrelierte der gewählte Abstand stärker mit den zuvor gemessenen impliziten als mit den expliziten Einstellungen. Abbildung 15.4: Beispielaufgabe aus einem Implicit Association Test zum Test von unbewussten Einstellungen durch Reaktionsgeschwindigkeit. (Quelle: Harvard University, Screenshot von https://implicit.harvard.edu/implicit/) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 344 345 Moralische Einstellungen Kapitel 15 Moralische Einstellungen Einstellungen beziehen sich oftmals auf die moralische Bewertung bestimmter Handlungsweisen bzw. Institutionen. Einige Beispiele: 1) Ist es moralisch erlaubt, Schwangerschaften abzubrechen, wenn die Frau dies möchte? 2) Ist es moralisch legitim, dass ein Staat sich gegen den feindlichen Angriff durch einen anderen Staat mit Waffengewalt verteidigt? 3) Dürfen Menschen Tiere essen? 4) Dürfen Unternehmen Mitarbeiter entlassen, auch wenn sie Gewinne machen? 5) Ist Homosexualität eine Sünde? Diese Beispiele zeigen, dass unsere Einstellungen oftmals durch moralische Bewertungen determiniert sind und empirische Studien zeigen, dass Menschen sich in diesen moralischen Bewertungen z. T. grundlegend unterscheiden. Wie aber kommt es, dass der Eine es völlig in Ordnung findet, Fleisch zu essen, während ein anderer dies für unmoralisch hält? Wie Menschen moralische Urteile fällen sollten, wird seit Tausenden von Jahren von Moralphilosophen diskutiert. Auch wenn sich innerhalb der Moralphilosophie sehr unterschiedliche Standpunkte unterscheiden lassen, sind sich die allermeisten Moralphilosophen einig: Die Moralität einer konkreten Handlung sollte stets aus übergeordneten und abstrakten Prinzipien abgeleitet werden. So erklärt z. B. Kant, dass Menschen sich hierbei an seinem so genannten „kategorischen Imperativ“ orientieren sollten, welcher besagt, dass ein Handeln dann moralisch ist, wenn die ihm zugrundeliegende Maxime sinnvoll als allgemeines Prinzip formuliert werden kann. Aufgrund welcher Prinzipien aber treffen Menschen, die nicht über ein Studium der Philosophie verfügen, in ihrem Alltag moralische Urteile? Mit dieser Frage befasst sich die so genannte Moralpsychologie, die maßgeblich durch Jean Piaget (1932, 1965) und Lawrence Kohlberg (1974) beeinflusst worden ist. Beide Forscher verfolgten hierbei einen entwicklungspsychologischen Ansatz und untersuchten, wie sich moralische Urteile von der frühen Kindheit bis zum Erwachsenenalter entwickeln. Sie fanden heraus, dass diese Entwicklung einem allgemeinen Schema folgt: Zunächst orientieren Kinder sich bei ihrem moralischen Urteil vor allem an der Erwartung von Belohnungen und Bestrafungen. Später wird das als moralisch bewertet, was den allgemeinen gesellschaftlichen Konventionen entspricht, bis schließlich eine Stufe erreicht wird, auf der Menschen sich in ihrem Urteil an abstrakten moralischen Prinzipien orientieren und diese gegeneinander abwägen. Mit anderen Worten: Nach Piaget und Kohlberg urteilen Menschen – zumindest diejenigen, die ein solches postkonventionelles Niveau erreichen – nach ähnlichen Prinzipien wie dies Moralphilosophen tun. Moralpsychologie Jean Piaget (1896–1980) Schweizer Entwicklungspsychologe – Piaget gilt als einer der Gründer der Entwicklungspsychologie. Er entwarf ein Stufenmodell der kognitiven Entwicklung. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 345 346 Das komplexe Verhältnis von Einstellungen und VerhaltenKapitel 15 Wenn z. B. jemand gefragt wird, ob Menschen Tiere essen dürfen, würde er ein solches Urteil aus allgemeinen Prinzipien über die Stellung des Menschen in seiner Umwelt ableiten. Dieser rationalistische Ansatz war lange sehr populär, wurde aber in den letzten Jahren grundsätzlich in Frage gestellt. Nach Jonathan Haidt (2001, 2008) werden moralische Urteile und Einstellungen nicht aufgrund abstrakter Überlegungen und Prinzipien gebildet. Stattdessen basierten solche Urteile auf Intuitionen, die wesentlich über moralische Emotionen vermittelt seien. So würde z. B. ein Vegetarier das Essen von Tieren ablehnen, weil dieser Gedanke in ihm Ekel und Abscheu hervorruft. Moralische Argumente haben nach Haidt vor allem die Funktion, die eigenen moralischen Intuitionen und Emotionen gegenüber anderen zu rechtfertigen. Als ein Beispiel zitiert Haidt (2001) die folgende Geschichte: Die beiden Geschwister Petra und Mark reisen in den Semesterferien durch Frankreich. Eines nachts beschließen sie gemeinsam, miteinander zu schlafen. Petra nimmt ohnehin die Pille, aber zur Sicherheit benutzen sie zusätzlich ein Kondom. Sie beide genießen die Erfahrung, beschließen aber dennoch, diese nicht zu wiederholen. Stattdessen bewahren sie die Nacht als Geheimnis, was ihre ohnehin schon intensive Beziehung zueinander zusätzlich vertieft. Wie beurteilen Sie das Verhalten der beiden Geschwister? Haidt berichtet, dass eine Mehrheit seiner amerikanischen Studenten das Verhalten spontan und ohne großes Nachdenken für unmoralisch erklärt. Nach Gründen dafür gefragt, geben sie an, dass es aufgrund der hohen Gefahr von Missbildungen unmoralisch sei, unter Geschwistern ein Kind zu zeugen. Darauf aufmerksam gemacht, dass die Geschwister eine solche Schwangerschaft sehr Moralischer Intuitionismus Lawrence Kohlberg (1927–1987) US-amerikanischer Entwicklungspsychologe – Kohlberg formulierte aufbauend auf den Ideen Piagets eine Theorie, welche die moralische Entwicklung des Menschen in Stufen einteilt. Abbildung 15.5: Warum und wie fällen Menschen moralische Urteile? Laut Piaget und Kohlberg leiten Menschen moralische Urteile aus übergeordneten Prinzipien ab. Gegen das Töten von Tieren zur Fleisch- oder Fellverwendung könnte demnach sprechen, dass Tiere wie auch Menschen Schmerzen fühlen, und man keinem anderen Wesen Schmerzen zufügen soll. Genau so argumentieren jedenfalls viele Vegetarier und Tierschützer. (Quelle: resistanceforpeace.org) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 346 347 Moralische Einstellungen Kapitel 15 sorgfältig vermieden haben, erklären die Befragten, dass die Geschwister durch diese Affäre emotional belastet und verletzt würden. Auf den Einwand, dass dies offensichtlich nicht der Fall sei, erklärten viele Befragte, sie könnten vielleicht ihre Gründe dafür nicht gut erklären, aber sie seien sich trotzdem sicher, dass dieses Verhalten unmoralisch sei. Mit anderen Worten: Die kognitiven Begründungen, die wir für unsere moralischen Einstellungen angeben, sind nicht ihre kausale Ursache. Stattdessen fällen wir unsere moralischen Urteile zumeist sehr spontan und emotional. Allerdings betont Haidt, dass sein Ansatz lediglich beschreibe, wie Menschen moralische Urteile fällen. Er wolle damit jedoch nicht behaupten, dass Menschen auf diese Art und Weise moralische Urteile fällen sollen. Es gibt allerdings auch Moralphilosophen, die explizit einen solchen „moralischen Intuitionismus“ als normativ richtig vertreten (Moore, 1903, 1996). Das Problem dabei ist, dass man daraus nicht immer eindeutig das „richtige“ Verhalten ableiten kann. Und Menschen werden sich nur solange einigen, so lange sie in ihrem intuitiven Urteil übereinstimmen (etwa, wenn zwei Mitteleuropäer sich einig sind, dass man seine Katzen nicht essen darf). Wenn aber die ethischen Urteile zweier Menschen sich unterscheiden, bietet der moralische Intuitionismus keinerlei Grundlage für einen rationalen Diskurs. Allerdings zeigt sich bei näherer Analyse, dass moralische Urteile grundsätzlich nicht logisch begründet werden können, sondern eine solche Begründung immer den Verweis auf zumindest ein weiteres moralisches Urteil implizieren (Reichenbach, 1969). Unabhängig von solchen logischen Überlegungen aber, haben Menschen ein tiefes Bedürfnis nach Kategorien von „richtig“ und „falsch“, worin ein Grund für die Schwierigkeiten interkulturellen Zusammenlebens liegt. Jonathan Haidt US-amerikanischer Sozialpsychologe – Haidt beschäftigt sich u. a. mit der Frage, wie sich Moral von Kultur zu Kultur unterschiedet und der moralischen Basis von Politik. Generell geht er davon aus, dass moralische Urteile aufgrund von Emotionen gebildet werden statt anhand genereller Prinzipien. Abbildung 15.6: Egal ob Menschen moralische Urteile kognitiv anhand genereller Prinzipien bilden oder spontan aufgrund ihres Gefühls. Ein Bedürfnis nach einer festen Einteilung von „richtig“ und „falsch“ haben jedenfalls fast alle Menschen. (© styleuneed – Fotolia.com). Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 347 348 Das komplexe Verhältnis von Einstellungen und VerhaltenKapitel 15 Grundlegende Aussagen der Dissonanztheorie Die klassische Einstellungsforschung geht davon aus, dass Einstellungen einen kausalen Einfluss auf das Verhalten von Menschen ausüben. Einstellungen entsprechen somit weitgehend dem, was Ökonomen als „Präferenzen“ bezeichnen würden – Werte und Ziele, die das Verhalten eines Menschen determinieren. In den folgenden Abschnitten werden wir hingegen eine Theorie besprechen, die eine radikal andere Perspektive vertritt, nämlich die Dissonanztheorie von Leon Festinger (1957). Die Dissonanztheorie wird von vielen Sozialpsychologen als eine der wichtigsten und einflussreichsten sozialpsychologischen Theorien betrachtet, die bis heute Wissenschaftler weltweit zu empirischer Forschung stimuliert. Wie bei vielen psychologischen Theorien sind die grundlegenden Aussagen der Dissonanztheorie relativ einfach zusammenzufassen: Menschen haben ein Bedürfnis danach, ihre Einstellungen, ihre Gefühle und ihr Verhalten als miteinander konsistent wahrzunehmen. Ist eine solche Konsistenz nicht gegeben, führt dies zu einem Zustand psychischer Belastung, der von Festinger als „kognitive Dissonanz“ bezeichnet wurde. Laut Festinger werden Menschen durch einen solchen Zustand kognitiver Dissonanz dazu motiviert, ihre Dissonanzen zu reduzieren, in dem sie ihre Kognitionen umgewichten oder uminterpretieren. Nehmen wir als Beispiel einen Raucher, der eine Schachtel Zigaretten öffnet und auf der Verpackung liest, dass Rauchen Lungenkrebs verursacht. Dies kann zu kognitiver Dissonanz führen, weil die beiden Kognitionen „durch mein Rauchen gefährde ich meine Gesundheit“ und „ich will gesund leben“ einander widersprechen. In diesem Beispiel gibt es mehrere Möglichkeiten, diese erlebte Dissonanz zu mindern. Eine naheliegende Möglichkeit bestünde darin, mit dem Rauchen aufzuhören. Eine andere Möglichkeit liegt aber auch darin, sich davon zu überzeugen, dass die Gesundheitsrisiken des Rauchens übertrieben werden oder dass es sich ohnehin nicht lohne, älter als 60 Jahre zu werden. Bevor Festinger seine Theorie im Jahre 1957 veröffentlichte, führten er und seine Mitarbeiter 1954 eine bemerkenswerte Studie durch, bei der sie im Rahmen einer teilnehmenden Beobachtung einer bestimmten Sekte beitraten. Marion Keech, Hausfrau aus Chicago und Leiterin dieser Sekte, verkündete, dass die gesamte Erde am Morgen des 20. Dezember 1954 einer Sintflut zum Opfer fallen werde, ein kleiner Teil aller Menschen aber um Mitternacht von außerirdischen Wesen gerettet und in einem Ufo von der Erde evakuiert werde. Sie gab an, telepathisch mit den außerirdischen Wesen zu kommunizieren und von diesen über die bevorstehende Katastrophe informiert worden zu sein. Da der Platz in dem Raumschiff begrenzt war, verzichtete diese Sekte weitgehend auf Missionierung. Als der Tag des Weltuntergangs nahte, verkauften die Sektenmitglieder zum Grundlegende Aussagen der Dissonanztheorie „When Prophecy fails.“ Leon Festinger (1991–1989) US-amerikanischer Sozialpsychologe – Festinger wurde hauptsächlich durch seine Theorie der kognitiven Dissonanz und der Theorie des sozialen Vergleiches bekannt. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 348 349 Wann tritt Dissonanz auf? Kapitel 15 Teil Haus und Hof und versammelten sich in dem Haus der Sektenleiterin, um auf die Ankunft des Ufos zu warten. Tatsächlich aber erschien kein Ufo. Nach einigen Stunden verbreitete sich zunehmend Ratlosigkeit und Unruhe unter den Sektenmitgliedern. Um 4:45 morgens (d. h. knapp fünf Stunden nach der erwarteten Ankunft des Ufos) aber erklärte Keech, sie habe eine neue Botschaft von den Außerirdischen empfangen: Weil die Mitglieder der Sekte so tapfer an ihre Rettung geglaubt hätten, sei von den Außerirdischen beschlossen worden, die Erde doch nicht zu vernichten. Die Reaktionen der Sektenmitglieder auf diese Verlautbarung waren sehr unterschiedlich: Diejenigen, die schon zuvor Zweifel geäußert und auch ihre bürgerliche Existenz nicht aufgegeben hatten, verließen die Sekte und wunderten sich vermutlich darüber, warum sie jemals an die Worte ihrer Führerin hatten glauben können. Diejenigen Mitglieder hingegen, die zuvor ihre Jobs aufgegeben und ihr Eigentum verschenkt hatten, glaubten nur umso stärker an die Worte ihrer Führerin und begannen im Anschluss auch eine aktive Missionsarbeit, um durch die Verbreitung ihres Glaubens die Außerirdischen auch für die Zukunft zu besänftigen. Mit anderen Worten: Diese Sektenmitglieder überwanden ihre kognitive Dissonanz dadurch, dass sie umso stärker an ihrem Glauben festhielten. Wann tritt Dissonanz auf? Kognitive Dissonanz kann unter drei verschiedenen Bedingungen auftreten. Erstens: Dissonanz nach Entscheidungen. Viele Entscheidungen gehen damit einher, dass die gewählte Alternative auch negative Aspekte beinhaltet und wir auf positive Aspekte der nicht gewählten Alternativen verzichten müssen. Diese Tatsache führt dazu, dass Menschen unmittelbar nach einer Entscheidung häufig kognitive Dissonanzen erleben (Festinger, 1964; Fischer & Wiswede, 2009). Vielfach empfinden Menschen Entscheidungen als besonders anstrengend, weil sie mögliche negative Emotionen, Zweifel und Reue in Hinblick auf eine Entscheidung schon im Vorhinein antizipieren. In diesem Fall tritt Nachentscheidungsdissonanz bereits vor der eigentlichen Entscheidung auf. Das Ausmaß an Nachentscheidungsdissonanz hängt dabei neben der Güte der gewählten Option auch von der Qualität der nicht gewählten Alternativen ab. Wir empfinden umso mehr Nachentscheidungsdissonanz, je besser die Qualität der Alternativen war, für die wir uns am Ende nicht entschieden haben. Da das Erleben kognitiver Dissonanz als unangenehm empfunden wird, werden nach einer Entscheidung die gewählte Alternative zusätzlich auf- und die nicht gewählten Alternativen zusätzlich abgewertet. Dissonanz nach Entscheidungen Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 349 350 Das komplexe Verhältnis von Einstellungen und VerhaltenKapitel 15 In einer klassischen Studie (Knox & Inkster, 1968) wurden z. B. Menschen vor dem Wettbüro auf einer Pferderennbahn danach gefragt, wie sicher sie sich ihres Tipps seien. Unmittelbar nachdem sie ihren Wettschein abgegeben hatten, waren die Befragten von ihrem Tipp sehr viel mehr überzeugt als unmittelbar davor. Zweitens: Dissonanz bei enttäuschten Erwartungen. Häufig treffen Menschen Entscheidungen in der Erwartung, dass diese zu einer bestimmten Konsequenz führen. Wenn diese Erwartungen aber enttäuscht werden, führt dies zu kognitiver Dissonanz, die umso höher ist, je mehr Kosten eine Person bei ihrer ursprünglichen Entscheidung auf sich genommen hat (siehe z. B. die Jünger von Marion Keech). Drittens: Dissonanz durch einstellungsdiskrepantes Verhalten. Wenn Menschen etwas tun, von dem sie wissen, dass dieses Verhalten im Widerspruch zu ihren Einstellungen steht, führt dies ebenfalls zu kognitiver Dissonanz. Dieser Effekt kann an einem berühmten Experiment von Festinger und seinem Kollegen Carlsmith (1959) verdeutlicht werden: Die Wissenschaftler baten ihre Versuchspersonen darum, 60 Minuten lang eine extrem langweilige Aufgabe zu verrichten: Sie mussten Garn auf Spulen aufwickeln. Eine erste Gruppe (Kontrollbedingung) wurde unmittelbar danach gefragt, wie interessant sie diese Aufgabe empfunden hatte. Eine andere Gruppe von Versuchspersonen wurde im Anschluss gebeten, zukünftigen Versuchsteilnehmern zu berichten, wie ausgesprochen spannend und aufregend die Aufgabe sei. Als Belohnung für diese „Werbung“ wurde der einen Hälfte $ 1, der anderen Hälfte $20 in Aussicht gestellt. Nachdem die Versuchspersonen den anderen Teilnehmern mitgeteilt hatten, dass das Experiment sehr spannend gewesen sei, wurden sie gefragt, für wie interessant sie die 60 Minuten des Experiments tatsächlich empfunden hätten. Die folgende Abbildung zeigt das Ergebnis des Experiments. Wie erwartet bewerteten Versuchsteilnehmer der Kontrollbedingung die Aufgabe als sehr langweilig – bei ihnen gab es keinerlei Grund, sich das Gegenteil ein zureden. Was aber passierte bei den Teilnehmern, die ihre Nachfolger angelogen hatten? Die meisten Menschen empfinden es als wichtig, andere Menschen nicht willentlich anzulügen. Deshalb konnte aus der Dissonanztheorie die Vorhersage abgeleitet werden, dass die Versuchspersonen in den beiden Experimentalbedingungen die Aufgabe als interessanter bewerten würden als die Versuchspersonen der Kontrollgruppe. Wenn sie sich selber einredeten, die Aufgabe sei eigentlich recht interessant gewesen, mussten sie sich selbst nicht als Lügner wahrnehmen. Dissonanz bei enttäuschten Erwartungen Dissonanz durch einstellungsdiskrepantes Verhalten Das $ 1/$ 20-Experiment Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 350 351 Schlussfolgerungen aus der Dissonanztheorie Kapitel 15 Diese Hypothese wurde bestätigt. Es zeigte sich zudem noch ein weiterer, zunächst überraschender Effekt: Die Bewertung durch die Teilnehmer der $ 1-Bedingung war wesentlich positiver als die Bewertung, die durch die Teilnehmer der $ 20-Bedingung vorgenommen wurde. Weshalb? In der $ 20 Bedingung nahmen die Versuchspersonen zwar wahr, dass sie gelogen hatten, aber sie hatten dafür immerhin $ 20 bekommen. Somit gab es für sie einen objektiv nachvollziehbaren Grund für ihr Verhalten. In der $ 1 Bedingung wurden von den Versuchspersonen ebenfalls wahrgenommen, dass sie gelogen hatten und sie wussten um den einen Dollar, den sie dafür erhalten hatten. Allerdings reichte dieser als Rechfertigung für ihr Verhalten nicht aus. Durch Anpassung ihrer Einstellung (in diesem Fall einer besseren Bewertung der Aufgabe) versuchten die Teilnehmer folglich, die entstandene Dissonanz zu reduzieren. Schlussfolgerungen aus der Dissonanztheorie Mit Hilfe der Dissonanztheorie kann eine Vielzahl an Phänomenen erklärt werden, die ohne diese Theorie nur schwer verständlich wären. Die wichtigsten Anwendungsfälle dieser Theorie sollen im Folgenden kurz erläutert werden. -0,45 1,35 -0,05 -0,5 0 0,5 1 1,5 2 B ew er tu ng d er A uf ga be (S ka la v on 5 b is 5 ) Kontrollbedingung 1$-Bedingung 20$-Bedingung Abbildung 15.7: Je größer die Dissonanz aufgrund mangelnder Rechtfertigung für das eigene Verhalten, als desto interessanter wurde die Aufgabe wahrgenommen. (Quelle: Eigene Darstellung, nach Festinger & Carlsmith, 1959). Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 351 352 Das komplexe Verhältnis von Einstellungen und VerhaltenKapitel 15 Rechtfertigung des Aufwands Häufig sind Menschen bereit, negative Konsequenzen einer Entscheidung zu akzeptieren, in der Hoffnung, dass diese Entscheidung zu einem späteren Zeitpunkt zu positiven Konsequenzen führt. So müssen z. B. Studenten in einigen Fächern sehr hart für ihr Studium arbeiten, eine Mühsal, die nur ertragen wird in der Hoffnung, dadurch später einen gut bezahlten und interessanten Job zu bekommen. Viele Paare bleiben auch in Krisenzeiten beieinander, in der Hoffnung, sich danach nur umso stärker miteinander verbunden zu fühlen. Wie aber reagieren Menschen darauf, wenn sich ein solcher langer Atem nicht lohnt und die positiven Konsequenzen niemals eintreten? Die Dissonanztheorie kommt zu der Vorhersage, dass Menschen Probleme haben, vor sich selbst und anderen zuzugeben, eine Fehlentscheidung getroffen zu haben. Dies gilt umso mehr, je höher die Kosten sind, die man in der Vergangenheit bereits auf sich genommen hat. Statt Fehlentscheidungen zuzugeben, versuchen Menschen ihren Entschluss zu rechtfertigen, weshalb man dieses Phänomen auch als „Rechtfertigung des Aufwands“ bezeichnet. Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Eine Frau kauft ein Paar Schuhe und stellt nach dem ersten Tragen fest, dass diese eigentlich zu eng sind. Wenn die Schuhe sehr billig waren, wird es ihr leichter fallen, den Kauf als Irrtum abzuhaken und die Schuhe wegzuwerfen als wenn die Schuhe sehr teuer waren. Dann wird sie sich einreden, dass die Schuhe nur ein wenig „gedehnt“ werden müssen, vielleicht sogar, dass die Schmerzen eigentlich ein Zeichen für die Qualität der Schuhe sind, weil diese nicht so leicht ausleiern wir andere, billigere Schuhe. Aufwand, den man in der Vergangenheit betrieben hat, wird von Ökonomen als „sunk costs“ (versunkene Kosten) bezeichnet. Aus normativer Perspektive sollten diese keine Rolle für künftige Entscheidungen spielen. Für die Bewertung einer Alternative sollte stattdessen immer nur der zukünftig erwartete Nutzen bewertet werden. Sunk costs Abbildung 15.8: Sunk costs: Auch der Rhein-Main-Donau-Kanal wurde über 30 Jahre hinweg immer weiter gebaut, obwohl schon bald nach Baubeginn feststand, dass er sich wirtschaftlich nicht rentieren würde. Und in der Tat ist der Kanal häufig alles andere als von Schiffen überfüllt. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 352 353 Schlussfolgerungen aus der Dissonanztheorie Kapitel 15 Wie sunk cost-Effekte wirken, verdeutlicht auch das folgende Experiment (Arkes & Blumer, 1985). Hierbei wurde drei Gruppen von Versuchspersonen ein Abonnement für eine Theatergruppe verkauft. Am Ticketschalter hatten die Versuchspersonen die Möglichkeit, an einer Lotterie teilzunehmen. Als Gewinn wurden die Abonnements zu verschiedenen vergünstigten Preisen vergeben: Die erste Gruppe zahlte den regulären Preis, die zweite Gruppe erhielt einen Abschlag von $ 2, die dritte Gruppe erhielt einen Abschlag von $ 7. Bei einer späteren Messung zeigte sich, dass die Versuchspersonen umso häufiger ins Theater gingen, je mehr sie für das Ticket bezahlt hatten. Wenn Menschen Probleme haben, eine frühere Entscheidung als falsch anzuerkennen, kann dies das Commitment (d. h. die Bindung) an eine Entscheidung sogar erhöhen. Ein Beispiel hierfür ist das amerikanische Engagement in Vietnam, dem 58 000 amerikanische Soldaten und 2 000 000 Vietnamesen zum Opfer gefallen sind. Obwohl das Scheitern dieses Engagements offensichtlich war, hat die amerikanische Regierung den Krieg in Vietnam jahrelang fortgesetzt, mit der Begründung, bei einem Rückzug der Truppen seien die gefallenen Soldaten umsonst gestorben. Es gibt übrigens auch einen umgekehrten Effekt: Etwas, für das wir nicht kämpfen mussten, wissen wir oftmals nicht zu schätzen. Diesem Effekt erliegen Menschen sowohl bei der Bewertung ihres Studienplatzes, ihres Jobs, aber auch ihres Partners. Studentenverbindungen und Wirtschaftsunternehmen sind sich dessen bewusst und koppeln die Aufnahme eines neuen Mitglieds bewusst an aufwändige und teure Initiationsriten. Bei schlagenden Verbindungen nennt sich dies „Schmiss“ (Bezeichnung für eine Narbe, die durch eine Verletzung beim Fechten entstanden ist), bei Unternehmen spricht man von einem „Assessment Center“ und Frauen tun gut daran, dem Werben eine Verehrers nicht zu schnell nachzugeben. Dissonanztheorie und die Moralität unseres Verhaltens Zuvor haben wir diskutiert, dass Dissonanz als Folge einstellungsdiskrepanten Verhaltens auftreten kann. Da die meisten Menschen in starkem Maße von moralischen Normen geprägt sind, empfinden sie Dissonanz, wenn ihr Verhalten im Widerspruch zu moralischen Normen steht, denen sie sich verpflichtet fühlen. Ob ein Verhalten zu kognitiver Dissonanz führt, hängt allerdings von folgenden Fragen ab: (1) Hat aus Sicht des handelnden Individuums ein Mindestmaß an Entscheidungsfreiheit bestanden? Wer in Notwehr jemanden verletzt, weil er keinen Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 353 354 Das komplexe Verhältnis von Einstellungen und VerhaltenKapitel 15 anderen Ausweg gesehen hat, wird auch dann, wenn er Gewalt grundsätzlich ablehnt, keine Dissonanz empfinden. (2) Lagen hinreichende Rechfertigungsgründe vor? Wenn man vor sich und anderen ein legitimes Argument für sein Verhalten hat, wird dieses Verhalten keine Dissonanz erzeugen. (3) Hat das Verhalten zu negativen Konsequenzen für eine andere Person geführt? Falls ein unmoralisches Verhalten keinerlei negative Folgen für eine andere Person verursacht, wird es auch keine Dissonanz nach sich zeihen. (4) Waren die Konsequenzen vorhersehbar? Es wird auch dann keine Dissonanz empfunden, wenn ein Verhalten zwar zu negativen Konsequenzen führt, diese für den Verursacher aber völlig unvorhersehbar waren. In Kapitel 13 ging es darum, dass Menschen bei der Interpretation ihres Verhaltens zu selbstwertdienlichen Attributionen tendieren. Dies bedeutet, dass Menschen dazu neigen werden, ihr eigenes Verhalten auch dann als legitim zu bewerten, wenn sie das gleiche Verhalten bei einer anderen Person aufs Schärfste verurteilt hätten. Die menschliche Neigung, eigenes unmoralisches Verhalten zu legitimieren, um Dissonanz zu vermeiden, kann dazu führen, dass dieses Verhalten auch in der Zukunft beibehalten wird (Travis & Aronson, 2007). Ein Beispiel hierfür ist das berühmte Milgram Experiment (1964). In diesem wurden Versuchspersonen gebeten, an einer Studie zum Thema „Lernen“ teilzunehmen. Hierbei hatten sie als „Lehrer“ die Aufgabe, eine andere Person (den „Schüler“) durch Stromstöße zu bestrafen, wenn diese auf die Nennung eines Wortes nicht mit einem bestimmten, zuvor gelernten anderen Wort reagierte (Diese andere Person war in Wahrheit ein Mitarbeiter des Versuchsleiters und spielte lediglich das Empfinden fiktiver Stromstöße). Hierbei waren die Stromstöße so angeordnet, dass diese zunächst lediglich 15 Volt betrugen, bei jedem weiteren Fehler jedoch um 15 Volt gesteigert wurden – und zwar bis zu 450 Volt. Bei Stromstößen von 120 Volt hörten die Versuchspersonen die andere Person vor Schmerz aufschreien und bei 150 Volt darum bitten, den Versuch abzubrechen. Bei 330 Volt schließlich reagierte die andere Person überhaupt nicht mehr. Vom Versuchsleiter wurde daraufhin den Versuchspersonen mitgeteilt, dass dies als „falsche Antwort“ zu werten sei und ein weiterer, noch stärkerer Stromstoß zu erfolgen habe. Auf jegliche Einwände der Versuchsperson, das Experiment abzubrechen oder der anderen Person zu helfen, reagierte der Versuchsleiter mit der ruhig, aber bestimmt vorgetragenen Aufforderung, das Experiment fortzusetzen. Von allen Versuchspersonen haben lediglich 35 Prozent das Experiment vorzeitig abgebrochen, alle anderen haben die vermeintlichen Schüler mit Stromschlägen von bis zu 450 Volt für ihre falschen bzw. fehlenden Antworten bestraft. Milgram Experiment Stanley Milgram (1933–1984) US-amerikanischer Psychologe – Milgram wurde bekannt durch seine Arbeit zum Gehorsam gegenüber Autoritäten, welcher Menschen sogar dazu bewegt, andere Menschen zu misshandeln. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 354 355 Schlussfolgerungen aus der Dissonanztheorie Kapitel 15 Das Milgram Experiment ist eine der bekanntesten Untersuchungen der Sozialpsychologie und zeigt eindrucksvoll die Bereitschaft von Menschen, sich Autoritäten – wie einem Versuchsleiter, der einen Doktortitel und einen weißen Kittel trägt – bedingungslos zu unterwerfen. Es zeigt aber auch die Bedeutung der Dissonanztheorie. Es wäre nämlich zu vermuten, dass kaum eine Versuchsperson bereit gewesen wäre, eine falsche Antwort des „Schülers“ sofort mit der maximalen Stromstärke zu bestrafen. Die Perfidität der Versuchsanordnung bestand gerade darin, dass die Stromstärke mit jeder weiteren Bestrafung zunahm. Ein Ausstieg aus dem Experiment fiel den Versuchspersonen vermutlich auch deshalb schwer, weil dies das Eingeständnis impliziert hätte, dass man das Experiment eigentlich schon sehr viel früher hätte abbrechen müssen. Noch drastischer lässt sich diese Dynamik am Beispiel des Dritten Reiches darstellen. Viele Deutsche haben damals aktiv geholfen, ihre jüdischen Mitbürger in Konzentrationslager zu sperren und anschließend zu ermorden. Einige Deutsche aber haben oftmals unter dem Einsatz ihres eigenen Lebens geholfen, Juden vor der Vernichtung durch die Nazis zu retten. Was unterschied die Mörder und die Retter? Vermutlich ihre politischen Überzeugungen, vielleicht auch ihre Persönlichkeit, ganz sicher aber auch ihr Umgang mit Juden zu Beginn des dritten Reiches. Je länger man sich dem Naziregime nicht widersetzte, desto größer wurde die kognitive Dissonanz und desto stärker war die Neigung, das Naziregime zu verteidigen, um das eigene Mitmachen oder zumindest Mitlaufen zu rechtfertigen. Auf der anderen Seite handelten Deutsche, die sich aktiv an der Rettung von Juden beteiligt haben, selten aufgrund eines heldenhaften Entschlusses. Stattdessen folgten auch sie einer Dynamik, die dissonanztheoretisch gut erklärbar ist: Zunächst wurde der Kontakt mit jüdischen Freunden entgegen der Nazi Propaganda nicht abgebrochen, dann wurde jüdischen Freunden und Bekannten zunächst für eine „kurze Zeit“ Unterschlupf gewährt, woraus schließlich eine jahrelange Unterbringung wurde. Um mit einem Bild der beiden Psychologen Carol Tarvis und Elliot Aronson (2007) zu sprechen: Die Moralität unseres Verhaltens ist oftmals mit einer Murmel Abbildung 15.9: Szene des ersten Milgram Experimentes, bei dem Versuchsteilnehmer einer anderen Person vermeintlich Schmerzen durch Stromschläge zufügten, da sie von der Autorität des Versuchsleiters dazu aufgefordert worden waren. (Quelle: Alexandra Milgram) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 355 356 Das komplexe Verhältnis von Einstellungen und VerhaltenKapitel 15 zu vergleichen, die auf die Spitze einer Pyramide gelegt wird. Je nachdem, an welcher Seite die Murmel zufällig herunterkullert, wird sie schließlich an ganz unterschiedlichen Stellen landen. Commitment und Dissonanz Wie erwähnt kann Dissonanz zu einem höheren Commitment führen. Umgekehrt führt ein hohes Commitment aber auch zu mehr Dissonanz, da die Betroffenheit größer ist. Das Commitment an eine einmal getroffene Entscheidung ist dann besonders hoch, wenn (1) eine Einstellungsäußerung mit einem Versprechen verbunden wird, (2) dieses Versprechen schriftlich fixiert wird, und (3) dieses Versprechen öffentlich geäußert wird. Ein gutes Beispiel hierfür ist das „Ja-Wort“ vor dem Traualter, bei dem sich die Eheleute vor ihren Familien und Freunden versprechen, zusammenzustehen in „guten wie in schlechten Tagen“ bis das der Tod sie scheidet. Commitment kann äußerst wirksam bei der Manipulation des eigenen Verhaltens sein, zum Beispiel bei Selbstkontrollproblemen, bei denen es schwer fällt, sich gemäß der Entscheidungen zu verhalten. So besteht die Therapiebegleitung durch die Anonymen Alkoholiker in der offenen Erörterung der Alkoholprobleme und der Festsetzung von Zielen vor der versammelten Gruppe. Das Phänomen der Dissonanz wird somit zum Nutzen des Patienten angewandt (eine ähnliche Methode wird auch bei Weight Watchers-Treffen benutzt). Ganz allgemein können Menschen ihr Commitment an ein persönliches Ziel erhöhen, indem sie dieses Ziel Familienmitgliedern, Freunden und Bekannten mitteilen, weil dies die Peinlichkeit erhöht, wenn das Ziel doch nicht erreicht wird. Abbildung 15.10: Die eigenen Einstellungen offen anderen zu bekunden, erhöht das Commitment zu den Einstellungen und erhöht dadurch die Wahrscheinlichkeit, sich auch gemäß den Einstellungen zu verhalten. Bei den Anonymen Alkoholikern etwa ist die Bekundung des Abstinenzwillens in der Gruppe einer der wichtigsten Therapie- Bestandteile. (Quelle: Sven Döring) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 356 357 Das Leben ist nicht konsequent… Kapitel 15 Commitment wird aber oft auch zur Manipulation anderer angewandt, vor allem im Marketing bzw. Verkaufswesen. Bei der so genannten „Foot in the door“-Technik etwa geht es darum, zunächst durch einen kleinen Gefallen oder den Kauf einer Kleinigkeit Commitment aufzubauen – also den Fuß in der Tür zu haben – und dann mit immer größeren Bitten oder teureren Produkten aufzuwarten. Viele Spendenorganisationen etwa fordern zunächst zu einer minimalen Einmalspende auf und schicken den Personen, die einmal ihre Spendenbereitschaft bekundet haben, danach Spendenaufforderungen für monatliche oder jährliche, größere Spenden zu. Ebenso bitten viele Zeitschriftenverkäufer, so genannte Drücker, die potentiellen Kunden an der Haustür oftmals zunächst darum, an einer Befragung teilzunehmen, in der die Kunden dazu aufgefordert werden, ihre Hilfsbereitschaft gegenüber ehemals Drogenabhängigen zu bekunden. Erst danach gibt der Zeitschriftenverkäufer sich als solcher zu verstehen und sagt, dass er selbst ein ehemals Drogenabhängiger ist und man ihm mit dem Kauf eines Abonnements viel helfen würde. Es gibt jedoch auch weitaus negativere Beispiele für die Anwendung dieses Manipulationsmechanismus, etwa der Eid deutscher Soldaten und Offiziere auf den „Führer Adolf Hitler“. Viele preußische Offiziere schreckten auch deshalb vor einem Attentat auf Hitler zurück, weil dies einen Bruch ihres persönlichen Eides bedeutet hätte (Fest, 1994). Das Leben ist nicht konsequent… Wir haben gesehen, dass die menschliche Neigung, kognitive Dissonanzen zu vermeiden und sich möglichst konsistent verhalten zu wollen, oftmals zu unsinnigem Verhalten führt, mit dem wir uns selbst und andere belasten. Deshalb wäre es auf einem höheren Abstraktionsniveau manchmal schlüssig, wenn wir unsere eigenen Widersprüche akzeptieren würden. Ein Erziehungspsychologe sagte mir einmal: „Das Leben ist nicht konsequent, wir müssen es auch nicht sein“. Stattdessen neigen Menschen jedoch zu dem, was von Jonathan Baron (1998, S. 13) als „belief overkill“ bezeichnet wurde: Wenn Menschen sich zwischen zwei Alternativen entscheiden müssen, reicht es ihnen nicht, dass die eine Alternative geringfügig besser ist als die andere. Stattdessen werden die Alternativen so lange kognitiv bearbeitet, bis mit der gewählten Alternative nur positive und mit den nicht gewählten Alternativen nur negative Konsequenzen verbunden sind. So kann man sich z. B. hinsichtlich der Legitimität von Tierversuchen in der medizinischen Forschung die folgenden zwei Fragen stellen: 1) Dürfen Menschen Tiere quälen, d.h wie sind Tiere im Vergleich zu Menschen und zu leblosen materiellen Gegenständen moralisch zu bewerten? 2) Inwiefern sind Tierversuche „Entweder man lebt, oder man ist konsequent.“ Erich Kästner (1899–1974), deutscher Schriftsteller Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 357 358 Das komplexe Verhältnis von Einstellungen und VerhaltenKapitel 15 medizinisch nützlich? Logisch sind diese beiden Fragen vollkommen unabhängig voneinander. Stattdessen aber zeigt sich zwischen den Antworten auf beide Fragen eine hohe Korrelation. Wer aus ethischen Gründen gegen Tierversuche ist, hält sie auch medizinisch für wenig sinnvoll (Baron, 1988). Es kann eine geradezu befreiende Wirkung haben, sich vom eigenen Streben nach kognitiver Konsistenz loszusagen. Damit ist nicht gemeint, dass wir unser moralisches Verhalten am jeweiligen Einzelfall und so ausrichten sollten, wie es unseren eigenen Interessen am besten nützt. Aber aus der Perspektive des kritischen Rationalismus sollten wir, wie der Verhaltensforscher Konrad Lorenz (s. Kapitel 19) einmal gesagt hat, „täglich vor dem Frühstück eine Lieblingshypothese einstampfen“ (1963, S. 20). Etwas lyrischer formuliert: „Nur wer sich ändert, bleibt sich treu“ (Wolf Biermann, 1991). Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 358 359 Studentenfutter Kapitel 15 Kurz und gut 1. Einstellungen lassen sich definieren als die affektive Bewertung von konkreten Personen, abstrakten Gruppen, Institutionen, Ideen, Ideologien oder Verhaltensweisen. 2. Die Theorie des geplanten Verhaltens von Ajzen besagt, dass Handlungen sowohl durch Einstellungen als auch durch subjektive Normen und die subjektive Verhaltenskontrolle (Effizienzerwartungen) determiniert sind. 3. Der Zusammenhang zwischen Einstellungen und Verhalten ist umso größer, je spezifischer eine Einstellung gemessen wird, je elaborierter eine Einstellung ist bzw. je mehr Erfahrungen eine Person mit einem bestimmten Einstellungsobjekt hat. 4. Menschen sind sich ihrer Einstellungen nicht immer bewusst. 5. Bewusste Einstellungen beeinflussen vor allem solche Handlungen, die von einem Akteur willentlich und kontrolliert ausgeführt werden. 6. Jonathan Haidt argumentiert, dass viele moralische Einstellungen weniger durch rationales Abwägen als vielmehr durch intuitive moralische Emotionen zu erklären sind. 7. Menschen haben ein Bedürfnis danach, ihre Einstellungen, ihre Gefühle und ihr Verhalten als miteinander konsistent wahrzunehmen. Ist eine solche Konsistenz nicht gegeben, führt dies zu einem Zustand psychischer Belastung, der als „kognitive Dissonanz“ bezeichnet wird. 8. Dissonanz tritt vor allem nach Entscheidungen, bei enttäuschten Erwartungen und bei einstellungsdiskrepantem Verhalten auf. 9. Menschen sind in ihren Entscheidungen oftmals von „versunkenen Kosten“ beeinflusst, obwohl diese aus normativer Perspektive keine Rolle spielen sollten. 10. Die menschliche Neigung, eigenes unmoralisches Verhalten zu legitimieren, um Dissonanz zu vermeiden, kann dazu führen, dass dieses Verhalten auch in der Zukunft beibehalten wird. Studentenfutter Haidt, J. (2001). The emotional dog and its rational tail. Psychological Review, 108, 814–834. Travis, C. & Aronson, E. (2007). Mistakes were made (but not by me): Why we justify foolish beliefs, bad decisions, and hurtful acts. Orlando: HarcourtBooks. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 359 Kapitel 16 Von Kölnern und Düsseldorfern – über Stereotype, Vorurteile und soziale Identitäten Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 361

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Vorteile

- Die psychologischen Grundlagen für das wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Studium: von der Allgemeinen über die Sozial- bis zur Wahrnehmungspsychologie

- Kompakter Aufbau

- Komplett vierfarbig

Zum Werk

In den Wirtschaftswissenschaften gilt das Bild des rational denkenden Menschen als überholt. Kenntnisse aus der Psychologie spielen dagegen eine immer größere Bedeutung für die Analyse, was sich nicht zuletzt in der aktuellen Diskussion um die Glücksforschung widerspiegelt.

Dieses Lehrbuch führt Wirtschaftswissenschaftler an die Grundlagen der Psychologie heran und stellt dar, wie sie das menschliche Verhalten (und damit auch das für die Wirtschaftwissenschaften wichtige Entscheidungsverhalten) beeinflussen.

Autor

Prof. Dr. Detlef Fetchenhauer ist Direktor des Instituts für Wirtschafts- und Sozialpsychologie an der Universität zu Köln. Er lehrt darüber hinaus an der Universität Wien.

Zielgruppe

Für Studierende der Wirtschaftswissenschaften an Universitäten und Fachhochschulen sowie Studierende, die im Nebenfach Psychologie belegen müssen (z.B. Lehramt).