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Kapitel 12 Odysseus und die Sirenen – warum wir manchmal das Falsche tun, obwohl wir wissen, was das Richtige ist. in:

Detlef Fetchenhauer

Psychologie, page 264 - 284

1. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3713-3, ISBN online: 978-3-8006-3940-3, https://doi.org/10.15358/9783800639403_264

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265 Kapitel 12 Kapitel 12 Odysseus und die Sirenen – warum wir manchmal das Falsche tun, obwohl wir wissen, was das Richtige ist. Was ist ein Selbstkontrollproblem? Der Franzose Zinedine Zidane galt viele Jahre als bester Fußballer der Welt. Im Alter von 34 Jahren spielte er bei der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland sein letztes großes Turnier. Nachdem Frankreich eine äußerst schwache Vorrunde gespielt hatte, wurden „les bleus“ im Verlauf des Turniers immer besser – angetrieben durch ihren brillanten Kapitän Zinedine Zidane. Tatsächlich erreichte die Mannschaft das Finale gegen Italien. Bereits zuvor hatte Zidane erklärt, dies sei das letzte Spiel seiner Karriere. Bereits nach sieben Minuten ging Frankreich mit eins zu null in Führung – durch einen verwandelten Foulelfmeter von Zidane. Weil Italien in der 19. Minute den Ausgleich schoss, ging das Spiel in die Verlängerung. Und dann geschah es: Ohne erkennbaren Grund ging Zidane auf seinen italienischen Gegenspieler Materazzi zu und streckte diesen mit einem harten Kopfstoß zu Boden. Gesehen hatte dies zunächst kaum jemand – der Ball war zu diesem Zeitpunkt ganz woanders. Als einer seiner Assistenten den Schiedsrichter auf die Tätlichkeit Zidanes aufmerksam machte, blieb dem Schiedsrichter nichts Anderes übrig, als den Franzosen vom Platz zu stellen. Mit versteinerter Miene „When the gods want to punish us they answer our prayers.“ Oscar Wilde (1854–1900), irischer Schriftsteller InhaltWas ist ein Selbstkontrollproblem? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 265 Selbstkontrolle als intertemporales Problem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 269 Strategien zur Stärkung der eigenen Selbstkontrolle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 271 Selbstkontrolle als Persönlichkeitsmerkmal . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 273 Selbstkontrolle und Lebenserfolg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 273 Kleine Kinder und die Fähigkeit zum Belohnungsaufschub . . . . . . . . . . . . . . 274 Selbstkontrolle und Kriminalität – die Theorie von Gottfredson und Hirschi . . 275 Selbstkontrolle und sexuelle Gewalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 277 Selbstkontrolle und Staatliche Intervention . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 279 Selbstkontrolle aus evolutionärer Perspektive . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 281 Selbstkontrolle und die Frage nach dem Selbst . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 282 Kurz und gut . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 284 Studentenfutter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 284 Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 265 266 Odysseus und die SirenenKapitel 12 ging er in die Kabine – vorbei an dem Pokal, den er keine Viertelstunde später in Händen hätte halten können. Es ist bis heute nicht ganz geklärt, was der Auslöser für den Kopfstoß war. Aber es scheint so, als habe sein italienischer Gegenspieler ihn durch eine Anspielung auf Zidanes Schwester provoziert. Worin diese Provokation auch immer bestanden haben mag, es ist kaum zu vermuten, dass Zidane sein Verhalten rückwirkend nicht furchtbar bereut haben wird. Innerhalb dieser einen Sekunde, in der bei ihm „alle Sicherungen durchbrannten“ hat er sich um die Krönung seiner glanzvollen Karriere gebracht. Warum aber tun Menschen oftmals Dinge, die sie im Nachhinein furchtbar bereuen – selbst dann, wenn sie bereits zum Zeitpunkt ihrer Handlung wissen, dass sie diese bereuen werden? Wir alle kennen solche Situationen und die Liste der Beispiele ist fast unendlich: So haben Menschen z. B. Probleme, ihr Gewicht zu regulieren. Auch wenn wir vom Buffet eigentlich nur ein paar Häppchen essen wollten – am Ende nehmen wir erst einen Vorspeisenteller, dann einen Fischteller, später etwas Fleisch und anschließend noch einen Nachtisch – und ärgern uns, wenn wir später auf der Waage stehen und wieder einmal zugenommen haben. Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist lecker. Menschen rauchen, trinken zu viel Kaffee, haben Probleme mit dem Alkohol oder konsumieren andere Drogen. 66 % aller Raucher haben schon einmal versucht, sich ihr Laster abzugewöhnen und kaum einer von ihnen erklärt, dass er sich gesundheitsschädlichen Wirkung des Rauchens durchaus bewusst sei, aber trotzdem mit voller Überzeugung weiterrauche, weil die Freude daran dies wert sei. Und trotzdem fällt es den meisten Rauchern schwer, damit aufzuhören. Alltägliche Selbstkontrollprobleme Abbildung 12.1: Sportler gelten eigentlich als diszipliniert (s. Kapitel 8), doch wie das Kopfstoß-Foul von Zinedine Zidane verdeutlicht, haben alle Menschen oft Probleme, sich selbst unter Kontrolle zu behalten. (Quelle: dpa) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 266 267 Was ist ein Selbstkontrollproblem? Kapitel 12 Viele Süchte haben übrigens die diabolische Eigenschaft, dass die positiven Konsequenzen des jeweils nächsten Konsums mit der Zeit abnehmen, die negativen Konsequenzen eines Verzichts auf diesen Konsum mit der Zeit aber zunehmen. Viele Heroinabhängige tun alles, um an „den nächsten Schuss“ zu kommen, auch wenn das wunderschöne Gefühl einer ekstatischen Verzückung sich schon lange nicht mehr einstellt. Aber die Qualen eines Entzugs erscheinen unerträglich und die Aussicht auf ein Leben jenseits der Droge ist kaum noch vorstellbar. Fast alle Menschen kennen die Schwierigkeit, in ihrer Arbeit oder in ihrem Studium den „inneren Schweinehund“ zu überwinden. Die meisten Studenten wissen, dass man sich auf Klausuren am besten dadurch vorbereitet, dass man frühzeitig mit dem Lernen beginnt. Aber trotzdem gelingt es nur den wenigsten, einer solchen Maxime zu folgen. Die Konsequenz: Durchgearbeitete Nächte in den Tagen unmittelbar vor einer Klausur, Ärger über die eigene Disziplinlosigkeit, eine Note, die deutlich besser hätte sein können, der feste Vorsatz, es beim nächsten Mal anders zu machen und später die Erkenntnis, dass man aus Schaden zwar oft klug, aber nicht selbstdisziplinierter wird. Es ist allseits bekannt, dass zu einem gesunden Leben regelmäßige Bewegung gehört. Aber auch das ist leichter gesagt als getan. Der Vorsatz, am Abend laufen zu gehen, fühlt sich anders an, wenn man ihn morgens beim Frühstück fasst, als wenn man ihn zwölf Stunden später auch in die Tat umsetzen muss. Ein weiteres Beispiel zeigt sich im Bezug auf regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen: Viele gesundheitliche Probleme (und die damit verbundenen Schmerzen) könnten dadurch vermieden werden. So wird z. B. empfohlen, mindestens zweimal pro Jahr zum Zahnarzt zu gehen. Viele Menschen aber gehen sehr viel seltener und jeder siebte besucht nur dann den Zahnarzt, wenn er unter akuten Schmerzen leidet. Bei der Erziehung von kleinen Kindern stehen Eltern oftmals vor der Entscheidung, an ihren erzieherischen Grundsätzen festzuhalten, auch wenn dies zu wütenden Protesten der Kinder führt, oder aber den Kindern nachzugeben, weil dies zumindest kurzfristig Konflikte vermeidet, auch wenn dies langfristig den Kindern schadet. Beispiele hierfür sind das Quengeln um Süßigkeiten an der Supermarktkasse, oder Entscheidungen darüber, wie viel Zeit Kinder vor dem Fernseher oder dem Computer verbringen dürfen, bzw. wann sie abends ins Bett gehen. Auch in ihrem Sexualleben haben Menschen oft Probleme, an einmal gefassten Vorsätzen festzuhalten. So betrügen Menschen ihre Partner – in einer Studie gab lediglich ein Drittel aller Befragten an, sie seien „noch nie“ untreu gewesen (Helms & Bierhoff, 2001). Menschen haben Sex, ohne Kondome zu benutzen, auch wenn sie wissen, dass dies zu Geschlechtskrankheiten oder ungewollten Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 267 268 Odysseus und die SirenenKapitel 12 Schwangerschaften führen kann. Viele Männer verbringen unzählige Stunden damit, sich im Internet nackte Frauen anzuschauen. Frauen verschieben den Zeitpunkt, zu dem sie ihr erstes Kind bekommen wollen, weil es „jetzt beruflich ganz ungünstig“ wäre, eine Babypause zu machen (auch wenn es keinen Grund zu der Annahme gibt, irgendein späterer Zeitpunkt sei günstiger). All’ diesen Beispielen ist folgendes gemeinsam: Menschen müssen sich zwischen zwei Alternativen entscheiden, deren Konsequenzen unterschiedlich weit entfernt in der Zukunft liegen. Die Alternative mit den langfristigen Konsequenzen wird objektiv positiver bewertet. Im konkreten Entscheidungsmoment erscheint aber die Alternative mit den unmittelbaren Konsequenzen wesentlich anziehender. Daher haben Menschen so oft das Problem, sich für die „vernünftige“ Option zu entscheiden, die absolut den größeren Nutzen erwarten lässt. Innerhalb dieser Klasse von Problemen lassen sich die folgenden vier Fälle unterscheiden: Erstens: Eine Person fasst den Vorsatz, zur Erreichung eines langfristigen Ziels ein bestimmtes Verhalten auszuführen, hat aber Schwierigkeiten, diesen Vorsatz in die Tat umzusetzen, ohne dass sich ihre Bewertung des langfristigen Zieles ge- ändert hätte. Oftmals sind sich Menschen eines Konflikts zwischen kurzfristigen und langfristigen Zieles selbst in dem Moment bewusst, in dem sie sich für das kurzfristig erreichbare Ziel entscheiden (z. B., in dem Moment, in dem sie beim Ober die Dessertkarte verlangen). Zweitens: Menschen sind sich eines solchen Konfliktes zwischen kurzfristigen und langfristigen Zielen zwar durchaus bewusst, aber sie treffen gar nicht erst den Vorsatz, selbstdiszipliniert auf kurzfristigen Genuss zu verzichten („I’m here for a good time, not a long time“). Unmittelbare vs. lang fristige Konsequenzen Abbildung 12.2: Engelchen und Teufelchen: In vielen Lebenssituationen – wie der Ernährung – haben Menschen Probleme, sich für das Verhalten zu entscheiden, von dem sie wissen, dass es eigentlich besser für sie wäre. (© artzone – Fotolia.com) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 268 269 Selbstkontrolle als intertemporales Problem Kapitel 12 Drittens: Menschen vermuten, dass es einen Gegensatz zwischen kurzfristigen und langfristigen Zielen gibt, sind sich in der relativen Bewertung der Alternativen aber nicht sicher. Beispiel: Ein kinderloses Ehepaar argwöhnt, dass sie sich im Alter einsam und alleine fühlen werden, wenn sie keine eigenen Kinder kriegen, die sie sonntags mit den Enkeln besuchen kommen. Andererseits sind sie sich dessen aber auch nicht sicher. Viertens: Darüber hinaus sind Fälle denkbar, in denen Menschen noch nicht einmal vermuten, dass es einen Gegensatz zwischen kurz- und langfristigen Zielen gibt. So sind z. B. die gesundheitsschädlichen Wirkungen des Nikotins erst seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts bekannt. Selbstkontrolle als intertemporales Problem Auch aus der Perspektive der normativen Entscheidungstheorie macht es Sinn, dass wir einem Ereignis umso weniger Gewicht beimessen, je weiter entfernt es in der Zukunft liegt (Behrens, 2004; Cansier & Bayer, 2003). Der Grund dafür ist ziemlich simpel: Je weiter entfernt ein Ereignis liegt, desto weniger sicher können wir sein, dieses Ereignis überhaupt zu erleben. Wie der britische Ökonom John Maynard Keynes in einem anderen Zusammenhang einmal formulierte: „In the long run we are all dead“ (1923). Die normative Entscheidungstheorie macht allerdings keine Aussagen darüber, in welchem Maße (d. h. zu welchen „Zinssatz“) wir in der fernen Zukunft liegende Ereignisse niedriger bewerten als Ereignisse in der nahen Gegenwart (Ökonomen sprechen hierbei von „diskontieren“). Nehmen wir folgendes Beispiel: Einer Person wird angeboten, entweder sofort 100 € zu erhalten oder in einer Woche 110 €. Für welche Alternative sie sich entscheiden sollte, lässt sich rational nicht begründen. Ein anderes Beispiel: Der gleichen Person werde angeboten, entweder in 52 Wochen 100 € zu erhalten oder aber in 53 Wochen 110 €. Auch hier lässt sich rational nicht begründen, welche von beiden Alternativen die bessere ist (Hummel, 1999). Eines aber lässt sich aus Sicht der normativen Entscheidungstheorie durchaus sagen: Eine Person handelt nur dann rational, wenn sie sich in beiden Fällen entweder für die kurzfristigere oder für die längerfristigere Alternative entscheidet, denn in beiden Fällen beträgt der zeitliche Abstand zwischen beiden Ereignissen exakt eine Woche. Aber wie Sie vermutlich schon lange ahnen: Menschen verhalten sich auch hier nicht gemäß der ökonomischen Rationalität. Stattdessen zeigen empirische Be- Zukunfts- vs. Gegenwartspräferenz Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 269 270 Odysseus und die SirenenKapitel 12 funde (Thaler, 1981), dass viele Menschen sich für die 100 € entscheiden würden, wenn sie diese sofort erhalten, aber für die 110 €, wenn sie darauf ohnehin mindestens ein Jahr warten müssen. Von Ainslee (2001) ist argumentiert worden, dies habe damit zu tun, dass die Rate, mit der Menschen (und andere Organismen) zukünftige Ereignisse diskontieren, einer hyperbolischen Funktion folge. Die folgende Graphik verdeutlicht, welche Konsequenz ein solches hyperbolisches Diskontieren am Beispiel eines Alkoholikers hat, der morgens mit einem Kater aufwacht und beschließt, nie mehr zu trinken: Zum Zeitpunkt t1 (morgens um 11:00) hat die Alternative, keinen Alkohol zu sich zu nehmen und um 23:00 mit dem guten Gefühl ins Bett zu gehen, den ganzen Tag nichts getrunken zu haben, einen höheren Verstärkerwert als die Alternative, sich abends um 20:00 ein kleines Bier zu genehmigen. Aber um 17 Uhr steigt der Verstärkerwert der kurzfristigen Alternative so steil an, dass er kurzfristig über dem Verstärkerwert der langfristigen Alternative liegt – und unser armer Alkoholiker macht sich auf den Weg in die Kneipe. Diskontierung künftiger Ereignisse 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 V er st är ke rw er t Uhrzeit Nicht-Trinken Bierchen genehmigen Abbildung 12.3: Hyperbolische Diskontieren: Die Präferenzen wechseln im Lauf der Zeit. (Quelle: Eigene Darstellung) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 270 271 Strategien zur Stärkung der eigenen Selbstkontrolle Kapitel 12 Strategien zur Stärkung der eigenen Selbstkontrolle Wie gezeigt werden konnte, haben Menschen manchmal Probleme, ihre langfristigen Ziele zu verfolgen, auch wenn sie durchaus konkret wissen, was diese Ziele sind. Auch wenn ein Bewusstsein dieser Probleme noch nicht automatisch zu ihrer Lösung führt, hilft es doch oftmals, nach effizienten Wegen zu suchen, um sich selber gegen zukünftige Versuchungen zu schützen. Eine Möglichkeit, dies zu tun, besteht darin, zu möglichen Verführungen eine räumliche und damit vor allem zeitliche Distanz aufzubauen. So lohnt es sich z. B. vor einer Diät, sämtliche Süßigkeiten aus der Wohnung zu verdammen. Wenn dann abends der Heißhunger kommt, müsste man erhebliche Mühen auf sich nehmen, um dennoch an eine Tafel Schokolade zu kommen. Man kann aber auch einfach die Kosten erhöhen, die es mit sich bringt, einer Versuchung nachzugeben. Diese Strategie nutzen viele Raucher, die auf Silvesterpartys erklären, um Mitternacht mit dem Rauchen aufzuhören. Je mehr Leuten man auf der Party von diesem Vorsatz erzählt, desto peinlicher wäre es, diesen Vorsatz nicht durchzuhalten. Ein anderes Beispiel: Man kann mit einem Kollegen vereinbaren, sich einmal pro Woche auf die Waage zu stellen. Wenn man bei diesem Wiegen ein vorab definiertes Gewicht überschreitet, muss man dem Kollegen einen ebenfalls vorab festgelegten Geldbetrag geben. Hilfreich kann es auch sein, wenn man versucht, durch systematische Aufmerksamkeitskontrolle den Gedanken an kurzfristige Verführer aus seinem Bewusstsein zu verbannen. Manchmal probieren Menschen auch, bestimmte Emotionen so zu kultivieren, dass kurzfristige Verführer gar nicht mehr als solche erscheinen. So mögen Abbildung 12.4: Reaktionsformation: Um dem Selbstkontrollproblem zu entgehen, kann man sich tatsächlich – mit viel Übung – eine Abneigung gegen verführerische Dinge antrainieren. (© Udo Kroener – Fotolia.com) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 271 272 Odysseus und die SirenenKapitel 12 Menschen sich z. B. dazu erziehen, einen Big Mac als unappetitlich zu empfinden („igitt, so was fettiges kannst Du essen?“). Von Freud ist dieser Prozess als „Reaktionsformation“ bezeichnet worden (Freud, 1905, 1953). Als die auf Dauer viel versprechendste Methode zur Lösung von Selbstkontrollproblemen erscheint die Entwicklung persönlicher Regeln, die man für sich selbst verbindlich erklärt und von denen man versucht, möglichst nicht abzuweichen. Solche Regeln sind umso eher in der Lage, bestimmte Selbstkontrollprobleme zu lösen, je spezifischer diese formuliert sind, weil nur dann ihre Einhaltung kontrolliert werden kann. Der bloße Vorsatz, regelmäßig Sport zu machen, hilft sehr viel weniger als der Entschluss, zweimal die Woche eine Stunde Joggen zu gehen. Noch besser ist es in diesem Beispiel, genau zu definieren, an welchen Tagen und zu welchen Uhrzeiten man Joggen will. Die Einhaltung solcher guten Vorsätze ist auch deshalb schwierig, weil Menschen oftmals in den verschiedensten Domänen ihres Lebens mit Selbstkontrollproblemen zu tun haben. So mag eine Person an einem Tage mit folgenden Problemen zu kämpfen haben: 1) rechtzeitig aufstehen, 2) nicht zu viel Zeit im Bad vertrödeln, 3) nicht zu viel Kaffee trinken, 4) mit dem Fahrrad und nicht mit dem Auto zur Arbeit fahren, 5) dem Chef nicht die Meinung sagen, 6) das unangenehme Gespräch mit dem Mitarbeiter x nicht verschieben, 7) zum Mittag in der Kantine nur einen Salatteller und kein Jägerschnitzel essen, 8) nach der Mittagspause den Kaffee mit Kollegen auf eine Viertelstunde beschränken, 9) den Nachmittag nicht mit unwichtigen E-Mails oder Surfen im Internet verbringen, 10) nach Feierabend nicht fernzusehen, sondern noch eine Stunde Laufen zu gehen, 11) sich nicht mit dem Partner über unwichtige Kleinigkeiten streiten, 12) beim Abendessen nur eine Portion essen, 13) nur ein Glas und nicht eine ganze Flasche Wein trinken, 14) das Einräumen der Spülmaschine nicht auf den anderen Tag verschieben, 15) rechtzeitig ins Bett gehen. Dieses ständige Praktizieren von Selbstkontrolle ist ermüdend. Selbstkontrolle kann nämlich mit einem Muskel verglichen werden, der durch Belastung – zumindest kurzfristig – an Stärke verliert (Baumeister & Muraven, 2000). So sind Menschen z.B: weniger lange in der Lage, ihre Hände in eiskaltes Wasser zu halten, wenn sie zuvor bereits in einer anderen Aufgabe Selbstkontrolle praktiziert haben (z. B. wenn ihnen gesagt wurde, eine Minute lang an alles mögliche, aber nicht an einen weißen Eisbären zu denken) (Baumeister & Muraven, 2000). Auf der anderen Seite, so spekuliert Baumeister (2005) könnte durch ständige Übung unser Selbstkontrollmuskel auch an Stärke gewinnen, vor allem, wenn wir ihn regelmäßig be- aber nicht überlasten. Empirisch ist diese These bislang allerdings kaum bestätigt, auch wenn sie die Grundlage vieler Erziehungsmethoden ist (von den Eliteschulen im dritten Reich bis zu Übungen in Zen-Meditation). Entwicklung persönlicher Regeln Abbildung 12.5: Selbstkontrolle ein Muskel? Manche Forscher vermuten, dass sich die Selbstkontrolle durch Konzentration und Übung (wie beim Meditieren) stärken lässt. (© Helmut Niklas – Fotolia.com) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 272 273 Selbstkontrolle als Persönlichkeitsmerkmal Kapitel 12 Selbstkontrolle als Persönlichkeitsmerkmal Auch wenn alle Menschen Schwierigkeiten damit haben, sich bei der Verfolgung ihrer langfristigen Ziele nicht von kurzfristigen Verlockungen vom Weg abbringen zu lassen, ist dennoch zu berücksichtigen, dass Menschen sich im Ausmaß ihrer Selbstkontrolle deutlich unterscheiden. Wie können solche interpersonellen Unterschiede identifiziert werden? Und wie beeinflussen sie unser Leben? Selbstkontrolle und Lebenserfolg Von der US-amerikanischen Psychologin Tangney und ihren Kollegen (2004) wurde eine Skala zur Messung von interindividuellen Unterschieden in Selbstkontrolle entwickelt. Diese besteht aus insgesamt 36 Items (Aussagen) wie z. B. „Ich kann Versuchungen gut widerstehen“ oder „Ich wünschte, ich hätte mehr Selbstdisziplin“. Die Befragten müssen jeweils auf einer fünfstufigen Skala angeben, inwiefern diese Aussagen auf sie zutreffen. Je nach Itemformulierung wird eine Zustimmung jeweils als Indikator für eine hohe bzw. niedrige Selbstkontrolle gewertet. Im Kapitel  8 hatten wir diskutiert, dass die am häufigsten untersuchten Persönlichkeitsdimensionen die so genannten Big Five sind, die mit nahezu allen anderen Persönlichkeitsmaßen in Beziehung stehen (zur Erinnerung: Emotionale Stabilität, Extraversion, Offenheit für Neues, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit). Tatsächlich zeigten sich in zwei studentischen Stichproben substantielle Korrelationen zwischen der Selbstkontrollskala von Tangney et al. und den beiden Dimensionen Gewissenhaftigkeit und emotionale Stabilität: Je selbstkontrollierter eine Person, desto gewissenhafter und emotional stabiler ist sie. Mit den anderen Dimensionen ergaben sich hingegen keine oder wenig robuste Zusammenhänge. Ausgehend von der Hypothese, dass eine hohe Selbstkontrolle Menschen hilft, langfristige Ziele zu verfolgen und zu erreichen, wurde von den Autoren die Skala zur Messung von Selbstkontrolle mit einer ganzen Reihe von Variablen korreliert, die als Maß dafür genommen werden können, inwiefern jemand in seinem Leben zurecht kommt. So stellte sich z. B. heraus, dass Selbstkontrolle positiv mit den Noten korrelierte, welche die Befragten bisher in ihrem Studium erreicht hatten. Schon in Kapitel 8 hatten wir darauf verwiesen, dass Studienerfolg neben dem IQ auch von der Fähigkeit determiniert ist, zielstrebig und ausdauernd zu lernen und zu arbeiten. Befragte mit niedrigen Werten auf der Selbstkontrollskala von Tangney et al. litten darüber hinaus deutlich häufiger unter Essstörungen (wie z. B. Fresssucht oder Bulimie) als Befragte mit hohen Werten, sie hatten häufiger Probleme mit Alkohol, und neigten deutlich häufiger zu Depressionen, Korrelate von Selbstkontrolle Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 273 274 Odysseus und die SirenenKapitel 12 Ängstlichkeit, Paranoia und Psychotizismus. Zudem zeigten sie in sehr hohem Maße antisoziale und sadistische Tendenzen. Diese Ergebnisse zeigen, dass Selbstkontrolle in der Tat als situationsübergreifendes Persönlichkeitsmerkmal aufgefasst werden kann. Kleine Kinder und die Fähigkeit zum Belohnungsaufschub Ein möglicher Kritikpunkt an den Studien von Tangney et al. könnte darin liegen, dass diese lediglich verschiedene Selbstberichte ihrer Befragten miteinander korreliert haben, ohne tatsächliches Verhalten zu messen. Zudem handelt es sich bei den Daten lediglich um Querschnittsuntersuchungen, die nur unter Vorbehalt kausal interpretiert werden sollten. Allerdings wurden durch Walter Mischel eine Reihe von Studien durchgeführt, auf die eine solche Kritik nicht zutrifft (für eine Zusammenfassung siehe Mischel et al., 1989). Dabei ging er so vor, dass er kleine Kinder im Alter von vier Jahren vor die Alternative stellte, entweder eine kleine Belohnung sofort zu bekommen – genauer gesagt einen Marshmallow – oder aber auf eine größere Belohnung – zwei Marshmallows – zu warten. Den Kindern wurde gesagt, dass der Versuchsleiter das Spielzimmer, in dem die Kinder sich befanden, verlassen würde und sie die größere Belohnung erhielten, wenn sie solange warteten, bis der Versuchsleiter von alleine wieder ins Zimmer käme. Sollte ihnen diese Zeit zu lang werden, könnten sie aber jederzeit ins Nebenzimmer gehen, um den Versuchsleiter zu holen. In diesem Fall erhielten sie allerdings nur die kleine Belohnung. Tatsächlich kam der Versuchsleiter niemals von alleine zurück in das Spielzimmer (Psychologen sind manchmal garstig!) und die abhängige Variable bestand darin, wie lange die Kinder mit Warten verbrachten, bevor sie den Versuchsleiter zurück ins Zimmer riefen. Diese Variable korrelierte damit, wie diese Kinder Walter Mischel (*1930) Österreichisch-US-amerikanischer Persönlichkeitspsychologe – Mischel wurde für seine Arbeit zum Belohnungsaufschub bekannt, besonders durch den an der Schnittstelle von intertemporellen Entscheidungen und Persönlichkeitspsychologie angesiedelten Marshmallow-Test. Abbildung 12.6: Selbstkontrolle bei Kindern: Mit Marshmallows testete Walter Mischel die Fähigkeit zum Belohnungsaufschub in jungen Jahren. (Quelle: Corbis) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 274 275 Selbstkontrolle als Persönlichkeitsmerkmal Kapitel 12 10 Jahre später (!) von ihren Lehrern und Eltern beurteilt wurden. Je länger ein Kind gewartet hatte, als desto besser wurde seine soziale Integration in die Klasse beschrieben, desto besser waren seine Schulnoten, desto besser konnte es mit Frustrationen umgehen und Versuchungen widerstehen. Kinder, die eine lange Zeit gewartet hatten, bevor sie den Versuchsleiter riefen, waren aufmerksamer, hatten eine höhere Konzentrationsfähigkeit, und waren besser in der Lage, ihre Zukunft zu planen als Kinder, die nur eine kurze Zeit gewartet hatten. In einer weiteren Folgestudie konnte sogar gezeigt werden, dass Selbstkontrolle im Alter von vier Jahren mit den Testergebnissen korrelierten, welche die Kinder 15 Jahre später erzielten, wenn sie sich für ein College bewarben. Auch die Ergebnisse von Mischel sprechen somit dafür, dass Selbstkontrolle viel mit der Persönlichkeit eines Menschen zu tun hat und dass die Grundlagen dafür bereits in der frühen Kindheit gelegt sind (sei es durch frühkindliche Sozialisationseinflüsse oder durch genetische Veranlagung). Selbstkontrolle und Kriminalität – die Theorie von Gottfredson und Hirschi Nach Meinung der beiden Kriminologen Michael Gottfredson und Travis Hirschi (1990) ist mangelnde Selbstkontrolle eine der wesentlichen Ursachen kriminellen Verhaltens. Zu dieser Hypothese gelangen sie interessanterweise nicht durch die Anwendung psychologischer Tests, sondern durch eine Analyse typischer krimineller Handlungen. Diese lassen sich demnach durch folgende drei Eigenschaften beschreiben: (1) Kriminelles Verhalten führt zu unmittelbaren Belohnungen (z. B. Aggressionsabbau bei Gewalt- oder sexuelle Befriedigung bei Sexualdelikten); (2) Kriminelle Handlungen sind zumeist selten geplant, sondern erfolgen zumeist spontan (so wohnen bei Einbrüchen Täter und Opfer zumeist im gleichen Viertel); (3) Der „Gewinn“ einer kriminellen Handlung ist meistens gering (z. B. ein gebrauchter Fernseher, der zudem billig auf dem Schwarzmarkt verkauft werden muss) (Gottfredson & Hirschi, 1990). Sie fassen zusammen, dass die typischen Eigenschaften krimineller Handlungen in der überwiegenden Mehrheit triviale und profane Angelegenheiten sind, die sich durch kleinen Verlust und noch weniger Gewinn auszeichnen (Gottfredson & Hirschi, 1990). Eigenschaften krimineller Handlungen Michael Gottfredson US-amerikanischer Kriminologe – Gottfredson hat mehrere Bücher zum Thema Kriminalität und ihre Ursachen geschrieben und wurde oftmals von Gerichten als Berater hinzugezogen. Zusammen mit Travis Hirschi hat er die „Allgemeine Kriminalitäts theorie“ entwickelt. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 275 276 Odysseus und die SirenenKapitel 12 Die beiden Autoren folgern daraus, dass Kriminelle über nur eine sehr geringe Selbstkontrolle verfügen und sich durch folgende Eigenschaften auszeichnen: „People who lack self-control will tend to be impulsive, insensitive, physical (as opposed to mental), risk-taking, short-sighted and nonverbal and will therefore tend to engage in criminal … acts“ (Gottfredson & Hirschi 1990, S. 89). Aufgrund dieser Charaktereigenschaften neigen Menschen mit niedriger Selbstkontrolle, so die beiden Autoren, nicht nur zu Kriminalität, sondern auch zu Alkoholproblemen, Rauchen, Drogenmissbrauch, Schulabbrüchen, instabilen Erwerbskarrieren, ungewollten Schwangerschaften, zu Verwicklungen in Verkehrs- und sonstigen Unfällen sowie zu Ehescheidungen. Kritiker führen an, in dieser Liste spiegele sich nicht so sehr der Stand der empirischen Forschung, sondern vor allem das puritanische Weltbild der beiden Autoren (siehe hierzu Fetchenhauer et al., 2007). Wie alle monokausalen Theorien ist auch die „General Theory of Crime“ nicht in der Lage, mit Hilfe einer einzigen unabhängigen Variablen (nämlich Selbstkontrolle von Tätern) ein so vielschichtiges Phänomen wie Kriminalität zu erklären. Dennoch aber haben die von ihr angeregten empirischen Forschungen in der Tat zeigen können, dass Kriminalität zumindest auch durch einen Mangel an Selbstkontrolle verursacht wird (Pratt & Cullen, 2000). Der wichtigste Kritikpunkt an ihrer Theorie ist vielleicht der folgende: Gottfredson und Hirschi unterteilen die Menschen nahezu kategorisch in zwei Klassen. Solche mit hinreichend hoher und solche mit zu niedriger Selbstkontrolle. Sinnvoller aber erscheint es, Selbstkontrollprobleme als integralen Bestandteil der conditio humana zu begreifen. Alle Menschen haben Probleme damit, ihre Leidenschaften zu beherrschen. Dies wird sehr deutlich, wenn wir uns einer weiteren Facette dieses Themas zuwenden, nämlich dem Zusammenhang von Selbstkontrolle und Sexualität. General Theory of Crime Abbildung 12.7: Liegt Kriminalität in einer generell mangelnden Selbstkontrolle begründet? Die „General Theory of Crime“ von Gottfredson und Hirschi postuliert dies und auch bei Disneys Panzerknackerbande lässt die Leibesfülle der Herren sehr wohl auf einen Zusammenhang schließen, doch Kritik an der Theorie ist zahlreich. (Quelle: AP)Travis Hirschi (*1935) US-amerikanischer Soziologe und Kriminologe – Hirschi begründete zwei weltweit beachtete Kriminalitätstheorien: 1969 publizierte er eine vielbeachtete Theorie, wonach Kriminalität vor allem eine Folge mangelnder Bindung ist. Noch stärkeren Einfluss hatte jedoch seine mit Gott fredson publizierte „Allgemeine Kriminalitätstheorie“. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 276 277 Selbstkontrolle und sexuelle Gewalt Kapitel 12 Selbstkontrolle und sexuelle Gewalt Jedes Jahr werden in Deutschland über 50 000 Fälle von sexueller Gewalt bei der Polizei angezeigt. Die Dunkelziffer aber ist sehr viel höher. Laut der Potsdamer Sozialpsychologin Krahé (2001) berichtet ca. ein Viertel aller Frauen, schon einmal Opfer einer versuchten oder vollendeten Vergewaltigung geworden zu sein, darüber hinaus berichtet ein ähnlich hoher Prozentsatz schon einmal sexuell belästigt worden zu sein. Für jedes dieser vielen Opfer von sexueller Gewalt gibt es (mindestens) einen Täter. Dies bedeutet: Viele Frauen werden Opfer sexueller Gewalt und viele Männer begehen sexuelle Gewalt. Wie ist dies zu erklären? Von einigen Forschern wird argumentiert, dass viele Männer sich aufgrund eines frauenfeindlichen Weltbildes subjektiv berechtigt fühlen, sexuelle Gewalt anzuwenden bzw. von der irrigen Vorstellung ausgehen, dass Frauen eine heimliche sexuelle Befriedigung dabei empfinden, von Männern sexuell missbraucht zu werden (u. a. Ellis, 1913, 2006; Schneider 1975, Deutsch, 1948–1954, Duhm, 1972). Dies kann aber nur ein Teil einer Erklärung sein. Das eigentliche Rätsel besteht darin, dass viele Männer Frauen sexuelle Gewalt antun, obwohl dies eben nicht ihren Einstellungen und Werten entspricht. In einer großen Vorlesung habe ich einmal männliche Studierende anonym danach gefragt, ob sie sich vorstellen könnten, a) einen Mord zu begehen und b) eine Frau zu vergewaltigen (jeweils unter der Voraussetzung, sich ganz sicher sein zu können, dafür niemals gefasst und bestraft zu werden). Auf einer Skala von 1 („kann ich mir unter keinen Umständen vorstellen“) bis 7 („kann ich mir sehr gut vorstellen“) lag der Mittelwert bei beiden Fragen bei ca. 1,4. Mit anderen Worten: Für die allermeisten Befragten war die Vorstellung, eine Frau zu vergewaltigen, ähnlich abwegig wie der Gedanke, jemanden zu ermorden. Ich persönlich hätte übrigens anders geantwortet: Wie viele andere Menschen (Buss, 2006) hatte auch ich schon Mordphantasien in meinem Leben und ich hätte deshalb angegeben, mir durchaus vorstellen zu können, einen anderen Menschen umzubringen. Aber einer Frau sexuelle Gewalt antun? Unvorstellbar. Tatsächlich aber stehen in Deutschland den 50 000 Anzeigen wegen sexueller Gewalt nur ca. 2 500 Tötungsdelikte gegenüber (wobei die Dunkelziffer bei Sexualdelikten deutlich höher ist). Die meisten Männer mögen sich beides nicht vorstellen können. Im Falle sexueller Gewalt handelt es sich dabei offensichtlich um eine Täuschung. Ariely und Loewenstein (2006) haben die Hypothese aufgestellt, dass bei Männern ihre Haltung zur Sexualität (u. a. die Neigung zu sexueller Gewalt) mit dem Grad ihrer sexuellen Erregung zusammenhängt. Hierzu haben sie folgende – auf Häufigkeit sexueller Gewalt George Loewenstein (*1955) US-amerikanischer Psychologe – Loewenstein gehört zu den führenden Verhaltensökonomen, insbesondere im Bereich intertemporelle Entscheidungen und Vorhersage von Emotionen (affective forecasting). Sehr bekannt ist u. a. sein Coldversus-hot-Modell, welches besagt, dass es in unemotionalen, „kalten“ Situationen schwierig ist, die eigenen Entscheidungen in „heißen“, gefühlsgeladenen Situationen vorherzusagen. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 277 278 Odysseus und die SirenenKapitel 12 den ersten Blick vielleicht merkwürdig – anmutende Studie durchgeführt: Eine Stichprobe von männlichen Studierenden der University of Berkeley wurde darum gebeten, einen Fragebogen auszufüllen, in dem die Einstellung zu verschiedenen Facetten von Sexualität abgefragt wurde. Hierbei wurden die Versuchspersonen explizit aufgefordert, die Fragen so zu beantworten, wie sie dies auch in einem Zustand hoher sexueller Erregung tun würden. In einer zweiten Phase wurde den gleichen Versuchspersonen ein Laptop überreicht, auf dem sich pornographische Bilder befanden, zu denen sie sich selbst befriedigen sollten. Im Zustand hoher sexueller Erregtheit, sollten die Versuchspersonen den gleichen Fragebogen ausfüllen, wie zuvor. Die Ergebnisse bestätigten eindrucksvoll die Hypothese von Ariely und Loewenstein. Erstens: Sexuell erregte Männer waren weniger wählerisch. „Sex mit Tieren“, „urinierende Frauen“ sowie „Sex mit einer extrem übergewichtigen Partnerin“ wurden als deutlich attraktiver eingestuft, wenn die Versuchspersonen die entsprechenden Fragen im Zustand sexueller Erregung beantworteten. Abbildung 12.8: Wird er es akzeptieren, wenn sie gleich nicht mit ihm schlafen will? Die meisten Männer können sich nicht vorstellen, eine Frau zu vergewaltigen, dennoch kommen Vergewaltigungen sehr häufig vor. Denn auch in diesem Bereich kommen kurzfristige Reize den eigentlichen Zielen und Werten in die Quere. (© diego cervo – Fotolia.com) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 278 279 Selbstkontrolle und Staatliche Intervention Kapitel 12 Zweitens: Sexuell erregte Männer neigten stärker zu sexueller Gewalt. Zum einen wurden sadomasochistische Spielarten der Sexualität (wie Fesseln oder Auspeitschen) im Zustand sexueller Erregung deutlich positiver bewertet (übrigens sowohl die Vorstellung, dabei der aktive als auch die Vorstellung, dabei der passive Part zu sein). Zum anderen konnten sich sexuell erregte Männer wesentlich besser vorstellen, das sexuelle Selbstbestimmungsrecht von Frauen zu missachten (d. h. eine Frau betrunken zu machen, ihr absichtlich Drogen zuzuführen, sowie ein „Nein“ nicht zu akzeptieren). Wenn Männer nicht sexuell erregt sind, haben sie offensichtlich nur ein sehr begrenztes Wissen darüber, welche sexuellen Präferenzen und Vorlieben sie im Zustand sexueller Erregung haben. Obwohl den befragten jungen Männern der Zustand sexueller Erregung sehr vertraut sein dürfte, waren sie im „cold state“ nicht in der Lage, ihre Einstellungen im „hot state“ vorherzusagen (Ariely & Loewenstein, 2006). Dies mag eine Warnung für alle weiblichen Leserinnen dieses Buches sein. Vermeiden Sie gefährliche Situationen mit einem Mann (z. B. betrunken zu ihm ins Auto zu steigen) auch dann, wenn dieser Mann einen höflichen und zuvorkommenden Eindruck macht. Dies mag aber ebenso eine Warnung für alle männlichen Leser dieses Buches sein. Wahrscheinlich können auch Sie sich nicht vorstellen, sexuelle Gewalt gegenüber einer Frau zu gebrauchen. Sorgen Sie dafür, dass es auch tatsächlich nie dazu kommt. Selbstkontrolle und Staatliche Intervention Weiter oben hatten wir bereits diskutiert, dass aus ökonomischer Perspektive – genauer: aus Sicht der neoklassischen Ökonomie – Selbstkontrollprobleme nicht existieren. Rationale Entscheider berücksichtigen bei ihren Entscheidungen sowohl die kurzfristigen wie die langfristigen Konsequenzen ihres Handelns, wobei langfristige Konsequenzen mit einem stabilen Zinssatz diskontiert werden. Im Sinne dieser Logik hat der US-amerikanische Ökonom und Nobelpreisträger Gary Becker argumentiert, dass sowohl kriminelles Verhalten (Becker, 1968) als auch Drogensucht (Becker & Murphy, 1986) und sogar Selbstmord (Becker & Posner, 2004) als rationale Handlungen zu verstehen seien. Ob man Becker in dieser Argumentation folgt oder nicht, ist nicht nur von akademischem Interesse, sondern bei dieser Frage stehen sich zwei grundlegend unterschiedliche Konzeptionen des Verhältnisses von Staat und Bürger gegenüber. Auf der einen Seite Cold state vs. hot state Libertarismus vs. Paternalismus Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 279 280 Odysseus und die SirenenKapitel 12 versucht der Libertarismus die Rolle des Staates auf ein Minimum zu beschränken und argumentiert, dass die Freiheit des Einzelnen ein Gut sei, in das der Staat unter keinen Umständen eingreifen dürfe. Auf der anderen Seite steht die Idee eines paternalistischen Staates, der wie ein guter Vater für seine Kinder (Bürger) zu sorgen habe und diese zur Not auch gegen ihren Willen dazu zwingen müsse, ihre Selbstkontrollprobleme zu lösen. Diese Problematik lässt sich an den folgenden Beispielen verdeutlichen: Erstens: Soll der Staat die Bürger dazu zwingen, sich durch Zwangseinzahlungen in Sozialversicherungen gegen mögliche Notfälle abzusichern (Rentenversicherung, Arbeitslosenversicherung, Krankenversicherung, Pflegeversicherung)? Solche Zwangsversicherungen werden zum einen damit begründet, dass unversicherte Bürger die Allgemeinheit belasten würden, wenn sie in Not geraten (z. B. wenn ein nicht krankenversicherter Patient im Krankenhaus behandelt werden muss). Zum Teil werden diese Systeme aber auch dadurch legitimiert, dass sie dem Wohle der Beitragszahler dienen, die dadurch zu ihrem eigenen Nutzen gezwungen würden, ausreichend Vorsorge zu treiben. Solche Güter, die privatwirtschaftlich weniger nachgefragt werden als es ihrem eigentlichen Nutzen entspricht, werden ganz allgemein als „meritorische Güter“ bezeichnet (Musgrave, 1957). Zweitens: Soll der Gebrauch von Suchtmitteln wie Nikotin oder Alkohol durch hohe Steuern belastet werden, um dadurch die Nachfrage zu drosseln? Sollen bestimmte Drogen (wie z. B. Kokain oder Heroin) gänzlich verboten sein oder sollten diese legalisiert werden? Auch hierbei gibt es neben dem Verweis auf externe Effekte (z. B. die Behandlungskosten von Heroinabhängigen) oftmals das Argument, durch entsprechend hohe Steuern bzw. Verbote würde man den Süchtigen helfen, von ihren Drogen loszukommen (Edwards, 1997). Drittens: Sollen Menschen daran gehindert werden, Selbstmord zu begehen, z. B. dadurch, dass man akut selbstmordgefährdete Menschen auch gegen ihren Willen in die geschlossene Abteilung der Psychiatrie einweist? Oder sollte man im Gegenteil Privatpersonen und Firmen ermöglichen, selbstmordwilligen anderen aktiv und gegen Bezahlung bei ihren Vorhaben zu unterstützen („Wochenendseminar: Selbstmord ohne Reue – mit praktischen Übungen“)? Die Antworten auf diese Fragen sind schwierig. Eine mögliche Antwort mag jedoch in der Idee des so genannten libertären Paternalismus (libertarian paternalism) liegen, die in den vergangenen Jahren unter Ökonomen aufgekommen ist. Ganz im Sinne des Libertarismus lehnen seine Anhänger Eingriffe des Staates in die Freiheit seiner Bürger ab, plädieren aber andererseits dafür, dass der Staat durch sinnvolle Vorgaben seine Bürger dazu motivieren solle, sich freiwillig im Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 280 281 Selbstkontrolle aus evolutionärer Perspektive Kapitel 12 Sinne ihres eigenen langfristigen Interesses zu verhalten (Sunstein & Thaler, 2008; Loewenstein et al., 2007; Loewenstein & Haisley, 2008). So wurde in einem berühmten Feldexperiment bei amerikanischen Arbeitnehmern der Prozentsatz dessen variiert, was von ihrem Gehalt jeden Monat in eine private Rentenversicherung eingezahlt wurde (Beshears et al., 2006). In der einen Bedingung waren dies 3 %, in der anderen Bedingung hingegen 6 %. In beiden Bedingungen handelte es sich dabei um Voreinstellungen, die von den Arbeitnehmern jederzeit und ohne großen Aufwand geändert werden konnten. Dennoch unterschied sich die Summe, die monatlich in die Rentenversicherung eingezahlt wurde, zwischen beiden Bedingungen ganz erheblich. Selbstkontrolle aus evolutionärer Perspektive Aus evolutionspsychologischer Perspektive fällt auf, dass Probleme der Selbstkontrolle keineswegs allgegenwärtig sind. In vielen Situationen sind Menschen, aber auch andere Spezies, sehr gut dazu in der Lage, Dinge zu tun, die hohe psychische und somatische Kosten verursachen, aber erst langfristig von Nutzen sind. So zeigen z. B. kleine Kinder eine bemerkenswerte Ausdauer, wenn sie lernen zu sitzen, zu stehen oder zu laufen. Auch der Erwerb der Muttersprache ist ein ausgesprochen aufwändiges Unterfangen, das viele Jahre in Anspruch nimmt und welches kurzfristig mit keinerlei Vorteilen verbunden ist. Es dauert nämlich eine ganze Weile, bis Kinder so gut sprechen können, dass sie verbal besser als nonverbal in der Lage sind, ihren Müttern oder Vätern anzuzeigen, welche Präferenzen sie haben (Grimm & Engelkamp, 1981). Genau genommen impliziert auch jede Schwangerschaft ein Selbstkontrollproblem. Bevor eine (hoffentlich glückliche) Mutter ihr Neugeborenes in den Armen Schwangerschaft als Selbstkontrollproblem Abbildung 12.9: Pflichtversicherungen gegen Krankheit und Arbeitslosigkeit, hohe Tabaksteuer als finanzielle Abschreckung gegen das Rauchen und Entmündigung bei Suizidgefahr: Wann darf der Staat in die Freiheit des einzelnen Bürgers einschreiten, um dessen Selbstkontrollproblemen entgegenzuwirken? (© fotofrank – Fotolia.com) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 281 282 Odysseus und die SirenenKapitel 12 hält, muss sie für einen Zeitraum von neun Monaten erhebliche physische und psychische Ressourcen investieren, d. h. sie muss kurzfristig erhebliche Nachteile in Kauf nehmen um langfristig ihren reproduktiven Nutzen zu maximieren. Auch Tiere weisen häufig ein enorm effizientes Vorsorgeverhalten auf (z. B. Zugvögel oder Tiere, die ihren Winterschlaf vorbereiten), das zunächst mit enormen Kosten verbunden ist (z. B. ein Flug von Norwegen nach Spanien) und das erst zu einem sehr viel späteren Zeitpunkt einen Nutzen bringt. Somit ergibt sich ein scheinbar verwirrendes Bild: in manchen Situationen sind Menschen und andere Spezies sehr wohl in der Lage, ihren langfristigen Nutzen zu maximieren, in anderen Situationen hingegen sind sie völlig gefangen in einem irrational erscheinenden Kurzfristdenken. Bei näherer Betrachtung aber lassen sich diese zwei Arten von Situationen sehr genau voneinander unterscheiden. Immer dann nämlich, wenn sich ein bestimmtes Selbstkontrollproblem im Laufe unserer evolutionären Geschichte immer wieder stellte, wird es motivational gar nicht mehr als solches empfunden. Immer dann aber, wenn ein Selbstkontrollproblem das Produkt moderner Umwelten ist, sind wir Menschen ihm oftmals hilflos ausgesetzt (z. B. wenn wir zu viel Süßes und Fettes essen oder wenn wir drogenabhängig werden). Selbstkontrolle und die Frage nach dem Selbst Dass Menschen oftmals unter einem Mangel an Selbstkontrolle leiden, rührt unter anderem daher, dass wir – im Gegensatz zu allen anderen Spezies – nicht in der Gegenwart gefangen sind, sondern zukünftige Ereignisse antizipieren können. Weil wir uns Zukunft vorstellen können, können wir auch versuchen, Abbildung 12.10: Laufen lernen ist langfristig sinnvoll, doch kurzfristig anstrengend. Dennoch besteht für Kinder hier offenbar kein Selbstkontrollproblem. Fleißig und ausdauernd üben sie das Gehen. (© Pavel Losevsky – Fotolia.com) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 282 283 Selbstkontrolle und die Frage nach dem Selbst Kapitel 12 diese Zukunft nach unserem Willen zu gestalten. Aber leider sind beim Umgang mit der Zukunft unsere kognitiven Fähigkeiten weiter entwickelt als unser motivationales System. Die Tatsache, dass Menschen oftmals das Falsche tun, obwohl sie eigentlich genau wissen, was das Richtige wäre, löst bei näherem Hinsehen Zweifel an einer Grundannahme aus, die von den meisten Menschen in ihrem Alltag so gut wie nie in Zweifel gezogen wird: Nämlich, dass es so etwas wie eine feste Persönlichkeit gibt, die den unteilbaren Kern unseres Selbst darstellt. Einen Satz mit den Worten „ich will“ zu beginnen, impliziert, dass es nur ein Ich gibt, das da etwas will. Mag sein, dass dieses Ich daran gehindert wird, seine Pläne auch in die Realität umzusetzen, aber das ändert nichts an seinem Willen. Auf die Einsicht, dass wir manchmal das Opfer unserer Leidenschaften werden, reagieren Menschen zumeist so, dass sie an der Idee eines kohärenten Selbst festhalten, es fehle diesem Selbst eben manchmal die Selbstdisziplin, unsere Vorsätze auch in die Tat umzusetzen. Schon die Metapher, jemand werde zum „Opfer seiner Leidenschaft“ drückt dieses Beharren aus. Wir erleben uns keineswegs als die Summe unserer Leidenschaften, sondern wir werden von diesen überwältigt – das heißt von etwas, das außerhalb von uns selbst besteht. Von Ainslee (2001) ist argumentiert worden, dass es so etwas wie ein Selbst gar nicht gäbe, sondern dass unser motivationales Selbst aus verschiedenen Teilsystemen bestehe, die miteinander im Konflikt stünden und günstigstenfalls halbwegs stabile Kompromisse miteinander schließen. Vielleicht hilft uns dieser Gedanke zu der Einsicht, dass zu viel Selbstkontrolle auch schädlich sein kann. Es besteht nämlich die Gefahr, dass Menschen sich allzu strikte Regeln auferlegen, dadurch zwar in der Lage sind, ein bestimmtes Selbstkontrollproblem zu regeln, auf der anderen Seite aber zum Gefangenen dieser sich selbst auferlegten Regeln werden. Manchmal macht es Sinn, Regeln zu brechen, z. B. für eine gute Flasche Champagner oder für eine unvergessliche Stunde mit einer schönen Frau (oder einem schönen Mann, je nach Geschlecht und sexueller Vorliebe des Lesers). Daher sollten wir uns immer bewusst sein, dass eine Überwindung unserer Selbstkontrollprobleme dazu führen sollte, dass wir glücklicher werden, d. h. mehr positive Emotionen erleben. Es besteht jedoch die Gefahr, dass wir durch Selbstdisziplin und Mäßigung vor allem weniger Emotionen erleben, denn viele positive Emotionen sind nur denkbar, wenn zugleich unser Selbstkontrollzentrum „abgeschaltet“ ist. Selbst als Illusion? Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 283 284 Odysseus und die SirenenKapitel 12 Kurz und gut 1. Oftmals haben Menschen aufgrund mangelnder Selbstkontrolle Probleme, ihre eigenen Vorsätze in Handlungen umzusetzen. 2. Selbstkontrollprobleme sind dadurch gekennzeichnet, dass Menschen dazu neigen, einen kurzfristigen Verstärker sehr viel stärker zu gewichten als einen langfristigen Verstärker, der sehr viel höher bewertet wird. 3. Selbstkontrolle gelingt am besten, wenn man sich genaue Regeln und Ziele setzt. 4. Selbstkontrolle wird von Muraven und Baumeister mit einem Muskel verglichen, der durch ständige Belastung ermüdet. 5. Empirische Studien zeigen, dass Personen mit einem hohen Maß an Selbstkontrolle einen höheren Studien- und Berufserfolg haben und psychisch stabiler sind als Personen mit niedriger Selbstkontrolle. 6. Je besser ein kleines Kind in der Lage ist, Belohnungsaufschub zu praktizieren, desto erfolgreicher ist es später in Studium und Beruf. 7. Nach Meinung der beiden Kriminologen Gottfredson und Hirschi ist kriminelles Verhalten ganz wesentlich auf einen Mangel an Selbstkontrolle zurückzuführen. 8. Sexuell erregte Männer neigen deutlich stärker zu sexueller Gewalt als sexuell nicht erregte Männer. 9. Vertreter eines wohlfahrtstaatlichen Paternalismus plädieren dafür, dass staatliche Institutionen den Bürgern helfen sollten, ihre Selbstkontrollprobleme zu überwinden. 10. Aus evolutionärer Perspektive tauchen Selbstkontrollprobleme immer dann auf, wenn Menschen Entscheidungen treffen müssen, mit denen sie in ihrer evolutionären Vergangenheit nicht konfrontiert waren. Studentenfutter Ainslie, G. (2001). Breakdown of will. New York: Cambridge University Press. Gottfredson, M. R., & Travis H. (1990). A General Theory of Crime. Stanford: Stanford University Press. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 284 Kapitel 13 Is there anybody out there? Wie Menschen ihre soziale Umwelt sehen Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 285

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Zusammenfassung

Vorteile

- Die psychologischen Grundlagen für das wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Studium: von der Allgemeinen über die Sozial- bis zur Wahrnehmungspsychologie

- Kompakter Aufbau

- Komplett vierfarbig

Zum Werk

In den Wirtschaftswissenschaften gilt das Bild des rational denkenden Menschen als überholt. Kenntnisse aus der Psychologie spielen dagegen eine immer größere Bedeutung für die Analyse, was sich nicht zuletzt in der aktuellen Diskussion um die Glücksforschung widerspiegelt.

Dieses Lehrbuch führt Wirtschaftswissenschaftler an die Grundlagen der Psychologie heran und stellt dar, wie sie das menschliche Verhalten (und damit auch das für die Wirtschaftwissenschaften wichtige Entscheidungsverhalten) beeinflussen.

Autor

Prof. Dr. Detlef Fetchenhauer ist Direktor des Instituts für Wirtschafts- und Sozialpsychologie an der Universität zu Köln. Er lehrt darüber hinaus an der Universität Wien.

Zielgruppe

Für Studierende der Wirtschaftswissenschaften an Universitäten und Fachhochschulen sowie Studierende, die im Nebenfach Psychologie belegen müssen (z.B. Lehramt).