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Kapitel 6 Psychologie als Wissenschaft in:

Detlef Fetchenhauer

Psychologie, page 129 - 146

1. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3713-3, ISBN online: 978-3-8006-3940-3, https://doi.org/10.15358/9783800639403_129

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119 Kapitel 6 Kapitel 6 Psychologie als Wissenschaft Wissenschaftstheoretische Besonderheiten der Psychologie Nachdem wir uns im letzten Kapitel ganz allgemein mit der Frage beschäftigt haben, was gute Wissenschaft ist, geht es in diesem Kapitel um die Psychologie als eine besondere wissenschaftliche Disziplin. Auch wenn viele Wissenschaftstheoretiker argumentieren, dass es allgemeine methodologische Regeln gebe, die für alle wissenschaftlichen Disziplinen gelten, existiert dennoch ein wichtiger Unterschied zwischen der Psychologie und den Naturwissenschaften. Sie unterscheiden sich darin, dass das Verhalten eines Menschen, im Gegensatz zu materiellen Objekten wie einem Atom oder einem Planeten, immer auch davon beeinflusst ist, wie dieser Mensch seine Umwelt subjektiv empfindet und interpretiert. So lässt sich die Temperatur, bei der eine bestimmte Flüssigkeit verdampft, exakt bestimmen; lässt man hingegen Menschen eine bestimmte Temperatur beschreiben, so empfinden einige sie als warm und andere eher als kalt. Zudem misst jede Person einer Situation eine individuelle Bedeutung bei, Psychologie vs. Naturwissenschaft InhaltWissenschaftstheoretische Besonderheiten der Psychologie . . . . . . . . . . . . . . . 119 Zur Messung latenter Konstrukte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120 Was sind psychologische Daten? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 122 Selbstauskünfte (Befragungen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 122 Angaben von Informanten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123 Objektive Daten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124 Beobachtungsdaten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125 Zur Kombination verschiedener Datenquelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127 Exkurs: Was ist ein Korrelationskoeffizient? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128 Korrelative versus experimentelle Forschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130 Mögliche Interpretationen korrelativer Zusammenhänge . . . . . . . . . . . . . . . . 130 Die Logik und die Vorteile des Experiments . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132 Grenzen des Experiments . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133 Kurz und gut . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135 Studentenfutter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135 Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 119 120 Psychologie als Wissenschaft Kapitel 6 was sein Verhalten nachhaltig beeinflusst (in Kapitel 3 wurde dieses Phänomen als Thomas-Theorem bereits vorgestellt). Diese fehlende Objektivität gilt sowohl für bewusste als auch für unbewusste psychische Prozesse (wie Wahrnehmen, Denken, Fühlen und Entscheiden). Sie können sich vorstellen, dass diese Tatsache den Forschungsprozess in der Psychologie erheblich verkompliziert. Verständliche Versuche, in der Theoriebildung ohne den Verweis auf internale psychische Entitäten auszukommen (wie es im Behaviorismus vorherrschend war) scheiterten. Darum sind alle Wissenschaftler, die sich mit dem Menschen bzw. seinen Motiven und Handlungen beschäftigen, darauf angewiesen, latente (d. h. nicht unmittelbar beobachtbare) Konstrukte wie z. B. Einstellungen oder Stereotype so gut wie möglich zu operationalisieren. Nur durch diese Operationalisierung werden psychologische Theorien empirisch überprüfbar. Aber wie misst man solche schwer greifbaren, latenten Variablen, die sich eben nicht einfach in Metern, Celsius oder Gramm ausdrücken lassen? Mit dieser Frage beschäftigt sich der nächste Abschnitt. Zur Messung latenter Konstrukte Die in psychologischen Theorien vorkommenden Variablen beziehen sich oftmals auf Eigenschaften, Gefühle, Motive oder Gedanken einer Person. Diese sind häufig nicht unmittelbar beobachtbar, sondern sie müssen anhand bestimmter, messbarer Indikatoren indirekt erschlossen werden.Indikatoren Abbildung 6.1: Ein grundlegendes Problem psychologischer Forschung ist, dass die Forscher nicht in den Kopf der Menschen hineinschauen können, um zu wissen, was jene denken, fühlen und meinen. Nicht direkt beobachtbare Sachverhalte müssen erst beobachtbar gemacht werden. (© James Thew – Fotolia.com) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 120 121 Wissenschaftstheoretische Besonderheiten der Psychologie Kapitel 6 Nehmen wir als Beispiel die Hypothese: „Männer sind aggressiver als Frauen“. Bevor sie empirisch überprüft werden kann, ist es zunächst notwendig, die in ihr auftauchenden Variablen zu definieren und auf einer solchen Definition aufbauend anzugeben, wie diese operationalisiert (d. h. gemessen) werden sollen. Hierbei zeigt sich, dass bereits die Definition psychologischer Variablen alles andere als trivial ist. So wird Aggression psychologisch definiert als ein Verhalten mit der Intention, einer anderen Person Schaden zuzufügen (Krahé, 2001). Auch wenn die meisten Menschen bei Aggression zumeist vor allem an körperliche Gewalt denken, wäre diese somit nur eine von vielen Formen von Aggression. Ob Aggression als körperliche Gewalt oder sehr viel umfassender definiert wird, beeinflusst jedoch die Gültigkeit der weiter oben diskutierten Hypothese. Wie wir in Kapitel 19 noch ausführlicher diskutieren werden, sind Männer körperlich in der Tat (deutlich) aggressiver als Frauen (Maccoby & Jacklin, 1974), bei anderen Arten der Aggression (z. B. verbaler Aggression wie übler Nachrede) ist die Befundlage hingegen deutlich komplexer (Micus, 2002). Ganz allgemein lässt sich somit festhalten, dass die Definition eines Begriffes in der Psychologie a) oftmals schwierig ist und b) die Gültigkeit bestimmter Hypothesen beeinflusst. Ähnlich kompliziert ist oftmals auch die Operationalisierung eines Begriffes. Operationalisierungen sind Vorschriften zur Messung latenter Konstrukte. Beispiel: Wie misst man „Ausländerfeindlichkeit“? Sie sind wissenschaftstheoretisch als Hilfstheorien zu verstehen, um abstrakte Begriffe konkret erfassen zu können. Obwohl sie in vielen Fällen unerlässlich sind, beinhalten sie unweigerlich ein Problem: als Hilfstheorie können sie ihrerseits wahr oder unwahr sein. Weiter oben hatten wir schon diskutiert, dass die Falsifizierung einer Hypothese immer daran liegen kann, dass die Hypothese unwahr ist oder aber dass die verwendete Hilfstheorie unwahr ist (d. h. die Art der Operationalisierung nicht zur Messung der untersuchten latenten Variable geeignet ist). Im Anschluss an die Begriffsabgrenzung der zu untersuchenden Konstrukte und der Festlegung ihrer Operationalisierungen steht in aller Regel die empirische Überprüfung der formulierten Hypothesen. Diese setzt in den meisten Fällen die Erhebung von Daten voraus. Aber welche Formen der Datenerhebung stehen Psychologen zur Verfügung? Worin bestehen ihre Vor- und Nachteile? Dazu nun mehr. Operationalisierung Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 121 122 Psychologie als Wissenschaft Kapitel 6 Was sind psychologische Daten? Bei ihren Forschungen erheben Psychologen verschiedene Arten von Daten, die sie anschließend – zumeist mit Hilfe statistischer Verfahren – auswerten. Hierbei können folgende Arten von Daten unterschieden werden (Funder, 2007): Selbstauskünfte (Befragungen) Diese sind die von Psychologen wohl am häufigsten verwendeten Daten, bei denen Probanden unmittelbar nach ihren Einstellungen, Meinungen, Einschätzungen oder Befindlichkeiten gefragt werden (Beispiel: „Wie ängstlich sind Sie in diesem Augenblick?“). Ein großer Vorteil von Befragungen liegt darin, dass niemand so viel über eine befragte Person weiß, wie diese selbst. Selbstauskünfte zeichnen sich des Weiteren dadurch aus, dass die Handlungen einer Person in hohem Maße von ihrem eigenen Selbstbild geprägt sind (schon wieder: Das Thomas Theorem). Allerdings haben auch Befragungsdaten Nachteile, denn als Forscher kann man sich nicht sicher sein, dass Selbstauskünfte auch zutreffend sind. Manchmal antworten Befragte bewusst falsch, z. B. weil sie sich selbst in einem möglichst positiven Licht darstellen wollen. Aus diesem Grunde ist es z. B. in der experimentellen Ökonomie in hohem Maße verpönt, überhaupt mit Befragungsdaten zu arbeiten. Aus psychologischer Perspektive erscheint ein anderes Problem allerdings als noch gravierender, nämlich die Tatsache, dass Menschen oftmals keinen introspektiven Zugang zu ihren eigenen Gefühlen und Gedanken haben. Mit anderen Worten: Manchmal wollen, und oftmals können Probanden keine zutreffenden Angaben über sich selbst machen. Abbildung 6.2: Das Problem von Selbstauskünften: sie entsprechen nicht immer der Wahrheit. (© Helder Almeida – Fotolia.com) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 122 123 Was sind psychologische Daten? Kapitel 6 Trotzdem können (und sollten) Psychologen nicht auf Befragungsdaten verzichten. Diese sollten aber nicht unbedacht bzw. sorglos erhoben und interpretiert werden. Ein Thema psychologischer Forschung ist daher auch immer die richtige Gestaltung und Formulierung von Fragebögen und manche Psychologen wie Norbert Schwarz, auf den die in Kapitel 1 erwähnte und ebenfalls bei Umfragen relevante „feeling as information“-Heuristik zurückgeht, beschäftigen sich sogar schwerpunktmäßig damit. Angaben von Informanten Hierzu zählen Angaben über eine bestimmte Person (auch Zielperson genannt), die von Freunden, Partnern, Eltern, aber auch Kollegen oder Vorgesetzten stammen. Diese Methode hat den Vorteil, dass eine Auskunftsperson die Zielperson in der Regel bereits in vielfältigen Situationen erlebt hat. Dadurch stehen Aussagen über das Verhalten und die Eigenschaften der Zielperson auf einer sehr viel breiteren empirischen Grundlage als die Beobachtung eines Psychologen, der z. B. im Rahmen eines Experiments nur eine kurze Verhaltensstichprobe einer Person erhebt. Ein zweiter Vorteil liegt darin, dass Aussagen von Informanten sich auf Ereignisse aus dem Alltag der Zielperson beziehen und nicht auf künstliche Daten aus dem Laboratorium eines Experimentalpsychologen. Drittens sind die Handlungen einer Person in hohem Maße davon geprägt wie diese von ihrer Umwelt wahrgenommen wird (Sie ahnen es schon: Das Thomas Theorem). Trotzdem muss auch auf Nachteile hingewiesen werden: Selbst wenn wir viel über eine andere Person wissen, bezieht sich dieses Wissen zumeist nur auf einen ganz bestimmten Verhaltensausschnitt dieser Person. So mag z. B. ein Student am Ende eines Semesters das Gefühl haben, recht viel über einen bestimmten Professor zu wissen, weil er diesen immerhin jede Woche zwei Stunden erlebt hat. Aber ein Student erlebt einen Professor eben immer nur im Berufskontext und wird kaum Vorhersagen über seine Qualitäten als Mutter bzw. Vater machen können. Hinzu kommt ein anderer wichtiger Nachteil: Ähnlich wie bei Selbstauskünften ist bei Auskünften über eine andere Person keineswegs sicher, dass diese auch zutreffend sind. Und ähnlich wie bei Selbstauskünften kann dies daran liegen, dass eine Person keine zutreffenden Angaben machen will oder keine zutreffenden Aussagen machen kann, wobei diese Grenze oftmals fließend ist. So mag z. B. ein Vorgesetzter in der Beurteilung einer weiblichen türkischen Mitarbeite- Norbert Schwarz (1953) Deutscher Sozialpsychologe – Schwarz ist neben Gerd Gigerenzer und Fritz Strack einer der bekanntesten deutschen Sozialpsychologen. Seine Forschung zum kognitiven Prozess bei der Beantwortung von Umfragen hat maßgeblich zu besseren Gestaltung von psychologischen Befragungen beigetragen. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 123 124 Psychologie als Wissenschaft Kapitel 6 rin durch seine Stereotype hinsichtlich türkischer Frauen beeinflusst sein oder mögen Eltern den Entwicklungsstand ihres Kindes überschätzen, weil sie dieses durch eine rosarote Brille sehen. Objektive Daten Hiermit sind all’ jene Variablen gemeint, die objektiv messbare Eigenschaften einer Person abbilden, wie z. B. Alter und Geschlecht, Familienstand, Vorstrafenregister, das Einkommen, das Bildungsniveau, welche berufliche Position eine Person erreicht hat oder welches Auto sie fährt. Dazu gehören aber auch Jugendphotos oder Schulaufsätze einer Person. Ein Vorteil dieser Daten liegt in ihrer oftmals hohen intrinsischen Bedeutsamkeit und ihrer hohen psychologischen Relevanz, gerade im Bereich der angewandten Forschung. So ist z. B. ein Personalpsychologe oftmals genau daran interessiert, den späteren Berufserfolg eines Bewerbers (gemessen an seinem späteren Einkommen bzw. seiner beruflichen Position) vorherzusagen. Solche Daten haben allerdings auch ein großes Problem: Sie sind in hohem Maße multideterminiert. Ob z. B. ein Schüler einen Schulabschluss schafft oder kriminell wird, hängt von einer Vielzahl an Variablen ab, die zudem stark miteinander interagieren. Vor allem Soziologen neigen oftmals dazu, soziodemographische Variablen (wie Alter, Bildung oder Geschlecht) in Beziehung zu allen möglichen anderen Variablen zu setzen, ohne dass dadurch der kausale Mechanismus ihres Zusammenhangs erhellt würde. Spöttisch könnte man auch von „Variablensoziologie“ sprechen (Esser, 1996). Abbildung 6.3: Der Autor dieses Buches bei einem Vortrag, wie ihn Studenten erleben und beim Skifahren mit seinem Sohn: Andere Menschen kennen eine Person nur selten von allen Seiten und können daher oft auch keine verlässlichen Aussagen über die Person liefern. (Quelle: li: Roman Herzog Institut; re: D. Fetchenhauer) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 124 125 Was sind psychologische Daten? Kapitel 6 Beobachtungsdaten Die Methode der Beobachtung stand bereits im Kapitel 4 unter dem Stichwort Behaviorismus im Mittelpunkt. Denn Behavioristen wie Pawlow, Skinner und Watson waren der Ansicht, dass sich menschliches und tierisches Verhalten ausschließlich und vollständig durch objektive und wiederholbare Beobachtungen beschreiben lasse. Unter dem Begriff Beobachtungsdaten lassen sich alle Daten zusammenfassen, die auf der systematischen Beobachtung einer Versuchsperson unter entweder natürlichen oder künstlich vom Versuchsleiter herbeigeführten Bedingungen beruhen. Dabei kann es darum gehen, ein overtes (d. h. beobachtbares) Verhalten zu beobachten (z. B. wie oft lächeln Versuchspersonen, wenn sie mit einer attraktiven oder einer weniger attraktiven Versuchsleiterin interagieren?), aber auch um physiologische bzw. neurologische Messungen. Hierbei kann das Verhalten der beobachteten Personen objektiv gemessen und quantifiziert werden. Bei Laboruntersuchungen liegt ein weiterer Vorteil darin, dass Probanden bewusst einem Stimulus ausgesetzt werden können, der geeignet ist, ein bestimmtes Verhalten zu evozieren (hervorzurufen). Beispiel: Versuchspersonen sehen ein lustiges Video und es wird gemessen, wie häufig sie dabei lächeln oder lachen. Dennoch sind auch solche Daten nicht ohne Nachteile, weil zwar ein bestimmtes Verhalten vielleicht objektiv beobachtbar und messbar, die Interpretation dieses Verhaltens hingegen oftmals unklar ist. Dies soll anhand eines spieltheoretischen Paradigmas erläutert werden, zu dem buchstäblich hunderte verschiedener empirischer Studien vorliegen, dem so genannten Gefangenendilemma (Flood & Dresher 1950; Flood 1952; Poundstone, 1992). Dieses Paradigma fußt auf der folgenden Geschichte: Zwei Straftäter werden verdächtigt, gemeinsam eine Straftat verübt zu haben, für welche die Höchststrafe bei 5 Jahren Gefängnis liegt. Wenn beide Straftäter die Aussage verweigern, können sie jedoch aufgrund der vorliegenden Indizien nur zu einer Strafe von 2 Jahren verurteilt werden. Wenn einer von Beiden gesteht, wird diesem die Strafe – aufgrund einer Kronzeugenregel – vollständig erlassen, während der Andere in diesem Fall die Höchststrafe erhält. Wenn Beide die Tat gestehen, erhalten Beide eine Strafe von 4 Jahren (diese liegt ein Jahr unter der Höchststrafe, weil ja die Tat freiwillig gestanden wurde). Versetzen Sie sich bitte in die Situation eines der Straftäter – was würden Sie tun? Würden Sie Ihrer „Ganovenehre“ folgen und die Aussage verweigern oder würden Sie gestehen, in der Hoffnung, dadurch aufgrund einer Kronzeugenregelung Gefangenendilemma John Broadus Watson (1878–1958) US-amerikanischer Psychologe – Watson gilt als eigentlicher Begründer des Behaviorismus (siehe Kapitel 4). Er übertrug Pawlows Idee der klassischen Konditionierung vom Tier auf den Menschen und war der Meinung, nur die direkte Beobachtung von Verhalten sei eine exakt naturwissenschaftliche Forschungsmethode. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 125 126 Psychologie als Wissenschaft Kapitel 6 straffrei zu bleiben? Was sollten Sie tun, wenn Sie keine Ganovenehre haben und Sie einzig daran interessiert sind, Ihr eigenes Strafmaß zu minimieren? Sollte in diesem Fall Ihre Entscheidung davon abhängen, welches Verhalten Sie bei Ihrem Komplizen erwarten? Viele Menschen denken spontan, dass das eigene Verhalten davon abhängen sollte, welche Erwartungen man hinsichtlich des Komplizen hat. Denn wenn dieser die Aussage verweigert und man selber auch, beträgt die Strafe für jeden nur 2 Jahre, so dass insgesamt nur 4 Jahre Gefängnis verhängt werden – so wenig an Gesamtstrafe wie in keiner anderen Kombination. Vor diesem Hintergrund wird das Gefangenendilemma oftmals dazu verwandt, zu messen, wie kooperativ bzw. eigennützig sich Menschen verhalten. Wenn Sie die Tat gestehen – in der Hoffnung, Ihr Komplize gesteht nicht – dann verhalten Sie sich eigennützig. Wenn Sie die Tat aber leugnen – in der Hoffnung, dass Ihr Komplize ebenfalls nicht gesteht, dann verhalten Sie sich kooperativ. Diese Interpretation ist allerdings nicht eindeutig, denn vielleicht gestehen Sie die Tat nicht so sehr aus dem Motiv, Ihren Komplizen auszubeuten, sondern vor allem aus der Furcht, dass Sie von Ihrem Komplizen ausgebeutet werden. Dies bedeutet, dass „defektäres“ Verhalten (d. h. ein Geständnis der Tat) im Gefangenendilemma sowohl als Indikator für Egoismus als auch als Indikator einer Furcht vor Ausbeutung gedeutet werden kann. Tatsächlich zeigen Studien, dass Männer im Gefangenendilemma eher defektieren, weil sie den Anderen ausbeuten wollen, während Frauen eher defektieren, weil sei vermeiden wollen, selber ausgebeutet zu werden (Krivohlavy, 1974). Beide Interpretationen hängen allerdings davon ab, dass Versuchspersonen die logische Struktur des Paradigmas nicht wirklich verstanden haben. Eine faszinierende Eigenschaft des Gefangenendilemmas liegt nämlich darin, dass Sie sich auf Ambivalenz bei der Interpretation von Daten Abbildung 6.4: Wie soll ich handeln, wenn ich nicht weiß, wie der andere handelt? Möglichkeiten und Konsequenzen im Gefangendilemma. (Quelle: Eigene Darstellung) Kooperieren (Aussage verweigern) Kooperieren (Gestehen) Kooperieren 52 (Aussage verweigern) 02 Defektieren 40 (Gestehen) 45 Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 126 127 Was sind psychologische Daten? Kapitel 6 jeden Fall besser stellen, wenn Sie die Tat gestehen, gänzlich unabhängig davon, wie Ihr Komplize sich verhält (wenn Sie das nicht glauben, rechnen Sie die einzelnen Alternativen durch). Das Ergebnis: Anstatt mit insgesamt 4 Jahren Strafe davon zu kommen müssen beide Straftäter zusammen 8 Jahre ins Gefängnis. Somit zeigt sich, dass das Verhalten von Versuchspersonen im Gefangenendilemma zwar objektiv beobachtbar, seine Interpretation aber keineswegs trivial ist. Defektion kann begründet sein aus dem Motiv der Ausbeutung, der Furcht davor, selber ausgebeutet zu werden oder aus rationaler Einsicht in die Struktur der Situation. Kooperation (d. h. die Weigerung, ein Geständnis abzulegen) kann begründet sein in dem Motiv, den Anderen nicht zu verraten, in der Hoffnung auf gegenseitige Kooperation oder darin, die Struktur der Situation nicht verstanden zu haben. Diese Ambivalenz zeigt sich bei der Interpretation von allen Daten, die aus der objektiven Beobachtung des Verhaltens von Versuchspersonen resultieren. Zur Kombination verschiedener Datenquelle Zusammenfassend lässt sich somit festhalten, dass alle Datenquellen, über die ein Psychologe verfügt, Vor- und Nachteile haben. Deshalb macht es Sinn, eine bestimmte Theorie bzw. Hypothese immer durch verschiedene Arten von Untersuchungen und Daten zu überprüfen. Wenn z. B. eine Person sich selber als aggressiv beschreibt, von anderen als aggressiv beschrieben wird, mehrfach wegen Körperverletzung im Gefängnis gesessen hat und sich auch unter kontrollierten Laborbedingungen leicht zu aggressiven Handlungen provozieren lässt, dann lässt sich ziemlich sicher vermuten, dass diese Person tatsächlich aggressiv ist. Wenn aber verschiedene Datenquellen einander widersprechen, so sollte ein Psychologe überlegen, wie es zu diesen Widersprüchen kommen kann und welche Bedeutung diese Widersprüche für die Gültigkeit seiner Hypothese haben. Wenn aber nur eine Art von Daten erhoben wurde, weiß man gar nicht, ob andere Datenquellen nicht zu sehr widersprüchlichen Schlussfolgerungen geführt hätten. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 127 128 Psychologie als Wissenschaft Kapitel 6 Exkurs: Was ist ein Korrelationskoeffizient? Wenn Sie einen psychologischen Fachartikel lesen, werden Sie feststellen, dass die dort untersuchten Hypothesen zumeist mit Hilfe statistischer Analysemethoden untersucht werden, die für Sie ohne statistische Grundkenntnisse nur schwer zu verstehen sind. In diesem Exkurs soll Ihnen deshalb ein ganz kurzer Einblick in die Logik solcher Verfahren gegeben werden. Grundsätzlich geht es bei allen statistischen Verfahren um die Frage, wie sich der Zusammenhang zwischen zwei oder mehr Variablen beschreiben lässt. Das hierzu am häufigsten verwendete Maß ist der so genannte Korrelationskoeffizient, welcher vor über 100 Jahren maßgeblich von dem britischen Mathematiker Karl Pearson entwickelt wurde. Der Korrelationskoeffizient hat einen Wertebereich von –1 bis +1, wobei der Betrag die Stärke und das Vorzeichen die Richtung des Zusammenhangs angibt. Ein Betrag von 1 repräsentiert hierbei einen perfekten Zusammenhang zwi- Wertebereich des Korrelationskoeffizienten Karl Pearson (1857–1936) Britischer Mathematiker – Pearson wurde durch die Entwicklung des Korrelationskoeffizienten bekannt, leistete aber darüber hinaus noch weitere Beiträge zur Statistik und damit der psychologischen Forschung, etwa durch die Entwicklung der so genannten Hauptkomponentenanalyse oder des Chi-Quadrat-Testes. Abbildung 6.5: Korrelationen sagen etwas über den Zusammenhang zwischen zwei Variab len aus und können negativ, positiv oder kurvenlinear sein. (Quelle: Eigene Darstellung) 4 5 6 7 8 9 10 Va ria bl e B Positive Korrelation von 4 5 6 7 8 9 10 Va ria bl e B Va ria bl e B Va ria bl e B 0 1 2 3 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Variable A 0,7 0 1 2 3 0 1 2 3 4 5 Variable A Variable A 5 6 7 8 9 10 Unkorreliert 0 1 2 3 4 0 1 2 3 4 Variable A Negative Korrelation 6 7 8 9 10 von 1 5 6 7 8 9 10 Kurvenlineare Korrelation 4 5 6 7 8 9 10 0 1 2 3 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 128 129 Exkurs: Was ist ein Korrelationskoeffizient? Kapitel 6 schen beiden Variablen, während ein Wert von 0 ausdrückt, dass kein (linearer) Zusammenhang besteht. Die vorhergehende Grafik verdeutlicht einige mögliche Korrelationen. Hierbei entspricht jeder Punkt den Werten einer Versuchsperson (bzw. ganz allgemein eines Merkmalsträgers) auf den beiden Variablen, die miteinander korreliert werden. In der Grafik links oben sieht man eine positive Korrelation von 0,7. Dieser Wert besagt, dass hohe Werte auf der einen Variable mit hohen Werten auf der anderen Variable einhergehen. Dieser Zusammenhang ist aber nicht perfekt, weil es einige Werte gibt, bei denen dies nicht der Fall ist. Rechts oben sieht man eine (perfekte) negative Korrelation von minus 1. Ein negativer Korrelationskoeffizient besagt, dass hohe Werte auf der einen Variable mit niedrigen Werten auf der anderen Variable einhergehen. Wenn zwei Variablen – wie in diesem Beispiel – mit einem Betrag von 1,0 korrelieren, liegen alle Werte genau auf einer Geraden, die durch die Punkte gezeichnet werden kann. In der Grafik links unten sieht man hingegen ein Beispiel für den Fall, dass zwei Variablen vollständig unkorreliert sind, d. h. aus den Werten einer Versuchsperson auf der einen Variablen ist es in keiner Weise möglich, auf ihren Wert auf der jeweils anderen Variable zu schließen. Die Grafik rechts unten schließlich verweist auf eine Schwäche des Korrelationskoeffizienten. Dieser ist nämlich nur in der Lage, lineare Zusammenhänge zwischen zwei Variablen zu erfassen. In dem Beispiel der Grafik rechts unten gibt es hingegen einen starken kurvilinearen Zusammenhang zwischen beiden Variablen, obwohl der Korrelationskoeffizient (aufgrund der ihm zugrundeliegenden mathematischen Formel) einen Wert von Null anzeigen würde. Neben dem Korrelationskoeffizienten gibt es eine Vielzahl anderer Koeffizienten, die alle die Funktion haben, anzugeben, wie stark der Zusammenhang zwischen zwei (oder auch mehr als zwei) Variablen ist, auf die hier aber aus Platzgründen nicht weiter eingegangen werden kann. Außer der Feststellung der Richtung und der Stärke eines Zusammenhangs ist jeweils zu untersuchen, ob ein gefundener Zusammenhang auch statistisch siginifikant ist. Damit ist die Wahrscheinlichkeit gemeint, dass ein in der untersuchten Stichprobe identifizierter Zusammenhang deshalb gefunden wurde, Signifikanz statistischer Zusammenhänge Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 129 130 Psychologie als Wissenschaft Kapitel 6 Korrelative versus experimentelle Forschung Das erste Ziel psychologischer Studien ist der Nachweis eines Zusammenhangs zwischen (mindestens) zwei Variablen. Darüber hinaus sollte aber auch geprüft werden, warum ein solcher Zusammenhang besteht. Mögliche Interpretationen korrelativer Zusammenhänge Aus einer bloßen Korrelation ist es in aller Regel nicht möglich, Aussagen über den kausalen Zusammenhang zwischen zwei Variablen abzuleiten. Nehmen wir hierzu folgendes Beispiel aus der Konsumpsychologie. Bei einer Weinprobe untersuche ein Psychologe den Zusammenhang zwischen den Preisen der Weine und wie diese von den Teilnehmern der Weinprobe bewertet werden. Tatsächlich finde sich dabei eine starke, positive Korrelation: Je teurer ein Wein, desto besser schmeckt er. weil dieser Zusammenhang tatsächlich in der Grundgesamtheit existiert und nicht nur zufällig in der betrachteten Stichprobe. Folgendes Beispiel soll diesen abstrakten Gedanken verdeutlichen. Stellen Sie sich eine Urne mit 500 weißen und 500 roten Kugeln vor, die jeweils entweder mit Luft oder mit einer Süßigkeit gefüllt sind. Diese 1 000 Kugeln seien die Grundgesamtheit, die anhand einer Stichprobe untersucht werden soll. Angenommen, es werde eine Stichprobe von 10 weißen und 10 roten Kugeln gezogen und die Analyse ergebe, dass in 8 weißen, aber nur in 2 roten Kugeln eine Süßigkeit ist. Mit anderen Worten: In der Stichprobe gibt es einen Zusammenhang zwischen der Variablen „Farbe“ und der Variable „Inhalt“ der Kugel. Wie sicher kann man sich nun sein, dass dieser Zusammenhang nicht nur dadurch zustande gekommen ist, dass rein zufällig mehr weiße als rote Kugeln mit einer Süßigkeit aus der Urne gezogen wurden, während in der Grundgesamtheit gar kein solcher Zusammenhang besteht? Hierbei haben sich Psychologen darauf geeinigt, dass man ein Ergebnis nur dann interpretiert, wenn dieses mit mindestens 95prozentiger Wahrscheinlichkeit nicht auf einen solchen Zufall zurückgeführt werden kann (was im obigen Zahlenbeispiel übrigens der Fall wäre). Die Wahrscheinlichkeit, dass ein in einer Stichprobe gefundener Zusammenhang auch statistisch signifikant ist, hängt sowohl von der Größe der Stichprobe als auch von der Stärke des Zusammenhangs ab. Soviel zu unserem sehr kurzen Exkurs zum Thema Statistik. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 130 131 Korrelative versus experimentelle Forschung Kapitel 6 Es ist nicht möglich, aus dieser Korrelation darauf zu schließen, warum es einen solchen Zusammenhang gibt, denn wenn zwei Variablen A und B miteinander korrelieren, kann dies grundsätzlich folgendes bedeuten: 1) Klare Verhältnisse: Variable A determiniert Variable B. Beispiel: Je besser ein Wein objektiv ist, desto teurer lässt er sich auch verkaufen. 2) Rückwärts: Variable B determiniert Variable A. Beispiel: Weinkonsumenten können den Geschmack verschiedener Weine nicht unterscheiden und benutzen deshalb den Preis eines Weines als Hinweis auf seinen Geschmack. 3) Wechselspiel: Variable A und Variable B determinieren sich gegenseitig. Beispiel: Es gibt Weinkenner, die sich ihr Urteil anhand des Geschmacks bilden und den Wein nur dann nachfragen, wenn dieser auch gut ist, darüber hinaus aber gibt es Konsumenten, die ihr Geschmacksurteil davon abhängig machen, wie teuer ein Wein ist. 4) Die unbekannte Dritte: Sowohl Variable A als auch Variable B sind von einer dritten Variable C determiniert. Beispiel: Sowohl Preis als auch Geschmacksurteil sind eine Funktion der Herkunft eines Weines, z. B. weil Weine aus Frankreich einzig aufgrund ihrer Herkunft besser bewertet und teurer verkauft werden können als Weine aus Rumänien. In diesem Fall besteht kein kausaler Zusammenhang zwischen Preis und Geschmacksurteil. 5) Indirekte Wirkung: Variable A hat keinen unmittelbaren Einfluss auf die Variable B, sondern dieser ist durch eine dritte Variable vermittelt. Beispiel: Objektiv bessere Weine werden in elegantere Flaschen und mit aufwändiger gestalteten Etiketten verkauft, und lassen sich deshalb zu einem höheren Preis verkaufen. Diese Art des Zusammenhangs nennt man „Mediation“, weil der Korrelation versus Kausalität Abbildung 6.6: Was bedingt hier was und auch welche Weise? Der Zusammenhang zwischen verschiedenen Variablen kann ganz unterschiedlich sein. (Quelle: Eigene Darstellung) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 131 132 Psychologie als Wissenschaft Kapitel 6 Einfluss einer unabhängigen auf eine abhängige Variable durch eine dritte Variable mediiert (d. h. vermittelt) wird. 6) Der Moderator: Die Stärke des Zusammenhangs zwischen zwei Variablen ist abhängig von einer dritten Variable. Beispiel: Je höher der Wert einer Person auf dem Persönlichkeitsmerkmal Materialismus, desto mehr schließt diese Person von einem hohem Preis auf die hohe Qualität eines Weines (weil Materialisten grundsätzlich glauben, dass Gutes auch teuer ist). Diese Art des Zusammenhangs nennt man „Moderation“, weil der Einfluss einer unabhängigen auf eine abhängige Variable durch eine dritte Variable „moderiert“ (d. h. bedingt) wird. Fassen wir zusammen: Aus einer Korrelation zwischen zwei Variablen kann nicht auf deren Kausalbeziehung zurückgeschlossen werden. Wie aber lässt sich dieses Problem lösen? Eine Möglichkeit, die richtige Kausalbeziehung zu finden, besteht darin, logische Überlegungen über das Problem anzustellen und daraus z. B. abzuleiten, dass die eine Variable die andere nicht beeinflussen kann. Nehmen wir als Beispiel den Befund, dass Menschen bei gutem Wetter bessere Laune haben als bei schlechtem Wetter (Cunningham, 1979). Weil Menschen nicht in der Lage sind, durch ihre Stimmung das Wetter zu beeinflussen, kann man davon ausgehen, dass unsere Stimmung durch das Wetter beeinflusst wird und nicht umgekehrt. Leider ist die Wirkrichtung nicht immer so eindeutig bestimmbar. In manchen Fällen kann auch aus der zeitlichen Reihenfolge des Auftretens zweier Variablen auf ihren Kausalzusammenhang geschlossen werden. Ein Beispiel wäre das Image eines Produkts vor und nach einer Werbekampagne. Hat es sich verändert, kann dies ein Hinweis darauf sein, dass das Image durch die Werbekampagne beeinflusst wurde. Aber Vorsicht: Aus der zeitlichen Abfolge zweier Variablen kann nicht immer auf ihre Kausalstruktur geschlossen werden. Es wird nicht Weihnachten, weil die Menschen in der Adventszeit Geschenke kaufen. Die Logik und die Vorteile des Experiments Der beste Weg zur Analyse des Kausalzusammenhangs zwischen zwei oder mehreren Variablen ist deshalb das Experiment, welches in die Psychologie zuerst von Wilhelm Wundt eingeführt wurde. Die Logik des psychologischen Experiments besteht darin, dass die einzelnen Versuchspersonen zufällig verschiedenen Experimentalbedingungen zugewiesen werden. Die verschiedenen Bedingungen stellen die unabhängigen Variablen dar. Es wird dann der Einfluss dieser Variablen auf eine bestimmte abhängige Variable geprüft. Wilhelm Wundt (1832–1920) Deutscher Physiologe, Philosoph und Psychologe – Wundt war einer der ersten Psychologen, die Experimente nutzten. Er gründete 1879 das erste universitäre Institut für experimentelle Psychologie. Wundt trug auch maßgeblich dazu bei, dass sich die Psychologie als eigenständige Wissenschaft etablierte. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 132 133 Korrelative versus experimentelle Forschung Kapitel 6 Betrachten wir zur Veranschaulichung die bereits genannte Hypothese, dass der Preis eines Weines die Bewertung seines Geschmacks determiniert. Zu exakt dieser Frage wurden 300 Kölner Bürger eingeladen, an einer Weinprobe teilzunehmen (Christandl et al., in Vorbereitung). Die unabhängige Variable war der Preis des Weines, der den Versuchspersonen mitgeteilt wurde (3  Euro versus 20 Euro pro Flasche). Die abhängige Variable war die geschmackliche Bewertung des angebotenen Weines auf einer Skala von 0 bis 100. Alle anderen Variablen wurden konstant gehalten, so tranken z. B. alle Versuchspersonen einen chilenischen Wein mittlerer Preisklasse. Tatsächlich zeigte sich, dass der vermeintlich teurere Wein deutlich besser bewertet wurde als der vermeintlich preiswertere Wein. Somit konnte durch dieses Experiment nachgewiesen werden, dass der Preis eines Produktes – zumindest unter bestimmten Bedingungen – die Bewertung seiner Qualität kausal determiniert. Fassen wir zusammen: Der große Vorteil des Experiments besteht darin, dass mit seiner Hilfe nicht nur korrelative Zusammenhänge zwischen zwei Variablen nachgewiesen werden können, sondern auch die kausale Struktur dieses Zusammenhangs überprüft werden kann. Außerdem ermöglicht die experimentelle Methode einen kumulativen Erkenntnisfortschritt, indem man viele verschiedene Experimente durchführt und jeweils nur minmale Veränderungen zu bisherigen Experimenten vornimmt, um den Einfluss der Veränderung zu untersuchen. Das ist nützlich und nötig, weil ein einzelnes Experiment niemals die ganze Welt erklärt, aber viele Experimente zusammen zu ihrer Erklärung beitragen. Aufgrund dieser Vorteile ist das Laborexperiment die mit Abstand am häufigsten angewandte Forschungsmethode der Psychologie, vor allem im Bereich der Grundlagenforschung. Grenzen des Experiments Auch wenn die forschungslogischen Vorteile des Experiments ganz enorm sind, sollte man nicht übersehen, dass die Anwendbarkeit auch dieser Methode in der Psychologe ihre Grenzen hat. So sind bei bestimmten Fragestellungen experimentelle Versuchsanordnungen nicht sinnvoll, weil a) der Gegenstandsbereich so komplex ist, dass er experimentell nicht erfasst werden kann und/oder b) eine Manipulation der unabängigen Variablen sich aus ethischen Gründen verbietet. Vorteile des Experiments Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 133 134 Psychologie als Wissenschaft Kapitel 6 Ein Beispiel hierfür wäre die Frage, warum Frauen nach einer Fehlgeburt unter Depressionen leiden (Neugebauer et al. 1997). Eine plausible Vermutung liegt offensichtlich darin, dass dieses kritische Lebensereignis Frauen sehr belastet. Es könnte aber auch sein, dass psychisch instabile Frauen aufgrund ihrer Depressivität häufiger eine Fehlgeburt haben. Theoretisch könnte man zur Klärung dieser Fragen bei einer Experimentalgruppe schwangerer Frauen eine künstliche Fehlgeburt herbeiführen, und untersuchen, welchen Einfluss dieser Eingriff auf das Wohlbefinden der Frauen hat (im Vergleich zu einer Kontrollgruppe schwangerer Frauen, bei denen keine Fehlgeburt eingeleitet wird). Ethisch wäre ein solches Vorgehen aber offensichtlich in keiner Weise legitimierbar. Manche Psychologen leiten daraus ab, dass nur dies Gegenstand der wissenschaftlichen Psychologie sein könne, was auch experimentell untersucht werden kann (z. B. Herkner, 2008). Eine solche Schlussfolgerung aber erscheint wenig sinnvoll, weil eine Vielzahl an wichtigen Fragestellungen der Psychologie einer experimentellen Überprüfung nicht zugänglich sind. Stattdessen sollte die Schlussfolgerung lauten, so oft wie möglich experimentelle Verfahren zu verwenden, zumal sich häufig auch Experimente in solchen Bereichen durchführen lassen, in denen dies zunächst nicht möglich schien. Wenn dies nicht möglich ist, sollte aber stattdessen auf andere Verfahren ausgewichen werden. Ganz grundsätzlich gilt, dass man immer versuchen sollte, psychologische Theorien mit unterschiedlichen Forschungsmethoden zu überprüfen. Diese Logik wird oftmals als Triangulation bezeichnet. Wenn verschiedene Methoden eine Hypothese stützen, steigert das ihre Bewährtheit. Wenn verschiedene Methoden zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, kann dies Hinweise darauf geben, wie eine bestimmte Hypothese modifiziert werden sollte. Wir sind am Ende dieses eher trockenen Kapitels über die Methodologie der Psychologie angekommen. Auch wenn die meisten Leser andere Kapitel spannender finden werden, war es notwendig, Sie zumindest ein wenig mit diesem Thema vertraut zu machen, weil man ansonsten nicht in der Lage ist, empirische Befunde der Psychologie kritisch einzuordnen. Ethische Grenzen des Experiments Ethik als Grenze des Experiments: Wohl eines der ethisch fragwürdigsten Experimente unternahm einst Friedrich II. Um herauszufinden, welche Sprache Kinder von sich aus entwickeln, entzog er etliche Babys ihren Müttern und jeglicher liebevoller Fürsorge wie auch Ansprache. Alle Kinder starben. „Nur ein Narr macht keine Experimente.” Charles Darwin Verwendung unterschiedlicher Forschungsmethoden Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 134 135 Studentenfutter Kapitel 6 Studentenfutter Diekmann, A. (2009). Empirische Sozialforschung: Grundlagen, Methoden, Anwendungen. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch. Huber, O. (2005). Das psychologische Experiment: Eine Einführung. Bern: Hans Huber. Kurz und gut 1. Im Gegensatz zu materiellen Objekten wie z. B. einem Atom oder einem Planeten, ist das Verhalten von Menschen immer auch davon beeinflusst, wie diese ihre Umwelt subjektiv interpretieren. 2. Die in psychologischen Theorien vorkommenden Variablen beziehen sich oftmals auf Eigenschaften, Gefühle, Motive oder Gedanken einer Person, die nicht unmittelbar beobachtbar sind, sondern die anhand bestimmter, messbarer Indikatoren indirekt erschlossen werden müssen. 3. Die Definition und anschließende Operationalisierung einer Variablen beeinflusst die Gültigkeit von Hypothesen, in denen diese Variable auftaucht. 4. Bei psychologischen Daten unterscheidet man zwischen Selbstauskünften, Angaben von Informanten, objektiven Daten und Beobachtungsdaten. 5. Eine psychologische Hypothese sollte nach Möglichkeit immer durch unterschiedliche Forschungsdesigns und unter Verwendung verschiedener Arten von Daten überprüft werden. 6. Der Korrelationskoeffizient ist ein Maß für den (linearen) Zusammenhang zwischen zwei Variablen. 7. Neben der absoluten Stärke eines Zusammenhangs zwischen zwei (oder mehr) Variablen ist jeweils zu prüfen, mit welcher Wahrscheinlichkeit dieser Zusammenhang auch auf Zufall zurückgeführt werden kann. 8. Aus einer bloßen Korrelation ist es in aller Regel nicht möglich, unmittelbar Schlussfolgerungen über den kausalen Zusammenhang zweier Variablen abzuleiten. 9. Das Laborexperiment ist die am häufigsten eingesetzte Methode in der psychologischen Grundlagenforschung, weil in ihm unter kontrollierten Bedingungen kausale Beziehungen zwischen unabhängigen und abhängigen Variablen untersucht werden können. 10. Wenn eine bestimmte Hypothese aus ethischen oder forschungslogischen Gründen nicht experimentell überprüft werden kann, ist auf andere Forschungsmethoden auszuweichen. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 135 Kapitel 7 Offenbarung oder nur Einbildung – warum glauben Menschen an Gott? Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 137

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Zusammenfassung

Vorteile

- Die psychologischen Grundlagen für das wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Studium: von der Allgemeinen über die Sozial- bis zur Wahrnehmungspsychologie

- Kompakter Aufbau

- Komplett vierfarbig

Zum Werk

In den Wirtschaftswissenschaften gilt das Bild des rational denkenden Menschen als überholt. Kenntnisse aus der Psychologie spielen dagegen eine immer größere Bedeutung für die Analyse, was sich nicht zuletzt in der aktuellen Diskussion um die Glücksforschung widerspiegelt.

Dieses Lehrbuch führt Wirtschaftswissenschaftler an die Grundlagen der Psychologie heran und stellt dar, wie sie das menschliche Verhalten (und damit auch das für die Wirtschaftwissenschaften wichtige Entscheidungsverhalten) beeinflussen.

Autor

Prof. Dr. Detlef Fetchenhauer ist Direktor des Instituts für Wirtschafts- und Sozialpsychologie an der Universität zu Köln. Er lehrt darüber hinaus an der Universität Wien.

Zielgruppe

Für Studierende der Wirtschaftswissenschaften an Universitäten und Fachhochschulen sowie Studierende, die im Nebenfach Psychologie belegen müssen (z.B. Lehramt).