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Kapitel 5 Eine kurze Einführung in die Wissenschaftstheorie in:

Detlef Fetchenhauer

Psychologie, page 108 - 128

1. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3713-3, ISBN online: 978-3-8006-3940-3, https://doi.org/10.15358/9783800639403_108

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97 Kapitel 5 Kapitel 5 Eine kurze Einführung in die Wissenschaftstheorie Was ist eigentlich eine (gute) Theorie? In diesem Kapitel geht es um die Frage, wodurch sich gute Wissenschaft von schlechter bzw. von Pseudowissenschaft unterscheidet und woran sich eine gute Theorie erkennen lässt. Eine kleine Warnung vorab: Manches in diesem Kapitel ist deutlich abstrakter als in den anderen Kapiteln dieses Buches. Dennoch möchte ich Sie einladen, auch dieses Kapitel zu lesen, weil ein zumindest grundlegendes Verständnis einiger basaler wissenschaftstheoretischer Zusammenhänge wichtig ist, um die Psychologie als Wissenschaft zu verstehen und einzuordnen. Unter einer Theorie wird im Allgemeinen ein System von Hypothesen verstanden, das sich auf einen Ausschnitt der Realität bezieht und Aussagen darüber macht, in welcher kausalen Beziehung bestimmte Variablen (d. h. Einflussfaktoren) zueinander stehen. Eine Minimalforderung an eine Theorie besteht darin, dass diese logisch konsistent (d. h. widerspruchsfrei) zu sein habe. Eine Theorie, aus der z. B. abgeleitet InhaltWas ist eigentlich eine (gute) Theorie? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97 Deduktive und induktive Logik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100 Die Logik von deduktiven Beweisen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101 Induktive Logik und ihre Probleme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101 Sir Karl – die Wissenschaftstheorie von Karl Popper . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104 Falsifikationismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104 Hat Popper das Induktionsproblem wirklich gelöst? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107 Das Duhem-Quine Problem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107 Was für eine gute Theorie irrelevant ist . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111 Exkurs: Wissenschaftler und Künstler . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114 Kurz und gut . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 116 Studentenfutter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 116 Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 97 98 Eine kurze Einführung in die WissenschaftstheorieKapitel 5 werden kann, dass Frauen intelligenter sind als Männer und aus der zugleich abgeleitet werden kann, dass Männer intelligenter sind als Frauen, ist unbrauchbar, weil sich beide Hypothesen logisch widersprechen. Wenn logische Widersprüche in einer Theorie erkannt werden, ist diese entweder zu verwerfen oder aber zu modifizieren. So wäre es in unserem Beispiel möglich, differentielle Hypothesen darüber zu entwickeln, auf welchen Subdimensionen sich die Werte der Intelligenz von Frauen und Männern unterscheiden. So haben z. B. die kanadischen Psychologen Irwin Silverman & Marion Eals (1992) die Hypothese formuliert, dass Frauen sich besser an die Lokation von Objekten in zweidimensionalen Räumen erinnern können als Männer, Männer hingegen besser in der Lage sind, sich in unbekannten Gebieten zu orientieren und den schnellsten Weg nach Hause zu finden (sowie Objekte im dreidimensionalen Raum mental zu rotieren.) Neben Aussagen über die Art und Richtung eines Zusammenhangs zwischen verschiedenen Variablen sollte eine Theorie auch angeben, warum diese Variablen zusammenhängen. So argumentieren Silverman & Eals, dass Geschlechtsunterschiede in der Intelligenz zurückzuführen sind auf geschlechtsspezifische Adaptationen in unserer evolutionären Vergangenheit. Die Fähigkeit der Orientierung bzw. mentalen Rotation ist eine Fähigkeit, die für die Jagd benötigt wird (eine Tätigkeit, die in Jäger- und Sammlergesellschaften hauptsächlich von Männern ausgeübt wird), während die Erinnerung an die Lokation von Objekten für das Sammeln von Beeren und Früchten von Bedeutung ist (eine Tätigkeit, die in Jäger- und Sammlergesellschaften hauptsächlich von Frauen ausgeübt wird). Hierbei ist darauf hinzuweisen, dass auch Theorien, welche auf einem falschen Kausalmodell fußen, zu validen Vorhersagen über die Wirklichkeit kommen können. So war es z. B. im Rahmen des Ptolemäischen Weltbildes möglich, Sonnen- und Mondfinsternisse vorherzusagen (Kinnebrock, 1999), obwohl Ptolemäus annahm, dass die Erde der Mittelpunkt des Universums sei. Dies verdeutlicht, dass sich ein Phänomen häufig durch unterschiedliche Theorien erklären lässt. Dazu ein Beispiel aus der Psychologie: Sowohl die klassische Sozialisationstheorie als auch die Evolutionspsychologie können erklären, warum Männer häufiger zu körperlicher Gewalt greifen als Frauen (siehe hierzu ausführlich Kapitel 19). Aus sozialisationstheoretischer Perspektive ist dies dadurch zu erklären, dass Mädchen dazu erzogen werden, brav zu sein und friedlich, während Jungs dazu erzogen werden, durchsetzungsfähig zu sein und aggressiv (Dittmann & Büttner 1993). Evolutionspsychologen hingegen würden argumentieren, dass diese Unterschiede nicht durch Sozialisation, sondern genetisch bedingt sind, weil es in unserer Evolutionsgeschichte für Männer wichtiger als für Frauen war, sich körperlich gegen Rivalen durchzusetzen (Ebbeling & Schmitz, 2006) Beide Theorien können somit das Phänomen einer höheren körperlichen Aggressivität von Männern erklären. Da sich beide Theorien aber in dem hinter dieser Erklä- „Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.“ Albert Einstein (1879–1955), dt. Physiker Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 98 99 Was ist eigentlich eine (gute) Theorie? Kapitel 5 rung liegenden Kausalmodell deutlich unterscheiden, kann nur eine der beiden Theorien wahr sein. Daraus folgt, dass mindestens eine dieser Theorien unwahr ist, obwohl sie in Übereinstimmung mit den empirischen Daten ist. In einem solchen Fall sind Vertreter beider Theorien dazu angehalten, nach Phänomenen zu suchen, bei denen die Theorien zu unterschiedlichen Vorhersagen kommen und diese unterschiedlichen Vorhersagen empirisch gegeneinander zu testen. Darüber hinaus ist eine Theorie umso besser, je weniger komplex sie ist und je größer die Menge dessen ist, was sie erklären kann. Ein Beispiel für eine Theorie, die diesem Kriterium ganz außerordentlich genügt, ist die Newtonsche Gravitationstheorie, die mit Hilfe eines einzigen Gesetzes – dem Gravitationsgesetz – eine Vielzahl an Phänomenen erklären kann (z. B. warum ein Apfel vom Baum auf den Boden fällt und nicht in der Luft schwebt, warum die Schwerkraft auf dem Mond geringer ist als auf der Erde, warum der Mond um die Erde kreist, die Erde um die Sonne und noch sehr viel mehr). Von Anhängern der Evolutionstheorie wird darauf verwiesen, dass auch die Theorie Darwins diesem Kriterium genügt, weil sie mit Hilfe einiger weniger Prinzipien (Vererbung, Variation und Selektion) in der Lage ist, eine nahezu unendliche Vielzahl an Phänomenen zu erklären (Dawkins, 2009). Es ist allerdings darauf zuachten, dass eine Theorie zwar möglichst einfach sein sollte, es dabei aber immer das Hauptziel bleibt, ihren Gegenstand hinreichend zu erklären. Wie Einstein einmal sagte: „Eine Theorie sollte so einfach wie möglich sein, aber nicht einfacher.“ Im ersten und vierten Kapitel war aus genau diesem Grunde darauf eingegangen worden, dass menschliches Verhalten immer das Produkt aus unserem evolutionären Erbe und unserer individuellen Lerngeschichte bzw. unserer aktuellen Umwelt ist. Eine Theorie, die sich nur auf einen dieser Aspekte beschränkt, wäre im Sinne Einsteins nicht einfach, sondern simplistisch. Ein weiteres Kriterium für eine gute Theorie besteht darin, inwiefern diese im Einklang mit anderen wohl etablierten Theorien ist oder aber zu diesen im Widerspruch steht. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Theorie wahr ist, sinkt, sobald Einfachheit und Erklärungspotenzial Widerspruchsfreiheit zu etablierten Theorien Abbildung 5.1 (Quelle: Eigene Darstellung) Eine gute Theorie … ist widerspruchsfrei, gibt Art, Richtung und Grund des Zusammenhangs zwischen Variablen an, erlaubt präzise und empirisch überprüfbare Vorhersagen. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 99 100 Eine kurze Einführung in die WissenschaftstheorieKapitel 5 sie die Unwahrheit anderer empirisch gut bewährter Theorien voraussetzt. So ist z. B. die Behauptung, Menschen hätten so etwas wie eine unsterbliche materielle Seele unvereinbar mit wohl etablierten neurowissenschaftlichen Theorien, die implizieren, dass psychisches Empfinden immer eine Entsprechung auf einer physiologischen und neurologischen Ebene hat. Darüber hinaus unterscheiden sich Theorien in ihrer Fruchtbarkeit, d. h. in ihrem Vermögen, neue und spannende Hypothesen zu generieren und zu innovativer Forschung zu stimulieren. Ein Beispiel wären die evolutionspsychologisch inspirierten Forschungen zur Frage, inwiefern der weibliche Menstruationszyklus die Partnerwahlpräferenzen von Frauen beeinflusst (mehr dazu im Kapitel 9). Hierbei ist darauf hinzuweisen, dass Fruchtbarkeit und Validität einer Theorie durchaus im Widerspruch zueinander stehen können. Vor allem neue und innovative Theorien können selbst dann fruchtbar sein, wenn sie nicht wahr sind. Fassen wir zusammen: Theorien sind umso besser, je konsistenter (d. h. widerspruchsfreier) und einfacher sie sind, je größer die Menge der Phänomene ist, die sie erklären können, je mehr sie im Einklang mit anderen, bewährten Theorien stehen und je mehr sie in der Lage sind, neue und innovative Forschung zu generieren. Das wichtigste Kriterium einer Theorie, auf die sich alle anderen Kriterien zumindest indirekt beziehen, ist jedoch die Frage, ob eine Theorie wahr ist, d. h. ihre Aussagen mit der Realität übereinstimmen. Mit dieser schwierigen Frage wollen wir uns in den folgenden Abschnitten auseinandersetzen. Deduktive und induktive Logik Ganz allgemein lassen sich zwei verschiedene Wege unterscheiden, auf denen überprüft werden kann, ob eine Hypothese bzw. ein System von Hypothesen (also eine Theorie) wahr ist. Diese werden in der formalen Logik (Chalmers, 2007) als Deduktion bzw. Induktion bezeichnet. Fruchtbarkeit von Theorien Abbildung 5.2 (Quelle: Eigene Darstellung) Eine gute Theorie … ist einfach, aber nicht zu einfach, ist im Einklang mit anderen Theorien, stimuliert neue Forschung. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 100 101 Deduktive und induktive Logik Kapitel 5 Die Logik von deduktiven Beweisen Ein deduktives Argument besteht darin, dass auf Basis einiger weniger – möglichst allgemein anerkannter – Prämissen mit Hilfe logischer Argumente eine bestimmte Schlussfolgerung abgeleitet wird, die wahr sein muss, wenn die Gültigkeit der Prämissen anerkannt wird. Klingt kompliziert, ist aber eigentlich ganz einfach. Nehmen wir das folgende sehr häufig angeführte Beispiel eines deduktiven Beweises: 1. Prämisse: Alle Menschen sind sterblich. 2. Prämisse: Sokrates ist ein Mensch. Konklusion: Sokrates ist sterblich. Die Aussage, dass Sokrates sterblich ist, lässt sich logisch aus den Prämissen ableiten. Sie kann nicht unwahr sein, wenn die Prämissen zutreffen. Die gesamte Mathematik basiert auf dieser Art von Deduktionslogik, weswegen man am Ende eines mathematischen Beweises auch schreiben kann: „Quod erat demonstrandum“ (was zu beweisen war). Deduktiv logisch abgeleitete Konklusionen gelten übrigens für alle Ewigkeit, zumindest solange die Gültigkeit der Prämissen nicht räumlich oder zeitlich begrenzt ist. Der Satz von Pythagoras galt zu der Zeit, zu der er formuliert wurde, er galt sogar schon, bevor seine Gültigkeit überhaupt erkannt wurde und er wird auch in Zukunft noch gelten. Für alle empirisch arbeitenden Wissenschaften (wie z. B. die Psychologie, die Biologie oder Archäologie) ist diese elegante Art des Argumentierens aber leider von nur geringer Bedeutung. Stattdessen benutzen diese Disziplinen in aller Regel die Logik der Induktion. Induktive Logik und ihre Probleme Während in der deduktiven Logik aus einen allgemeinen Gesetz auf einen Einzelfall geschlossen wird, wird bei der Induktion von einem oder mehreren Einzelfällen auf ein allgemeines Gesetz geschlossen. Das Wissen über diese Einzelfälle erlangt der Wissenschaftler durch empirische Beobachtungen. Beispiel: Ein Psychologe befragt in seiner Vorlesung 100 Psychologiestudenten nach ihrem Sternkreiszeichen und danach, ob sie sich politisch eher links oder Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 101 102 Eine kurze Einführung in die WissenschaftstheorieKapitel 5 eher rechts einstufen. Tatsächlich ergibt die Befragung, dass „Stiere“ sich eher links einstufen als „Waagen“. Was lässt sich daraus folgern? Dass es in der untersuchten Stichprobe einen (statistischen) Einfluss des Horoskops auf die Parteienpräferenz gab, weiß man nun. Worum es diesem Forscher nach Abschluss einer empirischen Studie aber vor allem gehen wird, ist eine weitere Frage: Darf man von dem Ergebnis seiner Stichprobe auf eine allgemeine Gesetzmäßigkeit schließen? In unserem Beispiel geht es also darum, ob die politischen Präferenzen von Stieren ganz allgemein linker sind als die von Waagen. Ist eine solche Schlussfolgerung möglich? Als kluger Leser werden Sie wahrscheinlich einwenden, dass es sich bei diesem Ergebnis auch um einen Zufall handeln könne und sie werden fordern, dass die gleiche Studie mit einer anderen Stichprobe repliziert werde. Mal angenommen, unser Forscher untersucht daraufhin eine Stichprobe von Wirtschaftsstudenten und auch dort zeige sich das gleiche Ergebnis: Stiere wählen eher die Linke, Waagen eher die CDU. Vielleicht sind sie immer noch nicht überzeugt und verweisen darauf, dass ja bislang nur Studenten untersucht worden seien. Daraufhin führe unser Forscher eine Befragung mit 1 000 zufällig ausgewählten Bundesbürgern durch und wieder zeige sich das gleiche Ergebnis. Ist der Zusammenhang zwischen Sternkreiszeichen und Parteienpräferenz damit eindeutig nachgewiesen? Nicht wirklich, denn es könnte sein, dass in allen drei Studien durch einen zufälligen Unterschied der Stichprobe von der Grundgesamtheit Stiere weiter links standen als Waagen, ohne dass dieser Zusammenhang in der Grundgesamtheit (z. B. alle wahlberechtigten Deutschen) tatsächlich besteht. Dies ist ein häufiges Problem in den empirischen Wissenschaften: oft ist es unmöglich oder zu aufwendig, die Grundgesamtheit einer betrachteten Zielgruppe zu untersuchen. Darum wird in den meisten Fällen auf Stichproben zurückgegriffen. Dies birgt allerdings Schwierigkeiten, denn eine Stichprobe kann in ihrer Struktur zufällig von ihrer Grundgesamtheit abweichen. Abbildung 5.3: Zwei Arten der logischen Schlussfolgerung: Deduktion: Vom Allgemeinen auf den Einzelfall schließen. Induktion: Vom Einzelfall aufs Allgemeine schlie- ßen. (Quelle: Eigene Darstellung, Fotos: © Harald Lange und © Günther Ullmann – Fotolia.com) Deduktion Induktion Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 102 103 Deduktive und induktive Logik Kapitel 5 Denken wir uns z. B. eine Urne von 1 000 Murmeln, von denen 900 Murmeln weiß und 100 Murmeln rot seien. Wenn wir aus dieser Grundgesamtheit eine Stichprobe von 10 Murmeln ziehen, ist es wahrscheinlich, dass sich darunter mehr weiße als rote Murmeln befinden werden, aber es ist keineswegs ausgeschlossen, dass wir 10 rote Kugeln ziehen. Dass dies so ist, zeigt sich jede Woche bei der Ziehung der Lottozahlen. Für jeden einzelnen Lottospieler ist es höchst unwahrscheinlich, dass er sechs Richtige hat, aber für den ein oder anderen Lottospieler ist dies eben doch der Fall. Dieses Problem wird seit Hume als Induktionsproblem bezeichnet (Hume, 1739/2004). In seiner allgemeinen Form besagt dieses, dass aus einer Beobachtung von noch so vielen Einzelfällen nicht auf eine Grundgesamtheit geschlossen werden kann. Dies gilt z. B. dann, wenn wir von vergangenen Ereignissen auf zukünftige Ereignisse schließen wollen, z. B. darauf, ob morgen die Sonne aufgeht. Intuitiv werden die meisten Menschen davon ausgehen, weil bisher in ihrem Leben jeden Morgen die Sonne aufgegangen ist und es keinen Grund gibt, warum dies morgen anders sein sollte. Nur, logisch stringent ist dieser Schluss nicht. Nehmen Sie als Beispiel ein Huhn, das die Schritte seines Bauern hört, die sich dem Hühnerstall nähern. „Wie schön“, denkt sich das Huhn, „der Bauer bringt mein Futter.“ Induktiv ist dieser Schluss sehr plausibel, da der Eigentümer in der Vergangenheit jeden Morgen das Futter gebracht hat. Nur leider soll es im Hause dieses Bauern am Abend Hühnersuppe geben … (Russel 1912/2007). Nun könnte man einwenden, dass unser Huhn vielleicht einen logischen Fehler begangen hat, in den meisten Fällen induktive Schlüsse aber durchaus gerecht- Induktionsproblem Abbildung 5.4: Nicht immer gleicht ein Ei dem anderen und ist repräsentativ für alle Eier. Von Merkmalen einer Stichprobe lässt sich daher nicht immer auf die Grundgesamtheit schließen. (Quelle: Ernährungsportal Baden-Württemberg) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 103 104 Eine kurze Einführung in die WissenschaftstheorieKapitel 5 fertigt seien. Diese Argumentation würde allerdings ebenfalls auf einem Induktionsschluss beruhen, denn aus der Beobachtung, dass in der Vergangenheit Induktionsschlüsse (zumeist) richtig waren, lässt sich nicht ableiten, dass sie das auch in Zukunft sein werden. Weil die Richtigkeit einer Aussage nicht durch ein Argument belegt werden kann, welches die Richtigkeit der zu beweisenden Aussage unterstellt, kann auch die Logik des Induktionsschlusses auf diese Weise nicht bewiesen werden. Induktive Schlüsse sind somit niemals logisch gültig, das heißt ihre Richtigkeit ist niemals bewiesen. Außerhalb der Wissenschaft, in ihrem Alltagshandeln, wird diese Tatsache von den meisten Menschen im Übrigen ignoriert. Dort schließen wir ständig vom Einzelfall auf allgemeine Gesetzmäßigkeiten (Reichenbach & Kamler, 1994). Dies sollte aber nicht als Beleg für die Dummheit der Menschen oder ihre Irrationalität gesehen werden, sondern hierbei handelt es sich um eine adaptive Heuristik, die sich wie alle Heuristiken dadurch auszeichnet, nicht auf formaler Logik zu gründen und in manchen Situationen in die Irre zu führen. Aber sie ist häufig genug in der Lage, das Handeln des Menschen in die richtige Richtung zu lenken, um anderen Alternativen überlegen zu sein. Sir Karl – die Wissenschaftstheorie von Karl Popper Karl Popper ist wohl der bekannteste und einflussreichste Wissenschaftstheoretiker des letzten Jahrhunderts (der für seine Verdienste von der britischen Königin sogar geadelt wurde). Im Folgenden sollen seine wichtigsten Gedanken zu der Frage, was eine gute Theorie sei, erläutert werden. Falsifikationismus Am Beginn des 20ten Jahrhunderts waren sich zwar einige Philosophen des Induktionsproblems nach wie vor bewusst (siehe z. B. Russel 1912/2007), in den empirischen Wissenschaften aber folgte man zumeist einem naiven Induk tivismus. Eine Theorie schien umso besser, je häufiger sie in der Vergangenheit bestätigt worden ist. Vor diesem Hintergrund galt die Psychoanalyse Sigmund Freuds damals als eine empirisch gut bewährte Theorie, weil es so viele einzelne Ergebnisse und Beobachtungen gab, die ihre Gültigkeit zu stützen schienen. Popper fiel auf, dass die vielen vermeintlichen Bestätigungen der Psychoanalyse auch daher rührten, dass eigentlich jedes denkbare Ereignis als eine Bestätigung „Irrtümer haben ihren Wert; jedoch nur hier und da. Nicht jeder, der nach Indien will, entdeckt Amerika.“ Erich Kästner (1899–1974), deutscher Schriftsteller Karl Popper (1902–1994) Österreichisch-britischer Philosoph – Popper war einer der einflussreichsten Wissenschaftstheoretiker und führte u. a. den Falsifikationismus in der Wissenschaft ein. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 104 105 Sir Karl – die Wissenschaftstheorie von Karl Popper Kapitel 5 der Theorie aufgefasst werden konnte. Ein Sohn erschlägt seinen Vater? Ein wunderbares Beispiel für einen Ödipuskomplex (d. h. dem Wunsch aller Söhne, ihren Vater zu ermorden, um an dessen Stelle eine sexuelle Beziehung zu ihrer Mutter zu beginnen, Freud 1899/2009). Ein Sohn hat ein ganz inniges Verhältnis zu seinem Vater? Ein ebenso wunderbares Beispiel für einen Ödipuskomplex, der in diesem Fall allerdings verdrängt und sublimiert wird (Popper, 1963/2000). Die entscheidende Erkenntnis Poppers bestand darin, dass die Bestätigung einer Theorie kein Zeichen für ihre Gültigkeit ist, wenn die Theorie nicht zuvor angibt, welches empirische Ereignis sie falsifizieren würde. Aus dieser Erkenntnis entwickelte Popper seine eigene Wissenschaftstheorie, die als „Falsifikationismus“ bekannt geworden ist. Die Logik des Falsifikationismus lässt sich wie folgt zusammenfassen: Erstens: Vor Durchführung einer empirischen Untersuchung sollte ein Wissenschaftler möglichst präzise Hypothesen darüber aufstellen, zu welchen Ergebnissen diese Studie führen wird (solche Hypothesen sollten entweder die Form von „wenn x, dann y“ oder „je höher/niedriger x, desto höher/niedriger y“ haben). Zweitens: Eine Hypothese muss angeben, unter welchen Bedingungen sie als gescheitert (= falsifiziert) zu gelten hat. Eine Hypothese ist umso falsifizierbarer, je präziser sie ist. Eine Hypothese ist umso präziser, je größer die Menge vorstellbarer Ereignisse ist, welche diese Hypothese falsifizieren. Betrachten wir z. B. die folgenden drei Hypothesen über die Intelligenzverhältnisse von Frauen und Männern: (1) „Die Intelligenz von Männern und Frauen ist unterschiedlich.“ (2) „Frauen sind intelligenter als Männer.“ (3) „Männer sind intelligenter als Frauen hinsichtlich dreidimensionaler Rotationsaufgaben und zugleich sind Frauen intelligenter hinsichtlich der Erinnerung an die Lokation von Objekten und zugleich gibt es hinsichtlich aller anderen Intelligenzdimensionen keinen Geschlechterunterschied.“ (Zur Begründung dieser Hypothese siehe Kapitel 9) Hypothese (1.) ist am wenigsten präzise. Sie kann nur dann widerlegt werden, wenn Frauen und Männer exakt gleich intelligent sind. Hypothese (2.) ist präziser als Hypothese (1.), weil sie widerlegt ist, wenn Frauen und Männer gleich intelligent sind und wenn Männer intelligenter als Frauen sind. Die beste, weil präziseste Hypothese ist (3.). Sie ist bereits dann falsifiziert, wenn nur eine der drei Einzelhypothesen nicht zutrifft. Ödipuskomplex Präzision von Hypothesen Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 105 106 Eine kurze Einführung in die WissenschaftstheorieKapitel 5 Grundsätzlich gilt: Eine Hypothese ist umso präziser, je größer die Menge ihrer potenziellen (d. h. vorstellbaren) Falsifikatoren ist im Vergleich zur Menge aller potenziellen Ereignisse, die eine Bestätigung der Hypothese darstellen. Dabei können Theorien bzw. Hypothesen immer falsifiziert, aber niemals abschließend verifiziert werden. Das heißt: Auch wenn eine Hypothese in vielen Versuchen nicht falsifiziert werden konnte, bedeutet dies nicht, dass ihre Validität bewiesen ist. Dies hat damit zu tun, dass nahezu alle interessanten wissenschaftlichen Hypothesen als All-Aussagen und nicht als Existenzaussagen formuliert sind. Existenzaussagen haben die Form: „Es gibt ein x mit der Eigenschaft y.“ Ein Beispiel dafür ist die folgende Aussage: „Es gibt zumindest eine Schulklasse auf der Welt, in der die Mädchen im Schnitt größer sind als die Jungen.“ Existenzaussagen können immer nur verifiziert (bewiesen), aber niemals falsifiziert werden. Wenn Sie eine Schulklasse finden, in der die Mädchen tatsächlich größer sind als die Jungs, haben Sie die Aussage verifiziert. Aber auch, wenn Sie 100 oder gar 1 000 Schulklassen untersuchen, bei denen die Jungen im Schnitt immer größer als die Mädchen sind, dann können sie nicht ausschließen, dass es irgendwo auf der Welt eine Schulklasse gibt, in der das Gegenteil der Fall ist. All-Aussagen haben die Form: „Alle x haben die Eigenschaft y.“ Ein Beispiel für eine solche Aussage könnte lauten: „In allen Schulklassen sind die Jungen im Schnitt größer als die Mädchen.“ Anders als Existenzaussagen können All-Aussagen immer nur falsifiziert, aber niemals verifiziert werden. Dies liegt im obigen Beispiel daran, dass es Ihnen nicht möglich sein wird, alle Schulklassen zu überprüfen. Menge potenzieller Falsifikatoren All- und Existenzaussagen Abbildung 5.5: Alle Schwäne sind weiß. Wie die meisten wissenschaftlichen Hypothesen lässt sich auch diese Hypothese nie eindeutig bestätigen, wohl aber durch bereits ein Gegenbeispiel widerlegen. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 106 107 Sir Karl – die Wissenschaftstheorie von Karl Popper Kapitel 5 Hat Popper das Induktionsproblem wirklich gelöst? Popper ging es in seiner Wissenschaftstheorie im Wesentlichen um zwei Probleme. Zum einen wollte er ein objektives Kriterium entwickeln, anhand dessen echte Wissenschaft von Pseudowissenschaft unterschieden werden kann. Zum anderen wollte er das Induktionsproblem lösen. Bis zum Ende seines langen Lebens war Popper davon überzeugt, dass er beide Probleme gelöst hatte. Gute Wissenschaft bestehe daraus, falsifizierbare Theorien und Hypothesen zu entwickeln. Solange eine Theorie nicht falsifiziert wurde, solle an dieser – vorerst – festgehalten werden. Sobald eine Theorie aber falsifiziert sei, sei diese zu verwerfen und eine andere, alternative Theorie zu entwickeln, bis auch diese wieder falsifiert werde. Letztendlich ist aber auch Poppers Argument induktivistisch (Chalmers, 2007). Je häufiger der Versuch fehlgeschlagen ist, eine Theorie zu falsifizieren, desto mehr wird man Vertrauen in die Gültigkeit dieser Theorie haben. Daraus folgt: Von der Menge der bisher erfolglosen Falsifikationsversuche schließt man induktiv darauf, dass eine Theorie auch in Zukunft nicht falsifiziert werden wird. Auch wenn Popper somit das Induktionsproblem nicht gelöst hat, verlieren seine Anforderungen an eine gute Theorie damit nicht ihre Gültigkeit. Denn ein induktiver Schluss auf die Richtigkeit einer Hypothese – ohne den wir letztlich auch in der Wissenschaft nicht auskommen – ist umso wahrscheinlicher gültig, je präziser die Hypothese formuliert war und umso bemerkenswerter es ist, dass diese Hypothese (bislang) nicht falsifiziert werden konnte. Das Duhem-Quine Problem Vielleicht fragen Sie sich schon seit einigen Seiten, welche Bedeutung diese merkwürdigen Fragen merkwürdiger Philosophen für den Alltag wissenschaftlicher Forschung haben. Sind das nicht alles Probleme, auf die man nur kommt, wenn man zulange über etwas nachdenkt und die so abwegig sind, wie z. B. die Frage, ob es eigentlich so etwas wie eine materielle Welt gibt? Tatsächlich aber verweist dieser Gedanke auf ein sehr wichtiges Problem, nämlich auf die grundsätzliche Frage, was wir in der Wissenschaft (z. B. der Psychologie) als gesichertes Wissen ansehen können und was nicht. Zur Klärung dieser Frage ist es wichtig, sich zu fragen, wann eine Hypothese als falsifiziert betrachtet werden sollte. Dabei ist zunächst zwischen absoluten und statistischen Hypothesen zu unterscheiden. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 107 108 Eine kurze Einführung in die WissenschaftstheorieKapitel 5 Eine absolute Hypothese könnte lauten: Bei gleicher beruflicher Qualifikation verdienen alle Männer mehr als alle Frauen. Diese Hypothese wäre bereits durch eine einzige Frau falsifiziert, die (bei gleicher Qualifikation) mehr verdient als ein einziger Mann. Diese Hypothese wäre somit außerordentlich präzise (Popper wäre begeistert). Solche absoluten Hypothesen sind in den Sozialwissenschaften aber selten. Sehr viel häufiger sind dort statistische Hypothesen der Art: Bei gleicher beruflicher Qualifikation verdienen Männer im Durchschnitt mehr als Frauen. Diese Hypothese ist offensichtlich nicht bereits durch eine einzige Frau falsifiziert, die (bei gleicher Qualifikation) mehr verdient als ein einziger Mann. Hieraus sollte man nicht den Schluss ableiten, dass statistische Hypothesen keinen Aussagegehalt haben. So wären Frauen wohl beraten, sich bevorzugt bei Unternehmen zu bewerben, bei denen diese Aussage nicht zutrifft und nicht darauf zu hoffen, eine der wenigen Frauen zu werden, die tatsächlich mehr verdienen als ihre männlichen Kollegen. Sozialwissenschaftliche Hypothesen zeichnen sich allerdings nicht nur dadurch aus, dass sie statistischer und nicht absoluter Natur sind. Darüber hinaus werden sie zumeist nicht durch eine Untersuchung der betreffenden Grundgesamtheit überprüft, sondern nur anhand einer Stichprobe aus dieser Gesamtheit. Dies aber macht die endgültige Falsifikation einer Hypothese sehr schwierig. Weiter oben hatten wir den Fall diskutiert, in dem ein Psychologe durch eine Stichprobe von 1 000 Befragten herausfindet, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem Sternkreiszeichen eines Befragten und seiner politischen Orientierung. Aufgrund des Induktionsproblems kann aus dieser Stichprobe nicht der Schluss abgeleitet werden, dass es einen solchen Zusammenhang auch in der Grundgesamtheit gibt. Stellen wir uns nun vor, ein Psychologe untersuche eine Stichprobe von 1 000 Befragten und finde dort keinen Zusammenhang zwischen Sternzeichen und politischer Orientierung. Dann kann – ebenfalls aufgrund des Induktionsproblems – daraus nicht der Schluss abgeleitet werden, dass es einen solchen Zusammenhang in der Grundgesamtheit nicht vielleicht doch gibt, da sich die untersuchte Stichprobe zufällig von der Grundgesamtheit unterscheiden könnte. Zudem können Stichproben auch systematisch verzerrt sein, was immer dann der Fall ist, wenn die einzelnen Elemente eine unterschiedliche Wahrscheinlichkeit haben, zu einem Element der Stichprobe zu werden. Noch aus einem anderen Grund aber ist es schwierig, anzugeben, ob eine Hypothese (endgültig) verworfen werden soll. Wenn in einer bestimmten Untersu- Absolute Hypothesen Statistische Hypothesen Verzerrung von Stichproben Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 108 109 Sir Karl – die Wissenschaftstheorie von Karl Popper Kapitel 5 chung eine bestimmte Hypothese empirisch falsifiziert wird, dann kann dies – unabhängig von Problemen der Stichprobengenerierung – nämlich auch daran liegen, dass die in der Hypothese enthaltenen Variablen falsch operationalisiert wurden. In unserem Beispiel sind in der Hypothese drei Variablen enthalten: 1) Formale berufliche Qualifikation, 2) Geschlecht und 3) Einkommen. Das Geschlecht einer Person lässt sich vermutlich relativ unproblematisch messen, aber die Messung von Einkommen und beruflicher Qualifikation ist keineswegs trivial. Wie sollte z. B. das Einkommen erhoben werden? Als monatlicher Nettoverdienst oder als jährliches Bruttoeinkommen? Wie soll die Höhe von Sonderzahlungen wie z. B. Boni oder Umsatzbeteiligungen erfasst werden? Vermutlich noch gravierendere Probleme gibt es, wenn festgestellt werden soll, ob zwei Personen die gleiche berufliche Qualifikation aufweisen. Ist damit lediglich der formale Bildungsabschluss gemeint? Welche Rolle spielen die Berufserfahrung oder bisherige berufliche Leistungen? Abstrakter formuliert: Wenn eine wissenschaftliche Hypothese falsifiziert wird, so kann dies daran liegen, dass sie nicht zutrifft oder daran, dass die Art und Weise, in der die in der Hypothese enthaltenen Variablen gemessen wurden, inadäquat war. Diese Erkenntnis ist auch als Duhem-Quine These bekannt (benannt nach den beiden Philosophen, die sie entwickelt haben) (Duhem 1906/1998; Quine, 1951). Willard Van Orman Quine (1908–2000) US-amerikanischer Erkenntnisphilosoph und Logiker – Quine verallgemeinerte die zuvor von dem französischen Physiker und Wissenschaftstheoretiker Pierre Duhem für physikalische Theorien entwickelte These, dass eine Hypothese nie durch eine einzelne Beobachtung bestätigt oder widerlegt werden kann. Abbildung 5.6: Alles nur ein Messfehler? Ebenso wie Radargeräte oft ungenaue Angaben liefern, kämpft die Wissenschaft damit, richtige Messmethoden zu finden. (© styleuneed – Fotolia.com) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 109 110 Eine kurze Einführung in die WissenschaftstheorieKapitel 5 Fassen wir zusammen: Wenn eine Hypothese empirisch bestätigt wird, dann heißt dies nicht, dass diese Hypothese tatsächlich wahr ist. Wenn eine Hypothese empirisch falsifiziert wird, dann heißt dies nicht, dass diese Hypothese tatsächlich unwahr ist. Was bedeutet dies für den Fortschritt der Wissenschaft? Es bedeutet nicht, dass alle Theorien gleich gut oder gleich schlecht sind, weil sich empirisch ohnehin keine Aussagen über ihre Gültigkeit machen lassen. Sondern es bedeutet, dass wir auch in der Wissenschaft letzten Endes nie absolutes Wissen erlangen und an einem induktiven Vorgehen nicht vorbeikommen. Wir versuchen, der Wahrheit so nah wie möglich zu kommen, in dem wir die Hypothesen einer Theorie präzise formulieren und diese immer wieder der möglichen Falsifizierung aussetzen. Dies beinhaltet aber auch, dass wir eine wohl bewährte Theorie nicht sofort aufgeben sollten, wenn sie in einer bestimmten Untersuchung falsifiziert werden sollte. Von dem ungarischen Wissenschaftsphilosophen Imre Lakatos (1977) ist in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen worden, dass bei Theorien zwischen ihrem harten Kern und peripheren Annahmen unterschieden werden sollte. Wenn eine Theorie falsifiziert werde, so sei es sinnvoller, zunächst die peripheren Annahmen zu verändern als sofort den harten Kern aufzugeben. Um diesen Gedanken zu veranschaulichen, betrachten wir nun beispielhaft die moderne Evolutionspsychologie. Der Kern dieser Theorie ließe sich in folgenden Aussagen zusammenfassen: (1) Menschliches Denken, Fühlen und Handeln ist durch die Evolutionsgeschichte zu erklären. (2) Unsere Psyche ist als Adaptation an eine Existenz als Jäger und Sammler zu verstehen. (3) Adaptationen haben die Funktion, die reproduktive Fitness eines Individuums zu erhöhen. Die Tatsache, dass einige Menschen Selbstmord begehen, erscheint als Widerspruch zu Aussage (3), da selbstmörderisches Verhalten die reproduktive Fitness einer Person senkt. Eine radikale Möglichkeit bestünde deshalb darin, die gesamte Theorie aufzugeben. Dies wäre aber nach Lakatos schon deshalb nicht sinnvoll, weil es für nahezu alle Theorien empirische Daten gibt, die nicht im Einklang mit der Theorie stehen. Alternativ könnte versucht werden, ex post Gründe zu finden, warum der empirische Befund keineswegs im Widerspruch mit dem Kern der Theorie steht, Fortschritt der Wissenschaft Imre Lakatos (1922–1974) Ungarischer Wissenschaftstheoretiker – Lakatos kritisierte den „naiven Falsifkationismus“ Poppers. Er war der Ansicht, eine Theorie sei nicht zwingend falsch, wenn sie mit der empirischen Wirklichkeit nicht überein zustimmen scheint, da oft nur einzelne Elemente und nicht die ganze Theorie im Widerspruch zur Empirie stehe. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 110 111 Was für eine gute Theorie irrelevant ist Kapitel 5 sondern diesen sogar stützt. So könnte man z. B. argumentieren, dass mancher Selbstmörder (z. B. ein pflegebedürftiger und kranker alter Mensch) durch sein Handeln eine Last von seiner Familie nehme und dadurch indirekt sogar seine reproduktive Fitness erhöhe, weil er die Reproduktionschancen derjenigen seiner Gene fördere, die auch bei seinen Verwandten vorhanden seien (deCatanzaro, 1981). Von Popper ist allerdings zurecht darauf hingewiesen worden, dass solche ex post Interpretationen die Gefahr implizieren, eine Theorie gegen Einwände zu immunisisieren. Deshalb sollten solche Umformulierungen und Erweiterungen einer Theorie so angelegt sein, dass sich aus ihnen neue empirisch überprüfbare und falsifizierbare Hypothesen ableiten lassen. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, empirische Widersprüche zu einer Theorie anzuerkennen und als solche auch stehen zu lassen, wegen der insgesamt hohen Bewährung der Theorie aber dennoch an ihr festzuhalten. Intellektuell ist ein solches Vorgehen oftmals redlicher als der Versuch, einer Theorie widersprechende Daten ex post doch noch mit ihr zu versöhnen. In Kapitel 15 werden wir uns ausführlich damit beschäftigen, warum Menschen (und auch Wissenschaftler sind ja Menschen) oftmals Probleme haben, solche Widersprüche auszuhalten. Was für eine gute Theorie irrelevant ist Nachdem wir uns mit der Frage beschäftigt haben, was für die Bewertung einer Theorie positiv ist, wollen wir im Folgenden erläutern, was für die Bewertung einer Theorie nicht von Bedeutung ist. Wenn Laien Hypothesen über menschliches Verhalten aufstellen, so werden diese oftmals introspektiv begründet, d. h. als Laie überlegt man, wann und warum man selbst zu bestimmten Verhalten neigt. Wenn z. B. jemand darüber nachdenkt, warum sein bester Freund sich so häufig aggressiv verhält, so wird er zunächst darüber nachdenken, wann er denn selber zu Aggressionen neigt und diese Erkenntnisse auf seinen Freund übertragen. Viele Ratschläge, die Menschen einander geben, beginnen denn auch mit dem Satz: „Also, bei mir ist das so …“ Bei der Generierung einer wissenschaftlichen Theorie kann eine solche Introspektion jedoch allenfalls in einem frühen Stadium bei der Generierung allererster Ideen hilfreich sein, sie sollte aber nicht als empirischer Beleg für die Richtigkeit einer Hypothese verwandt werden. Dies hat zwei Gründe: Zum einen fußt die gesamte Stichprobe auf nur einer Person, zum anderen haben Menschen introspektiv nur einen sehr limitierten Zugang zu ihren eigenen Gedanken, Gefühlen und Motiven (siehe Kapitel 2 und Kapitel 3). Gefahr von ex post I nterpretationen Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 111 112 Eine kurze Einführung in die WissenschaftstheorieKapitel 5 Ganz allgemein ist der Verweis auf Einzelbeispiele nur wenig geeignet, eine bestimmte Hypothese zu untermauern. Weiter oben hatten wir diskutiert, dass die meisten Hypothesen in den Sozialwissenschaften statistischer Natur sind, die durch ein einzelnes Beispiel weder bestätigt noch falsifiziert werden können. Nehmen wir das Beispiel eines Mannes, der über Jahre hinweg in Massen geraucht, getrunken und viel zu wenig geschlafen hat, aber ohne schwere Erkrankung 100 Jahre alt wird – solche Menschen gibt es. Aber ein solches Beispiel ist keineswegs dazu geeignet, die Theorie zu widerlegen, dass Raucher hochgradig krebsgefährdet sind und Alkoholiker Gefahr laufen, an einer Leberzirrhose zu erkranken. Dies gilt im Übrigen auch für den Fall, dass jemand in der Lage ist, eine große Anzahl an Gegenbeispielen zu generieren. So wird z. B. die bereits mehrfach erwähnte Hypothese, dass Frauen bei gleicher beruflicher Qualifikation im Schnitt weniger verdienen als Männer, weder durch ein noch durch beliebig viele Gegenbeispiele widerlegt. Auch subjektive Überzeugungsstärke ist kein Beleg für die Richtigkeit einer Hypothese. So waren etwa während des Nationalsozialismus viele Deutsche davon überzeugt, dass es sich bei „Juden“ und „Ariern“ um zwei verschiedene menschliche Rassen handelt, die sich in ihrem Wesen grundlegend unterscheiden, obwohl diese Hypothese nicht zutreffend ist. Ebenso unbedeutend für die Gültigkeit einer wissenschaftlichen Hypothese ist der Verweis auf Autoritäten, Ideologien oder Religionen. So ist z. B. eine Hypothese nicht schon alleine deshalb wahr (oder unwahr), weil sie aus der Bibel, dem Koran oder dem kommunistischen Manifest abgeleitet werden kann. Ebenso wenig ist eine Theorie schon alleine deshalb wahr, weil sie von einem Nobelpreisträger entwickelte wurde. Stattdessen sollten sich kritische Einzelbeispiele „If history and science have taught us anything, it is that passion and desire are not the same as truth.“ E. O. Wilson, US-Amerikanischer Insektenkundler und Biologe Subjektive Überzeugungsstärke Verweis auf Autoritäten „Wer sich in einer Diskussion auf eine Autorität beruft, gebraucht nicht den Verstand, sondern sein Gedächtnis.“ Leonardo da Vinci (1452–1519), Künstler Abbildung 5.7: Religion, politische Führer und jegliche Art von Ideologie beanspruchen für sich zwar meist, der Inbegriff der Wahrheit zu sein, doch als Wissenschaftler, darf man sich auf nichts außer auf nachvollziehbare Forschungsergebnisse verlassen (© Imagemaker – Fotolia.com) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 112 113 Was für eine gute Theorie irrelevant ist Kapitel 5 Wissenschaftler bei der Bewertung einer Theorie stets und ausschließlich auf ihr eigenes Urteilsvermögen verlassen. Für die Beurteilung des Wahrheitsgehalts einer Theorie ist es darüber hinaus vollkommen irrelevant, ob diese mit unseren persönlichen Werten in Einklang steht oder nicht. Dieser Grundsatz der Werturteilsfreiheit empirischer Forschung findet sich bereits bei David Hume und wird in den Sozialwissenschaften zumeist auf Max Weber zurückgeführt (Weber, 1917/1988). In Kapitel 1 hatten wir bereits diskutiert, dass aus einem Sollen logisch kein Sein und aus einem Sein logisch kein Sollen geschlussfolgert werden kann. Nehmen wir als Beispiel die Forschung eines Psychologen zu der Hypothese, dass durch eine bestimmte Art von Werbung (z. B. durch Spots mit Prominenten) Jugendliche dazu animiert werden können, mit dem Rauchen zu beginnen. Eine solche Hypothese ließe sich z. B. aus der in Kapitel 4 diskutierten Theorie des Modelllernens von Bandura ableiten. Die einer solchen Forschung zugrunde liegende Hypothese kann entweder wahr oder unwahr sein. Diese Frage aber ist vollkommen unabhängig davon, wie man eine solche Werbekampagne unter ethischen Gesichtspunkten bewertet. Um dieses Argument besser zu verstehen, ist es sinnvoll, den Forschungsprozess zu untergliedern (Reichenbach, 1938). Im Entdeckungszusammenhang geht es zunächst darum, ein Forschungsthema zu wählen und mögliche Untersuchungsmethoden zu generieren. Der Begründungszusammenhang beinhaltet die wissenschaftliche Überprüfung vorab aufgestellter Hypothesen. Im Verwertungszusammenhang schließlich geht es darum, wie die gewonnenen empirischen Ergebnisse praktisch angewandt werden sollen. Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass der Begründungszusammenhang vollkommen a-moralisch ist. Dort besteht das einzige Kriterium in der Wahrheit der untersuchten Theorie, nicht jedoch in ihrer moralischen Bewertung. Jeder Wissenschaftler hat allerdings im Entdeckungszusammenhang das Recht, sich dafür zu entscheiden, aufgrund eigener moralischer Werthaltungen bestimmte Themen zu untersuchen bzw. nicht zu untersuchen. Ähnliches gilt für den Verwertungszusammenhang. So mag sich z. B. ein Psychologe weigern, für die Tabakindustrie Manipulationswissen zu generieren oder bestimmte Erkenntnisse an die Tabakindustrie weiterzuleiten. Werturteilsfreiheit von Forschung Entdeckungs-, Begründungs- und Verwertungszusammenhang Max Weber (1864–1920) Deutscher Soziologe und Nationalökonom – Im Gebiet der Wissenschaftstheorie ist Weber vor allem für seine Forderung nach Werturteilsfreiheit bekannt. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 113 114 Eine kurze Einführung in die WissenschaftstheorieKapitel 5 Exkurs: Wissenschaftler und Künstler Zum Abschluss dieses Kapitels soll es um die Frage gehen, was eigentlich einen Wissenschaftler von einem Künstler unterscheidet. Ein wichtiger Unterschied zwischen Beiden liegt darin, dass das Produkt eines Künstlers – sei es das eines Malers, eines Komponisten oder das eines Schriftstellers – immer etwas einzigartiges ist, etwas neu Geschaffenes, was so und in dieser Form nur durch diesen Künstler und wahrscheinlich auch nur zu einer ganz bestimmten Zeit geschaffen werden konnte: Ohne Mozart keine Mozartsymphonie, ohne Thomas Mann keine Buddenbrooks. Ein anderer Unterschied zwischen Kunst und Wissenschaft betrifft die Rolle des einzelnen Menschen, der wissenschaftlich oder künstlerisch tätig ist. Ein jeder Künstler ist einsam und er muss es sein, denn alle bedeutende Kunst ist immer das Werk einzelner Menschen, die sich der Schaffung eines bestimmten Kunstwerks verschrieben haben. In der Wissenschaft ist dies anders. Das heißt nicht, dass Schriftsteller und ganz allgemein Künstler nicht durch andere beeinflusst werden. Aber Hesse hat den „Steppenwolf“ geschrieben und Thomas Mann den „Zauberberg“. Ein gemeinsames Werk mit Thomas Mann als Erst- und Hesse als Zweitautor gibt es hingegen nicht und es ist auch nicht ganz leicht vorstellbar. Gute Wissenschaft hingegen ist oftmals Teamwork und die Mehrzahl aller wissenschaftlichen Publikationen erfolgt heute nicht mehr durch einzelne Autoren, sondern durch mehrere Koautoren. Halten wir also fest: Kunst und Wissenschaft unterscheiden sich darin, dass ein einzelner Künstler etwas Einzigartiges schafft, das ohne die Person des Wissenschaft als Teamwork Abbildung 5.8: Die Mitarbeiter des Instituts für Wirtschafts- und Sozialpsychologie der Universität Köln. Auch der Autor dieses Buches (Mitte im gestreiften Poloshirt) arbeitet im Team. (Quelle: Institut für Wirtschafts- und Sozialpsychologie der Universität Köln) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 114 115 Was für eine gute Theorie irrelevant ist Kapitel 5 Künstlers nie geschaffen worden wäre. Ein Wissenschaftler hingegen entdeckt etwas, das auch ganz ohne sein Zutun immer schon da war und immer da sein wird. Denn genau dies ist ja die Aufgabe von Wissenschaft: die Entdeckung allgemeingültiger Gesetze, deren Gültigkeit völlig unabhängig von der Person des Wissenschaftlers ist, der sie entdeckt. Ein guter Wissenschaftler ist jemand, der einen Teil der objektiven Realität etwas früher erfasst hat als seine Kollegen, aber der Gang einer jeden echten Wissenschaft ist letzten Endes unabhängig von den Persönlichkeiten der in ihr tätigen Menschen. Ein Beispiel hierfür ist die Evolutionstheorie von Charles Darwin. Darwin zögerte lange mit der Publikation seiner Theorie, weil er – zu Recht – fürchtete, mit ihr einen Sturm der moralischen Entrüstung auszulösen. Aber als Russel Wallace, ebenfalls britischer Naturforscher, ihm ein Manuskript schickte, das die Grundgedanken seiner eigenen Theorie enthielt, beeilte Darwin sich damit, seine eigene Theorie zu publizieren, um von seinen Kollegen und der Nachwelt als Schöpfer der Evolutionstheorie anerkannt zu werden (Wuketits, 2005). Dieses Beispiel verweist noch auf einen anderen Aspekt von Wissenschaft: Gute Wissenschaft ist immer kumulativ, d. h. die Wissenschaftler einer Disziplin wissen heute mehr als ihre Kollegen vor 100 Jahren oder noch vor 10 Jahren wussten. Das bedeutet jedoch auch, dass der nächste Schritt einer Wissenschaft niemals zufällig ist und niemals – zumindest ausschließlich – in der Genialität des Wissenschaftlers begründet ist, der diesen nächsten Schritt tut. Im Gegenteil: der nächste Schritt liegt immer gleichsam in der Luft und derjenige wird den Ruhm davon tragen, der den nächsten Schritt als ersten tut. Dies gilt im Übrigen nicht nur für Wissenschaftler, sondern auch für Erfinder. Jede technische Innovation ist letztendlich die Ausnutzung von physikalischen Gesetzmäßigkeiten, deren Gültigkeit völlig unabhängig vom Vorhandensein einer bestimmten technischen Innovation ist oder nicht. Das heißt aber auch, dass alle zukünftigen technischen Innovationen, die denkbar sind, nur darauf warten, irgendwann erfunden zu werden. Wenn man diese Argumentation anerkennt, dann bedeutet dies zugleich, dass das gesamte Wissen der Menschheit und der Stand ihrer Technologie keineswegs richtungslos sind oder sich im Kreis drehen, sondern dann folgt die technologische und wissenschaftliche Entwicklung der Menschheit einer gewissen Eigengesetzlichkeit und durchaus einer bestimmten Richtung – nämlich der Richtung einer zunehmenden Komplexität und Reife. Kumulativität wissenschaftlicher Erkenntnis Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 115 116 Eine kurze Einführung in die WissenschaftstheorieKapitel 5 Studentenfutter Chalmers, A. F. (2007). Wege der Wissenschaft: Einführung in die Wissenschaftstheorie. Berlin: Springer. Musgrave, R. A. (1993). Alltagswissen, Wissenschaft und Skeptizismus. Tübingen: Mohr. Kurz und gut 1. Unter einer Theorie wird ein System von Hypothesen verstanden, das sich auf einen Ausschnitt der Realität bezieht und Aussagen darüber macht, in welcher kausalen Beziehung bestimmte Variablen zueinander stehen. 2. Auch Theorien, die auf grundlegend falschen Annahmen beruhen, können zu validen Vorhersagen führen. 3. Theorien sind umso besser, je widerspruchsfreier und einfacher sie sind, je größer die Menge der Phänomene ist, die sie erklären können, je mehr sie im Einklang mit anderen, bewährten Theorien stehen und je mehr sie in der Lage sind, neue und innovative Forschung zu stimulieren. 4. „Eine Theorie sollte so einfach wie möglich sein, aber nicht einfacher“ (Albert Einstein). 5. Während in der deduktiven Logik aus einen allgemeinen Gesetz auf einen Einzelfall geschlossen wird, wird bei der Induktion von einem oder mehreren Einzelfällen auf ein allgemeines Gesetz geschlossen. 6. Das Induktionsproblem besagt, dass aus noch so vielen Einzelfällen nicht auf ein allgemeines Gesetz geschlossen werden kann. 7. Eine Hypothese ist umso präziser, je größer die Menge vorstellbarer Ereignisse ist, welche diese Hypothese falsifizieren. 8. Wenn eine Hypothese empirisch bestätigt wird, dann heißt dies nicht, dass sie tatsächlich wahr ist. Wenn eine Hypothese empirisch falsifiziert wird, dann heißt dies nicht, dass diese Hypothese tatsächlich unwahr ist. 9. Der Verweis auf Autoritäten, Ideologien oder Religionen ist kein Beleg für die Richtigkeit einer Theorie bzw. Hypothese. 10. Wissenschaft ist stets wertneutral: Aus einem Sollen kann logisch kein Sein und aus einem Sein kann logisch kein Sollen abgeleitet werden. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 116 Kapitel 6 Psychologie als Wissenschaft Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 117

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Zusammenfassung

Vorteile

- Die psychologischen Grundlagen für das wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Studium: von der Allgemeinen über die Sozial- bis zur Wahrnehmungspsychologie

- Kompakter Aufbau

- Komplett vierfarbig

Zum Werk

In den Wirtschaftswissenschaften gilt das Bild des rational denkenden Menschen als überholt. Kenntnisse aus der Psychologie spielen dagegen eine immer größere Bedeutung für die Analyse, was sich nicht zuletzt in der aktuellen Diskussion um die Glücksforschung widerspiegelt.

Dieses Lehrbuch führt Wirtschaftswissenschaftler an die Grundlagen der Psychologie heran und stellt dar, wie sie das menschliche Verhalten (und damit auch das für die Wirtschaftwissenschaften wichtige Entscheidungsverhalten) beeinflussen.

Autor

Prof. Dr. Detlef Fetchenhauer ist Direktor des Instituts für Wirtschafts- und Sozialpsychologie an der Universität zu Köln. Er lehrt darüber hinaus an der Universität Wien.

Zielgruppe

Für Studierende der Wirtschaftswissenschaften an Universitäten und Fachhochschulen sowie Studierende, die im Nebenfach Psychologie belegen müssen (z.B. Lehramt).