8. Kapitel: Die Erfassung der wirtschaftlichen Entwicklung in:

Michael Frenkel, Klaus Dieter John

Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, page 132 - 154

7. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3763-8, ISBN online: 978-3-8006-4307-3, https://doi.org/10.15358/9783800643073_132

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

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Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 125 8. Kapitel: Die Erfassung der wirtschaftlichen Entwicklung Die im Rahmen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung ermittelten und zusammengestellten Wirtschaftsdaten bilden eine wichtige Grundlage für die Erfassung der wirtschaftlichen Lage und Entwicklung eines Landes. Dies soll im Folgenden anhand einiger praktischer Beispiele gezeigt werden. Wegen der unterschiedlichen Fragestellungen soll dabei zwischen lang- und kurzfristiger Betrachtung der ökonomischen Entwicklung differenziert werden. 1. Langfristige Betrachtung: Wirtschaftswachstum Die langfristige Entwicklung der meisten industrialisierten Volkswirtschaften ist durch ein mehr oder minder stark ausgeprägtes Wirtschaftswachstum gekennzeichnet. Das wirtschaftliche Wachstum – gemessen etwa durch die langfristige Entwicklung des realen Bruttoinlandsprodukts – wird im Allgemeinen auf drei Ursachen zurückgeführt: Mehreinsatz des Produktionsfaktors Arbeit, Mehreinsatz des Produktionsfaktors Kapital und technologischer Fortschritt. Alle drei Ursachen führen jede für sich oder im Zusammenspiel dazu, dass die betreffende Volkswirtschaft in der Lage ist, einen immer größeren Güterberg zu produzieren: Das Produktionspotential dieser Wirtschaft wächst. Die Erfassung und quantitative Charakterisierung der beiden Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital sowie des Produktionspotentials einer Wirtschaft sind Gegenstand der folgenden Abschnitte. Auf den technologischen Fortschritt soll hier nicht weiter eingegangen werden. A. Der Produktionsfaktor Arbeit Das Statistische Bundesamt veröffentlicht Angaben über Erwerbstätige und beschäftigte Arbeitnehmer im Inland für 60 Produktionsbereiche. Einen Überblick über die zeitliche Entwicklung seit 1970 – allerdings nicht nach Produktionsbereichen aufgeschlüsselt – gibt Tabelle 8-1. Ausgangspunkt der im Folgenden zu erstellenden und in Abbildung 8-1 dargestellten Systematik ist die Bevölkerung (Einwohnerzahl). Sie umfasst alle Personen, die ihren ständigen Wohnsitz im Bundesgebiet haben. Die Staatsangehörigkeit spielt dabei keine Rolle. Insbesondere gehören zur Bevölkerung demnach auch ausländische Arbeitnehmer, die zwar keine deutsche Staatsangehörigkeit haben, deren ständiger Wohnsitz sich aber im Bundesgebiet befindet. Die Bevölkerung lässt sich in Erwerbspersonen und Nichterwerbspersonen einteilen. Es wird davon ausgegangen, dass Nichterwerbspersonen nicht am Erwerbsleben Dritter Teil: Inlandsproduktsberechnung in der Bundesrepublik 8. Kapitel: Die Erfassung der wirtschaftlichen Entwicklung Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 126 Dritter Teil: Inlandsproduktsberechnung in der Bundesrepublik126 Jahr Ein wohner Erwerbs personen Erwerbstätigkeit Erwerbstätige Inländer Pendler saldo Erwerbs tätige im InlandInsge samt Beschäf tigte Arbeit nehmer Selb stän dige 1000 Personen 1970 1975 1980 1985 1990 1995 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 60 651 61 829 61 566 61 024 63 254 81 661 82 188 82 340 82 482 82 520 82 501 82 464 82 366 82 263 82 120 81 875 81 744 26 798 26 947 27 978 29 683 31 829 40 774 42 175 42 402 42 517 42 551 42 956 43 314 43 246 43 253 43 357 43 398 43 298 26 695 26 334 27 495 27 707 30 406 37 546 39 038 39 209 38 994 38 633 38 796 38 741 38 996 39 651 40 216 40 171 40 368 22 354 22 738 24 341 24 646 27 301 33 797 35 123 35 226 34 991 34 560 34 574 34 386 34 605 35 215 35 783 35 762 35 952 4 341 3 596 3 154 3 061 3 105 3 749 3 915 3 983 4 003 4 073 4 222 4 355 4 391 4 436 4 433 4 409 4 416 –106 –86 –75 –99 3 55 106 107 102 93 84 94 79 73 60 100 115 26 589 26 248 27 420 27 608 30 409 37 601 39 144 39 316 39 096 38 726 38 880 38 835 39 075 39 724 40 276 40 271 40 483 Tab. 8-1: Bevölkerung, Erwerbspersonen, Erwerbstätigkeit in Deutschland Quelle: Statistisches Bundesamt (2011b), Tab. 1.1.11 und 1.1.12 Abb. 8-1: Bevölkerung und Erwerbstätigkeit Bevölkerung (Einwohner) Erwerbspersonen Nichterwerbspersonen Erwerbslose bzw. Arbeitslose Erwerbstätige Beschäftigte Arbeitnehmer Selbständige (einschl. mithelfender Familienangehöriger) Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 127 8. Kapitel: Die Erfassung der wirtschaftlichen Entwicklung 127 teilnehmen und auch nicht teilnehmen wollen. Zu den Nichterwerbspersonen gehören beispielweise Rentner, Ehepartner ohne Erwerbstätigkeit sowie Kinder. Die Erwerbspersonen umfassen Erwerbstätige und Arbeitslose bzw. Erwerbslose. Als Erwerbstätige gelten alle Personen, die (mindestens) einer Erwerbstätigkeit nachgehen, wobei die Dauer der vertragsmäßigen oder der tatsächlich geleisteten Arbeitszeit keine Rolle spielt. Ebensowenig kommt es darauf an, ob aus der Erwerbstätigkeit der überwiegende Lebensunterhalt bestritten wird. Als erwerbstätig gilt also z. B. auch ein Rentner, der seine Rente durch Zeitungsaustragen aufbessert. Nicht als Erwerbstätigkeit angesehen wird dagegen das Erzielen von Einkommen aus Immobilien- oder Wertpapiervermögen. Wie Tabelle 8-1 zeigt, ist die Zahl der Erwerbspersonen langfristig gestiegen. Ein großer Teil dieses Anstiegs ist auf den Zuzug ausländischer Arbeitnehmer zurückzuführen. Ende der achtziger Jahre hat sich die Einwohnerzahl insbesondere wegen des Zuzugs von Aus- und Übersiedlern erhöht. Der zwischen 1990 und 1995 zu beobachtende Sprung spiegelt den Effekt der deutschen Wiedervereinigung wider. Nicht alle Erwerbspersonen sind erwerbstätig. Diejenigen Erwerbspersonen, die nicht erwerbstätig sind, bezeichnet man als erwerbslos bzw. als arbeitslos. In Deutschland sind beide Begriffe nicht deckungsgleich. Zu den Erwerbslosen gehören alle Personen ●● ohne Arbeitsverhältnis, ●● die mindestens 15 Jahre alt sind und ●● sich um eine Arbeitsstelle bemühen. Personen, auf die diese Kriterien zutreffen, gelten als erwerbslos, unabhängig davon, ob sie bei der zuständigen Arbeitsagentur als arbeitslos gemeldet sind oder nicht. Zu den Arbeitslosen werden nach der Definition der Bundesagentur für Arbeit alle Personen gezählt, die ●● ohne Arbeit sind bzw. nur einer geringfügigen Tätigkeit im Sinne des Sozialversicherungsgesetzes nachgehen, ●● keine Schüler, Studenten oder Teilnehmer an beruflichen Bildungsmaßnahmen sind, ●● nicht Empfänger von Altersrente sind, ●● das 65. Lebensjahr noch nicht vollendet haben, ●● eine mindestens 15 Stunden wöchentlich umfassende Beschäftigung suchen, ●● für die Arbeitsaufnahme sofort zur Verfügung stehen, ●● sich persönlich bei dem für sie zuständigen Arbeitsamt als arbeitssuchend haben registrieren lassen. Einerseits ist der Begriff der Erwerbslosigkeit umfassender als der Begriff der Arbeitslosigkeit, weil als Erwerbslos alle Personen gelten, die keine Arbeit haben, aber eine suchen. Sie gelten auch dann als erwerbslos, wenn sie die Arbeitslosigkeitskriterien der Bundesanstalt für Arbeit nicht erfüllen. Andererseits ist aber zu beachten, dass zu den Arbeitslosen auch die Personen zählen, Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 128 Dritter Teil: Inlandsproduktsberechnung in der Bundesrepublik128 die einer geringfügigen Beschäftigung nachgehen. Diese Personen gelten aber nicht als erwerbslos. Abbildung 8-2 illustriert diese Zusammenhänge und ist folgendermaßen zu interpretieren: Im 1.  Quartal wurden 5,1 Mio. Personen als arbeitslos und 4,2 Mio. Personen als erwerbslos erfasst. Die Schnittmenge der beiden Messverfahren besteht aus den 2,9 Mio. Personen, die sowohl als arbeitslos als auch als erwerbslos gezählt wurden. Als arbeitslos, nicht aber als erwerbslos galt eine Gruppe von 2,2 Mio. Menschen. Als erwerbslos, nicht aber als arbeitslos galten 1,3 Mio. Personen. (Mit den üblichen, der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellten Daten lässt sich diese Abgrenzung nicht vornehmen. Vielmehr ist eine Sonderaufbereitung der Daten erforderlich, die vom Statistischen Bundesamt nur unregelmäßig und in größeren Abständen vorgenommen wird.) Die Erwerbstätigkeit bzw. die Erwerbslosigkeit (bzw. Arbeitslosigkeit) wird nicht aus einer einzelnen Primärstatistik, sondern vielmehr aus einer ganzen Reihe von Statistiken ermittelt, die überwiegend anderen Zwecken dienen. Die zentrale Informationsquelle ist aber der Mikrozensus, eine Stichprobe, die jährlich bei einem Prozent aller Haushalte erhoben wird. Da die Daten zur Erwerbstätigkeit auf Monatsbasis benötigt und veröffentlicht werden, muss der Mikrozensus durch Informationen aus anderen Quellen ergänzt werden. Dabei handelt es sich aber um Statistiken, die nur einzelne Segmente der Erwerbstätigkeit erfassen, z. B. Erhebungen in einzelnen Wirtschaftsbereichen oder die Statistik der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Daher sind zur Ermittlung der Monatswerte für die Erwerbstätigkeit aufwendige Umrechnungen, Ergänzungen, Bereinigungen und Schätzungen erforderlich. Die Zahl der Erwerbspersonen ergibt sich dann als Summe von Erwerbstätigen und Erwerbslosen (bzw. Arbeitslosen); die Zahl der Nichterwerbspersonen folgt als Differenz von Einwohnerzahl und Erwerbspersonen. Abb. 8-2: Vergleich von „Arbeitslosigkeit“ und „Erwerbslosigkeit“ (1.  Quartal 2005) Quelle: Sacher (2005) „nur“ erwerbslos: 1,3 Mio. erwerbslos und arbeitslos: 2,9 Mio. „nur“ arbeitslos: 2,2 Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 129 8. Kapitel: Die Erfassung der wirtschaftlichen Entwicklung 129 Innerhalb der Gruppe der Erwerbstätigen wird weiter unterschieden zwischen Selbständigen (einschließlich mithelfender Familienangehöriger) und nichtselbständig beschäftigten Arbeitnehmern. Zu den Selbständigen zählen beispielsweise selbständig freiberuflich Tätige, selbständige Landwirte und in ihren Unternehmen tätige Eigentümer von Einzelunternehmen oder Personengesellschaften. Zu den beschäftigten Arbeitnehmern zählen alle, die in einem abhängigen Arbeits- oder Dienstverhältnis stehen und diese Tätigkeit hauptsächlich ausüben. Aus Tabelle 8-1 geht hervor, dass die Zahl der beschäftigten Arbeitnehmer im Jahr  1990 um knapp 5  Mio. Personen über der des Jahres 1970 lag. In den Jahren nach der Vereinigung kam es vorübergehend zu einem Rückgang. Seit 1997 nimmt die Zahl der beschäftigten Arbeitnehmer wieder zu und hat in jüngster Zeit mit 35,8 Mio. Personen einen historischen Höchststand erreicht. Die Zahl der Selbständigen hat sich zwischen 1970 und 1990 von 4,4 Mio. auf 3,1 Mio. deutlich vermindert. Nach 1991 hat die Zahl der Selbständigen wieder zugenommen. Mittlerweile hat sie wieder das Niveau von 1970 erreicht. Der Rückgang bei den Selbständigen in den 1970er und 1980er Jahren ist zu einem großen Teil auf strukturelle Veränderungen im Bereich der Landwirtschaft zurückzuführen. Durch das Wechseln von ehemals selbständigen Landwirten in eine abhängige Beschäftigung erhöhte sich gleichzeitig die Anzahl der beschäftigten Arbeitnehmer. Eine noch größere Bedeutung für die Zunahme der Zahl von beschäftigten Arbeitnehmern hatte in der Vergangenheit der Zuzug von ausländischen Arbeitnehmern. In jüngerer Zeit wird die Entwicklung vor allem durch die ins Arbeitsleben tretenden geburtenstarken Jahrgänge sowie durch den Zuzug von Aus- und Übersiedlern bestimmt. Auch bei den Erwerbstätigen führt die Berücksichtigung Gesamtdeutschlands für das Jahr 1991 zu einem erheblichen Sprung. Der seit den 1990er Jahren zu beobachtende Anstieg der Zahl der Selbständigen basiert nicht unerheblich auf politischen Maßnahmen zur Förderung von Existenzgründungen, um die gemessene Arbeitslosigkeit zu verringern. Die Erwerbstätigkeit kann sowohl nach dem Inländer- als auch nach dem Inlandskonzept erfasst werden (Wohnorts- bzw. Arbeitsortskonzept). Zwischen beiden Konzepten besteht folgende Beziehung:  Anzahl der Erwerbstätigen nach dem Inländerkonzept – Anzahl der im Ausland arbeitenden Inländer + Anzahl der im Inland arbeitenden Ausländer = Anzahl der Erwerbstätigen nach dem Inlandskonzept. Die Differenz zwischen der Anzahl der im Ausland arbeitenden Inländer und der Anzahl der im Inland arbeitenden Ausländer bezeichnet man als Pendler saldo. Dieser war in der Bundesrepublik seit 1960 bis in die jüngste Zeit immer negativ, d. h. es pendelten mehr Deutsche aus als Ausländer ein. Ab 1990 ist für das frühere Bundesgebiet eine massive Trendumkehr zu verzeichnen. Diese Umkehr ist auf die Pendler aus Ostdeutschland zurückzuführen, die in der Statistik für das alte Bundesgebiet wie Ausländer eingestuft werden. Aber auch für Gesamtdeutschland ist der Pendlersaldo immer größer geworden. Seit 1994 ist er sogar positiv. Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 130 Dritter Teil: Inlandsproduktsberechnung in der Bundesrepublik130 Der potentielle Einsatz des Faktors Arbeit lässt sich durch die Anzahl der Erwerbspersonen, der tatsächliche Einsatz durch die Anzahl der Erwerbstätigen beschreiben. Für viele ökonomische Zwecke ist es jedoch sinnvoller, den Einsatz des Faktors Arbeit nicht durch die Anzahl der Erwerbstätigen, sondern durch die von ihnen effektiv geleisteten Arbeitsstunden zu erfassen. Die Anzahl der Erwerbstätigen ist nämlich eine Bestandsgröße; das mit Hilfe des Faktors Arbeit erzielte Produktionsergebnis ist dagegen eine Stromgröße. Dieses konzeptionelle Problem tritt bei einer Verwendung der effektiv geleisteten Arbeitsstunden nicht auf. Darüber hinaus ist zu berücksichtigen, dass sich insbesondere wegen der Verkürzung der Arbeitszeit die Anzahl der Erwerbstätigen und die Anzahl der geleisteten Arbeitsstunden nicht in genau gleicher Weise entwickeln. Das Statistische Bundesamt veröffentlichte früher nur die Anzahl der Erwerbstätigen. Mittlerweile werden aber auch geleistete Arbeitsstunden publiziert. Diese Angaben zum Arbeitsvolumen basieren auf Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesanstalt für Arbeit, das erstmals im Jahr 1988 umfassende Zeitreihen über das effektive Arbeitsvolumen auf Stundenbasis vorlegte.12 Eine häufig verwendete Kennzahl zur Charakterisierung des Faktors Arbeit ist die Arbeitsproduktivität. Die durchschnittliche Arbeitsproduktivität beschreibt das Verhältnis von realem Produktionsergebnis und insgesamt eingesetzter Menge des Faktors Arbeit. Die marginale Arbeitsproduktivität (Grenzproduktivität der Arbeit) gibt dagegen die Mehrproduktion wieder, die durch Einsatz einer zusätzlichen Einheit Arbeit unter der Annahme erzielt werden kann, dass der Einsatz aller anderen Produktionsfaktoren unverändert bleibt. Bei der Ermittlung der durchschnittlichen Arbeitsproduktivität kann man das Produktionsergebnis durch die reale Bruttowertschöpfung oder das reale Bruttoinlandsprodukt beschreiben. Die eingesetzte Menge des Faktors Arbeit wird im Allgemeinen durch die Anzahl der Erwerbstätigen (nach dem Inlandskonzept) bzw. durch die geleisteten Arbeitsstunden angenähert. Abbildung 8-3 12 Vgl. Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (1988), S. 27. Abb. 8-3: Entwicklung der Arbeitsproduktivität (Veränderung in Prozent) Quelle: Statistisches Bundesamt (2011b), Tab. 2.13 – 6,0 – 4,0 – 2,0 0,0 2,0 4,0 6,0 Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 131 8. Kapitel: Die Erfassung der wirtschaftlichen Entwicklung 131 zeigt die Entwicklung der Arbeitsproduktivität gemessen als reales Bruttoinlandsprodukt je Erwerbstätigen. Es wird deutlich, dass die Produktivität seit 1960, ausgenommen das Jahr 1980, fortlaufend angestiegen ist. Weiter fällt auf, dass die Wachstumsrate der Arbeitsproduktivität einem negativen Trend folgt. Die Frage, warum sich das Wachstum der Arbeitsproduktivität verlangsamt, ist aktueller Gegenstand makroökonomischer Forschung. Eine befriedigende Antwort steht bislang aber noch aus. Der dramatische Rückgang der Arbeitsproduktivität 2008 und 2009 ist der scharfen Rezession im Zusammenhang mit der Finanzkrise geschuldet. In Deutschland war der Rückgang der Anzahl der Beschäftigten in den Krisenjahren erstaunlich gering. (Eine Teilerklärung dieses Phänomens sind die staatlichen Maßnahmen zur Ausweitung der Kurzarbeit.) Gleichzeitig war der größte Rückgang des realen Bruttoinlandsprodukts seit Bestehen der Bundesrepublik zu verzeichnen. Wenn sich aber im Quotienten „Arbeitsproduktivität“ der Zähler deutlich verringert, während der Nenner fast unverändert bleibt, dann kommt es zwangsläufig zu einer starken Verringerung des Quotienten. (Bei einer Berechnung der Arbeitsproduktivität unter Verwendung des in Stunden gemessenen Arbeitsvolumens fällt der Rückgang der Arbeitsproduktivität deutlich geringer aus.) Auf keinen Fall darf man das Sinken der Arbeitsproduktivität in den Krisenjahren als Verminderung der Leistungsfähigkeit des Faktors Arbeit deuten. Bei der Interpretation der Kennzahl Arbeitsproduktivität muss man auch aus einem weiteren Grund Vorsicht walten lassen: Die Arbeitsproduktivität setzt das gesamte Produktionsergebnis ausschließlich mit dem Produktionsfaktor Arbeit ins Verhältnis. Man darf jedoch nicht vergessen, dass das Produktionsergebnis auch auf den Leistungen anderer Faktoren beruht. Eine höhere Arbeitsproduktivität muss daher nicht auf einer vermehrten Leistungsabgabe des Produktionsfaktors Arbeit beruhen, sie kann auch das Ergebnis einer Verbesserung der Kapitalausstattung sein. B. Der Produktionsfaktor Kapital Der zweite wichtige Produktionsfaktor ist das Kapital. In gleicher Weise wie beim Faktor Arbeit tritt auch hier das Problem auf, dass für den Produktionszusammenhang eigentlich die vom Kapital abgegebenen Leistungen relevant sind. Weil der Strom der abgegebenen Kapitalleistungen jedoch nicht direkt messbar ist, greift man hilfsweise auf den Bestand an Kapitalgütern, den Kapitalstock, zurück. Das Statistische Bundesamt definiert den Kapitalstock als das jahresdurchschnittliche Bruttoanlagevermögen zu konstanten Preisen. Dieses ergibt sich als arithmetisches Mittel aus Jahresanfangs- und Jahresendbestand. Die Entwicklung des Kapitalstocks seit 1980 ist in Tabelle 8-2 dargestellt. Wie man sieht, hat sich der Kapitalstock seit 1980 mehr als verdoppelt. Neben dem Kapitalstock ist in Tabelle 8-2 auch die Entwicklung von zwei wichtigen Kennzahlen dargestellt. Der Kapitalkoeffizient ist definiert als das Verhältnis von Kapitalstock zu Produktionsergebnis einer Periode. Der Kapitalstock wird vom Statistischen Bundesamt wie eben beschrieben gemessen. Das Produk- Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 132 Dritter Teil: Inlandsproduktsberechnung in der Bundesrepublik132 tionsergebnis einer Periode wird durch das Bruttoinlandsprodukt in konstanten Preisen erfasst. Der Kapitalkoeffizient beschreibt also, wieviel Kapitaleinheiten im Durchschnitt zur Produktion einer Einheit des Bruttoinlandsprodukts erforderlich sind. Während in den 1980er Jahren ein Rückgang des Kapitalkoeffizienten zu beobachten war, ist dieser seit Mitte der 1990er Jahre nahezu konstant geblieben. Diese Beobachtung lässt sich auch mit Hilfe der Kapitalproduktivität beschreiben. Die durchschnittliche Kapitalproduktivität ist als Verhältnis von Produktionsergebnis zu Kapitalstock definiert. Die Kapitalproduktivität stellt also gerade den Kehrwert des Kapitalkoeffizienten dar. Deswegen verändert sich die Kapitalproduktivität zwangsläufig spiegelbildlich zum Kapitalkoeffizienten. Jahr Kapitalstock1) Kapital intensität2) Kapital koeffizient3) Mrd. Euro 1000 Euro je Erwerbstätigen 1980 1985 1990 1995 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 5 669 6 481 7 307 9 168 10 275 10 494 10 680 10 846 11 010 11 168 11 343 11 553 11 785 207 235 240 244 262 267 273 280 283 288 290 291 293 7,2 6,6 5,6 5,0 5,0 5,0 5,0 5,0 5,0 5,0 4,9 4,7 4,7 Veränderung in Prozent 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2,3 2,1 1,8 1,6 1,5 1,4 1,6 1,8 2,0 – 1,7 2,3 2,5 1,1 1,6 1,0 0,2 0,6 – –0,0 0,0 0,0 –0,0 0,0 –0,1 –0,1 0,0 1) Jahresdurchschnittliches Bruttoanlagevermögen in Preisen von 2000 (Mittelwert aus dem Jahresanfangs- und Jahresendbestand). 2) Kapitalstock je Erwerbstätigen (Jahresdurchschnitt) 3) Verhältnis von Kapitalstock zum Bruttoinlandsprodukt Tab. 8-2: Kapitalstock, Kapitalkoeffizient und Kapitalintensität in konstanten Preisen Quelle: Statistisches Bundesamt (2011b), Tab. 2.21 und 2.23 Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 133 8. Kapitel: Die Erfassung der wirtschaftlichen Entwicklung 133 Betrachtet man anstelle des Verhältnisses von Kapital und Output das Einsatzverhältnis der beiden Produktionsfaktoren Kapital und Arbeit, ergeben sich zwei weitere Kennziffern. Je nachdem, ob man den Kapitalstock auf das Arbeitsvolumen oder umgekehrt das Arbeitsvolumen auf den Kapitalstock bezieht, spricht man von Kapitalintensität oder Arbeitsintensität. Das Statistische Bundesamt berechnet die Kapitalintensität aus dem Verhältnis von Kapitalstock zu jahresdurchschnittlicher Anzahl der Erwerbstätigen. C. Das Produktionspotential Als Produktionspotential bezeichnet man in allgemeiner Form das gesamtwirtschaftliche Produktionsvolumen (reales Bruttoinlandsprodukt), das unter normalen Bedingungen mit den vorhandenen Produktionsfaktoren und unter gegebenen technologischen Bedingungen erzeugt werden kann. Die Höhe des Produktionspotentials hängt demnach von der einer Wirtschaft zur Verfügung stehenden Ausstattung an Kapital und Arbeitskräften sowie dem Stand des technologischen Wissens ab. Bei gegebener Faktorausstattung wirkt sich eine Zunahme des technologischen Wissens als Erhöhung der Arbeits- bzw. Kapitalproduktivität aus. Das Konzept ist sowohl für langfristige Wachstums- als auch für kurzfristige konjunkturelle Analysen von Bedeutung. Es ermöglicht eine gedankliche Trennung von trendmäßigem Wachstum und konjunkturellen Schwankungen. Zur Messung der Stärke der konjunkturellen Schwankungen kann die Output-Lücke verwendet werden. Diese wird im Allgemeinen als relative Abweichung des Bruttoinlandsprodukts vom Produktionspotential bzw. vom Trendoutput definiert. Bezeichnet man das Bruttoinlandsprodukt eines Jahres t mit dem Symbol Yt und das Produktionspotential des gleichen Jahres mit Y*ı, dann gilt für die Outputlücke Y – t: ∗ ∗ ∗ − = ≅ −t tt t t t Y Y Y y y Y , wobei die Kleinbuchstaben die jeweiligen mit dem natürlichen Logarithmus transformierten Variablen kennzeichnen. Man kann die Output-Lücke also näherungsweise durch die Differenz der natürlichen Logarithmen von Bruttoinlandsprodukt und Produktionspotential darstellen. Im Gegensatz zum tatsächlich produzierten Bruttoinlandsprodukt lassen sich Produktionspotential und Output-Lücke nicht direkt messen. Man ist daher auf Schätzungen angewiesen. Diese Schätzungen werden nicht vom Statistischen Bundesamt durchgeführt, das jedoch mit den im Rahmen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung erhobenen und zusammengestellten Daten Schätzungen des Produktionspotentials und der Output-Lücke erst möglich macht. Die wohl wichtigsten Institutionen, die in der Bundesrepublik regelmäßig Potentialschätzungen vorlegen, sind der Sachverständigenrat, das Ifo-Institut und die Bundesbank. Da sich die von den genannten Institutionen verwendeten Verfahren deutlich voneinander unterscheiden, sollen sie kurz der Reihe nach vorgestellt werden. Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 134 Dritter Teil: Inlandsproduktsberechnung in der Bundesrepublik134 Das Verfahren des Sachverständigenrates: Der Sachverständigenrat hat über viele Jahre ein auf Überlegungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung aufbauendes Verfahren zur Schätzung des Produktionspotentials verwendet, das davon ausgeht, dass das Produktionspotential durch den verfügbaren Kapitalstock, nicht aber durch das Arbeitsangebot begrenzt wird. Das Verfahren unterstellt also implizit eine limitationale Produktionsfunktion, in der das Kapital als begrenzender Faktor wirkt. Wegen der Umstellung auf das ESVG95 standen zunächst nur noch Zeitreihen ab 1991 zur Verfügung, die für eine verläßliche Schätzung des Produktionspotentials zu kurz waren. Der Sachverständigenrat hatte daher nach dem Jahresgutachten 1998/99 zunächst die Potentialschätzung eingestellt. Nachdem das Statistische Bundesamt im Jahr 2002 zurückgerechnete, revidierte Ergebnisse der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung für den Zeitraum 1970–1991 zur Verfügung gestellt hatte, wurde im Jahresgutachten 2003/04 erneut eine Schätzung des Produktionspotentials nach dem Sachverständigenrats-Verfahren vorgelegt. Dieses Verfahren berechnet das gesamtwirtschaftliche Produktionspotential additiv aus der potentiellen Bruttowertschöpfung des Unternehmenssektors (ohne Land- und Forstwirtschaft, Fischerei und Wohnungsvermietung) und den Beiträgen aller übrigen Sektoren zur realen Bruttowertschöpfung sowie der nichtabzugsfähigen Umsatzsteuer und den Einfuhrabgaben. Mit Ausnahme des wie oben abgegrenzten Unternehmenssektors wird davon ausgegangen, dass das jeweilige sektorale Produktionspotential immer voll ausgelastet ist. Bis auf den Unternehmenssektor stimmt also das Produktionspotential annahmegemäß mit den jeweiligen Beiträgen zur Bruttowertschöpfung überein. Das Produktionspotential des Unternehmenssektors (ohne Land- und Forstwirtschaft, Fischerei und Wohnungsvermietung) wird indirekt über eine Schätzung der potentiellen Kapitalproduktivität ermittelt. Bezeichnet man die potentielle Kapitalproduktivität mit k*, das Produktionspotential (wie oben eingeführt) mit Y* und den Kapitalstock mit K, gilt nämlich k* = Y*/K bzw. Y* = k* K. Die Berechnung der potentiellen Kapitalproduktivität erfolgt in mehreren Stufen. Zunächst wird der Trend der Kapitalproduktivität für abgeschlossene Konjunkturzyklen innerhalb des Beobachtungszeitraums 1972–2003 ermittelt. Dabei werden die drei Zeiträume 1975 bis 1982 und 1982 bis 1993 und 1993 bis 2003 unterschieden. Für diese Zeitabschnitte wird jeweils die trendmäßige Kapitalproduktivität unter Verwendung einer logarithmischen Trendfunktion geschätzt. Die Regressionsschätzung wird unter der Nebenbedingung durchgeführt, dass sich die Trendgeraden an den Grenzen der Stützzeiträume schneiden (sogenannte Spline-Regression). Um die Entwicklung der potentiellen Kapitalproduktivität zu ermitteln, wird die berechnete aus drei Segmenten bestehende Trendkurve parallel so weit nach oben verschoben, bis sie durch den Punkt verläuft, der die Kapitalproduktivität repräsentiert, die am weitesten von ihrem Trendwert nach oben abweicht. (Bei der aktuellen Schätzung ist dies die Kapitalproduktivität von 1970.) Die so verschobene Kurve liefert die potentiellen Kapitalproduktivitäten. Unter Verwendung der Zeitreihe der potentiellen Kapi- Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 135 8. Kapitel: Die Erfassung der wirtschaftlichen Entwicklung 135 talproduktivität ergibt sich aus der obigen Formel das (maximale) Produktionspotential Y*. Das maximale Produktionspotential lässt sich nur ausnahmsweise ausschöpfen und ist mit einer übermäßigen Beanspruchung der Kapazitäten verbunden. In seinen früheren Gutachten hatte der Sachverständigenrat daher das Konzept des „normalen Auslastungsgrads“ als Referenzgröße verwendet. Der Normalauslastungsgrad wurde als Durchschnitt der Auslastung der Sachanlagen in den Jahren von 1963 bis 1993 berechnet und lag bei 96,75 Prozent. Im Jahresgutachten 2003/04 wurde eine durchschnittliche Auslastung der Sachanlagen von 95,3 Prozent ermittelt und als Normalauslastung definiert. Die Output-Lücke wird als relative Abweichung des tatsächlichen Auslastungsgrads vom Normalauslastungsgrad verstanden. Für die Berechung wurden die Jahresdaten des Bruttoinlandsprodukts sowie der Bruttowertschöpfung des Unternehmenssektors (ohne Land- und Forstwirtschaft, Fischerei und Wohnungsvermietung) und des Kapitalbestandes des so abgegrenzten Unternehmenssektors verwendet. Da für den Betrachtungszeitraum (1972–2003) für Gesamtdeutschland nur Daten von 1991 bis 2002 verfügbar sind, wurden die Daten für den Zeitraum 1972 bis 1990 mit Hilfe der westdeutschen Wachstumsraten dieses Zeitraums über eine Rückverkettung generiert. Diese „Berechnung“ der Daten mindert natürlich die Qualität des verwendeten Datenmaterials erheblich und schränkt auch die Aussagekraft des mit Hilfe dieser Daten ermittelten Produktionspotentials ein. Nicht nur wegen der beschriebenen Datenproblematik, sondern vor allem wegen der methodischen Beschränkungen des Verfahrens – Annahme einer limitationalen Produktionsfunktion, eingeengte sektorale Betrachtung, problematische Erfassung der Faktorinputs – hat der Sachverständigenrat beginnend mit dem Jahresgutachten 2003/04 eine ganze Reihe verschiedener Ansätze zur Ermittlung von Produktionspotential und Output-Lücke eingesetzt. Diese Verfahren kann man in zwei Gruppen einteilen: in univariate Verfahren mit statistischen Filtermethoden sowie in multivariate Verfahren mit produktionstheoretischer Fundierung. Die univariaten Verfahren sind „theoriefrei“ und verwenden zur Bestimmung des Produktionspotentials nur die Informationen, die in den Zeitreihendaten des Bruttoinlandsprodukts enthalten sind. Im Jahresgutachten 2003/04 wurden der Hodrick-Prescott-Filter (HP-Filter) für Jahres- und Quartalsdaten, ein Bandpass-Filter, der Baxter-King-Filter und der Rotemberg-Filter diskutiert. Zu den im Gutachten vorgestellten multivariaten Verfahren gehört die oben erläuterte kapitalstockorientierte Methode des Sachverständigenrats, ein nichtparametrischer Ansatz, der von einer allgemeinen produktionstheoretischen Beziehung der Form Yt = AtF (Kt, Lt) ausgeht, ohne jedoch eine spezifische Form der Produktionsfunktion zu unterstellen, sowie die Schätzung einer Cobb-Douglas-Produktionsfunktion, die folgendermaßen spezifiziert ist: α α− = 1 t t t tY A L K Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 136 Dritter Teil: Inlandsproduktsberechnung in der Bundesrepublik136 (Die Symbole haben folgende Bedeutung: Y – reales Bruttoinlandsprodukt, A – Technologiefaktor, K – Kapital, L – Arbeit, α – partielle Produktionselastizität der Arbeit, t – Zeitindex.) Die mit diesen Verfahren ermittelten Werte für das Wachstum des Produktionspotentials und der Output-Lücke weichen in einigen Zeiträumen erheblich voneinander ab, ohne dass man sagen könnte, welches Verfahren das „richtige“ ist. Die methodische Position des Sachverständigenrats zu diesem Problem ist nicht deutlich. Im Jahresgutachten 2007/08 lässt der Rat aber erkennen, dass er die statistischen Filterverfahren am ehesten für die Abschätzung des Produktionspotentials bei kurzfristiger Betrachtung geeignet hält, während bei einer mittel- bis langfristigen Betrachtung produktionstheoretisch fundierte Verfahren überlegen seien (Sachverständigenrat 2007, S. 440–42). Um diese Sicht zu verdeutlichen soll im Folgenden zunächst kurz auf die Grundidee von Filtermethoden eingegangen werden und anschließend das vom Sachverständigenrat vorgeschlagene produktionstheoretisch fundierte Verfahren skizziert werden. Weil eine methodisch exakte Darstellung den Rahmen dieses Buchs sprengen würde, beschränken wir uns bei den Filtermethoden auf eine stark vereinfachte Erläuterung des Hodrick-Prescott-Filters. Das Hodrick-Prescott-Filterverfahren. Wie auch bei den anderen Filterverfahren geht es beim HP-Filter darum, die Trendkomponente einer Zeitreihe zu identifizieren. Die mit Hilfe des Filters ermittelte Trendkomponente Zeitreihe des Buttoinlandsprodukts würde dann als Trendoutput bzw. als Produktionspotential interpretiert. Die Differenz zwischen dem tatsächlichen Wachstum des Inlandsprodukts und den Trendwachstumsraten ergibt dann die Schätzwerte für die Output-Lücke, also die konjunkturelle Komponente. Technisch gesehen handelt es sich beim HP-Filter um einen zweiseitigen linearen Filter, der eine geglättete Zeitreihe von Y*t-Werten erzeugt. Die Glättung erfolgt durch eine Bestimmung der Y*t-Werte dergestalt, dass die Summe λ − ∗ ∗ ∗ ∗ ∗ + + = = − + − − − 1 22 1 1 1 1 2 ( ) ( ) ( ) T T t t t t t t t t y y y y y y minimiert wird. Der erste Term beschreibt die Varianz von y um y*. Je kleiner dieser Ausdruck ist, desto dichter liegen Trendwerte und Ursprungswerte beieinander. Würde man ausschließlich den ersten Term berücksichtigen, wäre die Lösung trivial (und nicht besonders hilfreich): Die geringste Abweichung der Trendwerte von den Ursprungswerten wird erreicht, wenn die „Trendwerte“ und die Ursprungswerte identisch sind. Damit würde der so errechnete „Trend“ alle Schwankungen der Ursprungswerte mitmachen, was aber bei der Ermittlung eines Trends gerade nicht der Fall sein soll. Der zweite Term in der obigen Beziehung „bestraft“ daher das Auftreten von Schwankungen in den Trendwerten. Dieser Term wird nämlich um so größer, je stärker sich aufeinanderfolgende Differenzen der Trendwerte unterscheiden. Da der Gesamtausdruck minimiert werden soll, sind möglichst kleine Differenzen wünschenswert. Wie man leicht erkennen kann, wird der zweite Term Null, Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 137 8. Kapitel: Die Erfassung der wirtschaftlichen Entwicklung 137 wenn alle Werte auf einer Geraden liegen – dann wäre auch die größtmögliche „Glättung“ des Trends erreicht. Im HP-Filter werden also zwei gegenläufige Prinzipien ausbalanciert: Einerseits soll der Trend möglichst dicht an den Ursprungswerten liegen, andererseits soll er einen möglichst glatten Verlauf aufweisen. In welcher relativen Stärke diese beiden Prinzipien bei der Berechnung des Trends tatsächlich berücksichtigt werden, wird durch den Wert des Glättungsparameters λ bestimmt. Liegt λ nahe bei null, wird der Trend sehr stark den Ursprungswerten folgen und wenig glatt sein. Nimmt λ dagegen einen sehr großen Wert an, wird der Trend nahezu linear sein und damit sehr glatt sein, sich aber auch entsprechend weit von den Ursprungswerten entfernen. Für die genaue Wahl des Glättungsparameters gibt es keine objektiven Kriterien. Die meisten empirischen Studien gehen bei der Verwendung von Quartalsdaten von λ = 1600 und bei Jahresdaten von λ = 100 aus, was bei den meisten Statistik- und Ökonometrieprogrammen bei der Berechnung von HP-gefilterten Zeitreihen auch die Voreinstellungswerte sind. Es handelt sich dabei um Werte, die sich bei vielen Konjunktur- und Wachstumsuntersuchungen als „plausibel“ gezeigt haben – „richtig“ sind sie deswegen aber nicht. Das weiterentwickelte produktionstheoretische Verfahren des Sachverständigenrates. Für eine mittel- bis langfristige Betrachtung hält der Sachverständigenrat produktionstheoretisch fundierte Methoden für zweckmäßiger. Im Jahresgutachten 2007/08 schlägt er ein (von ihm so bezeichnetes) weiterentwickeltes produktionstheoretisches Verfahren vor, das die oben beschrieben kapitalstockorientierte Methode (vom Sachverständigenrat viele Jahre für Potentialschätzungen verwendet), den nicht-parametrischen Ansatz sowie das auf der Schätzung einer Cobb-Douglas-Produktionsfunktion basierende Vorgehen kombiniert. Bei dem Vorgehen des Sachverständigenrates zur Schätzung des Produktionspotentials in mittel- bis langfristiger Betrachtung lassen sich zwei Ebenen unterscheiden. Auf der ersten Ebene erfolgt eine ex post-Schätzung des Produktionspotentials bis zum „aktuellen Rand“. (Es wird geschätzt, wie hoch das Produktionspotential in der Vergangenheit war.) Dabei ergeben sich für alle relevanten Parameter Schätzwerte, die in die auf der zweiten Ebene angesiedelten Betrachtungen einfließen. In diese Betrachtungen fließen weiterhin Abschätzungen über die künftige Entwicklung der einzelnen Determinanten des Produktionspotentials ein. Für diese Abschätzungen werden unterschiedliche Methoden verwendet, wie etwa zeitreihenanalytische Verfahren, aber auch Expertenurteile. Zusammen mit dem auf der ersten Ebene entwickelten Modell erlauben diese Abschätzungen das Entwerfen und die Analyse von Szenarios für die künftige Entwicklung des Produktionspotentials. Eine ausführliche Darstellung der Szenarioanalyse würde den Rahmen dieses Buches sprengen. Wir beschränken uns im Folgenden daher mit einer knappen Darstellung der Methode des Sachverständigenrates zur ex post-Schätzung des Produktionspotentials. Ausgangspunkt ist eine Cobb-Douglas-Produktionsfunktion mit konstanten Skalenerträgen, wie sie bereits weiter oben dargestellt wurde: α α− = 1 t t t tY A L K . Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 138 Dritter Teil: Inlandsproduktsberechnung in der Bundesrepublik138 Die Symbole haben wieder folgende Bedeutung: Y – reales Bruttoinlandsprodukt, A – Technologiefaktor, L – Arbeit, K – Kapital, α – partielle Produktionselastizität der Arbeit, t – Zeitindex. Es wird angenommen, dass der technische Fortschritt einem exponentiellen deterministischen Trend folgt: δ = 0 0 t tA A e Hierin bedeuten A0 – Anfangswert des technischen Fortschritts und δ0 – Trendwachstumsrate des technischen Fortschritts. Die nichtlineare Cobb-Douglas- Produktionsfunktion lässt sich durch Logarithmieren in einen in den Parametern linearen Schätzansatz überführen: ( )γ δ α α ε= + + + − +0 1t t t ty t l k . Die Kleinbuchstaben bezeichnen die natürlichen Logarithmen der entsprechenden Niveaugrößen. Das Symbol γ bezeichnet eine Konstante, für die γ = ln A0 gilt. Das Symbol εt steht für die latente Variable (Zufallsgröße) der Schätzgleichung. Wird ein langer Schätzzeitraum betrachtet, muss man die Möglichkeit von Strukturbrüchen berücksichtigen, die sich aus grundlegenden Änderungen der ökonomischen Rahmenbedingungen ergeben. Das Verfahren des Sachverständigenrats versucht, diesem potentiellen Problem durch die Einbeziehung von Trenddummy-Variablen in die Regressionsgleichung Rechnung zu tragen. Damit ergibt sich folgende Schätzgleichung: ( )γ δ δ α α ε = = + + + + − +∑0 , 1 1 n t i i t t t t i y t d l k . Die neu eingeführten Symbole haben folgende Bedeutung: di,t – Trenddummy- Variable für den i-ten Strukturbruch, δi – Schätzer für den Parameter der entsprechenden Trenddummy-Variable, n – Anzahl der Strukturbrüche. Für die Trenddummy-Variable di,t gilt: <⎧ = ⎨ − ≥⎩, 0 i i t i i t t d t t t t . Hierin bezeichnet ti den Zeitpunkt des i-ten Strukturbruchs. Anstelle der (logarithmierten) Niveaugrößen werden im Weiteren Wachstumsraten betrachtet. Dabei kann man sich einen einfachen mathematischen Zusammenhang zu Nutze machen: Es gilt, dass die Wachstumsrate einer Variablen näherungsweise gleich den Differenzen der natürlichen Logarithmen dieser Variablen ist. Subtrahiert man von der obigen Schätzgleichung die um eine Periode verzögerte Schätzgleichung, kann man unter Verwendung dieses Zusammenhangs schreiben: ( )γ δ δ α α = Δ = + + + Δ + − Δ +∑0 , 1 1 n t i i t t t t i y e l k u . Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 139 8. Kapitel: Die Erfassung der wirtschaftlichen Entwicklung 139 Das Symbol Δ kennzeichnet den Differenzenoperator (z. B. Δyi = yt – yt–1). Ferner gilt: <⎧ = ⎨ ≥⎩, 0 1 i i t i t t e t t und ε ε ε − = Δ = − 1t t t tu . Mit Hilfe dieser Schätzgleichung wird im nächsten Schritt eine Schätzung für die partielle Produktionselastizität der Arbeit gewonnen (αˆ). Die Wachstumsrate des technischen Fortschritts wird als Solow-Residuum der Cobb-Douglas-Produktionsfunktion bestimmt. In Wachstumsraten gilt: ( )α αΔ = Δ − Δ − − Δˆ ˆ1t t t ta y l k . (Hierin bezeichnet Δat die Wachstumsrate der totalen Faktorproduktivität, jenen Teil des Output-Wachstums also, der nicht durch das Wachstum des Einsatzes von Arbeit und Kapital „erklärt“ wird.) Damit liegen Schätzungen für sämtliche Parameter der Cobb-Douglas-Produktionsfunktion vor. Um die Wachstumsrate des Produktionspotentials bestimmen zu können, werden jetzt noch Daten für die Trendwerte von Arbeit, Kapital und technischem Fortschritt benötigt. Da diese Größen alle unbeobachtbar sind, müssen sie „berechnet“ werden. Die Trendwachstumsrate des Faktors Arbeit (Δlt*) wird über Schätzungen von Trendpartizipationsquote, Trenderwerbslosenquote, Trendpendlersaldo und geleisteter Trendstundenzahl je Erwerbstätigen als Wachstumsrate des Arbeitsvolumenpotentials aus dem Wachstum der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter ermittelt. Die Trendwachstumsraten des Faktors Kapital (Δkt*) werden über Spline-Regressionen bestimmt. Die Trendwachstumsrate des technischen Fortschritts (Δαt*) wird schließlich mit Hilfe des HP-Filters ermittelt. Mit diesen Informationen lässt sich jetzt die Wachstumsrate des Produktionspotentials berechnen: ( )* * * *ˆ ˆ1t t t ty a l kα αΔ = Δ − Δ − − Δ . Wegen Δyt* = yt* – yt*–1 lassen sich die (logarithmierten) Niveauwerte des Produktionspotentials hieraus prinzipiell unmittelbar berechnen: ( )* * * * *1 ˆ ˆ1t t t t ty y a l kα α−= +Δ − Δ − − Δ . Aufgrund der vorhergehenden Differenzenbildung wird für die rekursive Berechnung der yt* allerdings noch ein Anfangswert yo* benötigt. Dieser wird im Ansatz des Sachverständigenrates über die Nebenbedingung bestimmt, dass die durchschnittliche (relative) Produktionslücke y~t über den Schätzzeitraum einen Wert von Null aufweisen muss. Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 140 Dritter Teil: Inlandsproduktsberechnung in der Bundesrepublik140 Die Qualität dieses neueren Verfahrens des Sachverständigenrates zur Schätzung des gesamtwirtschaftlichen Produktionspotentials lässt sich zurzeit noch nicht fundiert beurteilen, weil es erst seit wenigen Jahren verwendet wird. Vom theoretischen Standpunkt aus stellt es auf jeden Fall einen Fortschritt gegenüber der oben beschriebenen ursprünglichen Methode dar, die sich ausschließlich auf den Faktor „Kapital“ konzentrierte. Ob sich der getriebene Aufwand lohnt und inwieweit sich die nun eingesetzte Methodenvielfalt als Verbesserung gegenüber „theoriefreien“ Filterverfahren in Hinblick auf die Schätzleistung erweist, bleibt zunächst offen. Das Verfahren des Ifo-Instituts: Das Ifo-Institut befragt viermal im Jahr ca. 6000 Unternehmen nach dem Grad der Auslastung ihrer Anlagen zur Herstellung bestimmter Güterarten. Aus den Angaben der einzelnen Unternehmen wird durch Gewichtung mit dem Umsatzanteil ein durchschnittlicher Auslastungsgrad berechnet. Um eine Schätzung des Produktionspotentials zu erhalten, braucht jetzt nur noch die tatsächliche Produktion durch den aus der Befragung ermittelten durchschnittlichen Auslastungsgrad dividiert zu werden. Problematisch bei dieser Art, das Produktionspotential zu ermitteln, ist vor allem die mikroökonomische Orientierung. Die Antworten der Unternehmen mögen nach bester Einschätzung erfolgen, sie können sich aber auf makroökonomischer Ebene als inkonsistent erweisen. Eine weitere Beschränkung der Aussagekraft ergibt sich daraus, dass die Befragung des Ifo-Instituts sich nur auf das verarbeitende Gewerbe bezieht. Das Verfahren der Deutschen Bundesbank: Die Deutsche Bundesbank verwendet zur Schätzung des Produktionspotentials eine sogenannte CES-Produktionsfunktion. Diese lässt sich in logarithmischer Form prinzipiell mit Hilfe der Methode der kleinsten Quadrate schätzen. Es ist jedoch zu berücksichtigen, dass bei Auftreten von Konjunkturzyklen der Kapitalstock den tatsächlichen Strom der Kapitalleistungen nicht richtig wiedergibt. Vielmehr wird in der Hochkonjunktur bei Kapazitätsengpässen mit einer überdurchschnittlichen, in der Rezession dagegen mit einer unterdurchschnittlichen Leistungsabgabe zu rechnen sein. Die Bundesbank versucht dem Rechnung zu tragen, indem sie Auslastungsgradschwankungen des Kapitalstocks bei der Schätzung berücksichtigt. Als Maß für den Auslastungsgrad wird dabei der vom Ifo-Institut ermittelte Auslastungsgrad des verarbeitenden Gewerbes zugrundegelegt. Die Bundesbank bezeichnet das bei Normalauslastung der Faktoren erzielbare Produktionsvolumen als Produktionspotential. Um das Produktionspotential bestimmen zu können, müssen jetzt noch in die geschätzte Produktionsfunktion die normalen Faktorleistungen eingesetzt werden. Für den Faktor Kapital wird dazu einfach ein Auslastungsgrad von eins angenommen. Bei der Ermittlung des normalen Arbeitsvolumens wird neben dem tatsächlichen Arbeitsvolumen noch ein Teil der registrierten Arbeitslosen berücksichtigt. Auch gegen das Bundesbankverfahren lassen sich einige Kritikpunkte vortragen. Da bei der Ermittlung des um Auslastungsgradschwankungen bereinigten Kapitalstocks auf die Erhebungen des Ifo-Instituts zurückgegriffen wird, gelten die im vorhergehenden Abschnitt geäußerten Einwände hier in gleicher Weise. Problematisch ist auch das verwendete Konzept des normalen Arbeitseinsatzes, Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 141 8. Kapitel: Die Erfassung der wirtschaftlichen Entwicklung 141 das – nicht ohne Willkür – einen Teil der Arbeitslosigkeit als unvermeidlich ansieht und bei der Ermittlung des Normalvolumens nicht berücksichtigt. Man könnte ebensogut auf die Idee kommen, über die als arbeitslos registrierten Personen hinaus auch diejenigen einzubeziehen, die zwar arbeitswillig, aus den verschiedensten Gründen aber in der offiziellen Statistik nicht erfasst sind. 2. Kurzfristige Betrachtung: Konjunktur Im vorhergehenden Abschnitt stand die langfristige, trendmäßige Entwicklung im Vordergrund. Nunmehr geht es um die kurzfristigen, konjunkturellen Abweichungen vom Trend. Zur Erfassung der konjunkturellen Situation werden im Allgemeinen zwei Konzepte verwendet: Schwankungen im Auslastungsgrad des Produktionspotentials bzw. das Konzept der Produktionslücke und ökonomische Indikatoren. Für eine Illustration von an Schwankungen im Auslastungsgrad des Produktionspotentials anknüpfende Konzepte kann auf das im vorigen Abschnitt erläuterte produktionstheoretisch fundierte Verfahren des Sachverständigenrates verwiesen werden. Dort hatten wir gesehen, wie sich das Produktionspotential (Yt*) einer Periode ermitteln lässt. Als Produktionslücke (Outputgap) bezeichnet man die Abweichung der tatsächlichen Produktion (Yt) vom Produktionspotential, also die Differenz (Yt – Yt*). Meist wird allerdings die Produktionslücke nicht als Niveaugröße ausgewiesen, sondern als relative Größe. Die relative Produktionslücke Y˜t ist definiert als − = * * t t t t Y Y Y Y . Änderungen der Produktionslücke im Zeitverlauf bzw. Schwankungen im Auslastungsgrad des Produktionspotentials lassen sich dann einfach über die Differenz von (logarithmiertem) realen Bruttoinlandsprodukt und (logarithmiertem) Produktionspotential berechnen. Wie wir gesehen haben liegen die größten Schwierigkeiten in der Ermittlung des Produktionspotentials. Weil es sich dabei um eine prinzipiell unbeobachtbare Größe handelt, ist man auf Schätzungen angewiesen, für die es kein einzelnes „richtiges“ Verfahren gibt. Daher lässt sich auch nur mutmaßen, wie nahe eine Schätzung beim „wahren“ Wert des Produktionspotentials liegt. Abbildung 8-4 zeigt die nach dem produktionstheoretisch fundierten Verfahren des Sachverständigenrats berechnete Produktionslücke (Werte der Kapazitätsauslastung über 100 Prozent implizieren eine positive Produktionslücke, Werte unter 100 Prozent implizieren eine negative Produktionslücke.) Da die Konzepte „Produktionslücke“ bzw. „Auslastungsgrad“ auf der Schätzung des Produktionspotentials basieren, gelten hier die gleichen Vorbehalte wie beim Produktionspotential selbst. Besonders fatal in Hinblick auf die Einschätzung der momentanen Konjunkturlage und in Hinblick auf Konjunkturprognosen ist die Tatsache, dass gerade die Potentialschätzungen am „aktuellen Rand“ als besonders unzuverlässig einzustufen Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 142 Dritter Teil: Inlandsproduktsberechnung in der Bundesrepublik142 sind. Daher wird insbesondere für die Konjunkturprognose häufig ein zweiter Weg beschritten. Dieser zweite Weg zur Erfassung der konjunkturellen Schwankungen besteht in der Verwendung von Konjunkturindikatoren. Als Konjunkturindikatoren bezeichnet man Messgrößen, mit deren Hilfe man Schlüsse auf die konjunkturelle Situation bzw. die konjunkturelle Entwicklung zieht. Die Konjunktursituation, also die allgemeine wirtschaftliche Lage, wird durch eine sogenannte Referenzreihe abgebildet, wie beispielsweise das reale BIP oder die Industrieproduktion. Ein zentrales Problem der Konjunkturanalyse und insbesondere der Konjunkturprognose besteht darin, dass die Datenwerte für die Referenzreihen erst zeitverzögert zur Verfügung stehen. Daher versucht man, andere Größen heranzuziehen, die als Indikatoren dienen können. Je nachdem, ob ein Indikator die konjunkturellen Wendepunkte früher, später oder gleichzeitig mit der Referenzreihe erreicht, spricht man von einem vorauseilenden Indikator (Frühindikator), einem nacheilenden Indikator (Spätindikator) oder einem parallel verlaufendem Indikator. Ferner unterscheidet man zwischen Einzelindikatoren und Gesamtindikatoren. Ein Einzelindikator basiert nur auf einer einzigen Zeitreihe. Gesamtindikatoren sind Kennziffern, die aus der Verdichtung mehrerer Zeitreihen gewonnen werden. Beispiele für Zeitreihen, die als Einzelindikatoren oder als Komponenten von Gesamtindikatoren verwendet werden, sind die Auftragseingänge, die Zahl der Arbeitslosen, das Geldvolumen, die Lohnsumme je geleisteter Arbeiterstunde usw. Abb. 8-4: Produktionspotential und reales Bruttoinlandsprodukt Quelle: Sachverständigenrat (2010, S. 9) 2 400 2 600 Log. Maßstab Mrd Euro Produktionspotenzial, Bruttoinlandsprodukt und Kapazitätsauslastung 1995 bis 2011 B i l d d k 1) 2 000 2 200 rutto n an spro u t Produktionspotenzial 1 800 98 100 102 104 vH Kapazitätsauslastung 94 96 0 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 1) Preisbereinigt, verkettete Volumenangaben. © Sachverständigenrat Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 143 8. Kapitel: Die Erfassung der wirtschaftlichen Entwicklung 143 Einzelindikatoren sind sehr anfällig für Sondereinflüsse und können daher erratisch und in beachtlichem Maße von der Referenzreihe abweichen. Gesamtindikatoren basieren auf einer Mittelwertbildung, weswegen sie weniger auf Sondereinflüsse reagieren sollten. Allerdings stellt sich bei Gesamtindikatoren immer die Frage, welche Zeitreihen berücksichtigt werden sollten und wie diese zu gewichten sind. Trotz aller Anstrengungen der Indikatorforschung gibt es auf diese Frage bislang keine befriedigende Antwort. Derartige Gesamtindikatoren haben eine lange Tradition. In den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts genoss das sogenannte Harvard-Barometer große Popularität. Ursprünglich bestand es aus 20 verschiedenen Zeitreihen, die in fünf Gruppen zusammengefasst waren. Zunächst schien es so, als ob das Harvard-Barometer nicht nur die vergangenen Konjunkturzyklen gut beschreiben könnte, sondern auch zur Prognose der konjunkturellen Entwicklung geeignet wäre. Dass dies ein Irrtum war, stellte sich spätestens in der ersten Weltwirtschaftskrise heraus, deren Beginn vom Harvard-Barometer in keiner Weise erfasst wurde. Trotz dieser negativen Erfahrung wurde die Indikator-Idee immer wieder aufgegriffen. So wurde in den USA die Weiterentwicklung der Konjunkturindikatoren vor allem vom National Bureau of Economic Research (NBER) betrieben. In der Bundesrepublik Deutschland wurde ein Konjunkturindikator zuerst vom Deutschen Institut für Konjunkturforschung berechnet (heute: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung). In der Nachkriegszeit erstellte der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung einen auf zwölf Zeitreihen basierenden Konjunkturindikator. Vermutlich wegen seiner geringen Zuverlässigkeit gab der Sachverständigenrat die Verwendung des Indikators aber schnell wieder auf. In neuerer Zeit veröffentlichen beispielsweise die Frankfurter Allgemeine Zeitung, das Handelsblatt und die Wirtschaftswoche in regelmäßigen Abständen einen Konjunkturindikator. Obgleich das Statistische Bundesamt selbst weder Potentialschätzungen vorlegt noch Konjunkturindikatoren berechnet, stellen die im Rahmen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung ermittelten und veröffentlichten Daten die unverzichtbare Basis dieser Methoden zur Konjunkturmessung dar. Ohne Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung ist eine Konjunkturdiagnose und -prognose nicht vorstellbar. Die beiden Teilindikatoren, die in der Öffentlichkeit wohl am meisten beachtet werden, sind die Zahl der Arbeitslosen bzw. die Arbeitslosenquote und das Preisniveau bzw. seine Veränderungsrate. Auf die Erfassung des Preisniveaus und seiner Entwicklung wurde bereits im vorigen Kapitel ausführlich eingegangen, so dass hier auf eine erneute Erörterung verzichtet werden kann. Die Zahl der Arbeitslosen wird ebenso wie die Arbeitslosenquote nicht vom Statistischem Bundesamt, sondern von der Bundesagentur für Arbeit ermittelt. Die Bundesagentur greift aber bei der Berechnung der Arbeitslosenquote auf die Erwerbspersonenstatistik des Statistischen Bundesamts zurück. Als Arbeitslosenquote wird das Verhältnis von registrierten Arbeitslosen und Erwerbspersonen bezeichnet. Abbildung 8-5 zeigt die zeitliche Entwicklung der Arbeitslosenquote für Deutschland seit 1950. Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 144 Dritter Teil: Inlandsproduktsberechnung in der Bundesrepublik144 Von hohem Niveau ausgehend sank die Arbeitslosenquote im Nachkriegsaufschwung bis Mitte der 60 er Jahre kontinuierlich. Im Zusammenhang mit der Rezession stieg die Arbeitslosenquote 1967 auf einen Wert von 2,1 Prozent. Sie verminderte sich in den folgenden Jahren aber wieder und erreichte 1970 einen Wert von nur 0,7 Prozent. Zu Beginn der 70er Jahre zeichnete sich dann ein langsamer Anstieg ab, der sich im Zusammenhang mit dem ersten Ölpreisschock schlagartig beschleunigte, so dass die Arbeitslosenquote 1975 einen Wert von 4,7 Prozent erreichte. In der darauffolgenden Zeit war die Arbeitslosenquote bis zum Jahr 1979 leicht rückläufig. Insbesondere wegen des zweiten Ölpreisschocks kam es zu Beginn der 80er Jahre zu einem rasanten Anstieg der Arbeitslosigkeit, die im Jahr 1985 mit einer Quote von 9,3 Prozent einen Höhepunkt erreicht hatte. Seit dieser Zeit sank die Arbeitslosigkeit in Westdeutschland bis auf einen Tiefststand von 7,2 Prozent im Jahr 1990. Vor allem aufgrund starker struktureller Veränderungen in den neuen Bundesländern nach der Wiedervereinigung stieg die Arbeitslosenquote bis zum Jahr 1997 fast kontinuierlich an. Ende der 1990er Jahre kam es konjunkturbedingt vorübergehend zu einem geringfügigen Rückgang der Quote, die aber 2005 einen neuen Höchststand erreichte. Seit dieser Zeit ist ein deutlicher Rückgang zu beobachten. Die Aussagefähigkeit der Arbeitslosenquote ist aus einer Reihe von Gründen eingeschränkt. Weil die Arbeitslosenquote nur registrierte Arbeitslosigkeit berücksichtigt, erfasst sie das gesamte Ausmaß der Arbeitslosigkeit nur unvollkommen. Unberücksichtigt bleiben alle Personen, die beim Arbeitsamt nicht als arbeitssuchend gemeldet sind, aber arbeitsfähig und auch arbeitsbereit sind. Zu dieser sogenannten stillen Reserve gehören insbesondere diejenigen, die keinen Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung haben und sich, z. B. in einer Rezession, keine Vermittlungschancen ausrechnen. Zur nicht erfassten Arbeitslosigkeit muss man auch eine qualitative Komponente zählen, die sich daraus Abb. 8-5: Entwicklung der Arbeitslosenquote (Registrierte Arbeitslose bezogen auf die abh. ziv. Erwerbspersonen, früheres Bundesgebiet, ab 1991 Gesamtdeutschland) Quelle: Bundesagentur für Arbeit (2011) 8,0 0,0 2,0 4,0 6,0 10,0 12,0 14,0 Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 145 8. Kapitel: Die Erfassung der wirtschaftlichen Entwicklung 145 ergibt, dass die Arbeitskraft von Beschäftigten nicht voll genutzt wird. Dies ist vermehrt zu Beginn eines konjunkturellen Abschwungs der Fall, wenn Absatz und Produktion rückläufig sind, die Unternehmen sich aber noch scheuen, Kurzarbeit zu beantragen oder Entlassungen vorzunehmen. Es ist aber auch davon auszugehen, dass in der Zahl der registrierten Arbeitslosen Personen enthalten sind, die zwar Arbeitsbereitschaft signalisieren, in Wirklichkeit aber gar nicht arbeiten wollen. Es handelt sich bei diesen Fällen um freiwillige Arbeitslosigkeit, die ökonomisch und sozialpolitisch anders zu beurteilen ist als die unfreiwillige Arbeitslosigkeit. Ferner ist zu beachten, dass sich in der Arbeitslosenquote auch keine Kurzarbeit wiederspiegelt. Gleichermaßen bleibt unberücksichtigt, wenn Stammarbeitsplätze durch Zeitarbeit ersetzt werden und wenn Vollzeitarbeitsplätze durch Teilzeitarbeitsplätze ersetzt werden, sofern diese nicht in die Kategorie „geringfügig“ fallen. Problematisch in Hinblick auf die Verwendung der Arbeitslosenquote als Indikator für die konjunkturelle Situation und die Arbeitsmarktlage ist auch der Umstand, dass die Arbeitslosenquote nur auf die Angebotsseite des Arbeitsmarktes abstellt. Ein internationaler Vergleich von Arbeitslosenquoten wird schließlich dadurch erschwert, dass die Erhebungsverfahren und die Abgrenzungen der relevanten Größen sich zwischen den einzelnen Ländern z. T. wesentlich unterscheiden. Für die Länder der Europäischen Union ist es aber unabdingbar, dass ein präziser Vergleich auch bezüglich der Arbeitslosenquote möglich ist. Um dieser Forderung Rechnung zu tragen, veröffentlicht die Bundesagentur für Arbeit eine sogenannte EU-standardisierte Erwerbslosenquote. Ebenso wie bei der Erwerbstätigenstatistik des Statistischen Bundesamts wird der Begriff „Erwerbslose“ bewusst verwendet, um die definitorischen Unterschiede zu den „registrierten Arbeitslosen“ auch sprachlich hervorzuheben. Auf internationaler Ebene ist diese Unterscheidung hingegen unüblich. Die Abgrenzung der Erwerbslosen erfolgt nach der Definition der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) und stimmt mit der Abgrenzung des Statistischen Bundesamts überein. Bis August 2007 ermittelte das Statistische Bundesamt die Erwerbslosigkeit mit Hilfe einer monatlichen repräsentativen Telefonumfrage (ILO-Telefonerhebung). Mit Berichtsmonat September 2007 wurde auf die Arbeitskräfteerhebung umgestellt, die im Rahmen des Mikrozensus erfolgt. Tabelle 8-3 zeigt die Arbeitslosenquote (einmal bezogen auf alle zivilen Erwerbspersonen, einmal bezogen auf die abhängigen zivilen Erwerbspersonen), die Erwerbslosenquote des Statistischen Bundesamts sowie die EU-standardisierte Arbeitslosenquote für die Zeit ab 1991 im Überblick. Für den Nutzer ist diese Vielfalt bei der Darstellung von Arbeitslosen- bzw. Erwerbslosenquoten eher verwirrend. Übernimmt man aus einer bestimmten Quelle Daten zur Arbeitslosigkeit, empfiehlt es sich sorgfältig zu prüfen, welches Konzept diesen Daten zugrunde liegt. Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 146 Dritter Teil: Inlandsproduktsberechnung in der Bundesrepublik146 Schlüsselbegriffe: Produktionsfaktor Arbeit Arbeitsproduktivität Bevölkerung Kapitalkoeffizient Nichterwerbspersonen Kapitalproduktivität Erwerbstätige Kapitalintensität Arbeitslose Arbeitsintensität Selbständige Auslastungsgrad des Produktions- Nichtselbständig Beschäftigte potentials Pendlersaldo Konjunkturindikator Arbeitsvolumen Arbeitslosenquote Produktionsfaktor Kapital Erwerbslosenquote Erwerbslose EU-standardisierte Erwerbslosenquote Erwerbspersonen Produktionspotential Kapitalstock Produktionslücke Arbeitslosenquote EU standardi sierte Erwerbs losenquote Erwerbslosen quote des Statistischen Bundesamtes1) Jahr alle zivile Erwerbs personen abhängig zivile Erwerbs personen 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 – 7,7 8,9 9,6 9,4 10,4 11,4 11,1 10,5 9,6 9,4 9,8 10,5 10,5 11,7 10,8 9,0 7,8 8,2 7,7 7,3 8,5 9,8 10,6 10,4 11,5 12,7 12,3 11,7 10,7 10,3 10,8 11,6 11,7 13,0 12,0 10,1 8,7 9,1 8,6 – 6,3 7,6 8,2 8,0 8,7 9,4 9,1 8,2 7,5 7,6 8,4 9,3 9,8 10,7 9,8 8,4 7,3 7,5 6,8 5,3 6,2 7,5 8,1 7,9 8,6 9,2 9,0 8,2 7,4 7,5 8,3 9,2 9,7 10,6 9,8 8,3 7,2 7,4 6,8 1) Erwerbslose in Prozent der Erwerbspersonen, Abgrenzung der Erwerbslosen nach den Definitionen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) Tab. 8-3: Arbeitslosenquoten der Bundesagentur für Arbeit Quelle: Statistisches Bundesamt (2011a) und Eurostat (2011) Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 147 9. Kapitel: Zur Aussagefähigkeit des Inlandsprodukts 1. Kritik an der Inlandsproduktskonzeption Mit einem höheren Inlandsprodukt wird insbesondere im politischen Bereich gewöhnlich ein höheres Wohlstandsniveau einer Volkswirtschaft verbunden. Diese Schlussfolgerung ist seit etwa Ende der sechziger Jahre zunehmend kri tisiert worden. Die verschiedenen Kritikpunkte legen wesentliche Schwächen der Inlandsproduktsberechnung offen und sind zumeist Ausdruck der sich ver ändernden Probleme und Fragestellungen in Wirtschaft und Politik. Die Kritik bezieht sich zum ersten auf Faktoren, die für die Beurteilung des Wohlstands als bedeutend angesehen werden, jedoch nicht im Inlandsprodukt enthalten sind, zum zweiten auf Komponenten, die im Inlandsprodukt enthalten sind, jedoch nicht als wohlstandsrelevant angesehen werden, und zum dritten auf Kompo nenten, bei denen eine für Wohlstandsüberlegungen falsche Erfassung vorliegt. Einer der Kritikpunkte, die sich auf die Nichteinbeziehung wohlstandsre levanter Faktoren in die Inlandsproduktsberechnung beziehen, betrifft die mit der Produktion verbundenen Umweltschäden. Wird durch die Güter herstellung z. B. die Luft oder das Wasser verschmutzt, wird dies nicht als in landsproduktsmindernd erfasst. Auch eine mit der Produktion einhergehende Lärmbelästigung oder Gesundheitsbeeinträchtigung reduziert den Wert des Inlandsprodukts nicht, obwohl von all diesen Einflüssen eine Verminderung des Wohlstands ausgeht. Werden dagegen Umweltschäden beseitigt, Lärmwälle gebaut oder gesundheitsverbessernde Maßnahmen durchgeführt, steigt das Inlandsprodukt, wenngleich hierdurch nur eine Kompensation der ursprüng lich entstandenen Wohlstandsverminderung vorgenommen wird. Die hier angesprochene Kritik bezieht sich auf die Nichterfassung sozialer Kosten. Die Asymmetrie durch Vernachlässigung dieser Kosten einerseits und Erfassung von Beseitigungsmaßnahmen andererseits begrenzt die Aussagefähigkeit des Inlandsprodukts hinsichtlich der Messung von Wohlstandsveränderungen. Ein weiterer Einwand gegen die Inlandsproduktskonzeption betrifft die fehlen de Berücksichtigung sozialer Erträge. Hierbei handelt es sich um Vorteile, die bestimmten Wirtschaftseinheiten zukommen, ohne dass sie hierfür direkt oder indirekt an den Kosten beteiligt werden. Eine Zunahme dieser Vorteile erhöht somit den Wohlstand der Begünstigten, verändert aber für sich genommen nicht den Wert des Inlandsprodukts. Ein Beispiel für soziale Erträge ist die Verbesse rung der Wohnqualität von Anwohnern, die entsteht, wenn ein Nachbar einen besonders schönen Garten anlegt. In der Inlandsproduktsberechnung werden auch die durch die Güterproduk tion entstandenen Beeinträchtigungen des Wohlstandspotentials zukünftiger Generationen nicht erfasst. Eine solche Beeinträchtigung kann nicht nur aus 9. Kapitel: Zur Aussagefähigkeit des Inlandsprodukts Dritter Teil: Inlandsproduktsberechnung in der Bundesrepublik

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References

Zusammenfassung

Die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung.

Dieses Buch informiert umfassend über die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung. Ausgehend von der theoretischen Fundierung der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung geht es ausführlich auf das in Deutschland (und den anderen Ländern der Europäischen Union) verwendete Gesamtrechnungssystem ESVG 95 ein. Ein besonderes Gewicht liegt auf der Anwendung und den Weiterentwicklungen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. So erhält der Leser nicht nur einen fundierten Überblick über die quantitativen Verhältnisse der deutschen Volkswirtschaft, er wird beispielsweise auch ausführlich über die aktuelle Diskussion um die Aussagefähigkeit des Bruttoinlandsprodukts, die Entwicklung alternativer Konzepte zur Wohlfahrtsmessung sowie die Bestrebungen informiert, die Fortschritte auf dem Weg zu einer nachhaltigen Wirtschaft zu quantifizieren.

Die Autoren

Prof. Dr. Michael Frenkel ist Inhaber des Lehrstuhls für Makroökonomik und Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der WHU – Otto-Beisheim School of Management, Vallendar.

Prof. Dr. Klaus Dieter John ist Inhaber der Professur für Wirtschaftspolitik an der Technischen Universität Chemnitz.