4. Kapitel: Produktion und Inlandsprodukt in:

Michael Frenkel, Klaus Dieter John

Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, page 43 - 57

7. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3763-8, ISBN online: 978-3-8006-4307-3, https://doi.org/10.15358/9783800643073_43

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

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Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 33 4. Kapitel: Produktion und Inlandsprodukt 1. Darstellung des Wirtschaftskreislaufs in Kontenform Ein wichtiges Kennzeichen der im vorangehenden Kapitel behandelten Kreislaufdarstellungen besteht darin, dass für jeden Pol die Summe der Zuflüsse mit der Summe der Abflüsse übereinstimmt. Der Wirtschaftskreislauf lässt sich daher quantitativ auch in Kontenform erfassen. Die Darstellung des Wirtschaftskreislaufs in Kontenform stellt zwar grundsätzlich nur eine alternative Abbildungsform dar, besitzt jedoch gegenüber Flussdiagrammen, Matrix- und Gleichungsdarstellungen den Vorteil, dass sie sich auch für tiefer gegliederte und damit sehr viel mehr Transaktionen umfassende Wirtschaftskreisläufe eignet. Sowohl Flussdiagramme als auch Matrizen und Gleichungssysteme können die Kreislaufzusammenhänge nur solange anschaulich beschreiben, wie Ströme zwischen nicht weiter disaggregierten Sektoren betrachtet und die einzelnen Transaktionen nicht tiefer untergliedert werden. Ihre Verwendung zur Ableitung eines theoretischen Rahmens der Kreislaufanalyse ist daher auf eine vergleichsweise hohe Aggregationsstufe beschränkt. Die Darstellung des Wirtschaftskreislaufs in Kontenform erlaubt dagegen eine weitgehende Disaggregation der Gruppe der Wirtschaftssubjekte und eine stärkere Tiefengliederung der ökonomischen Transaktionen, ohne dass die Übersichtlichkeit verloren geht. Diese Vorteile sind ausschlaggebend dafür, dass die quantitative Beschreibung des Wirtschaftskreislaufs durch die amtliche Statistik im Rahmen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung auf der Kontendarstellung aufbaut. Im Folgenden wird die Darstellung des Wirtschaftskreislaufs in Kontenform erläutert. Hierbei geht es, gleichsam aus pädagogischen Gründen, um das Minimalgerüst des Kontensystems, das zum Verständnis der Herleitung des Produktionsumfangs einer Volkswirtschaft erforderlich ist. Wie später gezeigt wird, verwendet das Statistische Bundesamt für die Bundesrepublik Deutschland mit dem Europäischen System Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen 1995 (ESVG 95) ein im Vergleich hierzu deutlich komplexeres Kontensystem. Die im Folgenden verwendete Struktur erlaubt es jedoch, relativ rasch zu den wesentlichen gesamtwirtschaftlichen Größen zu gelangen. Im 5. Kapitel erfolgt eine genauere Betrachtung des Kontensystems des ESVG 95. Um die wichtigsten, in der amtlichen Statistik verwendeten Aggregate zur Messung des Umfangs der Produktionsaktivitäten darzustellen, konzentriert sich die weitere Betrachtung auf nur eine der verschiedenen, im 2. Kapitel erläuterten ökonomischen Aktivitäten, nämlich auf die Produktion. Wir folgen in diesem Kapitel der Sektorengliederung, wie sie bei der Darstellung der einfachen Kreislaufanalyse im 3. Kapitel vorgenommen wurde. Die Sektoren umfassen daher die Unternehmen, die privaten Haushalte, den Staat und das Ausland. In der amtlichen Statistik der Bundesrepublik Deutschland, die auf dem Europä- 4. Kapitel: Produktion und Inlandsprodukt Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 34 Zweiter Teil: Wirtschaftskreislauf34 ischen System Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen aufbaut, erfolgt eine noch etwas feinere Sektorenuntergliederung, die in der Vertiefung im 5. Kapitel genauer dargestellt wird. Wir gehen im Weiteren in zwei Schritten vor. Zunächst betrachten wir die Produktionsaktivitäten eines einzelnen Unternehmens und eines einzelnen öffentlichen Haushalts. Diese werden in sogenannten einzelwirtschaftlichen Produktionskonten erfasst. Zwar könnte ein solches Produktionskonto auch für einen privaten Haushalt erstellt werden, in der hier angestrebten einfachsten Darstellung eines Kontensystems zur Herleitung der gesamtwirtschaftlichen Produktionsgröße kann hierauf jedoch verzichtet werden. Erst später in der Erläuterung des Europäischen Systems der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung wird der gesonderte Ausweis dieser Aktivitäten aufgegriffen. Im Anschluss an die Erörterung der einzelwirtschaftlichen Produktionskonten leiten wir dann ein gesamtwirtschaftliches Produktionskonto ab. Dieses erlaubt dann die Erklärung der entscheidenden Begriffe zum Produktionsumfang in einer Volkswirtschaft. 2. Einzelwirtschaftliche Produktionskonten A. Das Produktionskonto eines Unternehmens Ein Unternehmen produziert innerhalb eines bestimmten Zeitraums (ein Quartal, ein Jahr) unter Einsatz von gekauften Gütern und Faktorleistungen eine bestimmte Menge an Gütern, die zum Teil am Markt verkauft werden und zum Teil im Unternehmen verbleiben. In einem Produktionskonto für ein einzelnes Unternehmen werden die mit der Herstellung von Gütern zusammenhängenden Transaktionen dargestellt. Auf der linken Seite werden die in die Produktion einfließenden Güter und Faktorleistungen, auf der rechten Seite die hergestellten Güter erfasst (vgl. Konto 1). Zunächst sei die rechte Seite des Produktionskontos für ein Unternehmen betrachtet. Sie umfasst sowohl hergestellte Güter, die das Unternehmen verlassen als auch teilweise solche, die im Unternehmen verbleiben. Bei den das Unternehmen verlassenden Produkten handelt es sich weitgehend um die Verkäufe des Unternehmens, die zu Marktpreisen bewertet werden.1 Hinsichtlich der Systematik bietet es sich an, eine Unterteilung nach Empfängern und nach Verwendungszwecken vorzunehmen. Ein Teil der am Markt verkauften Güter wird von anderen inländischen Unternehmen oder vom Staat als Vorleistung in deren Produktionsprozess eingesetzt (Positionen 1.51 und 1.52). Unter Vorleistungen versteht man Güter, die in der betrachteten Periode bei der Verwendung im Produktionsprozess untergehen. Der Einfachheit halber wird nachfolgend 1 Wie im nächsten Kapitel erläutert wird, erfolgt die Berechnung der Produktionswerte nach dem ESVG 95 zunächst nach einem etwas anderen Preisansatz, was jedoch aufgrund anschließender Anpassungen ohne Auswirkungen auf die hier abgeleiteten Ergebnisse ist. Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 35 4. Kapitel: Produktion und Inlandsprodukt 35 unterstellt, dass keine gekauften nichtdauerhaften Güter gelagert, sondern bei allen Unternehmen sofort verbraucht werden.2 Ein anderer Teil der verkauften Produkte geht in Form von Konsumgütern an die privaten Haushalte (Position 1.6). Darüber hinaus werden Güter auch an andere Unternehmen oder den Staat veräußert, die dort dauerhaft als Investitionsgüter Verwendung finden (Positionen 1.71 und 1.72). Investitionsgüter werden von den Käufern zur Produktion anderer Güter eingesetzt, gehen aber im Gegensatz zu den Vorleistungen in der betrachteten Periode nicht vollständig unter. Nach den neuen Definitionen des ESVG 95, die hier in der vereinfachten Kontendarstellung bereits aufgegriffen werden können, umfassen Investitionsgüter auch immaterielle Anlagegüter wie Computerprogramme (Software) und Urheberrechte. Die Erzeugnisse, die das Unternehmen im Betrachtungszeitraum nicht am Markt veräußert und die daher im Unternehmen verbleiben, werden ebenfalls im Produktionskonto erfasst, sind jedoch zu Herstellungskosten zu bewerten. Dabei sind zwei Gütergruppen zu unterscheiden. Zunächst einmal führen die in der betrachteten Periode hergestellten Produkte, die zum Verkauf vorgesehen sind, aber noch nicht veräußert wurden, zu einem Mehrbestand an eigenen Erzeugnissen, der auch Lagerinvestition an eigenen Erzeugnissen genannt wird (Position 1.73). Die zweite Gruppe von Gütern, die im Unternehmen verbleiben, stellen die selbsterstellten Anlagen (Position 1.74) dar. Hierbei handelt es sich um Güter, die ein Unternehmen später zur Herstellung von Gütern verwendet und daher Investitionen darstellen. Den letzten Posten auf der rechten Seite des Produktionskontos bilden die Verkäufe an das Ausland, d. h. die Ausfuhr (Position 1.8). Auf der linken Seite des Produktionskontos werden die Kosten der Produktion erfasst. Hierzu zählen zunächst die Vorleistungen (Position 1.1), bei denen es sich um Käufe von anderen Unternehmen des Inlands oder aus dem Ausland (Einfuhr) handeln kann. Die Unterposition 1.12 zeigt den Umfang des Vorleis- 2 Sofern nichtdauerhafte Güter von Unternehmen gekauft, aber nicht in der Betrachtungsperiode verbraucht, sondern dem Lager zugeführt werden, spricht man nicht von Vorleistungen, sondern in der Regel von Vor- und Zwischenprodukten. Konto 1: Produktionskonto eines Unternehmens 1.1 Käufe von Vorleistungen 1.11 von Unternehmen 1.12 aus dem Ausland 1.2 Abschreibungen 1.3 Gütersteuern minus Gütersubventionen 1.4 Nettowertschöpfung (im wesentlichen: Löhne, Gehälter, Zinsen und Gewinn) 1.5 Verkäufe von Vorleistungen 1.51 an Unternehmen 1.52 an den Staat 1.6 Verkäufe an private Haushalte 1.7 Verkäufe von Investitionsgütern 1.71 an Unternehmen 1.72 an den Staat 1.73 Mehrbestand an eigenen Erzeugnissen (Lagerinvestition) 1.74 Selbsterstellte Anlagen 1.8 Verkäufe an das Ausland Bruttowertschöpfung Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 36 Zweiter Teil: Wirtschaftskreislauf36 tungsbezuges des betrachteten Unternehmens aus dem Ausland. Einen weiteren Posten auf der linken Seite bilden die Abschreibungen (Position 1.2). Sie messen die Abnutzung der dauerhaften Produktionsmittel (Gebäude, Maschinen, Werkzeuge), auch Kapitalstock genannt, sowie dessen vorzeitiges Ausscheiden durch Schadensfälle. Abbildung 4-1 verdeutlicht den Zusammenhang zwischen Kapitalstock, Abschreibungen und Investitionen. K0 bezeichnet den Kapitalstock zu Beginn einer Periode. Während die Abschreibungen (D) den Kapitalstock vermindern, nimmt er durch die Bruttoinvestitionen (Ibr) zu. Die Bruttoinvestitionen, die einen im betrachteten Zeitraum entstandenen Verschleiß des Kapitalstocks kompensieren, nennt man auch Ersatz- oder Reinvestitionen. Per saldo steigt der Kapitalstock innerhalb eines abgeschlossenen Zeitraums, wenn die Bruttoinvestitionen größer als die Abschreibungen, mithin die Nettoinvestitionen (In) positiv sind. Die Nettoinvestitionen können jedoch auch negative Werte aufweisen; man spricht dann von Desinvestitionen. Der Kapitalstock am Ende der Periode, K1, lässt sich wie folgt ermitteln: K1 = K0 + (Ibr – D) K1 = K0 + In. Zu den Kosten der Produktion eines Unternehmens gehören auch die Gütersteuern. Dabei handelt es sich um alle Steuern und steuerähnliche Abgaben, die das Unternehmen für gehandelte Waren und Dienstleistungen entrichten muss. Zu ihnen gehören z. B. die Mehrwertsteuer3, Zölle und die Versicherungssteuer (zu weiteren Details siehe Box 4-1). Diesen Steuern stehen die Gütersubventionen gegenüber, die den Unternehmen vom Staat für laufende Produktionszwecke gezahlt werden. Der Staat verfolgt hiermit bestimmte wirtschafts- oder sozialpolitische Ziele und versucht, durch Subventionen Herstellungskosten 3 Genaugenommen handelt es sich bei der Kostenkomponente der Mehrwertsteuer um die nichtabzugsfähige Umsatzsteuer. Unternehmen müssen in ihrem Verkaufspreisen den Käufern Mehrwertsteuer in Rechnung stellen. Sie selbst zahlen jedoch auf die von ihnen bezogenen Güter ebenfalls Umsatzsteuer (= Mehrwertsteuer + Einfuhrumsatzsteuer). Diese kann von den Unternehmen als sogenannte Vorsteuer von der ihren Käufern in Rechnung gestellten Mehrwertsteuer abgezogen werden. Der verbleibende Teil der in Rechnung gestellten Mehrwertsteuer bildet (von einer hier vernachlässigbaren Ausnahme abgesehen) die sogenannte nichtabzugsfähige Umsatzsteuer. Abb. 4-1: Der Zusammenhang zwischen Kapitalstock, Abschreibungen und Investitionen Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 37 4. Kapitel: Produktion und Inlandsprodukt 37 zu beeinflussen oder Produktion und Einkommen in bestimmten Bereichen der Wirtschaft zu stützen. Gütersubventionen sind an die Produktion einer bestimmten Menge oder eines bestimmten Wertes von Waren oder Dienstleistungen gebunden.4 Da man Subventionen häufig als negative Steuern interpretiert, fasst man sie mit den Gütersteuern zusammen (Position 1.3). Beim Saldo spricht man dann von Nettogütersteuern. Box 4-1: Gütersteuern Nach dem ESVG 95 bestehen Gütersteuern aus allen Steuern und ähnlichen Abgaben, die pro Einheit einer hergestellten oder gehandelten Ware oder Dienstleistung an den Staat zu zahlen sind. Sie können mengen- oder wertabhängig von den produzierten Gütern festgesetzt werden. Sie werden nach dem ESVG 95 in drei Untergruppen gegliedert und beinhalten im Wesentlichen die folgenden Steuern: ●● Nichtabzugsfähige Umsatzsteuer – Importabgaben; ●● Einfuhrabgaben – Zölle, – Verbrauchsteuern auf Einfuhren, – Abschöpfungen und Währungsausgleichsbeträge bei der Einfuhr von landwirtschaftlichen Erzeugnissen im Rahmen der EG-Agrarmarktordnung (von der EG erhoben), – Umsatzsteuern auf den Import von Gütern; ●● Sonstige Gütersteuern – Verbrauchsteuern, – Stempelgebühren (z. B. auf den Verkauf von alkoholischen Getränken oder Tabak), – Kraftfahrzeugzulassungssteuern, – Vergnügungsteuern, – Steuern auf bestimmte Dienstleistungen des Hotel- und Gaststättengewerbes, Wohnungsvermittlung, Transport-, Kommunikations- und Werbedienstleistungen, – Wett-, Spiel- und Lotteriesteuern, – Steuern auf Versicherungsprämien. Das Kassenaufkommen des Staates aus Gütersteuern betrug 2005 218 Mrd. Euro, wovon rund zwei Drittel auf die Mehrwertsteuer entfiel. Der Anteil der Gütersteuern an den gesamten Steuereinnahmen (ohne Sozialversicherungen) belief sich damit auf 44 Prozent. Schließlich enthält die linke Seite des Produktionskontos noch die sogenannte Nettowertschöpfung (Position 1.4 in Konto 1). Sie ist im Produktionskonto als 4 Neben den Gütersubventionen, die im Produktionskonto aufgeführt werden, gibt es nach dem ESVG 95 die „sonstigen Subventionen“. Zu ihnen zählen Subventionen auf die Lohnsumme, auf Umweltschutzkosten und Zinszuschüsse. Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 38 Zweiter Teil: Wirtschaftskreislauf38 eine Gesamtgröße ausgewiesen. Die Nettowertschöpfung teilt sich im Wesentlichen auf Löhne, Gehälter, Zinsen und den Unternehmensgewinn auf. Letzterer Bestandteil der Nettowertschöpfung ergibt sich dabei als Restgröße. Die genaue Aufteilung der Nettowertschöpfung erfolgt im Einkommenskonto und soll deshalb hier nicht näher betrachtet werden. Die Summe der Positionen auf der linken oder der rechten Seite des Produktionskontos stellt das gesamte bewertete Produktionsergebnis eines Unternehmens in der betrachteten Periode dar. Zieht man hiervon die Vorleistungen ab, erhält man die Bruttowertschöpfung eines Unternehmens. Während der Gesamtwert des Produktionsergebnisses (man spricht hierbei auch vom Produktionswert) einen Hinweis auf den Wert des Outputs eines Unternehmens gibt, stellt die Bruttowertschöpfung auf den Betrag ab, den das Unternehmen den Vorleistungen hinzugefügt hat.5 Zieht man hiervon die Abschreibungen sowie die Differenz aus Gütersteuern und Gütersubventionen ab, erhält man die Nettowertschöpfung. Sie umfasst den in einem Unternehmen geschaffenen Wert, der – aus volkswirtschaftlicher Sicht – auf andere Wirtschaftssubjekte verteilt werden kann. B. Das Produktionskonto eines öffentlichen Haushalts Die Produktionstätigkeit des Staates besteht darin, Vorleistungen von Unternehmen zu kaufen und hieraus unter Einsatz von dauerhaften Produktionsmitteln und Faktorleistungen bestimmte Güter herzustellen. Von wenigen hier vernachlässigbaren Ausnahmen abgesehen, handelt es sich bei diesen Gütern um unentgeltlich abgegebene Dienstleistungen.6 Beispiele hierfür sind etwa das Schulwesen, die Polizei, die Verteidigung und der Straßenbau. Da die Produktion im Prinzip in gleicher Weise erfolgt wie in einem Unternehmen, entspricht die linke Seite des Produktionskontos des Staates fast völlig derjenigen eines Unternehmens (vgl. Konto  2). Lediglich Gütersteuern und Gütersubventionen sind im Produktionskonto des Staates nicht zu berücksichtigen. Bei den Abschreibungen ist zu beachten, dass der Erwerb von militärischen Bauten und dauerhaften militärischen Gütern, die nicht zivil genutzt werden können, als Vorleistungen registriert werden. Da es für öffentlich bereitgestellte Güter keine Märkte gibt, können für sie auch keine Marktpreise gefunden werden. Zu beachten ist, dass auch Steuereinnahmen nicht als Entgelte für die vom Staat produzierten Dienstleistungen angesehen werden können, da bei den verschiedenen Steuern im allgemeinen keine Zweckbindung für einzelne staatliche Aufgaben vorgenommen werden darf (sogenanntes Nonaffektationsprinzip). Die vom Staat produzierten Dienstleistungen werden genau genommen von den Unternehmen als Vorleistungen oder von den Privaten als Konsumgüter 5 Wie später noch erläutert wird, erfolgt die Berechnung des Produktionswerts nach dem ESVG 95 ohne zu zahlende Nettogütersteuern. 6 Vereinfachend wird hier der Fall ausgeklammert, in dem der Staat Investitionsgüter in Form selbsterstellter Anlagen produziert. Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 39 4. Kapitel: Produktion und Inlandsprodukt 39 verwendet und wären deshalb im Kontensystem entsprechend zu registrieren. Weil jedoch nicht festgestellt werden kann, welche Faktorkosten bei welchen Arten der öffentlichen Dienstleistungen entstehen und welche Teile den privaten Haushalten und den Unternehmen zufließen, werden die von den öffentlichen Haushalten bereitgestellten Dienstleistungen in der Kreislaufanalyse als Konsumausgaben des Staates registriert (Position 2.4) und auch nicht weiter aufgespalten. Die produzierten Dienstleistungen werden zu Produktionskosten bewertet, wodurch sich die rechte Seite des Produktionskontos eines öffentlichen Haushalts aus der Summe der Positionen der linken Seite des Kontos ergibt. Dies hat zur Folge, dass in der Nettowertschöpfung keine Gewinnkomponente enthalten ist. C. Produktion und privater Haushalt Streng genommen impliziert die in diesem Kapitel angewandte Sektoreinteilung in Unternehmen, private Haushalte, Staat und Ausland, dass es sich bei den privaten Haushalten um einen Sektor handelt, der im Sinne der VGR keine Güter erstellt, also nicht produziert. Vielmehr stellen die privaten Haushalte ausschließlich Faktorleistungen an Unternehmen und den Staat für deren Produktion zur Verfügung und damit betreiben sie keine eigenständige Produktionstätigkeit, die über den Markt erfolgt. Da dieses Kapitel ein stark vereinfachendes Kontensystem zur Ableitung des gesamtwirtschaftlichen Produktionsvolumens betrachtet, kann auf die Berücksichtigung privater Haushalte bei der Darstellung der Produktionsaktivitäten verzichtet werden. Im nächsten Kapitel wird gezeigt, dass im Rahmen des ESVG 95 einige Produktionsaktivitäten aus im Wesentlichen statistischen Gründen dem Sektor der privaten Haushalte zugewiesen werden. Dabei wird deutlich, dass in der weiter bemessenen Abgrenzung des ESVG 95, insbesondere aufgrund der Erfassung von Selbständigen in diesem Sektor, auch die privaten Haushalte produzieren. Konto 2: Produktionskonto eines öffentlichen Haushalts 2.1 Käufe von Vorleistungen 2.11 von inländischen Unternehmen 2.12 vom Ausland 2.4 Konsumausgaben des Staates (= unentgeltlicher Verbrauch öffentlicher Leistungen) 2.2 Abschreibungen 2.3 Nettowertschöpfung 2.31 Löhne und Gehälter 2.32 Mieten und Pachten 2.33 Zinsen Bruttowertschöpfung Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 40 Zweiter Teil: Wirtschaftskreislauf40 3. Gesamtwirtschaftliches Produktionskonto A. Aggregation und Konsolidierung von Konten In Abschnitt 2 wurden die Produktionskonten einzelner Wirtschaftseinheiten verschiedener Sektoren erläutert. Für ökonomische Analysen wird jedoch in aller Regel verdichtetes Datenmaterial benötigt, das Detailinformationen zugunsten einer klaren Aussage über die Hauptströme vernachlässigt. Es liegt daher nahe, einzelwirtschaftliche Konten zu Konten für größere Aggregate zusammenzufassen. Dies bezeichnet man als Aggregation von Konten. Es bietet sich an, die Aggregation in einem ersten Schritt so vorzunehmen, dass zunächst die Konten für gleichartige Wirtschaftssubjekte zusammengefasst werden. Dies erfolgt für die Produktionskonten in der Weise, dass man die einzelnen Wirtschaftssubjekte zu Sektoren zusammenfasst und für ein sektorales Produktionskonto auf beiden Seiten die Transaktionen der Wirtschaftssubjekte eines Sektors addiert. Anschließend kann man dann die Eintragungen, bei denen die Gegenbuchungen im gleichen Sektorkonto auftreten, zusammen mit diesen Gegenbuchungen weglassen, so dass diese Transaktionen in den Sektorkonten nicht gezeigt werden. Diesen Vorgang nennt man Konsolidierung. Als Ergebnis erhält man dann die konsolidierten Produktionskonten der Unternehmen, der privaten Haushalte und des Staates (= Gesamtheit der öffentlichen Haushalte). Durch Aggregation und Konsolidierung werden die Transaktionen innerhalb der einzelnen Sektoren, d. h. die intrasektoralen Ströme, unsichtbar, die Transaktionen zwischen den Sektoren, d. h. die intersektoralen Ströme, bleiben dagegen weiterhin ersichtlich. Darüber hinaus sind die Beiträge der einzelnen Wirtschaftssubjekte zu ihrem Sektor nicht mehr identifizierbar. In einem zweiten Schritt kann dann die Aggregation über alle inländischen Sektoren (Unternehmen, Staat, private Haushalte) vorgenommen werden, so dass nur noch ein gesamtwirtschaftliches Produktionskonto entsteht. B.  Gesamtwirtschaftliche Güterproduktion und Brutto inlandsprodukt Um die gesamtwirtschaftliche Güterproduktion in einem einzigen Konto darzustellen, sind die einzelwirtschaftlichen Produktionskonten aller produzierenden Wirtschaftseinheiten zusammenzufassen. Bei Addition gleicher Positionen der Produktionskonten der verschiedenen Wirtschaftssubjekte würden sich auf der rechten Seite des gesamtwirtschaftlichen Produktionskontos zunächst die Verkäufe von Vorleistungen an Unternehmen des Inlands (Position 1.51) und auf der linken Seite die Käufe von Vorleistungen durch die produzierenden Wirtschaftseinheiten des Inlands (Position 1.11) ergeben. Bei Konsolidierung werden die Vorleistungen auf beiden Seiten gegeneinander aufgerechnet, da jedem Verkauf von Vorleistungen im Inland ein Kauf von Vorleistungen bei einer anderen Wirtschaftseinheit im Inland gegenübersteht. Alle anderen Positionen bleiben bei der Konsolidierung erhalten, weil ihre Gegenbuchungen Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 41 4. Kapitel: Produktion und Inlandsprodukt 41 nicht in Produktionskonten, sondern in anderen Kontenarten erfolgen. Es ist zu beachten, dass für die Berechnung des Wertes der gesamtwirtschaftlichen Produktion eine Konsolidierung der Vorleistungen zwingend erforderlich ist, da sie in der betrachteten Periode physisch und kostenmäßig als Bestandteile in neue Produkte eingehen, ihr Wert folglich in den hergestellten Produkten enthalten ist. Würde man keine Konsolidierung vornehmen und stattdessen lediglich die Produktionswerte der einzelnen produzierenden Wirtschaftseinheiten aufaddieren, würden die Vorleistungen mehrfach erfasst werden: Zum einen würden sie als Verkauf von Vorleistungen registriert werden und zum anderen nochmals in den Endprodukten, in denen sie wertmäßig enthalten sind. Konto  3 zeigt das gesamtwirtschaftliche Produktionskonto als Ergebnis der Aggregation und Konsolidierung aller einzelwirtschaftlichen Produktionskonten. Es trägt den Zusatz „Inlandskonzept“, um anzudeuten, dass hiermit die Produktionsaktivitäten innerhalb der Grenzen einer Volkswirtschaft erfasst sind. Der Begriff sei an dieser Stelle lediglich genannt. Er wird im nächsten Abschnitt näher erläutert. Auf der rechten Seite des gesamtwirtschaftlichen Produktionskontos ist der insgesamt geschaffene Güterwert bzw. das gesamtwirtschaftliche Produktionsergebnis aufgeführt. Hierbei ist der Wert der Importe, der eigentlich auf der linken Seite des Kontos stehen würde, bereits vom Wert der Exporte auf der rechten Seite abgezogen. Als Einzelpositionen auf der rechten Seite des gesamtwirtschaftlichen Produktionskontos ergeben sich die Verkäufe an die privaten Haushalte (= privater Verbrauch oder privater Konsum) und der Eigenverbrauch der öffentlichen Haushalte (auch Staatsverbrauch oder staatlicher Konsum genannt). Privater und staatlicher Konsum zusammen bilden den gesamtwirtschaftlichen Konsum. Weiterhin enthält die rechte Seite von Konto 3 die Bruttoinvestitionen, die aus den Investitionen des Staates und denen der Unternehmen bestehen. Die letzte Position bildet der Saldo aus Güterverkäufen an das Ausland und den Güterkäufen aus dem Ausland.7 Für die Bundesrepublik Deutschland ist wie für die meisten Volkswirtschaften charakteristisch, dass der private Konsum den größten Posten auf der rechten Seite des gesamtwirtschaftlichen Produktionskontos bildet. Die Summe dieser Positionen nennt man Bruttoinlandsprodukt zu Marktpreisen (kurz BIP genannt). Dieser Wert stellt die zentrale Größe zur Beschreibung der Produktionsaktivitäten einer Volkswirtschaft dar. 7 Wird im hier vorgestellten Kontensystem berücksichtigt, dass importierte Konsumund Investitionsgüter auch direkt aus dem Ausland bezogen und importierte nichtdauerhafte Produktionsmittel zum Teil auf Lager genommen werden (dies wurde in der bisherigen Darstellung vereinfachend ausgeschlossen), ergibt sich bei Aggregation und Konsolidierung im gesamtwirtschaftlichen Produktionskonto als Import nicht der Gesamtwert der importierten Güter. Ursache hierfür ist, dass diese Beträge nicht in den einzelwirtschaftlichen Produktionskonten auftreten, sondern unmittelbar in Vermögensänderungskonten oder Einkommenskonten verbucht werden. Um in Konto 3 die gesamte Einfuhr zu erfassen, müssen die entsprechenden Summen in diesem Fall zu den registrierten Importen hinzugerechnet und bei Konsum- bzw. Investitionsgütern auf der rechten Seite ebenfalls addiert werden. Diese Anpassung hat keine Auswirkung auf die Summe der rechten Seite, verändert aber ihre Struktur. Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 42 Zweiter Teil: Wirtschaftskreislauf42 Die linke Seite von Konto  3 zeigt die Summe aus gesamtwirtschaftlichen Produktionskosten und dem erzielten Gewinn, der mit dem auf der rechten Seite ausgewiesenen Produktionsergebnis verbunden ist. Im Einzelnen umfasst die linke Seite von Konto 3 die Abschreibungen, die Differenz aus Gütersteuern und Gütersubventionen sowie die Summe aller Nettowertschöpfungen. Die gesamtwirtschaftliche Nettowertschöpfung umfasst im Wesentlichen die im Inland erzielten Arbeitseinkommen, Zinserträge und Gewinne. Die Konstruktion des gesamtwirtschaftlichen Produktionskontos bedingt, dass die Summe der Positionen der linken Seite der Summe der Positionen der rechten Seite entsprechen muss. Insofern kann das Bruttoinlandsprodukt auch über die linke Seite berechnet werden. Neben dem BIP gibt es noch andere, wenngleich hiermit verwandte Definitionen der gesamtwirtschaftlichen Produktionsaktivitäten. Diese werden im nächsten Abschnitt betrachtet. 4. Inlandsprodukt und Nationaleinkommen A. Konzepte des Inlandsprodukts Wie im vorangehenden Abschnitt bereits erwähnt wurde, bildet das Bruttoinlandsprodukt zu Marktpreisen (BIP; englisch: GDP für „gross domestic product“; französisch: PIB für „produit intérieur brut“) die wichtigste Größe zur Beschreibung der gesamtwirtschaftlichen Produktion. Es stellt die Summe aus den privaten und staatlichen Konsumausgaben, den Bruttoinvestitionen und der Differenz aus Exporten und Importen dar und beschreibt den Gesamtwert der im Inland erstellten Güter. Unter Verwendung der Abkürzungen in Konto 3 lässt sich schreiben: BIP = Cpr + CSt + IbrU  + IbrSt  + X – M. Da sich die Summen auf beiden Seiten des Kontos entsprechen müssen, kann das Bruttoinlandsprodukt zu Marktpreisen auch als Summe der Positionen auf der linken Seite definiert werden: BIP = D + (TG – ZG) + NWS. Konto 3: Gesamtwirtschaftliches Produktionskonto nach Inlandskonzept (Deutschland 2010, in Mrd. Euro) • Abschreibungen D (353) • Gütersteuern minus Gütersubventionen TG – ZG (259) • Nettowertschöpfung (im Wesentlichen Löhne, Zinsen, Mieten, Gewinne) NWS (1887) • Verkäufe von Konsumgütern an private Haushalte Cpr (1445) • Konsumausgaben des Staates CSt (487) • Bruttoinvestitionen – des Staates ISt (39) – der Unternehmen I • Ausfuhr minus Einfuhr X – M (130) BIP (2499) br U (398) br ⎫ ⎪ ⎪ ⎪ ⎪ ⎪ ⎬ ⎪ ⎪ ⎪ ⎪ ⎪ ⎪ ⎭ Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 43 4. Kapitel: Produktion und Inlandsprodukt 43 Im Prinzip werden die im BIP erfassten Güter zu Marktpreisen bewertet. Dies gilt allerdings nur für jene Güter auf der rechten Seite des gesamtwirtschaftlichen Produktionskontos, die tatsächlich verkauft wurden, und trifft nicht für den staatlichen Verbrauch, die selbsterstellten Anlagen sowie die Lagerbestandsveränderungen an eigenen Produkten zu, die jeweils mit ihren Herstellungskosten angesetzt werden. Zieht man vom Bruttoinlandsprodukt zu Marktpreisen den Wert der Abschreibungen ab, erhält man das Nettoinlandsprodukt (zu Marktpreisen) (NIP; englisch: NDP für „net domestic product“; französisch: PIN für „produit intérieur net“). Der Ausdruck „netto“ deutet bei den gesamtwirtschaftlichen Produktionsgrößen jeweils an, dass die Abschreibungen in dieser Abgrenzung nicht enthalten sind: NIP = BIP – D NIP = Cpr + CSt + IbrU + IbrSt  – D + X – M. Mit der Definition der Nettoinvestitionen In = Ibr – D ergibt sich: NIP = Cpr + CSt + InU + InSt + X – M. Berücksichtigt man, dass die Marktpreise über den Umfang von Gütersteuern und Gütersubventionen durch den staatlichen Sektor beeinflusst werden, und subtrahiert deshalb die Nettogütersteuern vom Nettoinlandsprodukt, gelangt man zur Nettowertschöpfung (NWS): NIP – (TG – ZG) = NWS NWS = Cpr + CSt + InU + InSt + X – M – (TG – ZG). Die so abgegrenzte Nettowertschöpfung wird auch Nettowertschöpfung zu Herstellungspreisen genannt. Die verschiedenen Inlandsproduktsabgrenzungen verdeutlichen die enge Verbindung zwischen dem Wert der Güterproduktion und dem Gesamteinkommen in einer Volkswirtschaft. Der Wert der gesamtwirtschaftlichen Produktion lässt sich auf zwei Arten berechnen: Zum einen mittels der hergestellten Gütermengen und ihrer Preise, zum anderen mittels der bei der Güterproduktion entstehenden Kosten. B. Vom Inlandsprodukt zum Nationaleinkommen Die im vorangegangenen Abschnitt erläuterten Inlandsproduktsbegriffe stellen nur eine von im Wesentlichen zwei Möglichkeiten der Abgrenzung der Güterproduktion einer Volkswirtschaft gegenüber dem Ausland dar. Sie basiert auf dem Inlandskonzept, nach dem das Gesamteinkommen angegeben wird, das innerhalb der Grenzen einer Volkswirtschaft entsteht, und zwar unabhängig davon, ob die Einkommen inländischen oder ausländischen Wirtschaftseinheiten zugeflossen sind. Die zweite Möglichkeit für die Abgrenzung der in einer Volkswirtschaft produzierten Gütermenge stellt das Inländerkonzept dar. Der hiernach berechnete Einkommenswert bezieht sich auf den Gesamtbetrag, der letztlich den Inländern zugeflossen ist, und zwar unabhängig davon, ob aus Produktionsaktivi- Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 44 Zweiter Teil: Wirtschaftskreislauf44 täten im Inland oder im Ausland. Den nach dem Inländerkonzept berechneten Produktions- bzw. Einkommenswert nennt man Nationaleinkommen (englisch: national product oder auch national income). Um ausgehend vom Inlandsprodukt das Nationaleinkommen zu berechnen, sind folgende Zusammenhänge zu berücksichtigen. Die von Inländern bezogenen Einkommen aus Produktionsaktivitäten im Inland sind bereits im Inlandsprodukt, das nach dem Inlandskonzept berechnet wird, enthalten. Nicht enthalten sind dagegen jene Einkommensbestandteile, die Inländer aus dem Ausland beziehen. Sie setzen sich aus der übrigen Welt empfangenen Arbeitnehmerentgelten und Vermögenseinkommen (z. B. auf ausländische Bonds) zusammen. Man spricht hierbei auch von den Primäreinkommen aus der übrigen Welt. Abzusetzen sind dagegen die an die übrige Welt gezahlten Primäreinkommen. Sie bestehen aus an die übrige Welt geleisteten Arbeitnehmerentgelte und Vermögenseinkommen. Die Beziehung zwischen dem Bruttoinlandsprodukt (zu Marktpreisen) und dem Bruttonationaleinkommen (zu Marktpreisen; englisch: gross national product) lässt sich zusammengefasst wie folgt ausdrücken: + – Bruttoinlandsprodukt (= Gesamteinkommen, das im Inland entstand) Summe der Einkommen, die Inländer im Ausland erzielten (= Primäreinkommen aus der übrigen Welt) Summe der Einkommen, die Ausländer im Inland erzielten (= Primäreinkommen an die übrige Welt) ⎫ ⎪ ⎪ ⎪ ⎪ ⎬ ⎪ ⎪ ⎪ ⎪ ⎭ Saldo der Primäreinkommen aus der übrigen Welt = Bruttonationaleinkommen (= Gesamteinkommen, das die Inländer erzielten) Die Differenz aus den Primäreinkommen aus der übrigen Welt und den an die übrige Welt geleisteten Primäreinkommen nennt man Saldo der Primäreinkommen aus der übrigen Welt. Ist dieser positiv, übersteigt das Nationaleinkommen das Inlandsprodukt. Als inländische Wirtschaftseinheiten gelten alle Institutionen oder Personen, die ihren ständigen Sitz bzw. Wohnsitz im Inland haben. Dabei spielen weder Staatsangehörigkeit noch Eigentumsverhältnisse eine Rolle. Aus diesem Grund gehören z. B. ausländische Arbeitnehmer im Inland ebenso zu den inländischen Wirtschaftseinheiten wie die inländischen Produktionsstätten von Unternehmen in ausländischem Eigentum. Von dieser Regel gibt es nur wenige Ausnahmen wie z. B. diplomatische Vertretungen und Streitkräfte, die grundsätzlich zu ihrem Herkunftsland gerechnet werden. Ähnlich wie die Inlandsproduktsbegriffe können auch verschiedene nach dem Inländerkonzept abgegrenzte Nationaleinkommensbegriffe unterschieden werden. So lässt sich ausgehend vom Bruttonationaleinkommen (BNE) durch Abziehen der Abschreibungen (D) das Nettonationaleinkommen (NNE) ermitteln: NNE = BNE – D. Für Deutschland besteht zwischen dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) und dem Bruttonationaleinkommen (BNE) quantitativ kein bedeutender Unterschied. Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 45 4. Kapitel: Produktion und Inlandsprodukt 45 In aller Regel betrug er in der Vergangenheit weniger als ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Abbildung 4-2 verdeutlicht den Zusammenhang zwischen Bruttoinlandsprodukt und Bruttonationaleinkommen. C.  Bruttoinlandsprodukt, Bruttonationaleinkommen und verfügbares Einkommen Wie im vorangegangenen Abschnitt erklärt wurde, bilden die Primäreinkommen aus der übrigen Welt die Differenz zwischen Bruttoinlandsprodukt und Bruttonationaleinkommen. Bei beiden Größen gelangt man durch Abzug der Abschreibungen zu den entsprechenden Nettogrößen, d. h. zum Nettoinlandsprodukt und zum Nettonationaleinkommen. Zieht man von letzteren Größe den Nettobetrag der an die übrige Welt geleisteten laufenden Transfers ab, d. h. die Differenz der laufenden Transfer an die übrige Welt und aus der übrigen Welt, erhält man das verfügbare Einkommen. Abbildung 4-3 illustriert den Zusammenhang zwischen dem Bruttoinlandsprodukt, dem Bruttonationaleinkommen, dem Nettonationaleinkommen und dem verfügbaren Einkommen. Die Daten in Klammern beziehen sich dabei auf die Werte für das Jahr 2009. Wie sich zeigt macht das verfügbare Einkommen für den angegebenen Zeitraum etwa 86 Prozent des BIP aus. Dabei darf allerdings nicht übersehen werden, dass der Begriff des verfügbaren Einkommens in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung das Einkommen aller inländischen Sektoren umfasst. Insofern darf es nicht mit dem Arbeitnehmerentgelt nach Steuern und Sozialversicherungsabgaben oder dem Einkommen der privaten Haushalte nach diesen Abgaben verwechselt werden. Diese beiden Größen machen anteilsmäßig einen deutlich geringeren Teil des BIP aus. Abb. 4-2: Bruttoinlandsprodukt und Bruttonationaleinkommen in der Bundesrepublik Deutschland 2010 Quelle: Statistisches Bundesamt (2011, S. 39) Primäreinkommen aus der übrigen Welt: 170 Mrd. Euro Im Inland erzielte Einkommen der Inländer: 2362 Mrd. Euro Primäreinkommen an die übrige Welt: 137 Mrd. Euro BNE 2532 Mrd. Euro BIP 2499 Mrd. Euro Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 46 Zweiter Teil: Wirtschaftskreislauf46 Box 4-2: John Maynard Keynes John Maynard Keynes wurde 1883 in Cambridge geboren. Nach seiner Schulausbildung in Eton studierte er am King’s College in Cambridge, wo er 1905 einen Abschluss in Mathematik machte. Im folgenden Jahr hörte er wirtschaftswissenschaftliche Vorlesungen bei Alfred Marshall und Arthur Pigou. Anschließend verbrachte Keynes zwei Jahre im Staatsdienst. 1908 kehrte er nach Cambridge zurück, um Wirtschaftswissenschaften zu lehren. Keynes war in den Folgejahren nicht nur Wirtschaftswissenschaftler, sondern auch Publizist, Politiker und – erfolgreicher – Börsenspekulant. Keynes starb am 21.  April 1946 in Tilton (Sussex). Keynes ist zweifellos der bedeutendste englische Ökonom des vergangenen Jahrhunderts. Er schrieb eine Vielzahl von Veröffentlichungen; sein bekanntestes Werk ist die „General Theory of Employment, Interest and Money“ (1936), mit der er die Grundlagen der modernen Makroökonomik legte. Die „General Theory“ und andere Arbeiten von Keynes gaben der Kreislaufanalyse und der Entwicklung der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung entscheidende Impulse. Schlüsselbegriffe: Produktionskonto Bruttoinlandsprodukt Sektorale Konten Bruttonationaleinkommen Gesamtwirtschaftliche Konten Nettonationaleinkommen Kapitalstock Nettoinlandsprodukt Abschreibungen Inländerprodukt Gütersteuern und Gütersubventionen Inlandsprodukt Produktionswert Primäreinkommen Bruttowertschöpfung Verfügbares Einkommen Nettowertschöpfung Daten in Klammern beziehen sich auf die realisierten Werte im Jahr 2010 für die Bundesrepublik Deutschland (in Mrd. Euro) Abb. 4-3: Vom Bruttoinlandsprodukt zum verfügbaren Einkommen Quelle: Statistisches Bundesamt (2011, S. 39 ff.) BIP (2499) BNE (2532) Saldo der Primäreinkommen (33) NNE (2179) D (353) Verfügbares Einkommen (2142) Laufende Transfers an die übrige Welt (37) Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 47 Dritter Teil: Inlandsproduktsberechnung in der Bundesrepublik: Konzepte, Anwendungen und Probleme Dritter Teil: Inlandsproduktsberechnung in der Bundesrepublik

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References

Zusammenfassung

Die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung.

Dieses Buch informiert umfassend über die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung. Ausgehend von der theoretischen Fundierung der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung geht es ausführlich auf das in Deutschland (und den anderen Ländern der Europäischen Union) verwendete Gesamtrechnungssystem ESVG 95 ein. Ein besonderes Gewicht liegt auf der Anwendung und den Weiterentwicklungen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. So erhält der Leser nicht nur einen fundierten Überblick über die quantitativen Verhältnisse der deutschen Volkswirtschaft, er wird beispielsweise auch ausführlich über die aktuelle Diskussion um die Aussagefähigkeit des Bruttoinlandsprodukts, die Entwicklung alternativer Konzepte zur Wohlfahrtsmessung sowie die Bestrebungen informiert, die Fortschritte auf dem Weg zu einer nachhaltigen Wirtschaft zu quantifizieren.

Die Autoren

Prof. Dr. Michael Frenkel ist Inhaber des Lehrstuhls für Makroökonomik und Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der WHU – Otto-Beisheim School of Management, Vallendar.

Prof. Dr. Klaus Dieter John ist Inhaber der Professur für Wirtschaftspolitik an der Technischen Universität Chemnitz.