9. Kapitel: Zur Aussagefähigkeit des Inlandsprodukts in:

Michael Frenkel, Klaus Dieter John

Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, page 154 - 201

7. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3763-8, ISBN online: 978-3-8006-4307-3, https://doi.org/10.15358/9783800643073_154

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

Bibliographic information
Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 147 9. Kapitel: Zur Aussagefähigkeit des Inlandsprodukts 1. Kritik an der Inlandsproduktskonzeption Mit einem höheren Inlandsprodukt wird insbesondere im politischen Bereich gewöhnlich ein höheres Wohlstandsniveau einer Volkswirtschaft verbunden. Diese Schlussfolgerung ist seit etwa Ende der sechziger Jahre zunehmend kri tisiert worden. Die verschiedenen Kritikpunkte legen wesentliche Schwächen der Inlandsproduktsberechnung offen und sind zumeist Ausdruck der sich ver ändernden Probleme und Fragestellungen in Wirtschaft und Politik. Die Kritik bezieht sich zum ersten auf Faktoren, die für die Beurteilung des Wohlstands als bedeutend angesehen werden, jedoch nicht im Inlandsprodukt enthalten sind, zum zweiten auf Komponenten, die im Inlandsprodukt enthalten sind, jedoch nicht als wohlstandsrelevant angesehen werden, und zum dritten auf Kompo nenten, bei denen eine für Wohlstandsüberlegungen falsche Erfassung vorliegt. Einer der Kritikpunkte, die sich auf die Nichteinbeziehung wohlstandsre levanter Faktoren in die Inlandsproduktsberechnung beziehen, betrifft die mit der Produktion verbundenen Umweltschäden. Wird durch die Güter herstellung z. B. die Luft oder das Wasser verschmutzt, wird dies nicht als in landsproduktsmindernd erfasst. Auch eine mit der Produktion einhergehende Lärmbelästigung oder Gesundheitsbeeinträchtigung reduziert den Wert des Inlandsprodukts nicht, obwohl von all diesen Einflüssen eine Verminderung des Wohlstands ausgeht. Werden dagegen Umweltschäden beseitigt, Lärmwälle gebaut oder gesundheitsverbessernde Maßnahmen durchgeführt, steigt das Inlandsprodukt, wenngleich hierdurch nur eine Kompensation der ursprüng lich entstandenen Wohlstandsverminderung vorgenommen wird. Die hier angesprochene Kritik bezieht sich auf die Nichterfassung sozialer Kosten. Die Asymmetrie durch Vernachlässigung dieser Kosten einerseits und Erfassung von Beseitigungsmaßnahmen andererseits begrenzt die Aussagefähigkeit des Inlandsprodukts hinsichtlich der Messung von Wohlstandsveränderungen. Ein weiterer Einwand gegen die Inlandsproduktskonzeption betrifft die fehlen de Berücksichtigung sozialer Erträge. Hierbei handelt es sich um Vorteile, die bestimmten Wirtschaftseinheiten zukommen, ohne dass sie hierfür direkt oder indirekt an den Kosten beteiligt werden. Eine Zunahme dieser Vorteile erhöht somit den Wohlstand der Begünstigten, verändert aber für sich genommen nicht den Wert des Inlandsprodukts. Ein Beispiel für soziale Erträge ist die Verbesse rung der Wohnqualität von Anwohnern, die entsteht, wenn ein Nachbar einen besonders schönen Garten anlegt. In der Inlandsproduktsberechnung werden auch die durch die Güterproduk tion entstandenen Beeinträchtigungen des Wohlstandspotentials zukünftiger Generationen nicht erfasst. Eine solche Beeinträchtigung kann nicht nur aus 9. Kapitel: Zur Aussagefähigkeit des Inlandsprodukts Dritter Teil: Inlandsproduktsberechnung in der Bundesrepublik Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 148 Dritter Teil: Inlandsproduktsberechnung in der Bundesrepublik148 Umweltschäden resultieren, sondern auch aus einem Abbau von nicht regene rierbaren Ressourcen. Der Abbau solcher Rohstoffe erhöht das Inlandsprodukt in der laufenden Periode, das Wohlstandsniveau muss allerdings aufgrund der verminderten zukünftigen Förderungsmöglichkeiten nicht in der vom Inlands produkt angezeigten Weise zugenommen haben. Die Entscheidung einer Gesellschaft über die Zeitaufteilung in Arbeitszeit und Freizeit schlägt sich ebenfalls nicht im Inlandsprodukt nieder. Entschließt sich z. B. eine Gesellschaft zur Verringerung der Arbeitszeit unter Hinnahme einer geringeren Produktionsmenge, wäre bei einem Schluss vom Inlandsprodukt auf die Wohlfahrt der Bevölkerung eine Verschlechterung festzustellen, die in Wirk lichkeit nicht eingetreten ist. Im Gegenteil, im betrachteten Beispiel wäre die Entscheidung für mehr Freizeit ja gerade das Ergebnis der hiermit verbundenen Wohlstandserhöhung. In der Realität sind Fragen der Zeitallokation besonders von Bedeutung, wenn es um die Aufteilung von Produktivitätsfortschritten auf mehr Freizeit und mehr Produktion geht. Vielfach kritisiert wird auch die fehlende Berücksichtigung von Verteilungsaspekten. Diese kommen im Inlandsprodukt nur indirekt über die enthaltenen Güter und die Preisstrukturen zum Ausdruck, die in einer Volkswirtschaft mit sehr ausgeprägter Ungleichverteilung anders ausfallen als bei verhältnismäßig gleicher Verteilung. Aus der fehlenden expliziten Berücksichtigung von Vertei lungsaspekten ergibt sich zumindest eine Einschränkung der Aussagefähigkeit des Inlandsprodukts als Wohlstandsindikator, da bei einer Veränderung des Inlandsprodukts nicht ersichtlich ist, ob damit eine Konstanz oder Verände rung der Einkommensverteilung einhergegangen ist. Dies kann jedoch für die Beurteilung des Wohlstands von Bedeutung sein. Die Inlandsproduktskonzeption stellt im Wesentlichen auf die über den Markt erbrachten Leistungen ab. Nichtmarktleistungen bleiben daher im Inlands produkt unberücksichtigt. Hierzu zählen z. B. die Eigenleistungen der privaten Haushalte, wie die Kindererziehung, die Reparatur und Herstellung von Gütern durch Do it yourself Tätigkeiten, die Reinigung der Wäsche und die Zube reitung von Mahlzeiten. Zu den nicht über den Markt erbrachten Leistungen gehören aber auch der Bereich der Schwarzarbeit, bei der eine Umgehung von Steuerzahlungen und Sozialversicherungsabgaben verfolgt wird, sowie der Bereich der Subsistenzwirtschaft in Entwicklungsländern, bei der Nachbar schaftshilfe und Tauschwirtschaft an die Stelle der in Geld gemessenen Markt leistungen treten. Da die Anteile dieser Aktivitäten an der Gesamtproduktion einer Volkswirtschaft Schwankungen unterliegen und zwischen verschiedenen Ländern unterschiedlich groß sind, ergeben sich hieraus auch Probleme der intertemporalen und internationalen Vergleichbarkeit von Inlandsprodukts zahlen (vgl. 7. Kapitel). Ebenfalls unberücksichtigt bleiben nicht-ökonomische Größen, die für den Wohlstand relevant sind. Hierzu könnte man etwa politische Freiheiten und soziale Sicherheit rechnen. Zu den Kritikpunkten, die sich auf eine unzutreffende Erfasssung bestimmter Transaktionen beziehen, gehört die Bewertung staatlicher Leistungen zu Her stellungskosten. In der Tat kann aus den Aufwendungen für Bildungseinrich Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 149 9. Kapitel: Zur Aussagefähigkeit des Inlandsprodukts 149 tungen, den Gesundheitsdienst und die Justiz nicht auf die Qualität bzw. den Wert dieser Einrichtungen geschlossen werden. Eine falsche Erfassung wird auch in der Behandlung sämtlicher zum Staatsver brauch zählender Güter als Endprodukte gesehen. Eine solche Behandlung kann zu Doppelzählungen führen, wenn diese Güter eigentlich zu den Vorleistungen zu rechnen sind. Es stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, welche Güter des Staatsverbrauchs Vorleistungscharakter haben. Wäre eine entspre chende Abgrenzung möglich, dürften nur die tatsächlichen Endprodukte in die Inlandsproduktsberechnung einbezogen werden. Ein in den Wirtschaftswis senschaften diskutierter Vorschlag befürwortet den Ausschluss von staatlichen Ausgaben aus der Inlandsproduktsberechnung, die für die Aufrechterhaltung eines funktionierenden Gesellschaftslebens getätigt werden müssen. Diese Ausgaben werden in der Literatur als „regrettable necessities“ bezeichnet, um damit zum Ausdruck zu bringen, dass sie eine Art unvermeidliches Übel dar stellen. Vielfach wird vorgeschlagen, hierzu etwa die Straßenerhaltung sowie äußere und innere Sicherheit zu rechnen. Jede Trennungslinie innerhalb des Staatsverbrauchs zwischen Endprodukten und regrettable necessities muss al lerdings willkürlich bleiben, da die Beurteilung der Güter des Staatsverbrauchs letztlich subjektiv ist. So könnte die mit einer Erhöhung der Verteidigungsaus gaben verbundene Zunahme der Sicherheit nach außen von Teilen der Bevöl kerung durchaus als wohlstandssteigernd empfunden werden. Ein ähnlicher Kritikpunkt betrifft die Behandlung aller Ausgaben der privaten Haushalte als Endprodukte. Fahrten zum Arbeitsplatz, zur Ausbildungsstätte oder zur Gesundheitsvorsorge werden im Inlandsprodukt erfasst, obwohl eine Zunahme dieser Fahrten sicherlich eine Wohlstandsverminderung darstellt. Hier besteht ebenfalls das Problem, diejenigen Ausgaben der privaten Haushalte zu bestimmen, die den Charakter von regrettable necessities haben. Weitere Kritikpunkte betreffen die Nichtberücksichtigung der Produktqualität, der Auslastungsgrade der Produktionsfaktoren und der Wettbewerbssituation. Auch bei diesen Aspekten besteht eine Verbindung zum Wohlstand der Bevöl kerung, ohne dass sie sich im Inlandsprodukt niederschlägt. Die umfangreiche Kritik an der Eignung des Inlandsprodukts als Wohlstandsin dikator hat einerseits zu einer Reihe von Vorschlägen geführt, welche entweder auf einen Ersatz der Inlandsproduktskonzeption als Wohlstands oder auch Wohlfahrtsindikator durch alternative Konzepte abstellen oder die Verwendung des Inlandsprodukts durch weitere Daten ergänzen bzw. erweitern wollen. Das Ziel aller Vorschläge ist es, geeignetere Größen zur Beurteilung des Wohlstands bzw. der Lebensqualität eines Landes zu entwickeln. Der Abschnitt 2 dieses Ka pitels betrachtet zunächst ausgewählte alternative Konzeptionen. Anschließend beleuchtet Abschnitt 3 einige Erweiterungsvorschläge. Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 150 Dritter Teil: Inlandsproduktsberechnung in der Bundesrepublik150 2. Alternative Konzeptionen A. Der Vorschlag von Juster Ein Vorschlag, wie die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung erweitert werden sollte, um eine umfassendere Beurteilung des Wohlstands einer Gesellschaft zu liefern, stammt von Thomas Juster (1973). Danach ist die Inlandsproduktsbe rechnung innerhalb der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung zunächst um eine Vermögensrechnung zu ergänzen. In ihr sollten die Vermögensbestände einer Gesellschaft nach den Eigentumsverhältnissen (Unternehmensvermögen, Haushaltsvermögen, Staatsvermögen) sowie nach Vermögenstypen gegliedert werden. Die Gliederung nach Vermögenstypen sollte hierbei fünf Bereiche umfassen: • Das reproduzierbare materielle Vermögen, zu dem vor allem Bauten, Ausrüstungen, dauerhafte Konsumgüter und die Bestände an Infrastruktureinrichtungen gehören. • Das reproduzierbare immaterielle Vermögen, zu dem das nicht an Personen gebunde ne Wissen einer Gesellschaft gehört. Dieses wird insbesondere durch die Ausgaben der Unternehmen und des Staates für Forschung und Entwicklung geschaffen. Dieses Wissen ist als Vermögensgröße anzusehen, da ihre Zunahme in der Regel einen An stieg zukünftiger Erträge zur Folge hat. • Das Humankapital, das die Fähigkeiten und Erfahrungen einzelner Personen umfasst. In der Inlandsproduktsberechnung werden nur die hiermit erzielten Einkommen, nicht aber die durch Fort und Weiterbildung geschaffenen Einkommenspotentiale berücksichtigt. • Das natürliche Vermögen, das aus den natürlichen Ressourcen einer Gesellschaft in Form von Flüssen, Wäldern und Bodenschätzen besteht. • Das sozialpolitische Vermögen, das nach Justers Vorstellung eine Bestandsgröße für persönliche und nationale Sicherheit sowie politische Freiheiten darstellen sollte. Hiervon ausgehend schlägt Juster vor, das berechnete Inlandsprodukt um die Veränderung der Vermögensgrößen zu korrigieren, um so zu einem wohlstands orientierten Inlandsprodukt zu gelangen. Aus dem wohlstandsorien tierten Inlandsprodukt könnten dann wichtige politische Schlussfolgerungen gezogen werden. Bei einer Veränderung der Produktionsmöglichkeiten sind nämlich gleichzeitig die nicht materiellen Wirkungen zu berücksichtigen. Eine Zunahme des materiellen Wohlstands wäre nur dann positiv zu beurteilen, wenn sie einen möglicherweise damit verbundenen Rückgang des immateriel len Wohlstands übersteigt. Die Probleme des Vorschlags von Juster sind offensichtlich. Zwar ist es sinnvoll, die Gesamtheit der Nebenwirkungen der Produktionstätigkeit einer Gesell schaft, wie sie im Inlandsprodukt zum Ausdruck kommt, zu berücksichtigen, doch stößt der Versuch einer Berücksichtigung der immateriellen Aspekte auf unüberwindbare Erfassungs und Bewertungsprobleme. Für bestimmte Ef fekte gibt es keine Erfassungsgrundlage, weil die Fernwirkungen bestimmter Tätigkeiten nicht bekannt sind oder ihrer Art und ihrem Umfang nach unter schiedlich eingestuft werden. Sind die Nebenwirkungen dagegen eindeutig, so müssen sie bewertet und den positiven Produktionseffekten gegenübergestellt werden. Dabei besteht das Problem des intertemporalen Nutzenvergleichs. Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 151 9. Kapitel: Zur Aussagefähigkeit des Inlandsprodukts 151 Während die positiven Effekte in der Gegenwart in Form eines größeren Gü tervolumens entstehen, liegen die negativen Effekte vielfach in der Zukunft. Je weiter die Effekte in der Zukunft liegen, desto größer sind die mit ihrer Ein schätzung verbundenen Unsicherheiten. Dem Vorschlag haftet neben den beschriebenen Ermittlungsproblemen bei den Vermögensgrößen der gleiche Nachteil an wie dem Inlandsprodukt als Wohlstandsindikator. Es stellt sich nämlich auch hier die Frage, was eigentlich unter Wohlstand zu verstehen ist. Da es sich dabei letztlich um eine subjektive Einschätzung handelt und eine gesamtgesellschaftliche Messung unmöglich erscheint, kann das Juster Konzept ebensowenig einen allgemein akzeptierten Wohlstandsindikator liefern wie das herkömmliche Inlandsproduktskonzept. B. Der Vorschlag von Nordhaus und Tobin Die amerikanischen Nationalökonomen William Nordhaus und James Tobin (1973) haben einen alternativen Vorschlag gemacht, wie man das System der Volks wirtschaftlichen Gesamtrechnung erweitern könnte, um mit Hilfe einer eindi mensionalen Größe ein Maß für die Wohlfahrt einer Gesellschaft zu ermitteln. Sie sehen im Inlandsprodukt ausschließlich ein Maß für die Produktionstä tigkeit eines Landes. Um zu einem Wohlstandsmaß zu gelangen, schlagen sie vor, einen Index zu ermitteln, der ausgehend von der Inlandsproduktsgröße bestimmte Korrekturen vornimmt, durch die die wesentlichen Schwächen des Inlandsproduktskonzepts beseitigt werden. Den ermittelten Index bezeichnen sie als „measure of economic welfare“ (MEW). Zur Berechnung dieses Wohlfahrtsmaßes ziehen sie vom Bruttoinlandspro dukt zunächst die Abschreibungen sowie den Teil der privaten Ausgaben und des Staatsverbrauchs ab, der Vorleistungscharakter hat und von ihnen als „instrumentelle Ausgaben“ bezeichnet wird. Sie setzen sich vor allem aus den weiter oben beschriebenen regrettable necessities sowie den öffentlichen und privaten Ausgaben für Ausbildung und Gesundheit zusammen. Weiterhin bringen sie einen Posten zum Abzug, der die Nachteile der Verstädterung in Form von Umweltverschmutzung und Lärmbelästigung wertmäßig erfasst. Ebenfalls abgezogen wird ein Teil der Investitionsausgaben, den die Autoren als Wachstumserfordernis bezeichnen. Er soll den Umfang der Investitionen wiedergeben, der zur Aufrechterhaltung eines langfristig gleichgewichtigen Wachstums erforderlich ist, und wird deshalb vom Inlandsprodukt abgezogen, weil in diesem Umfang keine Konsummöglichkeiten aus der Güterprodukti on entstehen. Hinzugefügt werden dagegen Werte für Nichtmarktaktivitäten (insbesondere die Eigenproduktion der privaten Haushalte), für den Umfang der Freizeit und die Leistungen dauerhafter Konsumgüter. Die so berechnete Größe wird als Maß für den langfristig möglichen Wohlstand angesehen. Neben diesem langfristigen Maß beinhaltet ihr Vorschlag die Berechnung eines lau fenden oder aktuellen Wohlstandsmaßes. Zu dieser Größe gelangt man, wenn man in der beschriebenen Berechnung des Wohlstandsmaßes zusätzlich den Betrag der Investitionen abzieht, um den die tatsächlichen Nettoinvestitionen die Wachstumserfordernisse übersteigen. Ist dieser Betrag positiv, bedeutet Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 152 Dritter Teil: Inlandsproduktsberechnung in der Bundesrepublik152 dies, dass die Nettoinvestitionen höher sind, als zur Aufrechterhaltung eines gleichgewichtigen Wachstums erforderlich ist. Das laufende Wohlstandsmaß ist damit geringer als das langfristig erforderliche. Die Gesellschaft verzichtet damit auf Gegenwartskonsum zugunsten zukünftiger Konsummöglichkeiten. Unterschreiten die tatsächlichen Nettoinvestitionen die Wachstumserfordernis se, so deutet dies an, dass der Gegenwartskonsum zu Lasten des zukünftigen Konsums geht. Nordhaus und Tobin kommen in ihren Berechnungen für die USA zu dem Er gebnis, dass sich ihr Wohlstandsmaß zum Teil erheblich vom Inlandsprodukt unterscheidet. Auch in den Wachstumsraten ergeben sich nicht unbedeutende Abweichungen. So zeigen ihre Berechnungen weitaus geringere Wachtumsra ten des Wohlstands als sie vom Inlandsprodukt angezeigt werden. Dies hängt vor allem damit zusammen, dass in die Konzeption von Nordhaus und Tobin Größen eingehen, die die Kosten des Wachstums bzw. die Nebenwirkungen des Produktionsanstiegs widerspiegeln. Kritisch ist gegenüber dem Alternativkonzept von Nordhaus und Tobin anzu merken, dass auch dieser Ansatz – ähnlich wie der von Juster – mit enormen Erfassungs- und Bewertungsproblemen verbunden ist. Die Bewertung der Freizeit, die Berechnung der Nachteile der Verstädterung sowie die Bestimmung des Anteils der Vorleistungen am Staatsverbrauch und den Ausgaben der Pri vaten implizieren subjektive Wertmaßstäbe und können daher nie vollständig wissenschaftlich ableitbar sein. Gerade dies aber macht die Konzeption bei allen theoretischen Vorteilen gegenüber dem Inlandsproduktskonzept anfällig gegenüber politischen Einflüssen auf die Berechnungsmethoden. C. Soziale Indikatoren Die deutlichste Abkehr vom System der Volkswirtschaftlichen Gesamtrech nung stellen die Vorschläge dar, die eine Wohlfahrtsmessung mittels einer am Inlandsprodukt orientierten Wertgröße ablehnen und stattdessen ein System von sozialen Indikatoren befürworten. Diese Ansätze sind insbesondere als Konsequenz der Bewertungsprobleme bei den eindimensionalen Wohlstands indikatoren zu sehen. Die hierbei auftretende Schwierigkeit, verschiedene Wohlstandsaspekte durch eine Bewertung in Geldeinheiten in einer Größe zu sammenzufassen, wird bei Systemen sozialer Indikatoren dadurch umgangen, dass bewusst auf ein Nebeneinander von verschiedenen Indikatoren abgestellt wird, bei denen eine Messung in deren eigentlichen Maßeinheiten erfolgt. Mit Systemen sozialer Indikatoren verbindet man vielfach sowohl eine Informa tionsfunktion (Beschreibung der aktuellen Situation) als auch eine Prognose funktion (Frühwarnsystem für sich abzeichnende Entwicklungen). Insbesondere von der OECD (Organization for Economic Cooperation and De velopment), der internationalen Organisation der westlichen Industrieländer, wurde ein solches System sozialer Indikatoren ausgearbeitet (vgl. OECD 1982, 1986). Um eine internationale Vergleichbarkeit zu erreichen, wurde unter Beteili gung von Vertretern aller Mitgliedsländer versucht, ein für alle Mitgliedsländer Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 153 9. Kapitel: Zur Aussagefähigkeit des Inlandsprodukts 153 verbindliches Indikatorsystem zu erarbeiten. Zur Beurteilung der Lebensquali tät einer Gesellschaft werden in diesem Ansatz zunächst acht Hauptzielbereiche (primary goal areas) gebildet: 1. Gesundheit 2. Entwicklung der Persönlichkeit durch Bildung 3. Arbeit und Qualität des Arbeitslebens 4. Zeiteinteilung und Freizeit 5. Verfügung über Güter und Dienstleistungen 6. Physische Umwelt 7. Persönliche Sicherheit und Rechtspflege 8. Gesellschaftliche Chancen und Beteiligung Diese Hauptzielbereiche werden durch die Angabe von „wesentlichen gesellschaftlichen Anliegen“ präzisiert, die ihrerseits in Teilziele („sub concerns“) aufgegliedert werden. Für einige Teilziele wird der Zielerreichungsgrad direkt durch Indikatoren beschrieben, andere werden zunächst noch weiter untergliedert. Der Hauptzielbereich Physische Umwelt wird z. B. in die wesentlichen gesellschaftlichen Anliegen Wohnbedingungen, Beeinträchtigung der Bevölkerung durch Umweltverschmutzung und Nutzen, den die Bevölkerung aus dem Konsum und der Verwaltung der Umwelt zieht, strukturiert. Teil ziele der Gruppe Beeinträchtigung der Bevölkerung durch Umweltverschmutzung sind u. a. Verschmutzung durch nicht auflösbare Stoffe, Lärm, Luft und Wasserbelastung. Im Ergebnis entsteht dadurch ein relativ engmaschiges Netz von Indikatoren zur Beschrei bung der sozialen Situation einer Gesellschaft. Die Konstruktion und Verwendung des von der OECD erarbeiteten Indika torsystems ist wie alle Systeme sozialer Indikatoren trotz des Vorteils, auf die Bildung einer eindimensionalen Größe verzichten zu können, mit einer Vielzahl von Schwierigkeiten verbunden. Zunächst ist der Begriff Wohlstand bzw. Le bensqualität zu definieren. Einen im Zeitablauf und für verschiedene Länder objektiven Vergleichsmaßstab zu finden, erscheint praktisch unmöglich. Mit der Festlegung der acht Hauptzielbereiche im OECD Ansatz erfolgt bereits auf die ser Stufe eine umstrittene Einengung. Ebenso schwierig sind die Probleme bei der Definition von Teilzielen und der Konstruktion von geeigneten Indikatoren zur Beschreibung der Zielerreichung. Immer wieder taucht das Problem auf, dass bei der Messung bestimmter Aspekte der Lebensqualität auf Inputgrößen zurückgegriffen werden muss, obwohl diese keinen Gradmesser der Ergebnis se darstellen. Die Anzahl der Studenten pro 1000 Einwohner ist ebenso wenig ein zuverlässiges Maß für die Qualität des Bildungssystems wie die Auto und Fernsehverbreitung für die Freizeitmöglichkeiten. Zusätzliche Probleme ergeben sich bei den Sozialindikatorsystemen, wenn ne ben objektiven auch subjektive Indikatoren verwendet werden. So werden im Bereich Arbeit und Qualität des Arbeitslebens neben objektiven Indikatoren, wie z. B. die Anzahl der Urlaubstage im Jahr oder die Arbeitszeit, auch subjekti ve Indikatoren einbezogen, bei denen z. B. die Arbeitnehmer die Aufstiegsmög lichkeiten oder die Beziehungen der Arbeitnehmer untereinander beurteilen. Hierdurch ergeben sich zwar Einblicke in die Empfindungen der unmittel bar Betroffenen, doch können deren Beurteilungsmaßstäbe sich im Zeitablauf verändern, so dass die gleiche Situation zu verschiedenen Zeitpunkten ganz Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 154 Dritter Teil: Inlandsproduktsberechnung in der Bundesrepublik154 unterschiedlich beurteilt wird. Weitere Probleme ergeben sich bei subjektiven Indikatoren aus der Auswahl der Befragten und der Aggregation solcher Indi katoren. Diese Probleme schränken die internationale Vergleichbarkeit erheblich ein. Will man aber die Gefühle der Betroffenen in die Indikatoren einfließen lassen, kann man auf subjektive Indikatoren nicht verzichten. Umstritten in der Forschung zu den sozialen Indikatoren ist die Frage, ob die Zahl der ausgewiesenen Indikatoren nicht durch Aggregation vermindert wer den sollte. Einerseits werden die Ergebnisse der sozialen Indikatoren dadurch übersichtlicher und die intertemporale und internationale Vergleichbarkeit erscheint einfacher. Andererseits ergeben sich erhebliche technische Probleme bei der Aggregation, die denen bei der Berechnung eindimensionaler Wohl standsindikatoren entsprechen. Die aufgeführten Kritikpunkte deuten bereits an, dass das System sozialer Indikatoren mit einer Reihe von Detailproblemen verbunden ist. Wie letztlich Lebensqualität zu messen ist, lässt sich nicht durch ein komplexeres System von Indikatoren lösen. Je genauer nämlich die einzelnen Zielbereiche beschrieben werden, desto schwieriger sind dann die Bewertung der Ergebnisse sowie der intertemporale und der internationale Vergleich. Die vielschichtige Problematik der Sozialindikatorsysteme hat inzwischen zu einem weitgehenden Stillstand dieser Forschungsrichtung geführt. Im Prin zip ist es im Rahmen dieser Ansätze genauso wie beim Inlandsprodukt nicht möglich, einen objektiven Vergleichsmaßstab für die Lebensqualität zu liefern. Daher ist es nicht verwunderlich, dass das Inlandsprodukt nach wie vor allge mein als Maß für die materielle Versorgungslage einer Gesellschaft verwendet wird. Offenbar ist es befriedigender, mit einem Indikator zu arbeiten, dessen Mängel allseits bekannt sind, als mit einem komplexen und umstrittenen In dikatorsystem. D. Der „Human Development Index“ Mit der Entwicklung eines „Human Development Index“ (HDI) verfolgt die UNDP (United Nations Development Program) seit 1990 das Ziel, die Lebens qualität verschiedener Länder anhand sozio ökonomischer Indikatoren mitei nander zu vergleichen. Der Index fasst drei Indikatoren für die Entwicklung eines Landes zusammen. Sie umfassen folgende Bereiche: ●● die Lebenserwartung bei Geburt, ●● den Umfang der Ausbildung und ●● das Pro Kopf Einkommen. Die drei Indikatoren werden wie folgt gemessen. Die Lebenserwartung bei Geburt wird in Jahren angegeben. Der Ausbildungsindikator setzt sich zu zwei Dritteln aus der Alphabetisierungsrate und zu einem Drittel aus der durchschnittlichen Ausbildungszeit (gemessen in Jahren) zusammen. Der Ein kommensindikator wird aus dem Pro Kopf Bruttonationaleinkommen unter Berücksichtigung von Kaufkraftaspekten berechnet. Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 155 9. Kapitel: Zur Aussagefähigkeit des Inlandsprodukts 155 Bei allen drei Indikatoren wird für jedes Land festgestellt, welche relative Po sition dieses Land zwischen dem Land mit der höchsten und der niedrigsten Entwicklung einnimmt. Diese relativen Positionen werden dann zu einem Index zusammengefasst. Im einzelnen erfolgt die Berechnung in vier Schritten: 1. Man bestimmt zunächst für einen Indikator, um wieviel das jeweilige Land den Indikator des Landes mit dem geringsten Wert übersteigt. 2. Anschließend bestimmt man die Differenz zwischen dem Land mit dem höchsten und dem Land mit dem niedrigsten Indikatorwert. 3. Danach berechnet man das Verhältnis aus dem unter 1. zu dem unter 2. er mittelten Wert. Diese Relation gibt an, welchen prozentualen Weg ein Land in seiner Entwicklung bei dem jeweiligen Indikator im Vergleich zur gesam ten Bandbreite bereits zurückgelegt hat. Entsprechend erhält das Land mit der höchsten Ausprägung bei einem Indikator einen Wert von 100 Prozent und das Land mit dem Minimumwert null Prozent. 4. Zum Schluss wird der Durchschnitt der drei relativen Positionen gebildet. Würde ein Land bei allen drei Indikatoren die höchste Ausprägung auf weisen, wäre der Gesamtindikator, also der HDI, genau Eins. Entsprechend hätte ein Land, das bei allen drei Indikatoren die geringste Entwicklung zeigt, den Wert Null. Die HDI Werte liegen mithin zwischen Null und Eins. Die Berechnung verdeutlicht, dass der HDI kein absolutes, sondern ein relatives Maß für die Lebensqualität darstellt. Ein gleicher Wert des HDI im Zeitverlauf kann daher mit zunehmender Lebensqualität verbunden sein. Dies ist dann der Fall, wenn sich die Lebensqualität in den am weitesten und am wenigsten weit entwickelten Ländern erhöht hat. Tabelle 9 1 zeigt einen Auszug aus der 2010 veröffentlichten Rangfolge der 169 berücksichtigten Länder. An der Spitze steht Norwegen. Die Bundesrepublik liegt auf Platz 10, während sie im Pro Kopf Einkommen auf Platz 19 liegt. Zim babwe nimmt die letzte und der Kongo die vorletzte Position ein. Insgesamt ergibt sich, dass die Industriestaaten die vorderen Plätze belegen, während die ärmsten Entwicklungsländer am Ende der Rangskala liegen. Die Ursache für die hohe Korrelation zwischen Inlandsprodukt pro Kopf und HDI kann darin gesehen werden, dass Länder mit hohem Einkommensniveau auch hohe Investitionen in das Bildungs und das Gesundheitssystem vornehmen können. Der HDI ist seit seiner Einführung lebhaft diskutiert worden. Gegen ihn wurde beispielsweise vorgetragen, dass er sich auf zu wenige sozio ökonomische Grö ßen beschränkt, politische Aspekte unberücksichtigt lässt, durch Aggregation zu einem einzigen Index die Einzelaspekte verschleiert und die unbefriedi gende Datenbasis in vielen Ländern die HDI Berechnungen verfälscht. Diese Kritikpunkte können im Prinzip gegen alle aggregierten Wohlfahrts oder Ent wicklungsmaße vorgetragen werden. Es muss jedoch hervorgehoben werden, dass die UNDP ihre Berechnungen durch modifizierte HDI Werte ergänzt. So veröffentlicht sie für einige Länder auch Indizes, welche die unterschiedlichen Indikatorausprägungen bei Frauen und Männern, die Einkommensverteilung und die abweichende Entwicklung verschiedener Regionen eines Landes be rücksichtigen. Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 156 Dritter Teil: Inlandsproduktsberechnung in der Bundesrepublik156 E. Zur Glücksforschung Die auf die 1970er Jahre zurückgehende Glücksforschung hat in jüngerer Ver gangenheit auch unter Ökonomen größere Bedeutung erlangt. Beim Begriff „Glück“ lässt sich zunächst zwischen dem reinen Zufallsglück („luck“) und dem Glücklichsein unterscheiden. Letzteres lässt sich weiter unterteilen in eine momentane und sehr emotionale Komponente („pleasure“) und in eine eher dauerhafte, durch kognitive Komponenten geprägte Lebenszufriedenheit („happiness“). Letztere ist für die Glücksforschung relevant. Folglich beschäftigt sich die Glücksforschung mit etwas sehr Subjektivem und daher auch nicht leicht Messbarem. Es ist von Vergleichen (mit anderen und im Zeitablauf) und von Urteilen der Individuen abhängig, wobei die Urteile nicht unabhängig vom sozialen Umfeld sind. Die Glücksforschung ist vom Grundsatz her interdiszipli när ausgerichtet und verbindet daher eine Reihe unterschiedlicher Blickwinkel, insbesondere der Biologie, Psychologie und den Sozialwissenschaften. Betont wird, dass das Glücksempfinden durch genetische Dispositionen, bewusste und Rang Land Human Development Index Rang beim Pro- Kopf-Bruttonationaleinkommen 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 … 160 161 162 163 164 165 166 167 168 169 Norwegen Australien Neuseeland USA Irland Liechtenstein Niederlande Kanada Schweden Deutschland Japan Korea Schweiz Frankreich Israel … Mali Burkina Faso Liberia Tschad Guinea Bissau Mosambik Burundi Niger Kongo Zimbabwe 0,938 0,937 0,907 0,902 0,895 0,891 0,890 0,888 0,885 0,885 0,884 0,877 0,874 0,872 0,872 … 0,309 0,305 0,300 0,295 0,289 0,284 0,282 0,261 0,239 0,140 3 13 33 9 25 1 11 14 17 19 22 28 12 23 29 … 153 149 167 154 165 160 166 164 168 169 Tab. 9-1: Human Development Index Quelle: United Nations Development Programme (UNDP) (2010): Human Development Report (2010), S. 143 ff. Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 157 9. Kapitel: Zur Aussagefähigkeit des Inlandsprodukts 157 unbewusste Verhaltensweisen sowie von gesellschaftlichen Bedingungen (z. B. anerzogene Glücksvorstellungen) beeinflusst wird. Die stärkere Beachtung der Glückforschung in der Ökonomie wurde nicht zuletzt von dem Zweifel bewirkt, ob stetig steigendes Pro Kopf Bruttoinlands produkt die Menschen wirklich systematisch glücklicher macht. Insbesondere für die Industrieländer wurde von verschiedenen Autoren gezeigt, dass dieser Zweifel seit den 70er Jahren gerechtfertigt ist (Clark, Frijters und Shields, 2008). Sobald in einer Volkswirtschaft die Grundbedürfnisse wie Wohnen und Essen weitgehend befriedigt sind, scheint die Lebenszufriedenheit mit weiterem Pro Kopf Einkommen nicht systematisch zuzunehmen. Dieses Phänomen wird auch als Easterlin Paradoxon bezeichnet. Damit fällt die von Ökonomen betriebene Glücksforschung („ökonomische Glücksforschung“ oder „Happiness Economics“) auch in den Bereich der Kritik der Verwendung des BIP als Wohlfahrtsindikator. Die nicht zuletzt von dieser Kritik am BIP geleiteten Glücksforscher gehen verschiedenen Fragestellungen nach. Ein davon ist die nach der Entwicklung der Lebenszufriedenheit von Gesellschaften im Zeitablauf und im internationalen Vergleich. Eine andere ist die nach den Einflussfaktoren auf die Lebenszufriedenheit. Hierbei wird auch untersucht, welche Bedeutung wirtschaftliche vs. nichtwirtschaftliche Faktoren auf das Glücksempfinden haben. Die Forschung dieser Ökonomen ist notwendigerweise sehr stark empirisch getrieben. Sie betrachtet zunächst einzelne Individuen und versucht durch geeignete Aggregation der Messung des Glückempfindens ganzer Gesellschaften nachzugehen. Hierfür werden von verschiedenen Forschern und Institutionen unterschiedliche Glücksindices vorgeschlagen. Als Konsequenz ergibt sich hieraus die Forderung, dass die Politik sich nach einem solchen Maß und nicht nach dem BIP orientieren sollte. Was macht nach den Untersuchungen der Glücksforscher den einzelnen glück lich? Wie sich zeigt, sind materielle Dinge hierbei nicht unwichtig. Menschen mit höherem Einkommen und Vermögen sind mit ihrem Leben zufriedener. Allerding gilt auch hier das Gesetz des abnehmenden Grenznutzens. Frey und Frey Marti (2010) kommen in ihren Untersuchungen für die Schweiz zu dem Ergebnis, dass Menschen in der Schweiz, deren Haushaltseinkommen zwischen 8.000 und 10.000 Schweizer Franken beträgt, am zufriedensten sind. Bei höheren Einkommen nimmt die empfundene Zufriedenheit ab. Richard Layard von der London School of Economics kommt für Großbritannien zu einem ähnlichen Schwellenwert. Im internationalen Vergleich bestätigen sich die grundlegenden Aussagen: Menschen in reichen Ländern sind durchschnittlich zufriedener mit ihrem Leben als Menschen in armen Ländern. „Arm aber glücklich“ kann in dieser Allgemeinheit somit keine Bestätigung durch die empirische Forschung finden. Allerdings erscheint der Zusammenhang nur bis zu einem bestimm ten Entwicklungsstand eindeutig. Letzteres kommt in dem zuvor erwähnten Easterlin Paradoxon zum Ausdruck. Andere Faktoren, die auf die Lebenszufriedenheit der Einzelnen einwirken, sind Arbeitsstelle und die hiermit empfundene Verantwortung und Unab hängigkeit. Daneben spielen andere nicht monetäre Faktoren für die subjektiv wahrgenommene Zufriedenheit eine Rolle. Hierzu zählen z. B. Gesundheit, Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 158 Dritter Teil: Inlandsproduktsberechnung in der Bundesrepublik158 empfundene Verteilungsgerechtigkeit, Bildungsniveau, Umweltzustand und politische Freiheit. Auf sie hat daher auch die im nachfolgenden Abschnitt erläuterte Stiglitz Sen Fitoussi Kommission hingewiesen. Untersuchungen zum Glück zeigen auch, dass dieses eine relative Größe dar stellt: Menschen vergleichen sich mit Mitgliedern der von ihnen gewählten Referenzgruppe. Außerdem entsteht bei vielen Faktoren, die auf das Glück Einfluss nehmen, ein Gewöhnungseffekt. Wir gewöhnen uns an höheres Ein kommen, eine größere Wohnung und ein komfortableres Auto. Darüber hinaus überschätzen offenbar Menschen den Nutzen von extrinsischen Faktoren wie Einkommen und Vermögen und unterschätzen den Nutzenbeitrag von intrin sischen Faktoren wie die mit Freunden verbrachte Zeit. Im Laufe der letzten Jahrzehnte wurden verschiedene Vorschläge für einen Glücksindex oder Lebenszufriedenheitsindikator bzw. „Happiness Index“ ent wickelt, an dem sich die Politik ausrichten sollte. Nicht das Pro Kopf BIP, son dern der Wert eines solchen Index sollte es dementsprechend zu steigern gelten. So vereint z. B. der Happy Planet Index (HPI) drei Kriterien: Lebenserwartung, persönliche Lebenszufriedenheit und ökologischer Zustand. Der britische Pre mier David Cameron hat 2010 seine nationale statistische Behörde angewiesen, das Wohlbefinden der Briten zu messen („General Well Being“ oder kurz GWB). Bhutan wird häufig als jenes Land genannt, in dem sich die Politik offiziell an einem solchen Index ausrichtet. Dort wurde 1972 erstmals auch der Begriff „Gross National Happiness“ geprägt, der ins Deutsche als „Bruttosozialglück“ übersetzt wurde. Er wurde von verschiedenen Wissenschaftlern anschließend aufgegriffen, verfeinert und in Form von Umfragen zur Messung eingesetzt. Kategorien der Zufriedenheit, die hierbei kombiniert werden, beziehen sich meist auf Faktoren der Ökonomie (Konsum, Verschuldung), der Umwelt (Luft verschmutzung, Lärm, Verkehr), der Gesundheit, der Arbeitszufriedenheit, der sozialen Bedingungen und der politischen Zufriedenheit. Über den genauen Inhalt dieser Kategorien sowie die Messung besteht jedoch kein Konsens. Ein zentrales Problem besteht bei allen Vorschlägen nicht nur in der Messung einzelner Faktoren, sondern auch in ihrer Kombination zu einer einzigen Grö ße. Dies erfordert jeweils die Festlegung eines Gewichtungssystems. Je nach Gewichtungssystem können die Ergebnisse bei gegenläufiger Entwicklung der Teilkomponenten nicht nur im Ausmaß, sondern auch im Vorzeichen un terschiedlich ausfallen. Die Ergebnisse und Schlussfolgerungen der Glücksforschung sind allerdings nicht unumstritten. So weisen einige Forscher darauf hin, dass das Easterlin Paradoxon mit der Darstellung des Zusammenhangs von Pro Kopf Einkommen und durchschnittlicher Lebenszufriedenheit zu tun hat. Sie räumen ein, dass jenseits eines bestimmten Wertes des Pro Kopf BIP die durchschnittliche Le benszufriedenheit deutlich abflacht und den Zusammenhang in Frage stellt. Allerdings betonen sie, dass dies ausschließlich bedeute, dass der Nutzen einer Geldeinheit für Arme höher ist als für Reiche. Sie verweisen in diesem Zusam menhang darauf, dass dann, wenn man den Zusammenhang von logarithmier tem Pro Kopf BIP und durchschnittlicher Lebenszufriedenheit untersucht, die Korrelation zwischen den beiden Größen von den ärmsten bis zu den reichsten Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 159 9. Kapitel: Zur Aussagefähigkeit des Inlandsprodukts 159 Ländern bestehen bleibt. Insofern dürften Regierungen das Wirtschaftswachs tum nicht völlig beiseiteschieben. Bei der politischen Anwendung der Gedanken der Glücksforschung kann ein Problem auch darin bestehen, dass Menschen nicht wissen, was sie glücklich macht. Hier müssten Politiker eingreifen, was möglicherweise nicht als objektiv angesehen wird. Ferner könnte es sein, dass Menschen dies wissen, aber nicht diszipliniert genug sind, danach zu handeln. Besonders problematisch kann eine Ausrichtung der Politik dann sein, wenn Menschen wissen, was sie glück lich macht und sie auch die Selbstdisziplin hätten, aber sich dennoch gegen ihr Glück entscheiden. Experimente haben gezeigt, dass die Annahme eines solchen Verhaltens nicht unrealistisch ist. Vermutlich sind es die aufgezeigten Probleme der Ableitung und Verwendung eines Glückindikators der Grund dafür, dass sich ein solcher in der Politik bisher nicht durchgesetzt hat. Auch wenn sich aus der Glücksforschung interessante Erkenntnisse darüber, was einzelne Menschen und in welchem Zeithorizont glücklich macht, ergeben, ist eine baldige Umsetzung für internationale und intertemporale Vergleiche eher unwahrscheinlich. Insofern scheint auch die Messgröße „Gross National Happiness“ das Inlandsprodukt als Fokus der Wirtschaftspolitik vermutlich nicht zu verdrängen. Dies schließt jedoch nicht aus, dass die hier betonten Faktoren zusätzlich zur BIP Entwicklung bei der Beurteilung von Volkswirtschaften herangeführt werden. Solche Ergänzungen sind der Gegenstand der nachfolgenden Abschnitte. F. Empfehlungen der Stiglitz-Sen-Fitoussi-Kommission Heftige Kritik an der Verwendung des Bruttoinlandsprodukts als Maß für die Wohlfahrt eines Landes und auch nur als Maß für die Wirtschaftsleistung einer Volkswirtschaft wurde von der sogenannten Stiglitz Sen Fitoussi Kommission geübt. Sie schlägt letztlich eine Abkehr vom Inlandsprodukt und die Verwen dung einer Vielzahl von Maßzahlen vor. Die Kommission wurde 2008 vom französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy als „Kommission über die Mes sung der wirtschaftlichen Leistung und des gesellschaftlichen Fortschritts“ eingesetzt und sollte sich mit Fragen des sozialen Wohlstands beschäftigen: Ist sozialer Wohlstand ausschließlich eine wirtschaftliche Dimension und ist die herkömmliche Messung des Inlandsprodukts sowie des Durchschnittsein kommen des Konsums der Bürger bei der Steuerung moderner Gesellschaften hilfreich? Noch grundsätzlicher wurde die Frage aufgeworfen, was unter einem „guten Leben“ bzw. dessen Qualität zu verstehen ist. Damit zielte der Auftrag der Kommission auf die Probleme der Verwendung des Bruttoinlandsprodukts oder allgemeiner des Inlandsprodukts als Wohlstandsindikator ab. Es wurde auch die Frage nach den Alternativen zum BIP aufgeworfen. Der 30 köpfigen Expertenkommission gehörten neben dem Nobelpreisträger Joseph Stiglitz auch z. B. der Inder Amartya Sen und der Franzose Jean Paul Fitoussi an, die zum Lager der eher politisch linken Ökonomen gezählt werden. Sie übten zunächst scharfe Kritik an der Verwendung von BIP Statistiken und stellten die These auf, dass die falsche Anwendung dieser Statistiken mit der damit verbundenen Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 160 Dritter Teil: Inlandsproduktsberechnung in der Bundesrepublik160 falschen Messung der Wirtschafsleistung einer Volkswirtschaft die globale Finanz und Wirtschaftskrise 2007 ausgelöst hätten. Im Herbst 2009, ein Jahr nach der Insolvenz des Bankhauses Lehman Brothers, die den Höhepunkt der globalen Finanzkrise 2007–2009 markiert, legte die Kommission ihren Bericht vor (Stiglitz et al. 2010). Inhaltlich setzte die Kom mission letztlich an den bereits im Abschnitt 1 dieses Kapitels genannten Pro blempunkten der Verwendung des Inlandsprodukts als Wohlfahrtsindikator an und trug insofern die wissenschaftlichen Ergebnisse der vorangegangenen Jahrzehnte zusammen. Insofern brachte sie auch keine Überraschungen hervor (s. Fleurbaey (2009) zu einer Übersicht). So wird in der Kritik am BIP das Beispiel eines Büroangestellten genannt, der mit seinem Auto im Stau steht und dessen Benzinverbrauch positiv in das BIP eingeht, obwohl tatsächlich der Stau negativ für die Volkswirtschaft ist, das Zeit verloren geht und Umweltverschmutzung entsteht. Ferner wird darauf hingewiesen, dass im Falle einer Berücksichtigung der Privatverschuldung eine vorsichtigere Einschätzung der Wirtschaftsleis tung einzelner Länder erfolgt wäre. Generell wird in dem Bericht kritisiert, dass die Umweltverschmutzung und die Klimaerwärmung beim BIP unberücksich tigt blieben und das generelle Wohlbefinden der Menschen zu berücksichtigen sei, was nach Ansicht der Kommission durchaus messbar sei. Hierzu seien u. a. auch die zunehmenden Unterschiede in den Einkommen zu erfassen. Es müsse, so der Bericht, außer dem finanziellen auch das menschliche Kapital mit den entsprechenden sozialen und physischen Aspekten in das Kalkül eingehen. Die verschiedenen mit der Fragestellung zusammenhängenden Themen glie derte die Stiglitz Kommission in drei Bereiche, mit denen sich je eine Arbeits gruppe beschäftigte: ●● Fragen der klassischen Messung des Sozialprodukts ●● Fragen der Lebensqualität ●● Fragen der Nachhaltigkeit. Im abschließenden Bericht stellte die Kommission hieran anknüpfend zwölf konkrete Empfehlungen vor. Empfehlung 1: Zur Messung des Wohlbefindens („well being“) sollte anstelle der Produktion das Einkommen und der Konsum erfasst werden. Begründet wird diese Empfehlung damit, dass die Produktion nichts über den Wohlstand aussagen kann. Dieser ergibt sich, so der Bericht, stärker aus dem Einkommen und dem Konsum. Beide könnten aufgrund von z. B. Exporten von der Produktion abweichen. Kritisch ist hier allerdings anzumerken, dass die Größen BIP auf der einen Seite und Einkommen sowie Konsum auf der anderen Seite hochkorreliert sind. Wie die Wirtschaftstheorie zeigt, kann es ferner für ein Land unter bestimmten Umständen sehr vorteilhaft sein, Exportüberschüsse zu erzielen, unter anderen Umständen kann aber ein Importüberschuss für eine Gesellschaft optimal sein. Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 161 9. Kapitel: Zur Aussagefähigkeit des Inlandsprodukts 161 Empfehlung 2: Es sollte stärker die Perspektive der privaten Haushalte eingenommen werden. Diese Empfehlung resultiert aus dem empirischen Befund, demzufolge sich das reale BIP und das Realeinkommen der privaten Haushalte teilweise sehr unter schiedlich entwickeln. Kritisch muss hier allerdings gesagt werden, dass die Unterschiede, die hier zugrundeliegen, mit der Staatstätigkeit zu tun haben und diese nicht notwendigerweise vernachlässigt werden können, wenn es um das Wohlbefinden der Bevölkerung geht. Zwar lässt sich argumentieren, dass eine Reihe von Staatsleistungen den Charakter von Vorleistungen haben, aber dies gilt nicht generell. Würde dieser Empfehlung gefolgt, wären missverständliche Aussagen nicht auszuschließen. Dies wäre z. B. der Fall, wenn der Staat Bil dungsaufgaben auf den privaten Sektor verlagern würde und die eingesparten Ausgaben den Bürgern in Form geringerer Steuerlast zukommen lassen würde. In diesem Fall würde nach der zweiten Empfehlung der Stiglitz Sen Fitoussi Kommission das Wohlbefinden ansteigen. Dies mag durch Effizienzgewinne der Fall sein, nicht aber unmittelbar durch die Verschiebung zwischen Staat und Privaten. Empfehlung 3: Es sollte bei der Beurteilung von Einkommen und Konsum die Vermögensveränderung berücksichtigt werden. Die Empfehlung wird damit begründet, dass das Wohlbefinden nicht von der reinen Höhe des Einkommens und des Konsums abhängt, wenn diese zu Lasten des Vermögens erfolgen. Eine Beurteilung dieser Empfehlung muss zunächst unterstreichen, dass tatsächlich der Konsum höher sein kann, wenn sich eine Volkswirtschaft „über seine Verhältnisse lebt“, d. h. z. B. sich stärker (im Aus land) verschuldet. Hierzu sind Exporte und Importe ins Kalkül einzubeziehen. Wenn z. B. die USA über viele Jahre einen höheren Konsum haben, weil dieser über eine Zunahme der Nettoverbindlichkeiten gegenüber dem Ausland fi nanziert werden, wären bei der Beurteilung der Konsumhöhe entsprechendes Abstriche zu machen. Folgt man diesem Gedanken, ist man wieder näher bei der BIP Abgrenzung, in die der Import oder Exportüberschuss gerade eingeht. Allerdings meint die Stiglitz Sen Fitoussi Kommission, dass auch nicht mone täre Indizes bei der Messung des Vermögens herangezogen werden sollten. Allerdings bleibt offen, welche nicht monetären Vermögensteile einbezogen werden sollen und wie diese zu messen sind. Empfehlung 4: Die Verteilung von Einkommen, Konsum und Vermögen sollte stärker beachtet werden. Die Empfehlung basiert auf der Überlegung, dass Pro Kopf Größen nicht den Zustand der verschiedenen Bevölkerungsgruppen beschreiben können. Wenn etwa das Wachstum an bestimmten Bevölkerungsgruppen vorbeigeht, kann nicht von Wachstum auf den die Wohlfahrt aller geschlossen werden. Diese Feststellung ist durchaus korrekt, hebt allerdings nur hervor, dass die Fokus sierung auf das BIP als einzige Größe zur Beurteilung der Veränderung des Lebensstandards aller Mitglieder der Gesellschaft ungeeignet ist. Da für die Veränderungen in den verschiedenen Einkommensklassen in den meisten Län dern Daten vorliegen, gilt die Empfehlung stärker der Politik als eines grund Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 162 Dritter Teil: Inlandsproduktsberechnung in der Bundesrepublik162 sätzlichen Fehlers beim BIP. Sie lässt ferner offen, welche Schlussfolgerungen von bestimmten Beobachtungen zu ziehen sind. Dies ist sicherlich auch kaum möglich, da Verteilungsfragen normative Fragen sind. Empfehlung 5: Die Verwendung des BIP sollte um verschiedene Aktivitäten, die nicht in die Größe eingehen, erweitert werden. Die Empfehlung knüpft an den zu Beginn des Kapitels hervorgehobenen Kri tikpunkten an, die zum einen betonen, dass nur Marktleistungen in das BIP eingehen und dass nichts über den Umfang an Freizeit der Bevölkerung aus gesagt wird. Die beim BIP von der Konstruktion her angelegte Limitierung einbezogener Leistungen auf Marktleistungen klammert insbesondere die freiwilligen Leistungen (z. B. in den Haushalten und im sozialen Umfeld) und die ehrenamtlichen Leistungen (z. B. in den Vereinen) aus. So führt z. B. die Verlagerung von Pflegeleistungen für kranke und ältere Menschen vom pri vaten Sektor (dort Nichtmarktleistung) zum staatlichen Sektor (dort über den Markt gehende Leistung) zu einer Erhöhung des BIP. Wenn es sich hierbei nicht um eine einmalige Verschiebung, sondern um einen kontinuierlichen Prozess handelt, werden auch die Wachstumsraten zu hoch ausgewiesen. Empfehlung 6: Es sollten Ansätze entwickelt werden, welche die Lebenszufriedenheit und Entfaltungsmöglichkeiten (allgemein „well being“) der Menschen abbilden. Hierunter fallen insbesondere Bereiche wie Gesundheit, Bildung, persönliche Tätigkeiten, politische Bedingungen, Umweltzustand und Unsicherheit. Diese Empfehlung gründet auf der Überlegung der Mehrdimensionalität von Zufriedenheit. Hierüber kann sicherlich schnell Einigkeit erzielt werden. Aller dings besteht die Gefahr, dass das Problem hiermit nur verlagert wird: Welches sind z. B. die geeigneten Indikatoren für die erwähnten Bereiche und wie lassen sie sich messen? Empfehlung 7: Es sollten bei praktisch allen Indikatoren zur Lebensqualität bestehende Ungleichheiten bewertet werden. Der Vorschlag ist vom Wunsch geprägt, dass die verschiedenen Dimensionen bei den verschiedenen sozialen Gruppen sehr unterschiedlich ausgeprägt sein können. Allerdings lassen sich die Befunde selbst bei einer Einigung auf geeig nete Indikatoren ganz unterschiedlich interpretieren. Empfehlung 8: Es sollten die Verbindungen zwischen den verschiedenen Bereichen der Lebensqualität verständlich aufgezeigt und bewertet werden und in die politischen Entscheidungen eingehen. Allgemein ist es sicherlich immer vorteilhaft, die Auswirkungen verschiedener Maßnahmen auf unterschiedliche Ziele zu kennen. Allerdings besteht hierbei in vielen Fällen das Problem darin, dass es keine exakte Kenntnis der Wirkungs zusammenhänge gibt. Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 163 9. Kapitel: Zur Aussagefähigkeit des Inlandsprodukts 163 Empfehlung 9: Die verschiedenen Dimensionen der Lebensqualität sollten von den statistischen Ämtern so gemessen werden, dass sie die Querverbindungen erfassen und zu einer Größe zusammengefasst werden können. Einschränkend ist hierbei zu betonen, dass eine Zusammenfassung auf eine Größe immer mit den entsprechenden Gewichtungsproblemen verbunden ist. Empfehlung 10: Es sollten Statistiken entwickelt werden, die sich mit den freudvollen Erfahrungen der Menschen und ihren Vorlieben beschäftigen, damit die Lebensqualität besser bewertet werden kann. Auch wenn es Ansätze gibt, die subjektive Zufriedenheit von Menschen mit ihrem Leben zu messen, so sind diese nicht unumstritten. Solche Messungen sind leicht angreifbar und können daher leicht sehr unterschiedlicher Interpre tation ausgesetzt werden. Empfehlung 11: Es sollte eine Messung der Nachhaltigkeit erfolgen. Hierbei sollte der Fokus auf monetär bewertbare Größen erfolgen, die dann in Form von Abweichungen von vorhandenen Vermögenswerten konstruiert werden sollen. Die Kommission räumt ein, dass Nachhaltigkeit ein komplexer Begriff ist und sowohl die Messung als auch die Bewertung äußert schwierig sind. Nicht nur auf nationaler, sondern auch auf internationaler Ebene besteht kein Konsens über den Begriff. Selbst bei einem existierenden Konsens müsste man eingeste hen, dass der Inhalt von Nachhaltigkeit im Zeitablauf Änderungen unterliegt. Ein weiteres Problem besteht in der monetären Erfassung, weil entsprechende Marktpreise, die hier anzusetzen wären, fehlen. Empfehlung 12: Gesondert sollte der Aspekt der Umwelt analysiert werden. Wünschenswert sei ein verständlicher Indikator, der deutlich die verschiedenen Stufen der Umweltgefährdung anzeigt (Bsp. „Überfischung“). Wie weiter unten in den Ausführungen zur umweltökonomischen Gesamtrech nung noch gezeigt wird, sind hierbei zunächst die verschiedenen Belastungen zu identifizieren. Sie müssen dann gemessen und bewertet werden. Letzteres scheint bei der Umweltbelastung sehr schwierig zu sein. Insgesamt lässt sich zu dem Bericht der Stiglitz Sen Fitoussi Kommission sagen, dass die Erkenntnis, der Fortschritt von Gesellschaften und das Glücksempfin den der Bevölkerung könne nicht durch reine ökonomische Zusammenhänge erfasst und beschrieben werden, nicht überraschen sollte. Zu lange sind diese Argumente zumindest unter Ökonomen bekannt. Allerdings zogen sie durch die globale Finanz und Wirtschaftskrise neues Interesse auf sich. So sollte es nicht verwundern, dass dies teilweise auch politisch ausgenutzt und wie neue Erkenntnisse dargestellt wird. Der französische Präsident begrüßte die Ergebnisse der Stiglitz Sen Fitoussi Kommission und betonte bei der Entgegennahme des Berichts die Notwen digkeit eines grundlegenden Umdenkens. Er versicherte gleichzeitig, dass sich Frankreich bei internationalen Wirtschaftskonferenzen dafür einsetzen werde, Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 164 Dritter Teil: Inlandsproduktsberechnung in der Bundesrepublik164 die „revolutionären Erkenntnisse“ weltweit umzusetzen. Diese Formulierun gen scheinen aus rein wissenschaftlicher Sicht sicherlich überzogen. Allerdings lässt sich diskutieren, warum das im Kommissionsbericht zusammengefasste, lang Bekannte nicht verhindert hat, dass Politiker wie Institutionen weiterhin einen starken Fokus auf eine einzige Größe an den Tag legen, wenn sie sich zur Entwicklung ganzer Volkswirtschaften äußern. Offen ist, ob der Mangel an Konsens über die Konsequenzen hier die Ursache ist. G.  Überlegungen des Sachverständigenrats in Zusammenarbeit mit dem französischen Conseil d’Analyse Èconomique zur Messung nachhaltigen Wachstums Anknüpfend an die Vorlage des Gutachtens der Stiglitz Sen Fitoussi Kommis sion forderte der Deutsch Französische Ministerrat Anfang 2010 dazu auf, eine gemeinsame Expertise des deutschen Sachverständigenrats und des französi schen Conseil d’Analyse Èconomique zur Messung von nachhaltigem Wachs tum und des gesellschaftlichen Fortschritts zu erstellen. Im Dezember 2010 leg te die gemeinsame Expertengruppe ihr Gutachten vor, in dem als bedeutendste Schlussfolgerung betont wird, dass die Messung des menschlichen Fortschritts mit ausschließlich einer einzigen Messgröße abgelehnt wird. Stattdessen wird ein Indikatorensystem („dashboard“) vorgeschlagen, das die drei Kernbereiche Wirtschaftsleistung, Lebensqualität und Nachhaltigkeit in möglichst ausge wogener Weise adressieren soll. Insgesamt orientieren sich die Experten sehr eng am Gutachten der Stiglitz Sen Fitoussi Kommission, worin vermutlich der Auftraggeber der Studie zum Ausdruck kommt. Die Sachverständigen weisen darauf hin, dass auf Umfragen basierende Maße der Lebenszufriedenheit im Querschnitt von Ländern und Regionen „zum Glück“ mit dem BIP deutlich korreliert sind, wenngleich diese Korrelation nicht perfekt ist. Dabei stellen die Experten bereits auf die im Abschnitt zur Glücksforschung erwähnte Korrelation ab, bei der das BIP in logarithmierter Weise verwendet wird. Wie Abbildung 9 1 zeigt, steigen mit den logarithmierten BIP Werten sowohl der Human Development Index (linke Ordinate) als auch der in Umfragen ermittelte Wert der Lebenszufriedenheit (rechte Ordinate) an. Gleichwohl zeigt das Punktefeld auch, dass es Abweichungen von diesem Zusammenhang gibt. Im ersten Kernbereich (Wirtschaftleistung und materieller Wohlstand) schlagen die Experten die zukünftige Verwendung von sechs Indikatoren vor. Anstelle der Betrachtung des BIP oder des Pro Kopf BIP soll dieses aus dem folgenden Indikatorbündel bestehen: ●● BIP pro Kopf ●● BIP je Arbeitsstunden (Produktivität) ●● Beschäftigungsquote bei den 15 bis 64 Jährigen ●● Nettonationaleinkommen pro Kopf. Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 165 9. Kapitel: Zur Aussagefähigkeit des Inlandsprodukts 165 ●● Private und staatliche Konsumausgaben pro Kopf ●● Als Verteilungsmaß die Relation aus dem obersten zum untersten Quintil der Einkommensanteile. Mit dem BIP pro Kopf sollen die Größenunterschiede von Ländern bzgl. der Be völkerung berücksichtigt werden. Da dies zu den der in der VGR typischerweise ausgewiesenen Daten gehört, ist dieser Teil unmittelbar von der VGR übernom men. Gleiches gilt für den nächsten Indikator, die Produktivität. Die Experten weisen darauf hin, dass in der Gesamtsicht der ersten beiden Größen Hinweise auf die zwischen den Ländern und im Zeitablauf durchaus unterschiedlichen Arbeitszeit/Freizeit Präferenzen abgeleitet werden können, sie beschreiben aber nicht, welche Schlussfolgerung hieraus gezogen werden sollte. Die Be schäftigungsquote könnte Hinweise auf die Arbeitssuche geben, lässt aber auch andere Interpretationen (z. B. Präferenzen zu Arbeitszeit vs. Freizeit) zu. Das Nettonationaleinkommen wird als Indikator vorgeschlagen, weil sich hier Einkommens und Investitionsströme über die Grenzen hinweg niederschlagen. Private Konsumausgaben erscheinen den Experten als sinnvoller Indikator, weil diese am ehesten mit dem Nutzen der Bevölkerung verbunden sind. Verteilung saspekte sollen im letzten Indikator erfasst werden, der von den verschiedenen Verteilungsmaßen ein relativ einfach zu interpretierender darstellt. Im zweiten Kernbereich (Lebensqualität) werden zunächst „Top down“ Ansätze und „Bottom up“ Ansätze unterschieden. „Top down“ Ansätze sind Befra 1) Human Development Report 2009 2) Durchschnitt aller Anworten; letzter Wert zwischen 2004 und 2008 Abb. 9-1: Korrelation von Bruttoinlandsprodukt und Wohlstand Quelle: Sachverständigenrat, Conseil d’Analyse Economique (2010, S. 6) Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 166 Dritter Teil: Inlandsproduktsberechnung in der Bundesrepublik166 gungen zu einem umfassenden Maß, also etwa nach der Zufriedenheit oder dem Lebensglück oder „Happiness“ insgesamt. Diese werden als verlockende Ansätze angesehen, die aber aufgrund von Problemen der Fehleinschätzung, des strategischen Verhaltens und des erforderlichen Aufbaus regelmäßiger Er hebungen als nicht überzeugend angesehen werden. Die Experten bezweifeln mithin, dass sich die Lebensqualität direkt beobachten lässt. „Bottom up“ Ansätze sind solche, bei denen die individuellen Aspekte der menschlichen Existenz betrachtet und zu Aussagen über das Wohlbefinden herangezogen werden. Diese Ansätze werden als sinnvoll angesehen, auch wenn sie nicht einfach umzusetzen sind. Gleichwohl wird ihnen der Vorzug gegeben. Aus der Diskussion einer Vielzahl von Indikatoren schlagen sie – zumindest für die Länder Frankreich und Deutschland – eine Gruppe von sieben „Dimensio nen“ vor, die man unterschiedlich messen kann und bei denen sie sich jeweils für einen Leitindikator entscheiden. Die vorgeschlagenen Dimensionen und Leitindikatoren sind: ●● Gesundheit: Potenziell verlorene Lebensjahre, ●● Bildung: Schüler und Studenten im Alter zwischen 15 und 24 Jahren, ●● Persönliche Aktivitäten: Anteil der Arbeitnehmer in Schichtarbeit, ●● Poltische Einflussnahme und Kontrolle: Mitspracherecht und Verantwort lichkeit, ●● Soziale Kontakte und Beziehungen: Häufigkeit der mit anderen Personen verbrachte Zeit für Sport, Kultur und gemeinschaftliche Organisationen, ●● Umweltbedingungen: Belastung der städtischen Bevölkerung durch Luft verschmutzung mit Feinstaub, ●● Persönliche und wirtschaftliche Unsicherheit: Nicht Armutsrisikoquote. Bei allen Indikatoren bestehen Messprobleme im Detail, auf die hier im Ein zelnen nicht eingegangen werden soll. Die Experten weisen darauf hin, dass das Bündel der Indikatoren, das hier vorgeschlagen wird, von Land zu Land unterschiedlich sein kann und sich der Vorschlag daher zunächst auf die Länder Frankreich und Deutschland bezieht. Die Indikatoren dienen insofern auch eher der Entwicklung eines Landes im Zeitablauf. Dies kommt auch dadurch zum Ausdruck, dass kein Optimum eines Indikators angegeben wird, sondern von Durchschnittswerten ausgegangen wird und Abweichungen hiervon durch positive und negative Werte dargestellt werden (Abbildung 9 2). Im dritten Kernbereich (Nachhaltigkeit) soll betrachtet werden, ob ein aktueller Pfad wirtschaftlicher Tätigkeit, selbst wenn dieser aktuell als zufriedenstellend angesehen wird, sich als auf Dauer aufrechtzuerhalten bezeichnen lässt. Falls dies nicht der Fall ist, wäre mit entsprechend hohen Kosten für die Gesellschaft aufgrund der mit einer erforderlichen Anpassung verbundenen Härten zu rechnen. Hierzu identifizieren die Experten drei Bereiche von Nachhaltigkeit: ●● Makroökonomische Nachhaltigkeit: Hierbei geht es um die Nachhaltigkeit des Wirtschaftswachstums (z. B. über eine Bewertung der Höhe der Netto anlageinvestitionen und der F&E Ausgaben) sowie die Nachhaltigkeit der fiskalischen und außenwirtschaftlichen Salden, Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 167 9. Kapitel: Zur Aussagefähigkeit des Inlandsprodukts 167 ●● Finanzielle Nachhaltigkeit: Hier geht es um die Stabilität des privaten Sek tors bzw. evtl. exzessive Fehlentwicklungen (z. B. Immobilienpreis oder Aktienkursblase), ●● Ökologische Nachhaltigkeit: Hier geht es letztlich um globale Themen wie z. B. den Klimawandel. Zu den drei Bereichen werden in der Studie verschiedene Indikatoren diskutiert. Auf dieser Basis schlagen die Experten insgesamt 12 Indikatoren vor. Tabelle 9 2 zeigt diese zusammen mit dem Indikatorbündel für die Kernbereiche Wirt schaftsleistung und Lebensqualität. 1) Berechnungen des Sachverständigenrats, Conseil d’Analyse Economique; Daten sind nicht untereinander vergleichbar. Durchschnitt = 0; ein Wert über 0 bedeutet bessere Konditionen und umgekehrt. 2) Gesundheit: 1991, Bildung, Persönliche Aktivitäten sowie Persönliche und wirtschaft liche Unsicherheit: 1992, Politische Einflussnahme und Kontrolle: 1996, Umweltbedin gungen: 1999 3) Gesundheit: 2006, Bildung, Persönliche Aktivitäten sowie Persönliche und wirtschaft liche Unsicherheit: 2009, Politische Einflussnahme und Kontrolle sowie Umweltbedin gungen: 2008 4) PYLL ist eine Messzahl über vorzeitige Sterblichkeit, die eine eindeutige Bewertung von vermeidbaren Todesfällen in jüngeren Jahren ermöglicht. In Relation zu 100.000 Einwohnern, berechnet von der OECD basierend auf der altersspezifischen Statistik über Todesfälle der World Health Organization. 5) Eins minus dem Anteil der Personen mit einem verfügbaren Einkommensäquivalent unterhalb der Armutsrisikogrenze, die bei 60 % des nationalen Medians des verfüg baren Einkommensäquivalents nach Abzug der Sozialtransfers festgelegt ist. 6) Anteil der Bevölkerung im selben Alter 7) Der Indikator zeigt das Jahresmittel der bevölkerungsgewichteten Feinstaubkonzen trationen an städtischen Hintergrundstationen in Ballungsräumen. 8) In Prozent aller Erwerbstätigen 9) Einziger verfügbarer Wert: 1999 Abb. 9-2: Nichtmaterielle Indikatoren für Lebensqualität1) Quelle: Sachverständigenrat, Conseil d’Analyse Economique (2010, S. 79) Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 168 Dritter Teil: Inlandsproduktsberechnung in der Bundesrepublik168 Wirtschaftsleistung Lebensqualität Nachhaltigkeit Bruttoinlandsprodukt pro Kopf Gesundheit: Potenziell verlo rene Lebensjahre (gemessen als Anzahl der Jahre bei „früh zeitigen“ Todesfällen bezogen auf eine Gruppe von 100.000 Personen) Nettoanlageinvestitionen des privaten Sektors in Relation zum Bruttoinlandsprodukt Bruttoinlandsprodukt je Arbeitsstunde Bildung: Schüler und Studen ten im Alter zwischen 15 und 24 Jahren Forschungs und Entwick lungsausgaben in Relation zum Bruttoinlandsprodukt Beschäftigungsquote der Bevölkerung im Alter von 15 bis 64 Jahren Persönliche Aktivitäten: Anteil der Arbeitnehmer in Schicht arbeit Konjunkturbereinigter Fi nanzierungssaldo in Relation zum Bruttoinlandsprodukt Nettonationaleinkommen pro Kopf Politische Einflussnahme und Kontrolle: Mitspracherecht und Verantwortlichkeit Fiskalische Nachhaltigkeits lücke (spiegelt den Gegen wartswert der fiskalischen Belastung zukünftiger Generationen wider) Private und staatliche Konsumausgaben pro Kopf Soziale Kontakte und Be ziehungen: Häufigkeit von mit anderen Personen verbrachte Zeit für Sport, Kultur und in gemeinschaftlichen Organi sationen Kredit/BIP Lücke (stellt auf eine nicht nachhaltige Verschuldung des privaten Sektors ab) Quotient aus Einkom mensanteil der Gruppe der obersten 20% Einkommen zum Einkommensanteil der Gruppe der untersten 20% Einkommen (jeweils verfügbares Einkommen) Umweltbedingungen: Belastung der städtischen Bevölkerung durch Luftver schmutzung mit Feinstaub Reale Aktienkurslücke (deutet Abweichungen vom Trend an) Persönliche und wirtschaft liche Unsicherheit: Nicht Armutsrisikoquote Reale Immobilienpreislücke (deutet Abweichungen vom Trend an) Niveau der Treibhausgas emissionen Treibhausgasemissionen pro Kopf Rohstoffproduktivität (BIP im Verhältnis zum direkten abio tischen Materialinput, DMI) Rohstoffverbrauch pro Kopf Indikator zur Biodiversität (Vogelindex, vorläufig) Tabelle 9-2: Indikatorensystem für Wirtschaftsleistung sowie Lebensqualität und Nachhaltigkeit Quelle: Sachverständigenrat, Conseil d’Analyse Economique (2010, S. 30) Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 169 9. Kapitel: Zur Aussagefähigkeit des Inlandsprodukts 169 Die Experten sehen in ihrem Vorschlag eines Indikatorensystems einen Ansatz, der ausreichend umfangreich ist, um damit eine sinnvolle Erörterung der ver schiedenen Facetten der menschlichen Wohlfahrt zu ermöglichen. Hierbei wird aus Effizienzüberlegungen ausschließlich auf bereits verfügbare Informationen der statistischen Ämter zurückgegriffen. Insofern ist es auch interessant, dass keine neuen Erkenntnisse zusammengetragen werden, sondern ausschließlich betont wird, dass genau die vorgeschlagenen Indikatoren, die für verschiedene Länder bereits vorliegen, für die Diskussion herangezogen werden. Das Gutachten der Expertengruppe betont, dass solch umfassende Informa tionen, wie sie im vorgeschlagenen Indikatorenbündel abgebildet werden, nicht durch eine einzige Größe dargestellt bzw. auf eine Größe reduziert werden können. Daher kann auch das BIP solch ausführliche Informationen nicht lie fern. Allerdings ist das BIP als Indikator für die über den Markt abgewickelten Transaktionen auch nicht ersetzbar. H. Ein Fazit zu den Alternativvorschlägen Volkswirte weisen seit einigen Jahrzehnten bereits darauf hin, dass das BIP im Wesentlichen ausschließlich ein Maß für den Wert von Marktleistungen ist. Andere Informationen über die ökonomische, soziale und ökologische Entwicklung einer Volkswirtschaft werden regelmäßig von den verschiedenen nationalen statistischen Behörden vorgelegt, weil dies im BIP nicht abgebildet werden kann. Dies ist auch nie der Anspruch der VGR bei der Berechnung des BIP gewesen. Wie auch der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamt wirtschaftlichen Entwicklung zeigt, lassen sich zu den verschiedenen Aspekten der Wirtschaftsleistung, der Lebensqualität und der Nachhaltigkeit mit bereits bisher regelmäßig erhobenen Daten Informationen zusammentragen, welche die Wohlfahrt eines Landes relativ umfassend darstellt. Neue Systeme sind daher nicht notwendigerweise aufzubauen. Wie sich anhand der verschiedenen Alternativen – sei es in Form einer einzigen Größe oder eines Indikatorbündels – zeigt, ergibt sich hierbei kein völlig ande res Bild gegenüber der Bewertung, die im BIP zum Ausdruck kommt. Länder mit hohem Einkommen sind offenbar auch Länder, die sich entsprechend fortschrittliche Gesundheits und Ausbildungssysteme leisten können und die ihren Bürgern eine vergleichsweise hohe Lebensqualität bieten können. Eine umfassendere Betrachtung der Wohlfahrt macht gleichwohl auf Trends für die lange Frist aufmerksam. Hierbei ist es dann allerdings erforderlich, dass die Regierungen bereit sind, ihre Politik hieran auszurichten. Trotz aller Kritik am BIP als Wohlfahrtsindikator ist das BIP als Messgrö ße für die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes nicht wegzudenken. Es wird weiterhin als Maß für die Entwicklung der Wirtschaftsleistung einer Volkswirtschaft eingesetzt werden. Der (logarithmierte Wert des) Pro Kopf BIP korreliert zudem deutlich mit Messgrößen für die Lebensqualität. Wenn es um eine umfassendere Beschreibung der Wohlfahrtsentwicklung im Sinne von Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 170 Dritter Teil: Inlandsproduktsberechnung in der Bundesrepublik170 Lebensqualität und Nachhaltigkeit geht, so sind andere Informationen außer dem BIP heranzuziehen. 3. Ansätze zur Erweiterung der Inlandsproduktsberechnung Neben Vorschlägen, die auf eine Alternative zur Verwendung der Inlands produktsgröße als Maßstab der Wohlfahrt abstellen, gibt es verschiedene Vor schläge, die nicht auf den Ersatz des Inlandprodukts abstellen, sondern diesen Indikator durch zusätzliche Angaben ergänzen wollen. Bewusst wird damit auf die Angabe eines einzelnen Wertes zur Wohlfahrtsmessung verzichtet. Die folgenden Abschnitte zielen auf umweltökonomische Aspekte sowie die Mes sung von Leistungen der privaten Haushalte ab, die nicht über den Markt gehen. A. Umweltökonomische Gesamtrechnung a) Überblick zur Konzeption des Statistischen Bundesamtes Wegen der zunehmenden Bedeutung von umweltpolitischen Aspekten hat das Statistische Bundesamt Mitte der 80er Jahre beim Aufbau von sogenannten „Satellitensystemen zu den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen“ auch die Umwelt als Teilgebiet mit einbezogen. Mit Satellitensystemen wird das Ziel verfolgt, Angaben zu bestimmten, gesellschaftlich wichtigen Informati onsfeldern zusammenzustellen. Bei diesen Bereichen handelt es sich vor allem um Aktivitäten, die zwar in erster Linie, aber nicht allein einer ökonomischen Sichtweise unterliegen. Hierzu zählen neben der Umwelt auch z. B. das Gesund heitswesen, das Ausbildungssystem und die Forschungsaktivitäten. Im Bereich der Umwelt lag dabei der Schwerpunkt auf der Darstellung der Produktion von Umweltschutzleistungen. Mittlerweile hat das Statistische Bundesamt das Satellitensystem „Umwelt“ zu einer Umweltökonomischen Gesamtrechnung ausgebaut. Als Meilenstein für die Entwicklung von derartigen umweltbezogenen Ge samtrechnungsystemen ist die auf der Umweltkonferenz der Vereinten Na tionen (UNCED) in Rio de Janeiro 1992 beschlossene Agenda 21 anzusehen, die auch Forderungen nach der Aufstellung nationaler Umweltökonomischer Gesamtrechnungen sowie nach der Erstellung von Indikatorensystemen für eine nachhaltige Entwicklung umfasste. Auf der Rio Konferenz gelangte das Prinzip einer nachhaltigen Entwicklung („sustainable development“) zum Durchbruch, das Konsequenzen für die Entwicklung der Umweltökonomi schen Gesamtrechnung hat, obwohl es bei der Auslegung dieses Prinzips nach wie vor unterschiedliche Meinungen gibt. Ein hierbei zentraler Punkt besteht in der Frage, ob man Nachhaltigkeit „schwach“ oder „stark“ auslegen sollte. Eine Entwicklung wird als schwach nachhaltig bezeichnet, wenn die Summe aus natürlichem Ressourcenvermögen und dem vom Menschen hinzugefüg Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 171 9. Kapitel: Zur Aussagefähigkeit des Inlandsprodukts 171 ten Vermögen (materielles und immaterielles Vermögen) im Zeitverlauf nicht sinkt, wobei aber jeder der Anteile sinken darf, vorausgesetzt, dieser Rückgang wird durch eine hinreichend starke Zunahme des anderen Teils kompensiert. Als stark nachhaltig wird dagegen eine Entwicklung bezeichnet, bei der ein Rückgang des Naturvermögens ausgeschlossen ist. Unabhängig davon, welcher dieser beiden Varianten des Nachhaltigkeitsziels die Politik folgt: In jedem Fall ist eine hinreichend umfängliche und präzise Information über die qualitative und quantitative Entwicklung des Naturvermögens erforderlich – genau diese Informationen sollen im Rahmen der Umweltökonomischen Gesamtrechnung bereitgestellt werden. Ursprünglich bestand die Absicht die gesammelten Informationen, analog zum Vorgehen bei der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, in einer einzigen Zahl verdichtet wiedergeben zu können, um auf diese Weise ein um Umwelt effekte korrigiertes „Ökoinlandsprodukt“ ermitteln zu können. Heute ist man sich einig darüber, dass dieses Ziel nicht erreichbar und vielleicht auch gar nicht erstrebenswert ist. Zu groß sind die Schwierigkeiten der Erfassung und vor allem der Bewertung. Hierauf wird weiter unten noch genauer eingegangen. Natürliche Umwelt und ökonomische Sphäre stehen in einer wechselseitigen Beziehung. Auf der einen Seite werden der natürlichen Umwelt Rohstoffe entnommen, um sie neben Arbeit und Kapital für die Produktion von Kon sum und Investitionsgütern zu verwenden. Darüber hinaus wird Fläche für landwirtschaftliche und industrielle Produktion, für Wohnen und für Verkehr in Anspruch genommen. Auf der anderen Seite dient die Umwelt als Medium, das Rest und Schadstoffe aufnimmt und – zumindest teilweise – abbaut. Diese Zusammenhänge werden in Abbildung 9 3 verdeutlicht. Es wird sichtbar, dass menschliche Aktivitäten die Umwelt durch Emissionen, durch Verbrauch von Rohstoffen sowie durch die Beanspruchung von Fläche und Raum belasten können. Diese Belastungen führen – möglicherweise erst langfristig – zu Ver änderungen des Umweltzustandes. Ein Rückschluss von Emissionen auf Ver änderungen des Umweltzustandes ist in der Regel nicht direkt möglich, da hier z. B. Synergiewirkungen, Umkipp Phänomene und natürliche Einwirkungen eine Rolle spielen können. Den Veränderungen des Umweltzustandes, die ne gative Rückwirkungen auf den Menschen haben, lässt sich durch verschiedene Maßnahmen entgegenwirken: durch solche, die die Entstehung von Umwelt belastungen verhindern, durch solche, die Umweltveränderungen verhindern und schließlich durch solche, die die belastete Umwelt sanieren. Mit Hilfe von Abbildung 9 3, die sich in ähnlicher Weise in Statistisches Bun desamt (2010, S. 9) findet, lassen sich somit drei Bereiche identifizieren, für die statistische Informationen benötigt werden: Umweltbelastung, Umweltzustand und Umweltschutzmaßnahmen. Das Ziel der Umweltökonomischen Gesamtrechnung ist es, diese statistischen Informationen zu erfassen, aufzubereiten und den Nutzern zur Verfügung zu stellen. Konzeptionell geht das Statistische Bundesamt vom herkömmlichen Gesamtrechnungssystem aus und ergänzt dieses durch Einbeziehung des „Na turvermögens“ bzw. durch Einbeziehung seiner Veränderungen. Dabei ist es ein wichtiges Anliegen, die Informationen derartig aufzubereiten, dass sie mit Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 172 Dritter Teil: Inlandsproduktsberechnung in der Bundesrepublik172 dem bestehenden System der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung konsis tent sind. Die Daten werden daher für Produktions und Wirtschaftsbereiche gezeigt, deren Abgrenzung mit der in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrech nung gewählten identisch ist. Neben dem Anliegen, eine unmittelbare Ver knüpfung mit den in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung gezeigten Daten zu ermöglichen, ist ein zweites, die Struktur der Umweltökonomischen Gesamtrechnung wesentlich bestimmendes Merkmal, dass die betrachteten Themenfelder in fachlicher und umweltpolitischer Hinsicht für die potenti ellen Nutzer aus Politik, Wissenschaft und Gesellschaft tatsächlich relevant sind. Schließlich ist auch zu erwähnen, dass das Statistische Bundesamt für die Umweltökonomische Gesamtrechnung keine eigenen Erhebungen durchführt. Vielmehr wird auf aus anderen Gründen erhobene Daten der amtlichen Statis tik, auf Daten des Umweltbundesamtes sowie auf Daten von Wirtschafts und Umweltforschungsinstituten zurückgegriffen. In der Umweltökonomischen Gesamtrechnung werden die entsprechenden Angaben also sekundärstatistisch aufbereitet und in eine Form gebracht, die eine Verknüpfung mit der Volkswirt schaftlichen Gesamtrechnung zulässt. Einen Überblick über die Komponenten der Umweltökonomischen Gesamtrechnung vermittelt Abbildung 9 4, die sich an ein Schaubild des Statistischen Bundesamtes anlehnt. Wie man erkennen kann, folgt die Grobstruktur den oben angesprochenen drei Bereichen, in denen Wechselwirkungen zwischen Wirtschaft und Umwelt auftreten. Das Statistische Bundesamt unterscheidet dementsprechend drei Gruppen von Berichtsmodulen, nämlich Belastung, Zustand und Maßnahmen. Abb. 9-3: Wirtschaft und Umwelt Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 173 9. Kapitel: Zur Aussagefähigkeit des Inlandsprodukts 173 Darüber hinaus existieren noch sogenannte sektorale Berichtsmodule. Hierbei handelt es sich um Querschnittsmodule, in denen für umweltpolitisch beson ders wichtige Sektoren, wie etwa Verkehr und Landwirtschaft, die Wechselwir kungen zwischen Wirtschaft und Umwelt zusammenfassend sichtbar gemacht werden sollen. Innerhalb der Bereichsmodule ist die Verzahnung der Informationen zu Um weltschutzmaßnahmen mit den Informationen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung relativ einfach. Das Statistische Bundesamt nutzt im Maß nahmenmodul Daten, die sekundärstatistisch für die Umweltökonomische Gesamtrechnung aufbereitet werden und macht die umweltrelevanten Kompo nenten dieser Daten (deutlicher) sichtbar. So werden beispielsweise aus den von den einzelnen Wirtschaftsbereichen gezahlten Steuern die umweltrelevanten Komponenten (etwa: Kfz Steuer oder Mineralölsteuer) herausgerechnet und dargestellt. Da es sich bei den verwendeten Daten um monetäre Stromgrößen handelt, ist die Verknüpfung mit Zahlenangaben der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung weitgehend unproblematisch. Deutlich größer sind die Verknüpfungsprobleme bei den Modulen „Belastung“ und „Zustand“. Bei den Umweltbelastungen handelt es sich um Material und Energieflüsse, die nicht monetärer, sondern physischer Natur sind. Bereits in Kapitel  2 haben wir über die Schwierigkeiten gesprochen, die sich ergeben, wenn Transaktionen auftreten, die nicht über den Markt laufen und für die daher keine unmittelbare Bewertung mit Marktpreisen möglich ist. Für umwelt bezogene Ströme gilt diese Problematik in besonderem Maße. Zwar ist eine mo netäre Bewertung beispielsweise von CO2 Emissionen prinzipiell denkbar, sie ist allerdings mit massiven methodischen Problemen verbunden. Vorliegende wissenschaftliche Studien, in denen eine Bewertung etwa von Treibhausgasen vorgenommen wird, weisen eine inakzeptabel große Bandbreite ihrer Ergeb nisse auf, so dass eine Verwendung für Zwecke der Umweltökonomischen Ge samtrechnung (noch) nicht in Betracht kommt. Aus diesem Grund beschränkt sich die Umweltökonomische Gesamtrechnung daher auf eine Darstellung der Umweltbelastungen in physischen Größen. Die geschilderte Problematik gilt in ähnlicher Weise auch für das Modul „Um weltzustand“. Im Unterschied zum Modul „Umweltbelastung“ werden in die sem Modul nicht Strom , sondern Bestandsgrößen dargestellt, die den Zustand des „Naturvermögens“ beschreiben sollen. Genau wie bei den Umweltbe Abb. 9-4: Module der deutschen Umweltökonomischen Gesamtrechnung Quelle: Statistisches Bundesamt (2010, S. 11) Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 174 Dritter Teil: Inlandsproduktsberechnung in der Bundesrepublik174 lastungen ist eine monetäre Bewertung des „Naturvermögens“ derzeit nicht befriedigend möglich. Der wichtigste Berichtsbereich im Zustandsmodul ist der Ausweis der Siedlungs und Verkehrsflächen nach Branchen. Zur Beurtei lung des Umweltzustandes wäre auch eine gesamtrechnerische Darstellung von Landschaft und Ökosystemen sinnvoll, etwa um Informationen über die Biodiversität zu vermitteln. Zwar liegen für diesen Bereich seit etlichen Jahren Konzepte und Pilotstudien vor, eine Umsetzung ist bislang aber nicht erfolgt. Ebenso fehlt bislang eine systematische Erfassung und Darstellung von Na turvermögen in Form von Bodenschätzen. Im Folgenden soll auf die in Abbil dung 9 4 gezeigten Module etwas genauer eingegangen werden. b) Die Module der Umweltökonomischen Gesamtrechnung Material- und Energieflussrechnungen. Im Zusammenhang mit den Wirtschafts aktivitäten des Menschen werden der natürlichen Umwelt Stoffe entnommen, durch Produktion und Konsum verändert und schließlich nach einer oder mehreren Recycling Stufen wieder an die Umwelt abgegeben. In der herkömm lichen Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung werden diese Stoffströme nur ansatzweise abgebildet. Um die Nachhaltigkeit des Wirtschaftens beurteilen zu können, ist aber eine möglichst weitgehende Erfassung der Umweltleistungen erforderlich. Das betrifft auch die Ströme, die sich nicht monetär erfassen las sen, also nur in physischen Einheiten dargestellt werden können. Eine wirklich vollständige Erfassung sämtlicher Material und Energieflüsse ist allerdings utopisch. Insofern muss man das in Abbildung 9 5 zusammengefasste System von Material und Energieflussrechnungen des Statistischen Bundesamtes als Abb. 9-5: Gesamtsystem von Material- und Energieflussrechnungen Quelle: vereinfacht nach Statistisches Bundesamt (2010, S. 29) Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 175 9. Kapitel: Zur Aussagefähigkeit des Inlandsprodukts 175 einen Kompromiss aus prioritär benötigten Informationen und verfügbaren Daten ansehen. Die in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung angesiedelten monetären Input Output Tabellen schaffen den Rahmen für die Material und Energie flussrechnungen der Umweltökonomischen Gesamtrechnung. Da auf Input Output Tabellen im folgenden Kapitel ausführlich eingegangen wird, sei hier nur kurz darauf hingewiesen, dass derartige Tabellen die Verflechtungen von Wirtschafts bzw. Produktionsbereichen sichtbar machen. Sie zeigen, welcher Bereich in welchem Wert Güter an andere Bereiche geliefert hat und lassen damit die Produktions und Verbrauchsstrukturen erkennbar werden. Die monetären Input Output Tabellen können allerdings nur die monetären, nicht aber die rein physischen Ströme zwischen den Bereichen darstellen. So werden in ihnen z. B. Abfallaufkommen und Luftemissionen nicht erfasst. Daher wird die Betrachtung um physische Input Output Tabellen erweitert. Die physischen Input Output Tabellen entsprechen in ihrer Struktur den monetären Tabellen, ergänzen diese aber durch die Erfassung der mengenmäßigen Inputs aus der Umwelt (z. B. Rohstoffe und Wasser) und der mengenmäßigen Outputs, die an die Umwelt abgegeben werden (z. B. Abfall und Luftemissionen). Innerhalb der physischen Input Output Tabellen werden die physischen Verflechtungen in nerhalb des Wirtschaftssystems sichtbar. Eine regelmäßige Erstellung von phy sischen Input Output Tabellen ist derzeit nicht möglich, weil die Informations basis zu schmal ist. Die einzige bislang vorliegende Tabelle wurde im Rahmen eines Modellprojektes erstellt und bezieht sich auf das Jahr 1995. Trotz dieses recht großen zeitlichen Abstands wird sie als konzeptioneller Bezugspunkt für die Angaben zu den Teilbereichen der Material und Energieflussrechnungen verwendet, für die eine regelmäßige Berichterstattung erfolgt. Wie Abbildung 9 3 zeigt, umfassen diese Teilbereiche der Material und Ener gieflussrechnungen ein zusammenfassendes gesamtwirtschaftliches Material konto und die Module: ●● Energie, ●● Wasser, ●● Luftemissionen, ●● Rohstoffe, ●● Abfall und ●● Materialflüsse auf regionaler Ebene. Im Folgenden sollen diese Elemente der Material und Energieflussrechnungen kurz vorgestellt werden. Gesamtwirtschaftliches Materialkonto. Im gesamtwirtschaftlichen Materialkon to werden die Entnahme von Material aus der Umwelt und die Abgabe von Material an die Umwelt nach einzelnen Materialarten erfasst. Abbildung 9 6 zeigt eine komprimierte graphische Darstellung des Materialkontos für das Jahr 2003. Bei der Entnahme wird nach verwerteter und nicht verwerteter Rohstoffentnahme unterschieden. Bei der nicht verwerteten Rohstoffentnahme (z. B. Bodenaushub und Abraum) wird angenommen, dass diese Stoffe zwar im Zuge der Produktion der Umwelt entnommen, aber unmittelbar wieder in die Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 176 Dritter Teil: Inlandsproduktsberechnung in der Bundesrepublik176 Umwelt zurückgeführt werden. Im Produktions und Konsumprozess findet eine Transformation der übrigen der Umwelt entnommenen Stoffe statt. Eine bedeutende Größenordnung erreichen die importierten Güter (z. B. Erdöl, Erd gas, Mineralien). Den weitaus wichtigsten Beitrag in der Position „Entnahme von Gasen“ leistet der Sauerstoff, der der Umwelt für Verbrennungsprozesse entnommen wird. Die Luftemissionen sind fast vollständig auf das bei der Verbrennung entstehen de Kohlendioxid zurückzuführen. Die Kategorie „dissipativer“ Gebrauch von Produkten bezieht sich auf Stoffe wie organische und mineralische Dünger und Streusalz, die sich breit verteilen und nicht zurückgewonnen werden können. Zu dieser Kategorie gehören auch Korrosion, Abrieb und sonstige Verluste ver gleichbarer Art. Allerdings werden vom Statistischen Bundesamt nur dissipati ve Verluste in Form von Reifen und Bremsabrieb berücksichtigt. Anders als bei früheren Darstellungen der Materialflüsse werden nunmehr Wasserentnahme *) Entnahmen und Abgaben von Material ohne Wasser 1) Einschließlich dissipativen Verlusten, ohne Emissionen im Abwasser 2) Insbesondere für bzw. aus Verbrennungsprozessen (O2, N2 bzw. H2O) Abb. 9-6: Gesamtwirtschaftliches Materialkonto 2008 Quelle: Statistisches Bundesamt (2010, S. 30) Materialkonto 2008*) Schematische Darstellung Mio. Tonnen Luftemissionen 834 Entnahme Verbleib Abgabe Materialverbleib 637 Dar.: Abfall an Deponie 42 Verwertete inländische Rohstoffentnahme 1082 Einfuhr 606 Gase für Bilanzierungszwecke2) 1083 Dissipativer Gebrauch von Produkte1) 256 Ausfuhr 388 Gase für Bilanzierungszwecke2) 647 Nicht verwertete inländische Entnahme 2229 (einschl. Abraum, Bergematerial, Boden, Steine und Baggergut) Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 177 9. Kapitel: Zur Aussagefähigkeit des Inlandsprodukts 177 und Wasserabgabe nicht mehr im Materialkonto berücksichtigt. Ferner wird die Deponierung von Abfällen jetzt als Materialverbleib angesehen und nicht wie früher als Abgabe an die Umwelt betrachtet. Das Statistische Bundesamt hat sich mit diesen Änderungen an Vorgaben der Europäischen Union angepasst. Energie. Im Modul „Energie“ werden das Aufkommen und die Verwendung von Energie nach wirtschaftlichen Aktivitäten und Energieträgern erfasst. Die Messung erfolgt in der Einheit „Joule“ und ist damit vom Aggregatszustand der verschiedenen Energieträger unabhängig. Bei den Energieträgern unterscheidet man zwischen Primär und Sekundärenergieträgern. Als Primärenergieträger bezeichnet man energiehaltige Rohstoffe, wie Braun und Steinkohle, Erdöl und Erdgas, Kernbrennstoffe, Biomasse sowie Energiequellen, wie Wasser , Wind und Sonnenenergie. Sekundärenergieträger, wie etwa Heizöl, Benzin, Kohle briketts oder elektrischer Strom, entstehen durch technische Umwandlungs prozesse aus Primärenergieträgern oder aus anderen Sekundärenergieträgern. Bei der Energieverwendung handelt es sich aus umweltökonomischer Sicht um ein typisches Querschnittsproblem. Energieverwendung selbst ist nicht mit einem spezifischen Umweltproblem verbunden. Energie wird aber in allen Wirtschaftsbereichen benötigt und der Umfang sowie die Art der Gewinnung und Verwendung haben erhebliche Konsequenzen für die natürliche Umwelt. So trägt etwa die Nutzung fossiler Energieträger entscheidend zum Klima problem bei, die Nutzung von Kernenergie ist mit erheblichen Risiken behaftet und viele der regenerativen Energieträger sind nach heutigen Maßstäben (noch) nicht wettbewerbsfähig. In Politik, Wirtschaft und Wissenschaft besteht daher ein großes Interesse an Daten zum Energieverbrauch. Die Umweltökonomische Gesamtrechnung versucht, derartige Daten zu liefern und erlaubt durch die Aufbereitung der Daten nach Gesamtrechnungsstandards insbesondere einen Einblick in den Energieverbrauch nach wirtschaftlichen Aktivitäten und nach Wirtschaftsbereichen. Abbildung  9 7 zeigt die Entwicklung des Energiever brauchs von 2000 bis 2008. Zwei Fakten sind bemerkenswert. Erstens bleibt der gesamtwirtschaftliche Energieverbrauch über den Betrachtungszeitraum in etwa unverändert. Zweitens wird der überwiegende Anteil der verwendeten Energie importiert. Der Importanteil hat sich in den 1990er Jahren von etwa 60 Prozent auf ungefähr 75 Prozent erhöht. Wie Abbildung 9 7 zeigt ist er in der Zeit danach nahezu konstant geblieben. Die Energieintensität der einzelnen Wirtschaftsbereiche ist sehr unterschiedlich, wie Abbildung 9 8 verdeutlicht. Besonders energieintensiv sind die Bereiche Metallerzeugung und chemische In dustrie. Sehr gering ist dagegen die Energieintensität im Dienstleistungsbereich. Rohstoffe. Im Modul „Rohstoffe“ wird der Rohstoff und Materialeinsatz nach Produktionsbereichen und wirtschaftlichen Aktivitäten erfasst. Das Gesamtvo lumen des Rohstoff und Materialeinsatzes entspricht der in Abbildung 9 6 ge zeigten Entnahmeseite des gesamtwirtschaftlichen Materialkontos mit Ausnah me der Position „Gase für Bilanzierungszwecke“ (insbesondere Luftsauerstoff), weil diese in Hinblick auf Umweltwirkungen als irrelevant angesehen wird. Die „nichtverwertete inländische Entnahme“ und die Einfuhr werden sum marisch nach ihrem Gewicht erfasst, aber nicht weiter untergliedert. Bei der „verwerteten inländischen Rohstoffentnahme“ wird hingegen nach abiotisch Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 178 Dritter Teil: Inlandsproduktsberechnung in der Bundesrepublik178 verwerteten Rohstoffen (fossile Brennstoffe, Erze und sonstige mineralische Roh stoffe, wie Natursteine, Kalk, Kies, Steine und Erden) sowie nach biotisch verwer teten Rohstoffen (Ernteprodukte, Biomasse für Futterzwecke usw.) differenziert. Der Rohstoffeinsatz kann unter anderem als ein Maß für die Effizienz der Roh stoffnutzung einer Volkswirtschaft verwendet werden. Als Kennziffer bietet sich die Größe „Materialintensität“ an, bei der der Materialeinsatz zum Brutto inlandsprodukt bzw. – bei sektoraler Betrachtung – zur Bruttowertschöpfung in Beziehung gesetzt wird. Abbildung 9 9 zeigt die Materialintensität im Jahr 2008, aufgeschlüsselt nach den Produktionsbereichen. Wie man erkennen kann, ist die Materialintensität in den Produktionsbereichen sehr unterschiedlich. Abb. 9-8: Primärenergieintensität nach Produktionsbereichen 2008 (MJ Energieverbrauch je Euro Bruttowertschöpfung – jeweilige Preise) Quelle: Statistisches Bundesamt (2010, S. 46) 4,3 1,8 0,7 10,1 2,8 4,7 40,8 31,5 41,9 10,7 9,6 10,2 Alle Produktionsbereiche Öffentliche u. private Dienstleistungen Finanz-DL, Vermietung, Unternehmens-DL Verkehr u. Nachrichtenübermittlung Handel und Gastgewerbe Übriges Produzierendes Gewerbe Metallerzeugung und -bearbeitung Glas, Keramik, Verarb. v. Steinen, Erden Chemische Erzeugnisse Nahrungsmittel und Getränke Produzierendes Gewerbe Landwirtschaftliche Erzeugnisse Abb. 9-7: Entwicklung des Energieverbrauchs – Inländische Erzeugung und Importe Quelle: Statistisches Bundesamt (2010, S. 44) Gewinnung im Inland Importe 0 3000 6000 9000 12000 15000 18000 21000 2000 2002 2004 2006 2008 Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 179 9. Kapitel: Zur Aussagefähigkeit des Inlandsprodukts 179 So lag der Dienstleistungsbereich mit 43 kg/1000 EUR weit unter dem Durch schnitt. Der Bereich Glas, Keramik, Verarbeitung von Steinen und Erden lag mit 18809 kg/ 1000 EUR dagegen weit darüber. Wasser. Die Wassernutzung ist auch in regenreichen Ländern wie Deutschland umweltpolitisch bedeutsam, weil die Wasserentnahme auch dann, wenn keine unmittelbare Knappheit besteht, mit erheblichen Eingriffen in die natürliche Umwelt verbunden sein kann. Bezieht man die Wasserentnahme auf die Brut towertschöpfung, erhält man die Wasserintensität, die in Abbildung 9 10 nach Produktionsbereichen gezeigt wird. Augenfällig ist die Wasserintensität des Bereichs „Erzeugung von Strom und Gas“, die um das Achtfache über dem zweithöchsten Wert liegt, der in der chemischen Industrie erreicht wird. Diese hohe Wasserintensität ist nahezu ausschließlich auf den Kühlwassereinsatz zu rückzuführen. Über 60 Prozent der gesamten Wasserentnahme in Deutschland geschieht zu Kühlzwecken bei der Energieerzeugung bzw. wandlung. Dieser Anteil ist in den vergangenen Jahren nur leicht gesunken. Das Gesamtvolumen der Wasserentnahme insgesamt ist aber von 1995 bis 2007 um etwa 23 Prozent gesunken. Aufgrund des im gleichen Zeitraum zu verzeichnenden Anstiegs der Produktionsleistung hat sich die Wasserintensität über alle Produktionsbereiche daher deutlich verringert. Das in einer Periode der natürlichen Umwelt entnommene Wasser wird fast vollständig in der gleichen Periode auch wieder an die Umwelt zurückgege ben. Dabei ist zwischen den beiden Positionen „Abwasser“ sowie „Fremd und Regenwasser, Verdunstung und sonstige Verluste“ zu unterscheiden. Im Jahr 2007 betrug das Abwasservolumen 30,5 Mrd. m3. Über 70 Prozent davon waren Kühlwasser (zum allergrößten Teil aus der Stromerzeugung), das insofern um weltrelevant ist als es mit höherer Temperatur an die Umwelt zurückgegeben wird und Algenschutzmittel enthalten kann. Die übrigen knapp 30  Prozent gliedern sich in behandeltes und unbehandeltes Abwasser. Das unbehandelte Abwasser stellt, anders als man auf den ersten Blick meinen könnte, nur ein geringes Umweltproblem dar, weil es sich im wesentlichen um nicht belastetes Grubenwasser aus dem Bergbau handelt. Das behandelte Abwasser besteht Abb. 9-9: Materialintensität nach Produktionsbereichen 2008 (kg Materialeinsatz je 1000 Euro Bruttowertschöpfung – jeweilige Preise) Quelle: Statistisches Bundesamt (2010, S. 40) 520 43 2580 6438 3609 881 545 1756 457 Alle Produktionsbereiche Dienstleistungen insgesamt Bauarbeiten Erzeugung von Strom und Gas Metallerzeugung und -bearbeitung Glas, Keramik, Verarb. v. Steinen, Erden Chemische Erzeugnisse Nahrungsmittel und Getränke Produzierendes Gewerbe Landwirtschaftliche Erzeugnisse 18809 Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 180 Dritter Teil: Inlandsproduktsberechnung in der Bundesrepublik180 mittlerweile zu 90 Prozent aus vollbiologisch geklärtem bzw. darüber hinaus weiterbehandeltem Abwasser. Abfall. Neben Abwasser ist auch das Abfallaufkommen nach Abfallarten und Produktions bzw. Wirtschaftsbereichen umweltpolitisch bedeutsam. Wesent liche gesetzliche Grundlage der Datenerhebung ist das Umweltstatistikgesetz, das eine umfangreiche Datenbereitstellung im Bereich der Abfallstatistik vor schreibt. Die in diesem Rahmen durchgeführten Erhebungen unterscheiden sich zum Teil deutlich in Bezug auf den Berichtskreis und die Periodizität, so dass die Daten vor einer sinnvollen Verwendung in der Umweltgesamtrechnung erst entsprechend aufbereitet und ergänzt werden müssen. Ziel des Statistischen Bundesamtes ist der Aufbau einer Abfallgesamtrechnung, die ihrerseits wie derum einen Baustein der Umweltgesamtrechnung darstellt. Informationen der Abfallstatistik auch den Im und Export von Abfällen nachweisen sowie nach Möglichkeit die inländischen Abfallverwertungsströme zu erfassen, die bislang nicht ausgewiesen werden. Beim derzeitigen Entwicklungsstand der Abfallge samtrechnung steht noch die Gesamtdarstellung des Abfallaufkommens nach Abfallarten im Vordergrund. Eine Darstellung nach Produktions bzw. Wirt schaftsbereichen fehlt. Das gesamte Abfallaufkommen setzt sich aus Bau und Abbruchabfällen (52,4 Prozent), Siedlungsabfällen (12,6 Prozent), Bergematerial aus dem Bergbau (10,3 Prozent) sowie Abfällen aus Produktion und Gewer be (14,7 Prozent) zusammen (Zahlenangaben jeweils für 2008). Seit Mitte der 1990er Jahre war das Gesamtaufkommen ziemlich stetig auf 407 Mio. Tonnen gewachsen. Von 2001 bis 2005 war dann aber ein Rückgang um etwa 10 Prozent zu verzeichnen. Bis 2008 ist das Abfallaufkommen wieder leicht angestiegen. Charakteristisch für die langfristige Entwicklung in Deutschland sind der leichte trendmäßige Rückgang des Hausmülls und der Anstieg der „anderen getrennt gesammelten Fraktionen“ (Glas, Papier, Pappe sowie Leichtverpackun gen einschließlich Kunststoffe) und der kompostierbaren Abfälle. Dies spiegelt vor allem die in Deutschland eingeschlagene abfallpolitische Strategie wider. Luftemissionen. Die Darstellung der Luftemissionen nimmt in der Umweltöko nomischen Gesamtrechnung einen relativ breiten Raum ein. Ausführlich wird Abb. 9-10: Wasserintensität nach Produktionsbereichen 2007 (Wasser (m3) je 1000 Euro Bruttowertschöpfung – jeweilige Preise) Quelle: Statistisches Bundesamt (2010, S. 34) 15,9 0,4 8,2 606,2 21,2 12,1 73,6 45,9 16,3 55,7 19,8 Alle Produktionsbereiche Bauarbeiten und Dienstl. (ohne Abwasserbeseit.) Übriges Produzierendes Gewerbe Erzeugung von Strom und Gas Metallerzeugung und -bearbeitung Glas, Keramik, Verarb. v. Steinen, Erden Chemische Erzeugnisse Papiererzeugnisse Nahrungsmittel und Getränke Produzierendes Gewerbe (ohne Baugewerbe) Landwirtschaftliche Erzeugnisse Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 181 9. Kapitel: Zur Aussagefähigkeit des Inlandsprodukts 181 über Treibhausgase, CO2 Emissionen und über die Emission von Luftschad stoffen informiert. Zu den Treibhausgasen gehören neben CO2 vor allem Methan, Lachgas sowie teilhalogenierte Fluorkohlenwasserstoffe. Um die Treibhauswirkung einheitlich beschreiben zu können, werden die Treibhausgasemissionen in sogenannten CO2 Äquivalenten ausgedrückt. Die Freisetzung der oben genannten Treibhausgase hat sich zwischen 1990 und 2000 deutlich verringert. Besonders ausgeprägt war in diesem Zeitraum der Emissionsrückgang im produzierenden Gewerbe. Dieser ist zum großen Teil auf den Zusammenbruch der ostdeutschen Produktionsbetriebe im Gefolge der deutschen Einigung zurückzuführen. Besorgniserregend in Hinblick auf die Erreichung des im Rahmen des Kioto Prozesses von Deutschland zugesagten Minderungsziels ist die Beobachtung, dass sich die Emissionsminderung in jüngerer Zeit deutlich verlangsamt hat. Wie Abbildung 9 11 zeigt, sind im Zeit raum 2000 bis 2008 vor allem die Treibhausgasemissionen deutlich gesunken, die den privaten Haushalten unmittelbar zuzurechnen sind. Zwar sind auch in einigen Produktionsbereichen Minderungen zu verzeichnen, in anderen haben sich die Emissionen aber erhöht. Unter dem Strich sind Treibhausgasemissionen im Betrachtungszeitraum um knapp 25 Mio. Tonnen CO2 Äquivalent gesunken. Diese Minderung wurde aber zu deutlich mehr als 90 Prozent im Haushalts sektor erzielt. Zu den Luftschadstoffen, über die im Rahmen der Umweltökonomischen Ge samtrechnung berichtet wird, zählen Schwefeldioxid, Stickoxide, Ammoniak und flüchtige Kohlenwasserstoffe (ohne Methan). Die Abgabe von Luftschad stoffen an die Umwelt ist von 1990 bis 2008 deutlich gesunken. Am geringsten war der Rückgang bei Ammoniak, am stärksten bei Schwefeldioxid. Ammo niakemissionen werden zu über 95 Prozent in der Landwirtschaft verursacht. Abb. 9-11: Emission von Treibhausgasen nach wirtschaftlichen Aktivitäten – Veränderung 2008 gegenüber 2000 (in Mio. Tonnen CO2-Äquivalent) Quelle: Statistisches Bundesamt (2010, S. 52) -24,7 -23,1 -1,6 -12,8 -5,2 13,3 -3,4 -2,3 2,1 10,6 2 -1,4 -8,6 7,1 4,1 alle Prod.- bereiche, priv. Haushalte Konsum der priv. Haushalte Alle Produktionsbereiche Dienstleistungen insgesamt Übriges Produz. Gewerbe Erzeugung von Strom, Gas Metallerzeugung Glas, Keramik, Steine, Erden Chemische Erzeugnisse Kokerei und Mineralölerzeug. Papiererzeugnisse Nahrungsmittel, Getränke Gewinnung von Kohle, Torf Produzierendes Gewerbe Landwirtschaftliche Erzeugnisse Dritter Teil: Inlandsproduktsberechnung in der Bundesrepublik182 Dementsprechend ist auch der (geringfügige) Rückgang dieses Luftschadstoffes weitestgehend auf eine Verringerung der Tierproduktion zurückzuführen. Schwefeldioxidemissionen entstammen zum größten Teil dem Produktions bereich. Innerhalb dieses Bereichs ist die „Erzeugung von Strom und Gas“ zu Beginn der 1990er Jahre die mit Abstand wichtigste Emissionen hervorrufende Aktivität gewesen. Der erhebliche Rückgang der Emission von Schwefeldioxid ist größtenteils auf die Rauchgasentschwefelung der Kohlekraftwerke in den neuen Ländern zurückzuführen. Da mittlerweile alle Großfeuerungsanlagen entsprechend ausgerüstet sind, ist die Minderungsrate in jüngerer Zeit deutlich gesunken. Gleichwohl ist für den Zeitraum 2000 bis 2008 ein Rückgang der Schwefeldioxidemissionen um mehr als 20 Prozent zu verzeichnen. (Im gleichen Zeitraum sanken die Stickoxidemission um 25 Prozent und die Emission von flüchtigen organischen Verbindungen um 20 Prozent.) Umweltzustand. Im Modul „Umweltzustand“ wird vom Statistischen Bun desamt derzeit als einziger Bereich die Flächennutzung genauer dargestellt. Gerade in dichtbesiedelten Ländern wie Deutschland stellt die immer weiter zunehmende Nutzung des (nicht vermehrbaren) Bodens als Siedlungs und Ver kehrsfläche ein wesentliches Umweltproblem dar. In der Umweltökonomischen Gesamtrechnung wird die Siedlungs und Verkehrsfläche nach Nutzungsarten erfasst und den Produktionsbereichen sowie den Haushalten zugeordnet. Bei den Nutzungsarten wird unterschieden zwischen: ●● Gebäude und Freifläche (52 Prozent), ●● Verkehrsfläche (37 Prozent), ●● Erholungsfläche (8 Prozent), ●● Betriebsfläche (2 Prozent), ●● Friedhof (1 Prozent). Die in Klammern angegebenen Prozentwerte geben die jeweiligen Anteile im Jahr 2008 wieder. Diese Anteile sind in jüngerer Zeit nahezu unverän dert geblieben. Bei der Zuordnung der Siedlungs und Verkehrsfläche auf Bereiche wird das sogenannte „Nutzerkonzept“ angewandt. Anders als in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung wird die für Wohnzwecke genutz te Bodenfläche den privaten Haushalten und nicht dem Produktionsbereich „Wohnungsvermietung“ zugeordnet. Ebenso werden staatliche Flächen wie die Straßen im Umfang der Inanspruchnahme den Nutzern zugerechnet. Die in Ab bildung 9 12 auffallende starke Zunahme der Flächeninanspruchnahme durch die privaten Haushalte ist wegen dieser Zurechnungsmethodik nicht nur auf die Ausdehnung der für Wohnzwecke genutzten Fläche zurückzuführen, son dern auch auf die Zunahme des Verkehrsaufkommens der privaten Haushalte. Umweltschutzmaßnahmen. Das Modul „Umweltschutzmaßnahmen“ besteht aus zwei Teilbereichen, nämlich den Umweltschutzausgaben und den Um weltsteuern. In beiden Bereichen muss man den Darstellungsumfang als recht eingeschränkt bezeichnen. Bei den Umweltschutzausgaben erfolgt nun für die Jahre ab 2003 der Ausweis wieder einschließlich der Informationen zum soge nannten integrierten Umweltschutz. 9. Kapitel: Zur Aussagefähigkeit des Inlandsprodukts 183 Unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten ist dies begrüßenswert, weil der inte grierte Umweltschutz eine vergleichsweise höhere Effizienz und eine größere Effektivität aufweist. Die Umweltökonomische Gesamtrechung ist jedoch, wie bereits oben betont, in ihren Möglichkeiten durch die verfügbaren Primär statistiken beschränkt. Die Angaben zu integrierten Umweltschutzausgaben sind prinzipiell mit großer Zurückhaltung zu interpretieren. Anders als bei End of the pipe Investitionen (z. B. nachgeschaltete Filteranlagen) lässt sich beim integrierten Umweltschutz auch für die Anlagenbetreiber oft nicht exakt aufschlüsseln, welcher Anteil des Wertes einer neuen Anlage auf Produktions zwecke und welcher auf Umweltschutzzwecke entfällt. Aber auch bei den nachgeschalteten und additiven Umweltschutzmaßnahmen ist die Datenlage unbefriedigend. Im wesentlichen stammen die Ursprungs daten aus den Statistiken über Umweltschutzinvestitionen und laufende Aus gaben für den Umweltschutz im Produzierenden Gewerbe sowie – für den Bereich der öffentlichen Maßnahmen – aus der Finanzstatistik. Angaben über Umweltschutzausgaben von privaten Haushalten, in der Landwirtschaft, in der Bauwirtschaft sowie in Teilen des Dienstleistungsbereichs fehlen. Funktional wird die Darstellung auf die Bereiche Luftreinhaltung, Lärmbe kämpfung, Abfallentsorgung und Gewässerschutz begrenzt. Im Jahr 2007 la gen die gesamten erfassten Umweltschutzausgaben bei 33,8 Mrd. Euro. Davon entfielen auf Abfallentsorgung und Gewässerschutz 31,1 Mrd. Euro, also über 90 Prozent. Von den genannten 31,1 Mrd. Euro wurden 19,5 Mrd. Euro durch die sogenannten privatisierten öffentlichen Unternehmen und 7,6 Mrd. Euro vom Staat verausgabt. (Bei den „privatisierten öffentlichen Unternehmen“ handelt es sich vor allem um Abfallentsorgungsbetriebe, die aus dem kommunalen Bereich ausgegliedert wurden.) Die Ausgaben für Luftreinhaltung und Lärmschutz in Höhe von 2,8 Mrd. Euro fallen dagegen überwiegend im Produzierenden Gewer be an. Die Daten zeigen, dass Umweltschutzausgaben überwiegend (nämlich zu mehr als 80 Prozent) durch den öffentlichen Bereich und diesem nahestehende Abb. 9-12: Zunahme der Siedlungs- und Verkehrsfläche – 2008 im Vergleich zu 1996 (in ha pro Tag) Quelle: Statistisches Bundesamt (2010, S. 82) -0,1 63,2 30 14 11,4 8,3 2,5 36,1 1,6 -1,6 -3,1 -3,1 -3,1 Ungenutzte Siedlungsfläche Konsum der privaten Haushalte Alle Produktionsbereiche Übrige Dienstleistungen Kultur- und Sportdienstleistungen Einzelhandelsdienstleistungen Großhandelsdienstleistungen Dienstleistungen Übriges Produzierendes Gewerbe Sonstige Bauarbeiten Hoch- und Tiefbau Produzierendes Gewerbe Landwirtschaftliche Erzeugnisse Dritter Teil: Inlandsproduktsberechnung in der Bundesrepublik184 Unternehmen getätigt werden. Bei dieser Einschätzung ist nochmals darauf zu verweisen, dass der integrierte, von den Unternehmen getätigte Umweltschutz nur schwer zu erfassen ist und möglicherweise unterschätzt wird. Bei der Abgrenzung der umweltbezogenen Steuern folgt das Statistische Bun desamt dem von der OECD und von EUROSTAT vorgegebenen Rahmen. Da nach ist für die Einstufung einer Steuer als „umweltbezogen“ ausschlaggebend, dass sich die entsprechende Steuer auf eine Größe bezieht, die sich nachweislich negativ auf die Umwelt auswirkt. Die Gründe für die Einführung der Steuer oder die Verwendung des Steueraufkommens spielen keine Rolle. In Deutsch land werden als umweltbezogene Steuern die Energiesteuer (die frühere Mine ralölsteuer), die Stromsteuer und die Kraftfahrzeugsteuer angesehen. Die auf die entsprechenden Steuertatbestände erhobene Mehrwertsteuer wird dagegen nicht berücksichtigt. Ziel der Erfassung der umweltbezogenen Steuern in der Umweltökonomi schen Gesamtrechnung ist es vor allem, die Bedeutung der damit verbundenen Lenkungswirkungen sichtbar zu machen. Dieses Ziel wird jedoch nur ansatz weise erreicht. Das hängt vor allem damit zusammen, dass rund 75 Prozent des Gesamtaufkommens der umweltbezogenen Steuern auf die Energiesteuer (Mineralölsteuer) zurückzuführen sind. Bei dieser Steuer stehen aber eindeutig fiskalische und verkehrspolitische, nicht aber umweltpolitische Ziele im Vor dergrund. Allein schon deswegen ist eine Interpretation der Daten im Sinne einer Ziel Mittel Analyse problematisch. Erhöhungen des Steueraufkommens sind aus fiskalischen Gründen erwünscht, aus umweltpolitischen Gründen aber dann kontraproduktiv, wenn die Aufkommenserhöhung auf einem Mehr verbrauch beruht. Die Gesamtwirkung des Steuersystems auf die Umwelt lässt sich aus den in der beschriebenen Weise abgegrenzten Daten nicht beurteilen, weil natürlich auch andere, nicht berücksichtigte Steuern in mehr oder weniger ausgeprägter Weise umweltrelevante Wirkungen aufweisen. Sektorale Berichtsmodule. Das Statistische Bundesamt ergänzt das bislang erörterte Datenangebot durch sektorale Berichtsmodule, die Querschnittscha rakter haben. Ziel dieser Querschnittsmodule ist die Bereitstellung zusätzlicher Informationen für Bereiche, die besonders ausgeprägte und vielschichtige Um weltauswirkungen haben und für die weitergehende Informationsbedürfnisse der Datennutzer gesehen werden. Gegenwärtig umfasst die Umweltökonomi sche Gesamtrechnung vier derartige sektorale Berichtsmodule: ●● Private Haushalte und Umwelt, ●● Verkehr und Umwelt, ●● Landwirtschaft und Umwelt sowie ●● Waldgesamtrechnung. Die Berichtsmodule „Verkehr und Umwelt“ sowie „Landwirtschaft und Um welt“ sind schon seit einigen Jahren Bestandteil der Umweltökonomischen Gesamtrechnung. Die beiden Module „Private Haushalte und Umwelt“ sowie „Waldgesamtrechnung“ stellen dagegen jüngere Erweiterungen der Berichter stattung dar. 9. Kapitel: Zur Aussagefähigkeit des Inlandsprodukts 185 Im Querschnittsmodul „Private Haushalte und Umwelt“ wird die schon in den vorigen Abschnitten besprochene direkte Nutzung von Umweltleistungen für den Haushaltsbereich genauer dargestellt. Unter anderem wird der Energiever brauch der Haushalte nach Haushaltsgrößenklassen und nach Anwendungs bereichen aufgeschlüsselt. Derartige Informationen sind beispielsweise für die Umweltpolitik unerlässlich, wenn sie Anreizsysteme entwickeln will, mit denen im Rahmen einer Nachhaltigkeitsstrategie der Energieverbrauch der Privaten Haushalte verringert werden soll. Neben der direkten Umweltnutzung wird in diesem Modul auch die indirekte Inanspruchnahme des Naturvermögens durch die Privaten Haushalte beleuchtet, die sich daraus ergibt, dass für die Erzeugung von Konsumgütern Energie benötigt wird. Die Berechnung des „Energiegehalts“ der Konsumgüter basiert auf Input Output Tabellen, auf die im nächsten Kapitel näher eingegangen wird. Im Berichtsmodul „Verkehr und Umwelt“ sollen im jährlichen Turnus Daten für eine integrierte Umwelt und Verkehrspolitik zur Verfügung gestellt werden. Diese Daten sind für Politik unter anderem deswegen so wichtig, weil insbeson dere der Straßenverkehr, aber auch der Luftverkehr zu den wachstumsstärksten Bereichen gehört und die Umwelt in vielfältiger Weise beansprucht. Ähnlich komplexe Wechselwirkungen finden sich auch im Bereich „Landwirt schaft und Umwelt“. So hat Landwirtschaft teils landschafts und naturpflege rische Wirkungen, sie belastet die Natur aber auch durch Stoffeinträge in Böden und Gewässer (z. B. Düngemittel) und Luft (z. B. Methan aus der Tierhaltung). Umgekehrt nimmt der ländliche Raum als Teil der natürlichen Umwelt aber auch Belastungen aus anderen Bereichen auf (z. B. Emissionen des Verkehrsbe reichs). Diese vielfältigen Beziehungen sollen im Rahmen einer Querschnitts betrachtung quantifiziert und verdichtet dargestellt werden. Das Berichtsmodul „Waldgesamtrechnung“ wurde vor allem deswegen in die Umweltökonomische Gesamtrechnung aufgenommen, weil Waldflächen neben der ökonomischen Funktion eine hohe ökologische und eine bedeutende soziale Funktion erfüllen. Die Waldgesamtrechnung hat perspektivisch das Ziel, Infor mationen zu allen drei Funktionen bzw. Dimensionen zu liefern und diese in Beziehung zu setzen. Gegenwärtig liegt der Schwerpunkt allerdings noch auf der ökonomischen Betrachtung. Blickt man resümierend auf die Entwicklung der Umweltökonomischen Ge samtrechnung in den letzten zehn Jahren zurück, so kann man feststellen, dass sich aus den ersten, noch mit deutlichem Experimentiercharakter behafteten Ansätzen mittlerweile eine tragfähige gesamtrechnungsorientierte Bericht erstattung herausgeschält hat, die umweltpolitische Informationen anderer Institutionen, wie etwa die durch das Umweltbundesamt bereitgestellten, auf sinnvolle Weise ergänzt. Es ist aber absehbar, dass sich die Umweltökonomische Gesamtrechnung auch in den nächsten Jahren noch mit erheblicher Dynamik weiterentwickeln wird. Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 186 Dritter Teil: Inlandsproduktsberechnung in der Bundesrepublik186 B. Berücksichtigung der Haushaltsproduktion a) Haushaltsproduktion und Inlandsproduktsberechnung Die Haushalte stellen hinsichtlich der Einkommenserzielung und Einkommens verwendung den quantitativ bedeutendsten Sektor in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung dar. Gleichzeitig ist die in der Inlandsproduktsberechnung registrierte Produktionstätigkeit der privaten Haushalte i. e. S. sehr gering. Sie umfasst praktisch ausschließlich die sogenannten häuslichen Dienste, also den Verkauf der Arbeitsleistung von Hausangestellten an andere private Haushalte. Mit der Anpassung an das ESVG 95 und der sich daraus ergebenden Berück sichtigung der Unternehmen ohne eigene Rechtspersönlichkeit im Sektor der privaten Haushalte ist zwar rechnerisch das Produktionsvolumen dieses Sek tors erheblich gestiegen, die unentgeltliche produktive Tätigkeiten der privaten Haushalte für die eigene Familie sowie ihre produktiven Tätigkeiten in Ehren ämtern fließen dagegen nach wie vor nicht in die Inlandsproduktsberechnung ein. Diese Konvention ist allerdings seit langem umstritten. Seit einiger Zeit wird vielfach von öffentlicher, politischer und wissenschaftlicher Seite die Forderung geäußert, die unbezahlten produktiven Tätigkeiten im Haushalt in die Inlandsproduktsberechnung einzubeziehen. Hiermit soll vor allem die ge samtwirtschaftliche Bedeutung der Arbeiten von Frauen im Haushalt und der Anteil der dort geleisteten Arbeiten an der gesamtwirtschaftlichen Produktion betont werden. Die Haushaltsproduktion ist vor allem mit Hinweis auf statistische Schwierig keiten unberücksichtigt geblieben. Es wurde insbesondere argumentiert, dass der Wert der Haushaltsproduktion weitestgehend von Schätzungen abhinge und das Inlandsprodukt deshalb mit so großen Fehlerbereichen behaftet sei, dass die Verwendung der Inlandsproduktsdaten für eine Reihe von Fragen stark eingeschränkt wäre. Auch die letzte Revision des Systems der Volkswirtschaftlichen Gesamtrech nung der Vereinten Nationen („System of National Accounts 1993“) und das ESVG 95 sehen wiederum keine Berücksichtigung der Haushaltsproduktion bei der Inlandsproduktsberechnung vor. Dennoch wurde dieses Thema bei den Arbeiten zu den Revisionsvorschlägen intensiv diskutiert. Dabei wurden insbesondere die folgenden Argumente berücksichtigt: ●● Die Haushaltsproduktion umfasst u. a. eine Reihe von Tätigkeiten, die ein deutig produktiven Charakter haben. ●● Wenn es das Ziel ist, die ökonomische Wohlfahrt zu messen, ist zwar der Wert der Haushaltsproduktion quantitativ zu erfassen, doch ist es nicht Aufgabe der Inlandsproduktsberechnung, Werte für das Niveau oder die Veränderung der ökonomischen Wohlfahrt zu ermitteln. ●● Wenn die Inlandsproduktsberechnung den Wert der Haushaltsproduktion einschließen soll, ist eine Vielzahl von zusätzlichen Annahmen erforderlich. So müsste beispielsweise unterstellt werden, dass die entstehenden Einkom men zum Kauf der selbsterstellten Güter (z. B. Reinigung der Wohnung oder Betreuung von Kindern) verwendet werden. Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 187 9. Kapitel: Zur Aussagefähigkeit des Inlandsprodukts 187 ●● Die Güter der Haushaltsproduktion bestehen in den Industrieländern zum größten Teil aus Dienstleistungen, die von den jeweiligen Haushalten selbst verbraucht werden. Für Entwicklungsländer ist dagegen typisch, dass die Haushaltsproduktion auch Waren umfasst, die möglicherweise zu einem späteren Zeitpunkt veräußert werden. Bei diesen „neuen“ Waren wäre eine Berücksichtigung in der Inlandsproduktsberechnung damit sinnvoll. ●● Für viele Verwendungen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung wäre die Einbeziehung der Haushaltsproduktion nicht sinnvoll und würde die Aussagefähigkeit der Ergebnisse beeinträchtigen. Dies trifft insbesondere für die Analyse und Prognose von Wirtschafts und Erwerbstätigenent wicklungen zu. Diese Argumente führten zur Empfehlung der Vereinten Nationen, die Haus haltsproduktion nicht im Inlandsprodukt zu erfassen, obwohl sie zum Teil aus eindeutig produktiven Tätigkeiten besteht. Gleichzeitig wird jedoch empfohlen, die Haushaltsproduktion in Form eines Satellitensystems in die VGR einzube ziehen. Ein solches Satellitensystem hat die Aufgabe, den Umfang der Haus haltsproduktion systematisch zu erfassen und zu bewerten. Außerdem kann darin eine erweiterte Inlandsproduktsgröße ermittelt und ausgewiesen werden, die die ökonomische Leistung der Volkswirtschaft einschließlich der Haus haltsproduktion wiedergibt. Das Statistische Bundesamt folgt der Empfehlung der Vereinten Nationen und hat vor einiger Zeit damit begonnen, Bausteine für ein solches Satellitensystem zu entwickeln. Der folgende Abschnitt gibt einen Überblick zu diesen Arbeiten. b)  Satellitensystem „Haushaltsproduktion“ des Statistischen Bundesamtes Das Statistische Bundesamt begann Anfang der 90 er Jahre mit der Entwicklung eines Satellitensystems „Haushaltsproduktion“. Ziel des Satellitensystems ist es, die Menge und den Wert der Haushaltsproduktion zu schätzen. Hierfür wurde zunächst an der Konzeption, Durchführung und Auswertung einer Zeitbudgeterhebung gearbeitet, die zur Entwicklung eines Mengenbausteins im Satellitensystem dient. Die weiteren Arbeiten konzentrierten sich auf die mo netäre Bewertung der Haushaltsproduktion im Rahmen eines Wertbausteins.13 Vor der Ermittlung des Umfangs der Haushaltsproduktion (Mengenbaustein) war es zunächst erforderlich festzulegen, welche Tätigkeiten im Haushalt zur Haushaltsproduktion zu rechnen sind. Hierbei ist zu beachten, dass es sich bei der Haushaltstätigkeit um eine Vielzahl teilweise sehr unterschiedlicher Arbeiten handelt, wie z. B. Kinderbetreuung, Pflege von Kranken, tägliche Verpflegung, handwerkliche Arbeiten und Einkaufen. Bei diesen Arbeiten vermischen sich häufig Leistungen für andere Haushaltsmitglieder mit der Befriedigung sozialer und personeller Bedürfnisse. Da letztere Faktoren bei einer ökonomischen Analyse nicht erfasst werden können, beschränkt das Statistische Bundesamt den Umfang der berücksichtigten Haushaltsproduk 13 Schäfer und Schwarz (1994) vom Statistischen Bundesamt geben einen umfassenden Überblick über die ersten Arbeiten am Satellitensystem „Haushaltsproduktion“. Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 188 Dritter Teil: Inlandsproduktsberechnung in der Bundesrepublik188 tion im Satellitensystem auf das ökonomisch Bewertbare. An einem Beispiel kann dies erläutert werden: Bei einem selbstgebastelten Geburtstagsgeschenk ist der Marktwert die einzig bewertbare ökonomische Leistung, die Freude am individuell und persönlich Hergestellten und der damit verbundene Ausdruck der Zuneigung kann dagegen nicht in die ökonomische Analyse einfließen. Die ökonomische Bewertung der Haushaltsleistung kann somit nur einen Teil der umfassenderen sozialen Bewertung dieser Leistungen darstellen. Das Statistische Bundesamt bezieht drei Bereiche in die Erfassung des Umfangs der Haushaltsproduktion ein: ●● die Haushaltsproduktion für den eigenen Haushalt, ●● die Netzwerkhilfe, die aus unbezahlten Tätigkeiten für Dritte besteht, und ●● ehrenamtliche Tätigkeiten in sozialen Organisationen. Dabei erfolgt die Abgrenzung nach dem sogenannten Dritt-Personen-Kriterium. Dies bedeutet, dass nur solche Tätigkeiten in das Satellitensystem einbe zogen werden, die prinzipiell auch von Dritten gegen Bezahlung übernommen werden können. Diese Tätigkeiten werden vom Statistischen Bundesamt aus Vereinfachungsgründen auch als „produktive“ Tätigkeiten bezeichnet, die üb rigen dagegen als „unproduktive“. Der Grund der Beschränkung der Erfassung auf die produktiven Tätigkeiten liegt darin, dass nur dieser Ansatz objektiv und nachvollziehbar ist. Die erste Erfassung der Haushaltstätigkeiten basiert auf einer Stichprobe. Ins gesamt erfassten 7200 Haushalte aus den alten und den neuen Bundesländern 1992 ihre Aktivitäten und deren Zeitdauer. In den von ihnen ausgefüllten Listen wurden über 200  Einzelaktivitäten unterschieden. Die Auswertung machte zwei Charakteristika der Zeitbudgets deutscher Haushalte deutlich: Der per sönliche Bereich (Essen, Schlafen, Körperpflege) nimmt mit durchschnittlich über 10,5 Stunden den zeitlich bedeutsamsten Teil ein. Außerdem leisten Frauen im Schnitt über fünf Stunden pro Tag unbezahlte produktive Haushaltsarbeit. Tabelle 9 3 zeigt die Ergebnisse der Zeitbudgeterfassung für unbezahlte Arbeit von Personen ab 12 Jahren in den alten Bundesländern. Insgesamt verbringen Frauen im Durchschnitt 302 Minuten und Männer 164 Minuten mit unbezahl ter Arbeit. Davon entfallen 76 Prozent auf hauswirtschaftliche Tätigkeiten, wie Mahlzeitenzubereitung, Wäschepflege, Wohnungsreinigung und Einkäufe. 20 Prozent der unbezahlten Arbeit verbringen die Bundesbürger in den alten Bundesländern mit handwerklichen Tätigkeiten (z. B. Fahrzeugreparatur, Bauen und Renovieren). Weitere 26 Prozent der unbezahlten Zeit nimmt die Pflege und Betreuung von Personen ein. Der Zeitanteil für Ehrenämter und soziale Leistungen beträgt zehn Prozent. Im sogenannten Wertbaustein wird die Haushaltsproduktion monetär be wertet. Die Arbeiten am Wertbaustein stellen den schwierigsten und umfang reichsten Teil der Arbeiten am Satellitensystem Haushaltsproduktion dar. Sie wurden bisher auch nur für die alten Bundesländer durchgeführt. Hierbei werden die Haushalte in Anlehnung an die Vorgehensweise bei der Inlands produktberechnung als Produktionseinheiten betrachtet, die unter Einsatz von Arbeitsleistungen und anderer Inputs die Leistungen der Haushaltsproduktion Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 189 9. Kapitel: Zur Aussagefähigkeit des Inlandsprodukts 189 erzeugen. Als Einsatzfaktoren sind insbesondere die Arbeitsleistungen, die Abschreibung auf die eingesetzten langlebigen Konsumgüter sowie die in der Haushaltsproduktion verwendeten Güter (Vorleistungen) zu berücksichtigen. Diese Vorgehensweise ermöglicht anschließend eine leichtere Vergleichbarkeit mit der Inlandsproduktsberechnung als die reine Berechnung des Werts der Arbeitsleistung. Nach vollständiger Erfassung aller Komponenten der Input seite ergibt sich der Produktionswert der Haushaltsproduktion ähnlich wie bei den öffentlichen Haushalten aus der wertmäßigen Summe der Einsatzfaktoren (= inputorientierter Ansatz). Damit wird wie beim Staat unterstellt, dass Haus halte im Zusammenhang mit ihrer nicht marktorientierten Produktion keine Aktivität Insgesamt Frauen Männer Insgesamt Frauen Männer Minuten % Hauswirtschaftliche Tätigkeiten darunter: Mahlzeitenzubereitung, Tischdecken, Geschirreinigung Wäschepflege Wohnungsreinigung Pflanzen und Tier pflege Einkäufe Behördengänge, Orga nisation Wegezeiten Handwerkliche Tätig keiten darunter: Fahrzeugreparatur, pflege Herstellung und Repa ratur von Gebrauchs gütern Bauen, Renovieren Pflege und Betreuung von Personen darunter: Kinderbetreuung Betreuung von Pflegebedürftigen Fahrdienste/Wegezeiten Ehrenamt/Soziale Hilfe leistungen 180 56 22 32 24 18 12 13 20 3 5 5 26 19 3 4 10 249 86 40 49 23 23 12 15 8 1 2 (2) 37 27 4 5 8 104 24 3 14 24 14 12 11 33 6 7 9 15 10 2 3 12 76,3 23,7 9,3 13,6 10,2 7,6 5,1 5,5 8,5 1,3 2,1 2,1 11,0 8,0 1,3 1,7 4,2 82,5 28,5 13,2 16,2 7,6 7,6 4,0 5,0 2,6 0,3 0,7 0,7 12,3 8,9 1,3 1,7 2,6 63,4 14,6 1,8 8,5 14,6 8,5 7,3 6,7 20,1 3,7 4,3 5,5 9,1 6,1 1,2 1,8 7,3 Unbezahlte Arbeit insgesamt 236 302 164 100 100 100 Tab. 9-3: Tägliche Zeitverwendung für unbezahlte Arbeit je Person (Personen ab 12 Jahren; 1991/92 alte Bundesländer) Quelle: Schäfer und Schwarz (1994, S. 600) Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 190 Dritter Teil: Inlandsproduktsberechnung in der Bundesrepublik190 Gewinne oder Verluste erwirtschaften. Dies impliziert darüber hinaus auch, dass keine Aussagen über die Entwicklung der Produktivität oder über den Unterschied zwischen den Kosten für die im Haushalt erzielten Leistungen und den Marktleistungen gemacht werden können. Die Behandlung der Haushaltsproduktion im Satellitensystem in Anlehnung an die Inlandsproduktsberechnung hat auch zur Folge, dass der private Verbrauch weiter definiert werden muss als in der traditionellen VGR. Er umfasst dann den Endverbrauch von Gütern, die über den Markt erworben wurden, sowie die Haushaltsproduktion. Außerdem sind bei langlebigen Konsumgütern, die in der Haushaltsproduktion zum Einsatz kommen, die Abschreibungen anstelle der Ausgaben zu berücksichtigen. Um den Wert der unbezahlten Arbeit in Haushalten zu berechnen, ermittelte das Statistische Bundesamt zunächst aus der beschriebenen Zeitbudgeterhe bung die geleisteten Arbeitsstunden. Dabei ergab sich, dass das Volumen an unbezahlter Arbeit im Jahr 1992 77 Mrd. Stunden betrug. Dies entsprach etwa 32 Prozent der zuhause verbrachten Zeit. Die unbezahlte Arbeit stellt damit einen deutlichen höheren Zeitanteil der Haushalte dar als die Erwerbsarbeit, deren Zeitdauer sich einschließlich Wegezeiten auf 56  Mrd. Stunden belief. Um zum Wert der Arbeitszeit im Haushalt zu gelangen, ist die Anzahl der ermittelten Stunden mit Stundenlöhnen zu multiplizieren. Welcher Stunden lohn hierbei anzusetzen ist, ist allerdings umstritten. Einen Ansatz bildet die Generalistenmethode, bei der die Stundenvergütung für eine Hausangestellte angesetzt wird, die verschiedene Haushaltstätigkeiten ausführt. Einen alterna tiven Ansatz bietet die Spezialistenmethode, bei der die Lohnsätze für Spe zialisten für die einzelnen Tätigkeiten (Erzieherin, Köchin, Handwerker usw.) angesetzt werden. Ein dritter Ansatz ist der Opportunitätskostenansatz, bei dem jeweils jener Lohn verwendet wird, den die Person, die die unbezahlte Arbeit leistet, bei Aufnahme einer bezahlten Arbeit erzielen könnte. Obwohl jeder der drei Ansätze bestimmte Vor und Nachteile aufweist, bereitet der Opportunitätskostenansatz bei der praktischen Umsetzung mit Abstand die größten konzeptionellen und statistischen Probleme. Das Statistische Bundesamt weist in seiner Berechnung des Wertes der un bezahlten Arbeit drei Wertansätze aus. Neben dem Generalisten und dem Spezialistenansatz wurde für das Jahr 1992 der Wert auch auf Basis des Durch schnittslohns der Beschäftigten berechnet. Tabelle 9 4 zeigt die Ergebnisse für diese Ansätze jeweils sowohl auf Basis des Nettostundenlohns als auch auf Basis der Lohnkosten, d. h. unter Einbezug der Lohnnebenkosten. Während der Wert beim Spezialistenansatz nur um etwa 5 Prozent höher liegt als beim Generalistenansatz, übersteigt er ihn bei Zugrundelegung des Durchschnitts lohns um ca. 45 Prozent. Selbst bei Ansatz des Nettolohnes und Verwendung der Generalistenmethode implizieren die Berechnungen einen durchschnittlichen Einkommenswert von 1330  Euro pro Haushalt. Auch dies unterstreicht die große Bedeutung der unbezahlten Arbeit im Haushalt. Um die Haushaltsproduktion mit dem Inlandsprodukt besser vergleichen zu können, ermittelt das Statistische Bundesamt die Wertschöpfung für die Haus haltsproduktion in ähnlicher Weise wie bei der Inlandsproduktsberechnung. Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 191 9. Kapitel: Zur Aussagefähigkeit des Inlandsprodukts 191 Hierzu sind einige statistische Anpassungen erforderlich. So sind bei Inter pretation der Haushaltstätigkeiten als produktive Tätigkeiten eine Reihe von langlebigen Gebrauchsgütern nicht mehr Güter des Endverbrauchs, sondern haben Investitionsgutcharakter. Man denke hier z. B. an die elektrischen Geräte für die Haushaltsführung (Waschmaschine, Spülmaschine, Staubsauger, Kühl schrank, Mikrowellenherd u. ä.). Auf sie sind entsprechende Abschreibungen zu bilden und der Haushaltsproduktion zuzurechnen. Ebenso stellen nunmehr eine Vielzahl von Gütern, die die privaten Haushalte kaufen, Vorleistungen dar. Hierzu zählen insbesondere die Zutaten für die Zubereitung von Speisen, das Waschmaschinenpulver, Wasser, Strom und Benzin. Gleichzeitig treten Produktionssteuern auf, weil z. B. Kraftfahrzeugsteuer im Zusammenhang mit der Haushaltsproduktion stehen. Dabei birgt jeweils die Zuordnung entsprechender Ausgaben der privaten Haushalte auf die Haushaltsproduktion statistische Probleme in sich, da die gleichen Güter teilweise auch im persönlichen Bereich eingesetzt werden. Tabelle 9 5 zeigt die Berechnung der Werte für die Komponenten der Haushalts produktion nach der Inputmethode. Addiert man zum Wert der Arbeitszeit die Produktionssteuern und die Abschreibungen, erhält man die Bruttowertschöp fung der Haushaltsproduktion. Rechnet man außerdem noch die Vorleistungen hinzu, gelangt man zum Produktionswert der Haushaltsproduktion. Wie die Daten zeigen, betrug der Produktionswert der Haushaltsproduktion 1992 (bei Anwendung der Generalistenmethode und den Nettolöhnen) 740 Mrd. Euro, wobei zwei Drittel hiervon auf die unbezahlte Arbeitsleistung im Haushalt entfällt. Außerdem wird deutlich, dass mehr als 70  Prozent des Wertes der Haushaltsproduktion auf hauswirtschaftliche Tätigkeiten entfällt. Will man den Wert der Haushaltsproduktion und das Inlandsprodukt zu sammenfassen, ist zu berücksichtigen, dass ein Teil der Güter, die in der In landsproduktberechnung als privater Konsum ausgewiesen werden, Vorleis tungen in der Haushaltsproduktion darstellen. Es ist daher darauf zu achten, dass Doppelzählungen vermieden werden. Eine Integration der Haushalts produktion in die Inlandsproduktberechnung ergäbe folgendes Bild für das Jahr 1992: Bewertungsansatz Bewertung mit Nettostundenlohn Lohnkosten1) Generalistenansatz (qualifizierte Hauswirtschafterin) Spezialistenansatz2) Durchschnittslohn aller Beschäftigten3) 459 48 658 978 1024 1434 1) Nettolohn plus Lohnsteuer und Sozialversicherungsbeiträge der Arbeitgeber und Arbeitnehmer plus bezahlte Urlaubs , Krankheits und Feiertage 2) Personen, die entsprechende Tätigkeiten beruflich ausüben 3) Sozialversicherungspflichtige Vollzeitbeschäftigte Tab. 9-4: Wert der unbezahlten Arbeit 1992 nach verschiedenen Bewertungsverfahren (alte Bundesländer; in Mrd. Euro) Quelle: Schäfer und Schwarz (1994, S. 607) Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 192 Dritter Teil: Inlandsproduktsberechnung in der Bundesrepublik192 G eg en st an d d er N ac h w ei su n g H au sw ir tsc h af tl ic h e T ät ig k ei te n H an d w er kli ch e T ät ig k ei te n P fl eg e u n d B et re u u n g E h re n am t, S oz ia le H il fe le is tu n ge n E ig en n u tzu n g vo n E ig en h ei m en u n d E ig en tu m sw oh n u n ge n H au sh al ts p ro d u k ti on in sg es am t d ar u n te r im B ru tt oin la n d sp ro d u k t er h al te n M rd . E u ro B ew er te te A rb ei ts ze it + L öh ne f ü r H au sa ng es te llt e + U nt er st el lt e E in ko m m en a u s W oh nu ng sv er m ie tu ng 34 9 1 – 37 1 – 52 1 – 21 – – – – 33 45 9 2 3 3 4 2 33 = N et to w er ts ch öp fu ng + P ro du kt io n ss te ue rn + A bs ch re ib u ng en 35 0 2 1 4 37 – 2 52 1 3 21 – 1 33 1 21 49 3 3 4 1 38 1 21 = B ru tt ow er ts ch öp fu ng + V or le is tu ng en 36 6 15 5 39 25 55 8 22 3 55 12 53 7 20 2 60 16 = P ro du kt io n sw er t 52 0 64 63 25 67 74 0 77 Ta b . 9 -5 : K o m p o n en te n d er H au sh al ts p ro d u kt io n 1 99 2 Q u el le : S ch äf er u n d S ch w ar z (1 99 4 , S . 6 09 ) u n d e ig en e B er ec h n u n g en Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 193 9. Kapitel: Zur Aussagefähigkeit des Inlandsprodukts 193 Bruttoinlandsprodukt ohne Haushaltsproduktion 1429 Mrd. Euro Bruttoinlandsprodukt einschließlich Haushaltsproduktion: nach Generalistenmethode (Nettolöhne) 1906 Mrd. Euro nach Spezialistenmethode (Nettolöhne) 1928 Mrd. Euro nach Spezialistenmethode (Gesamtlohnkosten) 2471 Mrd. Euro Somit würde die gesamte Wirtschaftsleistung der alten Bundesländer Deutsch lands im Jahr 1992 – abhängig vom gewählten Wertansatz – um 33 bis 73 Prozent höher ausgewiesen werden. Eine Berechnung des Anteils der Haushaltsproduk tion an der gesamten Bruttowertschöpfung ergibt einen Wert von 29 Prozent, welcher in etwa jenem der Industrie (d. h. des warenproduzierenden Gewerbes) entspricht. Diese Daten unterstreichen die quantitativ große Bedeutung der Haushaltsproduktion. Gleichzeitig würde der private Verbrauch einen deut lich höheren Anteil an der erweiterten Inlandsproduktion ausmachen, da die Verwendung der Haushaltsproduktion vollständig im privaten Endverbrauch der Haushalte liegt. Die bisherigen Berechnungen des Statistischen Bundesamts zur Haushaltspro duktion geben einen ersten Einblick in die Bedeutung der Haushaltsproduktion für die Wirtschaftsleistung der Bundesrepublik. Allerdings können diese Ar beiten nur einen Anfang bilden. Mindestens zwei Erweiterungen erscheinen in Zukunft geboten. Zum einen sind die Wertberechnungen auf das gesamte Bun desgebiet, also auch auf die neuen Länder auszudehnen. Zum anderen sind die Erhebungen regelmäßig durchzuführen. Angesichts des hohen Aufwands der Erhebung der Daten legen Effizienzgesichtspunkte nahe, die Haushaltsproduk tion nicht jährlich durchzuführen. Allerdings wäre es interessant, zumindest Daten im Abstand von fünf Jahren zur Verfügung zu haben. Damit könnte z. B. erkannt werden, ob Haushalte im Zeitablauf zunehmend Eigenleistungen oder Marktleistungen einsetzen. Schlüsselbegriffe: Umweltproblematik in der Inlands Sozialindikatorensystem produktsinterpretation Umweltökonomische Gesamtrechnung Nichtmarktleistungen Problematik der Haushaltsproduktion für Bewertung staatlicher Leistungen die Inlandsproduktsberechnung Behandlung aller Güter als Endprodukte Zeitbudgeterhebungen regrettable necessities Satellitensystem „measurement of economic welfare“ als Dritt Personen Kriterium Wohlstandsmaß Fotosatz Buck – Vahlens Kurzlehrbücher – Frenkel/John – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.05.11 Status: Druckdaten Seite: 195 Vierter Teil: Nebenrechnungen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung Vierter Teil: Nebenrechnungen der VGR

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung.

Dieses Buch informiert umfassend über die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung. Ausgehend von der theoretischen Fundierung der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung geht es ausführlich auf das in Deutschland (und den anderen Ländern der Europäischen Union) verwendete Gesamtrechnungssystem ESVG 95 ein. Ein besonderes Gewicht liegt auf der Anwendung und den Weiterentwicklungen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. So erhält der Leser nicht nur einen fundierten Überblick über die quantitativen Verhältnisse der deutschen Volkswirtschaft, er wird beispielsweise auch ausführlich über die aktuelle Diskussion um die Aussagefähigkeit des Bruttoinlandsprodukts, die Entwicklung alternativer Konzepte zur Wohlfahrtsmessung sowie die Bestrebungen informiert, die Fortschritte auf dem Weg zu einer nachhaltigen Wirtschaft zu quantifizieren.

Die Autoren

Prof. Dr. Michael Frenkel ist Inhaber des Lehrstuhls für Makroökonomik und Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der WHU – Otto-Beisheim School of Management, Vallendar.

Prof. Dr. Klaus Dieter John ist Inhaber der Professur für Wirtschaftspolitik an der Technischen Universität Chemnitz.