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3.1 Der Nutzen des Selbstratings in:

Stefan Müller, Kai Brackschulze, Matija Denise Mayer-Fiedrich

Finanzierung mittelständischer Unternehmen nach Basel III, page 41 - 43

Selbstrating, Risikocontrolling und Finanzierungsalternativen

2. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3923-6, ISBN online: 978-3-8006-3924-3, https://doi.org/10.15358/9783800639243_41

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3 Wie Risiken erkannt werden können – Selbstrating Die im vorherigen Kapitel beschriebenen Veränderungen der Rahmenbedingungen der Mittelstandsfinanzierung haben gezeigt, dass die Rolle des Ratings die zentrale Position bei der Bankkreditfinanzierung weiter ausbauen wird. Der Prozess der Erstellung eines Ratings nutzt vielfältige Kriterien quantitativer und qualitativer Natur, sodass es viele Stellschrauben zur Ratingverbesserung gibt. Viele dieser Kriterien sind auch für Eigenkapitalgeber und das Management von Interesse, da ein Rating eine umfangreiche Analyse des Unternehmens darstellt. Unternehmen müssen sich deshalb mit dem Ratingprozess beschäftigen, nicht nur zur Verbesserung der Kreditwürdigkeit sondern auch als Eigeninteresse vor dem Hintergrund der Sicherung von Stabilität und Rentabilität. Statt die Funktionsweise und die Kriterien bankinterner Ratingsysteme nur zu beschreiben, bindet dieses Buch den interessierten Unternehmer in den Prozess mit ein und lässt ihn aktiv die Schritte des Ratingprozesses nachvollziehen. Hierzu wird auf ein Selbstratingsystem zurückgegriffen, das an die Ratingsysteme deutscher Banken angelehnt ist und dem Unternehmer aufzeigt, an welchen Stellen das eigene Rating durch die Einreichung zusätzlicher Unterlagen oder die Optimierung des Jahresabschlusses konkret verbessert werden kann. Der entscheidende Vorteil eines Selbstratingsystems für Unternehmen ist jedoch die Aufdeckung kritischer Risiken im Unternehmen. Dieses Ziel gleicht somit der Aufgabe des Risikomanagements, so dass ein Selbstrating ein nützliches Tool im Rahmen des unternehmensinternen Risikomanagements sein kann. Dieser Aspekt wird in Kapitel 4 noch einmal aufgegriffen, während sich dieses Kapitel mit der ausführlichen Darstellung des Selbstratingsystems befasst. Anhand von Tabellen und der Excel-basierten Umsetzung können Unternehmer jedes einzelne Kriterium für ihr Unternehmen bewerten und am Ende des Kapitels alle Kriterien zu einer Gesamteinschätzung der Risikolage des Unternehmens zusammenfügen. Fragestellungen des Kapitels: • Wie sind bankinterne Ratingsysteme aufgebaut? • Welche einzelnen Kriterien kommen zur Anwendung? • Wie wird ein Kriterium für das eigene Unternehmen bewertet? 3.1 Der Nutzen des Selbstratings Wie der Ausdruck „Selbstrating“ schon vorgibt, steht nicht die Ermittlung der Bonität im Sinne einer Wahrscheinlichkeit für die Zahlungsunfähigkeit des Kreditnehmers im Vordergrund, sondern der Nutzen des Ratingprozesses bei der 30 3 Wie Risiken erkannt werden können – Selbstrating unternehmensinternen Risikosteuerung und auch strategischen Unternehmensführung. Dieser Abschnitt gibt deshalb einen kurzen Überblick über die Anforderungen und den Nutzen eines solchen Selbstratingsystems. 3.1.1 Der Nutzen des Selbstratings in der Unternehmensführung Nicht immer schätzen Unternehmen die Anforderungen der Banken hinsichtlich Unterlagen und Risiken im Rahmen der Kreditvergabe genauso ein wie die Banken selbst.1 Auf dieses Problem können Unternehmen nur reagieren, wenn es ihnen gelingt, die eigene Sichtweise für einen Moment zu verlassen und stattdessen das Unternehmen aus Sicht der Kapitalgeber zu betrachten. Hierbei leistet das Selbstratingsystem Unterstützung, es ist jedoch keineswegs ein Ersatz für interne Risikomanagementsysteme. Der Nutzen für Unternehmen äußert sich somit hauptsächlich in konkreten Verbesserungsmöglichkeiten für den Ratingprozess. Diese lassen sich, wie bereits in Kapitel 2.3 dargelegt, in eine verbesserte Kommunikation mit der Bank, eine Optimierung des Jahresabschlusses und das Aufdecken kritischer Risiken unterteilen. Stellt sich heraus, dass einige der im Selbstratingsystem abgefragten Kriterien vom Unternehmen noch nicht genauer betrachtet worden sind, ist hier ein Ansatzpunkt für eine genauere Analyse der Risikosituation und eine Möglichkeit, der Bank zusätzliche Unterlagen zukommen zu lassen. Dagegen ermöglichen die im Selbstratingsystem zu berechnenden Kennzahlen einerseits einen Einblick in die Wirkungsweise von Wahlrechten bei der Aufstellung des Jahresabschlusses und damit eine Optimierung desselben. Andererseits werden die bei der Berechnung verwandten Prämissen verdeutlicht, sodass ein Unternehmen bestimmten negativen Ausprägungen eventuell mit vorbereiteten ergänzenden Informationen entgegenwirken kann. Die systematische Beschäftigung mit diesen Schwächen und deren Steuerung können einen positiven Einfluss auf das Rating haben und helfen, das eigene Unternehmen für Kapitalgeber jeder Art attraktiver zu gestalten. Nicht zuletzt kann mithilfe des Systems der Ablauf eines bankinternen Ratings nachvollzogen werden, sodass vor einem Rating durch eine Bank entsprechende Verbesserungen umgesetzt und optimierte Unterlagen erstellt werden können. Zudem soll durch die Einordnung der für das Rating relevanten Einzelkennzahlen in ein umfassenderes Kennzahlensystem, wie in Kapitel 4 beschrieben, einerseits die enge Verbindung der Unternehmensführung mit dem Ausfallrisiko verdeutlicht und andererseits eine tiefer gehende Schwächendiagnose ermöglicht werden. 3.1.2 Ziele und Anforderungen an das Selbstratingsystem Ziel des vorzustellenden Selbstratingsystems ist es, einem mittelständischen Unternehmer ein einfaches und schnelles System an die Hand zu geben, mit dem er einen Überblick über das Insolvenzrisiko des eigenen Unternehmens aus Sicht 1 Vgl. KPMG (Hrsg.): Finanzierung, 2005, S. 16 und 24. 3.2 Der Aufbau des Selbstratingsystems 31 einer Bank erhält. Die daraus generierten Erkenntnisse sollen dem Unternehmen sowohl aufzeigen, in welchen kritischen Unternehmensbereichen noch Schwachpunkte bestehen, als auch die Grundlage für die in Kapitel 5 beschriebenen risikoadäquaten Finanzierungsstrategie legen. Die bewusste Abweichung von konkreten bankinternen Ratingsystemen erfordert hierbei die Formulierung einiger Anforderungen an das Selbstratingsystem, um die Ziele zu erreichen: • Das Selbstratingsystem soll die Sichtweise einer Bank einnehmen. • Sämtliche Kriterien und Kennzahlen müssen nachvollziehbar sein, damit Wirkungsweise und der Zusammenhang zur Insolvenzgefahr erkennbar sind. • Die betrachteten Kriterien sollen so allgemeingültig gefasst sein, dass sie nicht das Ratingsystem einer bestimmten Bank widerspiegeln. Selbstratingsysteme für Unternehmen sind bereits von mehreren kommerziellen Anbietern als Softwarelösung am Markt. Im Unterschied zu diesen Systemen zielt das in diesem Kapitel entwickelte Selbstrating mehr auf den Erkenntnisgewinn aus der Durchführung des Ratings ab, sowohl hinsichtlich Risikofaktoren im Unternehmen als auch dem Verständnis von Ratingsystemen allgemein. Die Ermittlung einer Risikoeinschätzung und der Vergleich mit den tatsächlich in Banken eingesetzten Systemen sind nur von untergeordneter Bedeutung. 3.2 Der Aufbau des Selbstratingsystems Aufbauend auf den beschriebenen Anforderungen ist das in diesem Kapitel beschriebene Selbstratingsystem entstanden. Es baut auf einer Analyse verschiedener bankinterner Ratingsysteme auf, wobei aus Gründen der Vertraulichkeit seit über 10 Jahren kaum noch extern Informationen zu erhalten sind. Die daraus abgeleiteten Erkenntnisse hinsichtlich der genutzten Kennzahlen und Kriterien sowie zum Aufbau der Systeme bildeten die Grundlage für die Struktur und die verwendeten Fragen des Selbstratings. Dieser Abschnitt legt mithilfe einer kurzen Einführung in die Funktionsweise bankinterner Ratingsysteme die Grundlage für das Verständnis der Funktionsweise des Selbstratingsystems, dessen Systematik im zweiten Teil dieses Abschnitts genauer vorgestellt wird. 3.2.1 Das Vorbild: Bankinterne Ratingsysteme Mit der Umsetzung von Basel II haben sich alle relevanten deutschen Banken entschieden, ein internes Ratingsystem aufzubauen, um entweder sofort oder später den IRB-Ansatz anwenden zu können.  Basel II schreibt jedoch keineswegs die Struktur oder sogar die Kennzahlen eines Ratingsystems vor, sodass die Systeme unterschiedlicher Banken individuell ausgestaltet sind. Dies macht eine genaue Analyse der einzelnen Systeme notwendig, um Gemeinsamkeiten zu erkennen und ein allgemeingültiges Selbstratingsystem zu entwickeln.

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Zusammenfassung

Vorteile: • Frühzeitig auf strengere Regeln der Kreditvergabe durch Banken ab 2013 vorbereitet sein • Optimierung von Risikopositionen für Kreditverhandlungen • Beiliegende CD mit einem Excel-Sheet zum Selbstrating. Zum Werk: Finanzierungsentscheidungen größeren Umfangs sind immer mittelfristig zu betrachten. Deshalb müssen Unternehmen schon heute die ab 2013 geltenden, strengeren Regeln (Basel III) der Kreditvergabe durch Banken in ihren Finanzplanungen berücksichtigen. Dieses Fachbuch stellt Strategien vor, wie die Versorgung mit Finanzmitteln vor dem Hintergrund von Basel III gesichert bleibt. Autoren: Von Prof. Dr. Stefan Müller leitet das Institut für Betriebswirtschaftliche Steuerlehre an der Helmut-Schmidt-Universität (HSU) Hamburg. Prof. Dr. Mayer-Fiedrich ist Inhaberin des Lehrstuhls für Internationale Finanzierung an der HSU. Dr. Kai Brackschulze ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der HSU. Zielgruppe: Für Fach- und Führungskräfte im Rechnungs- und Finanzwesen mittelständischer Unternehmen, SteuerBerater und Wirtschaftsprüfer.