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3.7 Warnsignale in:

Stefan Müller, Kai Brackschulze, Matija Denise Mayer-Fiedrich

Finanzierung mittelständischer Unternehmen nach Basel III, page 149 - 152

Selbstrating, Risikocontrolling und Finanzierungsalternativen

2. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3923-6, ISBN online: 978-3-8006-3924-3, https://doi.org/10.15358/9783800639243_149

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3.7 Warnsignale 137 sich jedoch keine Hinweise finden, dass einer der Bereiche „Markt/Produkt“, „Management/Personal“, „Planung/Kontrolle“ und „Risikomanagement“, die letztlich auch starke Interdependenzen untereinander aufweisen, bei der Bestimmung der Ratingnote eine herausragende Bedeutung einnimmt, so dass von einer Gleichgewichtung der Bereiche auszugehen ist. Vor diesem Hintergrund lässt sich das Gesamturteil der qualitativen Analyse als Durchschnitt der Teilnoten in den einzelnen Bereichen, wie in Tabelle 3-71 gezeigt, berechnen. 3.7 Warnsignale Mit der Überprüfung von Warnsignalen sollen Sachverhalte im Unternehmen aufgedeckt werden, die auf eine besondere Insolvenzgefahr hinweisen. Sie haben so gravierende Konsequenzen für die Solvenz des Unternehmens, das ihr Auftreten die anderen Ratinginformationen in den Hintergrund treten lässt und die bisherige Bewertung überschreibt. Kreditinstitute nutzen hierfür unter anderem die Kontodaten des Kreditnehmers, also die Bewegungen auf den Girokonten. Hierbei ist allerdings zu bedenken, dass diese Daten nur dann eine Aussagekraft besitzen, wenn das betrachtete Unternehmen den Hauptteil der Kontobewegungen bei einer Bank hat. Daneben haben jedoch auch einige qualitative Faktoren einen so erheblichen Einfluss auf die Risikolage des Unternehmens, dass sie ebenfalls zu einer Abwertung des Ratings führen. Hier sind z.B. Nachfolgeregelungen zu nennen. Folgende Warnsignale sind genauer zu betrachten. Trifft eine der gemachten Aussagen auf das betrachtete Unternehmen zu, ist diese Aussage zu markieren und die darin enthaltene Anweisung („Konsequenz“) im Rahmen der Ermittlung der Gesamtrisikoeinschätzung in Kapitel 3.8 zu berücksichtigen. 3.7.1 Kontodatenanalyse Im Rahmen der Kontodatenanalyse wird das Kontoführungsverhalten auf Anzeichen von Liquiditätskrisen im Unternehmen untersucht. Hierbei fallen insbesondere das Überziehungsverhalten, die Anzahl der Lastschriftrückgaben und der Leistungsstörungen ins Gewicht. Ein Kreditinstitut besitzt die notwendige Software, um eine Auswertung dieser Sachverhalte ohne großen Aufwand vorzunehmen. Im Rahmen des Selbstrating eines Unternehmens sind diese Daten jedoch erst unternehmensintern zu ermitteln, wobei gegebenenfalls auf die Daten des Rechnungswesens oder des Controllings zurückgegriffen werden kann. Wird im Unternehmen ein Liquiditätsplan erstellt, hilft dieser bei der Generierung der benötigten Daten, wobei zu beachten ist, dass die tatsächliche Zahlungsbewegungen vom Liquiditätsplan abweichen können. Mithilfe der ermittelten Daten ist für die folgenden Themengebiete52 je- 52 Vgl. Nolte, B.: Basel II, 2003, S. 139; Hundt, I./Neitz, B./Grabau, F.‐R.: Rating, 2003, S. 89– 90. 138 3 Wie Risiken erkannt werden können – Selbstrating weils zu prüfen, ob eines der beschriebenen Warnsignale auf das Unternehmen zutrifft. Hierbei ist jeweils ein Zeitraum von 12 Kalendermonaten zu Grunde zu legen. 3.7.1.1 Kontoüberziehungen Eine kurzfristige Überziehung des Geschäftskontos bei einem Kreditinstitut ist ein normaler Vorgang und hilft, unterschiedliche Zahlungszeitpunkte (z.B. Löhne am Monatsanfang, Verkaufserlöse über den ganzen Monat verteilt) auszugleichen. Problematisch ist jedoch eine Überziehung für einen längeren Zeitraum über den vereinbarten Rahmen hinaus, da so der Eindruck entsteht, die Einnahmen reichen nicht zur Deckung der Ausgaben und der Kontokorrentkredit wird dazu genutzt, dies zu finanzieren. Folgende längerfristige Kontoüberziehungen über dem Verfügungsrahmen hinaus gelten deshalb als kritisch: • Dreimalige Überziehung länger als 1 Monat. Abwertung der Gesamtbewertung um 1/3 Note (= Zuschlag von +0,33 im Schulnotensystem) • Einmalige Überziehung länger als 2 Monate. Abwertung der Gesamtbewertung um 1/3 Note (d.h. Zuschlag von +0,33 im Schulnotensystem) • Drei oder mehr Überziehungen von länger als 2 Monaten. Abwertung der Gesamtbewertung um 1/2 Note (d.h. Zuschlag von +0,5) • Ununterbrochene Überziehung von mehr als 3 Monaten. Gesamtbewertung mindestens auf die Note „5,0“ heruntersetzen (ist die Gesamtbewertung bereits schlechter als „5,0“, wird diese Bewertung beibehalten) 3.7.1.2 Leistungsstörungen Von Leistungsstörungen spricht man, wenn Zins- oder Tilgungszahlungen an das Kreditinstitut nicht fristgerecht geleistet werden können. Unternehmen werden die Abmachungen mit Kreditinstituten nur dann brechen, wenn sie ernste Liquiditätsprobleme haben, so dass eine länger andauernde Leistungsstörung ein Hinweis auf eine drohende Insolvenz darstellt. • Einmalige Leistungsstörung von mind. 2 Monaten. Abwertung der Gesamtbewertung um 1/3 Note (d.h. Zuschlag von +0,33) • Drei oder mehr Leistungsstörungen je mind. 1 Monat. Abwertung der Gesamtbewertung um 1/3 Note (d.h. Zuschlag von +0,33) • Drei oder mehr Leistungsstörungen je mind. 2 Monate. Abwertung des Gesamtbewertung um 1/2 Note (d.h. Zuschlag von +0,5) • Einmalige Leistungsstörung von mindestens 3 Monaten. Gesamtbewertung mindestens auf die Note „5,0“ heruntersetzen (ist die Gesamtbewertung bereits ohne die Warnsignale schlechter, wird diese Bewertung beibehalten) 3.7.1.3 Lastschrift‐ und Scheckrückgaben Lastschrift‐ und Scheckrückgaben sollte ein Unternehmen nach Möglichkeit vermeiden, da sie Lieferanten gegenüber mangelnde Bonität signalisieren und u.U. 3.7 Warnsignale 139 dazu führen, dass diese ihre Zahlungsbedingungen ändern (z.B. Vorkasse). Treten diese doch auf, ist dies als Indiz für eine Liquiditätskrise im Unternehmen zu werten, insbesondere bei Scheckrückgaben oder Wechselprotesten. • Drei oder mehr Lastschriftrückgaben mangels Deckung. Abwertung der Gesamtbewertung um 1/3 Note (d.h. Zuschlag von +0,33) • Scheckrückgabe oder Wechselprotest. Gesamtbewertung mindestens auf die Note „5,0“ heruntersetzen (ist die Gesamtbewertung bereits ohne die Warnsignale schlechter, wird diese Bewertung beibehalten) 3.7.2 Qualitative Faktoren Neben den quantitativen Daten der Kontoanalyse werden auch qualitative Faktoren zur Abprüfung von Warnsignalen herangezogen. Hier spielen vor allem Vertretungs- und Nachfolgeregelungen eine große Rolle. 3.7.2.1 Nachfolgeregelung Die Generation, die sich im Wirtschaftsboom nach dem 2. Weltkrieg eine selbständige Existenz aufgebaut hat, erreicht in kürze das Pensionsalter. Als Konsequenz steht in den nächsten Jahren eine Vielzahl deutscher Familienunternehmen vor dem Problem der Unternehmensnachfolge. Soll das Unternehmen innerhalb der Familie weitergegeben werden, besteht das Problem, dass der Nachfolger u.U. nicht die passende Ausbildung zur Führung des Unternehmens besitzt. Soll es dagegen außerhalb der Familie verkauft werden, ist darauf zu achten, dass die Lösung sowohl für beide Seiten finanziell machbar ist als auch Anreize für einen geregelten Übergang auf den Nachfolger bietet (z.B. durch schrittweisen Übergang der Kompetenzen auf den Nachfolger). Die langfristige Unternehmensentwicklung und damit das Risiko des Unternehmens hängen somit auch in entscheidendem Maße von der Nachfolgeregelung ab. Das Problem der Nachfolge stellt sich hauptsächlich in Unternehmen, in denen der Unternehmer/Geschäftsführer die Mehrheit der Unternehmensanteile besitzt und somit einen entscheidenden Einfluss hat. Bei Unternehmen mit professionellem Management oder mehreren gleichberechtigten Geschäftsführern ist die Nachfolge unproblematisch. Folgende Sachverhalte sind zu prüfen: • Der Unternehmer ist älter als 55 Jahre und die getroffene Nachfolgeregelung weist große Schwächen auf. Abwertung der Gesamtbewertung um 1/3 Note (d.h. Zuschlag von +0,33 im Schulnotensystem) • Der Unternehmer ist älter als 55 Jahre, und es wurden seitens des Unternehmens keine Überlegungen zu einer Nachfolgeregelung angestellt. Abwertung der Gesamtbewertung um 1/2 Note (d.h. Zuschlag von +0,5) 140 3 Wie Risiken erkannt werden können – Selbstrating 3.7.2.2 Vertretungsregeln Neben einem grundsätzlichen Ausscheiden des Unternehmers aus dem Betrieb kann auch eine Krankheit dazu führen, dass eine andere Person ihn (vorübergehend) ersetzen muss. Dieses Problem wird besonders akut im Falle eines Unfalls, so dass keine Zeit mehr für entsprechende Vorkehrungen bleibt. Ohne entsprechende Regelungen über die Vertretung besteht die Gefahr, dass Liefertermine oder Absprachen nicht eingehalten werden können oder sogar der Betrieb stillliegt, weil Materialien oder notwendiges Wissen fehlen. Bei einer länger dauernden Abwesenheit des Unternehmers erhöht sich somit die Gefahr einer Insolvenz, da es zu Einnahmeausfällen (verärgerte Kunden) und Kostensteigerungen (z.B. fehlerhaft bediente Maschinen) kommen kann. Zu einem optimalen Vertretungsplan gehört nicht nur die Regelung von Zuständigkeiten sondern auch eine schriftliche Dokumentation wichtiger unternehmerischer Sachverhalte, damit die Vertreter im Falle der Abwesenheit des Unternehmers alle notwendigen Informationen zur Weiterführung des Unternehmens haben. Folgende Sachverhalte sind als Warnsignale aufzufassen: • Es existiert eine Vertretungsregel; sie ist jedoch nicht so ausgestaltet, dass von einer reibungslosen Weiterführung des Geschäftsbetriebes bei Abwesenheit des Unternehmers ausgegangen werden kann. Abwertung der Gesamtbewertung um 1/3 Note (d.h. Zuschlag von +0,33) • Vertretungsregeln liegen nicht vor; bei einer Abwesenheit des Unternehmers ist mit schwerwiegenden Störungen des Betriebsablaufs zu rechnen. Abwertung der Gesamtbewertung um 1/2 Note (d.h. Zuschlag von +0,5) 3.8 Aggregation zu einer Gesamtrisikoeinschätzung Die Aggregation zur Gesamteinschätzung des Risikos des betrachteten Unternehmens vollzieht sich gemäß der in Kapitel 3.2.2.5 beschriebenen Gewichtungen: Zunächst werden quantitative, qualitative und Branchenanalyse mit 50%, 40% bzw. 10% gewichtet. Die Summe daraus bildet ein Zwischenergebnis vor den Warnsignalen. Für jedes auftretende Warnsignal sind zum Zwischenergebnis die entsprechenden Zuschläge zu addieren, was schließlich zum Gesamtergebnis des Selbstratingprozesses für das betrachtete Unternehmen führt. Das so ermittelte Ergebnis ist ein Indikator für die Risikolage im eigenen Unternehmen. Es spiegelt in begrenztem Maße eine mögliche Einschätzung durch eine Bank im Zuge eines bankinternen Ratings wider. Zusätzlich können einzelne Kennzahlen und Fragen des Selbstratingsystems wichtige Hinweise auf strategische Lücken oder Verbesserungen bei der Darstellung im Jahresabschluss aufzeigen. Das folgende Kapitel zeigt deshalb Möglichkeiten auf, die Ergebnisse des Selbstratings hinsichtlich strategischen Managements, Risikomanagement, Verbesserung der Unternehmensdarstellung und Finanzierung auszuwerten. Abbildung 3-5 zeigt die Berechnung des Gesamtergebnisses. Die ermittelte Bewertung ist eine Einschätzung der Risikoposition des betrachteten Unternehmens. Da dem Selbstratingsystem keine empirischen Daten zu-

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Zusammenfassung

Vorteile: • Frühzeitig auf strengere Regeln der Kreditvergabe durch Banken ab 2013 vorbereitet sein • Optimierung von Risikopositionen für Kreditverhandlungen • Beiliegende CD mit einem Excel-Sheet zum Selbstrating. Zum Werk: Finanzierungsentscheidungen größeren Umfangs sind immer mittelfristig zu betrachten. Deshalb müssen Unternehmen schon heute die ab 2013 geltenden, strengeren Regeln (Basel III) der Kreditvergabe durch Banken in ihren Finanzplanungen berücksichtigen. Dieses Fachbuch stellt Strategien vor, wie die Versorgung mit Finanzmitteln vor dem Hintergrund von Basel III gesichert bleibt. Autoren: Von Prof. Dr. Stefan Müller leitet das Institut für Betriebswirtschaftliche Steuerlehre an der Helmut-Schmidt-Universität (HSU) Hamburg. Prof. Dr. Mayer-Fiedrich ist Inhaberin des Lehrstuhls für Internationale Finanzierung an der HSU. Dr. Kai Brackschulze ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der HSU. Zielgruppe: Für Fach- und Führungskräfte im Rechnungs- und Finanzwesen mittelständischer Unternehmen, SteuerBerater und Wirtschaftsprüfer.