Vierter Teil: Weltwirtschaft in:

Artur Woll

Volkswirtschaftslehre, page 520 - 606

16. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3835-2, ISBN online: 978-3-8006-4314-1, https://doi.org/10.15358/9783800643141_520

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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Vierter Teil Weltwirtschaft 22. Kapitel: Monetäre Theorie I. Zahlungsbilanz Begriff Zwei Tatbeständemachen besondere theoretische Behandlung des internationalenWirtschaftsverkehrs erforderlich - Definition der Zahlungsbilanz - Bilanzsystem Gliederung Handelsbilanz - Dienstleistungsbilanz - Übertragungsbilanz - Kapitalbilanz - Restposten - Devisenbilanz - Übersicht Ausgleich Negativabgrenzungen - Zahlungsbilanz ausgeglichen, wenn Devisenbilanzsaldo Null - Zahlungsbilanz ausgeglichen, wenn Außenbeitrag Null - Zahlungsbilanz-Funktion II. Wechselkurs-Mechanismus Wechselkurs und Preisniveau Wechselkurs Preis einer Währung - Kaufkraftparitätentheorie - Abwertung und Aufwertung - Wechselkurswirkungen auf Zahlungsbilanz - Preisniveauänderungen und Wechselkursänderungen als Alternativen für bestimmte Änderungen der Zahlungsbilanz - Schlußfolgerungen Wechselkurswirkungen Hypothese - Flexibler Wechselkurs - Normale Reaktion - Anomale Reaktion III. Preis-Mechanismen Preisniveau-Mechanismus Geldmengen-Preis-Mechanismus als wichtigste Unterform - Voraussetzung - Interventionen der Zentralbank - Wirkungen, die Zahlungsbilanzstörung mildern - Implikation Einzelpreis-Mechanismus Hypothese - Anpassungsprozeß - Schwächen Monetärer Zahlungsbilanz-Mechanismus Monetäre Zahlungsbilanztheorie - Annahmen - Wirkungsweise - Reichweite IV. Volkseinkommen-Mechanismus Hypothese - Teil der Beschäftigungstheorie - Dynamische Betrachtungsweise - Erklärungsreichweite Anhang: elasticity approach Devisenelastizitäten - Allgemeine Reaktionsbedingung - Hirschman-Bedingung Wechselkurse, Zinssätze und internationaler Kapitalverkehr "asset-approach" der Wechselkursbestimmung - Charakteristische Devisenmarktgeschäfte - Zinssatz-Paritäten-Theorem - Entscheidung bei Unsicherheit - Erwartungseigenschaften des Termin-Kurses K 22 - 1: Euro-Geld - Wozu? I. Zahlungsbilanz Begriff Die Außenwirtschaftstheorie ist nach vorherrschendem Verständnis kein eigenes Gebiet der Volkswirtschaftslehre, sondern Teil der allgemeinen Wirtschaftstheorie, von der sie sich nur graduell, nicht grundsätzlich, unterscheidet. Mikro- und makroökonomische Aussagen können sich deshalb ebenso auf au- ßenwirtschaftliche Transaktionen beziehen wie auf binnenwirtschaftliche. Auch wenn keine eigene außenwirtschaftliche Theorie notwendig ist, so machen zwei Tatbestände des internationalenWirtschaftsverkehrs doch eine besondere theoretische Behandlung erforderlich: Erstens finden außenwirtschaftliche Transaktionen zwischen verschiedenen Währungsgebieten statt. Dabei genügt es nicht, daß inländische Käufer in nationalen Währungseinheiten liquide sind. Sie müssen generell auch in der Lage sein, gegen Inlandsgeld Währungseinheiten eines anderen Landes (Devisen) zu erwerben, um ihre Auslandsschulden zu begleichen. Werden Auslandsschulden mit Inlandsgeld bezahlt, müssen ausländische Verkäufer, da sie in der Regel Währungseinheiten ihres Landes benötigen, den Erlös in Auslandsgeld umtauschen können. Im ersten Fall wird nationale Währung im Inland, im zweiten Fall im Ausland gegen Geld des Lieferlandes angeboten, d. h. Devisen nachgefragt (Einfuhr in das Inland). Analoges gilt bei einer Ausfuhr aus dem Inland, bei der Devisen angeboten werden. Ökonomische Probleme, die aus Transaktionen zwischen Ländern mit verschiedenenWährungen entstehen, sind Gegenstand der monetären Theorie des Außenhandels. Zweitens bleibt, wenn man vom Geld abstrahiert (realwirtschaftliche Betrachtungsweise), der Fragenkomplex, welche Güter international gehandelt werden, was ihr reales Austauschverhältnis (terms of trade) bestimmt und welche Wohlfahrtswirkungen vom Außenhandel auf die einzelnen Länder und die Welt als Ganzes ausgehen. Dieser Katalog von Fragen, die sich vermehren lassen (z. B. Wirkungen von Zöllen oder Zollunionen), wird in der reinen (realwirtschaftlichen) Theorie des Außenhandels (23. Kap.) untersucht. Monetäre und reine Theorie sind, obwohl sie sich gelegentlich ergänzen, noch nicht befriedigend untereinander verbunden - eine Feststellung, die indessen auch für die Integration anderer monetärer und güterwirtschaftlicher Analysen (z. B. zum Konjunkturproblem) gilt. Die systematische, in Währungseinheiten eines Landes ausgedrückte Aufzeichnung aller ökonomischen Transaktionen eines bestimmten Zeitraumes (meist eines Jahres) zwischen Inländern und Ausländern bezeichnet man als Zahlungsbilanz. Diese Definition führt einerseits leicht in die Irre, weil - wie noch deutlich werden dürfte - die Aufzeichnung weder nur "Zahlungen" enthält, noch eine "Bilanz" im betriebswirtschaftlichen Sinn (Gegenüberstellung von Bestandsgrößen zu einem bestimmten Zeitpunkt) ist. Die Begriffsbildung verdeutlicht andererseits, warum die Zahlungsbilanz zentrales Thema der monetären Theorie ist: In der Aufzeichnung werden alle Transaktionen zwischen 540 Vierter Teil. Weltwirtschaft Wirtschaftssubjekten (Einwohnern, Regierungen, Institutionen) des Inlandes und dem gesamtenAusland (Rest derWelt) erfaßt, damit auch der jeweilige Bedarf an Devisen. Maßgeblich für die Zurechnung der Wirtschaftssubjekte zum In- oder Ausland ist der Wohnsitz. So werden Gastarbeiter in der Regel zu Inländern, während Angehörige ausländischer Botschaften oder Streitkräfte Ausländer bleiben. Obwohl auf Wirtschaftssubjekte (In- und Ausländer) abgehoben wird, spricht man statt dessen oft von Inland und Ausland. Die Zahlungsbilanz ist - gemäß der Definition - eine systematische Aufzeichnung. Das Bilanzsystem entspricht dem der doppelten Buchführung: In der Zahlungsbilanz eines Landes A steht jeder Buchung eine Gegenbuchung gegenüber. Deshalb braucht man in einer Zahlungsbilanz mindestens zwei Konten (Teilbilanzen). Für den einfachen Fall, daß zwischen Inland und Ausland nur physische Güter (Waren) gehandelt und diese sofort bar bezahlt werden, sähe das - in bestimmten Währungseinheiten (z. B. Euro oder Dollar) ausgedrückte Zahlungsbilanzsystem eines Landes A für hypothetische Werte wie folgt aus (Übers. 22-1). Aus der ersten Aufzeichnung, der Gegenüberstellung von Warenausfuhr und -einfuhr (Handelsbilanz), ergibt sich, ob das Inland mehr an das Ausland verkauft hat ("aktive" oder "positive" Handelsbilanz, wie im Beispiel) oder umgekehrt das Ausland mehr an das Inland ("passive" oder "negative" Handelsbilanz). Übers. 22-1: System der Zahlungsbilanz Bei einer positiven Handelsbilanz fließen Devisen zu ("Zahlungsbilanzüberschuß", im Beispiel 200), bei einer negativen Handelsbilanz ab ("Zahlungsbilanzdefizit"). Die Ausdrücke "Zahlungsbilanzüberschuß" und "Zahlungsbilanzdefizit" beziehen sich bei dieser Wortwahl auf den Devisenbilanzsaldo (Änderung des Devisenbestandes). Der Übers. 22-1 ist zu entnehmen, daß ein Saldo (als Differenzgröße) auf der Soll-(Debet-)Seite der Devisenbilanz zu einer Soll oder Debet (Ausgaben) Land A Handelsbilanz 2000 Haben oder Credit (Einnahmen) Wareneinfuhr Saldo der Handelsbilanz 800 200 Warenausfuhr 1000 Insgesamt 1000 Insgesamt 1000 Soll oder Debet (Ausgaben) Land B Handelsbilanz 2000 Haben oder Credit (Einnahmen) Devisenabschluß (für Warenausfuhr) 800 Devisenzufluß (für Warenausfuhr) 1000 Saldo der Devisenbilanz (Erhöhung des Bestandes) 200 Insgesamt 1000 Insgesamt 1000 22. Monetäre Theorie 541 Devisenbestandserhöhung, ein Saldo auf der Haben-(Credit-)Seite zu einer Devisenbestandsminderung führt. Gliederung Internationale Transaktionen sind in der Realität - anders als bisher angenommen - nicht auf den einfachen Fall beschränkt, daß nur Waren gegen gleichzeitige Barzahlung gekauft und verkauft werden. Erstens finden auch Käufe und Verkäufe von Dienstleistungen statt. Zweitens gibt es einseitige Übertragungen, Güter- oder Geldüberweisungen zwischen Inland und Ausland. Drittens werden Leistungen auch gegen Kredit gehandelt sowie Zahlungen für Erwerb und Absatz von Wertpapieren (Finanzinvestitionen) getätigt. Aus diesen drei Gründen unterscheidet man - neben der Handelsbilanz und Devisenbilanz (Übers. 22-1) - weitere Teilbilanzen für Dienstleistungen, Übertragungen und Kapitalverkehr. Zu allen fünf Teilbilanzen als Untergliederungen der Zahlungsbilanz seien ihre Charakteristika aufgeführt. Die Warenausfuhr und -einfuhr in der Handelsbilanz (in der amtlichen Statistik als Spezialhandel bezeichnet) werden nach dem fob-Verfahren bewertet. Fob-(free on board) Werte sind die Preise, die bei Überschreiten der Grenze des Exportlandes unter Einschluß z. B. eventueller Beladungskosten für ein Verkehrsmittel anfallen. Wareneinfuhren werden meist nach dem cif-Verfahren berechnet. Cif-(cost, insurance, freight) Werte sind die Preise bei Überschreiten der Grenze des Importlandes, so daß die cif- die fob-Werte um die Transport- und Versicherungskosten u. a. m. zwischen zwei Ländern übersteigen. Die Handelsbilanz enthält als Ergänzung noch einen Betrag, der hauptsächlich aus dem Transithandel (Verkehr durchs Inland von Ausland zu Ausland) und Lagerverkehr (Einfuhren in Zollgut- und Freihafenlager) stammt. In der Dienstleistungsbilanz wird nach Einnahmen und Ausgaben unterschieden. Wichtige Posten der Dienstleistungsbilanz ("unsichtbare" Exporte und Importe) sind der Reiseverkehr, Transportleistungen, Kapitalerträge und Regierungsleistungen (z. B. für im Ausland stationierte Streitkräfte). Die miteinander verrechneten (konsolidierten) Salden aus Handels- und Dienstleistungsbilanz ergeben den aus der Verwendungsrechnung des Sozialprodukts bekannten (13. Kap.) Außenbeitrag. Die Übertragungsbilanz enthält Buchungen für einseitige, d. h. ohne ökonomische Gegenleistung erbrachte Güter- oder Geldleistungen zwischen In- und Ausland (deshalb auch als "Schenkungsbilanz" bezeichnet). Es wird nach fremden Leistungen (Übertragungen vom Ausland aufs Inland) und eigenen Leistungen (Übertragungen vom Inland aufs Ausland) unterschieden. In der Übertragungsbilanz der Bundesrepublik Deutschland spielen Überweisungen der Gastarbeiter in ihre Heimatländer, Lieferungen an Entwicklungsländer, Wiedergutmachungsleistungen und Beiträge zu internationalen Organisationen eine überragende Rolle. Die Zusammenfassung der Handels-, Dienstleistungsund Übertragungsbilanz nennt man Leistungsbilanz (auch Bilanz der laufenden Posten; current account). In der Kapitalbilanz (capital account, auch Kapitalverkehrsbilanz) sind Forderungen und Verbindlichkeiten zwischen In- und Ausland erfaßt, soweit sie 542 Vierter Teil. Weltwirtschaft in der Bilanzperiode entstehen oder getilgt werden. Ausgeklammert bleiben Forderungen und Verbindlichkeiten der Zentralbank, die in der Devisenbilanz gesondert ausgewiesen sind. Dies hat vor allemwährungspolitische Gründe (z. B. die Sichtbarmachung der Verfügungsmasse für Interventionen und Währungshilfen). Unterschieden wird zwischen langfristigem Kapitalverkehr (Direktinvestitionen, Finanzinvestitionen, Kredite und Darlehen) und kurzfristigem Kapitalverkehr (Handels- und Finanzkredite) von Privaten und öffentlicher Hand. Wäre die Erfassung der Transaktionen in der Leistungs- und Kapitalbilanz vollständig, müßte der Saldo beider Bilanzen mit dem Saldo der Devisenbilanz größengleich sein, da alle Gegenleistungen (Schenkungen und Kredite) in die Übertragungs- und Kapitalbilanz eingegangen sind. Tatsächlich nicht erfaßte und deshalb nicht aufgliederbare Transaktionen werden als Restposten ausgewiesen. Die Devisenbilanz (foreign exchange account, Änderung der Auslandsaktiva der Zentralbank oder Auslandsposition) enthält Währungsreserven (Gold, Ziehungsrechte im internationalen Währungsfonds, Devisen, Auslandsverbindlichkeiten [= Bestand an ausländischen Wertpapieren]) und Kredite der Zentralbank an das Ausland. Der Ausdruck "Devisen"-Bilanz ist zweifellos zu eng. Im Gegensatz zu den anderen Teilbilanzen sind in der Devisenbilanz (Änderungen der Auslandsaktiva der Zentralbank) alle Auslandstransaktionen erfaßt. Deshalb läßt sich der Restposten als Differenz zwischen der Devisenbilanz und der statistisch erfaßten Leistungs- und Kapitalbilanz ermitteln. Die "Auslandsposition" der Zentralbank wird noch durch einen Ausgleichsposten korrigiert, der sich aus Wertberichtigungen zu den Währungsreserven (Prinzip der Realwertverbuchung) und Zuteilung von Sonderziehungsrechten (Verfügbare "Kreditlinie") zusammensetzt. Nach dieser Korrektur erhält man die Netto- Auslandsaktiva der Zentralbank. Eine Übersicht verdeutlicht noch einmal die Ausführungen zur Gliederung der Zahlungsbilanz. Die Teilbilanzen sind überdies unter die international übliche Dreiteilung in A. Leistungsbilanz (current account), B. Kapitalbilanz (capital account) und C. Devisenbilanz (foreign exchange account) subsumiert worden (Übers. 22-2). Diese Zahlungsbilanzgliederung ist nicht die einzig mögliche.Übers. 22-2 stellt auf die Verhältnisse in der Bundesrepublik Deutschland ab. In anderen Ländern können davon abweichende Gliederungen zweckmä- ßig sein. Eine für alle Fälle "richtige" Gliederung gibt es nicht. 22. Monetäre Theorie 543 Übers. 22-2: Zahlungsbilanzgliederung Ausgleich Die monetäre Außenwirtschaftstheorie stellt - wie erwähnt - in ihrem Kern eine Theorie des Zahlungsbilanzausgleichs dar. Wann ist eine Zahlungsbilanz ausgeglichen? Auf die simple Frage nach einer Definition des Zahlungsbilanzausgleichs gibt es verschiedene Antworten. Zunächst kann man Negativabgrenzungen vornehmen, d. h. festlegen, was Zahlungsbilanzausgleich nicht bedeutet. Erstens scheidet im Hinblick auf die Definition der Zahlungsbilanz (Aufzeichnung aller internationalen Wirtschaftstransaktionen) der statistische Ausgleich aus, die Beseitigung der Differenz zwischen der vollständigen Devisenbilanz und der statistisch erfaßten, aber unvollständigen Leistungs- und Kapitalbilanz. In einem unvollständigen Erfassungssystem würde ein Ausgleich von statistisch erhobenen Größen dazu führen, daß tatsächlich ein Ungleichgewicht entstünde. Zweitens ergäbe es - angesichts der doppelten Buchführung keinen Sinn, an einen Ausgleich der gesamten Zahlungsbilanz zu denken, die ex definitione buchhalterisch ausgeglichen ist, zumal wenn die statistisch bedingte Lücke durch einen Restposten gefüllt wird. Der Begriff "Zahlungsbilanzausgleich" kann sich ökonomisch sinnvoll also nur auf eine bestimmte Teilbi- Teilbilanzen Land A Zahlungsbilanz für (Jahr) Soll oder Debet (Ausgaben) Haben oder Credit (Einnahmen) A. Leistungsbilanz (current account) 1. šWareneinfuhr (fob oder cif) šErgänzungen (v.a. Transit, Lagerverkehr) 1.šWarenausfuhr (fob) šErgänzungen (v.a. Transit, Lagerverkehr) 2. Dienstleistungen (Ausgaben) („unsichtbare“ Einfuhren) 2. Dienstleistungen (Einnahmen) („unsichtbare“ Ausfuhren) 3. Übertragungen (eigene, Inland an Ausland) 3. Übertragungen (fremde, Ausland an Inland) B. Kapitalbilanz (capital account) 4. Kapitalausfuhr (lang- und kurzfristig) 4. Kapitaleinfuhr (lang- und kurzfristig) Statistische Differenz sämtlicher Transaktionen im Leistungsund Kapitalverkehr 5. Restposten (statistisch nicht erfasst, nicht aufgliederbar) 5. Restposten (statistisch nicht erfasst, nicht aufgliederbar) C. Devisenbilanz (foreign exchange account) 6. Ausgleichsposten 7. Erhöhung des Devisenbestandes 6. Ausgleichsposten 7. Verminderung des Devisenbestandes 544 Vierter Teil. Weltwirtschaft lanz - z. B. die Devisenbilanz - oder mehrere, jedoch nicht auf alle Teilbilanzen beziehen. In der währungspolitischen Praxis, insbesondere soweit sie von Zentralbanken betriebenwird, gilt eineZahlungsbilanz als ausgeglichen, wenn der Devisenbilanzsaldo Null ist. In analoger Übereinstimmung mit dem in Übers. 22-1 dargestellten Fall bezeichnet man eine Zahlungsbilanz als "aktiv" oder "positiv" ("passiv" oder "negativ"), wenn sich die Devisenbestände - für die Bundesrepublik Deutschland präzise: die Netto-Auslandsaktiva der Deutschen Bundesbank - erhöhen (vermindern), auch wenn die Ursachen für Devisenbestands- änderungen nicht (wie inÜbers. 22-1) nur in der Handelsbilanz liegen. Nach der Zahlungsbilanzgliederung von Übers. 22-2 würden die Positionen 1 bis 6 der Position 7 gegenübergestellt. Dieses Verständnis einer ausgeglichenen Zahlungsbilanz - ohnedies mehr eine Faustregel, als theoretisch begründbar - ist mit geringfügigen Überschüssen oder Defiziten durchaus vereinbar, wenn diese keinen Trend aufweisen. Für eine wirtschaftswissenschaftliche Betrachtungsweise, in der außen- und binnenwirtschaftliche Transaktionen miteinander verbunden sind, dürfte es zweckmäßig sein, auf Abgrenzungen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung zurückzugreifen (13. Kap.). Der in der Verwendungsrechnung des Sozialprodukts benutzte Begriff Außenbeitrag (Gleichung (13.5) und Übers. 13-8) ist die Differenz von Ausfuhr und Einfuhr ( ). Aus- und Einfuhr umfassen imwesentlichen dieWerte für denWaren- undDienstleistungsverkehr, der früher die Leistungsbilanz (die nunmehr auch Übertragungen [Übers. 22-2] einschließt) ausmachte. Der Außenbeitrag und die frühere Leistungsbilanz differieren geringfügig, vor allem, weil der Außenbeitrag auf Einkomensströme, die Leistungsbilanz dagegen auf Waren- und Dienstleistungsströme abhebt. Diese Differenz wird im folgenden vernachlässigt. Eine Zahlungsbilanz ist demzufolge nach demhier verwendeten Sprachgebrauch ausgeglichen,wenn derAu- ßenbeitrag (Saldo der Waren- und Dienstleistungsbilanz) gleich Null ist ( ). Soweit nicht ausdrücklich anderes gesagt wird, bleibt zunächst der Kapitalverkehr ausgeklammert. Die Bedeutung des internationalen Kapitalverkehrs für die Zahlungsbilanz sowie für die Entwicklung vonWechselkursen und Zinssätzen ist in einemAnhang zu diesem Kapitel dargestellt (vgl. Anhang: Wechselkurse, Zinssätze und internationaler Kapitalverkehr). Der internationale Waren- und Dienstleistungsverkehr hängt zunächst - wie Angebot undNachfrage von Gütern schlechthin (4. Kap.) - von Preisen ( ) und Einkommen ( ) ab. Unterschiedliche Währungen lassen sich nur mit einem gemeinsamen Nenner, dem Wechselkurs ( ), vergleichen. Der Wechselkurs bestimmt jedoch zugleich - wie noch deutlich werden wird - als Preis von Devisenangebot und -nachfrage das internationale Verhältnis von Preisen und Einkommen. Er tritt damit zu Preisen und Einkommen als eigenständige Bestimmungsgröße des internationalen Kaufs und Verkaufs von Waren wie Dienstleistungen hinzu. Die traditionelle Analyse beschränkt sich auf die Untersuchung des Einflusses dieser drei Größen, die in der Regel auch empirisch eine überragende Bedeutung haben. Die Zahlungsbilanz ( ) nach der hier gewählten Abgrenzung, ausgedrückt in bestimmten Währungseinheiten X M– X M– 0= P Y r Z X M–≡ 22. Monetäre Theorie 545 (des Inlandes oder Auslandes), läßt sich demnach durch folgende Funktion bestimmen: (22.1) (Verhaltens-Gleichung). In Gleichung (22.1) sind Wechselkurs ( ), Preise ( ) und Einkommen ( ) unabhängige, die Zahlungsbilanz ( ) die abhängige Variable. Zwischen den unabhängigen Variablen gibt es Interdependenzen. Zu beachten bleibt überdies, daß es auch Rückwirkungen der Zahlungsbilanz auf diese Größen gibt, die Beziehungsrichtung sich umkehren läßt, so daß die Zahlungsbilanz unabhängige, die übrigen Größen abhängige Variable werden. Wie aus der makroökonomischen Theorie bereits bekannt ist, stellt einen Teil des Volkseinkommens dar. Geht man von Gleichung (22.1) aus, kann man generell sagen: Änderungen der unabhängigen Variablen wirken auf die Zahlungsbilanz ein (Primäreffekt), die wiederum auf die unabhängigen Variablen zurückwirkt (Sekundäreffekt). Diese Abfolge kann sich wiederholen. Generell wäre eine dynamische Analyse angezeigt. An geeigneter Stelle wird deshalb nicht nur die durch Gleichung (22.1) bezeichnete, sondern auch die umgekehrte Beziehungsrichtung in die Überlegungen einbezogen. Nach bekannter Methode wird in der Regel - trotz der Interdependenz zwischen den unabhängigen Variablen jeweils eine Beziehung isoliert untersucht, also: (22.2) oder , (22.3) oder , (22.4) oder (Verhaltens-Gleichungen). Diese Gleichungen sind Ausgangspunkte der Untersuchung von Effekten auf die Zahlungsbilanz: für Wechselkurs- (II.), Preis- (III.) und Volkseinkommen- Mechanismen (IV.). In allen Fällen steht die Frage im Vordergrund, ob und ggf. in welchem Umfang diese Mechanismen die Zahlungsbilanz ausgleichen. Die hier gewählte, traditionelle Unterscheidung nach Wechselkurs-, Preis- und Volkseinkommen-Mechanismen ist nicht die einzig mögliche. II. Wechselkurs-Mechanismus Wechselkurs und Preisniveau Der Wechselkurs ist der Preis einer Währung, ausgedrückt in Einheiten einer anderen Währung. Dabei ist zwischen zwei Ausdrucksformen oder Notierungsarten desWechselkurses zu unterscheiden: Erstens kann derWechselkurs als Preis einer Einheit der Auslandswährung (z. B. $) in Inlandswährung (z. B. Euro) ausgedrückt werden (Euro für 1 $). Diese Art der Notierung, die früher in Deutschland und im übrigen Kontinentaleuropa vorherrschte, wird als Preis- Wechselkurs, als Devisenkurs oder als Wechselkurs des Inlandes für Auslandswährungen ( ) bezeichnet. Zweitens kann derWechselkurs als Preis einer Einheit der Inlandswährung (z. B. Euro) in Auslandswährung (z. B. $) ausgedrückt werden ($ für 1 Euro). Diese Art der Notierung, die in der neu errichteten Eu- Z f r P Y, ,( )= r P Y Z Z X M–≡ Y Z f r P Y, ,( )= Z f r( )= Z f r P Y, ,( )= Z f P( )= Z f r P Y, ,( )= Z f Y( )= ri 546 Vierter Teil. Weltwirtschaft ropäischen Währungsunion und deshalb auch für Deutschland gilt, bezeichnet man alsMengen-Wechselkurs oder alsWechselkurs des Auslandes für Inlandswährung ( ). Diese beiden Ausdrucksformen des Wechselkurses stehen in einer Zwei-Länder-Welt (eine Inlands- und eine Auslandswährung) in einem umgekehrt proportionalen Verhältnis: (22.5 a) oder (22.5 b) (Definitions-Gleichungen). Im folgenden wird generell auf den Preis-Wechselkurs als Ausdrucksform zurückgegriffen, der mit - zur Vereinfachung ohne ausdrückliche Kennzeichnung durch den Index - bezeichnet wird. Der Wechselkurs ist ein Generalnenner, der es ermöglicht, in verschiedenenWährungseinheiten ausgedrückte Größen miteinander zu vergleichen (Rechenfunktion des Wechselkurses). Für das Verhältnis von in- und ausländischem Preis gilt - analog zur Verkehrsgleichung (2.6) - die Relation: (22.6 a) , (22.6 b) oder (22.6 c) (Definitions-Gleichungen). In diesen Gleichungen stehen für das Preisniveau des Inlandes in Inlandswährung, für das Preisniveau des Auslandes in Auslandswährung, für den Wechselkurs des Inlandes für Auslandswährung und für das internationale Preisniveauverhältnis (auch als realer Wechselkurs bezeichnet); ist - allenfalls durch komplexe Äquivalenzrelationen konstruierbar - jedoch nicht direkt zu erfassen. Ist , besteht kein Unterschied zwischen inländischem und ausländischem Preisniveau. Für gilt das Gegenteil. Von diesen Definitionen sind wie immer Hypothesen scharf abzuheben, die den Wechselkurs als abhängige, in- und ausländische Preisniveaus als unabhängige Variable ansehen. In diesen Zusammenhang gehört die Kaufkraftparitätentheorie, die GUSTAV CASSEL - wie schon klassische Nationalökonomen hundert Jahre vor ihm - vorgetragen hat. Kern der Theorie ist die Behauptung, daß die Kaufkraftparität ( ), verstanden als das Verhältnis der Kaufkraft des Geldes in zwei Ländern, den Wechselkurs bestimmt: (22.7) (Verhaltens-Gleichung). Ein Vergleich mit der Identität (22.6 c) zeigt, daß die Kaufkraftparitätentheorie die These beinhaltet, daß der Wechselkurs internationale Preisniveauunterschiede ausgleicht: ra ri 1 ra ----≡ ri ra⋅ 1≡ r i Pa r⋅ p Pi⋅≡ p Pa r⋅ Pi ------------≡ r Pi p⋅ Pa -----------≡ Pi Pa r p p p 1= p 1≠ KP r KP P1 Pa -----≡≅ 22. Monetäre Theorie 547 (22.8) und damit (22.9) (Verhaltens-Gleichung). Neben demAusdruck (22.7), der absoluten Version der Kaufkraftparitätentheorie, gibt es eine relative Fassung: (22.10) (Verhaltens-Gleichung), wobei die Indizes 1 und 2 verschiedene Zeitpunkte bedeuten. In der Version (22.10) beschränkt sich die Kaufkraftparitätentheorie auf die Behauptung, daß sich Kaufkraftparitäten und Wechselkurse proportional ändern. Bezogen auf bedeutet diese Version die Konstanz des internationalen Preisniveauverhältnisses: (22.11 a) bzw. (22.11 b) (Verhaltens-Gleichung) Zur empirischen Relevanz mag zunächst die Feststellung genügen, daß die behauptete Entwicklungsrichtung des Wechselkurses kaum kontrovers ist, ein straffer Zusammenhang der Preisniveau- und Wechselkursentwicklung sich dagegen nicht immer nachweisen läßt (24. Kap.). Hält man das im Auge, kann diese Theorie in Fällen, in denen es nur auf die Richtung von Preisniveau- und Wechselkursänderung ankommt, auch in modernen Darstellungen verwendet werden. In der Theorie wird in der Regel von einem Wechselkurs ausgegangen. Tatsächlich gibt es für ein Land ebenso viele Wechselkurse wie ausländische Währungen. Für einfache Analysen reicht indessen, das gesamte Ausland - den Rest der Welt - wie ein Land zu behandeln (Zwei-Länder-Modell). Steigt der Wechselkurs aus irgendeinem Grund, spricht man von Abwertung (hier immer auf die Inlandswährung bezogen), weil mehr inländische Währungseinheiten für eine Einheit der ausländischen Währung zu zahlen sind (die Einheit der Inlandswährung wird weniger wert), im umgekehrten Fall von Aufwertung. Eine Abwertung (Aufwertung) der Inlandswährung bedeutet eine Aufwertung (Abwertung) der Auslandswährung, weil sich ex definitione der Wechselkurs des Inlandes ( ) zum ausländischen Wechselkurs ( ) umgekehrt proportional verhält (22.5 a). Inlands- und Auslandspreise können - wie erwähnt - über den Wechselkurs in einer Währungseinheit ausgedrückt und damit vergleichbar gemacht werden. Der Verdeutlichung bedarf, wie Wechselkursänderungen auf die Zahlungsbilanz einwirken. Ausgegangen sei von folgender Funktion: r Pi p⋅ Pa ----------- P1 Pa -----≅≡ p 1≅ r1 r2 ---- KP1 KP2 --------- Pi1 Pa1 ------- Pi2 Pa2 -------÷≅ ≅ p p1 p2 ---- 1≅ p1 p2≅ ri ra 548 Vierter Teil. Weltwirtschaft (22.12) mit für (Verhaltens-Gleichung). Gleichung (22.12) besagt, daß mit steigendem Auslandspreisniveau, steigendemWechselkurs (Abwertung) und/oder fallendem Inlandspreisniveau die inländische Zahlungsbilanz, ausgedrückt in Inlandswährung, zur Aktivierung neigenwird - was die Reduzierung vonDefiziten einschließt - et vice versa. Diese Verhaltensannahmen scheinen plausibel und sind kongruentmit den aus der Preistheorie bekannten Normalfällen. Es leuchtet z. B. ohne weiteres ein, daß steigende Auslandspreise bei konstantem Wechselkurs und konstanten Inlandspreisen sowohl den Güterexport anregen als auch den Import drosseln dürften. Aus welchen Gründen sich die beiden Preisniveaus ändern, sei dahingestellt. Als zusätzliche Annahme gelte, daß sich die allgemeinen Preisniveaus ( ) und die der international gehandelten Güter parallel entwickeln. Der durch Gleichung (22.12) angegebene Zusammenhang läßt sich graphisch wie folgt veranschaulichen (Fig. 22-1). Fig.22-1:Entstehung einesPreisniveaugefälles zwischen Inland und Ausland ImAusgangszustand sollen die Preisniveaus und auf gleicher Höhe stehen. Die Preisniveaus sind der Durchschnitt aus den Einzelpreisen (für das Inland , Entsprechendes gilt für das Ausland), wobei offen bleiben kann, ob bei der Berechnung die Mengen ( etc.) als Gewichte berücksichtigt werden. Ein Preisniveaugefälle vomAusland zum Inland kann entstehen, wenn ceteris paribus das Auslandspreisniveau steigt, das Inlandspreisniveau fällt oder der Wechselkurs steigt (Abwertung). War die Zahlungsbilanz in der Ausgangssituation im Gleichgewicht - was nicht bedeutet, daß Preisniveaugleichheit bestanden habenmuß -, würde sie bei den in Fig. 22-1 dargestellten Fällen zu Überschüssen des Inlands (und Defizi- Z X M–=( ) f p( ) f Pa r⋅ Pi ------------⎝ ⎠ ⎛ ⎞= = dZ dp 0>⁄ Y Pi a, Pi 0 Pi 0 r0⋅ Pi 1 Pi 2 ... Pi n, , , mi 1 22. Monetäre Theorie 549 ten des Auslands) führen. Umgekehrt würde sich eine aktive Zahlungsbilanz im Inland durch Preissteigerungen im Inland, durch Preissenkungen des Auslands oder eine Aufwertung der Inlandswährung beseitigen lassen. Preisniveauänderungen bei gegebenem Wechselkurs und Wechselkursänderungen bei gegebenen Preisniveaus sind alsoAlternativen für bestimmte Änderungen der Zahlungsbilanz. In der Realität fallen oft Preisniveauänderungen als gezielt eingesetztes Mittel für Zahlungsbilanzänderungen aus, weil Deflationen wegen ihrer Wirkungen auf die Beschäftigung vermieden werden oder eine Inflation nicht unter Kontrolle gebracht werden kann: Bei der engen Verzahnung von Inflation und Deflation mit Konjunkturschwankungen sind beim Zahlungsbilanzausgleich Wechselkursänderungen den Preisniveauschwankungen ökonomisch oft überlegen, insbesondere bei Zahlungsbilanzüberschüssen. Dann kann nur die Wahl bleiben, den Wechselkurs entsprechend zu ändern, zumal dadurch - anders bei beiderseitigen Preisniveauänderungen - ein Land allein das Preisniveauverhältnis bestimmen kann. Übers. 22-3: Beziehungen zwischen Preisniveaus und Wechselkursen bei konstantem Zahlungsbilanzsaldo Der Zahlungsbilanzausgleich wird dann ohne allgemeine Preisänderung möglich, ist also mit Preisniveaustabilität eines Landes vereinbar. Es kommt hinzu, daß Preisniveauänderungen nicht in das oder aus dem Ausland übertragen werden. Die möglichen Beziehungen zwischen Preisniveau- und Wechselkurs- änderungen (Gleichung 22.12) lassen sich zusammenfassen (Übers. 22-3), wobei für alle Fälle (I bis IV) von Preisniveaugleichheit (wie in Fig. 22-1) ausgegangen und ein konstanter Zahlungsbilanzsaldo unterstellt wird. Aus den Beziehungen zwischen Preisniveaus und Wechselkursen können folgende Schlußfolgerungen gezogen werden: Sollen dieWechselkurse konstant (stabil, "fest") bleiben, ist ein Ausgleich der Zahlungsbilanz nicht zu erwarten, wenn sich die Preisniveaus entsprechend den Fällen III und IV ändern. Beliebige Zahlungsbilanzungleichgewichte lassen sich durch entsprechende Preisniveau- oder Wechselkursänderungen beseitigen. Fall I II III IV Die jeweiligen Preisniveaus ... bleiben im Inund Ausland stabil bewegen sich in die gleiche Richtung und mit denselben Änderungsraten bleiben in einem Land stabil, im zweiten Land nicht bewegen sich in beiden Ländern mit unterschiedlichen Änderungsraten und (oder) Richtungen Die zu verschiedenen Preisniveaurelationen gehörenden Wechselkursbedingungen sind ... gleichbleibende Wechselkurse gleichbleibende Wechselkurse proportional schwankende Wechselkurse proportional schwankende Wechselkurse 550 Vierter Teil. Weltwirtschaft Die Richtungen von Preisniveau- und Wechselkursänderungen zur Beseitigung eines Zahlungsbilanzungleichgewichts sind bekannt (Gleichung [22.12] und Fig. 22-1). Die letzte Aussage ist nicht allgemeingültig. Es sind Preisniveaueffekte denkbar, die den in Gleichung (22.12) angezeigten entgegengesetzt wirken (siehe unter Wechselkurswirkungen). Verlaufen die Effekte in der in Gleichung (22.12) angegebenen Richtung, spricht man von einer normalen Reaktion, im umgekehrten Fall von einer anomalen Reaktion der Zahlungsbilanz auf Preisniveauoder Wechselkursänderungen. Die beschriebenen Wirkungen sind - mit Einschränkungen und trotz der stringenten Annahmen - als empirisch relevant anzusehen. Eine theoretische Schwäche liegt im statischen Charakter der Analyse. Insbesondere aber bleiben Einkommenseffekte unberücksichtigt, auf die an geeigneter Stelle eingegangen wird. Wechselkurswirkungen Der Wechselkurs-Mechanismus basiert auf der Hypothese, daß Zahlungsbilanzungleichgewichte durch Wechselkursvariationen bei konstanten Preisniveaus beseitigt werden. Die Analyse dieses Mechanismus steht - schon wegen der oft zu beobachtenden wirtschaftspolitischen Unmöglichkeit oder Unfähigkeit, Preisniveaus zu stabilisieren - im Zentrum der Untersuchungen über den Zahlungsbilanzausgleich. Bemerkenswert für ihren heutigen Stand ist ein Nebeneinander traditioneller und moderner Erklärungen, die sich jedoch weitgehend ergänzen. In der modernenWechselkurstheorie hat der Elastizitätsbegriff eine beherrschende Stellung ("elasticity approach"). Gleichwohl wird im folgenden vor allem aus zwei Gründen eine mehr traditionelle Darstellungsform bevorzugt: 1. Die im elasticity approach herausgearbeitete Unterscheidung nach normaler und anomaler Reaktion der Zahlungsbilanz läßt sich in der traditionellen Analyse leicht berücksichtigen. 2. Die in ihm zur Erklärung der Zahlungsbilanzreaktion benutzten Größen (vor allem Angebots- und Nachfrageelastizitäten) sind empirisch kaum testbar. Bei der Darstellung des Wechselkurs-Mechanismus bedient man sich des aus der Mikroökonomie bekannten Preis-Mengen-Diagramms, wobei auf der Mengenachse die Devisenmenge und auf der Preisachse der Wechselkurs abgetragen wird. Der einfachste Fall eines Devisenmarktes liegt vor, wenn Angebot und Nachfrage weder hinsichtlich der Mengen noch in der Preisbildung irgendwelchen Beschränkungen unterliegen. Ein derartiger Markt wird als (interventions-) freier Devisenmarkt, der sich auf ihm bildende Preis als frei schwankender oder flexibler Wechselkurs bezeichnet. Das Angebot auf dem inländischen Devisenmarkt stammt aus Exporten von Gütern und Dienstleistungen, die Nachfrage aus Importen (Beschränkung auf Leistungsbilanz). Die Währungseinheit des Inlands sei Euro, die des Auslands Dollar (Zwei-Länder- Modell). Untersucht wird der Zusammenhang (22.2) für (oder ) und (Verhaltens-Gleichung).Z f r( )= Pi Pa Yi a, 22. Monetäre Theorie 551 Beim üblichen Verlauf der Angebots- und Nachfragekurven erhält man das folgende Bild (Fig. 22-2). Zum Wechselkurs kommen Devisenangebot aus Exporten und Devisennachfrage für Importe zum Ausgleich. Fig. 22-2: Inlandsmarkt für Devisen (normale Reaktion) Dannwerden gerade Dollareinheiten umgesetzt. Da nach der Definition die Zahlungsbilanz im Gleichgewicht ist, wenn in einer bestimmten Zeit weder Devisenzuflüsse noch -abflüsse stattfinden, ist zugleich der Wechselkurs, der die Zahlungsbilanz zum Ausgleich bringt (Gleichgewichtskurs). Die Werte des Exports und Imports in Inlandswährung, die im Gleichgewicht größengleich sein müssen, sind durch das Rechteck bestimmt, weil das rechnerische Produkt aus Wechselkurs und Devisenmenge gleich dem in heimischer Währung ausgedrückten Wert der Devisenmenge ist: . Aus der -Kurve als geometrischem Ort alternativer Devisenmengen- und Wechselkurskombinationen erhält man also das in Inlandswährung ausgedrückte Devisenangebot, wenn Kurs und dazugehörige Devisenmenge multipliziert werden. Diese Werte des Devisenangebots sind nichts anderes als das monetäre Gegenstück (Zahlungen) für Exportleistungen des Inlands an das Ausland ( = Exportwerte in Inlandswährung). Entsprechend sind die Produkte aus Kurs und dazugehöriger Devisenmenge entlang der - Kurve gleich der in Inlandswährung ausgedrückten Importwerte ( ). Es sei nun angenommen, die Nachfrage des Auslands nach Inlandsgütern steige, etwa weil bestimmte Güter im Ausland teurer geworden sind. Das wird zu einem vergrößerten Angebot an Devisen aus Exporten führen. Die Angebotskurve wird sich nach rechts verschieben ( ) und der Wechselkurs müßte sinken. Würde der Wechselkurs - etwa durch staatliches Eingreifen - daran gehindert, entstünde ein Zahlungsbilanzüberschuß, weil das Exportangebot die unveränderte Importnachfrage überstiege und ein Devisenüberschuß in Höhe von zustande käme. Ein flexibler Wechselkurs fällt jedoch von auf . Zum neuen Wechselkurs herrscht wieder Gleichgewicht ( ). Das Fallen des Wechselkurses bremst das Exportangebot im Vergleich zu und vergrö- ßert die Importnachfrage gegenüber . Das ist der Fall einer normalen Reaktion. Mit der Ermäßigung des Preises für Devisen wird die Inlandswährung r0 m0 r0 0m0E0r0 r m$ mEuro mEuro r m$⋅= S X D M S1 m'0 m0– r0 r1 E1 E'0 E0 552 Vierter Teil. Weltwirtschaft aufgewertet, die Auslandswährung abgewertet. Gemäß Gleichung (22.12) läßt sich der Vorgang kurz so beschreiben: Eine autonome Preisniveausteigerung , die eine Zahlungsbilanz aktiviert, ist durch eine entgegengerichtete Änderung von korrigiert worden. Generell kann man sagen, daß Änderungen der Preisniveaurelationen durch Wechselkursänderungen kompensiert werden. Inflationiert z. B. das Ausland ständig stärker als das Inland, würde der Wechselkurs dauernd fallen (laufende Aufwertungen). Der theoretisch evidente Vorteil eines frei schwankenden Wechselkurses ist die gleichsam automatische Beseitigung von Zahlungsbilanzungleichgewichten. Diese Feststellung gilt nicht bei anomaler Reaktion. Sie tritt ein, wenn die - Kurve flacher verläuft als die -Kurve (Fig. 22-3.I.). Erhöht sich die Devisennachfrage für Importe wegen eines Preisniveaugefälles vom Inland zum Ausland, so daß sich nach verschiebt (Fig. 22-3.I.), stiege der Wechselkurs bei normalem Verlauf der Devisenangebotsfunktion von auf (Abwertung der Inlands- und Aufwertung der Auslandswährung). Eine Wechselkurserhöhung würde das Devisenangebot aus Exporten vergrößern und die Devisennachfrage für Importe (entlang der -Kurve) vermindern, bis schließlich ein neues Gleichgewicht zustande käme ( ). Im obigen Beispiel entsteht jedoch ein Ungleichgewicht, da die tatsächliche Devisenangebotsfunktion ist. Fig. 22-3: Inlandsmarkt für Devisen (anomale Reaktion) Nach der Verschiebung der Devisennachfragekurve von nach entsteht beim alten Wechselkurs ein Nachfrageüberhang in Höhe von . Die Nachfrager werden sich nun, um in den Besitz größerer Devisenmengen zu gelangen, überbieten und bereit sein, einen höheren Wechselkurs zu zahlen. Dadurch drängen sie aber das Angebot noch weiter zurück. Der Nachfrageüberhang wird immer größer. Ein neues Gleichgewicht kommt also nicht zustande. Sowohl als auch sind als Ausgangsgleichgewichte labil. In Fig. 22-3.II. verläuft die -Kurve anomal, aber nicht flacher als die -Kurve. Verschiebt sich auch hier die Devisennachfrage nach rechts (von nach ), entsteht beim altenWechselkurs ein Nachfrageüberhang ( ), der aber im Gegensatz zum ersten Beispiel durch Überbietung der Nachfrager, d. h. durch Heraufsetzung desWechselkurses auf , beseitigt wird. und sind stabile Gleichgewichte. Auf einem freien Devisenmarkt ist demnach unter bestimmten Verhältnissen ( ) ein automatischer Ausgleich der Zahlungsbi- PaΔ r S D D0 D1 S0 r0 r1 D1 E'1 S1 D0 D1 r0 m'0 m0– E0 E1 S D D0 D1 r0 m'0 m0– r1 E0 E1 tg α tg β> 22. Monetäre Theorie 553 lanz nicht zu erwarten. Die meisten Ökonomen vertreten heute im Hinblick auf die Wirkungen von Auf- und Abwertungen fester Wechselkurse die Ansicht, daß der Fall einer anomalen Reaktion - weil empirisch kaum relevant - vernachlässigt werden kann. III. Preis-Mechanismen Preisniveau-Mechanismus Bei festen Wechselkursen sind Preisniveauänderungen zwischen In- und Ausland die Alternative zu Wechselkursänderungen bei gegebenen Preisniveaus. Diese - theoretisch anders als praktisch zuwertenden - alternativenMöglichkeiten, eine Zahlungsbilanz auszugleichen, wurden bereits erörtert. Es dürfte keine Schwierigkeiten machen, sich den Zusammenhang (22.3 a) mit und für und (Verhaltens-Gleichung) noch einmal kurz klarzumachen, etwa anhand der Fig. 22-1 undÜbers. 22-3. Im Fall einer normalen Reaktion gilt (22.12 a) mit für (Verhaltens-Gleichung). Ceteris paribus wirken dann Erhöhungen (Senkungen) des ausländischen (inländischen) Preisniveaus auf die Zahlungsbilanz in der gleichenWeise, wie Abwertungen bei konstanten Preisniveaus et vice versa. Diese Erklärung ist ziemlich abstrakt. Eine konkrete Ausgestaltung hat sie im Geldmengen-Preis- Mechanismus als wichtigster Unterform gefunden - der klassischen, auf DAVID HUME zurückgehenden Erklärung, wie in einem System festerWechselkurse ein gestörtes Zahlungsbilanzgleichgewicht wieder ausgeglichen wird. Obwohl für den internationalen Goldstandard entwickelt, lassen sich die wichtigsten Erklärungselemente auch für moderne Währungssysteme verwenden. Wesentlich für den Geldmengen-Preis-Mechanismus sind die Festsetzung einer Parität zwischen Inlands- und Auslandswährung, Interventionen der Zentralbanken zur Verteidigung der Parität und durch Geldmengenänderungen induzierte internationale Preisniveauverschiebungen zum Ausgleich eines gestörten Zahlungsbilanzgleichgewichts. Unerheblich ist dagegen, nachwelchen Kriterien die Paritätsfestsetzung erfolgt, mit welchem "Material" (Gold oder Devisen) die Zentralbanken eingreifen und ob die Interventionen erst bei gewissen Abweichungen von der Parität nach oben und unten (Bandbreiten) einsetzen oder keine Paritätsschwankungen toleriert werden. Die Wirkungsweise des Mechanismus läßt sich in graphischer Darstellung veranschaulichen (Fig. 22-4). Wie in Fig. 22-2 wird von einem Inlandsmarkt für Devisen bei normaler Reaktion ausgegangen. Die Inlandswährung (Euro) ist als Preis für Devisenmengen ($) pro Zeiteinheit aufgetragen Z f Pi Pa,( )= Z Pi 0<∂⁄∂ Z∂ Pa 0>∂⁄ r Yi a, Z f p( ) f Pa r⋅ Pi ------------⎝ ⎠ ⎛ ⎞= = dZ dp 0>⁄ Yi a, 554 Vierter Teil. Weltwirtschaft (Zwei-Länder-Modell). Das Devisenangebot repräsentiert die Exportwerte , die Devisennachfrage die Importwerte , beide ausgedrückt in Inlandswährung, so daß der Wechselkurs ist, bei dem sich die Zahlungsbilanz im Gleichgewicht befindet ( ). Fig. 22-4: Geldmengen-Preis-Mechanismus In Fig. 22-4 ist die - nicht essentielle - Möglichkeit einer Bandbreite vorgesehen, innerhalb der Wechselkursschwankungen keine Interventionen der Zentralbank auslösen. Man beachte, daß die Bandbreite stark vergrößert gezeichnet ist und deshalb die Koordinaten nicht durchgezogen wurden. So werden die Wechselkurse zwischen den Ländern, die sich dem Europäischen Währungssystem (EWS) angeschlossen haben - wobei die Währungen dritter Länder dem freien Markt überlassen bleiben -, untereinander innerhalb einer Bandbreite zu multilateralen Paritäten gehalten. EineVoraussetzung für den Geldmengen-Preis-Mechanismus ist die Festsetzung einer Parität. Dazu bieten sich zwei Möglichkeiten an: Erstens können die Währungen der Länder auf eine dritte Bezugsgröße (Reservenmedium) ausgerichtet werden (z. B. auf Gold, wie im Goldwährungssystem, auf den US-Dollar [Devisenstandard] oder auf eine abstrakte Werteinheit, z. B. Sonderziehungsrechte). Zweitens ist es möglich, Paritäten rechnerisch oder fiktiv einfach festzulegen (z. B. aus Erfahrungswerten oder im Hinblick auf wirtschaftspolitische Ziele). Im Goldwährungssystem vor dem Ersten Weltkrieg war in jedem Land der Goldpreis, zu dem die Zentralbanken vom Publikum Gold ankaufen und an dieses verkaufen mußten, gesetzlich fixiert, so daß sich aus den Preisen die Parität ergab. Der deutsche Gesetzgeber hatte z. B. den Preis für 1 kg Feingold auf 2790 Mark festgelegt, der englische Gesetzgeber - in gleicher Goldparität und Gewichtseinheit gerechnet - auf 136 £ 11 s 3 d (in Dezimalrechnung = 136,565 £), so daß die Währungsparität für das englische Pfund 20,43 Mark betrug (2790: 136,565). Ebenso ließ sich die Parität für andere Währungen bestimmen (z. B. für 100 französische Franc gleich 80,96 Mark). Analoges gilt für Paritäten, die auf andere Weise zustande kommen. Werden - wie in der Regel - Abweichungen von der Parität zugelassen, vereinbaren die Länder eine Band- S X D M r0 Z X M–≡ 0= 22. Monetäre Theorie 555 breite oder intervenieren von sich aus entsprechend. Gegen Inlandswährung kaufen und verkaufen die Zentralbanken Gold oder Devisen entweder bei jeder Paritätsabweichung oder bei Erreichen der maximalen Abweichungen. Die Interventionen der Zentralbank setzen bei Störungen der Zahlungsbilanz ein. Angenommen, die Importnachfrage steigt bei einer zuvor ausgeglichenen Zahlungsbilanz, etwa infolge eines inländischen Preisauftriebs. Ein frei beweglicher Wechselkurs wird sich - wenn sich die Devisennachfrage z. B. von nach (Fig. 22-4) verschiebt - erhöhen, von nach oben bewegen (Abwertung). Ist keine Bandbreite zugelassen, bietet die ZentralbankGold oder Devisen in dem Maße an, daß sich nicht ändert. Bei einem Bandbreitensystem würde die Zentralbank von einem bestimmten Punkt an intervenieren. In einemGoldwährungssystem kann derWechselkurs nicht über steigen, weil es bei einem höherenWechselkurs günstiger sein würde, die gestiegenen Importe mit Gold statt mit ausländischer Währung zu bezahlen. Das Gold beschaffen sich die Importeure zum festgesetzten Preis bei der Notenbank. Der Grund, warum ein solcher Kauf von Gold erst bei einsetzt, liegt darin, daß die Übersendung des Goldes - anstelle von Devisen - ins Ausland Kosten verursacht (sogenannte Transferkosten wie Transport-, Versicherungskosten und Zölle), die durch den steigenden Wechselkurs und den damit verbundenen Abwertungs- "Gewinn" gedeckt sein müssen. Den Wechselkurs , bei dem der Goldexport einsetzt, nennt man deshalb den Goldexportpunkt. Verschieben sich Angebot oder Nachfrage in den völlig elastischen Bereich, wird Gold exportiert. Ähnliches gilt für den Goldimportpunkt . Das Bandbreitensystem funktioniert auch ohne Goldwährung, wenn die Zentralbank von bestimmten Kursen an interveniert. Im oberen Interventionspunkt ( ; Devisenknappheit) bietet sie Devisen an, im unteren ( ; Devisenüberschuß) fragt sie nach. Die Zentralbank interveniert mit einemMaterial (Gold oder Devisen), das sie nicht selbst produziert. Auf Dauer kann sie die Parität nur verteidigen, wenn ein Abfluß von Gold oder Devisen von einem entsprechenden Zufluß abgelöst wird et vice versa. Die Besonderheit des Geldmengen-Preis-Mechanismus liegt darin, daßmit ZentralbankinterventionenWirkungen ausgelöst werden sollen, die die Zahlungsbilanzstörung mildern, bei einem Abfluß von Gold oder Devisen also einen Zufluß induzieren und umgekehrt. Wenn, wie angenommen, die Zentralbank wegen einer inländischen Preisniveauerhöhung Gold oder Devisen verkauft (oder Private Gold exportieren), wird dem inländischen Kreislauf Geld entzogen. Anhaltender Geldentzug führt zu einer Dämpfung des inländischen Preisniveaus. Bei einem festen Wechselkurs fällt damit das inländische Preisniveau absolut oder relativ gegenüber dem ausländischen. Ein absolut oder relativ fallendes Inlandspreisniveau bei konstantem Wechselkurs wirkt in die gleiche Richtung wie ein steigender Wechselkurs bei konstanten Preisen (Abwertung), beides bezogen auf den Fall einer normalen Reaktion: Der Devisenabfluß wird beseitigt und durch einen Devisenzufluß abgelöst. Das Gegenteil ließe sich für eine Zahlungsbilanzstörung zeigen, bei der aus Exporten verstärkt Devisen angeboten werden. Der Geldmengen-Preis-Mechanismus beruht auf einer wichtigen Implikation: Expansionen und Kontraktionen der Geldmenge führen zu gleichgerichte- D0 D1 r0 r0 r1 r1 r1 r2 r1 r2 556 Vierter Teil. Weltwirtschaft ten Preisniveauänderungen. Das ist eine zentrale Hypothese in der Quantitätstheorie des Geldes. Diese kann für längere Zeitperioden und für Zustände hohen Beschäftigungsgrades empirisch als bestätigt gelten, wie Untersuchungen der letzten Jahre verdeutlicht haben (21. Kap.). Eine andere Frage ist jedoch, ob man wirtschaftspolitisch die Wirkungen von Geldmengenkontraktionen oder -expansionen auf den Konjunkturverlauf in Kauf nehmen muß oder will. Die Frage wird heute in praktisch allen Ländern verneint. Man ist insbesondere nicht mehr bereit, die Vollbeschäftigung dem Zahlungsbilanzausgleich zu opfern, wie das früher - insbesondere vor dem Ersten Weltkrieg - selbstverständlich war. Dazu besteht auch keine Notwendigkeit, weil frei schwankende Wechselkurse grundsätzlich geeignet sind, Zahlungsbilanzstörungen unter Beibehaltung der Vollbeschäftigung zu beseitigen. Einzelpreis-Mechanismus Der Einzelpreis-Mechanismus ist eine der ältesten Erklärungen zum Zahlungsbilanzausgleich, zu der man in der modernen Theorie - etwa in der Variante "absorption approach" - im Hinblick auf den unbefriedigenden Erklärungsgehalt anderer Zahlungsbilanzmechanismen wieder zurückfindet (vgl. Literaturempfehlungen zum vierten Teil). Seine Wirkungsweise beruht auf der Hypothese, die Funktion der Preise werde nur von den Einzelpreisen und nicht von einem errechneten Durchschnittspreis geleistet. Das gelte bei einem gegebenen Wechselkurs auch für die internationale Nachfrage (direkter internationaler Preiszusammenhang). Ist der Preis eines bestimmten, international gehandelten Gutes z. B. im Ausland höher als im Inland, zieht der Preis auch im Inland an. Gleiches gilt selbstverständlich, wenn die Preise zahlreicher oder gar aller gehandelten Güter höher liegen. Ceteris paribus wäre also ein Inflationsimport - oder bei niedrigeren Auslandspreisen Deflationsimport - unabhängig vom Stand der Zahlungsbilanz möglich, während der Geldmengen-Preis-Mechanismus für eine Inflations- oder Deflationsübertragung aus demAusland einen Zahlungsbilanzüberschuß bzw. ein Zahlungsbilanzdefizit voraussetzt. Zwischen Geldmengen-Preis- und Einzelpreis-Mechanismus besteht kein notwendiger Gegensatz. Der Terminus "Einzelpreis-Mechanismus" verdeckt nämlich, daß primär nicht Einzelpreise, sondern die von ihnen induzierten Ausgaben- oder Einkommenseffekte für dieWirkungen auf die Zahlungsbilanz entscheidend sind (deshalb auch "Einkommen-Preis-Mechanismus" genannt). Ein Anpassungsprozeß der Zahlungsbilanz wird dadurch ausgelöst, daß Einzelpreisänderungen die internationale Nachfrage nach dem entsprechenden Gut verschieben. Vorausgesetzt werden in einfachen Modellen - neben Vollbeschäftigung im In- und Ausland - ein unveränderter Wechselkurs und Konstanz des nominellen Welteinkommens. Angenommen, im Inland tritt eine Mißernte auf: Das inländische Angebot an Brotgetreide verringert sich als Folge der schlechten Ernte. Der Getreidepreis im Inland steigt. Es wird verstärkt billigeres ausländisches Getreide nachgefragt, dessen Preis dadurch ebenfalls anzieht. Mit steigender Nachfrage nach ausländischemGetreide erhalten die Auslandsproduzenten ein erhöhtes, die Inlandsproduzenten insgesamt unter gleichbleibenden Umständen notwendigerweise ein sinkendes Einkommen. 22. Monetäre Theorie 557 Somit führt unter den angegebenen Bedingungen eine partielle Nachfrageverschiebung zu einem Defizit (Überschuß) der inländischen (ausländischen) Zahlungsbilanz und zu einer Kaufkraftübertragung vom Inland auf das Ausland (primärer Einkommenseffekt). Die gestiegenen (gesunkenen) Auslands-(Inlands-)Einkommen bewirken tendenziell eine allgemeine Preissteigerung (-senkung) im Ausland (Inland) - weil im Ausland ein erhöhtes Einkommen bei Vollbeschäftigung zu gleichen Preisen nicht "absorbiert" werden kann -, so daß die Neigung der Ausländer wächst, ihre zusätzlichen Einkommen im Inland zu verausgaben. Soweit das der Fall ist, wird Kaufkraft zurückübertragen (sekundärer Einkommenseffekt) und das Defizit der Zahlungsbilanz reduziert sich wieder. Im Grenzfall geben die Ausländer ihr gesamtes Zusatzeinkommen im Inland aus. Beide Einkommenseffekte sind dann gleich groß und die Zahlungsbilanzen wären wieder ausgeglichen. In diesem Fall wird die zusätzliche Inlandsnachfrage nach Auslandsgütern (Importe) von einer größengleichen Auslandsnachfrage nach Inlandsgütern (Exporte) "finanziert". Ein Zahlenbeispiel - bei dem zur Vereinfachung von einer ursprünglich ausgeglichenen Zahlungsbilanz ausgegangen wird - soll den Einzelpreis-Mechanismus illustrieren (Übers. 22-4). Übers. 22-4: Wirkungsweise des Einzelpreis-Mechanismus Das Beispiel verdeutlicht, daß der Einzelpreis-Mechanismus in die gleiche Richtung wirken kann - man könnte sagen, wirken muß - wie der Geldmengen- Preis-Mechanismus. Allerdings hängt die Stärke dieser Wirkung von der ökonomischen Bedeutung (der Größe) ab, die das Inland für das Ausland besitzt. Periode Periodenendstand Inlandseinkommen Einkommensänderung ( Zahlungsbilanz Auslandseinkommen Einkommensänderung Zahlungsbilanz Inlandsund Auslandseinkommen 1 Ausgangssituation 100 - 0 600 - 0 700 2 Primärer Einkommenseffekt 80 -20 -20 620 +20 +20 700 3 Sekundärer Einkommenseffekt a)Regelfall b) Grenzfall 95 100 +15 +20 -5 0 605 600 -15 -20 +5 0 700 700 Yi Yt 1+ Yt )i– Zi Xi( Mi )– Ya r⋅ Yt 1+( Yt )a r⋅– Za r⋅ Xa( Ma )– Yi + Ya r⋅ = const. 558 Vierter Teil. Weltwirtschaft Ist das Inland im Vergleich zum Ausland sehr klein, treten Sekundäreffekte kaum oder gar nicht ein, so daß auch keine Zahlungsbilanzkorrekturen erfolgen. Schwächen des Einzelpreis-Mechanismus liegen darin, daß die in der Regel eintretenden multiplikativen Einkommenswirkungen und der Einfluß der Preisniveauverschiebungen auf die internationale Nachfrage - freilich bewußt außer Betracht bleiben. Monetärer Zahlungsbilanz-Mechanismus Bei den Mechanismen für den Zahlungsbilanzausgleich wird zunehmend die monetäre Zahlungsbilanztheorie diskutiert, die im wesentlichen von Ökonomen des InternationalenWährungsfonds konzipiert und durch einige akademische Wirtschaftswissenschaftler verfeinert worden ist. Die Elemente dieser Theorie sind nicht neu, wohl aber ihre Verbindung. Sie entstammen teils der Geld-, insbesondere der Kassenhaltungstheorie, teils den eben behandelten Theorien des Zahlungsbilanzausgleichs. Ihre wichtigste Hypothese ist, daß bei festen Wechselkursen ein Zahlungsbilanzungleichgewicht nur temporär existieren kann, sofern nicht vor Erreichen des Gleichgewichts eine neue Störung eintritt. Der "monetary approach" geht von der Überlegung aus, daß sich ein partielles Währungsgebiet bei festen Wechselkursen von der monetären Entwicklung im Rest der Welt um so weniger abschirmen kann, je kleiner es ist. Deshalb macht man bei der Analyse in Modellen regelmäßig folgende Annahmen: Das Land sei so klein, daß es Preise international gehandelter Güter und Zinsen handelsfähiger Wertpapiere vom Ausland hinnehmen muß (direkter internationaler Preiszusammenhang). Das Geldangebot (Bargeld und Giralgeld) sei eine stabile und steigende Funktion sowohl der inländischen Aktiva des Bankensystems als auch des Bestandes an internationalen Reserven. Änderungen dieses Bestandes sind als Zahlungsbilanzsaldo definiert, der danach - in Übereinstimmung mit der Begriffsverwendung in der währungspolitischen Praxis - Kapitaltransaktionen einschließt. Die Geldnachfrage sei ebenfalls stabil und frei von Geldillusion entsprechend der Gleichung (18.27). Unter diesenAnnahmen besagt die monetäre Zahlungsbilanztheorie, daß ein Geldmarktungleichgewicht ein Zahlungsbilanzungleichgewicht auslöst, das solange dauert, bis der Geldmarkt wieder im Gleichgewicht ist. Die Wirkungsweise des monetären Zahlungsbilanzmechanismus soll anhand einer Störung illustriert werden. Im Ausgangszustand befinde sich der Geldmarkt ( ) und die Zahlungsbilanz ( ) im Gleichgewicht. Die Störung werde z. B. durch Preiserhöhungen im Ausland ausgelöst. Annahmegemäß steigen auch die Inlandspreise, zumindest die der international gehandelten Güter. Bei gegebenen Zinssätzen übersteigt die Geldnachfrage das Geldangebot. Das Ungleichgewicht ließe sich durch eine Vergrößerung des Geldangebots beseitigen. Dieses könnte vergrößert werden durchMaßnahmen, die den Geldschöpfungsmultiplikator erhöhen oder durch einen Devisenzufluß. Die erste Möglichkeit wird durch die Annahme einer stabilen Geldangebotsfunktion ausgeschlossen. Die Zentralbank ist danach nicht bereit, verstärkt inländische Bankaktiva oder internationale Reserven zu erwerben. Die zweite Ms Z Ms Md= Z 0= 22. Monetäre Theorie 559 Möglichkeit steht jedoch den Geldnachfragern offen. Das Geldmarktungleichgewicht induziert einen Zufluß an Devisen, den die Zentralbank bei festem Wechselkurs in inländische Währungseinheiten umtauschen muß: das Geldangebot steigt. Damit wird deutlich, daß die inländische Zentralbank unter den Annahmen des Modells nicht die Höhe, sondern nur die Zusammensetzung des jeweiligen Geldangebots bestimmen kann. Die Höhe des inländischen Geldangebots wird durch die inländische Geldnachfrage bestimmt. Da die Zahlungsbilanz vor der Störung im Gleichgewicht war, entsteht durch das Geldmarktungleichgewicht ein Überschuß in der Zahlungsbilanz. Dieser Devisenzufluß wird realisiert durch den Export von Gütern (Leistungsbilanzverbesserung) und/oder Wertpapieren (Kapitalbilanzverbesserung). Er ist allerdings nicht von Dauer, weil mit der Auffüllung der Realkasse der Exportdrang nachläßt. Anders als beim Geldmengen-Preis-Mechanismus, der durch die Annahme nichtautonomer Preise ausgeschlossen ist, vollzieht sich der Ausgleich der Zahlungsbilanz über Realkasseneffekte. Die Weltgeldmenge verteilt sich international, bis das ursprüngliche Gleichgewicht am Geldmarkt und in der Zahlungsbilanz wieder hergestellt ist. Damit wird erstens die eingangs erwähnte Hypothese deutlich, daß in einem System fester Wechselkurse eine Störung der Zahlungsbilanz Kräfte auslöst, die auf ein neues Gleichgewicht hinwirken. Zweitens erkennt man, daß unter den gegebenen Voraussetzungen eine unabhängige nationale Geldpolitik unmöglich ist. Die Reichweite der monetären Zahlungsbilanztheorie wird vor allem an zwei Prämissen deutlich: an der weltwirtschaftlich irrelevanten Größe des Landes und am festenWechselkurs. In eineWelt, in der beide Prämissen nicht oder nur sehr eingeschränkt gelten, lassen sich nur Teile der Erklärung herüberretten. Im Hinblick auf das vorherrschende System freier Wechselkurse läßt sich die Theorie des "monetary approach" des Zahlungsbilanzausgleichs allerdings anpassen. Die monetäre Zahlungsbilanztheorie erweitert unabhängig davon die Erklärung der Realkassenhaltung, indem explizit ausländische Aktiva einbezogen werden, und enthält Elemente für eine Analyse der weltweiten Inflation. IV. Volkseinkommen-Mechanismus Der Volkseinkommen-Mechanismus - auf dem Boden der Analyse von KEYNES gewachsen - basiert auf dem gleichen Grundgedanken wie der klassische Einkommen-Preis-Mechanismus. Die zentraleHypothese ist, daß bei einem festen Wechselkurs eine zahlungsbilanzwirksame Einkommensumverteilung zwischen In- und Ausland im begünstigten Land eine Nachfrageerhöhung nach Auslandsgütern induziere, die das ursprüngliche Zahlungsbilanzungleichgewicht reduziere und im Grenzfall völlig beseitige. Das Entstehen des ursprünglichen, beim Einzelpreis-Mechanismus aus dem internationalen Preiszusammenhang abgeleiteten Ungleichgewichts wird in der Regel nicht erklärt. Preisänderungen werden ausgeschlossen. Man geht - im Gegensatz v. a. zum Einzelpreis-Mechanismus - von Unterbeschäftigung aus. Schon hieraus läßt sich ersehen, daß der Volkseinkommen-Mechanismus das Zustandekommen 560 Vierter Teil. Weltwirtschaft des Zahlungsbilanzausgleichs nicht über den direkten internationalen Preiszusammenhang und seine Einkommenswirkung, sondern über die Einkommenswirkung von Beschäftigungsschwankungen erklärt. Der Mechanismus läßt sich als Teil der Beschäftigungstheorie darstellen. Die Ausgangsfrage lautet: Kann ein positiver Saldo der Zahlungsbilanz, der durch eine autonome Exporterhöhung entstanden sein soll, über Einkommenseffekte beseitigt werden, so daß die Zahlungsbilanz wieder ins Gleichgewicht kommt? Es gilt also: (22.4) für und (Verhaltens-Gleichung). Da der Saldo der Zahlungsbilanz als Differenz zwischen Exporten und Importen definiert ist ( ), ergibt sich für die Änderung des Zahlungsbilanzsaldos: (22.13) (Definitions-Gleichung). Unterstellt man, aus einem gegebenen Volkseinkommen ( ) werde ein Teil gespart (marginale Sparquote: ) und ein weiterer für Einfuhren ausgegeben (marginale Importquote: ), erhält man eine Spar- und eine Importfunktion: (22.14 a) und (22.15 a) (Verhaltens-Gleichungen). Für die Einkommensänderung ( ) lassen sich diese Funktionen überführen in (22.14 b) und (22.15 b) . Ein gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht ohne staatliche Aktivität liegt vor wie aus der Beschäftigungstheorie bekannt ist -, wenn gilt: (22.16) (Gleichgewichts-Bedingung). Bei einer angenommenen autonomen Erhöhung des Exports um wird (22.16) bei konstanter Nettoinvestition zu (22.17 a) und - wegen (22.14 b) und (22.16) - zu (22.17 b) bzw. (22.17 c) . Substituiert man in (22.15 b) durch den Ausdruck in (22.17 c), erhält man für (22.13) (22.18 a) oder, da ist, Z f Y( )= r P Z X M–≡ ZΔ XΔ MΔ–≡ Y s m S s Y⋅= M m Y⋅= YΔ SΔ s YΔ⋅= MΔ m YΔ⋅= S M+ I X+= XΔ I S MΔ+Δ XΔ= XΔ s YΔ⋅ m YΔ⋅+ YΔ s m+( )⋅= = YΔ 1 s m+ ------------ XΔ⋅= YΔ ZΔ X m m s+ ------------ XΔ⋅–Δ X 1 mm s+ ------------–⎝ ⎠ ⎛ ⎞⋅Δ= = 1 mm s+ ------------– sm s+ ------------= 22. Monetäre Theorie 561 (22.18 b) . (22.17) und (22.18) sind Verhaltens-Gleichungen. In (22.18 b) ist der Zahlungsbilanzmultiplikator, die autonome Exportsteigerung. Die Frage ist nun, wie sich der Saldo der Zahlungsbilanz, der im Ausgangszustand gleich Null war, verändert ( ), wenn es zu einer autonomen Exportsteigerung kommt. Würde trotz steigenden Exports , bliebe die Zahlungsbilanz ausgeglichen ( ). Würde positiv, käme es zu einem Zahlungsbilanz- überschuß, der der Exportsteigerung gleich ist, wenn wird, der aber kleiner ist, wenn gilt. Unter welchen Bedingungen diese Fälle eintreten, hängt von den Größen und ab. Haben und einen von Null verschiedenen Wert, kann die Zahlungsbilanz nicht vollständig durch die Einkommenswirkungen ausgeglichen werden ( ). Als Grenzfälle können gelten: 1. Die marginale Importquote ist Null ( ). Dann bliebe der durch die Exporterhöhung entstandene Zahlungsbilanzüberschuß bestehen ( ). 2. Ist die marginale Sparquote gleich Null ( ), würde die Zahlungsbilanz ausgeglichen ( ). Die bisherige Analyse war komparativ-statisch. Ein Ausgangsgleichgewicht wurde einem neuen Gleichgewicht gegenübergestellt. Den zeitlichen Anpassungsprozeß, die dynamische Betrachtungsweise, mag ein Zahlenbeispiel (ohne staatliche Aktivität) verdeutlichen, wobei für Konsum und Import folgende dynamische Verhaltens-Gleichungen gelten sollen: (22.19) (22.20) (Verhaltens-Gleichungen). Bei und ( ) - ist ein Teil von - erhält man unter der Annahme einer autonomen Exportsteigerung von 100 und einer im Ausgangszustand ausgeglichenen Zahlungsbilanz folgenden Verlauf (Übers. 22-5). Übers. 22-5: Volkseinkommen-Mechanismus Periode (autonom) 1 2 3 4 5 . . 100 100 100 100 100 . . 100 - 20 30 35 37,5 . . 40 - 80 120 140 150 . . 160 - 30 45 52,5 56,25 . . 60 100 70 55 47,5 43,75 . . 40 100 150 175 187,5 193,75 . . 200 ZΔ s m s+ ------------ XΔ⋅= s s m+( )⁄ XΔ ZΔ ZΔ 0= Z 0= ZΔ ZΔ XΔ= ZΔ XΔ< s m s m ZΔ XΔ< m 0= ZΔ XΔ= s 0= ZΔ 0= CtΔ c Yt 1–Δ⋅= MtΔ m Yt 1–Δ⋅= m 0,3= c 0,8= s 0,2= m c XΔ SΔ = 0,2 Yt 1–Δ⋅( ) CΔ = 0,8 Yt 1–Δ⋅( ) MΔ = 0,3 Yt 1–Δ⋅( ) ZΔ = X MΔ–Δ YΔ = XΔ CΔ+ MΔ– ∞ 562 Vierter Teil. Weltwirtschaft Das mit der autonomen Exportsteigerung eingetretene Zahlungsbilanzungleichgewicht fällt von 100 auf 40: . Den Zahlen kommt nur eine illustrative Bedeutung für die Wirkungsweise des Mechanismus zu. Der Zahlungsbilanzmultiplikator darf nicht mit dem Volkseinkommensmultiplikator verwechselt werden, der im vorliegenden Fall beträgt. Eine verfeinerte Analyse könnte die Rückwirkungen einbeziehen, die durch die Entwicklung der Zahlungsbilanz vom Ausland her zu erwarten sind. Exportsteigerungen des Inlandes bedeuten Importerhöhungen des Auslandes. Der inländischen Einkommensexpansion steht eine Kontraktion im Ausland gegenüber, die auf die Inlandsexporte dämpfend wirkt. Des weiteren ist der Mechanismus nicht an konstante Spar- und Importquoten gebunden. Grenzen für seine Erklärungsreichweite ergeben sich vor allem daraus, daß er - von einem empirisch irrelevanten Grenzfall abgesehen - kein Mittel zum Zahlungsbilanzausgleich darstellt. Einkommenseffekte haben generell nur eine komplementäre Ausgleichsfunktion zu Preiseffekten. Die Voraussetzung konstanter Preise - die Ausschaltung der Preiswirkungen -muß als ein noch größerer Mangel angesehen werden. Die Identifikation von Nominal- und Realeinkommenserhöhungen, die nur bei konstanten Preisen gleich sind, ist lediglich bei allgemeiner Unterbeschäftigung realistisch. Unter dieser Voraussetzung wird eine Exporterhöhung Volkseinkommen und Beschäftigung steigen lassen. Für Importsteigerungen gilt das Gegenteil. Man würde jedoch zu unhaltbaren oder ökonomisch wenig sinnvollen Schlußfolgerungen gelangen, wenn man diese Einsicht auf eine vollbeschäftigte Wirtschaft übertrüge. Anhang elasticity approach Der "elasticity approach", der auf ALFREDMARSHALL zurückgeht, beschreibt die Reaktion der Zahlungsbilanz - genauer: der Leistungsbilanz - nach einer Wechselkursänderung (Abwertung oder Aufwertung) anhand der Elastizitäten des Devisenmarktes oder des Gütermarktes. Da Angebot und Nachfrage von Devisen auf Güterexporte und -importe zurückgehen, lassen sich die Elastizitäten des Devisenmarktes durch die des Gütermarktes ersetzen. Hiermag es zur Veranschaulichung des Vorgehens genügen, die ZahlungsbilanzreaktionmitDevisenelastizitäten zu beschreiben. Bezeichnet man den Inlandspreis für Auslandswährung - den inländischen Wechselkurs in einer Zwei-Länder-Welt - mit (vereinfacht, statt bisher ), den Auslandspreis für Inlandswährung mit (statt bisher ), die Werte des Exportes und Importes in Auslandswährung mit und und in Inlandswährung mit und , so können analog (4.15) und (4.23) die Wechselkurselastizitäten auf dem Inlandsmarkt für Auslandswährung für Exporte ( ) und Importe ( ) und auf demAuslandsmarkt für Inlandswährung für Exporte ( ) und Importe ( ) - letztere vom Ausland gesehen - wie folgt definiert werden: ZΔ 0,2 0,2 0,3+( )⁄[ ] 100⋅ 40= = 1 0,2 0,3+( )⁄ 2= r ri r' ra X' M' X M ε'X η'M εX ηM 22. Monetäre Theorie 563 (22A.1 a) (22A.1 b) (22A.1 c) (22A.1 d) (Definitions- Gleichungen). Die Zahlungsbilanz ( ) wird sich nach einer Abwertung der Inlandswährung (Erhöhung von ) verbessern (normal reagieren), wenn die sichere Zunahme von größer ist als die mögliche Zunahme von et vice versa, so daß folgende allgemeine Reaktionsbedingung gilt: (22A.2) (Verhaltens-Gleichung). Im "elasticity approach" wird (22A.2) durch Elastizitäten ersetzt. Für den linken Ausdruck erhält man, da für die Beziehung zwischen Inlands- und Auslandswerten des Exportes gilt: oder wegen (22A.1 a) und (22A.3) . Ähnlich lautet, da gilt: oder wegen (22A.1 b) und (22A.4) . Setzt man (22A.3) und (22A.4) in (22A.2) ein, folgt: (22A.5a) bzw. oder (22A.5b) bzw (Verhaltens-Gleichung). Mit demAusdruck (22A.5) könnte der "elasticity approach" abgeschlossen werden. Es ist jedoch gängige Praxis, die Elastizitäten des Devisenmarktes auf die jeweilige Importseite oder - was selten geschieht - Exportseite abzustellen, also ε'X r X' ---- dX' dr -------⋅= η'M r M' ----- dM' dr --------⋅–= εX r' X -- dX dr' ------⋅= ηM r' M ----– dM dr' -------⋅= Z X M–= r X M dX dr ------ dM dr -------≤ bzw. dM dr -------≥ X X' r⋅= dX dr ------ dX' dr ------- r⋅ X'+ X' dX' dr ------- r X' ----⋅ 1+⎝ ⎠ ⎛ ⎞= = X' Xr --= dX dr ------ X r --- ε'X 1+( )= M M' r⋅= dM dr ------- dM' dr -------- r⋅ M'+ M' dM' dr -------- r M' -----⋅ 1+⎝ ⎠ ⎛ ⎞= = M' Mr ----= dM dr ------- M r ---- 1 η'M–( )= X r -- ε'X 1+( ) M r ---- 1 η'M–( )≤ M r ---- 1 η'M–( )≥ X M ---- ε'x 1+( ) 1 η'M–≤ 1 η'M–≥ 564 Vierter Teil. Weltwirtschaft durch zu ersetzen. Das ist möglich, weil Angebot und Nachfrage von Devisen im In- und Ausland keine unabhängigen Größen sind. Inländisches Devisenangebot ( ) und ausländische Devisennachfrage ( ) verhalten sich zueinanderwieMengen undWerte ( ), was für inländischeDevisennachfrage ( ) und ausländisches Devisenangebot ( ) entsprechend gilt. Mengen- undWertelastizitäten unterscheiden sich um die Größe 1, wie sich zeigen läßt. Geht man von aus, erhält man (22A.1 d) die Form: (22A.6) . Da ist, gilt . Eingesetzt in (22A.6) erhält man nach Umformungen: (22A.7) , woraus nach Vergleich mit (22A.3) folgt: (22A.8) , so daß (22A.5 b) auch geschrieben werden kann: (22A.9) bzw. (Verhaltens-Gleichung). Gleichung (22A.9) wird als HIRSCHMAN-Bedingung bezeichnet. Sie besagt, daß eine Abwertung (Aufwertung) zu einer Verbesserung (Verschlechterung) der Zahlungsbilanz führt, wenn die Summe der Devisenelastizitäten für Importe - gewichtet mit - größer als 1 ist (normale Reaktion). Im umgekehrten Fall - kleiner als 1 - reagiert die Zahlungsbilanz anomal, im Grenzfall gleich 1 - überhaupt nicht. In der theoretischen Analyse wird häufig von einer ausgeglichenen Zahlungsbilanz ausgegangen ( ) und nur die normale Reaktion behandelt, weil die anomale das jeweilige Gegenteil ist. Dann vereinfacht sich (22A.9) zu: (22A.10) (Verhaltens-Gleichung). Gleichung (22A.10) ähnelt der MARSHALL-LERNER-Bedingung , die in Elastizitäten der hier nicht behandelten Gütermärkte ausgedrückt ist. Wechselkurse, Zinssätze und internationaler Kapitalverkehr Angebot und Nachfrage ausländischer Währungen auf dem Devisenmarkt spiegeln nicht nur den grenzüberschreitendenWaren- und Dienstleistungsverkehr wider, sondern auch - in den letzten zehn Jahren sogar überwiegend - den internationalen Kapitalverkehr. Weltweit versuchen Gläubiger und Schuldner durch Erwerb oder Verkauf von in- und ausländischen Forderungen ihre Vermögensanlage zu optimieren. Seit dem Zusammenbruch des Systems fester Wechselkurse und dem Übergang zumehr oder weniger flexiblenWechselkursen im Jahr 1973 hat sich als herrschende Auffassung durchgesetzt, daß Ände- ε'X ηM X' X X' r⋅ X= M' M X f r'( )= ηM r' X --- dX dr' ------⋅–= r 1r' --= drdr' ------ 1 r'2 -----–= dX dr ------ X r -- ηM⋅= ε'X 1+ ηM= X M ---- ηM η'M 1≤+⋅ 1≥ ηM X M⁄ X M= ηM η'M+ 1> ηm ηx+ 1> 22. Monetäre Theorie 565 rungen in der Haltung in- und ausländischer Wertpapiere zumindest kurzfristig die Entwicklung der Wechselkurse bestimmen ("asset-approach" der Wechselkursbestimmung). Damit kommt dem Kapitalverkehr bei flexiblen Wechselkursen eine erhebliche Bedeutung bei der Erklärung der Zahlungsbilanz und desWechselkurses zu. Die nationalen Finanz- und Kapitalmärkte sind international eng miteinander verbunden. Ob ein deutscher Anleger ein Wertpapier in Frankfurt oder New York erwirbt, bereitet keine technischen oder institutionellen Schwierigkeiten. Generell gilt, daß die Kosten internationaler Finanztransaktionen relativ gering sind. Die Substituierbarkeit vonWertpapieren, die in den Finanzzentren begeben werden, ist als hoch anzusehen. Entsprechend stark ist der Konkurrenzdruck. Die Finanz- und Kapitalmärkte sind Märkte mit hoher Wettbewerbsintensität. Die Banken spielen in den weltweit integrierten Finanzbeziehungen eine doppelte Rolle: Erstens sind sie Vermittler, welche Kundenaufträge zum Erwerb oder Verkauf ausländischer Währungen, die Spiegelbild des Handels- und Kapitalverkehrs sind, entgegennehmen und dabei Gewinn aus dem Unterschied zwischen jeweiligen An- und Verkaufskursen erzielen (Arbitrage). Zweitens treten sie aktiv als eigenständige Halter ausländischerWährungen in Erscheinung, in der Hoffnung, aus einer erwarteten Veränderung derWechselkurse zu profitieren (Spekulation). Die skizzierten Bedingungen der Devisenmärkte verdeutlichen: Anleger reagieren äußerst schnell auf weltweit sich bietende Zinsunterschiede und auf erwartete Wechselkursänderungen. Die Annahme einer hohen Flexibilität der Kapitalströme erscheint somit gerechtfertigt. Deshalb kann davon ausgegangen werden, daß wechselkursbedingte Zinsdifferenzen vergleichbarer Anlagen schnell ausgeglichen werden. Zur Verdeutlichung des Zusammenhanges zwischen Zinssätzen, Wechselkursen und Kapitalverkehr seien einige charakteristische Devisenmarktgeschäfte beschrieben. Ein inländischer Importeur benötige zum Erwerb von Gütern im Ausland ausländische Währung. Diese besorgt er sich über seine Bank auf dem Devisenmarkt. Dabei sind zwei Typen von Transaktionen zu unterscheiden: Kassa-Geschäfte und Termin-Geschäfte. Ein Kassa-Kauf liegt vor, wenn zu einem bestimmten Datum gegen inländische Währung sofort ausländische Währung - berechnet zum laufenden Wechselkurs (Kassa-Kurs) - zur Verfügung gestellt wird. Dies ist dann der Fall, wenn der inländische Importeur die ausländischen Güter sofort bezahlen muß. Liegt der Zahlungszeitpunkt des Importeurs in der Zukunft (z. B. in drei Monaten), wird dieser in der Regel einen Termin-Kauf ausländischer Währung tätigen. Dabei wird der Kontrakt - berechnet zum laufenden Termin-Kurs - im Augenblick geschlossen, die erworbene ausländische Währung jedoch erst zum festgelegten späteren Zeitpunkt (in drei Monaten) gegen inländische Währung zur Verfügung gestellt. Der Vorteil beim Termin-Geschäft liegt darin, daß unerwartete Wechselkursänderungen, die bis zur Fälligkeit des Kontraktes eintreten können, vermieden werden. Steht dem Importeur der in Zukunft zu bezahlen- 566 Vierter Teil. Weltwirtschaft de Betrag schon im Augenblick des Termin-Kontraktes zur Verfügung, erwirbt er bis zu dessen Fälligkeit im Inland eine Anlage mit entsprechender Fälligkeit zum herrschenden Zinssatz. Nach diesemZeitraumwird der Anlagebetrag (zusätzlich der erzielten Zinsen) - wie im Termin-Geschäft festgelegt - gegen ausländische Währung getauscht und damit die Importverbindlichkeit beglichen. Der Importeur könnte allerdings auch eine andere Strategie verfolgen. Ist der entsprechende Zinssatz im Ausland höher als im Inland, tätigt er einen Kassa- Kauf ausländischer Währung, um diesen Betrag bis zur Fälligkeit seiner Importverbindlichkeit im Ausland anzulegen. Nach Ende der Anlagefrist wird der erzielte Betrag ausländischer Währung direkt zur Bezahlung der Importe benutzt. Beide Alternativen - Kassa-Kauf und Auslandsanlage oder Termin- Kauf und Inlandsanlage - sind dann gleich vorteilhaft, wenn die Zinsdifferenz zwischen Auslands- und Inlandsanlage genau dem prozentualen Unterschied zwischen Termin-Kurs und Kassa-Kurs (Swapsatz) entspricht. Die Hypothese, daß das Ausnutzen von Gewinnmöglichkeiten bei bestehenden Zinsunterschieden zwischen den internationalen Finanzzentren (Arbitrage) zum Ausgleich von Zinsdifferenzen und Swapsätzen führt, wird als Zinssatz-Paritäten-Theorem bezeichnet. FürWertpapiere mit gleicher Laufzeit wie der für entsprechende Termin-Kontrakte gilt demnach: (22A.11) (Verhaltens-Gleichung). Für erhält man näherungsweise: (22A.12) (Verhaltens-Gleichung). Dabei sind = Kassa-Wechselkurs zum Zeitpunkt , = Termin-Kurs zum Zeitpunkt , und = Inlands- bzw. Auslandszinssatz für Wertpapiere mit gleicher Laufzeit wie der Termin-Kontrakt. Effiziente Zinsarbitrage sorgt in jedem Zeitpunkt für die Einhaltung des Zinssatz-Paritäten-Theorems. Diese Aussage ist von folgenden Bedingungen abhängig: Es existieren keine signifikanten Transaktionskosten und kein Risiko; hohe Substituierbarkeit in- und ausländischerWertpapiere sowie Kapitalflexibilität sind gewährleistet. Es kann davon ausgegangen werden, daß diese Bedingungen in den beobachteten Finanz- und Kapitalmärkten näherungsweise erfüllt sind. Zinsarbitrage vermeidet das Wechselkursrisiko. In der Zinsparitätengleichung (22A.12) sind alle Größen zum Zeitpunkt des Termin-Kontrakts und der Wertpapieranlage bekannt (kursgesicherte bzw. "gedeckte" Zinsparität). Für den gewinnmaximierenden individuellen Anleger existiert jedoch eine Entscheidung bei Unsicherheit: BeimWertpapierkauf muß er zur Beurteilung der Vorteilhaftigkeit in- und ausländischer Anlagen Erwartungen über den Wechselkurs zur Zeit der Fälligkeit des Wertpapiers anstellen. Er vergleicht den Inlandszins mit dem um die erwartete Wechselkursentwicklung bereinigten Auslandszins: iI iA– rT rK– rK --------------- 1 iA+( )⋅= 1 iA+ 1≈ iI iA– rT t, rK t,– rK t, ----------------------= rK t, t rT t, t iI iA 22. Monetäre Theorie 567 (22A.13) (Verhaltens-Gleichung). Hier ist der für den Zeitpunkt erwartete Kassa-Kurs. Gleichung (22A.13) stellt die "ungedeckte" Zinsparitätenbeziehung dar. Im Gegensatz zur "gedeckten" Zinsparität, die sich bei effizienten Arbitragegeschäften unter Vermeidung von Wechselkursrisiko ergibt, verdeutlicht die "ungedeckte" Zinsparität - auch "FISHER-open" genannt, in Anlehnung an IRVING FISHERS Beziehung zwischen Nominalzins, Realzins und erwarteter Inflationsrate - die Anlageentscheidung bei Unsicherheit über die zukünftige Wechselkursentwicklung. Zu Abweichungen von der "ungedeckten" Zinsparität kann es kommen, wenn die Anleger empfundeneWährungsrisiken oder politische Risiken (z. B. die Gefahr von Kapitalverkehrskontrollen) vermeiden wollen und erst nach Berücksichtigung einer Risikoprämie zu finanziellen Investitionen bereit sind. Diese Risikostrategie kann bei großer Wechselkursunsicherheit zu einer Verminderung der Kapitalflexibilität führen. Werden im Devisenmarkt alle momentan verfügbaren Informationen über die zukünftige Wechselkursentwicklung effizient genutzt und schlagen sich diese im Termin-Kurs nieder, dann stellt die laufende Zinsdifferenz oder - bei unterstellter hoher Kapitalmobilität - der Swapsatz eine optimale Erwartung der zukünftigen Wechselkursentwicklung dar, sieht man von Risikoprämien ab. Anders ausgedrückt repräsentiert in diesem Fall der gegenwärtige Termin- Kurs eine durchschnittlich unverzerrte Erwartung des künftigen Kassa-Kurses. Allerdings nutzt dem individuellen Anleger diese "Optimalitäts"-Eigenschaft des Termin-Kurses wenig. Wie die bisherigen Erfahrungen mit flexiblen Wechselkursen zeigen, schlagen sich neue, für die Wechselkursentwicklung relevante Informationen - z. B. die Ankündigung expansiverer Geldpolitik im Ausland - sofort im Kassa-Kurs nieder. Für die Erwartungseigenschaften des Termin- Kurses bedeutet dies: Nach Abschluß des Termin-Kontraktes sorgen neue Informationen in der Regel dafür, daß bei Fälligkeit des Termin-Kontraktes festgelegter Termin-Kurs und später tatsächlich eingetretener Kassa-Kurs oft weit auseinanderliegen. Der Termin-Kurs ist demnach zwar eine durchschnittlich unverzerrte, aber wenig "effiziente" Erwartung des künftigen Kassa-Kurses. Daraus folgt, daß Veränderungen der nominalen Zinsunterschiede zwischen In- und Ausland, die tatsächlich nur relativ träge und in kleinen Schritten erfolgen, die beobachteten hohen Wechselkursschwankungen nicht erklären können. Dieses Phänomen ist offensichtlich auf das kurzfristige und oft heftigen Ausschlägen unterworfene Auftreten neuer Informationen zurückzuführen, die zu hektischenAnpassungen des zukünftig erwarteten Kassa-Kurses führen. Damit aber trägt der stark schwankende Kassa-Kurs die Hauptlast zur Herstellung der "ungedeckten" Zinsparität. Erfahrungen mit flexiblen Wechselkursen rechtfertigen dieses Erklärungsmuster und demonstrieren somit eindrucksvoll, daß die Flexibilität der Wechselkurserwartungen noch größer ist als die Mobilität des Kapitalverkehrs. iI iA r∗K t 1+, rK t,– rK t, --------------------------------+= r∗K t 1+, t 1+ 568 Vierter Teil. Weltwirtschaft K 22-1 Euro-Geld - Wozu? Im Dezember 1991 vereinbarten die Regierungschefs der Europäischen Union in Maastricht einen Vertrag, der nach der Ratifizierung durch die Parlamente im Jahr 1993 in Kraft getreten ist. Den Kern des Vertrages bildet eine Europäische Währungsunion - mit der Einheitswährung Euro und einer supranationalen Zentralbank -, die am 1. Januar 1999 ins Leben trat. Die nationalen Währungen und Zentralbanken werden in den Mitgliedsländern der Währungsunion aufgegeben. Mitglied kann werden, wer bestimmte Konvergenzkriterien - beim Preisniveau, Wechselkurs, Zins und Staatshaushalt erfüllt. Als größtes Beitrittshindernis haben sich die Konvergenzbedingungen für öffentliche Haushalte erwiesen, bei denen die jährliche Neuverschuldung 3% und die gesamte Staatsschuld 60% des Bruttoinlandsprodukts nicht übersteigen dürfen. Gänzlich erfüllte nur Luxemburg die Aufnahmebedingungen. Die Verfechter des Maastricht-Vertrages, der vor allem bei der deutschen Bevölkerung wenig Zustimmung gefunden hat, führen eine Reihe von wirtschaftlichen und politischen Vorteilen der Währungsunion ins Feld. Unter den behaupteten wirtschaftlichen Vorteilen ist nur die Ersparnis von Währungstauschkosten wissenschaftlich diskutabel. Die in amtlichen Werbeschriften genannten Zahlen von 20 Mrd. Euro sind angesichts des modernen internationalen Zahlungsverkehrs sehr hoch angesetzt, basieren überdies auf der irrealen Annahme, daß alle Länder Mitglied werden. Vom Umtauschgewinn sind Verluste abzuziehen, die durch die Währungsumstellung - von der Geldproduktion bis zum Warenautomatenaustausch - und durch Vermögensverluste in Ländern entstehen, deren Währungen stabiler waren als die neue Einheitswährung sein wird. Alle sonstigen angeblichen Vorteile beruhen auf Wunschdenken z. B. "Der Euro wird stabiler sein als die DM" - oder Irrtümern. Ein typischer, vor allem bei Großbanken und -industrie verbreiteter Irrtum ist, der Wegfall von Wechselkursschwankungen sei ein wirtschaftlicher Vorteil. Ein freier Wechselkurs zeigt als Marktpreis international divergierende Entwicklungen an, und gleicht diese aus, beseitigt deren Ursachen aber nicht. Der Verzicht auf Wechselkurse bei unterschiedlichen Entwicklungen bedeutet, daß die Last des Ausgleichs um so mehr andere, oft weniger marktkonforme Instrumente übernehmen müssen. Der eigentliche Grund für die Währungsunion ist politischer Natur: Sie soll die politische Integration Europas verwirklichen, die - entgegen ursprünglicher Absicht - direkt nicht erreicht werden kann. Ob es klug und erfolgversprechend ist, die politische Einheit mit einer währungspolitischen Spaltung auf unabsehbare Zeit anzustreben, sei dahingestellt. Denn eine Reihe von europäischen Ländern wird auf eine Teilnahme an der Europäischen Währungsunion verzichten oder bleibt ausgesperrt, weil sie die Konvergenzkriterien nicht erfüllen. Aus historischer Sicht ist darauf hinzuweisen, daß es kein Beispiel für eine funktionierende Einheitswährung ohne politische Einheit gibt, wohl aber - wie die Lateinische Münzunion im 19. Jahrhundert - für das Gegenteil. Eine Einheitswährung wurde immer erst dann eingeführt, wenn die politische Einheit verwirklicht war. Ob die von Politikern durchgedrückte Europäische Währungsunion auf Dauer funktionieren wird, ist keineswegs sicher. 23. Kapitel: Güterwirtschaftliche Theorie I. Theorie der komparativen Kosten Erklärungsansatz Annahme international immobiler Produktionsfaktoren - Ursachen des Außenhandels - Absolute Kostenvorteile - Komparative Kostenvorteile - Annahmen - Vier Fälle - Schlußfolgerungen Handelsgewinn Größe - Verteilung - terms of trade II. Einige Erweiterungen der Analyse Kosten inWährungseinheiten - Arbeitswerthypothese - Kostenverlauf - Nachfragestruktur - Faktorausstattung III. Zolltheorie Zollwirkungen Zölle sind Steuern an der Grenze - Erhebung eines Zolls verursacht eine Reihe von Wirkungen - Schutzeffekt, Konsumeffekt, Einnahmeeffekt, Umverteilungseffekt, terms of trade-Effekt - Schlußfolgerungen Zollbegründungen Politische Zollbegründungen - Finanzzölle - Instrumentalzölle - Schutzzölle, Verbesserung der terms of trade, Erziehungszollgedanke K 23 - 1: Die Welthandelsordnung I. Theorie der komparativen Kosten Erklärungsansatz Die güterwirtschaftliche oder "reine" - vom Geld befreite - Theorie des Außenhandels gehört zu den ältesten Teilen der Volkswirtschaftslehre. Wesentliche Elemente dieser Theorie stammen von DAVID RICARDO, JOHN STUART MILL und ALFRED MARSHALL. Zu ihrer modernen Ausgestaltung trugen vor allem FRANK WILLIAM TAUSSIG, JACOB VINER , BERTIL OHLIN und GOTTFRIED VON HABERLER bei. Die starke Verwurzlung im klassischen System erklärt bis zu einem gewissen Grad, warum monetäre und reine Außenwirtschaftstheorie bis heute ein ziemlich isoliertes Dasein führen. Sahen doch die Klassiker Geld als einen Schleier über den letztlich entscheidenden güterwirtschaftlichen Tauschvorgängen an. Die monetäre Theorie setzt voraus, daß Außenhandel stattfindet, ist aber nach traditioneller Auffassung außerstande zu erklären, warum und in welchem Ausmaß Güter international getauscht werden. Diese Erklärung wird als Kern der reinen Außenhandelstheorie angesehen. Da - wie erwähnt - die Außenhandelstheorie Teil der allgemeinenWirtschaftstheorie ist, mußman fragen, warum es einer besonderen güterwirtschaftlichen Analyse bedarf, so wie die Tatsache unterschiedlicher Währungseinheiten eigene monetäre Überlegungen für den Außenhandel begründet (22. Kap.). Tragender Grund für eine reine Theorie des Außenhandels ist die fundamentale Annahme: Die Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital innerhalb eines Landes seien mobil, international dagegen immobil. Die internationale Arbeitsteilung unterscheide sich von der innerhalb eines Landes, weil statt der Faktoren die Produkte wanderten, die meist noch spezifische Hindernisse (Zölle, lange Transportwege) zu überwinden hätten. Diese Annahme hat für die reine Theorie offenkundig nur dann keine Bedeutung, wenn die Produktionsfaktoren international so verteilt sind, wie sie bei voller Mobilität verteilt wären. Die Ausgangsfrage der reinen Theorie lautet: Welches sind die maßgeblichen Ursachen für den internationalen Handel und welche Einflußgrößen bestimmen seine Richtung und sein Ausmaß? Diese Ausgangsfrage beinhaltet einen Komplex von Problemen, von denen hier nur wenige, aber wichtige behandelt werden. Ein erster Problemkomplex betrifft die Ursachen des Außenhandels. Eine Antwort scheint nicht schwierig: Alle Faktoren, die auf Angebot und Nachfrage im Inland einwirken, sind auch für den Austausch über Landesgrenzen hinweg bedeutsam. Dem Grunde nach ist eine derartige Antwort richtig. Angenommen, es gäbe keine internationalen Handelsbeschränkungen - von monetären Schwierigkeiten wird in der reinen Theorie ohnedies abgesehen -, so leuchtet ohne weiteres ein, daß Inländer bestimmte Auslandsgüter kaufen, wenn diese nicht - oder nicht in gewünschter Art und Qualität - aus inländischer Produktion zur Verfügung stehen. Zu denken ist erstens an Rohstoffe (z. B. Gold), Agrarprodukte (z. B. Apfelsinen) und Fischereierzeugnisse (z. B. Thunfisch), die im Inland fehlen, zweitens an Geschmackswünsche und Präferenzen bei im Inland und Ausland vorhandenen, aber heterogenen Gütern (z. B. französischen Cognac gegenüber deutschem Weinbrand). Tatsächlich kann das Zustandekommen des Außenhandels zu einem beträchtlichen Teil 572 Vierter Teil. Weltwirtschaft durch die übliche Angebots-Nachfrage-Theorie erklärt werden. Aus dieser ist allerdings auch bekannt, daß neben der Präferenzstruktur den Güterpreisen erhebliche Bedeutung für die Nachfrage zukommt, wenn man von bestimmten Einkommen und Vermögen ausgeht (4. Kap.). Bei vollständiger Konkurrenz werden Preise bekanntlich von den Kosten bestimmt (Grenzkosten = Preis), so daß - dieseMarktform unterstellt - die Erklärung naheliegt: EineWare wird importiert, wenn sie billiger hergestellt und/oder angeboten wird als im Inland. Ein erheblicher Teil des Außenhandels läßt sich tatsächlich auf diese Erklärung zurückführen. Es wird indessen noch gezeigt: Diese Behauptung ist oberflächlich, weil die Preise nicht nur Voraussetzung, sondern auch Ergebnis des internationalen Handels sind. Zu beachten bleibt überdies, daß in der reinen Theorie - wie in der Naturaltauschwirtschaft - ein Preis in Einheiten eines anderen Gutes, z. B. 1/2Meter Tuch für 1 Zentner Weizen, ausgedrückt wird. Wer Tuch erwirbt, verzichtet auf Weizen oder umgekehrt. Der Preis entspricht den opportunity cost (2. Kap.). In der traditionellen Begründung für das Zustandekommen des Außenhandels wird die Tatsache, daß bestimmte Güter national nicht verfügbar sind, ebensowenig berücksichtigt wie Produktdifferenzierungen.Wesentliche Faktoren der Nachfragewerden damit ausgeklammert. Die reine Außenhandelstheorie ist - wie die klassische Werttheorie - am Güterangebot orientiert. Da bei der generell unterstellten vollständigen Konkurrenz Preise die Kosten der Anbieter widerspiegeln, wird verständlich, warum sich die Frage nach den Gründen des Außenhandels auf das Problem internationaler Kostenvergleiche reduziert. ADAM SMITH vertrat die Auffassung, absolute Kostenvorteile seien der Grund für einen Außenhandel, was sich bei vollständiger Konkurrenz mit der bereits erwähnten Behauptung deckt, daß eineWare importiert wird, wenn sie imAusland billiger zu erhalten ist als im Inland. Müssen z. B. für die Produktion eines Meters Tuch im Inland Kosten von 8, ausgedrückt in Arbeitstagen, im Ausland von 6 aufgewendet werden - wobei Zölle und Transportkosten zur Vereinfachung Null seien -, kommt es zu einer Tucheinfuhr ins Inland. Daß absolute Kostendifferenzen zum internationalenHandel führen, ist unbestritten, weil Inland und Ausland gewinnen, wenn sich ein Land auf die Produktion solcher Güter konzentriert, die es billiger als das Ausland produzieren kann. DieWohlstandswirkungen der Arbeitsteilung (2. Kap.) sind nicht auf Produktion und Tausch innerhalb eines Landes beschränkt. Solange es Erzeugnisse gibt, die ein Land kostengünstiger als ein anderes produzieren kann, läßt sich durch absolute Kostenvorteile begründen, warum ein internationaler Handel stattfindet. Was geschieht aber, wenn ein Land einem anderen bei der Produktion eines jeden Guts absolut unterlegen, also generell teurer ist? Es scheint logisch, zu antworten: In diesem Fall kommt es nicht zu einem internationalen Austausch, weil es sich für das billiger produzierende Land nicht lohnt, Güter einzuführen. Diese Antwort ist jedoch unhaltbar, weil sich zeigen läßt, daß ein Austausch auch dann für beide Länder einen Handelsgewinn abwerfen kann. DAVID RICARDO konnte nachweisen, daß letztlich komparative Kostenvorteile über das Zustandekommen des Außenhandels entscheiden und absolute Kostenvorteile einen Sonderfall darstellen. Bei absoluten 23. Güterwirtschaftliche Theorie 573 Kostenvergleichen zwischen Inland und Ausland werden Kosten eines Produkts (z. B. die Zahl von Arbeitstagen für die Herstellung eines Meters Tuch), bei komparativen Kostenvergleichen opportunity cost (z. B. der Preis eines Meters Tuch, ausgedrückt in Zentner Weizen) international verglichen. Nach dem Theorem der komparativen Kosten kommt es zu einem, für das Inland und Ausland gewinnbringenden Handel, wenn komparative Kostenunterschiede bestehen. Davon kann allerdings in der Regel ausgegangen werden. Nicht ausschlaggebend sind absolute Kostendifferenzen. Diese Theorie erklärt überdies, wie schon das Theorem der absoluten Kostenvorteile, die Richtung des Außenhandels - welche Güter exportiert, welche importiert werden - und die Größe, nicht jedoch die Verteilung des Handelsgewinns. Sie sei deshalb genauer betrachtet. Das Theorem der komparativen Kostenvorteile basiert auf einer Reihe von zum Teil schon erwähnten - Annahmen, von denen die wichtigsten sind: Die Produktionsfaktoren sind international immobil (Immobilitätshypothese). Internationaler Handel kommt zustande, wenn ein Land durch Außenhandel eine größere Güterversorgung erreichen kann als ohne Handel (Handelsgewinnhypothese). Arbeitsleistungen sind national homogen (Homogenitätshypothese). Es herrscht vollständige Konkurrenz (Grenzkosten = Preis). Das Ausland wird als ein Land aufgefaßt (Zwei-Länder-Welt). Im In- und Ausland können jeweils zwei homogene Güter erzeugt werden (Zwei-Güter-Welt). Alle Faktoren lassen sich auf Arbeit zurückführen. Die Kosten der Güter sind in Arbeitseinheiten ausdrückbar (Arbeitswerthypothese). Der Handel wird als Naturaltausch abgewickelt (Naturaltauschwirtschaft: Der Preis eines Gutes wird durch Mengen des anderen Gutes ausgedrückt). Die Produktion eines Gutes kann mit konstanten Grenzkosten ausgedehnt werden (lineare Transformationskurve). Von Zöllen und Transportkosten wird abgesehen (die internationalen Transferkosten sind Null). Obgleich die Annahmen restriktiv sind, stellen die aus dem Modell abgeleiteten Schlußfolgerungen keine weltfernen Hypothesen dar, weil eine Aufgabe der strengen Annahmen den Aussagekern kaum berührt. Um dies zu verdeutlichen, wird auf die Bedeutung einiger Annahmen später noch näher eingegangen. Unterstellt man, daß die (Arbeits-)Kosten der Güter pro Produkteinheit im In- und Ausland nicht gleich sind, kann man sich vor Aufnahme des Außenhandels vier Fälle denken, die mit einem Zahlenbeispiel erläutert werden sollen (Übers. 23-1). 1. Im ersten Fall differieren die in Arbeitseinheiten ausgedrückten Kosten der Produktion von Weizen ( ) und Tuch ( ) in jedem der beiden Länder. Die Kosten eines Gutes sind dagegen im In- und Ausland ( bzw. ) die gleichen. Unter diesen Umständen würde kein Außenhandel zustande kommen, weil für kein Land ein Vorteil (Handelsgewinn) entstünde. Soll Weizen importiert werden, müßte an die Ausländer mehr als Einheit Tuch für eine Einheit Wei- W T i a 1 2⁄ 574 Vierter Teil. Weltwirtschaft zen hergegeben werden, um die Ausländer zu veranlassen, Weizen gegen Tuch zu tauschen. Einen solchen Weizenpreis werden aber die Inländer nicht zahlen wollen, denn sie können sich durchMinderproduktion von Einheit Tuch die Mehrproduktion von einer Einheit Weizen verschaffen. Das Tauschverhältnis von Weizen und Tuch vor Beginn des Außenhandels ist . Außenhandel kommt also dann nicht zustande, wenn das Austauschverhältnis (opportunity cost) in beiden Ländern gleich ist, denn der Handel bringt in diesem Fall weder für das Inland noch für das Ausland einen Gewinn. 2. Fall II unterscheidet sich von Fall I durch eine absolute Kostenüberlegenheit des Auslands bei der Produktion beider Güter. Die Überlegenheit bei Weizen und Tuch ist relativ gleich groß. Das Inland muß bei der Produktion jedes Gutes viermal so viel Arbeitseinheiten aufwenden wie das Ausland. Es wäre deshalb naheliegend anzunehmen, daß in einem solchen Fall beide Güter importiert würden. Das ist nicht möglich, weil das Inland die Importe nicht mit einem entsprechenden Export bezahlen könnte. Übers. 23-1: Absolute und komparative Kostendifferenz Würden die Inländer andererseits nur Weizen einführen, müßten sie für die Weizeneinheit im internationalen Handel mehr als Tucheinheit hergeben - ein Preis, den sie nicht einmal im Inland zu bezahlen brauchten. Dort ist das Tauschverhältnis . Da wie im Fall I kein Handelsgewinn entsteht, findet auch kein Handel statt. 3. Im Fall III ist das Inland bei der Weizenproduktion kostenmäßig unterlegen, bei der Tuchproduktion überlegen - eine Konstellation, von der das Theo- Fall Land Absolute Arbeitskosten (in Arbeitstagen für eine Einheit) Internationales Verhältnis der absoluten Arbeitskosten opportunity cost in einem Land Internationales Verhältnis der opportunity cost I i 1 2 1 1 1/2 2 1 1 a 1 2 1/2 2 II i 4 8 4 4 1/2 2 1 1 a 1 2 1/2 2 III i 4 6 4 3/4 2/3 3/2 16/3 3/16 a 1 8 1/8 8 IV i 4 8 4 4/3 1/2 2 3 1/3 a 1 6 1/6 6 1 2⁄ 1 2⁄ W T Wi Wa ------ Ti Ta ----- W T ---- T W ---- Wi Ta⋅ Ti Wa⋅ --------------- Ti Wa⋅ W Ta⋅ --------------- 1 2⁄ 1 2⁄ 23. Güterwirtschaftliche Theorie 575 rem der absoluten Kostenvorteile ausgeht. Es leuchtet unmittelbar ein, daß beide Seiten gewinnen können, wenn die Güter jeweils in dem Land erzeugt werden, in dem sie absolut am billigsten zu erzeugen sind und dann zum Tausch kommen. Das Ausland wird vor allemWeizen, das Inland Tuch produzieren. Wird Weizen importiert, sind Inländer bereit, bis zu Tucheinheiten hinzugeben (opportunity cost des Weizens im Inland). Die Ausländer würden gewinnen, wenn sie mehr als Tucheinheiten (opportunity cost des Weizens im Ausland) erlösten. Bei einem Weizenpreis zwischen und Tucheinheiten gewinnen beide Seiten. 4. Im Fall IV ist das Ausland wie im Fall II bei beiden Gütern absolut überlegen - eine Konstellation, von der das Theorem der komparativen Kostenvorteile ausgeht. Doch die Austauschverhältnisse der beiden Güter (opportunity cost) sind in beiden Ländern unterschiedlich. Das Auslandwird sich auf die Produktion jenes Gutes konzentrieren, das es relativ am günstigsten produzieren kann. Relativ ist das Inland bei der Tuchproduktion überlegen (komparativer Vorteil, obwohl absolut unterlegen), denn es kann eine Tucheinheit mehr produzieren, wenn es auf zwei Weizeneinheiten verzichtet, während das Ausland auf sechs Weizeneinheiten verzichten müßte. Die Weizenkosten des Tuchs sind also im Inland doppelt, im Ausland sechsmal so hoch wie die Tuchkosten desWeizens. Für alle Fälle gilt: Da die Faktoren nicht wandern können, ist international nur der relative Anteil der Faktoren bei der Güterproduktion in einem Land im Vergleich zum anderen bedeutsam. In einem Land ist bei zwei Gütern der relative Anteil durch die opportunity cost, international durch das Verhältnis der opportunity cost erfaßbar. Außenhandel ist vorteilhaft und findet folglich statt, wenn das internationale Verhältnis der opportunity cost von verschieden ist (Fälle III und IV in Übers. 23-1). Das Land mit den relativ niedrigsten opportunity cost wird sich auf die Erzeugung der kostengünstigen Produkte spezialisieren. Im Beispiel ist und , so daß das Inland bei der Tuchproduktion sowohl im Fall III (absoluter Vorteil des Inlands beim Gut Tuch) als auch im Fall IV (komparativer Vorteil des Inlands beim Gut Tuch) überlegen ist. Das Ausland hat in beiden Fällen Vorteile bei der Weizenerzeugung. Folgende Schlußfolgerungen aus dem Theorem der komparativen Kostenvorteile, die anhand der Beispiele deutlich werden, sind wichtig: 1. Notwendig und hinreichend für das Zustandekommen des internationalen Handels zwischen zwei Ländernmit den GüternWund T ist ein Unterschied in den opportunity cost: (23.1 a) oder (23.1 b) 2. Daraus folgen die beiden Tauschbedingungen: (23.2 a) 2 3⁄ 1 8⁄ 1 8⁄ 2 3⁄ 1 3 16⁄ 16 3⁄< 1 3 3<⁄ Wi Ti ----- Wa Ta ------≠ Wi Ta⋅ Ti Wa⋅ --------------- 1≠ Wi Ta Ti Wa⋅>⋅ 576 Vierter Teil. Weltwirtschaft für den Tausch von inländischem Tuch gegen ausländischen Weizen, und: (23.2 b) für den Tausch von inländischemWeizen gegen ausländisches Tuch. 3. Absolute Kostenunterschiede (Fälle II und IV für beide Güter, Fall III für jeweils ein Gut) bei einem Gut sind eine zwar notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung für das Zustandekommen des internationalen Handels. 4. Die Güter werden nicht unbedingt dort erzeugt, wo ihre Produktion international die absolut geringsten Kosten erfordert. 5. Das Theorem gibt eine Antwort auf die Frage, ob der internationale Handel ökonomisch vorteilhaft ist. Wie der Handelsgewinn international aufgeteilt wird, bleibt offen. 6. Der insgesamt entstehende Gewinn aus dem internationalen Handel hängt vom opportunity cost-Verhältnis ab. Je größer die relativen Kostendifferenzen vor Aufnahme des Handels sind, um so größer wird der gesamte Handelsgewinn. 7. Der Handelsgewinn nimmt mit der Zahl der getauschten Einheiten (Handelsvolumen) zu. Handelsgewinn DieGröße des möglichen Handelsgewinns läßt sich unter den getroffenen Annahmen ermitteln, wenn beide Länder ausschließlich jene Güter produzieren, bei denen sie einen komparativen Kostenvorteil haben. Ob dieser Handelsgewinn ausgeschöpft wird, hängt vor allem von der Nachfrage ab. Die Arbeitsteilung auf der Angebotsseite kann nur so weit gehen, wie die Nachfrage die Mehrproduktion aufnimmt. Es wird zur Vereinfachung unterstellt, in jedem der vier Fälle (Übers. 23-1) sei die Nachfrage beider Länder nachWeizen zusammengenommen konstant und gleich zwei Einheiten. Die Nachfrage nach Tuch soll vollkommen elastisch sein, so daß die Nachfrage jede produzierte Menge aufnimmt. Wie verändern sich dann Weizen- und Tuchproduktion im In- und Ausland, wenn eine internationale Arbeitsteilung gemäß dem Theorem der komparativen Kostenvorteile eintritt und wie groß ist der daraus entstehende Handelsgewinn? Die Antwort sei mit einer Übersicht verdeutlicht (Übers. 23-2). Der Handelsgewinnläßt sich an der Veränderung der Tuchproduktion messen. In den Fällen I und II entsteht kein Handelsgewinn, so daß es keinen Grund für eine Aufnahme des Handels gibt. In beiden Fällen ist das internationale Verhältnis der opportunity cost gleich . In den Fällen III und IV beläuft sich der Gesamtgewinn auf bzw. Tucheinheiten. Wegen der völlig unelastischen Weizennachfrage erzeugt das Ausland noch Tuch, obwohl es bei dieser Produktion unterlegen ist. Der Handelsvorteil oder -gewinn ist geringer als er bei größerer Nachfrage nach Weizen sein könnte. Sein Maximum erreicht er, wenn das Inland nur Tuch, das Ausland nur Weizen erzeugen würde (vollkommene Spezialisierung). Zu beachten ist, daß Bezugsbasis die für Gütereinheiten erforderlichen Gesamtkosten (in Arbeitstagen) sind, die mit dem Ge- Wi Ta⋅ Ti Wa⋅< 1 13 24⁄ 8 24⁄ 23. Güterwirtschaftliche Theorie 577 samtangebot an Arbeit nicht verwechselt werden dürfen. Es bereitet jedoch keine Schwierigkeit, wenn statt dessen vom Arbeitspotential der Länder ausgegangen wird. Übers. 23-2: Handelsgewinn Die Verteilung des Handelsgewinns zwischen In- und Ausland hängt vom Verhältnis ab, in dem die Güter international getauscht werden (Tauschverhältnis). Die opportunity cost-Hypothese gibt die Grenzen an, in denen sich das Verhältnis bilden kann, wenn es zur Aufnahme des Handels kommt. Im Fall IV (Übers. 23-1 und 23-2) macht das Inland (Ausland) einen Gewinn, wenn es für eine Weizeneinheit weniger (mehr) als ( ) Tucheinheit hingibt (erhält). Bei einer Tauschrelation von ( ) ist der Gewinn für das Inland (Ausland) gleich Null. Liegt sie zwischen und , gewinnen beide Länder. Ist das Tauschverhältnis , fällt der Gewinn pro Einheit Weizen dem In- und Ausland zu gleichen Teilen zu. Jedes Land macht einen Gewinn von Einheit Tuch pro international gehandelter Einheit Weizen. Folglich läßt sich sagen, daß für ein Land der Gewinn aus dem Außenhandel um so grö- Fall Land Erzeugte Einheiten vor Handelsaufnahme Gesamtkosten (in Arbeitstagen) Erzeugte Einheiten nach Handelsaufnahme Handelsgewinn in Tucheinheiten I i 1 1 - 3/2 0 a 1 1 2 1/2 zus. 2 2 2 2 II i 1 1 - 12/8 0 a 1 1 2 1/2 zus. 2 2 2 2 III i 1 1 - 10/6 13/24 a 1 1 2 7/8 zus. 2 2 2 2 13/24 IV i 1 1 - 12/8 8/24 a 1 1 2 5/6 zus. 2 2 2 2 8/24 W T W T 1 2+ 3= 1 2+ 3= 4 8+ 12= 1 2+ 3= 4 6+ 10= 1 8+ 9= 4 8+ 12= 1 6+ 7= 1 2⁄ 1 6⁄ 1 2⁄ 1 6⁄ 1 2⁄ 1 6⁄ 2 6⁄ 1 6⁄ 578 Vierter Teil. Weltwirtschaft ßer wird, je höher die Differenz zwischen dem internationalen Tauschverhältnis und seinem Tauschverhältnis vor Eröffnung des Außenhandels ist. Fallen internationales und inländisches Tauschverhältnis vor Eröffnung des Außenhandels zusammen, ist der Gewinn dieses Landes gleich Null. Der gesamte Vorteil fällt dem anderen Land zu. Die Frage, welche Faktoren das Tauschverhältnis und damit die Verteilung des Handelsgewinns bestimmen, hat JOHN STUART MILL aufgegriffen. Auf das Tauschverhältnis wirken alle Faktoren ein, die Angebot und Nachfrage im In- und Ausland bestimmen. Die aus dem Zusammenspiel der Einflußfaktoren resultierenden Wirkungen lassen sich durch Kurven oder Elastizitäten beschreiben. In Fortgeschrittenenbüchern zur Au- ßenhandelstheorie wird das Tauschverhältnis eingehend analysiert. Nennenswerte empirische Bedeutung haben solche Analysen meist nicht, weil die erforderlichen statistischen Daten selten bekannt oder nur schwer erfaßbar sind. In theoretischer Sicht mündet das Theorem der komparativen Kostenvorteile in eine Theorie der komparativen Preisvorteile ein, worauf hier nicht eingegangen wird. Die natural ausgedrückte Tauschrelation nenntman terms of trade. Sie ist der in Mengeneinheiten anderer Güter ausgedrückte Preis eines international gehandelten Gutes auf demWeltmarkt. Es gibt verschiedene Fassungen des terms of trade-Begriffs. In allen Fällen ist die Frage nach der Verteilung des Handelsgewinns der Ausgangspunkt. Der Außenhandelsgewinn für das Inland vergrö- ßert sich ceteris paribus, wenn die Kosten des Imports (Exports) fallen (steigen) - etwa als Folge von Produktivitätsverbesserungen (-verschlechterungen) - et vice versa (terms of trade-Effekt). Für eine exportierte Einheit erhält dann das Inland mehr importierte Einheiten und umgekehrt. Der terms of trade-Begriff der Praxis ( ) ist definiert als das prozentuale Verhältnis aus Export- ( ) und Importgüterpreisniveau ( ): (23.3) (Definitions-Gleichung). Die Entwicklung des Ausdrucks zeigt, in welchem Verhältnis sich die Exportgüterpreise eines Landes zu den Importgüterpreisen verändern. Steigt (fällt) , spricht man von einer Verbesserung (Verschlechterung) der terms of trade, weil dann die Exporterlöse relativ zu den Aufwendungen für Importe steigen (fallen). Die Änderungsursachen können auchmonetärer, also nicht nur güterwirtschaftlicher Art sein. gibt auch nicht die Größe des Handelsgewinns an, sondern lediglich, ob sich die unbekannten Handelsgewinnanteile zwischen In- und Ausland verändert haben. Deshalb sollten Zeitreihen für die terms of trade vorsichtig gedeutet werden. II. Einige Erweiterungen der Analyse Kosten in Währungseinheiten Der Übergang zu einer praktisch verwendbaren Außenhandelstheorie erfordert die empirische Prüfung des Hypothesensystems und eine daran anschlie- Tr Px Pm Tr Px Pm ------ 100⋅≡ Tr Tr Tr 23. Güterwirtschaftliche Theorie 579 ßende Auswahl nach bestätigten und nicht bestätigten Hypothesen. Zur empirischen Prüfung müssen einige Annahmen revidiert werden. An einigen Beispielen soll gezeigt werden, welche Konsequenzen aus der Aufgabe einiger Annahmen des Theorems der komparativen Kostenvorteile zu ziehen sind. Als erstes sollen die Prämisse der Naturaltauschwirtschaft fallengelassen und die Kosten monetär ausgedrückt werden. Die Zusammenhänge vor Aufnahme des internationalen Handels seien an einem Zahlenbeispiel verdeutlicht, das vom Fall IV (Übers. 23-1 und 23-2) ausgeht. In 10 Arbeitstagen können im Inland 5/ 2 Einheiten Weizen oder 5/4 Einheiten Tuch, im Ausland 10 Einheiten Weizen oder 5/3 Einheiten Tuch erzeugt werden. Die Kosten für einen Tageslohn seien für das Inland mit 10 Euro, für das Ausland mit 20 Euro angenommen (Übers. 23-3). Das Ausland ist in monetär ausgedrückten Kosten absolut bei Weizen, das Inland absolut bei Tuch überlegen, so daß die Tuchausfuhr ins Ausland und die Weizeneinfuhr vom Ausland Vorteile bringen. Am Ergebnis hat sich gegenüber der Naturalrechnung nichts geändert. Naturalwirtschaftlich war das Ausland bei beiden Gütern absolut überlegen, beiWeizen relativ stärker als bei Tuch. Durch die monetäre Ausdrucksweise werden komparative Vorteile zu absoluten Preisunterschieden. Es läßt sich leicht zeigen, daß absolute Unterschiede (Fall III) zum gleichen Ergebnis führen. Übers. 23-3: Geldkosten vor Aufnahme des internationalen Handels Die absoluten Preisunterschiede vor Aufnahme des Handels sind güterwirtschaftlich erklärt und nicht einfach vorausgesetzt worden. Es ließe sich einwenden, dieses Ergebnis sei durch die Wahl der Lohnsätze im In- und Ausland, deren Bedeutung bisher negiert wurde, zustande gekommen.Wäre bei unveränderten Inlandslöhnen und Erträgen der Auslandslohnsatz pro Tag 50 Euro (Auslandslöhne/Inlandslöhne = 5/1), kostete im Ausland eine Weizeneinheit 50 Euro und eine Tucheinheit 300 Euro. Das Inland würde dann Weizen und Tuch exportieren, das Ausland könnte kein Produkt anbieten, dessen Einfuhr vorteilhaft ist. Nimmt man den Handel auf, entsteht im Inland ein Zahlungsbilanzüberschuß, im Ausland ein -defizit. Ein solcher Zustand ist auf Dauer unvorstellbar. Entweder wird der Handel nach einiger Zeit wieder aufgegeben oder eine Tendenz zumAusgleich der Zahlungsbilanz ausgelöst. Aus dem letzten Kapitel ist bekannt, daß die Art des Zahlungsbilanzausgleichs vom Wechselkurssystem abhängt. Bei festen Wechselkursen werden im Inland (Ausland) Einkommen und Preise steigen (fallen), bei flexiblen Wechselkursen wird der Kurs sinken (Aufwertung der Inlandswährung). Das Ergebnis ist für beide Land Tageslohn in Euro 10 - Tageslohn in Euro 10 - Tagesertrag in Mengeneinheiten Stückkosten in Euro Inland: Weizen Tuch 10 10 100 100 5/2 5/4 40 80 Ausland: Weizen Tuch 20 20 200 200 10 5/3 20 120 580 Vierter Teil. Weltwirtschaft Wechselkurssysteme gleich. Die Auslandslöhne werden fallen und (oder) die des Inlands steigen, bis die Zahlungsbilanz ausgeglichen ist. Bei einem Auslandslohnsatz von 40 Euro (Lohnverhältnis Ausland/Inland = 4/1) wären die Stückkosten des Weizens im Ausland gerade so hoch wie im Inland. Bei einem Lohnverhältnis unter 4/1 ist Weizen im Ausland billiger. Ebenso läßt sich zeigen, daß bei einem Lohnverhältnis unter 1,33/1 nur importiert würde, so daß das umgekehrte Ergebnis einträte. Daraus können zwei wichtige Schlüsse gezogen werden: Das Verhältnis der Löhne zwischen In- und Ausland ist nur innerhalb bestimmter Grenzen variabel, wenn langfristig internationaler Handel bestehen soll. Die Grenzen sind durch das internationale Verhältnis der absoluten Geldkosten bestimmt (im Beispiel: 4/1 und 1,33/1). Hat ein Land bessere Produktionsbedingungen (absolute Kostenüberlegenheit), ist auch das Lohn- und Einkommensniveau höher als im anderen Land (im Fall IV das Ausland). Arbeitswerthypothese In der klassischen Ausprägung des Theorems der komparativen Kostenvorteile werden die Kosten in naturalen Einheiten des Universalproduktionsfaktors Arbeit gerechnet. Die Arbeitswerthypothese hält jedoch empirischen Kriterien nicht stand. Erstens ist das Zurechnungsproblem - die Zuordnung des Produktionsertrags auf die einzelnen Faktoren - wegen des engen Verbunds der Produktionsmittel bei der Gütererzeugung praktisch unlösbar. Zweitens lassen sich die heterogenen Faktorqualitäten von Arbeit und Kapital nicht auf eine Arbeitsart reduzieren. Die aus der Arbeitswertlehre abgeleiteten Konsequenzen sind daher empirisch bedeutungslos, weil inhaltsleer. Sie können weder bewiesen noch widerlegt werden, was sie praktisch auf eine Stufe mit Werturteilen oder Meinungssätzen stellt. Die güterwirtschaftliche Analyse wäre wissenschaftlich wertlos, wenn sie von der Arbeitswerthypothese abhinge. Tatsächlich kann, wie FRANK WILLIAM TAUSSIG und GOTTFRIED VON HABERLER gezeigt haben, die Annahme eines Universalproduktionsfaktors aufgegeben, die Arbeitswerthypothese also eliminiert werden, ohne daß sich am aufgezeigten Ergebnis etwas ändert. Der Leser verdeutliche sich noch einmal den Inhalt der opportunity cost-Hypothese. Die Kosten einer Gutseinheit werden am Verzicht auf Mengeneinheiten eines anderen Gutes gemessen. Im Fall IV muß man im Inland für eine Einheit Weizen 1/2 Einheit Tuch aufgeben (Übers. 23-1); 1/2 Tucheinheit sind die Kosten einer Einheit Weizen. Nicht erforderlich ist, daß die absoluten Faktorkosten nur aus Arbeitskosten oder Kosten einer einzigen Arbeitsart oder -qualität bestehen. Die Arbeitswerthypothese kann - ebenso wie die Homogenitätsannahme - fallengelassen werden. Eine ganz andere Frage ist, inwieweit die Faktorausstattung im In- und Ausland auf die Höhe der absoluten Kosten einwirkt, worauf noch eingegangen wird. 23. Güterwirtschaftliche Theorie 581 Kostenverlauf Daß die Produktion eines Gutes mit konstanten Grenzkosten ausgedehnt werden kann, ist empirisch nicht besonders relevant. Realistischer sind steigende Grenzkosten. Der Unterschied zwischen konstanten und steigenden Grenzkosten läßt sich anhand von Transformationskurven verdeutlichen, die bekannt sind (1. Kap.). Statt zu sagen, pro Arbeitstag können im Inland 1/4 Einheit Weizen oder 1/8 Einheit Tuch erzeugt werden (Übers. 23-1; Fall IV), läßt sich derselbe Sachverhalt bei konstanten Grenzkosten wie folgt beschreiben: Im Inland können bei aller Ausnutzung der Faktoren Weizen und Tuch immer nur im Verhältnis 2/1 produziert werden, wobei jedoch die absoluten Mengen ganz unterschiedlich sein können (Fig. 23-1.I.). Die Fig. 23-1.I. und II. stellen eine graphische Illustration der bisherigen Analyse dar. Die Transformationskurven vor Beginn des Außenhandels ( ; ) sind Geraden, weil sich die opportunity cost bei unterschiedlichen Mengen der produzierten Güter annahmegemäß nicht ändern. Das bedeutet, daß für jede Einheit Tuch, die mehr produziert werden soll, auf dieselbe Menge Weizen verzichtet werden muß - unabhängig davon, wieviel Tuch bereits produziert wird. Diese Beziehung gilt jedoch nur auf der Transformationskurve. Die opportunity cost bzw. die inländischen Austauschverhältnisse vor Aufnahme des Außenhandels werden durch den Tangens der Winkel und angeben. Deshalb wird eine lineare Transformationskurve auch als Preislinie bezeichnet. Die Steigung der Preislinie ist demnach durch die opportunity cost bestimmt. Die auf ihr realisierten Konsumpunkte und hängen von der Nachfrage in beiden Ländern ab. Sie sind zugleich die Produktionspunkte ohne Außenhandel. Aus den vorangegangenen Ausführungen dürfte deutlich geworden sein, daß nach der Eröffnung des Außenhandels ein Austauschverhältnis zustande kommen muß, das zwischen und liegt. In Fig. 23-1.III. und IV.werden die terms of trade als der für beide Länder gleiche Tangens des Winkels angegeben ( ). Nimmt man an, die terms of trade seien mengenunabhängig, wird aus der Abszisse und einer Geraden gebildet, die man als terms of trade-Linie ( ; ) bezeichnet. Sie zeigt an, welche Versorgungslage ein Land bei gegebenem internationalen Austauschverhältnis und völliger Spezialisierung auf das komparativ kostengünstiger herzustellende Gut (Produktion in und ) erreichen kann.Man könnte sie unter diesen Annahmen auch als eine durch den internationalen Handel nach außen gedrehte Transformationskurve interpretieren, die bis auf die Drehpunkte ( ; ) eine höhere Versorgungsmöglichkeit anzeigt. Die Nachfrage bestimmt auch nach Aufnahme des Außenhandels die Konsumpunkte. Aus Vereinfachungsgründen wurden die neuen Konsumpunkte ( ; ) senkrecht über den alten ( ; ) eingezeichnet (Fig. 23-1.III. und IV.). Diese Punkte müssen der Bedingung genügen, daß für jedes Gut der mengenmäßige Export eines Landes gleich dem mengenmäßigen Import des anderen Landes ist ( ; ). In Fig. 23-1.III. spezialisiert sich das Inland vollständig auf Tuch und produziert davon Einheiten, wovon Einheiten in den Export gehen und Einheiten für den Eigenverbrauch verbleiben. Für das exportierte Tuch erhält TKI TKA αi αA AI AA tg αI 2= tg αA 6= β tg β tg βI tg βA= = β TLI TLA PI PA PI PA CI CA AI AA ExT ImT= ExW ImW= 0PI BIPI 0BI 582 Vierter Teil. Weltwirtschaft das Inland bei gegebenen terms of trade Einheiten Weizen, die zugleich die gesamte Konsummenge darstellen. Für das Ausland gilt mutatis mutandis dasselbe. Fig. 23-1: Transformationskurven bei konstanten opportunity cost Vergleicht man nun den alten und den neuen Konsumpunkt, so zeigt sich, daß in beiden Ländern bei gleichbleibender Versorgung mit Tuch eine Besserversorgung mit Weizen möglich wäre. Dieser Gewinn aus dem Außenhandel könnte für das Inland noch größer sein, wenn die terms of trade-Linie steiler verliefe und (oder) die exportierteMenge größer wäre. Bei steigendenGrenzkosten haben die Transformationskurven einen konkaven Verlauf - vom Ur- 0DI 23. Güterwirtschaftliche Theorie 583 sprung gesehen -, da für die Erzeugung einer weiteren Einheit eines Gutes zunehmend mehr Einheiten des anderen Gutes aufgegeben werden müssen (Fig. 23-2). In Fig. 23-2 wird entgegen den bisherigen Beispielen angenommen, daß das Inland Weizen statt Tuch exportiert, den komparativen Kostenvorteil also bei Weizen hat ( ). Transformationskurve und Preislinie (hier: die Tangente an die Transformationskurve in einem beliebigen Punkt) sind nicht mehr identisch (Fig. 23-2.I. und II.). Die Tauschrelation zwischen beiden Gütern, die den marginalen opportunity cost vor Eröffnung des Handels in einem Land entspricht, ist gleich der Steigung der Tangente an die Transformationskurve ( ; ). Die Tangentialpunkte und geben die realisierte Produktion undKonsumtion ohneAußenhandel an. Nach der Er- öffnung des Außenhandels, dessen Richtung von den komparativen Kostenvorteilen abhängt, stellen sich terms of trade ein, die wiederum gleich den inländischen Austauschverhältnissen sind. Da und die Grenzen der terms of trade angeben, liegt das sich bildende Austauschverhältnis dazwischen. Fig. 23-2: Transformationskurven bei steigenden opportunity cost Das Inland wird sich auf die Weizenproduktion, das Ausland auf die Tuchproduktion spezialisieren (Fig. 23-2.III. und IV.). Die Spezialisierung geht so weit, bis die Steigungen der beiden Transformationskurven übereinstimmen und der der terms of trade-Linie entsprechen ( in bzw. ). Die terms of trade sind dann gleich den Austauschverhältnissen in beiden Ländern. Die Konsequenz steigender Grenzkosten ist, daß die Spezialisierung eines tg αI tg αA> TK PL tg αI tg αA AI AA tg αI tg αA tg β tg βI tg βA= = PI PA 584 Vierter Teil. Weltwirtschaft Landes nach Eröffnung des Außenhandels nicht mehr vollständig sein kann, wenn der Gewinn aus dem Außenhandel maximal sein soll (unvollkommene Spezialisierung). Da in einem Land mit zunehmender Spezialisierung auf ein Gut die Grenzkosten steigen, im anderen Land durch Produktionsdrosselung dagegen sinken, ist eine Situation denkbar, bei der die vor Handelsbeginn bestehende Überlegenheit verschwindet und sich in eine Unterlegenheit umkehrt ( ). Dies erklärt, warum Länder auch Güter erzeugen, die sie größtenteils einführen. Wie Fig. 23-2.III. und IV. weiterhin erkennen lassen, liegen die Konsumpunkte und außerhalb der Transformationskurve, was ein größeres Versorgungsniveau gegenüber der Situation vor Außenhandel anzeigt. Bezüglich der Gewinnhöhe und ihrer Abhängigkeit bestehen dieselben Beziehungen wie bei linearen Transformationskurven. Nachfragestruktur Wie gezeigt, sind als eine Ursache für den internationalen Handel die unterschiedlichen Kosten (opportunity costs) zu sehen, die für die Produktion der Güter im Inland und Ausland aufgewendet werden müssen. Dabei wurde implizit angenommen, daß von der Nachfrageseite keine gegenläufigen Wirkungen auf die relativen Preise der gehandelten Güter ausgehen. Erfüllt wird diese Voraussetzung beispielsweise durch die Annahme identischer Nachfragerpräferenzen in beiden Ländern. Um zu allgemeineren Aussagen über die Gründe und die Richtung des Außenhandels zu gelangen, sollen diese Vereinfachungen durch die explizite Berücksichtigung der Nutzenvorstellungen inländischer und ausländischer Konsumenten aufgehoben werden. Die jeweils nationalen Präferenzstrukturen können mit Hilfe gesellschaftlicher (sozialer) Indifferenzkurven abgebildet werden, die analog zu den behandelten individuellen Indifferenzkurven (5. Kap.) definiert werden: Gesellschaftliche Indifferenzkurven stellen die Verbindungslinie (den geometrischen Ort) solcher Güterkombinationen dar, die von einer Gesellschaft als gleichwertig angesehen werden. Schließt man Kompensationsmöglichkeiten zwischen den Individuen aus, so weisen die gesellschaftlichen Indifferenzkurven eine weitere Eigenschaft auf: Jede Güterkombination, die auf einer Indifferenzkurve liegt, stiftet einem Individuum den gleichen Nutzen. Da diese Aussage für alle Individuen einer Gesellschaft gleichermaßen gilt, findet ein Übergang zu einer höheren Indifferenzkurve dann statt, wenn durch eine neue Güterkombination wenigstens ein Individuum einen Nutzenzuwachs erfährt und keines der restlichen Individuen Nutzenverluste hinnehmen muß. Kann durch eine veränderte Güterkombination der Nutzen eines Individuums nicht gesteigert werden, ohne gleichzeitig den Nutzen wenigstens eines Individuums zu reduzieren, bezeichnet man diesen Zustand als pareto-optimal. Wird - wie allgemein üblich - ein zum Ursprung hin konvexer Verlauf der gesellschaftlichen Indifferenzkurven und ein konkaver Verlauf der Transformationskurven unterstellt, so existiert nur eine einzige Güterkombination, die aufgrund der nationalen Faktorausstattung möglich und pareto-optimal ist. Für die optimale Lösung des Allokationsproblems gilt, daß das Verhältnis der sozialen Grenznutzen gleich dem der sozialen Grenzkosten ist (Tangentialpunkt in Fig. 23-3). Die Konsumpunkte tg βI tg βA< CI CA C1 23. Güterwirtschaftliche Theorie 585 und auf der Indifferenzkurve lassen sich zwar produktionstechnisch realisieren, sind aber im Vergleich zu Konsumpunkt auf Indifferenzkurve nicht pareto-optimal; der Konsumpunkt ist zwar gegenüber paretooptimal, kann aber mit den verfügbaren Ressourcen nicht erreicht werden. Aus dieser Darstellung des Gleichgewichts zwischen Konsum und Produktion eines Landes können bereits Schlußfolgerungen für den internationalen Warenaustausch gezogen werden: Verfügen zwei Länder über identische Transformationskurven und Präferenzstrukturen und somit über die gleichen relativen Preise im Autarkiezustand, kommt kein Außenhandel zustande. Fig 23-3: Gleiche Produktionsmöglichkeiten und Nachfragestrukturen Dann bleibt zu prüfen, ob unterschiedliche Nachfragestrukturen und/oder Angebotsstrukturen zur Aufnahme des internationalen Handels führen. In einem ersten Fall wird angenommen, daß Inland und Ausland über die gleichen Transformationsstrukturen verfügen ( ), sich die Nachfragerpräferenzen aber unterscheiden. Im Inland wird eine relativ höhere Menge Weizen konsumiert, während im Ausland eine relativ höhere Menge Tuch nachgefragt wird. Diese Situation ist in Fig. 23-4 dargestellt, wobei die nationalen Produktionsund Konsumtionspunkte vor Aufnahme des Außenhandels durch die jeweiligen Tangentialpunkte ( , ) der gesellschaftlichen Indifferenzkurven ( , ) bestimmt werden und die Preislinien ( , ) die Steigerungen und aufweisen. Nach Einführung des Freihandels stellt sich die durch die Preislinie gekennzeichnete internationale Preisrelation ein. Sie führt dazu, daß die nationalen Produktionspunkte beider Länder in zusammenfallen: Beide Länder geben ihre nachfragebedingte Spezialisierung auf, um Handelsgewinne realisieren zu können. Die neue Preislinie tangiert sowohl eine höhere inländische ( ) als auch eine höhere ausländische Indifferenzkurve ( ). Dies kann, wie in Fig. 23-4 dargestellt, zu einer Spezialisierung des Konsums ( , ) führen. Ebenso wie in Fig. 23-2 müssen sich inländischer Tuchexport und ausländischer Tuchimport sowie inländischer Weizenimport und ausländischer Weizenexport einander entsprechen. Das dargestellte Beispiel C2 C3 I1 C1 I2 C4 C1 TI A, AI AA I1 I I1 A PLI PLA αI αA PLI A⁄ PI A⁄ PLA I⁄ I2 I I2 A CA CI 586 Vierter Teil. Weltwirtschaft (gleiche Transformationskurven, unterschiedliche Nachfragestrukturen) weist auf zwei interessante Aspekte hin. Zum einen kann gezeigt werden, daß die Aufnahme des Freihandels nicht unter jeder Voraussetzung zur Spezialisierung der nationalen Produktion führenmuß, sondern auch die Angleichung der Produktionspunkte bewirken kann. Zum anderen wird deutlich, daß letztlich nicht unterschiedliche Opportunitätskosten eine notwendige Voraussetzung für gewinnbringenden Außenhandel sind, sondern lediglich national unterschiedliche relative Güterpreise. Fig. 23-4: Gleiche Produktionsmöglichkeiten und unterschiedliche Nachfragestrukturen Im dritten Fall werden die Bedingungen umgekehrt und identische Nachfragestrukturen sowie unterschiedliche Transformationskurven ( , ) angenommen. Da die Indifferenzkurven in Fig. 23-5 für beide Länder gelten, kann die länderspezifische Indexierung entfallen. Im Autarkiezustand bilden sich die Produktions- und Konsumtionspunkte und heraus sowie die zugehörigen Preislinien und . Ihre unterschiedlichen Steigungen, die Ausdruck national unterschiedlicher relativer Preise sind, deuten an, daß Außenhandel Handelsgewinne nach sich ziehen wird. Entsteht nach Aufnahme des Freihandels die internationale Preisrelation , bilden sich die neuen Produktionspunkte ( , ) und Konsumtionspunkte ( , ) heraus. Das Inland exportiert Weizen und importiert Tuch; spiegelbildlich dazu exportiert das Ausland Tuch und importiert Weizen. Der Handelsgewinn läßt sich als Übergang des inländischen Konsumpunktes von Indifferenzkurve auf und des ausländischen Konsumpunktes von auf definieren. In beiden Ländern werden Güterkombinationen dem Konsum zugeführt, die von den Gesellschaften höher bewertet werden als die Konsumgüterversorgung im Autarkiezustand. Der letzte Fall, der unterschiedliche Nachfrage- und Produk- TI TA AI AA PLA PLI PLI A⁄ PI PA CI CA I2 I3 I1 I2 23. Güterwirtschaftliche Theorie 587 tionsstrukturen in beiden Ländern unterstellt, dürfte für den internationalen Güteraustausch der empirisch bedeutsamste sein. Fig. 23-5: Unterschiedliche Produktionsmöglichkeine und gleiche Nachfragestrukturen In Fig. 23-6wird durch die dargestellte Lage der Transformations- und Indifferenzkurven beispielhaft angenommen, daß jede Gesellschaft eine relativ stärkere Vorliebe für das Produkt hat, das sie zu komparativ höheren Kosten produzieren kann ( , ).Wiemit Hilfe der Preislinie gezeigt werden kann, lassen sich die neuen, entsprechend der vorliegenden Präferenzstrukturen höher bewerteten Konsumpunkte ( , ) durch den Export des jeweils kostengünstiger produzierten Gutes (Inland: Weizen; Ausland: Tuch) und durch den Import des Gutes (Inland: Tuch; Ausland: Weizen), für dessen Produktion jeweils komparative Kostennachteile bestehen, erreichen. Es stellt sich die Frage, ob die Autarkie auch dann aufgegebenwird, wenn in beiden Ländern eine relativ stärkere Präferenz für das Gut besteht, welches mit komparativen Kostenvorteilen erzeugt werden kann. Auch unter diesen Bedingungen ist Freihandel lohnenswert, wenn die Güter mit komparativen Kostenvorteilen einen - durch die hohe Nachfrage hervorgerufenen - komparativen Preisnachteil haben. Anders gesagt: Die Wirkungen der komparativen Kostennachteile auf die relativen Preise werden durch den Einfluß der Präferenzstruktur überkompensiert. In diesem Falle werden sowohl vom Inland als auch vom Ausland solche Güter exportiert, die nur unter vergleichsweise höheren Kosten produziert werden können. Dieses Ergebnis ist keineswegs überraschend, wenn man bedenkt, daß der entscheidendeAnreiz für die Aufnahme des Freihandels letztlich in den unterschiedlichen relativen Preisen begründet ist. AI AA PLI A⁄ CA CI 588 Vierter Teil. Weltwirtschaft Fig. 23-6: Unterschiedliche Produktionsmöglichkeiten und Nachfragestrukturen Faktorausstattung Das Theorem der komparativen Kostenvorteile setzt voraus, daß die Faktorkosten pro Produkteinheit zwischen In- und Ausland differieren. Eine notwendige Bedingung ist, daß die relativen opportunity cost voneinander abweichen, was wiederum voraussetzt, daß wenigstens bei einem Produkt die Faktorkosten international verschieden sind. Davon kann in der Realität regelmäßig ausgegangen werden. Erklärt wird jedoch nicht, wie die für das Zustandekommen des internationalen Handels relevanten Kostendifferenzen entstehen, was also Ursache solcher Differenzen ist. Unterschiedliche Faktorkosten gehen generell entweder auf die Produktivität ("Qualität") oder auf die Quantität der Faktoren zurück. Bei gleichen Faktormengen ergeben Faktoreinsätze unterschiedlicher Produktivität abweichende Produktmengen. Andererseits differieren die Produktmengen, wenn Faktoren gleicher Produktivität mit alternativen Mengen eingesetzt werden. Stellt man sich die Wirtschaft eines Landes als einen Betrieb vor, lassen sich einzelbetriebliche Analysen zur Produktionstheorie (6. Kap.) auf den Handel zwischen Volkswirtschaften übertragen. Das geschieht auch weitgehendmit der Besonderheit, daß bei der Ausgestaltung der reinenAußenwirtschaftstheorie die Faktorausstattung, d. h. die international unterschiedlichen Faktoreinsatzmengen bei der Güterproduktion, im Vordergrund steht, Produktivitätsanalysen dagegen erst neuerdings stärker ins Blickfeld treten. Auf die Bedeutung der Faktorausstattung sei etwas näher eingegangen, weil dieses Thema sich eng an die bisher behandelten Probleme anschließt. Kern der Überlegungen zur Faktorausstattung, des Einflusses der Faktormengen bei 23. Güterwirtschaftliche Theorie 589 gleicher Faktorproduktivität, ist die Hypothese: Komparative Kostenvorteile als notwendige Bedingung des internationalen Handels entstehen durch unterschiedliche Faktorproportionen (relative Anteile der Faktoren bei der Produktion). Ein Landwird jenes Gut exportieren (importieren), bei dessen Produktion der relativ reichlich (knapp) vorhandene Faktor entsprechend seinen relativen Anteilen auch eingesetzt wird. Verfügt ein Land über relativ viel Boden und wenig Arbeitskräfte, wie Australien, wird es Produkte mit hoher Boden- und geringer Arbeitsintensität (z. B. Weizen) exportieren, im Gegensatz zu einem Land, in dem Boden (Arbeitskräfte) relativ knapp (reichlich) vorhanden ist (sind), wie Japan, das deshalb arbeitsintensive Produkte (z. B. Digitalkameras) ausführt. Gilt das Gesetz abnehmender Grenzerträge, fallen (steigen) - sofern die Annahmen des Theorems der komparativen Kostenvorteile vorliegen durch den internationalen Handel die Preise für die relativ knapp (reichlich) vorhandenen Faktoren. Mit anderen Worten: Die Faktorpreise gleichen sich international tendenziell an (in theoretisch bestimmbaren Grenzfällen werden sie gleich [Faktorpreisausgleichs-Theorem]), obwohl Faktoren nur innerhalb eines Landes mobil sind. Diese Hypothese wird als HECKSCHER-OHLIN-Theorem (auch Faktorproportionen-Theorem) bezeichnet. Der schwedische Wirtschaftshistoriker und Nationalökonom ELI FILIP HECKSCHER, der durch bahnbrechende Forschungen über den Merkantilismus hervorgetreten ist, hat es 1919 entwickelt, sein Landsmann BERTIL OHLIN 1933 verfeinert. Die anschließende Diskussion erstreckt sich auf eine Reihe von Detailproblemen, z. B. auf die Untersuchung der Folgen internationaler Faktorausstattung für die Realeinkommensverteilung (SAMUELSON-STOLPER-Theorem) und die Produktionsstruktur (RYBCZYNSKI-Theorem). Ein empirischer Test des HECKSCHER-OHLIN-Theorems für die USA mit Hilfe der input-output-Analyse verlief scheinbar negativ (LEONTIEF-Paradox), war jedoch tatsächlich mit dem Theorem vereinbar. Unbestritten ist, daß das Theorem das der komparativen Kostenvorteile erweitert - weswegen es hier behandelt wird - undwie dieses restriktiven Annahmen unterliegt, deren empirische Tragweite wissenschaftlich teilweise noch klärungsbedürftig scheint. III. Zolltheorie Zollwirkungen In der reinen Außenhandelstheorie wird von einem ungehinderten internationalen Handel (Freihandel) ausgegangen. Tatsächlich gibt es jedoch eine Reihe von Handelsbeschränkungen, unter denen der Zoll früher wie heute die größte Rolle spielt und auch wissenschaftlich das meiste Interesse gefunden hat. Die Freihandelsannahme der reinen Theoriewird im folgenden fallen gelassen. Von untergeordneter Bedeutung ist, ob man die Zolltheorie als Teil der reinen Theorie ansieht oder von dieser absetzt. Zölle sind Steuern, die der Staat auf grenz- überschreitenden Warenverkehr erhebt (Warenverkehrssteuer). Ihre Erhebungsformen - man unterscheidet nach Mengen- (= spezifischen) und Wert- Zöllen - können in der Theorie vernachlässigt werden. Es gibt praktisch nur 590 Vierter Teil. Weltwirtschaft Einfuhrzölle. Für eine Zollerhebungwerden verschiedene Gründe vorgetragen, die sich besser beurteilen lassen, wenn die Zollwirkungen bekannt sind. Von der Erhebung eines Zolls (oder seiner Erhöhung) können eine Reihe von Wirkungen ausgehen, der Schutzeffekt, Konsumeffekt, Einnahmeneffekt, Umverteilungseffekt und terms of trade-Effekt. Dieser Katalog ließe sich insbesondere erweitern, wenn nicht nur die unmittelbaren, sondern auch die mittelbaren Wirkungen ("Fernwirkungen") einer Zollerhebung erfaßt werden (z. B. auf den Wettbewerb, das Volkseinkommen und die Zahlungsbilanz). Es mag genügen, die angeführten Effekte zu erläutern, wofür summarisch eine graphische Darstellung nützlich scheint (Fig. 23-7). In Fig. 23-7 sind Angebot und Nachfrage eines homogenen Gutes für das Inland ( , ) und Ausland ( , ) in bekannter Weise (4. Kap.) dargestellt. Der Auslandspreis wird durch Umrechnung zu einem festen Wechselkurs in Inlandswährung ausgedrückt ( ). Es herrsche vollständige Konkurrenz. Die Transportkosten seien Null. Diese, aus der mikroökonomischen Analyse stammende Form der Darstellung liefert nur Teilaspekte der Wirkungen des internationalen Handels und der Zölle, hat sich aber seit Jahrzehnten im Schrifttum zur Klarstellung bewährt. Gäbe es keinen internationalen Handel (Autarkie), wären im Inland (Ausland) Angebot und Nachfrage bei ( ) im Gleichgewicht. Fig. 23-7: Zollwirkungen Da der Gleichgewichtspreis im Inland höher als im Ausland liegt, wird bei internationalem Handel das Gut ins Inland importiert. Für ein Exportgut müßte der Gleichgewichtspreis im Inland niedriger als im Ausland sein. Findet keine Beschränkung des internationalen Handels statt (Freihandel), fällt (steigt) der Preis im Inland (Ausland) auf , da bei vollständiger Konkurrenz ohne Transportkosten nur ein Preis für ein homogenes Gut existiert. Si Di Sa Da pa r⋅ Ei Ea p 23. Güterwirtschaftliche Theorie 591 Bei ist der inländische Nachfrageüberschuß ( ) gleich dem ausländischen Angebotsüberschuß ( ). Wird ein Zoll eingeführt, steigt der inländische Preis auf , während der ausländische auf fällt, so daß der inländische Nachfrageüberschuß ( ) wieder genau dem ausländischen Angebotsüberschuß ( ) entspricht. Vergleicht man die Situation bei Freihandel mit der nach der Einführung des Zolls, lassen sich unter der gegebenen Annahme unmittelbar folgendeWirkungen nachweisen: Das inländische Angebot steigt um ( ), den Schutzeffekt (auch Protektions- oder Produktionseffekt), wohingegen das ausländische Angebot um ( ) fällt. Die inländische Nachfrage fällt um ( ), den Konsumeffekt, wohingegen die ausländische Nachfrage um ( ) steigt. Der inländische Staat erhält durch den Zoll Einnahmen (Einnahmeneffekt), die dem Produkt aus Importmenge ( bzw. ) und entspricht, also durch (Zollbelastung der Inländer) und (Zollbelastung der Ausländer) berechnet wird. Zwischen den Produzenten und Konsumenten findet eine Umverteilung statt (Umverteilungseffekt): Im Inland steigt die "Produzentenrente" (als das Integral über die Angebotsmenge bis zum Preis : ) um den Betrag (23.4 a) , während die sie tragende "Konsumentenrente" (als das Integral über die Nachfragemenge bis zum Preis : ) um den Betrag (23.4 b) p qi d qi s– qa s qa d– T p ti p ta qi dt qi st– qa st qa dt– qi st qi s– qa s qa d– qi d qi dt– qa dt qa d– qi dt qi st–[ ] qa st qa dt–[ ] T qi dt qi st–( ) p t p–( ) qa st qa dt–( ) p p ta–( ) p qi s pd⋅ 0 p ∫ qi s pd⋅ p p ti ∫ 12-- qi s qi st+( ) p ti p–( )⋅ ⋅= p qi d pd⋅ 0 p ∫ qi d pd⋅ p p ti ∫ 12-- qi dt qi d+( ) p ti p–( )⋅ ⋅= 592 Vierter Teil. Weltwirtschaft fällt. Im Ausland vermindert sich die "Produzentenrente" entsprechend um , während sich die "Konsumentenrente" um erhöht. Der von auf gefallene Preis für den Import bedeutet ceteris paribus (d. h. bei gegebenen - nicht eingezeichneten - Exportpreisen), daß sich die terms of trade des Inlandes (nach Gleichung (23.3): ) verbessern (terms of trade-Effekt), also die des Auslandes verschlechtern. Die aufgezeigten Effekte sind nicht unabhängig voneinander: Je größer bestimmte Wirkungen sind, um so geringer sind andere. Beispielsweise wird bei einemmaximalen Schutzeffekt (Autarkie), der eintritt, wenn der Zoll der Differenz zwischen den Preisen bei den Gleichgewichten und entspricht( ), der Einnahmeneffekt gleich Null. An diesem Beispiel eines einfuhrhindernden Zolls (Prohibitivzoll) wird zugleich deutlich, daß Zölle die gleiche Wirkung haben können wie Einfuhrverbote. Das jeweilige Ausmaß der Zollwirkungen ist offenkundig von den Elastizitäten des Angebots und der Nachfrage im Inland und Ausland abhängig. Trotz der analytischen Einschränkungen ist es möglich, einige Schlußfolgerungen zu ziehen, die für eine, auf das Wesentliche beschränkte Beurteilung der Zölle bedeutsam sind: Zölle ermöglichen eine Inlandsproduktion, die im Hinblick auf günstigere Produktionsmöglichkeiten bei Freihandel nicht erstellt würde. Das bedeutet ceteris paribus eine Verschwendung knapper Ressourcen. Mit dem Schutzeffekt schwinden die Vorteile internationaler Arbeitsteilung. Durch Zölle wird Arbeitslosigkeit exportiert. Dem Ansteigen der inländischen Produktion steht eine sinkende Auslandsproduktion gegenüber. Ein Land mit Unterbeschäftigung kann mit Zöllen ceteris paribus - d. h. vor allem, wenn sich das Ausland nicht wehrt - im Inland Vollbeschäftigung erreichen und eine ausländische Vollbeschäftigung in die Unterbeschäftigung überführen. Die inländischen Verbraucher zahlen höhere Preise als bei Freihandel. Ein Zoll begünstigt bestimmte Anbieter, die sich monopolähnlich verhalten können. Das zeigt sich schon daran, daß Konsumentenrenten bei vollständiger Konkurrenz nicht ausschöpfbar sind (7. Kap.). Unter den mittelbaren Wirkungen ist insbesondere der Einfluß der Zölle auf denWettbewerb gravierend. DieWettbewerbsintensität nimmt im allgemeinen mit der Höhe von Zöllen ab, vor allem auch deswegen, weil Produzenten, die in nationaler Sicht häufig monopolistische oder oligopolistische Marktstellungen haben, international meistens einer scharfen Konkurrenz ausgesetzt sind. Zollbegründungen Politische Zollbegründungen Zölle und Handelsbeschränkungen anderer Art - mit oft ähnlichen Wirkungen wie Zölle - haben für eine Volkswirtschaft als Ganzes und für die Weltwirt- 1 2⁄ qa st qa s–( ) p p ta–( )⋅ ⋅ 1 2 qa dt qa d+( ) p p ta–( )⋅ ⋅⁄ p p ta Tr 100 Px Pm⁄⋅≡ Ei Ea p ei p ea– 23. Güterwirtschaftliche Theorie 593 schaft so offenkundige Nachteile, daß ökonomisch alles für Freihandel spricht. Effizienz und Niveau der Güterproduktion sind höher als ohne oder mit beschränktem Außenhandel, weil dieser die ungleiche Verteilung der Produktionsfaktoren und unterschiedliche Produktionsbedingungen zu einem erheblichen Teil international ausgleicht. Im wissenschaftlichen Schrifttum besteht über die Vorteile des Freihandels imHinblick auf das ZielWohlstandsmaximierungweitgehende Einigkeit, die um so bemerkenswerter ist, weil es nur wenige unkontroverse Ansichten unter Nationalökonomen gibt. Demgegenüber mag überraschen, daß so gut wie kein Land Freihandel zuläßt. Warumwerden Zölle erhoben? Diese Frage drängt sich angesichts der Diskrepanz zwischen Wissenschaft und Praxis auf. Es gibt eine Reihe von nichtökonomischen und ökonomischen Zollbegründungen, von denen einige wichtige und diskutable erörtert seien. Unter den ökonomisch begründeten Zöllen wird danach unterschieden, ob Zölle der Einnahmenbeschaffung des Staates (Finanzzölle), als Instrumente der Wirtschaftspolitik (Instrumentalzölle) oder dem Schutz der Produzenten (Schutzzölle) dienen sollen. Die nichtökonomischen Zollargumente sind meistens politischer Natur: Ob ein Land oder die gesamteWelt Produktion und Einkommen durch Freihandel erhöhen sollen, sei nicht allein eine ökonomische oder wissenschaftliche Frage. Freihandel ist oft aus nationalen Gründen abzulehnen, ohne daß die für die Produktion und Einkommen vorteilhaften Wirkungen in Zweifel gezogen werden. Man solle sich nicht "dem Ausland überantworten". Das ist der Kern des traditionellen Autarkiearguments. Es ist nicht zu bestreiten, daß eine internationale Arbeitsteilung auch ihren "Preis" fordert. Er besteht in einer Verstärkung der gegenseitigen wirtschaftlichen Verflechtung. Ihre vollständige Ersetzung durch die Autarkie würde jedoch vermutlich den Tod für zahlreiche Menschen in der Welt bedeuten. An eine völlige Autarkie ist freilich selten gedacht, vielmehr wird meist nur eine sektorale Autarkie angestrebt (Rohstoffe, Energie). Der Ökonom kann auf Verluste hinweisen, die eine Abweichung vom Freihandel mit sich bringt, muß aber die Entscheidung darüber Politikern und Wählern überlassen. Eine politische Zollbegründung wird freilich nicht immer offen ausgesprochen. So dürften sich für das Ausmaß des gegenwärtigen Schutzes der westdeutschen Landwirtschaft oder des Kohlenbergbaus kaum ökonomische Gründe finden lassen. Aber nur selten stößt man auf eindeutig politische Argumente, wie etwa: "Die Regierungsparteien schützen Landwirtschaft und Kohlenbergbau vor internationalemWettbewerb, um keine Wähler zu verlieren." Oder: "Die Beseitigung von Handelsbeschränkungen ist wegen der Zusammensetzung des Parlaments nicht realisierbar." Diese Argumente erscheinen im politischen Prozeß oft in einem anderen Gewand. Finanzzölle Das Finanzzollargument entstammt fiskalischem Denken. Die Wareneinfuhr gilt als bequeme und beliebte Steuerquelle. Von einem "echten" Finanzzoll kann man sprechen, wenn Einnahmenerzielung einziger Zweck des Zolls ist. Die Motive des Gesetzgebers sind indessen schwer zu ergründen. Eine praktisch brauchbare, objektiv faßbare Abgrenzung zwischen Finanzzöllen und Zöllen, 594 Vierter Teil. Weltwirtschaft von denen auch Schutzwirkungen ausgehen ("unechte" Finanzzölle), erhält man, wenn die Inlands- und Grenzbesteuerung verglichen wird. Ein echter Finanzzoll liegt vor, sofern inländische Produkte genauso wie ausländische besteuert oder zollbelastete Produkte im Inland nicht hergestellt werden. Daran gemessen, dürften "unechte" Finanzzölle überwiegen. Über die Ergiebigkeit des Finanzzolls als Steuerquelle bestehen wohl übertriebene Vorstellungen. Man könnte im Extremfall sogar daran denken, den staatlichen Finanzbedarf ausschließlich durch Finanzzölle zu decken. Vor dem Ersten Weltkrieg gab es in den Vereinigten Staaten Bestrebungen, inländische Steuern durch Zollerhöhungen vollständig zu ersetzen. Damit mochte sich die Vorstellung verbinden, das Ausland zur Staatshaushaltsfinanzierung heranziehen zu können. Angesichts des Umfangs staatlicher Aktivitäten ist daran nirgends mehr zu denken. In den meisten Ländern käme der internationale Handel zum Erliegen, wollte man auch nur erhebliche Staatsausgaben aus Zolleinnahmen decken, zumal langfristig ein Land nicht nennenswert mehr ausführen als einführen kann. Zölle reduzieren in der Regel die Einfuhr und damit auch die Ausfuhr. Der Zollerhebung sind enge Grenzen gesetzt. Tatsächlich ist der Anteil der Zölle an den Staatseinnahmen in fast allen Ländern relativ gering. Instrumentalzölle Zölle dienen auch als Instrument der Wirtschaftspolitik. In Zeiten der Hochkonjunktur hat man Zölle auf Importe gesenkt oder beseitigt, in Depressionen erhöht oder eingeführt. Die damit verfolgten Ziele sind Vollbeschäftigung, Preisniveaustabilität und gelegentlich Zahlungsbilanzausgleich. Das anschaulichste Beispiel bieten die Jahre der Weltwirtschaftskrise, in denen zahlreiche Länder ihre Währungen abwerteten (Abwertungskonkurrenz) und die (Import-)Zollmauern erhöhten (Hochzollsystem), um das Beschäftigungsniveau im Inland anzuheben. Isoliert, d. h. von einem Land aus gesehen, sind Zölle tatsächlich ein geeignetes Mittel der Konjunkturpolitik. Die Schwierigkeiten des Inlands werden jedoch auf das Ausland überwälzt (beggar-my-neighbour policy). Wie erwähnt, kann eine im Inland herrschende Arbeitslosigkeit durch Importzollerhöhungen beseitigt werden: Da die Importe des Inlands Exporte des Auslands sind, wird zwar die durch die Zollerhöhung bewirkte Importdrosselung das inländische Beschäftigungsniveau anheben können, aber gleichzeitig im Ausland Unterbeschäftigung verursachen. Das Inland exportiert Arbeitslosigkeit, wogegen sich das Ausland wehren wird. Kompensatorische Maßnahmen des Auslands (Abwehrzölle [Retorsionszölle], Abwertung u. a.) sind ziemlich sicher, es sei denn, im Ausland herrscht zu gleicher Zeit Hochkonjunktur. Retorsionszölle werden allgemein gebilligt. Dahinter steht die Forderung, daß (Import-)Zollerhöhungen aus beschäftigungspolitischen Gründen zu unterlassen sind, weil sie die Rückwirkungen einer Depression eher verschärfen. Andererseits ist eine Hochkonjunktur die geeignetste Zeit, Zölle abzubauen, zumal dann auch die politischen Widerstände relativ gering sind. 23. Güterwirtschaftliche Theorie 595 Schutzzölle Die Schutzzollargumente bilden die wichtigste Gruppe unter den ökonomischen Zollbegründungen. Wenn von der Vorteilhaftigkeit eines Schutzzolls gesprochen wird, dürfte klar sein, wessen Vorteile gemeint sind. Schutzzölle nützen in der Regel einzelnen Unternehmen, Industrien oder Regionen, schaden jedoch dem Land und der Weltwirtschaft als Ganzes. Gibt es gesamtwirtschaftlich vertretbare Schutzzollargumente? Die Handelsgewinnhypothese beinhaltet, daß ein Land den Handel aufnimmt, wenn damit Produktion und Einkommen erhöht werden. Da diese Hypothese für beide Länder gilt, kann man sagen: Die güterwirtschaftliche Analyse zeigt die Maximierung des Welteinkommens bei Freihandel. Damit ist noch nicht gesagt, daß der Anteil eines Landes amWelteinkommen durch völlig freien Außenhandel so groß wiemöglich wird. Wie bereits gezeigt, kann sich der Gewinn aus dem Außenhandel recht unterschiedlich auf die Länder verteilen. Somit wäre denkbar, daß durch Zölle dieser Anteil auf Kosten anderer Länder erhöht werden kann, womit zwar dem eigenen Land genutzt, der Weltwirtschaft aber geschadet würde. Tatsächlich ist es möglich nachzuweisen, wie unter bestimmten Bedingungen auch dann, wenn die sonstigen Voraussetzungen des güterwirtschaftlichen Modells gegeben sind, das Einkommen eines Landes durch die Einführung eines Zolls noch gesteigert werden kann. Die - neuerdings viel diskutierte - Hypothese knüpft an die Verbesserung der terms of trade durch die Einführung oder Erhöhung eines Zolls (terms of trade-Effekt) an. Ist ein Land bedeutender Käufer eines Produkts, kann der ausländische Verkäufer durch den Importzoll zu einer Reduktion des Preises veranlaßt werden, so daß sich die terms of trade für das Inland verbessern und der Zoll zum Teil - im Grenzfall vollständig vom Ausland getragen wird. Was für ein einzelnes Land gilt, trifft freilich nicht für die ganze Welt zu. Der Gewinn des Inlands wird notwendig vom Ausland getragen, wobei noch zu bedenken ist, daß die durch die Zollerhöhung verursachte Verringerung des Handelsvolumens eine Reduzierung desWelteinkommens zur Folge hat. Der terms of trade-Effekt bewirkt vor allem eine internationale Einkommensumverteilung. Unter sehr restriktiven Annahmen kann man sich vorstellen, daß das Welteinkommen nicht sinkt. Weil die Importe und damit langfristig auch die Exporte zurückgehen, dürfte das allerdings nicht die Regel sein. In jedem Fall bleibt fraglich, ob das Ausland die neue Verteilung hinnimmt. Wahrscheinlich wird es mit Retorsionszöllen oder ähnlich wirkenden Mitteln antworten. Es ist deshalb problematisch, darauf zu vertrauen, ein Land könnte isoliert über eine entsprechende Zollpolitik sein Einkommen verbessern. Das an spezielle Annahmen gebundene terms of trade-Argument verdient so gesehen eher theoretisches als wirtschaftspolitisches Interesse. Eine zweite gesamtwirtschaftliche Schutzzollkonzeption ist der Erziehungszollgedanke. Durch Zoll geschützt soll einem gegenwärtig unterlegenen Land dieMöglichkeit geboten werden, eine Produktion aufzubauen, die in einem zukünftigen Zeitpunkt auch ohne Zollmauern international wettbewerbsfähig ist. Freihandel in der Gegenwart würde die Entwicklung (Erziehung) einer Produktion verhindern, die sich später als überlegen erweisen könnte. Das Erziehungsargument (infant industry-Argument) steht nicht imWiderspruch zu den 596 Vierter Teil. Weltwirtschaft Ergebnissen der bisherigen Analyse, sondern legt die Betonung auf langfristige Änderungsprozesse in der Wirtschaft, die von der statischen Theorie nicht erfaßt werden. Das Erziehungsargument stellt auf den Wandel der opportunity cost ab, ohne ihre Bedeutung für die Lenkung des Außenhandels zu negieren. Es warnt vor der Annahme, daß die gegenwärtigen opportunity cost bestehen bleiben, insbesondere wenn die handeltreibenden Länder sehr unterschiedlich entwickelt sind. Die vom Erziehungsargument aufgewiesene Möglichkeit ist nicht zu leugnen. Es versteht sich, daß der Gedanke insbesondere in unterentwickelten Ländern beliebt ist. Seine Problematik liegt allerdings in der Unvorhersehbarkeit zukünftiger Umstände. Niemand ist in der Lage, mit einiger Sicherheit anzugeben, ob die Automobilindustrie in Ägypten eines Tages international konkurrenzfähig sein wird. Fast überall in derWelt hat man seit Generationen Industrien aufgebaut, die ohne Schutzzölle kaum lebensfähig wären. Dabei sind die Nationalökonomen, die das Problem genauer studiert haben, skeptisch, ob die wirtschaftliche Entwicklung durch Zollschutz überhaupt erleichtert wird. Die meisten schlagen eine offene Subventionierung vor, sofern eine gewisse Wahrscheinlichkeit für den Aufbau einer leistungsfähigen Industrie besteht. Dadurch würden die volkswirtschaftlichen Belastungen für jeden erkennbar sein. Der Druck auf die Industrie, die Konkurrenzfähigkeit herzustellen, wäre größer als hinter Zollmauern, die abzubauen aus verschiedenen Gründen nach aller Erfahrung einige Schwierigkeiten bereitet. So zeigt sich auch in der Diskussion des Erziehungsarguments: Existenz und Höhe der Schutzzölle können meist nicht mit wissenschaftlichen Einsichten erklärt werden. Sie sind in der Regel das Ergebnis politisch motivierter Entscheidungen. K 23-1 Die Welthandelsordnung Im Jahr 1945 schlugen die USA vor, bis Ende 1947 eine International Trade Organization (ITO) zu schaffen, die die im Jahr 1944 errichteten Währungsinstitutionen von Bretton Woods - Weltwährungsfonds undWeltbank (K 24-1) - ergänzen sollte. Mit der ITO hoffte man, dem handelslähmenden Protektionismus, der im Gefolge der Weltwirtschaftskrise in den dreißiger Jahren früher unbekannte Ausmaße angenommen hatte, durch einen Abbau von Handelsschranken (Zöllen und nichttarifären Handelshemmnissen) zu begegnen. Da es bis Ende 1947 zu keiner internationalen Verständigung über das amerikanische Angebot kam, wurde anstelle der ITO vorläufig ein General Agreement on Tariffs and Trade (GATT) in Kraft gesetzt. Die "vorläufige" Regelung galt bis zum Jahr 1995, als das GATT durch die World Trade Organization (WTO) ersetzt wurde. Nicht zuletzt demWirken des GATT ist es zu danken, daß der internationale Handel in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg einen enormen Aufschwung nahm - stärker noch als das Bruttosozialprodukt - und der weltweite Wohlstand sich dementsprechend vergrößerte. Im Rahmen des GATT ist es in verschiedenen, mehrjährigen Runden gelungen - wie der Kennedy-Runde (1964-1967), Tokio-Runde (1973-1979) und Uruguay-Runde (1986-1993) -, die Zölle zu senken und nichttarifäre Handelshemmnisse (Handelsbeschränkungen außerhalb der Zolltarife) zu beseitigen, allerdings ohne die völlige Ab- 23. Güterwirtschaftliche Theorie 597 schaffung zu erreichen. Im Vergleich zu den dreißiger Jahren mit Zollsätzen von durchschnittlich etwa 50% haben die Zölle gegenwärtig ein niedriges Niveau, mit erheblichen Streuungen im einzelnen. In der Uruguay-Runde konnten die Zölle auf Industrieprodukte bis auf etwa 4% im Durchschnitt reduziert werden. Weniger erfolgreich war dagegen das GATT beim Agrarhandel und den nichttarifären Handelshemmnissen, die - häufig als Schutzvorschriften für Menschen, Tiere und Pflanzen getarnt - in den achtziger Jahren sogar zugenommen haben. Zwei Regeln des GATT haben überdies zum freieren Warenverkehr erheblich beigetragen. Eine erste Regel ist die Meistbegünstigungspflicht (inhaltlich zutreffender: der Gleichbehandlungszwang). Wenn ein Mitgliedsland des GATT einem anderen Land, das nicht dem GATT angehören muß, einen Handelsvorteil gewährt, können alle übrigen Mitglieder unverzüglich und bedingungslos diesen Vorteil auch in Anspruch nehmen. Eine zweite Regel ist das Inländerprinzip. Ein ausländisches Gut darf in einem Mitgliedsland nicht ungünstiger behandelt werden - z. B. bei der Besteuerung -, als ein inländisches Produkt. Die neue Welthandelsorganisation (WTO) hat die bisherigen GATT-Regelungen übernommen, geht aber in einigen Punkten darüber hinaus. Einmal müssen die Mitglieder alle Abkommen der Uruguay-Runde übernehmen und können nicht mehr - wie früher - ihnen nicht passende Teilverträge ausklammern. Ferner sollen die Dienstleistungen und der Agrarhandel integriert, die bei diesem vorherrschenden nichttarifären Beschränkungen in Zölle umgewandelt und im Laufe der nächsten Jahre abgebaut werden. Schließlich wird das generelle Ziel "Erhöhung des Lebensstandards" mit der Bedingung verknüpft, die Weltressourcen "optimal zu nutzen". 24. Kapitel: Außenwirtschaftspolitik I. Handelspolitik Die Außenwirtschaftspolitik im allgemeinen, die Handelspolitik im besonderen Eigene Theorie der Außenwirtschaft wissenschaftlich nur schwer zu begründen - Für übliche Abgrenzung der Außenwirtschaftspolitik keinen ökonomischen Grund - Freihandel und Autarkie Zur Realität der Handelspolitik Protektionismus ein genereller Tatbestand - Klassisches Mittel des Protektionismus ist der Zoll - Handelspolitische Integration Handelspolitik aus ordnungspolitischer Sicht Konsequente Verfolgung des Freihandels - Gesamtwirtschaftlich vertretbare Zollargumente? - Fragwürdigkeit von Zollunionen II. Währungspolitik Währungspolitik als generelle Aufgabe Konsistenz von nationalen und internationalen Zielen - Internationale Währungsordnung - Zahlungsbilanzpolitik Kernstück der Währungspolitik Zur Realität der Währungspolitik Internationaler Währungsfond (IWF) - EuropäischesWährungssystem (EWS) und Europäische Zentralbank (EZB) Währungspolitik aus ordnungspolitischer Sicht Fester Wechselkurs läßt sich ordnungspolitisch nicht rechtfertigen - Regierung darf keine währungspolitischen Befugnisse haben III. Entwicklungspolitik Entwicklungspolitik als Teil der Außenwirtschaftspolitik Was sind Entwicklungsländer? - These vom Teufelskreis der Armut - Begründungen für staatliche Hilfen fortgeschrittener Länder Zur Realität der Entwicklungspolitik Entwicklungshilfe - Nationale und internationale Bürokratie - Subventionierung von Rohstoffen Entwicklungspolitik aus ordnungspolitischer Sicht Eindeutige Grenzen - Aufgabe, ein knappes Gut an den international optimalen Standort zu lenken - Das beste „Exportgut" die freiheitliche Ordnung Literaturempfehlungen zum vierten Teil I. Handelspolitik Die Außenwirtschaftspolitik im allgemeinen, die Handelspolitik im besonderen Eine eigene Theorie der Außenwirtschaftspolitik läßt sich wissenschaftlich nur schwer begründen. Die Tatsache, daß die Beteiligten im wirtschaftlichen Tauschverkehr politische Grenzen überschreiten, in ihren Ländern mit verschiedenen Währungseinheiten (z. B. Euro, Dollar oder Pfund) rechnen, meistens verschiedene Sprachen sprechen, sind theoretisch irrelevant und kein Grund an sich, als Abgrenzungskriterien für die Anwendung der ökonomischen Theorie zu dienen. Die wirtschaftswissenschaftliche Unterscheidung zwischen Inland und Ausland basiert auf der Annahme, daß die Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital national mobil, international dagegen immobil sind. Diese Annahme führt jedoch zu ökonomischen Konsequenzen: Völlige Mobilität der Produktionsfaktoren im Inland löst bei unterschiedlichen Faktorentlohnungen einen Anpassungsprozeß aus, der erst bei einer Gleichheit der Löhne und Zinsen endet. Immobilität der Produktionsfaktoren zwischen Inland und Ausland verhindert dagegen diesen Ausgleich, erklärt also, warum international unterschiedliche Löhne und Zinsen fortbestehen können. Die Umstände, die unter sonst gleichen Bedingungen mehr oder minder hohe Kosten des Inlandverkehrs verursachen, sind ganz andere, wie die eines internationalen Gütertransports, die spezifische Ursachen haben, z. B. lokale Faktorbindungen, mangelhaften Versicherungs- und Rechtsschutz, Unkenntnis der wirtschaftlichen Möglichkeiten in einem fremden Land und anderes mehr. Solche Ursachen dürften den Faktor Kapital relativ weniger betreffen als den Faktor Arbeit und deshalb die Anpassung der Zinsen eher ermöglichen als die der effektiven Löhne. Mit anderen Worten steht zu erwarten, daß die internationalen Diskrepanzen zwischen Löhnen erheblicher sind als die zwischen Zinsen, so daß die Immobilitätsannahme für Preisdifferenzen beim Faktor Arbeit bedeutsamer sein müßte als für den Faktor Kapital. Die Empirie bestätigt diese Überlegungen. Vergleicht man für eine bestimmte Zeit einige Länder, zeigt sich als langfristiger Trend: Löhne und Zinsen gleichen sich international nicht oder nur verzögert an. Internationale Differenzen zwischen Löhnen sind größer als die zwischen Zinsen. Nationale Differenzen zwischen Löhnen und Zinsen sind Ausdruck nationaler Knappheiten von Arbeit und Kapital, jedoch von internationalen Knappheitsrelationen zu unterscheiden, die ganz anders aussehen können. Die Erkenntnis, daß Faktorproportionen und -preise unterschiedlich sind, ist eine bekannte Erscheinung, die in der Außenhandelstheorie jedoch akzentuiert wird. Einer besonderen Begründung bedarf, weshalb die Außenwirtschaftspolitik im allgemeinen und die Handelspolitik im besonderen ein Gegenstand der Wirtschaftspolitik ist. Aus der Sicht eines Politikers stellt sich das Problem des Außenhandels anders dar als aus der eines Wirtschaftswissenschaftlers. Für einen Politiker ist das Inland ein Gebiet, für dessen Wohlergehen er zu sorgen hat, was immer 602 Vierter Teil. Weltwirtschaft dies im einzelnen bedeutet. Das Inland wird vom Ausland durch überwachte Hoheitsgrenzen getrennt. Außenhandel ist der Handel zwischen unabhängigen Staaten, Außenhandelspolitik ein Katalog von Maßnahmen zur Beeinflussung des grenzüberschreitendenWaren- undKapitalverkehrs. Fürdiese übliche Abgrenzung der Außenwirtschaftspolitik gibt es keinen eigentlich ökonomischen Grund, wie etwa die internationale Immobilität von Arbeit und Kapital, von der die Klassiker ausgehen. Die Ausdrücke „Volkswirtschaft", „Währungsgemeinschaft" oder „Hoheitsgebiet" dürfen keineswegs darüber hinwegtäuschen, daß die betonten Gemeinsamkeiten nicht der objektive Grund oder gar ein vorgegebenes Datum, sondern eher die Folge einer gewollten Abgrenzung zwischen Inland und Ausland sind. Inhalt und Reichweite der Außenwirtschaftspolitik hängen - erstens - von Art und Umfang der jeweiligen Grenzziehung ab, also davon, was als Inland gilt. So verändert sich die Außenwirtschaftspolitik mit der Vergrößerung oder Verkleinerung eines Staatsgebietes, durch staatliche Zusammenschlüsse oder mit der Bildung von Zoll- und Währungsunionen, gleichgültig, ob die Produktionsfaktoren international immobil oder mobil sind. Zweitens ist die Außenwirtschaftspolitik eingebunden in die Wirtschaftspolitik des Inlandes, gleichsam deren Außenbezug. Diese Einbindung könnte zu dem Schluß verleiten, daß die Außenwirtschaftspolitik mit dem Umfang des Außenhandels - gemessen z. B. als Anteil am Sozialprodukt zunimmt. Dies ist tatsächlich nicht der Fall, wie im nächsten Absatz dargelegt wird. Richtig ist - drittens -, daß die für das Inland verfolgten Ziele oft auch für die Außenwirtschaftspolitik gelten. Förderung des wirtschaftlichen Wohlstandes, Vollbeschäftigung und Preisniveaustabilität werden von der Binnen- und Außenwirtschaftspolitik meistens gleichermaßen angestrebt. Dem Ausgleich der Zahlungsbilanz kommtmehr eine instrumentelle Bedeutung zu, auchwenn insbesondere zwischen der Preisniveaustabilität und dem Zahlungsbilanzausgleich bei bestimmten Wechselkurssystemen eine Interdependenz besteht. Schließlich ist für die Außenwirtschaftspolitik charakteristisch, daß sie aus der Sicht eines Landes in einem bestimmten Sinn nicht autonom sein kann. Weil durch die Außenwirtschaftspolitik zwangsläufig das wirtschaftliche Interesse anderer Länder berührt wird, muß bei allen Maßnahmen die Möglichkeit einer Reaktion bedacht werden. Dies gilt vor allem, wenn eine Maßnahme nicht mit anderen Ländern abgestimmt ist, internationalen Abmachungen zuwiderläuft oder das Ausland wirtschaftlich erheblich beeinträchtigt wird. Die Akteure der Außenwirtschaftspolitik gleichen Oligopolisten, die ihren Bereich nach innen kontrollieren, im äußeren Bereich aber von den Entscheidungen anderer abhängen. Von ordnungspolitischer Bedeutung ist das Ausmaß der wirtschaftlichen Verflechtung zwischen Inland und Ausland im Bereich des Güter- und Dienstleistungsverkehrs und auf monetärem Gebiet. Dabei sind zwei Extremfälle denkbar: Freihandel und Autarkie. Freihandel bedeutet politisch, daß die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Inländern und Ausländern keinen staatlichen Handelsbeschränkungen oder sonstigen Eingriffen unterliegen. Die traditionell wichtigste Form der Handelsbeschränkungen sind Zölle, vor allem bei der Einfuhr. Daneben gibt es eine große Zahl weiterer, nur schwer zu systema- 24. Außenwirtschaftspolitik 603 tisierende Handelsbeschränkungen, wie Kontingente, Auflagen über die „Sicherheit" von Gütern (z. B. bei elektrischen Geräten) oder Vorschriften über die „Gesundheit" (z. B. bei Tieren). Zu denmonetären Eingriffen gehören insbesondere Maßnahmen über die Devisenbewirtschaftung, wie etwa die Festsetzung von Höchstbeträgen bei Auslandsreisen oder ein Zwangsumtausch von Devisen gegen Inlandswährung. Es leuchtet ohne weiteres ein: Freihandel macht einerseits eine Außenwirtschaftspolitik praktisch überflüssig und maximiert andererseits den Umfang des Außenhandels. Die ökonomische Bedeutung des Freihandels liegt darin, daß sich die Arbeitsteilung zwischen den Wirtschaftssubjekten weltweit ungestört entfalten kann. Für die Entscheidung der Individuen kommt es im Wirtschaftsverkehr nicht auf die Staatsangehörigkeit des Marktpartners, sondern auf die ökonomische Vorteilhaftigkeit des Geschäftes an. Der Freihandelsgedanke ist vor allem von ADAM SMITH klar entwickelt und in seinen ökonomischen Wirkungen dargestellt worden. Spätere Klassiker - wie DAVID RICARDO und JOHN STUART MILL - haben das Konzept verfeinert. Die wichtigste ökonomische Wirkung ist: Freihandel vergrößert den wirtschaftlichen Wohlstand in allen Ländern, im Vergleich zu einem Zustand mit Handelsbeschränkungen oder ohne Außenhandel. Nicht zufällig trägt das Hauptwerk von SMITH den Titel „Eine Untersuchung über die Natur und Ursachen des Wohlstands der Nationen". Das andere Extrem, gleichsam der Gegenpol des Freihandels, ist die Autarkie. Völlige Autarkie bedeutet, daß zwischen Inland und Ausland kein wirtschaftlicher Verkehr besteht. Die Verhinderung jeder Art von Austausch läßt sich - wenn überhaupt - nur mit einem umfangreichen Katalog von Maßnahmen durchsetzen. Als Regel kann auch im Hinblick auf den Freihandel gelten, daß sich das Volumen des Außenhandels und das Ausmaß der Außenhandelspolitik umgekehrt proportional zueinander verhalten. Tatsächlich wird völlige Autarkie nirgends, oft jedoch eine partielle oder sektorale Autarkie angestrebt, z. B. bei Rohstoffen oder Grundnahrungsmitteln. Autarkie bedeutet ökonomisch, daß sich Länder wie Wirtschaftssubjekte verhalten, die eine Selbstversorgung betreiben (hauswirtschaftliche Produktion oder Eigenwirtschaft). Das Wohlstandsniveau ist zwangsläufig niedrig, wie etwa in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts der Übergang vom relativ freien Welthandel zu weitgehend autarker Versorgung im Deutschen Reich unter den Nationalsozialisten deutlich erkennen läßt. Zur Realität der Handelspolitik Freihandel und Autarkie sind Extreme oder - je nach Wirtschaftsordnung - politische Ziele, die in der wirklichen Welt bisher nicht erreicht wurden. Dem steht zunächst entgegen, daß es Länder mit unterschiedlichen Wirtschaftsordnungen gibt. Selbst wenn unter marktwirtschaftlich-freiheitlich verfaßten Ländern Freihandel bestünde, verblieben die sozialistischen Staaten, in denen neben den nationalen auch die internationalen Wirtschaftsbeziehungen zentral geplant werden. Der Außenhandel sozialistischer Länder wird von Staatsmonopolen durchgeführt, was sich mit Freihandel nicht vereinbaren läßt. Doch auch imHandel zwischen Staaten mit einer freiheitlichen Grundausrichtung ist 604 Vierter Teil. Weltwirtschaft man vom Ideal des Freihandels weit entfernt. Historisch gesehen kamman diesem Ziel in derMitte des 19. Jahrhunderts wohl am nächsten. Die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, insbesondere die dreißiger Jahre, brachten einen schweren Rückschlag gegenüber der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, mit verbreitetenNeigungen zur nationalenAutarkie. Nach demZweitenWeltkrieg hat es erhebliche Anstrengungen gegeben, den internationalen Handel von Fesseln zu befreien, z. B. durch ein Allgemeines Zoll- und Handelsabkommen (General Agreement an Tariffs and Trade: GATT), dem ursprünglich praktisch alle westlichen Länder, jedoch nicht den früheren Ostblock beherrschenden Staaten (UdSSR, Volksrepublik China) angehörten. Eine Welthandelsordnung, die geplant war (Havanna-Charta), kam nicht zustande. Alle Bemühungen dieser Art haben nicht verhindern können, daß im internationalen Handel gegenwärtig Protektionismus ein genereller Tatbestand ist, der den Freihandel erheblich beeinträchtigt und durch die Gefahr weiterer Einschränkungen laufend bedroht. Unter Protektionismus versteht man eine Außenwirtschaftspolitik, die darauf abzielt, inländische Wirtschaftsbereiche vor ausländischer Konkurrenz zu schützen. Früher wie heute eingesetzte Mittel des Protektionismus sind: Belastungen der Importe durch Zölle (Zollpolitik), Beschränkungen der Einfuhrmengen (Mengenpolitik) und staatliche Zuwendungen an inländische, im internationalen Wettbewerb stehende Industrien (Subventionspolitik). Diese, keineswegs vollständige Liste protektionistischer Maßnahmen wird auf verschiedeneWeise begründet. Die Gründe, die in voller Breite nicht wiedergegeben werden können, seien kurz skizziert. Hingewiesen wird häufig - in der Wissenschaft mehr als in der Praxis - auf Ausnahmen vom Freihandel, die schon klassische Autoren als notwendig erachtet hätten. So fänden sich bei ADAMSMITHArgumente für Retorsionszölle:Wenn andere Länder einen Zoll für das heimische Exportangebot erhöben, könne es gerechtfertigt sein, Produkte solcher Länder mit einem Vergeltungszoll bei der Einfuhr zu belasten, in der Hoffnung, daß durch die Retorsion eine Rückkehr zum Freihandel erfolge. Bei verständiger Auslegung des klassischen Schrifttums lassen sich jedoch weder Art noch Umfang des herrschenden Protektionismus begründen. In der politischen Praxis stehen andere Argumente im Vordergrund, wie die Sicherung der heimischen Arbeitsplätze, Entwicklung von Industrien, die der internationalen Konkurrenz noch nicht gewachsen sind, Erhaltung von Industrien, die ohne Schutz gänzlich verschwinden würden (Landwirtschaft) und Sicherung der militärischen Unabhängigkeit vom Ausland (eigene Rüstungsindustrien). Ob diese Standardargumente für den Protektionismus einer genauen Prüfung standhalten, bleibt noch darzulegen. Das traditionelle, sozusagen klassische Mittel des Protektionismus ist der Zoll. Deshalb wird das Instrumentarium der Außenhandelspolitik häufig nach tarifären Hemmungen des Freihandels (Zollpolitik) und nichttarifären Hemmungen unterteilt. Zölle sind jedoch nicht nur in der Vergangenheit das zentrale Mittel der Außenhandelspolitik gewesen, sondern trotz des Vordringens der 24. Außenwirtschaftspolitik 605 nichttarifären Handelspolitik auch in der Gegenwart von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Der Charakter von Zöllen wird vielleicht ambestendeutlich, wennman sie als eine Steuer versteht, die im grenzüberschreitenden Wirtschaftsverkehr bei der Einfuhr nur deswegen erhoben wird, weil der Anbieter Ausländer ist. Daß es, vor allem in Entwicklungsländern, noch Ausfuhrzölle gibt, kann vernachlässigt werden. Da die Zollerhebung Teil des Protektionismus ist, wird sie nicht nur nicht anders begründet als sonstige Maßnahmen zur Handelsbeschränkung; vielmehr entstammen die Gründe für den Protektionimus der zollpolitischen Debatte, die seit einigen Jahrhunderten währt. Dogmenhistorisch sind in der Regel von Vertretern des Freihandels die Argumente für den Protektionismus als Gründe für einen Zoll vorgetragen oder vage Ansichten in eine wissenschaftlich diskutable Form gebracht worden. Einige Theoretiker der Gegenwart haben sich jedoch nicht damit begnügt, den Zoll bloß als Schutz für die heimische Industrie zu verstehen. Vom Zoll gingen auch noch andere Wirkungen aus, die bei ihrer Gesamtwürdigung zu berücksichtigen seien. Diese Wirkungen verbessern die „terms of trade" und verändern die Einkommensverteilung zugunsten des knappen Faktors. Beide Argumente sind theoretisch interessant, aber wirtschaftspolitisch bedeutungslos: Das erste Argument basiert auf der empirisch irrelevanten Wohlfahrtsökonomie, das zweite auf vereinfachendenModellannahmen. Die „terms of trade", von denen verschiedene Versionen existieren, geben an, in welchem Verhältnis international gehandelte Güter getauscht werden. Definiert man die „terms of trade" als das Verhältnis der Import- zu den Exportgüterpreisen, verbessert ein Einfuhrzoll das Austauschverhältnis für das Inland: Eine Erhöhung der Importgüterpreise durch den Zoll verringert die Nachfrage und damit die Weltmarktpreise dieser Güter. Dem wohlfahrtssteigernden Effekt - pro Währungseinheit des Exporterlöses kann mehr als bisher importiert werden - steht jedoch eine Einbuße des Handelsvolumens aufgrund der Zollerhebung gegen- über. „Optimal" ist ein Zoll, bei dem sichWohlfahrtsgewinne und -verluste ausgleichen (Optimalzolltheorie).Die Einwände gegen die wohlfahrtsökonomische Betrachtungsweise vom Standpunkt des hier verwendeten Wissenschaftsbegriffs brauchen nicht wiederholt zu werden. Wird das importierte Gut auch im Inland produziert, ergibt sich im übrigen einWiderspruch zum Schutzzollargument: Der Schutz heimischer Industrien wird in dem Maße verschlechtert, je stärker sich wegen fallender Importpreise die „terms of trade" verbessern. Das zweite Argument beruht auf einem bestimmten Modell, das international von unterschiedlichen relativen Faktorknappheiten ausgeht. Ein Land mit wenig Arbeit und hohen Arbeitskosten wird arbeitsintensive Produkte importieren, so daß die Löhne gegenüber einem autarken Zustand fallen. Also bewirken Zölle, die die Einfuhr arbeitsintensiver Produkte unterbinden, daß im Inland mehr Arbeit nachgefragt wird und die Löhne steigen (SAMUELSON-STOLPER- Theorem). Dieses Ergebnis kommt nur bei einer Reihe vonAnnahmen zustande - z. B. linear-homogene Produktionsfunktion, vollständige Konkurrenz auf Produkt- und Faktormärkten sowie Vollbeschäftigung, jeweils in allen Ländern -, 606 Vierter Teil. Weltwirtschaft die seine Anwendung in der Politik ausschließen. Somit besitzen auch für die Zollpolitik nur die oben, für den Protektionismus insgesamt erwähnten Argumente praktisches Gewicht. Zur Realität des Außenhandels gehört, daß sich einzelne Länder handelspolitisch zusammenschließen und unter weltweiten Gesichtspunkten eine Art regionale Außenwirtschaftspolitik betreiben. Gegenstand oder Ausgangspunkt solcher Vereinbarungen sind meistens die Zölle. Ordnet man die Vereinbarungen in der Reihenfolge zunehmender Intensität, erhält man folgende Formen der handelspolitischen Integration: Präferenzräume, Freihandelszonen, Zollunionen, Gemeinsame Märkte und Wirtschaftsunionen. Präferenzräume entstehen, wenn einem Land oder mehreren Ländern bei der Einfuhr bestimmter Waren Zollbegünstigungen gewährt werden. Räumen sich die beteiligten Länder gegenseitig Zollbegünstigungen ein (Reziprozitätsprinzip), spricht man von Präferenzzonen. Ein Beispiel für Zollpräferenzen ist das Verfahren der Europäischen Gemeinschaft, für Halb- und Fertigfabrikate aus Entwicklungsländern ermäßigte Zölle zu erheben. Eine Präferenzzone geht in eine Freihandelszone über, wenn alle Waren erfaßt und die Zölle völlig beseitigt werden. Die Zölle gegenüber Ländern außerhalb der Freihandelszone (Drittländer) bleiben unverändert, sind also von Land zu Land unterschiedlich hoch. Ein Beispiel für eine Freihandelszone ist die Europäische Freihandelsassoziation (European Free Trade Association: EFTA), der derzeit noch - bei schwindender Bedeutung - Norwegen, Schweiz, Lichtenstein und Island angehören. Errichten die beteiligten Länder darüber hinaus eine gemeinsame Au- ßenzollmauer, spricht man von einer Zollunion. Den höchsten Grad einer handelspolitischen Integration erreicht man in einem Gemeinsamen Markt, in dem zwischen den beteiligten Ländern auch internationale Faktorwanderungen ohne Beschränkungen möglich sind. Wird die güterwirtschaftliche Integration eines Gemeinsamen Marktes durch eine Währungsunion ergänzt, erhält man eine Wirtschaftsunion. An den letztgenannten Integrationsformen ist die Bundesrepublik Deutschland beteiligt: Die frühere Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) - jetzt EuropäischeGemeinschaft (EU) -, der sämtliche großen Länder des freienEuropas angehören,wurde zunächst als Zollunion verwirklicht und allmählich in einen Gemeinsamen Markt überführt. Das erklärte Vertragsziel ist eine Wirtschaftsunion, die wiederum die Vorstufe der Vereinigten Staaten von Europa sein soll. Für eine ordnungspolitische Würdigung mag es genügen, die Formen der handelspolitischen Integration zu skizzieren. Im Hinblick auf die Verhältnisse in der Bundesrepublik Deutschland, von denen generell ausgegangen wird, müssen zur Beurteilung der Europäischen Gemeinschaft zwei Fakten hinzugefügt werden. Erstens: Die EU wurde als institutionelle Lösung verwirklicht und nicht, was keineswegs vorgezeichnet war und selbstverständlich ist, als funktionelle. Für eineZollunion und einen GemeinsamenMarkt hätte es genügt, handelshemmende Vorschriften zu beseitigen, was durch die 24. Außenwirtschaftspolitik 607 vorhandenen staatlichen Verwaltungen möglich gewesen wäre (funktionaler Weg). Tatsächlich hat mandie EUwie einen Superstaat konstruiert, mit den typischen Staatsorganen Parlament, Regierung und Justiz, wobei die Bezeichnungen im einzelnen unerheblich sind (institutionaler Weg). Da im Gegenzug die nationalen Organe nicht abgebaut wurden, entstand auf diese Weise neben der innerstaatlichen eine riesige europäische Bürokratie, die sich in ihren Kompetenzen überschneiden. Zweitens: Die EU hat die Funktionen einer Zollunion und eines Gemeinsamen Marktes nur für die gewerbliche Wirtschaft. Ausgenommen ist vor allem die Landwirtschaft, die über Zölle hinaus gegenüber Drittländern geschützt und durch ein undurchschaubares Netz von Ausgleichszahlungen auch innerhalb der Gemeinschaft vor übermäßiger Konkurrenz bewahrt wird. Handelspolitik aus ordnungspolitischer Sicht Die ordnungspolitische Beurteilung der Handelspolitik konzentriert sich auf drei generelle oder exemplarische Fälle: den Protektionismus im allgemeinen, diskutable Zollbegründungen und die Europäische Union. Bei der ordnungspolitischen Würdigung des Protektionismus jeglicher Spielart, der den internationalen Handel beeinträchtigt, sei von der unkontroversen Ansicht ausgegangen, daß das Freihandelsprinzip Ausfluß der freiheitlichen Ordnung ist.Wenn sich ein Land für eine freiheitlicheOrdnung entschieden hat - eine Entscheidung, die im Hinblick auf ordnungspolitisch indifferente Ziele wissenschaftlich begründet werden kann -, sprechen theoretische Überlegungen und praktische Erfahrungen für eine konsequente Verfolgung des Freihandels. Staatliche Eingriffe in den Freihandel sind nicht anders zu beurteilen als solche in denWettbewerb. Ein Staat, der im Inland durch Subventionen submarginalen Anbietern die Existenz sichert, handelt nur konsequent, wenn er die Konsumenten von Nahrungsmitteln belastet, um eine international nicht konkurrenzfähige Landwirtschaft zu bereichern. Die Aufgabe derWissenschaft besteht nicht darin, diesen Sachverhalt zu verschleiern und den Politikern Argumente für ihr Tun zu liefern, sondern tatsächliche Zusammenhänge aufzuzeigen. Für den Freihandel, also gegen den Protektionismus, sprechen vor allem zwei Fakten. Erstens sind die ökonomischen Vorteile international ungleich verteilt (Theorem der komparativen Kosten). Viele Rohstoffe und Naturprodukte gibt es nur an bestimmten Stellen der Erde. Wer diese als Grundlage nationalen Reichtums nutzen will, muß seinerseits Güter anbieten, die anderen unentbehrlich oder erwünscht sind. Zweitens profitieren von einer international ungestörten Arbeitsteilung alle beteiligten Länder, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß. Der Freihandel ist ein mit den nationalen Zielen, insbesondere mit der Wohlstandsförderung, korrespondierendes Konzept. Wer Wirtschaftswachstum will, muß sich für Freihandel und gegen Protektionismus aussprechen. Daß dieser Sachverhalt in der Öffentlichkeit anders dargestellt wird, ist bekannt. Politiker und sachunkundige Journalisten in Massenmedien haben es verstanden, einer breiteren Öffentlichkeit zu suggerieren, daß 608 Vierter Teil. Weltwirtschaft Hemmnisse des internationalen Handels im allgemeinen Interesse lägen, die Versorgung nicht verschlechtern, vielmehr verbessern würden und das Inland vor der Ausbeutung durch das Ausland bewahrten. Tatsächlich werden durch den Protektionismus die Inländer insgesamt wirtschaftlich schlechter gestellt als bei Freihandel. Zur Tatsachenverneblung tragen auch Vertreter der Wissenschaft bei, die behaupten, der Protektionismus sei ordnungspolitisch indifferent und der Freihandel eine Utopie. Es gibt bisher keine wissenschaftlich überzeugenden Begründungen für wirtschaftliche Diskriminierungen, die sich auf die Staatsangehörigkeit - als Kern des Protektionismus - stützen lassen. Anders ausgedrückt müßte ökonomisch erklärt werden, welches Interesse Individuen daran haben könnten, bei einem freien Handel nach dem Paß eines Geschäftspartners zu fragen undwarum ein Ausländer gegenüber einem Inländer zusätzliche Lasten zu tragen habe. Es gibt auch keinen Grund, den Freihandel als Utopie zu bezeichnen. Freihandel schließt ebensowenig wie eine freiheitliche Ordnung aus, daß fundamentale Schutzvorschriften für die Arbeitnehmer - z. B. gegen Unfälle oder physische Existenzbedrohungen - erlassen werden. Vorschriften jedoch, die in ihrer Konsequenz Ausländer im Tauschverkehr stärker belasten als Inländer und auch diese schädigen, lassen sich ordnungspolitisch nicht begründen. Die Zollpolitik als traditionelle Speerspitze des Protektionismus bietet keine grundsätzlich neuen Argumente. Dogmenhistorisch gesehen hat die zollpolitische Diskussion den Nährboden für den Protektionismus abgegeben. Die entscheidende Frage dürfte sein: Gibt es in einer freiheitlichen Ordnung gesamtwirtschaftlich vertretbare Zollargumente? Eine genaue Prüfung aller vorgetragenen Zollbegründungen führt zu einem eindeutig negativen Ergebnis. Nicht erneut braucht auf Zollbegründungen eingegangen zu werden, die theoretisch interessant, wirtschaftspolitisch jedoch irrelevant sind (z. B. Optimalzoll, SAMUELSON-STOLPER-Theorem). Unter den diskutablen Argumenten ist zunächst zwischen Finanz- und Schutzzöllen zu unterscheiden. Diese fiskalisch beliebte Unterscheidung dürfte alles andere als eindeutig sein, denn sie unterstellt, daß es möglich ist, dieMotive des Gesetzgebers zumUnterscheidungsmerkmal von Zollwirkungen zu machen. Als Regel kann gelten, daß ein Schutzzoll im Gewande eines Finanzzolls auftritt, so wie Steuern optisch als Beiträge, Gebühren und Abgaben verkleidet werden. Von einem „echten" Finanzzoll als Quelle staatlicher Einnahmen läßt sich nur sprechen, wenn zwischen Inländern und Ausländern keine steuerliche Diskriminierung erfolgt. Bisher konnte jedoch die internationale Neutralität von Finanzzöllen nicht nachgewiesen werden. Völlig unerheblich ist in diesem Zusammenhang, daß als Finanzzölle deklarierte Einnahmen („unechte" Finanzzölle) einenmehr oder weniger großen Anteil an der staatlichen Mittelbeschaffung haben. Im übrigen sind die Begründungen für echte Finanzzölle und Schutzzölle unvereinbar. Denn ein prohibitiver Schutzzoll bringt dem Staat keine Einnahmen et vice versa. Aus solchen und ähnlichen Erwägungen wird auf die Begründung, Schutzzölle hätten die zusätzliche Funktion, dem Staat Einnahmen zu verschaffen, wissenschaftlich kaum noch zurückgegriffen. Mit Recht konzentriert sich die moderne Debatte ebenso wie die historische auf die Schutzbehauptung: Zölle 24. Außenwirtschaftspolitik 609 erhielten - erstens - inländische Arbeitsplätze und ermöglichten - zweitens - die Entwicklung bisher international nicht konkurrenzfähiger Industrien. Das erste Argument läuft darauf hinaus, die Zollpolitik als Mittel der Stabilitätspolitik einzusetzen. Schon die zeitlichen Verzögerungen zoll- und stabilitätspolitischer Maßnahmen sprechen dagegen, die langfristig wirkende Zollpolitik den Konjunkturzyklen zu unterwerfen. Gewichtiger scheint, daß mit der Zollpolitik die Arbeitslosigkeit lediglich exportiert würde, was das Ausland nur ausnahmsweise - z. B. bei einer Überbeschäftigung - akzeptieren könnte. Die Handelspolitik als Mittel zum Export der Arbeitslosigkeit einzusetzen, ist von Schülern von JOHN MAYNARD KEYNES - z.B. von JOAN VIOLET ROBINSON (1903- 1983) - offen vertreten (beggar-my-neighbour policy), von diesem selbst aber abgelehnt worden. KEYNES war der Meinung, daß er den Protektionisten gern zustimme, wenn diese nur sagen wollten, unter ihrem System müßten die Menschen mehr schwitzen und arbeiten. Er sei mit ihnen auch der Meinung, daß es vielleicht möglich sei, die im Inland zu leistende Arbeit zu vergrößern. Was die Protektionisten jedoch zu beweisen hätten, sei, daß durch Zölle nicht nur die Arbeit, sondern auch das Volkseinkommen vermehrt würde. Importe seien das Entgelt, Exporte die Zahlung für nationale Leistungen. Wie könne ein Land seine Lage verbessern, wenn es durch Zölle seine Einkünfte vermindere? Nach dem zweiten Argument ist Zollpolitik ein Mittel der Entwicklungspolitik. Durch einen Zoll geschützt, soll einem gegenwärtig unterlegenen Land die Möglichkeit gegeben werden, eine Produktion aufzubauen, die zukünftig auch ohne Zollschutz wettbewerbsfähig sei (Erziehungszollargument). Im Gegensatz zu anderen Zollbegründungen findet der alte Erziehungszollgedanke bis heute Anhänger. Der einfache Grund dafür ist: Gegen das Erziehungszollargument lassen sich keine theoretisch durchgreifenden, sondern nur empirische Bedenken vortragen. Die Möglichkeit, mittels temporären Zöllen einer Industrie über ihre Kinderkrankheiten hinwegzuhelfen (infant industry-Argument) und damit die internationale Arbeitsteilung zu intensivieren, läßt sich nicht leugnen. Die Schwierigkeiten beginnen, wennman versucht, solche Fälle empirisch nachzuweisen. Fast immer oder häufig wird die Einführung von Zöllen mit dem Erziehungsgedanken begründet, doch fast niemals sind Zölle abgeschafft worden. Wenn eine Industrie der Entwicklungshilfe bedarf, sind nach allen Erfahrungen offen ausgewiesene, das heißt in Demokratien öffentlicher Kritik zugängliche Subventionen einem Zollschutz vorzuziehen. Doch auch dann verbleibt als Frage, wer das Risiko der Einschätzung künftiger Entwicklungen zu tragen hat. In einer freiheitlichen Ordnung liegt dieses Risiko bei den Privaten, nicht beim Staat. In letzter Konsequenz lassen sich deshalb weder Erziehungszölle noch staatliche Zahlungen an bestimmte Industrien, deren Zukunft von bestimmten Politikern auf Kosten der Steuerzahler alimentiert wird, mit den Prinzipien einer freiheitlichen Ordnung in Einklang bringen. Angesichts des weltweiten Protektionismus - gekennzeichnet durch Zollbarrieren und nichttarifäre Handelsbeschränkungen - scheint es evident, daß die Schaffung regionaler Freihandelsräume ordnungspolitisch nur positiv bewertet werden kann, weil eineWelt mit partiellem Freihandel einer solchen ohne Freihandel überlegen sein dürfte. Genauere Überlegungen zeigen, daß diese 610 Vierter Teil. Weltwirtschaft Schlußfolgerung zumindest als kontrovers bezeichnet werden muß. Sie haben ihren Niederschlag in einer schier unübersehbaren Fülle von wissenschaftlichen Beiträgen gefunden, deren bisheriges Ergebnis die ordnungspolitische Fragwürdigkeit von Zollunionen ist. Von Zollunionen gehen zweiWirkungen aus, wie JACOB VINERmustergültig dargelegt hat: Es gibt interne, wohlfahrtssteigerndeWirkungen der Zollbeseitigung (handelsschaffende Effekte) und externe, wohlfahrtsmindernde Wirkungen gegenüber Drittländern (handelsablenkende oder -vernichtende Effekte). Anders ausgedrückt wird der Handel zwischen den Ländern einer Zollunion ausgeweitet, zwischen den Zollunionsländern und den Drittländern eingeschränkt. So mögen aus der Sicht eines Landes, wie der Bundesrepublik Deutschland, einige Produkte aus Italien und Frankreich (z. B. Flugzeuge) gegenüber der Konkurrenz aus überseeischen Ländern früher unterlegen gewesen sein. Mit der Errichtung der EU hat sich die Marktlage verändert, weil die Einfuhren aus Italien und Frankreich keinem Zoll unterliegen, während der Zoll gegenüber Drittländern gleichgeblieben oder im Zuge der Errichtung einer gemeinsamen Außenzollmauer vielleicht noch erhöht worden ist. Spätere Verfeinerungen der Überlegungen von VINER haben die grundsätzliche Einschätzung von Zollunionen nicht mehr verändert. Wegen der gegenläufigen Wirkungen jeder Zollunion ist für die Beurteilung der EG festzuhalten: die wirtschaftlichen Gesamtwirkungen (Handelsschaffung versus Handelsablenkung) in den Gemeinschaftsländern sind fraglich, zumindest erklärungsbedürftig, von den wirtschaftlichen Gesamtwirkungen müssen die Kosten der EG (für die europäische Bürokratie und die Landwirtschaft) abgezogen werden und generelle Zollsenkungen verdienen ordnungspolitisch den Vorzug vor Zollunionen. Die meisten Autoren neigen zur Ansicht, daß die Handelsschaffung erheblich größer sei als die Handelsablenkung oder -vernichtung. Für diese Einschätzung, die sich wissenschaftlich befriedigend nicht beweisen läßt, sprechen insbesondere die relativ hohen realen Wachstumsraten in allen Ländern der EU nach Errichtung der Zollunion. Der größere Markt scheint economies of scale und technischen Fortschritt induziert zu haben. Diesem möglichen oder wahrscheinlichen Vorteil stehen jedoch zwei erheblicheNachteile gegenüber: erstens einewachsende Belastung der Steuerzahler wegen der europäischen Bürokratie und der Konsumenten wegen der Subventionierung (vor allem der Landwirtschaft), zweitens ein Verzicht auf weltweite Zollsenkungen. Während der erste Nachteil keiner Erläuterung bedarf, sei auf den zweiten noch kurz eingegangen. Die Höhe des Außenzolls der EU gehört nicht mehr zur Kompetenz der Mitgliedsländer. Es ist wissenschaftlich aber unstreitig, daß weltweite Zollsenkungen, die z. B. zu den Zielen des bisherigen GATT und seinem Nachfolger WTO gehören, ökonomisch bedeutsamer sind als ein völliger Zollabbau innerhalb von Zollunionen. Diese sind nur dann relativ unproblematisch, wenn das Zollniveau gegenüber Drittländern niedrig ist oder gesenkt werden kann. Gerade diese Fähigkeit besitzen Zollunionen nach allen Erfahrungen nicht. Es ist keine Übertreibung zu sagen, daß die Beseitigung der Binnenzölle mit einer 24. Außenwirtschaftspolitik 611 Verfestigung der Außenzölle undmangelnder Flexibilität, diese zu senken, einhergeht. Aus ökonomischer Sicht wäre - hypothetisch gesehen - eine Halbierung des Zollniveaus zwischen den großen Industrienationen wahrscheinlich einer völligen Beseitigung der Zölle innerhalb der EU vorzuziehen. Es kommt hinzu, daß supranationale Behörden ihre Existenzberechtigung verteidigen, so daß sie einem Freihandel ebenso entgegenstehen wie nationale Bürokratien einem Steuerabbau. II. Währungspolitik Währungspolitik als generelle Aufgabe Die Aufgabe derWährungspolitik besteht generell darin, die internationale Arbeitsteilung in der Güterproduktion zu ermöglichen und zu verbessern. Die Währungspolitik dient dem Außenhandel, hat also eine instrumentelle Funktion. Wie die Handelspolitik darf auch die Währungspolitik nicht losgelöst von der Wirtschaftspolitik eines Landes betrachtet werden, wenn wesentliche Zusammenhänge nicht aus dem Blickfeld geraten sollen. Die Währung eines Landes ist nach vorherrschendem Sprachverständnis gleichbedeutend mit seiner Geldordnung (deshalb auch Währungsordnung). Währungspolitik ist die Bezeichnung fürMaßnahmen zur Regelung des Geldumlaufs. Der Begriff wird jedoch häufig im engeren Wortsinn nur auf Mittel bezogen, die auf den Außenwert derWährung einwirken. Gegen diese Begriffsverwendung läßt sich nichts einwenden, sofern nicht vergessen wird, daß währungspolitische Maßnahmen den Binnen- undAußenwert des Geldes beeinflussen, weil in der Regel eine Interdependenz zwischen Inlands- undAuslandswährung besteht. Ein stabiles Preisniveau und feste Wechselkurse können aus der Sicht eines Landes verwirklicht werden, wenn im Ausland Preisniveaustabilität herrscht, die Zahlungsbilanz ausgeglichen ist und die Produktivitätsfortschritte sich international nicht nennenswert unterscheiden - um nur die wichtigsten Voraussetzungen zu nennen. Es leuchtet ohne weiteres ein, daß in Wirklichkeit Binnen- und Außenwert des Geldes nicht zugleich stabil gehalten werden können: DieWährungspolitik im weiteren Sinne kann sich nur darauf konzentrieren, einen der beidenWerte zu stabilisieren, das Preisniveau oder denWechselkurs - und häufig erreicht sie keines von beiden. Bei der Währungspolitik im engeren Sinne, den Maßnahmen zur Beeinflussung des Außenwertes des Geldes, scheint dieser elementare Zusammenhang oft vergessen zuwerden. So sind in Vergangenheit und Gegenwart internationale Vereinbarungen über Währungen getroffen worden, die einen festen Wechselkurs vorsehen, obwohl von vorneherein kein beteiligtes Land bereit war, auf eine Inflation zu verzichten oder gar eine Deflation hinzunehmen. Eine erste, gleichwohl oft mißachtete Aufgabe jeder Währungspolitik scheint deshalb nach allen Erfahrungen, die Konsistenz von nationalen und internationalen Zielen zu gewährleisten. Dieses Erfordernis entspringt nicht ordnungspolitischen Grundsätzen, sondern der wirtschaftlichen Ratio. Eine Währungspolitik, die einem freien Außenhandel dienen soll (Freihan- 612 Vierter Teil. Weltwirtschaft delsprinzip), bedarf einer internationalen Währungsordnung, die im Idealfall die gesamte Welt umfaßt. Angesichts unterschiedlicher Wirtschaftssysteme kämeman dem Ideal schon hinreichend nahe, wenn es eine funktionierendeWeltwährungsordnung gäbe, die alle Länder mit marktwirtschaftlicher Grundausrichtung einschließt. Warum genügen nicht nationale Währungsordnungen, welcheGründe erfordern internationale Vereinbarungen? Ein freier Außenhandel setzt voraus: Konvertibilität der Währungen, unbeschränkten Kapitalverkehr und systemkonforme Mechanismen des Zahlungsbilanzausgleichs. Erste Voraussetzung eines freien Außenhandels ist Konvertibilität derWährungen. Außenhandel unter marktwirtschaftlich orientierten Ländern findet zwischen Individuen statt. Diese werden nur exportieren und importieren, wenn sie die Erlöse aus dem Export und die Zahlungen für den Import von fremden Währungen in heimisches Geld umtauschen können et vice versa. Ein Exporteur muß aus den Auslandserlösen seine Arbeitskräfte, Lieferanten, Steuern, Sozialabgaben und anderes mehr in Inlandwährung bezahlen können, sollen die Güterausfuhren nicht eingeschränkt werden oder gar zum Erliegen kommen. Ein Importeur kann Güter nur dann in beliebigem Umfang einführen, wenn seiner Devisennachfrage keine Grenzen gesetzt sind. Grenzen für seine Einfuhren ergeben sich daraus - wie in der Außenhandelstheorie nachgewiesen wird -, daß nicht alle Auslandswaren, schon gar nicht auf Dauer, billiger sein können als alle Inlandsangebote. Güterausfuhren und -einfuhren schließen neben Waren auch Dienstleistungen ein. Ein Auslandsurlaub z. B. bedeutet Import von Dienstleistungen, ein Urlauber ist also ein Importeur. Konvertibilität der Währungen heißt - bezogen auf dieses Beispiel -, daß ein Inländer in ein beliebiges Land als Urlauber beliebig lange reisen kann und die Verwirklichung dieses Wunsches nicht an Verweigerungen oder Zuteilungen von Devisen scheitert. Zweite Voraussetzung eines freien Außenhandels ist ein von Beschränkungen freier Kapitalverkehr. Freier Kapitalverkehr und volle Konvertibilität sind nicht identisch, bedingen sich aber gegenseitig. Der internationale Kapitalverkehr hat - wie jeder nationale Kapitalverkehr - die Aufgabe, knappes Kapital an die Orte des dringendsten Bedarfs zu lenken. Eine internationale Arbeitsteilung kann sich nur dann voll entfalten, wenn die Ressourcen nach ihrer Knappheit in Anspruch genommen, die Geldkapitalströme von den höchsten Ertragsraten angezogen werden können. Erst durch einen freien Kapitalverkehr wird eine Ressourcenverteilung möglich, die der weltweiten Arbeitsteilung zum Durchbruch verhilft. Eine dritte Voraussetzung jeder internationalen Währungsordnung ist ein Ausgleichsmechanismus der Zahlungsbilanz, der instrumentell angemessen ist, das heißt, den freien Handel zumindest nicht stört. Wie immer der Zahlungsbilanzausgleich im einzelnen erfolgt, mag dahingestellt sein. Entscheidend ist, daß Zahlungsbilanzüberschüsse und -defizite nicht als Dauerzustand auftreten dürfen und die Anpassungsmechanismen, die zum Zahlungsbilanzgleichgewicht führen, keine Beschränkungen des freien Güterund Devisenverkehrs erfordern. Die Ausgleichsmechanismen der Zahlungsbilanz, die Zahlungsbilanzpoli- 24. Außenwirtschaftspolitik 613 tik, wird heute als dasKernstück derWährungspolitik angesehen. Dieses Aufgabenverständnis ist - historisch gesehen - nicht selbstverständlich und im Hinblick auf vielfältige Erfahrungen erklärungsbedürftig. Die Welt hatte über viele Jahrzehnte hinweg in der Goldwährung eine gut funktionierende internationaleWährungsordnung, in der Devisenbewirtschaftungen oder Vorschriften über die Konvertibilität und den Kapitalverkehr unbekannt waren. In der Handelspolitik kam man dem Freihandel nahe. Soweit Zölle erhoben wurden, waren sie minimal. Das Goldwährungssystem brach mit der Weltwirtschaftskrise, die um 1930 einsetzte, endgültig zusammen. Der maßgebliche Grund für die Abkehr von der Goldwährung war, daß sich einige Länder nicht dem Deflationsdruck - damit einer Vergrößerung ihrer Arbeitslosigkeit - aussetzen wollten, der als notwendige Folge einer Verringerung der Goldbestände eintrat. Der Ausgleich der Zahlungsbilanz, den der Goldwährungsmechanismus ohne Eingreifen der Wirtschaftspolitik quasi automatisch bewirkte, wurde nationalen Zielen, insbesondere der Vollbeschäftigung, untergeordnet.Wahrscheinlich hat erst das Ausmaß der Arbeitslosigkeit in der Weltwirtschaftskrise die Einsicht hervorgerufen, daß die Wirtschaftspolitik eines Landes nicht von internationalen Goldbewegungen, die den freien Handel und den Ausgleich der Zahlungsbilanz gewährleisten, abhängig gemacht werden sollte. Die Goldwährung war ein geistreiches System der internationalen Währungsordnung, weil seine Funktionsweise nicht von Entscheidungen der Politiker abhing und von allen Ländern akzeptiert wurde, daß außenwirtschaftliche Währungssicherung nur um den Preis inländischer Währungsschwankungen zu haben ist. Sieht man von den dreißiger und vierziger Jahren ab, in der die Devisenbewirtschaftung und der handelspolitische Bilateralismus zum üblichen Verfahren der Außenwirtschaftspolitik wurden - mit einer Reihe von schwerwiegenden Konsequenzen für den Außenhandel bis in den privaten Bereich hinein -, so ist für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zu konstatieren: Richtig wird als Aufgabe erkannt, daß ein freier internationaler Handel des Pendants einer Weltwährungsordnung bedarf. An die Seite des GATT, die als Welthandelsordnung gedacht ist, wird der Internationale Währungsfonds (IWF, auch International Monetary Fund: IMF) gestellt, der den internationalen Handel ermöglichen und erleichtern soll. Diese notwendige Aufgabe wird jedoch nicht widerspruchsfrei gelöst. Ohne auf Einzelheiten der IWF-Statuten einzugehen, sei in Kürze festgehalten: Aus der Goldwährung wird das Prinzip fester Wechselkurse übernommen. Aus der Devisenzwangswirtschaft der vorangegangenen Jahrzehnte ist das System der Devisenkontrolle eingeflossen, denn einem Land ist es erlaubt, seinen Kapitalverkehr nach außen zu kontrollieren. Schließlich kann jedes Land ohne Zustimmung der IWF-Organe oder -Mitglieder seine Währung auf- oder abwerten, ein Element, das aus dem System flexibler Wechselkurse stammt. Hier kommt es nicht darauf an, die Vorgehensweise der Währungspolitik nach dem Zweiten Weltkrieg zu beschreiben oder ordnungspolitisch zu beurteilen, sondern lediglich darzulegen, was dazu geführt hat, daß in der Gegenwart Währungspolitik und Zahlungsbilanzpolitik weitgehend identisch sind. Unbestritten ist, daß es zu den Aufgaben der Währungspolitik in marktwirtschaftlichen Ordnungen gehört, für einen systemkonformen Ausgleich der Zahlungs- 614 Vierter Teil. Weltwirtschaft bilanz zu sorgen, weil anhaltende Zahlungsbilanzüberschüsse oder -defizite den freien internationalenHandel bedrohen. Doch erst die historische Entwicklung und die von ihr beeinflußte Konstruktion der internationalen Währungsordnung verdeutlicht, warum die Zahlungsbilanzpolitik in der Gegenwart ins Zentrum der Währungspolitik gerückt ist. Zur Realität der Währungspolitik Die Realität der Währungspolitik sieht, gemessen an den Erfordernissen einer internationalen Währungsordnung als Voraussetzung eines freien Welthandels, insgesamt etwas günstiger aus als die Handelspolitik, in der der Protektionismus ein erhebliches Gewicht besitzt. Der Grund dafür mag sein, daß Beschränkungen des Devisenmarkts nur selten im partiellen Interesse - von Industrien und Regionen - liegen, sondern aus politischen Erwägungen genereller Art und aus zahlungsbilanzpolitischen Notwendigkeiten erfolgen. Im Hinblick auf die Konvertibilität der Währungen läßt sich konstatieren, daß fast alle Länder der freien Welt nach dem Zweiten Weltkrieg die Devisenbewirtschaftung schrittweise abgebaut haben und Ende der fünfziger Jahre die volle Konvertibilität zumindest für Ausländer (Tausch von Devisen in Inlandswährung), in einigen Ländern - wie der Bundesrepublik Deutschland - auch für Inländer (Tausch von Inlandsgeld in Devisen) hergestellt war. Nicht ganz so günstig steht es um den freien Kapitalverkehr, der in vielen Ländernmehr oderweniger großen Einschränkungen unterliegt, wobei die Eingriffsintensität mit den Schwierigkeiten, ein Zahlungsbilanzdefizit auszugleichen, in der Regel zunimmt. Institutioneller Rahmen für die Währungspolitik ist der Internationale Währungsfonds (IWF), der - schon 1944 in Bretton Woods (USA) unter 44 alliierten Ländern vereinbart - nach dem Zweiten Weltkrieg in Kraft trat. Von den großen östlichen Ländern sind bisher nur Rußland, von den westlichen Ländern nur die Schweiz kein Mitglied, aber assoziiert („konstruktive Nichtmitgliedschaft"). Die Ziele des IWF sind insbesondere: Wiederbelebung und Stärkung des Welthandels, Abbau von Devisenbeschränkungen, Wahl eines geeigneten Wechselkurssystems zum Ausgleich der Zahlungsbilanz und zentrale Bereitstellung von befristeten Devisenkrediten zur Überbrückung von Zahlungsbilanzstörungen. Im Hinblick auf die beiden erstgenannten Ziele ist der Internationale Währungsfonds erfolgreich gewesen, zumal wenn man von den Verhältnissen der ersten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg ausgeht. Bei der Verfolgung der zahlungsbilanzpolitischen Ziele, die gleichermaßen bezwecken, anhaltende („fundamentale") Zahlungsbilanzungleichgewichte zu vermeiden, hat das System des IWF jedoch versagt. Der entscheidende Grund dafür ist: Entgegen den Erwartungen der geistigen Väter dieser internationalen Währungsordnung beherrschten nach dem Zweiten Weltkrieg nicht Stagnation und Deflation, sondern Wirtschaftswachstum und Inflation die internationale Szene. Zwischen den einzelnen Ländern entwickelte sich ein beträchtliches Inflationsgefälle. Da die Währungen der Mitgliedsländer des IWF durch feste Wechselkurse mit ge- 24. Außenwirtschaftspolitik 615 ringen Bandbreiten verbunden wurden - Bezugspunkt für den Umrechnungskurs war der US-Dollar, für diesen das Gold (Gold-Devisen-Standard) -, entstanden bald anhaltende Zahlungsbilanzungleichgewichte, die im Laufe der Zeit immer häufiger durch Auf- oder Abwertungen beseitigt werden mußten. Zugleich wurde die Bereitstellung von befristeten Zahlungsbilanzkrediten erweitert und erleichtert, so daß die Notwendigkeit, durch binnenwirtschaftliche Maßnahmen für einen Ausgleich der Zahlungsbilanz zu sorgen, abnahm. Im Jahr 1973 gingman faktisch zu frei schwankendenWechselkursen über, ab 1976 stellten die IWF-Statuten die Wahl des Wechselkurssystems den Mitgliedsländern frei. In den siebziger Jahren konnte der Eindruck entstehen, als hätten die meisten Länder erkannt, daß ein erhebliches internationales Inflationsgefälle und ein inzwischen enorm gewachsenes Potential international mobilen Kapitals („Eurodollargeld") ein hohes Maß an Wechselkursflexibilität unter den wichtigen Währungen der Welt unerläßlich macht. Die Entwicklung der Währungspolitik in der Europäischen Gemeinschaft zeigt indessen: Negative Erfahrungen mit dem Internationalen Währungsfonds haben die Entstehung eines regionalen Festwährungssystems nicht verhindert. Innerhalb der Europäischen Gemeinschaft hat es seit Anbeginn Bestrebungen gegeben, den Gemeinsamen Markt der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft durch eineWährungsunion zu ergänzen, beide zu einerWirtschaftsunion zu integrieren, um die Voraussetzungen für die Vereinigten Staaten von Europa zu schaffen. Eine erste Station auf demWeg zu einer Währungsunion war das Europäische Währungssystem (EWS), das 1979 in Kraft trat. Ihm gehörten die Länder der Europäischen Gemeinschaft mit Ausnahme von Griechenland und Portugal an. In denmeisten Darstellungenwerden die Grundzüge des EWS aus seiner Vorgeschichte (z. B. der „Währungsschlange") entwickelt. Demgegen- über bleibt zu betonen, daß das EWS ein ziemlich getreues Abbild des Internationalen Währungsfonds war. Sieht man von allgemeinen Deklarationen zu den Zielen ab - z. B. Stärkung des Zusammenhalts in der Europäischen Gemeinschaft -, war wirtschaftspolitisch beabsichtigt, den Binnen- und Außenwert der Währungen zu stabilisieren. Deshalb enthielt das EWS zwei Bauelemente des früheren IWF: feste Wechselkurse und ein umfangreiches System zur Bereitstellung von Zahlungsbilanzkrediten. Die Währungen der Mitgliedsländer waren untereinander - mit Bandbreiten festgelegt (Leitkurse). Die Zentralbanken der teilnehmenden Länder hatten die Pflicht, spätestens an den Interventionspunkten (± 2,25%, bei Spanien ± 6% vom Leitkurs) Partnerwährungen in unbegrenzter Höhe zu kaufen bzw. zu verkaufen. Gleichwohl waren Leitkursänderungen vorgesehen, aber - anders als früher beim IWF - an die Zustimmung aller beteiligten Länder gebunden. Zum zweiten Bauelement: Es stand ein umfangreiches Kreditsystem bereit, auf das die Zentralbanken zur Finanzierung ihrer Interventionen zurückgreifen konnten. Wirtschaftspolitische Auflagen wurden mit Zahlungsbilanzkrediten nur in bestimmten Fällen erteilt. Erneute Anstrengungen zur politischen Integration in Europa waren der Anlaß, einen zweiten Schritt ins Auge zu fassen: die Schaffung einer Europäischen Zentralbank (EZB) mit einer einheitlicher Währung 616 Vierter Teil. Weltwirtschaft (Euro). Nach einem Beschluß der Regierungschefs der Europäischen Gemeinschaft ist die Europäische Währungsunion am 1. Januar 1999 in Kraft getreten. Deren Kennzeichen sind freieMärkte, monetäre Stabilität und finanzpolitische Solidität. Sie soll die letzte Stufe für die Vereinigten Staaten von Europa sein. Mitglieder dieser Union können nur Länderwerden, die bei der Preisniveaustabilität, Staatsverschuldung undWechselkursanpassung strenge Kriterien erfüllen. Die Europäische Zentralbank ist - ähnlich wie die Deutsche Bundesbank vorrangig der Preisniveaustabilität verpflichtet und politisch unabhängig. Die Realität der Währungspolitik für die Bundesrepublik Deutschland ist deshalb durch zwei Tatsachen gekennzeichnet, nämlich durch Einbindung in die weltweite Ordnung des Internationalen Währungssystems und Einordnung in das Europäische Währungssystem. Währungspolitik aus ordnungspolitischer Sicht Die ordnungspolitische Beurteilung derWährungspolitik muß von einer Tatsache ausgehen, auf die ein einzelnes Land keinen Einfluß hat: Weltweit herrscht Inflation, mit ganz unterschiedlichen Inflationsraten in den einzelnen Ländern. Aus der Sicht eines Landes wie der Bundesrepublik Deutschland ist es deshalb unmöglich, den Binnenwert einer Währung, das Preisniveau, und den Außenwert, den Wechselkurs, simultan zu stabilisieren. Wenn Binnen- und Außenwert nicht zugleich gesichert werden können, verbleibt als Frage, welchem Wert ordnungspolitisch Vorrang zukommt. Die Antwort ist eindeutig: dem Binnenwert. Seine Stabilisierung bedeutet nicht, daß Einzelpreise fixiert werden, sondern nur ihr rechnerischer Durchschnitt, das Preisniveau. Ein stabiles Preisniveau ist mit frei schwankenden Einzelpreisen, die es in einer Marktwirtschaft geben muß, durchaus vereinbar. Ein fester Wechselkurs läßt sich dagegen ordnungspolitisch nicht rechtfertigen. Der Wechselkurs, so wichtig er gesamtwirtschaftlich auch sein mag, ist demgegenüber ein Einzelpreis, der auf dem Markt für ausländische Währungseinheiten, für Devisen, gilt. Es gibt keinen Grund, den Preis für Devisen ordnungspolitisch anders zu beurteilen als den für ein beliebiges sonstiges Gut. Eine Fixierung des Wechselkurses wäre ordnungspolitisch selbst dann bedenklich, wenn die Voraussetzungen für eine simultane Sicherung des Binnen- und Außenwertes einer Währung vorlägen. In einem solchen, praktisch irrelevanten Fall brauchte man überdies keine Wechselkursbindung, weil der Wechselkurs auch ohne Eingriffe stabil bliebe. Die Auffassung, festeWechselkurse seien ordnungswidrig, soll begründet werden, zumal in der Vergangenheit das Goldwährungssystem als eines von mehreren möglichen Systemen fester Wechselkurse von Vertretern der freiheitlichenWirtschaftsordnung verteidigt worden ist. Esmag historisch gesehen gute Gründe gegeben haben, die Bindung nationaler Währungen an einen internationalen Goldstandard zu gewährleisten, den Binnenwert insoweit der Außenwertsicherung unterzuordnen. Dies alles kann dahingestellt bleiben, weil die von Papiergeldsystemen geprägte Gegenwart völlig anders aussieht. EineWechselkursfixierungwürde in einerWelt, die nur noch Inflationen kennt, keinem Land mehr ermöglichen, Preisniveaustabilität zu erreichen oder sich von der weltweiten Inflation zu isolieren, die im Ausland herrschenden Infla- 24. Außenwirtschaftspolitik 617 tionen also zwangsläufig auf das Inland übertragen. Deshalb darf die ordnungspolitische Beurteilung nicht das Wechselkurssystem isoliert betrachten, sondern muß seine unvermeidlichen Wirkungen auf den Binnenmarkt einbeziehen. Mit anderen Worten: Wie ist eine Inflation vom Standpunkt einer freiheitlichen Ordnung zu werten? Eine Inflation gefährdet eine freiheitliche Ordnung, weil sie zu realen Einkommens- und Vermögensumverteilungen führt und unter bestimmten Voraussetzungen, die oft vorliegen, auch Arbeitslosigkeit verursacht. Inflation und Arbeitslosigkeit zugleich, eine Stagflation, die von beträchtlichen Umverteilungswirkungen am Markt erzielter Einkommen und daraus gebildeter Vermögen begleitet wird, diskreditieren eine Wirtschaftsordnung gerade dann, wenn sie nicht Folgen von „Unvollkommenheiten" des Marktes, sondern der Wirtschaftspolitik sind. Es kommt nicht bloß und in erster Linie darauf an, was die wirklichen Ursachen gesamtwirtschaftlich unbefriedigender oder sozial unerträglicher Ergebnisse sind. Bedeutsamer dürfte sein, was breite Bevölkerungsschichten als Ursache ansehen. Die Ordnungswidrigkeit fester Wechselkurse führt zu einer institutionellen Konsequenz: Eine Regierung darf keine währungspolitischen Befugnisse haben. Die Aufgabenverteilung zwischen Regierung und Notenbank folgt in den meisten Ländern der Regel, daß die Regierung für das Wechselkurssystem oder zumindest für die Bestimmung des Wechselkurses im einzelnen - und die Notenbank für die Preisniveaustabilisierung zuständig ist. Auf die Europäische Währungsunion bezogen heißt dies, daß für die Währungspoltik der Ministerrat und für die Preisniveaustabiltät die EZB zuständig ist. Eine derartige Aufgabenverteilung kontrastiert mit den erklärten gesamtwirtschaftlichen Zielen, insbesondere mit der simultanen Sicherung des Außen- und Binnenwerts einer Währung, wenn nicht zugleich die Einheit im Handeln bei der Verfolgung dieser Ziele garantiert wird. Tatsächlich sind Regierungen und Notenbanken keineswegs zu einheitlichem Handeln verpflichtet, obwohl doch beide Organe eines Staates sind. Eine Regierung bestimmt letztlich den Außenwert ohne Rücksichtnahme auf die Notenbank, diese versucht den Binnenwert zu stabilisieren, wobei von der Regierung festgelegte Wechselkurse eine vorgegebene Bedingung sind. Eine Regierung kann es auf diese Weise einer Notenbank unmöglich machen oder erschweren, Preisniveaustabilität zu erreichen. Anders ausgedrückt besitzt eine Regierung, die eine freie Wahl beim Wechselkurssystem und bei der Bestimmung einzelner Wechselkurse hat, den Hebel für das Ausmaß der Inflation. Eine Notenbank, selbst wenn sie rechtlich und tatsächlich von der Regierung unabhängig wäre, ist kaum in der Lage, ihrer primären Aufgabe nachzukommen, das Preisniveau zu stabilisieren. In der Bundesrepublik Deutschland, aber auch in anderen Ländern, war und ist es jedoch der Wille des Gesetzgebers - nach schlimmen Erfahrungen einer inflationsgeschädigten Bevölkerung -, der Regierung keine Inflation zu erlauben. Die Währungsgesetze waren deshalb so angelegt, einer Inflation durch den inländischen Staat den Weg zu verbauen. Die Möglichkeiten einer „hausgemachten" Inflation sind infolgedessen gesetzlich eng beschränkt worden. Soweit innere Ursachen eine Inflation ermöglichen, basieren sie in der Regel auf Gesetzeslücken oder extensiven Gesetzesauslegungen, jedenfalls nicht auf der ratio legis. Einer 618 Vierter Teil. Weltwirtschaft Inflationsverursachung durch ausländische Staaten im Inland sind jedoch kaum Grenzen gesetzt. Dies beruht auf mangelnden Erfahrungen des Gesetzgebers, bei dem es sich auch nur um Personen unterschiedlicher Prägungen handelt, und vor allem auf generellen Fehleinschätzungen von Exportüberschüssen, die traditionell als Devisenpolster angesehen, aus heutiger Sicht aber als Quelle der inländischen Geldmengenexpansion begriffen werden müssen. Wenn es der ordnungskonformeWille des Gesetzgebers ist, traditionelle Staatsinflationen zu vermeiden, muß die Beliebigkeit von Regierungen, über Wechselkurse und Wechselkurssysteme zu befinden, beseitigt werden. Mit anderen Worten darf ausländischen Regierungen über Wechselkursfestsetzungen einer inländischen Regierung nicht erlaubt werden, was dieser selbst verboten ist: eine Inflation im Inland auszulösen und ihr Ausmaß zu bestimmen. Die Währungspolitik wirkt stets auf die Binnen- und Außenwirtschaft ein. Wenn der Einfluß der Regierung auf die Preisniveauentwicklung ausgeschaltet werden soll, muß konsequenterweise auch ihre Möglichkeit, ausländische Inflationen im Inland zu ermöglichen, beseitigt werden. Das besteMittel, Auslandsinflationen aufs Inland zu übertragen, ist die Wechselkurspolitik. Erst durch flexible Wechselkurse, die nicht dem Zugriff der Regierung unterliegen dürfen, wird gewährleistet, daß die Inflationspolitik eines beliebigen Staates nicht eine Inflation in einem Lande nach sich zöge, das auf Preisniveaustabilität Wert legt. Aus solchen Gründen sollte - was ordnungspolitisch konsequent wäre -, der EZB auch die Wechselkurspolitik übertragen werden. III. Entwicklungspolitik Entwicklungspolitik als Teil der Außenwirtschaftspolitik Der dritte und jüngste Zweig der Außenwirtschaftspolitik ist die Entwicklungspolitik. Unter Entwicklungspolitik wird hier die Gesamtheit aller staatlichen Maßnahmen verstanden, mit denen der wirtschaftliche und soziale Standard in Entwicklungsländern gehoben werden soll. Entwicklungspolitik hat in der Wirtschaft ihren Schwerpunkt, ist aber nicht auf diese begrenzt. Sie wird zum einen von den Entwicklungsländern selbst, zum anderen von hoch entwickelten, fortgeschrittenen Ländern - direkt oder indirekt über internationale Organisationen (z. B. der Weltbank) - getragen. Die folgenden Ausführungen beschränken sich auf die Entwicklungspolitik der fortgeschrittenen Länder. Zuvor sei erläutert,was Entwicklungsländer sind und aus welchen Gründen die traditionelle Handels- und Währungspolitik seit einigen Jahrzehnten durch eine besondere Entwicklungspolitik ergänzt wird. Nach üblichem Sprachgebrauch bezeichnet man als Entwicklungsländer - früher oft „unterentwickelte" Länder genannt - solche Staaten der Erde, in denen das Realeinkommen pro Kopf niedrig liegt („arme" Länder), verglichen mit den fortgeschrittenen Ländern Nordamerikas, West- und Mitteleuropas und einigen Ländern Asiens (Japan), Afrikas (Südafrika) und Ozeaniens (Australien, Neuseeland). Mit Ausnahme der letzten drei liegen alle fortgeschrittenen Länder auf der nördlichen Erdhalbkugel (Nord-Süd-Gefälle). Die weitaus meisten Länder der Erde sind 24. Außenwirtschaftspolitik 619 Entwicklungsländer - von den gegenwärtig über 200Mitgliedern der Vereinten Nationen etwa 140), in denen etwa 70% der Weltbevölkerung lebt. Der größte Teil der Welt gilt als arm und - was häufig damit verbunden wird - als hilfsbedürftig. Es ist jedoch evident, daß der Einteilung der Welt nach dem Pro-Kopf- Einkommen in zwei Gruppen von armen und reichen Ländern einige Probleme anhaften, von denen zwei hervorgehoben seien. Erstens dürfte für viele Entwicklungsländer eine wirtschaftliche Dualität bei der Güterversorgung typisch sein. Ein Teil der Güterversorgung geht über den Markt (Verkehrs- oder Tauschwirtschaft) und wird in der Volkseinkommensstatistik erfaßt, ein anderer Teil, der in einigen afrikanischen Ländern auf die Hälfte der Gesamtproduktion geschätzt wird, dagegen nicht (Selbstversorgungs- oder Subsistenzwirtschaft). Die statistisch erfaßten Pro-Kopf-Einkommen muß man entsprechend nach oben korrigieren, was in der Regel nicht bedeutet, daß aus armen Ländern reiche werden. Zweitens sind die Einkommensunterschiede zwischen den Entwicklungsländern erheblich größer als zwischen einigen relativ gut gestellten Entwicklungsländern und weniger wohlhabenden fortgeschrittenen Ländern. Es ist naheliegend, nach den Ursachen zu fragen, warum es unstreitig wirtschaftlich ganz arme und sehr reiche Länder auf der Erde gibt. Auf die Ursachenanalyse kann hier schon deswegen nicht näher eingegangen werden, weil es eine fast unübersehbare Zahl unterschiedlicher ökonomischer und nichtökonomischer Erklärungen dafür gibt, weshalb in den meisten Ländern die Unterentwicklung bisher nicht überwunden werden konnte (Entwicklungstheorien). Indessen sei eine Begründung aufgegriffen, die im Schrifttum oft stärker als andere betont und zur Begründung der Entwicklungspolitik herangezogen wird, nämlich die These vom Teufelskreis der Armut, die vor allem von HANS WOLFGANG SINGER, RAGNAR NURSKE und GUNNAR MYRDAL konzipiert wurde. Die These existiert in verschiedenen Versionen. Ihr gemeinsamer Tenor ist: Weil Entwicklungsländer heute arm seien, blieben sie auch zwangsläufig in der Zukunft arm. So erlaube das geringe Einkommen keine Ersparnis, weshalb die für ein Wirtschaftswachstum nötigen Investitionen unterblieben. Die unzureichende Kapitalausstattung habe eine niedrige Produktivität und damit eine geringe Bezahlung zur Folge, womit sich der Teufelskreis schließe. Mitunter wird in der Argumentation auf die engen Konsumgütermärkte der Länder mit niedrigem Einkommen abgestellt, die eine größere Arbeitsteilung und damit eine höhere Produktivität verhinderten, oder auf den Zusammenhang zwischen ungenügender Ernährung, geringer körperlicher Leistungsfähigkeit und Produktivität. Die These vom circulus vitiosus der Armut dient zugleich zur Begründung der Entwicklungspolitik: Da die Entwicklungsländer sich nicht - wie Münchhausen am eigenen Schopf - aus der Misere selbst befreien könnten, müßten sie durch staatliche Hilfen der fortgeschrittenen Staaten massiv unterstützt werden, wenn ein DritterWeltkrieg oder zumindest international unerträgliche Spannungen zwischen armen und reichen Ländern vermieden werden sollten. Eine kritische Würdigung der These vom Teufelskreis der Armut kann nicht übersehen, daß die skizzierten Argumente im Einzelfall durchaus die Realität zutreffend beschreiben. Als generelle Begründung für den Zustand und die Möglichkeiten der Entwicklungsländer ist sie jedoch völ- 620 Vierter Teil. Weltwirtschaft lig unannehmbar und damit auch als pauschale Begründung für öffentliche Entwicklungshilfe hinfällig. Die Vertreter dieser These hätten sich fragen müssen, wieso die fortgeschrittenen Länder, die als solche nicht „auf die Welt gekommen sind", in der Vergangenheit den „take off" von einem niedrigen Entwicklungsstand ohne Hilfe anderer Länder geschafft haben und warum es in der Gegenwart eine nicht geringe Zahl von Entwicklungsländern gibt, die weitgehend ohne fremde Hilfe, mitunter gegen internationalen Widerstand, zum „Schwellenland" geworden und noch nicht ans Ende der Entwicklung gekommen sind (z. B. Südkorea und Taiwan). Das Gegenargument, wenn Entwicklungsländer schon wüchsen, bliebe ihr Wachstum hinter dem der fortgeschrittenen Länder zurück, so daß sich der Abstand zwischen armen und reichen Ländern vergrößere, ist in dieser Pauschalität ebenfalls unhaltbar. Soweit es überhaupt einigermaßen verläßliche Zahlen, aber auch sonstige Erkenntnisse über Entwicklungsländer gibt, läßt sich konstatieren: Einige Entwicklungsländer sind schneller, andere langsamer als fortgeschrittene Länder gewachsen. Es ist unmöglich anzugeben, ob die Entwicklungsländer insgesamt langsamer gewachsen sind als die fortgeschrittenen Länder - wie die Vertreter der Teufelskreishypothese behaupten - oder schneller, zumal in Entwicklungsländern dem qualitativen Wachstum, das sich in Zahlen nicht fassen läßt, eine erhebliche Bedeutung zukommt. Die plausibelsten Begründungen für staatliche Hilfen der fortgeschrittenen Länder an Entwicklungsländer findet man, wenn vor allem die Interessen der Geberländer ins Auge gefaßt werden. Ökonomische Gründe spielen dabei nicht die entscheidende Rolle. Auffällig ist zunächst, daß die Entwicklungspolitik erst nach dem ZweitenWeltkrieg international eine größere Bedeutung gewonnen hat. Damit soll nicht gesagt werden, in früheren Zeiten habe es überhaupt keine Entwicklungspolitik gegeben. Weltweite Ausmaße konnte die Entwicklungspolitik jedoch nur wegen neu auftretender Gründe gewinnen, zu denen vor allem zu rechnen sind: der Zerfall der Kolonialimperien, der Ost-West-Konflikt und die weltweite Kommunikation durch moderne Verkehrsmittel und Massenmedien. Zum ersten Grund: Vor allem Großbritannien und Frankreich besaßen vor dem Eintritt in den Zweiten Weltkrieg noch eine beträchtliche Zahl von Kolonien, auch wenn sich die Auflösung dieser Kolonialimperien seit dem Ersten Weltkrieg abzeichnete. Deshalb kann es nicht verwundern, daß die Entwicklungshilfe dieser beiden Länder, jedenfalls soweit sie direkt (bilateral) erfolgt, praktisch ausschließlich ehemaligen Untertanen gewährt wird, um den wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Einfluß aufrechtzuerhalten. Zum zweiten Grund: Zwischen den Ländern des Ostblocks und der freien Welt entwickelte sich ein Wettlauf um die Länder der Dritten Welt,weil diese eine strategisch wichtige Lage haben und überdies in zahlreichen internationalen Organisationen (z. B. der UNO) Vollmitglieder sind. DerWettlauf verschärfte sich, als die Versuche der Großmächte USA und UdSSR, von der jeweiligen anderen Großmacht zu respektierende Einflußräume zu schaffen, fehlschlugen, die UdSSR in der westlichen Hemisphäre, die USA in der östlichen sich Stützpunk- 24. Außenwirtschaftspolitik 621 te verschaffen konnten. Entwicklungspolitik pervertierte zu einem Instrument der globalen Strategie, dessen Einsatz regelmäßig humanitär und sozial begründet, tatsächlich aber militärisch und politisch für erforderlich gehalten wird. Die enorme Expansion der Entwicklungshilfe geht zu einem Teil auf diesen Umstand zurück, auf die Befürchtung der Großmächte und anderer Geberländer, an Einfluß in Ländern der Dritten Welt zu verlieren, und auf die Drohung von Entwicklungsländern, den „Partner" zu wechseln, wenn bestimmte Ansprüche nicht erfüllt werden. Mit dem Zerfall des Ostblocks hat der zweite Grund an Bedeutung verloren. Zum dritten Grund: Die modernen Verkehrsmittel - vor allem das Flugzeug - und die Massenmedien - insbesondere das Internet, Funk und Fernsehen - haben die Welt näher zusammengerückt und für breite Bevölkerungsschichten überschaubarer als bisher gemacht. Es gibt nur wenige Winkel in der Welt, in denen nicht wenigstens grobe Vorstellungen über die Verhältnisse an anderen Orten des Erdteils bestehen. „Eine Welt", die durch Kommunikation „entsteht" und sich so versteht, ist mit der Realität, in der es arme und reiche Länder gibt, ebensowenig spannungsfrei auf einen Nenner zu bringen wie bekannte krasse Einkommensunterschiede in einem Land. Zu diesen drei Gründen kommen ergänzend, doch nicht ausschlaggebend andere hinzu, so die Absicht, durch Entwicklungspolitik die Handelsbeziehungen zu festigen oder existentielle Nöte, z. B. nachNaturkatastrophen, zumildern. Es versteht sich, daß die politische Führung vor allem in Demokratien solche Gründe stark betont, um die häufig unbeliebte öffentliche Entwicklungshilfe zu rechtfertigen. Zur Realität der Entwicklungspolitik Wirtschaftliche Entwicklungshilfe wird als Kapitalhilfe, Technische Hilfe und Nahrungsmittelhilfe gewährt. Den größten Anteil hat die Kapitalhilfe, deren primäre Intention ist, Investitionen in Entwicklungsländern zu ermöglichen. Die Abwicklung dieser Hilfe obliegt in der Bundesrepublik Deutschland der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Diese Hilfe - meistens Kredite - wird nach internationaler Praxis nicht selten mit Lieferbindungen gekoppelt, das heißt mit der Auflage verbunden, in bestimmter Höhe Waren im Geberland zu kaufen. Die Technische Hilfe soll den Transfer von Wissen und Können ermöglichen, um das in Entwicklungsländern vorhandene wirtschaftliche Potential zu nutzen. Der Schwerpunkt liegt in personellen Maßnahmen (z. B. Entsendung von Experten oder Stipendien für Studenten aus Entwicklungsländern) und in der Vermittlung moderner Technologie für geförderte Projekte. Technische Hilfe wird überwiegend aus Zuschüssen finanziert. Die Nahrungsmittelhilfe, die relativ unbedeutend ist und nur zeitweilig einen Anteil von 20% der gesamten Entwicklungshilfe ausmacht, dient den Entwicklungsländern zur Bekämpfung der Unterernährung, von der nach realistischen Schätzungen etwa 500MillionenMenschen - ungefähr 10% der Weltbevölkerung - betroffen sind, und den fortgeschrittenen Ländern als Ventil zur Lösung ihrer landwirtschaftlichen Überschußpro- 622 Vierter Teil. Weltwirtschaft bleme. Zur Realität der Entwicklungspolitik gehört eine nationale und internationale Bürokratie der Entwicklungspolitik. Das Ausmaß dieser Bürokratie wird kaum zur Kenntnis genommen, noch seltener ökonomisch gewürdigt. Da die Entwicklungsländerpolitik aus wirtschaftlicher Sicht nichts anderes als eine internationale Einkommensredistribution darstellt, war es fast unausweichlich, daß sich Verteilungskämpfe entwickelten, deren Interessenvertreter auf beiden Seiten sich vor allem international ähnlich wie die bei einer nationalen Redistribution organisierten. Es gibt Fordernde, die die Moral (die „Ungerechtigkeit" des Bestehenden), die Historie (vor allem koloniale „Sünden" der Vergangenheit) und alle sonst greifbaren Argumente bemühen, und Geforderte, die sich den vorgetragenen Argumenten nicht völlig verschließen, ihnen oft hilflos gegenüberstehen oder sie sich aus Eigeninteresse zunutze machen. Diese Rollenverteilung ist seit vielen Jahren für alle weltweiten Organisationen typisch, insbesondere für die Vereinten Nationen (UNO) und ihre zahlreichen Sonderorganisationen, von denen für die Entwicklungspolitik die Internationale Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (IBRD) mit ihren Tochtergesellschaften Internationale Finanzgesellschaft (IFC) und Internationale Entwicklungsgesellschaft (IDA), der Internationale Währungsfonds (IWF), die Organisation für industrielle Entwicklung (UNIDO) und die Welthandelskonferenz (UNCTAD) erwähnt seien. Allein unter dem Generalsekretär der UNO arbeiten über 7000 Beamte. Die Gesamtzahl der Verwaltungsangestellten in allen UNO-Organisationen, die vorrangig oder ausschließlich mit Entwicklungsländern befaßt sind, dürfte jedoch ein Vielfaches betragen. Die Finanzierung dieser riesigen und aufwendigen Bürokratie erfolgt fast ausschließlich durch die Steuerzahler demokratisch regierter Länder. Zu den weltweiten Organisationen kommen international regionale Bürokratien, soweit sie mit der Entwicklungspolitik befaßt sind (z. B. OECD, EU), ebenso hinzu wie nationale, in der Bundesrepublik Deutschland z. B. das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) mit zahlreichen Unterorganisationen, von denen neben der schon genannten Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) erwähnt sei. Es widerspräche allen Lebenserfahrungen, wenn nicht davon ausgegangen würde, daß die Bürokratie der Entwicklungspolitik die aufgebrachten Mittel der Steuerzahler aus den Geberländern in einem erheblichen Umfang selbst aufzehrt. Die internationale Umverteilungsbürokratie, deren Finanzierungskosten schneller ansteigen als die aufgebrachten öffentlichen Mittel, hat den Charakter einer Industrie, die nicht primär an den Interessen der Geber- und Nehmerländer, sondern vor allem an denen der Beschäftigten der entwicklungspolitischen Einrichtungen orientiert sein dürfte. Zu den ökonomischenMerkmalen fortgeschrittener Länder gehört eine breite Produktionspalette, zu denen der Entwicklungsländer eine schmale, manchmal eine„ Monokultur" bei der Rohstoffproduktion (z. B. Erdöl, Zucker, Kaffee und Kautschuk). Das erklärte Ziel und Interesse der Entwicklungsländer ist deshalb, die fortgeschrittenen Länder zur Subventionierung von Rohstoffen heranzuziehen. Dieses Ziel läßt sich je nach Umständen auf verschiedenen Wegen 24. Außenwirtschaftspolitik 623 erreichen, vor allem - erstens - durch internationale Kartelle und - zweitens - Rohstoffonds. Erstens: Das bekannteste Beispiel für internationale Kartelle ist die 1960 gegründete Organisation der Erdöl exportierenden Länder (Organization of the Petroleum Exporting Countries: OPEC), zu der die größten Ölausfuhrländer der Welt gehören. Bei der Gründung waren alle OPEC-Mitglieder arme Entwicklungsländer, heute verfügen die meisten über ein Pro-Kopf-Einkommen, das im Durchschnitt doppelt so hoch liegt wie das der meisten fortgeschrittenen Industriestaaten. International hat sich damit nichts anderes vollzogen als bei einem Preiskartell, das es wegen der relativ unelastischenNachfrage nach seinem Produkt verstanden hat, die Einkommensverteilung zu seinen Gunsten zu ändern. Davon waren nicht nur die fortgeschrittenen Länder betroffen, sondern auch die Entwicklungsländer - einer Konsequenz, der die OPEC-Länder durch ein eigenes Programm zur Entwicklungshilfe begegnen. Die Kartellkonsequenzen sowie deren Abmilderung für Entwicklungsländer verdeutlichen eindeutig genug, daß das Ziel die Heranziehung der fortgeschrittenen Länder zur Subventionierung von Rohstoffen ist, auch wenn es in der zeitlichen Strategie bei der Verfolgung dieses Zieles Auffassungsunterschiede unter den OPEC-Staaten gibt. Zweitens: Soweit die Voraussetzungen für internationale Kartelle - vor allem keine kurzfristig verfügbaren Substitute für das Kartellprodukt und keine nennenswerten Außenseiter - fehlen, haben sich die Entwicklungsländer darauf konzentriert, die fortgeschrittenen Länder über Rohstoffonds zur Subventionierung zu gewinnen. Die fortgeschrittenen Länder sind bereit, einen Rohstoffonds überwiegend (zu 70%) zu finanzieren, obwohl sie bei den Entscheidungen des Fonds nur über 40%der Stimmen verfügen.Wie in anderen weltweiten Organisationen tragen die fortgeschrittenen Länder der westlichen Welt die finanziellen Lasten, während die Entwicklungsländer die Entscheidungsmehrheit haben. Entwicklungspolitik aus ordnungspolitischer Sicht Es ist in einer kurzen Beurteilung der Entwicklungspolitik nicht möglich, die vielschichtigen Probleme der Entwicklungsländer und ihrer Beziehungen zu den fortgeschrittenen Ländern zu würdigen. Deshalb seien nur drei Komplexe behandelt, die ordnungspolitisch im Vordergrund stehen, und die an folgende Thesen anknüpfen: Die Entwicklung eines Landes kann letztlich nur durch das Land selbst geleistet werden. Die Entwicklungshilfe ist ein knappes Gut, ihr Einsatz auf bestimmte Fälle zu beschränken. Das wirtschaftlich beste Exportgut der fortgeschrittenen Länder ist eine freiheitliche Ordnung, die auf die gewachsene Ordnung in den Entwicklungsländern Rücksicht nimmt. Die Entwicklung eines Landes läßt sich durch Entwicklungshilfe unter Umständen unterstützen, aber letztlich nur durch eigene Anstrengungen erreichen. Damit sind der Entwicklungspolitik eindeutige Grenzen gesetzt, gemessen an ihren eigenen Zielen. Zwar wird der Grundsatz, Entwicklungspolitik könne nur Hilfe zur Selbsthilfe sein, allenthalben betont, in der Vergabepraxis der öf- 624 Vierter Teil. Weltwirtschaft fentlichen Auslandshilfe jedoch mißachtet. Die bilateralen und multilateralen Zuschüsse und Kredite orientieren sich an Kriterien, die aus ökonomischer Sicht nicht nachzuvollziehen sind. Daß Länder mit einem niedrigen Pro-Kopf- Einkommen im Durchschnitt höhere Zuschüsse erhalten als Länder mit einem mittleren Einkommen, scheint zunächst plausibel, hält aber ökonomisch genaueren Überlegungen nicht stand. Für die Frage, ob sich ein Land wirtschaftlich entwickeln läßt, kommt es auf eine Reihe von Umständen an (z. B. Rohstoffreserven, klimatische Verhältnisse, Arbeitswilligkeit der Bevölkerung, Durchsetzbarkeit von rechtlichen und organisatorischen Voraussetzungen in oft historisch gewachsenen Stammesgesellschaften), die es geradezu ausschließen, die jeweiligeHöhe des Pro-Kopf-Einkommens zummaßgeblichen Kriterium zu wählen. Soweit innerhalb von Ländergruppen - gestaffelt nach der Höhe des Einkommens - differenziert wird, läßt sich keine Systematik erkennen, daß die unterschiedliche Behandlung auf der Einschätzung des Entwicklungspotentials beruht. Im Gegenteil ist zu konstatieren, daß fast alle Staaten, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Zustand der Unterentwicklung befreien konnten und heute zu den Schwellenländern oder fortgeschrittenen Nationen gehören von Japan über Thailand bis zur Elfenbeinküste - mit öffentlicher Entwicklungshilfe kaum oder nur unterdurchschnittlich bedacht worden sind. Zwischen der Höhe der ausländischen Entwicklungshilfe und der wirtschaftlichen Entwicklung eines Landes besteht generell keine eindeutig positive Korrelation. Es gibt einerseits eine nicht geringe Zahl von Ländern, die eine wirtschaftliche Entwicklung ohne nennenswerte Auslandshilfe geschafft haben, und andererseits eine große Zahl von Entwicklungsländern, die trotz massiver Hilfen in der wirtschaftlichen Armut verharren. Dieses Faktum widerspricht der gängigen Auffassung in den Geberländern, in denen man bisher nicht hinreichend zur Kenntnis genommen hat, daß aus Gründen, die außerhalb menschlicher Möglichkeiten liegen, es immer reiche und arme Länder geben wird. Eine internationale Einkommensgleichheit ist ebensowenig zu erreichen wie eine nationale. Eine Entwicklungspolitik, die sich solche Ziele steckt, ist vom Standpunkt einer freiheitlichen Ordnung abzulehnen und wirtschaftlich irreal. Jede öffentliche Entwicklungspolitik stellt eine Übertragung von Kapital vom Inland auf das Ausland dar (Ressourcentransfer), das in den Geberländern Individuen zwangsweise entzogen wird, anders als bei der privaten Entwicklungspolitik, die auf freiwilligen Leistungen beruht. Soweit die Entwicklungshilfe ökonomisch begründet wird, wäre es ihre Aufgabe, ein knappes Gut an den international optimalen Standort zu lenken. Dann ist jedoch nicht einzusehen, warum es eine öffentliche Entwicklungspolitik neben privaten Transaktionen gibt. Denn die privaten Kapitalströme orientieren sich unter Berücksichtigung der Risiken an Orten, die international die jeweils höchsten Erträge abzuwerfen versprechen. Ob die Erwartungen für eine private Kapitalanlage sich als richtig erweisen, kann dahingestellt bleiben. Da es keine ökonomischen Gründe für eine öffentliche Entwicklungshilfe gibt, bleibt zu fragen, warumGeberländer überhaupt Auslandshilfe gewähren. Mit einer freiheitlichen Ordnung wäre es durchaus vereinbar - nicht nur national, sondern auch weltweit-, die Sicherung des physischen Existenzminimums zu gewährleisten. Dieser 24. Außenwirtschaftspolitik 625 Aufgabe, der sich bemerkenswerterweise vor allem karitative und kirchliche Einrichtungen annehmen, kommt in der Entwicklungspolitik nur eine untergeordnete Bedeutung zu. Da eine ökonomische Begründung der Entwicklungspolitik, verstanden als öffentliche Hilfe der Geberländer, nicht zu erkennen ist, und die Sicherung der physischen Existenz vonMenschenleben keine entscheidende Rolle spielt, bleibt als Erklärung, daß politische und militärische Gründe die tatsächlich entscheidenden Motive sind. Zu solchen Gründen läßt sich aus der Sicht der Wissenschaft nichts aussagen. Damit werden jedoch Überlegungen nicht ausgeschlossen, die mit der Gewährung und Verteilung der öffentlichenHilfen einhergehen. Durch öffentliche Entwicklungshilfe greift das Geberland zwangsläufig in die politische Willensbildung des Entwicklungslandes ein, dies um so mehr, je bedeutsamer die Auslandshilfe für die Existenz der jeweiligen Regierung ist. Obmanmit solchen Hilfen sich andere Länder politisch undmilitärisch gewogenmachen kann,muß nach allen Erfahrungen bezweifelt werden. Öffentliche Entwicklungshilfe scheint eher den Argwohn zu erhöhen, der zwischen Gebern und Nehmern und zudem unter diesen besteht - eine Beobachtung, die sich auch bei nationalen Redistributionen konstatieren läßt. Die Kalkulation, mit der öffentlichen Entwicklungshilfe würden Sympathien für das Geberland erworben, ist schon deshalb häufig nicht aufgegangen, weil von Zuwendungen ein bei der Bevölkerung unbeliebtes Regime gestützt und breiten Schichten sichtlich nicht geholfenwurde. Bei den häufigen Regimewechseln und Revolutionen in den meisten Entwicklungsländern nehmen Geberländer in Kauf, von den jeweils neuen Regierungen auch noch auf dieAnklagebank gesetzt zu werden. Gegen die massive öffentliche Unterstützung spricht nicht zuletzt die riesige Entwicklungsbürokratie, an deren Existenz die Politiker und Verwaltungen in Geber- und Nehmerländern gleichermaßen interessiert sind, die aber wie jeder Redistributionsapparat die Umverteilungsmasse ganz erheblich reduziert. Viel zu wenig beachtet wird, daß das beste wirtschaftliche „Exportgut" der fortgeschrittenen Länder die freiheitliche Ordnung ist. Die öffentliche Entwicklungshilfe stellt nicht das einzige und nicht das wichtigste Mittel der Förderung dar, ist aus den genannten Gründen vielmehr problematisch. Für die Übertragung der Vorteile einer freiheitlichen Ordnung auf Entwicklungsländer sprechen nicht dogmatische Erwägungen, sondern eindeutige Erfahrungen. Keinem Land der Erde ist es bisher gelungen, mit sozialistischerWirtschaftsplanung die weite Strecke von der Unter- zur Hochentwicklung zu durchschreiten. Unter den fortgeschrittenen Ländern gibt es kein einziges sozialistisches Land, allenfalls ein Ölexportland mit hohem Pro-Kopf-Einkommen nach der Verstaatlichung der privaten Industrie (Algerien). Dagegen fehlt es nicht an Beispielen für eine wirtschaftliche Entwicklung, die sich auf die marktwirtschaftliche Ordnung stützt. Als unstreitig darf gelten, daß in vielen Entwicklungsländern derzeit wichtige Voraussetzungen für eine marktwirtschaftliche Ordnung fehlen und daß sich diese Voraussetzungen oft nur schwer schaffen lassen. So kann eine marktwirtschaftliche Ordnung z. B. auf Unternehmer und auf eine marktorientierte Güterproduktion nicht verzichten. Die häufige Behauptung, in vielen Ländern fehle eine Unternehmerschicht westlichen Zu- 626 Vierter Teil. Weltwirtschaft schnitts oder das Verlangen, die Erträge aus eigenen Bemühungen zu ziehen, mag beim ersten Eindruck richtig sein, erweist sich jedoch unter anderen gesellschaftlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen oft als haltlos. Diese und nicht die Motive des Individuums bilden in der Regel eine Schranke für private Aktivitäten. Daraus wird jedoch häufig der unzulässige Umkehrschluß gezogen: Wenn die Voraussetzungen für eine marktwirtschaftliche Ordnung nicht vorliegen, muß an die Stelle des Marktes die staatliche Planung treten. Dieser Schluß übersieht, daß dieMängel, die denMarktmechanismus verhindern, sich potenziert auf eine staatliche Planung auswirken können. Nimmt man noch hinzu, daß es auch in einer freiheitlichenOrdnungAufgaben gibt, die vom Staat oder von ihm kontrollierten Körperschaften übernommenwerdenmüssen, läßt sich schwer erkennen, welche wirtschaftlichen Vorteile von einer zentralgeplanten Wirtschaft ausgehen können. Denn die Etablierung einer marktwirtschaftlichen Ordnung bedeutet nicht die Herstellung der Voraussetzungen vollständiger Konkurrenz und nicht die Sicherstellung des PARETO-Optimums, sondern die Steuerung knapper Ressourcen durch den Markt. So unterschiedlich die Verhältnisse in den Entwicklungsländern sein mögen: Es gibt keinen durchgreifenden Einwand gegen die grundsätzliche Möglichkeit, eine marktwirtschaftliche Ordnung zunehmend einzurichten und ihr entgegenstehende Hemmungen abzubauen. Die Anwendbarkeit und Leistungsfähigkeit der marktwirtschaftlichen Ordnung in verschiedenen Entwicklungsländern ist eindeutig erwiesen, so daß das Schwergewicht der Entwicklungspolitik fortgeschrittener Länder nicht im öffentlichen Ressourcentransfer liegen sollte. Was den Entwicklungsländern auf Dauer wirklich hilft, ist eine Aktivierung ihres Entwicklungspotentials, sofern sie dies wünschen. Dazu gibt es kein besseres Mittel als eine freiheitliche Ordnung. Literaturempfehlungen zum vierten Teil P. T. BAUER, Entwicklungsländer (II). Ökonomische Problematik, in: Handwörterbuch der Sozialwissenschaften, 3. Bd., Stuttgart 1961. M. BORCHERT, Außenwirtschaftslehre. Theorie und Politik, 7. A., Wiesbaden 2001. U. BROLL, Internationaler Handel, 2. A., München-Wien 1998. R. CLAPHAM, Marktwirtschaft in Entwicklungsländern. Zur Anwendung und Leistungsfähigkeit des marktwirtschaftlichen Konzeptes, Freiburg i. Br. 1973. E. GÖRGENS, Entwicklungshilfe und Ordnungspolitik. Eine theoretisch-empirische Wirkungsanalyse unter besonderer Berücksichtigung Schwarzafrikas, Bern-Stuttgart 1983. G. VON HABERLER, Der internationale Handel. Theorie der weltwirtschaftlichen Zusammenhänge sowie Darstellung und Analyse der Außenhandelspolitik, Berlin 1933. 24. Außenwirtschaftspolitik 627 H. R. HEMMER, Wirtschaftsprobleme der Entwicklungsländer. Eine Einführung, 2. A., München 1988. A. KONRAD, Zahlungsbilanztheorie und Zahlungsbilanzpolitik, München 1979. H. LUCKENBACH (Hrsg.), Theorie der Außenwirtschaftspolitik, Berlin-Heidelberg-New York 1979. K. ROSE - K. SAUERNHEIMER, Theorie der Außenwirtschaft, 14. A., München 2006.

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Der Autor Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Artur Woll lehrte an verschiedenen Universitäten VWL und war Gründungsrektor der heutigen Universität Siegen.