Erster Teil: Grundlagen der Volkswirtschaftslehre in:

Artur Woll

Volkswirtschaftslehre, page 15 - 71

16. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3835-2, ISBN online: 978-3-8006-4314-1, https://doi.org/10.15358/9783800643141_15

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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Erster Teil Grundlagen der Volkswirtschaftslehre 1. Kapitel: Volkswirtschaftslehre als Wissenschaft I. Gegenstand und Probleme Was heißt Volkswirtschaftslehre? Wissenschaftssystematik - Definition der Volkswirtschaftslehre - Beschreibung der Volkswirtschaftslehre Unterteilungen der Volkswirtschaftslehre und ihre Nachbarwissenschaften Mikroökonomische und makroökonomische Theorie - Wirtschaftsgeschichte, Wirtschaftstheorie undWirtschaftspolitik - Finanzwissenschaft und Betriebswirtschaftslehre - Mathematik, Statistik, Ökonometrie und Rechtswissenschaft II. Werturteile und Methoden Werturteile und Wissenschaft Persönliche Einstellungen als Werturteile - Wertungen keine wissenschaftliche Aussagen - Werturteile nicht Erkenntnis der Wirklichkeit - Glauben - In jeder Hinsicht wertfreie Wissenschaft nicht möglich - Schwierigkeit aus Ziel-Mittel-Verhältnis - Werturteile und wissenschaftliche Aussagen Entstehung und Überprüfung von Theorien Vorgehen bei der Bildung und Begründung von Theorien - Beobachtung und Sammlung von Fakten - Hypothesen und Definitionen - Theorienbildung - Prüfverfahren - Vorläufigkeit jeder Theorie - Beispiel - Verwechslungen vonDefinitionen undAbleitungsergebnissen - Modelle - ceteris-paribus-Klausel - Vorhersage und Prognose - wirtschaftspolitische Empfehlungen - Rolle des einzelnen Forschers - Schwierigkeiten der Wirtschaftswissenschaft - Zukunft der Volkswirtschaftslehre I. Gegenstand und Probleme Was heißt Volkswirtschaftslehre? Die Volkswirtschaftslehre (oft auch: Nationalökonomie) ist eine zusammenfassende Bezeichnung für einzelne Gebiete der Wirtschaftswissenschaft, deren Erkenntnisgegenstand (Objekt) generell Erscheinungen des Wirtschaftslebens sind. Das Verhältnis der Volkswirtschaftslehre zu anderenWissenschaftsgebieten hängt davon ab, welche Wissenschaftssystematik zugrunde gelegt wird. Es ist möglich, die Wissenschaften insgesamt in Real- und Formalwissenschaften einzuteilen. Die Realwissenschaften (Naturwissenschaft, Sozialwissenschaft, Geschichte u. a.) liefern Informationen über die Realität (empirische Wissenschaften). Die Formalwissenschaften (Logik, "reine" Mathematik, statistische Methodenlehre u. a.) stellen Denkformen und Verfahrensregeln bereit, die der Erkenntnisgewinnung in den Realwissenschaften dienen (instrumentaleWissenschaften). DieWirtschaftswissenschaft gehört - mit der Soziologie und Politikwissenschaft - zur Sozialwissenschaft (Objekt: soziale Wirklichkeit) und ist damit eine Realwissenschaft. Die Aussage, Objekt der Wirtschaftswissenschaft seien Erscheinungen des Wirtschaftslebens, ist abstrakt und vage. Deshalb gibt es zahlreiche Versuche mit dem Ziel, konkreter zu fassen, womit sich die Volkswirtschaftslehre beschäftigt. Dabei lassen sich zwei Wege zur Konkretisierung unterscheiden: Der Gegenstand der Volkswirtschaftslehre wird definiert oder beschrieben. Zur Illustration des ersten Weges - Definition der Volkswirtschaftslehre - mögen folgende Beispiele dienen: "Political Economy or Economics is a study of mankind in the ordinary business of life; it examines that part of individual and social action which is most closely connected with the attainment and with the use of the material requisites of wellbeing" (MARSHALL). "Economics is a social science ... it is concernedwith human activities . . ." (NE- VIN). "Economics is the science which studies human behaviour as a relationship between ends and scarce means which have alternative uses" (ROBBINS). Solchen Definitionen haftet der Nachteil an, daß sie entweder zu eng oder zu weit sind. Manche Ökonomen würden vermutlich die Definition, Wirtschaftswissenschaft sei eine Analyse der Menschheit in geschäftlichen Dingen, für zu weit halten, ebenso wie die, sie sei eine Untersuchung der menschlichen Wahlhandlungen. Dagegen dürfte die Definition, Wirtschaftswissenschaft untersuche die Überlegungen zur menschlichen Aktivität, soweit sie sich in Geld ausdrücken lasse, als zu eng gelten. Genauer gewählte Definitionen werden leicht umfangreich, ohne dem Anfänger klarmachen zu können, was inhaltlich genau gemeint ist. Dafür ein Beispiel: "Economics is the study of how men and society end up choosing with or wi- 4 Erster Teil. Grundlagen thout the use of money, to employ scarce productive resources which could have alternative uses, to produce various commodities and distribute them for consumption, now or in the future, among various people and groups in society" (SAMUELSON). Aus zahlreichen Definitionsversuchen ist die resignierende, wenn auch übertreibende Schlußfolgerung gezogen worden: Economics is what economists do. Es empfiehlt sich deshalb, Definitionsprobleme diffiziler Art nicht am Beginn lösen zu wollen, sondern allenfalls an das Ende der Überlegungen zu stellen und statt dessen durch eine Beschreibung der Volkswirtschaftslehre - also auf dem zweiten Weg - zu verdeutlichen, worin die wissenschaftliche Beschäftigung des Ökonomen besteht. Sonst entsteht die Gefahr, daß die Analyse durch ein System von Begriffen (Begriffsnationalökonomie) verdrängt wird. Am Beginn dieses Weges stehen Fragen zu Problemen des Faches. Ein beliebiger Fragenkatalog, durch den die volkswirtschaftlichen Probleme umschrieben werden, könnte wie folgt aussehen: Warum werden bestimmte Güter erzeugt, andere dagegen nicht? Sind die Produzenten gezwungen, sich den Wünschen der Verbraucher anzupassen? Wie verhalten sich die Verbraucher, wenn ihr Einkommen steigt?Warumwird aus einerAnzahl technischmöglicher Produktionsverfahren ein bestimmtes ausgewählt? In welchenMengenwerdenwelche Güter produziert?Warumwird die Herstellung von Gütern eingestellt, obwohl einige Verbraucher sie weiterhin kaufen möchten? Warum verändern sich die Preise auf einzelnen Märkten? Wie entsteht Einkommen? Welchen Einfluß haben Gewerkschaften auf die Höhe der Löhne? Warum verdienen einige Leute sehr viel mehr als andere, deren Arbeit mühseliger ist? Wieso werfen Kapitalund Grundbesitz Einkommen ab? Wer produziert Geld und wie kommt es in Umlauf? Warum steigen in den meisten Ländern fortwährend die Preise? Aus welchem Grund ist ein Land mit viel Geld nicht unbedingt reicher als ein anderes mit weniger Geld? Wie kommt es, daß - wie in der Weltwirtschaftskrise in den Jahren nach 1929 - Millionen Menschen arbeitslos werden können? Wieso wechseln die Zeiten guter und schlechter Geschäftslage? Warum werden die Verbraucher von der Regierung in einem Jahr zum Maßhalten, im nächsten zum Geldausgeben aufgefordert? Wie entwickelt sich langfristig die Produktionskapazität eines Landes und was bestimmt das wirtschaftliche Wachstum? Wieso gibt es reiche und arme Länder?Warumwerdenmanche Güter nur in einigen, andere dagegen in allen Ländern produziert? Welche Regeln bestimmen denWarenverkehr zwischen In- und Ausland?Wie vollziehen sich die Zahlungen imwirtschaftlichen Verkehr mit demAusland angesichts der Tatsache, daß es unterschiedliche Währungseinheiten und -systeme gibt? Dieser Katalog von Fragen recht unterschiedlichen Inhalts ließe sich leicht vergrößern. Es ist aber auch möglich, das Gemeinsame einiger Fragen hervorzuheben, so daß sich ihre Zahl reduzieren läßt. Der deutsche Nationalökonom WALTER EUCKEN (1891- 1950) hat angesichts des komplexen Wirtschaftsgeschehens die Grundfrage gestellt: Wie erfolgt die Lenkung dieses gewaltigen arbeitsteiligen Prozesses, von dem die Versorgung der Menschen mit Gütern, also die Existenz jedes einzel- 1. Volkswirtschaftslehre als Wissenschaft 5 Übers. 1-1: Fragestellungen und Gebiete der Volkswirtschaftslehre nen abhängt? Er löst diese umfassende Fragestellung in eine kleinere Zahl von Einzelfragen auf: Was, wofür, wann, wie und wo wird produziert? Diese Fragen lassen sich dahingehend präzisieren, daß sie zu Ausgangsfragen werden, die Teilgebiete der Wirtschaftstheorie kennzeichnen. Sie werden zweckmäßig wie folgt zusammengefaßt (Übers. 1-1). Der Aufbau des Buches entspricht dieser Systematik. Unterteilungen der Volkswirtschaftslehre und ihre Nachbarwissenschaften Innerhalb der Volkswirtschaftslehre gibt es einige Unterteilungen oder - nach einem engeren Verständnis des Faches - Abgrenzungen, von denen drei erwähnt seien. Eine erste Unterscheidung, auf die man im angelsächsischen, zunehmend auch im deutschen Schrifttum stößt, ist die nachmikroökonomischer und makroökonomischer Theorie (kurz : Mikroökonomie und Makroökonomie). Mit dieser Unterscheidung versucht man der Tatsache Rechnung zu tragen, daß es einzelwirtschaftliche (mikroökonomische) und gesamtwirtschaftliche (makroökonomische) Sachverhalte gibt, die eine entsprechende Betrachtungsweise erfordern. Mikroökonomische Sachverhalte sind das wirtschaftliche Geschehen in den Haushalten und Unternehmen, die Preisbildung und Verteilung (Theoriegebiete 1 bis 4), makroökonomische die Geldversorgung, der Wirtschaftskreislauf und seine Störungen sowie das Wachstum der Wirt- Fragestellungen Theoriegebiete 1. Warum und in welcherMenge werden bestimmte Güter nachgefragt? 2. Nach welchen Kriterien werden Güter erzeugt und wovon hängt die Wahl des Produktionsverfahrens ab? 3. In welchen Mengen werden Güter zu einem bestimmten Preis - oder zu welchem Preis bestimmte Mengen - verkauft und wovon hängt die Zusammensetzung der gesamtwirtschaftlichen Produktion ab? 4. Was bestimmt die Verteilung des Produktionsergebnisses auf die Anbieter produktiver Leistungen (Arbeit, Kapital, Boden)? 5. Welche Aufgaben kann das Geld übernehmen und welche Wirkungen gehen von ihm aus? 6. Welche Einflüsse gehen von der Staatstätigkeit aus? 7. Wodurch ist die Beschäftigung der Anbieter produktiver Leistungen bestimmt? 8. Welche Größen beeinflussen die gesamtwirtschaftlichen Aktivitäten? 9. Welches sind die Gründe und Bedingungen für das gesamtwirtschaftliche Wachstum? 10. Zu welchen Besonderheiten führt die Existenz autonomer Wirtschaftsräume und Währungseinheiten? Haushaltstheorie Unternehmenstheorie Preistheorie Verteilungstheorie Geldtheorie Finanztheorie Beschäftigungstheorie Konjunkturtheorie Wachstumstheorie Außenwirtschaftstheorie 6 Erster Teil. Grundlagen schaft als Ganzes (Theoriegebiete 5 bis 10). Die Trennung nach Mikro- und Makroökonomie ist nicht unproblematisch. Zahlreiche Tatbestände haben einzelund gesamtwirtschaftliche Aspekte (z. B. die Verteilungs- und die Außenwirtschaftstheorie), so daß sich eine Übernahme dieses rohen Klassifikationsmusters vor allem in der Forschung als unzweckmäßig erweisen kann. Eine zweite Unterteilung ist die nach Wirtschaftsgeschichte, Wirtschaftstheorie undWirtschaftspolitik (letzere besser: Theorie der Wirtschaftspolitik). Diese Unterscheidung geht von Grundfragen aus, die sich über die Wirtschaft stellen lassen. Erstens kann man die Entstehungsgeschichte erforschen: Was war? Antworten auf diese Frage gibt die Wirtschaftsgeschichte. Zweitens möchte man oft wissen: Was ist und weshalb ist es so? Diese Frage versucht die Wirtschaftstheorie zu klären. Drittens ist man an der Beantwortung der Frage interessiert: Was kann sein und wie lassen sich bestimmte Ziele erreichen? Das ist Gegenstand der Theorie derWirtschaftspolitik. Alle drei Grundfragen heben bestimmte Seiten der Wirtschaft hervor, die auch als historische Tatsachenbeschreibung, Modellbildung und Analyse von Handlungssystemen gegeneinander abgegrenzt werden können. Die Wirtschaftsgeschichte - als Teil der Geschichtswissenschaft - formuliert raum- und zeitbezogene (singuläre) Aussagen, die aus der Betrachtung vergangener Ereignisse hervorgehen und diese beschreiben. Informationen über historische Vorgänge sind für das Verständnis gegenwärtigen Geschehens nützlich. Diese Feststellung gilt auch für die Geschichte der Lehrmeinungen (Dogmengeschichte); ihr Objekt sind die wirtschaftswissenschaftlichen Ansichten und Erkenntnisse früherer Ökonomen. Da die Begründung wissenschaftlicher Auffassungen in Beziehung zu Raum und Zeit steht, existiert zwischen Wirtschafts- und Dogmengeschichte ein Zusammenhang: Oft haben Ansichten ihren Ursprung in aktuellen Anlässen und sind nur bei Kenntnis der historischen Ereignisse verständlich. Die Wirtschaftstheorie bildet Systeme nicht an Raum und Zeit gebundener (genereller) Aussagen, die man als Gesetze oder nomologische Hypothesen bezeichnet. Wie sie entstehen und zu begründen sind, wird noch erläutert. Grundsätzlich gilt jedoch, daß die Wirtschaftswissenschaft als Realwissenschaft ihre Erkenntnisse auf historischen Erfahrungen basieren läßt. Die Wirtschaftsgeschichte ist deshalb als eine der Grundlagen der Wirtschaftstheorie anzusehen. Allgemeine Volkswirtschaftslehre und Wirtschaftstheorie sind in diesem Buch synonym gebrauchte Bezeichnungen. Die Theorie der Wirtschaftspolitik, die Ziele und Mittel der Wirtschaftspolitik analysiert, unterscheidet sich von derWirtschaftstheorie nur in der Art der Fragestellung. Sie sucht nach denGestaltungsmöglichkeitenwirtschaftlichen Geschehens mit Hilfe der von der Wirtschaftstheorie formulierten Gesetzmäßigkeiten. Insofern steht sie in engem Zusammenhang mit der Wirtschaftstheorie. Viele Forscher sehen die Suche nach ökonomischenGestaltungsmöglichkeiten als entscheidendes Motiv für ihre wissenschaftliche Arbeit an. Wirtschaftsgeschichte und -theorie hätten danach für die Theorie der Wirtschaftspolitik eine instrumentale Funktion. Dieser Ansicht steht die Auffassung gegenüber, nach der die Verwertung wissenschaftlicher Ergebnisse als Forschungsmotiv von untergeordneter Bedeutung ist und von dem zweckfreien Erkenntnisstreben des Forschers überdeckt wird. Dem herrschenden Selbstver- 1. Volkswirtschaftslehre als Wissenschaft 7 ständnis der Wirtschaftswissenschaft, dem in diesem Buch gefolgt wird, entspricht jedoch eine instrumentale Funktion der in der Wirtschaftstheorie gewonnenen Erkenntnisse. Drittens wird aus der Übers. 1-1 deutlich, daß wissenschaftssystematisch gesehen die Finanzwissenschaft (Theoriegebiet 6) und die Betriebswirtschaftslehre (Theoriegebiete 2 und 3) Bestandteile der Volkswirtschaftslehre sind. Folgerichtig überdecken im angelsächsischen Bereich Volkswirtschaftslehre und Economics dieselben Gebiete. Im deutschen Sprachraum haben sich die Finanzwissenschaft teilweise, die Betriebswirtschaftslehre fast völlig als selbständige Disziplinen entwickelt, obwohl unbestritten die Finanz-, Unternehmensund Preistheorie zu den wesentlichen Teilen der Volkswirtschaftslehre gehören. Die Gründe für diese Wissenschaftsentwicklung sind historischer Art. Die traditionelle deutsche Finanzwissenschaft beschäftigte sich vorwiegend mit dem Staat in seiner Rolle als Fiskus. Seinen entsprechenden Ausdruck fand dieses staatswissenschaftliche Verständnis in institutionellen und philosophischen Erörterungen (z. B. über die Technik der Steuererhebung und die Rechtfertigung staatlicher Aktivitäten). Die Ausgestaltung derWirtschaftstheorie, vor allem der Makroökonomie, in den letzten Jahrzehnten und die "Ökonomisierung" der Finanzwissenschaft im angelsächsischen Sprachraum hat die Defekte dieser Betrachtungsweise offenkundig gemacht und - nunmehr auch im deutschen Sprachraum - zu einer Einbettung der Finanzwissenschaft in die Volkswirtschaftslehre geführt. Die traditionelle deutsche Betriebswirtschaftslehre hat sich außerhalb der Universitäten entwickelt, weil die Ausbildung in der Volkswirtschaftslehre den Bedarf an akademisch geschulten Kaufleuten in der Vergangenheit lange Zeit vernachlässigte. Die Volkswirtschaftslehre - bis zum Zweiten Weltkrieg im deutschsprachigen Raummit wenigen Ausnahmen (z. B. in derWiener Schule) ohnedies mehrwirtschaftshistorisch als wirtschaftstheoretisch und -politisch orientiert - nahm sich insbesondere der Unternehmens- und Marktprobleme nicht in einem Maße an, das angesichts der raschen industriellen Entwicklung erforderlich gewesenwäre. In der Zeit ab 1960 unternommene Versuche, auch im deutschen Sprachraum die Einheit der Wirtschaftswissenschaft herzustellen - erkennbar z. B. in der Ersetzung der seinerzeitigen Studienabschlüsse Diplom-Volkswirt und Diplom-Kaufmann durch Diplom-Ökonom -, haben bisher keinen durchschlagenden Erfolg gehabt. Nachbarwissenschaften der Volkswirtschaftslehre sind alle wissenschaftlichen Disziplinen, deren Erkenntnisobjekte in einem Zusammenhang mit dem der Volkswirtschaftslehre stehen. Dazu zählen insbesondere die Politikwissenschaft, die Sozialwissenschaft, die allgemeine Geschichtswissenschaft und die Rechtswissenschaft, aber auch spezielle Wissenschaftsgebiete, wie beispielsweise die Psychologie. Darüber hinaus sind die Hilfswissenschaften der Volkswirtschaftslehre zu erwähnen. Darunter werden solche Disziplinen verstanden, deren Denkweisen und Methoden jedem Nationalökonomen, der sein Fach beherrschen will, in einem gewissen Umfang geläufig sein müssen. Mit dieser engen Abgrenzung bleiben eine Reihe von Disziplinen, die für die Bewältigung bestimmter Aufgaben in Theorie und Praxis erwünscht oder notwendig sein 8 Erster Teil. Grundlagen können (z. B. Fremdsprachen), außer Betracht. Hilfswissenschaften der Volkswirtschaftslehre sind insbesondere die Mathematik, die Statistik und die Rechtswissenschaft, letztere in Abhebung von ihrem Charakter als Nachbarwissenschaft nur insoweit sie eine direkte Auswirkung auf das ökonomische Geschehen besitzt. Die Hilfswissenschaft Mathematik ist von fundamentaler Bedeutung für die Darstellung und die logisch deduktive Entwicklung wirtschaftswissenschaftlicher Theorien, wie noch zu verdeutlichen sein wird. Die Statistik, die in ihrem Kern ein Gebiet der Wahrscheinlichkeitstheorie ist, stellt Instrumente bereit, die eine Verarbeitung und Auswertung empirischer Daten ermöglichen. Überdies ist die empirische Prüfung von Hypothesen ein wesentliches Element wirtschaftswissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung. Aus beiden Gründen sind elementare Fertigkeitenmit statistischen Verfahren eine Voraussetzung für das Verständnis der modernen Volkswirtschaftslehre. Auf einem hohen Niveau, vor allem in der Forschung, ist der Volkswirt bei der gegenwärtigen, sich ausbreitenden wissenschaftlichen Arbeitsteilung auf die Zusammenarbeit mit Spezialisten angewiesen - eine Regel, die nicht nur für das Verhältnis von Ökonomen und Mathematikern gilt. Die zunehmende Zusammenarbeit von Ökonomen, Mathematikern und Statistikern hat dazu geführt, daß sich innerhalb derWirtschaftswissenschaften ein eigenes Spezialgebiet, die Ökonometrie, entwickelt hat. Die Rechtswissenschaft vermittelt die Kenntnisse, die für das Handeln - in der Sache und für das Verfahren - nach den jeweils geltenden Vorschriften verbindlich sind. Da die Wirtschaftswissenschaft sich mit Handlungen beschäftigt - wie dieÜbers. 1-1 verdeutlicht -, ist es wichtig zu wissen, ob bestimmte Aktionen rechtlich zulässig sind und verfolgt werden können. In der wirtschaftlichen Praxis genügt es häufig, daß der Ökonom die juristischen Probleme wirtschaftlicher Entscheidungen rechtzeitig erkennt. II. Werturteile und Methoden Werturteile und Wissenschaft Die Festlegung darüber, was Wissenschaft ist, läßt sich verschieden lösen. Dabei haben individuelle Überzeugungen ein großes Gewicht. Die Entscheidung für einen bestimmten Wissenschaftsbegriff ist deshalb Ausdruck der persönlichen Ansicht darüber, was Aufgabe der Wissenschaft sein soll. Persönliche Einstellungen - individuellen Geschmack -, ganz gleich worauf sie sich richten, bezeichnet man als Meinungen oderWerturteile. In Übereinstimmung mit der herrschenden methodologischen Auffassung soll einWissenschaftsbegriff verwendet werden, der es nicht in das persönliche Belieben des einzelnen stellt, ob einewissenschaftliche Aussage akzeptiert wird oder nicht. Das aber bedeutet, daßWertungen, über dieman verschiedener Ansicht sein kann, keine wissenschaftlichen Aussagen sind. Diese Abgrenzung desWissenschaftsbegriffs sei an einigen Beispielen erläutert: Ob Kauf und Konsum eines bestimmten Gutes - z. B. eines schnellen Sportwagens oder alten Whiskys - einen Luxus darstellt, darüber wird es verschiedene Meinungen geben. Der Ausdruck Luxus ist also ein wertbezogener und deshalb unwissen- 1. Volkswirtschaftslehre als Wissenschaft 9 schaftlicher Begriff, und die Begründung einer Luxussteuer kann sich nicht auf wissenschaftliche Aussagen stützen. Verschiedener Ansicht wird man auch darüber sein, ob ein Einkommen im Hinblick auf die erbrachte Leistung angemessen oder die Verteilung der Einkommen gerecht ist. Wer von gerechten Löhnen oder von ungerechter Einkommensverteilung spricht, bedient sich nach dem herrschenden Wissenschaftsverständnis einer unwissenschaftlichen Ausdrucksweise. Aus denselben Gründen ist eine so allgemein gehaltene und verschieden interpretierbare Aussage, wie: "Eine progressive Einkommensteuer ist besser als eine proportionale", ein Werturteil. Ein häufiger Gebrauch von Begriffen wie "gerecht", "fortschrittlich" oder "gut" - charakteristisch für politische Äußerungen - sollte nicht darüber hinwegtäuschen, daß sich dahinter die handfeste Absicht verbergen kann, bestimmteMeinungen gegenwiderstreitende durchzusetzen. Werturteile stehen zu wissenschaftlichen Aussagen in demselben Verhältnis wie meinen zu wissen. Sie haben die Form von imperativen (etwas soll sein) oder normativen (etwas ist gut oder schlecht) Aussagen. Wissenschaftliche Feststellungen sind dagegen Tatsachenaussagen (etwas ist so oder nicht so). DasMerkmal zur Unterscheidung vonWerturteilen undwissenschaftlichen Aussagen ist demnach die Möglichkeit der intersubjektiven Überprüfbarkeit und der Kritik. Die Aussage: "Das Wetter ist schön", stellt ein Werturteil dar, es sei denn, "schön" ist durch intersubjektiv überprüfbare Angaben (wie Temperatur, Luftfeuchte, Bewölkung) näher definiert und der Kritik zugänglich. Werturteile können nicht zur Erkenntnis der Wirklichkeit beitragen. Sie geben lediglich Informationen über die Ansicht, Stellungnahme oder Haltung einer Person zu einem Vorkommnis oder einer Verhaltensweise. Aussagen, die ein Wissen über die Wirklichkeit vermitteln, müssen dagegen unabhängig von unseren individuellen Ansichten und Bekenntnissen, also allgemeingültig sein. Soll unser Wissen von den realen Sachverhalten vergrößert werden, muß sich der Wissenschaftler in seinen wissenschaftlichen Äußerungen auf solche Aussagen beschränken, die das zu leisten vermögen. Das mag im Einzelfall schwierig sein. Sofern nur das Prinzip der Werturteilsfreiheit allgemein in der Wissenschaft anerkannt wird, besteht eine große Wahrscheinlichkeit, daß unwissenschaftliche Aussagen im Verlauf des Wissenschaftsprozesses durch gegenseitige Kritik und Antikritik eliminiert werden. Ließe man statt dessen Werturteile prinzipiell zu, entstünde ein unentwirrbares Gemisch von Aussagen, das weder der sachlichen Information noch der Klärung persönlicher Standpunkte nützt. Wird eine von Werturteilen freie Wirtschaftswissenschaft für unerwünscht gehalten, ist wissenschaftliche Erkenntnis der bestehenden wirtschaftlichen Zusammenhänge nur schwer möglich. Eine aus Werturteilen bestehende oder von ihnen durchsetzte "Wissenschaft" wäre geeignet, verschiedenen Zielen zu dienen. Sie könnte die Menschen stimulieren (was auch Romane und Märchen tun), zur Festigung von Herrschaftsverhältnissen oder zur Begründung einer Revolution dienen (wie politische Ideologien). Nur eine Erweiterung der Erkenntnis darf man von ihr nicht erwarten. Wer sich gegen eine in ihren AussagenwertfreieWissenschaft wendet, spricht ein Verdikt gegen die Ausweitung überprüfbarer Informationen aus. 10 Erster Teil. Grundlagen DieseWissenschaftsdefinition ist primär negativ bestimmt.Mit ihrwerden lediglich Werturteile in der Bedeutung von Meinungen ausgeschlossen. Positiv bleiben sämtliche Möglichkeiten offen, allgemeingültige Erkenntnisse zu gewinnen (Methodenpluralismus). Kriterium der Abgrenzung ist die intersubjektive Überprüfbarkeit, unabhängig davon, wie bestimmte Aussagensysteme bezeichnet werden. So gesehen hat es z. B. keinen Sinn, von einer bürgerlichen oder marxistischen Theorie zu sprechen, wenn damit mehr als eine Herkunftsbezeichnung gemeint ist (eine Theorie von KARL MARX oder von "bürgerlichen Ökonomen"). Aussagen sind wissenschaftlich oder unwissenschaftlich, gleichgültig von wem sie stammen. Anders als Werturteile schließt dieser Wissenschaftsbegriff Glauben grundsätzlich nicht aus, sofern mit Glauben "Fürwahrhalten" und mit Wissen im engeren Sinn "Erkenntnis aus Sinneserfahrung und Verstandeseinsicht" gemeint werden. Ein großer Teil unseres Wissens beruht darauf, daß wir anderen - den Vertrauenswürdigen oder "Autoritäten" - glauben. Die Entscheidung für eine in ihren Aussagen werturteilsfreie Wissenschaft bedeutet keineswegs, daß es eine in jeder Hinsicht wertfreie Wissenschaft gibt oder auch nur geben könnte. Erstens sei wiederholt, die Wahl des Wissenschaftsbegriffs selbst ist eine Wertung. Ob Aussagen der allgemeinen Wissensvermehrung dienen sollen, darüber kann man verschiedener Meinung sein, und tatsächlich hat es zu allen Zeiten Menschen gegeben, die der Wissenschaft eine andere Aufgabe gestellt haben. Zweitens ist nach aller Erfahrung die Zahl der zu lösenden Probleme größer als die Forschungskapazität. Eine Auswahl ist unvermeidlich (Selektionsproblem). In der Problemwahl werden sich die persönlichen Neigungen des Forschers niederschlagen. Vermutlich hegen die meisten Menschen die Hoffnung, daß Wissenschaftler Probleme aufgreifen, von deren Lösung für alle ein Nutzen ausgeht, und keine Erkenntnisse erarbeiten, aus denen allgemeiner Schaden erwächst. Da wissenschaftliche Ergebnisse in ihren Konsequenzen, ihre Verwertung meistens schwer abzuschätzen sind, ist diese Maxime, der sicherlich fast alle Wissenschaftler entsprechen möchten, nicht leicht zu befolgen. Drittens könnenWerturteile selbst Gegenstandwissenschaftlicher Aussagen sein. Die Behauptung: "Diese Einkommensverteilung ist ungerecht", ist ein Werturteil. Es kann jedoch wissenschaftlich untersucht werden, wieso die meistenMenschen dazu kommen, eine bestimmte Einkommensverteilung als ungerecht zu bezeichnen. Insbesondere ist die Entstehung oder Vereinbarkeit von Werturteilen in wissenschaftlichen Untersuchungen grundsätzlich klärbar. Die genannten drei Wertbezüge lassen jedoch die Forderung nach wertfreien Aussagen unberührt. Diese Forderung behindert den Forscher auch nicht, persönlich Stellung zu beziehen und Werturteile abzugeben. Nur kann er sich dann nicht auf die Wissenschaft berufen und deren Autorität in Anspruch nehmen. Eine besondere Schwierigkeit ergibt sich aus dem für wirtschaftliche Zusammenhänge typischen Ziel-Mittel-Verhältnis. Die Aussage: "Die Anbieter produktiver Leistungen (Arbeit, Boden, Kapital) sollen vollbeschäftigt sein", stellt - isoliert gesehen - einWerturteil dar. Ob Vollbeschäftigung herrschen soll, dar- über kann man verschiedener Meinung sein. Die weitaus meisten Menschen 1. Volkswirtschaftslehre als Wissenschaft 11 dürften Vollbeschäftigung als dringend erwünscht betrachten. Das ändert nichts an der Qualität der Aussage, die sich nicht nach irgendwelchenMehrheiten richtet. Dieselbe Aussage kann wissenschaftlicher Art sein. Soll die Wirtschaft im Rahmen der gegebenen Produktivkräfte möglichst stark wachsen wie immerWachstum definiert sein mag -, müssen die Anbieter vollbeschäftigt sein, sofern zwingend nachgewiesenwerden kann, daß dasWachstum bei Vollbeschäftigung größer ist als bei Unterbeschäftigung. Das wissenschaftlich nicht ableitbare Ziel hieße dann Wachstum; Vollbeschäftigung wäre ein wissenschaftlich begründbares Mittel zur Förderung des Wachstums. Ob der Einsatz eines Mittels bestimmte Wirkungen hat, ist ein der wissenschaftlichen Analyse zugängliches Problem und eine Aussage über die Adäquanz des Mitteleinsatzes zur Erreichung vorgegebener Ziele kein Werturteil im obigen Sinn. . Übers. 1-2: Werturteile und wissenschaftliche Aussagen In Grenzfällen lassen sich Werturteile und wissenschaftliche Aussagen nicht scharf trennen, weil viele Ausdrücke, die Eingang in den wirtschaftswissenschaftlichen Sprachgebrauch gefunden haben, in der Alltagssprache emotionell aufgeladen sind. Doch in der Regel dürfte eine klare Scheidung von Werturteilen und wissenschaftlichen Aussagen möglich sein und die hier getroffene Sprachregelung eine nützliche Hilfe bieten. Die Fähigkeit, Werturteile von wissenschaftlichen Aussagen zu unterscheiden, läßt sich durch sorgfältigen Sprachgebrauch erhöhen. Einige Beispiele sollen das Gesagte noch einmal verdeutlichen (Übers. 1-2). Sachverhalt Mögliches Werturteil Mögliche wissenschaftliche Aussage 1. Einige Bauarbeiter essen Kaviar zum Frühstück. 2. Unternehmer verdienen im Durchschnitt zehnmal soviel wie Arbeiter. 3. Die deutsche Landwirtschaft erhält jährlich 4 Mrd. Euro Subventionen. 4. Die Zahl der Unbeschäftigten - ausgedrückt in Prozenten der Arbeitswilligen (Arbeitslosenquote) - beträgt 10% im Jahresmittel. 5. Das gesamtwirtschaftliche Einkommen zu konstanten Preisen steigt um 3% pro Jahr. Der Verzehr von Kaviar ist ein Luxus für Bauarbeiter. Die Einkommensverteilung ist ungerecht. Die Subventionen sind zu hoch (oder zu gering). Eine Arbeitslosenquote von 10% ist unerwünscht. Das Wachstum ist angemessen. Die Kaviarnachfrage der Bauarbeiter wird aus Lohnerhöhungen bestritten. Die Einkommensverteilung ist ungleichmäßig. Die öffentliche Hilfe für die Landwirtschaft bindet etwa 100 000 Beschäftigte in der Landwirtschaft. Bei einer Arbeitslosenquote von 10% ist das Sozialprodukt kleiner als bei einer geringeren Arbeitslosigkeit. Das Wachstum reicht aus, die Pro-Kopf-Einkommen um 2% und den Staatsanteil um 6% zu erhöhen. 12 Erster Teil. Grundlagen Entstehung und Überprüfung von Theorien Die Ergebnisse wirtschaftswissenschaftlicher Forschung werden in Form von Theorien vorgelegt. Nach der negativen, Werturteile ausschließenden Wissenschaftsabgrenzung bleibt zu bestimmen, wie Theorien entstehen und ihre Geltung zu begründen ist. Zu diesem Fragenkomplex, der das Gebiet der Wissenschaftstheorie berührt, gibt es keine völlig unbestrittene, wohl aber eine herrschende Auffassung. Wird mit ihr Wirtschaftswissenschaft als Erfahrungsoder Realwissenschaft verstanden, läßt sich dasVorgehen bei der Bildung und Begründung von Theorien schematisch wie folgt darstellen: Die wissenschaftliche Arbeit beginnt mit der Beobachtung und Sammlung von Fakten. Zwischen auslösenden Faktoren (Ursachen) und bestimmten Folgen (Wirkungen) werden Beziehungen postuliert (Behauptungen oder Hypothesen); der sprachlichen Vereinfachung dienen begriffliche Festlegungen von Sachverhalten (Definitionen). Aus den Hypothesen werden durch logische Ableitung (Deduktion) Theorien gebildet (abgeleitete Hypothesen oder Konklusionen). Da die Ausgangshypothesen die abgeleiteten Hypothesen oder Konklusionen bereits mit einschließen, bezeichnet man sie summarisch auch als Implikationen. In einem Prüfverfahren wird festgestellt, ob die Hypothesen sich logisch halten lassen (Konsistenztest) undmit den Fakten nicht kollidieren (empirischer Test). Die Prüfungsfolgen sind: Überstehen Hypothesen diese Prüfung nicht, werden sie korrigiert oder dann aufgegeben, wenn sich eine alternative Hypothese als überlegen erweist; behaupten sich Hypothesen, gelten sie als vorläufig gültige Theorien, auf die bei wirtschaftspolitischen Entscheidungen zurückgegriffen werden kann. Die einzelnen Schritte seien kurz erläutert und mit einem Beispiel illustriert. Eine wissenschaftliche Untersuchung basiert häufig auf der Beobachtung und Sammlung von Fakten. Dabei kann es sich um historische Informationen und empirische Daten aus der Gegenwart handeln, welche wirtschaftliche Vorgänge und die Entwicklung ökonomischer Größen beschreiben. Der Wissenschaftler mag das gelegentlich absichtslos tun. Meistens wird jedoch die Faktenbeobachtung - wie die Wirtschafts- und die Dogmengeschichte zeigen von ungelösten Problemen bestimmt. Da Fakten nicht für sich sprechen, trifft der Forscher eine systematische Auswahl, bei der ihn bestimmte Fragen, Vermutungen oder vorgefaßte Hypothesen leiten. Angenommen, in einem Land steigen seit einigen Jahren die Preise. Gibt es dafür bisher keine Erklärung, wird der Wissenschaftler solche Fakten auswählen, von denen er annimmt, daß sie möglicherweise seine auch noch so vage Vermutung über die Ursache der Preissteigerung bestätigen. Bedeutende Forscher zeichnen sich dadurch aus, daß sie wichtige Fragen zur richtigen Zeit stellen. Wissenschaftliche Aussagen geben in der Regel eine Antwort auf die Frage nach den Ursachen von Ereignissen. Wird eine Folge von Ereignissen beobachtet, die unter denselben Bedingungen immer wieder eintreten, kann über die vermutete Beziehung zwischen dem Ereignis und dem auslösenden Faktor eine 1. Volkswirtschaftslehre als Wissenschaft 13 generelle Aussage gemacht werden. Diese Aussage wird Hypothese genannt. So kann der Forscher beobachtet haben, daß in vergleichbaren Situationen immer dann die Preise steigen, wenn einem Land anhaltend Devisen zufließen. Er wird dann die Hypothese aufstellen, daß die Ursache der Preissteigerungen der Devisenzufluß ist. Häufig läßt sich nur ein Wahrscheinlichkeitsgrad angeben, mit dem das Eintreten des Ereignisses erwartet werden kann. DurchDefinitionen wird festgelegt, wie die in der Untersuchung verwendeten Begriffe, z. B. Preisniveau und Devisenüberschuß, zu verstehen sind. Definitionen haben eine Sprachregelungsfunktion - weshalb sie wissenschaftlich von großem Nutzen sind -, informieren jedoch nicht über Sachverhalte; noch so zahlreiche Definitionen vergrößern unser Wissen nicht. Die Aussagen, aus denen weitere Hypothesen logisch abgeleitet werden können, nennt man Prämissen, die abgeleiteten (deduzierten) Hypothesen selbst Theorien (Konklusionen). Als Prämissen fungieren Definitionen und Hypothesen, bei denen zwischen Verhaltenshypothesen (Aussagen über Verhaltensweisen) und technischen Hypothesen (Aussagen über technisch-physikalische Zusammenhänge) unterschieden wird. Gleichgewichts-Bedingungen, die ein Verhalten im Gleichgewicht beschreiben, werden als Unterfall von Verhaltenshypothesen angesehen. Diese Unterscheidung der Prämissen tritt noch einmal bei Funktionen auf, weil sich viele Hypothesen als Funktionsgleichung formulieren lassen. Impliziert z. B. der Devisenzustrom eine Ausweitung der inländischen Geldmenge, wäre die Aussage, eine Geldmengenexpansion führe zur Preisniveauerhöhung, eine Konklusion. Je komplizierter die Prämissen sind, um so zahlreicher sind meist die Hypothesen, die sich ableiten lassen. Wenn Hypothesen in ein Ableitbarkeitsverhältnis gebracht werden, spricht man von einem Hypothesensystem. Sind hypothetische Aussagen gebildet worden, unterwirft man sie einem Prüfverfahren, um festzustellen, ob sie logisch richtig und empirisch wahr sind. Hypothetische Aussagenwerden zurückgewiesen, sofern logischeWidersprüche auftreten oder die Konklusionen nicht durch die Prämissen gedeckt sind; im letzten Fall läßt sich der Mangel oft durch Ergänzung, Ersatz oder Umformulierung der Prämissen beheben. Die Wahrheit einer Theorie wird an der Wirklichkeit gemessen (empirische Prüfung, empirischer Test). Eine Theorie, die sich empirisch immer wieder bewährt, kann dennoch nicht als definitiv wahr bezeichnet werden, weil die Möglichkeit einer zukünftigen Widerlegung durch Tatsachen nicht auszuschließen ist. Jede Theorie gilt deswegen nur als vorläufig bestätigt oder noch nicht widerlegt (falsifiziert). Dem Falsifizierungstest kommt besondere Bedeutung zu; denn für eine Theorie lassen sich angesichts der großen Fülle empirischer Fakten fast immer Bestätigungen finden (law of observation), die über die Widerlegung der Theorie durch andere Tatsachen hinwegtäuschen können. Der Umfang und die Sicherheit unseres Wissens wären deshalb ziemlich begrenzt, wenn man sich mit der Bestätigung von Theorien durch wenige empirische Beispiele begnügen würde. Unsere Kenntnis von der Realität wird vor allem dadurch gefördert, daß an die Stelle bisher unsicherer Theorien neue, empirisch hinreichend bestätigte Aussagensysteme treten. Dazu ist es nötig, die vorhandenen Theorien ständigen Fal- 14 Erster Teil. Grundlagen sifizierungsversuchen zu unterwerfen. Erweist sich im Testverfahren, daß unter den angegebenen Bedingungen die Aussage, eine Geldmengenausweitung führe zu einer bestimmten Preisniveauerhöhung, nicht zu widerlegen ist, kann sie als vorläufig gültige Theorie gelten; es entspräche den Anforderungen einer rational gestalteten Wirtschaftspolitik, wenn sie bei Entscheidungen berücksichtigt würde. Wird eine wissenschaftliche Aussage oder Theorie falsifiziert, gibt man sie entweder zugunsten einer überlegeneren auf oder ergänzt sie im Hinblick auf bekannt gewordene Tatsachen so, daß sie erneuten Falsifizierungsversuchen standhält. Entstehung und Überprüfung von Theorien werden in einem Schema noch einmal verdeutlicht (Übers. 1-3). Übers. 1-3: Entstehung und Überprüfung von Theorien 1. Informationsbasis 2. Prämissenaufstellung 3. Theoriebildung 4. Theorieprüfung 5. Prüfungsfolgen Beobachtung und Sammlung von Fakten Aufgabe der Theorie Verbesserung der Informationen Definitionen Hypothesen Verbesserung der Prämissen Entfaltung der Prämissen durch logische Ableitung (abgeleitete Hypothesen oder Konklusionen) Beseitigung der Ableitungsfehler Logische Prüfung der Ableitung Emprische Prüfung durch Konfrontation mit Fakten (Test) Logische Richtigkeit Logischer Mangel oder Keine Falsifizierung oder Zurückweisung Vorläufig gültige Theorie: Grundlage wirtschafspolitischer Entscheidungen Falsifizierung (Empirischer Mangel 1. Volkswirtschaftslehre als Wissenschaft 15 Diese methodologische Konzeption kann - wie die Erfahrung zeigt - trotz ihrer Einfachheit zuMißverständnissenAnlaß geben, wenn ihre Besonderheiten außer acht gelassen werden. Sie sei deswegen anhand eines Beispiels illustriert und zugleich in bestimmten Punkten genauer beschrieben. Nicht selten kommt es zu Verwechslungen von Definitionen und Ableitungsergebnissen, zumal wenn sie sich in der Schreibweise gleichen. Ein bekanntes Beispiel, das auch dogmengeschichtlich zu Konfusionen geführt hat, bildet die Aussage "Sparen ist gleich Investieren". Bezeichnet man das Volkseinkommen eines Landes mit , die Ausgaben für Investitionsgüter mit , die für Konsumgüter mit und die nicht verausgabten (gesparten) Einkommen mit kann man definieren: (1.1 a) (Definitions-Gleichung) (1.1 b) (Definitions-Gleichung). In (1.1 a) wird das Volkseinkommen unter demGesichtspunkt definiert, welche Ausgaben in einer Periode zur Entstehung des Volkseinkommens beitragen. (1.1 b) stellt auf die Frage ab, wie ein entstandenes Volkseinkommen aufgeteilt werden kann. Da in (1.1 a) und in (1.1 b) offenbar ein und dasselbe Volkseinkommen nur von verschiedenen Seiten aus betrachtet wird, gilt die Identität (1.2) (Identitäts-Gleichung). Aus den drei Gleichungen folgt als weitere Identität (1.3) (Identitäts-Gleichung). Gleichung (1.3) besagt, daß die Investitionsausgaben und Ersparnisse identisch, ihre Beträge also stets gleich groß sind. Damit ist weder eine Hypothese aufgestellt noch eine Theorie entwickelt worden. Die Identität (1.3) stellt lediglich eine Konklusion aus den Definitionen (1.1 a) und (1.1 b) dar. Man kommt nur dann zu einer Theorie, wenn mindestens eine Hypothese als Prämisse fungiert. Die Aussage "Sparen ist gleich Investieren" läßt sich noch in einer Weise ableiten, die zu keiner Identitätsgleichung, sondern zu einer Verhaltenshypothese führt. Dabei geht man von den Hypothesen aus, sei eine Funktion von und eine Funktion von und (Zinssatz): (1.4) (Verhaltens-Gleichung) (1.5) (Verhaltens-Gleichung). Ist man der Auffassung, daß es einen Mechanismus (Anpassungsprozeß) gibt, der die von den Haushalten in Abhängigkeit vom Volkseinkommen beabsichtigten Ersparnisse mit den von den Unternehmen in Abhängigkeit vom Zinssatz und vom Volkseinkommen beabsichtigten Investitionen gleich werden läßt, würde sich das in der Hypothese (1.6) (Verhaltens-Gleichung) ausdrücken lassen. In (1.6) gilt wie in (1.3), daß Sparen gleich Investieren ist. Doch während (1.3) eine stets erfüllte Identität darstellt, resultiert (1.6) aus fal- Y I C S Y1 C I+= Y2 C S+= Y1 Y2≡ I S≡ S Y I Y i S f Y( )= I g Y i( , )= I S= 16 Erster Teil. Grundlagen sifizierbaren Hypothesen. Um Mißverständnisse zu vermeiden, werden und in (1.1) bis (1.3) häufig mit der Bezeichnung "ex post" und in (1.4) bis (1.6) mit "ex ante" versehen. Damit soll zumAusdruck gebracht werden, daß hier eigentlich verschiedene Größen betrachtet werden, die streng unterschieden werden müssen, wenn es zu keinen Verwechslungen kommen soll. Im Schrifttum findet man vielfach den Ausdruck "Annahme". "Annahme" und "Prämisse" können Synonyme sein und bezeichnen dann sowohl Hypothesen als auch Definitionen. In denmeisten Fällen verstehtman jedoch unter einer Annahme eine Unterstellung von der Form: "Ich nehme einmal an, es sei etwas so oder so." Eine solche Aussage ist weder eine Hypothese noch eine Definition. Während Hypothesen Tatsachenbehauptungen mit dem Anspruch sind, empirisch wahr zu sein, abstrahieren Annahmen von der Wirklichkeit. Aussagensysteme, die auf Annahmen in dieser Wortbedeutung als Prämissen basieren, nennt man Modelle oder - etwas unpräzise - Modell-"Theorien". Der Unterschied zwischen Hypothesen und Annahmen läßt sich allerdings gedanklich klarer ziehen als bei der wissenschaftlichen Arbeit. Ein Forschermüßte stets mit empirischen Untersuchungen beginnen, bevor er eine Hypothese aufstellen könnte, die eine gewisse Chance hat, im empirischen Test zu bestehen. Man begnügt sich deshalb am Anfang der Theoriebildung häufig mit Hypothesen, die plausibel sind. Solche Hypothesen lassen sich tatsächlich nicht scharf von Annahmen unterscheiden, sofern diese nicht in offensichtlichem Gegensatz zur Realität stehen. Einige Nationalökonomen, wie MILTON FRIEDMAN, FRITZ MACHLUP und LIONEL ROBBINS, vertreten deshalb die Ansicht, daß die empirische Fundierung der Prämissen unbeachtlich sei, weil man theoretische Aussagen ohnehin dem Test unterwerfe. Dabei werde sich zeigen, was sie tatsächlich wert seien. Genausowenig, wie einerseits empirisch fundiert aussehende Verhaltenshypothesen ein Testverfahren nicht zu überstehen brauchten, könnten sich andererseits unwirklich scheinende Annahmen behaupten. Es habe deswegen kaum einen Sinn, schon vor dem Test die Betonung auf den empirischen Gehalt der Aussagen zu legen. Will man die Konklusionen bestimmter Prämissen entfalten, ist man oft gezwungen, Sachverhalte unberücksichtigt zu lassen, die in Wirklichkeit von Bedeutung sein können. Wer die auf Preisschwankungen zurückzuführenden Änderungen der nachgefragten Menge eines Gutes erklären möchte, eliminiert andere Einflußfaktoren, wie die Preise anderer Güter, die Einkommen der Haushalte oder deren Bedürfnisstruktur, indem er sie als gleichbleibend (ceteris paribus) unterstellt. Dadurch werden die empirisch beobachteten Bestimmungsgrößen gedanklich auf wenige oder eine einzige reduziert. Daraus lassen sich dann Konsequenzen logisch ableiten. Die Anwendung der ceteris paribus- Klausel ist angesichts der komplexenWirklichkeit unvermeidlich. Sie schränkt allerdings die Allgemeingültigkeit einer Aussage ein. Zur Kunst der Forschung gehört, jeweils die maßgeblichen Einflußfaktoren für die zu erklärenden Grö- ßen zu finden. Stets sollten jene Einflußgrößen, die man konstant zu halten wünscht, ausdrücklich genannt werden (spezifizierte ceteris paribus-Klausel). Die Bedeutung der Theorie liegt einerseits in ihrer Fähigkeit, die komplizierte Struktur der Realität zu erklären, indem sie generelle Aussagen über die Wirk- I S 1. Volkswirtschaftslehre als Wissenschaft 17 lichkeit und damit über die Ursachen der realen Sachverhalte macht (Information). Andererseits erlaubt sie Aussagen darüber, was unter bestimmten Bedingungen eintreten wird (Vorhersage und Prognose). Vorhersage und Prognose werden nicht als Synonyme angesehen. Nach der hier vertretenen Auffassung können Hypothesen, die aus einem System genereller Aussagen deduziert sind, als Vorhersagen bezeichnet werden. Sie sagen aus, was unter allgemeinen Bedingungen zu erwarten ist. Die Vorhersage ist nichts weiter als eine aus bestimmten Prämissen abgeleitete Hypothese, also eine generelle Aussage. Unter Prognose wird dagegen eine singuläre Aussage verstanden, die ein ganz bestimmtes Ereignis voraussagt, z. B. eine Preisniveausteigerung in der Bundesrepublik für 2011 in Höhe von 2%. Prognosen werden ebenso wie Vorhersagen durch Deduktion aus Prämissen gewonnen. Während jedoch die Prämissen im Fall der Ableitung von Vorhersagen nur Hypothesen und Definitionen enthalten, treten bei den Prognosen noch singuläre Aussagen hinzu, die eine bestimmte Ausgangslage, für die die Theorie angewendet werden soll, beschreiben. So müßten etwa zur Ableitung der obigen Prognose die Prämissen um singuläre Aussagen folgender Art erweitert werden: "In der Bundesrepublik stiegen im Jahre 2011 die Löhne durchschnittlich umnominal 3%. Die Geldmenge nahm um 5% zu. Das Defizit der Leistungsbilanz betrug 8 Mrd. Euro." Sind die Prämissen insoweit ergänzt, läßt sich daraus die genannte Prognose deduzieren, sofern ein entsprechendes Hypothesensystem zur Verfügung steht. Die Möglichkeit, solche exakten Prognosen aus Prämissen abzuleiten, ist jedoch in der Volkswirtschaftslehre bisher selten gegeben. Die Ursache dürfte vor allen Dingen im Stand unserer Theoriebildung zu suchen sein, denn noch zu viele Aussagensysteme basieren mehr auf abstrakten Annahmen als auf empirisch wahren Hypothesen. "Positiven" Aussagenwerden gelegentlich sogenannte "normative" Aussagen gegenübergestellt. Diese Unterscheidung kann sich mit der von wissenschaftlichen Aussagen undWerturteilen decken. Der Ausdruck "normative Aussagen" wird indessen auch instrumental interpretiert; man spricht dann im Anschluß an MAX WEBER auch von "teleologischen Werturteilen". Sie geben die Bedingungen an, unter denen ein bestimmtes Ziel erreicht werden kann und sind Antworten auf Fragen folgender Art:Welche Verhaltensweise führt unter gegebenen Umständen zumaximalemGewinn? Unter welchen Bedingungen ist das Wirtschaftswachstum am größten?Wie kann das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage im Zeitablauf erhalten werden? Die Prüfung der logischen Struktur solcher Aussagen zeigt, daß sie mit den bereits diskutierten Werturteilen nichts gemein haben. Die Theorie der Wirtschaftspolitik bedient sich grundsätzlich teleologischer Werturteile, wenn sie wirtschaftspolitische Empfehlungen gibt. Sie spricht dann z. B. davon, daß das Geldmengenwachstum und die staatliche Nettoverschuldung drastisch reduziert werden müsse, um die Preisniveausteigerungsrate innerhalb eines Jahres auf höchstens 2% zu senken: Der Wert solcher Empfehlungen hängt entscheidend davon ab, inwieweit die Beurteilung historischer und künftiger Fakten realitätsbezogen ist. Für zahlreiche Fälle reicht es aus, die Richtung und ungefähre Größe derMittelwirkung zu prognostizieren. Im sozialwissenschaftlichen 18 Erster Teil. Grundlagen Erkenntnisbereich dürfen übertriebene Ansprüche an die Exaktheit ohnehin nicht gestellt werden. Zu den wirtschaftspolitischen Empfehlungen zählt man mitunter auch Aussagen, die gar nicht theoretisch fundiert sind, sondern nur Ableitungen aus Definitionen darstellen. Es dürfte klar sein, daß solche Aussagen wirtschaftspolitisch wertlos sind. Die aufgezeigte Konzeption für die Gewinnung von Erkenntnissen geht in ihrem Kern auf eine lange Wissenschaftstradition zurück. Methodenfragen sollten, wie Probleme der Wissenschaftsabgrenzung, nach Zweckmäßigkeitserwägungen entschieden werden. Mit der vorgeschlagenen Verfahrensweise, die auf allgemein akzeptierbare Einsichten abstellt,werden Neigung, Intuition und Phantasie des einzelnen Forschers nicht ausgeschaltet. Sie haben ihren Platz und eine nicht zu unterschätzende Bedeutung bei der Auswahl der zu untersuchenden Probleme und der sich daran anschließenden Fragestellung, bei der Entdeckung und Verbesserung von Hypothesen, Theorien und Theorientests sowie bei der Wahl von Darstellungsformen wissenschaftlicher Ergebnisse. Sicher sind die eben skizzierten methodologischen Anforderungen an die wirtschaftswissenschaftliche Theoriebildung strenger als nach anderen Konzeptionen. Den meisten Lehrbüchern zur "Allgemeinen Volkswirtschaftslehre" (Wirtschaftstheorie) kannman unbeschadet ihrer Titel und Texte nicht ansehen, ob und inwieweit es sich um Darstellungen von Modellen, ungeprüften oder geprüften Theorien handelt. Häufig wird noch als Theorie bezeichnet, was tatsächlich Modellcharakter hat. Die Entwicklung von Modellen stand jedenfalls bisher im Vordergrund der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung. Eine rigorose Anwendung der hier vertretenen methodologischen Konzeption hat zur raschen Entwicklung insbesondere der Naturwissenschaft, in der sie als selbstverständlich gilt, entscheidend beigetragen. Bei allen Problemen, denen auch die Naturwissenschaft und andere Disziplinen gegenüberstehen, treten in der Nationalökonomie spezifische Schwierigkeiten auf. Der Ökonom sieht sich zahlreichen, häufig unkontrollierbaren Einflußgrößen gegenüber. Sein Untersuchungsobjekt bilden die wirtschaftlichen Verhaltensweisen einer Vielzahl von Entscheidungsträgern mit äußerst komplexen Beziehungen untereinander. Außerdem sind in der Praxis nur bedingt Experimentemöglich. Zwar ist auch der Astronom außerstande zu experimentieren; der Meteorologe beherrscht nicht alle Einflußgrößen seines Untersuchungsobjekts; und der Psychologe befaßt sich wie der Ökonom mit Willensbildungsprozessen. Die Schwierigkeiten der Wirtschaftswissenschaft liegen aber in der Kumulation spezifischer Probleme anderer Disziplinen. Hinzu kommt, daß im Testverfahren die Interpretation des empirischen Materials angesichts der komplexen Realität alles andere als eindeutig ist. Selten dürfte von der Statistik her der Beweis für nur eine der konkurrierenden Hypothesen möglich sein. Fakten sprechen selten nur mit einer Stimme. Testverfahren sind meist ein schwieriges Unterfangen, in dem sich Fehler bei der Interpretation von Ergebnissen allein bei größter Behutsamkeit vermeiden lassen. In einem Lehrbuch kann nur vom gegenwärtigen Bestand an Modellen und Theorien ausgegangen werden. Das schmale Fundament überprüfter und bestätigter Theorien ist leicht zu übersehen. Für die Zukunft der Volkswirt- 1. Volkswirtschaftslehre als Wissenschaft 19 schaftslehre dürfte entscheidend sein, ob und inwieweit die Phase der Modellkonstruktion durch eine der Theoriebildung und -prüfung abgelöst wird. Diese dringend erforderliche Entwicklung des Faches kann allein die weitere Forschung bringen. In diesem Lehrbuch soll schon der Anfänger den Blick für die Notwendigkeit einer methodologischen Neubesinnung gewinnen. Dabei ist es beim gegenwärtigen Stand volkswirtschaftlicher Erkenntnis durchaus möglich, auf Ansätze hinzuweisen, wie Theorien entstehen, aussehen und überprüft werden können. 2. Kapitel: Ausgangstatsachen der Wirtschaft I. Knappheit und Wahlhandlung Warum muß man wirtschaften? Bedürfnisse und Güter - Entstehung von Bedürfnissen - Güterknappheit - Freie und wirtschaftliche Güter - Güterknappheit, wennWünscheMittel übersteigen - Gesellschaft im Überfluß? Grundsätze des Wirtschaftens Wahlentscheidungen und opportunity cost - Produktionsmöglichkeitenkurve - Ökonomisches Prinzip K 2-1: Principal-Agent-Theorie II. Quellen der Produktion und des Wohlstands Produktionsfaktoren Gütererstellung Prozeß der Faktorkombination - Arbeit, Boden undKapital - Menge und Qualität der Faktorleistungen Arbeitsteilung Erklärungsansatz - Wirkungen - Ausmaß - Nachteile III. Tausch und Kreislauf Naturaltausch- und Geldwirtschaft Interdependenz - Naturaltausch - Geld als generelles Tauschgut - Geldfunktionen - Risiken des Geldes K 2-2: Moderner Naturaltausch Kreislauf Haushalte und Unternehmen - Geldkreislauf - Unternehmen als Stätten ausgegliederter Haushaltsproduktion - Produktionsauffächerung - Güter- und Geldstromgleichungen I. Knappheit und Wahlhandlung Warum muß man wirtschaften? Jeder Mensch hat Wünsche, die mit dem Streben einhergehen, sie zu befriedigen. Solche Empfindungen der Menschen nennt man Bedürfnisse. Sie sind das ist der praktisch wichtigste Fall - Empfindungen des Mangels. Mittel der Bedürfnisbefriedigung können körperliche Gegenstände sein, die man Waren, Produkte, Sachgüter oder Güter (i. e. S.) nennt, sowie Produktionsakte, die als Dienstleistungen bezeichnet werden. Waren und Dienstleistungen faßt man unter dem Oberbegriff Güter (i. w. S.) zusammen. Die Eigenschaft des Gutes im ökonomischen Wortsinn - haftet körperlichen Gegenständen und Dienstleistungen nicht von Natur aus an. Güter werden sie erst, wenn Menschen sie nachfragen, um damit Bedürfnisse zu befriedigen. Die vom Güterkonsum ausgehende Befriedigung wird als Nutzenstiftung (oft nur: Nutzen) bezeichnet. Die Ursache der Entstehung von Bedürfnissen ist eine Frage, die weitgehend außerhalb des Gebiets der Wirtschaftswissenschaft liegt. Bei ihrer Analyse ist auf die Psychologie, Soziologie und verwandte Fächer zurückzugreifen. In der Wirtschaftswissenschaft wird meistens davon ausgegangen, daß Bedürfnisse aus welchen Gründen auch immer - vorhanden sind oder sein können. Dabei ist es jedoch oft zweckmäßig, nach Arten oder Dringlichkeiten der Bedürfnisse zu unterscheiden. Will der Mensch seine Existenz erhalten, ist er offensichtlich genötigt, in jedem Fall bestimmte Bedürfnisse - vor allem der Nahrung, Kleidung undWohnung - zu befriedigen. Daneben gibt es auch weniger dringliche Bedürfnisse, denen besonderes Gewicht im Konjunkturverlauf zukommt. Sind Menschen in Zeiten des Konjunkturrückgangs zu Einsparungen gezwungen, werden sie zuerst auf Güter verzichten, die sie leicht entbehren können. Ist andererseits die Wirtschaftslage günstig, dürften Branchen besonders profitieren, die nicht unbedingt benötigte Güter produzieren. Großen Erfolgschancen der Unternehmer steht deshalb häufig ein beträchtliches Risiko gegenüber - eine Konsequenz konjunkturabhängiger Ausgabeneigungen der Verbraucher. Wenn alle Güter unbeschränkt zur Verfügung stünden, also die Verhältnisse eines Schlaraffenlandes herrschten, brauchte man sich nicht mit Wirtschaftsfragen zu befassen. In der wirklichen Welt besteht jedoch Güterknappheit. Knappheit ist relativ. Sie bedeutet nicht absolute Seltenheit (wie die von Uran), sondern eine anhaltende Differenz zwischen der Menge von Gütern, die man zur Befriedigung von Bedürfnissen wünscht, und derjenigen, die vorhanden oder erreichbar ist. Güterknappheit ist Ausdruck einer Spannung zwischen Bedürfnissen und Gütern. Dieser fundamentale Begriff wird nicht selten mißverstanden. Nicht alle Güter sind knapp. Wenn sich der Vorrat an Gütern nicht erschöpft und für ihre Gewinnung keinerlei Anstrengungen erforderlich sind (wie in der Regel für die Inanspruchnahme der Luft), kann von Knappheit keine Rede sein. In diesem Fall handelt es sich um freie Güter. Ihre Zahl ist offenbar nicht sehr groß. Ob ein Gut frei, das heißt im Verhältnis zu den Bedürfnissen reichlich vorhanden ist und deshalb nicht "bewirtschaftet" zu werden braucht, ist eine Tatsachenfrage, die an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten unter- 24 Erster Teil. Grundlagen schiedlich beantwortet werden kann. Luft ist für den Bergmann unter Tage kein freies Gut, weil für die Bereitstellung der Luft Aufwendungen gemacht werden müssen. Wasser, das man in der ländlichen Gegend vielleicht noch der Natur entnehmen kann, ist in der Stadt kein freies Gut. Güter, die nicht frei sind, nennt manwirtschaftliche Güter. Nur die Tatsache, daß die Bereitstellung von Gütern Kosten verursacht, zwingt uns zur Bewirtschaftung, das heißt zu wirtschaftlichem Handeln. Deshalb kann man auch sagen, die Wirtschaftswissenschaft beschäftigt sich mit Dingen, die Kosten verursachen, die einen Preis haben. Die Begriffe Kosten und Preis sindweit zu fassen. Ein einzelner braucht für die Nutzung eines Gutes oft nichts zu zahlen; dennoch können beträchtliche Kosten entstehen, wie bei der vermeintlich "kostenlosen" Inanspruchnahme der Universität. Bei wirtschaftlichen Gütern gibt es unter Umständen einen privaten, niemals jedoch - ex definitione - einen gesamtwirtschaftlichen "Nulltarif". Für das Vorliegen der Güterknappheit ist es nicht erforderlich, daß die Bedürfnisse der Menschen unendlich groß, gleichsam unersättlich sind. Es genügt, wenn ihre Wünsche generell die verfügbaren Mittel übersteigen. Diese Feststellung schließt weder aus, daß trotz steigender Kaufkraft (= Entwicklung der Einkommen im Verhältnis zu der der Güterpreise) einige Güter nicht vermehrt nachgefragt werden (partielle Sättigung), noch, daß Güter nicht in dem Umfang Käufer finden, wie es sich die Anbieter vorgestellt haben (partielle Überproduktion). Der Test der Hypothese, nach der die Menge der begehrten Güter die der verfügbaren übersteigt, kann zwar nicht in der Form eines naturwissenschaftlichen Experiments erfolgen. Aber es spricht manches dafür, in der Wirtschaftswissenschaft die generelle Knappheit als fundamentalen Sachverhalt anzusehen. Eine Befragung aller Konsumenten hinsichtlich ihrer Wünsche würde sicherlich zum Ergebnis führen, daß die Bedürfnisse weit über das vorhandene Angebot an Gütern hinausgehen. Auch spezielle Einkommens- und Preissituationen können diese Feststellung nicht einschränken, da nach empirisch bisher nicht widerlegter Hypothese die Wünsche der Menschen mit steigendemWohlstand keineswegs geringer werden. Man kann sich in der Realität - weltweit noch weniger als in wirtschaftlich hochentwickelten Ländern - keinen Zustand vorstellen, in dem die Knappheit generell verschwindet. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde von einigen Sozialkritikern, wie JOHN KENNETH GALBRAITH und VANCE OAKLEY PACKARD, behauptet, die Gesellschaft einiger Länder - wie die der Vereinigten Staaten - lebe bereits im Überfluß und allenthalben herrsche große Verschwendung. Hunderte Millionen Menschen auf der Welt vegetierten in bitterer Armut und die öffentlichen Aufgaben in reichen Ländern kämen zu kurz, weil zu viele, oft unnütze Dinge dem privaten Konsum zugeführt würden. Häufiger Modewechsel, suggestive Werbung und raffinierte Absatzmethoden nötigten demVerbraucher Dinge auf, die er sonst nicht kaufen würde. Wie immer man die Verdienste dieser Kritik und die Richtigkeit der Behauptungen einschätzen mag: Die meisten aufgeworfenen Fragen entziehen sich einer wissenschaftlichen Betrachtung. Es kann nach begründetem Wissenschaftsverständnis (1. Kap.) keine wissenschaftliche Aussage darüber gemacht werden, ob die Nachfrage nach bestimmten Gütern einen Luxus darstellt, überflüssig oder unberechtigt ist. Diese Sozialkritik basiert 2. Ausgangstatsachen der Wirtschaft 25 auf einem Werturteil darüber, was der Verbraucher tun und was man ihm zukommen lassen sollte. Die Wirtschaftswissenschaft beschäftigt sich mit Bedürfnissen, so wie sie sind, nicht wie sie sein sollten. Ob und inwieweit Bedürfnisse geweckt oder gar "produziert" und in eine bestimmte Richtung gelenkt werden können, läßt sich schwer sagen, da es kaum empirisch erhärtete Theorien zu diesem Problem gibt. Der englische Nationalökonom ALFRED MARSHALL hat schon vor über 100 Jahren darauf aufmerksam gemacht, daß die Bedürfnisse oft mehr das Ergebnis als die Ursache ökonomischer Aktivität seien. Bedürfnisse werden - wie erwähnt - in der herrschenden Theorie als vorgegeben, als ein Datum behandelt. Tatsächlich verdienten die Wechselbeziehungen zwischen Bedürfnissen, Kaufkraft, Sozialmechanismen und unternehmerischen Aktivitäten verstärkte Beachtung. Die Einkommensverteilung könnte z. B. national und international sicherlich anders als gegenwärtig erfolgen. Doch schon die bloße Forderung einer Umverteilung, auch wenn noch so viele Menschen sie für berechtigt halten, liegt außerhalb wissenschaftlicher Aussagemöglichkeiten. Was die Sozialkritiker in dieser Hinsicht bemängeln, ist die Verteilung der Kaufkraft und der daraus resultierenden Nachfrage, also keine Frage der Knappheit an sich - es sei denn, die von ihnen kritisierten Methoden der Weckung von Bedürfnissen seien notwendig, um in reichen Ländern generelle Güterknappheit zu erhalten. Das kann man sich jedoch kaum vorstellen. Ist z. B. der Wunsch, räumlich mobil zu sein, durch das Automobil "erzeugt" worden oder war er schon vorher da? Und bringt die Befriedigung von Bedürfnissen nicht zugleich neue Wünsche hervor? Manches spricht dafür, daß sich nicht so sehr die Wünsche selbst, sondern vielmehr die Art ihrer Befriedigung im Laufe der Zeit gewandelt hat. Die Existenz des Knappheitsproblems ist eine Frage, die nach unterschiedlicher Knappheit wirtschaftlicher Güter eine andere. Beide Fragen müssen scharf getrennt werden. Es bleibt festzuhalten, daß von einem ständigen Defizit an Gütern imVergleich zu den vorhandenen Bedürfnissen auszugehen ist, auch wenn die Dringlichkeit existentiell notwendiger Bedürfnisse innerhalb eines Landes und international stark divergiert. Grundsätze des Wirtschaftens Wirtschaften heißt, nach bestimmten Kriterien Wahlentscheidungen treffen. Der wirtschaftende Mensch kann im allgemeinen nicht alle Bedürfnisse befriedigen, sondern muß zwischen Alternativen wählen. Da seine Mittel begrenzt sind, verzichtet er mit der Entscheidung für die Befriedigung eines Bedürfnisses durch ein Gut also auf die Befriedigung eines Bedürfnisses durch ein Gut . Wer wirtschaftet, muß entscheiden, worauf er verzichtet. Ein unbemittelter Student, der zu einem bestimmten Zeitpunkt über 30 Euro verfügt und das Bedürfnis nach einem bestimmten Buch und nach einem opulenten Essen hat - beides soll z. B. 30 Euro kosten -, kann sich nur für eines von beiden entscheiden. Wählt er das Buch, muß er auf das Essen verzichten (oder umgekehrt). Das Buch kostet ihn das Essen. Diesen Verzicht, genauer: den Nutzenentgang, nenntman opportunity cost oder Opportunitätskosten (eine passende Übersetzung gibt es nicht). Würde das Buch 90 Euro kosten, wären die opportunity cost 3 Mahlzeiten. Ein Reicher steht prinzipiell vor dem gleichen Pro- X A Y B 26 Erster Teil. Grundlagen blem. Er wird überlegen, wie er zehn Million Euro, die nur für ein Gut seiner Wünsche reicht, verwenden soll, z. B. für den Kauf einer Luxusvilla oder eines Rembrandtgemäldes. Entscheidet er sich für das Rembrandtgemälde, kostet ihn dieses die Luxusvilla. Wahlentscheidungen können zur Folge haben, daß man auf ein Gut völlig verzichtet - wie in beiden Beispielen - oder nur teilweise. Die Konzeption der opportunity cost gilt nicht nur für Individuen, sondern auch für Volkswirtschaften. Sind alle Produktionsmittel vollbeschäftigt, so daß die Gesamtproduktion kurzfristig nicht gesteigert werden kann, muß eine Entscheidung zwischen den zu produzierenden Gütern getroffen werden. Beschränkt man sich auf zwei Güter oder Gütergruppen ("Warenkörbe"), läßt sich das Entscheidungsproblem graphisch erläutern. Angenommen, es sei eine gesamtwirtschaftliche Entscheidung zwischen Gütern des privaten Konsums und der Verteidigung zu treffen, so sind bei alternativer Verwendungsmöglichkeit des gegebenen Produktionsapparates unterschiedliche Mengenkombinationen denkbar (Fig. 2-1). Fig. 2-1: Produktionsmöglichkeitenkurve Entscheidet man sich für die Mengenkombination statt , kostet der Mengenzuwachs der Verteidigungsgüter den Verlust der Konsumgüter . Man kann zur gleichen Zeit - bei Vollbeschäftigung aller Produktivkräfte - nicht die Konsumgütermenge in und die Verteidigungsgütermenge in haben. Alle Mengenkombinationen auf der Kurve oder unterhalb - wie - sind möglich, alle jenseits der Kurve - wie - unter den gegebenen Umständen unmöglich. Deshalb wird die Verbindung solcher Punkte, die äu- ßerstenfalls möglich sind, als Produktionsmöglichkeitenkurve (auch: Transformationskurve) bezeichnet. Liegt die tatsächliche Produktion unterhalb dieser Kurve ( ), sind nicht sämtliche Produktionsmöglichkeiten genutzt. Das kann daran liegen, daß Produktivkräfte brachliegen, ein Problem, das Gegenstand der Konjunktur- und Beschäftigungstheorie ist (Minderauslastung). Oder es werden die Anbieter produktiver Leistungen nicht so beschäftigt, wie es beim gegebenen Stand desWissens möglich wäre; dieses Problem steht im Zentrum der Preis- und Allokationstheorie (Ineffizienz). Punkt D ist kurzfristig bei B b c( , ) A a d( , ) b a– d c– A B C D C 2. Ausgangstatsachen der Wirtschaft 27 gegebenem Stand des technischen Wissens und gegebener Faktorausstattung zwar unerreichbar; doch wenn langfristig technisches Wissen und Faktorausstattung wachsen, wird sich die durch und laufende Kurve insgesamt nach rechts verschieben. Die damit zusammenhängenden Fragen versucht die Wachstumstheorie zu klären. Fig. 2-1 veranschaulicht nicht nur Beispiele aus dem Bereich der Produktion. Faßt man die Zeit als wirtschaftliches Gut auf, kann dieselbe Darstellung benutzt werden, um Entscheidungsprobleme zu illustrieren, die bei der Wahl zwischen Freizeit und Arbeitszeit entstehen. Mit der Transformationskurve lassen sich generell Probleme verdeutlichen, die sich bei der Aufteilung von knappen Mitteln auf verschiedene Bedürfnisse, bei der Auslastung und Effizienz produktiver Faktoren und beim Wirtschaftswachstum stellen. Fraglich ist nur, welchen Verlauf die Kurve hat, also wieviele Einheiten aufgegebenwerdenmüssen, wenn dieMenge des alternativen Gutes um eine Einheit steigen soll (marginale Transformationsrate). In Fig. 2-1 nimmt mit der um jeweils eine Einheit wachsendenMenge des vermehrt gewünschten Gutes die dafür aufzugebende Menge des anderen Gutes zu (zunehmende Grenzrate der Transformation oder "Gesetz steigender Opportunitätskosten"). Darin kommt das Gesetz vom abnehmenden Grenzertrag (Ertragsgesetz) zum Ausdruck, auf das später eingegangen wird. Die Transformationskurve impliziert Entscheidungsfreiheit bei der Wahl der produktionstechnisch bestimmten Mengenkombinationen. Wird dabei so verfahren, daß die Erreichung vorgegebener Ziele (Zielrestriktion) mit minimalem Mitteleinsatz erfolgt (Optimierung der Mittel), so entspricht der Handelnde dem Modell des homo oeconomicus und das Handeln dem ökonomischen Prinzip. Entscheidungen nach diesem Prinzip seien als rational definiert. Die Ziel-Mittel-Festlegung und das zu lösende Problem lassen sich umkehren. Rational handelt auch, wer mit gegebenen Mitteln (Mittelrestriktion) seine Ziele bestmöglich erreicht (Optimierung der Ziele). Diese beiden Aspekte des ökonomischen Prinzips gelten individuell und gesamtwirtschaftlich, bei Verbrauchern und Produzenten. Rational handelnwürde z. B. bedeuten, unter verschiedenen Produktionsmethoden zur Herstellung eines bestimmten Autos jene zu wählen, bei der die Stückkosten am geringsten sind. Komplizierter sind die Fälle individueller Rationalität bei der Bedürfnisbefriedigung. Warum trinkt ein Durstiger nicht nur Wasser, sondern Bier? Am kostengünstigsten wäre der Wasserkonsum; Biertrinkenwäre "irrational", wenn es nur um denDurst ginge. Tatsächlich hat der Biertrinker nicht bloß Durst, sondern auch das Bedürfnis nach geschmacklichem Genuß. Sieht man Bier als ein Genußmittel an, kann es dennoch rational sein, gerade dieses Getränk gegen den Durst zu wählen. Für viele andere Güter gilt Ähnliches. Ein Auto wird häufig nicht nur als Beförderungsmittel angesehen, eine Universität nicht nur als Ausbildungs- und Forschungseinrichtung. Solange es keinen objektivierten Maßstab der Bedürfnisbefriedigung gibt, handelt es sich beim ökonomischen Prinzip als Aussage zum Konsumentenverhalten um eine gegen Falsifizierungsversuche immuneHypothese (Leerformel). In der Modellanalyse wird als Verhaltensannahme in der Regel ein Handeln nach dem ökonomischen Prinzip unterstellt und dahingehend präzisiert, daß die Produzenten denGewinn, die Verbraucher denNutzen A B 28 Erster Teil. Grundlagen maximieren. Einige andere Verhaltensmuster, die mitunter als Argument gegen die Annahme des Handelns der Produzenten nach dem ökonomischen Prinzip vorgetragenwerden, sind tatsächlichmit diesem vereinbar.Wer als Unternehmer einen größeren oder konstanten Marktanteil anstrebt, braucht ebensowenig gegen das ökonomische Prinzip zu verstoßen wie jemand, der sein Ansehen steigern möchte. Man hat über die Vorstellung des homo oeconomicus viel gespottet. Das ihm zugrundeliegende Prinzip ist jedoch eine sinnvolle Richtschnur des Handelns. Für viele Menschen ist der Erwerb von Gütern mit Arbeitsmühe verbunden. Soweit sie Arbeitsmühe gegen das erlangte Einkommen oder die dafür erhältlichen Güter abwägen, verhalten sie sich nach dem ökonomischen Prinzip. K 2 -1 Principal-Agent-Theorie Technische und wirtschaftspolitische Einflüsse haben in allen Ländern zu Großunternehmen geführt, die in zahlreichen Wirtschaftsbranchen entweder dominieren oder erhebliche Marktanteile besitzen. Eigentümer solcher Großunternehmen sind in der Regel nicht einzelne oder wenige Personen, sondern Tausende von Aktionären. Anders ließe sich das erforderliche Kapital nicht aufbringen. Die vielen Aktionäre können das Unternehmen nicht selbst leiten. International hat sich als übliches Verfahren herausgebildet, daß die Aktionäre einen Aufsichtsrat (oder Board of Directors) wählen, der Manager für die Unternehmensführung einstellt. Die Aktionäre sind die Arbeitgeber (principals), die Manager (agents) für sich handeln lassen. Das Eigentum am Unternehmen und die Verfügungsgewalt aus diesem sind weitgehend getrennt. Der einzelne Eigentümer kann zwar über seinen Unternehmensanteil verfügen, jedoch nicht auf die Geschäftstätigkeit einwirken. Dieser seit dem 19. Jahrhundert bekannte Tatbestand hat immer wieder Spekulationen und neue Theorien angeregt. So behauptet der amerikanische Soziologe und Publizist JAMES BURNHAM (1905-1987) in seinem vielgelesenen Buch "The managerial revolution" (New York 1941; dt. "Das Regime der Manager", Stuttgart 1948), der Manager sei die Leitfigur der kapitalistischen Wirtschaftsweise, obwohl es ihn in der ökonomischen Theorie gar nicht gäbe. Andere - wie der zuletzt in Basel lehrende Volkswirt und Soziologe EDGAR SALIN (1982- 1974) - bezeichnen den "Spätkapitalismus" als Manager-Oligarchie. Sicher ist, daß die Trennung von Eigentum und Verfügungsgewalt die Wirtschaftspolitik vor einige nicht leicht zu lösende Probleme stellt. Die neuere Principal-Agent-Theorie behauptet, daß die Manager weniger Profit anstreben als es die Eigentümer tun würden. Die strikte Orientierung an der Gewinnmaximierung würde für Manager nicht gelten. Ob diese Behauptung zutrifft, ist eine Tatfrage, deren Beantwortung allerdings schwer fällt, weil in jedem konkreten Fall die Realität (Management) mit einer Möglichkeit (Eigentümerunternehmer) zu vergleichen ist. Diese methodische Schwierigkeit erlaubt nur Behauptungen, die mehr oder weniger einleuchtend sind. Richtig scheint - und weitgehend unstreitig ist -, daß Manager auch und nicht zuletzt ihre persönlichen Interessen verfolgen, die sich nicht mit denen des Unternehmenseigentümers dekken müssen. Ob diese beispielsweise Fußballvereine und Rockfestivals sub- 2. Ausgangstatsachen der Wirtschaft 29 II. Quellen der Produktion und des Wohlstands Produktionsfaktoren Auch wenn wir alle Güter unmittelbar der Natur entnehmen könnten, stünden sie damit noch nicht für den Konsum bereit. Die Beeren im Wald müssen erst gepflückt, die Fische im Fluß gefangen werden. Das erfordert den Einsatz von Arbeit und Sachmitteln. In der Regel durchlaufen die Güter einen Umformungsprozeß bis sie konsumreif sind. Die Umwandlung (Produktion i. e. S.) und Bereitstellung (Handel, Verkehr u. a.) von Gütern nennt man Produktion (i. w. S.; Güter- oder Produkterstellung). Bis auf wenige Ausnahmen sind zur Produktion eines jeden Gutes alle drei Produktionsfaktoren (Ressourcen) Arbeit, Raum (Boden) und sonstige materielle Gegenstände (Kapital) erforderlich. Die Gütererstellung ist ein Prozeß der Faktorkombination, an dessen Ende das konsumreife Gut steht. Aus dem Einsatz von Produktionsfaktormengen, den Faktorleistungen (input), geht einzel- und gesamtwirtschaftlich gesehen ein Ausstoß (output) hervor. Die Begriffe Arbeit, Boden und Kapital sind weit gefaßt. Unter Arbeit wird jede Art manueller und geistiger Beschäftigung verstanden, die für die Produktion notwendig ist und darauf abzielt, Einkommen zu erwirtschaften. Die leitende Tätigkeit des Unternehmers, das Treffen von Dispositionen, sieht man gelegentlich als einen eigenständigen Produktionsfaktor an. Diese Differenzierung ist eine Frage der Zweckmäßigkeit, die sich z. B. stellt, wenn zwischen dem Einkommen Unselbständiger oder Arbeiter, dem Lohn, und Selbständiger oder Unternehmer, dem Gewinn, unterschieden wird. Als Boden bezeichnet man alle natürlichen Hilfsquellen, Felder und Bodenschätze, Wälder und Gewässer. Der Gütererstellung dient er in der Form des Standort-, Anbau- oder Abbaubodens. Unter Kapital werden alle bei der Erzeugung beteiligten Produktionsmittel verstanden - wie Werkzeuge, Maschinen und Anlagen. Das Kapital besteht also aus Gütern, die in früheren Produktionsprozessen erzeugt wurden. Es sind nicht unmittelbar konsumierte Güter (produzierte Produktionsmittel, Kapitalgüter, "Realkapital"), die in der Lage sind, zukünftige Konsumgüter zu produzieren. Ist auch Geld Kapital? Das "Geldkapital" bildet keinen Produktionsfaktor in diesem Wortsinn. Da Geld jedoch Verfügungsmacht über Realkapital verschafft, wird der Ausdruck Kapital häufig - wie auch in dieventionieren würden, wie es Manager tatsächlich tun, scheint doch sehr zweifelhaft. Auch die Unternehmensverflechtungen über Aufsichtsräte, deren Bestellung mittels des Depotstimmrechts oft in den Händen von Managern der Banken und Versicherungen liegt, entsprechen nicht ohne weiteres dem Eigentümerinteresse. Dennoch können auch Manager das Streben nach Gewinn keineswegs ignorieren. Wenn sie - vor allem anhaltend - Verluste machen, verlieren sie oft ihren Job. Ob und inwieweit es ihnen möglich ist, Gewinne zu erzielen, hängt vor allem vom Wettbewerb, vom Glück und persönlicher Qualifikation ab - Erfolgsbedingungen, die für Manager und Eigentümerunternehmer gleichermaßen gelten. 30 Erster Teil. Grundlagen sem Buch - sowohl für produzierte Produktionsmittel als auch für Geld verwendet. Es ist zu beachten, daßMenge undQualität der Faktorleistungen für die Produktion von Bedeutung sind. Mengenkomponenten der Arbeitsleistung sind das Bevölkerungswachstum (genauer: Entwicklung der Zahl der Erwerbstätigen, die sich aus Bevölkerungswachstum und Anteil der Erwerbstätigen an der Bevölkerung ergibt), die Dauer der Berufstätigkeit und die Arbeitszeit. Die Arbeitsqualität wird durch angeborene Begabungen, Erziehung und Ausbildung entscheidend bestimmt. Aus diesem Grund weichen die Qualitäten der für den Produktionsprozeß wichtigen Arbeitsleistungen beträchtlich voneinander ab. Arbeitsleistungen divergieren stark, sind heterogen. Die Menge des insgesamt vorhandenen Bodens ist weitgehend fixiert. Bezüglich seiner ökonomischen Nutzung läßt sich historisch ein Trend feststellen, nach dem ein größer werdender Anteil des vorhandenen Bodens in die Produktion eingegliedert wird, wobei seine Bedeutung als industrieller Standort wächst. Böden sind nur noch selten freies Gut. Wichtigste Ursache dafür ist das rapide Bevölkerungswachstum, das wachsende Bedürfnis nach Haus- und Grundbesitz und die technische Entwicklung. Die Qualitäten des Bodens divergieren je nach ökonomischer Nutzung ebenfalls stark. Wichtige Merkmale hierfür stellen die mineralische Substanz des Bodens, die Lage und das Klima dar. Wieviel Kapital zur Verfügung steht, hängt davon ab, in welchem Umfang früher nicht konsumiert, güterwirtschaftlich also gespart worden ist. Die Qualität der Kapitalgüter ist vor allem abhängig vom Niveau des angewandten technischen Wissens, das sich nicht nur auf die Produktionsmethode, sondern auch auf die Produktart und -qualität auswirkt. Bei einem Wandel der Technik kann sich die Durchführung der Produktionsweise ändern, weil bessere Kapitalgüter oder Verfahrensweisen zur Verfügung stehen. Es ist wiederum - wie bei der Unternehmertätigkeit - eine Definitionsfrage, ob man das angewandte technische Wissen und seine Änderung, den technischen Fortschritt, als ein Qualitätsmerkmal des Kapitals oder als eigenständigen Produktionsfaktor ansieht. Unter technischem Fortschritt wird die technische Entwicklung nur insoweit verstanden, als sie eine ökonomisch vorteilhaftere Versorgung gestattet. Ob und inwieweit eine neue Technik ökonomische Vorteile gegenüber dem bisherigen Stand des Wissens bietet, ist eine grundsätzlich offene Frage. Vom ökonomischen Standpunkt aus gesehen wird bei alternativer Produktionsmöglichkeit eines Gutes in der Regel nicht die Produktionsanlage verwendet, deren output mit dem geringsten mengenmäßigen input möglich ist, sondern deren output am wenigsten kostet (ökonomisches Prinzip). Arbeitsteilung Mit der Feststellung, der Einsatz von Produktionsfaktoren führt zu einem Ausstoß, ist noch nichts über die Höhe der Ausbringung gesagt. Eine Möglichkeit, dieser Frage nachzugehen, besteht darin, die gesamtwirtschaftlichen Veränderungen der Faktormengen und -qualitäten zu analysieren. Damit beschäftigt sich - soweit es das Bevölkerungswachstum, die Kapitalakkumulation und den technischen Fortschritt betrifft - die Wachstumstheorie. Eine andere Möglich- 2. Ausgangstatsachen der Wirtschaft 31 keit besteht darin, nach einem generellen Prinzip für die Wohlstandsmehrung zu suchen. Dies ist Gegenstand der Lehre von der Arbeitsteilung (Spezialisierung), deren Bedeutung heute eher noch höher zu veranschlagen sein dürfte als zur Zeit von ADAM SMITH (1723-1790), jenes schottischen Moralphilosophen, der mit seiner Schrift über die Ursachen des Wohlstands die Eigentümlichkeiten und Konsequenzen dieses für die moderne Wirtschaft konstitutionellen Prinzips offengelegt hat. Sein Erklärungsansatz ist folgender: Müßte jeder alles erzeugen, was er für die Lebensführung braucht - wie der Romanheld Robinson Crusoe -, könnten sich die meisten Menschen auch bei günstigen räumlichen und klimatischen Bedingungen nur mühselig und schlecht versorgen. In einer arbeitsteiligen Wirtschaft wird hingegen grundsätzlich darauf verzichtet, ausschließlich für den eigenen Bedarf zu produzieren. Die Wirkungen der Arbeitsteilung bestehen darin, daß zur Erzeugung einer bestimmten Gütermenge Arbeitskräfte sowohl ökonomisch besser genutzt als auch - unabhängig davon - eingespart werden. Bei wiederholender Tätigkeit entfallen Umstellungszeiten, die bei wechselnden Produktionsakten unvermeidlich sind. Angesichts stark heterogener Arbeitsqualitäten läßt sich die Produktion schon dann erhöhen, wenn man die Menschen nach ihren Fähigkeiten beschäftigt. Durch die Aufgliederung des Arbeitsprozesses in zahlreiche Akte (Arbeitszerlegung) werden Arbeitsleistungen, die der einzelne zu erbringen hat, relativ homogen, so daß er durch Fähigkeit und Übung eine besondere Geschicklichkeit erlangt. Durch die Beschränkung auf verhältnismäßig einfache Verrichtungen wird die Ausbildungszeit häufig wesentlich verkürzt. Technischer Fortschritt hat sich unter dem Blickwinkel der Arbeitsteilung weithin in der Form vollzogen, daßMaschinen entwickelt wurden, die eine immer weitergehende Arbeitsteilung und (oder) die Übernahme zahlreicher Verrichtungen gestatteten. Generell bewirkt zunehmender Kapitaleinsatz eine relative Verminderung der manuellen Arbeit. Bei der Produktion materieller Güter läßt sich Arbeit durch Kapital oft leichter ersetzen als bei Dienstleistungen. Deshalb werdenmit fortschreitender Arbeitsteilung zunehmend relativ mehrMenschen im Dienstleistungsbereich (Handel, Banken, Versicherungen, öffentlicher Dienst) beschäftigt. Die Arbeitsteilung zwingt schließlich zu einer straffen Arbeitsdiziplin, insbesondere dann, wenn von derMaschinengeschwindigkeit ein bestimmter Materialfluß oder Arbeitsrhythmus festgelegt wird. Diese Wirkungen können nur eintreten, wenn die Arbeitsteilung mit einer Verlagerung der Produktion aus den Haushalten in die Betriebe einhergeht. Arbeitsteilige Wirtschaft bedeutet deshalb: der größte Teil der Erzeugungwird in besonderen Produktionsstätten durchgeführt. Die Steigerung der Produktion und des Lebensstandards hängen wesentlich davon ab, in welchem Ausmaß es gelingt, die eben skizzierten möglichen Wirkungen der Arbeitsteilung zu realisieren. SMITH hat darauf hingewiesen, daß die Wirkungen der Arbeitsteilung wegen der heterogenen Qualitäten der Arbeit und des Bodens mit der Größe des Raums, in dem sie sich vollzieht, zunehmen. Insbesondere eine weltweite Arbeitsteilung - ermöglicht durch einen von Zöllen und anderen Beschränkungen freien internationalen Handel (Freihandel) - könne Grundlage des "Reichtums der Nationen" werden, während eine 32 Erster Teil. Grundlagen außenhandelspolitische Isolierung der Länder (Autarkie) zu einem geringeren Lebensstandard führe. Mit der Entfernung steigende Transportkosten setzen dem Freihandel Grenzen. Neben der Größe des Raums ist die Mobilität der Arbeitskräfte von Bedeutung. Wie kann man erreichen, daß die Arbeitskräfte immer gerade dort eingesetzt werden, wo sie am meisten leisten können? In der Wettbewerbs- oderMarktwirtschaft wird dieses Problem durch ein System von materiellen Anreizen und Verlusten gelöst, die von der Entlohnung der Faktoren ausgehen. Man nennt dieses System Allokationsmechanismus (3. Kap.). Die Aussage, daß man es in der Wirtschaft mit Gütern zu tun hat, die etwas kosten, gilt im übertragenen Sinn auch für die Arbeitsteilung, deren Vorteile oft mitNachteilen erkauft werden müssen. Probleme treten vor allem im sozialen Bereich auf, und zwar um so stärker, je fortgeschrittener die Arbeitsteilung ist (z. B. beim Fließbandsystem). Die am Produktionsprozeß beteiligten Arbeitskräfte werden mitunter nur einseitig beansprucht, was bei meist erhöhtem Arbeitstempo zu rascher Ermüdung führt (Akkordarbeit). Monotone Produktionsrhythmen mindern die Arbeitslust. Psychologische Rückwirkungen gehen damit einher. Da im arbeitsteiligen Prozeß jeder nur einzelne Güterteile fertigt, wird oft angenommen, es fehle die Beziehung zum Arbeitsprodukt. Die Tätigkeitsfelder werden enger, die Arbeitsqualitäten heterogener, traditionelle Berufsbilder lösen sich auf. Man spricht nur noch von Beschäftigung oder vom Job. Neue Risiken entstehen für den einzelnen, soweit berufliche Umstellungen erforderlich werden. Die Arbeitsteilung "produziert" andererseits immer wieder neue, mitunter interessante Tätigkeiten, die vor allem von der technischen Entwicklung geprägt sind. Zu wenig beachtet wird der Zusammenhang zwischen der Entwicklung der Arbeitsteilung und der Bildung von Interessengruppen. Die Spezialisierung läßt eng umgrenzte gemeinsame Interessengebiete entstehen, die in Demokratien am besten in Gruppen vertreten werden können. Die Nachteile der Arbeitsteilung sind von der Sozial- und Kulturkritik häufig behandelt worden. Erst die Abwägung der Vor- und Nachteile erlaubt ein zutreffendes Urteil. Die Vorteile der Arbeitsteilungwerden jedoch im allgemeinen so hoch eingeschätzt, daß vermutlich nur wenige Menschen bereit wären, auf sie zu verzichten. III. Tausch und Kreislauf Naturaltausch- und Geldwirtschaft Arbeitsteilung schafft Abhängigkeit der Menschen voneinander. ROBINSON CRUSOE lebte unabhängig. In einer arbeitsteiligenWirtschaft ist jeder auf andere angewiesen. Der einzelne erzeugt von einem Produkt mehr, als er benötigt; dafür fehlen ihm Güter, an deren Erzeugung er nicht beteiligt ist. Die Versorgung der Menschen erfordert deshalb den Tausch von Gütern. Angesichts der hochentwickelten Arbeitsteilung moderner Volkswirtschaften wirken bei der Versorgung eines einzelnen direkt oder indirekt einige Tausend oder Millionen Menschen irgendwo auf der Welt mit. Dieses Netz gegenseitiger Tauschabhängigkeit in der Wirtschaft nennt man Interdependenz. Der Umstand, daß mehr 2. Ausgangstatsachen der Wirtschaft 33 oder weniger jeder von jedem abhängig ist, führt offenbar nur dann nicht zu einem Chaos oder einer Katastrophe für die Existenz der Menschen, wenn es ein Koordinationssystem der wirtschaftlichen Prozesse gibt, das die Bedürfnisse und Güterbereitstellungen aller aufeinander abstimmt. Die Organisation des Tauschverkehrs wird damit zu einer fundamentalen Aufgabe jeder Volkswirtschaft. Ein unmittelbarer Tausch "Gut gegen Gut", einNaturaltausch, ist mit einigen Schwierigkeiten verbunden. Der Anbieter eines Gutes müßte erst einen zweiten Anbieter finden, der genau das Gut anbietet, das der erste Anbieter haben möchte, und der darüber hinaus das Gut haben möchte, das der erste Anbieter bereit ist hinzugeben. Zudem müßten sich die beiden Tauschpartner über die zu tauschenden Mengen und die Tauschrelationen einig werden. Voraussetzung des Naturaltausches ist eine doppelte Koinzidenz der Wünsche, die herbeizuführen viel Zeit erfordernwürde oder gar unmöglichwäre.Wer einen Ballen Stoff hingeben möchte und Brot benötigt, müßte einen Brotanbieter finden, der gerade diesen Stoff sucht - und das in der angebotenen Menge und zur beiderseitig akzeptierten Tauschrelation. Zusätzliche Probleme können sich aus dem Transport des Gutes, seiner Unteilbarkeit und mangelnden Lagerfähigkeit sowie aus der Ortsgebundenheit einiger Dienstleistungen ergeben. Eine arbeitsteiligeWirtschaft mit hohemNiveau ist bei Naturaltausch nicht vorstellbar und historisch auch nicht auszumachen. Die Probleme unmittelbarer Tauschakte werden durch Einführung des Geldes als generelles Tauschgut vermieden. Das gilt schon dann, wenn die Tauschschmittelfunktion von einem Gut übernommen wird, das nicht nur als Tauschmittel fungieren, sondern auch einen Nutzen in der Konsumtion oder Produktion stiften könnte. Dafür gibt es Beispiele in Vergangenheit undGegenwart (Muscheln, Zigaretten, Gold, Silber). Durch die Verwendung eines allgemeinen Tauschmittels - dem Geld - entstehen aus dem unmittelbarem Tausch zwei (Tausch-)Akte: Kauf (Geld gegen Gut) und Verkauf (Gut gegen Geld). Statt einer doppelten Koinzidenz genügt nun eine einfache. Der Besitzer des Stoffballens muß nur einen Nachfrager für seine Ware finden; dieser braucht nicht mehr über ein bestimmtes Gut zu verfügen. Der Anbieter ist bereit, Geld anstelle eines Gutes als Gegenleistung zu akzeptieren, weil er in einem funktionierenden Geldsystem darauf vertraut, das Geld jederzeit wieder in gewünschte Güter umtauschen zu können (Übers. 2-1). Übers. 2-1: Naturaltausch- und Geldwirtschaft Tauschvorgang Tauschart Voraussetzung des Tausches Naturaltauschwirtschaft Direkter Tausch Doppelte Koinzidenz Geldwirtschaft Indirekter Tausch Einfache Koinzidenz Gut Gut Gut Geld Gut 34 Erster Teil. Grundlagen Der Versuch einer Qualifizierung der Rolle des Geldes im Tauschprozeß hat sich in der Lehre von den Geldfunktionen niedergeschlagen. Wird ein Gut so ausgestattet, daß es allgemeine Annahmebereitschaft findet, bezeichnet man es als Geld. Es übt Zahlungs- oder Tauschmittelfunktion aus und ist damit gleichzeitig Recheneinheit für Transaktionen. Damit verbunden stellt ein Geldbestand eine Vermögenssumme dar. Geld hat somit auch die Funktion der Wertaufbewahrung, der Wertlagerung. Über diese Funktionsausübung hinaus befriedigt es jedoch keine Bedürfnisse. Es hat deshalb auch keinen originären Gutscharakter. Wird z. B. Gold nicht als Münze verwendet, sondern zu Schmuck verarbeitet, verliert es den Geldcharakter. Es ist dann ein bloßes Wirtschaftsgut. Der dinglicheWert des Geldes, der Stoffwert eines Zahlungsmittels, kann deshalb keineswegs als repräsentativ für die Geldeigenschaft angesehen werden. Die Geldeigenschaft resultiert aus der Funktionsausübung. Dem Geld in seiner spezifischen Nutzenstiftung kann demnach nur ein abgeleiteter Gutscharakter zugesprochen werden. Den Vorteilen des mittelbaren Tausches, der durch das Geld ermöglicht wird, stehen Nachteile, Risiken des Geldes, gegenüber. Modernes Geld kann relativ billig produziert und in Umlauf gebracht werden. Selbst bei den heute vorherrschenden staatlichen Geldproduktionsmonopolen läßt sich nach aller Erfahrung nur schwer verhindern, daß der Monopolinhaber seine Stellung zum eigenen Vorteil nutzt, indem er sich selbst mit Geld versorgt und damit in den Besitz von Tauschmitteln gelangt, für die er keine Gegenleistung erbracht hat. Geldfunktionen haben nicht nur das vom Staat produzierte Geld (Notenbankgeld; Primärgeld), sondern auch privat geschaffene Zahlungsmittel (Giralgeld; Sekundärgeld), die auf eine später noch zu erläuternde Weise (18. Kap.) entstehen, und Werttitel (Geldsubstitute) sogenannter intermediärer Institute (wie Versicherungen, Bausparkassen, Makler). Es gibt nicht nur das Problem der Kontrolle der staatlichen Geldherstellung, sondern auch das der Produktionssteuerung von Sekundärgeld und Geldsubstituten. Risiken und Kosten der Geldwirtschaft stehen im umgekehrten Verhältnis zueinander - eine oft belegte Erfahrungstatsache. Als Risiko der Geldwirtschaft kann man die Gefahr ansehen, daß jemand ohne entsprechende Gegenleistung in den Besitz von Geld kommt. Ihre Kosten resultieren aus der Herstellung des Geldes, insbesondere aus dem Wert des Stoffes, aus dem es besteht. Ist die Spanne zwischen dem Stoffwert und dem,wasman anGütern für die Geldeinheit erhält (Tauschwert), groß, läßt sich mit der Geldproduktion ein enormer Gewinn erzielen. Je geringer die Produktionskosten des Geldes sind, um so größer ist die Gefahr einer Geldproduktion ohne entsprechende Tauschleistung. Das gilt auch, wenn es ein Produktionsmonopol gibt. Will man dieses Risiko vermindern foder ausschalten, indem man den Stoffwert des Geldes dem Tauschwert annähert oder gleichmacht, steigen die Produktionskosten des Geldes. Dann werden aber mehr Produktionsfaktoren für die Produktion einesMittels benötigt, das die gewünschten Funktionen nicht besser erfüllt als z. B. billiges Papiergeld. 2. Ausgangstatsachen der Wirtschaft 35 Kreislauf Bei den Tauschvorgängen bilden sich Wertrelationen, die man Preise nennt. Werden die Tauschvorgänge unter Verwendung von Geld abgewickelt, lassen K 2 -2 Moderner Naturaltausch Ein funktionierendes Geldsystem ist eine wesentliche Voraussetzung für hochentwickelte Volkswirtschaften. Diese, oben begründete Beobachtung darf aber nicht zu dem Schluß verleiten, in hochentwickelten Volkswirtschaften gäbe es keinen Naturaltausch. Vielmehr ist Naturaltausch ein verbreitetes Phänomen, das sich jedoch in der Regel einer genauen quantitativen Erfassung entzieht. Überdies basiert die amtliche Statistik, vor allem die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, auf den in Geldeinheiten ausgedrückten Transaktionen zwischen den Marktteilnehmern oder Institutionen. Wichtigstes Merkmal des Natualtausches ist jedoch die Abwesenheit von Geld, sowohl als Tauschmittel wie auch meistens als Recheneinheit. Naturaltausch von physischen Gütern und Dienstleistungen findet in erheblichem Umfang zwischen Nachbarn statt, die sich gegenseitig helfen. Vor allem in ländlichen Gegenden läßt sich beobachten, daß der nachbarschaftliche Hausbau sehr verbreitet ist. Die Nachbarschaftshilfe unterliegt keinen Verboten und ist steuerfrei. Mit wachsender Abgabenbelastung, die seit einigen Jahrzehnten in praktisch allen hochentwickelten Ländern um sich gegriffen hat, nimmt deshalb die Neigung zur Nachbarschaftshilfe zu ebenso wie die zur illegalen "Schwarzarbeit", der nicht Naturaltausch, sondern Geldgeschäfte zugrunde liegen. Das Ausmaß der legalen Nachbarschaftshilfe dürfte für die Bundesrepublik Deutschland etwa 3% bis 5% des Bruttosozialprodukts betragen. Die illegale Schwarzarbeit ist angesichts der enormen Belastung mit Zwangsabgaben wohl höher zu veranschlagen. Dem Naturaltausch kommt auch international eine große Bedeutung zu. Insbesondere Länder, deren Währungen von Handelspartnern nicht akzeptiert werden und die - zum Teil deswegen - über keine nennenswerten Gold- oder Devisenvorräte verfügen, legen auf einen Naturaltusch (barter trade) großen Wert. Barter trade war früher vorherrschend im Ost-West-Handel. Doch auch nach dem Zerfall der Sowjetunion im Dezember 1991 hat er sich im westlichen Außenhandel der Nachfolgeländer, der Gemeinschaft unabhängiger Staaten (GUS), und in dem Verkehr zwischen diesen in einem beträchtlichen Umfang erhalten. Geldloser internationaler Handel läßt sich auch in anderen Teilen der Welt beobachten, so zwischen Ländern Westafrikas, die Getreide gegen Fleisch tauschen. Das Niveau des internationalen Naturaltausches ist im Vergleich zu den monetären Handelsgeschäften sehr niedrig. Die engen Grenzen des Naturaltausches sind eine Bestätigung für die Ansicht, daß eine hochentwickelte nationale und internationale Arbeitsteilung nicht ohne ein funktionierendes Geldwesen zustande kommt. 36 Erster Teil. Grundlagen sich dieWertrelationen in Geld ausdrücken (Geldpreise). Bei freiem Tauschverkehr ist der Preis das Ergebnis der Vorstellungen beider Marktparteien. Anbieter und Nachfrager begegnen sich als Marktparteien auf den verschiedenen Stufen der arbeitsteiligen Gütererstellung, beim Kauf und Verkauf von Halbfabrikaten ebenso wie von Konsumgütern. Auf einer hohen Stufe der Abstraktion lassen sich - sieht man zunächst vom Staat ab - zwei Marktparteien unterscheiden, die als bedeutsame Entscheidungseinheiten anzusehen sind: Haushalte und Unternehmen. Haushalte sind Anbieter der Faktorleistungen und Nachfrager der Konsumgüter. Unternehmen benötigen für die Gütererstellung Produktionsfaktoren, die sie von den Haushalten nachfragen, und bieten Konsumgüter an. Auf diese Weise fließt ein Strom von Gütern zwischen Haushalten und Unternehmen, der Güterkreislauf, dem ein entgegengesetzt verlaufender Geldstrom, derGeldkreislauf, gegenübersteht (Fig. 2-2). Fig. 2-2: Güter- und Geldkreislauf Haushalte undUnternehmen können also sowohl Anbieter als auchNachfrager sein. Für diese Eigenschaft kommt es auf das jeweilige Gut an. Zweckmäßig ist es, die Begriffe Angebot und Nachfrage auch auf den Geldkreislauf anzuwenden. Ein Anbieter von Arbeitsleistungen wäre dann ein Nachfrager von in Geld ausgedrücktem Lohn. Es ließen sich leicht weitere Unterscheidungen vornehmen, etwa die nach Unternehmer- und Nichtunternehmerhaushalten oder nach verausgabten und gesparten Einkommen. Da darauf noch eingegangen wird (13. Kap.), mag an dieser Stelle das stark vereinfachte Schema genügen. Betont sei jedoch, daß es zwischen den separat dargestellten Kreisläufen der Güter und des Geldes Wechselbeziehungen gibt, die Gegenstand vor allem der Inflationstheorie sind (19. Kap.). Das Kreislaufschema könnte zu dem Schluß führen, Haushalte und Unternehmen seien - da sie beide Angebot und Nachfrage entfalten - Einheiten glei- 2. Ausgangstatsachen der Wirtschaft 37 cher Rangordnung. Es sollte jedoch nicht vergessen werden, daßUnternehmen Stätten ausgegliederter Haushaltsproduktion sind. Sofern die Haushalte der Ansicht sind, sie könnten besser und billiger produzieren als die Unternehmen, kommt es zu einer Rückverlagerung der Gütererstellung in die Haushalte (do it yourself). Ein nicht unbeträchtlicher Teil der Produktion hat sich stets in Haushalten vollzogen, wie die Zubereitung von Mahlzeiten. Es sind Gründe ökonomischer Zweckmäßigkeit, die zur Auslagerung führen, wie sich am Beispiel desWäschewaschens (erst nur Haushaltsproduktion, dann häufigWäscherei, mit Aufkommen moderner Waschmaschinen wieder vorwiegend Haushaltsproduktion) zeigen läßt. Unternehmen sind nicht unbedingt notwendig zur Sicherung der menschlichen Existenz. Da sie aber eine hohe Stufe der Arbeitsteilung repräsentieren und die technische Entwicklung in den meisten Fällen keine Haushaltsproduktion mehr zuläßt, sind sie ökonomisch nützlich. Folglich ist das, was sie ihrerseits nachfragen, abgeleitet von den letzten Bedürfnissen der Haushalte, mag es auch so aussehen, als würden sie ein Eigenleben führen. Auf die Dauer hängt der Fortbestand der Unternehmen davon ab, ob sie solche Güter bereitstellen, die von den Haushalten nachgefragt werden. "Consumption is the sole end and purpose of all production" (ADAM SMITH). Das bedeutet jedoch nicht, daß die Haushalte die Tauschbedingungen (wie Mengen und Preise) diktieren können. Diese Aussagen gelten auch dann, wenn die Nachfrageseite den Konsum der öffentlichen Haushalte (Bund, Länder, Gemeinden) einschließt. Sie gelten unabhängig vom sozialen Rahmen (3. Kap.). Die Arbeitsteilung hat nicht nur zu einer Übertragung vonHaushaltsproduktion auf Unternehmen, sondern auch zu einer weiteren Produktionsauffächerung im Unternehmensbereich geführt. In modernen Volkswirtschaften ist es eher Ausnahme als Regel, daß ein Unternehmen Produktionsfaktoren von den Haushalten nachfragt und ihnen Güter konsumreif anbietet. Diemeisten Unternehmen beziehen vor allem Rohstoffe (z. B. Mineralöl), Halbfabrikate (z. B. Bleche) oder nicht konsumierbare Fertigprodukte (z. B. Drehbänke) von anderen Unternehmen, so daß nicht nur Haushalte an Unternehmen Faktorleistungen verkaufen, sondern auch Unternehmen an Unternehmen nichtkonsumierbare Produktionsmittel ("Zwischenprodukte"). Der Begriff Produkt (= Erzeugnis) wird hier so definiert, daß er Konsumgüter und nichtkonsumierbare Produktionsmittel einschließt. Da für die Beziehungen zwischen Unternehmen Analoges gilt, wie für die zwischen Haushalten und Unternehmen, kann zur Vereinfachung - soweit nichts anderes vermerkt ist - die Arbeitsteilung zwischen Unternehmen ausgeklammert werden, was das Verständnis einiger Zusammenhänge erleichtert. Da Güter- und Geldströme in einer arbeitsteiligen Geldwirtschaft nichts anderes als die gedankliche Zusammenfassung sämtlicher (Gut-Geld-) Tauschakte für eine bestimmte Periode sind, müssen sie sich ex post wertmäßig genau entsprechen, denn jeder einzelnen Güterbewegung ist ein wertgleicher Geldstrom entgegengerichtet. Das läßt sich in einfachenGüter- und Geldstromgleichungen darstellen. Bezeichnet man die in einer Periode umgesetzten Mengen der Güter mit , ,..., , die dazugehörigen Preise mit , ,..., ist die Wertsumme der Güter, der Güterwert oder -umsatz : q1 q2 qn p1 p2 pn U 38 Erster Teil. Grundlagen (2.1) (Definitions-Gleichung) oder nach der Schreibregel für Summen: (2.2) (Definitions-Gleichung). Würde man statt der Einzelpreise mit einem Preisniveau oder -durchschnitt ( = prices) und statt der Einzelmengen mit einer Gesamtmenge ( = quantity) operieren, ließe sich statt (2.2) schreiben: (2.3) (Definitions-Gleichung). Der Güterwert wird mit einer Geldmenge bezahlt. Wäre gleich dem Wert der umgeschlagenen Güter, müßte die umgesetzte, zumKauf verwendete Geldmenge genauso groß sein wie die vorhandene, also . Dann wäre jede Geldeinheit durchschnittlich nur einmal zum Kauf eines Gutes in der Periode verwendet worden. Im allgemeinen wird die vorhandene Geldmenge während des Betrachtungszeitraums nicht nur einmal umgeschlagen. Die Häufigkeit, mit der das Geld zum Kauf von Gütern durchschnittlich verwendet wird, die Umlaufgeschwindigkeit ( = velocity), bleibt demnach noch zu berücksichtigen. Betrüge sie 2 pro Jahr, würde jede Geldeinheit jährlich im Durchschnitt zweimal zum Kauf von Gütern verwendet werden. Man brauchte dann nur die Hälfte der Geldmenge wie bei = 1, um denselben Jahresumsatz zu bewältigen. Die umgesetzte Geldmenge wird demnach zweckmäßigerweise als Produkt aus vorhandener Geldmenge M und Umlaufgeschwindigkeit definiert: (2.4) (Definitions-Gleichung). Aus der Definition des Tauschs, bei dem Angebot und Nachfrage geldwertgleich sind, folgt für die Summe aller Tauschvorgänge die Identität (2.5) . Substituiert man gemäß (2.3) und gemäß (2.4), erhält man (2.6) . Der Ausdruck (2.6) wird als Tausch- oder Verkehrsgleichung bezeichnet. Der amerikanische Nationalökonom IRVING FISHER (1867-1947) hat sie als erster in dieser Form entwickelt. Sie beschreibt weder eine Kausalbeziehung, noch stellt sie eine Hypothese dar. Sie bezeichnet aufgrund des Begriffs der Tauschgleichheit nichts anderes als die für einen beliebigen Zeitabschnitt geltende Identität des Geld- und Güterkreislaufs. Man nennt häufig das in Geld ausgedrückte gesamtwirtschaftliche Güterangebot, dem als monetäre Gesamtnachfrage gegenübersteht. Vermeidet man irrige Interpretationen, kann die Verkehrsgleichung zweckmäßiger Ausgangspunkt einer Analyse elementarer Kreislaufgrößen (13. Kap.) oder geldtheoretischer Hypothesen (18. Kap.) sein. U q1 p1⋅ q2 p2⋅ ... qn pn⋅+ + +≡ U qi pi⋅ i 1= n ∑≡ P P Q Q U Q P⋅≡ U M M Z M V V V Z V Z M V⋅≡ U Z≡ U Z M V⋅ Q P⋅≡ Q P⋅ M V⋅ 3. Kapitel: Sozialer Rahmen I. Staat und Wirtschaft Beziehungen Entscheidungsorgan Staat - Staat als Unternehmer - Staat als Haushalt Wirtschaftssysteme Gestaltung der Wirtschaftslenkung - Zentralverwaltungswirtschaft - Marktwirtschaft - Wirtschaftsordnungen - Soziale Marktwirtschaft K 3-1: Zusammenbruch der zentralen Planung II. Charakteristika des marktwirtschaftlichen Systems Freiheiten Freiheiten konstituieren marktwirtschaftliche Ordnungen - Konsumentensouveränität - Privateigentum an Produktionsmitteln - Freie Berufswahl Wirkungen des Preismechanismus Koordination wirtschaftlicher Interessen - Preisfunktionen - Marktformen und Verhaltensweisen - Grenzen des Preismechanismus III. Ziele der Wirtschaftspolitik Freiheitspostulat und Wirtschaftspolitik Erhaltung der marktwirtschaftlichen Ordnung - Gründe für Freiheitsbeschränkungen - Grenzziehung zwischen Freiheit und Zwang Gesamtwirtschaftliche Ziele Ist Wirtschaftswachstum ein unmittelbares Ziel? - Vollbeschäftigung - Preisniveaustabilität - Zahlungsbilanzausgleich - Andere Ziele - Zielkonflikte Literaturempfehlungen zum ersten Teil I. Staat und Wirtschaft Beziehungen Haushalte und Unternehmen sind Entscheidungsträger im privatwirtschaftlichen Sektor. Im öffentlichen Sektor ist das Entscheidungsorgan der Staat - Sammelbegriff für eine große Zahl nichtprivater Institutionen. Tatsächlich haben die zahlreichen staatlichen Stellen, insbesondere die Gebietskörperschaften (Bund, Länder und Gemeinden), durchaus unterschiedliche Zielsetzungen, so daß sie keineswegs einheitlich und nach denselben Grundsätzen handeln. Im folgenden soll gleichwohl von "dem" Staat als einzigem Entscheidungsträger die Rede sein. Privater und öffentlicher Sektor der Wirtschaft sind in den modernen Volkswirtschaften eng miteinander verwoben. Sie beeinflussen sich gegenseitig in ihren Entscheidungen. Während - vor allem bei Unternehmen - die ökonomischen Aspekte im Vordergrund stehen, ist für den Staat die Wirtschaft ein zwar wichtiger, aber nicht der einzige Bereich seiner Aktivität. Häufig kollidieren wirtschaftliche Absichten mit solchen politischer, gesellschaftlicher oder kultureller Art. Soll eine dem Ausland unterlegene Landwirtschaft aus rein wirtschaftlichen Gründen aufgegeben werden oder wegen der Bevölkerungs- und Siedlungsstruktur sowie der Landschaftspflege erhalten bleiben? Fragen dieser Art stellen sich dem staatlichen Entscheidungsträger ständig. An ihnen wird deutlich, daß die Berücksichtigung außerökonomischer Forderungen etwas kostet; denn es muß auf die Realisierung wirtschaftlicher zugunsten anderer Ziele verzichtet werden. Die Ansicht, die wirtschaftlichen Ziele sollten unbedingt Vorrang haben, wird als Ökonomismus bezeichnet. Er stellt ein Werturteil über die Bedeutung nichtwirtschaftlicher Ziele dar. Die Rangfolge verschiedener Ziele in einer pluralistischen Gesellschaft ist das Ergebnis von Auseinandersetzungen oder Vereinbarungen und deshalb von Kompromissen geprägt. In der Regel werden nicht beliebige Wünsche berücksichtigt, sondern der Wille einer Mehrheit von Bürgern oder - was nicht dasselbe sein muß - des Parlaments. Seinen Willen setzt der Staat im öffentlichen Bereich mit Anordnungen und Vorschriften (Verhaltensbefehlen) durch, während die Privatrechtsordnung eine individuelle Verhaltensabstimmung zwischen den Bürgern ermöglicht. Versucht man, das Geflecht von Beziehungen zwischen privatem und öffentlichem Sektor zu systematisieren, scheint es sehr zweckmäßig, die wirtschaftliche Aktivität der öffentlichen Hand unter folgenden Aspekten zu betrachten: der Staat kann Unternehmer, Haushalt und Gestalter der Wirtschaftslenkung sein. Diese Unterscheidung ähnelt der Einteilung nach Entscheidungsträgern im privatwirtschaftlichen Bereich. Die beiden erstgenannten Gebiete der Staatstätigkeit - Unternehmer und Haushalt - lassen sich leicht in das Kreislaufschema einfügen (Fig. 2-2), ohne daß es nennenswert verändert zu werden braucht. Für den Staat als Unternehmer gelten oft die gleichen Grundsätze wie für Privatunternehmer. Es gibt zwei wichtige Gründe für staatliche Unternehmertätigkeit. Erstens kann ein Mangel an befähigten Unternehmern bestehen. Dieser Fall dürfte in hochentwickelten Ländern kaum vorkommen, in denen in der Regel privatwirtschaftlich geführte Unternehmern staatlich geführten überle- 42 Erster Teil. Grundlagen gen sind. In früheren Entwicklungsstadien der Industrienationen - und gegenwärtig noch in den Entwicklungsländern - war einMangel an privater Initiative dagegen gar nicht so selten. Zweitens können zwar genügend Unternehmer vorhanden sein, aber bestimmte Produktionen werden von ihnen nicht durchgeführt, weil sie unrentabel sind und es möglicherweise bleiben werden. Beispielsweise war vor einigen Jahrzehnten eine rentable Produktion von Aluminium nicht möglich. In vielen Ländern ist deshalb der Staat eingesprungen. Als die Produktion aufgrund steigender Nachfrage und technischer Fortschritte rentabel zu werden begann, konnte sich der Staat wieder zurückziehen. Die Unrentabilität kann dauerhaft sein, wenn ein Markt für bestimmte Güter fehlt. So gibt es für wissenschaftliche Leistungen häufig keinen Markt im engeren Sinn desWortes. Man denke z. B. an landwirtschaftliche Versuchsanstalten, für deren Hauptprodukte, die wissenschaftliche Erkenntnis, oft kein Markt existiert, wohl aber für Nebenprodukte, wie Fleisch und Eier. Für den Staat besteht jedoch keine Notwendigkeit, solche Produkte bereitzustellen, die auch von privaten Unternehmen rentabel erzeugt werden können. Wenn er gleichwohl auf solchen Gebieten tätig ist und - wie in der Bundesrepublik Deutschland -Werkzeuge, Schiffe, Benzin, Filme und Fertiggaragen produziert, kann das historische Gründe haben, mit Geschäftserweiterungen und -umstellungen staatlicher Betriebe zusammenhängen oder aus der beschäftigungspolitisch motivierten Übernahme unrentabel gewordener Unternehmen resultieren. Häufig wird deswegen gefordert, der Staat solle seine Beteiligung an rentabel arbeitenden Unternehmen - wie etwa am Volkswagenwerk - aufgeben (Privatisierung). Für die staatliche Unternehmertätigkeit werden jedoch auch wirtschaftspolitische Gründe angeführt. Der Staat müsse in bestimmten Branchen Einblick in die Unternehmen haben, bei entsprechender Größe der Unternehmen Einfluß auf den Absatz der Produkte ausüben können (Begründung für die Teilprivatisierung des Volkswagenwerks), die Bevölkerung vor monopolistischer Ausbeutung durch Versorgungs- (Elektrizität, Gas, Wasser) und Verkehrsunternehmen (Bahn, Post, Luftverkehr, städtische Verkehrsbetriebe) schützen und schließlich die Sicherheit bei der Versorgung mit militärischen Gütern (Waffen, Munition, Gerät) gewährleisten. Ob solche Begründungen die wahren Motive widerspiegeln, kann offen bleiben oder bezweifelt werden. Eine Erörterung der damit auftauchenden Fragen erfolgt üblicherweise im Rahmen der Theorie der Wirtschaftspolitik und der Wissenschaft der Politik. Der zweite Bereich staatlicher Aktivität, der Staat als Haushalt, ist die Wahrnehmung und Finanzierung öffentlicher Aufgaben. Es handelt sich um den traditionellen Sektor staatlicher Tätigkeit. Die grundsätzliche Notwendigkeit dieser Aktivität ist ernsthaft nie in Zweifel gezogen worden, wohl ihr Ausmaß. Sie wird hauptsächlich mit der Existenz sogenannter Kollektivbedürfnisse begründet. Genaugenommen sind es nicht Kollektive, die wirtschaftliche Bedürfnisse haben, sondern immer nur Individuen. "Kollektive" Bedürfnisse sind deshalb widersprüchlich durch das Beiwort. Es gibt aber eine Reihe von individuellen Bedürfnissen, die viele Menschen zugleich haben, ohne daß es möglich oder zweckmäßig wäre, sie einzeln zu befriedigen. Man denke an die Bedürfnisse Ausbildung, Erziehung, Gesundheit und Rechtssicherheit. Die zur Befriedi- 3. Sozialer Rahmen 43 gung solcher Bedürfnisse erforderlichen Güter werden in den meisten Ländern auf Veranlassung des Staates bereitgestellt, der sich dieMittel dafür durch Steuern, Kredite und Gewinne aus eigenen Unternehmen verschafft. Umstritten bleibt, was zumKollektivbedarf zu rechnen ist. In einem nicht unbeträchtlichen Maße hängt dies vom persönlichen Urteil ab, weil selbst dann, wenn solche Güter gewünscht werden, die kollektive Methode der Bedürfnisbefriedigung keineswegs kostengünstiger sein muß als die privatwirtschaftliche. So wird die Ansicht vertreten - sie kann sich auf entsprechende Beispiele in angelsächsischen Ländern berufen -, privatwirtschaftlich geführte Universitäten arbeiteten kostengünstiger und hätten zugleich bessere Ergebnisse aufzuweisen als Staatsuniversitäten. Allerdings dürfte eine klare wirtschaftspolitische Entscheidung für die eine oder andere Methode der Güterbereitstellung schwierig sein, weil es bei der kollektiven Bedürfnisbefriedigung - anders als bei staatlicher Unternehmensführung - bisher noch kein sicheres Verfahren zur Ermittlung der entstehenden Kosten und Vorteile gibt (cost benefit-Analyse). Generell gilt: Die Effizienz der Produktion ist der ökonomische Maßstab, ob die Güter von staatlichen und/oder privaten Stellen bereitgestellt werden. Ein weiterer Grund für eine staatliche Haushaltsführung besteht darin, daß einige Bevölkerungsgruppen noch nicht (Kinder), nicht mehr (Rentner) oder niemals (Behinderte)Markteinkommen beziehen. Auch in solchen Fällen besteht zu einem Teil eine private, eigene Versorgung. Doch gerade in Zeiten, in denen nicht zuletzt durch Kriege und Inflationen die Bildung von Vermögen erschwert oder unmöglich geworden ist, werden diese Bedürfnisse oft nicht anders als kollektiv zu befriedigen sein. Durch solche staatliche Maßnahmen lassen sich gesamtwirtschaftlich gesehen keine zusätzlichen Güter bereitstellen, wohl aber Bedürfnisse befriedigen. Das heißt konkret: Der Staat entzieht einigen Teilen der Bevölkerung Einkommen, um sie an bestimmte Personen oder Gruppenweiterzuleiten. In dieser Funktion ist der Staat bloß Umverteiler von Einkommen (Distributionsinstanz), während er bei der Befriedigung der ersten Art von Kollektivbedürfnissen auch noch die Güterproduktion veranlaßt (Produktionsinstanz). Ob und inwieweit der Staat Einkommen entziehen, in welchemMaße er die Bereitstellung von Kollektivgütern finanzieren und Einkommen umverteilen soll, kann - isoliert gesehen - wissenschaftlich nicht beantwortet werden, es sei denn, die angeführten Maßnahmen sind Mittel für ein demWirtschaftswissenschaftler vorgegebenes Ziel (1. Kap.). Wirtschaftssysteme Ein dritter Schwerpunkt staatlicher Aktivität ist die Gestaltung der Wirtschaftslenkung. Die zentrale Frage, die eine eingehendere Behandlung erfordert, lautet: Wie kommt angesichts der Tatsache, daß es in einer größeren Volkswirtschaft Millionen von Haushalten und Unternehmen gibt, ein aufeinander abgestimmtes, ineinandergreifendes Handeln so zahlreicher Entscheidungsträger zustande? Oder kürzer: Wie läßt sich eine arbeitsteilige Wirtschaft lenken? Auf diese Fragen werden zwei grundsätzlich verschiedene Antworten erteilt: Man könne die arbeitsteiligen Prozesse von einer zentralen Stelle, gleichsam 44 Erster Teil. Grundlagen von oben her, dirigieren (zentrale Lenkung des Wirtschaftsprozesses). Es sei möglich, daß sich die arbeitsteiligen Prozesse durch Koordinationsmechanismen selbst steuern (dezentrale Lenkung des Wirtschaftsprozesses). Dementsprechend unterscheidet man zwei Arten vonWirtschaftssystemen: die Zentralverwaltungswirtschaft und die Marktwirtschaft. Wirtschaftssysteme sind Modellkonstruktionen, im Gegensatz zu Wirtschaftsordnungen, die anschließend behandelt werden. Die Zentralverwaltungswirtschaft bezeichnet man vielfach als Planwirtschaft. Diese Bezeichnung ist mißverständlich, da in jeder Wirtschaft geplant werden muß. Die Frage ist allein, wer plant und was geplant wird. In der Zentralverwaltungswirtschaft ist die gesamte Produktion undVerteilung der Güter den Dispositionen der Haushalte und Unternehmen entzogen. Statt dessen entscheidet eine staatliche Stelle (Planbehörde) darüber, welche Güter in welcher Menge und Qualität zu erzeugen und nach welcher Rangfolge sie an andere Unternehmen und Haushalte zu verteilen sind (Planauflagen). Oberste Pflicht der Unternehmen ist die fristgerechte Erfüllung der Planauflagen (Planerfüllungsprinzip). Planübererfüllung wird durch Leistungsprämien belohnt, die Nichteinhaltung der Planvorschriften durch Strafen - von finanziellen Einbu- ßen bis zu drakonischen Maßnahmen - sanktioniert. Artunterscheidendes Merkmal der Zentralverwaltungswirtschaft ist also, daß der arbeitsteiligeWirtschaftsprozeß zentral geplant und aufgrund dieses Planes gelenkt wird. Ein häufig im älteren Schrifttum angeführtes Kriterium der Zentralverwaltungswirtschaft ist die Form des Eigentums. In Übereinstimmung mit der marxistischen Doktrin wird an sachlichen Produktionsfaktoren (Boden, Kapital) kein privates Eigentum zugelassen. Es wird unten noch erörtert, inwieweit die Eigentumsordnung ein zweckmäßiges Merkmal zur Unterscheidung von Zentralverwaltungswirtschaft und Marktwirtschaft sein kann. Die zentrale Lenkung des Wirtschaftsprozesses scheint zwar eine relativ einfache Konzeption (Fig. 3-1), ist jedoch in der Praxis äußerst schwer zu handhaben, wie die Erfahrungen in zentralgelenkten sozialistischen Ländern zeigen. In der Marktwirtschaft planen die Haushalte und Unternehmen selbständig Konsum und Produktion, und sie versuchen, ihre Planungen auch durchzusetzen. Beide lassen sich vom Eigeninteresse leiten. In Wahrnehmung ihrer Interessen entfalten die eigenverantwortlich handelnden Wirtschaftseinheiten aufgrund ihrer Pläne ein Angebot und (oder) eine Nachfrage nach Gütern. Anbieter und Nachfrager treffen sich an denMärkten, wo sie - häufig imWettbewerb untereinander und mit der anderen Marktseite - ihre Pläne zur Abstimmung bringen (Wettbewerbssystem). Der Markt läßt Wünsche zu Realitäten werden, indem er die Pläne der Marktteilnehmer koordiniert. Auf diese Weise manifestiert sich die dezentrale Lenkung der Gesamtwirtschaft als ein System interdependenter, über die Märkte miteinander verknüpfter Handlungen, die aus individuellen Plänen hervorgehen. Vielfach wird die Marktwirtschaft als kapitalistisches oder liberales Wirtschaftssystem bezeichnet. Da Kapital, wie wir gesehen haben, in jedem Fall ein notwendiger Produktionsfaktor ist, kann die Bezeichnung "kapitalistisch" nicht besagen, Kapital werde nur in einer Marktwirtschaft eingesetzt. Gemeint ist damit lediglich, daß in der kapitalistischen 3. Sozialer Rahmen 45 Fig. 3-1: Planabstimmung in der Zentralverwaltungswirtschaft Wirtschschaft die Produktionsmittel überwiegend oder auch Privaten gehören. "Liberal" als Attribut eines Wirtschaftssystems wiederum deutet nicht - wie zu vermuten wäre - auf eineWeltanschauung hin. Es will nur zumAusdruck bringen, daß die wirtschaftlichen Handlungen der Haushalte und Unternehmen zwar im Rahmen allgemeingültiger Gesetze, nicht jedoch auf eine Anweisung, auf ein Kommando hin erfolgen. Im Kreislaufschema der realen Leistungen, in dem die Produktionsfaktoren im einzelnen dargestellt werden, ergibt sich für die Marktwirtschaft folgendes Bild. In Fig. 3-2 gibt es zwei Gruppen vonMärkten: Faktormärkte (für Arbeits-, Boden- und Kapitalleistungen) und Konsumgütermärkte (für Waren und Dienstleistungen , , , ...). Die Faktormärkte sind räumlich und sachlich (Faktorheterogenitäten) gegliedert. Auf ihnen treten die Haushalte als Anbieter, die Unternehmen als Nachfrager auf, wobei zunächst offenbleiben kann, ob sie einzeln oder als Gruppen - z. B. als Gewerkschaften oder Arbeitgeberverbände - agieren. Die durch den Faktoreinsatz erstellten Kapitalgüter werden im Unternehmenssektor auf den verschiedenen Stufen der Arbeitsteilung zur Konsumreife geführt und erscheinen schließlich als Angebot auf den Konsumgütermärkten, auf denen die Haushalte nachfragen. Da die Unternehmen aus den Haushalten ausgegliederte Produktionsstätten sind, deren Aufgabe letztlich darin besteht, Konsumentenwünsche durch die Bereitstellung von Gütern zu erfüllen, kommt den Faktormärkten nur eine abgeleitete Funktion zu. Sie gibt es nur deswegen, weil Konsumgütermärkte existieren. Die Konsumgütermärkte sind also die "Schaltstelle" des ganzen Kreislaufs. Auf die Entscheidungsträger bezogen heißt das: Haushalte bieten an (z. B. Arbeitsleistungen), damit sie nachfragen können. Unternehmen fragen nach, um anbieten zu können. Die A B C D 46 Erster Teil. Grundlagen Vormachtstellung des Letztnachfragers Haushalt darf nicht mißverstanden werden. Fig. 3-2: Planabstimmung in der Marktwirtschaft Auf den Konsumgütermärkten ist der Haushalt nur eine Partei, jedoch die, von deren Entscheidung es abhängt, ob und inwieweit sich die Planung auf allen vorgelagerten Stufen als richtig erweist. Was die Marktwirtschaft von der Zentralverwaltungswirtschaft abhebt, läßt sich wie folgt zusammenfassen: In der Marktwirtschaft gibt es keine zentrale Planung desWirtschaftsprozesses. Es besteht individuelle, am Eigeninteresse ausgerichtete Planungsautonomie und deswegen keine Subordination. Privateigentum ist grundsätzlich an allen Produktionsmitteln möglich. Die Individualplanung wird am Markt koordiniert, wobei die Haushalte als Verbraucher die Lenkungsvormacht haben. Die Grenzen der individuellen Aktivität und der Verfügungsmacht über das Eigentum werden von allgemeingültigen Gesetzen gezogen und nicht nach Ermessensentscheidungen staatlicher Verwaltungen. Der Staat beschränkt sich vorwiegend darauf, den Ordnungsrahmen zu setzen, während der Prozeßweitgehend von staatlichen Eingriffen frei ist. In der Zentralverwaltungswirtschaft werden dagegen Ordnung und Prozeß vom Staat geplant und die Realisierung administrativ oder - z. B. durch "ökonomische Hebel" - erzwungen. Die genannten Lenkungssysteme treten als reale Wirtschaftsordnungen nicht in reiner, sondern nur in gemischter Form in Erscheinung (mixed economy). Die Wirtschaftsordnung ist inhaltlich bestimmt durch das Verhältnis von Staat und Wirtschaft. Beschränkt sich die Staatstätigkeit in einer Marktwirtschaft auf das Anbieten kollektiver Güter (wie Rechtsordnung, Landesverteidigung, Gesundheitsfürsorge u. ä.) und ist die wirtschaftliche Aktivität des ein- 3. Sozialer Rahmen 47 zelnen sonst völlig frei, spricht man von einer "laissez faire-Marktwirtschaft". Hinter diesem Begriff steht die Ansicht, daß eine vom Staat weitgehend unbeeinflußt und unbeschränkt gelassene private Initiative die sicherste Gewähr für ein reibungsloses Funktionieren der Wirtschaft und deren rasche Entwicklung sei. Zu den großen Leistungen einiger Autoren des 18. und 19. Jahrhunderts (allen voran die großen Klassiker ADAM SMITH (1723-1790), DAVID RICARDO (1772- 1823), JOHN STUART MILL (1806-1873)) gehört, gezeigt zu haben, daß der marktwirtschaftliche Abstimmungsprozeß letztlich nicht auf Rechtsetzungen, sondern auf "spontanen" Handlungen der wirtschaftenden Menschen beruht. Es seien die einzelnen Entscheidungsträger, die in Verfolgung ihrer Eigenziele über den Abstimmungsprozeß am Markt gesamtwirtschaftlich nützliche Entscheidungen träfen. So entstehe der Eindruck, sie seien von einer "unsichtbaren Hand" gelenkt (ADAM SMITH). Heute wird von den meisten Autoren eine weitergehende Einflußnahme des Staates auf die Wirtschaft auch imWettbewerbssystem für erforderlich gehalten - teilweise wegen der industriellen Entwicklungen und politischen Erfahrungen seit dem 18. Jahrhundert -, wenn die dezentralen Planabstimmungen auf Dauer funktionieren oder unerwünschte Erscheinungen vermieden werden sollen. Für diese Auffassung werden vier Gründe genannt: Der Staat soll eine der gewünschten Wirtschaftsordnung adäquate Rechtsordnung schaffen. Erlaubt die Rechtsordnung in einer Marktwirtschaft den Zusammenschluß von einzelnen Teilnehmern des Marktes zur Bildung und zum Mißbrauch von Marktmacht oder zwingt sie den erfolglosen Anbieter nicht, aus dem Markt auszuscheiden, entstehen Wirkungen, die das Zusammenspiel der Marktparteien erheblich stören oder durch einseitige Willensakte außer Kraft setzen können. Die Funktionsfähigkeit der Marktabstimmung hängt von Bedingungen ab, die nicht vom Markt selbst geschaffen werden. So wird der Wirtschaftsprozeß nur bei einem funktionierenden Geldwesen zufriedenstellend ablaufen. Auf einigen Märkten brächte eine freie Entscheidung der Anbieter und Nachfrager Ergebnisse, die politisch nicht gewollt sind. Würde man bei Verkehrswegen in einem begrenzten Raum jedem gestatten, ein Angebot auf den Markt zu bringen, könnte ein Chaos die Folge sein. Die Verteilungsergebnisse desMarktes brauchen nicht mit der vorherrschenden Ansicht über eine "gerechte" Verteilung übereinzustimmen. Es wurden bereits Bevölkerungsgruppen erwähnt, die kein Einkommen über denMarkt beziehen. Aber auch die Bezieher von Markteinkommen werden wünschen, daß ihr "soziales Gepäck" (wie Familiengröße), das vom Markt nicht honoriert wird, Berücksichtigung bei der Einkommensverteilung findet. Eine Gruppe von Nationalökonomen bestimmt die Funktion des Staates in einer Marktwirtschaft nach den ersten drei Gründen. Danach wird dem Staat die Aufgabe zuteil, eine Wirtschaftsordnung zu planen und zu realisieren, die einen von direkten staatlichen Einflußnahmen freien, reibungslosen Ablauf des Wirtschaftsprozesses gestattet. Nationalökonomen, die diese Auffassung vertreten, werden häufig als "Neoliberale" bezeichnet, weil sie am Kern der klassischen (liberalen) Ansicht festhalten, dem Staat aber eine stärkere Stellung ge- 48 Erster Teil. Grundlagen genüber der Wirtschaft oder neue Aufgaben zuweisen. Ansonsten hat das Attribut "neoliberal" genausowenig mit einer Weltanschauung zu tun wie das Prädikat "liberal" für die Marktwirtschaft. Wird dem Staat zudem eine Verteilungsaufgabe übertragen (auch der vierte Grund), spricht man von der Wirtschaftsordnung der Sozialen Marktwirtschaft (ALFRED MÜLLER-ARMACK (1901-1978)), die als eine Variante der "neoliberalen" Vorstellungen verstanden werden kann. Die Vertreter der neoliberalsozialen Konzeption einer Marktwirtschaft haben auf die Wirtschaftspolitik in der Bundesrepublik - vor allem in den ersten beiden Jahrzehnten ihres Bestehens - einen dominierenden Einfluß ausgeübt, obgleich ihre Vorstellungen nur teilweise realisiert wurden. Widerspruchsfreie Alternativkonzeptionen fehlen. Das ist vor allem deswegen bemerkenswert, weil die "neoliberal-soziale" Marktwirtschaft erheblicher Kritik unterliegt. So einig sich die Kritiker auch in der Stoßrichtung sein mögen: In den von ihnen vorgeschlagenen Alternativen kann man sich kaum eine größere Streubreite vorstellen. Es seien nur beispielhaft einige dieser "Alternativen" erwähnt. Eine Gruppe von Nationalökonomen vertritt die Auffassung, der Staat habe unter Beibehaltung des marktwirtschaftlichen Systems für eine grobe Prozeßlenkung - die Globalsteuerung - zu sorgen. Dabei sollen auf der Basis volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen und Projektionen globale Planziele oder Orientierungsdaten (wie gesamtwirtschaftliche, regionale und sektorale Wachstumsraten, Steigerungsraten des Preis- und Lohnniveaus, Lohn- und Investitionsquoten) aufgestellt werden, an denen sich die Einzelwirtschaften und Verbände bei ihren Planungen oder Empfehlungen ausrichten können und auf deren Realisierung der Staat gegebenenfalls mit geeigneten Maßnahmen (z. B. Kreditplafondierung, Genehmigungsverfahren, Preis- und Lohnkontrollen) hinzuwirken hat. Es dürfte nicht allzu schwierig sein, den Widerspruch in dieser Konzeption zu entdecken. Die bei staatlicher Prozeßsteuerung verbleibenden Konkurrenzelemente reichen kaum aus, das Bestehen einer marktwirtschaftlichen Ordnung auf Dauer zu sichern oder sind so stark, daß die Verkündung globaler Ziele und Orientierungsdaten kaum mehr ist als ein auf Wunschdenken beruhendes wirtschaftspolitisches Glaubensbekenntnis. Marktwirtschaft nur auf der unteren Ebene der einzelwirtschaftlichen Beziehungen ist eine vom Ansatz her problematische Konzeption. Eng verwandt mit der eben erläuterten Ansicht ist die Vorstellung von einer Wirtschaftsordnung, die eine beliebige Mischung von markt- und zentralverwaltungswirtschaftlichen Elementen enthält. Sie schlägt sich in der Hypothese nieder, die Wirtschaftsordnungen des "Westens" und "Ostens" würden immer ähnlicher (Konvergenzhypothese). Methodologisch ist zwischen ordnungspolitischen Konzeptionen und Hypothesen scharf zu trennen. Eine konsistente Konzeption über die Vereinbarkeit dezentraler und zentraler Lenkung des Wirtschaftsprozesses gibt es bisher nicht. Die Konvergenzhypothese wurde durch politische Ereignisse der letzten Jahrzehnte - im Osten mehr als im Westen - häufig genug widerlegt. Eine dritte Gruppe von Kritikern möchte die Wirtschaftslenkung nicht am Eigeninteresse, sondern am Altruismus orientieren. Der Interessenausgleich soll dann nicht durch Wettbewerb amMarkt, sondern durch ständische Institutionen (berufsständische Ordnung), Delegier- 3. Sozialer Rahmen 49 tenentscheidung (Rätesystem) oder genossenschaftliche Verteilungsorgane (z. B. wie in einem israelischen Kibuzzim) erreicht werden. Viele Menschen werden vielleicht dem Altruismus einen höheren ethischenWert beimessen als dem Eigeninteresse, wenngleich letzteres nicht mit Egoismus verwechselt werden darf. Die Konzeption einer Wirtschaftsordnung hat jedoch, wenn sie sich am eingangs definierten Wissenschaftsbegriff ausrichtet, von einer menschlichen Verhaltensweise auszugehen, wie sie tatsächlich ist. Utopien haben in wissenschaftlich begründeten ordnungspolitischen Konzepten keinen Platz. Berücksichtigt man, daß der Staat seine Tätigkeit vielfach nicht an marktwirtschaftlichen Grundsätzen orientiert und aus mancherlei Erwägungen zu Eingriffen (Interventionen) in den Wirtschaftsprozeß neigt (typische Interventionsbereiche in der Bundesrepublik: Landwirtschaft, Kohlenbergbau, Verkehrssektor, Rundfunk und Fernsehen), muß man in der Realität von einer pragmatischen Mischung dezentraler und zentraler Lenkungselemente ausgehen. Zu den schwierigen Fragen in der Theorie der Wirtschaftspolitik gehört die nach der ordnungspolitischen Stabilität solcher mixed economies. K 3 -1 Zusammenbruch der zentralen Planung Die Auflösung der Sowjetunion und der Zerfall des Ostblocks im Jahr 1991 sind nach weitgehend unbestrittener Auffassung vor allem wirtschaftlichen Ursachen zuzuschreiben. Auf einen kurzen Nenner gebracht: Die Zentralverwaltungswirtschaft, die zentrale Abstimmung der Wirtschaftspläne, hat versagt. Alle Reformer in diesen Ländern streben deshalb eine marktwirtschaftliche Ordnung an und vielen dient die Soziale Marktwirtschaft der Bundesrepublik Deutschland als Vorbild. Warum hat sich die marktwirtschaftliche Koordination als überlegen erwiesen? Wirtschaften bedeutet - unabhängig von der Art des gesamtwirtschaftlichen Lenkungssystems -, in der Gegenwart Auswahlentscheidungen zu treffen, die sich auf künftige Erwartungen richten. Trotz aller Versuche, die Zukunft zu erforschen, bleibt ein Entscheidungsrisiko. Fehlentscheidungen - gemessen an der zukünftigen tatsächlichen Entwicklung - und daraus folgende Verluste an knappen Gütern sind unvermeidlich. Das Ausmaß solcher Verluste ist in einer Marktwirtschaft insbesondere aus zwei Gründen systemtypisch geringer als in einer Zentralverwaltungswirtschaft. Ein erster Grund ist die Informationsfunktion des Marktes, vor allem, wenn Wettbewerb herrscht. Wettbewerb wird nach modernem, auf FRIED- RICH AUGUST VON HAYEK (1899-1992) zurückgehendem Verständnis als ein Verfahren zur Entdeckung von Tatsachen verstanden, die ohne ihn entweder unbekannt bleiben oder zumindest nicht genutzt werden würden. Im Entdeckungsprozeß kann mehr Wissen genutzt und können damit mehr Pläne erfüllt werden als bei einer zentral gelenkten Produktion und Verteilung von Gütern. Durch Marktinformationen werden unvermeidliche Planungsfehler der Wirtschaftssubjekte relativ gering gehalten, rasch korrigiert oder vermieden. An der Wissensüberlegenheit der Marktwirtschaft hat sich auch durch die Entwicklung der modernen Kommunikationstechnologie, die nach verbreiteter Auffassung die Nachteile der Zentralverwaltungswirtschaft ausgleichen könnte, nichts entscheidend 50 Erster Teil. Grundlagen II. Charakteristika des marktwirtschaftlichen Systems Freiheiten Unter freier Betätigung der wirtschaftlichen Einheiten in einer Marktwirtschaft versteht man die Möglichkeiten, zwischen den amMarkt gegebenen Alternativen als Konsument frei wählen, über privates Eigentum frei verfügen und sich als Beteiligter am Markt frei entfalten zu können. Diese Freiheiten und die oben behandelte Wirkungsweise der Planabstimmung über denMarkt konstituieren diemarktwirtschaftliche Ordnung. Die für die Lenkung des Wirtschaftsprozesses wichtigste Freiheit ist die des Konsumenten, sein Einkommen so zu verausgaben oder zu sparen, wie er es für richtig hält. Sie ist eine notwendige Bedingung dafür, daß der volkswirtschaftliche Produktionsapparat auf die Konsumentenwünsche ausgerichtet wird. Haben die Konsumenten freie Wahl zwischen den am Markt gebotenen Alternativen, können sich auf lange Sicht nur solche Produzenten behaupten, die die Konsumentenwünsche zu erfüllen vermögen. Man hat die marktwirtschaftliche Ordnung deshalb auch als System derKonsumentensouveränität bezeichnet (EDWIN CANNAN). Wird aber diese Freiheit nicht illusorisch bei den Möglichkeiten der modernen Werbung? Kauft der Konsument überhaupt, was er will? Sind die Güter, die er kauft, nicht selten "wertlos"? Es sind zwei Probleme, die hinter solchen und ähnlichen Fragen stehen. Ein erstes Problem besteht darin, daß es verschiedene Ansichten darüber gibt, was der einzelne mit seinem Einkommen tun sollte. Man könnte es für wünschenswert halten, daß die Verbraucher mehr klassische Literatur statt Groschenromane oder mehr seriöse Zeitungen statt Boulevardblätter lesen. Konsumentensouveränität schließt jedoch eine Geschmacksdiktatur aus, die einzelnen das Urteil anderer aufnötigt, selbst wenn die Ansichten über die Kriterien des Urteils von der Mehrheit geteilt werden. Eine in ihren Aussagen wertfreie Wirtschaftstheorie hat - wie ergeändert. Ein zweiter Grund ist die Dezentralität der Lenkung. Im Hinblick auf die unterschiedlichen Erwartungen kommt es zur Kompensation von positiven oder negativen Fehlerwartungen und damit zur Begrenzung von Verlusten. Die verbleibenden unvermeidlichen Verluste sind jedenfalls geringer als bei einer für alle geltenden gesamtwirtschaftlichen Fehlentscheidung, ohne Kompensation im einzelnen. Für zentralgelenkte Volkswirtschaften sind eine hohe versteckte Arbeitslosigkeit, eine geringe Produktivität und eine schlechte Produktqualität typisch. Diese Erscheinungen sind die Folgen eines fehlenden Wettbewerbs auf Güter- und Faktormärkten. Auch die typischen Umweltverwüstungen in diesen Ländern sind eher als Konsequenz eines Systems zu begreifen, das auf strikte Planerfüllung - ohne Rücksicht auf Menschen und Natur - ausgerichtet ist. Im Übringen sind schwere Beeinträchtungen der Umwelt nicht nur auf die zentrale Planung zurückzuführen, sondern auch typische Begleiterscheinungen aufstrebender Industrienationen. 3. Sozialer Rahmen 51 wähnt - von den Dingen auszugehen, wie sie sind und nicht, wie sie sein sollen. Nichts anderes gilt für die Beurteilung des Sparens. Wieviel vom Einkommen nicht verausgabt wird, ist eine Frage der privaten Entscheidung. Unfreiwilliges, erzwungenes Sparen - auf welchem Weg auch immer - ist mit dieser Entscheidungssouveränität unvereinbar und setzt an die Stelle individueller Wünsche eine Art höhere Einsicht, letztlich eine Urteilsanmaßung. Ein zweites Problem der Konsumentensouveränität wird darin gesehen, daß die Menschen eigentlich nicht das tun, was sie selbst wollen, sondern was andere ihnen einreden oder aufnötigen (Manipulation individueller Entscheidungen). In einem formalen Sinne ist dieser Einwand unbeachtlich. Denn es kann nur das abgesetzt werden, wofür sich Käufer finden. Das gilt auch, wenn derWettbewerb beschränkt ist. Wettbewerbsbeschränkungen beeinflussen v. a. die Einkommens- und Produktionsfaktorenverteilung (Distributions- und Allokationseffekte), beseitigen jedoch letztlich nicht die Konsumentensouveränität. Praktische Bedeutung erhielte der Einwand erst dann, wenn nachgewiesen werden könnte, daß die Anbieter der Güter auch die "Produzenten" der Nachfrage sind. Eine empirische Bestätigung für die Hypothese der Nachfragesteuerung durch die Produzenten fehlt bisher. Vielmehr sprechen gegen diese Behauptung so viele Beweise, daß sie als falsifiziert gelten muß. Der Einfluß der Werbung - empirisch ohnedies kaummeßbar - soll damit nicht geleugnet werden. Einerseits läßt sich beobachten, daß trotz hoher Werbeaufwendungen bestimmte Erzeugnisse kaum abzusetzen sind (z. B. neueingeführte Zigarettenmarken). Andererseits gibt es Produkte, die bei minimaler Werbung so reißenden Absatz finden, daß die Anbieter die Verbraucherwünsche erst nachMonaten oder Jahren erfüllen können. Die Konsumentensouveränität wirkt also nicht nur negativ, d. h. durch Zurückweisen des Angebots (sogenanntes Vetorecht), sondern auch positiv, indem bestimmte Produzenten - unabhängig von ihrer Marktstellung - belohnt werden. Es ist also einige Skepsis gegenüber der beliebten, für bestimmte Absichten durchaus zweckmäßigen Behauptung von der Manipulierbarkeit der Verbraucher angezeigt. Sofern mit Werbung die Marktinformation verbessert wird, ist gegen sie vom Standpunkt einer unabhängigen Verbraucherentscheidung nicht nur nichts einzuwenden. Sie ist vielmehr eine wichtige Bedingung für das Funktionieren des Marktmechanismus in einer hochgradig arbeitsteiligen Volkswirtschaft. Viele Nationalökonomen unterscheiden die Zentralverwaltungs- und Marktwirtschaft auch nach der in ihnen dominierenden Eigentumsform. Während die Zentralverwaltungswirtschaft Privateigentum allenfalls an Konsumgütern, nicht jedoch an Produktionsmitteln zuläßt, gibt es in der Marktwirtschaft keine Beschränkung dieser Art. In ihr hat dasPrivateigentum an Produktionsmitteln konstitutionellen Charakter (Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland), wenngleich es durch Gesetz geregelte Beschränkungen des Verfügungsrechts über das private Eigentum geben kann. Die verschiedenen staatlichen Aktivitäten führen in allen Wirtschaftsordnungen aber auch zu Staatseigentum an Produktionsmitteln. Deshalb läßt sich der Unterschied zwischen zentral und dezentral gelenkten Wirtschaften nach dem Merkmal der Eigentumsform nur so bestimmen, daß die erstere Staatseigentum an Produktionsmitteln als Regelfall 52 Erster Teil. Grundlagen betrachtet (Staatskapitalismus), während die letztere Privateigentum daran ausdrücklich vorsieht. Untersucht man die bestehenden Volkswirtschaften nach den in ihnen realisierten Eigentumsformen, wird der Befund stets auf ein "mehr oder weniger" der einen oder anderen Eigentumsform lauten. Letztlich kommt es nicht auf das Eigentums-, sondern auf das Verfügungsrecht an. Es sprechen einige ökonomische Gründe dafür, die Möglichkeiten zur Privateigentumsbildung tunlichst offenzuhalten. Dadurch sollen der persönlichen Initiative Anreize zur Vermögens- und Einkommensbildung gegeben, sowie die ökonomisch beste Kapitalnutzung angestrebt und die Freiheit zur Gründung von Produktionsstätten erhalten werden. Die private Verfügung über die Produktionsmittel hat diese Funktionen auch heute noch, wenngleich sich im Hinblick auf die Größe der Unternehmenseinheiten (Unternehmens- und Kapitaltalkonzentration) inzwischen die Form des Anteilseigentums - mit einer häufig schwachen Eigentümerposition - durchgesetzt hat. Die verbreitete Kritik am "Kapitalismus" hat lange verkannt, daß die aus dem Privateigentum folgenden ökonomischen Wirkungen auch dann auftreten können, wenn die Eigentümer der Produktionsmittel selbst nicht produzieren, wenn also im juristischen Sinn nur Besitz vorliegt. Sobald erkannt wurde, daß es letztlich nicht auf Eigentums-, sondern auf Verfügungsrechte ankommt, lag es nahe, die unpopuläre Forderung nach Verstaatlichung der Produktionsmittel durch die nach Mitbestimmung zu ersetzen. Allerdings ist bisher übersehen worden, daß ökonomisch kein Grund zu einer scharfen Trennung von sachlichen Produktionsmitteln und Arbeitsleistungen (human capital) besteht. Beide sind Quellen des Einkommens, zur Produktion notwendig und in ihrer Qualität von Investitionen abhängig. Eine qualifizierte Ausbildung kann sehr viel mehr kosten als die Kapitalausrüstung eines kleinen Unternehmens oder die Ausstattung eines Haushalts mit langlebigen Konsumgütern (Haushaltsinvestition). Unter den Verhältnissen einer dezentral gelenkten Volkswirtschaft dürfte es deshalb schwer sein, plausible gesellschaftliche oder gar ökonomische Gründe für besondere Verfügungs- oder Mitbestimmungsrechte an Produktionsfaktoren zu finden. Freie privatwirtschaftliche Aktivität bedeutet, daß sich jedermann für jede Art von wirtschaftlicher Tätigkeit entscheiden kann. Die freie Berufswahl ist in der Bundesrepublik Deutschland durch das Grundgesetz garantiert. Auch hier sind gewisse Beschränkungen unvermeidlich, die sich meist in bestimmten qualitativen Zulassungskriterien ausdrücken. Zu denken ist an Dienstleistungen, die mit der Gesundheit und Sicherheit des Menschen zu tun haben (z. B. Approbation bei Ärzten und Apothekern). Innerhalb gesetzlich verankerter Grenzen bleibt es in einer Marktwirtschaft jedem unbenommen, beliebige Tätigkeiten aufzunehmen. Gesetzlich garantierte Möglichkeiten besitzen, heißt jedoch nicht, Ansprüche auf die für ihre Realisierung notwendigen Mittel zu haben. Die Gründung eines Unternehmens mag in zahlreichen Fällen nicht durchführbar sein, da für den Produktionsbeginn Kapital erforderlich ist. Wer nicht bereits über Kapital verfügt, wird häufig auch keine Kredite bekommen. Jedermann hat zwar das Recht, sein Arbeitnehmerverhältnis aufzugeben und selbständig zu werden. Einen Anspruch auf das Gründungskapital besitzt er 3. Sozialer Rahmen 53 dagegen nicht, obwohl es vielleicht ökonomisch zweckmäßiger wäre, kreativen und initiativen, aber mittellosen Interessenten leichter zu Startkapital zu verhelfen, als es gegenwärtig der Fall ist. Freie Entscheidungsmöglichkeit setzt räumliche und berufliche Freizügigkeit voraus, mit der sich für viele Menschen im wesentlichen die Vorstellung von Freiheit verbindet. Ökonomisch gesehen verspricht die freie Berufswahl am ehesten diejenige Faktorallokation, bei der angesichts der unterschiedlichen Begabungen der Menschen das wirtschaftliche Ergebnis maximiert wird. Wirkungen des Preismechanismus In einer Marktwirtschaft erfolgt die Koordination wirtschaftlicher Interessen über eine Vielzahl von Märkten, auf denen sich im Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage Preise bilden. Sie dienen den Marktbeteiligten als wichtiges Signal zur Ausrichtung ihrer Dispositionen. Ändern sich Angebot und (oder) Nachfrage, kann es zu Preisänderungen kommen, die ihrerseits wieder Anpassungs- und Preisänderungsreaktionen auslösen (Preismechanismus). Die Wirkungen des Preismechanismus sollen am Beispiel der Fahrzeugbranche erläutert werden. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Zweiradindustrie zunächst vollbeschäftigt, weil sie ein Fortbewegungsmittel produzierte, das bei den damaligen Einkommensverhältnissen und dem enormen Nachholbedarf für breite Bevölkerungsschichten erschwinglich war. Die Preise blieben lange Zeit relativ stabil, und die angebotenen oder abgesetzten Mengen schwankten nur gering. Mit zunehmendem Einkommen und demNachlassen des Nachholbedarfs bestand die Möglichkeit, höherwertige Konsumgüter anzuschaffen. Daswirkte sich in der Fahrzeugbranche in derWeise aus, daß dieNachfrage auf dem Zweiradmarkt ab- und auf demMarkt für Kleinwagen zunahm. Die Kleinwagenanbieter sahen sich einer unerwarteten Nachfrage gegenüber, die ihnen Preiserhöhungen gestattete. Die Zweiradindustrie mußte Preissenkungen und Gewinneinbußen hinnehmen. Die ertragswirksamen Preisänderungen zogen Produktionsänderungen nach sich. Die Produzenten von Fahrrädern und Motorrollern drosselten ihre Produktion, die von Kleinwagen weiteten sie aus. Da die Produktionsfaktoren in der Zweiradproduktion weniger gefragt waren, sanken die Faktorentgelte relativ ebenso wie die Preise des Produkts, während in der Kleinwagenherstellung eine steigende Faktornachfrage die Entgelte hinauftrieb. Änderungen in der Faktornachfrage und Entlohnung führten dazu, daß die Produktionsfaktoren aus der unrentablen Produktion abwanderten und in der Produktion mit der steigenden Produktnachfrage eingesetzt wurden. Dauerhafte Arbeitslosigkeit trat nicht auf. Ob sich solche Faktoreinsatzänderungen zwischen verschiedenen Unternehmen und Regionen vollzogen oder im gleichen Unternehmen möglich waren, hatte gesamtwirtschaftlich keine Bedeutung, war allerdings für manche Unternehmen eine Existenzfrage. Die Nachfrageänderung der Verbraucher kann, wie das Beispiel illustriert, folgende Kettenwirkungen haben, wodurch zugleich die verschiedenen Preisfunktionen deutlich werden: Der Preis des weniger nachgefragten Gutes fällt, der des stärker nachgefragten steigt. Die Preisänderungen zeigen, wie sich die Knappheitsverhältnisse 54 Erster Teil. Grundlagen verschieben (Knappheitsmesser- oder Signalfunktion). Es kommt nicht auf die absolute Höhe eines Preises, sondern auf die Änderungen der relativen Preise an. Der Preismechanismus sorgt für die Abstimmung der Pläne sowohl auf einemMarkt als auch auf allen dazu in Beziehung stehenden Märkten (Planabstimmungsfunktion). Die Produktionsfaktoren wechseln von der Produktion mit abnehmender zu der mit zunehmender Rentabilität (Allokationsfunktion). Mit der laufenden Marktabstimmung werden vergangene Entscheidungen korrigiert (Zeitüberbrückungsfunktion). Die Entgelte der Produktionsfaktoren spiegeln die durch die Nachfrageänderung ausgelöste Preisbewegung wider (Verteilungsfunktion). Zahlreiche Beobachtungen bestätigen, daß auf lange Sicht der Preismechanismus so wirkt, wie es im Beispiel dargestellt wurde, auch wenn kurzfristige Abweichungen vom erwarteten Verhalten eintreten können. Auch wenn es zweckmäßig scheint, von der Absicht der Gewinn- und Nutzenmaximierung bei Anbietern bzw. Nachfragern auszugehen, so ist damit ihre tatsächliche Verhaltensweise noch nicht eindeutig festgelegt. Viele Ökonomen vertreten die Ansicht, die beobachtbaren Verhaltensweisen seien durch die Zahl und/oder die relative Größe der Marktparteien, die Marktformen, determiniert (Marktformenlehre). Nach einer zweiten Auffassung brauchen aus einer genau definierten Marktform keineswegs eindeutige Verhaltensweisen zu folgen (behavioristische Theorie). Die ältere Marktformenlehre stellt allein auf die Zahl der Marktteilnehmer ab. Gängig ist die Einteilung von HEINRICH VON STACKELBERG, der jede Marktseite dreifach gliedert, je nachdem, ob nur ein Marktteilnehmer, wenige oder viele auf der Angebots- oder Nachfrageseite vorhanden sind. Ist auf einer Marktseite nur ein Marktteilnehmer vorhanden, spricht man vom Monopol, bei wenigen vom Oligopol, bei vielen vom Polypol (Konkurrenz). Unter Berücksichtigung der Angebots- und Nachfrageseite gibt es nach den Regeln der Kombinatorik insgesamt neun Marktformen (Übers. 3- 1). Übers. 3-1: Marktformen viele wenige einer viele vollständigeKonkurrenz Nachfrageoligopol Nachfragemonopol wenige Angebotsoligopol Zweiseitiges Oligopol Beschränktes Nachfragemonopol einer Angebotsmonopol Beschränktes Angebotsmonopol Zweiseitiges Monopol Nachfrage: Angebot: 3. Sozialer Rahmen 55 Stellt man zusätzlich auf die relative Größe der Marktteilnehmer ab, lassen sich noch das Teilmonopol (ein Großer, mehrere Kleine) und das Teiloligopol (wenige Große, mehrere Kleine) unterscheiden. Die Zahl der denkmöglichen Marktformen erhöht sich dann auf 25 (WALTER EUCKEN). Eine weitere Differenzierungsmöglichkeit erhält man bei Verschiedenheit der Güter (Gutsheterogenität); sie wird später behandelt (7. Kap.). Nach der behavioristischen Theorie gibt es unabhängig von der Marktform zwei Verhaltensweisen: Anpassung und Strategie. Von Anpassung wird gesprochen, wenn ein Marktteilnehmer glaubt, daß seine entscheidungsrelevanten Marktgrößen (wie Preis oder Menge, Produktqualität, Absatzweg, Marktform) von ihm nicht beeinflußt werden können. Diese Größen sind für ihn Daten. So ist ein Landwirt, der den Kartoffelpreis als Datum ansieht, ein Anpasser, da ihm meist nur die Möglichkeit bleibt, seine angebotene Menge in Abhängigkeit vom jeweiligen Marktpreis zu bestimmen. Die Menge ist sein Aktionsparameter (Mengenanpasser). Strategie liegt vor, wenn ein Marktteilnehmer mit der Erwartung agiert, daß durch sein Handeln die Marktgrößen verändert werden und Reaktionen der Konkurrenten möglich sind. Ist ein Anbieter allein auf demMarkt, wird er sich vermutlich anders verhalten als einer, der ein gleichartiges Produkt zusammen mit vielen Konkurrenten anbietet. Es ist unwahrscheinlich, daß ein in scharfer Konkurrenz stehender Anbieter den Preis als eine durch seine Entscheidung beeinflußbare Größe ansieht. Würde er es dennoch tun, hätte er unangenehme Überraschungen zu befürchten. Ähnlich verhält es sich mit anderen Marktgrößen. In den praktisch am häufigsten vorkommenden Fällen, in denen nur einige Anbieter und (oder) Nachfrager auf demMarkt sind (Oligopole), können - auch bei Berücksichtigung ihrer Größe - eindeutige Aussagen über das Verhalten oft nicht gemacht werden. Weder läßt sich von der Marktform des Oligopols ohne weiteres auf ein bestimmtes Verhalten der Oligopolisten schließen, noch läßt ein beobachtetes Verhalten Rückschlüsse auf die vorliegende Marktform zu. Die Marktformen- und Verhaltenslehren sind methodologisch gesehen nichts weiter als Klassifikationsversuche. Es wird ein Begriffsapparat geliefert, mit dem sich Hypothesen formulieren lassen. Die bisherigen Erfahrungen mit solchen Hypothesen sind nicht besonders ermutigend. Beide Lehren sind von abnehmender Bedeutung. Unter empirischen Aspekten, das heißt vom Standpunkt einer brauchbaren Theorie, spricht manches dafür, weder die Marktform noch die individuelle Verhaltensweise, sondern die vorherrschende Verhaltensweise auf einem Markt als relevant zu betrachten. Nach dieser Konzeption des dominantenMarktverhaltens kann das Marktgeschehen besser erklärt werden, als es mit den Begriffssystemen der beiden traditionellen Auffassungen möglich ist. Der Preismechanismus - dessenWirkungen von Verhaltensweisen abhängen - funktioniert nur innerhalb bestimmter Grenzen. Er darf nicht zur Bewältigung von Aufgaben in Anspruch genommenwerden, die er zu lösen außerstande ist. Die Preise sind zwar grundsätzlich in der Lage, Knappheitsverhältnisse anzuzeigen, die Produktionsfaktoren in die jeweils rentabelste Verwendungsrichtung zu lenken und die Pläne auf den Märkten abzustimmen. Man kann jedoch vom Preismechanismus nicht erwarten: 56 Erster Teil. Grundlagen eine Entlohnung nach dem, was gemeinhin als "Leistung" verstanden wird; eine Einkommensverteilung, die nach irgendwelchen Ansichten - und seien es die einer Mehrheit - "sozial gerecht" ist; eine "gleichmäßige" Faktorverteilung im Raum. Die Faktorentgelte richten sich in einer Marktwirtschaft nach dem Dienst, den man einem anderen, einem Nachfrager, zu erweisen vermag. Sind die gewünschten Leistungen relativ knapp, ist das Entgelt höher als bei reichlicherem Angebot. Niemand zahlt nur deshalb einen Preis für eine Leistung, weil für deren Erstellung Aufwendungen gemacht wurden.Wermit großer geistigerMühe eine Erfindung macht, bei deren Verwertung ihm jemand, der einen plötzlichen Einfall hatte, zuvorgekommen ist, hat vielleicht die besten Jahre seines Lebens ohne ökonomischen Erfolg gearbeitet. Glück, Zufall oder intuitives Erkennen einer Chance spielen unter Umständen eine größere Rolle als physische oder geistige Anstrengungen. Aus dem gleichen Grund ist in einer Marktwirtschaft in der Regel eine Einkommensverteilung zu erwarten, die nach Ansicht irgendwelcher Gruppen, Mehr- oder Minderheiten das Prädikat "sozial ungerecht" verdient. Vermutlich würden die meisten Menschen eine Verteilung dann als gerecht empfinden, wenn sie in etwa die - freilich schwer zu messenden - Arbeitsmühen widerspiegelt. Eine solche Einkommensverteilung könnte der Preismechanismus nicht bewirken. Er ist bei der Entlohnung "blind" für den physischen und geistigen Arbeitsaufwand. Sein Entlohnungsprinzip heißt Güterknappheit. Nicht nur die inhaltliche Bestimmung, sondern schon die Bildung des Begriffs "soziale Gerechtigkeit" ist problematisch. In der menschlichen Gesellschaft gibt es niemals völlige Übereinstimmung von persönlichen Werturteilen. "Soziale Gerechtigkeit" für eine Gruppe bedeutet Ungerechtigkeit und Zwang für eine andere. Diese Aussage gilt für alle Wirschaftsordnungen. Der Vorteil der Marktwirtschaft liegt darin, daß der Verteilungsprozeß nicht durch herrschende Gruppen gesteuert und nicht durch Unfreiheit erkauft werden muß. Schließlich führt der Allokationsprozeß nicht zu einer gleichmäßigen Verteilung der Faktoren im Raum. Die ökonomische Eignung der Faktoren für Produktion und Angebot ist grundsätzlich regional unterschiedlich. Der Preismechanismus gibt nur Anreize, ohne die Faktoren zur Wanderung in Verwendungen zu zwingen, in denen das höchste Entgelt zu erzielen wäre. Schafft der Staat zusätzlich künstliche Hemmnisse, die eine Wanderung der Faktoren unterbinden können - Beispiele dafür lassen sich in der Landwirtschaft und im Bergbau leicht finden -, wird sich eine andere Raumstruktur bilden als bei freier Entfaltung des Marktmechanismus. III. Ziele der Wirtschaftspolitik Freiheitspostulat und Wirtschaftspolitik Es ist für die theoretische Analyse nützlich, die Ziele der Wirtschaftspolitik im Auge zu behalten. Was will man in einem Lande wirtschaftlich erreichen, was wird angestrebt? Das nach einem verbreiteten Werturteil wichtigste Ziel ist die Erhaltung der Freiheit und des Friedens. Diese Grundanliegen sind in erster Li- 3. Sozialer Rahmen 57 nie Ziele der allgemeinen Politik, aber auch für die Wirtschaftspolitik bedeutsam. Offenkundig ist dieser Zusammenhang beim Ziel Freiheit. Einige Aspekte seien kurz angesprochen. Hat man sich für eine freiheitliche Gesellschaftsordnung entschieden, wäre es ein Widerspruch, ein Wirtschaftssystem zu wählen, das die freie Betätigung ausschließt oder nur unter Schwierigkeiten gestattet. Vom Ziel der Freiheit her gesehen ist deswegen die Erhaltung der marktwirtschaftlichen Ordnung die wichtigste Aufgabe der Wirtschaftspolitik. Die Entscheidung für ein bestimmtes Lenkungssystem läßt immer noch einigen Spielraum für eine wirtschaftspolitische Gestaltung. Die tatsächlich anzutreffenden Ausprägungen der Wirtschaftssysteme, die Wirtschaftsordnungen, sind mannigfaltig. In konkreten Einzelfällen kann es schwierig sein, das Gewicht der beiden Formen der Planung und Lenkung des Wirtschaftsprozesses (zentral oder dezentral) abzuschätzen. Da in der Wirtschaft undWirtschaftspolitik ständige Veränderungen die Regel bilden, sollte bei wirtschaftspolitischen Maßnahmen bedacht werden, ob sie noch mit einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung vereinbar sind, sofern diese ein Ziel ist (Prinzip der Systemkonformität von Maßnahmen). Sicherlich gibt es weder eine absolute Freiheit noch unabdingbare Ansprüche auf Erhaltung der bestehenden Freiheitsspielräume. Die Gründe für Freiheitsbeschränkungen können sehr verschieden sein. Eine generelle Tendenz ist unübersehbar: In einer enger gewordenen Welt sind gewisse Freiheitsbereiche und die freiheitliche Betätigung aller immer schwieriger zu erhalten oder zu erreichen. Nicht selten werden Freiheiten beschränkt oder beseitigt, weil man vom Einsatz wirtschaftspolitischer Mittel ökonomisch günstige Ergebnisse erwartet, obwohl deren Eintreten zweifelhaft ist; die mittelbaren Folgen und Nebenwirkungen der Anwendung wirtschaftspolitischer Maßnahmen nicht bedenkt; wirtschaftspolitisch handelt, ohne nach den ordnungspolitischen Konsequenzen zu fragen (punktueller Interventionismus). Es ist schwierig, den Inhalt und das Ausmaß der Freiheit zu bestimmen, die für das Funktionieren der Marktwirtschaft erforderlich ist. Im ständigen Bemühen um eine Grenzziehung zwischen Freiheit und Zwang vermittelt jedoch die Kenntnis der marktwirtschaftlichen Zusammenhänge Markierungspunkte, die in der Praxis von großem Nutzen sein können. Häufig zeigt sich, daß relativ leicht gesagt werden kann, was nicht mit den Funktionsprinzipien einer Marktwirtschaft vereinbar ist. Daß inMarktwirtschaften immerwieder systemfremde Eingriffe vorgenommen und überstanden werden, ist zwar ein Beweis für die Robustheit des marktwirtschaftlichen Lenkungssystems, doch auch Ursache fortgesetzter Schwierigkeiten. Die Beobachtung der Wirklichkeit liefert dafür ein ungewöhnlich reiches Anschauungsmaterial. Oftmals werden jedoch bei oberflächlicher Analyse die Schwierigkeiten nicht als Ergebnis früherer Eingriffe, sondern als Fehler der Marktwirtschaft betrachtet. Zu wenig wird die Interdependenz des Planabstimmungsprozesses beachtet. In der Wirtschaftspolitik ist man - vermutlich mehr als auf anderen Gebieten - beim ersten Schritt noch frei, beim zweiten Knecht (Interventionen als Folge von Interventionen). In der Bundesrepublik Deutschland hat der Gesetzgeber wiederholt ausdrücklich er- 58 Erster Teil. Grundlagen klärt (Gesetz über die Bildung eines Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung vom 14. August 1963 und Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft vom 8. Juni 1967), Ziele derWirtschaftspolitik dürften nur "im Rahmen der marktwirtschaftlichen Ordnung" verfolgt werden. Gesamtwirtschaftliche Ziele Gesamtwirtschaftliche Ziele sind - darüber besteht international Konsens - Vollbeschäftigung, Preisniveaustabilität, Zahlungsbilanzausgleich sowie stetiges und angemessenesWachstum. Die ersten drei sind traditionell anerkannte, von der Wirtschaftspolitik direkt angestrebte Ziele. Erst seit einigen Jahren taucht das Wirtschaftswachstum in Zielkatalogen auf. Die Frage: "Ist Wirtschaftswachstum ein unmittelbares Ziel?", wird unterschiedlich beantwortet. Wer diese Frage bejaht, sieht sich mit der Tatsache konfrontiert, daß ein bestimmtes Wachstum in der Marktwirtschaft das Ergebnis sowohl der staatlichen Wirtschaftspolitik als auch der Entscheidungen von Millionen Haushalten und Unternehmen ist. Daraus wird der Schluß gezogen, die Rate des Wachstums sei in einer Marktwirtschaft nicht vorhersehbar. Wollte man trotzdem eine numerisch bestimmte Wachstumsrate durch wirtschaftspolitische Maßnahmen herbeiführen, würde das den einfachsten Grundsätzen einer rationalen Wirtschaftspolitik widersprechen. Die Kontroverse um einen adäquaten Inhalt des Wachstumszieles schließt Einigkeit darüber nicht aus, daß Wachstum wünschenswert sei - früher sagte man meist "Erhöhung des Lebensstandards" oder "Maximierung des Sozialprodukts". Auch über den Katalog möglicher wachstumsfördernder Maßnahmen ist man sich im wesentlichen einig. Man weiß, daß Vollbeschäftigung, Preisniveaustabilität und Zahlungsbilanzausgleich ebenso einen Einfluß auf das Wachstum einer Marktwirtschaft haben wie Maßnahmen zur Verbesserung der Infrastruktur und des Wettbewerbs. Warum die genannten Ziele angestrebt werden, wird deutlich, wennman bestimmte historische Ereignisse betrachtet. Generell läßt sich sagen: Vollbeschäftigung, Preisniveaustabilität und Zahlungsbilanzausgleich sind die positiven Folgerungen aus negativen Erfahrungen in der Vergangenheit. Man braucht dabei nicht sehr weit zurückzugehen. Die wohl schlimmste wirtschaftliche Erfahrung für die meistenMenschen in der ersten Jahrhunderthälfte war dieMassenarbeitslosigkeit während der Weltwirtschaftskrise in den Jahren nach 1929. Das Aufkommen des Faschismus in Europa dürfte ohne dieses Desaster kaum erklärt werden können. Die Forderung an den Staat, für Vollbeschäftigung zu sorgen, ist seitdem unüberhörbar. Ein anderes, kaum weniger gravierendes Faktum war die Zerrüttung von Währungen. Die Finanzierung der beiden Weltkriege hat in vielen Ländern Inflationen undWährungsneuordnungen zur Folge gehabt, bei denen die Gläubiger monetärer Forderungen, die Sparer, um die Früchte ihrer Arbeit gebracht und die Schuldner entlastet wurden. Starker Preisverfall (Deflation) dagegen ist mit nachteiligen Folgen für die Schuldner und mit Vorteilen für die Gläubiger monetärer Forderungen verbunden. Der Grund für die wechselweise Benachteiligung von Gläubigern und Schuldnern in Inflationen undDeflationen ist fol- 3. Sozialer Rahmen 59 gender: Da die monetären Titel auf eine feste Geldsumme lauten, ändert sich deren Realwert umgekehrt proportional zu den Preisniveaubewegungen. Verdoppeln sich z. B. die Preise innerhalb einer bestimmten Zeitperiode, fällt der Realwert eines monetären Titels auf die Hälfte seines ursprünglichen Wertes. Der Gläubiger dieses Titels erleidet einen Verlust. Der Schuldner macht in gleicher Höhe einen Gewinn. In einer Deflation gilt das Gegenteil. Aus solchen und ähnlichen Folgen schwankender Preisniveaus erwuchs die Forderung nach Preisniveaustabilität. Sie richtet sich nicht nur an Regierung und Parlament, deren Ausgabenwirtschaft meist Ursache der Inflation war, sondern auch an die Zentralbank, der in einigen Ländern eine von beiden unabhängige Stellung gegeben wurde, damit sie ihre Aufgabe als "Hüterin der Währung" erfüllen kann. Eine ebenfalls noch junge Erfahrung sind die Entflechtung derWeltwirtschaft und die Lähmung der internationalen Arbeitsteilung durch Devisenzwangswirtschaft und binnenwirtschaftlich motivierte Abwertungen, hinter denen regelmäßig mangelnde internationale Solidarität, fehlende Einsicht in die Vorteile eines freien internationalen Handels- und Zahlungsverkehrs und ein von nationalen, militärpolitischen und sonstigen Erwägungen geleitetes Autarkiedenken stehen. Nach dem Zweiten Weltkrieg sind die meisten Länder außerhalb des Ostblocks in Verträgen (GATT, Abkommen von Bretton Woods) übereingekommen, den freien Austausch von Gütern grundsätzlich zu wahren und sich gegenseitig Hilfe beim Zahlungsbilanzausgleich zu leisten. Neben den genannten "klassischen" Zielen der Wirtschaftspolitik gibt es andere Ziele, die sich entweder mit diesen überschneiden, nicht allgemein akzeptiert oder oft nicht ausdrücklich genannt werden. Ein Beispiel für den ersten Fall stellt das Ziel "soziale Sicherheit" dar. Soweit damit an eine gesamtwirtschaftliche Arbeitsplatzgarantie gedacht ist, könnte es durch das Ziel Vollbeschäftigung abgedeckt sein. Häufig meint man aber die gesetzliche, nicht auf eigene Vorsorge zurückgehende Absicherung im Fall von Erkrankung und Invalidität sowie die Erhaltung unrentabler Arbeitsplätze. Als Beispiel für den zweiten Fall könnte man die "gerechte Einkommensverteilung" nennen, unter der am häufigsten eine gleichmäßigere Verteilung verstanden wird. Dieses Ziel ist inhaltlich unbestimmt. Da auch eine vollständige Gleichverteilung als ungerecht empfundenwürde, bleibt die Frage nach demAusmaß der noch zulässigen Ungleichmäßigkeit der Verteilung, zum anderen die der Verfügbarkeit über wirtschaftspolitisch operationale Größen, an denen die Einkommensverteilung adäquat gemessenwerden kann. Abgesehen davonwissen wir über die Wirkungen verteilungspolitischer Maßnahmen empirisch wenig. Ein Beispiel für den dritten Fall wäre das "nationale Prestige". Dieses Ziel scheint in manchen Ländern populär zu sein, in anderen tritt es weniger deutlich hervor. In Europa und Nordamerika gehört - von Ausnahmen abgesehen - übertriebener Nationalismus der Vergangenheit an. Das schließt nicht aus, daß man nationales Prestige unausgesprochen für erstrebenswert hält und es sich einiges kosten läßt. Man gewinnt den Eindruck, daß auf manchen Gebieten 60 Erster Teil. Grundlagen ökonomische Einsichten deshalb kaum eine Chance haben. Unrentabel arbeitende und mit offenen oder versteckten Subventionen am Leben erhaltene nationale Unternehmen sind im Luft- und Seeschiffverkehr oder im Flugzeugbau eher Regel als Ausnahme, obwohl es genügend andere leistungsfähige Anbieter auf dem Weltmarkt gibt. Ein besonderes Problem von großer praktischer Tragweite bilden Zielkonflikte. In der Realität treten Konstellationen auf, bei denen einige oder alle gesamtwirtschaftlichen Ziele gleichzeitig nicht erreichbar sind. Besteht in den wichtigsten Welthandelsländern Inflation, wird bei festen Wechselkursen die Preissteigerung auch in Länder exportiert, in denen es vorher keine Inflation gab, weil diese Länder mit zunächst stabilem Preisniveauwegen des internationalen Preisniveaugefälles mehr exportieren als importieren. Dadurch werden sowohl das Gleichgewicht der Zahlungsbilanz gestört als auch das Preisniveau nach oben gedrückt. Zahlungsbilanzausgleich und Preisniveaustabilität sind dann als Ziele unvereinbar (inkompatibel). Neben diesem Zielkonflikt ist insbesondere die Unvereinbarkeit der Ziele Vollbeschäftigung und Preisniveaustabilität in den letzten Jahren diskutiert worden. Solche Konflikte können die wirtschaftspolitischen Instanzen vor die Aufgabe stellen, entweder einen Kompromiß zwischen den Zielen zu suchen oder einfach einem Ziel unbedingten Vorrang zu geben. Überwiegend hat man sich für das Primat der Vollbeschäftigung entschieden, ohne daß die Hypothese von der Inkompatibilität der Ziele Preisniveaustabilität und Vollbeschäftigung empirisch hinreichend gesichert wäre. Zielkonflikte bilden seit längerem einen beliebten Gegenstand wirtschaftswissenschaftlicher Analyse. In diesem Zusammenhang scheint ein Hinweis nützlich: Zielkonflikte haben nichts Zwangsläufiges an sich. Sie entstehen oft, weil institutionelle Hemmnisse (wie feste Wechselkurse) vorhanden sind. Die Analyse der Konfliktfälle hat sich bisher wenig mit der Frage befaßt, was geschehen müßte, um eine Kompatibilität der Ziele zu gewährleisten. Die Konfliktursachen betrachtet man meist als Daten. Deshalb werden sogenannte zweit- und drittbeste Lösungen angeboten, die eine bequeme Ausflucht aus dem Konflikt verheißen. Da die vorgeschlagenen Mittel den eigentlichen Ursachen nicht angemessen sind, kommt eine dauerhafte Lösung oder gar Verhinderung des Konflikts nicht zustande. Literaturempfehlungen zum ersten Teil H. BARTLING - F. LUZIUS, Grundzüge der Volkswirtschaftslehre. Einführung in die Wirtschaftstheorie und Wirtschaftspolitik, 16 A., München 2008. W. CEZANNE, Allgemeine Volkswirtschaftslehre, 6. A., München-Wien 2005. P. ENGELKAMP - F. L. SELL, Einführung in die Volkswirtschaftslehre, 4. A., Berlin-Heidelberg-New York 2007. W. EUCKEN, Die Grundlagen der Nationalökonomie, Berlin-Göttingen-Heidelberg 1950. 3. Sozialer Rahmen 61 M. FRIEDMAN, Kapitalismus und Freiheit, Stuttgart 1971. W. LACHMANN, Volkswirtschaftslehre 1: Grundlagen, 5. A., Berlin-Heidelberg-New York 2006. H. LUCKENBACH, Grundlagen der Volkswirtschaftslehre, München 1994. N. G. MANKIW, Grundzüge der Volkswirtschaftslehre, 3. A., Stuttgart 2004. R. NEUBÄUMER - B. HEWEL (Hrsg.), Volkswirtschaftslehre. Grundlagen der Volkswirtschaftstheorie und Volkswirtschaftspolitik, 4. A., Wiesbaden 2005. W. RÖPKE, Die Lehre von der Wirtschaft, 13. A., Bern-Stuttgart-Wien 1994. M. E. STREIT, Theorie der Wirtschaftspolitik, 6. A., Düsseldorf 2005. U. VAN SUNTUM, Die unsichtbare Hand. Ökonomisches Denken gestern und heute, 3. A., Berlin-Heidelberg-New York 2005. Vahlens Kompendium derWirtschaftstheorie undWirtschaftspolitik, 2 Bde., 9. A., München 2007.

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References

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Der Autor Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Artur Woll lehrte an verschiedenen Universitäten VWL und war Gründungsrektor der heutigen Universität Siegen.