4. Grundlagen: Exogene und endogene Erklärungen in:

Johannes Bröcker, Michael Fritsch (ed.)

Ökonomische Geographie, page 94 - 115

1. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-3888-8, ISBN online: 978-3-8006-3889-5, https://doi.org/10.15358/9783800638895_94

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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II. Raumstrukturen 4. Grundlagen: Exogene und endogene Erklärungen Johannes Bröcker 4.1 Einleitung Ökonomische Geographie ist der Teil der Wirtschaftswissenschaften, der sich mit der Geographie des Wirtschaftens, d. h. der geographischen Verteilung der ökonomischen Aktivität auf der Erdoberfläche befasst. Wirtschaftstätigkeit und Wohlstand sind räumlich äußerst ungleich verteilt, und die Verteilung folgt in mancher Hinsicht auffälligen Regelmäßigkeiten, die als stilisierte Fakten in Kapitel 3 dargelegt sind. Wir wollen wissen: – Wie erklärt man diese Muster und Regelmäßigkeiten? – Kann man prognostizieren, wie sich die Geographie des Wirtschaftens verändert, wenn bestimmte Vorgaben über Parameteränderungen, z. B. sinkende Raumüberwindungskosten für Güter, Menschen und Informationen, gemacht werden? – Sollte man, wenn bestimmte Vorgaben über gesellschaftliche Ziele, z. B. eine geeignet zu definierende Wohlfahrtsmaximierung, gemacht werden, politisch auf die Raumentwicklung Einfluss nehmen, und wenn ja, mit welchen Instrumenten? Dieses Kapitel und die Kapitel 5, 6 und 7 konzentrieren sich auf die ersten beiden Fragen. Wir unterscheiden zwischen exogener und endogener Erklärung der räumlichen Verteilung derWirtschaftstätigkeit. Die exogene Erklärung nimmt bestimmte Unterschiede in der Geographie, die für das Wirtschaften im Raum relevant sind, als gegeben und erklärt, wie Firmen und Haushalte auf diese Unterschiede reagieren und ihre Standortentscheidungen sowie andere wirtschaftliche Entscheidungen (Wahl von Preisen, Input- und Output-Mengen usw.) diesen vorgefundenen Bedingungen anpassen. Die als exogen betrachtete Geographie kann durch physische Merkmale des geographischen Raumes charakterisiert sein (die sogenannte erste Natur), aber auch durchMerkmale, die selbst auf wirtschaftliche Entscheidungen zurückzuführen sind (Standorte der Absatz- oder Beschaffungsmärkte, Standorte von Infrastruktureinrichtungen, räumliche Verteilung von Produktionsfaktoren, die nicht physisch an einen Standort gebunden sind). Diese werden auch zweite Natur genannt. Bei endogener Erklärung schaltet man die erste Natur als mögliche Determinante überhaupt aus, indem man von einem gänzlich homogenen Raum ausgeht. Das heißt nicht, dass die erste Natur ohne Bedeutung ist, aber man braucht nicht viel Theorie, um ihre Wirkung zu verstehen: Dass geschützte Küsten zur Gründung einer Hafenstadt einladen, dass Landwirtschaft dort intensiver betrieben wird, wo der Boden fruchtbar ist, oder dass Rohstoff verarbeitende Industrien die Nähe zu ihren Rohstoffquellen suchen, ist offensichtlich. Weniger leicht zu verstehen ist, dass und wie sich 84 II. Raumstrukturen eine differenzierteWirtschaftslandschaft auch dort herausbildet, wo solche offensichtlichen natürlichen Ursachen nicht auf der Hand liegen. Um die Gründe dafür in reiner Form zu studieren, ist es am einfachsten, sie ausschließlich zu betrachten und exogene Ursachen von vornherein auszuschalten. In einem homogenen Wirtschaftsraum bietet a priori jeder Raumpunkt dieselben Bedingungen für Produktion und Konsum. Die zweite Natur nimmt man nicht als exogen gegeben, sondern erklärt sie durch das Zusammenwirken der einzelnen Wirtschaftssubjekte im homogenen Raum. Theorien, die eine derartige endogene Erklärung bieten, nennen wir endogene ökonomische Geographie. Vor 1990 bot die Literatur Ansätze einer endogenen ökonomischen Geographie, die die wesentlichen Mechanismen zwar bereits sichtbar machten, aber sie waren noch Stückwerk: Theorien, die als präzise Modelle formuliert waren, waren partialanalytisch (Theorie des räumlichen Marktes in der Tradition von August Lösch (1940) und Herold Hotelling (1929)). Sie konnten die Rückwirkungen von Standortentscheidungen der Firmen auf die Verteilung der Nachfrage sowie die Faktorpreise noch nicht erfassen. Die für die endogene ökonomische Geographie essentiellen selbstverstärkenden Linkageeffekte wurden so nicht klar. Diese wurden von einem Pionier der ökonomischen Geographie, dem schwedischen Nobelpreisträger Gunnar Myrdal (1959), herausgearbeitet, allerdings in einemwenig befriedigenden theoretischen Stil. Erst mit einem grundlegenden Aufsatz Paul Krugmans (1991a) ist ein Ansatz aufgekommen, der die Raumstruktur vollkommen endogen zu erklären vermag und zugleich Ansprüchen einer modernen Theorie des Allgemeinen Gleichgewichts genügt. Dieser Ansatz wird als Neue Ökonomische Geographie bezeichnet. Der Neuen Ökonomischen Geographie (NÖG) widmen wir mit Kapitel 6 ein eigenes Kapitel, wozu wir im Folgenden jedoch durch die Ausführungen über Raumüberwindungskosten und über Agglomerationseffekte wichtige Grundlagen legen. Ansonsten beschränkt sich dieses Kapitel auf exogene Erklärungsansätze. Endogene Erklärungen aus der Zeit vor 1990 behandeln wir in Kapitel 5. Sie sind wie gesagt unvollkommen, aber sie sind einfacher zu verstehen und bieten daher bereits wichtige Einsichten. Kapitel 4 ist wie folgt aufgebaut. Abschnitt 4.2 widmet sich den Raumüberwindungskosten, ohne die die ganze Raumwirtschaft gegenstandslos wäre. Sie bilden die Grundlage für alles Weitere. Abschnitt 4.3 behandelt exogene Erklärungen. Zuerst geht es um die einzelwirtschaftliche Standortwahl (gegeben die gesamte zweite Natur), dann im Abschnitt 4.4 um die Bodennutzung in einer monozentrischen Welt. Dieses Themawird hier nur angerissen und in Kapitel 7 im Zusammenhangmit der Stadt- ökonomik gründlich ausgearbeitet. Dann folgen im Abschnitt 4.5 die Grundlagen der ökonomischen Geographie durch Darstellung der sogenannten zentrifugalen und zentripetalen Kräfte der Ökonomie, durch deren Wechselwirkung sich die Wirtschaftslandschaft im homogenen Raum formt. Hier erklären wir nur diese Kräfte, und zwar hauptsächlich die zentripetalen Kräfte (zu den zentrifugalen ist nicht viel zu sagen). Wie sich genau durch deren Wechselwirkung die Wirtschaftslandschaft formt, wird erst in Kapitel 6 geklärt. 4. Grundlagen: Exogene und endogene Erklärungen 85 4.2 Raumüberwindungskosten Raumüberwindungskosten entstehen, wenn Güter, Personen und Informationen im geographischen Raum bewegt werden. Ohne diese Kosten wärewie gesagt die Raumwirtschaftstheorie gegenstandslos. Alles wäre ja überall jederzeit und unterschiedslos verfügbar. Wir sprechen von Raumüberwindungskosten, nicht nur von Transportkosten. „Raumüberwindungskosten“ ist ein weiter gefasster Begriff als der der Transportkosten; diese sind ein Teilaspekt von jenen. Durch Verbesserung der Transport- und Kommunikationstechnologie sind die Raumüberwindungskosten, bezogen auf eine bestimmte transportierte Menge an Gütern, Menschen oder Informationen und eine bestimmte Entfernung, beständig gesunken, und sie sinken immer noch, aber sie sind nach wie vor nicht vernachlässigbar. Raumüberwindungskosten entstehen zum ersten beim physischen Transport von Gütern (Transportkosten). Darunter fallen die Frachtkosten im engeren Sinne (Fahrzeugkosen, Treibstoff, Zeitkosten einschl. Kosten der Kapitalbindung) sowie die Logistikkosten (Kommissionierung, Verpackung, Sammlung, Lagerung, Distribution, Begleitung, Kontrolle, Versicherung, Schädigung, Verlust). Im grenzüberschreitenden Handel entstehen darüber hinaus Kosten für die Überwindung tarifärer (Zölle) und nichttarifärer Handelshemmnisse (Importquoten, Unterschiede in technischen Standards, Kontrollbürokratie, Korruption, Sprachbarrieren). Raumüberwindungskosten entstehen weiterhin bei der Bewegung von Menschen im Raum, und zwar Kosten für den physischen Transport sowie Kostenäquivalente für den Zeitaufwand und die Unannehmlichkeiten des Reisens und der Akkulturation in einer fremden Umwelt. Wichtig sind schließlich die Kosten für die Bewegung von Informationen (Kommunikationskosten), von denen im Kapitel 9 im Zusammenhang mit Innovation und Regionalentwicklung noch einmal die Rede sein wird. Bezogen auf eine bestimmte Informationsmenge (so und so viele Bytes) sind diese Kosten durch die elektronische Kommunikation seit dem ersten Telegraph um etliche Zehnerpotenzen geschrumpft. Aber nicht alle Informationen lassen sich elektronisch übertragen. Viele Informationen werden trotz der heute existierenden elektronischen Möglichkeiten von Angesicht zu Angesicht (Face-to-face) übertragen. In diesem Falle schlagen die Kosten der Informationsübertragung oder des Informationsaustausches als Raumüberwindungskosten für Personen zu Buche. Informationen bewegen sich dadurch im Raum, dass sie am Punkt A in den Kopf eines Menschen gelangen, mit diesem zu Punkt B fahren, und dort durch Face-to-face-Kontakt in den Kopf anderer Menschen gelangen. Dabei fließt natürlich üblicherweise auch Information zurück, und durch die Kombination von Informationen werden neue Informationen erzeugt. Warum nehmen Menschen die Kosten von Face-to-face in Kauf, warum ist nicht jede Information „telekommunizierbar“? Informationsübertragung dient dazu, Wissen, das an einem Ort verfügbar ist, an anderen Orten zugänglich zu machen. Das kann sehr spezielles Wissen um eng begrenzte Sachverhalte sein wie etwa das Wissen darum, wie man ein bestimmtes Gerät nutzt, das von einem Ort zum anderen geliefert wurde, oder es kann umfassendes Wissen sein wie etwa das Wissen darum, wie man ein Unternehmen gründet und seine Produkte erfolgreich amMarkt platziert. Für die 86 II. Raumstrukturen Übertragung von Wissen braucht man mehr als die Übertragung von Information. Wissen muss erlernt werden, wozu Informationen selektiert und bewertet werden müssen. Im Prinzip ist das telekommunikativ möglich, wenn das zu erlernende Wissen „explizit“ ist, das heißt in einem Code unzweideutig dargestellt werden kann und der Code von beiden Seiten verstanden wird. Ein Großteil des Wissens, das zu übertragen ist, ist aber nicht explizit, sondern implizit (auch „still“ genannt, im Englischen tacit); man kann es nur schwer in einen Code fassen. Radfahrenwird als Musterbeispiel genannt: Der Lehrer ist nicht in der Lage, in Schrift, im Bild oder in irgendeinem beidseitig verstandenen Code darzulegen, wie man Rad fährt, sondern er kann dem Schüler nur Anweisung geben, wie man selbiges durch eigene Erfahrung erlernt. Zwar könnte man statt des Wissens darum, wie man Rad fährt, ein Übungsprogramm telekommunizieren. Aber face-to-face lässt sich diese Art von Wissen viel leichter übertragen als über Schrift oder Bilder, weil man weniger gemeinsame Sprache und Symbolik braucht, weil schnelle Rückmeldung erfolgen kann (Rückfragen, „Quittung“), und weil auch Körpersprache, besonders der Augenkontakt, eingesetzt werden kann. Telekommunikationsmedien sind zur Informationsübertragung geeignet, wenn wohlspezifizierte Fragen gestellt werden, die mit explizitemWissen beantwortet werden können. Häufig ist aber das Problem, dass die zu stellenden Fragen nicht klar sind. In der Managementliteratur wird von Equivocality gesprochen. Hier braucht man ein vergleichsweise reiches Medium, reich in dem Sinne, dass es schnelle Rückmeldung, eine Vielfalt von Signalen, den Gebrauch natürlicher Sprache und den Einsatz von Emotionen (personal focus) erlaubt. Face-to-face ist in diesem Sinne das reichste Medium, verglichen etwa zum Telefon oder zu schriftlichen Dokumenten. Unverzichtbar sind Face-to-face-Kontakte für die Vertrauensbildung. Vertrauensbildung ist ein essentielles Element des wirtschaftlichen Austausches, weil Verträge niemals vollständig sind, und sie sind umso unvollständiger, je komplizierter die ausgetauschten Leistungen sind. Besonders unvollständig sind Verträge über Leistungen, die innovativen oder kreativen Charakter haben. Hier kann man prinzipiell bei Vertragsabschluss nicht genauwissen, welcher Art diese Leistung seinwird.Man braucht eine Vertrauensbasis für einen fairen Handel. Eine Möglichkeit, eine durch Vertrauen gestützte Zusammenarbeit zu entwickeln, ist das Aussieben (Screening) der vertrauenswürdigen unter den potentiellen Kooperationspartnern. Face-to-face lässt sich die Vertrauenswürdigkeit von Personen besser beurteilen, weil perfekte Schauspieler selten sind – und wer perfekt ist, geht besser zum Film, als sich als Betrüger zu versuchen. Die menschliche Evolution hat es so eingerichtet, dass es den meisten Menschen nicht leicht fällt, Ehrlichkeit glaubwürdig vorzutäuschen, wenn sie den Partner in Wahrheit hintergehen wollen. Direkter menschlicher Kontakt wird auch genutzt, um Kooperationsbereitschaft glaubwürdig signalisieren zu können (Signalling). Ein Gast, der als Geschäftspartner in Frage kommt, kann aus der gastfreundlichen Aufnahme schließen, dass dem Gastgeber das gute Verhältnis zu ihm etwas wert ist. Bei Transaktionen zwischen räumlich getrennten Partnern fallen auch dann Informationskosten an, wenn es sich um Güteraustausch handelt. Denn Voraussetzung sind Vertragsabschlüsse, die mit Informationsaustausch verbunden sind, und mit Aus- 4. Grundlagen: Exogene und endogene Erklärungen 87 nahme simpler Produkte ist auch über den gesamten Lebenszyklus eines Produktes hinweg Informationsaustausch zwischen Lieferant und Kunde erforderlich. Je komplexer das Produkt ist, desto höher ist der Anteil der Informationskosten an den Transaktionskosten, und desto höher ist auch der Teil der Informationen, die face-toface ausgetauscht werden. Im Folgenden ist meist von den geographisch bedingten Transaktionskosten im Güteraustausch die Rede, und zur Vereinfachung sprechen wir dabei von Transportkosten. Für die Modellwelt reicht das; aber bei der Übertragung auf die Realität ist im Auge zu behalten, dass auch die anderen Komponenten der Kosten für Transaktionen zwischen räumlich getrennten Wirtschaftssubjekten einzubeziehen sind. Abschließend muss vor einem verbreiteten Missverständnis gewarnt werden, was mit sinkenden Raumüberwindungskosten gemeint ist. Sie sinken jeweils bezogen auf eine bestimmte Menge und Entfernung. Daraus folgt nicht, dass ihr Anteil im BIP sinkt. Von Dingen, die billiger werden, nutzt man mehr. Das gilt auch für die Raum- überwindung. Weil der Austausch billiger wird, tauscht man mehr aus und bewegt die ausgetauschten Güter, Personen und Informationen über weitere Entfernungen. 4.3 Exogene Erklärungen der Wirtschaftslandschaft 4.3.1 Einzelwirtschaftlicher Optimalstandort Beginnen wir mit der Frage, welchen Standort ein einzelner Betrieb wählen sollte, der an gegebenen Orten seine Inputs zu festen Preisen und in vorgegebenen Mengen beschafft und an irgendeinem anderen gegebenen Ort einen Output zu festen Preisen absetzt. Variabel sind allein die Transportkosten, die vom gewählten Firmenstandort abhängen. Sehen wir von der Existenz von Straßen und natürlichen Transporthindernissen ab und nehmen an, der Betrieb könne an jedem Punkt eines stetigen (euklidischen) Raumes liegen. An einem Ort mit Koordinaten (x1; y1) kauft der Betrieb einen ersten Input, an einem weiteren Ort mit Koordinaten (x2; y2) einen zweiten Input und amOrt mit den Koordinaten (x0; y0) setzt er den Output ab. t1, t2 und t0 seien die Kos- Abbildung 4.1: Das Launhardt-Weber-Problem 88 II. Raumstrukturen ten für den Transport des ersten Inputs, des zweiten Inputs und des Outputs pro Kilometer. Die gesamten Transportkosten betragen T ¼ d1t1 þ d2t2 þ t0d0, wobei d1, d2 und d0 die Entfernungen des Betriebes zum Inputort 1, Inputort 2 und Outputort in Kilometern betragen. Wie soll der Standort gewählt werden? Die Situation ist inAbbildung 4.1 illustriert. Das Problemwurde Ende des 19. Jahrhunderts von dem Ingenieur und ÖkonomenWilhelm Launhardt (1885) gelöst und später von dem einflussreichen Theoretiker der ökonomischen Geographie Alfred Weber (1909) wieder aufgenommen. Deshalb wird es häufig als Launhardt-Weber-Problem bezeichnet. Die Optimallösung kann entweder im Inneren des von den drei Punkten aufgespannten Dreieckes liegen oder auf einem der Eckpunkte. Die Bedingung für eine optimale innere Lösung lässt sich wie folgt geometrisch charakterisieren. Von der Betriebsstätte aus zeichnet man einen Pfeil (einen Vektor) der Länge t1 in Richtung des Inputortes 1. Entsprechend für Inputort 2 und für den Outputort. Dann verschiebt man den Vektor für den zweiten Input so, dass seine Wurzel auf der Spitze des ersten sitzt, und den für den Output so, dass seine Wurzel auf der Spitze des zweiten sitzt. Kommt man mit der Spitze des Vektors für den Output wieder am Betriebsstandort an, ist dieser optimal, wie in Abbildung 4.2. Abbildung 4.2: Optimalstandort im Launhardt-Weber-Problem Das kann man sich auch mit einem physikalischen Analogon vorstellen. An den drei Punkten befinden sich Rollen. Durch die führt man Bänder und knotet ihre Enden zusammen. Nun zieht man – durch Anhängen entsprechender Gewichte –mit den Kräften t1, t2 und t0 (bzw. dazu proportionalen Kräften), an den drei Bändern. Dann kommt der Knoten dort, wo die drei Kräfte sich ausgleichen, zur Ruhe. Das ist der Punkt, wo die drei Vektoren sich gerade zu Null addieren. Die Vektoren symbolisieren die marginale Kostensenkung für die drei Kostenkomponenten. In ihrer Summe müssen sie gerade Null sein, wenn der Betrieb sich am Optimalstandort befindet. Man kann zeigen, dass die Bedingung auch hinreichend ist und ohne weiteres auf beliebig viele Input- und Outputorte ausgeweitet werden kann. Eine Eckenlösung ist optimal, wenn eine der Kräfte stark genug ist, den Knoten bis an die Rolle zu ziehen. Geometrisch weist das Vektordreieck über eine der Ecken hinaus, wie in Abbildung 4.3.Dort ist der Outputstandort der optimale Betriebsstandort. 4. Grundlagen: Exogene und endogene Erklärungen 89 Abbildung 4.3: Eckenlösung im Launhardt-Weber-Problem Betriebsstätten werden, so lehrt uns dieses einfache Modell, von standortbestimmenden Kräften in unterschiedliche Richtungen gezogen, und im Optimum muss es zum Ausgleich dieser Kräfte kommen. Häufig dominiert eine dieser Kräfte, etwa ein bestimmter Rohstoffort (die Kohle für die Stahlindustrie) oder der Absatzort. Dann sagt man, die entsprechende Industrie sei z. B. rohstofforientiert oder absatzorientiert. 4.3.2 Standortfaktoren In der realen Welt gibt es außer den dargestellten Kräften, die zu den Inputorten oder Absatzorten ziehen, viele weitere standortformende Kräfte, darunter die Kräfte, die in Richtung sinkender Faktorkosten ziehen oder die Kraft, die Firmen in die Nähe von anderen Firmen sowie von Bevölkerungsverdichtungen zieht, weil dort Agglomerationsvorteile ausgenutzt werden können. Auf Agglomerationsvorteile gehen wir weiter unten noch genauer ein. Die Kräfte, die die Standortentscheidung determinieren, werden auch als Standortfaktoren bezeichnet. Die Erreichbarkeit von Input- und Outputmärkten, die Faktorkosten und Agglomerationsvorteile gehören zu den sogenannten harten Standortfaktoren. Harte Standortfaktoren sind ferner die regional divergierende Steuerbelastung, die Verfügbarkeit von Infrastruktureinrichtungen sowie Klima- und Umweltbedingungen, die in manchen Branchen entscheidend sind (Tourismus). Aus Befragungen und ökonometrischen Untersuchungen über Standortentscheidungen weiß man, dass neben diesen harten auch die sogenannten weichen Standortfaktoren eine große Rolle spielen. Darunter versteht man Dinge wie das Image, die kulturelle Szene, politische Flexibilität und gesellschaftliche Offenheit. Diese Faktoren sind umso bedeutender, je mehr ein Unternehmen auf Kreativität und Innovation angewiesen ist. Standorte mit positiven weichen Standortfaktoren spezialisieren sich daher auf Firmen mit hohem Anteil innovativer Produkte und von Produkten, die in der Frühphase ihres Entwicklungszyklus stehen, während Standorte mit günstigen harten Faktoren tendenziell die reiferen Produkte an sich ziehen. 90 II. Raumstrukturen 4.4 Räumliches Gleichgewicht in der monozentrischenWelt Die Untersuchung einzelwirtschaftlicher Standortentscheidung erlaubt keinen Schluss, welche Raumstruktur sich im gesamtwirtschaftlichen Gleichgewicht einstellt. Eine Antwort auf diese Frage fand zum ersten Mal der Agrarunternehmer und Ökonom Johann Heinrich von Thünen. Mit seinem 1826 veröffentlichtenWerkDer isolierte Staat in Beziehung auf Landwirtschaft und Nationalökonomie kann er als Begründer der modernen Volkswirtschaftslehre im deutschen Sprachraum gelten. Was seine Analyse der von Launhardt und Weber voraus hat ist, dass er die einzelwirtschaftliche Standortentscheidung in den Zusammenhang eines allgemeinen Gleichgewichtes stellt, in welchem sich eine räumliche differenzierte Produktionsstruktur sowie Güterund Faktorpreise, darunter insbesondere Bodenpreise, durch den Ausgleich von Angebot und Nachfrage auf allen Märkten bilden. Allerdings ist die letzte Ursache für die sich einstellende Wirtschaftslandschaft exogen: Thünen nimmt an, dass es einen zentralen Markt gibt, auf dem aller Austausch stattfindet. Dass es diesen Markt gibt, wird selbst nicht erklärt. Dennoch hat seine Analyse bis heute großen Wert, da sie mit anderen Theorien, die die Bildung von Agglomerationen erklären, kombinierbar ist. Diese durch endogene Mechanismen erklärten Agglomerationen weisen in ihrem jeweiligen Einzugsgebiet die von Thünen erklärte Struktur auf. Während Thünen selbst ein Modell des Allgemeinen Gleichgewichtes entwirft, schneiden wir nur einen Teil daraus aus, nämlich die landwirtschaftliche Bodennutzung. Thünen nimmt an, es gäbe einen sich auf einem Punkt befindenden Markt, umgeben von einer unendlichen homogenen Fläche für landwirtschaftliche Produktion. Darauf wirtschaften unabhängige Landwirte, die den Boden in einer Entfernung von x Kilometern zumMarkt zur Rente rðxÞ pro Hektar pachten und darauf verschiedene Produkte imit der Intensität yi und den Kosten CiðyiÞ pro Hektar anbauen können. yi ist die Produktionsmenge pro Hektar. Auf dem zentralen Markt kann man das Produkt zum Preis pi absetzen. Um es vom Acker, der x Kilometer vom Markt entfernt ist, dorthin zu bringen, muss man Transportkosten tix aufwenden. Wie wird im Gleichgewicht die Fläche bewirtschaftet, und welche Bodenrente stellt sich ein, wenn auf allen Märkten vollkommene Konkurrenz herrscht? Betrachten wir vorerst nur ein Produkt i. Ein Landwirt in der Entfernung x zum Markt erlöst nach Abzug der Transportkosten pro Hektar den Betrag ðpi tixÞyi und zahlt die Kosten CiðyiÞ und die Bodenrente (d. h. Pacht pro Hektar) rðxÞ. Alles ist bezogen auf eine Periode, z. B. ein Jahr. Er wählt also yi so, dass sein Gewinn pro Hektar, i ¼ ðpi tixÞyi CiðyiÞ rðxÞ; maximal wird. Als Optimalbedingung ergibt sich die vertraute Bedingung, dass der Ortspreis gleich den Grenzkosten ist, pi tix ¼ C‘i: ð1Þ Bleibt ihm bei dieser optimalen Entscheidung ein Verlust, d. h. i < 0, dann wird zur herrschenden Pacht keiner dieses Land bewirtschaften wollen, die Bodenrente muss sinken. Verbleibt andererseits ein positiver Gewinn i > 0, werden andere Landwirte unseren Landwirt auf dem Bodenmarkt überbieten, und die Bodenrente wird steigen. Im Gleichgewicht ist der Gewinn Null, die Bodenrente also 4. Grundlagen: Exogene und endogene Erklärungen 91 rðxÞ ¼ ðpi–tixÞy i –Ciðy i Þ; ð2Þ wobei y i die nach Regel (1) optimal gewählte Bebauungsintensität ist. Abbildung 4.4 illustriert dieses Ergebnis. Wir unterstellen wie üblich positive und zunehmende Grenzkosten; daher der ansteigende konvexe Verlauf der Kostenkurve. (Alles würde auch ohne diese Annahme durchgehen, aber so ist es einfacher.) Abbildung 4.4: Optimale Bebauungsintensität Abbildung 4.5 zeigt die Rentenkurve, d. h. die Bodenrente rðxÞ als Funktion der Entfernung zum zentralen Markt. Sie ist fallend und konvex. Das zeigt man rechnerisch, indemman rðxÞ in (2) nach x ableitet, dr dx ¼ tiy i þ ðpi tix C‘iÞ|fflfflfflfflfflfflfflfflfflfflfflffl{zfflfflfflfflfflfflfflfflfflfflfflffl} ¼0 dy i dx : Abbildung 4.5: Rentenkurve Der zweite Term ergibt sich, weil man beachten muss, dass auch y i von x abhängt. Aber wegen der Optimumbedingung (1) verschwindet er gerade. Also bleibt 92 II. Raumstrukturen dr dx ¼ tiy i : Das ist auch ohne zu rechnen einsichtig. Entfernt sich unser Landwirt einen Kilometer vom zentralen Markt, hat er pro Hektar zusätzliche Transportkosten in Höhe von tiy i aufzuwenden. Er würde Verlust machen, wenn er nicht durch eine gleich hohe Einsparung an Pachtkosten gerade kompensiert würde. Warum hängt die Rentenkurve durch, d. h. warum nimmt das Gefälle ab? Weil mit wachsender Entfernung die Bebauungsintensität y i kleiner wird. Das sieht man an Abbildung 4.4. Wenn x zunimmt, dreht sich die Erlösgerade nach unten und y i wandert nach links; denn y i ist dort, wo der jetzt verringerte Ortspreis gleich den Grenzkosten ist. Wenn es verschiedene landwirtschaftliche Produkte gibt, die jeweils ihre eigene Kostenfunktion und Transportkosten haben, gibt es für jedes Gut eine solche Rentenkurve, und an jedem Punkt wird sich schließlich das Produkt durchsetzen, das die höchste Bodenrente erlaubt. Produkte mit der steilsten Rentenkurve sind näher am Markt, die mit der flacheren weiter außen. Die Produktion sortiert sich also in Form von Ringen um das Zentrum von innen nach außen gemäß den Steigungen tiy i , also den Transportkosten pro Hektar (nicht pro Tonne oder ähnlich), d. h. gemäß den Transportkosten, die für die auf einem Hektar angebaute Produktion anfallen. Abbildung 4.6 illustriert diese berühmten Thünenschen Ringe. Abbildung 4.6: Thünensche Ringe Das Thünen-Modell sagt, dass die Bodenrenten bzw. Bodenpreise und die Nutzungsintensität vom Zentrum zum Rand hin fallen. Das gilt für Städte in ihrem Inneren wie ihrem Umland und bildet die Grundlage der in den 1960er Jahren entwickelten modernen Stadtökonomik, die in Kapitel 7 behandelt wird. Das gilt aber auch großräumig. In Kapitel 3 haben wir ein ausgeprägtes Zentrum-Peripherie-Gefälle der Einkommen in Europa kennen gelernt. Das kann man als ein Thünen-Gleichgewicht im großräumigen Maßstab begreifen, wenn man als immobilen in der Fläche verteilten Faktor nicht allein das Land, sondern auch die weitgehend immobilen Arbeitskräfte 4. Grundlagen: Exogene und endogene Erklärungen 93 versteht. Sie werden wegen der Marktferne in der Peripherie geringer entlohnt als im Zentrum. 4.5 Endogene Erklärung der Wirtschaftslandschaft: Zentripetale und zentrifugale Kräfte In den bisher dargestellten Theorien konnte die Bildung einer Wirtschaftslandschaft durch rein endogene Mechanismen noch nicht erklärt werden. In der Theorie der einzelwirtschaftlichen Standortentscheidung haben wir die erste und zweite Natur als gegeben vorausgesetzt. Im Thünen-Modell ist zwar der Raum um das Zentrum herum homogen und strukturiert sich durch rein ökonomische Mechanismen, aber das Zentrum als solches ist exogen. Jetzt fragen wir uns, wie sich durch rein ökonomische Mechanismen eine strukturierte Wirtschaftslandschaft bilden kann, wenn wir anfangs von einem völlig homogenen Raum ausgehen, in dem kein Punkt gegenüber dem anderen durch seine Lage, seine Produktionsbedingungen oder sonst wie ausgezeichnet ist. Charakteristisch für die Wirtschaftslandschaft im homogenen Raum ist die Bildung von Städten oder Agglomerationen auf der einen Seite und wenig verdichteten Räumen auf der anderen. Auch großräumig bildet sich ein Zentrum-Peripherie-Muster, wie es die europäische Landkarte zeigt. Ursache für diese Strukturbildung ist das Gegeneinander von agglomerierenden (auch als zentripetal bezeichneten) und deglomerierenden (zentrifugalen) Kräften, oder wie Lösch (1940, S. 66) es treffend sagt, das „. . . Gegenspiel rein ökonomischer Kräfte .. ., von denen die einen auf räumliche Versammlung einwirken, die anderen auf Zerstreuung.“ Wie gesagt ist zu den deglomerierenden Kräften nicht viel zu sagen. Sie ergeben sich daraus, dass für Produktion und Konsum die im Raum verteilten Ressourcen, darunter besonders der Boden, unerlässlich sind und dass die Bevölkerung aus historischen Gründen an räumlich verteilte Standorte gebunden ist. Die agglomerierenden Kräfte lassen sich auf wenige ökonomische Grundtatbestände zurückführen, nämlich – Economies of Scale, insbesondere durch die Existenz von Fixkosten auf der Ebene der Einzelunternehmen, – Nichtrivalität im Konsum, – Risikomischung, – Vermeidung von Marktmacht, – Minderung von Problemen durch Informationsasymmetrie, – Wissensspillovers. Bemerkenswert ist, dass keiner der genannten Tatbestände mit dem mikroökonomischen Standardmodell der vollkommenen Konkurrenz verträglich ist. Sie haben alle auf die eine oder andere Weise mit der Unvollkommenheit von Märkten zu tun. Unvollkommene Märkte sind nicht störender Nebenaspekt der ökonomischen Geographie, sondern ihr Kern. Jeder der genannten Tatbestände impliziert, dass die mobilen 94 II. Raumstrukturen Marktteilnehmer die räumliche Nähe von anderen Marktteilnehmern suchen. Wären alle Faktoren mobil, käme es schließlich zur Konzentration aller ökonomischen Aktivität der Erde an einem einzigen Punkt. Dem wirken deglomerierende Kräfte entgegen, die letztlich alle darauf zurückzuführen sind, dass mindestens ein Faktor, der Boden, im Raum verteilt ist, und zwar im homogenen Raum gleich verteilt. Tatsächlich erweist sich auch die Bevölkerung als nicht vollkommen mobil. Kulturelle Faktoren und die schlichte Heimatliebe binden die Menschen an ihre Herkunft, was ebenfalls eine der völligen Agglomeration entgegenwirkende Ursache ist. Agglomerierende wie deglomerierende Kräfte entfalten sich nur, wenn es Raumüberwindungskosten gibt, also Kosten für die Bewegung von Menschen, Gütern und Informationen, von denen oben bereits die Rede war. Gäbe es diese Kosten nicht, wären die Standorte derjenigen Aktivitäten, die nichts von den in der Fläche verteilten Faktoren benötigen, unbestimmt, während alles, was diese Faktoren benötigt, vollkommen gleichmäßig verteilt wäre. Es gäbe keinerlei Vorteil der räumlichen Konzentration; denn Nähe zu anderen sparte keine Kosten. Andererseits entstünde für die nicht an den Boden gebundene Aktivität auch keine deglomerierende Kraft. Denn es brächte auch nichts ein, „nahe am Boden“ zu sein. Erst mit positiven Raumüberwindungskosten machen sich beide, die agglomerierenden wie die deglomerierenden Kräfte, bemerkbar. Mit wachsenden Raumüberwindungskosten nehmen sie beide zu − und das ist die Schwierigkeit der ökonomischen Geographie. Man muss herausfinden, welche der Kräfte unter welchen Bedingungen dominiert. Das ist gerade der Gegenstand der Neuen Ökonomischen Geographie und ist dem Kapitel 6 vorbehalten. In den folgenden Abschnitten werden die Agglomerationsvorteile tiefer ergründet. 4.5.1 Economies of Scale Economies of Scale auf einzelwirtschaftlicher Ebene bedeuten, dass der Inputaufwand pro Outputeinheit mit wachsendem Output sinkt, oder anders gesagt, dass eine Inputsteigerung um einen bestimmten Prozentsatz x zu einer Outputsteigerung ummehr als x% führt, dass also der Output überproportional wächst. Economies of Scale haben verschiedene Ursachen. Die wichtigste ist die Existenz von Fixkosten. Das sind Kosten, die unabhängig von der Outputmenge anfallen, sobald überhaupt produziert wird. Ferner führen die Tatsache, dass man gewisse Inputs nicht in beliebige Teile zerlegen kann, die größere Effektivität von technischen Prozessen bei größerem Mengendurchsatz sowie bessere Möglichkeiten der Arbeitsteilung und Spezialisierung zu Economies of Scale. Betrachten wir eine regionale Gesamtwirtschaft, die wir uns vorerst als geschlossen vorstellen. Wenn es Economies of Scale gibt, ist die Region mit einem Trade-Off zwischen Stückkosten und Produktdiversifikation konfrontiert. Wenn man nur wenige verschiedene Produktvarianten zulässt, kannman zu geringen Stückkosten produzieren, denn von den wenigen Varianten wird jeweils viel produziert. Zieht man andererseits eine große Variantenzahl vor, so muss man höhere Stückkosten hinnehmen, da man von jeder Variante weniger produzieren kann. Die konkaven Kurven in Abbil- 4. Grundlagen: Exogene und endogene Erklärungen 95 dung 4.7, die Transformationskurven, beschreiben diesen Trade-Off. Hier wird angenommen, dass die Grenzkosten der Diversifikation mit wachsender Diversifikation zunehmen. Es wird immer aufwändiger, noch weitere Varianten anzubieten, wenn es schon viele davon gibt. Stellen wir nun die Nachfrageseite vereinfacht durch einen repräsentativen Konsumenten dar. Seine Präferenzen sind durch die konvexen Indifferenzkurven dargestellt. Er ist willens, Kostensteigerungen hinzunehmen, wenn er dafür mehr Diversifikation erhält, aber seine Zahlungsbereitschaft für mehr Diversifikation ist umso kleiner, je diversifizierter das Angebot bereits ist. In Richtung von mehr Diversifikation oder geringeren Kosten, also nach Nord-Westen nimmt der Nutzen zu. Der repräsentative Konsument wählt den Tangentialpunkt als beste Kombination von Kosten und Diversifikation. Abbildung 4.7: Trade-off Stückkosten gegen Diversifikation Was hat das mit Agglomerationsvorteilen zu tun? Je mehr Wirtschaftssubjekte, jeweils ausgestattet mit denselben Ressourcen pro Kopf, die Region bevölkern, desto günstiger wird der Trade-Off. Die Transformationskurve wandert in nordwestlicher Richtung: Bei gegebener Diversifikation nehmen die Stückkosten ab, weil man von jeder Variante mehr produziert, oder bei gegebenen Stückkosten kann man mehr Varianten produzieren, weil es mehr Ressourcen und mehr Konsumenten gibt. Wegen des günstigeren Trade-Offs kann der repräsentative Konsument in einer Agglomeration einen höheren Nutzen als in einer dünn besiedelten Region erzielen. Das wird durch den Übergang zu den gestrichelten Kurven angedeutet. Der Vorteil der Diversifikation besteht in Wirklichkeit nicht allein darin, dass die einzelnen Konsumenten ein vielfältiges Konsumbündel einem wenig diversifizierten vorziehen, sondern auch in der besserenMöglichkeit, das Angebot auf die verschiedenen Geschmäcker oder Verwendungszwecke heterogener Nachfrager abzustimmen. Wollen verschiedene Nachfrager unterschiedliche Varianten, so wird die Bereitstellung dieser auf die Einzelbedürfnisse abgestimmten Varianten umso billiger, je größer der Markt ist. Man spricht von einemMatchingvorteil des großen Marktes. 96 II. Raumstrukturen Bislang wurde eine geschlossene Region unterstellt, aber der Sachverhalt gilt – wenn auch abgeschwächt – auch in der offenen Region, wenn Raumüberwindungskosten existieren. Man stelle sich z. B. eine Welt mit zwei gleichen Regionen vor. In der Ausgangssituation sei die Bevölkerung gleich auf beide Regionen verteilt. Wandert nun ein Teil der Bevölkerung mit einem entsprechenden Teil sonstiger Ressourcen (Kapital) aus der einen in die andere Region, dann verlagert sich mit ihm auch die Nachfrage, weil Raumüberwindungskosten einen überproportionalen Teil der Nachfrage auf die jeweils eigene Region lenkt. Der größere Markt und die zusätzlichen Ressourcen erlauben es, in der Zuwanderungsregion billiger zu produzieren oder mehr Varianten zu produzieren, während in der Abwanderungsregion das Umgekehrte gilt. Das begünstigt Nachfrager und Produzenten in der Zuwanderungsregion und benachteiligt die in der Abwanderungsregion. 4.5.2 Nichtrivalität im Konsum Rivalitätsgüter nennt man solche, für die sich der Konsum durch mehrere Konsumenten gleichzeitig ausschließt. Der Apfel, den ich esse, kann nicht von jemand anders gegessen werden. Bei vielen Gütern ist es anders, Konsumenten können zugleich ungehindert Nutzen aus ihnen ziehen. Wenn mir z. B. eine Straßenlaterne leuchtet, wird es für andere nicht dunkler. Reine Nichtrivalität liegt vor, wenn die Nutzer sich gegenseitig überhaupt nicht in der Nutzung behindern. Bei vielen Gütern haben wir es mit einer Mischsituation zu tun, wie z. B. bei Straßen: Bei wenig Verkehr gibt es keine Rivalität, aber bei zunehmendemVerkehr nimmt die Rivalität zu, und die Kapazität, die ich beanspruche, wirdmehr oder weniger anderenNutzern vorenthalten. Es gibt aber auch Güter, bei denen der Nutzen nicht ab- sondern sogar zunimmt dadurch, dass andere das betreffende Gut ebenfalls nutzen. Die nennt man Netzwerkgüter. Software ist ein typisches Beispiel; sie ist praktisch kostenlos kopierbar, und wenn viele dasselbe Softwareprodukt nutzen, erleichtert das die Kommunikation. Wir wollen hier der Einfachheit halber nur reine Nichtrivalität betrachten. Wir gehen wieder von einer geschlossenen Region aus und zeigen, dass der repräsentative Konsument in einer Agglomeration einen höheren Nutzen als in einer dünn besiedelten Region erzielt. Unterstellen wir, es gäbe n identische Haushalte mit je gleicher Ressourcenausstattung. Sie können ihre Ressourcen für ein Rivalitätsgut (R-Gut) oder ein Nichtrivalitätsgut (N-Gut) einsetzen. Wir wählen die Maßeinheiten der Güter so, dass man mit den Ressourcen eines Haushaltes gerade ein R-Gut oder ein N-Gut (oder eine Kombination von beiden) produzieren kann. Mit den Ressourcen aller n Haushalte zusammengenommen kann man also n R-Güter, d. h. eines pro Haushalt, oder n N-Güter herstellen. Werden alle Haushalte gleich behandelt, stehen ihnen also die durch die Budgetgerade in Abbildung 4.8 dargestellten Konsummöglichkeiten zur Verfügung, zwischen denen sie wählen können. Beachte, dass jeder Haushalt nur eine Einheit des R-Gutes nutzen kann, wenn alle Ressourcen in die R-Güter-Produktion gesteckt werden, jedoch alle n Einheiten des N-Gutes, wenn alle Ressourcen in die N-Gut-Produktion gehen; das ist gerade die Nichtrivalität. 4. Grundlagen: Exogene und endogene Erklärungen 97 Abbildung 4.8: Nichtrivalität Die regionale Optimalallokation liegt am Tangentialpunkt mit der Indifferenzkurve, die die Präferenzen des Haushaltes wiedergibt. Erhöht sich die Zahl der Haushalte (mit den dazugehörigen Ressourcen) auf n‘, dann steigt der erzielbare Nutzen. N-Güter werden durch die Zuwanderung billiger, weil ihre Kosten auf mehr Nutzer verteilt werden können. Wenn wir offene Regionen betrachten, ändert sich nichts an diesem Argument, sofern für das N-Gut Raumüberwindungskosten anfallen. Das Argument ist ganz analog zu dem, das im Zusammenhang mit Economies of Scale vorgetragen wurde. N-Güter werden in der Zuwanderungsregion billiger und in der Abwanderungsregion teurer. Das begünstigt Haushalte in der Zuwanderungsregion, weil sie mehr N-Güter aus der eigenen als aus der anderen Region konsumieren. 4.5.3 Risikomischung Jede Wirtschaftstätigkeit ist mit Risiko verbunden. Nachfrage und Preise schwanken in unvorhersehbarerWeise, es treten unvorhersehbare technologische Veränderungen ein und Firmen reagieren mit variierendem Angebot. Manche Risiken sind gemeinsamer Natur, sie erfassen alle Wirtschaftssubjekte in gleicher Weise, so die makroökonomischen Konjunkturschwankungen. In diesem Falle sind die Nachfrageschwankungen auf verschiedenen Märkten positiv korreliert. Andere sind nicht allgemeiner Natur, sie treffen verschiedene Wirtschaftssubjekte unabhängig voneinander. Man nennt sie idiosynkratisch. Wegen Mode-, Geschmacks- oder Technologieänderungen geht die Nachfrage nach einem Gut z. B. zurück, während unabhängig davon auf einem anderen Markt die Nachfrage steigt. Sind die Ereignisse unabhängig, dann ist die Nachfrage auf den verschiedenen Märkten unkorreliert. Manchmal sind die Schwankungen auch systematisch gegenläufig: Regnet es auf dem Straßenfest, wird wenig Eis, aber es werden viele Regenschirme verkauft, bei Sonne ist es umgekehrt (während der Alkoholkonsum erfahrungsgemäß hoch und konstant ist). Eis- und Regenschirmnachfrage sind negativ korreliert. 98 II. Raumstrukturen Große Märkte in Agglomerationen bieten den Vorteil, dass durch die Mischung unkorrelierter oder negativ korrelierter Schwankungen das Risiko gemindert wird. Durch das Mischen (Pooling) von Risiken stellen Agglomerationen eine Art Versicherung gegen Marktschwankungen dar. Risikominderung hat einen zweifachen Vorteil, sie spart Ressourcen und sie steigert den Nutzen von risikoaversen Individuen. Um die Ressourceneinsparung zu verstehen, nehmen wir ein einfaches Beispiel. Ein Planer überlegt, wie er die 1000 Einwohner eines kleinen Ortes am besten mit einem verderblichen Gut versorgt. Der Preis sei der Einfachheit halber fixiert, die maximale Zahlungsbereitschaft, d. h. der in Geld bewertete Nutzen für das Gut sei 1, die Stückkosten seien gleich den Grenzkosten und gleich m < 1. Das Gut muss täglich produziert und vorgehalten werden. Wird ein Gut verkauft, bringt es der Gesellschaft einen Surplus, d. h. einen Überschuss des Nutzens über die Kosten, in Höhe von 1 m, wenn nicht, verdirbt es und die Gesellschaft verliert den Betragm pro Gut. Nun schwanke die Nachfrage, mal werden pro Tag 80 Einheiten, mal 120 nachgefragt, je mit Wahrscheinlichkeit 1/2. Wie viel stellt ein Planer, der darauf aus ist, dass im Mittel der Überschuss des Nutzens über die Kosten möglichst groß ist, täglich bereit? Ist m > 1=2, z. B. m ¼ 3=4, tut er gut daran, nur 80 bereit zu stellen. Denn in den 50% der Fälle, in denen 120 nachgefragt wird, würde für jede über 80 hinaus bereit gestellte Einheit ein Surplus von 1/4 anfallen, aber in den anderen 50% wären die Kosten von 3/4 verloren. Also stellt er 80 bereit, und der Gesamtsurplus ist 80ð1 mÞ. Istm < 1=2, dannwürde er 120 bereit stellen; denn für jede über 80 hinaus bereit gestellte Einheit fällt in der Hälfte der Fälle der Nutzen 1/2 an, aber in der anderen Hälfte der Fälle fallen nur Kosten vonm < 1=2 an. Also stellt der Planer 120 bereit, und der Gesamtsurplus ist im Mittel 100 120m. Istm gerade 1/2, ist es egal, ob er 80 oder 120 oder irgendetwas dazwischen bereit stellt, der erwarte Surplus ist 40 ¼ 80ð1 mÞ ¼ 100 120m. Kommt die Nachfrageschwankung als Ergebnis unabhängiger Einzelentscheidungen zustande, so wird die Schwankung umso kleiner, je größer der Markt wird. Wird der Markt unendlich groß, würde die Schwankung sich schließlich vollkommen herausmitteln. Gerechnet auf 1000 Einwohner kann der Planer dann fest mit dem Absatz von 100 Einheiten pro Tag rechnen. Er stellt 100 Einheiten bereit, befriedigt die Nachfrage von allen und wirft nichts weg. Der Surplus ist 100ð1 mÞ, das ist mehr als 80ð1 mÞ und mehr als 100 120m. Der zweite Vorteil der Risikomischung ergibt sich aus den Präferenzen der Individuen. Die meisten Menschen ziehen in den meisten Entscheidungssituationen einen nur wenig schwankenden Einkommensstrom einem stark schwankenden vor, wenn beide im Mittel gleich sind. Das nennt man Risikoaversion. Lässt man einem Risikoaversen z. B. die Wahl, 100 Euro sicher auf die Hand zu kriegen, oder aber eine Münze zu werfen und ihm bei Zahl 120 Euro, bei Wappen aber nur 80Euro zu geben, so wird er die sichere Option vorziehen. Schwanken Angebot und Nachfrage stark, so schwanken auch Preise und Einkommen. Kommen jedoch viele Anbieter und Nachfrager in einem Markt zusammen, so mitteln sich die Schwankungen mehr und mehr heraus, die Einkommensströme verstetigen sich, und das bringt einen Nutzenvorteil für risikoaverse Wirtschaftssubjekte. Die Vorteile durch Risikominderung sind auf allen Märkten, die räumlich nur eine be- 4. Grundlagen: Exogene und endogene Erklärungen 99 grenzte Reichweite haben, von Bedeutung, ganz besonders aber auf dem Arbeitsmarkt. Hier sind die Risiken besonders hoch und die Verluste durch hohes Risiko besonders schwerwiegend, die möglichen Gewinne durch Risikomischung (Arbeitsmarktpooling) daher besonders groß. 4.5.4 Vermeidung von Marktmacht Agglomerationen intensivieren die Konkurrenz. Das bringt die Preise näher an die Grenzkosten und erhöht die Effizienz der Ressourcenallokation. Bei Gütern, für die Raumüberwindungskosten und Fixkosten anfallen, trägt ein mit wenigen regionalen Nachfragern besetzter Markt (wir sprechen von einem dünnen Markt) nur wenige oder gar nur einen Anbieter. Der fordert gemessen an der effizienten Allokation zu hohe Preise und produziert zu geringe Mengen. Ein Monopsonist auf dem Arbeitsmarkt bietet einen zu geringen Lohn und beschäftigt zu wenige Leute. Wenngleich der Vorteil erhöhter Konkurrenz in einem großenMarkt aus Sicht gesamtwirtschaftlicher Effizienz sofort einsichtig ist, kann man einwenden, die Firmen würden in ihren Standortentscheidungen nicht die Konkurrenz zu anderen suchen, sondern mit dem Ziel individueller Gewinnsteigerung gerade meiden. Demnach wäre die Agglomerationsbildung für Konkurrenzintensivierung wünschenswert, aber sie stellt sich im Markt durch dezentrale Firmenentscheidungen nicht ein. Tatsächlich wurde in der Literatur zum berühmten Problem der beiden Eisverkäufer am Strand so argumentiert. Bei diesem auf Hotelling (1929) zurückgehenden Problem geht es darum, wie sich zwei Eisverkäufer an einem Strand von z. B. 100m Länge niederlassen würden, wenn die Eiskäufer gleichverteilt am Strand liegen, alle ein Eis pro Stunde kaufen und den jeweils nächsten Eisverkäufer aufsuchen, solange die Preise bei beiden dieselben sind. Schaltet man die Preiskonkurrenz aus (beide bieten dasselbe Eis zum selben Preis), dann werden die Eisverkäufer schließlich beide in der Mitte stehen; denn stünde einer von beiden mehr zum Rand hin, könnte er dem Konkurrenten Kunden abjagen, wenn er ihm näher kommt, ohne auf der Seite zum Rand hin Kunden zu verlieren; für die bleibt er ohnehin der Nächste. Die Sache ändert sich jedoch, wenn Preiskonkurrenz ins Spiel kommt. Beide wissen, dass der Preiskampf intensiver würde, wenn sie einander näher kommen. Deswegen meiden sie die Nähe zueinander, um den Preis hochhalten zu können. Die Furcht vor Konkurrenz ist hier eine zentrifugale Kraft. Obwohl aus gesellschaftlicher Sicht das Zusammenrücken der Anbieter vorteilhaft wäre, weil dadurch die Konkurrenz intensiviert würde, kommt nach diesemModell auf dem Markt die entgegengesetzte Tendenz zum Tragen. Die Anbieter entfernen sich voneinander. Abgesehen von gewissen modelltechnischen Einwänden, die gegen dieses Resultat in der Literatur erhoben wurden, ist uns ein anderer Einwand viel wichtiger, nämlich dass dieses Modell die Mobilität der Nachfrage ausblendet. Wenn die Leute nicht stur gleichverteilt am Strand liegen, sondern dort ihre Matte ausrollen, wo man am günstigsten Eis kaufen kann, dann suchen sie Ansammlungen von Eisbuden undmeiden solitäre Eisverkäufer im Wissen darum, dass da, wo sich Eisbuden häufen, die Eisverkäufer durch Konkurrenz zu fairen Preisen gezwungen werden. Solitäre Eisver- 100 II. Raumstrukturen käufer haben zwar eine gewisse Monopolmacht, weil sie durch Transportkosten vor der Konkurrenz geschützt sind, aber die nützt ihnen nichts, weil sie keine Nachfrage haben. Die Interdependenz der Standortwahl von Anbietern und Nachfragern drängt zur Ansammlung beider an einemOrt, wo die Konkurrenz durch die Nähe der Anbieter zueinander intensiviert wird. 4.5.5 Bereitstellung von Exit-Optionen bei asymmetrischer Information Ein Vorteil großer Märkte in Agglomerationen ist die Schaffung von Exit-Optionen. Sie helfen, das sogenannte Hände-hoch-Problem zu vermeiden oder jedenfalls abzumildern. Damit hat es Folgendes auf sich. Bei vielen Verträgen, besonders bei Arbeitsverträgen, treten zwei Probleme zugleich auf: – Eine oder gar beide Vertragsseiten müssen vertragsspezifisch investieren, d. h. Kosten aufwenden, die für die Ausführung des Vertrages erforderlich, bei einer Auflösung des Vertrages aber verloren sind. – Der Vertragsinhalt kann im Voraus nicht oder nur für einen begrenzten Zeitraum vorausgesehen werden, so dass der Vertrag nachverhandelt werden muss. Die Beteiligten werden den Vertrag nur schließen, wenn sie erwarten können, dass sie außer ihrem Reservationsnutzen auch die vertragsspezifische Investition wieder herauskriegen. Aber sind diese Kosten erst einmal versunken, hat die jeweils andere Vertragsseite keine Veranlassung, bei Neuverhandlung des Vertrages diese noch zu ersetzen. Bildlich gesprochen sagt sie „Hände hoch!“. Daraufhin mit Kündigung zu drohen ist unglaubwürdig; denn die Vertragsauflösung würde die versunkenen Kosten nicht zurückbringen. Da diese Situation bereits vor Vertragsabschluss vorausgesehen wird, kommt der Vertrag erst gar nicht zustande, obwohl er vorteilhaft für beide Seiten wäre. Das Versprechen, nicht „Hände hoch!“ zu sagen, ist auch nicht glaubwürdig. Denn sind die Kosten versunken und es kommt zur Nachverhandlung, gibt es keinen Grund, das Versprechen zu halten. Warum mildert ein großer Markt dieses Problem? Weil er Alternativen bietet, für die die Investitionen ebenfalls nutzbar wären. Er schafft Exit-Optionen. Die Erpressung ist wirkungslos, weil nun die Drohung mit Vertragsauflösung glaubwürdig wird. Da die Beteiligten das vorher wissen, kommt der Vertrag nun zustande. Man braucht gar nicht die Verträge wirklich zu kündigen. Allein dass man es könnte, bewirkt, dass es zum Abschluss der Verträge kommt und bei Nachverhandlungen faire Konditionen geboten werden. 4.5.6 Wissensspillovers Unser letzter und in einer dynamischen Ökonomie wichtigster Agglomerationsvorteil besteht darin, dass das von einigen erzeugte Wissen in einer Agglomeration von vielen anderen mit relativ wenig Aufwand erlernt und genutzt werden kann. Dabei spielen alle bisher erwähnten Agglomerationsvorteile eine Rolle: – Wissensproduktion setzt Vielfalt potentieller Wissensinputs voraus. Da jeder Wissenszweig mit Fixkosten verbunden ist, bietet ein großer Wissensmarkt mehr Vielfalt bei gegebenen Kosten. 4. Grundlagen: Exogene und endogene Erklärungen 101 – Wissen ist ein typisches Nichtrivalitätsgut – oder sogar ein Netzwerkgut. Je größer die Nutzerzahl, desto kleiner die Kosten pro Nutzer. – Wissensproduktion ist ein Zufallsprozess mit großer Unsicherheit; die potentiellen Vorteile durch Risikominderung sind hier besonders groß. – Herstellung von Wissen kann prinzipiell nur schwer vertraglich vereinbart werden; man kennt das, was produziert werden soll, ja noch nicht. Und vertragsspezifische Investitionen sind bei der Wissensproduktion allgegenwärtig. Zur Vermeidung von Opportunismus spielen deswegen nicht nur die Exit-Optionen eine Rolle, sondern auch vertrauensbasierte Kooperationssysteme, für die die räumliche Nähe wegen des erforderlichen Face-to-face-Kontaktes essentiell ist. Aus all diesen Gründen bieten Agglomerationen Vorteile für die Wissensproduktion und -verbreitung. Sie sind die Motoren des Wachstums. In den Kapiteln 8 und 9 kommen wir darauf zurück. 4.6 Zusammenfassung Die Regionalökonomik will erklären, wie sich die ökonomische Aktivität geographisch verteilt, und wie die Verteilung zu beurteilen ist, ob es insbesondere Gründe gibt für Versuche, die durch Marktkräfte bewirkte Verteilung zu korrigieren. Die Frage nach der geographischen Verteilung stellt sich überhaupt nur dadurch, dass Raumüberwindung nicht kostenlos ist. Trotz moderner Techniken für den Transport von Gütern, Menschen und Informationen spielen diese Kosten nach wie vor eine große Rolle, unter anderem weil komplexe Informationen nur von Angesicht zu Angesicht (face-to-face) übertragen werden können, und weil deswegen räumliche Arbeitsteilung mit der Bewegung von Menschen im Raum untrennbar verbunden ist. In der einzelwirtschaftlichen Standortanalyse nimmt man die natürliche Umgebung (die erste Natur) und die von Menschen geschaffene Umgebung (die zweite Natur) einer Firma als gegeben und analysiert, wie die Firma in dieser Umgebung ihren Optimalstandort findet. Sie richtet ihre Entscheidung nach harten und weichen Standortfaktoren. Zu den harten Faktoren gehört die Lage zu den Input- und Outputmärkten. Die Märkte üben eine attrahierende Kraft auf den Firmenstandort aus, die umso stärker ist, je höher die Transportkosten pro Entfernungseinheit für die jeweiligen Lieferungen oder Empfänge sind. Der Optimalstandort ergibt sich aus dem Gleichgewicht dieser Kräfte. Faktorpreise, Steuerbelastungen, Infrastrukturangebot sind weitere Harte Faktoren, Image undWirtschaftsklima sind weiche Faktoren. Die einzelwirtschaftliche Standortanalyse kann nicht klären, wie sich die geographische Verteilung insgesamt ergibt. Das kann nur eine Gleichgewichtsanalyse leisten, die die Interdependenz der einzelwirtschaftlichen Entscheidungen erfasst. Der erste Ansatz dieser Art stammt von Thünen, der klären konnte, wie sich Bodennutzung und Bodenpreise in einermonozentrischenWelt einstellen. Preise undNutzungsintensität fallen vom Zentrum zum Rand, und je näher man dem Zentrum ist, desto höher sind die Transportkosten, die pro Hektaroutput anfallen. Diese Überlegungen sind nicht nur geeignet, das großräumige Zentrum-Peripherie-Muster in Europa zu erklären, sondern finden insbesondere Anwendung in der Stadtökonomik, die Gegenstand 102 II. Raumstrukturen von Kapitel 7 ist. Die Schwäche von Thünens Ansatz ist, dass die Existenz des Zentrums in seinemModell nicht erklärt, sondern angenommenwird. Die endogene ökonomische Geographie versucht, diesen Mangel zu beheben und zu erklären, wie sich aus rein ökonomischen Kräften auf homogener Fläche ein Nebeneinander von Agglomerationen und nicht verdichteten Räumen bilden kann. Der Schlüssel ist das Wechselspiel zentrifugaler und zentripetaler Kräfte. Zentrifugal wirkt die gleichmäßige Verteilung von Ressourcen, speziell des Bodens, und des immobilen Teils der Bevölkerung. Zentripetal wirken die Agglomerationsvorteile. Sie lassen sich auf Economies of Scale und die Vorteile der Diversifikation, Nichtrivalität im Konsum lokaler Güter, Risikominderung durch Mischung, intensivere Konkurrenz sowie Matching- und Lernvorteile in großen Märkten zurückführen. Wenn man die zentripetalen und zentrifugalen Kräfte kennt, weiß man noch nicht, wie sie zusammenwirken. Das erfahren wir in den nächsten Kapiteln, wobei allerdings nicht die ganze Vielfalt der Agglomerationsvorteile, sondern meist nur die Economies of Scale und die Vorteile der Diversifikation einbezogen werden. Literaturhinweise zu Kapitel 4 Duranton (2008) gibt einen kurzen ersten Einblick in die Raumwirtschaftstheorie. Zu Raumüberwindungskosten muss man verschiedene Quellen konsultieren: Handelskosten behandeln Anderson, van Wincoop (2004), zu face-to-face und Raumwirtschaftstheorie siehe Storper, Venables (2004), zum Begriff des Medienreichtums siehe Trevino, Lengel, Daft (1987). Die Theorie des einzelwirtschaftlichen Optimalstandortes begründeten Launhardt (1882) und Weber (1909). Einzelwirtschaftliche Standortoptimierung ist heute Teilgebiet der Betriebswirtschaftslehre (Domschke, Drexl, Krispin, 1999). Samuelson (1983) formuliert von Thünens (1826) Theorie in modernen Begriffen. Duranton, Puga (2004) liefern eine hervorragende Darstellung der modernen Agglomerationstheorie. 5. Endogene Erklärung der Wirtschaftslandschaft I: Zentrale-Orte-Theorie Johannes Bröcker Aufbauend auf Arbeiten des Geographen Walter Christaller (1933) hat August Lösch (1940) als erster systematisch dargestellt, wie sich durch das Zusammenwirken zentripetaler und zentrifugaler Kräfte endogen eine Wirtschaftslandschaft bildet. Die Entwicklung dieses Ansatzes bezeichnen wir als Theorie Zentraler Orte. Die Theorie ist in der Lage, wesentliche Mechanismen sichtbar zu machen, aber ihre Schwäche ist ihr partialanalytisches Vorgehen. Sie erfasst nicht die totale Interdependenz der im Raum agierenden Wirtschaftssubjekte, sondern entwirft ein partialanalytisches Bild der Standorte der Betriebe in einer einzelnen Branche, um dann die Standortstruktur verschiedener Branchen zu einem Gesamtbild zusammenzufügen. Eine allgemeine Gleichgewichtstheorie der Wirtschaftslandschaft gelingt erst der sogenannten Neuen Ökonomischen Geographie, die in Kapitel 6 dargestellt wird. Im Kapitel 4 haben wir eine Reihe zentripetaler Kräfte kennen gelernt, die jedoch in den Theorien der Wirtschaftslandschaft nicht alle wieder auftauchen. Um die Sache einfach zu halten, beschränkt man sich auf die Fixkostenteilung als einziger zentripetaler Kraft und die disperse Nachfrage als einziger zentrifugaler Kraft. Im Wesentlichen gilt das auch für die Neue Ökonomische Geographiein Kapitel 6.Nur am Rande werden wir auf mögliche Modellerweiterungen eingehen, die andere Kräfte mit einbeziehen. 5.1 Der räumliche Markt für ein homogenes Gut Betrachten wir den Markt für ein einziges homogenes Produkt, welches in einem unendlichen eindimensionalen Raum angeboten wird. Um eine Betriebsstätte zu errichten, benötigt man Fixkosten F . Variable Kosten betragen v pro Mengeneinheit. Um das Gut zum Kunden zu transportieren, muss man Transportkosten in Höhe von tx aufwenden, wenn der Kunde in der Entfernung x zur Betriebsstätte wohnt. Die Nachfrage ist überall gleich: Konsumenten, die auf einem kleinen Teilstück dx des Raumes wohnen, kaufen zusammengenommen die Menge D dx, solange sie nicht mehr als einen Maximalpreis p zahlen müssen. Diesen Preis nennen wir den Reservationspreis. Wird er nicht überschritten, kaufen alle eine feste Menge, die nicht vom Preis abhängt, wird er überschritten, kaufen sie gar nichts. Dies ist gewiss eine etwas radikale Art der Preisabhängigkeit; sonst unterstellt man meist einen stetigen Rückgang der Nachfrage mit zunehmendem Preis, aber unsere Annahme macht alles einfacher, und man sieht dennoch das Wesentliche. Abbildung 5.1 zeigt die unterstellte Kostenfunktion und die unterstellte Nachfragefunktion.

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References

Zusammenfassung

Vorteile

- Umfassender Überblick

- Moderne und klassische Ansätze

- Einfacher Zugang zur modernen Theorie

- Verbindung von Theorie und Empirie

- Handlungsmöglichkeiten für die Politik

Zum Werk

Räumliche Aspekte des Wirtschaftens sind in den letzten Jahrzehnten immer wichtiger geworden. Daher hat sich das Gebiet der Ökonomischen Geographie als Teilbereich der Wirtschaftswissenschaften dynamisch entwickelt. Ursache für die Beschäftigung mit räumlich differenziert ablaufenden Wirtschaftprozessen sind oft regionale Wohlstandsunterschiede. Dementsprechend besteht ein Ziel der Ökonomischen Geographie darin, räumliche Entwicklungsunterschiede zu erklären und hieraus politische Handlungsmöglichkeiten abzuleiten.

Themen des Buches sind unter anderem:

- Empirische Entwicklungstrends

- Theorie der Raumstruktur

- Regionales Wachstum, Entrepreneurship und Innovation

- Infrastruktur

- Regionalpolitik

Herausgeber

Prof. Dr. Johannes Bröcker lehrt Volkswirtschaftslehre an der Christian-Albrechts-Universität Kiel. Prof. Dr. Michael Fritsch lehrt Volkswirtschaftlehre an der Friedrich-Schiller Universität Jena.

Autoren

Johannes Bröcker, Michael Fritsch, Hayo Herrmann, Helmuth Karl, Gerhard Kempkes, Gabriel Lee, Joachim Möller und Helmut Seitz.

Zielgruppe

Studierende in den Bereichen Geographie, Wirtschaftswissenschaften sowie der Stadt- und Regionalplanung