6. Endogene Erklärung der Wirtschaftslandschaft II: Neue Ökonomische Geographie in:

Johannes Bröcker, Michael Fritsch (Ed.)

Ökonomische Geographie, page 126 - 145

1. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-3888-8, ISBN online: 978-3-8006-3889-5, https://doi.org/10.15358/9783800638895_126

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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6. Endogene Erklärung der Wirtschaftslandschaft II: Neue Ökonomische Geographie Johannes Bröcker Wie die ökonomische Geographie überhaupt erklärt auch die Neue Ökonomische Geographie die Verteilung der ökonomischen Aktivität im homogenen Raum. Dabei geht es insbesondere darum, die Entstehung von Agglomerationen durch endogene Marktkräfte zu erklären. Das Besondere an der Neuen Ökonomien Geographie ist, diese Aufgabe im Rahmen der mikroökonomisch fundierten allgemeinen Gleichgewichtstheorie zu bearbeiten. Dieser Ansatz verlangt, dass es in der Modellierung des Marktgeschehens keine „losen Enden“ geben darf. Jeder Agent des Systems gibt aus, was er einnimmt, und alles, was er ausgibt, wird woanders eingenommen bzw. was er einnimmt, wird woanders ausgegeben. Mikroökonomisch fundiert heißt, das Verhalten der einzelnen Agenten aus ihrem Optimalkalkül herzuleiten und explizit die Entscheidungskoordination auf Märkten zu behandeln. Der mittlerweile klassische Ansatz der Neuen Ökonomischen Geographie ist das Zentrum-Peripherie-Modellvon Paul Krugman, im Journal of Political Economy publiziert (Krugman, 1991a) und in einem sehr eingängigen Büchlein (Geography and Trade, Krugman, 1991b) popularisiert. 6.1 Der Grundgedanke des Zentrum-Peripherie-Modells Den Grundgedanken des Zentrum-Peripherie-Modells kann man sich an folgender vereinfachter Modellwelt klar machen. Wir stellen uns eine Welt mit nur zwei vollkommen gleichen Regionen vor, die wir als Nord und Süd bezeichnen. Es gibt einen Sektor der Ökonomie (den „modernen Sektor“), in welchem viele verschiedene Produkte von vielen Firmen hergestellt werden, die jeweils ein Produkt herstellen. Um uns noch nicht mit Überlegungen zur Marktform, zu Preis- und Mengenwahl usw. zu belasten, nehmen wir an, jede Firma verkaufe eine feste Menge (insgesamt eine Einheit) zu festen Preisen. Sie muss sich zwischen drei möglichen Standortstrategien entscheiden: i. Sie eröffnet eine Betriebsstätte in Nord und beliefert von dort Nord und Süd. Dann muss sie Fixkosten F sowie Transportkosten für den Teil der Produktion aufwenden, den sie in Süd absetzt. Für Lieferungen von Nord nach Nord oder Süd nach Süd fallen keine Transportkosten an. Ferner fallen variable Kosten an. Aber die brauchen uns hier nicht zu interessieren, sie sind von der Standortstrategie unabhängig. Ist z. B. die Hälfte der Nachfrage in Nord und die andere Hälfte in Süd, wird insgesamt eine Mengeneinheit abgesetzt und sind t die Transportkosten pro Einheit, dann betragen die Kosten F þ t=2. 116 II. Raumstrukturen ii. Sie eröffnet eine Betriebsstätte in Süd und beliefert von dort Nord und Süd. Bei Gleichverteilung der Nachfrage betragen die Kosten natürlich ebenso F þ t=2. iii. Sie eröffnet zwei Betriebsstätten, eine in Nord und eine in Süd. Dann fallen Kosten in Höhe von 2F an. Ist also 2F > F þ t=2, d. h. ist F > t=2, wird die Firma Strategie (i) oder (ii) wählen, welche ist gleichgültig. Bei F ¼ t=2 ist alles gleichwertig, und bei F < t=2 wird die Firma in Nord und in Süd eine Betriebsstätte eröffnen. Es fallen dann keine Transportkosten an. Mit anderenWorten, Konzentration ist umso eher zu erwarten, je höher die Fixkosten und je kleiner die Transportkosten sind, wie wir schon aus Kapitel 5wissen. Tatsächlich können wir aber nicht davon ausgehen, dass die Verteilung der Nachfrage von der gewählten Standortstrategie der Firmen unabhängig ist. Je mehr Firmen sich für den Standort Nord entscheiden, desto höher ist dort die Nachfrage; denn Firmen beschäftigen Arbeitskräfte, die selbst Nachfrager sind, und sie kaufen selbst Inputs von anderen Firmen oder Investitionsgüter. Entscheidet sich eine Firma dafür, nur eine Betriebsstätte zu eröffnen, entweder in Nord oder in Süd, dann tut sie es am besten dort, wo der Markt größer ist, denn dann fallen weniger Transportkosten an. Entscheiden sich die Firmen für jeweils nur eine Betriebsstätte, dann wählen sie dafür offenbar alle dieselbe Region, alle Nord oder alle Süd. Folgt die Nachfrageverteilung eins zu eins der Verteilung der Betriebe, so gibt es nur ein Gleichgewicht mit allen Betrieben entweder in Nord oder in Süd. Denn stellen wir uns vor, die Hälfte aller Firmen hätte Süd und die andere Hälfte Nord als Standort je einer Betriebsstätte gewählt. Würde durch einen Zufall nur eine Firma mit ihrer Betriebsstätte von Süd nach Nord umziehen, so wird in Nord der Markt größer und es würde auch für die anderen vorteilhaft, nach Nord zu ziehen. Der Prozess verstärkt sich selbst, und alle sammeln sich schließlich in Nord. Dass die Nachfrageverteilung eins zu eins gleich der Verteilung der Betriebe ist, ist aber nicht realistisch; denn nicht alle Produktion und nicht alle Beschäftigung ist mobil. Nehmen wir an, nur der Anteil , 0 < < 1, der Nachfrage sei so wie die Betriebe verteilt, der Rest bleibe gleichverteilt. Für eine Firma hängt die beste Strategie jetzt möglicherweise davon ab, was die anderen Firmen tun. Wählen die alle Nord, so fallen Transportkosten nur für den nach Süd gelieferten Anteil an, wenn unsere Firma auch Nord wählt. Dies wird sie also tun, wenn die Kosten für zwei Betriebsstätten größer als die für eine plus Transportkosten sind. Wählen die anderen Firmen Nord, so wählt also unsere Firma auch Nord, falls 2F > F þ ðt=2Þð1 Þ, d. h. falls F > ðt=2Þð1 Þ. Ist dagegen F < ðt=2Þð1 Þ, wird unsere Firma zwei Betriebsstätten eröffnen und keine Transportkosten zahlen, selbst wenn alle anderen Firmen Nord wählten. Eine Betriebsstätte nur in Süd würde sie natürlich nie wählen, wenn alle anderen Firmen Nord gewählt haben. Sind alle anderen Firmen gleichverteilt und unsere Firma wählt Nord, so hat sie für den halben Output Transportkosten zu zahlen. Sie wählt also Nord, falls F þ t=2 < 2F , also falls t=2 < F , aber eröffnet zwei Betriebsstätten, eine in Nord und eine in Süd, falls t=2 > F . Zusammenfassend haben wir also drei Fälle zu unterscheiden: i. ðt=2Þð1 Þ > F : Gleich was die anderen tun, die disperse Betriebsverteilung – d. h. je ein Betrieb in Nord und Süd – ist immer die beste Wahl, also das einzige Gleichgewicht. 6. Neue Ökonomische Geographie 117 ii. F > t=2: Gleich was die anderen tun, Konzentration auf eine Region ist in jedem Falle besser als zwei Betriebe, selbst wenn die Nachfrage gleichverteilt ist. Konzentration aller Betriebe ist also das einzige Gleichgewicht. In welcher Region die Konzentration stattfindet, ist unbestimmt. iii. t=2 > F > ðt=2Þð1 Þ: Hier gibt es drei mögliche Gleichgewichte. (a) Alle Betriebe sind in Nord, dann ist Nord für jede Firma die beste Wahl. (b) Alle Betriebe sind in Süd, dann ist Süd für jede Firma die beste Wahl. (c) Alle Firmen haben einen Betrieb in Nord und einen in Süd, dann ist gerade dies für jede Firma die beste Wahl. Insgesamt ist Konzentration umso eher zu erwarten, je größer die Fixkosten F , je höher der Anteil mobiler Nachfrage und je kleiner die Transportkosten t. Die Bedingungen für die drei Fälle kann man auch wie folgt schreiben: i. t > 2F=ð1 Þ: Gleichverteilung; ii. t < 2F ¼ tB: Konzentration; iii. tB < t < ts: Sowohl Konzentration als auch Gleichverteilung sind mögliche Gleichgewichte. In Abbildung 6.1 werden die möglichen Gleichgewichte veranschaulicht. Die durchgezogenen Linien kennzeichnen die möglichen Gleichgewichte, abgetragen über den Transportkosten t bei festem und F . Den Punkt tB auf der t-Achse nennt man den Breakpoint, den Punkt tS den Sustainpoint. Geht man von hohen Transportkosten aus, bei denen ausschließlich ein disperses Gleichgewicht existiert, und lässt die Transportkosten sinken, so wird am Breakpoint tB das disperse Gleichgewicht verschwinden, weil Fall (ii) eintritt. Geht man andersherum von niedrigen Transportkosten aus, bei denen ausschließlich die beiden konzentrierten Gleichgewichte möglich sind, und lässt die Transportkosten wachsen, dann löst sich am Sustainpoint tS das konzentrierte Gleichgewicht auf, weil Fall (i) eintritt. Beachte die Überlappung, tB ¼ 2F < 2F=ð1 Þ ¼ tS ; der Sustainpoint liegt rechts vom Breakpoint. Die komparative Statik ist simpel: tB und tS wandern nach rechts, wenn F zunimmt, und tS wandert nach rechts, wenn zunimmt. Konzentration ist umso eher zu erwarten, je höher die Fixkostenund je mobiler die Arbeitskräfte. Das Erste wissen wir schon aus Kapitel 5, das Zweite blieb dort ausgeblendet. Abbildung 6.1 ist eine rudi- Abbildung 6.1: Gleichgewichte 118 II. Raumstrukturen mentäre Form des sogenannten Tomahawk-Diagramms, auf das wir später zurückkommen. 6.2 Das Zentrum-Peripherie-Modell Umdie wesentlichen Zusammenhänge herausarbeiten zu können, ist dasModell sehr sparsam konstruiert; es gibt nur zwei Regionen, die hinsichtlich ihrer exogenen Eigenschaften einander völlig gleichen, und nur zwei Sektoren, einen „modernen Sektor“, der mit mobilen Arbeitskräften als einzigem Input produziert, und einen „traditionellen Sektor“, der mit einem immobilen Faktor in beiden Regionen denselben Output bei konstanten Skalenerträgen erzeugt. Der moderne Sektor produziert unter Economies of Scale einen diversifizierten Output; d. h. es gibt viele – streng genommen unendlich viele – verschiedene Produktvarianten. Sie werden allein mit Arbeit hergestellt, und zwar einem Fixbetrag an Arbeit, der pro Produktvariante unabhängig von der Outputmenge anfällt (Fixkostenund einen zum Output proportionalen variablen Arbeitsinput (konstante Grenzkosten). Die Arbeit des modernen Sektors ist langfristig vollkommen mobil zwischen den Regionen. Aber es gibt keine Arbeitsmobilität zwischen den beiden Sektoren. ImKonsum sinddie Produktvarianten gegeneinander substituierbar, aber nicht homogen. Jedes Produkt stiftet positiven und sinkenden Grenznutzen. Hätte jedes Produkt denselben Preis, würden die Konsumenten ihre Ausgaben auf möglichst viele Produktvarianten gleichmäßig aufteilen. Die Konsumenten präferieren also wegen des sinkenden Grenznutzens jeder einzelnen Produktvariante ein möglichst diversifiziertes Produktbündel. Aber die gewählte Zusammensetzung ihres konsumierten Güterbündels ist nicht fix, sondern reagiert auf die Preise der einzelnen Varianten. Die Konsumenten kaufen weniger von den relativ teuren Produkten. Wie sensibel sie auf Preisunterschiede reagieren, wird imModell durch einen Parameter, die Substitutionselastizität , bestimmt.Wenn der Preis einer Variante ceteris paribus um 1% zunimmt, dann sinkt die Nachfrage nach dieser Variante um %. Man unterstellt, die Nachfrage sei elastisch in Bezug auf den Preis, d. h. sei größer als Eins. Ohne diese Einschränkung hätte jederAnbieter einen unbegrenzten Preiserhöhungsspielraum; daswäreweder realistisch, noch ließe sich überhaupt ein Gleichgewicht herleiten. Der Einfachheit halberwird ferner unterstellt, Konsumenten gäben einen festenAnteil , 0 < < 1, für Güter desmodernen Sektors und den Rest für Güter des traditionellen Sektors aus. Neben den auf diese Weise spezifizierten sehr einfachen Annahmen über Technologien und Präferenzen ist schließlich die Existenz von Raumüberwindungskosten in diesemModell wesentlich. Lieferungen innerhalb der beiden Regionen erfolgen ohne Transportkosten, aber für Lieferungen von einer Region in die andere müssen Transportkosten in Höhe von 100 % des Produktwertes aufgebracht werden. In der Grundversion des Modells ist im modernen Sektor > 0, aber im traditionellen Sektor ist der Einfachheit halber ¼ 0 unterstellt. Diese tatsächlich wenig realistische Annahme dient dazu, die allein im modernen Sektor entstehenden Agglomerationskräfte herauszuarbeiten. Später lassen sich auch Transportkosten für den traditionellen Sektor berücksichtigen. 6. Neue Ökonomische Geographie 119 Schließlich muss etwas zu den herrschenden Marktformen gesagt werden. Auf dem Markt für das traditionelle Gut herrscht vollkommene Konkurrenz. Der Preis eines Gutes ist gleich den Grenzkosten und diese sind gleich den Durchschnittskosten, die wiederum nichts anderes als die Faktorentlohnung sind. Dieses Faktoreinkommen wird am Produktionsort ausgegeben und erzeugt dort Nachfrage. Auf demOutputmarkt des modernen Sektors herrscht dagegenmonopolistische Konkurrenz. Das bedeutet, dass jeder Anbieter einer Produktvariante seinen Preis wie ein Monopolist setzt, wobei er nicht auf die Reaktion seiner Konkurrenten zu achten braucht; denn es gibt so viele nicht direkt in Konkurrenz zueinander stehende Produktvarianten, dass die Preissetzung eines Anbieters auf den Absatz eines anderen praktisch keinen Einfluss hat. Ein Anbieter kann aber seinen Preis natürlich nicht beliebig wählen, denn er muss die Reaktion der Nachfrage beachten. Erhöht er seinen Preis um 1%, geht wie gesagt die Nachfrage um % zurück. Bleibt bei Wahl des gewinnmaximalen Preises für den einzelnen Anbieter nach Abzug der Fixkosten ein positiver Gewinn, treten Anbieter neuer Varianten in den Markt ein und lenken einen Teil der Nachfrage auf sich, bis der Gewinn wegkonkurriert ist. Andersherum kommt es bei Verlust zu Marktaustritten, bis die im Markt verbliebenen Anbieter gerade bei gewinnmaximierendem Preis noch einen Gewinn von Null erzielen. Der Erlös wird dann gänzlich an den einzigen Faktor, die Arbeit, als Lohneinkommen ausgezahlt. 6.3 Gleichgewicht Unter diesen Annahmen ergibt sich immodernen Sektor das folgende Marktergebnis, das wir hier nicht im Einzelnen herleiten: – Von jeder Produktvariante wird dieselbe fixe (d. h. nur von und der Technologie, aber nicht von den Preisen abhängige) Menge angeboten. – Der Output des modernen Sektors in den Regionen variiert deswegen nur in Form einer variierenden Zahl von Varianten, nicht in Form variierenden Outputs pro Variante. – Der Arbeitseinsatz pro Firma ist wegen des fixen Outputs pro Firma ebenfalls fix. Die Anteile der beiden Regionen an den Firmen sind daher dieselben wie die Anteile an den Beschäftigten. – Der Preis ist gleich den Marginalkosten plus einen prozentualen Aufschlag. Der Aufschlag hat den Anteil 1= am Preis und deckt gerade die Fixkosten. Der Parameter hat damit in diesem Modell eine mehrfache Funktion: misst die Substituierbarkeit der Varianten, die Preiselastizität der Nachfrage nach jeder Einzelvariante und invers die Bedeutung der Fixkosten, die die Economies of Scale begründen. Je größer , desto homogener die Produkte, und desto kleiner der Fixkostenanteil am Preis, desto kleiner also die Economies of Scale. – Der Umsatz wird zur Gänze als Faktoreinkommen an die Arbeit, mit der sowohl die Fixkosten als auch die variable Kostenkomponente erzeugt werden, ausgeschüttet und von den Arbeitern für Konsumwieder ausgegeben. Abbildung 6.2 zeigt den Einkommens-Ausgaben-Kreislauf dieses Modells. Wir haben es mit einem allgemeinen Gleichgewicht zu tun, d. h. alle einem Haushalt oder einer Firma zufließenden Einnahmen werden von diesen wieder ausgegeben, und alle Aus- 120 II. Raumstrukturen gaben tauchen zugleich als Einnahmen irgendwo anders auf. Der Traktor ist der traditionelle Sektor („Bauern“), die geschäftigen Männchen auf der rechten Seite sind die Arbeiter im modernen Sektor („Arbeiter“). In der Mitte sieht man die Firmen in Nord und Süd sowie den Markt für traditionelle Güter (der Einkaufswagen). Folgendes sind die Einnahmen und Ausgaben in Nord (entsprechend für Süd, Zahlen in Klammern bezeichnen den jeweiligen Zahlungsstrom): Bauern verkaufen den Anteil ihrer Produktion (1) und kaufen dafür moderne Güter von den Firmen in Nord (2) und Süd (3). Firmen verkaufen an Bauern in Nord (2) und Süd (4) sowie an Arbeiter in Nord (5) und Süd (6) und zahlen ihren Umsatz als Lohn an die Nordarbeiter (7). Die geben ihr Einkommen für moderne Güter aus Nord (5) und Süd (8) sowie für traditionelle Güter (9) aus. Gegenstand der Analyse ist nun, die möglichen Gleichgewichte zu finden und zu zeigen, wie sie auf Parametervariationen reagieren. Hierbei unterscheidet man zwischen dem kurzfristigen Gleichgewicht, bei dem die Verteilung der Firmen des modernen Sektors auf die beiden Regionen gegeben ist, und dem langfristigen Gleichgewicht, in welchem diese variabel ist. Im kurzfristigen Gleichgewicht sind Angebot und Nachfrage auf allen Märkten ausgeglichen. Im langfristigen Gleichgewicht gibt es darüber hinaus keinen Anreiz für die mobilen Arbeitskräfte des modernen Sektors, durch Standortwechsel das Realeinkommen zu steigern. Dies bedeutet, dass entweder bereits alle in der Region mit dem höheren Realeinkommen versammelt sind (vollständige Konzentration) oder dass in beiden Regionen das gleiche Realeinkommen realisiert wird. Am einfachsten ist es – und so ist Krugman ursprünglich vorgegangen – konkrete numerische Werte für die Modellparameter vorzugeben und das System der Modellgleichungen mit Hilfe eines Computers zu lösen. Dann kann man numerisch experimentieren, indemman die Parameter verändert und die Reaktion der Gleichgewichtslösung verfolgt. Abbildung 6.2: Einkommens-Ausgaben-Kreislauf 6. Neue Ökonomische Geographie 121 Abbildung 6.3 zeigt das Ergebnis einer solchen Berechnung. Dargestellt ist der Reallohnunterschied zwischen den beiden Regionen für die mobilen Industriearbeiter über der Firmenverteilung zwischen den beiden Regionen (in das Bild zeigende Achse) und dem Transportkostensatz (nach rechts zeigende Achse). Die von der Fläche durchschnittene Ebene ist die Nullebene der Reallohndifferenz. Oberhalb ist der Reallohn in Nord höher, unterhalb ist er in Süd höher. Auf der Achse der Firmenverteilung sind vorn alle Firmen des modernen Sektors in Süd, hinten alle in Nord. Auf der Achse der Transportkosten sind diese links Null und steigen nach rechts hin an, bis sie nahezu prohibitiv für den Handel werden. Die Fläche zeigt den Reallohnunterschied im kurzfristigen Gleichgewicht. Dort wo sie durch die Nullebene sticht, herrscht langfristiges Gleichgewicht. Der Schnitt der Gleichgewichtsfläche durch die Nullebene ist noch einmal in die Abbildung 6.4 (wegen seiner Form „Tomahawk-Diagramm“ genannt) übertragen. Dort kennzeichnen fette Linien die möglichen Gleichgewichte. Gestrichelte Linien sind labile durchgezogene sind stabile Gleichgewichte. Es gibt vier Bereiche, oben und unten, jeweils rechts oder links der Schneide. Mit dem eingetragenen Vorzeichen ist angegeben, ob der Reallohn in Nord (þ) oder Süd ( ) höher ist. Die Pfeile zeigen, in welche Richtung sich die Verteilung der Firmen ändert, wenn der Ausgangspunkt sich in dem jeweiligen Feld befindet. Links von der Schneide oben ist z. B. der Reallohn in Nord höher als in Süd. Befindet sich ein Teil der Firmen, aber weniger als die Hälfte in Süd, wandern die Industriebeschäftigten und mit ihnen die Firmen nach Nord. Das kommt erst zum Stillstand, wenn alle Firmen in Nord sind. Bewegen wir uns auf der -Achse gedanklich von rechts nach links, also in Richtung abnehmender Transportkosten, so sehen wir: i. Ist > S ( S ist der sogenannte Sustainpoint), dann gibt es nur ein langfristiges Gleichgewicht, nämlich das symmetrische (oder disperse), in welchem der moderne Sektor zu gleichen Teilen auf beide Regionen aufgeteilt ist. Und dieses Gleichgewicht ist stabil. Verlegt man nämlich einige Firmen von Süd nach Nord, so dass mehr als die Hälfte der Firmen in Nord sind, dann ist nach Abbildung 6.3 bzw. 6.4 in Nord der Reallohn kleiner als in Süd, die Beschäftigten und mit ihnen die Firmen würden nach Süd zurückdrängen, bis in Nord und Süd gerade wieder gleich viele sind. Abbildung 6.3: Reallöhne im kurzfristigen Gleichgewicht 122 II. Raumstrukturen Abbildung 6.4: Tomahawk-Diagramm Abbildung 6.5: Gleichgewichte zwischen Break- und Sustainpoint ii. Ist B < < S ( B ist der Breakpoint), dann bleibt das symmetrische Gleichgewicht stabil, aber es treten vier weitere Gleichgewichte auf, nämlich zwei instabile auf der Tomahawk-Schneide, und zwei stabile mit vollkommener Konzentration aller Firmen entweder in Nord oder in Süd. Diese Situation ist in Abbildung 6.5 für ¼ illustriert. Die beiden labilen Gleichgewichte sind durch leere Kreise, die drei stabilen durch ausgefüllte Kreise gekennzeichnet. Die Pfeile geben die Bewegungsrichtung des Firmenanteils in Nord an. Das symmetrische Gleichgewicht ist auch für stabil; denn lässt man den Firmenanteil in Nord wachsen, wird dort der Reallohn erst einmal geringer als in Süd, und Firmen und ihre Arbeiter kehren zurück. Aber bei weiterer Konzentration in Nord wird es für Nord wieder günstiger, auf der Tomahawk-Schneide sind die Reallöhne wieder gleich, und bei weiterer Konzentration in Nord wird schließlich in Nord der Reallohn höher als in Süd. Sind erst einmal genug Firmen in Nord konzentriert, ist dort der Reallohn größer als in Süd und alle Firmen versammeln sich in Nord. iii. Ist schließlich < B, dann ist nur noch die vollständige Konzentration entweder in Nord oder in Süd ein langfristiges Gleichgewicht. Das symmetrische Gleichgewicht existiert zwar weiterhin, aber es wird instabil. Bewegt man sich also mit dem Parameter von einem Punkt rechts vom Breakpoint über den Breakpoint nach links, so kommt es zu einer katastrophalen Auflösung des symmetrischen Gleichgewichts (daher der Name Breakpoint). In Abbildung 6.3 sieht man deutlich: 6. Neue Ökonomische Geographie 123 Sind, ausgehend von einer Gleichverteilung, erst einmal einige Firmen von Süd nach Nord gewandert, so erlangt Nord einen Reallohnvorsprung, und dieser wird immer größer, je mehr Firmen wegen des Vorteils in Nord dorthin wandern. Im langfristigen Gleichgewicht müssen sich schließlich alle entweder in Nord oder in Süd sammeln. iv. Sinkt nun weiter ab bis auf ¼ 0, so wird der Anreiz zur vollkommenen Konzentration zwar immer kleiner, wenn man sich ¼ 0 nähert, aber er bleibt bestehen, so lange > 0 ist. Erst für ¼ 0 ist schließlich vollkommen gleichgültig, wo sich die Firmen bzw. die mobilen Arbeiter niederlassen. Das ist kein Wunder; ohne Transportkosten sind die Standorte ohne Bedeutung, alle Preise und Einkommen sind überall gleich. 6.4 Zentripetale und zentrifugale Kräfte Wie erklärt sich der selbstverstärkende Konzentrationsprozess, und wieso kommt es bei niedrigen Transportkosten zur Konzentration, bei hohen dagegen zur Dispersion? Zur Beantwortung dieser Fragen gehen wir aus vom dispersen Gleichgewicht, in welchem die Firmen zu gleichen Teilen auf beide Regionen verteilt sind. Dies ist offensichtlich für jede beliebige Parameterkonstellation ein langfristiges Gleichgewicht; denn beide Regionen gleichen einander in jeder Beziehung, also sind auch die Preise (Produkt- und Faktorpreise) und damit auch die Reallöhne in beiden Regionen gleich. Allerdings ist dieses Gleichgewicht nur für > B stabil, wie wir gerade gesehen haben. Nun führen wir ein Gedankenexperiment durch, indem wir einige Firmen und ihre Beschäftigten nach Nord verlagern, wobei das kurzfristige Gleichgewicht erhalten bleibt. Wie verändern sich dabei die Löhne und Preise, und wie demnach der Reallohnunterschied zwischen Nord und Süd, der ja die Bewegung hin zum langfristigen Gleichgewicht bestimmt? Die Wirkungen lassen sich in drei Effekten zusammenfassen, dem Forward-linkage-Effekt, dem Backward-linkage-Effekt und dem Konkurrenzeffekt. Die beiden ersten sind konzentrierende Effekte; sie bewirken, dass mehr Firmen in Nord den Norden attraktiver machen. Sie führen also zur Selbstverstärkung einer Firmenwanderung nach Nord. Der dritte ist ein Dekonzentrations- oder Dispersionseffekt; er bewirkt, dass mehr Firmen in Nord den Norden unattraktiver machen. Dieser Effekt wirkt den anderen beiden entgegen, mildert sie ab oder übertrifft sie gar. Das symmetrische Gleichgewicht ist stabil oder instabil je nachdem, ob der Dispersionseffekt die Konzentrationseffekte dominiert oder umgekehrt. Wir müssen deswegen die drei Effekte verstehen und müssen verstehen, wie ihre Höhe und ihr Größenverhältnis von den Parametern des Modells abhängen. In aller Tiefe kann man das nur, wenn man die algebraische Struktur der Modellgleichungen studiert. Das führt hier zu weit. Wir müssen unsere Intuition bemühen. Die erlaubt einen Einstieg in diese Theorie, für eine mathematische Durchdringung muss auf die Originalliteratur verwiesen werden. i. Der Forward-linkage-Effekt, FLE (auch Cost-linkage-Effekt, Preisindexeffekt oder Vorwärtskoppelung genannt): Wandern Firmen nach Nord, so wird ein größerer 124 II. Raumstrukturen Anteil aller Varianten in Nord angeboten. Konsumenten haben eine Präferenz für Diversifikation und kaufen deswegen alle Varianten. Je mehr sie davon aus der eigenen Region beziehen können, desto weniger Transportkosten müssen sie aufwenden. Der Preisindex für die konsumierten Güter des modernen Sektors nimmt deswegen im Norden ab (im Süden entsprechend zu), wenn mehr Firmen nach Norden kommen. ii. Der Backward-linkage-Effekt, BLE (auch Demand-linkage-Effekt, Market-access-Effekt, Heimatmarkteffekt oder Rückwärtskoppelung genannt): Wandern mit den Firmen die Arbeiter nach Nord, so wächst in Nord der Absatzmarkt, weil Arbeiter zugleich Konsumenten sind. Konsumenten kaufen wegen der geringeren Transportkosten mehr von den Varianten, die in ihrer eigenen Region angeboten werden. Der Zuzug nach Nord steigert deswegen die Nachfrage nach Produkten jeder Nord-Firma. Um das unveränderte Angebot jeder Firma – das ist ja wie gesagt fix – mit der gestiegenen Nachfrage in Übereinstimmung zu bringen, müssen die Nord-Preise steigen. Diese Preiserhöhungen werden vollständig an die Arbeiter ausgeschüttet; deren Lohneinkommen nimmt also zu. iii. Der Konkurrenzeffekt, KE (auch Market-crowding-Effekt oder Überfüllungseffekt genannt): Die immobilen Bauern stellen ebenfalls einen Markt dar. Sie verkaufen die Produkte des traditionellen Sektors und erhalten den Erlös als Einkommen, das sie dort ausgeben, wo sie sind, zur Hälfte in Süd, zur Hälfte in Nord. Je mehr Firmen in Nord sind, desto enger wird dort der Markt, weil nicht die gesamte Nachfrage mit den Firmen nach Nord wandert. Der halbe „Bauernkonsum“ bleibt in Süd. Der sinkende Preisindex in Nord ist zwar gut für die Konsumenten, aber schlecht für die Firmen. Für jede Firma in Nord heißt ein geringerer Preisindex geringere Preise der Konkurrenz, also verschärfte Konkurrenz. Das mindert den durchsetzbaren eigenen Preis und damit die Lohnhöhe. Solange der Konkurrenzeffekt nicht die beiden Linkageeffekte dominiert, finden wir also bei einer Firmenverlagerung nach Nord einen Anstieg der Löhne in Nord und eine Senkung der Preise, also einen Anstieg des Reallohnes in Nord (und eine Senkung in Süd um denselben Prozentsatz). Bei einer kleinen Störung des symmetrischen Gleichgewichts zu Gunsten des Nordens setzt ein kumulativer Prozess ein: Mehr Firmen in Nordmachen den Nordenwegen sinkender Preise für moderne Güter attraktiver, und es wandern mehr mobile Arbeiter (und Firmen) nach Nord. Das erhöht die Nachfrage in Nord, da Nordnachfrager mehr in Nord als in Süd kaufen, das erhöht dort die Preiserhöhungsspielräume und damit die Löhne, das macht Nord noch attraktiver usw. Dieser Circulus wird in Abbildung 6.6 illustriert. Dies ist die Situation links vom Breakpoint, die Linkageffekte dominieren, das symmetrische Gleichgewicht ist instabil; wird es leicht in die eine oder andere Richtung gestört, setzt ein kumulativer Konzentrationsprozess ein, bis schließlich alle Firmen des modernen Sektors und ihre Arbeiter in einer der beiden Regionen konzentriert sind. Welche der beiden Regionen das Los zieht, zur Agglomeration zu werden, hängt vom historischen Zufall ab. Man sagt das Gleichgewicht ist pfadabhängig. Rechts vom Breakpoint dominiert dagegen der Konkurrenzeffekt. Stört man das symmetrische Gleichgewicht, indem man z. B. einige Firmen nach Nord bringt, so ist der Reallohn dort wegen des dominierenden Konkurrenzeffektes kleiner als in Süd; die Firmen kehren zurück, bis sie gerade wieder halb und halb verteilt sind. Allerdings 6. Neue Ökonomische Geographie 125 werden die Koppelungseffekte stärker, wenn man mehr Firmen nach Nord bringt. Verlegt man z. B. für ¼ in Abbildung 6.5 so viele Firmen nach Nord, dass man den Punkt auf der Tomahawk-Schneide überschreitet, dann haben sich durch die Anwesenheit hinreichend vieler Firmen die Koppelungseffekte derart verstärkt, dass sie jetzt den Konkurrenzeffekt dominieren und alle Firmen sich in Nord konzentrieren. Für > S ist das aber nicht möglich, dort dominiert immer der Konkurrenzeffekt. Es gibt allein das disperse Gleichgewicht, und es ist stabil. Abbildung 6.6: Linkage-Effekte Bislang haben wir nur festgestellt, unter welchen Bedingungen welche Kräfte dominieren, wir haben es nicht begründet, geschweige bewiesen. Ohne mehr Mathematik, die wir in diesem einführenden Lehrbuch aber umgehen wollen, ist das schwierig. Der Punkt ist, dass mit zunehmendem alle drei dargestellten Kräfte zunehmen. Mit wachsendem wird der Vorteil der Konsumenten, ihren Anbietern nahe zu sein, grö- ßer (zunehmender FLE). Der Vorteil der Firmen, ihren Abnehmern nahe zu sein wird auch größer (zunehmender BLE). Und der Vorteil, seinen Konkurrenten fern zu sein, wird ebenfalls größer (zunehmender KE). Ist ¼ 0, verschwinden all diese Effekte. Nimmt ausgehend von ¼ 0 zu, nehmen alle drei Effekte zu. Was wir also zeigen müssen ist, dass anfangs die Linkageffekte schneller als der Konkurrenzeffekt zunehmen. Es lässt sich in der Tat mathematisch zeigen, dass dies immer so ist, bei jeder Parameterkonstellation. Der tiefere Grund ist, dass der Einfluss von auf die beiden Linkageeffekte von erster Ordnung, der auf den Konkurrenzeffekt aber von zweiter Ordnung ist. Bei kleinen Transportkosten verkaufen Firmen annähernd die Hälfte ihrer Produktion in jeder der beiden Regionen. Eine Minderung des Absatzpreises in der eigenen Region wird durch eine entsprechende Steigerung in der anderen Region (annähernd) aufgewogen. Erst wenn sie viel in der eigenen Region und wenig in der anderen verkaufen, leiden sie unter der Senkung des Absatzpreises in der eigenen Region. Es ist auch nicht ohne weiteres klar, dass es bei hinreichend hohen Transportkosten schließlich immer zur Dominanz des Konkurrenzeffektes kommen muss, und in der Tat ist das auch nur unter einer bestimmten Parameterkonstellation der Fall, die man als No-black-hole-Bedingung bezeichnet. Das ist eine etwas scherzhafte Bezeichnung dafür, dass die Agglomerationskräfte nicht so stark sein sollen, dass die Ökonomie allein dadurch reicher würde, dass sie größer wird. Präzise lautet die Bedingung < ð 1Þ= : Der Ausgabenanteil für die Güter des modernen Sektors soll nicht 126 II. Raumstrukturen zu groß sein. Äquivalent schreibt man > 1=ð1 Þ: Die Substitutionselastizität soll nicht zu klein sein, d. h. der Fixkostenanteil und damit die Economies of Scale sollen nicht zu groß sein. Ist z. B. ¼ 5 ein realistischer Wert, dann soll kleiner als 0,8 sein. Fassenwir zusammen,waswir gezeigt haben. Es gibt zwei auf Agglomeration hinwirkende Effekte (zentripetale Kräfte), den Forward-linkage-Effekt und den Backward-linkage-Effekt, sowie einen auf Dispersion hinwirkenden Effekt (zentrifugale Kraft), den Konkurrenz- oder Market-crowding-Effekt. Alle drei Effekte sind umso größer, je höher die Transportkosten sind, woraus sich aber noch keine Antwort auf die Frage nach Agglomeration versus Dispersion ableiten lässt. Dafür kommt es darauf an, welche Kräfte dominieren. Sind die Transportkosten gering, dominieren schließlich immer die Agglomerationskräfte. Der tiefe Grund dafür ist, dass die Linkage-Effekte direkt auf die Preise wirken, der Konkurrenzeffekt aber nur indirekt über die Rückwirkung der Preise und Löhne auf Löhne und Preise selbst. Das relative Gewicht dieses Effektes verschwindet deswegen für verschwindende Transportkosten. Sind die Transportkosten hoch, so dominiert die zentrifugale Kraft des Konkurrenzeffektes, sofern die Agglomerationsvorteile imModell nicht übermäßig stark sind, d. h. sofern der Anteil der Fixkosten am Produktpreis oder der Anteil der Ausgaben für moderne Güter nicht zu hoch sind (No-black-hole-Bedingung). Die No-black-hole-Bedingung sagt im Grunde, man unterstellt, die Individuen einer Ökonomie könnten nicht einfach unbegrenzt dadurch reicher werden, dass die Bevölkerung immer größer wird. Das ist eine sinnvolle Annahme über die Beschränktheit der Ressourcen bei gegebenem Stand der Technologie. Ob eine Ökonomie im Laufe der Zeit unbegrenzt wachsen kann, ist eine andere Frage, auf die wir im Kapitel 8 noch zurückkommen. Soweit haben wir die Wirkungen von auf das Gleichgewicht studiert, weil sie am schwierigsten zu verstehen sind. Wie die beiden anderen Schlüsselparameter des Modells, und , das Gleichgewicht beeinflussen, ist offensichtlich. Je höher , desto grö- ßer sind die Agglomerationsvorteile bzw. desto kleiner ist die zentrifugale Kraft, die durch die disperse Nachfrage des traditionellen Sektors ausgeübt wird. Mit zunehmendem wandern in Abbildung 6.4 also der Breakpoint B und der Sustainpoint S nach rechts. Der Bereich konzentrierter Gleichgewichte weitet sich aus. Je größer ist, desto kleiner sind die zentripetalen Kräfte. Wie gesagt ist im Marktgleichgewicht der Anteil der Fixkosten am Produktpreis 1= . Dieser Anteil und damit das Gewicht der Economies of Scale nimmt also mit wachsendem ab. Mit zunehmendem wandern in Abbildung 6.4 deswegen der Break- und Sustainpoint nach links, der Bereich konzentrierter Gleichgewichte wird eingeschränkt. 6.5 Weiterentwicklungen der Neuen Ökonomischen Geographie Die Neue Ökonomische Geographie hat sich inzwischen in vielen Modellvarianten entwickelt, die hier nicht alle nachzuzeichnen sind.Wir geben nur einen einführenden Überblick über Erweiterungen in den folgenden drei Dimensionen: – Einführung weiterer zentrifugaler und zentripetaler Kräfte; – Betrachtung von mehr als zwei Regionen und eines stetigen Raumes; – Einführung mehrerer (moderner) Sektoren. 6. Neue Ökonomische Geographie 127 6.5.1 Weitere zentripetale und zentrifugale Kräfte Im vorigen Abschnitt kam es uns darauf an, die Wechselwirkung zentripetaler und zentrifugaler Kräfte zu verstehen. Um uns dies möglichst einfach zu machen, haben wir uns auf ein Minimum solcher Kräfte, nämlich die Linkage-Effekte und den Konkurrenzeffekt, beschränkt. Auch was die Linkages betrifft, haben wir nur einen Teilaspekt beleuchtet, nämlich die Linkages zwischen Firmen und Haushalten. Backward- Linkages entstanden dadurch, dass Haushalte den Output der Firmen nachfragen, Forward-Linkages entstanden dadurch, dass Firmen ihren Output den Haushalten anbieten. Direkten Austausch zwischen den Firmen haben wir durch die Annahme ausgeblendet, Arbeit sei der einzige Input der Firmen. Tatsächlich geben Firmen im Durchschnitt gut die Hälfte ihres Produktionswertes für Vorleistungen aus, die sie von anderen Firmen kaufen. Das erzeugt Linkages der Firmen untereinander und verstärkt die zentripetalen Kräfte. Unterstellt man, dass Vorleistungen und Faktorinputs gegeneinander substituierbar sind, dann können die zentripetalen Kräfte durch FLEs und BLEs zwischen Firmen so stark sein, dass es auch dann zur Firmenagglomeration in einer Region kommt, wenn Arbeitskräfte immobil zwischen den Regionen, aber mobil zwischen Sektoren sind. Firmen suchen die Nähe von Firmen, weil das Transportkosten für ihre Inputs spart (FLE) und weil dort, wo die Firmen sind, die Nachfrage ist (BLE). Sind die zentrifugalen Kräfte schwach genug, konzentrieren sich die Firmen durch kumulative Wechselwirkung von FLE und BLE in einer der beiden Regionen. Dort wechseln die Arbeitskräfte vom traditionellen in den modernen Sektor, und weil in der Agglomeration die Arbeitskräfte knapper und die Vorleistungen relativ billig sind, wird dort auch bei zunehmender Agglomeration Arbeit durch Vorleistungen substituiert. Linkage-Effekte beruhen letztlich auf der Fixkostenteilung. Sie führen zur Agglomeration, weil in der agglomerierten Region der Trade-Off zwischen Fixkostenersparnis und Diversifikation günstiger als in der Peripherie ist. Wir haben in Kapitel 4 gelernt, dass es auch andere Agglomerationsvorteile gibt, nämlich Kostenteilung bei Kollektivgütern, die Risikomischung, die Vermeidung von Marktmacht, die Minderung von Problemen durch Informationsasymmetrien sowie Wissensspillovers. Jeder dieser Agglomerationsvorteile verstärkt die zentripetalen Kräfte im Modell. Der Bereich konzentrierter Gleichgewichte im Tomahawk-Diagramm weitet sich entsprechend nach rechts aus, wenn einer dieser Effekte zusätzlich berücksichtigt wird. Es gibt auchGegenkräfte, die bislang außerAcht geblieben sind. Die zentrifugale Kraft basierte bislang allein auf der Attraktivität des peripheren Absatzmarktes für denmodernen Sektor. Es handelt sich also um einen zentrifugalen Nachfrageeffekt. Zu ihm gesellt sich ein zentrifugalerAngebotseffekt,wenndasAngebot aus der peripherenRegion auch mit Transportkosten verbunden ist. Die Transportkosten für das traditionelle Gut wurden ja bislang der Einfachheit halber vernachlässigt. Nehmen wir also an, sie seien positiv. Das vermindert im konzentrierten Gleichgewicht den Standortvorteil in der Agglomeration, weil diese das traditionelle Gut größtenteils importieren muss und für dieses daher in der Agglomeration höhere Preise als in der Peripherie zahlen muss. Senken wir nun, ausgehend von einem konzentrierten Gleichgewicht, die Transportkosten für moderne Güter, so nehmen die bislang behandelten zentripetalen wie zentrifugalen Kräfte ab (wobei die zentripetalen bislang dominant blieben). 128 II. Raumstrukturen Die neu eingeführte zentrifugale Kraft bleibt aber unverändert und wird schließlich dominieren. Dies ändert das Bild grundlegend. An die Stelle von Abbildung 6.4 tritt nun die Abbildung 6.7. Links entstehen neue Break- und Sustainpoints B und S . Es ergeben sich disperse Gleichgewichte für hohe und geringe Transportkosten für moderne Güter, und agglomerierte Gleichgewichte für TransportkostenmittlererHöhe. Eine andere zentrifugale Kraft wird durch knappe immobile Ressourcen hervorgerufen, die im modernen Sektor als Inputs eingesetzt werden oder von den mobilen Arbeitskräften konsumiert werden (Boden, Umweltkapazität). Diese knappen Ressourcen können über den Markt den Nutzern zugeteilt werden (Boden) oder frei nutzbar sein (Luft, Straßenraum). Im ersten Fall ist in der Agglomeration wegen höherer Nachfrage ein höherer Preis zu zahlen, im zweiten entstehen mit wachsender Nutzung wachsende negative externe Effekte. Die Nutzungsqualität für den Einzelnen nimmt ab. Beides bewirkt, dass die Agglomerationsvorteile abgeschwächt werden. Im Modell von zwei Regionen kann sich ein Ergebnis wie in Abbildung 6.7 einstellen. Der Bereich, in dem es zu einem agglomerierten Gleichgewicht kommt, wird umso kleiner, je stärker die zusätzlichen zentrifugalen Kräfte sind. Es ist auch möglich, dass die knappen immobilen Ressourcen eine vollständige Konzentration des modernen Sektors verhindern. Geht z. B. durch zunehmende Konzentration in Nord die Nachfrage in Süd nach der immobilen Ressource und damit deren Preis weit genug zurück, so kann dieser Preisvorteil in Süd den Nachteil der peripheren Lage kompensieren. Auch die Überlappung der Bereiche konzentrierter und disperser Gleichgewichte kann auf diese Weise verschwinden. Der Tomahawk aus Abbildung 6.4 wird zu einem Ei, wie in Abbildung 6.8. Abbildung 6.8: Ei-Diagramm Abbildung 6.7: Doppel-Tomahawk 6. Neue Ökonomische Geographie 129 6.5.2 Viele Regionen und stetige Räume Man betrachtet z. B. eine Vielzahl von Regionen, die auf einem Ring angeordnet sind. Die Entfernung zwischen je zwei Regionen ist die Weglänge entlang dieses Ringes, und die Transportkosten sind eine wachsende Funktion dieser Entfernung. Mit wachsender Regionenzahl hat man schließlich den Übergang zu einem eindimensionalen stetigen Raum. Natürlich ist die wirkliche Geographie nicht eindimensional, aber ein Raum mit nur einer Dimension lässt sich leichter handhaben als einer mit zweien. Man nimmt einen Ring und nicht eine begrenzte Strecke, weil man nicht Raumpunkte von vornherein durch exogene Lagevorteile (die Mitte ist günstiger als die Ränder) ausstatten möchte; denn man will sich ja auf die endogenen strukturbildenden Mechanismen konzentrieren. Wir lassen ansonsten alle Annahmen des Zentrum-Peripherie-Modells unverändert und untersuchen, was für langfristige Gleichgewichte sich einstellen und wie diese von den Modellparametern abhängen. Auch wenn man in jüngster Zeit die möglichen Gleichgewichte mehr und mehr analytisch durchschaut, ist der einfachste Zugang wieder die Computersimulation. Man gibt eine bestimmte Verteilung des modernen Sektors vor – z. B. eine annähernde Gleichverteilung mit kleinen zufälligen Abweichung von der exakten Gleichverteilung – und löst für diese Verteilung das kurzfristige Gleichgewicht mit einem Verfahren zur numerischen Lösung nichtlinearer Gleichungssysteme und berechnet die Reallöhne für jeden Raumpunkt. Dann lässt man die Firmen bzw. Beschäftigten des modernen Sektors dort abwandern, wo die Reallöhne klein sind und dort zuwandern, wo sie hoch sind. Dann berechnet man das kurzfristige Gleichgewicht erneut usw., bis die simulierte Migration zur Ruhe kommt, d. h. das langfristige Gleichgewicht erreicht ist. Im langfristigen Gleichgewicht gibt es für jeden Raumpunkt zwei Möglichkeiten: – Der Reallohn für einen mobilen Arbeiter ist, würde er sich an dem Punkt ansiedeln, niedriger als anderswo. An diesen Punkten gibt es keinen modernen Sektor. Das ist der ländliche Raum. – Der Reallohn wird nicht vom Reallohn andernorts übertroffen. Hier befindet sich der moderne Sektor. Es stellt sich heraus, dass es isolierte Punkte sind, die diese Eigenschaft haben. Dies sind die Städte. In jeder Stadt, die sich bildet, muss der Reallohn gleich sein, außerhalb der Städte ist er geringer. Wie viele Städte bilden sich, wie sind sie angeordnet, und was ist ihre Größenverteilung? Man findet, dass die Städte annähernd, aber im Allgemeinen nicht genau gleich groß sind und dass sie annähernd, aber im Allgemeinen nicht völlig gleichmäßig im Raum verteilt sind. Die Abweichungen von der Größengleichheit und der Gleichverteilung hängen von den zufälligen Anfangsbedingungen ab, aber sie können nicht beliebig groß werden. Die zufällige Siedlungshistorie spielt also eine Rolle („history matters“), aber nur in den von den sogenannten Fundamentals (den Technologien, Präferenzen und Marktformen) determinierten Grenzen. Die für wirkliche Siedlungsstrukturen beobachtete typische Größenverteilung von Städten, die sich durch Zipfs Gesetz beschreiben lässt, kann durch dieses Modell allerdings nicht erklärt werden. Wirkliche Städte tendieren nicht wie die Städte dieser Modellwelt dazu, gleich groß zu sein. 130 II. Raumstrukturen Wie hängen Zahl und Größe der Städte von den Parametern ab? Das ist leicht zu beantworten: Je größer die Agglomerationsvorteile sind, desto weniger – jeweils desto größere – Städte bilden sich. Die Anzahl der Städte ist also umso kleiner, und jede einzelne Stadt ist umso größer, je kleiner und und je größer . Insofern haben wir dasselbe Ergebnis wie in der zentralörtlichen Theorie des Kapitels 5. Dort sahen wir, dass sich umso weniger jeweils umso größere Städte bilden, je größer die Fixkosten, je kleiner die Transportkosten und je gewichtiger Sektorenmit jeweils kleinen Transportkosten oder hohen Fixkosten (d. h. hohen Marktreichweiten) sind. Im stetigen Raum gibt es auch die Entsprechung zum Break- und Sustainpoint. Geht man von einem gegebenen langfristigen Gleichgewicht aus und ändert die Transportkosten, so ändert sich an der Verteilung der Städte innerhalb einer gewissen Bandbreite – d. h. im Intervall zwischen Break- und Sustainpoint – nichts. Unterschreiten die Transportkosten aber den Breakpoint, so fangen einzelne Städte an, instabil zu werden. Sie werden sozusagen von ihren Nachbarstädten aufgefressen. Das passiert typischerweise zuerst dort, wo die Städteverteilung aufgrund historischen Zufalls dichter ist. Überschreiten die Transportkosten den Sustainpoint, so entstehen zwischen Städten neue Städte, weil dort das erzielbare Realeinkommen auf das in den existierenden Städten herrschende Niveau anwächst. Das passiert typischerweise zuerst dort, wo die Städtedichte am kleinsten ist. Führen wir weitere zentripetale Kräfte ein, so wird die Anzahl der Städte umso kleiner und diese werden jeweils umso größer, je gewichtiger diese Kräfte sind. Entsprechend erhöhen die zentrifugalen Angebotseffekte (Transportkosten für traditionelle Güter) die Zahl der Städte bzw. verringern ihre jeweilige Größe. Als weitere zentrifugale Kraft wirken, wie oben dargestellt, immobile knappe Ressourcen, speziell der Boden. Im Modell mit stetigem Raum unterscheidet sich ihre Wirkung von der der zentrifugalen Angebots- und Nachfrageeffekte. Sie erhöhen nicht nur wie die anderen zentrifugalen Kräfte die Anzahl der Städte (und vermindern entsprechend ihre Größe), sondern sie bewirken auch eine räumliche Ausdehnung jeder einzelnen Stadt. Bislang kamen wir zu einem Gleichgewicht, in welchem Städte im Raum nur Punkte sind. Weil der Bodenbedarf im modernen Sektor, insbesondere der für das Wohnen der mobilen Arbeiter, unberücksichtigt blieb, konzentrierte sich der moderne Sektor in Städten ohne räumliche Ausdehnung. Führt man nun z. B. Bodennachfrage der mobilen Arbeiter ein, wobei Boden nicht vollständig substituierbar ist, kann dieses Muster kein Gleichgewicht mehr sein. Zum Stadtrand hin nehmen die Agglomerationsvorteile ab, weil man von den anderen imMittel weiter entfernt ist, aber das wird gerade kompensiert durch billigeren Boden. Man findet eine innere Struktur der Städte wie im Thünen-Modell, das wir in Kapitel 4 kennen gelernt haben. 6.5.3 Mehrere moderne Sektoren Baut man in das Modell mehrere moderne Sektoren ein, so führt dies zu interessanten Einsichten, wenn man zugleich auch viele Regionen oder sogar einen stetigen Raum betrachtet. Zuerst treffen wir ansonsten wieder dieselben Annahmen wie im Zentrum-Peripherie-Modell aus Abschnitt 6.2. Im Modell mit nur einem modernen Sektor 6. Neue Ökonomische Geographie 131 entstehen, wie in Abschnitt 6.2 dargelegt, umso mehr Städte – mit umso geringerem Abstand zueinander –, je höher die Transportkosten sind, je kleiner der Anteil des modernen Sektors und je kleiner der Fixkostenanteil am Produktwert ist. Mit dem modernen Sektor ist also ein typischer, aus diesen drei Charakteristiken hergeleiteter Städteabstand verbunden. Für verschiedene Sektoren mit verschiedenen Charakteristiken gelten demnach verschiedene typische Städteabstände. Nun lässt sich eine Hierarchie von Sektoren aufstellen, auf deren unterster Stufe die Sektoren mit geringem typischem Städteabstand und auf deren höheren Stufen die Sektoren mit höherem typischem Städteabstand stehen. Im langfristigen Gleichgewicht bildet sich eine Städtehierarchie heraus mit vielen kleinen Städten – d. h. Städten der untersten Hierarchiestufe – und geringem Abstand zueinander, in denen nur die Industrie der untersten Hierarchiestufe vertreten ist. Auf höherer Stufe folgen weniger größere Städte, in denen auch Industrien höherer Hierarchiestufe vertreten sind, bis hin zu wenigen globalen Städten, auf die sich die Industrie der höchsten Hierarchiestufe konzentriert. Die Neue Ökonomische Geographie erzeugt damit ein Gesamtbild des räumlichen Gleichgewichtes, das an die Theorie der Zentralen Orte erinnert. Simuliert man derartige Systememit demComputer, so lassen sich einige interessante Phänomene beobachten: – Lock-In: Räumliche Verteilungen von Städten bleiben bei Parameteränderungen über weite Parameterbereiche unverändert. Die Raumstruktur wird deswegen stark vom Verlauf der Historie bestimmt (history matters). – Katastrophale Übergänge: Überschreiten die Parameter bestimmte Schwellenwerte, kommt es zu katastrophenartigen Übergängen zu neuen Gleichgewichten (Entstehen oder Verschwinden von Städten, Ansiedlung oder Verschwinden von Industrien in bestimmten Städten). – Export-Basis-Multiplikator: Kommt es in einer Stadt zur Ansiedlung eines Sektors hoher Hierarchiestufe, so induziert dies einen Output- und Beschäftigungsanstieg auch in Sektoren niederer Hierarchiestufe, weil sich deren Absatzmarkt vergrößert. Das Bild wird noch vielfältiger, wenn wir Linkages zwischen Firmen einführen. Dann beobachtet man, dass Sektoren mit relativ starker Input-Output-Beziehung untereinander die Tendenz haben, gemeinsame Standortcluster zu bilden. Das führt zu unterschiedlichen sektoralen Spezialisierungen, ohne dass es irgendwelche exogenen Unterschiede in der Faktorausstattung gibt, mit denen in der herkömmlichen Außenhandelstheorie die Spezialisierung begründet wird. Berücksichtigt man ferner Unterschiede in der Faktorintensität unterschiedlicher Sektoren, so begründet auch dies regionale Spezialisierung. Auch wenn die Ausstattung mit immobilen Faktoren überall gleich ist, bilden sich endogen unterschiedliche Faktorpreisrelationen heraus aufgrund divergierender Erreichbarkeiten der Absatz- und Beschaffungsmärkte. Diese führen ihrerseits zu Spezialisierungen nach dem Prinzip des komparativen Vorteils: Industrien suchen unter sonst gleichen Bedingungen diejenigen Standorte, an denen die von ihnen intensiv genutzten Faktoren relativ billig sind. 132 II. Raumstrukturen 6.6 Zusammenfassung Die Neue Ökonomische Geographie erklärt, wie sich in einem homogenen Raum durch rein ökonomische Mechanismen eine Wirtschaftslandschaft mit Agglomerationen auf der einen und wenig verdichteten Räumen auf der anderen Seite bilden kann. Die Theorie ist ein konsistent formuliertes mikroökonomisches allgemeines Gleichgewicht. Wesentliche Merkmale sind Economies of Scale immodernen Sektor, Präferenz der Haushalte für Diversifikation, Transportkosten und monopolistische Konkurrenz im modernen Sektor. Die Raumstruktur erklärt sich auch hier durch die Wechselwirkung zentrifugaler und zentripetaler Kräfte. Die zentrifugale Kraft ist hier der Konkurrenz- oder Marketcrowding-Effekt. Er entsteht, weil ein Teil der Nachfrage, nämlich die aus dem traditionellen Sektor, nicht mobil und gleichmäßig im Raum verteilt ist. Der zentrifugalen wirken zwei zentripetale Kräfte entgegen, der Forward-linkage- oder Cost-linkage-Effekt und der Backward-linkage- oder Demand-linkage-Effekt. Jener besteht darin, dass Nachfrager von der Nähe möglichst vieler Anbieter profitieren, weil sie deren Produkte in großer Vielfalt und zu geringen Transportkosten kaufen können. Dieser besteht darin, dass Anbieter von der Nähe einer möglichst hohen Nachfrage profitieren, weil ihnen diese einen Spielraum für hohe Preise eröffnet. Im Grundmodell der Neuen Ökonomischen Geographie, Krugmans Zentrum-Peripherie-Modell, kommt es bei geringen Transportkosten immer zu einem konzentrierten Gleichgewicht, weil die Linkage-Effekte dominieren. Bei hohen Transportkosten dominiert (wenn die No-black-hole-Bedingung gilt) der Konkurrenzeffekt; daher kommt es zum dispersen Gleichgewicht. Bei mittleren Transportkosten kann es beide Arten von Gleichgewichten geben. Das Grundmodell erlaubt viele Erweiterungen. Führt man zentrifugale Kräfte ein, die sich mit abnehmenden Transportkosten für Industriegüter nicht abschwächen, z. B. Transportkosten für räumlich dispers angebotene Agrargüter, dann kommt es auch bei geringen Transportkosten für Industriegüter zu einem dispersen Gleichgewicht. Man hat also Konzentration bei mittleren, aber Dispersion bei hohen oder niedrigen Transportkosten für Industriegüter. Das wird manchmal auch als das umgekehrte U bezeichnet. Man kann sich vorstellen, dass sich dieWelt historisch von hohen zu niedrigen Transportkosten für Industriegüter bewegt, und sich demnach die Ökonomie zuerst agglomeriert und dann wieder deglomeriert. Interessante weitere Einsichten liefern Modellversionen mit vielen Regionen, stetigen Räumen und mehreren Sektoren, die sich nur durch Computersimulation lösen lassen. Verblüffend ist, dass sich dabei Wirtschaftslandschaften bilden, die denen der Theorie Zentraler Orte ganz ähnlich sind. Wir gelangen damit zu einem tieferen Verständnis dieser räumlichen Strukturen, weil sie aus wenigen elementaren Annahmen und einem konsistenten Modellrahmen hergeleitet werden. Während wir die Theorie Zentraler Orte als Mischung aus historischer Beschreibung und theoretischer Erklärung eingestuft haben, erlangt die Erklärung zentralörtlicher Muster durch die Neue Ökonomische Geographie den Rang einer Theorie, die allen Ansprüchen modernen ökonomischen Theoretisierens genügt. 6. Neue Ökonomische Geographie 133 Literaturhinweise zu Kapitel 6 Die Neue Ökonomische Geographie wurde von Krugman (1991a) erfunden. Das vereinfachte Modell in Abschnitt 6.1 stammt aus Krugman (1991b). Die Theorie wird umfassend in dem berühmten Lehrbuch von Fujita, Krugman, Venables (1999) entwickelt. Puga (1999) analysiert ein interessantes Modell, das verschiedene Modelle der Literatur als Sonderfälle enthält. Ein ausführliches Lehrbuch, das sich auch Politikimplikationen widmet, ist Baldwin et al. (2003) (weiterführend und mit Bezügen zur Stadtökonomik siehe auch Fujita, Thisse, 2002). 7. Stadtökonomik Gabriel Lee und Joachim Möller 7.1 Einleitung: Grundfragen der Stadtökonomik Eine Stadt könnte man in einfacher Weise als einen verdichteten Siedlungsraum bezeichnen, der eine politisch-administrative Einheit darstellt. Die Encyclopædia Britannica (2005) definiert eine Stadt als „. . . relatively permanent and highly organized centre of population, of greater size or importance than a town or village. The name city is given to certain urban communities by virtue of some legal or conventional distinction that can vary between regions or nations. In most cases, however, the concept of city refers to a particular type of community, the urban community, and its culture, known as ‚urbanism‘.“ Diese Definition deutet bereits die Komplexität des Begriffs der Stadt an. Neben der reinen Verdichtung des Siedlungsraums spielen auch sozio-kulturelle und historische Faktoren für die Charakterisierung einer Stadt eine Rolle. Im Folgenden soll es jedoch primär um die ökonomischen Faktoren gehen, die für eine Stadt von Bedeutung sind. Dies ist der Gegenstand der Stadtökonomik, die sich etwa seit Mitte des 20. Jahrhunderts als eigenständige Teildisziplin der Volkswirtschaftslehre entwickelt hat. Die Festlegung, ab welcher Einwohnerzahl man von einer Stadt oder Stadtregion spricht, variiert beträchtlich von Land zu Land. Auch darin spiegeln sich geschichtliche, kulturelle und politische Traditionen wider. Vom Bureau of Census in den Vereinigten Staaten wird ein Siedlungsraum mit einem zentralen Ort und einem umgebenden Gürtel von Randgemeinden als verstädterte Region bezeichnet, wenn er insgesamt mehr als 50 000 Einwohner aufweist. Die Vereinten Nationen haben ihre Daten in der Weise standardisiert, dass sie von einer Bevölkerung ab 20 000 von Städten (urban settlements), ab einer Einwohnerzahl von 100 000 von Großstädten (cities) und ab 5 Millionen vonWeltstädten (metropolises) sprechen. Mehr und mehr bürgert es sich ein, Städte mit mehr als 10 Millionen Einwohnern als Mega-Städte zu bezeichnen. In der Realität werden solche Abgrenzungen durch die Tatsache erschwert, dass die administrativen Grenzen zur Festlegung einer Stadtregion nur sehr bedingt tauglich sind. Beispielsweise ist es unklar, inwieweit Einpendler aus weiter entfernt gelegenen Orten einer Stadtregion zugerechnet werden sollen. Warum führen Leute nicht typischerweise das Leben eines Robinson Crusoe auf einer isolierten Insel? Warum bevorzugen sie häufig sehr belebte, vielfach aber auch schmutzige und unsichere Plätze wie New York City? Mit anderen Worten: Warum konzentriert sich die Bevölkerung in bestimmten Orten? Vorstellbar wäre doch auch eine gleichförmige Siedlungsstruktur, die sich über ein Land zieht, ohne besondere Verdichtungsräume aufzuweisen.

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References

Zusammenfassung

Vorteile

- Umfassender Überblick

- Moderne und klassische Ansätze

- Einfacher Zugang zur modernen Theorie

- Verbindung von Theorie und Empirie

- Handlungsmöglichkeiten für die Politik

Zum Werk

Räumliche Aspekte des Wirtschaftens sind in den letzten Jahrzehnten immer wichtiger geworden. Daher hat sich das Gebiet der Ökonomischen Geographie als Teilbereich der Wirtschaftswissenschaften dynamisch entwickelt. Ursache für die Beschäftigung mit räumlich differenziert ablaufenden Wirtschaftprozessen sind oft regionale Wohlstandsunterschiede. Dementsprechend besteht ein Ziel der Ökonomischen Geographie darin, räumliche Entwicklungsunterschiede zu erklären und hieraus politische Handlungsmöglichkeiten abzuleiten.

Themen des Buches sind unter anderem:

- Empirische Entwicklungstrends

- Theorie der Raumstruktur

- Regionales Wachstum, Entrepreneurship und Innovation

- Infrastruktur

- Regionalpolitik

Herausgeber

Prof. Dr. Johannes Bröcker lehrt Volkswirtschaftslehre an der Christian-Albrechts-Universität Kiel. Prof. Dr. Michael Fritsch lehrt Volkswirtschaftlehre an der Friedrich-Schiller Universität Jena.

Autoren

Johannes Bröcker, Michael Fritsch, Hayo Herrmann, Helmuth Karl, Gerhard Kempkes, Gabriel Lee, Joachim Möller und Helmut Seitz.

Zielgruppe

Studierende in den Bereichen Geographie, Wirtschaftswissenschaften sowie der Stadt- und Regionalplanung