5. Endogene Erklärung der Wirtschaftslandschaft I: Zentrale-Orte-Theorie in:

Johannes Bröcker, Michael Fritsch (Ed.)

Ökonomische Geographie, page 115 - 126

1. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-3888-8, ISBN online: 978-3-8006-3889-5, https://doi.org/10.15358/9783800638895_115

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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5. Endogene Erklärung der Wirtschaftslandschaft I: Zentrale-Orte-Theorie Johannes Bröcker Aufbauend auf Arbeiten des Geographen Walter Christaller (1933) hat August Lösch (1940) als erster systematisch dargestellt, wie sich durch das Zusammenwirken zentripetaler und zentrifugaler Kräfte endogen eine Wirtschaftslandschaft bildet. Die Entwicklung dieses Ansatzes bezeichnen wir als Theorie Zentraler Orte. Die Theorie ist in der Lage, wesentliche Mechanismen sichtbar zu machen, aber ihre Schwäche ist ihr partialanalytisches Vorgehen. Sie erfasst nicht die totale Interdependenz der im Raum agierenden Wirtschaftssubjekte, sondern entwirft ein partialanalytisches Bild der Standorte der Betriebe in einer einzelnen Branche, um dann die Standortstruktur verschiedener Branchen zu einem Gesamtbild zusammenzufügen. Eine allgemeine Gleichgewichtstheorie der Wirtschaftslandschaft gelingt erst der sogenannten Neuen Ökonomischen Geographie, die in Kapitel 6 dargestellt wird. Im Kapitel 4 haben wir eine Reihe zentripetaler Kräfte kennen gelernt, die jedoch in den Theorien der Wirtschaftslandschaft nicht alle wieder auftauchen. Um die Sache einfach zu halten, beschränkt man sich auf die Fixkostenteilung als einziger zentripetaler Kraft und die disperse Nachfrage als einziger zentrifugaler Kraft. Im Wesentlichen gilt das auch für die Neue Ökonomische Geographiein Kapitel 6.Nur am Rande werden wir auf mögliche Modellerweiterungen eingehen, die andere Kräfte mit einbeziehen. 5.1 Der räumliche Markt für ein homogenes Gut Betrachten wir den Markt für ein einziges homogenes Produkt, welches in einem unendlichen eindimensionalen Raum angeboten wird. Um eine Betriebsstätte zu errichten, benötigt man Fixkosten F . Variable Kosten betragen v pro Mengeneinheit. Um das Gut zum Kunden zu transportieren, muss man Transportkosten in Höhe von tx aufwenden, wenn der Kunde in der Entfernung x zur Betriebsstätte wohnt. Die Nachfrage ist überall gleich: Konsumenten, die auf einem kleinen Teilstück dx des Raumes wohnen, kaufen zusammengenommen die Menge D dx, solange sie nicht mehr als einen Maximalpreis p zahlen müssen. Diesen Preis nennen wir den Reservationspreis. Wird er nicht überschritten, kaufen alle eine feste Menge, die nicht vom Preis abhängt, wird er überschritten, kaufen sie gar nichts. Dies ist gewiss eine etwas radikale Art der Preisabhängigkeit; sonst unterstellt man meist einen stetigen Rückgang der Nachfrage mit zunehmendem Preis, aber unsere Annahme macht alles einfacher, und man sieht dennoch das Wesentliche. Abbildung 5.1 zeigt die unterstellte Kostenfunktion und die unterstellte Nachfragefunktion. 104 II. Raumstrukturen Abbildung 5.1: Kosten- und Nachfragefunktion 5.1.1 Das soziale Optimum Als erstes überlegt man sich, wie ein weiser, nur im Interesse der Konsumenten handelnder Planer die Produktion und Verteilung organisieren würde. So einen Planer gibt es inWirklichkeit nicht, aber wir lassen ihn auftreten, um dasMarktergebnis, welches wir dann studieren, mit dem gesellschaftlichen Optimum, das von diesem Planer realisiert wird, zu vergleichen. Der Planer ist mit einem grundlegenden Trade-Off konfrontiert, der den Kern der Ökonomischen Geographie bildet, dem Trade-Off zwischen Fixkosten und Transportkosten. Er kann den Markt dicht mit Betriebsstätten besetzen und auf diese Weise Transportkosten einsparen, aber dann sind die Fixkosten hoch, weil diese ja für jede Betriebsstätte erneut aufzuwenden sind. Errichtet er andererseits nur wenige Betriebsstätten, spart er Fixkosten, aber die Transportkosten sind hoch, weil im Mittel längere Wege zum Kunden zurückzulegen sind. Die variablen Stückkosten spielen bei dieser Überlegung keine Rolle, sie sind immer gleich, egal wie die Sache arrangiert wird. Der Planer minimiert die Kosten pro Gut KðaÞ durch Wahl eines geeigneten Abstandes a zwischen je zwei benachbarten Betriebsstätten, 5. Zentrale-Orte-Theorie 105 KðaÞ ¼ F Da þ ta=4þ v: ð1Þ Der Abstand a misst zugleich die Größe des Absatzgebietes einer Betriebsstätte. Der erste Term sind die pro produziertes und konsumiertes Gut anfallenden Fixkosten. Wenn a der Firmenabstand ist, bedient eine Betriebsstätte ein Absatzgebiet der Längea, verkauft also Da Einheiten des Gutes. Der zweite Term sind die pro Einheit anfallenden Transportkosten. ImMittel ist die Transportentfernung a=4.Abbildung 5.2 illustriert das. Der dritte Term sind die variablen Stückkosten; sie sind konstant und beeinflussen die Wahl von a daher nicht. Abbildung 5.2: Transportkosten Abbildung 5.3 zeigt die Kostenkomponenten und ihre Summe. Die erste Kostenkomponente nimmt hyperbolisch ab, die zweite linear zu, in der Summe ergibt sich ein eindeutig bestimmtes Minimum. Die fallende Kurve zeigt die Fixkostenersparnis, die steigende Gerade die zunehmenden Transportkosten für wachsende Marktgröße. aP (der Index P steht für Planer) ist der optimale Abstand. Er errechnet sich, in dem manKðaÞ nach a ableitet und das Ergebnis gleich Null setzt, also F Da2 þ t=4 ¼ 0: ð2Þ Aufgelöst nach a ergibt sich aP ¼ 2 ffiffiffiffiffiffi F Dt r : ð3Þ Abbildung 5.3: Soziales Optimum 106 II. Raumstrukturen Setzt man den optimalen Abstand aP wieder in (1) ein, findet man die Minimalkosten pro Einheit, die der Planer realisiert, nämlich KP ¼ KðaP Þ ¼ ffiffiffiffiffiffi Ft D r þ v: ð4Þ Das sieht man am schnellsten, indem man gemäß (2) zuerst beachtet, dass an der Stelle aP gerade F=ðDaP Þ ¼ taP =4, dass hier also die beiden Kostenterme gerade gleich sind. Also ist hier KðaP Þ v ¼ 2taP =4 ¼ t ffiffiffiffiffiffi F Dt r ¼ ffiffiffiffiffiffiffi t2F Dt r ¼ ffiffiffiffiffiffi tF D r : Wenn der Planer den optimalen Abstand aP gefunden hat, muss er auch noch entscheiden, ob er das Produkt überhaupt bereitstellen soll. Die Entscheidung ist einfach: Ist KP kleiner als der Reservationspreis p, der ja angibt, was dem Konsumenten ein Produkt wert ist, stellt er es bereit, ist KP größer als p, stellt er es nicht bereit, für KP ¼ p ist es egal. Fassen wir die Ergebnisse in (3) und (4) zusammen: Der optimale Abstand ist umso größer, i. je größer die Fixkosten, ii. je kleiner die Transportkostenrate, und iii. je kleiner die Nachfragedichte. Obwohl wir dies hier nur für das Ergebnis optimaler Planung und nur für ganz spezielle Kosten- und Nachfrageformen feststellen, ist dies von allgemeiner Bedeutung. Die Ergebnisse sind intuitiv eingängig. – Je höher die Fixkosten sind, desto eher lohnt es, höhere Transportkosen hinzunehmen, in dem Bestreben, die Fixkosten auf mehr Konsumenten zu verteilen. Höhere Fixkosten ziehen die fallende Kurve in Abbildung 5.3 nach oben und den Optimalabstand damit nach rechts. – Je höher die Transportkostenrate ist, desto eher lohnt es, höhere Fixkosten pro Konsumenten in Kauf zu nehmen, um Transportkosten einzusparen. Eine höhere Transportkostenrate dreht die Gerade in eine steilere Lage, der Optimalabstand wandert nach links. – Je höher die Nachfragedichte ist, desto weniger fallen die Fixkosten pro Konsument ins Gewicht, desto eher nimmtman also höhere Fixkosten hin, um Transportkosten einzusparen. Eine höhere Nachfragedichte zieht die fallende Kurve in Abbildung 5.3 nach unten und den Optimalabstand nach links. Höhere Nachfragedichte wirkt mit anderen Worten genauso wie geringere Fixkosten. Aus Gleichung (4) sehen wir, dass die gesellschaftlichen Gesamtkosten der Güterversorgung umso kleiner sind, i. je kleiner die variablen Stückkosten, ii. je kleiner die Fixkosten, iii. je kleiner die Transportkostenrate und iv. je größer die Nachfragedichte. Die Ergebnisse (i) bis (iii) sind wenig verblüffend und sind offenbar von allgemeiner Gültigkeit. Wie komplex auch immer das Problem des Planers gestaltet ist, wenn die Kostenkomponenten abnehmen, würden die Kosten selbst dann sinken, wenn er gar 5. Zentrale-Orte-Theorie 107 nicht reagierte. Umso mehr tun sie es, wenn er auf die Veränderung noch mit dem Ziel einer Kostensenkung reagiert. Man muss aber betonen, dass dieses Resultat in dieser Allgemeinheit nur für den Fall des Optimalplaners trivialerweise zutrifft. Wenn ein unvollkommener Markt reagiert, muss es nicht so sein. Der Markt könnte auf Abnahmen von Kostenparametern so „unvernünftig“ (im gesellschaftlichen Sinne) reagieren, dass im Ergebnis die Wohlfahrt ab- und nicht zunimmt. In unseren weiter unten darzustellenden Marktergebnissen treten solche Paradoxien zwar nicht auf, aber das muss gezeigt werden, es ist nicht – wie im Falle des Optimalplaners – a priori klar. Interessanter ist das Resultat (iv). Je dichter die Nachfrage, auf desto mehr Nachfrager können bei gegebenem Abstand der Betriebsstätten die Fixkosten umgelegt werden. In einer Agglomeration mit hoher Verdichtung der Bevölkerung lässt sich die Nachfrage kostengünstiger befriedigen. Hier zeigt sich also der auf Fixkostenteilung zurückzuführende Agglomerationsvorteil. Wie regelt der Markt die Allokation unter den dargestellten Bedingungen? Das kommt auf die Marktform an. Wir studieren eine Marktform, die der vollkommenen Konkurrenz ähnlich ist. Es gibt viele dezentral entscheidende Firmen und keinerlei Barrieren für Markteintritt oder Marktaustritt. Wir werden sehen, dass in einem räumlichen Markt diese Situation nicht dasselbe ist wie vollkommene Konkurrenz; denn Firmen haben einen Preissetzungsspielraum, weil sie innerhalb ihres Absatzgebietes vor der Konkurrenz in gewissem Maße durch Transportkosten geschützt sind. Da die Marktform sowohl monopolistische als auch Konkurrenzelemente enthält, spricht man von monopolistischer Konkurrenz. 5.1.2 Marktgleichgewicht bei monopolistischer Konkurrenz Wie sieht die Konkurrenzsituation aus? Unterstellen wir, der räumliche Markt würde von Anbietern besetzt, die jeder individuell über ihren Ab-Werk-Preis entscheiden. Betriebsstätten seien kostenlos verlagerbar. Jede Betriebsstätte ist jetzt eine Firma. Die Verlagerbarkeit der Betriebsstätten ist für die kurze Frist natürlich nicht realistisch, aber für die Beschreibung einer langfristigen Gleichgewichtssituation eine geeignete Annahme. Schließlich sei der Marktzutritt frei; Firmen treten in den Markt ein, so lange dort ein positiver Gewinn zu erzielen ist, und sie treten aus, wenn sie Verlust machen. Da die Situation für jede Firma dieselbe ist, muss im Gleichgewicht schließlich jede Firma dasselbe Absatzgebiet haben und denselben Ab-Werk-Preis verlangen. Aus Sicht der Einzelfirma muss dieser Preis gewinnmaximal sein, und der maximal erzielbare Gewinn muss gerade Null sein. Der Firmengewinn ist G ¼ Daðm vÞ F: ð5Þ Dieser ist zu maximieren bezüglich m, wobei man beachten muss, dass auch a auf m reagiert. Erhöht man m um den Betrag dm, dann verkleinert sich bei unverändertem Ab-Werk-Preis der Nachbarn zur linken und zur rechten das Marktgebiet je um dm=2t, insgesamt also um den Betrag dm=t. Abbildung 5.4 illustriert dies. 108 II. Raumstrukturen Abbildung 5.4: Marktgebiet und Preis Es gilt t ¼ dm=2 da=2 ; also da dm ¼ 1=t: Leiten wir (5) nachm ab und setzen das Ergebnis gleich Null, Da D 1 t ðm vÞ ¼ 0: ð6Þ Der erste Term repräsentiert den direkten Einfluss von m, der zweite den indirekten über eine Veränderung von a. Wegen G ¼ 0 gilt ferner Daðm vÞ ¼ F. Multipliziert man die Bedingung (6) mit a und setzt dies ein, so folgt F=t ¼ Da2; ð7Þ also aK ¼ ffiffiffiffiffiffi F Dt r : Der Index K steht für die Konkurrenzlösung. Die Einflussgrößen auf den Abstand zwischen den Firmen wirken in dieselbe Richtung wie im Fall des Optimalplaners, aber der Abstand ist im Gleichgewicht nur halb so groß wie im Optimum. Den Ab-Werk-Preis erhält man aus (6),mK v ¼ taK ¼ ffiffiffiffiffiffiffiffiffiffiffiffitF=Dp , also mK ¼ vþ ffiffiffiffiffiffi tF D r : Der Ab-Werk-Preis ist gleich den variablen Stückkosten zuzüglich eines Aufschlags, der umso größer ist, i. je höher die Transportkostenrate, ii. je höher die Fixkosten, und iii. je kleiner die Nachfragedichte ist. Die Intuition für die Ergebnisse (ii) und (iii) liegt auf der Hand; der Aufschlag finanziert die Fixkosten pro Einheit, und die sindwachsend in F und abnehmend inD. Woran liegt der Effekt der Transportrate? Wohlgemerkt, hier geht es nicht um den Orts- 5. Zentrale-Orte-Theorie 109 preis. Dass der mit zunehmendem t auch zunimmt, ist offensichtlich, denn er enthält ja die Transportkosten. Der Ab-Werk-Preis steigt mit zunehmender Transportrate, weil mit zunehmender Transportrate die Nachfrage unelastischer wird, d. h. eine Preiserhöhung führt zu weniger Nachfrageverlust an den Rändern und wird damit lohnender. Im Ganzen finden wir also dieselben qualitativen Ergebnisse über den Einfluss exogener Variablen wie im Modell des Planers. Der grundlegende Trade-Off zwischen Fixkosten und Transportkosten gilt auch für den Konkurrenzfall. Höhere Transportkosten verkleinern das Absatzgebiet, höhere Fixkosten oder geringere Nachfragedichte vergrößern es. Auch für die gesellschaftlichen Kosten gelten dieselben Einflüsse wie vorher, aber die Kosten sind im Marktgleichgewicht höher als im Optimum. Nach (7) gilt F=ðDaKÞ ¼ ta, nach (1) also KðaKÞ v ¼ taþ ta=4 ¼ 5 4 ta ¼ 1; 25 ffiffiffiffiffiffi Ft D r : Die gesellschaftlichen Kosten (außer den variablen Kosten, die ja immer gleich sind) übersteigen diejenigen im Optimum um konstant 25%. Der Konkurrenzmarkt führt hier nicht zur effizienten Allokation, weil die Konkurrenz nicht vollkommen ist. Zwar gibt es viele unabhängig agierende Anbieter und freien Marktzutritt, aber kein Mengenanpasserverhalten. Jeder einzelne Anbieter hat in seinem Marktgebiet einen gewissen Preissetzungsspielraum, weil die Transportkosten ihn zwar nicht vollständig, aber in gewissem Maße vor der benachbarten Konkurrenz schützen. Die Ineffizienz der Allokation besteht hier darin, dass zu viele Anbieter in den Markt eintreten und ihr jeweiliges Absatzgebiet in Relation zum Optimum zu klein ist. Das kommt, weil Anbieter bei ihrer Entscheidung, in den Markt einzutreten, einen negativen pekuniären externen Effekt ausüben. Sie bürden der Gesellschaft erhöhte Fixkosten auf, weil sie die Marktgebiete der Konkurrenten verkleinern. Unterstellte man realistischerweise preiselastische Nachfrage, dann käme als Ineffizienzgrund noch hinzu, dass die Anbieter Preise höher als die Grenzkosten setzen. Das spielt in unserem vereinfachten Modell keine Rolle, weil die Nachfrage im betrachteten Bereich nicht preisreagibel ist, also auch nicht verzerrt wird. 5.2 Das System Zentraler Orte Wie schon gesagt geht es der Theorie Zentraler Orte darum, die Größe und Verteilung der Städte im Raum, das heißt das System der Städte, zu erklären. Das System der Städte entsteht nach dieser Theorie, indem sich die räumlichen Marktnetze verschiedener Industrien überlagern. Jede Industrie ist durch je ihre eigene Größe des Absatzgebietes der Firmen gekennzeichnet, die wie oben erklärt von den Fixkosten, der Nachfragedichte und der Transportrate in der jeweiligen Industrie bestimmt wird. Die lückenlose Überdeckung des Raumes mit sich nicht überlappenden Absatzgebieten einer Industrie nennen wir das Marktnetz dieser Industrie. Statt von Industrien mit kleineren oder größeren Absatzgebieten der Firmen sprechen wir auch von Industrien mit kürzerer oder längerer Reichweite. 110 II. Raumstrukturen Um herzuleiten, wie sich die Marktnetze überlagern, nimmt man an, dass Firmen einer Industrie nur solche Standorte suchen, an denen sich schon Firmen von Industrien kürzerer Reichweitebefinden (sogenannte „Siedlungslage“). Mit anderen Worten werden Agglomerationsvorteile zwischen Industrien ins Spiel gebracht. Während oben die Marktgebiete für einen stetigen Raum hergeleitet wurden, kommt auf diese Weise durch die Interdependenz der Standortentscheidung verschiedener Industrien ein diskretes Element hinein. Nehmen wir der Einfachheit halber wieder einen eindimensionalen Raum. Dort gebe es bereits eine Industrie kurzer Reichweite mit Absatzgebiet a1. Jetzt komme eine zweite Industrie hinzu, deren Absatzgebiet im stetigen Raum a2 > a1 wäre, also eine Industrie größerer Reichweite. Sparen die Firmen der neu hinzutretenden Industrie nun Kosten, wenn sie sich dort ansiedeln, wo sich bereits Firmen befinden, dann wird das Absatzgebiet a2 sich so verringern oder vergrößern, dass es ein ganzzahliges Vielfaches von a1 wird – vorausgesetzt, die Kosteneinsparung ist stark genug. Die oben unterstellte Nullgewinn-Bedingung kann dann im allgemeinen nicht mehr gelten, es treten positive Gewinne auf, die wegen der diskreten Verteilung möglicher Standort nicht wegkonkurriert werden können. Eine weitere Industrie mit noch größerer Reichweite wird Absatzgebiete ausweisen, die ebenfalls ein ganzzahliges Vielfaches von a1, möglicherweise aber sogar ein ganzzahliges Vielfaches von a2 sind. Die Absatzgebiete der drei Industrien wären also z. B. a1, 2a1 und 3a1 oder z. B. a1, 2a1 und 2a2 ¼ 4a1. Die Zusammenballungen der Firmen verschiedener Industrien bilden die Zentralen Orte. Das sind nichts anderes als die Siedlungen, Dörfer und Städte verschiedener Größe. Über deren Größenverteilung und Verteilung im Raum lässt sich zwar ohne Kenntnis der Kostenstrukturen und Nachfragedichten in den einzelnen Industrien nichts Präzises sagen; aber es gilt die Tendenz: Je größer die Städte, desto weniger gibt es von ihnen und desto weiter liegen sie von anderen Städten ähnlicher Größe entfernt. Auf der zweidimensionalen Erdoberfläche sind die geometrischen Verhältnisse etwas verwickelter. Die Form eines Absatzgebietes, die einem Kreis am nächsten kommt, aber zugleich im Gegensatz zu Kreisen ohne Überlappungen die Fläche völlig bedeckt, ist das Sechseck. Erweitert man das oben entwickelte Modell des Optimalplaners auf einen zweidimensionalen euklidischen Raum, dann kommt ein System mit Absatzgebieten wie Bienenwaben heraus. Die qualitativen Einflüsse von Fixkosten, Transportkosten und Nachfragedichte sind wie oben. Dass auch ein Gleichgewicht bei monopolistischer Konkurrenz solche Waben erzeugt, ist plausibel, wenn auch nicht leicht zu beweisen. Nehmen wir also eine Wabenstruktur der Marktnetze an, ohne uns in die Geometrie gleichgewichtiger Marktnetze zu vertiefen, die zwar Wissenschaftler seit je fasziniert hat, aber ökonomisch nicht wirklich interessant ist. Die Forderung, dass Firmenstandorte von Industrien größerer Reichweite mit denen von Industrien kürzerer Reichweite zusammenfallen, führt hier ebenfalls zu ganzzahligen Verhältnissen zwischen den Marktgebietsgrößen, aber nicht alle ganzen Zahlen treten auf, sondern nur bestimmte, nämlich die sogenannten k-Faktoren 1, 3, 4, 7, 9, 12, 13, 16, . . . Es führt hier vom Thema ab, das Bildungsgesetz dieser Faktoren zu entwickeln. Abbildung 5.5 zeigt, wie sich Industrien mit k-Faktoren 3, 4 und 7 über eine Industrie lagern, der 5. Zentrale-Orte-Theorie 111 der k-Faktor 1 zugeordnet ist. Die Absatzgebiete der Firmen in Industrien mit den k- Faktoren 3, 4 oder 7 sind also 3 mal, 4 mal oder 7 mal so groß wie die der Firmen mit den dünn gezeichneten Absatzgebieten. Überlagern sich auf diese Weise die Marktnetze einer Vielzahl von Industrien mit unterschiedlichen Reichweiten, so entsteht eine komplexe Verteilung von Raumpunkten, an denen sich Firmen sammeln, den sogenannten Zentralen Orten. Je nachdem, ob sie Standort nur weniger Industrien oder Standort vieler Industrien sind, sind sie kleiner oder größer. Man kann auch von einer Hierarchie von Städten sprechen. Das untere Ende der Hierarchie bilden Orte mit nur einer oder wenigen Industrien. Von diesen Orten gibt es viele. Meistens sind dies Industrien kurzer Reichweite, aber ab und an gibt es kleine Orte mit Industrien größerer Reichweite. Je größer die Reichweite ist, desto seltener trifft man die Industrie in einem Ort an. Je weiter man in der Hierarchie nach oben steigt, desto mehr Industrien finden ihren Standort in den Orten der jeweiligen Hierarchiestufe, und desto weniger Orte gibt es auf der Hierarchiestufe. Die Häufigkeit, mit der man Orte einer bestimmten Größenordnung antrifft, sinkt mit der Größe. Allerdings ist das System nicht streng hierarchisch derart, dass alle Städte einer bestimmten Hierarchiestufe einander glichen. Das würde voraussetzen, dass unter den k-Faktoren nur die ganzzahligen Potenzen, also etwa 3, 9, 27, . . . auftreten, wofür es aber keinen Grund gibt. Im Allgemeinen bilden sich durch Überlagerung Städte ähnlicher Größe, die unterschiedliche Industrieportfolios aufweisen. Zur Illustration der komplexen Muster betrachte man die Abbildung 5.6 einer Wirtschaftslandschaft à la Lösch, die man mit der Überlagerung von Industrien mit k-Faktoren 1, 3, 4 und 7 erhält. Nennen wir einen Ort einen 1-Ort, 3-Ort, 1.3-Ort und so weiter, wenn wir dort ausschließlich Firmen der Industrie mit k-Faktor 1, k-Faktor 3, k-Faktoren 1 und 3 und so weiter finden. Im Zentrum liegt ein 1.3.4.7-Ort (die Großstadt), im nächsten Ring um ihn liegen sechs 1-Orte (kleine Dörfer). Etwas weiter folgt ein Ring mit sechs 1.3-Städtchen, ein bisschen weiter draußen um 30 Grad verdreht ein Ring mit sechs 1.4-Städtchen, dann (wieder etwas verdreht) ein Ring mit 1.7-Städtchen, dann einer mit 1.3.4-Städten, dann einer mit 1.3.7-Städten und so weiter, bis wir in hinreichend weiter Entfernung wieder auf einen Ring mit großen Städten (1.3.4.7- Orten) stoßen. Zur nächsten 1.3.4.7-Großstadt (nicht im Bild) ist es vom Zentrum gerade doppelt so weit wie bis zur 1.3.7-Stadt. Man sollte das geometrische Spiel mit den sich bildenden Mustern aber nicht zu weit treiben; denn die theoretische Basis ist Abbildung 5.5: Marktnetze von Industrien mit verschiedenen k-Faktoren 112 II. Raumstrukturen nicht fest genug, um es lohnend erscheinen zu lassen, das sich auf diese Basis gründende Gebäude in allen Details zu durchleuchten. 5.3 Zusammenfassung und Kritik In einem homogenen Raummit gleichverteilter Nachfrage lassen sich die Marktnetze von Industrien durch den Trade-Off zwischen Fixkosten und Transportkosten erklären. Fixkosten drängen zu wenigen Betriebsstätten mit großen Absatzgebieten, Transportkosten zu vielen Betriebsstätten mit kleinen Absatzgebieten. ImWechselspiel dieser Kräfte ergibt sich dasMarktnetz. SeineMaschen (das heißt die Absatzgebiete) sind umso größer, je höher die Fixkosten und je geringer die Transportkosten und die Nachfragedichte. Die Größenverteilung und räumliche Verteilung der Orte (die sogenannte Wirtschaftslandschaft) lässt sich aus der Überlagerung der Marktnetze vieler Industrien erklären, die je eine unterschiedliche Reichweite aufweisen. Es bildet sich Abbildung 5.6: Überlagerung von Industrien mit k-Faktoren 1, 3, 4 und 7 5. Zentrale-Orte-Theorie 113 eine Hierarchie von Städten mit zunehmender Größe und abnehmender Zahl von Städten von unten nach oben. Städte einer Hierarchiestufe haben die Tendenz, sich gleichmäßig im Raum zu verteilen. Im Allgemeinen sind sie unterschiedlich spezialisiert. Die Theorie Zentraler Orte besticht dadurch, aus relativ einfachen Überlegungen ein umfassendes Bild einer Wirtschaftslandschaft auf homogener Fläche zu entwerfen. Dieses anspruchsvolle wissenschaftliche Programm hat allerdings seinen Preis: Der Ansatz ist nicht konsistent. Wenn man Partialgleichgewichte zusammenfügt, entsteht noch kein allgemeines Gleichgewicht. In der Partialanalyse arbeitet man mit Kostenfunktionen der Firmen, ohne zu fragen, wo die Inputs herkommen. Überlagert man nun die Industrien und sammeln sich Firmen an einem Ort, so kaufen sie dort Inputs und beschäftigen Faktoren, darunter auchmobile Faktoren. Das bewirkt, dass sich die Nachfrage nach mobilen Faktoren und nach Inputs in den sich bildenden Städten konzentriert. So wird die Annahme einer gleichverteilten Nachfrage, auf die sich die Herleitung der Marktnetze gründete, unterminiert. Man dürfte auch nicht mehr überall identische Kostenfunktionen unterstellen, da die Inputpreise im Raum variieren. Ferner kommt man nicht ohne willkürliche Zusatzannahmen aus, um das System der Zentralen Orte zu gewinnen. Die Agglomerationsvorteile, die Firmen veranlassen, gleiche Standorte zu wählen, sind nicht im Modell begründet. Und schließlich muss bei der Überlagerung eine Art historischer Sequenz unterstellt werden, nach der die ersten Industrien kleine Reichweiten aufweisen und dann solche mit größeren Reichweiten hinzutreten. All das gibt dem Ansatz mehr den Charakter einer Mischung aus theoretischer Erklärung und historischer Beschreibung, wie Siedlungssysteme entstanden sein könnten. Die Neue Ökonomische Geographie versucht diese Schwächen zu vermeiden, indem sie von Anfang an konsistente allgemeine Gleichgewichte formuliert. Führt man dort eine Vielzahl von Industrien ein, so gelangt man zu Gleichgewichtslösungen, die interessanterweise eine zentralörtliche Struktur aufweisen, aber die genannten theoretischen Schwächen vermeiden. Allerdings lassen sich solche Gleichgewichte nur mit Computersimulation berechnen, ein Werkzeug, das Lösch noch nicht zur Verfügung stand. Literaturhinweise zu Kapitel 5 Die einfachste Darstellung der Theorie des räumlichen Marktes mit Angabe weiterführender Literatur findet man bei Capozza, van Order (1987). Eine gute Lehrbuchdarstellung des Systems Zentraler Orte ist Dicken, Lloyd (1990). Man kann auch Löschs (1940) Original zur Hand nehmen. 6. Endogene Erklärung der Wirtschaftslandschaft II: Neue Ökonomische Geographie Johannes Bröcker Wie die ökonomische Geographie überhaupt erklärt auch die Neue Ökonomische Geographie die Verteilung der ökonomischen Aktivität im homogenen Raum. Dabei geht es insbesondere darum, die Entstehung von Agglomerationen durch endogene Marktkräfte zu erklären. Das Besondere an der Neuen Ökonomien Geographie ist, diese Aufgabe im Rahmen der mikroökonomisch fundierten allgemeinen Gleichgewichtstheorie zu bearbeiten. Dieser Ansatz verlangt, dass es in der Modellierung des Marktgeschehens keine „losen Enden“ geben darf. Jeder Agent des Systems gibt aus, was er einnimmt, und alles, was er ausgibt, wird woanders eingenommen bzw. was er einnimmt, wird woanders ausgegeben. Mikroökonomisch fundiert heißt, das Verhalten der einzelnen Agenten aus ihrem Optimalkalkül herzuleiten und explizit die Entscheidungskoordination auf Märkten zu behandeln. Der mittlerweile klassische Ansatz der Neuen Ökonomischen Geographie ist das Zentrum-Peripherie-Modellvon Paul Krugman, im Journal of Political Economy publiziert (Krugman, 1991a) und in einem sehr eingängigen Büchlein (Geography and Trade, Krugman, 1991b) popularisiert. 6.1 Der Grundgedanke des Zentrum-Peripherie-Modells Den Grundgedanken des Zentrum-Peripherie-Modells kann man sich an folgender vereinfachter Modellwelt klar machen. Wir stellen uns eine Welt mit nur zwei vollkommen gleichen Regionen vor, die wir als Nord und Süd bezeichnen. Es gibt einen Sektor der Ökonomie (den „modernen Sektor“), in welchem viele verschiedene Produkte von vielen Firmen hergestellt werden, die jeweils ein Produkt herstellen. Um uns noch nicht mit Überlegungen zur Marktform, zu Preis- und Mengenwahl usw. zu belasten, nehmen wir an, jede Firma verkaufe eine feste Menge (insgesamt eine Einheit) zu festen Preisen. Sie muss sich zwischen drei möglichen Standortstrategien entscheiden: i. Sie eröffnet eine Betriebsstätte in Nord und beliefert von dort Nord und Süd. Dann muss sie Fixkosten F sowie Transportkosten für den Teil der Produktion aufwenden, den sie in Süd absetzt. Für Lieferungen von Nord nach Nord oder Süd nach Süd fallen keine Transportkosten an. Ferner fallen variable Kosten an. Aber die brauchen uns hier nicht zu interessieren, sie sind von der Standortstrategie unabhängig. Ist z. B. die Hälfte der Nachfrage in Nord und die andere Hälfte in Süd, wird insgesamt eine Mengeneinheit abgesetzt und sind t die Transportkosten pro Einheit, dann betragen die Kosten F þ t=2.

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References

Zusammenfassung

Vorteile

- Umfassender Überblick

- Moderne und klassische Ansätze

- Einfacher Zugang zur modernen Theorie

- Verbindung von Theorie und Empirie

- Handlungsmöglichkeiten für die Politik

Zum Werk

Räumliche Aspekte des Wirtschaftens sind in den letzten Jahrzehnten immer wichtiger geworden. Daher hat sich das Gebiet der Ökonomischen Geographie als Teilbereich der Wirtschaftswissenschaften dynamisch entwickelt. Ursache für die Beschäftigung mit räumlich differenziert ablaufenden Wirtschaftprozessen sind oft regionale Wohlstandsunterschiede. Dementsprechend besteht ein Ziel der Ökonomischen Geographie darin, räumliche Entwicklungsunterschiede zu erklären und hieraus politische Handlungsmöglichkeiten abzuleiten.

Themen des Buches sind unter anderem:

- Empirische Entwicklungstrends

- Theorie der Raumstruktur

- Regionales Wachstum, Entrepreneurship und Innovation

- Infrastruktur

- Regionalpolitik

Herausgeber

Prof. Dr. Johannes Bröcker lehrt Volkswirtschaftslehre an der Christian-Albrechts-Universität Kiel. Prof. Dr. Michael Fritsch lehrt Volkswirtschaftlehre an der Friedrich-Schiller Universität Jena.

Autoren

Johannes Bröcker, Michael Fritsch, Hayo Herrmann, Helmuth Karl, Gerhard Kempkes, Gabriel Lee, Joachim Möller und Helmut Seitz.

Zielgruppe

Studierende in den Bereichen Geographie, Wirtschaftswissenschaften sowie der Stadt- und Regionalplanung