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II. Betriebstypen des Großhandels in:

Thomas Foscht, Bernhard Swoboda, Joachim Zentes

Handelsmanagement, page 366 - 373

3. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-4265-6, ISBN online: 978-3-8006-4425-4, https://doi.org/10.15358/9783800644254_366_1

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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C. Systematik der Betriebs- und Vertriebstypen 323 kulationsbasis, rationeller Betriebsführung, hoher Umschlaggeschwindigkeit und hoher Kundenorientierung. Aus diesen Kriterien, welche die neuen Betriebstypen aufweisen, leitet Woll (1964, S. 131ff.) eine Art Stufentheorie ab: Die erste Stufe neuer Betriebstypen zeichnet sich durch eine Konzentration in der Wahl der Beschaffungsquellen aus, die folgende Stufe ist durch eine Reduktion des Service gekennzeichnet, die letzte Stufe beinhaltet eine komplette Selbstbedienung. Jeder weitere Schritt bedeutet insofern eine zunehmende Rationalisierung, die Kostenvorteile ermöglicht. Deli de Luca – Trifft den Kundengeschmack in einer Norwegischen Nische Deli de Luca wurde 2003 in Norwegen gegründet und ist eine Mischung aus einem Convenience- und einem Delikatessen-Laden. Die meisten der rund 25 Läden sind 24 Stunden am Tag geöffnet und bieten Backwaren wie Brot, Brötchen und Cookies, Speisen aus aller Welt, Eis und Salate zum Mitnehmen an. Der damals in Norwegen neue gehobene Convenience- Store wurde im Jahr 2006 zu 62% von Deli de Luca von NorgesGruppen gekauft, welche ab dem Jahre 2009 100% der Kette inne hat. Quelle: NorgesGruppen Annual Report 2009. C. Systematik der Betriebs- und Vertriebstypen I. Überblick Die Vielfalt der Erscheinungsformen von Handelsbetrieben kann zu idealtypischen Betriebstypen des Großhandels, des Einzelhandels bzw. der Handelsvermittlung und der Einzelhandelsagglomerationen zusammengefasst werden. In der Praxis treten sie oft als Mischtypen und in einer breiten Palette der Erscheinungsformen auf. Lerchenmüller (2003, S. 256) hebt hervor, dass in der Handelspraxis durch Kombination von Betriebstypenmerkmalen permanent neue Betriebstypen entwickelt werden, auch als morphologische Synthese bezeichnet. In der englischsprachigen Literatur werden Betriebstypen als wissenschaftlicher Forschungsgegenstand eher pauschal und in den unterschiedlichen Ausprägungen nicht so detailliert betrachtet wie bspw. in der deutschsprachigen Literatur. Dies mag daran liegen, dass sich insbesondere in den USA nicht alle Betriebstypen, die in Abschnitt C.IV. detaillierter behandelt werden, durchgesetzt haben. Ferner steht häufig bspw. die Wahrnehmung durch Kunden oder deren Einkaufsstättenwahl deutlich stärker im Vordergrund des Forschungsinteresses als managementorientierte Entwicklungen der Betriebstypen (vgl. zu spezifisch kundenorientierten Aspekten bspw. Parker u.a. 2003, S. 29ff.; Severin/Louvière/Finn 2001, S. 188ff.; Smith 2004, S. 235ff.). II. Betriebstypen des Großhandels 1. Unterscheidungskriterien der Betriebstypen des Großhandels Eine Fülle von Betriebstypen des Großhandels und Kriterien der Systematisierung können genannt werden (vgl. Kysela 1994, S. 66ff.; Täger 1995, S. 260ff.).1 Nachfolgend werden zunächst Kriterien aus der Tietzschen (1993d, S. 16ff.) Gliederung in Grundstruktur und Marktbearbeitung sowie die zugehörigen Betriebstypen hervorgehoben (siehe Abbildung 3.8). Die Kriterien sind: 1 Vgl. zur Entwicklung des Großhandels die Ausführungen im Ersten Kapitel. 324 Drittes Kapitel: Die Dynamik der Betriebs- und Vertriebstypen Marktgebiet bzw. geografisches Aktionsfeld: Nach dem Ausdehnungsgebiet kann vom Großhandelsbetrieb bzgl. seiner Handelstätigkeit eine lokale, regionale, nationale oder internationale Markttätigkeit angestrebt werden. Wird die Grenzüberschreitung als Unterscheidungskriterium zu Grunde gelegt, kann beim Außen(groß)handel – in Abgrenzung zum Binnen(groß)handel – zwischen Export-, Import- und/oder Transithandel unterschieden werden. Warenverwendungszweck: Bezüglich der geplanten Verwendung der angebotenen Waren ist es üblich, den Konsumgüter- bzw. Konsumtionsverbindungsgroßhandel dem Produktionsgüter- bzw. Produktionsverbindungsgroßhandel gegenüber zu stellen. Dieses Kriterium trägt auch der Kundenstruktur (Wiederverkäufer oder gewerbliche Weiterverarbeiter) Rechnung. Marktausrichtung: Die Ausrichtung am Markt kann eher beschaffungsorientiert oder eher absatzorientiert erfolgen. Die Beschaffungsorientierung bedeutet eine Ausrichtung auf den Warenaufkauf (z.B. im Agrarbereich, so beim Aufkauf- oder naturnahen Großhandel). Die Verkaufsorientierung bedeutet eine Orientierung auf denWarenabsatz (z.B. Vermarktungs- oder konsumnaher Großhandel). Sortimentsausrichtung: Das Kriterium der Marktbearbeitungspolitik führt bei Differenzierung nach Breite und Tiefe des Sortiments zur graduellen Ausprägung von zwei Hauptkategorien, so Sortimentsgroßhandel und Fach- bzw. Spezialgroßhandel. Bezüglich des Sortiments kann auch unterschieden werden, ob ein durchgängiges Programm angeboten wird, oder ob das Sortimentskonzept Posten vorsieht. Der Postengroßhandel ist nicht auf das Angebot eines durchgängigen Warenangebots ausgerichtet, sondern auf ein fallweises Angebot von meist hochaktuellen, modischen Waren. Verkaufsform: Es ist eine Unterscheidung danach möglich, ob der Großhandelsbetrieb Lieferungen vornimmt (sog. Domizilprinzip des Kunden) oder nicht (sog. Residenzprinzip des Großhändlers). In diesen Fällen kann zwischen Zustell- und Versandgroßhandel bzw. Cash & Carry-Großhandel unterschieden werden. Gesondert ist das Rack Jobbing zu nennen. Dispositionsfähigkeit: Hiernach wird zwischen Strecken- und Lagergroßhandel unterschieden. 2. Sortimentsgroßhandel Der Sortimentsgroßhandel ist durch ein breites und i.d.R. flaches Sortiment gekennzeichnet. Zumeist umfasst das Sortiment Waren aus vielen unterschiedlichen Warengruppen (Aussschuss für Definition zu Handel und Distribution 2006, S. 40). Häufig werden anhand des Angebots mehrere Branchen abgedeckt, wenn auch anhand eines Sortiments von vergleichsweise geringer Tiefe. Ziel ist es, den Bedarf der jeweiligen Zielgruppe möglichst vollständig abzudecken. Das Sortiment ist insbesondere auf ein im Zeitablauf durchgängiges und relativ konstantes Angebot der Waren hin ausgerichtet (Koster 1996, S. 29). Der Betriebstyp des Sortimentsgroßhandels ist häufig bei den Einkaufsgenossenschaften und Freiwilligen Ketten, so bei Edeka, Rewe oder Spar, zu finden, die für die angeschlossenen Partner Beschaffungsfunktionen sowohl im Food- als auch im Non-Food-Bereich übernehmen. C. Systematik der Betriebs- und Vertriebstypen 325 Abbildung 3.8: Erscheinungsformen des Großhandels Gliederungskriterium Erscheinungsform Funktionsstufe Zentralgroßhandel, nationaler, regionaler, lokaler Großhandel Stufigkeit einstufiger, zweistufiger, dreistufiger Großhandel Verbindung mit anderen Wirtschaftsstufen reiner Großhandel, Großhandel mit Produktion, mit Einzelhandel, mit Handwerk, mit Dienstleistungen, Kombinationen Bindung an andere Unternehmen Werkhandelsgesellschaft, Konzerngroßhandlung, ungebundene Großhandlung Geografisches Aktionsfeld lokaler, regionaler, nationaler und internationaler Großhandel Grenzüberschreitung Binnenhandel, Außenhandel (Export, Import, Transit, Kombinationen) Marktausrichtung auf Beschaffung/Absatz Aufkaufgroßhandel, Erfassungsgroßhandel, Absatzgroßhandel, Vermarktungsgroßhandel, kombinierter Aufkauf-/Vermarktungsgroßhandel Warenverwendungszweck a) Konsumgütergroßhandel; Produktionsgütergroßhandelb) Konsumtionsverbindungs-; Produktionsverbindungshandel Verwertungszustand der Waren Rohstoff-, Halbwaren-, Fertigwarengroßhandel Branchenbezogenheit Einbranchen-, Mehrbranchen-, Vielbranchengroßhandel Branchengliederung z.B. Lebensmittelgroßhandel, Landhandel, Stahlhandel, technischer Handel,Autozubehör- und Ersatzteilegroßhandel Standort zentrenfreier Standort, Standort in Dispositionszentren, Standort in Lager-oder Umschlagszentren Filialisierung Einbetriebsgroßhandlung, filialisierende Großhandlung Unternehmensform einzelwirtschaftlicher Großhandel, ohne/mit Bindung, Ein-/Verkaufsge-meinschaften genossenschaftlicher/sonstiger Rechtsform Wareneigentum Eigenhändler vs. Fremdhändler (inkl. von Handelsvermittlern wie Handels-vertreter, Kommissionär, Kommissionsagentur, Handelsmakler) Kooperation Mitgliedschaft in Großhandelsverbundgruppen/Kontoren, Kontraktmarketing mit Herstellern, Verbundgruppen mit Kunden, Kooperation mit komplementären Service-/Handwerksfirmen Zahl Leistungsprogramme/Betriebstypen Ein-Programm-Unternehmen, Mehr-Programm-Unternehmen Funktionsausübung Vollfunktionsgroßhandel, Teilfunktionsgroßhandel Dienstleistungsintensität Systemkopfgroßhandel, Servicegroßhandel, preisorientierter, serviceredu-zierter Großhandel Sortimentsausrichtung Sortimentsgroßhandel, Fach- bzw. Spezialgroßhandel, Postenhandel Kontaktform direkte Außendienstorientierung, Versandgroßhandel, Katalog, mediale Kon-taktformen: Telefon, Telefax Verkaufsform Zustell- und Versandgroßhandel, Cash & Carry, Rack Jobber Kundenbetreuung ubiquitärer, selektiver Großhandel, segmentierter Großhandel Warenzustand Neuwaren, Altwaren Vertragskategorien Verkauf, Vermietung, Leasing, Sonstiges Austauschprinzip Ware-Geld-Prinzip, Ware-Ware-Prinzip Dispositionsfähigkeit über Waren Streckengeschäftsgroßhandel, Lagergroßhandel Logistikintensität Logistikspezialist, Großhandelsspediteur, logistikfreier Großhandel Finanzielle Abhängigkeit starke Lieferantenabhängigkeit, schwache Lieferantenabhängigkeit, keineLieferantenabhängigkeit Finanzielle Bindung starke, schwache, keine Kundenbindung Schwerpunkttyp der Kontraktpolitik dominierende schriftliche Werbung, dominierende persönliche Werbung, dominierender Außendienst Kundenkontakt/ Tätigkeitsschwerpunkt Abholgroßhandel, Bemusterungsgroßhandel, Ausliefergroßhandel, reiner Streckengroßhandel Marktbearbeitungsdominanz Platzhirschunternehmen, Nischengroßhandel Quelle: in Anlehnung an Tietz 1993d, S. 16ff. 326 Drittes Kapitel: Die Dynamik der Betriebs- und Vertriebstypen Lekkerland als Vorreiter für die Wachstumsbranche Convenience Lekkerland versorgt Tankstellen-Shops, Kioske, Bäckereien, Getränkefachmärkte, Tabakwarenfachgeschäfte, Kaufhäuser, Lebensmittelmärkte, und Kantinen und fährt somit über 60.000 Belieferungspunkte in Deutschland an. Mit ihrem Sortiment Getränke, Tabak- und Süßwaren, Fast-Food, Snacks, Frische-Artikel, Non-Food und Telefonkarten erwirtschaftete Lekkerland im Jahre 2010 alleine in Deutschland einen Umsatz von 6,6 Mrd. EUR. Darüber hinaus ist Lekkerland in vielen Europäischen Ländern aktiv. Quelle: Lekkerland Geschäftsbericht 2011. Als Sonderform des Sortimentsgroßhandels hat der Großverbraucher-Zustellservice (Food Service) sich darauf spezialisiert, Großverbraucher – wie z.B. Krankenhäuser, Restaurants, Heime, Hotels, Großkantinen usw. – mit allen benötigten Waren zu versorgen (Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie 2009). Die Besonderheiten liegen insbesondere in der Notwendigkeit eines Spezialsortiments (Portionspackungen usw.), in der Notwendigkeit spezifisch geschulten Personals und in der Notwendigkeit eines kundengerechten Dienstleistungsangebots (Menüvorschläge, Küchenorganisationsberatung usw.). 3. Fach- bzw. Spezialgroßhandel Kennzeichen des Fach- bzw. Spezialgroßhandels im Gegensatz zum Sortimentsgroßhandel ist das Angebot eines schmalen Sortiments, das sich durch eine ausgeprägte Tiefe auszeichnet (Ausschuss für Definitionen zu Handel und Distribution 2006, S. 40). Es findet dabei im Allgemeinen eine Beschränkung der Waren und Dienstleistungen auf eine Branche bzw. auf einzelne Bereiche einer Branche statt. Es zeigt sich also eine starke Spezialisierung in der Ausrichtung. Auch beim Spezialgroßhandel erfolgt eine Ausrichtung auf eine zeitliche Konstanz und Durchgängigkeit des Sortiments im Zeitablauf. Meist zeichnen sich die Betriebe durch ein ausgeprägtes Know-how hinsichtlich Produkt und Service aus. Auf Grund der Tatsache, dass solche Betriebe insbesondere über ein ausgeprägtes Ausmaß an Spezialwissen verfügen und somit besondere Dienstleistungen gegenüber ihren Kunden erbringen können, handelt es sich bei Unternehmen, die diesen Betriebstyp gewählt haben, v.a. um „freie“ Großhandelsunternehmen, d.h. um solche Unternehmen, die nicht in Kooperationen bzw. Ketten eingebunden sind. Der Pressegroßhandel als Bindeglied zwischen Verlag und Leser Presseprodukte wie Zeitungen und Zeitschriften gelangen über verschiedene Wege an die Leser, so Einzelhandel, Kioske, Tankstellen und Bäckereien. Der Pressegroßhandel fungiert als marktführendes Bindeglied zwischen diesen Vertriebswegen und den Verlagen (deutscher Marktanteil von 54% im Jahre 2011). Auch Gruner+Jahr, Burda und WAZ haben sich ab dem Jahre 2011 ans Presse-Grosso-System gebunden. Allerdings kämpft der Presse-Grosso um seine Existenz, denn im Oktober 2011 hat der Bundesgerichtshof mit seinem Urteil den Pressegroßhandel unter Druck gesetzt. Zur Debatte – auch weiterer Gerichtsverhandlungen – steht das Verhandlungsmonopol des Bundesverbandes Presse-Grosso, in dessen Zuge Zeitungs- und Zeitschriftenverlage ausschließlich mit der Dachorganisation der 69 Grossisten, die über ein regionales Gebietsmonopol verfügen, die Verträge über Konditionen abschließt. Ein entsprechendes Urteil würde vor allem den großen Verlagen nutzen, die eine eigene Distribution aufbauen könnten. Quelle: Hauser 2011; Handelsblatt, 26. Oktober 2011, S. 28. C. Systematik der Betriebs- und Vertriebstypen 327 4. Zustellgroßhandel Der Warenübergang beim Zustellgroßhandel findet am Ort des Abnehmers statt, d.h., es erfolgt eine Vorgehensweise nach dem Domizilprinzip (des Kunden). Der Zustellgroßhandel, d.h. der klassische bzw. traditionelle Großhandel, strebt einen hohen Grad an Lieferbereitschaft und -fähigkeit an. Auf Kundenanfrage erfolgt eine Auslieferung der jeweiligen Ware zum Betrieb des Kunden. In der Regel wird ein eigener Fuhrpark unterhalten oder es werden Logistik-Dienstleister mit der Lieferung beauftragt. Bei diesem Betriebstyp besteht ein wichtiges Kennzeichen in einer ausgeprägten Serviceorientierung.1 Neben der Lieferung werden auch weitere Dienstleistungen angeboten. So liegt eine ausgeprägte Informations- und Beratungsintensität in diesen Betrieben vor, z.B. technischer Kundendienst, Schulung der Mitarbeiter, Konzeption der Sortimentsgestaltung und Realisation von Werbemaßnahmen (Barth/Hartmann/Schröder 2007, S. 85). Dies erfordert ein hohes Maß an Know-how seitens des Großhandelsunternehmens bzgl. der Produktspezifika und Kundenanforderungen (Tietz 1993d, S. 468). Die ausgeprägte Serviceorientierung wird als wichtiges Instrument der Kundenbindung eingesetzt. Auf diese Weise soll eine langfristige Markt- und Lieferbeziehung zu den Kunden aufgebaut werden. Der Zustellgroßhandel ist in seiner Liefertätigkeit zumeist auf die Belieferung lokaler bzw. regionaler Kunden begrenzt. 5. Versandgroßhandel In Abgrenzung zum Zustellgroßhandel zeichnet sich der Versandgroßhandel durch eine Lieferung über große räumliche Distanzen hinweg aus. Letztere können medial durch Kataloge, Prospekte, Anzeigen, elektronische Medien oder Außendienstpersonen überwunden werden (Ausschuss für Definitionen zu Handel und Distribution 2006, S. 61f.). Hierbei unterhalten die Betriebe oft einen eigenen Fuhrpark. Dabei wird v.a. im überregionalen Raum frische bzw. leicht verderbliche Ware, z.B. Obst und Gemüse, versandt (Täger 1995, S. 263). Der Versandgroßhandel kann wiederum in Sortimentsversandgroßhandel und Spezialversandgroßhandel differenziert werden, je nach Breite und Tiefe des Sortiments (Ausschuss für Definitionen zu Handel und Distribution 2006, S. 61f.). Weiterhin kann der Versandgroßhandel neben dem zentralen Versandbetrieb auch stationäre Filialen unterhalten, in denen ein Teil des Sortiments auslieferungsbereit ist, ein anderer Teil medial, z.B. durch Kataloge, angeboten wird. 6. Cash & Carry-Großhandel Der Cash & Carry-Großhandel, auch als Selbstbedienungsgroßhandel bezeichnet, ist eine Form des Abholgroßhandels. Im Unterschied zum traditionellen Großhandel stellt der Kunde seine Ware nach dem Prinzip der Selbstbedienung selbst zusammen, zahlt zumeist in bar und sorgt selbst für den Transport der Ware (Ausschuss für Definitionen zu Handel und Distribution 2006, S. 36f.). 1 Zur Analyse von Servicefunktionen bei Großhändlern des Produktionsverbindungs- und des Konsumtionsverbindungshandels vgl. Samadi 2009. 328 Drittes Kapitel: Die Dynamik der Betriebs- und Vertriebstypen Der Ort des Warenüberganges beim Cash & Carry-Großhandel ist also der Ort des Großhändlers; es findet dementsprechend eine Umsetzung des Residenzprinzips statt. Die Ausgestaltung des Lagers muss aus diesem Grund in kundengerechter Weise erfolgen. Cash & Carry-Großhandelsbetriebe sind nach dem Selbstbedienungsprinzip ausgerichtet. Der Inkasso-Vorgang erfolgt unmittelbar. Im Gegensatz zum konventionellen Abholgroßhandel, bei dem die Kunden ihre Einkäufe nach dem Bedienungsprinzip tätigen und ihre Ware durch Verkaufspersonal aus einem für die Abnehmer nicht zugänglichen Lager ausgehändigt bekommen, ist beim Cash & Carry-Großhandel das Lager für die Kunden zugänglich. Das Sortiment der Cash & Carry-Großhandelsbetriebe ist i.d.R. breit ausgerichtet. Es umfasst dabei meist Güter aus dem Konsumbereich, v.a. Nahrungs- und Genussmittel sowie Gebrauchs- und Verbrauchsgüter. Während bei Letzteren typischerweise ein Vollsortiment besteht, werden die übrigen Konsumgüter im Rahmen eines aus allen wesentlichen Warenbereichen bestehenden flachen, aber zugleich breiten Sortiments angeboten. Die Nachfragemengen sind im Allgemeinen vergleichsweise gering. Die Kundengruppen sind i.d.R. weit gestreut; die Anzahl der Abnehmer ist dabei relativ hoch. Häufig rekrutiert der Cash & Carry-Großhandel seine Abnehmer aus dem Bereich des Kleingewerbes, v.a. aus dem Gastronomie- und Beherbergungswesen sowie aus einem Kreis kleinerer Einzelhandelsunternehmen (Täger 1995, S. 263f.). Im Gegensatz zum traditionellen Abholgroßhandel mit Bedienungsprinzip ist der Cash & Carry-Großhandel durch ein geringeres Maß an Spezialisierung in Sortiment und Beratungsdienstleistungen gekennzeichnet. Er ist deshalb i.d.R. im Bereich des Sortimentsgroßhandels angesiedelt. Im Zuge eines Trading-up ist eine Zunahme des Angebots zusätzlicher Dienstleistungen im Bereich des Transport- und Lieferwesens zu erkennen. Teilweise werden den Kunden entgeltliche Logistikleistungen angeboten, die vom Großhandelsunternehmen selbst oder durch Dienstleister ausgeführt werden. Diese gehen über das traditionelle Cash & Carry-Geschäft hinaus, während Drive-in-Konzepte der zunehmenden Convenience-Orientierung – ähnlich wie im Lebensmitteleinzelhandel (Tietz 1993d, S. 35) – auch gewerblichen Kunden Rechnung tragen. 7. Rack Jobber Der Rack Jobber wird auch als Regalgroßhändler oder Service- Merchandiser bezeichnet. Hierbei handelt es sich um einen Betriebstyp, bei dem der Verkaufsraum bzw. die Regalflächen im Einzelhandel oder bei Cash & Carry-Großhändlern in eigener Regie mit eigenständigem Sortiment bestückt und wirtschaftlich betreut werden (Ausschuss für Definitionen zu Handel und Distribution 2006, S. 40). Das Sortiment umfasst insbesondere Haushaltswaren, Kleintextilien, Papierwaren, Spielwaren, Bücher oder Kosmetika, meist in Ergänzung zum Kernsortiment, wie etwa Lebensmittel. Der Serviceumfang geht also über die reine Warenverfügbarkeit hinaus. Durch die Unternehmen werden bei diesem Betriebstyp Groß- bzw. Einzelhandelsflächen, d.h. Regalplätze bzw. Teile der Verkaufsfläche, angemietet. Mitarbeiter des Großhandelsunternehmens übernehmen die fortlaufende Betreuung dieser Bereiche innerhalb der Einzelhandelsbetriebe oder innerhalb von Großhandelsbetrieben (insbesondere in Spezialgroßhandels- und Cash & Carry-Großhandelsbetrieben), d.h., sie übernehmen Auffüllung und Pflege der angemieteten Bereiche sowie die verkaufstechnische Unterstützung des Sortiments. Rack Jobber bieten die Ware im Großhandelsbetrieb bzw. Einzelhandelsbetrieb auf eigene Rechnung an. Die Unternehmen erhalten von den Regalgroßhändlern für die Bereitstellung der Verkaufsfläche i.d.R. eine umsatzabhängige C. Systematik der Betriebs- und Vertriebstypen 329 Vergütung. Groß- und Einzelhandelsbetriebe haben durch die Zusammenarbeit mit Rack Jobbern auf der Basis der Überlassung von Verkaufsfläche die Möglichkeit, ihr Risiko und ihre Verantwortung für die betreffenden Sortimentsbereiche weitestgehend einzuschränken. Gerade im Bereich von Waren, bei denen das produktspezifische Know-how der jeweiligen Handelsunternehmen begrenzt ist, bietet sich diese Vorgehensweise an. Man kann eine solche Zusammenarbeit zwischen Rack Jobber und Handelsunternehmen als eine Form der vertikalen Kooperation ansehen (Barth/Hartmann/Schröder 2007, S. 86). Eine Sonderform des Rack Jobbing stellt der Betriebstyp des Food-Brokers bzw. Service-Merchandisers dar. In diesem Fall werden Auswahl, Pflege und Betreuung sowie die Kontrolle des Warenbestandes der Regalflächen im Einzelhandel durch den Großhandel im Auftrag des Herstellers übernommen (Tietz 1993b, S. 30). GMV BaumarktService als einer der größten Rack Jobber im Baumarktbereich Das deutsche Unternehmen bietet in Deutschland, Österreich, der Schweiz sowie Dänemark, in den Benelux-Ländern und weiteren europäischen Staaten Regaleinrichtungen, Einräumservices, Präsentationsaufbau und -gestaltung sowie Verkaufsförderungsmanagement an. Das Unternehmen arbeitet nach anerkannten Qualitätsstandards und bietet mit 800 Mitarbeitern eine flächendeckende Personalbereitstellung. Quelle: www.gmv-absatzservice.de, 20. September 2011. 8. Strecken- und Lagergroßhandel Unter Streckengroßhandel versteht man den Handel, bei dem die Handelsware vom Vorlieferanten zum Abnehmer befördert wird, ohne dass sie von der dazwischengeschalteten, fakturierenden Handelsunternehmung eingelagert wird (Ausschuss für Definitionen zu Handel und Distribution 2006, S. 41). Bei dem Betriebstyp des Streckengroßhandels werden mehr als 50% der Großhandelstätigkeit anhand von Streckengeschäften realisiert. Dabei wird die Ware von den Vorlieferanten direkt an die Abnehmer geliefert, ohne dass eine Einlagerung bei dem Großhandelsbetrieb stattfindet. Durch diese Vorgehensweise werden im Streckengroßhandel Transport- und Handlingkosten eingespart. Die Belieferung durch den Streckengroßhandel ist i.d.R. national bzw. international ausgerichtet. Es werden also große Distanzen überbrückt. Es besteht allerdings die Gefahr einer Ausschaltung des Streckengroßhandels: Die Kunden können seine Mittlerfunktion übergehen, indem sie eine direkte Marktbeziehung zu den jeweiligen Vorlieferanten bzw. Herstellern eingehen (Täger 1995, S. 268f.). Der Lagergroßhandel ist durch eine schwerpunktmäßige Ausrichtung auf Funktionen der Lagerhaltung und Sortimentierung gekennzeichnet. Im Lagergroßhandel wird im Wesentlichen die Zeitüberbrückungsfunktion übernommen. Die Logistikleistung beinhaltet also hierbei die Warenlagerung. Der Lagergroßhandel ist bzgl. seiner Kundenstruktur eher auf kleinere Abnehmer ausgerichtet, im Allgemeinen im lokalen bzw. regionalen Raum. Ein Beispiel für den Lagergroßhandel stellt der Handel mit Ersatzteilen aller Art dar (z.B. im Kfz-Bereich). Hier erwarten die Kunden des Großhandels eine ständige Verfügbarkeit zumindest der gängigsten Artikel. 330 Drittes Kapitel: Die Dynamik der Betriebs- und Vertriebstypen 9. Weitere Formen Als weitere Formen werden der Produktionsverbindungshandel und der Werkshandel hervorgehoben. Der Produktionsverbindungshandel umfasst dabei diejenigen Zweige des Großhandels, die sich (überwiegend) mit der Belieferung von Produktionsbetrieben (industrielle Hersteller, Handwerksbetriebe oder andere gewerbliche Verwender) mit Investitionsgütern, Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffen befassen (Ausschuss für Definitionen zu Handel und Distribution 2006, S. 40). Diese Investitionsgüter, Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe werden auf der Stufe der Abnehmer des Produktionsverbindungshandels in weiteren Wertschöpfungsprozessen be- oder verarbeitet. Der Produktionsverbindungshandel nimmt also die Funktion einer Verbindung zwischen den unterschiedlichen Stufen der Produktionsbetriebe ein. Werkhandelsunternehmen sind rechtlich selbstständig, aber wirtschaftlich abhängig von einem oder mehreren herstellenden Unternehmen. Sie beziehen ihre Handelswaren überwiegend von einem oder mehreren Produktionsunternehmen, die gemeinsam zu mehr als 50% am Kapital der Werkhandelsunternehmung beteiligt sind (Ausschuss für Definitionen zu Handel und Distribution 2006, S. 41). Die Abgrenzung der Werkhandelsunternehmen im Rahmen der Großhandelsbetriebe erfolgt anhand der Unternehmensform. III. Betriebstypen der Handelsvermittlung Handelsvermittlung liegt vor, wenn Betriebe ausschließlich bzw. überwiegend mit Waren in fremdem Namen und auf fremde Rechnung Handel tätigen (Fremdgeschäfte). Handelsvermittlung ist auf der Ebene des Großhandels oder des Einzelhandels möglich. Es handelt sich um eine vermittelnde Tätigkeit, d.h., der Absatz der Ware wird getätigt, ohne dass Eigentum an der Ware entsteht. Die Handelsvermittlung grenzt sich durch das Vorliegen eines Fremdgeschäftes von dem Eigengeschäft, bei dem der Handelsbetrieb das Geschäft sowohl auf eigenen Namen als auch auf eigene Rechnung tätigt, ab. Eine Zwischenform stellt das Kommissionsgeschäft dar. Hier erfolgt der Geschäftsabschluss durch den Handelsbetrieb als selbstständiger Kommissionär (Wingate 1931, S. 28), d.h. auf eigenen Namen und fremde Rechnung. Sie können Groß- oder Einzelhandelsfunktionen wahrnehmen. Mit der Down-stream- und der Up-stream-Vermittlung sind zwei Grundrichtungen der Handelsvermittlung abzugrenzen (siehe Abbildung 3.9). Bei der „Down-stream-Vermittlung“ erhalten Handelsvermittler von ihren Auftraggebern, z.B. Industrieunternehmen, Großhandelsunternehmen oder Importeuren, den Auftrag, geeignete Käufer für deren Waren zu ermitteln und Geschäftsabschlüsse vorzubereiten oder auszuführen. Als Formen sind zu unterscheiden: Handelsvertreter, Handelsmakler, Versandhandelsvertreter und Agenturen. Die Handelsvertreter und die Handelsmakler werden meistens der Handelsvermittlung auf der Großhandelsebene zugeordnet, d.h., Kunden und Auftraggeber sind jeweils Unternehmen. Handelsvertreter vermitteln bzw. tätigen Kaufabschlüsse für die jeweiligen Unternehmen in einem langfristigen bzw. dauerhaften Vertragsverhältnis (zur Anayse des Verkaufserfolgs von Handelsvertretern vgl. Lucas/Weinberg/Clowes 1975; Ruekert/Churchill 1984; Gatignon/Gatignon 2010). Handelsmakler vermitteln ebenso nur zwischen Unternehmen, weisen aber kein ständiges Vertragsverhältnis mit einem Auftraggeber auf, d.h., die Auftraggeber wechseln. Die Vertriebsagenturen und die Versandhandelsvertreter werden der Handelsvermittlung auf der Einzelhandelsebene zugeordnet, d.h., bei den Kunden handelt es sich meist um private Verbraucher (Paffhausen 1995, S. 891f.).

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References

Zusammenfassung

Modernes Handelsmanagement.

Zentes/Swoboda/Foscht, Handelsmanagement

3. Auflage. 2012.

ISBN 978-3-8006-4265-6

Handelsmanagement komplett

Handelsunternehmen bauen ihre Wertschöpfungstiefe sowohl »up-stream« als auch »down-stream« aus. Auch Industrieunternehmen gestalten ihre Wertschöpfungsarchitekturen zunehmend um: Durch absatzmarktorientierte Vertikalisierung werden auch sie zu »Händlern«. Das Buch führt in die neuen Ansätze und Methoden des modernen Handelsmanagements ein und erklärt die Zusammenhänge in der Handelspraxis.

Handelsmanagement in der Praxis

Diese Ansätze und Methoden des Handelsmanagements werden vorgestellt:

* Strategien, Betriebs- und Vertriebstypen des Handels

* Optionen des Absatzmarketing

* Gestaltung der Supply-Chain

* Konzepte der Führung in Handelsunternehmen.