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2.2 Inventurformen in:

Wolfgang Eisele, Alois Paul Knobloch

Technik des betrieblichen Rechnungswesens, page 65 - 72

Buchführung und Bilanzierung, Kosten- und Leistungsrechnung, Sonderbilanzen

8. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3784-3, ISBN online: 978-3-8006-4350-9, https://doi.org/10.15358/9783800643509_65

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

Bibliographic information
2.2 Inventurformen 45 Vahlens Handbücher – Eisele/Knobloch – Technik des betrieblichen Rechnungswesens (8. Aufl.) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.07.2011 Seite 45 Status: Imprimatur der statistischen Aussagen und der Überleitung der Stichprobenergebnisse auf das Inventar. Der Grundsatz der Einzelerfassung und Einzelbewertung (§ 252 Abs. 1 Nr. 3 HGB): Demnach sind alle Vermögensgegenstände und Schulden nach Art, Menge und Beschaffenheit gesondert zu erfassen und einzeln zu bewerten sowie im Inventar aufzuführen. Strittig ist, ob die Bewertung schon während der Inventur zu erfolgen hat oder erst bei der Inventarerstellung. Nach herrschender Meinung kann die Bewertung zeitlich losgelöst von der körperlichen Bestandsaufnahme erfolgen. Auf alle Fälle müssen dann aber bereits bei der Inventur Angaben für die Bewertung (z. B. Qualitätsminderungen) gemacht werden. Die Pflicht zur Einzelerfassung und Einzelbewertung ist, abgesehen von den Möglichkeiten der Anwendung der Fest- bzw. der Gruppenbewertung (§ 240 Abs. 3 und 4 HGB; zu den einzelnen Methoden s. Teil A, Abschn. 11.2.2.1 und 11.2.2.2, S. 408 ff.), nur dadurch begrenzt, dass keine unzumutbaren und, in Relation zur Bedeutung der Vermögensgegenstände oder Schulden, unverhältnismäßig hohen Anforderungen zu stellen sind. Bei der Stichprobeninventur ist der Einzelnachweis der Vermögensgegenstände nach Art, Menge und Wert für das Inventar über eine ordnungsmäßige Bestandsbuchführung zu gewährleisten, d. h. alle Bestände, Zu- und Abgänge müssen einzeln nach Termin, Art und Menge erfasst und die Eintragungen belegmäßig nachgewiesen werden. 2.2 Inventurformen Die Erstellung des Inventars kann auf der Grundlage unterschiedlicher Vorgehensweisen erfolgen. Die dabei jeweils angewandten Inventurformen sind durch eine Kombination von Merkmalen gekennzeichnet, wobei eine Kategorisierung wie folgt vorgenommen werden kann: – Art der Aufnahme: körperliche Inventur, Beleg- und Buchinventur, – zeitliche Anordnung der Aufnahme, des Inventar- und des Bilanzstichtags: Stichtagsinventur, vor- oder nachverlegte Inventur, permanente Inventur sowie – als bestandsbedingte Sonderformen – die Einlagerungsinventur und die systemgestützte Werkstattinventur, – Umfang der Aufnahme: jährliche vollständige Erfassung, jährliche stichprobenweise Erfassung, jährliche Gruppen- bzw. Festbewertung. Häufig wird die Kennzeichnung nach der zeitlichen Anordnung der Aufnahme mit dem Begriff Inventursystem, die Unterscheidung nach Art und Umfang der Aufnahme hingegen mit der Bezeichnung Inventurverfahren umschrieben. Eine adäquate Kombination aus Inventursystem und Inventurverfahren wird als Inventurform bezeichnet. (1) Bezüglich der Art der Aufnahme hat die Inventur bei körperlichen Vermögensgegenständen grundsätzlich den Charakter einer körperlichen Bestandsfeststellung, bei der das Vorhandensein, die Art, die Menge und die Beschaf- 2 Inventur und Inventar46 Vahlens Handbücher – Eisele/Knobloch – Technik des betrieblichen Rechnungswesens (8. Aufl.) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.07.2011 Seite 46 Status: Imprimatur fenheit durch tatsächliche Inaugenscheinnahme überprüft und physisch aufgenommen werden. Die Feststellung der Mengenkomponente erfolgt daher regelmäßig durch Zählen, Messen und/oder Wiegen. Da das Vermögen eines Unternehmens aber nur zum Teil aus körperlichen Vermögensgegenständen besteht, erfordert die Verpflichtung zur Aufnahme sämtlicher Vermögensgegenstände und Schulden, dass unkörperliche Bestände, wie z. B. Forderungen sowie Verbindlichkeiten bei Belegbuchführung, Bankguthaben, Beteiligungen und immaterielle Vermögensgegenstände, anhand von Belegen bzw. Urkunden aufgenommen werden (Beleginventur). Eine Buchinventur, d. h. eine Aufnahme durch Übernahme der Bestände aus Konten und Karteien, kann vor allem bei Forderungen und Verbindlichkeiten sowie ausnahmsweise bei Anlagegegenständen erfolgen, sofern die Buchführung entsprechend ausgestaltet ist bzw. die Anlagegüter in speziellen Karteien erfasst sind. Allerdings kann der letztendliche Nachweis über das Vorhandensein von Beständen, die mittels Buchinventur Aufnahme finden, auch nur über Belege (z. B. in Form von Saldenbestätigungen) oder die körperlichen Vermögensgegenstände selbst erbracht werden. (2) Bezüglich der zeitlichen Anordnung der Aufnahme, des Inventar- und des Bilanzstichtags können die Inventurformen nach folgenden idealtypischen Inventursystemen eingeteilt werden: – Gemäß § 240 Abs. 1 und 2 HGB ist das Inventar zu Beginn des Handelsgewerbes und zum Ende eines jeden Geschäftsjahres aufzustellen. Das Ende des Geschäftsjahres bezieht sich dabei auf den Bilanzstichtag, weshalb grundsätzlich Inventar- und Bilanzstichtag übereinstimmen müssen. Erfolgt die Erfassung der Vermögensgegenstände und Schulden ebenfalls an diesem Tag – oder an einem davor oder danach liegenden Tag, falls der Bilanzstichtag auf einen arbeitsfreien Tag fällt –, so spricht man von einer (klassischen) Stichtagsinventur. Um Bewegungen der Bestände durch Kundenkäufe oder Warenan- bzw. -auslieferungen an diesem Tag zu verhindern, wird das Geschäft in der Regel für diese Zeit geschlossen. – Die klassische Stichtagsinventur kann meist nur von kleineren Unternehmen oder für Teilbestände angewandt werden, da diese Vorgehensweise bei umfangreichen Beständen aus personellen oder organisatorischen Gründen nicht durchführbar ist. Deshalb wurden Inventurerleichterungen in Form von Ausweitungsmöglichkeiten des Aufnahmezeitraums geschaffen: • Bei der ausgeweiteten Stichtagsinventur wird nur eine zeitnahe Durchführung der Bestandsaufnahme innerhalb einer Zehntagesfrist vor und nach dem Bilanzstichtag verlangt (R 5.3 Abs. 1 EStR). In Ausnahmefällen (z. B. Schneefall bei Materiallagerung im Freien) kann auch ein größerer Zeitabstand als ordnungsmäßig angesehen werden. Da das Inventar allerdings für den Bilanzstichtag aufgestellt werden muss, sind Veränderungen, die den Zeitraum zwischen dem Tag der Inventur und dem Bilanzstichtag betreffen, anhand von Belegen nach Art, Menge und Wert fortzuschreiben oder rückzurechnen. • Bei Vermögensgegenständen kann die Erfassung der einzelnen Bestände in Form der permanenten Inventur durchgeführt, d. h. über das gesamte Geschäftsjahr verteilt werden (§ 241 Abs. 2 HGB). Dieses Inventursystem ist 2.2 Inventurformen 47 Vahlens Handbücher – Eisele/Knobloch – Technik des betrieblichen Rechnungswesens (8. Aufl.) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.07.2011 Seite 47 Status: Imprimatur nicht allein auf das Vorratsvermögen beschränkt, sondern z. B. auch auf Anlagevermögen, Forderungen oder Wertpapiere anwendbar. Zur Aufnahme bieten sich dabei die Zeitpunkte mit den geringsten Beständen (z. B. nach Lagerräumung) an. Die Bestände müssen aber, außer bei Gegenständen des Anlagevermögens, in jedem Geschäftsjahr mindestens einmal durch Bestandsaufnahme geprüft und daraufhin ggf. der Buchbestand berichtigt werden. Die permanente Inventur setzt genaue Aufzeichnungen über die Bestände sowie deren Veränderungen durch Zu- und Abgänge einzeln nach Termin, Art und Menge voraus, um die Inventarstichtagsbestände ermitteln und bewerten zu können. Die Aufzeichnungen müssen belegmäßig nachgewiesen werden. Die Anwendung der permanenten Inventur ist jedoch ausgeschlossen, wenn die Wirtschaftsgüter – abgestellt auf die Verhältnisse des betreffenden Unternehmens – besonders wertvoll sind oder unkontrollierte, ins Gewicht fallende Abgänge durch Schwund, Verdunsten, Verderb, Zerbrechlichkeit usw. eintreten, ohne dass hierfür Erfahrungssätze vorliegen (R 5.3 Abs. 3 EStR). • Lagersysteme mit einem hohen Maß an Zuverlässigkeit, bei denen die Fortschreibung eine wirklichkeitsgetreue Abbildung der Bestände und Bewegungen des realen Lagers nach Art, Menge und Beschaffenheit gewährleistet, erlauben die Anwendung der Einlagerungsinventur (§ 241 Abs. 2 HGB). Dabei erfolgt die körperliche Erfassung von im Geschäftsjahr bewegten Beständen bei ihrer Einlagerung, während für nicht bewegte Bestände eine Bestandsaufnahme (spätestens) zum Inventarstichtag erfolgen muss. Zum Bilanzstichtag muss der gesamte Bestand belegmäßig erfasst sein, wobei die Einlagerungsbelege als Inventurbelege dienen. Für die Zulässigkeit der Einlagerungsinventur müssen die Lagersysteme allerdings konkret eine Vielzahl von technischen und organisatorischen Voraussetzungen erfüllen. So muss beispielsweise bei Hochregallagern mit automatischen Arbeitsgeräten die EDV-mäßige Steuerung der Ein- und Auslagerungen automatisch mit der Bestandsfortschreibung gekoppelt sein (vollautomatisches Lagersystem). Auch darf es im normalen Betrieb keine Zugriffsmöglichkeit zwischen dem Eingang ins Lager und dem Lagerplatz geben und bei Auslagerungen müssen die einzelnen Lagereinheiten vollständig entleert werden (zu den Voraussetzungen insgesamt s. HFA, Inventurverfahren, S. 147 f.). Die körperliche Erfassung kann sich hier auf die in einem abgegrenzten Zugriffsbereich (Fach, Regal usw.) gelagerten Teilbestände beschränken, was als weitere Erleichterung anzusehen ist. Bei Lagersystemen, bei denen eine mit den Lagerbewegungen automatisch synchronisierte Bestandsfortschreibung nicht gegeben ist (halbautomatische oder einfache Lagersysteme), können die erläuterten Erleichterungen allerdings nicht angewandt werden. • Eine Besonderheit der sich laufend verändernden Vorräte im Werkstattbereich ist, dass sie in einer Vielzahl von Aufträgen gebunden sind. Der Werkstattbestand und der Fertigungsgrad der einzelnen Halbfabrikate zum Bilanzstichtag können deshalb, außer durch körperliche Bestandsaufnahme am Stichtag, auch mittels Produktionsplanungs- und -steuerungssystemen (PPS-Systeme) identifiziert und fortgeschrieben werden, falls diese PPS-Systeme den Ar- 2 Inventur und Inventar48 Vahlens Handbücher – Eisele/Knobloch – Technik des betrieblichen Rechnungswesens (8. Aufl.) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.07.2011 Seite 48 Status: Imprimatur beitsfortschritt aller Aufträge durch laufende Rückmeldungen zuverlässig überwachen. Die Kontrollen für die Rückmeldungen können dabei als körperliche Aufnahmen ausgestaltet sein und für Zwecke der Inventarisierung genutzt werden, so dass eine gesonderte körperliche Bestandsaufnahme und damit ein Eingriff in den Produktionsprozess vermieden werden kann. Um bei dieser sog. systemgestützten Werkstattinventur die in einem PPS-System erfassten Bestände am Stichtag in das Inventar übernehmen zu können, muss das System sämtliche für die Inventarisierung erforderlichen Daten zur Verfügung stellen und es muss durch interne Kontrollen sichergestellt sein, dass das System bestandszuverlässig arbeitet. Die systemgestützte Werkstattinventur ist so zu dokumentieren, dass die Aufzeichnungen einem sachverständigen Dritten innerhalb einer angemessenen Zeit einen vollständigen Einblick in das angewandte Verfahren, Erkenntnisse über die Wirksamkeit des systembezogenen Kontrollsystems und über die Art, die Menge und die Beschaffenheit der mit Hilfe des Systems erfassten Bestände vermitteln können (s. im Einzelnen HFA, Inventurverfahren, S. 148). • Außer den angeführten Inventursystemen der permanenten Inventur, der Einlagerungsinventur und der systemgestützten Werkstattinventur sind noch weitere, sog. „andere Inventurverfahren“, wie z. B. die teilpermanente Inventur (s. hierzu Brönner/Bareis, Bilanz, S. 80), zulässig, falls die Inventursysteme den GoB entsprechen (§ 241 Abs. 2 HGB). – Für Vermögensgegenstände wie auch bei Pensionsrückstellungen können sowohl der Zeitpunkt der Bestandsaufnahme als auch der Inventarstichtag getrennt vom Bilanzstichtag festgelegt werden (§ 241 Abs. 3 HGB und R 6a Abs. 18 EStR). Bei der sog. zeitlich vor- oder nachverlegten Stichtagsinventur erfolgt die Bestandsaufnahme an einem Stichtag, der bei der vorverlegten Inventur innerhalb der letzten drei Monate vor, bei der nachverlegten Inventur innerhalb der ersten beiden Monate nach dem Schluss des Geschäftsjahres liegen muss. Für den jeweiligen Zeitpunkt der Aufnahme sind die erfassten Bestände nach Art, Menge und Wert in ein besonderes Inventar aufzunehmen. Der Sollbestand der Buchhaltung wird am Inventarstichtag mit dem Inventarbestand abgestimmt. Der im besonderen Inventar erfasste Bestand ist dann durch ein den Grundsätzen ordnungsmäßiger Inventur entsprechendes Fortschreibungs- oder Rückrechnungsverfahren auf den Bilanzstichtag zu beziehen. Die Besonderheit bei diesem Inventursystem liegt darin, dass die Fortschreibung oder Rückrechnung nur wertmäßig vorgenommen werden muss (R 5.3 Abs. 2 EStR). Die Wertfortschreibung bzw. -rückrechnung ergibt sich aus folgenden Schemata: Wertfortschreibung Wert der Bestände am vorverlegten Inventurstichtag + Wert der Zugänge bis zum Bilanzstichtag – Wert der Abgänge bis zum Bilanzstichtag = Wert der Bestände am Bilanzstichtag 2.2 Inventurformen 49 Vahlens Handbücher – Eisele/Knobloch – Technik des betrieblichen Rechnungswesens (8. Aufl.) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.07.2011 Seite 49 Status: Imprimatur Wertrückrechnung Wert der Bestände am nachverlegten Inventurstichtag – Wert der Zugänge seit dem Bilanzstichtag + Wert der Abgänge seit dem Bilanzstichtag = Wert der Bestände am Bilanzstichtag Die Anwendung dieses Systems kann zu Schwierigkeiten führen, wenn am Bilanzstichtag für Zwecke der Bewertung des Bestandes (z. B. Niederstwertprinzip) bzw. der Inanspruchnahme steuerlicher Vergünstigungen auch Informationen über Art, Menge und Beschaffenheit der Bestandspositionen erforderlich sind. Die Anwendung der zeitlich vor- oder nachverlegten Stichtagsinventur unterliegt den gleichen Anwendungsbeschränkungen wie die permanente Inventur (R 5.3 Abs. 3 EStR). (3) Bezüglich des Umfangs der Aufnahme hat die Inventur grundsätzlich den Charakter einer jährlichen, vollständigen Bestandsaufnahme aller einzelnen Vermögensgegenstände und Schulden jeweils nach Art, Menge und Wert. Hiervon sind jedoch für Vermögensgegenstände folgende Abweichungen zulässig: Bei der Stichprobeninventur (§ 241 Abs. 1 HGB) werden aus einem Gesamtbestand (Grundgesamtheit), der sich aus mehreren Einzelbeständen (Elementen) zusammensetzt, zunächst Stichproben in einem zuvor ermittelten Umfang gezogen. Da dann nur die ausgewählten und nicht sämtliche Elemente des Gesamtbestands nach Art, Menge und Wert aufgenommen werden müssen, kann dies unter Umständen zu einer erheblichen Reduzierung des Arbeitsund Zeitaufwands sowie einer größeren Aufnahmegenauigkeit gegenüber einer Vollerhebung führen. Hauptanwendungsfall ist die Vorratsinventur, wobei eine analoge Anwendung für die Aufnahme anderer dafür geeigneter Vermögensgegenstände nicht ausgeschlossen ist. Als typisches Beispiel kann hierzu eine Lagerhalle mit einer Vielzahl von Lagerpositionen jeweils unterschiedlicher Warenbestände angeführt werden, aus denen dann eine bestimmte Anzahl dieser Positionen ausgewählt wird. Eine Bestandserfassung aufgrund von Stichproben ist aber nur zulässig, wenn dies mit Hilfe anerkannter mathematisch-statistischer Verfahren geschieht. Anwendungsvoraussetzung aller mathematisch-statistischen Verfahren ist, dass diese auf einer klar abgegrenzten Grundgesamtheit fußen, die ihrerseits aus homogenen Elementen besteht (z. B. Werte unterschiedlicher Lagerpositionen), der Stichprobenumfang genügend groß ist und eine Zufallsauswahl der Elemente der Stichprobe erfolgt. Als weitere Voraussetzung für die Zulässigkeit muss die Stichprobeninventur den GoI entsprechen, welche fordern, dass der Aussagewert des mittels dieses mathematisch-statistischen Verfahrens aufgestellten Inventars dem Aussagewert eines auf (vollständiger) körperlicher Bestandsaufnahme basierenden Inventars gleichkommt. Diese Anforderungen an die Zulässigkeit der Stichprobeninventur machen eine bestandszuverlässige Lagerbuchführung, bei der zumindest die Vollständigkeit bezüglich Anzahl und Menge der Lagerpositionen durch ein sachgerechtes internes Kontrollsystem gewährleistet ist, unerlässlich: Sie gibt bei der Vorbereitung und Durchführung der Stichprobeninventur Auskunft über wichtige Ausgangsdaten (z. B. Gesamt- 2 Inventur und Inventar50 Vahlens Handbücher – Eisele/Knobloch – Technik des betrieblichen Rechnungswesens (8. Aufl.) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.07.2011 Seite 50 Status: Imprimatur heit der Lagerpositionen, Einzeldaten u. a.) und ist vielfach zur Bestimmung der Grundgesamtheit erforderlich. Die gebräuchlichen, anerkannten mathematisch-statistischen Verfahren lassen sich in Schätz- und in Testverfahren einteilen. Da die spezifische Vorgehensweise, die von der Vorbereitung der Stichprobenziehung bis letztendlich zur Erstellung des Inventars führt, allerdings je nach angewandtem Verfahren unterschiedlich ist, können hier nur die Grundzüge kurz erläutert werden (s. im Einzelnen HFA, Stichprobenverfahren, S. 649 ff.; HFA, Vorratsinventur, S. 715 ff.; Weiss/Heiden, § 241 HGB, Rn. 64 ff.). Bei den Schätzverfahren werden die ermittelten Werte der Stichprobenelemente (Werte der aufgenommenen Lagerpositionen) primär zur Schätzung des Werts des Ist-(Gesamt-)Bestandes herangezogen. Als konkrete Verfahren stehen hierfür zur Verfügung (s. im Einzelnen Lohse, Stichprobeninventuren, S. 108–114): • Die einfache Mittelwertschätzung, bei der die Elemente der Stichprobe aus einer nicht weiter untergliederten Grundgesamtheit gezogen werden. Der Inventurwert der Grundgesamtheit wird dann durch Multiplikation des nach der Aufnahme ermittelten Stichprobenmittelwertes mit der Anzahl aller Lagerpositionen errechnet. • Die geschichtete Mittelwertschätzung, bei der die Grundgesamtheit zunächst nach den Werten der Lagerpositionen in „Schichten“ (alle Lagerpositionen mit einem Wert von 0 € bis 100 €, alle Lagerpositionen von über 100 € bis 200 € usw.) eingeteilt wird. Aus den einzelnen Schichten werden dann getrennte Stichproben gezogen und nach der Aufnahme der Inventurwert der Schicht hochgerechnet. Aus diesen Werten wird ein durchschnittlicher Inventurwert je Lagerposition errechnet und die Multiplikation mit der Anzahl aller Lagerpositionen ergibt schließlich den Gesamtinventurwert. • Die gebundenen Schätzverfahren, bei denen die Buchwerte der Lagerpositionen mit in die Betrachtung eingehen. Als gebundene Verfahren sind vor allem die Differenzen-, die Verhältnis- und die Regressionsschätzung zu kennzeichnen. – Bei der Differenzenschätzung wird nicht der Bestandswert, sondern eine Inventurdifferenz geschätzt. Das Verfahren ermittelt zunächst für die Stichprobenelemente die Differenz zwischen Buchwert und aufgenommenem Wert, woraus dann eine Differenz für die Grundgesamtheit abgeleitet wird. – Bei der Verhältnisschätzung wird bezüglich der Stichprobenelemente das Verhältnis zwischen Aufnahmewert und Buchwert ermittelt, um auf Basis des Mittelwertes der Verhältnisse und des Buchwertes der Grundgesamtheit auf den Gesamtinventurwert zu schließen. – Bei der Regressionsschätzung wird zunächst mit Hilfe der Ist- und der Buchwerte der Stichprobenelemente ein Regressionskoeffizient ermittelt, der eine Maßgröße für den Zusammenhang zwischen den Ist- und den Buchwerten der Stichprobe darstellt. Mit Hilfe dieses Regressionskoeffizienten kann aus dem Buchwert der Grundgesamtheit auf deren Inventurwert geschlossen werden. 2.2 Inventurformen 51 Vahlens Handbücher – Eisele/Knobloch – Technik des betrieblichen Rechnungswesens (8. Aufl.) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.07.2011 Seite 51 Status: Imprimatur Bei Anwendung mathematisch-statistischer Testverfahren (z. B. des homograden oder des heterograden Sequentialtests) für die Stichprobeninventur wird die Ausgangshypothese „Lagerbuchführung ist bestandszuverlässig“ gegen die Alternativhypothese „Lagerbuchführung ist nicht bestandszuverlässig“ mittels Zufallsstichproben geprüft. Führt der Test zur Ablehnung der Lagerbuchführung als Grundlage für das Inventar, so hat die gesetzlich geforderte körperliche Bestandsaufnahme durch ein anderes anerkanntes Inventurverfahren zu erfolgen. Unabhängig von dem jeweils angewandten mathematisch-statistischen Verfahren sollten – allgemeinen Grundsätzen folgend – besonders wertvolle und leicht verderbliche Gegenstände, Gegenstände mit Neigung zu unkontrolliertem Schwund, Negativpositionen und Positionen, die nicht wenigstens einmal im Jahr bewegt wurden, lückenlos als besondere Bestände aufgenommen werden. Zumindest bei den freien Mittelwertschätzverfahren (einfache und geschichtete Mittelwertschätzung) ist zusätzlich die Bildung einer wertmäßig abgegrenzten Vollerhebungsschicht aus wirtschaftlichen Gründen sinnvoll. Ein Vollerhebungsanteil von 3 % bis 5 % der Lagerpositionen ist dabei in aller Regel ausreichend, um 45 % bis 50 % des Wertes des aufzunehmenden Gesamtbestandes zu erfassen (HFA, Stichprobenverfahren, S. 653). Die voll erhobenen besonderen Bestände gehören nicht zur Grundgesamtheit, die aus den prinzipiell durch Stichproben zu erfassenden Beständen besteht. Die in Relation zu einer konventionellen Inventur erhobene Forderung nach Aussagewertäquivalenz bezieht sich sowohl auf den ermittelten Gesamtwert der durch Stichprobeninventur erfassten Bestände als auch auf deren Einzelnachweis. Im Hinblick auf den Gesamtwert gilt die Aussagewertäquivalenz als erfüllt, falls bei einem Sicherheitsgrad von mindestens 95 % der relative Stichprobenfehler 1 % beträgt. Es ist dann die Aussage erlaubt, dass in 95 von 100 Inventuren der durch Stichproben gefundene Inventurwert die Höchstabweichung von jeweils 1 % des gesamten Inventurwertes (im Erwartungswert) nicht überschreitet (vgl. HFA, Stichprobenverfahren, S. 654). Eine solche Aussagewert- äquivalenz im Hinblick auf die Gliederung des Inventars nach Art, Menge und Wert kann derzeit in der Regel nur mit Hilfe einer bestandszuverlässigen Lagerbuchführung erreicht werden. Die Anwendung des Festwertverfahrens bei Vermögensgegenständen des Sachanlagevermögens sowie Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffen erleichtert die Erfassung insofern, als dass eine körperliche Bestandsaufnahme in der Regel nur alle drei Jahre zu erfolgen hat (§ 240 Abs. 3 HGB und H 6.8 EStH). Gemäß R 5.4 Abs. 3 EStR ist für Gegenstände des beweglichen Anlagevermögens in der Regel an jedem dritten, spätestens aber an jedem fünften Bilanzstichtag eine körperliche Bestandsaufnahme vorzunehmen. Bestehen Anhaltspunkte dafür, dass der Bestand sich in Menge oder Wert beträchtlich geändert hat, so ist der Wert anzupassen, wozu unter Umständen bereits zu einem früheren Zeitpunkt als den genannten Fristen eine körperliche Aufnahme notwendig wird. Die Gruppenbewertung befreit grundsätzlich nicht von der Verpflichtung, alle Vermögensgegenstände jährlich körperlich zu erfassen (§ 240 Abs. 4 HGB). Sie erleichtert aber prinzipiell nicht nur die primär betroffene Bewertung, sondern 2 Inventur und Inventar52 Vahlens Handbücher – Eisele/Knobloch – Technik des betrieblichen Rechnungswesens (8. Aufl.) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.07.2011 Seite 52 Status: Imprimatur aufgrund der Zulässigkeit einer gruppenweisen Zusammenfassung gleichartiger Vermögensgegenstände bei der Inventur und im Inventar auch die Aufnahme, da ggf. Einzelangaben zur speziellen Art der Gegenstände entfallen können (vgl. DIHT, Genauigkeit, abgedruckt bei Weiße, Inventur, S. 211 ff.). Die jeweils angewandte Inventurform ergibt sich aus der spezifischen Kombination von Art und Umfang (Inventurverfahren) sowie der zeitlichen Anordnung (Inventursystem) der Bestandsaufnahme. Praktizierte Inventurformen sind beispielsweise die klassische Stichtagsinventur mit Buchinventur, die permanente Inventur i. V. m. der Stichprobeninventur mit körperlicher Bestandsaufnahme (diese Kombination ist auch steuerrechtlich zulässig, da nach H 5.3 EStH die Regelung des § 241 Abs. 1 HGB unberührt bleibt) oder die vor- bzw. nachverlegte Stichtagsinventur bzw. die permanente Inventur (R 5.3 Abs. 2 EStR) i. V. m. der Gruppenbewertung. Zur Erfassung der Vermögensgegenstände und Schulden kann demnach ein Unternehmen unter den jeweils möglichen Inventurformen wählen, soweit die Kombination rechtlich zulässig ist. Auch können für verschiedene, abgegrenzte Bestände jeweils unterschiedliche Inventurformen zur Anwendung kommen. 2.3 Organisation und Technik der Inventur Wer mit dem Begriff der Inventur eine bloße Aufnahmetätigkeit am Bilanzstichtag verbindet, wird überrascht sein, dass sich die Organisation einer Inventur regelmäßig über einen Zeitraum erstreckt, der von einem Jahr vor dem Bilanzstichtag bis zu Wochen oder gar Monaten nach diesem reichen kann. Um einen reibungslosen Ablauf der Inventur sicherzustellen, ist nämlich schon zu Anfang eines Geschäftsjahres mit einer Inventurplanung in sachlicher, zeitlicher und personeller Hinsicht zu beginnen. Der Inventurplanung schließt sich die Inventurvorbereitung an, die der eigentlichen Inventurdurchführung (Bestandserfassung) zeitlich unmittelbar vorgeschaltet ist. Die Inventurauswertung, die Bewertung der Bestände sowie die Inventarerstellung bilden den formalen und materiellen Abschluss der Inventur. Im Folgenden gilt es, die einzelnen Organisationsphasen der Inventur näher zu erläutern. 2.3.1 Inventurplanung Eine schnelle und zuverlässige Inventarisierung erfordert eine sorgfältige Inventurplanung. Zwar ist es aufgrund der sich jährlich wiederholenden Vorgänge in der Regel möglich, auf die für die Inventuren der Vorjahre erstellten Grobplanungen zurückzugreifen; die Detailpläne müssen aber oft neu erstellt werden. Aufgabe der Inventurplanung ist es, einen zügigen und reibungslosen Ablauf der Inventur sowie die Einhaltung der GoI sicherzustellen. Die Planungsergebnisse werden in einem Aufnahmeplan festgehalten. Er umfasst den Sach-, Zeit- und Personaleinsatzplan, wobei sowohl zwischen den Teilplanungen als auch innerhalb der einzelnen Teilplanungen Interdependenzen bestehen.

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References

Zusammenfassung

Ein wahrer Klassiker zum betrieblichen Rechnungswesen.

"Der 'Eisele/Knobloch' gehört mit Sicherheit zum besten, was es auf dem Lehrbuchmarkt zu diesem Thema gibt."

in: Studium 90/2012

Die »Technik des betrieblichen Rechnungswesen« war und ist ein Gesamtwerk:

Es umfasst das betriebliche Rechnungswesen in der Breite ausgehend vom handels- und steuerrechtlichen Einzelabschluss und den dafür einschlägigen internationalen Rechnungslegungsgrundsätzen (IFRS), über die Grundlagen der Kosten- und Leistungsrechnung bis hin zu den Sonderfällen der Bilanzierung und in der Tiefe von der Auslegung der abstrakten Bilanzierungsnormen durch Rechtsprechung, Verwaltung und Schrifttum bis hin zum grundlegenden Buchungssatz.

"Das Werk vermittelt umfassendes anwendungsbezogenes Grundlagenwissen und fordert die Fähigkeit zur selbstständigen Problemlösung."

in: Controller Magazin 1/2012

"Das knapp 1.500 Seiten dicke Lehrbuch ist auch in der 8. Auflage ein Gesamtwerk: Es deckt konsequent alles ab, was man als Student wissen muss, wenn man sich auf das betriebliche Rechnungswesen spezialisiert. [...] Am bewährten didaktischen Konzept hat sich auch bei der Neuauflage nichts geändert: Durch die anwendungs- sowie praxisbezogene Wissensvermittlung wird der Leser schnell zum Profi auf dem Gebiet des betrieblichen Rechnungswesens."

in: Studium 90/2012

Beste Autoren-Kompetenz

Prof. Dr. Wolfgang Eisele war Inhaber des Lehrstuhls für Rechnungswesen und Finanzierung an der Universität Hohenheim. Prof. Dr. Alois Paul Knobloch ist Inhaber des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Rechnungswesen und Finanzwirtschaft, an der Universität des Saarlandes.