5. Kapitel: Die Ebenen der Problemschilderung in:

Christian-Rainer Weisbach

Das Coachinggespräch, page 87 - 122

Grundlagen und Trainingsprogramm beratender Gesprächsführung

1. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-4488-9, ISBN online: 978-3-8006-4489-6, https://doi.org/10.15358/9783800644896_87

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Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 79 5. Die Ebenen der Problemschilderung Zu Beginn eines jeden Coaching-Gesprächs findet eine Klärung dessen statt, was thematisiert und erreicht werden soll. Der Coach übernimmt dabei die Verantwortung für den Prozess, der Ratsuchende die Verantwortung für die Inhalte. Nach den vorangegangenen Ausführungen kann der Eindruck entstehen, dass es beim Coaching im Wesentlichen darauf ankommt, die Aussagen des Ratsuchenden verständnisvoll zuhörend zu reflektieren. Doch es ist weitaus komplizierter. Der Ratsuchende äußert ja meist mehr als nur einen kurzen Satz, so dass der Coach immer wieder entscheiden muss, auf welchen Teil der Äußerung sich seine Erwiderung beziehen soll. Dazu bedarf es einerseits eines genauen Zuhörens um alles zu erfassen, was der Ratsuchende mitteilt, und andererseits eines genauen Wahrnehmens, wie sich der Ratsuchende ausdrückt und verhält. Um im Durcheinander einer längeren Passage den Überblick zu behalten, muss der Coach wissen, was über das gesprochene Wort hinaus bedeutsam sein kann. → Hinweis: Manche Leser fanden dieses Kapitel ebenfalls recht mühsam und haben den Nutzen erst nach Kapitel 6 und 7 gesehen. Wenn es Ihnen ähnlich geht, springen Sie ruhig auf die folgenden Kapitel. Damit Sie während eines Beratungsgesprächs stets die Orientierung behalten, lernen Sie in diesem Kapitel verschiedene Möglichkeiten kennen, wie sich die Gesprächsstruktur erfassen lässt. Zunächst gilt es die strukturellen Elemente zu erkennen, ehe wir uns in einem nächsten Schritt den Reaktionsmöglichkeiten zuwenden. Eine einfache Strukturierung des Gesprächs erfolgt über die zeitliche Einordnung, also ob der Ratsuchende etwas Abgeschlossenes beschreibt, sich somit in der Vergangenheit aufhält oder das aktuell Erfahrene reflektiert, sich folglich in der Gegenwart erlebt oder über Erwartungen und Zukünftiges spricht und dadurch die Problemsicht auf die Zukunft ausdehnt. Das soeben Gehörte temporal einzuordnen, erlaubt dem Coach bewusst zu entscheiden, ob er auf der vom Ratsuchenden gewählten zeitlichen Ebene bleiben, oder durch seine Reaktion auf eine andere zeitliche Ebene lenken möchte. Beispielsweise registriert der Coach, dass der Ratsuchende sich in seiner Schilderung ausschließlich in der Vergangenheit aufhält. Wenn der Tonfall ihm gleichzeitig eine große Betroffenheit signalisiert, kann er sich entscheiden, das Gespräch für einen Moment auf dieser zeitlichen Ebene zu vertiefen. Dadurch erhält der Ratsuchende Gelegenheit, all das loszuwerden, was ihn so stark belastet. Doch im weiteren Verlauf kann der Coach beschließen, dass nun genug Vergangenes berichtet worden ist und der Blick in die Zukunft gerichtet werden soll, nach dem Motto: Und wie soll sich das ändern? Sie merken, die immer wie- 5. Die Ebenen der Problemschilderung Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 80 5. Die Ebenen der Problemschilderung80 der betonte Prozessverantwortung des Coach ist eine sehr machtvolle Aufgabe, denn dieser entscheidet mit seinen Interventionen, was beachtet wird und was im Moment keine Berücksichtigung erfährt. Sie werden im Folgenden feststellen, wie unterschiedlich sich ein Gespräch entwickeln kann, obgleich der Coach nur verständnisvoll zuhörend reagiert. Es war wirklich unfassbar: Obgleich mein Kollege mir versprochen hatte, mich zu unterstützen, war er plötzlich verschwunden. Niemand wusste, wo er war. Ich saß mit dem Berg voller Arbeit da und hatte diesen enormen Druck, rechtzeitig fertig werden zu müssen. Greift der Coach die Vergangenheit auf, lädt er ein, auf dieser Ebene zu bleiben: Sie waren da regelrecht fassungslos und waren mächtig im Stress. Das kann man wohl sagen. Ich war so vom Donner gerührt, dass ich anfangs überhaupt nichts Vernünftiges zustande gekriegt habe. Es hat fast zwei Stunden gedauert, bis ich einigermaßen bei der Sache war, so sehr hatte mich das aufgeregt. Ganz anders entwickelt sich das Gespräch, lenkt der Coach auf das gegenwärtige Empfinden: Wenn Sie daran denken, kommt Ihnen jetzt noch die Galle hoch. Stimmt. Ich bin noch so stinksauer, dass ich in Gedanken schon Rachepläne schmiede. Das bringt natürlich nichts. Im Gegenteil, das lenkt mich nur von meiner eigentlichen Arbeit ab. Und gleichzeitig kann ich mich nur schwer konzentrieren, solange das noch zwischen uns steht. Der Coach kann auch die Aufmerksamkeit des Ratsuchenden auf die zukünftige Problementwicklung lenken, z. B.: Das bleibt vermutlich nicht ohne Einfluss für Ihre weitere Zusammenarbeit. Da haben Sie recht. – Ich muss und will das klären. – Ich weiß nur noch nicht wie. Wenn wir uns immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass der Coach für den Gesprächsprozess verantwortlich ist, erscheinen bei diesem schlichten Beispiel die Reaktionen alles andere als gleich-gültig oder gleichwertig. Es bedarf keiner besonderen Phantasie sich auszumalen, welche unterschiedlichen Entwicklungen die Gespräche nehmen, je nach Reaktion des Coach. Mit anderen Worten: Schon ein einfaches umschreibendes oder aktives Zuhören kann ein Gespräch weitreichend beeinflussen. Das Erfassen der Zeitperspektive erlaubt Ihnen, das Geschehen aus einer gewissen Distanz zu betrachten. Sie hatten im 4. Kapitel verschiedene Formen des Zuhörens kennen gelernt und üben können, den emotionalen Teil einer Äußerung zu spiegeln. Jetzt wird es etwas anspruchsvoller, denn bei der folgenden Übung sind Sie gefordert, für jede Äußerung jeweils drei Erwiderungen zu formulieren. Sie mögen dabei das Gespräch in Gedanken weiterspinnen und sich des Einflusses bewusst werden, den Ihre Reaktion auf den weiteren Gesprächsverlauf haben kann. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 81 815. Die Ebenen der Problemschilderung Ratsuchender Vergangenheit Gegenwart Zukunft 1. Anfangs sah das vielversprechend aus, aber mittlerweile entpuppt sich das Ganze doch als ziemlich unausgereift. 2. Das neue Büro wird mir ganz andere Möglichkeiten bieten, da werden Abschlüsse möglich, von denen andere nur träumen. 3. Ich hatte mich schon so gefreut und kann diese plötzliche Absage ganz und gar nicht verstehen. Ich bin noch ganz durcheinander. 4. Ich frage mich, was mich eigentlich zögern lässt. Die Sache ist entscheidungsreif und wird auch nicht besser, wenn ich zuwarte. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 82 5. Die Ebenen der Problemschilderung82 Sie können im Folgenden Ihre Antworten mit Beispielerwiderungen von Ausbildungsteilnehmern vergleichen: Ratsuchender Vergangenheit Gegenwart Zukunft 1. Anfangs sah das vielversprechend aus, aber heute entpuppt sich das Ganze doch als ziemlich unausgereift. Ursprünglich waren Sie ganz zuversichtlich. Irgendetwas lässt Sie gerade zögern. Sie malen sich bereits aus, wohin das dann führen wird. 2. Das neue Büro wird mir ganz andere Möglichkeiten bieten, da werden Abschlüsse möglich, von denen andere nur träumen. Diese Möglichkeiten waren Ihnen bislang verschlossen. Sie waren davon quasi abgeschnitten. Das macht Sie gerade ganz zuversichtlich. Sie werden dann kaum noch zu bremsen sein. 3. Ich hatte mich schon so gefreut und kann diese plötzliche Absage ganz und gar nicht verstehen. Ich bin noch ganz durcheinander. In Ihrer Vorfreude kam eine Streichung gar nicht vor. Sie waren da bislang voller Überschwang. Sie klingen ganz enttäuscht und sind auch verwirrt, weil Sie nach einer einleuchtenden Erklärung suchen. Womöglich hat das Auswirkungen auf Ihr künftiges Engagement. 4. Ich frage mich, was mich eigentlich zögern lässt. Die Sache ist entscheidungsreif und wird auch nicht besser, wenn ich zuwarte. Es gab mal einen Moment, da war die Entscheidung für sie klar und Sie waren sich sicher. Irgendetwas macht Sie noch unschlüssig und Sie möchten sich gern noch besser verstehen. Die weitere Entwicklung ist Ihnen im Grunde genommen sonnenklar, so dass Sie Ihre nächsten Schritte eigentlich genau kennen. Sie konnten an diesen vier Übungsbeispielen erkennen, welchen Einfluss die zeitliche Ebene der Erwiderung auf den Verlauf haben kann. Exemplarisch sei der erste Übungssatz weitergeführt: Ratsuchender: Anfangs sah das vielversprechend aus, aber heute entpuppt sich das Ganze doch als ziemlich unausgereift. Coach: Ursprünglich waren Sie ganz zuversichtlich. Nr. 6, S. 305 Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 83 835. Die Ebenen der Problemschilderung Ratsuchender: Ja, wissen Sie, bei der Präsentation vor drei Monaten, da hatte man den Eindruck, alles ist ganz einfach. Die Hochglanzversion wirkte irgendwie bestechend. Wir waren ja auch vom Tempo beeindruckt und hatten uns gefreut, dass nun alles irgendwie schneller wird. Coach: Diese Vorfreude war so stark, dass Sie nicht mehr so kritisch waren. Ratsuchender: Ja, vielleicht hat es daran gelegen. Wobei es nicht nur mir so ging, alle Kollegen waren beeindruckt und überzeugt, dass uns das voran bringt. Wir können uns ausmalen, wie dieses Gespräch noch eine Weile so weitergeht. Dabei mag sich der Ratsuchende vergegenwärtigen, was damals seine Entscheidung beeinflusst hat und warum alles so gekommen ist. Ich bezweifle, dass ihn das handlungsfähig macht. Darum stelle ich die Regel auf: Verständnisvolles Zuhören kann dazu beitragen, dass sich der Ratsuchende zwar bestens verstanden fühlt, dennoch kommt das Gespräch nur voran, wenn der Fokus von der Vergangenheit über die Gegenwart in Richtung Zukunft gelenkt wird. Im zweiten Kapitel hatte ich über die Prozessverantwortung des Coach geschrieben. Wer während des Zuhörens erkennt, auf welcher Ebene sich das Gespräch gerade bewegt, kann entscheiden, ob er diese Ebene beibehalten und vertiefen möchte, oder ob es zielführender sein mag, die Ebene zu wechseln. Man mag jetzt kritisch fragen, ob das nicht manipulativ und unaufrichtig sei, das Gespräch auf eine andere Ebene zu lenken als es der Ratsuchende nun einmal vorgibt. Wer jedoch Manipulation oder nehmen wir das neutralere Wort Beeinflussung verhindern möchte, drückt damit nicht nur aus, dass er diese für schlecht hält, sondern auch, dass Beeinflussung vermeidbar sei. Doch jedes Verhalten übt in Gegenwart eines anderen Menschen immer irgendeinen Einfluss aus, so dass sich Beeinflussung überhaupt nicht vermeiden lässt. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass auch ein einfaches Mm oder ein ruhiges Kopfnicken mit Blickkontakt eine Form von Lenkung darstellt. In zahlreichen Untersuchungen konnte gezeigt werden, wie das schlichte Mm dazu beiträgt, genau die Ebene zu vertiefen, auf der sich der Gesprächspartner gerade äußert. Wenn bereits konzentriertes Schweigen begleitet von einem einfachen Mm den weiteren Gesprächsverlauf beeinflusst, wie viel steuernder ist dann ein ganzer Satz? Da es also unmöglich ist, nicht Einfluss zu nehmen, erscheint es mir bedeutsam, die verschiedenen Einflussmöglichkeiten transparent zu machen. Daraus erwächst meine Forderung: Ein Coach muss wissen, wie er beeinflusst und sich stets seiner Prozessverantwortung bewusst sein. Neben der temporalen Struktur gibt es noch weitere Aspekte, die es zu registrieren gilt. Erinnern Sie sich an den Ratsuchenden, der sich empört über die Vorwürfe seines Vorgesetzten ausließ. Das Gespräch kam nicht voran, weil sich alles um den Vorgesetzten und dessen Verhalten drehte. Coaching ist aber nicht dafür geeignet, abwesende Menschen zu ändern, sondern konzentriert sich immer auf den Ratsuchenden selbst. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 84 5. Die Ebenen der Problemschilderung84 Darum ist es wichtig, sich während des Zuhörens zu vergegenwärtigen, auf welcher inhaltlichen Ebene das Gespräch verläuft, um immer wieder prüfen zu können, ob diese Ebene beibehalten werden soll oder ob der Coach gegebenenfalls korrigierend eingreifen möchte. Die Abbildung gibt zunächst einen Überblick, wo sich der Ratsuchende (neben den temporalen Ebenen) auch inhaltlich aufhalten kann. Dabei soll die Kreisanordnung zum Ausdruck bringen, dass diese Ebenen völlig gleichwertig nebeneinander stehen. Es hat sich als hilfreich erwiesen, zwischen folgenden Ebenen zu unterscheiden: Handlung / Erleben / Bericht: Der Ratsuchende spricht über das, was sich zugetragen und was er erlebt hat bzw. was ihm widerfahren ist. Auch das, was der Ratsuchende getan hat, immer macht oder sicher tun wird, gehört mit in dieser Rubrik. Auf dieser Ebene erfahren wir Fakten, es geht um das Was. Meinung / Vermutung / Bewerten: Der Ratsuchende spricht darüber, wie er sich sieht und wofür er sich hält, was für Ansichten, Meinungen und Vermutungen er über sich, andere und anderes hat. Diese Meinungen kommen oft in Form von Tatsachenbehauptungen daher. Auf der Ebene der Meinung lernen wir die Sichtweise des Ratsuchenden kennen. Äußeres / Andere: Berichtet der Ratsuchende über Begebenheiten, bei denen sein eigenes Verhalten oder Erleben bzw. die Bedeutung dieser Sachverhalte für ihn ausgeklammert wird, so befinden wir uns auf der Ebene Äußeres/Andere. Auf dieser Ebene erfahren wir etwas über äußere Sachverhalte und andere Menschen. Gefühle/ Emp nden Coach/ Situation Äußeres/ Andere Handlung/ Erleben Wünsche/ Ziele Der Ratsuchende spricht über ... Meinung/ Vermutung Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 85 855. Die Ebenen der Problemschilderung Wünsche / Hoffnungen / Ziele: Unter der Überschrift Wünsche grenzt der Ratsuchende sein Problem ab, indem er beschreibt, was er nicht will oder er formuliert, was ihm wichtig ist. Dabei spricht er über seine Hoffnungen, Absichten und Ziele. Auf dieser Ebene geht es um die Suche nach Lösungen und ein sich selbst Fragen, wie die gewünschten Ziele zu erreichen sind. Gefühle / Empfinden: Wenn der Ratsuchende mitteilt, wie er sich oder etwas erlebt hat oder erlebt, befinden wir uns auf der Ebene der Gefühle. Dabei signalisiert auch der Klang der Stimme die emotionale Betroffenheit. Auf dieser Ebene teilt uns der Ratsuchende seine Empfindungen mit und wir erfahren wie er etwas verarbeitet. Coach / Situation: Wendet sich der Ratsuchende direkt an den Coach mit der Intention, dass dieser darauf eingeht, befinden wir uns auf der Ebene Coach/Situation. Auch Äußerungen, die sich auf die Beratungssituation selbst beziehen, werden hier mit erfasst. Auf dieser Ebene wird der Coach bzw. sein Vorgehen zum Thema gemacht. Ehe wir die verschiedenen Möglichkeiten betrachten, wodurch Sie den weiteren Gesprächsverlauf beeinflussen können, zeigt dieses Kapitel, wie Sie die jeweilige Ebene präzise erfassen. Im übertragenen Sinne liefere ich Ihnen eine Landkarte für Gespräche. Um mit einer Landkarte zu arbeiten, reicht es nicht aus, sie lesen zu können, man muss auch wissen, wo der momentane Standort auf der Karte abgebildet ist. Denn nur wenn Sie wissen, wo Sie sich befinden, können Sie entscheiden, auf welchem Weg Sie Ihr gewünschtes Ziel erreichen wollen. Analog gilt für das Beratungsgespräch: Wenn Sie wissen, auf welcher Ebene Sie sich befinden, können Sie entscheiden, die Ebene beizubehalten, zu vertiefen oder auch zu wechseln. Wer noch nie mit einer Landkarte gearbeitet hat, tut sich erfahrungsgemäß schwer und neigt dazu, angespannt zwischen der Karte und der realen Welt hin und her zu wechseln. Dabei können die Besonderheiten am Wegesrand leicht übersehen werden. Darum erscheint es mir wichtig, sich den Umgang mit der Karte so vertraut zu machen, dass man diese als Abbild im Kopf hat und den Blick frei für das, was vor einem liegt. Wenn Sie meine folgenden Ausführungen verwirren, dann mag das auch daran liegen, dass sich das Betrachten der inhaltlichen Gesprächsebenen auf Ihr Verhalten auswirkt und zunächst einmal Ihre Spontaneität hemmt. Bei den zeitlichen Ebenen hatte ich an einem Beispiel gezeigt, welchen Einfluss der Coach auf den Gesprächsverlauf ausübt, je nachdem, welches Zeitfenster er Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 86 5. Die Ebenen der Problemschilderung86 aufgreift. So möchte ich auch hier – ehe ich die inhaltlichen Gesprächsebenen genauer ausführe – erst einmal demonstrieren, welchen Einfluss die Grundhaltung verständnisvollen Zuhörens auf den weiteren Verlauf hat. Je nachdem auf welcher Ebene der Coach zuhörend reagiert, kann sich das Gespräch ganz unterschiedlich weiterentwickeln. Ratsuchende: Ich hoffe, das bleibt unter uns. (Coach/Situation) Ich glaube nämlich, dass ich viel zu gutmütig bin (Meinung/Vermutung/Bewertung). Gestern war wieder so ein Beispiel (Handlung/Erleben/Bericht). Also, da rief eine Kundin an und hatte noch tausend Zusatzwünsche, natürlich alle unentgeltlich, versteht sich (Äußeres/ Andere). Als ich sie dann mal vorsichtig darauf hingewiesen habe, dass wir einen Rahmenvertrag hätten und es irgendwo auch Grenzen gebe (Handlung/ Erleben/Bericht), da hat sie schallend gelacht. Sie hat einfach behauptet, sie sei sich sicher, dass der Vertrag ihre Wünsche komplett abdecke und sie würde sich niemals erlauben, Grenzen zu überschreiten und außerdem sei sie eine langjährige Kundin und bislang sei man ihr immer entgegengekommen (Äußeres/Andere). Da ist man doch sprachlos, oder? (Gefühle/Empfinden) Will der Coach die Ebene von Handlung/Erleben/Bericht vertiefen, klingt das möglicherweise so: Sie sagen, dass das immer wieder passiert. Vielleicht lässt sich aus mehreren Beispielen herausfinden, was da im Einzelnen geschieht. Ratsuchende: Oh, da kann ich ihnen noch viele Situationen schildern. Erst letzte Woche … Der Coach kann auch auf die Ebene Meinung/Vermutung/Bewerten eingehen: Sie denken, dass es an Ihrer Gutmütigkeit liegt. Ratsuchende: Ja, ich meine schon, dass das eine Schwäche von mir ist. Wobei man auch sehen muss, dass es Frauen in meiner Position sowieso schwerer haben … Will der Coach die Ebene Äußeres/Andere aufgreifen, bietet sich an: So, wie Sie die Kundin beschreiben, war die sich völlig sicher, so etwas fordern zu dürfen. Ratsuchende: Das kann man wohl sagen. Die lacht einfach und hört überhaupt nicht zu. Die ist wie eine Dampfwalze, hat nur ihre Sachen im Kopf. Die hat auch gesagt … Aber auch die Ebene Wünsche/Hoffnung/Ziele lässt sich ansprechen: Sie möchten gern in so einer Situation nicht mehr sprachlos sein, sondern die Kundin angemessen in ihre Grenzen zu weisen. Ratsuchende: Ja, das wäre in der Tat mein Wunsch. Ich hoffe, das in den Griff zu kriegen. Denn letztlich geht es um das Ziel, selbstbewusster aufzutreten. Das Gespräch kann auch auf die Ebene Gefühle/Empfinden gelenkt werden: Wenn Sie sagen, dass Sie sie vorsichtig darauf hingewiesen haben, klingt das so zaghaft. Ratsuchende: Na ja, ich mache mir natürlich Sorgen, dass ich womöglich jemanden verprelle, wenn ich das direkt anspreche und unsere Verträge konsequent auslege … Die Ebene Coach/Situation wird üblicherweise nicht direkt angesteuert, soll aber hier der Vollständigkeit halber auch aufgeführt werden: Sie möchten gern sicher gehen, dass unser Gespräch vertraulich ist und nichts davon nach draußen dringt. Ratsuchende: Ja, das wäre mir sehr, sehr wichtig. Ich habe Ihnen das so geschildert, weil ich mir Ihren Rat erhoffe … Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 87 875. Die Ebenen der Problemschilderung Wie bei dem Beispiel für die temporalen Ebenen kann auch hier allen sechs Erwiderungen verständnisvolles Zuhören bescheinigt werden und gleichzeitig können wir feststellen, dass sich der weitere Gesprächsverlauf sehr unterschiedlich entwickelt hätte. Um präzise zu erfassen, auf welcher Ebene der Ratsuchende gerade spricht, möchte ich die Ebenen sowohl genauer beschreiben als auch gegeneinander abgrenzen, so dass Sie mühelos erkennen, wo das Gespräch gerade verläuft. Handlung/Erleben/Bericht: Wir können diese Ebene auch Erzählen nennen. Der Ratsuchende informiert uns über das, was passiert ist (Vergangenheit), immer oder gegenwärtig geschieht (Gegenwart) oder sicher eintreten wird (Zukunft). Das, was Sie gerade über die zeitlichen Ebenen gelernt haben, findet bereits hier eine weitere Anwendung. So können Sie beim Zuhören sowohl erfassen, was Ihnen inhaltlich mitgeteilt wird, als auch gleichzeitig das Gehörte einer der drei Zeiten zuordnen. Zu dieser Ebene gehört auch, was der Ratsuchende sicher weiß und was als Tatsache anzusehen ist. Weite Passagen eines Coachinggesprächs finden auf dieser Ebene statt, dabei berichtet der Ratsuchende, was er erlebt hat. Auch wenn es dem Coach wichtig erscheinen mag, nachzuvollziehen, was im einzelnen geschehen ist, so trägt die Ebene des Berichtens kaum zu einer Veränderung, Einsicht oder gar Lösung bei. Auf dieser Ebene spricht der Ratsuchende in der Regel flüssig, denn er beschreibt, was tatsächlich passiert ist. Kommt der Redefluss ins Stocken, dann nur, weil im Gedächtnis nach bestimmten Erinnerungen gesucht wird. Doch ohne Nachdenken findet keine Entwicklung statt. Folgende Wendungen helfen, die Ebene des Berichtens sofort zu erkennen: •• In der Beschreibung spricht der Ratsuchende in der Ich- oder Wir-Form: Als ich …, ich habe …, ich mache …, ich wurde …, mir geschah …, mir passierte …, ich werde …, etc. Das kann aktiv handelnd oder passiv erleidend sein; beides stellt dar, was der Ratsuchende erlebt hat bzw. ihm widerfahren ist. •• Zeitangaben, wie: gestern, neulich, letztens, täglich, damals, immer etc. •• oft auch in Verbindung mit Ortsangaben. Als ich gestern ins Büro kam, sagte mir unsere Sekretärin … Neulich habe ich es tatsächlich fertig gebracht, unserem CEO zu widersprechen. Ich werde dieses Jahr meinen Urlaub wieder am Stück nehmen. Wir haben im Team vereinbart, dass wir uns gegenseitig besser zuhören werden. Ich weiß, dass ich das darf. Da habe ich grünes Licht von meinem Chef. Achten Sie darauf, dass es auf dieser Ebene um die reinen Fakten geht. Was der Ratsuchende darüber denkt, welche Meinung er dazu hat oder wie er das Geschehen bewertet, findet auf der Ebene Meinung/Vermutung/Bewertung statt. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 88 5. Die Ebenen der Problemschilderung88 Um Sie an dieser Stelle nicht unnötig zu verwirren, beschreibe ich die Übergänge und äußerlichen Ähnlichkeiten erst im Anschluss an die Darstellung. Meinung/Vermutung/Bewertung: Wenn der Ratsuchende darüber spricht, wie er etwas sieht oder wie er zu etwas steht, hören wir nicht nur seine Bewertung, sondern erfahren auch etwas über seine Werte. So wird es möglich, sowohl momentane Ansichten und Meinungen, als auch die zugrundeliegenden Überzeugungsmuster zu erfassen, die wie Tatsachenbehauptungen daherkommen. Auf dieser Ebene lernt der Coach die Überzeugungen, Vorstellungen und Vermutungen des Ratsuchenden kennen und kann erfassen, was dieser glaubt und für richtig und wertvoll hält. Im Kapitel 6, Problemsicht des Ratsuchenden, werde ich noch genauer beleuchten, welchen Stellenwert die Meinungen des Ratsuchenden für eine mögliche Problemlösung haben. Doch soviel sei an dieser Stelle schon gesagt: So hilfreich es für den Coach sein kann, die Sichtweise des Ratsuchenden kennen zu lernen, so wenig trägt eine ausführliche Darstellung der persönlichen Ansichten und Überzeugungen zu einer selbstkritischen Betrachtung oder gar zu einer Neubewertung bei. Ein alleiniges Verbleiben auf der Ebene des Meinens/Vermutens führt nicht zu einer Veränderung, Einsicht oder gar Lösung. Folgende Wendungen helfen, diese Ebene sofort zu erkennen: •• Der Ratsuchende teilt seine Meinung in Ich-Form mit: Ich denke …, Ich finde …, Ich glaube …, Ich vermute …, Ich meine …, Ich erachte …, Ich habe das Gefühl …, Ich beurteile …, Ich halte das für … etc. •• Oder wir erfahren die Bewertungen des Ratsuchenden, die zumeist unpersönlich und verallgemeinernd postuliert werden: Es ist doch saudumm, sich darüber zu ärgern. Man sollte doch erwarten dürfen, dass so etwas klar formuliert wird. Im neuen Steuerungsteam herrscht eine angespannte Stimmung. Mein Kollege müsste sich einfach mehr zurückhalten, dann kämen wir klar. •• Manchmal verschwindet der Ratsuchende hinter objektiv klingenden Wörtern wie: Offensichtlich, offenkundig, offenbar, üblich, normalerweise, in der Regel, vermutlich, scheinbar, anscheinend, angeblich, wahrscheinlich etc. •• Auch spricht der Ratsuchende über sich oder andere in Form eines Urteils: Ich lehne seine Form von Kritik ab. Mein Problem ist, dass ich ein schlechtes Zeitmanagement habe. Ich denke, dass das zu schaffen ist und ich mir nicht zu viel vorgenommen habe. Manchmal finde ich mich zu streng und denke, ich sollte großzügiger sein. Äußeres/Andere: Was der Ratsuchende erlebt, ist in sein soziales Umfeld eingebettet. Andere Menschen und Situationen haben Einfluss auf ihn und sein Problem. Es ist typisch für Beratungsgespräche, dass über andere oder den Sachverhalt sehr ausführlich berichtet wird, so dass der Eindruck entsteht: Wenn diese anderen Menschen oder diese Situation anders wären, dann wäre das Problem gelöst bzw. gar nicht erst entstanden. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 89 895. Die Ebenen der Problemschilderung Solange der Ratsuchende über andere und Äußeres spricht, wird sein eigener Anteil und sein Erleben ausgeklammert. Auf dieser Ebene verschiebt sich die Verantwortung weg vom Ratsuchenden hin zu anderen oder den Umständen. Wir erfahren auf dieser Ebene nicht, welche Bedeutung das Geschilderte für ihn selbst hat. Es kann durchaus zum Verständnis beitragen, dem Ratsuchenden auf dieser Ebene zu folgen. Dadurch lassen sich Zusammenhänge erfassen, die dem Ratsuchenden zwar selbstverständlich sind, die er aber nicht eigens darlegt. Der Coach kann sich leichter in die Situation hineindenken und es kann Missverständnissen vorgebeugt werden, wenn geklärt ist, wer oder was beim Anliegen des Ratsuchenden eine Rolle spielt. Allerdings lässt sich das Problem selbst nicht auf dieser Ebene lösen; (wenn wir einmal davon absehen, dass hin und wieder Probleme auch ohne eigenes Zutun von außen gelöst werden). Es gibt Ratsuchende, die stundenlang erzählen können, was andere getan haben (Vergangenheit), immer machen (Gegenwart) oder mit Sicherheit tun werden (Zukunft). Auch hier kann der Coach wieder die zeitlichen Ebenen erfassen. Der Coach ist gefordert zu prüfen, wieweit die Schilderung auf der Ebene Äu- ßeres/Andere zu seinem Verständnis beiträgt und deshalb notwendig ist, oder ob dadurch vom eigentlichen Thema abgelenkt wird, nämlich ein anstehendes Problem anzugehen und nach Lösungen zu suchen, die sich eigenständig umsetzen lassen. •• Auch wenn die Schilderung des Ratsuchenden wie ein Berichten von Erlebnissen eingeleitet wird, gilt es die eigentliche Ebene (Äußeres/Andere) zu erkennen. Das kann sich beispielsweise so anhören: Ich war ja letzte Woche krank, trotzdem hat mein Chef eine Besprechung einberufen und dabei die Zuständigkeiten neu verteilt, dabei soll er gesagt haben … Mein Schnupfen kommt von der fehlenden Heizung. Das ist jetzt die dritte Woche, dass die Heizung im Büro nicht richtig tut. Die Hausverwaltung verspricht zwar jeden Tag Abhilfe zu schaffen, aber ändern tut sich nichts. Neulich haben die … Unsere Mittel für Buchanschaffungen sind restlos verbraucht. Das Budget ist dermaßen gekürzt, dass schon seit Monaten keine Neuerwerbungen mehr kamen … Wünsche/Hoffnungen/Ziele: Die Verhaltensweisen dieser Ebene drücken ein Suchen nach Lösungen aus. Der Ratsuchende grenzt sein Problem ab, indem er entweder beschreibt, was er nicht will (Negativabgrenzung) oder er formuliert, welche Richtung ihm wichtig ist und spricht dabei über seine Wünsche, Hoffnungen und Ziele. Bei der Suche nach Lösungen fragt sich der Ratsuchende oft selbst, wie die gewünschten Ziele erreicht werden können. Auf dieser Ebene kann der Coach mögliche Lösungsansätze klären und mit dem Ratsuchenden herausarbeiten, was dieser gewillt ist, für seine Problemlösung zu unternehmen. Dann tritt nicht nur zutage, was der Ratsuchende nicht will, sondern auch was er eigentlich will. Eigentlich meint hier, dass es oft genug vorkommt, dass Ratsuchende nicht genau beschreiben können, was überhaupt ihr Anliegen ist und was sie folglich erreichen möchten. Oftmals wissen sie nur, was sie nicht wollen und haben eine recht diffuse Vorstellung von dem, was sie sich wünschen. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 90 5. Die Ebenen der Problemschilderung90 Selbst wenn sich Ratsuchende ihrer Ziele bewusst sind, beschreiben sie diese nicht. Sei es, weil es ihnen so selbstverständlich ist, dass sie gar nicht auf die Idee kommen, darüber zu reflektieren, nach dem Motto: Es ist doch klar, dass ich XY will oder sei es, dass sie sich ihre Wünsche (noch) nicht öffentlich eingestehen, weil es ihnen unangenehm ist oder sie sich schämen. Dazu gehören alle Wünsche, die mit dem Wertesystem des Ratsuchenden kollidieren. Folgende Wendungen helfen, diese Ebene sofort zu erkennen: •• Der Ratsuchende beschreibt seine Wünsche und Hoffnungen: Ich hoffe, dass ich den Termin halten kann. Ich wünsche mir nichts sehnlicher herbei, als dass … Manchmal träume ich davon, mich selbstständig zu machen. Ich möchte gern mehr Verantwortung übernehmen. •• Der Ratsuchende grenzt seine Wünsche negativ ab: Ich möchte auf keinen Fall kündigen. So ein Auslandsaufenthalt kommt für mich nicht in Frage. Ich will mich nicht mehr so schnell verwirren lassen. Bei dieser Bewerbung möchte ich mich in keiner Weise blamieren. •• Der Ratsuchende fragt sich selbst: Da kommt mir natürlich die Frage … Manchmal überlege ich, ob ich eigentlich … Ich habe mich schon oft gefragt, wie ich … Ich möchte gern verstehen, warum mir das passiert ist. Gefühle/Empfinden: Auf dieser Ebene spricht der Ratsuchende über seine Empfindungen und teilt mit, wie er etwas erlebt und verarbeitet. Diese Ebene lässt sich nicht nur über das gesprochene Wort und seine Bedeutung erfassen, noch viel aussagekräftiger ist hier die Körpersprache des Ratsuchenden. Neben dem Klang der Stimme (hoch – tief; schnell – langsam; frei – belegt; klangvoll – krächzend; flüssig – stotternd) kommt der Haltung eine besondere Rolle zu. In Momenten starker Betroffenheit reagiert der ganze Körper und der Coach kann die sichtbaren Veränderungen registrieren und gegebenenfalls ansprechen. Coach: Sie sagten, die Bewerbung war ohne Erfolg. Ratsuchender: (tonlos) Ja, das war sie. Der Wortlaut selbst klingt sachlich, nüchtern. Gleichzeitig fällt der Ratsuchende förmlich in sich zusammen, hängende Schultern, Kopf nach vorn geneigt, Blick nach unten und hörbares Ausatmen. Coach: Sie wirken gerade ganz entmutigt. Ratsuchender: Na ja, was soll ich jetzt denn noch machen? In meinem Alter nimmt mich doch keiner mehr, es ist doch zum Heulen. (Greift zum Taschentuch.) Die Ebene Gefühle/Empfinden erweist sich als zentral, um herauszufinden, was dem Ratsuchenden Sorgen macht, ihn ängstigt, ihn zweifeln und zögern lässt oder sonst wie lähmt. Hätte nämlich der Ratsuchende hinsichtlich seiner Lösung bzw. seiner Ziele ausschließlich positive Gefühle wie Zuversicht, Tatendrang, Vertrauen und Optimismus, würde er mit der Umsetzung auf der Stelle beginnen. Das Coaching Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 91 915. Die Ebenen der Problemschilderung wäre an dieser Stelle zu Ende. Man könnte allenfalls nach der Umsetzung bzw. Zielerreichung ein Auswertungs- und Reflexionsgespräch führen. Doch in aller Regel ist der Ratsuchende alles andere als zuversichtlich. Er verspürt nur einen sehr gebremsten Tatendrang und zweifelt mehr oder minder bewusst an allen Möglichkeiten. Das weitere Coachinggespräch dreht sich um die Klärung dieser Empfindungen, die letztlich dafür verantwortlich sind, dass quasi Stillstand herrscht. •• Neben einer genauen Beachtung der Mimik und der Stimme, gilt es auch die sprachlichen Feinheiten zu erfassen, beispielsweise Das macht mich dann ganz unruhig (ängstlich, nervös, angespannt, gereizt etc.). Da wird man skeptisch (kritisch, zweifelnd, wachsam, ärgerlich, sauer etc.). So etwas lässt einen dann kalt (erstarren, verzweifeln, alle Hoffnung aufgeben etc.). Da in unserem Kulturkreis eine emotionale Ausdrucksweise unüblich ist, verstecken sich viele Menschen hinter dem unpersönlichen Man bzw. sie wählen automatisch die passive Form (das macht mich; da wird man; da kann einem etc.) Coach/Situation: Auf dieser Ebene spricht der Ratsuchende die Beratungssituation oder den Coach bzw. seine Arbeitsweise und sein Vorgehen ganz direkt an. Ich hatte bei der Ebene Äußeres/Andere erklärt, dass es typisch für Beratungsgespräch ist, andere oder die Umstände für das Problem verantwortlich zu machen. Ebenso verbreitet ist das Verhalten, den Coach aktiv in die Problemlösung einzuspannen und von diesem ein Rezept zu erwarten. •• Auch wenn sich manche Äußerung an den Coach wendet, muss dieser prüfen, ob er wirklich angesprochen ist, oder ob es sich um floskelhafte Wendungen handelt, die ohne weiteres übergangen werden können, bzw. bei denen als Reaktion ein leichtes Kopfnicken oder Lächeln genügt. Ich hoffe, Sie verstehen, was ich meine. Ich weiß nicht, ob ich mich klar genug ausgedrückt habe. Vielleicht finden Sie mich komisch, aber … Kennen Sie solche Gefühle? Ist doch so, oder? Gell?!, Nicht wahr?!, Verstehen Sie? u. ä. Während floskelhafte Wendungen keiner besonderen verbalen Reaktion bedürfen, gibt es Äußerungen, die auf eine direkte Antwort zielen. •• Manchmal äußert sich der Ratsuchende zur Beratungssituation, z. B.: Wenn Sie mich so direkt fragen, fühle ich mich unter Druck gesetzt. Ich habe nicht den Eindruck, dass Sie mich verstehen, Sie wirken so distanziert. Sie bringen mich auf die Palme mit Ihrem Lächeln und ewigem Schweigen! Wie oft kann ich in den nächsten Wochen kommen? Gilt für sie eigentlich so etwas wie Schweigepflicht? •• Oder er möchte die Meinung des Coach erfahren und wünscht sich dessen Einschätzung oder Ratschlag, beispielsweise: Glauben Sie, dass ich das richtig gemacht habe? Was würden Sie in meiner Lage tun? Können Sie mir erklären, warum das alles passiert ist? Was glauben Sie, wie man aus so einer schrägen Situation wieder herauskommt? Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 92 5. Die Ebenen der Problemschilderung92 Es mag dem Coach schmeicheln, wenn sich der Ratsuchende über seine Vorgehensweise positiv äußert und von ihm Ratschläge und Einschätzungen erbittet, wie es ihn auch verführt, sein Vorgehen zu begründen bzw. sich bei Kritik zu rechtfertigen. Doch es geht um den Ratsuchenden und sein Problem, so dass dieser Ebene für den Gesprächsverlauf und die Entwicklung einer Problemlösung keine besondere Bedeutung zukommt. Nach dieser ausführlichen Beschreibung der sechs inhaltlichen Ebenen, möchte ich Sie noch auf einige sprachliche Feinheiten aufmerksam machen, damit Ihnen das Abgrenzen noch leichter fällt. Achten Sie bei den folgenden Beispielen auf den genauen Wortlaut. Gefühle/Empfinden Meinung/Vermutung/Bewertung Ich fühle mich von ihm provoziert. Ich habe das Gefühl, er provoziert mich. Ich empfinde das beschämend. Ich finde das beschämend. Ich spüre wie der alte Ärger hochkommt. Alter Ärger sollte nicht hochkommen. Das macht mich regelrecht wütend. Wut darf einen nicht blind machen. Das tatsächliche Empfinden des Ratsuchenden ist nicht weiter zu hinterfragen, wozu Aristoteles sagt, es sei das Regierende, welches entscheidet. Darum erhält die Aktualisierung von Gefühlen und Bedürfnissen einen breiten Raum. Hingegen sind Meinungen durchaus zu hinterfragen. Stehen doch die Bewertungen einer Problemlösung nur zu oft im Weg. Es macht einen Unterschied, ob der Ratsuchende mit seinem tatsächlichen Empfinden im Kontakt ist oder auf der Ebene der Meinung über seine Gefühle spricht. Ich glaube, dass sich meine Schüchternheit negativ auf meine Karriere auswirkt. Natürlich ist man manchmal aggressiv, aber das ist mangelnde Selbstbeherrschung. Ich habe das Gefühl, dass diese Belastungen enorm zugenommen haben. Auf der Ebene von Meinung/Vermutung werden häufig auch Wünsche/Ziele oder Handlung/Erleben vorgetragen. Ich sollte mich öfter fragen, was ich wirklich will. Leider passiert es mir immer wieder, dass ich zu spät komme. Ich lasse mich viel zu oft unterbrechen und ärgere mich dann blöderweise auch noch. Haben die Äußerungen des Ratsuchenden einen fordernden, ja dogmatischen Charakter, befinden wir uns ebenfalls auf der Ebene Meinung/Vermutung/Bewertung. Hier drücken die Ziele eine starre Meinung aus, wie der Ratsuchende meint, sein zu müssen. Ich erwarte einfach von mir, dass ich ausgeglichener werde. Ich habe den Anspruch an mich, so etwas ohne fremde Hilfe zu meistern. Oberstes Ziel ist ein gutes Prüfungsergebnis, das muss einfach erreicht werden. Wenn der Ratsuchende beschreibt, wie er etwas erlebt hat, befinden wir uns auf der Ebene der Gefühle. Bewertet er sein Handeln, sind wir auf der Ebene der Meinung/Vermutung und sucht er nach Lösungen, geht es um Wünsche/Ziele. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 93 935. Die Ebenen der Problemschilderung Bei den folgenden Übungssätzen können Sie prüfen, wie schnell und wie sicher Sie die jeweilige inhaltlich Ebene erkennen. 1. Bei Präsentationen passiert es mir immer wieder, dass ich den roten Faden verliere. Ich suche dann in meinen Unterlagen, aber das hilft irgendwie auch nicht weiter. 2. Meine Kinder sollten mich mehr unterstützen, statt permanent am PC zu sitzen. Die sind stundenlang im Internet und könnten viel mehr für die Schule tun. 3. Es macht mich ganz betroffen, wenn ich sehe, wie mein Kollege mit seiner Sekretärin umspringt. Der nimmt sich Sachen heraus, die machen mich sprachlos. 4. Mein Kollege macht die tollsten Präsentationen. Der kann eine ganze Stunde am Stück reden, ohne sich auch nur ein einziges Mal zu versprechen. 5. Plötzlich war ich dann ganz alleine und keiner kam auf die Idee mir zu helfen oder mich wenigstens zu fragen, ob ich Unterstützung bräuchte. 6. Es ist mir fürchterlich peinlich, wenn ich bei Präsentationen den roten Faden verliere. 7. Können Sie sich mal meine Bewerbung anschauen. Ich möchte gern wissen, wie Sie die finden. Vielleicht haben Sie ja Verbesserungsvorschläge. 8. Ich finde es unverzeihlich, bei Präsentationen den roten Faden zu verlieren. Das zeigt, dass man nicht gut vorbereitet ist. 9. Manchmal bringt es die Hausverwaltung fertig, die Heizung bereits um 18 Uhr abzustellen, obwohl die genau wissen, dass in den Büros noch gearbeitet wird. 10. Ich frage mich, wieso ich bei Präsentationen so oft den roten Faden verliere und was ich bräuchte, um das in den Griff zu bekommen. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 94 5. Die Ebenen der Problemschilderung94 Sie können bei der Auflösung prüfen, wieweit Sie die typischen Schlüsselwörter auf Anhieb erfasst haben. 1. Bei Präsentationen passiert es mir immer wieder, dass ich den roten Faden verliere. Ich suche dann in meinen Unterlagen, aber das hilft irgendwie auch nicht weiter. Handlung/ Erleben/ Bericht 2. Meine Kinder sollten mich mehr unterstützen, statt permanent am PC zu sitzen. Die sind stundenlang im Internet und könnten viel mehr für die Schule tun. Meinung/ Vermutung/ Bewertung 3. Es macht mich ganz betroffen, wenn ich sehe, wie mein Kollege mit seiner Sekretärin umspringt. Der nimmt sich Sachen heraus, die machen mich sprachlos. Gefühle/ Empfinden 4. Mein Kollege macht die tollsten Präsentationen. Der kann eine ganze Stunde am Stück reden, ohne sich nur ein einziges Mal zu versprechen. Äußeres/ Andere 5. Plötzlich war ich dann ganz alleine und keiner kam auf die Idee mir zu helfen oder mich wenigstens zu fragen, ob ich Unterstützung bräuchte. Handlung/ Erleben/ Bericht 6. Es ist mir fürchterlich peinlich, wenn ich bei Präsentationen den roten Faden verliere. Gefühle/ Empfinden 7. Können Sie sich mal meine Bewerbung anschauen. Ich möchte gern wissen, wie Sie die finden. Vielleicht haben Sie ja Verbesserungsvorschläge. Coach/ Situation 8. Ich finde es unverzeihlich, bei Präsentationen den roten Faden zu verlieren. Das zeigt, dass man nicht gut vorbereitet ist. Meinung/ Vermutung/ Bewertung 9. Manchmal bringt es die Hausverwaltung fertig, die Heizung bereits um 18 Uhr abzustellen, obwohl die genau wissen, dass in den Büros noch gearbeitet wird. Äußeres/ Andere 10. Ich frage mich, wieso ich bei Präsentationen so oft den roten Faden verliere und was ich bräuchte, um das in den Griff zu bekommen. Wünsche/ Hoffnungen/ Ziele Nun reicht es ja nicht nur, die inhaltlichen Ebenen zu erfassen. In der aktuellen Situation erwartet der Ratsuchende auch eine Reaktion seines Coach. Dafür stehen ihm verschiedene Möglichkeiten offen. Entweder verbleibt er mit seiner Reaktion auf der angeschnittenen Ebene oder er wechselt diese, weil ihm das sinnvoll erscheint. Nr. 7, S. 307 Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 95 955. Die Ebenen der Problemschilderung Ehe wir uns der anspruchsvollen Kunst zuwenden, die Ebenen zu wechseln, biete ich Ihnen zunächst eine Übung an, bei der Sie Ihre Fähigkeit trainieren können, innerhalb der angeschnittenen Ebene zu verbleiben. Notieren Sie paraphrasierende Erwiderungen (= umschreibendes Zuhören). 1. Ich hatte mich auf den Termin so gründlich vorbereitet und dann lag gestern eine formlose Absage im Briefkasten. 2. Die Vorgaben erlauben ja keinen Spielraum, da wird jede noch so kleine Abweichung registriert und das bleibt ja nicht ohne Konsequenzen. 3. Ich möchte wirklich außerordentlich gern diese Zusatzausbildung machen und hoffe nur, dass ich einen Platz bekomme. 4. Diese Art Kritik zu üben, halte ich für wenig zielführend. Das führt doch früher oder später zur Rebellion oder Dienst nach Vorschrift. 5. Einerseits ist das Angebot für mich wirklich reizvoll, andererseits sind die Begleitumstände überhaupt nicht eindeutig. 6. Können wir noch über unsere wöchentlichen Coachingtermine sprechen, das wird mir irgendwie gerade zu viel. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 96 5. Die Ebenen der Problemschilderung96 Diese Übung mag Ihnen ziemlich formal vorkommen, zumal die Äußerungen des Ratsuchenden auch zu einer Reaktion auf einer anderen Ebene einladen. Doch aus Übungsgründen galt es, sich auf die vom Ratsuchenden gewählte Ebene zu beschränken. Es versteht sich, dass es nicht nur eine richtige Antwort gibt, darum habe ich aus den Antworten meiner Ausbildungsteilnehmer jeweils zwei unterschiedliche ausgewählt. 1. Ich hatte mich auf den Termin so gründlich vorbereitet und dann lag gestern eine formlose Absage im Briefkasten. Sie hatten da viel Zeit für die Vorbereitung investiert. Die Absage kam aus heiterem Himmel. 2. Die Vorgaben erlauben ja keinen Spielraum, da wird jede noch so kleine Abweichung registriert und das bleibt ja nicht ohne Konsequenzen. Da findet eine permanente Leistungskontrolle statt. Da gibt es keinerlei Freizügigkeit. 3. Ich möchte wirklich außerordentlich gern diese Zusatzausbildung machen und hoffe nur, dass ich einen Platz bekomme. Das ist für Sie ein ganz starker Wunsch. Dieses Ziel, nämlich die Ausbildung zu machen, erfüllt Sie geradezu. 4. Diese Art Kritik zu üben, halte ich für wenig zielführend. Das führt doch früher oder später zur Rebellion oder Dienst nach Vorschrift. Sie meinen, dass müsste auch anders gehen. Sie vermuten, dass das Abwehr erzeugt. 5. Einerseits ist das Angebot für mich wirklich reizvoll, andererseits sind die Begleitumstände überhaupt nicht eindeutig. Da fühlen Sie sich gerade hin- und hergerissen. Sie empfinden das als wenig klar und verwirrend. 6. Können wir noch über unsere wöchentlichen Coachingtermine sprechen, das wird mir irgendwie gerade zu viel. Sie möchten, dass wir uns in einem anderen Rhythmus treffen. Ihnen wäre es lieber, wenn wir größere Pausen dazwischen machen. Inzwischen kennen Sie die verschiedenen Ebenen, auf denen sich das Beratungsgespräch bewegt. Im Folgenden möchte ich Ihnen an einem längeren Gesprächsausschnitt zeigen, welche Prozessverantwortung dem Coach zukommt. Die Ratsuchende in diesem Beispiel ist langjährige Mitarbeiterin in der Personalabteilung eines großen Industrieunternehmens. Sie ist hauptsächlich mit Projektarbeit befasst und hat wegen „beruflichen Stillstands“ ein Coaching begonnen. In den ersten Sitzungen ist es dabei vorrangig um konkrete Projektaufgaben gegangen. Nr. 8, S. 309 Nr. 5 Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 97 975. Die Ebenen der Problemschilderung Coach: Wie ist es Ihnen denn mit Ihrer Präsentation ergangen? Sie hatten das letzte Mal berichtet, wie viel Zeit Sie da hineinstecken mussten. Der Coach knüpft an eine vorangegangene Sitzung an und fragt auf der Ebene von Handlung/Erleben. Ratsuchende: Fragen Sie lieber nicht. Es war mal wieder alles für die Katz. Mein Chef hat im letzten Moment das Programm umgestellt und mein Thema fiel hinten runter. Prompt nutzt die Ratsuchende das Angebot und berichtet, was ihr widerfahren ist. Das ließe sich sicherlich fortsetzen, auch scheint die Ratsuchende ihrem Chef zu grollen, so dass sie sich vermutlich gern über diesen und sein Fehlverhalten weiter auslassen würde. Doch der Coach entschließt sich für einen Ebenenwechsel und spricht die mitschwingenden Gefühle direkt an. Coach: Oh je! Das muss bitter gewesen sein. Ratsuchende: Was heißt bitter? (schnaubt) Ich kenn’ es ja eigentlich nicht anders. Es läuft doch meistens so. Ich streng’ mich weiß der Herr wie an und am Ende ist alles vergeblich. Die Ratsuchende nimmt die Paraphrase auf der emotionalen Ebene zur Kenntnis, bleibt aber auf der Ebene des Berichtens (Handlung/Erleben). Der Coach wechselt erneut auf die Ebene der Gefühle. Coach: Ich stelle mir gerade vor, wie verletzend das ist, so vor den Kopf gestoßen zu werden. Ratsuchende: Ach wissen Sie, ich hab’ mich dran gewöhnt und mache gute Miene zum bösen Spiel. Was bleibt mir auch anderes übrig? So geht’s halt zu, da kann man nichts ändern. Die Ratsuchende verharrt auf der Ebene des Berichtens und äußert ihre Sichtweise (Handlung/Erleben). Der Coach folgt ihr, um ihr Verhalten auf den Punkt zu bringen. Coach: Mit anderen Worten, wenn sich Ihr Chef über getroffene Vereinbarungen hinwegsetzt, dann schlucken Sie Ihren Ärger hinunter und schaffen es sogar noch zu lächeln. Ratsuchende: Stimmt. Wie es in mir drinnen aussieht, das geht niemanden etwas an. Die Ratsuchende akzeptiert seine Formulierung und ergänzt mit ihrer tiefsitzenden Überzeugung (Meinung/Vermutung). Der Coach paraphrasiert dies: Coach: Das hört sich so an, als ob Sie Ihre verletzlichen Seiten niemandem zeigen. Ratsuchende: Was heißt niemand. Das kommt halt auf die Umstände an. Die Ratsuchende schränkt ihre zuvor geäußerte Überzeugung ein, das regt den Coach an, sich selbst einzubeziehen und den Fokus auf die Verletzlichkeit (Coach/Situation) zu lenken. Coach: Na, dann darf ich mich ja glücklich schätzen, dass Sie bei mir eine Ausnahme machen und Ihre verletzlichen Seiten zeigen. Ratsuchende: Das ist ja auch etwas anderes. Sie nehmen mich ja ernst. Ich würde mir ja ins eigene Fleisch schneiden, wenn ich hier die ewig Belastbare und stets Heitere markiere, die ich doch gar nicht bin. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 98 5. Die Ebenen der Problemschilderung98 Die Ratsuchende geht kurz auf die Situation des Coaching ein und bekennt, wie ihr eigentlich zumute ist: Weder ewig belastbar noch stets heiter. Der Coach wechselt erneut die Ebene und spricht die mitschwingenden Wünsche und Hoffnungen an, denn Ihre Aussage Sie nehmen mich ja ernst, lässt ahnen, wie sehr sie sich danach sehnt. Coach: Ich vermute mal, dass Sie etwas dafür geben würden, wenn Ihr Chef Sie ebenfalls ernst nehmen würde. Wenn er Sie akzeptieren könnte, wie Sie sind, eben nicht allen Belastungen gewachsen und auch nicht der ewige Sonnenschein der Abteilung. Ratsuchende: Der?! Der weiß doch noch nicht mal, wie man ernst nehmen buchstabiert. Nee, da mache ich mir keine Hoffnungen. Der sieht in mir nur das, was er sehen will, eben eine Mitarbeiterin, der man jeden Mist zuschieben kann. Eine, die klaglos alles erledigt und noch nicht einmal ein Dankeschön erwartet, wenn alles nach Plan läuft. Diese Intervention scheint (noch) nicht zu greifen, denn die Ratsuchende wechselt auf die Ebene Äußeres/Andere und ergeht sich in abschätzigen Beschreibungen ihres Vorgesetzten. Der Coach wechselt nochmals auf die Ebene der Gefühle und kombiniert dies damit, dass er sich erneut selbst mit ins Gespräch bringt (Coach/Situation). Coach: Sie hegen einen mächtigen Groll und ich erlebe gerade Ihre Bitterkeit aus nächster Nähe. Sie machen es mir damit ausgesprochen leicht nachzuvollziehen, was in Ihnen gerade vorgeht. Ratsuchende: Ja, hier im Coaching, da traue ich mich. Da kann mir ja auch nichts passieren. Die Ratsuchende folgt auf die angebotene Ebene und berichtet (Handlung/ Erleben), wann sie sich etwas traut und ergänzt, wann und warum nicht. Die folgende Intervention des Coach fasst das provokativ auf der gleichen Ebene zusammen. Coach: Sie haben sich gerade selbst den Schlüssel dafür gegeben, ernst genommen zu werden. Ratsuchende: Wollen Sie damit sagen, ich bin selber schuld? Na hören Sie mal, ich drücke es jetzt mal ganz drastisch aus: Ich reiß mir für meinen Chef ein Bein aus und nun bin ich auch noch selbst schuld, wenn der mich verarscht. Also nee … (Pause) Das müssen Sie mir noch mal erklären, wie Sie das meinen. Die Ratsuchende formuliert auf der Ebene des Berichtens (Handlung/Erleben) und ist im Tonfall hörbar empört und betroffen (Gefühle/Empfinden). Der Coach nutzt die Ebene Situation/Coach und bringt sich erneut selbst ein, um der Ratsuchenden zu verdeutlichen, dass sie sich bereits aktiv dafür einsetzt, von manchen Menschen (z. B. dem Coach) ernst genommen zu werden. Coach: Nun, ich hatte Ihnen gesagt, dass Sie es mir leicht machen, da ich gar nicht umhin komme, Sie ernst zu nehmen, weil Sie mir Ihre ganz persönlichen Empfindungen ungeschminkt zeigen. Über die kann ich mich nur schwerlich hinwegsetzen, wenn ich nicht in den Ruf kommen möchte, ein grober Klotz zu sein. Ratsuchende: Jetzt mal langsam: Mit anderen Worten, solange ich freundlich lächelnd zu allem „Ja” und „Amen” sage, darf ich mich nicht wundern, wenn jeder glaubt, ich wäre wirklich einverstanden und es macht mir überhaupt nichts aus, für den Papierkorb Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 99 995. Die Ebenen der Problemschilderung zu arbeiten. Boh, das sitzt! (Pause) Wenn ich das zu Ende denke, heißt das, meine Bemühungen, mich als belastbar und pflegeleicht darzustellen, sind das reinste Eigentor. Ich lade die Leute ein, mich auszunutzen. (Pause, sucht nach einem Taschentuch und wischt sich die Tränen ab) Mir wird gerade klar, dass mir das nicht nur mit meinem Chef so geht, mit meinem Freund habe ich manchmal ganz ähnliche Spannungen. Oh wei, da hängt ja ganz viel dran. Die Ratsuchende durchläuft einen Prozess der Selbsterkenntnis, bei der ihr etwas klar wird und sie erschrickt über die damit verbundenen Konsequenzen. Der Coach spitzt das zu, indem er ihre Formulierung wörtlich aufgreift und lediglich das Wort da gegen das Pronomen Sie austauscht und so die Ebenen Wunsch und Gefühl anspricht. Coach: Ja, das stimmt. Da hängt ganz viel dran. Es geht um Sie. Sie hängen da dran. Und die Frage lautet: Wann und wie nehmen Sie sich selbst ernst? Ratsuchende: (Lange Pause mit Tränen) – (sehr leise) Oje, wie kann ich erwarten, dass mich jemand ernst nimmt, wenn ich mich doch selbst nicht ernst nehme? (Sehr lange Pause, plötzliches Aufrichten) Okay, wenn ich das nun schaffen würde, meinen Ärger oder meine Enttäuschung unverhohlen zum Ausdruck zu bringen, was passiert dann? Mache ich nicht damit den anderen das Leben schwer? Jetzt müssen Sie sich auch noch mit mir und meinen blöden Gefühlen auseinandersetzen. Die Ratsuchende bleibt längere Zeit auf der Ebene ihrer Gefühle und wechselt auf die Ebene der Wünsche, indem sie sich selbst fragt, welche Konsequenzen ein alternatives Verhalten mit sich bringen. Der Coach macht einen Schlenker über die Ebene Äußeres/Andere und konfrontiert die Ratsuchende mit einer Frage nach ihrer Meinung und Wertung. Coach: Ja, die anderen müssen sich mit Ihren Gefühlen auseinandersetzen. Die bemerken nämlich, dass ihre Entscheidungen etwas bewirken und sie Unmut, Enttäuschung, ja Verbitterung auslösen. Haben Sie überlegt: In wessen Verantwortung fällt das? Ratsuchende: Sie meinen, bislang habe ich mit meiner blödsinnigen Tour den anderen ein leichtes Leben ermöglicht und mir selbst das Leben schwer gemacht. Die Ratsuchende wechselt auf die Meinungsebene und erkennt selbstkritisch, welche Konsequenzen sich aus ihrem bisherigen Handeln ergeben haben. Der Coach greift dies auf und reagiert ebenfalls auf der Meinungsebene, indem er beschreibt, welche Vorteile sich daraus ergeben. Im weiteren Verlauf seiner Äußerung wechselt er auf die Ebene der Gefühle. Coach: Nun, das hat ja auch Vorteile. Sie ersparen sich Konflikte. Der Preis ist allerdings hoch: Sie fühlen sich ausgenutzt. – Vorhin äußerten Sie, dass Sie sich mitsamt Ihren Gefühlen zeigen können, wie Sie sind, wenn Ihnen nichts passieren kann. Passieren tut immer etwas. Ob Sie sich nun ausgenutzt fühlen, weil Sie mal wieder Ihren Ärger herunter schlucken, oder ob Sie mit der Verwirrung Ihres Chefs konfrontiert werden, weil Sie ihn daran erinnern, dass er mit Ihnen eine Vereinbarung getroffen hat – stets passiert etwas. Die entscheidende Frage lautet: Was fühlt sich besser an? Ratsuchende: Das muss ich ausprobieren. (Pause) Ich muss ja nicht in jeder Situation jedem meine Gefühle auf die Nase binden. Aber ich merke gerade, dass ich Lust bekomme, es auszuprobieren. (Lacht.) Mein Freund tut mir jetzt schon leid. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 100 5. Die Ebenen der Problemschilderung100 Die Ratsuchende reflektiert die Konsequenzen und erlebt in der Situation eine emotionale Veränderung. In ihrem letzten Satz wechselt sie auf die Ebene Meinung und beschreibt, was sie über ihren Freund vermutet. Das veranlasst den Coach sie mit ihren gewohnheitsmäßigen Schuldgefühlen zu konfrontieren. Coach: (Lacht ebenfalls.) Und Sie übernehmen bereits in Gedanken die Verantwortung für seine Empfindungen und fühlen sich womöglich schuldig, wenn es ihm nicht mehr so leicht fällt, sich über Ihre Interessen hinwegzusetzen. Ratsuchende: Ich glaub’ ich muss noch verflixt viel lernen. Aber eines weiß ich jetzt schon, es wird mir deutlich besser gehen. Dieser längere Gesprächsausschnitt macht deutlich, wie fließend sich der Ebenenwechsel vollzieht. Die Angebote des Coach wurden keineswegs sofort akzeptiert, wiederholt bleibt die Ratsuchende dabei, zunächst über ihr Erleben, ihren Vorgesetzten (Äußeres/Andere) und ihre Sichtweise zu sprechen. Prozessverantwortung meint, dass der Coach nicht brav auf der angesprochenen Ebene bleibt, sondern immer wieder prüft, wie Ratsuchende mit ihren eigentlichen Wünschen und Gefühlen in Kontakt kommen können. Ihnen ist vielleicht aufgefallen, dass die Erwiderungen des Coach allesamt in Form von Aussagesätzen formuliert sind. Da Fragesätze im Deutschen mit einer Stimmhebung am Satzende einhergehen, können Fragen, oder gar Frageketten allein vom Tonfall her nötigend wirken. Denn die Stimmhebung bringt zum Ausdruck, dass der Sprecher eine Fortsetzung erwartet, eben die Antwort. Der Anstieg der Stimme erzeugt Spannung, sowohl im Gefragten als auch im Fragenden. Solange eine Antwort ausbleibt, bleibt die erzeugte Spannung erhalten. Dadurch wird jedoch auch Schweigen – eine Voraussetzung für Nachdenken – verhindert. Dieses Prinzip findet sich in ausgeprägter Form in der Musik wieder: Durch den Tonanstieg in der melodischen Gestaltung wird im Hörer Spannung erzeugt, die erst durch den Nachsatz, die erwartete Tonsenkung, als Antwort gelöst wird. Dagegen wirken Aussagesätze aufgrund des Tonfalls weniger bedrängend und ziehen in der Regel weitergehende Ausführungen des Gesprächspartners nach sich. Sie können gerade prüfen, wie sich die Wirkung einer Äußerung verändert. Lesen Sie den folgenden Satz laut. Einmal im Frageton mit ansteigender Stimme zum Satzende und einmal als Feststellung, indem Sie den Satz wie eine Selbstverständlichkeit betonen. „Das klingt so, als ob Sie Ihre verletzlichen Seiten niemandem zeigen.“ Dabei wirkt eine Reaktion im Tonfall der Beiläufigkeit besonders: Die Selbstverständlichkeit mit der eine Feststellung getroffen wird, macht sie zu etwas Normalem und Natürlichen. Das trägt zur Entspannung und Entlastung bei, zeigt der Tonfall doch, dass der Coach völlig ruhig und entspannt bleibt und daran nichts Besonderes oder Ungewöhnliches findet. Interessanterweise bringt das den Ratsuchenden eher zu einer spontanen Fortsetzung, als dass dies durch Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 101 1015. Die Ebenen der Problemschilderung eine Frage möglich wäre. Denn das Beantworten von Fragen wird immer von einem automatischen Kontrollmechanismus begleitet, bei dem sich der Antwortende auch fragt, ob und inwieweit die Antwort geeignet ist, ihn in einem guten Licht da stehen zu lassen bzw. sozial erwünscht zu wirken. Mehr sagen statt fragen, zielt nicht auf strikte Fragevermeidung im Coaching. Vielmehr sollten wir uns vor Ohren halten, ob nicht häufig ein Sagen oder Schweigen besser an die Stelle des fragenden Bedrängens und Beschämens treten möge. Durch das Fragen nimmt der Coach die Gesprächsführung in die Hand, was zwar den Gesprächsprozess strukturieren mag, aber den Ratsuchenden in seiner Freiheit einschränkt. Dieser wird zum Objekt einer diagnostizierenden Betrachtung, durch Abfragen von Fakten und Symptomen, die der Wissensvermehrung des Coach dienen und jenem leicht zum überlegenen Gefühl des Alles-Wissens verhelfen. Im Coachinggespräch sind es nicht die Fragen des Coach an den Ratsuchenden, sondern vielmehr jene, die der Ratsuchende an sich selbst richtet, die ihm ermöglichen, sich in der Gegenwart eines verschwiegenen Gesprächspartners selbst in Frage zu stellen. Nicht um Antworten geht es, sondern um Einsichten, um das Vorwärtskommen, das Wachsen des Ratsuchenden. Stellt der Coach Fragen, dann formuliert er gewissermaßen stellvertretend für den Ratsuchenden, um ihn zu einer reflexiven Auseinandersetzung anzuregen. Carl Rogers, der Altvater der klientzentrierten Gesprächspsychotherapie, weist daraufhin, dass das vermehrte Fragen nur zeige, wie wenig eigene Fähigkeiten zur Problemlösung dem Ratsuchenden zugetraut werde. Durch eben diese Fragen tritt leicht der Effekt ein, dass der Coach die gedanklichen Möglichkeiten des Ratsuchenden einschränkt, sich nur einer Seite zuwendet. Trotz des Bemühens, das für den Ratsuchenden Nützliche zu fördern, erlebt es dieser oft als bedrohlich. Wird ihm doch dadurch der Weg abgeschnitten zu einem Bereich, den er zwar als problematisch empfindet, der aber auch einen wichtigen Bereich seiner Persönlichkeit darstellt. Entsprechend wird der Ratsuchende im Coaching Fragen bewusst nicht beantworten, um so seinen Widerstand zu zeigen. Er schneidet andere Themenbereiche an, oder er wendet sich bewusst vernachlässigten Problembereichen zu. Ist der Coach mit den Ebenen der Problemschilderung vertraut, wird er bereits während des Gesprächs bemerken, wann ihm der Ratsuchende folgt oder auch entgleitet und wie dieser zwischen den Ebenen wechselt. Bei manchen Gesprächen hält sich der Ratsuchende lange oder sogar ausschließlich auf einer Ebene auf und es bedarf der steuernden Intervention durch den Coach, damit sich das Gespräch nicht im Kreise dreht oder hohl läuft. Ich hatte wiederholt betont, dass die Ebenen für sich genommen wertfrei sind. Jede benötigt ihren Raum und es wäre wenig wertschätzend, den Ratsuchenden möglichst schnell auf eine Ebene zu lenken, die der Coach für richtig hält. Ob und wann ein Ebenenwechsel sinnvoll ist, ergibt sich aus der Frage: Was bringt es dem Ratsuchenden, auf der von ihm gewählten Ebene zu bleiben? Wenn beispielsweise ein Ratsuchender Dampf ablassen möchte, wie im zweiten Fallbeispiel, dann ist für ihn die Ebene des Berichtens wichtig. Dabei kann der Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 102 5. Die Ebenen der Problemschilderung102 Ratsuchende Distanz gewinnen, um sich in einem nächsten Schritt für Lösungsschritte zu öffnen, die er bislang noch nicht genutzt hat. Stellt der Coach jedoch fest, dass die Darstellung über das Erlittene ausufert, dass nichts Neues mehr hinzukommt, wird er sich fragen müssen: Wozu berichtet mir der Ratsuchende das so ausführlich? Wofür soll das jetzt gut sein? Das ist der Zeitpunkt, an dem ein Ebenenwechsel dem Gespräch eine Wendung geben kann. Oder der Coach erlebt, dass sich der Ratsuchende im Wirrwarr seiner Gefühle verstrickt und vor lauter Betroffenheit die Orientierung verliert. Es wäre verantwortungslos, das emotionale Erleben weiter zu vertiefen. Stattdessen kann ein Ebenenwechsel zu einer neuen Sichtweise verhelfen, die im Idealfall den Ratsuchenden wieder handlungsfähig macht. So wichtig die affektive Rahmung ist und so ausgiebig Sie bislang das aktive Zuhören üben konnten, so wird jetzt deutlich, dass es in der Prozessverantwortung des Coach liegt, in bestimmten Momenten dieses wichtig Werkzeug zu nutzen und in anderen Gesprächsabschnitten gezielt darauf zu verzichten. So wie wir beim Erwärmen einer Sauce diese rechtzeitig von der heißen Herdplatte nehmen, ehe uns diese womöglich gerinnt, so gilt es auch im Coaching zwischen den Möglichkeiten des Erhitzens und des Abkühlens bewusst zu wählen und situationsbezogen zu wechseln. In meinen Ausbildungsgruppen registriere ich immer wieder Ernüchterung und Enttäuschung, wenn sich herausstellt, dass die vermeintlich gelungene affektive Rahmung tatsächlich zu einer emotionalen Blockade führt, weil der Ratsuchende sich überfordert erlebt, mit seinem Gefühlschaos konstruktiv umzugehen. Um im Coaching stets bewusst zu intervenieren, ist es wichtig, genau zu erfassen was und wie der Ratsuchende spricht. Darüber hinaus legt sich der Coach auch fortlaufend Rechenschaft darüber ab, was er aufgreift und vertieft und was im Moment weniger oder gar nicht beachtet wird. Dabei registriert er auch, wie der Ratsuchende auf seine Intervention reagiert, beispielsweise die angebotene Ebene aufgreift oder auch nicht. Mit den folgenden Übungen lade ich Sie ein, Ihr Geschick im Jonglieren mit den verschiedenen Ebenen ganz spielerisch zu entwickeln. Es geht dabei in erster Linie um schnelles Formulieren von möglichen Reaktionen und noch keineswegs um „gute“, „richtige“ oder gar „geniale“ Interventionen. Zunächst reagieren Sie auf der Ebene, auf der sich der Ratsuchende gerade bewegt (an erster Stelle). Dadurch verstärken und vertiefen Sie, was gerade geäußert wurde. Anschließend formulieren Sie für die fünf verbleibenden anderen Ebenen eine Erwiderung, um den Ratsuchenden zu einer veränderten Perspektive zu verhelfen. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 103 1035. Die Ebenen der Problemschilderung Der Ratsuchende ist Abteilungsleiter in einem mittelständischen Unternehmen für Softwareentwicklung. Er beschreibt zu Beginn der Coaching-Sitzung, was ihm während einer Präsentation widerfahren ist und endet: Ich bin immer noch ganz verwirrt und auch ratlos, dass ich das mit mir habe machen lassen, also dass ich gar nichts gesagt habe. Gefühle/ Empfinden: Wünsche/Hoffnungen/ Ziele: Handlung/Erleben/ Bericht: Äußeres/ Andere: Meinung/Vermutung/ Bewertung: Coach/ Situation: Nehmen Sie meine Antworten bitte nur als Vorschlag! Ratsuchender: Ich bin immer noch ganz verwirrt und auch ratlos, dass ich das mit mir habe machen lassen, also dass ich gar nichts gesagt habe. Gefühle/Empfinden: Das macht Sie ganz fassungslos, sich so ohnmächtig zu erleben. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 104 5. Die Ebenen der Problemschilderung104 Aus der angesprochenen Verwirrung und Ratlosigkeit wird verstärkend Fassungslosigkeit und Ohnmacht. Das kann zu großer Betroffenheit führen, weil dem Ratsuchenden bewusst wird, wie wenig er seinem Anspruch gerecht geworden ist. Wünsche/Hoffnungen/Ziele: Sie fragen sich gerade, wie das passieren konnte und was Ihnen in dem Moment gefehlt hat, um angemessen zu reagieren. Hier wird die Verwirrung in ein Sich-fragen umgemünzt, mit der Perspektive, nach Ressourcen zu schauen, um künftig anders reagieren zu können. Handlung/Erleben/Bericht: Sie sagten, Sie haben nichts gesagt, und gleichzeitig haben Sie sich irgendwie verhalten, also irgendetwas gemacht. Das Erleben wird noch einmal beleuchtet. Der Ratsuchende erhält Gelegenheit sich noch einmal zu reflektieren, wobei der Aspekt auf sein Machen gelegt wird, also jenen aktiven Teil, in dem er sich als Handelnder erlebt. Äußeres/Andere: Ich frage mich gerade, wie Ihre Kollegen die Situation erlebt haben. Hier löst sich die persönliche Betroffenheit noch ganz verwirrt und ratlos zu sein schnell auf, indem der Fokus auf andere gelenkt wird. Es ist jedoch nicht auszuschließen, dass die emotionale Reaktion noch viel stärker ausfällt, wenn nun berichtet wird, dass die Kollegen ihn durch Grinsen oder Kopfschütteln beschämt haben. Meinung/Vermutung/Bewertung: Sie meinen, jemand in Ihrer Position müsste darauf eigentlich schlagfertig reagieren. Wird die Aufmerksamkeit auf die Erwartungen gelegt, die der Ratsuchende an sich hat, entsteht ein Gespräch über mögliche Selbstansprüche und wieweit diese berechtigt bzw. unberechtigt sind. Coach/Situation: Irgendetwas unterscheidet unser Gespräch von dieser Situation neulich. Mit diesem Ebenenwechsel kann der Coach ein Nachdenken darüber einleiten, was unbelastete Gespräche von belastenden Gesprächen unterscheidet. Vermutlich sind Sie im Erkennen der verschiedenen Gesprächsebenen schon ganz fit und benötigen lediglich noch etwas Übung beim Wechseln. Zwei Anregungen Beobachten Sie bei alltäglichen Unterhaltungen, an denen Sie nicht aktiv teilnehmen, auf welcher inhaltlichen Ebene das Gespräch gerade verläuft und wie der Ebenenwechsel stattfindet. Wenn Sie selbst beteiligt sind, achten Sie bei alltäglichen Gesprächen, sowohl privat als auch beruflich, zunächst auf die Ebene, auf der sich Ihr Gegenüber gerade aufhält. In einem zweiten Schritt spielen Sie mit den verschiedenen Möglichkeiten und probieren einfach aus, die Ebene aktiv zu wechseln. Sie gewinnen auf diese Weise Erfahrung beim Wechseln und erleben auch, welchen Einfluss Ihr Ebenenwechsel auf den Fortgang des Gesprächs hat. In meinen Ausbildungsgruppen führen die Teilnehmer immer wieder echte Beratungsgespräche durch. Bei einer Übung scheinen die Beobachter noch mehr Nr. 9, S. 311 Nr. 10, S. 313 Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 105 1055. Die Ebenen der Problemschilderung zu lernen als die Teilnehmer, welche die Beraterrolle übernehmen. Dabei gehen bis zu sechs Teilnehmer vor die Tür und einer aus der Gruppe lässt sich zu ein und demselben Anliegen nacheinander von den draußen Wartenden beraten. Dabei entstehen manchmal völlig gegensätzliche Gesprächsverläufe. Aus der Fülle der Aufnahmen habe ich Ihnen folgendes Beispiel aufgeschrieben: Ratsuchende: Ich bin ja nun schon zwölf Jahre im Schuldienst und müsste eigentlich Routine haben. Also, wenn ich an meine Kollegen denke, die ihren Unterricht runterreißen, dann staune ich nur. Selbst etliche jüngere Kollegen sind dermaßen routiniert, das ist schon klasse. Die haben ihre Unterrichtsmaterialien, das meiste davon auf ihrem PC, aktualisieren das per Mausklick und schieben eine ruhige Kugel. Und ich habe noch nie eine alte Unterrichtseinheit wiederholt oder irgendetwas von früher hervorgekramt und neu aufbereitet. Bei mir ist jede Stunde ein Unikat. Aber das verschlingt natürlich wahnsinnig viel Zeit und irgendwann kommt auch die Frage, ob es in meinem Leben noch etwas anderes gibt als Schule und Unterricht vorbereiten. Ehe Sie nun weiterlesen, unterbrechen Sie bitte kurz und notieren Sie, wie Sie auf diesen Gesprächseinstieg reagieren würden. Analysieren Sie bitte jede Aussage hinsichtlich der inhaltlichen Ebenen. Dabei werden Sie entdecken, wo Vertiefungen und wo Ebenenwechsel stattfindet und Sie werden bemerken, wodurch ein Gespräch eher oberflächlich bleibt oder mehr zum Kern vordringt. Coach: Sie hatten damals in der Vorstellungsrunde gesagt, dass Sie Englisch und Deutsch unterrichten. Bei Englisch ändert sich doch nichts, die Sprache bleibt doch immer die gleiche. Warum haben Sie den Anspruch, jede Stunde zum Unikat zu machen? (1) Ratsuchende: Typisch, so kann auch nur jemand reden, der noch nie unterrichtet hat. Es geht doch nicht darum, dem Schüler eins und eins beizubringen, sondern ihn für diese Sprache zu gewinnen, ihn dabei zu unterstützen in dieser Sprache zu lesen, zu schreiben und auch zu reden. Und jeder Schüler ist anders, das heißt ich muss mich auf völlig unterschiedliche Motivationslagen einstellen, um jedem gerecht zu werden. (2) Coach: Entschuldigung, ich wollte keine Kritik üben. Sie erwähnten nur die routinierten Kollegen, die Sie klasse finden. Wobei die, wie Sie sagen, Ihre Unterlagen wohl auch ständig aktualisieren, aber eben per Mausklick. Nr. 6 Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 106 5. Die Ebenen der Problemschilderung106 (3) Ratsuchende: Wie aktuell das wirklich ist, müsste man im Einzelfall mal prüfen. Ich denke da an einen älteren Kollegen, der seit zwanzig Jahren ,The Catcher in the Rye‘ lesen lässt und immer die gleichen Fragen stellt und auch schon die Schülerantworten kennt. Der ist auch noch stolz darauf und hat mich neulich sogar kopfschüttelnd gefragt, warum ich jedes Jahr eine völlig neue Lektüre heraussuche, ich könnte es mir doch viel einfacher machen. Und zur Bekräftigung hat er hinzugefügt, dass Salinger heute noch genauso aktuell sei, wie 1951. Nee, so möchte ich bestimmt nicht werden. (4) Coach: Okay, Sie sagen gerade ganz deutlich, wie Sie nicht werden möchten. Vielleicht hilft Ihnen gerade die Abgrenzung gegenüber den negativen Vorbildern herauszufinden, wie Sie tatsächlich werden möchten. (5) Ratsuchende: Ja, das stimmt. Solche Kollegen sind durchaus eine Orientierung, wenn es darum geht die Tücken und Klippen des Lehrerberufs zu umschiffen. Ich glaube, das tröstet mich auch über manche zeitraubende Unterrichtsvorbereitung hinweg, wenn ich sehe, dass ich mich wirklich mit den Belangen meiner Schüler auseinandersetze. Und ich glaube, dass meine Schüler auch merken, dass ich mich auf jede einzelne Stunde minutiös vorbereite. Denn eins habe ich ganz gewiss nicht: Probleme mit mangelndem Respekt. Meine Autorität als Lehrerin steht für alle meine Klassen fest. (6) Coach: Mit anderen Worten, die Kollegen haben erhebliche Autoritätsprobleme und brocken sich das dadurch ein, dass sie Ihre Stunden nicht so gut vorbereiten. (7) Ratsuchende: Ja, genau darauf läuft es hinaus. Schüler haben ein sehr gutes Gespür dafür, ob ihre Lehrer sie ernst nehmen, sich angemessen vorbereiten und sich wirklich mit ihnen auseinandersetzen. Das klingt jetzt vielleicht etwas eitel. Aber nicht umsonst werde ich seit Jahren von den Schülern als Vertrauenslehrerin gewählt und genieße einen wirklich guten Ruf. (8) Coach: Sie haben am Anfang gesagt, dass die Unterrichtsvorbereitung schrecklich viel Zeit frisst. Vielleicht lässt sich bei den Kollegen, die das – ich nenne das mal so – automatisierter hinbekommen, vielleicht lässt sich davon ja etwas übernehmen, oder? Auf jeden Fall wäre die Unterrichtsvorbereitung nicht mehr so belastend. (9) Ratsuchende: Na ja, belastend ist vielleicht etwas übertrieben. Es geht eigentlich mehr um die grundsätzliche Frage, ob man so weitermachen will wie bisher, oder etwas ändern sollte. Ich sehe das so unter dem Aspekt von Work-Life-Balance. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 107 1075. Die Ebenen der Problemschilderung (10) Coach: Das ist bestimmt wichtig sich nach zwölf Jahren Schuldienst mal ganz grundsätzlich zu fragen, in welchem Verhältnis Arbeit und Privatleben eigentlich stehen. (11) Ratsuchende: Wobei uns das Außenstehende nicht glauben, dass wir Lehrer, wenn wir unseren Beruf ernst nehmen, also als Berufung begreifen, dass wir während der Schultage wesentlich mehr geben müssen, als es für ein gedeihliches Privatleben gut wäre. (12) Dieses Gespräch lief noch zehn Minuten so weiter und blieb die ganze Zeit auf der Ebene von Meinung/Vermutung. Zwischendrin wurden weitere Kollegen beschrieben (Äußeres/Andere) und eigene Erfahrungen berichtet (Handlung/ Erleben). Die Ratsuchende sprach flüssig und setzte das Gespräch auch dann fort, wenn sie mit einer Intervention wenig oder gar nichts anfangen konnte. Vielleicht möchten Sie erst einmal Ihre Analyse mit meiner Einschätzung vergleichen: Coach Ratsuchende (1) Meinung/Vermutung (3) Coach/Situation und Äußeres/ Andere (5) Wünsche/Ziele (7) Äußeres/Andere (9) Äußeres/Andere und Meinung (11) Meinung/Vermutung (2) Meinung/Vermutung (4) Äußeres/Andere und Wünsche Ziele (negativ) (6) Meinung/Vermutung (8) Äußeres/Andere und Handlung/Erleben (10) Meinung/Vermutung (12) Meinung/Vermutung Nach einer kurzen Pause hat die Ratsuchende ihr Anliegen einem vor der Tür wartenden Gruppenmitglied erneut vorgetragen. Ratsuchende: Ich bin ja nun schon zwölf Jahre im Schuldienst und müsste eigentlich Routine haben. Also, wenn ich an meine Kollegen denke, die ihren Unterricht runterreißen, dann staune ich nur. Selbst etliche jüngere Kollegen sind dermaßen routiniert, das ist schon klasse. Die haben ihre Unterrichtsmaterialien, das meiste davon auf ihrem PC, aktualisieren das per Mausklick und schieben eine ruhige Kugel. Und ich habe noch nie eine alte Unterrichtseinheit wiederholt oder irgendetwas von früher hervorgekramt und neu aufbereitet. Bei mir ist jede Stunde ein Unikat. Aber das verschlingt natürlich wahnsinnig viel Zeit und irgendwann kommt auch die Frage, ob es in meinem Leben noch etwas anderes gibt als Schule und Unterricht vorbereiten. Nr. 7 Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 108 5. Die Ebenen der Problemschilderung108 Nachdem Sie einen ersten „Durchgang“ gelesen haben, denken Sie möglicherweise ganz anders über das Anliegen der Ratsuchenden. Unterstreichen Sie die Wörter, denen Sie nun besondere Beachtung schenken! Auch bei dem folgenden Gespräch schulen Sie Ihre Analysefertigkeit, wenn Sie spontan notieren, auf welcher Ebene sich der jeweils Sprechende befindet. Coach: Mit anderen Worten, die ganze Vorbereitung und Ausarbeitung all der vielen Stunden in den letzten Jahren hat überhaupt keinen praktischen Nutzen. (1) Ratsuchende: Oh doch! Ich habe ganz viele Erfahrungen gesammelt und bin dadurch auch viel besser geworden. Aber ich bin ja auch nicht mehr dieselbe wie damals, direkt nach dem Referendariat. Ich könnte heute gar nicht mehr so unterrichten. Vermutlich würde ich mich sogar für die eine oder andere Stunde schämen, wenn ich die Entwürfe hervorziehen noch einmal hervorziehen würde. Darum bringt es auch nichts, irgendeine Konserve hervorzukramen und die nochmals zu servieren. Nee, also das könnte ich wirklich nicht. (2) Coach: Und diese Erfahrungen machen Sie heute als gute Lehrerin aus. Sie haben sich in all den Jahren etwas angeeignet, was Sie nicht nur besser gemacht hat, wie Sie sagen, sondern Ihnen vermutlich auch eine gewisse Routine im Sammeln von Erfahrung gibt. (3) Ratsuchende: Ja, das schon. Und gleichzeitig bin ich noch kritischer mir selbst gegen- über geworden. Zum Beispiel sind die Schüler von heute überhaupt nicht mit denen zu vergleichen, als ich im Beruf anfing. Da liegen Welten dazwischen. Ich finde es völlig daneben und auch selbstgerecht, mit einem Unterrichtsentwurf von vor zehn Jahren vor eine Klasse zu treten und zu erwarten, dass die Schüler darauf einsteigen. (4) Coach: Das stimmt, da würden Anspruch und Wirklichkeit schnell auseinander klaffen. Aber Sie haben es irgendwie geschafft, sich treu zu bleiben, also den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. Das ist doch nicht nichts. (5) Ratsuchende: Na ja, das war schon ein längerer Weg. Früher war ich zufrieden, wenn sich meine Stunden weitgehend mit meinem Entwurf gedeckt haben, also wenn ich meinen Stoff in der knappen Zeit durchbekommen habe. Dann wurde mir irgendwann klar, dass ich nicht die Berieselungstante vom Dienst bin, sondern zusehen muss, dass sich die Schüler aktiv in das Lerngeschehen einbringen und mittlerweile erwarte ich, dass ich jeden Schüler erreiche. Ja, ich weiß, das ist hoch gegriffen, aber irgendwelche Ziele braucht der Mensch. (lacht) (6) Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 109 1095. Die Ebenen der Problemschilderung Coach: Sie haben im Laufe der Jahre Ihre Ansprüche hochgeschraubt und stellen fest, dass Sie sich die Arbeit keineswegs leichter, sondern eher schwerer gemacht haben. Eingangs sagten Sie ja, dass Ihre Kollegen das staunenswert hinbekommen. (7) Ratsuchende: Ja und nein. Also ja, weil ich die manchmal beneide, wie die eine alte Klassenarbeit auffrischen und auch beim Korrigieren ein Tempo an den Tag legen, dass man sich nur wundern kann. Und nein, weil ich die manchmal verachte, wie sie respektlos mit jungen Menschen umgehen. Die schieben einen faulen Lenz und merken gar nicht, welchen Schaden sie bei den Schülern anrichten. (8) Coach: Was meinen Sie mit Schaden? (9) Ratsuchende: Stellen Sie sich vor, Schüler nehmen sich daran ein Beispiel oder nehmen solche Lehrer gar zum Vorbild, ja wo kommen wir denn da hin? (10) Auch dieses Gespräch lief noch zehn Minuten weiter und blieb die ganze Zeit auf der Ebene des Berichtens über Erfahrungen (Handlung/Erleben) und der Meinung. Dabei sprach die Ratsuchende flüssig und konnte mit jeder Intervention des Coach etwas anfangen. Auch hier biete ich Ihnen meine Analyse an: Coach Ratsuchende (1) Meinung/Vermutung (3) Meinung/Vermutung (5) Meinung/Vermutung (7) Handlung/Erleben (9) Meinung/Vermutung (2) Meinung/Vermutung (4) Meinung/Vermutung (6) Handlung/Erleben und Meinung (8) Handlung/Erleben und Meinung (10) Meinung/Vermutung Der als nächstes Hereingerufene hörte das gleiche Eingangsstatement und reagierte darauf komplett anders. Aber lesen Sie selbst! Nochmals zur Erinnerung: Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 110 5. Die Ebenen der Problemschilderung110 Ratsuchende: Ich bin ja nun schon zwölf Jahre im Schuldienst und müsste eigentlich Routine haben. Also, wenn ich an meine Kollegen denke, die ihren Unterricht runterreißen, dann staune ich nur. Selbst etliche jüngere Kollegen sind dermaßen routiniert, das ist schon klasse. Die haben ihre Unterrichtsmaterialien, das meiste davon auf ihrem PC, aktualisieren das per Mausklick und schieben eine ruhige Kugel. Und ich habe noch nie eine alte Unterrichtseinheit wiederholt oder irgendetwas von früher hervorgekramt und neu aufbereitet. Bei mir ist jede Stunde ein Unikat. Aber das verschlingt natürlich wahnsinnig viel Zeit und irgendwann kommt auch die Frage, ob es in meinem Leben noch etwas anderes gibt als Schule und Unterricht vorbereiten. Coach: Und die Frage brennt Ihnen gerade unter den Nägeln. (1) Ratsuchende: Mm. – Brennt mir das unter den Nägeln? (Pause) So wollte ich das eigentlich nicht formulieren. Obwohl …? (Pause) Sie sind ganz schön direkt. (2) Coach: Das geht Ihnen gerade zu schnell. (3) Ratsuchende: Ach verdammt! Ja, – nein, – Sie bringen mich ganz durcheinander! Ich unterrichte wirklich gern und ich könnte mir wirklich keinen Beruf vorstellen, den ich lieber machen würde, ehrlich! Außerdem ist es doch völlig normal, dass man sich in seinem Beruf anstrengt und gut sein will. Das ist doch bei Ihnen bestimmt genauso. (4) Coach: Ja. – Sie sagten am Anfang, dass dieses Gutsein-Wollen Ihre Zeit verschlingt. Irgendetwas macht Sie trotz ungebrochenem Enthusiasmus fürchterlich unzufrieden. (5) Ratsuchende: Ja. Ich bin zwar eine begeisterte Lehrerin, aber ich frage mich hin und wieder, wer oder was ich eigentlich sonst noch bin. (6) Coach: Ihr Beruf verschlingt nicht nur Ihre Zeit, eigentlich werden Sie verschlungen. Wobei es vielleicht gar nicht der Beruf selbst ist. (7) Ratsuchende: Stimmt. (Pause) Es hat ja keinen Sinn, um den heißen Brei herumzureden. Irgendwie gehe ich mir fürchterlich auf den Keks. Und ehe ich mal ernsthaft darüber nachdenke, was ich eigentlich will und wie es mit mir weitergehen soll, stelle ich fest, dass ich ja noch unbedingt etwas vorbereiten muss. Und schon sitze ich wieder Nr. 8 Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 111 1115. Die Ebenen der Problemschilderung an meinem Schreibtisch, vertiefe mich in die Aufgaben und ehe ich mich versehe ist es Nacht. Tja, klingt nicht gerade attraktiv … (8) Coach: Nein, das klingt eher bitter, so als ob eine ungestillte Sehnsucht schon eine ganze Weile unterdrückt wird. (9) Ratsuchende: Scheiße, jetzt fange ich auch noch an zu heulen. – Warum habe ich mich bloß bereit erklärt, bei dieser Übung mitzumachen? So was Blödes aber auch! (10) Coach: Ich habe noch Ihre Eingangsfrage im Ohr, ob es noch irgendetwas anderes außer Schule gibt. Vielleicht versucht ja eine innere Stimme sich Gehör zu verschaffen. Sie sagen ja, dass Sie sich gelegentlich fragen, wer Sie eigentlich sonst noch sind. (11) Ratsuchende: Es ist verrückt. Der Beantwortung dieser Frage bin ich jetzt seit Jahren erfolgreich ausgewichen. Und ausgerechnet in dieser Übung holt sie mich ein. (Pause) Ja, es stimmt, ich bin unglücklich und gestehe mir das nicht ein. Ich verkrieche mich hinter meiner Arbeit und das war’s. (12) Coach: Die viele tägliche Arbeit ist wie ein Schneckenhaus, in das Sie sich verkriechen. Nun, das gibt Ihnen auf jeden Fall Schutz und Sicherheit. (13) Ratsuchende: Mag sein. Aber so habe ich mir mein Leben nicht vorgestellt. Ich bin jetzt 39 und auf dem besten Weg wie meine verehrte Grundschullehrerin zu werden. Die haben wir mit Fräulein Hagelbusch angeredet, da war die schon über 60. (14) Coach: Sie sind auf dem besten Weg, sich unterschiedlich auszurichten. Wenn Sie sagen, dass Sie sich Ihr Leben anders vorgestellt haben, dann gibt es da eine konkrete Vision, wie Sie am liebsten leben möchten. Es wäre doch spannend, wenn Sie herausfinden, was Sie brauchen, um genau dorthin zu kommen. (15) Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 112 5. Die Ebenen der Problemschilderung112 Ratsuchende: Ja. Ich glaube es ist höchste Zeit, dass ich dem nachgehe. Ich möchte das Gespräch hier allerdings abbrechen, denn jetzt wird es ziemlich persönlich, und das ist mir in dieser Runde dann doch unangenehm. (16) Wie das Gespräch tatsächlich weitergelaufen ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Aber die Ratsuchende hat den letzten Berater gefragt, ob er im Anschluss noch etwas Zeit habe, um das begonnene Gespräch fortzusetzen. Auch hier erst einmal meine Analyse: Coach Ratsuchende (1) Gefühle/Empfinden (3) Coach/Situation (5) Gefühle/Empfinden (7) Gefühle/Empfinden (9) Gefühle/Empfinden (11) Wünsche/Ziele (13) Handlung/Erleben (15) Wünsche/Ziele (2) Gefühle/Empfinden und Coach (4) Coach/Situation und Meinung (6) Wünsche/Ziele (8) Handlung/Erleben und Meinung (10) Gefühle/Empfinden und Situation (12) Meinung und Gefühle/Empfinden (14) Meinung und Andere (16) Wünsche/Ziele Ich hatte Ihnen in Kapitel 4 den Unterschied zwischen Fragesätzen und Feststellungen bzw. Aussagesätzen beschrieben. Beim Analysieren der Berater- äußerungen konnten Sie überprüfen, wie sich die Ratsuchende durch einfache Feststellungen zum Weitersprechen aufgefordert fühlte. Gerade beim letzten Gespräch wurde deutlich, wie die Ratsuchende ihrer Reaktion erst gewahr wurde, als diese bereits sicht- und hörbar geworden war (z. B. Tränen, Fluchen, spätes Erkennen, was ihr in diesem Übungssetting gerade widerfährt). Ich hatte erklärt, dass das Beantworten von Fragen immer auch von einem automatischen Kontrollmechanismus begleitet wird, bei dem der Ratsuchende prüft, ob und inwieweit die Antwort geeignet ist, in einem guten Licht da zu stehen. Mit anderen Worten: Antworten als Reaktion auf Fragen durchlaufen zunächst den Filter der sozialen Erwünschtheit, während Feststellungen dazu führen, unwillkürlich Stellung zu beziehen, entweder bejahend und vertiefend oder auch widersprechend und korrigierend. Nr. 11, S. 315 Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 113 1135. Die Ebenen der Problemschilderung Zusammenfassung In diesem Kapitel haben Sie verschiedene Ebenen kennen gelernt, auf denen sich der Ratsuchende äußert. Zunächst ging es darum die angesprochene Zeit zu erfassen und sowohl innerhalb des Zeitfensters zu reagieren als auch den Zeithorizont mit Ihrer Erwiderung zu verlagern. Es ist wichtig, dem Ratsuchenden zu vermitteln, dass man sich in seine Lage einfühlt. Gleichzeitig erfasst der Coach, dass ein Problem zwar in der Vergangenheit entstanden ist, sich im gegenwärtigen Empfinden niederschlägt und wichtige Auswirkungen auf die Zukunft hat. Darüber hinaus haben Sie lernen können, die sechs inhaltlichen Ebenen gegeneinander abzugrenzen, um während des Zuhörens zu entscheiden, ob Sie auf der gleichen Ebene reagieren, weil diese vertiefend und somit hilfreich ist, oder ob Sie einen Ebenenwechsel für sinnvoll halten, weil Sie die emotionale Verwirrung und Betroffenheit nicht vertiefen möchten oder weil Sie nicht nachvollziehen können, wozu der Ratsuchende so ausführlich auf der von ihm gewählten Ebene bleibt. Entscheidungsgrundlage für Wechsel oder Beibehalten der Ebene ist immer die Handlungsfähigkeit des Ratsuchenden zu stärken. Handlung/Erleben/Bericht: Auf dieser Ebene berichtet der Ratsuchende was er erlebt hat. Meinung/Vermutung/Bewerten: Auf dieser Ebene geht es um Überzeugungen, Vorstellungen und Vermutungen des Ratsuchenden, was dieser glaubt, für richtig und wertvoll hält. Äußeres/Andere: Auf dieser Ebene verlagert sich die Verantwortung weg vom Ratsuchenden, er teilt nicht mit, wie er etwas erlebt und bewertet. Wünsche/Hoffnungen/Ziele: Auf dieser Ebene treten Lösungsansätze zutage und der Ratsuchende spricht über das, was er eigentlich erreichen will. Gefühle/Empfinden: Diese Ebene erweist sich als zentral, um herauszufinden, was dem Ratsuchenden Sorgen macht, ihn ängstigt, ihn zweifeln und zögern lässt oder sonst wie lähmt. Coach/Situation: Auf dieser Ebene spricht der Ratsuchende die Beratungssituation oder den Coach bzw. seine Arbeitsweise und sein Vorgehen ganz direkt an. Vergangenheit damals, früher, einst, vorher ich hatte, war, konnte, musste jetzt, immer noch, gerade, im Moment, aktuell, augenblicklich zukünftig, bald, bevorstehend, sich auswirkend, Ein uss Gegenwart Zukunft Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 114 5. Die Ebenen der Problemschilderung114 Dieses Kapitel hat Ihnen eine „Draufsicht“ auf das Prozessgeschehen gegeben und Sie konnten an den Gesprächsausschnitten erkennen, welche Bedeutung der Entscheidung zukommt, die „passende“ Ebene zu wählen. Reflektieren Sie, was dieses Kapitel in Ihnen bewegt hat und wo Sie jetzt gerade stehen. Mir wichtige Erkenntnisse/Punkte: Was fiel mir leicht? Was fiel mir schwer? Was will ich besonders üben?

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References

Zusammenfassung

Ein guter Coach

Dieses neue Werk ist die Quintessenz aus 30 Jahren Ausbildungspraxis und erläutert die Grundfertigkeiten der beratenden Gesprächsführung. Eine Vielzahl von Gesprächsausschnitten aus realen Coachingsitzungen wird detailgenau analysiert und nachvollziebar kommentiert. Durch die konkreten Übungen und durch das zusätzliche Trainingsmaterial im Anhang können Sie Ihr eigenes Gesprächsverhalten gezielt und professionell optimieren. 26 Gesprächsausschnitte können als Audio-Datei herunter geladen werden und ergänzen das Gelesene um das hörbare Erleben.

Coaching-Gespräch: die Schwerpunkte

* Die eigene Grundhaltung erkennen

* Der Unterschied zwischen Coaching/Beratung und anderen Gesprächen

* Die Grundhaltung beeinflusst den Verlauf

* Kontakt herstellen und Vertrauen aufbauen

* Die Ebenen der Problemschilderung

* Die Problemsicht des Ratsuchenden

* Blockaden erkennen und auflösen

* Ziele des Ratsuchenden erkennen und hinterfragen

* Mit Ressourcen des Ratsuchenden arbeiten

* Mit Impulsen und Anregungen arbeiten

* Mit Feedback arbeiten

Der Coaching-Experte

Professor Dr. Christian-Rainer Weisbach, Universitäten Tübingen und Hohenheim, ist Lehrtrainer und Lehrcoach der European Coaching Association.