Anhang mit weiteren Übungen in:

Christian-Rainer Weisbach

Das Coachinggespräch, page 289 - 369

Grundlagen und Trainingsprogramm beratender Gesprächsführung

1. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-4488-9, ISBN online: 978-3-8006-4489-6, https://doi.org/10.15358/9783800644896_289

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Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 281 Anhang mit weiteren Übungen In den elf Kapiteln dieses Buches hatten Sie vielfältige Möglichkeiten, Ihre Gesprächsfertigkeit zu entwickeln. Sie werden vermutlich die Erfahrung gemacht haben, dass Sie bei der einen oder anderen Antwort einige Zeit zum Nachdenken benötigt haben, um den jeweiligen Anforderungen zu entsprechen. Im Ernstfall steht Ihnen diese Zeitspanne selten zur Verfügung, denn wenn der Ratsuchende Sie auffordernd anschaut, sind Sie dran. Damit Ihnen genau das gelingt, finden Sie auf den nächsten achtzig Seiten zu jedem thematischen Aspekt weitere Übungen. Auch auf die Gefahr hin, dass Sie sich unter Druck gesetzt fühlen, möchte ich Sie auffordern, zu Beginn und am Ende einer jeden Übung auf die Uhr zu schauen, damit Sie Ihren Lernfortschritt überprüfen können. Sobald es Ihnen gelingt, ohne längeres Nachdenken eine entsprechende Erwiderung zu formulieren, hat dieses Trainingsprogramm seine Schuldigkeit getan und Sie sind fit, Ihr Können in realen Beratungssituationen unter Beweis zu stellen. Die erste Übung zielt neben dem Erkennen der sechs typische Reaktionsweisen aus Kapitel 3 (Bewerten, Interpretieren, Stützen/Trösten, Ausfragen, Lösen/Ratschlag, Verständnis) auf das Erfassen möglicher Folgen, die mit der jeweiligen Verhaltensweise einhergehen. Bei dieser Aufgabe lasse ich die Teilnehmer in meinen Ausbildungsgruppen verschiedene Gesprächsentwicklungen durchspielen, um zu erleben, wie sich bestimmte Reaktionen anfühlen bzw. wohin sie das Gespräch lenken. Sie können, wenn Sie keinen Übungspartner haben, in die Rolle des Ratsuchenden schlüpfen und spontan notieren, wie Sie jeweils reagieren würden. In einem nächsten Schritt ordnen Sie die Coach-Reaktion einer der sechs Verhaltensweisen zu. Ich habe bei den folgenden fünf Gesprächsanfängen bewusst auf Beispiele zurückgegriffen, die Ihnen an ganz anderer Stelle dieses Buches ebenfalls begegnen. Dabei werden Sie vergleichend feststellen können, wie sehr die Gesprächsentwicklung durch die jeweilige Erwiderung des Coach beeinflusst wird. Anhang mit weiteren Übungen Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 282 Anhang mit weiteren Übungen282 Übung Nr. 1 1. Ratsuchender: Manchmal glaub’ ich, ich habe eine ausgewachsene Arbeitsstörung. Also, das ist so: Ich komme einfach nicht in die Gänge. In letzter Zeit quäle ich mich förmlich anzufangen und stolpere eigentlich immer über etwas, was gerade wichtiger ist. Das ist doch nicht normal. Vielleicht gibt es ja einen einfachen Weg, um da raus zu kommen. Mögliche Reaktion des Coach Was macht der Coach und wie kann sich das Gespräch entwickeln? a) Ja, das kommt immer häufiger vor. Um auf die wachsenden beruflichen Anforderungen angemessen reagieren zu können, bedarf es eines soliden Zeit managements. Ich denke, dass lässt sich gut in den Griff bekommen. b) Das ist in der Tat gefährlich, wenn man den Ablenkungen, die sich ja überall geradezu aufdrängen, nachgibt. Können Sie mir gerade ein Beispiel geben für etwas, was Ihnen dann gerade wichtiger ist? c) Seit wann haben Sie diese Arbeitsstörung? d) Immer, wenn Sie irgendetwas anfangen wollen, erscheint Ihnen das wie eine einzige Quälerei. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 283 283Anhang mit weiteren Übungen 2. Ratsuchender: Mein Problem ist: Ich kann mich nicht entscheiden. Mir wurden zwei sehr unterschiedliche Projekte angetragen, die blöderweise beide gleichzeitig laufen. Ich muss mich also entscheiden, welches von beiden ich mache. Ich kann es drehen und wenden, wie ich will, ich komme einfach nicht aus diesem Dilemma heraus. Mögliche Reaktion des Coach Was macht der Coach und wie kann sich das Gespräch entwickeln? a) Nun, in solchen Fällen hilft eine Entscheidungsmatrix, mit der sich sehr schnell herauskristallisiert, wo die jeweiligen Vor- und Nachteile liegen. Wenn Sie einverstanden sind, legen wir gleich mal los. b) Das erscheint Ihnen wie eine Zwickmühle, in der Sie sich gefangen fühlen. Am liebsten möchten Sie aus eigener Kraft da heraus. c) Manchmal hilft uns unser Unterbewusstsein beim Finden von Lösungen. Schildern Sie mir gerade Ihre ersten spontanen Assoziationen, die Ihnen durch den Kopf gingen, als Ihnen das eine bzw. das andere Projekt angetragen wurde. d) Da bringt man Sie ja eigentlich in eine unhaltbare Situation, wenn Ihnen zwei verschiedene Projekte angetragen werden, obwohl es sich doch ausschließt, beide gleichzeitig zu managen. Wir kam denn Ihr Vorgesetzter auf diese Idee? Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 284 Anhang mit weiteren Übungen284 3. Ratsuchender: Das Thema, das ich heute mit Ihnen besprechen möchte, bereitet mir heftiges Kopfzerbrechen. Ich mache mir über einen meiner Mitarbeiter ziemliche Sorgen. Da steht jetzt ein Gespräch an, das muss sein. Denn wenn der Mann sich nicht organisiert kriegt, dann sehe ich schwarz für ihn. Mögliche Reaktion des Coach Was macht der Coach und wie kann sich das Gespräch entwickeln? a) Wir können gerade mal verschiedene Angebote zum Thema Selbstmanagement vergleichen. Ich habe hier einige interessante Fortbildungen, die vielleicht für Ihren Mitarbeiter in Frage kommen. b) Wie äußert sich das bei Ihrem Mitarbeiter? Können Sie mir bitte einmal beschreiben, wo und wann er sich nicht organisiert bekommt. c) Sie sagten gerade, das Gespräch muss sein. d) Wenn Sie sagen, dass Ihr Mitarbeiter sich schlecht organisiert, dann sollten wir zunächst einmal untersuchen, wie es dazu kommen kann. Was lassen Sie schon geraume Zeit bei diesem Mann durchgehen, und wo fällt es Ihnen schwer, ihm Grenzen zu setzen? Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 285 285Anhang mit weiteren Übungen 4. Ratsuchender: Ich hatte ja schon am Telefon angedeutet, dass mir gerade alles irgendwie zu viel wird. Manchmal weiß ich gar nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Vielleicht ist es tatsächlich eine Frage effektiven Zeitmanagements, so sieht es wenigstens mein Chef – aber man muss auch sehen, dass die Arbeitsbelastung zugenommen hat. Mögliche Reaktion des Coach Was macht der Coach und wie kann sich das Gespräch entwickeln? a) Sie überlegen gerade, woran es liegen könnte, dass Sie manchmal ganz durcheinander sind. Eine Möglichkeit sehen Sie in Ihrem Zeitmanagement, eine weitere Überlegung lässt Sie die enorme Arbeitsbelastung sehen. Vielleicht ist Ihnen noch mehr durch den Kopf gegangen. b) Ehe wir uns Ihr Zeitmanagement anschauen, sollten wir zunächst einmal ganz objektiv betrachten, wie viel Sie tatsächlich um die Ohren haben. c) Es ist natürlich zu begrüßen, wenn ein Chef sich Sorgen um seine Mitarbeiter macht. Was hat er denn genau gesagt? Bzw. gibt es da schon konkrete Empfehlungen von seiner Seite? d) Ich will Ihnen gern bei diesem Problem helfen. Gerade wenn das Problem die Überlastung ist, kann es helfen, einmal zu untersuchen, wieweit die Organisation eigentlich die Mitarbeiter über Gebühr beansprucht. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 286 Anhang mit weiteren Übungen286 5. Ratsuchender: Ich brauche mal dringend Ihren Rat. Also, ich habe doch letzten Monat die neue Abteilung übernommen. Da ist irgendwie der Wurm drin. Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen das beschreiben soll. Ich komme einfach nicht klar mit den Leuten. Die mauern regelrecht. Mögliche Reaktion des Coach Was macht der Coach und wie kann sich das Gespräch entwickeln? a) Okay, da benötigen Sie jetzt ein paar Kniffe, so eine Front aufzubrechen. Denn Ihre Autorität steht und fällt mit Ihrer Fähigkeit, so etwas souverän zu handhaben. b) Sie sagen ,die Leute’. Gehen Sie im Geiste einmal alle Mitarbeiter durch und fragen Sie sich, ob es nicht vielleicht ganz bestimmte Mitarbeiter sind, vielleicht sogar ein einzelner. c) Sie fühlen sich da irgendwie ausgeschlossen. d) Das ist eigentlich ganz normal am Anfang. In den ersten Wochen tendieren Mitarbeiter dazu, erst einmal abzuwarten, wie der Neue ist. Was Sie als ,mauern‘ beschreiben, könnte ja auch eine Haltung distanzierten Abwartens sein. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 287 287Anhang mit weiteren Übungen Für die Auswertung dieser Übung konnte ich auf Notizen meiner Seminarteilnehmer zurückgreifen, die sehr unterschiedlich ausgefallen sind. Zur besseren Orientierung habe ich die Schlüsselwörter fett geschrieben. 1. Ratsuchender: Manchmal glaub’ ich, ich habe eine ausgewachsene Arbeitsstörung. Also, das ist so: Ich komme einfach nicht in die Gänge. In letzter Zeit quäle ich mich förmlich anzufangen und stolpere eigentlich immer über etwas, was gerade wichtiger ist. Das ist doch nicht normal. Vielleicht gibt es ja einen einfachen Weg, um da raus zu kommen. Mögliche Reaktion des Coach Was macht der Coach und wie kann sich das Gespräch entwickeln? a) Ja, das kommt immer häufiger vor. Um auf die wachsenden beruflichen Anforderungen angemessen reagieren zu können, bedarf es eines soliden Zeitmanagements. Ich denke, dass lässt sich gut in den Griff bekommen. Bewerten Prima, dann können Sie mir bestimmt zeigen, was ich anders machen kann. b) Das ist in der Tat gefährlich, wenn man den Ablenkungen, die sich ja überall geradezu aufdrängen, nachgibt. Können Sie mir gerade ein Beispiel geben für etwas, was Ihnen dann gerade wichtiger ist? Bewerten und Forschen/Ausfragen Was heißt Ablenkungen, das sind ja alles ebenso wichtige Sachen. Ob das nun eine Reisekostenabrechnung ist oder ein Protokoll, das muss ja auch erledigt werden. c) Seit wann haben Sie diese Arbeitsstörung? Forschen/Ausfragen Schwer zu sagen. Wohl schon eine ganze Weile, ich weiß auch nicht, vielleicht seit zwei Jahren. d) Immer, wenn Sie irgendetwas anfangen wollen, erscheint Ihnen das wie eine einzige Quälerei. Verständnis Ja, ich stelle mir dann immer vor, mein Chef guckt mir über die Schulter und erwartet konkrete Schritte. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 288 Anhang mit weiteren Übungen288 2. Ratsuchender: Mein Problem ist: Ich kann mich nicht entscheiden. Mir wurden zwei sehr unterschiedliche Projekte angetragen, die blöderweise beide gleichzeitig laufen. Ich muss mich also entscheiden, welches von beiden ich mache. Ich kann es drehen und wenden, wie ich will, ich komme einfach nicht aus diesem Dilemma heraus. Mögliche Reaktion des Coach Was macht der Coach und wie kann sich das Gespräch entwickeln? a) Nun, in solchen Fällen hilft eine Entscheidungsmatrix, mit der sich sehr schnell herauskristallisiert, wo die jeweiligen Vor- und Nachteile liegen. Wenn Sie einverstanden sind, legen wir gleich mal los. Sofortige Lösung Wenn das so einfach wäre, dann hätte ich das schon selbst gemacht, aber damit lässt sich das Problem nicht lösen. b) Das erscheint Ihnen wie eine Zwickmühle, in der Sie sich gefangen fühlen. Am liebsten möchten Sie aus eigener Kraft da heraus. Verständnis Stimmt, ich würde das gern grundsätzlich lösen, denn solche Entscheidungen kommen ja immer wieder. c) Manchmal hilft uns unser Unterbewusstsein beim Finden von Lösungen. Schildern Sie mir gerade Ihre ersten spontanen Assoziationen, die Ihnen durch den Kopf gingen, als Ihnen das eine bzw. das andere Projekt angetragen wurde. Lösung und Frage Puh, wenn ich das noch wüsste. Mm, das weiß ich beim besten Willen nicht mehr. d) Da bringt man Sie ja eigentlich in eine unhaltbare Situation, wenn Ihnen zwei verschiedene Projekte angetragen werden, obwohl es sich doch ausschließt, beide gleichzeitig zu managen. Wir kam denn Ihr Vorgesetzter auf diese Idee? Bewerten des Chefs Das wüsste ich auch gern. Aber der hat manchmal so verrückte Vorstellungen, dass man die Nacht hinzunehmen solle, wenn einem der Tag nicht reicht und so. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 289 289Anhang mit weiteren Übungen 3. Ratsuchender: Das Thema, das ich heute mit Ihnen besprechen möchte, bereitet mir heftiges Kopfzerbrechen. Ich mache mir über einen meiner Mitarbeiter ziemliche Sorgen. Da steht jetzt ein Gespräch an, das muss sein. Denn wenn der Mann sich nicht organisiert kriegt, dann sehe ich schwarz für ihn. Mögliche Reaktion des Coach Was macht der Coach und wie kann sich das Gespräch entwickeln? a) Wir können gerade mal verschiedene Angebote zum Thema Selbstmanagement vergleichen. Ich habe hier einige interessante Fortbildungen, die vielleicht für Ihren Mitarbeiter in Frage kommen. Lösung für den Mitarbeiter Gute Idee, da schicke ich den Mann hin, und wenn‘s nichts hilft, dann müssen wir andere Saiten aufziehen. b) Wie äußert sich das bei Ihrem Mitarbeiter? Können Sie mir bitte einmal beschreiben, wo und wann er sich nicht organisiert bekommt. Ausfragen über den Mitarbeiter Also, das fängt schon morgens an, da kommt er regelmäßig zu spät zur Abteilungsroutine, dann hält er zeitliche Absprachen nicht ein, z. B. Berichtstermine. c) Sie sagten gerade, das Gespräch muss sein. Verständnis Na ja, was heißt müssen. Mir sitzt halt mein Chef im Nacken, der schon kritisch gefragt hat, ob ich meine Mannschaft eigentlich im Griff habe. d) Wenn Sie sagen, dass Ihr Mitarbeiter sich schlecht organisiert, dann sollten wir zunächst einmal untersuchen, wie es dazu kommen kann. Was lassen Sie schon geraume Zeit bei diesem Mann durchgehen, und wo fällt es Ihnen schwer, ihm Grenzen zu setzen? Fragen sowie Interpretation der Ursachen So würde ich das ja nun nicht sehen. Er ist schließlich der einzige im Team, der sich nicht an Absprachen hält, alle anderen kommen mit meinem Führungsstil bestens klar. Also, meine Grenzen sind für alle deutlich. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 290 Anhang mit weiteren Übungen290 4. Ratsuchender: Ich hatte ja schon am Telefon angedeutet, dass mir gerade alles irgendwie zu viel wird. Manchmal weiß ich gar nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Vielleicht ist es tatsächlich eine Frage effektiven Zeitmanagements, so sieht es wenigstens mein Chef – aber man muss auch sehen, dass die Arbeitsbelastung zugenommen hat. Mögliche Reaktion des Coach Was macht der Coach und wie kann sich das Gespräch entwickeln? a) Sie überlegen gerade, woran es liegen könnte, dass Sie manchmal ganz durcheinander sind. Eine Möglichkeit sehen Sie in Ihrem Zeitmanagement, eine weitere Überlegung lässt Sie die enorme Arbeitsbelastung sehen. Vielleicht ist Ihnen noch mehr durch den Kopf gegangen. Verständnis Nun, zu Hause geht’s auch etwas hektisch zu, wir haben Nachwuchs bekommen, Zwillinge. Unsere Nächte sind meistens recht kurz, wenn Sie verstehen. b) Ehe wir uns Ihr Zeitmanagement anschauen, sollten wir zunächst einmal ganz objektiv betrachten, wie viel Sie tatsächlich um die Ohren haben. Ausfragen Okay, was wollen Sie genau wissen? Meine täglichen Arbeitsstunden oder die einzelnen Projektaufgaben oder was benötigen Sie? c) Es ist natürlich zu begrüßen, wenn ein Chef sich Sorgen um seine Mitarbeiter macht. Was hat er denn genau gesagt? Bzw. gibt es da schon konkrete Empfehlungen von seiner Seite? Bewerten und Ausfragen über Chef Ob der sich wirklich Sorgen macht, wage ich zu bezweifeln. Dem passt es nur nicht, wenn irgendetwas liegen bleibt oder nicht fertig ist, an dem Termin, den er sich vorgestellt hat. d) Ich will Ihnen gern bei diesem Problem helfen. Gerade wenn das Problem die Überlastung ist, kann es helfen, einmal zu untersuchen, wieweit die Organisation eigentlich die Mitarbeiter über Gebühr beansprucht. Interpretation und Lösungsideen Wohl wahr! Wir werden in einer Weise ausgepresst, das ist nicht mehr feierlich. Wir arbeiten jetzt zu dritt, was früher fünf von uns gemacht haben. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 291 291Anhang mit weiteren Übungen 5. Ratsuchender: Ich brauche mal dringend Ihren Rat. Also, ich habe doch letzten Monat die neue Abteilung übernommen. Da ist irgendwie der Wurm drin. Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen das beschreiben soll. Ich komme einfach nicht klar mit den Leuten. Die mauern regelrecht. Mögliche Reaktion des Coach Was macht der Coach und wie kann sich das Gespräch entwickeln? a) Okay, da benötigen Sie jetzt ein paar Kniffe, so eine Front aufzubrechen. Denn Ihre Autorität steht und fällt mit Ihrer Fähigkeit, so etwas souverän zu handhaben. Schnelle Lösung Also, wenn‘s da etwas gibt, was funktioniert, will ich das gern ausprobieren. b) Sie sagen ,die Leute’. Gehen Sie im Geiste einmal alle Mitarbeiter durch und fragen Sie sich, ob es nicht vielleicht ganz bestimmte Mitarbeiter sind, vielleicht sogar ein einzelner. Interpretation Gute Frage, vielleicht ist es Herr Kolberg, der wollte eigentlich auf diese Stelle befördert werden und tut sich vermutlich schwer mit mir. c) Sie fühlen sich da irgendwie ausgeschlossen. Verständnis Gewissermaßen ja, denn ich habe das Gefühl, die haben neben dem offiziellen Arbeitsethos noch so etwas wie ein kollegiales, ja privates Gruppenethos und da gehöre ich leider nicht dazu. d) Das ist eigentlich ganz normal am Anfang. In den ersten Wochen tendieren Mitarbeiter dazu, erst einmal abzuwarten, wie der Neue ist. Was Sie als ,mauern‘ beschreiben, könnte ja auch eine Haltung distanzierten Abwartens sein. Stützen, Herunterspielen Vielleicht haben Sie recht und ich sollte mir gar nicht so viele Gedanken machen. Wird schon irgendwie werden. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 292 Anhang mit weiteren Übungen292 Übung Nr. 2 Im dritten Kapitel ging es um das Erkennen und Zuordnen der sechs Grundhaltungen (Bewerten, Interpretieren, Stützen, Ausfragen, sofortige Lösung und Verständnis). Ich greife noch einmal auf das Beratungsgespräch zurück, in dem ein Teamleiter seinen Vorgesetzten aufsuchte, um ein aktuelles Problem zu besprechen. Den Vorgesetzten im folgenden Gespräch könnte man der sogenannten „Alten Schule“ zuordnen, sein Beratungsselbstverständnis ist direktiv und davon durchdrungen, den Gesprächspartner auf den „richtigen“ Weg zu führen. Notieren Sie wieder in die Kästchen, welcher Verhaltensweise Sie die Reaktion dieses Vorgesetzten zuordnen. Teamleiter: Das Thema, das ich heute mit Ihnen besprechen möchte, bereitet mir heftiges Kopfzerbrechen. Ich mache mir über Gerd Grau ziemliche Sorgen. Da steht jetzt ein Gespräch an, das muss sein. Denn wenn der Mann sich nicht organisiert kriegt, dann sehe ich schwarz für ihn. Vorgesetzter: Da brauchen Sie sich wirklich keine Sorgen zu machen. Wir wissen doch alle, dass der Mann im Moment ein bisschen eigen ist. Das gibt sich bestimmt mit der Zeit. 1.) Der Vorgesetzte reagiert: Teamleiter: Ein bisschen eigen ist ja wohl gelinde ausgedrückt. Der ist dermaßen schlecht organisiert, dass das ganze Team darunter leidet. Vorgesetzter: Wenn Sie sagen, dass sich Herr Grau schlecht organisiert, dann sollten wir zunächst einmal untersuchen, wie es dazu kommen kann. Vermutlich lassen Sie schon geraume Zeit bei diesem Mann einiges durchgehen, und es fällt Ihnen schwer, ihm Grenzen zu setzen. 2.) Der Vorgesetzte reagiert: Teamleiter: So würde ich das ja nun nicht sehen. Er ist schließlich der Einzige im Team, der sich nicht an Absprachen hält, alle anderen kommen mit meinem Führungsstil bestens klar. Also, meine Grenzen sind für alle deutlich. Vorgesetzter: Wie äußert sich das denn bei Herrn Grau? Können Sie mir bitte einmal beschreiben, wo und wann er sich nicht organisiert bekommt. 3.) Der Vorgesetzte reagiert: Teamleiter: Also, das fängt schon morgens an, da kommt er regelmäßig zu spät zur Abteilungsroutine, dann hält er zeitliche Absprachen nicht ein, z. B. Berichtstermine und neulich hat er sogar den Termin bei ABC-United vergessen. Vorgesetzter: Wie konnte denn so etwas passieren! Haben Sie denn kein Kontrollsystem? Mensch, Sie wissen doch, dass Herr Grau gerade etwas schwierig ist, da hätten Sie doch aufpassen müssen. 4.) Der Vorgesetzte reagiert: Teamleiter: Habe ich ja, darum bin ich ja selbst zu denen hingefahren. Die waren zwar erfreut, mich zu sehen, haben aber sofort nach Herrn Grau gefragt. Nr. 18 Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 293 293Anhang mit weiteren Übungen Vorgesetzter: Okay, das ist natürlich schlecht und darf nicht sein. – Denn wenn Fehlverhalten sich einschleift, wird es zur Gewohnheit und man kommt irgendwann nicht mehr dagegen an. 5.) Der Vorgesetzte reagiert: Teamleiter: Deswegen finde ich ja auch, dass ein ernstes Gespräch fällig ist. Vorgesetzter: Nun ja, ich kann verstehen, wenn Sie dieses Kritikgespräch belastet. 6.) Der Vorgesetzte reagiert: Teamleiter: Na ja, ich will den Mann ja nicht vergraulen. Vorgesetzter: Ich denke, es wird am besten sein, wenn ich mich der Sache annehme. Wissen Sie, wenn ich mir den Gerd Grau mal ordentlich zur Brust nehme, dann weiß er gleich, wo es langgeht und dass wir diese Extratour im Bereich nicht dulden. 7.) Der Vorgesetzte reagiert: Teamleiter: Das ist ja nett von Ihnen, aber ich weiß nicht, ob das so gut ankommt. Vorgesetzter: Das lassen Sie mal meine Sorge sein. Ich weiß schon, wie man so etwas macht, da können Sie sich ganz entspannt zurücklehnen. 8.) Der Vorgesetzte reagiert: Teamleiter: Und trotzdem möchte ich das irgendwie allein regeln. Da leidet doch meine Autorität als Teamleiter. Außerdem entsteht womöglich der Eindruck, ich verpetze meine Leute bei Ihnen, wie sieht das denn aus? Vorgesetzter: Okay, dann empfehle ich Ihnen, nicht länger zu warten. Je eher Sie Klartext reden, umso schneller haben Sie das Problem vom Tisch. 9.) Der Vorgesetzte reagiert: Teamleiter: Ja, das habe ich ja auch vor. Vorgesetzter: Prima, dann sind wir uns ja einig. Es ist übrigens völlig in Ordnung, dass Sie zu mir kommen, wenn Ihnen der Mut fehlt, so etwas selbst zu regeln. Sie führen dieses Team ja noch nicht mal ein Jahr, da wird sich manches noch mit der Zeit einspielen. Sie schaffen das! 10.) Der Vorgesetzte reagiert: Teamleiter: Okay. Vermutlich standen Ihnen beim Lesen die Haare zu Berge, und doch finden derartige Gespräche jeden Tag statt. Doch auch Vorgesetzte können lernen, auf das Beratungsanliegen eines Mitarbeiters nicht nur mit Geduld und Verständnis zu reagieren, sondern mögliche Blockaden aufzulösen und Ressourcen des Mitarbeiters so zu aktivieren, dass dieser wieder handlungsfähig wird. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 294 Anhang mit weiteren Übungen294 Auflösung: 1. Stützen (= Bagatellisieren, Herunterspielen) 2. Interpretieren (= Hintergründe deuten, in die Schublade stecken) 3. Ausfragen (= Forschen nach Fakten und Zusammenhängen) 4. Bewerten (hier als Kritik, Fragen als Vorwurf) 5. Bewerten (hier als allgemeine „Lebensweisheit“ mit verstecktem Vorwurf) 6. Verständnis („heftiges Kopfzerbrechen und Sorgen“ = Belastung) 7. Sofortige Lösung (mit verstecktem Vorwurf) 8. Stützen (= Bagatellisieren, Herunterspielen) 9. Sofortige Lösung (direkte Empfehlung, Ratschlag) 10. Bewerten (= Vereinnahmung), Interpretieren (= anmaßende Unterstellung) und Stützen (= Herunterspielen und nicht ernst nehmen) Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 295 295Anhang mit weiteren Übungen Übung Nr. 3 Im 4. Kapitel haben wir uns ausführlich mit dem Zuhören beschäftigt. Eine besondere Fähigkeit besteht darin, den unausgesprochenen emotionalen Teil  einer Äußerung in Worte zu kleiden (aktives Zuhören/affektive Rahmung). Gehen Sie mit Ihrer Erwiderung auf diese mitschwingenden Empfindungen ein. Ratsuchender Coach 1. Jetzt hat mein Chef alle Berechnungen pünktlich gekriegt, ich musste dafür dermaßen viele Überstunden machen. Ich habe mich weder beschwert noch sonst wie gemurrt, und was hat er gesagt? Einfach nichts! Überhaupt nichts! 2. Ich mache wirklich kaum Fehler, das können Sie mir glauben. Okay, dass ich zwei Kunden miteinander verwechselt habe, hätte nicht passieren dürfen, das muss ich in Ordnung bringen. Aber wenn mich mein Chef noch einmal so abkanzelt, kann er was erleben! 3. Sie wissen ja, dass ich auf meinen Kollegen nicht sonderlich gut zu sprechen war. Aber gestern habe ich gehört, dass er Bauchspeicheldrüsenkrebs hat. Schlimme Sache! Das hätte ich ihm wirklich nicht gewünscht. 4. Wir bekommen ja nächsten Monat einen neuen Werksleiter. Gestern hat er sich schon mal vorgestellt. Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Auf den ersten Eindruck wirkt er ganz sympathisch, aber was will das schon heißen. 5. Bei all den Restrukturierungsmaßnahmen und den pausenlosen Neuerungen spiele ich manchmal mit dem Gedanken zu kündigen und noch ein Aufbaustudium zu beginnen. Das hätte schon irgendwie was. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 296 Anhang mit weiteren Übungen296 Weil es keine eindeutig richtige Antwort gibt, habe ich aus der Vielzahl möglicher Erwiderungen jeweils drei ausgewählt. Wenn Sie Ihre Erwiderung mit den folgenden Antworten vergleichen, prüfen Sie, wie gut es Ihnen gelungen ist, den mitschwingenden emotionalen Teil in Worte zu kleiden. 1. Jetzt hat mein Chef alle Berechnungen pünktlich gekriegt, ich musste dafür dermaßen viele Überstunden machen. Ich habe mich weder beschwert noch sonst wie gemurrt, und was hat er gesagt? Einfach nichts! Überhaupt nichts! Sie klingen ganz verbittert ob so viel Gleichgültigkeit. Oder: Das stelle ich mir ganz schön frustrierend vor. Oder: Da fühlt man sich ganz schön ausgenutzt, wenn persönlicher Mehreinsatz wie eine Selbstverständlichkeit betrachtet wird. 2. Ich mache wirklich kaum Fehler, das können Sie mir glauben. Okay, dass ich zwei Kunden miteinander verwechselt habe, hätte nicht passieren dürfen, das muss ich in Ordnung bringen. Aber wenn mich mein Chef noch einmal so abkanzelt, kann er was erleben! Ich kann mir vorstellen, wie stinksauer Sie auf ihn sind. Oder: Sie sind gerade so geladen, dass Sie schon an Rache denken. Oder: So behandelt zu werden, hat Ihnen schier die Sprache verschlagen, da fühlten Sie sich regelrecht ausgeliefert. 3. Sie wissen ja, dass ich auf meinen Kollegen nicht sonderlich gut zu sprechen war. Aber gestern habe ich gehört, dass er Bauchspeicheldrüsenkrebs hat. Schlimme Sache! Das hätte ich ihm wirklich nicht gewünscht. Das macht Sie ganz betroffen. Oder: Das berührt Sie. Oder: Trotz allen Unmuts über Ihren Kollegen bestürzt Sie sein Schicksal. 4. Wir bekommen ja nächsten Monat einen neuen Werksleiter. Gestern hat er sich schon mal vorgestellt. Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Auf den ersten Eindruck wirkt er ganz sympathisch, aber was will das schon heißen. Sie sind noch ganz unschlüssig, wie weit Sie dem ersten Eindruck trauen können. Oder: Obgleich er Ihnen spontan sympathisch erschien, lässt Sie irgendetwas noch zögern. Oder: Sie sind diesbezüglich skeptisch und wollen wachsam bleiben. 5. Bei all den Restrukturierungsmaßnahmen und den pausenlosen Neuerungen spiele ich manchmal mit dem Gedanken zu kündigen und noch ein Aufbaustudium zu beginnen. Das hätte schon irgendwie was. Und doch lässt Sie irgendetwas zögern. Oder: Jetzt auszusteigen, würde Sie von dem Veränderungsdruck befreien. Oder: Es würde Sie entlasten, etwas ganz anderes zu machen. Es kann sein, dass Sie sich jetzt fürchterlich unter Druck gesetzt fühlen, wenn ich Ihnen mitteile, dass geübte Ausbildungsteilnehmer für diese Übung etwa fünf Minuten benötigen. Diese Information dient vor allem dazu, Ihnen Rückmeldung darüber zu geben, wie weit Sie bereits hinsichtlich Ihrer selbstgesteckten Ziele vorangekommen sind, bzw. wie viel Übungsbedarf noch besteht. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 297 297Anhang mit weiteren Übungen Übung Nr. 4 Wer noch etwas üben möchte, findet hier fünf weitere Beispiele: Ratsuchender Coach 1. Dieses neue Projekt nimmt unglaublich viel Zeit in Anspruch, selbst am Abend und am Wochenende bin ich dran und bislang sind die Fortschritte äußerst mager; hoffentlich schaffe ich das noch alles. 2. Stellen Sie sich vor: Ich habe es nun doch noch geschafft, das Team zu wechseln. Immerhin hat es im zweiten Anlauf geklappt. Zum Glück haben die neuen Kollegen ganz ähnliche Vorstellungen von Zusammenarbeit wie ich. 3. Ich bin da in eine saublöde Situation geraten: Wegen eines Termins, den ich übersehen hatte, hat mir mein Chef dermaßen unverblümt Vorhaltungen gemacht, das war nicht mehr feierlich. Und ausgerechnet in Gegenwart von einer unserer Praktikantinnen. 4. Erst wird uns das Budget gekürzt, dann ziehen sie uns zwei Aushilfskräfte ab und nun wird Druck beim Abgabetermin gemacht. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie wir die Termine einhalten sollen. 5. Aus Kostengründen wurde unsere Jubiläumsveranstaltung zusammengestrichen. Dabei hatten wir schon so viel Zeit in die Vorbereitung gesteckt. Wirklich zu schade! Mir ist es wichtig zu betonen, dass es keine eindeutig richtige Antwort gibt, weswegen ich auch hier wieder drei Möglichkeiten affektiver Rahmung aufführe. Vielleicht haben Sie eine ganz andere Formulierung gewählt. Prüfen Sie in jedem Fall, wie weit Ihre Erwiderung der mitschwingenden Empfindung des Ratsuchenden Rechnung trägt. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 298 Anhang mit weiteren Übungen298 1. Dieses neue Projekt nimmt unglaublich viel Zeit in Anspruch, selbst am Abend und am Wochenende bin ich dran und bislang sind die Fortschritte äußerst mager; hoffentlich schaffe ich das noch alles. Sie machen sich Sorgen, ob Sie trotz Ihres Einsatzes alles fristgerecht schaffen. Oder: Durch dieses Projekt stehen Sie ganz schön unter Druck. Oder: Sie klingen beunruhigt, ob Sie alles unter einen Hut bekommen. 2. Stellen Sie sich vor: Ich habe es nun doch noch geschafft, das Team zu wechseln. Immerhin hat es im zweiten Anlauf geklappt. Zum Glück haben die neuen Kollegen ganz ähnliche Vorstellungen von Zusammenarbeit wie ich. Sie hatten schon Befürchtungen, dass das nicht klappt. Oder: Sie hatten schon Sorge, dass das nichts wird. Oder: Sie klingen ganz erleichtert. 3. Ich bin da in eine saublöde Situation geraten: Wegen eines Termins, den ich übersehen hatte, hat mir mein Chef dermaßen unverblümt Vorhaltungen gemacht, das war nicht mehr feierlich. Und ausgerechnet in Gegenwart von einer unserer Praktikantinnen. Ich kann mir vorstellen, wie bloßstellend das war. Oder: Oh, wie unangenehm. Oder: Das muss ganz schön beschämend gewesen sein. 4. Erst wird uns das Budget gekürzt, dann ziehen sie uns zwei Aushilfskräfte ab und nun wird Druck beim Abgabetermin gemacht. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie wir die Termine einhalten sollen. Sie haben da kaum noch Hoffnung. Oder: Das macht Sie ganz ratlos. Oder: Sie fühlen sich unter Druck gesetzt, haben aber innerlich schon resigniert. 5. Aus Kostengründen wurde unsere Jubiläumsveranstaltung zusammengestrichen. Dabei hatten wir schon so viel Zeit in die Vorbereitung gesteckt. Wirklich zu schade! Das muss ganz schön enttäuschend für Sie sein. Oder: Oh, wie bitter muss Sie das ankommen. Oder: Das kann ganz schön ernüchtern, so vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 299 299Anhang mit weiteren Übungen Übung Nr. 5 Hier finden Sie einen längeren Ausschnitt aus einem Coachinggespräch, bei dem Sie zunächst die emotionale Befindlichkeit des Ratsuchenden gedanklich erfassen. Anschließend formulieren Sie eine Erwiderung, mit der Sie affektiv rahmen, was der Ratsuchende geäußert hat. Auch wenn die Erwiderungen des Coach weit über das aktive Zuhören hinausgehen, wollen wir uns im Rahmen dieser Übung mit der affektiven Rahmung begnügen. Der Ratsuchende, 41 Jahre, Bauingenieur, arbeitet seit 16 Jahren in der Verwaltung einer Landesbehörde. Er hatte gezielt auf eine Beförderung hingearbeitet, wurde aber immer wieder vertröstet. Im Coaching will er seine beruflichen Alternativen klären. Ratsuchender: Meine Beförderung hat ja nun doch geklappt. Welche emotionale Befindlichkeit schwingt mit? Wie lässt sich das affektiv rahmen? Die Formulierung nun doch deutet darauf hin, dass etwas eingetreten ist, womit man nicht mehr gerechnet hat. Das dabei auftretende Gefühl nennen wir Erstaunen, Überraschung, Verblüffung, Verwunderung. Coach: Sie sagen „nun doch”. Irgendwie hat Sie das erstaunt. Ratsuchender: Jaaa – leider. Welche Emotion schwingt mit? Wie lässt sich das affektiv rahmen? Wird eine Überraschung negativ gerahmt (leider), bekommt diese den gefühlsmäßigen Beigeschmack von Befremden, Verwirrung, Betroffenheit, Sprachlosigkeit. Coach: Das klingt so, als ob Sie sich gar nicht recht freuen können. Ratsuchender: Doch schon. Ich habe ja lange genug darauf hin gearbeitet. Aber es kam dann doch unerwartet. Welches Gefühl schwingt mit? Wie lässt sich das affektiv rahmen? Die Formulierung unerwartet macht deutlich, dass die Beförderung dann doch unvermittelt, ja abrupt kam, so dass der Ratsuchende nicht darauf vorbereitet Nr. 19 Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 300 Anhang mit weiteren Übungen300 war, weil er seine Beförderung bereits als aussichtslos abgehakt hatte. So kann auch eine positive Erfahrung zunächst erschrecken, weil man nicht mehr glauben kann, dass sie jemals eintreten wird. Coach: Mit anderen Worten, Sie haben nicht mehr dran geglaubt. Ratsuchender: Ja und nein. Irgendwann hätte die Entscheidung so oder so fallen müssen, aber als mein Amtsleiter mich letzten Freitag in sein Büro bat, war ich trotzdem unvorbereitet. Welches Gefühl schwingt mit? Wie lässt sich das affektiv rahmen? Der Ratsuchende beschreibt, dass er die Entscheidung für seine Beförderung unvorbereitet erleben musste. Das mitschwingende Gefühl ist die persönliche Verletzlichkeit, die in diesem Moment ungeschützt, also weder gerüstet, noch gewappnet sichtbar wurde. Coach: Das war dann eine echte Überraschung. Ratsuchender: Das kann man wohl sagen. In dem Moment habe ich mit allem gerechnet, aber nicht damit. Ich muss ziemlich blöd aus der Wäsche geschaut haben. Vor lauter Verwirrung habe ich sogar gelacht. Der muss mich für völlig kindisch halten. Womöglich tut ihm seine Entscheidung schon leid. Welches Gefühl schwingt mit? Wie lässt sich das affektiv rahmen? Der Ratsuchende war zwar in der Situation verwirrt und konfus und hat sich nach seiner Einschätzung wenig reif verhalten, doch sein eigentliches Gefühl, das ihn beeinträchtigt, resultiert aus der Überlegung, was der Vorgesetzte über sein Verhalten denken mag (muss mich für völlig kindisch halten). So hadert er mit seiner Reaktion (Ich muss ziemlich blöd aus der Wäsche geschaut haben), die er für unangebracht hält, für die er sich schämt und am liebsten ungeschehen machen möchte. Coach: Ihre spontane Reaktion erscheint Ihnen unangemessen. Sie haben das Gefühl, sich bloßgestellt zu haben. Ratsuchender: Da ist was dran. Darum bin ich wohl auch kein Freund von Überraschungen. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 301 301Anhang mit weiteren Übungen Welches Gefühl schwingt mit? Wie lässt sich das affektiv rahmen? Der Ratsuchende erkennt, warum er Überraschungen aus dem Weg geht: Sie bergen das Risiko, sich bloßzustellen. Coach: Dem Risiko sich zu blamieren, möchten Sie gern aus dem Weg gehen. Ratsuchender: Na ja, es ist doch so, dass man in solchen Momenten auf dem Präsentierteller steht, man wird gemustert und jede noch so kleine Reaktion wird gewichtet. Da steht man schon ziemlich nackt und bloß da. Welches Gefühl schwingt mit? Wie lässt sich das affektiv rahmen? Die Formulierung nackt und bloß beschreibt, wie ungeschützt und wehrlos sich der Ratsuchende erlebt. Gleichzeitig fühlt der Ratsuchende einen enormen Druck, sich angemessen präsentieren zu müssen. Coach: Wenn Sie sich darauf vorbereiten könnten, würde Ihre Reaktion kontrollierter ausfallen und Ihnen wäre wohler. Ratsuchender: Klar. Mir fällt gerade eine ähnlich unangenehme Situation ein. Ich hatte vor einiger Zeit ja einen runden Geburtstag. Meine Mitarbeiter hatten sich dafür etwas ganz Besonderes einfallen lassen: Es war ein Gedicht auf mich. Jeder trug eine Strophe vor. Und ich stand da und wusste nicht wohin ich blicken sollte. Es war so entsetzlich peinlich. Welches Gefühl schwingt mit? Wie lässt sich das affektiv rahmen? Der Ratsuchende beschreibt eine weitere blamable Situation, die er als extrem beschämend in Erinnerung hat, weil er nicht wusste, wohin er blicken sollte. Coach: Sie betonen das Unangenehme und Peinliche so sehr. Ratsuchender: Ja, weil ich mich eigentlich riesig gefreut habe, denn sie haben mich ziemlich gut getroffen und haben mir ja damit auch ihren Dank für unsere tolle Zusammenarbeit vermittelt, und gleichzeitig hat mich das sprachlos gemacht. Ich habe Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 302 Anhang mit weiteren Übungen302 vor lauter Rührung gar nichts Vernünftiges rausgebracht. Das ist doch schlimm. Wie sieht denn das aus!? Welches Gefühl schwingt mit? Wie lässt sich das affektiv rahmen? Zunächst teilt der Ratsuchende mit, wie er die Situation empfunden hat: Er war sprachlos und gerührt. Das wird jedoch sofort einer Wertung unterzogen: Das ist doch schlimm. Die abschließende Frage zielt auf keine Antwort, sondern ist in Wirklichkeit eine Selbstanklage mit der Maßgabe, wie man sich zu präsentieren hat, um in den Augen anderer gut dastehen zu können. Coach: Als Chef darf man nicht mehr staunen und vor Freude die Worte verlieren. Ratsuchender: Ich weiß nicht. Es macht doch einen wenig souveränen Eindruck, wenn man so unkontrolliert reagiert. Welches Gefühl schwingt mit? Wie lässt sich das affektiv rahmen? Der Ratsuchende beschreibt nicht, wie er sich tatsächlich verhält, sondern teilt seine Bewertung mit, dass seine Reaktion Rührung und Sprachlosigkeit Ausdruck mangelnder Selbstkontrolle, Schwäche sind und abträglich, um einen souveränen Eindruck zu machen. Coach: Ihnen erscheint das wie eine Schwäche. Offen gezeigte Überraschung und Freude macht Sie irgendwie verletzbar. Ratsuchender: Vermutlich. (Denkt nach.) Eigentlich komisch, aber wenn meine Frau oder meine Tochter über irgendetwas staunen, erscheinen sie mir gar nicht klein oder schwach. Im Gegenteil, manchmal beneide ich sie. Welches Gefühl schwingt mit? Wie lässt sich das affektiv rahmen? Die vorangegangene Äußerung des Coach vermittelte mit ihrer affektiven Rahmung nicht nur ein Bemühen um Verständnis, sie zeigte zugleich, dass das Vermeiden von gezeigter Verletzbarkeit ein völlig normales, nachvollziehbares Verhalten darstellt. Das erlaubt dem Ratsuchenden nun, sich tiefer auf das ein- Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 303 303Anhang mit weiteren Übungen zulassen, was ihn so verunsichert. Dabei wird er gewahr, dass ihn das Staunen seiner Frau und Tochter manchmal neidisch macht. Die Diskrepanz zwischen seinem eigenen Verhalten und dem, was er bei anderen beneidet, führt ihn allmählich zu einer Neubetrachtung seines bisherigen Problems. Der Coach umschreibt dies und greift die Selbstbeherrschung des Ratsuchenden auf, indem er ihm zurückspiegelt, wo dieser keine abgeklärte Reaktion erwartet. Coach: Mit anderen Worten, da erwarten Sie auch keine beherrschte Reaktion, wenn etwas unerwartet Schönes eintritt. Ratsuchender: Nein, im Gegenteil. Wenn ich an das bevorstehende Weihnachtsfest denke, dann freue ich mich ja schon auf die erstaunten Gesichter und die „Oh”- und „Ah”-Rufe beim Auspacken der Geschenke. Welches Gefühl schwingt mit? Wie lässt sich das affektiv rahmen? Der Ratsuchende erkennt, dass er Freude an den unkontrollierten Reaktionen in seiner Familie empfindet, ja dass er diese sogar erwartet und vermutlich enttäuscht wäre, wenn sie ausblieben. Coach: Und Sie selbst? Können Sie Ihrer Frau oder Ihrer Tochter ebenfalls zeigen, wenn eine Überraschung gelungen ist? Ratsuchender: Oh wei. – Wahrscheinlich würde ich es zu Hause am ehesten schaffen. (überlegt) Aber wie mache ich’s im Amt? Ich kann mich doch nicht einfach mit großen Augen hinstellen und staunen. Welches Gefühl schwingt mit? Wie lässt sich das affektiv rahmen? Während der Ratsuchende im Geiste probiert, wie er Überraschung offenbaren könnte, merkt er sogleich, dass ihn das Bild mit großen Augen hinstellen und staunen übertragen auf die Arbeitssituation erheblich verunsichert. Coach: Sie suchen gerade nach einer Möglichkeit, um Ihre verlorene Sicherheit wieder zu erlangen. Ratsuchender: Ja, das wär’s. Irgendetwas, das mir hilft, nicht so unbeholfen wie ein kleiner Junge dazustehen. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 304 Anhang mit weiteren Übungen304 Welches Gefühl schwingt mit? Wie lässt sich das affektiv rahmen? Der Ratsuchende spürt, was ihn ungeschickt und ungelenkt erscheinen lässt. Coach: Sie sind gerade dabei, die Lösung zu finden, weil Sie sehr genau erfassen, wie Ihnen in so einer überraschenden Situation zumute ist. Mit dieser Bewusstheit können Sie das Unangenehme einer spontanen Situation gewissermaßen entschärfen. Denn sobald Sie zu sich selbst sagen: „Ich fühle mich gerade unbeholfen, wie ein kleiner Junge.“, löst sich das Gefühl ganz von allein auf. Ratsuchender: Meinen Sie, das geht so einfach? Welches Gefühl schwingt mit? Wie lässt sich das affektiv rahmen? Der Ratsuchende kann sich die vom Coach beschriebene Lösung nicht so recht vorstellen und zweifelt, ob das wirklich funktioniert. Coach: Sie sind skeptisch. Ratsuchender: In der Tat, (denkt nach) – Sie machen gerade dasselbe mit mir. Meine Skepsis ist nämlich plötzlich verschwunden. Stattdessen geht mir durch den Kopf, dass ich es ausprobieren möchte, um zu erleben, was dann passiert. Welches Gefühl schwingt mit? Wie lässt sich das affektiv rahmen? In der Formulierung ich möchte ausprobieren schwingt das Gefühl von Hoffnung, ja Zuversicht mit. Der Zeitaufwand für diese Übung wurde von Ausbildungsteilnehmern mit zwanzig Minuten angegeben. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 305 305Anhang mit weiteren Übungen Übung Nr. 6 Der anspruchsvollen Übung, dem bevorzugten Wahrnehmungskanal des Ratsuchenden sprachlich Rechnung zu tragen (Kapitel 4), sollen hier weitere Übungssätze folgen. Ergänzen Sie die fehlenden Wahrnehmungsebenen wie in den ersten beiden Beispielen: visuell auditiv kinästhetisch Er sieht mich nicht, selbst wenn ich vor ihm stehe. Er hört nicht auf mich. Ich habe das Gefühl, er spürt gar nicht, dass ich da bin. Das ist unklar für mich. Das ist für mich nicht stimmig. Das macht mich konfus. Ich habe das Gefühl, ich sei unerwünscht. Ich habe Schwierigkeiten, da überhaupt ein Problem zu sehen. Ich frage mich, wie das passieren konnte. Zwischen meinem Kollegen und mir ist dicke Luft. Irgendetwas sagt mir, dass hier etwas nicht stimmen kann. Es will mir einfach nicht einleuchten, wie sie die Dinge sieht. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 306 Anhang mit weiteren Übungen306 Einige Leser fanden diese Übung sehr anstrengend und meinten, dass es einer gehörigen Portion sprachlichen Feingefühls bedarf, um den jeweiligen Kanal wirklich zu treffen, andere äußerten, dass sie zunehmend Spaß daran fanden, auf sprachliche Details zu achten, die ihnen bislang unwichtig erschienen. Meine Formulierungen stellen wieder nur eine von vielen Möglichkeiten dar: visuell auditiv kinästhetisch Er sieht mich nicht, selbst wenn ich vor ihm stehe. Er hört nicht auf mich. Ich habe das Gefühl, er spürt gar nicht, dass ich da bin. Das ist unklar für mich. Das klingt wirr; das hört sich für mich chaotisch an. Das macht mich konfus. Irgendwie scheine ich nicht dazuzugehören. Was ich sage, findet keinen Widerhall. Ich habe das Gefühl, ich sei unerwünscht. Ich habe Schwierigkeiten, da überhaupt ein Problem zu sehen. Das klingt für mich konstruiert. Ich checke es nicht, Mann, es läuft doch alles rund. War das überhaupt vorhersehbar? Ich frage mich, wie das passieren konnte. Es ist für mich unbegreiflich, was da schief gelaufen ist. Ich sehe schwarz, was unsere Zusammenarbeit betrifft. Zwischen uns ist es alles andere als harmonisch, da herrscht Funkstille. Zwischen meinem Kollegen und mir ist dicke Luft. Das sollte man noch mal unter die Lupe nehmen; das ist noch unklar. Irgendetwas sagt mir, dass hier etwas nicht stimmen kann. Ich habe da ein ganz mulmiges Gefühl; das ist noch nicht ausgegoren. Es will mir einfach nicht einleuchten, wie sie die Dinge sieht. Was sie sagt, hört sich für mich überhaupt nicht stimmig an. Sie begreift nicht, dass ihre Position unhaltbar ist. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 307 307Anhang mit weiteren Übungen Übung Nr. 7 Im Kapitel 5 konnten Sie lernen, Ihre Erwiderung auf der Zeitachse hin- und herzuschieben. Formulieren Sie wieder für die fünf folgenden Sätze jeweils drei Erwiderungen und spielen Sie das Gespräch in Gedanken weiter, indem Sie sich fragen, welche Auswirkungen die jeweilige Antwort haben mag. Ratsuchender Vergangenheit Gegenwart Zukunft 1. In der Vergangenheit, bevor der neue Chef kam, waren wir wirklich ein tolles Team. 2. Ich bin ja leider schon mal durch die Prüfung gesegelt. Da mache ich mir natürlich gewisse Gedanken. 3. Obwohl ich eine eindeutige Zusage erhalten hatte, fühlt sich heute keiner mehr daran gebunden. 4. Bei meinem letzten Zielvereinbarungsgespräch wurden die Zahlen ohne jede Rücksprache angehoben. 5. Aufgrund meiner Erfahrung muss ich die Möglichkeit sehen, dass er den Vertrag platzen lässt. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 308 Anhang mit weiteren Übungen308 Sie können im Folgenden wieder Ihre Antworten mit denen von Lesern und Ausbildungsteilnehmern vergleichen. Ratsuchender Vergangenheit Gegenwart Zukunft 1. In der Vergangenheit, bevor der neue Chef kam, waren wir wirklich ein tolles Team. Da waren Sie wie eine eingeschworene Gemeinschaft. Im Moment trauern Sie dieser Zeit hinterher. Der Gedanke, wie das wohl werden wird, macht Ihnen zu schaffen. 2. Ich bin ja leider schon mal durch die Prüfung gesegelt. Da mache ich mir natürlich gewisse Gedanken. Das war vermutlich eine schmerzliche Erfahrung, da durchzufallen. Die Erinnerung an die damalige Situation nimmt Sie noch heute ganz gefangen. Irgendwie wird die bevorstehende Prüfung davon überschattet. 3. Obwohl ich eine eindeutige Zusage erhalten hatte, fühlt sich heute keiner mehr daran gebunden. Sie hatten sich darauf felsenfest verlassen und waren sicher, dass das wirklich gilt. Sie sind ganz fassungslos, dass Zusagen so mir nichts dir nichts ungültig sind. Das hat vermutlich Auswirkungen, wie ernst Sie zukünftige Zusagen betrachten. 4. Bei meinem letzten Zielvereinbarungsgespräch wurden die Zahlen ohne jede Rücksprache angehoben. Sie wurden da förmlich vor vollendete Tatsachen gestellt. Sie sind jetzt noch ganz empört, wie da mit Ihnen umgegangen wurde. Das wirkt sich womöglich auch auf Ihre Bereitschaft aus, die Vorgaben zu erreichen. 5. Aufgrund meiner Erfahrung, muss ich die Möglichkeit sehen, dass er den Vertrag platzen lässt. Sie haben da mit ihm eine ganze Reihe von unangenehmen Erlebnissen gehabt. Eingedenk Ihrer Erfahrung möchten Sie sich dieses Mal besser schützen. Ihre Erfahrung beeinflusst Ihre künftigen Begegnungen. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 309 309Anhang mit weiteren Übungen Übung Nr. 8 Hier finden Sie noch einmal zehn Übungssätze, um schnell und sicher die jeweilige inhaltlich Ebene zu erfassen. Unterstreichen Sie wieder Signalwörter. 1. Seit ich von meiner Frau getrennt lebe, geht es bei mir drunter und drüber. Die Wäsche bleibt liegen, das Geschirr ist nicht gespült, na wie es eben so ist. 2. Ich finde das ja schrecklich, diese neue Mode. So etwas dürfte meinen Kindern nie einfallen. Es kommt mir so vor, als ob unsere Gesellschaft immer dekadenter wird. 3. Ich weiß gerade nicht mehr weiter und fühle mich so zerrissen. Von einem Moment zum anderen wechseln sich Zuversicht und totale Selbstzweifel ab. 4. Meine Mutter macht sich immer noch grässliche Sorgen über meine berufliche Zukunft. Ständig ermahnt sie mich und schickt mir irgendwelche Stellenausschreibungen. 5. Eigentlich war meine Präsentation für den Schluss vorgesehen. Ich hatte mich drauf verlassen und wollte noch etwas einarbeiten, und dann kam ich als Erster dran. 6. Ich kann es meinem Kollegen einfach nicht gönnen, dass er den Auftrag bekommen hat. Ich bin total neidisch. 7. Sie haben mich ja jetzt erlebt und sich bestimmt ein Bild von mir gemacht. Wie sehen Sie denn meine Führungsqualitäten? 8. Leider nimmt die Zahl der Schmarotzer unablässig zu. Anstatt zu arbeiten, lassen die sich von uns aushalten und lachen auch noch über unsere Dummheit. 9. Die neue Parkregelung hat den Vorteil, dass jeder, egal wie spät er kommt, ohne lange Kurverei seinen Parkplatz einnehmen kann. 10. Ich frage mich, welche Möglichkeiten ich noch habe, um Präsenz zu zeigen. Ich bin die ganze Zeit auf der Suche nach pfiffigen Alternativen zum klassischen Buckeln. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 310 Anhang mit weiteren Übungen310 Sie können bei der Auflösung prüfen, wieweit Sie die typischen Schlüsselwörter – wieder fett gesetzt – auf Anhieb erfasst haben. 1. Seit ich von meiner Frau getrennt lebe, geht es bei mir drunter und drüber. Die Wäsche bleibt liegen, das Geschirr ist nicht gespült, na wie es eben so ist. Handlung/ Erleben/ Bericht 2. Ich finde das ja schrecklich, diese neue Mode. So etwas dürfte meinen Kindern nie einfallen. Es kommt mir so vor, als ob unsere Gesellschaft immer dekadenter wird. Meinung/ Vermutung/ Bewertung 3. Ich weiß gerade nicht mehr weiter und fühle mich so zerrissen. Von einem Moment zum anderen wechseln sich Zuversicht und totale Selbstzweifel ab. Gefühle/ Empfinden 4. Meine Mutter macht sich immer noch grässliche Sorgen über meine berufliche Zukunft. Ständig ermahnt sie mich und schickt mir irgendwelche Stellenausschreibungen. Äußeres/ Andere 5. Eigentlich war meine Präsentation für den Schluss vorgesehen. Ich hatte mich drauf verlassen und wollte noch etwas einarbeiten, und dann kam ich als Erster dran. Handlung/ Erleben/ Bericht 6. Ich kann es meinem Kollegen einfach nicht gönnen, dass er den Auftrag bekommen hat. Ich bin total neidisch. Gefühle/ Empfinden 7. Sie haben mich ja jetzt erlebt und sich bestimmt ein Bild von mir gemacht. Wie sehen Sie denn meine Führungsqualitäten? Coach/ Situation 8. Leider nimmt die Zahl der Schmarotzer unablässig zu. Anstatt zu arbeiten, lassen die sich von uns aushalten und lachen auch noch über unsere Dummheit. Meinung/ Vermutung/ Bewertung 9. Die neue Parkregelung hat den Vorteil, dass jeder, egal wie spät er kommt, ohne lange Kurverei seinen Parkplatz einnehmen kann. Äußeres/ Andere 10. Ich frage mich, welche Möglichkeiten ich noch habe, um Präsenz zu zeigen. Ich bin die ganze Zeit auf der Suche nach pfiffigen Alternativen zum klassischen Buckeln. Wünsche/ Hoffnungen/ Ziele Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 311 311Anhang mit weiteren Übungen Übung Nr. 9 Wenn Sie noch ein wenig Ihre Fähigkeit trainieren wollen, innerhalb der vom Ratsuchenden angeschnittenen Ebene zu verbleiben, finden Sie sieben weitere Übungssätze, auf die Sie mit einer Paraphrase (= umschreibendes Zuhören) eingehen. Natürlich laden die Äußerungen dazu ein, das eine oder andere vertiefend zu hinterfragen, aber zunächst geht es nur darum, die Ebene sofort zu erfassen und auf gleicher Ebene umschreibend zu reagieren. 1. Für diese Präsentation habe ich mehr Zeit aufgewendet als für meine ganze Bachelorarbeit. 2. Der Betriebsrat hat ja jetzt die neue Arbeitszeitregelung durchgesetzt, danach darf keiner länger als zehn Stunden im Labor sein. 3. Ich frage mich, wieso ich bei Zusatzarbeiten immer zuerst gefragt werde. Wie kann ich das bloß ändern? 4. Ich finde ja, dass man unsere Azubis ruhig etwas mehr ran nehmen könnte, die werden total geschont. 5. Diese Absage kam völlig unerwartet und wirft alle meine Pläne über den Haufen. 6. Sie sind ja ein Außenstehender und können das Besondere an dieser Entwicklung wohl kaum einschätzen. 7. Ich glaube nicht, dass wir dafür Unterstützung bekommen können. Die Vorgaben halte ich für eindeutig, da gibt es kaum Ausnahmen. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 312 Anhang mit weiteren Übungen312 Hier schwanken die Zeitangaben von Lesern und Ausbildungsteilnehmern zwischen rund zwölf und zwanzig Minuten. Diese Übung ist sehr formal und es mag Sie stören, dass Sie sich in Ihrem Antwortverhalten auf die vom Ratsuchenden gewählte Ebene beschränken sollten. Es versteht sich, dass es auch hier keine richtige Antwort gibt, darum habe ich aus den Antworten meiner Ausbildungsteilnehmer jeweils zwei unterschiedliche ausgewählt. 1. Für diese Präsentation habe ich mehr Zeit aufgewendet als für meine ganze Bachelorarbeit. Die Vorbereitung war für Sie extrem zeitaufwendig. Dagegen war Ihre Examensarbeit ein Klacks. 2. Der Betriebsrat hat ja jetzt die neue Arbeitszeitregelung durchgesetzt, danach darf keiner länger als zehn Stunden im Labor sein. Diese Regelung betrifft ja alle und keiner kann sich dem entziehen. Die Arbeitszeit im Labor ist dadurch ganz anders geregelt. 3. Ich frage mich, wieso ich bei Zusatzarbeiten immer zuerst gefragt werde. Wie kann ich das bloß ändern? Sie möchten das grundlegend ändern. Ihr Ziel ist es, bei der Verteilung von Zusatzarbeiten anders gefragt zu werden. 4. Ich finde ja, dass man unsere Azubis ruhig etwas mehr ran nehmen könnte, die werden total geschont. Sie meinen, dass die mit Samthandschuhen angefasst werden. Für Sie sind Lehrjahre keine Herrenjahre. 5. Diese Absage kam völlig unerwartet und wirft alle meine Pläne über den Haufen. Das bringt Sie total durcheinander. Sie sind enttäuscht. 6. Sie sind ja ein Außenstehender und können das Besondere an dieser Entwicklung wohl kaum einschätzen. Hinsichtlich einer angemessenen Beurteilung der Situation halten Sie mich für ungeeignet. Sie zweifeln, wie weit meine Kompetenz dafür ausreicht. 7. Ich glaube nicht, dass wir dafür Unterstützung bekommen können. Die Vorgaben halte ich für eindeutig, da gibt es kaum Ausnahmen. Sie meinen, dass es da keinen Spielraum gibt. Sie sind davon überzeugt, ohne Beistand auskommen zu müssen. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 313 313Anhang mit weiteren Übungen Übung Nr. 10 Im Kapitel 5 konnten Sie lernen, während des Zuhörens zu erfassen, auf welcher Ebene der Ratsuchende gerade spricht. Damit Sie auch beim Wechseln der verschiedenen Gesprächsebenen fit werden, biete ich Ihnen hier eine etwas merkwürdige Trockenübung an. Um mit den Ebenen zu jonglieren, formulieren Sie bei der folgenden Äußerung der Ratsuchenden für jede Ebene eine einfache Frage. Ich bin ja nun schon zehn Jahre raus, das ist eine verdammt lange Zeit. Also, da hat sich ja auch wahnsinnig viel verändert, ich weiß nicht, ob ich da noch den Anschluss finde. Ich habe mich ja all die Jahre auch nicht auf dem Laufenden gehalten, – wie auch bei drei Kindern?! Andererseits ist absehbar, dass meine Rolle als Mutter von Jahr zu Jahr an Bedeutung abnimmt. Ich weiß nicht, ob Sie das verstehen. Frage zu Handlung/ Erleben/Bericht Frage zu Meinung/ Vermutung/Bewertung Frage zu Äußeres/ Andere: Frage zu Wünsche/ Hoffnungen/Ziele: Frage zu Gefühle Empfinden: Frage zu Coach/ Situation: Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 314 Anhang mit weiteren Übungen314 Dieses mehr spielerische Jonglieren mit den Ebenen erzeugt bei meinen Ausbildungsteilnehmern zumeist große Heiterkeit und alle versuchen sich gegenseitig im Gesprächsstörer Ausfragen zu übertreffen. Sie mögen sich in die Ratsuchende hinein versetzen und auf die verschiedenen Antworten reagieren, um deren tatsächliche Wirkung zu erspüren. Ich habe wieder aus der Vielzahl möglicher Erwiderungen je zwei Antworten ausgewählt. Frage zu Handlung/ Erleben/Bericht Was genau haben Sie vor dem Erziehungsurlaub gemacht? Wie wurde denn damals Ihr Ausscheiden aus dem Betrieb geregelt? Frage zu Meinung/ Vermutung/Bewertung Was vermuten Sie, wird Ihnen beim Wiedereinstieg besonders schwer fallen? Was glauben Sie, wird man nach so langer Zeit von Ihnen erwarten? Frage zu Äußeres/ Andere: Wie alt sind Ihre Kinder genau? Was macht denn Ihr Mann? Wie teilen Sie sich denn bislang Hausarbeit und Kindererziehung? Frage zu Wünsche/ Hoffnungen/Ziele: Welche Alternativen kommen für Sie auch in Frage, die für Sie ebenso wünschenswert wären? Was ist denn langfristig Ihr Ziel? Frage zu Gefühle Empfinden: Was genau bereitet Ihnen solches Kopfzerbrechen? Haben Sie jetzt ein schlechtes Gewissen, weil Sie sich nicht weitergebildet haben? Frage zu Coach/ Situation: Wie kommen Sie darauf, dass ich mich nicht in Ihre Situation hineinversetzen kann? Was soll ich denn genau verstehen? Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 315 315Anhang mit weiteren Übungen Übung Nr. 11 Im Folgenden finden Sie hier noch eine weitere Möglichkeit, den Ebenenwechsel zu trainieren. Formulieren Sie Ihre Erwiderung zunächst vertiefend auf der inhaltlichen Ebene, auf der sich die Äußerung der Ratsuchenden befindet. Anschließend formulieren Sie für jede der verbleibenden fünf Ebenen eine Entgegnung. Die Ratsuchende hat das Coaching aufgesucht, um ihre berufliche Situation zu klären: Eigentlich weiß ich genau, was ich will und frage mich, warum ich noch zögere. Ich wüsste zu gern, was mich lähmt. Wünsche/Hoffnungen / Ziele: Gefühle/ Empfinden: Handlung/Erleben/ Bericht: Äußeres/ Andere: Meinung/Vermutung/ Bewertung: Coach/ Situation: Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 316 Anhang mit weiteren Übungen316 Ich betone, dass es keine richtigen oder falschen Reaktionen gibt, betrachten Sie darum meine Erwiderungen wieder nur als eine Möglichkeit. Ratsuchende: Eigentlich weiß ich genau, was ich will und frage mich, warum ich noch zögere. Ich wüsste zu gern, was mich lähmt. Wünsche/Hoffnungen/Ziele: Sie suchen nach einer Erklärung, um sich besser zu verstehen. Hier wird die Äußerung auf gleicher Ebene mit anderen Worten umschrieben, was dazu führt, dass sich die Ratsuchende vertiefend mit ihren Wünschen, Hoffnungen und Zielen auseinandersetzen kann. Gefühle/Empfinden: Das verwirrt Sie, eine Seite an sich zu erleben, die Ihnen geradezu fremd vorkommt und eigentlich im Wege ist. Der Coach könnte auf die bereits angesprochenen Gefühle von Zögern und Sich-gelähmt-fühlen eingehen und diese umschreibend wiederholen. Stattdessen habe ich mich gefragt, wie der Ratsuchenden zumute sein mag, sich so zu erleben, wie sie es beschrieben hat. Daraus kann sich ein Gespräch über die innere Zerrissenheit ergeben, nämlich etwas zu wollen und gleichzeitig handlungsunfähig zu bleiben. Handlung/Erleben/Bericht: Bislang haben Sie noch nie so etwas erlebt, also sich etwas vorzunehmen und doch nicht loszulegen. Diese Erwiderung veranlasst die Ratsuchende über ihre bisherigen Erfahrungen zu sprechen. Äußeres/Andere: Andere stehen ja vor ganz ähnlichen Herausforderungen. Wie packen die das denn an? Hier wird der Fokus auf die Problemlösekompetenz anderer gelenkt, um sich gegebenenfalls daran zu orientieren. Meinung/Vermutung/Bewertung: Sie stellen sich vor, Ihre Lähmung in den Griff zu bekommen, sobald Sie verstehen, worauf diese beruht. Diese Erwiderung greift die hinter dem ich wüsste zu gern stehende Annahme auf, dass dieses Wissen nötig ist, um handlungsfähig zu werden. Darauf kann sich ein Gespräch über Erklärungsversuche und Mutmaßungen ergeben. Coach/Situation: Ich habe Sie bislang überhaupt nicht als zögerlich erlebt. Darum überrascht mich, was Sie da sagen. Mit dieser Erwiderung bringt sich der Coach mit seinen Beobachtungen ins Gespräch. Daraus kann sich eine Reflexion darüber ergeben, wann und wo die Ratsuchende zögert und wann und wo nicht. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 317 317Anhang mit weiteren Übungen Übung Nr. 12 Beim folgenden Ausschnitt aus einem Coachinggespräch analysieren Sie bitte jede Aussage hinsichtlich der inhaltlichen Ebenen. Sie werden im Verlauf entdecken, wo Vertiefungen und wo Ebenenwechsel stattfindet und können erkennen, wodurch das Gespräch zum eigentlichen Kern vordringt. Der Ratsuchende, 61 Jahre, ist Rechtsanwalt und arbeitet als Partner in einer größeren Kanzlei. Ihm war von einem Kollegen geraten worden, sich hinsichtlich seiner Arbeitsorganisation einmal extern beraten zu lassen. Im Vorgespräch fragte er explizit nach Selbst- und Zeitmanagement. Ratsuchender: Wie ich Ihnen ja schon gesagt hatte, habe ich mehr als genug um die Ohren. Darum dachte ich, Sie können mir vielleicht ein paar Tipps geben. Vielleicht lässt sich ja das eine oder andere in meinem Tagesablauf optimieren. 1.) Coach: Ja, gern. Um zu klären, ob und gegebenenfalls wie sich Ihr Selbstmanagement verbessern lässt, möchte ich mir gern ein Bild über Ihre Arbeitsbelastung machen. 2.) Ratsuchender: Oh, ich kann mich wirklich nicht über mangelnde Arbeit beklagen, im Gegenteil: Ein 14-Stunden-Tag ist bei mir die Regel und oft genug muss das Wochenende auch dran glauben. 3.) Coach: Mit anderen Worten: Ihr Beruf frisst Sie geradezu auf. 4.) Ratsuchender: Ja und nein. Also, mein Privatleben kommt eigentlich nicht zu kurz. Auf jeden Fall mache ich dreimal Urlaub im Jahr und schalte komplett ab beziehungsweise um. 5.) Coach: Sie sagen ,um‘. 6.) Ratsuchender: Na ja, ich bin passionierter Segler, also Hochseesegeln. Da muss man schon mit ganzer Seele dabei sein. Das gleiche gilt auch beim Bergsteigen, wenn man angeseilt in der Wand hängt. Und letztlich ist Skifahren auch eine Frage 100 %iger Konzentration. 7.) Coach: Ich stelle mir gerade vor, dass Sie alles, was Sie anpacken, mit ganzer Seele tun. 8.) Nr. 20 Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 318 Anhang mit weiteren Übungen318 Ratsuchender: Ja, das stimmt, sonst … – (sein Handy klingelt). Entschuldigung, ich muss da mal kurz drangehen. 9.) Coach: Im Grunde genommen klingen Sie ganz und gar nicht unzufrieden. 10.) Ratsuchender: Nein, warum auch? Ich liebe meinen Beruf. Auch nach dreißig Jahren finde ich es immer noch spannend, was mir alles begegnet. 11.) Coach: Also stellt die viele Arbeit auch keine Belastung dar. 12.) Ratsuchender: Eigentlich nicht. Natürlich frage ich mich manchmal, warum ich oft der einzige bin, der sein Wochenende in der Kanzlei verbringt, aber dann denke ich mir, die haben Kinder und müssen heim und keiner von denen hat als Ausgleich Hobbys wie ich. (Grinst plötzlich) Und keiner von denen ist so sportlich und durchtrainiert. 13.) Coach: Anscheinend verfügen Sie über eine unerschöpfliche Energie. 14.) Ratsuchender: Komisch, das sind die gleichen Worte, die auch meine Frau benutzt hat. 15.) Coach: Das überrascht Sie. 16.) Ratsuchender: Na ja, ich habe mich natürlich schon mal gefragt, wie lange ich das noch packe. Ich bin ja schon über sechzig. (schweigt, dann sehr leise) Klar, irgendwann ist Schluss. 17.) Coach: Der Gedanke ist Ihnen gar nicht geheuer. 18.) Ratsuchender: Ich sage mir immer, solange ich aktiv und unternehmungslustig bin, lebe ich noch. Und darauf kommt es doch letztlich an. 19.) Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 319 319Anhang mit weiteren Übungen Coach: Gilt dann auch der Umkehrschluss? Wer nicht aktiv und unternehmungslustig ist, lebt nicht mehr? 20.) Ratsuchender: Sie stellen vielleicht komische Fragen! 21.) Coach: Ich treffe im Moment so gar nicht Ihre Erwartungen. Ich frage mich, wozu Sie etwas in Ihrer Arbeit ändern wollen, wenn Sie doch im Grunde genommen zufrieden sind. Darum versuche ich zu verstehen, was Sie eigentlich beschäftigt. 22.) Ratsuchender: Was mich beschäftigt? Wie soll ich das beantworten? Mein Tag ist dermaßen vollgestopft, dass ich gar keine Zeit habe, darüber nachzudenken, was mich beschäftigt. Wozu auch? Die Arbeit muss getan werden, und bei uns läuft alles unter Termindruck und Fristwahrung. Da hat man keine Zeit zum Nachdenken, da reagiert man entweder automatisch und perfekt oder man ist ganz schnell weg vom Fenster. 23.) Coach: Ja, das wird vermutlich beim Segeln oder Bergsteigen nicht anders sein. Da muss jeder Handgriff sitzen, da ist keine Zeit zum Nachdenken. 24.) Ratsuchender: Genau, und: Wer rastet, der rostet. Stillstand ist nichts für mich. (Längere Pause) Die schrecklichste Vorstellung ist für mich Dahinsiechen, also Tod auf Raten (schüttelt sich). 25.) Coach: Das klingt so, als ob Sie sich fortlaufend beweisen müssen, dass Sie noch leben. 26.) Ratsuchender: Meinen Sie? (lange Pause) Vielleicht stimmt das doch: Ich hatte mich in diesem Sommer während einer Bergtour gefragt, wozu ich mich eigentlich all den Strapazen unterziehe, zumal ich den Großvenediger schon mal geschafft habe. 27.) Coach: Ich lade Sie zu einem Gedankenspiel ein, wobei Ihnen meine Frage vermutlich makaber erscheinen wird: Wenn Sie wählen könnten, wie möchten Sie sterben? 28.) Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 320 Anhang mit weiteren Übungen320 Ratsuchender: (ausgesprochen spontan) In den Seilen, wie mein Großvater zu sagen pflegte, also während der Arbeit. Am besten ohne Vorwarnung, einfach zack und weg. Aber leider kann man sich das nicht aussuchen. 29.) Coach: Oder zum Glück. Es gibt Menschen, die es als Entlastung empfinden, weder Tag noch Stunde Ihres Todes zu kennen. 30.) Ratsuchender: Stimmt. Wissen wollte ich das auch auf gar keinen Fall. Aber jetzt sagen Sie mal, finden Sie das denn so abwegig, so lange wie möglich aktiv zu bleiben? 31.) Coach: Nein, ganz und gar nicht. Sie haben mittlerweile herausgefunden, wozu Sie all Ihre Aktivitäten an den Tag legen. Und jetzt können Sie sich der nächsten Frage öffnen, ob es zwischen Null und 180 noch etwas anderes gibt oder ob halbes Tempo unweigerlich zum Tod führt. 32.) Ratsuchender: (atmet heftig aus.) Sie treiben einen aber ganz schön in die Enge. 33.) Coach: Meine Fragen gefallen Ihnen gerade gar nicht. Sie möchten sich damit jetzt nicht auseinandersetzen. 34.) Ratsuchender: Stimmt … Andererseits ist es vielleicht genau das, wovor ich weglaufe, weil es mir Angst macht … 35.) Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 321 321Anhang mit weiteren Übungen Natürlich unterscheidet sich ein gelesenes Gespräch von der realen Situation. Vieles wird durch die Stimme transportiert und was im Text wie Meinung/ Vermutung/Bewerten aussieht, hört sich in der realen Situation zweifelsfrei nach Gefühl/Empfinden an. Aber vielleicht möchten Sie trotzdem Ihre Analyse mit meiner Einschätzung vergleichen: Ratsuchender Coach (1) Handlung/Erleben/Bericht (3) Handlung/Erleben/Bericht (5) Handlung/Erleben/Bericht (7) Meinung/Vermutung/Bewerten (9) Handlung/Erleben/Bericht (11) Handlung/Erleben/Bericht + Gefühle/Empfinden (13) Wünsche/Hoffnungen/Ziele + Meinung/Vermutung/Bewerten (15) Handlung/Erleben/Bericht (17) Wünsche/Hoffnungen/Ziele + Meinung/Vermutung/Bewerten (19) Handlung/Erleben/Bericht (21) Coach/Situation (23) Handlung/Erleben/Bericht (25) Meinung/Vermutung/ Bewerten (27) Wünsche/Hoffnungen/Ziele (29) Wünsche/Hoffnungen/Ziele (31) Coach/Situation + Wünsche/ Hoffnungen/Ziele (33) Coach/Situation (35) Gefühle/Empfinden (2) Handlung/Erleben/Bericht (4) Handlung/Erleben/Bericht (6) Handlung/Erleben/Bericht (8) Handlung/Erleben/Bericht (10) Gefühle/Empfinden (12) Gefühle/Empfinden (14) Handlung/Erleben/Bericht (16) Gefühle/Empfinden (18) Gefühle/Empfinden (20) Meinung/Vermutung/ Bewerten (22) Coach/Situation + Wünsche/ Hoffnungen/Ziele (24) Handlung/Erleben/Bericht (26) Gefühle/Empfinden (28) Wünsche/Hoffnungen/Ziele (30) Äußeres/Andere (32) Coach/Situation + Wünsche/ Hoffnungen/Ziele (34) Coach/Situation + Wünsche/ Hoffnungen/Ziele Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 322 Anhang mit weiteren Übungen322 Übung Nr. 13 Um bei der Problemschilderung des Ratsuchenden den Überblick zu behalten, hat es sich bewährt zu unterscheiden, ob der Schwerpunkt auf der Person, seiner Rolle, der Interaktion mit anderen, der Methodik oder der Organisation liegt. Ordnen Sie die folgenden Problembeschreibungen jeweils thematisch zu: 1. Ich komme mir so herzlos vor, wenn ich Mitarbeiter zurückstufen soll, nur weil das Budget mal wieder gekürzt wurde. 2. Die Zusammenlegung unserer Abteilungen soll Synergieeffekte mit sich bringen, sagt man wenigstens. 3. Es ist nach wie vor so, dass in unserer Arbeitsgruppe die Fetzen fliegen, sobald gegensätzliche Ansichten auftreten. 4. Ich sollte, so glaube ich, stärker delegieren. Das ist ein Teil meiner neuen Aufgabe, der mir nicht recht gelingen will. 5. Meine Mitarbeiter erwarten von mir, dass ich mich für die Renovierung des Pausenraums einsetze. 6. Ich kann mich nur ganz schlecht beherrschen, wenn ich ungerecht behandelt werde. 7. Mit meinem Business English ist es leider nicht weit her, darum sind bestimmte Jobs von vornherein ausgeschlossen. 8. Montags wird bei uns eigentlich nicht mehr gearbeitet, der Tag ist mittlerweile für Telefonkonferenzen reserviert. 9. Mir ist oft nicht klar, was wirklich mein Job ist und was über berechtigte Erwartungen hinausgeht. Das ist irgendwie so fließend. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 323 323Anhang mit weiteren Übungen 10. Wir sind ja jetzt ein Tochterunternehmen von ABC geworden. Da herrschen total andere Berichtslinien, da blickt kaum noch einer durch. 11. So ehrenwert die Forderung ist, alle Auszubildenden zu übernehmen, ich sehe nur nicht, wo wir die alle unterbringen sollen. 12. Ich möchte gern meinen Mitarbeitern klar machen, welche Erwartungen ich an sie habe, ohne stets alles erklären zu müssen. 13. Mein Kollege ist äußerst penibel und ich weiß nicht, wie ich ihm klarmachen kann, dass ich seine Genauigkeit übertrieben finde. 14. Plötzlich sind so viele Entscheidungsmöglichkeiten offen, dass ich mich total überfordert fühle. Wie erkenne ich, was richtig ist? 15. Ich weiß immer noch nicht, wie ich die jährlichen Kritikgespräche so durchführe, dass ich mit der vorgesehenen Stunde hinkomme. 16. Bei innerfamiliären Konflikten neige ich sehr schnell dazu, einzulenken, damit der Frieden gewahrt bleibt. Aber letztlich tut uns das nicht gut. Vielleicht haben Sie beim Zuordnen festgestellt, dass sich manche Äußerung sogleich erschließt, während andere ausgesprochen knifflig sind und längeres Nachdenken erfordern. Hier schwanken die Zeitangaben von Lesern und Ausbildungsteilnehmern zwischen zehn und zwölf Minuten. Hier meine Lösung: 1. Person 2. Organisation 3. Interaktion 4. Rolle 5. Rolle 6. Person 7. Methode 8. Organisation 9. Rolle 10. Organisation 11. Organisation 12. Rolle 13. Interaktion 14. Person 15. Methodik 16. Interaktion Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 324 Anhang mit weiteren Übungen324 Übung Nr. 14 Der folgende Gesprächsausschnitt gibt Ihnen eine weitere Gelegenheit zu erfassen, mit welcher Problemsicht Ratsuchende kommen und wie die Problembewertung zu einer Art Problemtrance führt. Die Ratsuchende, 34 Jahre, arbeitet seit sechs Jahren in der Buchhaltung eines mittelständischen Unternehmens für Maschinenbau. Im telefonischen Erstgespräch stand der Wunsch im Vordergrund, sich beruflich zu verändern. Gleichzeitig gab die Ratsuchende an, dass sie nicht genau sagen könne, warum sie sich eigentlich verändern wolle. Ratsuchende: Ich bin wirklich vom Pech verfolgt. Wie sieht sich die Ratsuchende? Welcher Problembereich drängt sich auf? Diese kurze Eingangsäußerung der Ratsuchenden zeigt Ihre Problemsicht: Sie wählt die Passivformulierung bin wirklich verfolgt und schlüpft in die Opfer- Rolle. Bislang deutet die Aussage auf den Problembereich Person hin. Um die Opfer-Sicht nicht noch weiter zu verstärken, reagiert der Coach nicht mit affektiver Rahmung (z. B. Das hört sich nach mehr als nur nach einem einzelnen Unglück an.), sondern deutet das negative Geschehen in ein positives Talent um. Coach: Dann scheinen Sie eine besondere Begabung zu haben. Ratsuchende: Wie meinen Sie das? Coach: Nun, manchen Menschen sagt man nach, sie seien glücksbegabt, weil es Ihnen auf irgendeine Weise gelingt, ihrem Leben stets eine glückliche Wendung zu geben. Und Sie verfügen über die Begabung, vom Pech verfolgt zu werden. Ratsuchende: Na, auf diese Begabung könnte ich liebend gern verzichten. Coach: Das ist verständlich. Wir können ja mal schauen, wie Sie Ihre Gabe – wenn man Begabung als Gabe versteht – denn nutzen. Ratsuchende: Also das ist doch völlig verquer! Ich kann doch nichts dafür, ständig vom Pech heimgesucht zu werden! Was passiert, wenn der Coach die Sichtweise der Ratsuchenden übernimmt? Die Ratsuchende wehrt sich gegen eine alternative Sichtweise (völlig verquer) und beharrt auf ihrer Opfer-Position indem sie diese noch unterstreicht (ständig Nr. 21 Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 325 325Anhang mit weiteren Übungen vom Pech heimgesucht). Der Coach hütet sich, diese Betrachtung zu übernehmen (z. B. Oh je, da müssen Sie ja ganz schön viel durchmachen.), sondern bleibt beharrlich dabei, die Ratsuchende aus ihrem eingefahrenen Gleis (ich kann ja nichts dafür) herauszuholen, indem er die Konsequenzen ihrer Position beschreibt. Coach: Das klingt spannend. Pech ist für Sie etwas Eigenständiges, ja fast Wesenhaftes, das aktiv entscheidet, wen es sich als Opfer aussucht. Ratsuchende: So nun auch nicht. Ich glaub’ doch nicht an Geister. Aber es gibt eben Menschen, denen ständig ein Missgeschick passiert, während andere fortwährend vom Glück verwöhnt werden. Ich gehöre leider zur ersten Gruppe, und das schon eine ganze Weile. Wodurch entsteht die Problemtrance? Die Ratsuchende verharrt auf ihrer Position und wertet sich weiterhin ab (leider) und erklärt das Problem als „naturgegeben“, (es gibt eben Menschen), außerhalb irgendwelcher Einflüsse. Für die Einordnung auf der Zeitachse, seit wann und wie oft tritt das Problem auf? erfahren wir im Nebensatz: schon eine ganze Weile. Hier besteht durchaus eine Möglichkeit, das Problem in einen größeren zeitlichen Rahmen einzuordnen. Coach: Mit anderen Worten: Es gab auch schon Zeiten, da hatte das Pech noch kein Auge auf Sie geworfen. Ratsuchende: Gottlob ja. Das ist aber schon verflixt lange her. Coach: Dann wird es ja Zeit, einen Weg zu finden, um sich aus den Fängen des Pechs zu befreien. Ratsuchende: Deswegen bin ich ja unter anderem hier. Es muss doch möglich sein, dass mir nicht jedes Mal alles schief läuft. Ich bin nun wirklich nicht abergläubisch, aber allmählich kommen einem so Gedanken, … (bricht ab) Coach: … dass da jemand oder etwas seine Finger im Spiel hat. Ratsuchende: So möchte ich das nicht sagen, aber es ist doch komisch, wenn mir – wie gestern – ein Malheur nach dem anderen widerfährt. Erst verschlafe ich, weil mein blöder Wecker nicht geklingelt hat. Dann muss ich kalt duschen, weil die Heizung mal wieder ausgefallen ist, dann brennt mir eine Scheibe Brot an, weil sich neuerdings der Toaster nicht mehr automatisch abschaltet. Auf der Fahrt ins Büro gerate ich in den typischen Morgenstau und bin deswegen zu spät. Und als ob der Stress noch nicht reichen würde, fängt es in dem Moment an zu schütten, als ich genau zwischen Auto und Eingangsportal bin. Natürlich ohne Regenschirm. Und in dem Aufzug muss mir doch prompt meine Chefin über den Weg laufen. Ich habe ihre grinsende Begrüßung jetzt noch vor Augen. Coach: Das ist in der Tat ein unerfreulicher Einstieg in den Tag. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 326 Anhang mit weiteren Übungen326 Ratsuchende: Oh, ich bin noch nicht fertig. Das war ja erst der Anfang. Kaum sitze ich an meinem Schreibtisch, erfahre ich, dass das Steuerungskomitee die Prioritäten geändert hat und meine Ausarbeitung nicht mehr benötigt wird. Dabei hatte ich mir eine wahnsinnige Mühe gegeben und eine Heidenarbeit hinein gesteckt. Als nächstes ruft mich mein Kollege an, um mir mitzuteilen, dass er wegen eines Unfalls seiner Frau vierzehn Tage Sonderurlaub genommen hat und ausgerechnet am Quartalsende ausfällt. Und so geht es stundenlang weiter. Wenn ich zur Kaffeemaschine gehe – ich ahne es immer schon – ist garantiert kein Kaffee mehr da. Geben Sie jetzt zu, dass ich ein Pechvogel bin? Welche Assoziationen haben sich bei Ihnen spontan eingestellt? Wie bewertet die Ratsuchende ihre Erfahrungen und wo ist der Ring der Verantwortung? Die Ratsuchende zählt diverse Missgeschicke beispielhaft auf, um weiterhin ihre Sichtweise der Opfer-Position (Pechvogel) zu untermauern. Gleichzeitig erfahren wir etwas über die Merkmale und qualitativen Abweichungen des Problems und registrieren die Bewertung der Abweichung: (Verschlafen = blöder Wecker, kalte Dusche = Heizung mal wieder ausgefallen, angebrannter Toast = Toaster schaltet neuerdings nicht ab, Morgenstau = typisch, Regenguss = natürlich ohne Schirm etc.). Da sich der Coach die Erklärungsversuche der Ratsuchenden nicht zu eigen macht, kann er aus der Distanz den Unterschied zwischen Pechvogel = Opfer und Pech im Sinne von „dumm gelaufen“ herausarbeiten, um den Ring der Verantwortung zur Ratsuchenden zurück zu schieben. Coach: Da bin ich mir gar nicht so sicher. Denn der Pechvogel wird zum Opfer des Jägers, weil dieser die Äste des Baumes mit Pech bestreicht, an dem der Vogel kleben bleibt. Wenn ich mir nun die Kette Ihrer gestrigen Misslichkeiten vergegenwärtige, dann kann ich da niemanden finden, der es auf Sie abgesehen haben könnte. Ratsuchende: Jetzt sagen Sie bloß nicht, dass ich selbst schuld bin an all dem Mist. Wie sieht sich die Ratsuchende weiterhin? Welche Auswirkungen hätte eine veränderte Problemsicht? Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 327 327Anhang mit weiteren Übungen Die bisherige Problemsicht, nämlich Opfer unbeeinflussbarer „Mächte“ zu sein, hindert die Ratsuchende, Verantwortung für selbst herbeigeführte Ergebnisse zu übernehmen. Darum wehrt sie vehement diesen Gedanken ab. Doch mit der Formulierung dass ich selbst schuld bin wird genau das an- und ausgesprochen und wirkt interessanter Weise auch dann noch nach, obwohl der Gedanke mit sagen Sie bloß nicht eingeleitet wurde. So kann der Coach die Frage der Verantwortung umschreibend aufgreifen und die Ratsuchende fragen, was sie aktiv für ihr Wohlergehen tut, um eben nicht selbst schuld zu sein, wenn wieder etwas schief läuft. Coach: Die Schuldfrage ist in der Tat nicht zielführend. Mich beschäftigt eine ganz andere Frage: Was unternehmen Sie, damit sich bestimmte unangenehme Erfahrungen nicht wiederholen? Ratsuchende: Wie meinen Sie das? Coach: Sie erwähnten Ihren blöden Wecker. Wie erreichen Sie, dass der ordentlich funktioniert? Ihre Heizung und auch Ihr Toaster scheinen ebenfalls nicht im Schuss zu sein. Wie bringen Sie es zuwege, dass die zuverlässig ihren Dienst tun? Und selbst der morgendliche Stau ist Ihnen sattsam bekannt. Wie können Sie Ihre Anfahrt so gestalten, dass Sie entspannt bleiben? Ratsuchende: Okay, okay, ich sehe ein, dass ich mich besser organisieren muss. Aber glauben Sie im Ernst, dass ich Einfluss auf meine Kollegen habe, so dass die mich nicht einfach im Stich lassen? Also, irgendwo hört die Eigenverantwortung doch auf, oder?! Welcher Problembereich taucht auf? Während die Ratsuchende bereit ist, Verantwortung für selbst verschuldete Missgeschicke zu übernehmen und dies zum methodischen Problem erklärt, betont sie sogleich, worauf sie keinen Einfluss hat und bleibt Opfer. Coach: Sie sagten gerade, dass Sie sich besser organisieren müssen. Das ist eine Möglichkeit. Ratsuchende: Und welche anderen Möglichkeiten gibt es noch? Coach: Mir fällt gerade einer meiner Kollegen ein, der jeden Morgen zwangsläufig im Stau steht, was er nicht beeinflussen kann. Er nutzt diese Zeit und lernt Hölderlin- Gedichte auswendig. So kommt es, dass er sich auf seinen Morgenstau geradezu freut. Ratsuchende: Verrückt! Ich fange doch jetzt nicht an, blöde Gedichte auswendig zu lernen, schon gar nicht, wenn mir die Zeit davon rinnt und ich befürchten muss, wieder zu spät zu kommen. Wodurch entsteht die Problemtrance? Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 328 Anhang mit weiteren Übungen328 Das schnell dahin geworfene okay, okay deutete an, dass die Ratsuchende eher genötigt war, etwas einsehen zu müssen, als wirklich die Verantwortung für sich zu übernehmen. Prompt wehrt sie alternative Möglichkeiten brüsk ab und beschreibt doch gleichzeitig, wie sie sich geradezu gewohnheitsmäßig in eine missliche Lage bringt (wieder zu spät). Genau das kann man bewusst machen. Coach: Okay, Sie möchten Ihre bisherigen Entscheidungen beibehalten, beispielsweise weiterhin auf den letzten Drücker aus dem Haus gehen und dabei ahnen, dass es wieder mal knapp wird. Und wenn eintritt, was Sie bereits vorausgesehen haben, können Sie mit leisem Stolz sagen: Ich hab’s ja gewusst. So hat der Pechvogel eine geradezu prophetische Begabung. Ratsuchende: Puh! Jetzt haben Sie’s mir aber gegeben. (Lange Pause) Sie meinen, es liegt an mir, also, daran, wie ich solchen Situationen begegne? Coach: Es ist mehr eine Frage Ihrer Bewertung. Die konkrete Situation mag unverändert bleiben. Sie entscheiden, ob Sie das akzeptieren wollen oder ob Sie sich in Gedanken etwas ganz anderes vorstellen und den Unterschied zwischen Wunsch und Wirklichkeit als schmerzhaft, eben als Pech, erleben. Ratsuchende: Das klingt zwar einleuchtend, aber das erfordert ganz schön viel. Da muss man doch ein Held sein, morgens die kalte Dusche zu akzeptieren. Coach: Oder man verzichtet aufs Duschen und macht sich klar, dass das kalte Wasser ein Ergebnis ist, nämlich davon, dass Sie immer noch keinen Monteur für die Heizung gerufen haben. Dies führt womöglich zu einem sofortigen Telefonat, statt dass Sie sich mal wieder grämen. Ratsuchende: Wohl wahr. Klingt kinderleicht. Man muss es nur machen. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 329 329Anhang mit weiteren Übungen Übung Nr. 15 Hier kommt noch eine weitere Übung, um Blockaden mittels Umdeutung (Reframing) aufzulösen. Formulieren Sie für die nachstehenden Problembeschreibungen des Ratsuchenden eine Reaktion, die sowohl der emotionalen Betroffenheit Rechnung trägt (= affektive Rahmung), als auch eine Umdeutung anbietet, bei der sich der Ratsuchende in seiner bisherigen Sichtweise nicht eingeschränkt fühlt. Problemsicht des Ratsuchenden Auflösung der Blockade durch … 1. Ich kann machen, was ich will: Mein Kollege lässt mich regelmäßig warten. Da hilft kein Bitten, kein Drohen oder selbst unpünktlich sein. Er hält sich an keine Zeitvereinbarung, ich könnte an die Decke gehen. 2. Ich bin in einer ganz blöden Zwickmühle: Ich habe für zwei Wohnungen Zusagen bekommen und muss mich noch heute entscheiden. Irgendwie sind beide ganz gut und preislich auch okay. Was mache ich bloß? 3. Mein Chef will, dass ich die Leitung für ein Projekt übernehme, bei dem der bisherige Projektleiter wegen Krankheit einige Zeit ausfällt. Dabei weiß er genau, dass mich Projektmanagement anödet. Der will mich nur ärgern? 4. Manchmal glaube ich, dass mein Ex-Mann schon Recht hat, wenn er mich als unnachgiebig bezeichnet. Ich bin fürchterlich dickköpfig und stehe mir leider im Wege, kein Wunder, dass es keiner mit mir längere Zeit aushält. 5. Einer meiner Kunden bringt mich noch an den Rand, er erpresst mich regelrecht, indem er immerzu mit dem Wettbewerb droht. Dabei bin ich ihm schon mehr entgegengekommen als je zuvor, ohne das er mir auch nur ansatzweise dankt. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 330 Anhang mit weiteren Übungen330 Einige Leser haben mir zurückgemeldet, dass diese Übung recht anspruchsvoll sei und sie über zwanzig Minuten benötigt hätten. Den Ratsuchenden affektiv zu rahmen, sei ja noch einfach gewesen, aber für die Problemsicht des Ratsuchenden einen anderen Rahmen zu finden, erfordere eine Menge Phantasie. Wenn Sie Ihre Antworten mit denen meiner Kursteilnehmer vergleichen, achten Sie auf die verschiedenen Umdeutungen, die ja nur eine Möglichkeit sind. Problemsicht des Ratsuchenden Auflösung der Blockade durch … 1. Ich kann machen, was ich will: Mein Kollege lässt mich regelmäßig warten. Da hilft kein Bitten, kein Drohen oder selbst unpünktlich sein. Er hält sich an keine Zeitvereinbarung, ich könnte an die Decke gehen. Das nervt Sie bis aufs Blut, zumal Sie sich auch so hilflos und ausgeliefert fühlen. Ich stelle mir gerade vor, dass es für Sie unmöglich ist, die Wartezeit als geschenkte Minuten zu sehen, in denen Sie sich entspannen können oder auch vorbereiten. 2. Ich bin in einer ganz blöden Zwickmühle: Ich habe für zwei Wohnungen Zusagen bekommen und muss mich noch heute entscheiden. Irgendwie sind beide ganz gut und preislich auch okay. Was mache ich bloß? Sie sind gerade hin- und hergerissen und stehen gleichzeitig unter Entscheidungsdruck. Dabei haben Sie noch gar nicht bemerkt, dass keine der beiden Wohnungen Sie wirklich vom Hocker reißt, sie sind lediglich ganz gut und preislich okay. 3. Mein Chef will, dass ich die Leitung für ein Projekt übernehme, bei dem der bisherige Projektleiter wegen Krankheit einige Zeit ausfällt. Dabei weiß er genau, dass mich Projektmanagement anödet. Der will mich nur ärgern? Sie fühlen sich verschaukelt und empfinden den Wunsch Ihres Chefs als Zumutung. Der Gedanke, dass er Ihnen zutraut, dieses Projekt nahtlos weiterzuführen, halten Sie vermutlich für abwegig. Dann wäre es in Wirklichkeit eine Auszeichnung. 4. Manchmal glaube ich, dass mein Ex- Mann schon Recht hat, wenn er mich als unnachgiebig bezeichnet. Ich bin fürchterlich dickköpfig und stehe mir leider im Wege, kein Wunder, dass es keiner mit mir längere Zeit aushält. Sie gehen gerade sehr streng mit sich ins Gericht. Ich frage mich, wo und wann Ihr Eigensinn von Vorteil war. Schließlich haben Sie felsenfeste Überzeugungen, die Sie nicht so schnell über Bord werfen, schon gar nicht, nur um einen Mann zu halten. 5. Einer meiner Kunden bringt mich noch an den Rand, er erpresst mich regelrecht, indem er immerzu mit dem Wettbewerb droht. Dabei bin ich ihm schon mehr entgegengekommen als je zuvor, ohne das er mir auch nur ansatzweise dankt. Sie fühlen sich fürchterlich unter Druck und haben trotz Nachgebens nur Undank erhalten. Vielleicht erscheint Ihnen der Gedanke zunächst befremdlich, dass Sie sich womöglich befreit fühlen, wenn es diesen Kunden für Sie nicht mehr gibt und Sie sich auf Ihre übrige Arbeit konzentrieren können. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 331 331Anhang mit weiteren Übungen Übung Nr. 16 Lassen Sie im folgenden Gesprächsausschnitt die Äußerungen der Ratsuchenden auf sich wirken und spüren Sie den Blockaden nach, die darin anklingen. Sie können mit Ihrer jeweiligen Erwiderung probieren, die Blockierung aufzulösen. Die Ratsuchende (43 Jahre) war über zehn Jahre in der Personalabteilung eines Pharmaunternehmens tätig und hatte sich nach einer Reihe von Coaching-Gesprächen entschieden, sich selbständig zu machen. Ratsuchende: Ich bin ja jetzt schon über ein Jahr weg von Schwarzenberg und merke so ganz allmählich, auf was für ein Abenteuer ich mich da eingelassen habe. Wenn Sie von außen darauf schauen, können Sie vielleicht sehen, wo ich mir selbst im Wege bin. Wie können Sie affektiv rahmend reagieren? Irgendetwas erscheint der Ratsuchenden auf ihrem neuen Weg abenteuerlich und sie möchte für sich herausarbeiten, was sie „falsch“ macht, wo sie sich selbst im Wege steht. Da Coach und Ratsuchende aufgrund einer Reihe von Vorgesprächen miteinander vertraut sind, wendet der Coach den Gesprächsförderer Klären, auf den Punkt bringen an. Coach: Mit anderen Worten: Es läuft noch nicht so richtig rund. Ratsuchende: So kann man das nicht sagen. Eher im Gegenteil. Das Geschäft brummt, und ich muss aufpassen, dass ich nicht in der vielen Arbeit untergehe. Mit welchem Gesprächsförderer könnten Sie das Gespräch wie voran bringen? Dieses Beispiel zeigt, dass der Coach mit seiner Erwiderung nicht zwangsläufig „ins Schwarze“ treffen muss. Solange die Ratsuchende sich ernst genommen fühlt und das Bemühen erkennt, kann sie korrigierend erklären, was ihr eigentlich zu schaffen macht, nämlich in der Arbeit zu ertrinken. Genau das lässt sich ansprechen. Coach: Und das macht Ihnen ziemliche Sorgen. Ratsuchende: Sorgen? Eigentlich nicht. Ich bin heilfroh, dass ich den Schritt gewagt habe und mich von all dem befreit habe, was mir zum Schluss nur noch lästig war. Nr. 22 Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 332 Anhang mit weiteren Übungen332 Welcher Gesprächsförderer bietet sich an? Wie wollen Sie reagieren? So direkt mit einem unangenehmen Gefühl konfrontiert zu werden, scheint zu unvermittelt gewesen zu sein, denn die Ratsuchende wehrt dies ab und betont stattdessen, wie froh sie ist. Allerdings wird nicht deutlich, was Sie letztlich so erleichtert, so dass sich der Gesprächsförderer Nachfragen anbietet. Coach: Zum Beispiel? Ratsuchende: Diese ganzen Reglementierungen, wenn ich nur an die Monatsberichte denke, oder diese blöden Sitzungsprotokolle, ganz zu schweigen von der Kontrollwut meiner Chefin, bei der jeder Schritt dokumentiert werden musste. O bewahre, da möchte ich nie mehr hin! Wie kommen Sie von der Vergangenheitsbeschreibung in die Gegenwart? Die Ratsuchende beantwortet die Frage mit Beispielen und begibt sich in eine abgeschlossene Vergangenheit. Dabei lassen ihre Bewertungen (Reglementierung, blöde Sitzungsprotokolle, Kontrollwut, dokumentiert werden musste) erkennen, was für sie eigentlich problematisch war. Mit dem Gesprächsförderer Gefühle ansprechen wechselt der Coach sowohl die zeitliche als auch die inhaltliche Ebene. Coach: Wenn Sie so zurückblicken, fühlen Sie sich geradezu befreit und atmen erleichtert auf, all diesen Belastungen entflohen zu sein. Ratsuchende: Stimmt. (Pause, kopfschüttelnd:) Manchmal frage ich mich, wie ich das all die Jahre ausgehalten habe. Frage auf der Metaebene: Wie klar ist Ihnen noch das Ziel der Ratsuchenden? Wie wollen Sie reagieren? Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 333 333Anhang mit weiteren Übungen Die Ratsuchende stutzt und wird nachdenklich. Der Coach aktiviert sowohl ihre Ressourcen und gleichzeitig hinterfragt er ihr Ziel. Dies bietet sich an, weil sich die Ratsuchende bislang nur negativ abgegrenzt hat, also beschrieben hat, was sie auf keinen Fall mehr will. Coach: Nun, auf jeden Fall waren Sie stark genug, dem ein Ende zu bereiten. Mich beschäftigt die Frage, was darüber hinaus Ihr Ziel war. Ratsuchende: Die Frage verstehe ich nicht, wieso darüber hinaus? Ich habe bei Schwarzenberg aufgehört, als mir klar wurde, dass ich abstumpfe und nur noch sinnlos im Hamsterrad rumrenne. Und seit ich dort weg bin, geht’s mir wesentlich besser, wenigstens mache ich jetzt keinen stumpfsinnigen Blödsinn mehr. Analysieren Sie diese Aussage bis hin zu einzelnen Wörtern, die Sie gegebenenfalls aufgreifen? Wir können vermuten, dass der Coach mit seiner Intervention zu früh kam, denn die Ratsuchende wehrt diesbezügliche Gedanken ab und fühlt sich bemüßigt, ihr bisheriges Handeln zu verteidigen. Es ist typisch für Rechtfertigungen, dass dabei unversehens mehr an- und ausgesprochen wird, als eigentlich intendiert ist. Die Wortwahl der Ratsuchenden lässt erkennen, dass es noch mehr gibt, als gerade eingeräumt wird. Das unscheinbare Wort wenigstens ist hierbei so ein charakteristisches Signalwort. Es bietet sich an, diesen Gedanken in seiner Konsequenz weiterzuführen. Coach: Das heißt, das Hamsterrad ist geblieben. Ratsuchende: Ja, … leider. Aber vielleicht gehört das dazu. Ich bin ja jetzt quasi Unternehmerin und da gibt es dann keinen acht Stunden Tag mehr. Ich bin ja auch noch im Aufbau, bin gerade mal ein Jahr selbständig. Welche Widersprüche lassen sich erkennen? Wie wollen Sie reagieren? Die Ratsuchende gibt zu, dass die Sinnfrage leider ungeklärt ist. Statt dem jedoch nachzugehen, reagiert sie mit weiteren Erklärungen, die jede für sich genommen plausibel klingen. Das steht allerdings im Widerspruch zu ihrem ursprünglichen Anliegen (Ich habe bei Schwarzenberg aufgehört, als mir klar wurde, Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 334 Anhang mit weiteren Übungen334 dass ich abstumpfe und nur noch sinnlos im Hamsterrad rumrenne.) Der Coach wird diesen inneren Widerspruch abspeichern und prüfen, was denn das eigentliche Anliegen der Ratsuchenden ist. Coach: Immerhin haben Sie es in dieser Zeit fertig gebracht, dass Ihr Geschäft „brummt”, wie Sie vorhin sagten. Das klingt nach einer ganz soliden Auftragslage. Ratsuchende: Schon, – also, da kann ich mich nicht beklagen. Das war zum Glück schon nach drei Monaten so, dass ich mehr Anfragen hatte, als ich eigentlich wollte. Na ja, man macht halt die Nacht zum Tag und arbeitet doppelt. Man kann ja auch nie wissen, ob die Lage so bleibt oder ob man nicht unvermittelt in die Röhre guckt. Wie können Sie aus der unpersönlichen Beschreibung zur Ratsuchenden wechseln? Obgleich die Ratsuchende aufgrund der Auftragslage mit ihrem Start zufrieden sein könnte, arbeitet sie mehr als je zuvor (droht in den vielen Anfragen unterzugehen). Sie begründet ihre mangelnde Zuversicht mit der Allerweltserklärung man kann ja nie wissen. Sie versucht dabei ihre Sorge (unvermittelt in die Röhre zu gucken) durch unbegrenzte Mehrarbeit zu bannen. Da ihre Erklärung nicht erkennen lässt, wieweit sie sich der emotionalen Konsequenzen bewusst ist, spricht der Coach ihre Gefühle wieder direkt an. Coach: Sie bemühen sich, die Unsicherheit, die nun mal mit der Selbstständigkeit einhergeht, durch ein Mehr an Einsatz in den Griff zu bekommen. Aber manchmal kommen Ihnen Zweifel. Ratsuchende: Irgendwie ja. (Schweigt.) Es ist halt wahnsinnig viel, was mir nicht aus der Hand gleiten darf. Da sind zum einen die laufenden Projekte, die natürlich sauber abgewickelt werden müssen, damit es seitens der Kunden keine Beanstandungen gibt. Dann die Akquise, damit ich nicht plötzlich leer laufe. Hinzu kommen regelmäßige Verbandsarbeit, Tagungen und Kongresse, um nicht neue Entwicklungen zu verpassen oder gar zum Außenseiter zu werden. Und schließlich die recht aufwändige Pflege meines Netzwerks, um mich davor zu bewahren, in die Isolation abzurutschen. Was fällt Ihnen an der Problembeschreibung auf? Wie wollen Sie reagieren? Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 335 335Anhang mit weiteren Übungen Erneut beschreibt die Ratsuchende ausführlich, was sie alles unternimmt, damit etwas, was ihr Sorgen bereitet, nicht eintritt. (vgl. „Weg von“-Haltung; Kapitel 10) Auffällig sind die vielen negativen Suggestionen (darf mir nicht aus der Hand gleiten / muss sauber abgewickelt werden / damit es keine Beanstandungen gibt / nicht leer laufen / nicht zu verpassen / nicht zum Außenseiter zu werden / nicht in die Isolation zu rutschen). Der Blick auf all diese Bedrohungen löst geradezu zwangsläufig eine „Problemtrance“ aus. Doch solange nur beschrieben wird, was verhindert werden soll, sind wir von einer Zielformulierung weit entfernt. Für die Zielklarheit ist es aber wichtig zu erkennen, was tatsächlich sein soll. Coach: Das ist in der Tat eine ganze Menge, und das Hamsterrad erscheint mir geradezu geschönt. Mir fällt auf, dass Sie all diese Aktivitäten unternehmen, um etwas zu vermeiden. Doch selbst wenn es Ihnen durch brillanten Einsatz gelingt, alles zu verhindern, was Sie befürchten, das eintreten könnte, was ist dann gewonnen? Welches Ziel haben Sie dann erreicht? Ratsuchende: Mm. (Denkt sehr lange nach.) Das ist eine Frage, die ich mir so vor lauter Arbeit noch gar nicht gestellt habe. Wie kann die Ratsuchende dazu gebracht werden, sich mit ihrem Ziel auseinander zu setzen? Die Frage bringt die Ratsuchende zum Nachdenken. Die ungewöhnlich lange Pause lässt erahnen, dass ihr dieser Gedanke neu ist und sie unvermittelt mit etwas konfrontiert wird, dem sie bislang aus dem Wege gehen konnte. Coach: Vielleicht fühlen Sie sich jetzt provoziert, wenn ich’s umdrehe: Dank der vielen Arbeit konnten Sie bislang dieser schweren Frage ausweichen. Ratsuchende: (Nachdenklich) Ist das so? Die Ratsuchende bleibt in ihrer Nachdenklichkeit und verzichtet auf ihr übliches Rechtfertigungsmuster. Der Coach greift ihre Eingangsformulierung auf. Coach: Ich stelle mir gerade vor, dass das der Punkt ist, von dem Sie eingangs meinten, dass Sie sich selbst im Wege stehen. Ratsuchende: Sie meinen, dass ich noch gar nicht weiß, was ich letztlich erreichen möchte? Coach: Ja. Sie sagten ja, dass Sie sich auf ein Abenteuer eingelassen haben, als Sie den Schritt in die Selbstständigkeit unternahmen. Nachdem Sie sich von allen ungeliebten Arbeiten befreit haben, geht es nun um die Frage, wohin denn die Reise gehen soll? Ratsuchende: Meinen Sie denn, dass man mit einer klaren Zielvorstellung vor den Risiken gefeit ist, die überall lauern? Coach: Formelhaft geantwortet: Zielklarheit ersetzt kein Risikomanagement. Was ich damit sagen möchte: Wenn Sie genau wissen, was Sie erreichen wollen, dann werden Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 336 Anhang mit weiteren Übungen336 Sie geeignete Maßnahmen ergreifen, um auf dem Weg zu bleiben. Dazu gehört auch eine gezielte Vorsorge, um mögliche Widrigkeiten frühzeitig zu erkennen und gegen zu steuern. Dessen ungeachtet bleibt es ein Abenteuer, weil Sie den Ausgang nicht kennen. Im Idealfall werden Sie eines Tages zurückschauen und stolz feststellen, dass Sie genau dort angekommen sind, wohin Sie kommen wollten. Ratsuchende: (Denkt nach.) Da liegt dann aber noch ein Berg Arbeit vor mir. Coach: Ja. Und lohnt es sich den Berg in Angriff zu nehmen? Ratsuchende: Wenn ich etwas ändern möchte, komme ich wohl nicht drum herum, mir darüber klar zu werden, was ich und wohl auch wie ich etwas erreichen möchte. Womöglich muss ich mich dafür gar nicht so quälen und könnte sogar mein Leben genießen. Ab hier wendet sich das Gespräch den Zielen und benötigten Ressourcen zu. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 337 337Anhang mit weiteren Übungen Übung Nr. 17 Im folgenden Gesprächsausschnitt können Sie das Hinterfragen von Zielen üben. Analysieren Sie wieder jede Äußerung des Ratsuchenden und unterstreichen Sie gegebenenfalls die Signalwörter, die Ihnen bedeutsam erscheinen. Anschließend formulieren Sie eine Erwiderung, bei der Sie all das anwenden, was Sie bislang kennen gelernt haben. Der Ratsuchende (28 Jahre) ist Assistent der Geschäftsleitung einer Handelskette. Er nutzt das Coaching im Rahmen eines Entwicklungsprogramms für künftige Führungskräfte. Am Ende der vierten Sitzung wechselt er unvermittelt das Thema: Ratsuchender: Ich wollte Sie noch wegen etwas ganz anderem sprechen. Haben wir noch ein paar Minuten? (Bestätigendes Nicken.) Ich bin da in eine ganz blöde Situation geraten. Vielleicht haben Sie ja eine Idee, wie ich mich da verhalten kann. Das ist für mich … ich weiß auch nicht, wie ich es sagen soll … (schaut zu Boden.) Was ist das momentane Ziel des Ratsuchenden? Wie reagieren Sie? Der Ratsuchende druckst herum und es fällt ihm offensichtlich schwer, sein Problem zu konkretisieren. Es ist typisch für derartige Situationen, wenn Ratsuchende dabei ins Passiv und in die Operrolle schlüpfen (Ich bin da in eine ganz blöde Situation geraten.) Die affektive Rahmung greift erlaubend auf, im Moment keine rechten Worte zu finden. Coach: Es fällt Ihnen regelrecht schwer, darüber zu sprechen. Ratsuchender: Ja, genau! Mein Chef hat mich letzte Woche beiseite genommen und mir etwas Saublödes aufgetragen. Eine unserer jüngeren Kolleginnen, die seit dem Frühjahr bei uns ist, ist jetzt schwanger geworden. Mein Chef hat nun entschieden, dass sie so schnell wie möglich gekündigt werden soll, also ehe der Mutterschutz beginnt. Nun ist das ja in so einer Situation aus rechtlichen Gründen nicht so einfach. Darum kommt eigentlich nur eine fristlose Kündigung infrage. Und die hat arbeitsrechtlich nur Bestand bei nachgewiesenem Diebstahl. Wie ist die Problemsicht des Ratsuchenden? Was vermuten Sie, könnte eigentlich hinter dem Problem stecken? Wie reagieren Sie? Nr. 23 Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 338 Anhang mit weiteren Übungen338 Die „Erlaubnis“, dass es schwer fallen darf, über dieses Problem zu reden, wird mit einem erleichterten Ja genau! bestätigt und prompt setzt ein ungebremster Redefluss ein, der allerdings genau an der Stelle abbricht, wo der Ratsuchende konkret benennen müsste, was sein Problem ist. Der Coach führt den angefangenen Satz im Tonfall des Ratsuchenden zu Ende. Coach: Und Sie sollen jetzt die Drecksarbeit erledigen. Ratsuchender: So ist es. Wörtlich hat er zu mir gesagt: „Sehen Sie zu, dass wir das möglichst unauffällig regeln.” So etwas kann man doch nicht machen, also einer Kollegin etwas anhängen, nur damit man keine juristischen Scherereien hat. Wie lässt sich das Ziel des Ratsuchenden beschreiben? Wie reagieren Sie tatsächlich? Der Ratsuchende reagiert erleichtert, dass der Coach das Problem beim Namen nennt. Er beschreibt zwar, was sein Vorgesetzter von ihm erwartet, wechselt aber ins unpersönliche Man, und deutet damit seine Bewertung des Vorgangs an. Da er bislang nicht beschreibt, wie er sich in der konkreten Situation verhalten hat, böte es sich an, dies entweder zu erfragen (z. B. und was haben Sie geantwortet?) oder das Akzeptieren zu unterstellen (und Sie haben diesen Auftrag angenommen). Doch beides würde den Ratsuchenden beschämen, tut er sich doch mit dem moralischen Anteil dieses Auftrags sichtbar schwer. Der Coach bleibt beim Vorgesetzten und klärt, welche Erwartungen auf dem Ratsuchenden lasten. Coach: Ihr Chef verlässt sich jetzt ganz auf Sie. Ratsuchender: Ich denke schon. Dabei hätte er genauso gut meinen Kollegen Kaufmann bitten können, der ist schon viel länger da. Welche Problemlösung schwebt dem Ratsuchenden vor? Wie reagieren Sie? Über den Vorgesetzten zu reden, dient im Moment der Entlastung des Ratsuchenden, der sich zusätzlich aus dem Problemhorizont ausblendet, indem er Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 339 339Anhang mit weiteren Übungen eine Alternative skizziert, die ihn weniger in Schuld bringt. Der Coach schiebt den Ring der Verantwortung zurück zum Ratsuchenden. Coach: Ändert das etwas? Ratsuchender: Ja und nein. Es würde mir wesentlich besser gehen, wenn ich mich nicht mit diesem Auftrag quälen müsste. Und nein, weil es an den Fakten ja eigentlich nichts ändert. Welche Erkenntnis gewinnt der Ratsuchende? Wie reagieren Sie? Der Ratsuchende erkennt, dass sein Gedankenszenario keine echte Alternative darstellt, weil es seinen moralischen Ansprüchen zuwider läuft. Der Coach vertieft die Ebene Gefühle/Empfinden (mich nicht quälen müsste), um den Ratsuchenden noch stärker ins Bewusstsein zu rufen, was ihn so plagt. Coach: Vielleicht hilft es Ihnen, wenn Sie sich darüber klar werden, was Sie da eigentlich quält. Ratsuchender: Na hören Sie mal! Das ist schließlich kein Kavaliersdelikt, einem Anderen kriminelles Handeln anzuhängen. Was vermuten Sie, veranlasst den Ratsuchenden zu dieser Reaktion? Wie reagieren Sie? Vermutlich war der Impuls zu direkt, denn der Ratsuchende wechselt entrüstet auf die Ebene Meinung/Bewertung. Dieser Ebenenwechsel ist ein weiterer Versuch sich zu entlasten und das Ansinnen seinen Vorgesetzten moralisch zu brandmarken. Im Coaching soll jedoch nicht geklärt werden, wie weit der Vorgesetzte fragwürdige Praktiken an den Tag legt, sondern was den Ratsuchenden wieder handlungsfähig macht. Darum setzt der Coach einen weiteren Impuls und regt an, sich etwas vorzustellen, um sich der damit verbundenen Gefühle bewusst zu werden. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 340 Anhang mit weiteren Übungen340 Coach: Das ist ein Aspekt. Stellen Sie sich bitte für einen Moment vor, es würde Ihnen gelungen sein, diese Entlassung unauffällig über die Bühne zu bringen. Wie fühlt sich das für Sie an? Ratsuchender: Anfühlen? Na, ich wäre erst einmal heilfroh, das hinter mir zu haben. Wie reagieren Sie? Der Ratsuchende scheint so sehr unter Druck zu stehen, dass Entlastung für ihn höchste Priorität hat. Seine Formulierung erst einmal lädt den Coach allerdings ein, nach weiteren Seiten zu fragen. Coach: Und dann? Ratsuchender: Und dann? – (längere Pause, plötzlich deutliches Erröten) Oh Mann, ich würde mich fürchterlich schämen. Scheiße! Was fällt Ihnen auf? Was wollen Sie aufgreifen? Wie reagieren Sie? Der Ratsuchende kommt allmählich in Kontakt mit seinen tiefsitzenden Gefühlen und erkennt errötend die Konsequenzen, die eine „gelungene Entlassung“ mit sich brächte. Auch wenn der Ratsuchende mit seiner Formulierung (ich würde mich fürchterlich schämen) schon sehr gefühlsbetont reagiert hat, ist noch nicht klar, was ihn eigentlich beschämt. Coach: Und was ist es eigentlich, weswegen Sie sich schämen? Ratsuchender: Mm. (denkt nach) Vielleicht, dass ich bereit war, etwas zu tun, womit ich mich selbst schuldig mache? (Pause) Vielleicht auch, dass ich etwas getan habe, was ich eigentlich hätte ablehnen müssen. Ja, ich glaube, das ist es: Ich hatte mich die ganze Zeit innerlich über meinen Chef aufgeregt, weil der mir so etwas anträgt. Aber eigentlich bin ich auf mich sauer, dass ich nicht den Mumm hatte, nein zu sagen. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 341 341Anhang mit weiteren Übungen Was schält sich jetzt als Ziel heraus? Welche Ressourcen können angesprochen werden? Wie reagieren Sie? Indem der Ratsuchende dem Gefühl der Scham nachgeht, erspürt er nach und nach, was ihn eigentlich betroffen macht. Dabei durchwandert er verschiedene Schichten seines moralischen Anspruchs, angefangen beim grundsätzlichen „so etwas tut man nicht“ über „man muss nein sagen können“ bis hin zum Erkennen der persönlichen Feigheit. Der Coach transformiert diese Erkenntnis als persönliche Stärke und bringt den Ratsuchenden in Kontakt mit seinen Ressourcen. Coach: Es ist schier nicht zu ertragen, unter dem eigenen Wertmaßstab zu handeln. Das ist ein ganz starkes Gefühl, das Sie da leitet. Sie merken gerade, dass Ihr moralischer Kompass funktioniert, der Sie zwischen richtig und falsch unterscheiden lässt. Ratsuchender: Schon, aber fast hätte ich versucht, ohne diesen Kompass voranzukommen. Und das ist mehr als peinlich. Aber es ist ja gottlob noch nicht zu spät. Ich werde – und daran führt leider kein Weg vorbei – nachholen müssen, was ich schon vorletzte Woche hätte tun müssen. Meinem Chef erklären, dass ich so etwas nicht mache. Was ist jetzt das Ziel des Ratsuchenden? Was müssen Sie hinsichtlich der Zielformulierung prüfen? Wie reagieren Sie tatsächlich? Der Ratsuchende erkennt seine Ressourcen, das macht ihn stark, sein eigentliches Ziel anzugehen, nämlich mit seinem Vorgesetzten zu sprechen und den Auftrag abzulehnen. Bei der Zielklärung ist ja ein wichtiger Punkt, sich stets die Folgen einer Entscheidung bewusst zu machen. Das übernimmt der Coach: Coach: Diese moralische Aufrichtigkeit hat allerdings einen Preis. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 342 Anhang mit weiteren Übungen342 Ratsuchender: Ja, das stimmt. (denkt nach) Aber der Preis, mit der Scham zu leben, ist höher als der, mir unter Umständen einen neuen Job zu suchen. Jetzt hat der Ratsuchende ein klares Ziel und ist wieder handlungsfähig. Das weitere Gespräch dreht sich um die Frage, wie er mit seinem Vorgesetzten noch einmal über diesen Auftrag sprechen kann. Dabei möchte er auch klären, ob sein Vorgesetzter tatsächlich dieses „verwerfliche“ Handeln von ihm erwartet, oder ob er in vorauseilendem Gehorsam bereit war, etwas zu verstehen, was so nicht ausdrücklich gefordert war. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 343 343Anhang mit weiteren Übungen Übung Nr. 18 Versuchen Sie im folgenden Gesprächsausschnitt die Verarbeitungsmuster des Ratsuchenden zu erfassen und formulieren Sie eine Erwiderung, die dem Muster Rechnung trägt. Selbstverständlich können Sie alle anderen Fertigkeiten auch nutzen. Da ich im 10. Kapitel das Setzen von Impulsen und Anregungen behandelt habe, können Sie in diesem Gespräch prüfen, welche Ideen Ihnen beim Lesen durch den Kopf gehen und wie Sie diese gegebenenfalls als Impuls einbringen möchten. Der Ratsuchende (46 Jahre) ist Ingenieur und arbeitet seit 12 Jahren in einem mittelständischen Unternehmen. Er nimmt seit drei Jahren in unregelmäßigen Abständen Kontakt auf, um besondere Probleme im Zusammenhang mit seiner Arbeit zu reflektieren. Ratsuchender: Ich brauche mal dringend Ihren Rat. Also, ich habe doch vor einiger Zeit die Leitung der IT-Abteilung übernommen. Da ist irgendwie der Wurm drin. Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen das beschreiben soll. Ich komme einfach nicht klar mit den Leuten. Die mauern regelrecht und lassen mich eiskalt abtropfen. (Mit finsterem Gesichtsausdruck und eisiger Stimme) Aber da haben die sich geschnitten, nicht mit mir! Welches Muster können Sie erkennen? Wie reagieren Sie? Der Ratsuchende beschreibt sein Problem zwar ziemlich vage und doch können wir heraushören, dass seine Mitarbeiter sich nicht so verhalten, wie er sich das vorstellt. Äußerungen im Stil von nicht so wie deuten auf das Verarbeitungsmuster Übereinstimmung hin. Die Reaktion des Coach zielt darauf ab, dass sich der Ratsuchende verstanden fühlt und von sich aus weiter spricht. Coach: Sie wollen denen zeigen, wo es lang geht. Ratsuchender: Klar! Ich bin nun wirklich nicht autoritär, das wissen Sie, aber wenn man mir die kalte Schulter zeigt, dann werde ich eigen. Was fällt Ihnen beim Ratsuchenden auf? Wo ist dieser gedanklich bereits? Wie reagieren Sie? Nr. 24 Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 344 Anhang mit weiteren Übungen344 Indem der Ratsuchende betont, dass er wirklich nicht autoritär sei, wird erkennbar, dass er sich autoritär zur Wehr setzen will und bereits auf der Lösungsebene ist. Der Coach lenkt die Aufmerksamkeit auf die Problemsicht, um nicht bereits nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen, obgleich die Problematik noch gar nicht recht erfasst ist. Coach: Ich versuche mir gerade vorzustellen, wie Ihre Mitarbeiter es fertig bringen, Sie so zu verärgern. Sie sagten, sie mauern. Ratsuchender: Ja, also – wie soll ich sagen, die zeigen beispielsweise keinerlei Engagement. Oder gestern in der Morgenrunde, da stelle ich die Rahmendaten für das neue Projekt vor und arbeite die möglichen Knackpunkte heraus und was machen die? Die sitzen da, hören sich das brav an und halten ihren Mund. Was fällt Ihnen auf? Was wollen Sie aufgreifen? Wie reagieren Sie? Der Ratsuchende beschreibt zwar, wie er die Mitarbeiter erlebt, dennoch bleibt unklar, was ihn so durcheinanderbringt, dass er dafür eigens einen Beratungstermin vereinbart, er hatte ja das Gespräch eröffnet mit Ich brauche mal dringend Ihren Rat. Der Coach entscheidet sich weiterhin affektiv zu rahmen, um den Redefluss zu fördern. Coach: Das klingt ziemlich frustrierend, als ob Sie da völlig allein auf weiter Flur kämpfen, während Ihre Mannschaft zuschaut. Ratsuchender: Das kann man so sagen. Wobei es nicht ganz trifft. Die arbeiten alle exzellent, da habe ich gar keine Handhabe, es ist nur so, dass wir statt eines Miteinander fast schon ein Gegeneinander haben. Welche Vermutungen gehen Ihnen durch den Kopf? Wie reagieren Sie? Unvermittelt erfahren wir, dass ausgerechnet die Mitarbeiter, über die er sich fürchterlich ärgert, weil sie ihn eiskalt abtropfen lassen, durchaus exzellent arbeiten. Der Coach greift die weitere Darstellung der Problemsicht auf, dass statt eines gewünschten Miteinanders fast schon ein Gegeneinander herrscht. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 345 345Anhang mit weiteren Übungen Coach: Das hört sich wie „allein gegen alle” an. Ratsuchender: Stimmt. Die bilden eine geschlossene Gruppe und ich bekomme da keinen Fuß rein. Und darum brauche ich mal Ihren Rat, wie man das aufbrechen könnte. Welches Muster können Sie erkennen? Wie reagieren Sie? Der Ratsuchende geht davon aus, sein Problem hinreichend analysiert zu haben und ist gedanklich bereits auf der Lösungsschiene (aufbrechen). Hier zeigt sich das Muster Suche nach Übereinstimmung noch deutlicher. Doch der Coach bleibt bei der Analyse, um auch den thematischen Bereich abzuklären (Person- Rolle-Interaktion-Methode-Organisation) und umschreibt die Äußerung und fügt als Impuls eine Vermutung über die Geschlossenheit der Abteilung hinzu. Coach: So wie Sie das beschreiben, entsteht in mir das Bild einer eingeschweißten Mannschaft, die ein starkes Gefühl für Gruppenzusammengehörigkeit entwickelt hat. Und dieser Zusammenhalt hat sich schon herausgebildet, bevor Sie kamen. Ratsuchender: Ja, da ist was dran. Die haben im Laufe der Jahre ganz komische Eigenheiten entwickelt. Das fängt schon damit an, dass die sich untereinander auf eine besondere Art grüßen oder sich mit komischen Fingerzeichen verständigen. Neulich war auch so etwas Verrücktes. Da hatten alle, ob Männer oder Frauen, rote Socken an. Ich war ziemlich irritiert und habe gefragt, ob heute etwas Besonderes anliege, und da erhalte ich doch zur Antwort: „Heute ist doch der Erste!” Welches Muster können Sie erkennen? Wie reagieren Sie? Der Ratsuchende greift den Impuls auf und führt aus, was er bereits alles beobachtet hat. Auf diese Weise wird das Geschehen differenzierter beschrieben und wir erfahren, dass er sich schwer tut mit Ereignissen, die von der Notwendigkeit abweichen. Das gibt dem Coach die Möglichkeit die Sichtweise des Ratsuchenden zu erweitern. Weil dieser seine Mitarbeiter unter der Überschrift anders als beschreibt und sich mit Abweichung und Unterschied (= Übereinstimmungssucher) schwer tut, wählt der Coach die Formulierung Zusammenhalt und ermöglicht so, die Mitarbeiter auch unter der Überschrift so wie zu sehen. Coach: Das hört sich spannend an. Sie bekommen da eine Abteilung, die auf eine ganz besondere Weise ein Eigenleben entwickelt hat. Was Sie, der Sie neu sind, ziemlich be- Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 346 Anhang mit weiteren Übungen346 fremdet, ist der große Zusammenhalt, bei dem Sie sich im Moment noch ausgeschlossen fühlen. Ratsuchender: Erwarten Sie etwa, dass ich diese Marotten jetzt übernehme? Also, alles was recht ist, da mache ich mich doch lächerlich! Welches Muster können Sie erkennen? Wie reagieren Sie? Der Ratsuchende möchte sich nicht lächerlich machen (= außengeleitet) und weist die Anregung entschieden zurück. Er wertet das Verhalten seiner Mitarbeiter als Marotten ab. Das gibt ihm gewissermaßen das Recht für entsprechende (autoritäre) Maßnahmen. Der Coach bestätigt die Abwehr des Ratsuchenden und gibt ihr einen neuen Rahmen. Das beschriebene Verhalten der Mitarbeiter deutet darauf hin, dass diese ebenso nach Übereinstimmung suchen wie der Ratsuchende. Der Coach wiederholt seinen Impuls, ändert jedoch die Wortwahl ab (Rituale). Coach: Ich stimme Ihnen vollkommen zu. Solange das für Sie Marotten sind, rate ich Ihnen dringend davon ab, so etwas nachzuahmen. Ich überlege mir, wieweit es sich hierbei um Rituale handelt, die dazu dienen, sich sowohl nach außen abzugrenzen, beispielsweise etwas Besseres zu sein, und sich gleichzeitig nach innen eines besonderen gegenseitigen Vertrauens zu versichern. Ratsuchender: Meinen Sie? – Es stimmt schon, dass die sich abgrenzen und irgendwie für etwas Besseres halten und das nach außen auch ganz schön auftragen. (Pause) Aber jetzt bin ich ihr Chef und das scheinen sie noch nicht richtig kapiert zu haben. Welche Muster können Sie erkennen? Wie reagieren Sie? Der Ratsuchende wird zum ersten Mal nachdenklich. Er greift das angebotene Bild auf und ergänzt dies mit seiner Einschätzung. Sein markiger Spruch zeigt, wie er sein Problem bislang verarbeitet hat („Weg von“, Einsicht in die Notwendigkeit, Außenorientierung, Suche nach Übereinstimmung). Der Coach bietet ein knappes Reframing an. Coach: Oder umgekehrt. Ratsuchender: Wie meinen Sie das? Coach: Sie sagten, dass alle exzellent arbeiten. Mit anderen Worten: Sie finden ein Superteam vor und das geht konsequent seinen Weg und lässt sich anscheinend durch Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 347 347Anhang mit weiteren Übungen den Wechsel der Leitung überhaupt nicht aus dem Konzept bringen. Im Gegenteil, was Sie als Marotten empfinden, gibt Ihren Mitarbeitern womöglich den besonderen Kick für die Arbeit. Irgendetwas hindert Sie, diesen Ritualen etwas Positives abzugewinnen. Ratsuchender: Ich weiß nicht. (Pause) Wie soll ich denn die Abteilung führen, wenn die ihr eigenes Ding drehen? Welches Muster können Sie erkennen? Wie reagieren Sie? Das Reframing hat den Ratsuchenden neugierig gemacht (Wie meinen Sie das?) und die anschließende bildhafte Beschreibung bringt ihn erneut zum Nachdenken. Doch seine Entscheidungsmuster hemmen ihn, diese Sichtweise als attraktive Möglichkeit in Betracht zu ziehen. Orientiert an der Notwendigkeit sind Mitarbeiter, die ihr eigenes Ding drehen, nicht tragbar. Der Coach holt den Ratsuchenden bei seiner Sichtweise ab und rahmt den Wunsch nach Übereinstimmung affektiv, in dem er den Mangel als schmerzliche Trennung umschreibt. Die positive Unterstellung, dass der Ratsuchende bereits über eine Lösung verfüge (Schlüssel in der Hand) ebnet den Weg für den folgenden Impuls. Coach: Sie halten gerade den Schlüssel in der Hand. Solange Sie diese Besonderheiten für ein „eigenes Ding” halten, erleben sie die schmerzliche Trennung zwischen denen und Ihnen und bekommen keinen Fuß in die Tür. Ich male mir gerade aus, wie Sie von Ihren Leuten gesehen werden, wenn sie sich für ihre Rituale interessieren. Ratsuchender: Mm. Wahrscheinlich würde denen das gefallen. Liegt ja auf der Hand. Und dann? Ich meine, wie geht’s dann weiter? Welches Muster können Sie erkennen? Wie reagieren Sie? Der Ratsuchende lässt sich auf das Gedankenspiel ein, ist aber aufgrund seines Verarbeitungsmusters (Einsicht in die Notwendigkeit) noch nicht in der Lage, die Möglichkeiten eines veränderten Zugangs zu den Mitarbeitern zu sehen. Seine direkte Frage an den Coach erlaubt diesem, seine Anregung etwas ausführlicher zu beschreiben. Coach: Auch Vorgesetzte können Rituale einführen und dadurch eine ganze Abteilung prägen. Hier gilt allerdings eine gruppendynamische Gesetzmäßigkeit, dass Ihnen um so eher gefolgt wird, wenn Sie die Sprache Ihrer Mannschaft sprechen, sprich, deren Rituale ernst nehmen. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 348 Anhang mit weiteren Übungen348 Ratsuchender: Na, Sie machen mir Spaß! Bevor ich nicht denen folge, werden die mir nicht folgen, das ist es doch, was Sie mir gerade klar machen wollen. Welche Muster können Sie erkennen? Wie reagieren Sie? Erneut wehrt sich der Ratsuchende. Er scheint durchdrungen von der Vorstellung: Ich will weg von diesen Marotten. Die sind anders. Es ist notwendig, dass die mir folgen. Allerdings führt seine Außenorientierung dazu, sich mit der Sichtweise des Coach zu befassen. Das gibt dem Coach die Möglichkeit, einen weiteren Impuls zu setzen und den Ratsuchenden mit seinen persönlichen Gepflogenheiten und Ritualen in Kontakt zu bringen. Coach: Ganz genau. Vielleicht betrachten Sie einmal Ihre eigenen Rituale, Ihre ganz persönlichen. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie etwas ändern, wenn ein Außenstehender da eingreift? Ratsuchender: Überhaupt nicht! – So habe ich das noch gar nicht betrachtet, aber Sie haben Recht. Welches Muster können Sie erkennen? Wie reagieren Sie? Der Ratsuchende kommt zu einer Erkenntnis und kann, weil außenorientiert, dem Coach uneingeschränkt Recht geben. Das gibt diesem die Möglichkeit, das begonnene Bild weiter auszumalen und das gewünschte Ziel (Übereinstimmung) als neues Miteinander zu umschreiben, in dem sich der Ratsuchende inmitten seiner Mannschaft erlebt. Coach: Es geht gar nicht darum, alle Rituale Ihrer Abteilung gut zu heißen, sondern nur darum, sie zu beachten und als solche ernst zu nehmen. Dabei entsteht ein neues Miteinander, bei dem Sie sich inmitten Ihrer Mannschaft erleben. Ratsuchender: Das klingt gut. Aber da habe ich noch einiges nachzudenken … Da der Ratsuchende nach wie vor nach Übereinstimmung sucht, erscheint ihm die Anregung des Coach zielführend, wenngleich ihn das – aufgrund seines vertrauten Entscheidungsmusters – noch verwirrt. Das weitere Gespräch dreht sich nun um die Frage, wie er die vorhandenen Abteilungs-Rituale ernst nehmen kann, ohne sie anzubiedern und wie er dabei auch gestaltend wirken kann. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 349 349Anhang mit weiteren Übungen Übung Nr. 19 Analysieren Sie im folgenden Gesprächsausschnitt nochmals die Äußerungen des Ratsuchenden hinsichtlich seiner Verarbeitungs- und Entscheidungsmuster. Selbstverständlich können Sie in Ihren Reaktionen alles anwenden, was Sie in diesem Buch bislang haben lernen können. Der Ratsuchende, 32 Jahre, plant ein Startup im IT-Bereich. Das Coaching-Gespräch dreht sich zunächst um die Klärung von Prioritäten und um die Vorgehensweise beim Ansprechen von Investoren. Coach: So wie Sie mir das jetzt dargestellt haben, klingt das sehr schlüssig. Möge Ihnen glücken, was Sie sich vorgenommen haben! Ratsuchender: (reagiert mit deutlichem Stirnrunzeln) Wie lässt sich die Körpersprache thematisieren? Auch wenn der Ratsuchende sich nicht sprachlich äußert, ist sein deutliches Stirnrunzeln ein eindeutiger Hinweis, dass ihm etwas missfällt. Es gehört zur Prozessverantwortung des Coach auf derartige Signale direkt einzugehen. Coach: Irgendetwas an meiner Äußerung stößt Ihnen gerade unangenehm auf. Ratsuchender: Das ist richtig. Denn Glück als Basis scheint mir bei der Gründung eines Unternehmens ziemlich fragwürdig. Sie glauben doch nicht, dass mir ein Investor sein Geld auf gut Glück anvertraut. Nein, was zählt, sind harte Fakten, ein überzeugender Businessplan und belastbare Zahlen. Wer sich da aufs Glück verlässt, ist ziemlich schnell verlassen. Welches Muster könnte Ihrer Vermutung nach zum Tragen kommen? Wie reagieren Sie? Der Ratsuchende weist nicht nur die Äußerung des Coach zurück (möge Ihnen glücken …), sondern erklärt ausführlich seine Grundüberzeugung. Sein Wunsch, sich so deutlich abzugrenzen, lässt vermuten, dass er Abweichungen und Unterschiede sucht. Der Coach holt den Ratsuchenden bei seinem Selbstwert ab und umschreibt das damit einhergehende Gefühl. Coach: Was das betrifft, haben Sie bereits hart gearbeitet und können auf das bauen, was Sie entwickelt haben. Das gibt Ihnen verständlicherweise eine größere Sicherheit, als aufs Glück zu hoffen. Nr. 25 Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 350 Anhang mit weiteren Übungen350 Ratsuchender: Das trifft es in etwa. Ich mache mich doch lächerlich, wenn ich mich vom Glück, vom Schicksal oder der Gunst der Stunde abhängig machen wollte. Nein, da vertraue ich lieber auf meine Stärken und bleibe Realist. Was fällt Ihnen auf? Was wollen Sie aufgreifen? Wie reagieren Sie konkret? Erneut grenzt sich der Ratsuchende energisch ab und betont, was er nicht will („Weg von“-Haltung) und worauf es seiner Meinung nach ankommt. Der Coach wendet sich den Abgrenzungsbemühungen zu, um zu verstehen, was den Ratsuchenden tatsächlich beschäftigt. Coach: Sie sagen das mit so großem Nachdruck, dass ich mich frage, was Sie daran gerade so aufregt. Ratsuchender: Oh, das kann ich Ihnen sagen. Es stört mich kolossal, wenn Leute meinen, mit ein bisschen Glück könne man im Business erfolgreich sein. Das sind doch alles Träumer, die im Grunde genommen nur nicht bereit sind, die Ärmel hochzukrempeln und richtig zuzupacken. (Schüttelt vehement den Kopf.) Nee, also die habe ich gefressen. Wie reagieren Sie? Der Ratsuchende folgt der Aufforderung und beschreibt, was ihm schwer erträglich ist. Einerseits wird deutlich, dass er Wert auf die Haltung des „anders als“ legt (= Unterschiedssucher) und andererseits wird auch seine „Weg von“- Haltung sichtbar, wenn er sich bereits beim Gedanken an Menschen schüttelt, die ihre Zielerreichung allein dem Glück zu verdanken haben. Der Coach zielt von der Ebene der Meinung auf die Ebene Gefühle/Empfinden. Coach: Ich stelle mir gerade vor, wie Ihnen zumute sein mag, wenn solche Menschen trotzdem ihre Ziele erreichen und auf ihre Weise erfolgreich sind. Ratsuchender: (zornig) Da könnte ich platzen. Die bringen es mit ihrer unbekümmerten Art sogar fertig, sich einfach über ihre Ergebnisse zu freuen, obgleich sie dafür nicht wirklich etwas geleistet haben. Wie reagieren Sie? Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 351 351Anhang mit weiteren Übungen Der Ratsuchende vertritt die Position, dass man sich nur über Ergebnisse freuen darf, wenn man sich dafür angestrengt und eine gewisse Eigenleistung erbracht hat. Sein zorniger Beginn (Da könnte ich platzen) lässt erkennen, wie sehr es ihn beeinträchtigt, wenn Menschen dennoch erfolgreich sind. Der Coach spürt dem Ärger über die Ungerechtigkeit nach und rahmt affektiv, wie weit die Bewertung der Erfolge anderer Menschen Einfluss auf die eigene Leistung hat. Coach: Irgendwie schmälert das dann Ihre Leistung. Ratsuchender: (heftig) Schlimm genug, dass manche Leute es irgendwie immerzu schaffen, ohne Anstrengung erfolgreich zu sein. Während ich mir den Kopf zerbreche, sorgfältig plane und nichts dem Zufall überlasse, leben die sorglos in den Tag und werden dann auch noch vom Glück belohnt. Entschuldigen Sie, wenn ich mich da so aufrege, aber ich finde das einfach zum Kotzen. Wie erscheint Ihnen der Ratsuchende und was ist wohl sein Problem? Wie reagieren Sie? Der Ratsuchende grenzt sich emotional vehement von all den Menschen ab, die anders sind als er und stellt deren Bewältigungsstrategie in Frage. Er beharrt darauf, dass allein sein Vorgehen (sorgfältig planen, nichts dem Zufall überlassen) Anspruch auf Erfolg hat. Auch wenn der Coach die inneren Widersprüche bemerkt, holt er den Ratsuchenden erst einmal da ab, wo dieser steht und rahmt die emotionale Betroffenheit. Coach: Ja, das tut weh. – Sie sehen in erster Linie die schreiende Ungerechtigkeit. Ratsuchender: Ist doch auch so! Wie reagieren Sie? Der Ratsuchende entwirft ein Szenario, in dem es Menschen gibt, die eigentlich keinen Anspruch auf Erfolg haben, weil sie nicht seinen Kriterien von zuvor erbrachter Eigenleistung entsprechen. Um den Blick von „den anderen“ auf den Ratsuchenden selbst zu fokussieren, setzt der Coach einen Impuls und lenkt dessen Aufmerksamkeit auf eine unerwartete Situation. Coach: Ich male mir gerade aus, wie Sie reagieren, wenn Ihnen unvermittelt etwas Positives zuteil wird, mit dem Sie nicht gerechnet haben. Ratsuchender: Und was sollte das sein? Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 352 Anhang mit weiteren Übungen352 Wie reagieren Sie? Die fragende Erwiderung zeigt, dass der Ratsuchende im Moment noch nicht bereit ist, sich auf dieses Gedankenspiel einzulassen. Der Coach führt seinen Impuls noch weiter aus und begibt sich auf eine konkrete Ebene nachvollziehbarer Beispiele. Coach: Es gibt so vieles, worauf Sie keinen Einfluss haben. Stellen Sie sich vor, dass Ihnen bei der Suche nach weiteren Investoren jemand unerwartet hilft und Sie zum Beispiel mit jemandem bekannt macht. Ratsuchender: Das wäre in der Tat ungewöhnlich. Mm. – (denkt nach) Und darum würde ich sofort anfangen, das Haar in der Suppe zu suchen. Irgendwo wird schon ein Haken sein. Wie reagieren Sie? Zwar denkt der Ratsuchende kurz über den neuen Gedanken nach, bleibt aber seinem gewohnten Muster treu, dass nur korrekt sein kann, was man sich selbst hart erarbeitet hat. Alles andere birgt die Gefahr eines Hinterhalts. Der Coach zielt erneut auf die Ebene Gefühle/Empfinden, um die eigentlichen Bedenken bewusst zu machen. Coach: Statt sich einfach nur zu freuen, treibt Sie die Sorge um, sich irgendwelche Nachteile einzuhandeln. Ratsuchender: Das ist pure Lebenserfahrung. Warum sollte mir jemand irgend etwas Gutes tun, ohne eine Gegenleistung zu erwarten? Da gerät man ganz schnell in schlimmste Abhängigkeiten. Wie reagieren Sie? Der Ratsuchende begründet seine Lebenseinstellung und zeigt mit der Formulierung (schlimmste Abhängigkeiten), was ihm eigentlich Angst macht (= „Weg von“-Haltung). Damit sagt er auch, wie er selbst seine Beziehungen zu anderen Menschen gestaltet. Deshalb klärt der Coach, wie weit sich der Ratsuchende in allen Lebensbereichen abgrenzt und zu schützen versucht. Coach: Das hört sich gerade so an, als ob Sie sich nur ganz schwer etwas schenken lassen. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 353 353Anhang mit weiteren Übungen Ratsuchender: Das ist nicht ganz falsch. Ich betrachte das buchhalterisch: Jedes Geschenk belastet die Bilanz und fordert einen Ausgleich. Unabhängig ist man nur, wenn man niemandem etwas schuldet. Was ist das eigentliche Ziel des Ratsuchenden? Wie reagieren Sie? Statt einfach „ja“ oder „nein“ zu sagen, reagiert der Ratsuchende mit einer Formulierung, die ihn nicht als einen einfachen „Ja-Sager“ erscheinen lässt. Die folgende Erklärung lässt das eigentliche Ziel des Ratsuchenden erkennen: Unabhängigkeit. Um dieses Ziel zu erreichen, praktiziert der Ratsuchende bereits eine Lösung: Jedes Entgegenkommen muss entgolten werden. Coach: Jetzt kann ich gut nachvollziehen, warum Sie sich über Mitmenschen aufregen, die sich unbekümmert ihres Glücks erfreuen. Ratsuchender: Wieso? Coach: Ihre Sorge, sich in irgendwelche Abhängigkeiten zu begeben, lässt Sie jede Freundlichkeit und jedes noch so kleine Entgegenkommen als Belastung sehen. Ratsuchender: Das ist wohl wahr. Coach: Nun, Sie haben sich entschieden durch eigene Leistung Ihre sogenannte Bilanz auszugleichen, also niemandem etwas schuldig zu bleiben. Wieweit bringt Sie das in eine viele größere Abhängigkeit? Ratsuchender: (denkt nach) Sie meinen, ich bin gar nicht mehr frei in meinen Entscheidungen, weil ich ständig nur reagiere? Wie reagieren Sie? Der Coach hat mit seinen Erwiderungen die „Weg von“-Haltung (Abhängigkeit = Belastung) fokussiert und den Mechanismus transparent gemacht, bloß niemandem irgendetwas schuldig zu bleiben. Da sich der Ratsuchende auf diesen Gedankengang eingelassen hat, setzt der Coach einen Impuls mit Reframing- Charakter: Indem er den Wunsch nach Unabhängigkeit ernstnimmt, kann er ihn auch neu rahmen und zu bedenken geben, ob nicht die Lösung das eigentliche Problem darstellt. Der Ratsuchende lässt sich tatsächlich auf diesen Gedanken ein und entdeckt, dass er gar nicht mehr frei ist. Der Coach greift dies auf und vertieft, was der Ratsuchende nicht kann. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 354 Anhang mit weiteren Übungen354 Coach: Sie können sich noch nicht vorstellen, etwas einfach nur anzunehmen, ohne an eine Gegenleistung zu denken und so trotz allen Glücks, das Ihnen widerfährt, unabhängig zu bleiben. Ratsuchender: Mm, klingt zwar einleuchtet, aber irgendwie habe ich das Gefühl, es mir damit zu einfach zu machen? Wie reagieren Sie? Der Coach orientiert sich am Verarbeitungsmuster des Ratsuchenden (Unterschied und „Weg von“) und leitet seinen Impuls verneinend ein (Sie können sich noch nicht vorstellen). Statt dem Ratsuchenden direkt zu sagen, dass man durchaus unabhängig bleiben kann, auch wenn einem Glück widerfährt oder man etwas geschenkt bekommt, benutzt der Coach gewissermaßen einen Umweg, indem er dem Ratsuchenden „erlaubt“ sich etwas nicht vorstellen zu können. Der Ratsuchenden lässt sich auf diesen Impuls ein, fügt allerdings sogleich eine Einschränkung hinzu, die wie ein Dogma sein Leben zu beherrschen scheint. Coach: Wo steht denn geschrieben, dass das Leben nicht auch schön, leicht und glücklich sein darf? Ratsuchender: Meinen Sie? Coach: Sie zweifeln noch. Ratsuchender: Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, haben Sie in diesem Punkt Recht. Wie reagieren Sie? Coach: Das klingt, als gäbe es für Sie noch eine andere Seite. Ratsuchender: Ja, also für Hilfe und Geschenke und so kann ich das akzeptieren. Aber das ist ja kein wirkliches Glück. Aber wenn einem etwas quasi in den Schoß fallen würde, also das fände ich wirklich unehrenhaft. Der Ratsuchende bringt nicht nur ein neues Wort ins Spiel, sondern gibt zu erkennen, wie sehr er sein Tun und Lassen unter die Überschrift ehrenhaft bzw. unehrenhaft stellt. Das weitere Gespräch wendet sich diesem Selbstverständnis zu, um zu klären, was das eigentliche Ziel des Ratsuchenden ist. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 355 355Anhang mit weiteren Übungen Übung Nr. 20 In diesem letzten Gesprächsausschnitt haben Sie noch einmal Gelegenheit, Satz für Satz zu analysieren, um herauszufinden, was das Problem des Ratsuchenden ist und was ihn so sehr bedrückt, was sein eigentliches Ziel ist und wo er sich möglicherweise unbewusst blockiert. Wenn Sie sich die entsprechenden Signalwörter unterstreichen, können Sie erkennen, wie sich manches in der Haltung des Ratsuchenden durch das ganze Gespräch zieht. Formulieren Sie anschließend eine Reaktion, die sowohl Ihrer Analyse Rechnung trägt, als auch dem Ratsuchenden zeigt, wie gut es Ihnen gelingt, sich in seine bedrückende Lage einzufühlen. Der Ratsuchende, 38 Jahre, arbeitet seit sechs Jahren im Rechenzentrum eines Versicherungskonzerns. Ihm ist seitens seines Vorgesetzten ein Zeitmanagement-Seminar empfohlen worden, weil er wiederholt Schwächen in seiner Arbeitsorganisation gezeigt hat. Er möchte gern im Coaching klären, ob die Ursachen nicht an ganz anderer Stelle liegen könnten. Ratsuchender: Ich hatte ja schon am Telefon angedeutet, dass mir gerade alles irgendwie zu viel wird. Manchmal weiß ich gar nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Vielleicht ist es tatsächlich eine Frage effektiven Zeitmanagements, so sieht es wenigstens mein Chef – aber man muss auch sehen, dass die Arbeitsbelastung in letzter Zeit extrem zugenommen hat. Was fällt Ihnen auf? Wie reagieren Sie? Der Ratsuchende ist verwirrt und kann sein Problem noch nicht konkret beschreiben (irgendwie, vielleicht ist es, aber man muss auch sehen). Der Coach hört den Druck (weiß nicht, wo mir der Kopf steht, extreme Arbeitsbelastung) und geht darauf affektiv rahmend ein. Coach: Da lastet ein Stress auf Ihnen, der Sie an Ihre Grenzen bringt. Ratsuchender: Mm. – Leider ist das wahr. Ich hätte mir vor ein paar Jahren nie träumen lassen, dass mir meine Arbeit einmal so wenig Freude machen könnte. Klar verliert man mit der Zeit seine jugendlichen Ideale, aber dass der Druck so zunimmt, dass man alles als Strapaze empfindet, finde ich entsetzlich. Auf welcher Ebene befindet sich der Ratsuchende? Wie reagieren Sie? Nr. 26 Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 356 Anhang mit weiteren Übungen356 Der Ratsuchende bestätigt den Stress bewertend (leider) und beschreibt, wie er seine Arbeit erlebt. In unpersönlicher Form (man) konkretisiert er diese (Strapaze), bleibt aber insgesamt auf der Ebene Meinung/Vermuten/Bewerten. Der Coach überprüft, ob er den Ratsuchenden richtig verstanden hat, indem er dessen Äußerung mit eigenen Worten umschreibt. Coach: Das heißt, Sie werden heute deutlich mehr gefordert als früher. Ratsuchender: Ja, ganz klar. Wobei das Wort „gefordert” nicht ganz passt. Denn das meiste, was ich zu bewältigen habe, ist Routine, also tägliches Klein-Klein. Davon allerdings so reichlich, dass man nie fertig wird. Wie lässt sich das Problem des Ratsuchenden beschreiben? Wie reagieren Sie? Dank der Paraphrase stellt sich heraus, dass die Belastung des Ratsuchenden aus einem Übermaß an Routinearbeit resultiert. Die abschließende Äußerung (dass man nie fertig wird) lässt eine gehörige Frustration erkennen. Der Coach wendet sich erneut den Gefühlen des Ratsuchenden zu und verbindet den Verlust der jugendlichen Ideale mit dem täglichen Klein-Klein zu „Stress durch Unterforderung“. Coach: Sie klingen gerade ziemlich verbittert, so als ob das, was Sie eigentlich geistig leisten können, nicht mehr benötigt wird. Ratsuchender: Da ist was dran. Also, richtig inhaltlich gefordert fühle ich mich schon lange nicht mehr. Ich sehe zu, dass mein Arbeitsberg nicht weiter wächst – abbauen werde ich ihn ohnehin nie können – und versuche eben, über die Runden zu kommen. In welchem Zusammenhang stehen Problem und bisherige Lösung? Wie reagieren Sie? Der Ratsuchende bestätigt seine Frustration und beschreibt, was ihn hat resignieren lassen. Der Coach möchte den Ratsuchenden vertiefen lassen, was er gerade über sein bisheriges Lösungsverhalten beschreibt und wendet den Gesprächsförderer Klären, auf den Punkt bringen an. Coach: Das hört sich nicht gerade begeistert an. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 357 357Anhang mit weiteren Übungen Ratsuchender: Wie auch? Das, was ich zu erledigen habe, kann ich im Halbschlaf. Das ist ja auch normal, also, ich meine, ich mache das ja nun schon seit sechs Jahren, da kennt man sich halt aus, die Prozesse sind ja immer die gleichen, da ist man als „alter Hase” natürlich schneller als die jüngeren Kollegen und bekommt prompt noch ein paar Vorgänge obendrauf. Welche Vermutung geht Ihnen hinsichtlich des Problems durch den Kopf? Wie reagieren Sie tatsächlich? Der Ratsuchende beschreibt, wie er seine Arbeit erlebt und in welchem Teufelskreis er sich verfangen hat. Der Coach geht auf dieses Gefühl vertiefend ein. Coach: Dann sind Sie quasi doppelt bestraft: Sie empfinden Ihre momentane Arbeit nicht nur als frustrierend, Sie werden auch noch mit Mehrarbeit bedacht, weil Sie schnell sind. Ratsuchender: So ist es. Kommt mal irgend eine Anfrage von außen oder passiert mal was außer der Reihe, dann nimmt sich das sofort mein Chef. Er macht das bestimmt gut, und das ist ja auch okay, dass er keine Lust auf den langweiligen Kram hat und sich lieber die Rosinen herauspickt. Aber auf Dauer nagt das irgendwie. Ich weiß nicht, ob Sie das versehen können, manchmal bin ich regelrecht sauer, so wenig gefragt zu werden. So, als ob er überhaupt keinen Respekt vor mir und meinen Möglichkeiten hat. Wer ist „Problemverursacher“? Wie können Sie den Ring der Verantwortung zurückschieben? Nach einer weiteren, klärenden Beschreibung der Arbeitssituation äußert der Ratsuchende, was ihm eigentlich zu schaffen macht (nagt irgendwie, regelrecht sauer) und wie er sich das Problem erklärt (Mein Chef hat keinen Respekt vor meinen Möglichkeiten). Der Coach holt den Ratsuchenden wieder bei dessen Gefühlen ab und bemüht sich den Ring der Verantwortung zurückzuschieben. Coach: Ja, das tut weh. Ich versuche mir gerade vorzustellen, wie langweilig und nervtötend Ihr Arbeitstag verläuft. Ratsuchender: Das erzähle ich Ihnen lieber nicht, sonst halten Sie mich für einen Spinner. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 358 Anhang mit weiteren Übungen358 Was will der Ratsuchende vermeiden? Wie reagieren Sie? Der Ratsuchende weicht aus, um nicht in einem schlechten Licht zu erscheinen (Filter der sozialen Erwünschtheit). Der Coach greift das Wort Spinner auf und transformiert – mit erlaubender Selbstverständlichkeit – die Nominalisierung in ein aktives Verb. Coach: Na ja, irgendwie müssen Sie ja über den Tag kommen, und dass man da zu spinnen anfängt, liegt doch auf der Hand. Ratsuchender: Okay, Sie haben es erkannt. Es stimmt, ich kann stundenlang vor mich hinträumen, ohne dass das jemandem auffällt. Irgendwie erledige ich dabei meinen Kram fast geistesabwesend. Was schält sich als eigentliches Problem heraus? Wie reagieren Sie? Allmählich erscheint das Problem des Ratsuchendem in einem ganz anderen Licht. Aus der anfänglichen Überlastung wurde Frustration wegen Unterforderung und nun erfahren wir, dass er seiner Arbeit fast geistesabwesend nachgeht. Der Coach reagiert verständnisvoll und spitzt gleichzeitig zu, wenn er die Not, in der der sich der Ratsuchende befindet, zum Thema macht. Coach: Ich vermute, dass Sie es anders gar nicht aushalten. Ratsuchender: (lacht) Stimmt. Aber auf Dauer halte ich das doch nicht aus. Vergleichen Sie die Eingangsäußerung und die jetzige Problembeschreibung? Welche Ideen gehen Ihnen durch den Kopf und wie reagieren Sie tatsächlich? Trotz lachender Bestätigung, dass der Coach seine bisherige Problemlösung auf den Punkt gebracht hat, ergänzt der Ratsuchende, dass diese Lösung dennoch Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 359 359Anhang mit weiteren Übungen keineswegs zielführend ist (halte ich auf Dauer doch nicht aus). Der Coach hört, wie sich der Ratsuchende als Opfer sieht. Er setzt einen Impuls, um die unausgesprochenen Erwartungen zu hinterfragen. Coach: Nun, Sie stören sich daran, dass Ihr Chef Sie so wenig ernst nimmt, Ihnen eigentlich keinen Respekt entgegenbringt. Irgendwie erwarten Sie, dass er das unaufgefordert tut, Sie also wertschätzend behandelt. Ratsuchender: (empört) Na hören Sie mal, er ist schließlich Vorgesetzter. Da sollte ja wohl drin sein. Oder? Wo befindet sich der Ring der Verantwortung? Wie reagieren Sie? Der Ratsuchende sieht seinen Vorgesetzten in der Verantwortung und blendet seinen eigenen Anteil bislang aus. Der Coach prüft welchen Anteil der Ratsuchende am belastenden Geschehen hat. Sich von jemandem nicht genügend respektiert zu fühlen, ist die eine Seite, die andere ist, dieser Respektlosigkeit bislang noch nichts aktiv entgegengesetzt zu haben, (andernfalls hätte der Ratsuchende das erwähnt). Coach: Ich frage mich, wo Sie sich selbst ernst nehmen, wie viel Wertschätzung Sie für sich selbst und Ihre Arbeitskraft aufbringen? So lange Sie auf alles, was Ihr Chef will, mit „Ja” und „Amen” reagieren, wird er kaum etwas ändern. Ratsuchender: Wollen Sie mir damit sagen, dass ich an meiner Misere selbst schuld bin? Das ist ein starkes Stück. (denkt lange nach.) Aber vielleicht haben Sie recht. Nur: Wie komme ich da raus? Welche Problemeinsicht hat der Ratsuchende? Wie können Sie seine Ressourcen aktivieren? Wie reagieren Sie tatsächlich? Der Ratsuchende empfindet die Erklärung des Coach zunächst als Zumutung, ist aber bereit, sich auf diesen Gedanken einzulassen. Wie bedrängend die neue Erkenntnis ist, wird an der sofortigen Suche nach einer Lösung deutlich (Wie Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 360 Anhang mit weiteren Übungen360 komme ich da raus?) Bei der Suche nach Ressourcen orientiert sich der Coach an den Gewohnheiten und Fähigkeiten des Ratsuchenden. Coach: Okay, Sie wollen etwas ändern. Dazu schauen wir Ihre Gewohnheiten an. Nehmen wir folgendes Beispiel. Morgen verkürzt sich eine anberaumte Sitzung und Ihr Chef entlässt die Runde bereits zehn Minuten früher als geplant. Wie gehen Sie mit der unerwarteten freien Zeit um? Ratsuchender: Ist doch klar. Ich eile an meinen Arbeitsplatz zurück und mache dort weiter, wo ich vor der Sitzung aufgehört habe. Wodurch blockiert sich der Ratsuchende? Wie kann der Ratsuchende zu einer alternativen Sichtweise kommen? Wie reagieren Sie? Der Ratsuchende erkennt in diesem Gedankenspiel noch keinerlei Lösungsmöglichkeit und ist blockiert durch seine vertrauten Verhaltensmuster. Der Coach nimmt das zwar „erlaubend“ zu Kenntnis, fordert jedoch auf, weiter zu denken. Coach: Das ist Ihnen vertraut. Und welche Möglichkeiten gäbe es noch? Ratsuchender: (denkt nach.) Gar nicht so einfach. (lacht.) Ich könnte einfach sitzen bleiben. Wie reagieren Sie? Der Ratsuchende erkennt, dass sein routiniertes Arbeiten ihn in einen völlig unreflektierten Trott gebracht hat, bei dem er mit Esels Geduld seinen Verpflichtungen nachkommt. Er benötigt einige Zeit zum Nachdenken, um sich überhaupt eine alternative Verhaltensweise auszudenken. Der Coach greift die Idee des Ratsuchenden auf und führt aus, wozu das Ich könnte einfach sitzen bleiben möglicherweise führt. Coach: Und ob Sie nun über die vorangegangene Sitzung nachdenken oder sich mit einem Kollegen noch über das Projekt unterhalten, Sie sind plötzlich in einer anderen Verfassung und erleben sich nicht länger als getrieben. Sie können sogar ganz absichtslos sitzen bleiben. Irgendetwas wird passieren. Ob Ihnen dabei eine Idee kommt oder Sie Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 361 361Anhang mit weiteren Übungen von anderen angesprochen werden, lässt sich nicht vorhersehen. Aber Sie durchbrechen auf jeden Fall Ihren Sie langweilenden Ablauf. Sie merken, es gibt viele Möglichkeiten. Ratsuchender: Das klingt verrückt einfach. Ich müsste es nur ausprobieren. Natürlich ist damit das Problem des Ratsuchenden nicht gelöst. Im weiteren Gespräch geht es dann um die Frage, was ihn bislang gehindert hat, alternative Verhaltensweise auszuprobieren und was ihn künftig davor zurückschrecken lässt. Dabei kommen auch Lebensmuster zur Sprache, so dass der Ratsuchende erkennt, was ihn in diese frustrierende Situation gebracht hat. Schließlich gilt es, seine Ressourcen zu aktivieren, beispielsweise seine „jugendlichen Ideale“ zu betrachten und zu schauen, wo und wie er diesen wieder folgen kann.

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References

Zusammenfassung

Ein guter Coach

Dieses neue Werk ist die Quintessenz aus 30 Jahren Ausbildungspraxis und erläutert die Grundfertigkeiten der beratenden Gesprächsführung. Eine Vielzahl von Gesprächsausschnitten aus realen Coachingsitzungen wird detailgenau analysiert und nachvollziebar kommentiert. Durch die konkreten Übungen und durch das zusätzliche Trainingsmaterial im Anhang können Sie Ihr eigenes Gesprächsverhalten gezielt und professionell optimieren. 26 Gesprächsausschnitte können als Audio-Datei herunter geladen werden und ergänzen das Gelesene um das hörbare Erleben.

Coaching-Gespräch: die Schwerpunkte

* Die eigene Grundhaltung erkennen

* Der Unterschied zwischen Coaching/Beratung und anderen Gesprächen

* Die Grundhaltung beeinflusst den Verlauf

* Kontakt herstellen und Vertrauen aufbauen

* Die Ebenen der Problemschilderung

* Die Problemsicht des Ratsuchenden

* Blockaden erkennen und auflösen

* Ziele des Ratsuchenden erkennen und hinterfragen

* Mit Ressourcen des Ratsuchenden arbeiten

* Mit Impulsen und Anregungen arbeiten

* Mit Feedback arbeiten

Der Coaching-Experte

Professor Dr. Christian-Rainer Weisbach, Universitäten Tübingen und Hohenheim, ist Lehrtrainer und Lehrcoach der European Coaching Association.