7. Kapitel: Blockaden erkennen und auflösen in:

Christian-Rainer Weisbach

Das Coachinggespräch, page 147 - 184

Grundlagen und Trainingsprogramm beratender Gesprächsführung

1. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-4488-9, ISBN online: 978-3-8006-4489-6, https://doi.org/10.15358/9783800644896_147

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Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 139 7. Blockaden erkennen und auflösen Unsere äußeren und inneren Empfindungen beeinflussen unser Denken. Nicht nur allzu große Hitze und Kälte lassen uns keinen klaren Gedanken produzieren, auch Stress oder andere Formen von Druck engen uns ein, wie wir umgekehrt höchst phantasievoll und kreativ im Zustand von Verliebtheit sind. Aber nicht nur die Gefühle wirken sich direkt auf die Denkfähigkeit aus, auch mittels Gedanken können wir unsere äußeren und inneren Empfindungen beeinflussen. Angenehme Phantasien lösen angenehme Gefühle aus und unangenehme Gedanken wirken sich direkt auf unsere Stimmung aus. Dieses Alltagsphänomen ist uns zwar vertraut, löst aber in der Regel Befremden aus, wenn wir die Eigenverantwortung für die selbst produzierte Gemütsverfassung zum Thema machen. Doch so wie angenehme erotische Phantasien zu angenehmen erotischen Regungen führen, wirken sich Vorstellungen von Versagen, Scheitern und Misserfolgen direkt auf die aktuelle Stimmung aus. Wiederholt sich diese Stimmung, entsteht über kurz oder lang eine Gemütslage, die auch als Grundstimmung bezeichnet wird. Dabei wird ein Ereignis bereits so gefiltert wahrgenommen, dass sich die vertrauten Empfindungen des Unterliegens einstellen. Bei der Problemtrance zeigte sich schon, wie stark die Fixierung auf das Problem das eigene Erleben und damit die eigene Handlungsfähigkeit einengt. Es ist ja nicht nur so, dass die „Ergebnisse“ die wir erzielen, maßgeblich durch unser Handeln beeinflusst werden. Vielmehr wirken unser Denken und die daraus resultierenden Stimmungen sowohl direkt auf unsere Handlungsfähigkeit als auch Handlungsbereitschaft und damit tatsächlich auch auf das, was anschlie- ßend geschieht. Diese Erkenntnis ist insoweit unangenehm, als sie uns mit unserer Verantwortung für gelingende oder misslingende Aktivitäten konfrontiert. Wie die Gestaltung eines Auftritts im Kopf vorweggenommen wird, zeigt folgendes Beispiel: Da gerät jemand auf dem Weg zu einer wichtigen Präsentation in einen Stau. Sein Blick fällt auf die dahin rinnende Zeit und unversehens befindet er sich in einem Selbstgespräch: Ich hätte zeitiger aufbrechen sollen. Ich bin auch ein Idiot. Ich komme in jedem Fall zu spät. Zu blöd aber auch. Womöglich fangen die schon ohne mich an. Das sieht denen ähnlich. Ich sehe schon das fiese Grinsen von den Leuten vom Wettbewerb, wenn ich völlig abgehetzt den Raum betrete. Meine Präsentation ist sowieso nicht der Knaller. Ist ja auch klar, wie soll man in vierzehn Tagen etwas Gescheites entwickeln. Die Blamage ist doch schon programmiert. Oh wäre es doch bloß schon 16 Uhr, dann hätte ich es hinter mir und könnte getrost nach Hause fahren. Usw. Nach dieser katastrophalen gefühlsmäßigen Einstimmung, fällt es nicht schwer, sich auszumalen, wie der Auftritt tatsächlich ausfällt. Wir unterliegen Denkgewohnheiten und Denkmustern, die förderlich oder eben auch hinderlich sein können. Und gerade Gewohnheit ist dabei zentral, 7. Blockaden erkennen und auflösen Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 140 7. Blockaden erkennen und auflösen140 denn ihre Wirkung entfalten Denkmuster, wenn sie regelmäßig, eben gewohnheitsmäßig zur Anwendung kommen. Während förderliche Denkmuster problemlösend wirken, haben wir es im Coaching vorzugsweise mit destruktiven Mustern zu tun, die den Ratsuchenden bislang daran gehindert haben, sein Problem aus eigener Kraft zu meistern. Diese Denkgewohnheiten beeinflussen das Verhalten so, dass man in Form der bekannten Self-fulfilling Prophecy, der selbsterfüllenden Prophezeiung, genau das bekommt, was man erwartet. Dabei übersieht der „Prophet“ geflissentlich den eigenen Anteil am Zustandekommen des Ergebnisses. Wobei noch der zusätzliche Aspekt hinzukommt, dass sogar die Bestätigung einer negativen Vorhersage das Gefühl eines „Erfolges“ erzeugt und sich das Denkmuster dadurch noch weiter verfestigt. Typische Beispiele für solche Muster sind: Niemand mag mich. Dafür habe ich keine Begabung. Das Leben ist total ungerecht. Die anderen haben überhaupt keine Ahnung. Das ist alles meine Schuld. Immer passieren mir Fehler. Hat doch sowieso alles keinen Zweck. In diesen Aussagen zeigt sich deutlich die schädliche Wirkung derartiger Denkmuster: Wer glaubt, dass ihn niemand mag, wird auf andere sehr vorsichtig zugehen. Wer an seiner Begabung zweifelt, wird sich schwer tun, sich richtig anzustrengen. Wer denkt, dass alle anderen doof sind, kann sich zwar momentan im Gefühl selbsterdachter Überlegenheit sonnen, endet langfristig aber in der Isolation. Viele Menschen neigen im Alltagsgespräch dazu, den negativen Denkmustern ihres Gegenübers zu widersprechen, nach dem Motto: Niemand mag mich. Dafür habe ich keine Begabung. Das Leben ist total ungerecht. Die anderen haben überhaupt keine Ahnung. Das ist alles meine Schuld. Immer passieren mir Fehler. Hat doch sowieso alles keinen Zweck. Das ist doch Blödsinn, wir schätzen dich alle sehr. Das stimmt doch gar nicht, du bist begabt. Du siehst das viel zu negativ. So pauschal kann man das nicht sagen. Nein, das liegt nicht nur an dir … Das kommt mal vor, du bist doch sonst total fit. Kopf hoch, das wird schon werden! Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 141 1417. Blockaden erkennen und auflösen Doch dieser Widerspruch wirkt geradezu verstärkend und führt zu einer weiteren Runde, die eigene Denkweise für angemessen zu halten und geradezu rechthaberisch zu verteidigen. Die klassische Gesprächsstruktur, die sich dabei entwickelt lautet: Aber nein. – Aber doch! Da diesen Aussagen jedoch eine Verallgemeinerung zugrunde liegt, kann deren Absolutheitsanspruch hinterfragt werden. Die Reaktion fällt nämlich ganz anders aus, wenn der Coach die Sichtweise des Ratsuchenden sowohl respektvoll anerkennt (= affektive Rahmung) als auch relativierend überprüft. Dazu wird der Gesprächspartner indirekt aufgefordert, seine Sichtweise genauer zu beschreiben, damit aus einer losgelösten (= absoluten) Verallgemeinerung eine konkrete Einzelaussage wird, beispielsweise: Niemand mag mich. Dafür habe ich keine Begabung. Das Leben ist total ungerecht. Die anderen haben überhaupt keine Ahnung. Das ist alles meine Schuld. Immer passieren mir Fehler. Hat doch sowieso alles keinen Zweck. Das muss schmerzlich sein. Ich stelle mir vor, dass Sie dabei gerade an jemand Bestimmtes denken. So etwas kann einen ganz schön ernüchtern. Sie stellen sich vor, dass man dafür Begabung braucht. Ja, das tut weh. Sie haben da gerade eine schmerzliche Erfahrung gemacht. Sie klingen genervt. Irgendwie scheinen Sie der einzige mit Ahnung zu sein. Sie sind ganz niedergeschlagen und übernehmen die komplette Verantwortung. Sie sind fürchterlich verärgert, dass das so geschehen ist. Wenn Sie immer sagen, kennen Sie bereits das Ergebnis, bevor Sie anfangen. Sie hören sich ganz resigniert an. Wobei es in der Tat wenig zielführend wäre, sich für etwas Zweckloses anzustrengen. Sie sehen, dass meine Erwiderungen wieder in Form einer Feststellung formuliert sind. Sie wirken allerdings nur dann förderlich, wenn sie wie selbstverständlich, eben im Tonfall der Beiläufigkeit erfolgen und dem Ratsuchenden vermitteln, dass seine Sichtweise durchaus „okay“ ist und dass die damit verbundenen Gefühle wirklich beeinträchtigend sind. Im anschließenden Satz wird etwas genauso selbstverständlich festgestellt, was dazu einlädt, andere Erklärungen in Betracht zu ziehen oder zu erkennen, dass es weitere Möglichkeiten gibt, den Sachverhalt zu erleben. Im Coaching arbeiten wir mit dem, was uns der Ratsuchende mitteilt. Das ist nicht nur alles, was er äußert, sondern auch seine Körpersprache, zu der ja neben Mimik und Gestik auch der Tonfall gehört. Da Sprache in der Regel unbewusst verwendet wird, merkt der Ratsuchende gar nicht, wie sehr er sich Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 142 7. Blockaden erkennen und auflösen142 gedanklich einengt. Hier kommt dem Coach die anspruchsvolle Aufgabe zu, mit Fingerspitzengefühl die sprachlich einschränkenden Formulierungen zu hinterfragen, um dem Ratsuchenden immer wieder bewusst zu machen, dass jeder seiner Verhaltensweisen eine Entscheidung zugrunde liegt – in den allermeisten Fällen durchaus unbewusst – und es in seiner Verantwortung liegt, sich gegebenenfalls auch anders zu entscheiden und zu verhalten. Das meiste, was Ratsuchende im Coaching äußern, klingt logisch und nachvollziehbar. Um die unterschwelligen Einschränkungen zu erkennen, bedarf es eines geradezu minutiösen Zuhörens, bei dem die Bedeutung einzelner Wörter und sprachlicher Bilder hinterfragt wird. Unsere Sprache stellt uns verschiedene Verallgemeinerungen zur Verfügung, damit wird nicht immer einzelne Dinge oder Ereignisse benennen müssen, sondern uns auf den verallgemeinernden Oberbegriff beschränken können. So steht das Wort „Wald“ für die umständliche Beschreibung „Pflanzenformation, die vorzugsweise eine mit verschiedenen Bäumen bewachsene Fläche bedeckt“. Verallgemeinernde Überbegriffe erleichtern die Verständigung. Fragwürdig wird es jedoch, wenn die Verallgemeinerung gar nicht zutrifft, also das Allgemeingültige in Wirklichkeit ein Einzelfall ist. Der schlichte Satz: Keiner versteht mich ist so eine typische Verallgemeinerung. Im Beratungsgespräch gilt es, die tatsächliche Bedeutung dieser Äußerung zu erfassen, also wer genau versteht den Ratsuchenden nicht, bzw. von wem genau möchte er gern verstanden werden. Hört der Coach Aussagen, die keine Ausnahme zulassen oder die jeden ansprechen sollen, registriert er die damit einhergehende Verallgemeinerung. Statt jedoch die dargestellte Sichtweise zu übernehmen, hinterfragt er die Aussage, damit der Ratsuchende für sich klären kann, was er eigentlich ausdrücken möchte. Dieses Hinterfragen wird grundsätzlich affektiv gerahmt und drückt das Bemühen des Coach aus, sich einzufühlen und verstehen zu wollen. Beispielsweise lässt sich der Satz Keiner versteht mich so hinterfragen: Das stelle ich mir schmerzlich vor. Wobei mir nicht klar ist, wen Sie mit keiner meinen. Oder: Sie klingen schwer enttäuscht. Ich frage mich gerade, wer Sie verstehen soll, also von wem Sie es sich am meisten wünschen. Oder: Wie bitter. Ich merke gerade, dass ich mir noch gar nicht vorstellen kann, wen Sie genau meinen. Das Hinterfragen erfolgt hier wie ein lautes Nachdenken des Coach. Indem er mitteilt, was er sich nicht vorstellen kann, was ihm noch unklar ist oder was er sich gerade fragt, lädt er den Ratsuchenden ein, sich noch deutlicher auszudrücken. Im Unterschied zur direkten Frage erleichtert das indirekte Fragen, im Tonfall der Beiläufigkeit zu bleiben. Dies führt erfahrungsgemäß zu einer spontanen Vertiefung der bisherigen Äußerungen. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 143 1437. Blockaden erkennen und auflösen Versuchen Sie die folgenden Verallgemeinerungen zu hinterfragen. Natürlich wird es wieder mehrere mögliche „Lösungen“ oder Nachfragen geben. Aussage des Ratsuchenden Mögliches Hinterfragen (in Aussagesätzen!) 1. „Jeder hat mal Ärger, ist doch so!“ 2. „Niemand hilft mir.“ 3. „Immer werde ich kritisiert.“ 4. „Alle wollen doch nur dasselbe.“ 5. „Keiner übernimmt Verantwortung.“ 6. „Nie befolgt er meinen Rat.“ 7. „Offensichtlich will er mich ärgern.“ 8. „Seine Fehler sind unübersehbar.“ 9. „Offenbar will er mich nicht fördern.“ 10. „Die Kritik ist unverkennbar ungerecht.“ Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 144 7. Blockaden erkennen und auflösen144 Dankenswerterweise konnte ich auf Antworten aus meinen Ausbildungsgruppen zurückgreifen: Aussage des Ratsuchenden Mögliches Hinterfragen (in Aussagesätzen!) 1. Jeder hat mal Ärger, ist doch so! Ich frage mich gerade, wer sich tatsächlich ärgert. 2. Niemand hilft mir. Ich überlege mir gerade, wessen Hilfe Ihnen besonders lieb wäre. 3. Immer werde ich kritisiert. Mir ist nicht klar, ob es auch Situationen gibt, in denen Sie nicht kritisiert werden. 4. Alle wollen doch nur dasselbe. Ich versuche mir vorzustellen, was alle genau wollen. 5. Keiner übernimmt Verantwortung. Ich überlege mir, an wen Sie dabei konkret denken. 6. Nie befolgt er meinen Rat. Mir ist noch nicht ganz klar, was er stattdessen tut. 7. Offensichtlich will er mich ärgern. Ich frage mich gerade, für wen das ebenso offen zu sehen ist wie für Sie. 8. Seine Fehler sind unübersehbar. Da frage ich mich, wer genau diese Sichtweise teilt. 9. Offenbar will er mich nicht fördern. Mir geht gerade durch den Kopf, ob sich das für alle anderen auch so offenbart. 10. Die Kritik ist unverkennbar ungerecht. Mit ist nicht klar, für wen genau das nicht zu verkennen ist. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 145 1457. Blockaden erkennen und auflösen Im Alltagsgespräch hilft uns der Kontext, das Gehörte zu interpretieren, ohne dass wir jedes Wort auf die Goldwaage legen müssen. Indem wir jedoch die Äußerungen unseres Gesprächspartners deuten, übernehmen wir unausgesprochen dessen Sichtweise. Bei folgendem Beratungsgespräch können Sie erkennen, wie alltägliche Verallgemeinerungen die Problemsicht beherrschen und in eine Problemtrance führen: Ratsuchende: Immer hat mein Mann etwas an mir auszusetzen. Coach: Sie denken da gerade an eine bestimmte Situation. Ratsuchende: Ja. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Gestern habe ich gesagt: ,Alle Menschen müssen an sich arbeiten.‘ Stimmt doch auch, oder? Ich arbeite ja schließlich auch an mir, und darum kann man das doch auch so sagen. Na ja, mein Mann hat nur gesagt: ,Du mit deinen Lebensweisheiten.‘ und ist kopfschüttelnd aus dem Zimmer gegangen. Wie finden Sie das? Coach: Sie sagten: ,Alle Menschen‘. Ich vermute, Sie denken da an irgendeinen ganz bestimmten Menschen. Ratsuchende: Na ja, ich habe schon an meinen Mann gedacht. Ich finde, dass er ruhig mehr an sich arbeiten könnte, ich tue das doch auch, und zwar täglich. Coach: Wenn ich Sie richtig verstehe, wollten Sie sagen: Du musst mal ein bisschen an dir arbeiten. Nun überlege ich mir gerade, woran Ihr Mann denn arbeiten soll. Was soll er denn be-arbeiten? Ratsuchende: Wenn Sie so fragen, ich finde, er ist zu bequem, seine Bequemlichkeit stört mich schon lange, die sollte er endlich ablegen. Coach: Sie sagen, Ihr Mann ist Ihnen zu bequem. Ich kann mir noch gar nicht konkret vorstellen, an was Sie dabei denken, also was Sie genau stört. Ratsuchende: Nun, er soll endlich die Steuererklärung fertig machen, damit ich das nicht wieder machen muss, und dann soll er sich sonntags endlich mal aufraffen, mit den Kindern etwas zu unternehmen, so dass ich mal für ein paar Stunden meine Ruhe habe. Aber dazu ist er ja zu bequem, mein lieber Mann. Coach: Sie möchten gern, dass Ihr Mann zwei Sachen erledigt: Zum einen wünschen Sie sich die Steuererklärung vom Hals und zum anderen möchten Sie sonntags einige Stunden Zeit nur für sich. Was glauben Sie würde passieren, wenn Sie Ihrem Mann das ganz genau so sagen würden, wie wir das jetzt hier durchsprechen? Ratsuchende: Sie wollen doch nicht etwa behaupten, dass das an mir liegt, dass er mich nicht versteht? Schließlich muss er doch merken, was es zu tun gibt. Das muss man ihm doch nicht jedes Mal eigens sagen. Coach: Eine derartige Sichtweise kommt Ihnen völlig abwegig vor. So möchten Sie das auf keinen Fall sehen. Ratsuchende: Darum geht’s doch gar nicht. Bislang stecke ich doch immer zurück und setze mich für die Familie ein, was ich ja auch gern mache. Aber warum immer nur ich? Ist das denn zu viel verlangt, wenn sich mein lieber Mann auch einmal um die Familie kümmert? Coach: Sie fühlen sich irgendwie ausgenutzt, weil alles an Ihnen hängt. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 146 7. Blockaden erkennen und auflösen146 Ratsuchende: So kann man das sagen. Keiner sieht, was ich alles anstandslos mache, geschweige denn, dass jemand mal auf die Idee käme, mich zu unterstützen. Coach: Im Klartext höre ich gerade, dass Sie sich wünschen, dass Ihr Mann nicht nur sieht und würdigt, was Sie für die Familie leisten, sie möchten auch unaufgefordert unterstützt werden. Aber über diesen sehr grundsätzlichen Wunsch möchten Sie mit Ihrem Mann nicht sprechen. Ratsuchende: Mm. Jetzt sind wir wieder bei mir. Muss ich allen Ernstes meinem Mann erklären, was ich will? Coach: Müssen natürlich nicht. – Ich kann verstehen, dass es allemal einfacher wäre, wenn Wünsche ohne eigenes Zutun in Erfüllung gehen. Es ist Ihre Entscheidung, weiterhin zu warten, zu hoffen und sich zu ärgern oder sich aktiv selbst darum zu kümmern, dass Ihre Wünsche gehört und ernst genommen werden. Ratsuchende: Also liegt es doch an mir. Das ergibt eine komplett andere Sichtweise, also Sie können einen ganz schön verwirren … Solange die Ratsuchende in der Problemsicht verharrt, dass ihr Mann zu bequem sei, richten sich alle ihre Bemühungen darauf, ihren Mann zu verändern. Erst das Umformulieren von Verallgemeinerungen in konkrete Wünsche löst die Blockade und erlaubt, das Problem auf andere Weise anzugehen, beispielsweise sich über grundlegende Erwartungen zu verständigen. Um zu erkennen, wo sich der Ratsuchende selbst blockiert, ist es immer wieder hilfreich den Ring der Verantwortung zu betrachten und während des Zuhörens zu prüfen, wie weit der Ratsuchende von sich und seinen Entscheidungen, Ab- und Ansichten spricht oder wie weit er hinter allgemeinen Aussagen geradezu verschwindet. Neben dem häufig zu hörenden Man gibt es das völlig unpersönliche Es, mit dem der Ratsuchende indirekt seinen Anspruch zum Ausdruck bringt, dass etwas allgemeingültig ist, bzw. grundsätzlich gilt. In Verbindung mit dem unscheinbaren Wort ist ergibt sich eine Aussage, die absolut wirkt und doch zumeist nur eine persönliche Bewertung darstellt. Während die folgenden Beispiele problemlos als absolut gelten mögen: Gold ist ein Edelmetall. Eis ist gefrorenes Wasser. Der Januar ist der erste Monat im Jahr. sieht das bei den folgenden Sätzen schon ganz anders aus: Das ist doch klar. Das ist offensichtlich falsch. Unverkennbar ist das ein schlechtes Angebot. Wieder einmal geht es ums präzise Zuhören. Es mag helfen, sich zu vergegenwärtigen, wie wir in unserer Sprache mit dem unscheinbaren Wort ist umgehen. Solange das Ist als Hilfszeitwort verwendet wird, hat es für uns nur eine temporale Bedeutung, z. B. Er ist gegangen. Sie ist erschienen. Es ist passiert. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 147 1477. Blockaden erkennen und auflösen Ebenso wird das Ist als Vollverb keinerlei Interpretationsprobleme verursachen, solange damit das Vorhanden-Sein von etwas beschrieben wird. Er ist Lehrer. Sie ist im Büro. Es ist da. Besondere Achtsamkeit ist jedoch geboten, wenn die individuelle Anschauung hinter einem verallgemeinernden Ist verschwindet. Sobald eine Meinung, eben die persönliche Sichtweise, mit einem Ist-Satz ausgedrückt wird, ist der Coach gefordert, die Sätze umzuformulieren, um den Ring der Verantwortung stets zum Ratsuchenden zurückzuschieben. Denn dieser sitzt im Coaching und seine Bewertung beeinflusst maßgeblich die Problemsicht, die ihn so blockiert, dass er Beratung in Anspruch nimmt. Achten Sie bei den folgenden Beispielen auf das umschreibende Zuhören: Das Quartalsende ist der reinste Stress. Sie erleben das als unangenehm stressig. Dieser Projektbericht ist doch eine einzige Quälerei. Sie quälen sich mit diesem Bericht. Ein Mitarbeitergespräch ist pure Zeitverschwendung. Sie möchten Ihre Zeit nicht mit derartigen Gesprächen vergeuden. Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, dass der Coach bei seiner Umformulierung nicht nur den persönlichen Bezug herstellt, sondern die Substantivierungen, (man spricht auch von Nominalisierungen), auflöst und stattdessen ein vergleichbares Verb verwendet. Der Nominalstil gilt als typisch für die Schriftsprache und besonders für das Amtsdeutsch, beispielsweise: Die Erlangung der Rückeinstufung setzt eine Antragseinreichung in doppelter Ausfertigung unter Beifügung eines Belegs über die Gebührenentrichtung voraus. Doch diese oftmals schwerfällig wirkende Ausdrucksweise wird umgangssprachlich auch gern verwendet, um einen Sachverhalt objektiver erscheinen zu lassen, so dass er unabhängig von einer konkret handelnden Person erscheint. Zusätzlich wirkt ein nominaler Ausdruck eindeutiger und unveränderbarer als die analoge verbale Form. Sie mögen das gerade prüfen: Die Entscheidung ist gefallen Ich habe mich entschieden. Die Verzweiflung drückt mit Macht. Ich bin mächtig verzweifelt. Man hat halt Sorgen wegen seiner hohen Erwartungen. Ich bin besorgt, weil er sehr viel erwartet. Während in dem Beispielsatz das Wort Entscheidung wie etwas Abgeschlossenes und damit Unveränderliches wirkt, betont die verbalisierte Form sich entscheiden den Prozesscharakter und eröffnet – quasi automatisch – die Möglichkeit, sich neu oder um zu entscheiden. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 148 7. Blockaden erkennen und auflösen148 Ebenso erscheint Verzweiflung wie etwas von außen Kommendes, das einen gewissermaßen heimsucht und doch nichts mit einem zu tun hat, während verzweifelt sein eine spürbare Konfrontation mit dem momentanen Fühlen darstellt. Und die Sorgen, die man halt hat, gehören nicht in die persönliche Verantwortung, sondern sind mehr etwas, das einen überfällt, so wie eine Grippe. Hingegen eröffnet die Formulierung ich bin besorgt, weil er sehr viel erwartet eine genaue Betrachtung dessen, was sich aus dem besorgt sein ergibt um beispielsweise zu prüfen, wie viel tatsächlich erwartet wird. Um die sich daraus ergebenden Blockaden des Ratsuchenden aufzulösen, gilt es, das Statische in der nominalen Sprechweise des Ratsuchenden zu überprüfen. Der Nominalstil gibt sich den Anschein innerlich abgeschlossen, besitz- und handhabbar zu sein. Und genau das ist täuschend. Wenn wir das, was wir erfahren und erleben, von uns trennen und wie ein Ding behandeln, dann haben wir noch lang nichts im Griff. Die Angst, nachts allein durch die Unterführung zu gehen, lässt mich jedes mal einen großen Umweg machen. Mit diesem Satz wird vorgegeben, dass diese Angst etwas Dingliches, etwas vom Ratsuchenden Unabhängiges sei, ja dass diese Angst sogar die Fähigkeit besitze, jemanden zu veranlassen, ihretwegen einen großen Umweg zu machen. Transformiert der Coach den Satz in die Verlaufsform landet der Ring der Verantwortung wo er hingehört: Sie fürchten sich davor, nachts allein durch die Unterführung zu gehen und entscheiden sich darum jedes mal einen großen Umweg zu machen. Solange ein Verlauf als Ereignis und damit als etwas Abgeschlossenes dargestellt wird, kommt der Ratsuchende gar nicht auf den Gedanken, dass etwas veränderbar sein könnte; oder um in einem Bild zu sprechen: Solange der Ratsuchende ein Gewässer für stehend hält, kommt er gar nicht auf die Idee, dass er sich darauf forttragen lassen kann, hält einen Fluss für einen See. Und gerade dieses Bewusstsein von Veränderbarkeit ist so wichtig, wenn wir nicht mehr weiter wissen, wenn wir ratlos sind, nach einem Ausweg aus dem suchen, was uns gerade zu schaffen macht. Gelingt es im Coaching, vom Erleben auszugehen, statt vom Ereignis, wird es möglich, Probleme differenzierend zu betrachten und zu begreifen. Das eröffnet die Möglichkeit, anders als bislang zu handeln. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 149 1497. Blockaden erkennen und auflösen Die folgende Übung lädt Sie ein, sich im Umformulieren von Nominalisierungen und unpersönlichen Aussagen zu üben. Natürlich wird es wieder mehrere mögliche „Lösungen“ geben. Aussage des Ratsuchenden Mögliche Umformulierung 1. Vor lauter Unterdrückung des Ärgers wird man noch ganz krank. 2. Diese Überlegungen bedürfen einer genauen Prüfung. 3. Die Abstimmung erhält niemals mein Einverständnis. 4. Diese Forderung ist die reinste Zumutung. 5. Fehlende Zuversicht kann einem die Hoffnung rauben. 6. Unzuverlässigkeit ist einfach unverzeihlich. 7. Die vielen Zweifel erschweren einem die Entscheidung. 8. Man sieht doch, dass sie voller Neid sind. 9. Eine derartige Ergebnispräsentation ist der reinste Hohn. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 150 7. Blockaden erkennen und auflösen150 Sie können im Folgenden Ihre Umformulierungen mit denen meiner Ausbildungsteilnehmer vergleichen, die oftmals die Schlüsselwörter der Ratsuchenden unterstrichen hatten, ehe sie ihre Umschreibung ausformuliert haben. Aussage des Ratsuchenden Mögliches Umformulierung 1. Vor lauter Unterdrückung des Ärgers wird man noch ganz krank. Sie befürchten krank zu werden, wenn Sie Ihren Ärger weiterhin unterdrücken. 2. Diese Überlegungen bedürfen einer genauen Prüfung. Sie möchten genau prüfen, was da überlegt wurde. 3. Die Abstimmung erhält niemals mein Einverständnis. Was da abgestimmt wurde, geht Ihnen gegen den Strich. Sie sind damit ganz und gar nicht einverstanden 4. Diese Forderung ist die reinste Zumutung. Sie empfinden das als anmaßend, was von Ihnen gefordert wird. 5. Fehlende Zuversicht kann einem die Hoffnung rauben. Das macht sie ganz hoffnungslos, so wenig zuversichtlich zu sein. 6. Unzuverlässigkeit ist einfach unverzeihlich. Unzuverlässiges Verhalten zu verzeihen, geht Ihnen gegen den Strich. 7. Die vielen Zweifel erschweren einem die Entscheidung. Sie können sich gerade gar nicht entscheiden, so sehr zweifeln Sie. 8. Man sieht doch, dass sie voller Neid sind. Sie vermuten, dass sie neidisch sind. 9. Eine derartige Ergebnispräsentation ist der reinste Hohn. Sie fühlen sich verhöhnt, wenn diese Leistung präsentiert wird. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 151 1517. Blockaden erkennen und auflösen Es kann durchaus vorkommen, dass der Ratsuchende Ihre Umformulierung ablehnt. Doch alle Erfahrung lehrt, dass er nicht nur nein sagt, sondern anschließend sehr viel genauer äußert, was er eigentlich hat sagen wollen. Ein weiteres Denkmuster, das blockieren kann, verbirgt sich hinter logisch klingenden Bedingungssätzen nach dem Muster: „Wenn x, dann …“ Doch was sich vernünftig und durchdacht anhört, ist besonders problematisch, weil es zunächst folgerichtig klingt, wenn Bedingungen genannt werden, unter denen man weiter vorgehen möchte. Erst in den Bedingungen selbst sind dann unrealistische oder unerfüllbare Forderungen an das Leben, an andere oder an sich selbst enthalten, erkennbar am Konjunktiv irrealis (würde, könnte, sollte): Wenn ein neuer Amtsleiter käme, (dann) würde ich mich voll einsetzen. Wenn ich für ein Jahr freigestellt würde, (dann) könnte ich mit den Kindern verreisen. Wenn ich ein Darlehen erhielte, (dann) würde ich mich sofort selbständig machen. Wenn ich Personalverantwortung hätte, (dann) sollte mir das wohl gelingen. Wenn sich mein Kollege entschuldigt, würde ich ihm verzeihen. In allen diesen Sätzen wird die Verantwortung weit weggeschoben, auf andere und die widrigen Umstände. Um jedoch die Verantwortung wieder dorthin zu verlagern, wohin sie nun einmal gehört, können Sie die Konsequenz der jeweiligen Aussage mit ruhigen Worten ansprechen. Dazu nutzen Sie wieder das mathematische Prinzip, wonach eine Aussage wahr bleibt, wenn links und recht vom Gleichheitszeichen dasselbe gemacht wird. Aus Wenn x, dann … wird entsprechend Wenn nicht x, dann nicht … So wird aus den Beispielsätzen: Wenn ein neuer Amtsleiter käme, dann würde ich mich voll einsetzen Mit anderen Worten, solange kein neuer Amtsleiter kommt, werden Sie sich nicht voll einsetzen. Wenn ich für ein Jahr freigestellt würde, dann könnte ich mit den Kindern verreisen. Das heißt, dass Sie vorerst nicht mit Ihren Kindern verreisen werden. Wenn ich ein Darlehen erhielte, dann würde ich mich sofort selbständig machen. Also bleiben Sie solange in Ihrer jetzigen Position, bis dieses Darlehen kommt. Wenn ich Personalverantwortung hätte, dann sollte mir das wohl gelingen. In Konsequenz heißt das, es wird Ihnen nicht gelingen, solange Sie keine Personalverantwortung haben. Wenn sich mein Kollege entschuldigt, würde ich ihm verzeihen. Mit anderen Worten, Sie werden ihm in keinem Fall verzeihen, bevor er sich nicht entschuldigt hat. Manche Denkmuster haben eine geradezu suggestive Wirkung, man spricht in diesem Zusammenhang auch von negativen Suggestionen. Es handelt sich dabei Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 152 7. Blockaden erkennen und auflösen152 um unhinterfragte Einschränkungen der eigenen Handlungsfreiheit in Form von Glaubenssätzen, einer Mischung aus Verallgemeinerungen, unpersönlichen Forderungen (man, es ist) und kategorischen Ansprüchen (müssen, sollen). Ein typisches Beispiel dafür ist der Satz: So etwas tut man doch nicht! Wenn Aussagen der Art Ich muss/müsste …, Ich sollte …, Man darf nicht … anklingen, steckt häufig so ein Glaubenssatz dahinter. Die Frage, die sich dann stellt, ist jeweils: Wer sagt das eigentlich? Woher kommt diese Regel? Genau darauf zielt Coaching, nämlich die darin enthaltene generelle Aussage zunächst anzusprechen und bewusst zu machen, damit sie überprüft werden kann, um so die damit verbundene Blockierung aufzulösen. Behutsames Hinterfragen von Glaubenssätzen verlangt vom Ratsuchenden, eine Entscheidung zu treffen, was er persönlich wirklich will. Ratsuchender: Ich muss das einfach schaffen. Coach: Sie sagen gerade, Sie müssen. Diese betonte Wiederholung bringt den Ratsuchenden dazu, sich Rechenschaft darüber abzulegen, woher dieses Ich muss stammt und wie viel eigener Wille dahinter steckt. Denn dann könnte der Satz auch lauten: Ich will das einfach schaffen. Ratsuchender: Das kann man ja nicht einfach so machen. Coach: Sie sagen das so überzeugt, dabei ist mir gar nicht klar, was eigentlich dagegen spricht. Zeigt sich, dass die Aussage auch dann aufrecht erhalten werden soll, wenn der Ratsuchende für sich selbst spricht, kann sie entsprechend umformuliert werden: Ich entscheide mich, das nicht einfach so zu machen. Auch hier schiebt der Coach den Ring der Verantwortung behutsam Richtung Ratsuchenden. Dadurch kann aus der unreflektierten Befolgung von dogmatischen und kompromisslosen Grundsätzen eine reflektierte Entscheidung für oder auch gegen einen bislang für gültig erachteten Glaubenssatz erfolgen. Am Beginn dieses Kapitels hatte ich beispielhaft gezeigt, wie sich jemand gefühlsmäßig auf eine bevorstehende Präsentation einstimmt und blockiert. Wer jedoch die eigenen negativen Gefühle wahrnimmt und Verantwortung für sein katastrophales Denken übernimmt, kann das Gespräch emotional intelligent fortspinnen, beispielsweise: Ich merke gerade, wie ich mich in eine schlechte Verfassung bringe. Irgendwie habe ich vor dieser Präsentation Angst und würde mich am liebsten drücken. Es ist klar, dass mir unbehaglich zumute ist. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass die anderen in der Kürze der Zeit eine weitaus bessere Präsentation entwickelt haben? Am besten rufe ich an und teile mit, wo ich gerade stehe. Dann kann ich immer noch entscheiden, was ich als nächstes unternehme. Usw. Was wir uns und wie wir uns innere Bilder vorstellen wird internale Repräsentation genannt. Diese innere Vorstellung wirkt wie ein Programm. Bringen wir uns in einen ressourcenschwachen Zustand fallen unsere Handlungen entsprechend aus. So grotesk es klingt, wir fühlen uns von dem dann eintretenden, niederschmetternden Ergebnis nicht nur nicht überrascht, sondern setzen das Selbstgespräch geradezu rechthaberisch fort: Ich wusste es doch, dass das so kommen musste. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 153 1537. Blockaden erkennen und auflösen Es ist keineswegs Aufgabe des Coach die Grundsätze des Ratsuchenden zu bewerten oder seine persönlichen Überzeugungen dagegen zu halten. Das Hinterfragen von Glaubenssätzen dient ausschließlich der Bewusstmachung. Dadurch schwindet die immanente suggestive Kraft und der Ratsuchende sieht sich plötzlich aufgefordert, eine ganz persönliche Entscheidung zu treffen, die sich auf die konkrete Situation bezieht und unabhängig von grundsätzlichen Regeln umgesetzt werden kann. Für viele Ratsuchende ist es völlig ungewohnt, so mit der eigenen Verantwortung konfrontiert zu werden und sich zu vergegenwärtigen, dass sie fortlaufend Entscheidungen treffen. Auch negative Suggestionen können so vertraut sein, dass sich mancher schwer tut, diese aufzugeben. Für einige bricht gar eine Welt zusammen, wenn sie erkennen, dass sie manches Dogma unreflektiert übernommen haben. Der Coach wird auch hier auf empörte Abwehr mit verständnisvollem Zuhören reagieren (= affektiv Rahmen) und dem Ratsuchenden Raum und vor allem Zeit gewähren, sich seiner tatsächlichen Verantwortung bewusst zu werden. Dabei macht sich der Coach immer wieder klar, dass eine veränderte Sichtweise unangenehm irritieren kann und sich der Ratsuchende verständlicherweise an dem festhalten will, was ihm bislang vertraut war. Bei dem folgenden Ausschnitt aus einem Coachinggespräch können Sie prüfen, welche spontanen Bilder beim ersten Lesen entstehen und in einem zweiten Schritt unterstreichen Sie alle Wörter, die vordergründig klar wirken, aber überprüft werden müssen, um herauszufinden, was eine Behauptung ist und was wirklich eine Tatsache darstellt? Ratsuchender: Ich bin in einer ausweglosen Situation. Einerseits sollte ich mich über die Auftragslage freuen, denn wir sind komplett ausgelastet, andererseits halte ich das nicht mehr lange durch. Schon jetzt arbeite ich bis zu 16 Stunden am Tag. Das bleibt ja nicht ohne Auswirkung auf die Familie, von der Gesundheit ganz zu schweigen. Man mag spontan denken: Oh je, der Ärmste, doch eine Situation als ausweglos zu beschreiben, klingt zwar dramatisch, ob jedoch wirklich keine Alternativen denkbar sind, müsste geprüft werden. Die Formulierung sollte mich freuen lässt offen, wessen Anspruch das ist und worüber sich der Ratsuchende tatsächlich freut. Auch die Behauptung ich halte das nicht mehr lange durch erscheint zwar nachvollziehbar, gleichzeitig bleibt ungeklärt, seit wann das so geht und wie lange genau? Ebenso bleiben die befürchtete Auswirkung auf die Familie und die Gesundheit im Dunkeln. Coach: Wenn Sie sagen ausweglos, dann hört sich das so an, als ob sich daran unter keinen Umständen etwas ändern ließe. Ratsuchender: So ist es. Die Arbeit muss ja getan werden. Außer mir kann das ja keiner machen. Und wenn ich den Kunden nicht zufrieden stelle, dann bin ich nicht nur den Auftrag los, dann sind wir am Ende, schließlich macht der fast achtzig Prozent unseres Umsatzes aus. So klar die Formulierung muss getan werden klingt, bleibt doch völlig offen, was konkret passieren würde, wenn die Arbeit nicht in der vorgesehenen Zeit erle- Nr. 10 Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 154 7. Blockaden erkennen und auflösen154 digt wird. Ebenso erscheint die folgende Behauptung außer mir kann das ja keiner machen, als ob bereits geprüft sei, dass es auf der Welt keinen zweiten Menschen gebe, der das ebenfalls zuwege bringen könnte. Der nächste Satz erscheint zwar einleuchtend und doch bleibt offen, ob der Kunde bereits mit Auftragskündigung gedroht hat bzw. ob irgendwelche Vertragsstrafen ausgehandelt sind. Es wirkt auf den ersten Blick nachvollziehbar, dass eine Firma am Ende ist, wenn plötzlich achtzig Prozent Umsatz wegfallen, und gleichzeitig könnte dies auch der Beginn einer ganz anderen Ausrichtung werden, denn der Wegfall eines Kunden geht ja nicht mit dem Wegfall an Kompetenz einher. Coach: Das haben Sie bereits geprüft. Ratsuchender: Was heißt geprüft. Ich bin doch nicht lebensmüde und frage meinen Kunden, was er mit mir zu machen gedenkt, falls ich ihn nicht zufrieden stelle. Also, so blöd werde ich nicht sein. Ich weiß genau, was Sache ist. Coach: Sie haben eine ganz konkrete Horrorvision, was dann passiert. Ratsuchender: (empört und erregt) Was heißt hier Horrorvision? Ich habe eine absolut realistische Einschätzung, was dann los ist. Dann kann ich einpacken und der Wettbewerb bekommt den Job. So ist das in unserem Gewerbe: Friss oder stirb! Coach: Mit anderen Worten, das kann jeder andere auch. Ratsuchender: Nein, zum Glück nicht. Denn wir sind weit und breit die einzigen, die dieses Tool beherrschen. Also, wenn jemand anderes den Auftrag bekommt, braucht der mindestens sechs Monate, bis er die Sache überblickt und zum Laufen bekommt. Coach: Und Ihr Kunde würde das Risiko eingehen, Sie hinaus zu werfen und irgendeinen anderen stattdessen zu suchen. Ratsuchender: Nee, das wird nicht passieren. Er wird mir vielleicht mit dem Wettbewerb drohen, aber er wird niemanden finden, den er auf die Schnelle dafür gewinnen kann. (Pause) Mir wird gerade klar, dass ich eigentlich eine Monopolposition habe. (Pause) Ich glaube ich werde umgehend mit dem Kunden ein Gespräch führen müssen. Ich will ihn ja zufrieden stellen, aber mit einem anderen zeitlichen Rahmen. … Solange sich der Ratsuchende im Netz seiner plausibel klingenden Behauptungen verfangen hatte, steckte er in einer Problemtrance und war blockiert. Er konnte sich keine Alternative vorstellen, als sich tot zu arbeiten. Durch behutsames Hinterfragen, entstand eine neue Sicht, die den Ratsuchenden direkt zum Handeln motivierte. Je einleuchtender eine Behauptung klingt, um so größer die Gefahr für den Coach, diese unreflektiert zu übernehmen. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 155 1557. Blockaden erkennen und auflösen Im Folgenden finden Sie verschiedene Aussagen, in denen eine negative Suggestion enthalten ist und die alternative Herangehensweisen blockiert. Unterstreichen Sie die Schlüsselwörter, um Glaubenssätze zu identifizieren und finden Sie eine Formulierung, mit der sich der Ratsuchende über weitere Vorgehensweisen klar werden und einen eigenen Entschluss fassen kann. Aussage des Ratsuchenden Mögliche Umformulierung 1. Das sollte erledigt werden. 2. Ich muss mich dafür einsetzen. 3. Diese Arbeit duldet keinen Aufschub. 4. Man darf da auf keinen Fall Fehler machen. 5. Ich sollte disziplinierter sein. 6. So etwas hat man zu unterlassen. 7. Jeder sollte sich zusammen reißen. 8. So geht das nicht! 9. Das ist bei uns nicht üblich. 10. Nicht auszudenken, welche Konsequenzen das hätte. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 156 7. Blockaden erkennen und auflösen156 Auch hier biete ich Ihnen meine Umformulierung als Vorschlag an. Aussage des Ratsuchenden Mögliche Umformulierung 1. Das sollte erledigt werden. Mir ist nicht klar, wer das erledigen soll bzw. wer das fordert. 2. Ich muss mich dafür einsetzen. Wenn Sie müssen sagen, klingt das irgendwie fremdbestimmt. 3. Diese Arbeit duldet keinen Aufschub. Das hört sich an, als ob sonst etwas Schreckliches eintritt. 4. Man darf da auf keinen Fall Fehler machen. Ich frage mich gerade, wer das festgelegt hat und was passiert, wenn doch Fehler vorkommen. 5. Ich sollte disziplinierter sein. So, wie Sie gerade sind, möchten Sie sich nicht akzeptieren. 6. So etwas hat man zu unterlassen. Ob Sie das tun oder lassen, möchten Sie nicht überdenken, sondern grundsätzlich unterlassen. 7. Jeder sollte sich zusammen reißen. Für Sie kommt es unter keinen Umständen infrage, sich da gehen zu lassen. 8. So geht das nicht! Sie sind definitiv dagegen und wünschen sich, das die anderen Ihre Sichtweise teilen. 9. Das ist bei uns nicht üblich. Sie haben sich entschieden, dass das auch in Zukunft so bleibt. 10. Nicht auszudenken, welche Konsequenzen das hätte. Sie möchten die möglichen Konsequenzen auf gar keinen Fall einmal kritisch betrachten. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 157 1577. Blockaden erkennen und auflösen Vielleicht sind Sie überrascht, wie genau ein Coach hinhören muss, und wie auch harmlos erscheinende Äußerungen infrage gestellt werden. Im Coachinggespräch kann es weiterhin hilfreich sein, zu prüfen, wie weit der Ratsuchende in seiner Darstellung zwischen dem, was er denkt und dem, was er fühlt bzw. wahrnimmt sprachlich sauber trennt. Verwechslungen stellen nicht nur eine durchaus vermeidbare Ursache von Missverständnissen dar, sie verhindern alternative Betrachtungsweisen. Nicht jede Äußerung, die mit ich fühle oder ich spüre anfängt, ist auch wirklich Ausdruck eines Gefühls oder einer Empfindung. Nur zu oft steckt dahinter eine Meinung bzw. ein Dafürhalten, die der Coach behutsam zurück spiegelt. Ich spüre, dass er ganz klar im Unrecht ist, er sieht es nur noch nicht ein. Ich habe das Gefühl, so eine Chance bekomme ich nie wieder. Ich empfinde sein Vorgehen mir gegen- über als rücksichtslos und unkollegial. Sie halten seine Position für falsch und möchten, dass er das endlich erkennt. Sie vermuten, dass Ihnen so ein Angebot nur ein einziges Mal widerfährt. Sie finden, dass er sich rücksichtsvoller und kollegialer verhalten soll. Es geht ja nicht darum, die Ausdrucksweise des Ratsuchenden zu kritisieren sondern durch umschreibendes Zuhören auf die Ebene zu wechseln, die eigentlich fokussiert werden sollte. Das setzt natürlich voraus, dass der Coach die angesprochene Bewertung erkennt. Dabei mag helfen, dass das Muster ich habe das Gefühl, dass stets in eine Meinungsäußerung mündet. Neben der Verwechslung von Fühlen und Meinen kann auch das Durcheinander von Wahrnehmen und Denken zu einiger Verwirrung führen, wie das folgende Beispiel sinnfällig illustriert: Was ist denn los mir dir? Ich beobachte schon die ganze Zeit, dass du dich langweilst. Ich langweile mich überhaupt nicht. Ich weiß gar nicht, wie du schon wieder darauf kommst. Jetzt mach aber mal halblang! Das kann ja wohl keiner übersehen, außerdem hört man doch an deiner Stimme, wie ärgerlich du jetzt bist, nur weil ich dich auf deine Langeweile angesprochen habe. Sag mir doch, wenn du nicht mit mir zusammen sein willst! Ich bin weder ärgerlich noch langweile ich mich, noch habe ich irgendetwas gesagt, dass ich nicht mit dir zusammen sein will. Ich bin ganz einfach müde. Und wenn du mir jetzt noch mehr Löcher in den Bauch fragst, werde ich tatsächlich wütend. Siehst du, das habe ich doch gleich gespürt, dass mit dir etwas nicht in Ordnung ist. Sie mögen übungsweise dieses Beispiel umformulieren und für jede geäußerte Wahrnehmung ich vermute einsetzen. Die Wirkung ist eine völlig andere. Wird etwas im Gewand einer Beobachtung beschrieben, erscheint es objektiv, weil überprüfbar. Ein aufmerksamer Coach wird derartige Äußerungen auf ihren sachlichen Kern hin abklopfen, beispielsweise: Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 158 7. Blockaden erkennen und auflösen158 Ich sehe, dass er meinen Vorschlag nicht akzeptiert. Ihr Neid ist unüberhörbar (unübersehbar). Man konnte seine Abneigung förmlich spüren. Sie sagen, dass Sie das sehen können. Ich versuche mir gerade vorzustellen, was Sie genau hören (sehen). Ich frage mich, was Sie da im Detail gespürt haben. Es macht ja einen Unterschied, ob der Ratsuchende äußert: Er hat mir geschrieben, dass er meinen Vorschlag nicht akzeptiert, oder: Sie hat gesagt, dass sie neidisch sei oder: Er hat mir gegenüber geäußert, dass er nur widerwillig mit mir zusammenarbeiten würde. Das sind Aussagen auf der Gesprächsebene Handlung/Erleben/ Bericht. Was jedoch äußerlich nach Erleben aussieht (ich habe gesehen, gehört, gespürt, erfahren), kann auch eine Unterstellung sein, bei der dem Ratsuchenden gar nicht bewusst ist, dass seine Annahme solange eine Vermutung bleibt, bis diese geprüft wird. Und genau diese fehlende Hypothesenprüfung kann zu einer Blockade führen, weil die eigene Anschauungsweise nicht nur für richtig gehalten wird, sondern auch für die einzig mögliche. Solange etwas wie eine Gegebenheit dargestellt wird, erscheint eine genauere Überprüfung überflüssig. Wenn es beispielsweise regnet, wissen wir, dass die Straße nass wird, ohne dass wir das jedes Mal kontrollieren müssen und wenn uns mitgeteilt wird, dass für einen bestimmten Anlass schwarze Kleidung erwünscht ist, kennen wir die Rahmenbedingungen. Das Erfassen von Tatsachen und den damit verbundenen Konsequenzen erlaubt uns, angemessen darauf zu reagieren. Doch sowohl beruflich als auch privat sind wir ständig auf Vermutungen angewiesen, weil uns notwendige Informationen fehlen. Entscheidend ist, ob wir uns unserer Mutmaßungen bewusst sind und immer wieder prüfen, wie wir an die fehlenden Informationen kommen, oder ob wir uns in einer zweifelhaften Sicherheit wiegen, weil wir Annahmen für Tatsachen halten. Es ist typisch für problembehaftete Situationen, den Grad an Unsicherheit dadurch zu reduzieren, dass persönliche Mutmaßungen wie Fakten behandelt werden. Das schränkt zwar alternative Sichtweisen ein, stützt jedoch die eigene Position. Erst wenn derartige Blockaden aufgelöst sind, kann der Ratsuchende sein Problem neu betrachten und seine Ziele in einem größeren Rahmen hinterfragen. Weil negative Denkmuster unauffällig und scheinbar klar formuliert daher kommen, gilt es sehr genau hinzuhören, wieweit hier eine mögliche Blockierung vorliegt. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 159 1597. Blockaden erkennen und auflösen In der folgenden Übung, bestehen die Äußerungen aus mehreren Sätzen. Unterstreichen Sie zunächst mehrdeutige Wörter und Wendungen. Formulieren Sie dann einen Einstieg, der der emotionalen Betroffenheit des Ratsuchenden gerecht wird und führen Sie ihn anschließend zu einer vertiefenden Reflexion über das, was er bislang geäußert hat, damit er für sich eine bewusste Entscheidung treffen kann. Aussage des Ratsuchenden Möglicher Gesprächseinstieg 1. Es ist ja wieder mal klar, ich hätte das früher fertig machen sollen. Ich verderbe es mir halt immer wieder mit allen. Aber irgendwie finde ich nun mal keinen Anfang. 2. Ich weiß gar nicht, was ich da soll. Da stehe ich ja doch wieder nur verkrampft in der Ecke und hoffe, dass mich niemand anspricht. Was soll’s also. 3. Das ist doch völlig bescheuert. Kann denn in dem Laden niemand außer mir ein vernünftiges Konzept erstellen, mit dem man hinterher auch was anfangen kann?! 4. Es macht doch überhaupt keinen Sinn, bei dem Zeitplan überhaupt anzufangen. Das ist nie und nimmer zu schaffen! 5. Immer wenn die Arbeit verteilt wird, ziehe ich die Arschkarte. Ich bin einfach zu blöd mich für die guten Sachen zu positionieren. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 160 7. Blockaden erkennen und auflösen160 Vielleicht möchten Sie Ihre Formulierungen mit meinen Vorschlägen vergleichen: Aussage des Ratsuchenden Möglicher Gesprächseinstieg 1. Es ist ja wieder mal klar, ich hätte das früher fertig machen sollen. Ich verderbe es mir halt immer wieder mit allen. Aber irgendwie finde ich nun mal keinen Anfang. Sie sind ausgesprochen kritisch mit sich und haben eine präzise Vorstellung, wie sich etwas entwickeln wird. Dabei kennen Sie sehr genau die Ursachen für unangenehme Entwicklungen. 2. Ich weiß gar nicht, was ich da soll. Da stehe ich ja doch wieder nur verkrampft in der Ecke und hoffe, dass mich niemand anspricht. Was soll’s also. Das muss bitter sein. Sie wissen bereits, was da passieren wird und haben sich schon entschieden, auf keinen Fall selbst jemanden anzusprechen oder sonst wie aktiv zu werden. 3. Das ist doch völlig bescheuert. Kann denn in dem Laden niemand außer mir ein vernünftiges Konzept erstellen, mit dem man hinterher auch was anfangen kann?! Das stelle ich mir ganz schön nervenzehrend vor. Sie sind da eigentlich komplett auf sich allein gestellt und sehen niemand halbwegs Kompetentes, der mit Ihnen zusammenarbeiten könnte. 4. Es macht doch überhaupt keinen Sinn, bei dem Zeitplan überhaupt anzufangen. Das ist nie und nimmer zu schaffen! Sie klingen ganz resigniert. Sie haben bereits alle Möglichkeiten und Alternativen geprüft. 5. Immer wenn die Arbeit verteilt wird, ziehe ich die Arschkarte. Ich bin einfach zu blöd mich für die guten Sachen zu positionieren. Oh, wie enttäuschend. Sie halten das irgendwie für eine Frage von Intelligenz, welche Arbeit man erhält. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 161 1617. Blockaden erkennen und auflösen Es mag sein, dass Sie manche meiner Antworten haben stutzen lassen. Vielleicht sind Sie irritiert über die Aussagesätze, die Ihnen wie eine Unterstellung vorkommen. Nun, Sie können sich gerade notieren, wie Sie denn in der Rolle des Ratsuchenden das Gespräch jeweils fortsetzen würden und ob Sie die Äu- ßerung eher provoziert und Sie das Bedürfnis haben, sich davon abzugrenzen oder ob Sie sich dadurch aufgefordert fühlen, noch einmal anders über die Situation nachzudenken. Ein Leser notierte für den 3. Satz folgender Fortsetzung: Was heißt niemand? Es gibt schon einige, die was drauf haben, tja, die müsste ich vielleicht stärker einbinden. Eine Leserin reagierte auf den 4. Satz so: Alle noch nicht. Das müsste man überhaupt erst einmal prüfen, welche Alternativen noch in Frage kommen. Und auf den 5. Satz schrieb jemand diese Fortführung. Na ja, vielleicht geht es nicht so sehr um Intelligenz, als ums Auftreten. Ich müsste irgendwie lernen selbstbewusster aufzutreten. Das würde schon was ausmachen. Werden negative Denkmuster hinterfragt, findet das nicht automatisch die Zustimmung des Ratsuchenden, geraten doch vertraute Denkgewohnheiten durcheinander. Darum erinnere ich immer wieder daran, den Gesprächspartner emotional abzuholen und sich zu vergegenwärtigen, dass dieser eines besonderen Beistands bedarf, ihm nämlich zu „erlauben“ konfus zu sein. Auch hier trägt der Tonfall der Beiläufigkeit dazu bei, dem Ratsuchenden zu vermitteln, dass es vollkommen „normal“ ist, verwirrt zu sein. Die Botschaft lautet dabei: Andere Menschen wären in einer vergleichbaren Situation ebenso durcheinander. Auch wenn der Fokus auf einem konkreten Problem liegt bzw. eine aktuelle Fragestellung von verschiedenen Seiten beleuchtet wird, kann es für die angestrebte Veränderung hilfreich sein zu prüfen, wieweit der Ratsuchende ein bestimmtes Muster erkennt, das typisch für dieses Problem und seine bisherigen Lösungsversuche oder sogar typisch für sein bisheriges Leben ist. Folgende Signalwörter können den Coach anregen, nach Mustern zu fragen: •• Wiederholung: immer wieder, regelmäßig, ständig, stets, dauernd z. B. Ich weiß auch nicht, warum ich immer wieder in so eine Lage komme. •• Vergleich: genauso wie, gleichermaßen, ebenso, unverändert z. B. Das spitzt sich jetzt genauso zu, wie beim letzten Mal. •• Regel: normal, üblich, gewöhnlich, häufig, in aller Regel, so oft, x-mal z. B. Das ist jetzt schon so oft passiert, dass ich vorhersehen kann, wie es weitergeht. Wenn sich herausstellt, dass der Ratsuchende sich immer wieder mit der gleichen Problemstellung schwer tut, dann kann es sich um ein Lebensthema Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 162 7. Blockaden erkennen und auflösen162 handeln, das weit in seine Vergangenheit zurückreicht und ihn schon wiederholt belastet oder auch blockiert hat. Diese Vergangenheit mit in den Prozess einzubeziehen, kann für den Prozess der Veränderung hilfreich sein. Vergangenheit Gegenwart Zukunft In Beziehung kommen, wie bislang bzw. in der Herkunftsfamilie mit dieser Fragestellung umgegangen wurde/wird. Gab/gibt es Verhaltensvorbilder? Die aktuelle Fragestellung, das geschilderte Problem durchleuchten und typische Muster erkennen bzw. herausarbeiten Distanz herstellen (dort und damals), nach dem Sinn des damaligen Verhaltens und nach den Unterschieden (damals und heute) suchen und diese als eine Möglichkeit würdigen. Alternative Handlungsmöglichkeiten entwickeln und Abschied nehmen von dem, was bislang gültig war. Während der Ratsuchende eine aktuelle Frage klären möchte oder ein momentanes Problem als Belastung erlebt und sich deswegen vorzugsweise in der Gegenwart aufhält, sieht der Coach, wie die Zeiten ineinander greifen, darum fragt er sich: •• Welche Erfahrungen und Muster in der Vergangenheit bedingen die aktuelle Lage? •• Welche Bedingungen stabilisieren das Problem in der Gegenwart? •• Auf welcher Ebene sind zukünftige Veränderungen möglich bzw. nötig? Je belastender ein aktuelles Problem ist, um so mehr neigt der Ratsuchende dazu, sich und seine bisherigen, fehlgeschlagenen Lösungsversuche abzuwerten und sich dadurch noch stärker zu blockieren (= Problemtrance). Der Coach prüft dabei, ob sich das, was als Fehler abgelehnt wird, womöglich auch als Vorteil umdeuten lässt, indem er dem Beschriebenen einen neuen Rahmen gibt. So wie ein Bilderrahmen wesentlich dazu beiträgt, ob uns ein Kunstwerk beeindruckt oder möglicherweise gar nicht wahrgenommen wird, bedeutet „Rahmen“ im Kontext des Coaching, die eingrenzende Sichtweise auf das Problem gegen eine andere Sichtweise auszuwechseln. Durch derartiges Umdeuten, man spricht auch von Reframing, wird einer Situation oder einem Ereignis eine andere Bedeutung oder ein anderer Sinn zuerkannt und zwar dadurch, dass man versucht, die Situation in einem anderen Kontext („Rahmen“) zu sehen. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 163 1637. Blockaden erkennen und auflösen Beispielsweise kann das als negativ wahrgenommene Verhalten mein Vorgesetzter mischt sich immer wieder in meine Arbeit ein positiv umgedeutet werden in Ihr Vorgesetzter möchte Sie gern vor Fehlern bewahren. Die folgenden Problemformulierungen rufen üblicherweise eine negative Bewertung hervor und setzen dadurch einen Rahmen, der eine Lösung von vornherein erschwert. Lassen Sie Ihrer Phantasie freien Lauf und deuten spielerisch den Rahmen völlig neu, ohne bereits in die wörtliche Rede zu gehen. Problemformulierung Mögliche Umdeutung 1. Unverschuldete Kündigung des Arbeitsplatzes. 2. Beinbruch mit Klinik- und Reha- Aufenthalt. 3. Unverschämte Mieterhöhung 4. Sich überaus schwer tun, Neues zu akzeptieren. 5. Beim Arbeiten nur quälend langsam voranzukommen. 6. Deutliche Kritik des Vorgesetzten in der Jahresbeurteilung. 7. Leider nicht Nein-Sagen zu können. Wer wenig Übung im Umdeuten hat, tut sich erfahrungsgemäß schwer, einen negativ erscheinenden Sachverhalt in ein positives Licht zu rücken. Doch ob etwas positiv oder negativ erlebt wird, ist völlig subjektiv. Dazu mag uns ein Zitat von Shakespeare Richtschnur sein: „An sich ist kein Ding weder gut noch schlecht, das Denken macht es erst dazu.“ Und dieses Denken, das ja den Ratsuchenden noch blockiert, soll durch das Coaching eine neue Richtung erfahren. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 164 7. Blockaden erkennen und auflösen164 Reframing kann dazu beitragen, Belastungen so umzudeuten, dass der Ratsuchende plötzlich Erleichterung verspürt und Geschehnisse mit völlig neuen Augen betrachtet. So kann er bislang nicht gesehene, nützliche Aspekte des Problems erkennen und gegebenenfalls für sich nutzbar machen. Da Ihrer Phantasie ja ausdrücklich keine Grenzen gesetzt waren, kann es durchaus sein, dass sich Ihre Umdeutungen ganz und gar nicht mit den Antworten meiner Seminarteilnehmer ähneln. Problemformulierung Mögliche Umdeutung 1. Unverschuldete Kündigung des Arbeitsplatzes. Möglichkeit, eine völlig andere Arbeit zu finden. 2. Beinbruch mit Klinik- und Reha- Aufenthalt. Genügend Zeit zum Lesen und Nachdenken. 3. Unverschämte Mieterhöhung. Gelegenheit, den Mietvertrag zu kündigen und eine Alternative zu suchen. 4. Sich überaus schwer tun, Neues zu akzeptieren. Den Nutzen von Altem und Bewährtem zu würdigen. 5. Beim Arbeiten nur quälend langsam voranzukommen. Stets auf gründliches und exaktes Arbeiten Wert legen. 6. Deutliche Kritik des Vorgesetzten in der Jahresbeurteilung. Statt gekündigt zu werden, eine Chance sich zu verbessern. 7. Leider nicht Nein-Sagen zu können. Ja-Sagen zu können, macht beliebt und zeigt besondere Stärke. Damit das Umdeuten nicht als Ironie missverstanden wird, gilt auch hier die Regel, derartige Interventionen zunächst affektiv zu rahmen und weiterhin im vielbeschworenen Tonfall der Beiläufigkeit die Umdeutung als eine selbstverständliche Möglichkeit zu betrachten. Beispielsweise: Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 165 1657. Blockaden erkennen und auflösen Ratsuchender: Ich weiß, dass ich ’ne Macke habe und mir damit meine Zukunft verbaue, aber ich kann nun mal Neues ganz schlecht akzeptieren. Ich muss das jetzt aber endlich ändern, sonst kann ich einpacken. Coach: Sie stehen da unter einem fürchterlichen Druck und mögen grad gar keinen Nutzen darin sehen, Altes und Bewährtes würdigen zu können. In diesem Beispiel folgt auf die affektive Rahmung Sie stehen da unter einem fürchterlichen Druck ein Reframing in verneinter Form. Dabei wird dem Ratsuchenden ausdrücklich zugestanden gar keinen Nutzen darin zu sehen, Altes und Bewährtes würdigen zu können. Die Erlaubnis, keinen Nutzen zu sehen, regt nicht nur auf unaufdringliche Weise zu einer Reflexion an, sie wirkt auch reaktanzvermeidend. Denn der direkte Hinweis, etwas auch anders, nämlich positiv zu betrachten, wirkt wie eine Freiheitseinschränkung. Und die meisten Menschen reagieren auf die Beschränkung der persönlichen Freiheitsgrade mir Widerstand, eben Reaktanz. Beispielsweise kann die Umdeutung, bei einem Krankenhausaufenthalt auch den damit verbundenen Nutzen zu sehen, (nämlich statt arbeiten zu müssen, doch endlich viel Zeit zum Lesen zu haben), eine harsche Zurückweisung provozieren, im Stile von: Du hast gut reden, als ob einem da nach Lesen zumute wäre, angesichts all der Sorgen, wer nun die Arbeit erledigt. Wird nun der gleiche Gedanke geäußert, mit der Erlaubnis, ihn für absurd zu halten, fällt die Reaktion nicht nur weniger schroff aus, sondern lässt die Möglichkeit offen, den Nutzen gegebenenfalls doch noch zu erwägen, zum Beispiel: Dein Beinbruch hat dich ja jetzt in eine blöde Notlage gebracht. Du wirst das vermutlich für völlig abwegig halten, dass mir durch den Kopf gegangen ist, dass du endlich mal Zeit hast, all das zu lesen, was du schon lange mal lesen wolltest. Du hast wirklich manchmal abgedrehte Ideen. Zuallererst muss ich klären, wer die laufende Arbeit erledigt. Okay, wenn das läuft, dann ist der Gedanke gar nicht blöd, die Zeit zu nutzen und nicht nur abzuwarten, bis der Bruch geheilt ist. Vielleicht könnte ich dann endlich … Weil sich Reaktanz auf die Wiederherstellung der verlorenen Freiheit, bzw. der verloren geglaubten Freiheit bezieht, dreht sich die Auseinandersetzung gar nicht um den tatsächlichen Inhalt, sondern nur um Widerspruch im Sinne einer Zuwendung zur verwehrten Alternative. Damit sich der Coach nicht in eine Debatte über „richtige“ Sichtweisen verstrickt, kann es hilfreich sein, verschiedene Formulierungen parat zu haben, die eine abweichende Sichtweise ausdrücklich zulassen, beispielsweise: •• Das kommt für Sie wahrscheinlich nicht infrage … •• Vielleicht erscheint Ihnen folgender Gedanke absurd … •• Womöglich schütteln Sie gleich energisch den Kopf, wenn … •• Vermutlich können Sie folgender Sichtweise nichts abgewinnen … •• Möglicherweise sehen Sie keinen Nutzen in … Diese indirekte Umdeutung wirkt trotz ihrer betonten Verneinung. Es ist nämlich allemal leichter, über etwas wohlwollend nachzudenken, wenn einem ausdrücklich zugestanden wird, dies kritisch, ja ablehnend zu betrachten. Reaktanzpsychologisch nutzt der Coach die Erlaubnis etwas abzulehnen, um Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 166 7. Blockaden erkennen und auflösen166 ein spontanes Zurückweisen unmöglich zu machen. Erfolgt dennoch eine Ablehnung, geschieht diese gewissermaßen mit Erlaubnis des Coach. Alle Maßnahmen die der Coach nutzt, um Blockaden zu erkennen und aufzulösen, stehen unter der Überschrift, Denk- und Handlungsansätze des Ratsuchenden zu hinterfragen und Denkbarrieren zu überwinden, um die Handlungsfähigkeit zu stärken. Eine weitere Möglichkeit, die problematische Situation in einem anderen Licht erscheinen zu lassen, besteht darin, den Fokus zunächst auf das bislang Erreichte zu legen. Es kann den Ratsuchenden entspannen und ihm ein gutes Gefühl vermitteln, wenn er sich vergegenwärtigt: •• Was kann ich bereits? •• Was habe ich bisher erreicht? •• Was funktioniert gut? Da äußert beispielsweise eine Ratsuchende: Jetzt ist alles aus! Durch den Tod meines Doktorvaters kann ich einpacken. Wer will schon eine fremde Dissertation betreuen. Die ganze Mühe war umsonst. Es ist zum Heulen. Wozu habe ich mich fast drei Jahre lang abgerackert, wenn am Ende nichts dabei herauskommt. So viel Pech gibt es nur einmal und das muss ausgerechnet mich erwischen. Coach: Das ist in der Tat ein schwerer Schlag und es ist nur zu verständlich, mit dem Schicksal zu hadern. Mich überrascht, wie schnell Sie sich von all dem verabschieden, was Sie in den letzten drei Jahren geleistet und erarbeitet haben. Die Frage, was Sie können und was andere Betreuer womöglich neugierig macht, erscheint Ihnen irgendwie abwegig. Ratsuchende: Nein, abwegig nicht, ich müsste nur erst einmal jemanden finden, der sich bereit erklärt, die Betreuung zu übernehmen. (Pause) Aber vielleicht liegt genau da die Lösung: Bevor ich nicht anfange zu suchen, werde ich auch niemanden finden. Es trägt darüber hinaus zur Entdramatisierung des Problems bei, wenn der Coach explizit anerkennt, dass der Ratsuchende das Problem als Problem erkennt und lösen möchte. Dabei kann der Coach aufzeigen, dass sich jedem Problem eine attraktive Perspektive gegenüberstellen lässt, indem das Problem in eine Herausforderung transformiert wird, die es zu meistern gilt. Dabei kommt dem Coach die Aufgabe zu, ein klares Bild zu erzeugen, Nutzenaspekte des Ratsuchenden zu benennen und Entwicklungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Doch davon handelt das nächste Kapitel. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 167 1677. Blockaden erkennen und auflösen Zuvor lade ich Sie zu einer weiteren Übung ein: Formulieren Sie für die nachstehenden Problembeschreibungen des Ratsuchenden eine Reaktion, die sowohl der emotionalen Betroffenheit Rechnung trägt (= affektive Rahmung), als auch eine Umdeutung anbietet, bei der sich der Ratsuchende in seiner bisherigen Sichtweise nicht eingeschränkt fühlt. Problemsicht des Ratsuchenden Auflösung der Blockade durch … 1. Meine Situation ist total verfahren. Ich mache den Leuten klar, was sie ändern müssen und stoße nur auf Ablehnung. Jeder drückt sich vor Veränderung, ist ja klar, tut ja auch weh. Aber das muss nun mal sein. 2. Mein Chef nervt mich total. Bloß weil ich neulich ’nen kleinen Schwächeanfall hatte, meint er, ich sollte unbedingt Urlaub nehmen und mich schonen. Als ob ich ein kleines Mädchen bin, dem man sagen muss, wann es reicht. 3. Ich bin ja völlig unerwartet für das Traineeprogramm vorgeschlagen worden, seither bin ich irgendwie durch den Wind. Ich bringe nichts mehr zustande und fühle mich wie gelähmt. Das ist natürlich denkbar ungünstig. 4. Meine momentane Arbeitsbelastung geht an die Substanz. Es bleibt irgendwie immer alles an mir hängen. Und wenn ich mich nicht um alles kümmere, dann häufen sich die Fehler oder die Sachen bleiben einfach liegen. 5. Im Zuge der Reorganisation habe ich fünf Leute verloren und überhaupt keinen Zugriff auf die Planungsgruppe. Eigentlich hat man mich zurückgesetzt, mit dem, was mir noch an Verantwortung bleibt. Dabei habe ich mir nun wirklich nichts zu schulden kommen lassen. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 168 7. Blockaden erkennen und auflösen168 Wenn Sie Ihre Antworten mit denen meiner Kursteilnehmer vergleichen, achten Sie sowohl auf die affektive Rahmung als auch auf die verschiedenen Umdeutungen. Spinnen Sie in Gedanken den jeweiligen Dialog fort und lassen Sie sich eine Reaktion des Ratsuchenden einfallen. Problemsicht des Ratsuchenden Auflösung der Blockade durch … 1. Meine Situation ist total verfahren. Ich mache den Leuten klar, was sie ändern müssen und stoße nur auf Ablehnung. Jeder drückt sich vor Veränderung, ist ja klar, tut ja auch weh. Aber das muss nun mal sein. Sie fühlen sich abgelehnt und völlig unverstanden, weil keiner Ihre gute Absicht erkennt. Wobei Sie bislang davon ausgehen, dass Veränderung immer weh tun muss. 2. Mein Chef nervt mich total. Bloß weil ich neulich ’nen kleinen Schwächeanfall hatte, meint er, ich sollte unbedingt Urlaub nehmen und mich schonen. Als ob ich ein kleines Mädchen bin, dem man sagen muss, wann es reicht. Das wurmt Sie extrem und Sie kommen sich geradezu bevormundet vor. Die Vorstellung, dass sich Ihr Chef Sorgen macht, kommt Ihnen gar nicht in den Sinn. Es ist ja nicht auszuschlie- ßen, dass Ihrem Chef viel an Ihnen liegt. 3. Ich bin ja völlig unerwartet für das Traineeprogramm vorgeschlagen worden, seither bin ich irgendwie durch den Wind. Ich bringe nichts mehr zustande und fühle mich wie gelähmt. Das ist natürlich denkbar ungünstig. Da setzt Sie massiv unter Druck. Ich stelle mir vor, dass Sie im Moment lieber innehalten und nichts anfangen, ehe Sie womöglich etwas Falsches machen. 4. Meine momentane Arbeitsbelastung geht an die Substanz. Es bleibt irgendwie immer alles an mir hängen. Und wenn ich mich nicht um alles kümmere, dann häufen sich die Fehler oder die Sachen bleiben einfach liegen. Sie fühlen sich gerade über Gebühr beansprucht. Weil Sie sich um alles kümmern, bleibt nichts liegen. Vielleicht verwirre ich Sie, wenn ich einen anderen Zusammenhang sehe: Weil Sie sich um alles kümmern, bleibt auch alles an Ihnen hängen. 5. Im Zuge der Reorganisation habe ich fünf Leute verloren und überhaupt keinen Zugriff auf die Planungsgruppe. Eigentlich hat man mich zurückgesetzt, mit dem, was mir noch an Verantwortung bleibt. Dabei habe ich mir nun wirklich nichts zu schulden kommen lassen. Das verbittert Sie und kommt Ihnen wie eine Abstrafung vor, obgleich es dafür gar keinen Grund gibt. Im Moment wollen Sie verstehen, warum das so gekommen ist, Sie können aber auch prüfen, welche Möglichkeiten und Chancen sich dadurch eröffnen und wie Sie Ihre Freiräume nutzen wollen. Nr. 14, S. 324 Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 169 1697. Blockaden erkennen und auflösen Am Ende dieses Kapitels finden Sie den Beginn der ersten Übung (Kapitel 4) nun im größeren Zusammenhang eines längeren Coachinggesprächs. Sie können dabei erkennen, wie die Problemsicht des Ratsuchenden zu einer Blockade führt und wie das Bewusstwerden und die Reflexion über bestimmte Gewohnheiten zu einer veränderten Sichtweise beitragen. Der Gesprächspartner im vorliegenden Beispiel ist Ingenieur im Management eines mittelständischen Unternehmens mit ca. 2000 Mitarbeitern. Er ist seit 15 Jahren im Unternehmen tätig und hat sich für ein Coaching entschieden, weil er mit seiner beruflichen Entwicklung unzufrieden ist. Das folgende Gespräch findet im Verlauf des dritten Termins statt. Ratsuchender: Manchmal glaub’ ich, ich habe ’ne Arbeitsstörung. Ich komme einfach nicht in die Gänge. Ich quäle mich anzufangen und finde eigentlich immer etwas, was gerade wichtiger ist. Vielleicht gibt es ja einen Weg, um da raus zu kommen. Welche blockierenden Formulierungen fallen Ihnen auf? Wie wollen Sie reagieren? Der Ratsuchende teilt gleich zu Beginn mit, welche „Diagnose“ er vermutet, nämlich Arbeitsstörung. Anschließend berichtet er auf der Ebene des Erlebens, wie sich diese Beeinträchtigung äußert. Die Verallgemeinerung eigentlich immer unterstreicht zwar die „Störung“, lässt sich aber hinterfragen. Darum lenkt der Coach die Aufmerksamkeit auf das tatsächliche Empfinden und überprüft mit einer übertreibenden Umschreibung, wie dem Ratsuchenden tatsächlich zumute ist: Coach: Anzufangen lähmt Sie ganz grundsätzlich und Sie plagen sich damit jeden Tag. Ratsuchender: Nein, (lacht) so schlimm ist es zum Glück nicht. Meine normale Arbeit fällt mir überhaupt nicht schwer, im Gegenteil, das geht mir sprichwörtlich gut von der Hand. (Pause) – Ich glaube, ich habe sogar den Ruf, meine Arbeit besonders schnell und qualifiziert zu erledigen. Es betrifft mehr Situationen, die über das Übliche hinausgehen. Was bleibt offen? Wo bleibt der Ratsuchende allgemein? Wie lässt sich das klären? Nr. 11 Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 170 7. Blockaden erkennen und auflösen170 Der Ratsuchende fängt an zu konkretisieren, wie er sich bei der Arbeit erlebt und wann ihn etwas tatsächlich plagt. Der Coach greift das auf und fordert zu einer Vertiefung auf: Coach: Da bremst Sie etwas, wenn Sie über den Tellerrand schauen. Ratsuchender: Mm – bremst mich das? Eigentlich nicht, denn ich fühle mich in meinem Gebiet echt sicher und dazu gehören natürlich auch die angrenzenden Prozesse. Wenn ich so drüber nachdenke, dann geht es mir sogar besonders gut, wenn ich mit Kollegen aus den benachbarten Abteilungen zusammenarbeite. Da trägt dann jeder sein Fachwissen und Können bei und das läuft meist ausgesprochen effizient. Nee, es ist mehr, wenn ich allein bin und so ganz ohne Kontakt, ohne Rückmeldung arbeiten muss. Vergleichen Sie diese Äußerung mit der Einstiegsäußerung. Wie äußert sich das Problem? Der Ratsuchende klärt für sich, wann es ihm gut geht und wann nicht und beschreibt, was für ihn problematisch ist. Der Coach überprüft mit einer umschreibenden Wiederholung, wie weit er das Problem erfasst hat. Coach: Wenn Sie mit anderen zusammen etwas Neues anfangen, dann erleben Sie sich geradezu schwungvoll und sobald Sie sich allein in etwas hineinarbeiten, fühlen Sie sich verloren. Ratsuchender: Ja, stimmt. Also, manchmal – nicht immer. Wie gesagt, bei der Alltagsarbeit bin ich echt routiniert. Aber ab und zu kommen eben auch Anfragen, da fehlt mir irgendwie etwas, das ist dann wie eine Blockade. Was fehlt? Und wie lässt sich diese Zwischenerkenntnis konkretisieren? Der Ratsuchende klärt, wodurch er sich genau blockiert fühlt. Der Coach setzt die verschiedenen Arbeitserlebnisse in Beziehung: Coach: Sie unterscheiden gerade sehr deutlich zwischen den Anforderungen, die Ihnen aufgrund Ihrer Erfahrung vertraut sind und Situationen, wo Sie Neuland betreten. Ratsuchender: Ja, da ist was dran. Wenn ich irgendwie ’ne Ahnung habe, wo es langgehen könnte, oder wie das zu lösen ist, dann fällt es mir überhaupt nicht schwer einfach loszulegen. Aber manchmal habe ich überhaupt keinen Schimmer, (Pause) also, dann weiß ich nicht mal ob linksrum oder rechtsrum besser wäre, da überkommt mich dann so eine Erstarrung, – (lacht) und wenn dann das Telefon klingelt, bin ich richtig erleichtert. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 171 1717. Blockaden erkennen und auflösen Welche Nominalisierung lässt sich umformulieren? Der Ratsuchende beschreibt weiterhin sein Handeln und Erleben, aber die Erstarrung überkommt ihn, gewissermaßen ohne eigenes Zutun. Der Coach konkretisiert die Ursachen der Blockade und verbalisiert die Erstarrung: Coach: Sie machen sich gerade deutlich, wann Ihnen es Ihnen schwer fällt anzufangen: Wenn Ihnen die Situation komplett offen erscheint und Ihnen jeglicher Anhaltspunkt fehlt, was jetzt angemessen wäre, dann erstarren Sie förmlich. Ratsuchender: Richtig, nur dann geht’s mir so. Irgendwie ist da eine Scheu richtig loszulegen. Ich komme mir da selbst völlig bekloppt vor. Ich bin nämlich üblicherweise eher zupackend. Aber eben nicht, wenn ich keine Ahnung habe, was jetzt richtig wäre. Welche Nominalisierung lässt sich umformulieren? Wie kann die Selbstabwertung umgedeutet (reframed) werden? Der Ratsuchende wertet sich und sein Verhalten ab. Der Coach konfrontiert ihn mit dem Gegenteil und bietet an, das problematische Verhalten als Vorteil zu betrachten: Coach: Das hat ja auch einen nicht zu unterschätzenden Vorteil. (Der Ratsuchende blickt überrascht und fragend) – Nun, Sie ersparen sich auf jeden Fall eine peinliche Bauchlandung. Ratsuchender: Na ja, man will ja auch nicht blöd dastehen. Wie sieht das denn aus, wenn man eifrig los rennt und sich dann herausstellt, dass man in die falsche Richtung gelaufen ist. Welche Verallgemeinerungen gilt es umzuformen? Der Ratsuchende wechselt vom persönlichen Berichten auf die Ebene der Glaubenssätze in unpersönlicher man-Form. Der Coach wechselt auf die Ebene der Gefühle und bietet beiläufig eine Vermutung an, nämlich etwas zu befürchten: Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 172 7. Blockaden erkennen und auflösen172 Coach: Sie überlegen sich, wie das auf andere wirkt und befürchten, dass deren Reaktion abfällig, ja geringschätzig ausfällt, wenn Sie sich bei einem Neuanfang vertun. Ratsuchender: Mm. Sie haben recht, genau das mache ich. Ich male mir aus, wie meine Kollegin kopfschüttelnd grinst, wenn ich mich vergaloppiert habe. Irgendwie drehen sich dann meine Gedanken die ganze Zeit darum, was man alles falsch machen kann – und dann breche ich dieses Szenario abrupt ab, indem ich irgendetwas anderes mache. Zum Glück steht ja immer irgendetwas an, was noch unerledigt ist. Was blockiert den Ratsuchenden eigentlich? Der Ratsuchende greift das Angebot auf und beschreibt, was er üblicherweise macht, um der Sorge zu entgehen. Obgleich der Ratsuchende erkennt, wie er sich behindert, fehlt ihm der entscheidende Impuls, seine bisherigen Gewohnheiten zu durchbrechen. Der Coach setzt genau diesen Impuls, um zu prüfen, was den Ratsuchenden eigentlich hindert, etwas zu ändern: Coach: Eigentlich lähmt Sie die Sorge, sich vor Ihrer Kollegin zu blamieren. Sie kennen dieses Gedankenkarussell ganz genau und wissen auch, wie Sie es stoppen können. Ich frage mich gerade, was passieren würde, wenn Sie Ihre Energie nun doch dem Neuanfang zuwenden. Ratsuchender: Sie meinen, ich soll einfach so loslegen? Na Sie haben gut reden! Ich weiß doch noch gar nicht, welcher Weg richtig ist und wie man am besten zum Ziel kommt. (Pause) Und was passiert, wenn ich mich verrenne? Da mache ich mich doch lächerlich! Welches negative Denkmuster kommt hier zum Tragen? Erneut rutscht der Ratsuchende in seine Gewohnheit, das eigene Handeln mit den Augen der kritischen Kollegin zu sehen. In der letzten Formulierung kommt zudem eine tiefsitzende Grundüberzeugung (= Denkmuster) zum Vorschein: „Man darf sich niemals lächerlich machen und wer Fehler macht, ist lächerlich.“ Der Coach konfrontiert ihn mit dieser Gewohnheit: Coach: Ihre größte Sorge ist, sich lächerlich zu machen. Das heißt Sie achten permanent darauf, wie Sie in den Augen der anderen erscheinen. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 173 1737. Blockaden erkennen und auflösen Ratsuchender: Mist! – Ich schaue schon wieder von außen auf die Situation und überlege mir, was andere wohl denken könnten. Eigentlich verrückt, aber das läuft bei mir irgendwie ganz automatisch ab. Wie lässt sich diese Erkenntnis nutzen, um die Blockade aufzulösen? Der Ratsuchende erkennt, welche Automatismen ihn einschränken und wertet sich ab. Um die fehlende Handlungssicherheit aufzulösen wechselt der Coach auf die Ebene von Handeln/Erleben und fragt nach Möglichkeiten, wie der Ratsuchende handlungsfähig werden kann: Coach: Sie deuteten gerade an, dass Sie gern wissen möchten, welcher Weg der richtige ist, um anfangen zu können. Wie lässt sich das denn herausfinden? Ratsuchender: Das ist ’ne gute Frage. Eigentlich geht das nur, indem man sich auf die Situation einlässt, also einfach anfängt, Erfahrungen macht, diese auswertet und schaut, wo man dann steht. Welche Verallgemeinerungen lassen sich wie transformieren? Der Ratsuchende greift die Frage auf und erkennt in der Antwort, wodurch er seine Blockade überwinden kann. Doch diese Erkenntnis macht ihn aber immer noch nicht handlungsfähig. Um ihn mit seiner Gefühlsblockade zu konfrontieren, wechselt der Coach auf die Ebene des Empfindens: Coach: Und doch zögern Sie. Ratsuchender: Ja. – Nein. Ach was! Ich mache mir die ganze Zeit etwas vor. Denn solange ich nichts tue, finde ich auch nicht raus, wie ein optimaler Weg aussehen könnte. Irgendwie schon verrückt. In der Zeit, in der ich wie gelähmt abwarte, hätte ich mindestens drei-, viermal anfangen können. Welcher negativen Suggestion sitzt der Ratsuchende auf? Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 174 7. Blockaden erkennen und auflösen174 Der Ratsuchende erkennt plötzlich, wie er sich im Weg steht und welchen entscheidenden Fehler er macht, indem er Fehler vermeiden möchte (negative Suggestion: Fehler sind grundsätzlich zu vermeiden!). Prompt folgt eine erneute Selbstabwertung. Der Coach paraphrasiert die Einsicht: Coach: Sie erkennen gerade, wie Sie die Zeit aktiv nutzen können. Ratsuchender: Stimmt! Ich kann mich entscheiden, etwas anzufangen, auch wenn ich nicht weiß, ob mich der Weg zum Ziel führt. Ich kann beschließen einfach loszulegen, auch auf die Gefahr hin, dass ich das eine oder andere Mal dabei ’ne Bauchlandung mache. Unterm Strich werde ich aber eher meine Ziele erreichen. Jetzt muss ich nur noch lernen mit der Reaktion der anderen umzugehen, wenn’s mal nicht klappt. An welchen Wörtern lässt sich erkennen, dass der Ratsuchende Verantwortung für sein Handeln übernimmt? Jetzt nimmt der Ratsuchende Verantwortung für sein Handeln auf sich und erkennt, dass es in seiner Freiheit liegt, sich für etwas zu entscheiden, auch wenn das Ende noch nicht absehbar ist. Sein letzter Satz zeigt, dass die eingangs formulierte Diagnose „Arbeitsstörung“ mehr im Bereich der Interaktion verankert ist und er einen Weg finden muss, mit der Reaktion seiner Kollegin zurecht zu kommen. Nr. 15, S. 329 Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 175 1757. Blockaden erkennen und auflösen Zusammenfassung Dieses Kapitel hat Sie mit minutiösem Zuhören vertraut gemacht, um unterschwellige Einschränkungen in der Darstellung des Ratsuchenden zu erkennen. Zunächst ging es um Verallgemeinerungen und wie diese die Problemsicht bis hin zur Problemtrance einengen. Dabei konnten Sie lernen, allgemeine und unpersönliche Aussage auf das tatsächliche Erleben des Ratsuchenden zurückzuführen, um so den Ring der Verantwortung konsequent zurückzuschieben. Sie haben eine Sonderform unpersönlicher Äußerungen kennengelernt, die Nominalisierungen und erfahren, wie sich diese in konkrete Erfahrungen umformulieren lassen. Sie konnten Ihre Zuhörfähigkeit weiter ausbauen, indem Sie bei der Darstellung des Ratsuchenden zwischen dem, was dieser denkt und dem, was er fühlt bzw. wahrnimmt sprachlich sauber trennen. Ich habe Ihnen gezeigt, wie sich scheinbar logisch klingende Bedingungssätze zerlegen lassen, um den Ratsuchenden für alternative Sichtweisen zu öffnen. Die hier besprochenen sprachlichen Besonderheiten sind Ausdruck bestimmter Denkmuster, die aufgrund ihrer suggestiven Wirkung auch negativen Suggestionen genannt werden. Es ging dabei um unhinterfragte Einschränkungen der eigenen Handlungsfreiheit in Form von Glaubenssätzen, einer Mischung aus Verallgemeinerungen, unpersönlichen Forderungen (man, es ist) und kategorischen Ansprüchen (müssen, sollen). Ich hatte Sie auf bestimmte Signalwörter hingewiesen, um bei der Problembeschreibung mögliche Lebensmuster zu erkennen. So konnten Sie lernen, hinter der tatsächlichen Äußerung das zugrundeliegende Muster, indem Sie Vergleiche, Regeln und Wiederholungen erfassen. Sie haben das Reframing kennen gelernt, um dem blockierten Denken des Ratsuchenden eine neue Richtung zu geben und seinen Selbstabwertungen eine alternative Sichtweise hinzuzufügen. Es ging darum, Schwierigkeiten und Belastungen so umzudeuten, dass der Ratsuchende Geschehnisse mit völlig neuen Augen betrachten lernt, so dass er bislang nicht gesehene, nützliche Aspekte des Problems erkennen und gegebenenfalls für sich nutzbar machen kann. Und schließlich konnten Sie erkennen, dass jede einzelne Technik erst ihre Wirkung im Kontext affektiver Rahmung entfaltet. Vahlen – Allgemeine Reihe – Weisbach – Das Coachinggespräch – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 03.09.2012 Status: Druckdaten Seite 176 7. Blockaden erkennen und auflösen176 Dieses Kapitel war mit den vielen Details, auf die es zu achten gilt, eine Herausforderung. Vielleicht haben Sie sich auch kopfschüttelnd gefragt, wie Sie sich dieses genaue Zuhören aneignen können. Ich ermuntere Sie dennoch, sich auch am Ende dieses Kapitels Rechenschaft abzulegen, wo Sie gerade stehen. Mir wichtige Erkenntnisse/Punkte: Was fiel mir leicht? Was fiel mir schwer? Was will ich besonders üben?

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Ein guter Coach

Dieses neue Werk ist die Quintessenz aus 30 Jahren Ausbildungspraxis und erläutert die Grundfertigkeiten der beratenden Gesprächsführung. Eine Vielzahl von Gesprächsausschnitten aus realen Coachingsitzungen wird detailgenau analysiert und nachvollziebar kommentiert. Durch die konkreten Übungen und durch das zusätzliche Trainingsmaterial im Anhang können Sie Ihr eigenes Gesprächsverhalten gezielt und professionell optimieren. 26 Gesprächsausschnitte können als Audio-Datei herunter geladen werden und ergänzen das Gelesene um das hörbare Erleben.

Coaching-Gespräch: die Schwerpunkte

* Die eigene Grundhaltung erkennen

* Der Unterschied zwischen Coaching/Beratung und anderen Gesprächen

* Die Grundhaltung beeinflusst den Verlauf

* Kontakt herstellen und Vertrauen aufbauen

* Die Ebenen der Problemschilderung

* Die Problemsicht des Ratsuchenden

* Blockaden erkennen und auflösen

* Ziele des Ratsuchenden erkennen und hinterfragen

* Mit Ressourcen des Ratsuchenden arbeiten

* Mit Impulsen und Anregungen arbeiten

* Mit Feedback arbeiten

Der Coaching-Experte

Professor Dr. Christian-Rainer Weisbach, Universitäten Tübingen und Hohenheim, ist Lehrtrainer und Lehrcoach der European Coaching Association.