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2.4 Zinsen und Wechselkurse in:

Peter Spahn

Geldpolitik, page 94 - 102

Finanzmärkte, neue Makroökonomie und zinspolitische Strategien

3. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-4478-0, ISBN online: 978-3-8006-4479-7, https://doi.org/10.15358/9783800644797_94

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2.4 Zinsen und Wechselkurse 83 2.4 Zinsen und Wechselkurse 2.4.1 Gleichgewicht auf dem Devisenmarkt: die Theorie der Zinsparität In der offenen Volkswirtschaft erweitert sich das Spektrum der Anlagemöglichkeiten für den Geldvermögensbesitzer sowie der Verschuldungsmöglichkeiten für den Kreditnehmer. Zur Wahl stehen nun auch Wertpapiere, die in verschiedenen Währungen denominiert sind. Damit tritt neben den bereits angesprochenen Kriterien bei der Portfolioentscheidung (Abschnitt 2.1.1) ein Währungsrisiko auf: Zunächst ist (bei der Geldanlage) der Betrag in ausländischer Währung aufzubringen; sodann erfolgen Tilgung und Zins- bzw. Dividendenzahlungen ebenfalls in Auslandswährung. Wenn diese Beträge nicht weiter im Ausland gehalten werden sollen, müssen sie in heimische Währung rückgetauscht werden. Bei der Kalkulation der Rendite einer Auslandsanlage ist deshalb eine mögliche Wertveränderung der Auslandswährung in Relation zur Inlandswährung zu berücksichtigen. Der relative Preis der Währungen drückt sich im Wechselkurs aus: E x Euro eine Einheit Auslandswährung = [2.73] Eine Erhöhung von E bedeutet eine Abwertung, eine Verringerung eine Aufwertung der Inlandswährung. Diese Definition des Wechselkurses entspricht der sog. Preisnotierung (der in diesem Buch gefolgt wird). In der Praxis wird z.T. auch die Mengennotierung verwendet, nach der E umgekehrt den Preis der Inlandswährung in Einheiten der Auslandswährung misst. Eine Erhöhung von E zeigt dann eine Aufwertung an. Betrachtet wird nun die Anlageentscheidung eines Geldvermögensbesitzers, der zwischen Wertpapieren mit gleicher Laufzeit (z.B. ein Jahr) zu wählen hat, die auf verschiedene Währungen lauten. Die Papiere seien vollständig substituierbar und tragen neben möglichen Wechselkursänderungen keine sonstigen Risiken; es bestehen also keinerlei nicht-ertragsorientierten Präferenzen für Aktiva der einen oder anderen Währung. Von Transaktionskosten wird abgesehen. Gewählt wird deshalb das Papier mit der höchsten Rendite. Bei einer Anlage eines Euro-Betrags im Inland ist die Rendite direkt durch den Inlandszins it gegeben. Soll dagegen heimisches Geldvermögen im Ausland (z.B. in den USA) investiert werden, so hängt die Gesamtrendite nicht nur vom Auslandszins, sondern auch von der Wechselkursentwicklung ab: Der anzulegende Euro-Betrag wird zunächst zum heutigen Kurs Et in Dollar getauscht und dann zum Auslands-, d.h. Dollar-Zins it A am US-Finanzmarkt angelegt (Abbildung 2-21). Am Ende der Investitionsperiode erfolgt ein Rücktausch t/Ex = $t $t+ x Et+ e = t+ t t+ + i A( )t ( ) + i t 1 1 1 1 t 1 1 1 1 1 11 Abbildung 2-21: Inlands- und Auslandsanlage von Finanzaktiva 84 2. Theorie und Funktionsweise von Finanzmärkten von Kapital und Zinseinkommen in Euro; der dann vorherrschende Wechselkurs 1etE + ist jedoch aus heutiger Sicht eine Erwartungsgröße. Die Renditen beider Projekte stimmen demnach überein, d.h. ein Arbitragegleichgewicht ist gegeben, wenn ( ) 111 1 A et t t t i i E E + + = + [2.74] gilt. Daraus folgt die Theorie der Zinsparität: Der inländische Zins liegt ungefähr um die erwartete Abwertungsrate (Aufwertungsrate) über (unter) dem Auslandszins: 1 1 1 1 1 e e e t t t tA A A e t t t t t t t t E E E E i i i i e E E E + + + + − = + ≈ + − = + [2.75] Der mit dem Auslandszins itA multiplizierte Term 1et tE E+ zeigt die Realwertsicherung der Zinserträge an. Er liegt bei kleinen Wechselkursänderungserwartungen nahe bei Eins und wird daher oft vernachlässigt. Bei heterogenen Währungen wird in [2.75] zusätzlich eine Risikoprämie eingefügt; sie erfordert zum Ausgleich einen höheren Zins bei Papieren in weniger angesehenen Währungen (dies wirkt analog zu einem höheren itA ). Das Währungsrisiko kann teilweise durch Absicherungsgeschäfte ausgeschaltet werden (Box 2-9). Die erwartete Veränderungsrate des Wechselkurses 1 ete + wirkt wie eine (positive oder negative) Ertragsrate von Finanzinvestitionen. Bei einer erwarteten Abwertung der Inlandswährung ist es vorteilhaft, das Geldvermögen während des Abwertungsprozesses in Auslandswährung zu "parken" und damit vor dem Wertverlust zu schützen. Beim Rücktausch kann dann ein Kursgewinn realisiert werden. Folglich muss den Vermögenshaltern, die ihr Geld im Inland belassen, zur Kompensation ein höherer Inlandszins gezahlt werden. Im Grenzfall sind nicht einmal effektive Kapitalbewegungen notwendig, um Wechselkurs- und Zinsänderungen durchzusetzen; die Bestandspreise auf flexiblen Finanz- und Devisenmärkten passen sich sofort an eine neue Gleichgewichtsbedingung an. Die Zinsparitätsbedingung [2.75] lässt sich als Menu of Political Choice verstehen (Abbildung 2-22). Als ZP-Kurve zeigt sie bei gegebenem Auslandszins und einem bestimmten erwarteten Wechselkurs die Menge aller Zins-Wechselkurs-Kombinationen, die ein Devisenmarktgleichgewicht darstellen. • Wenn in Punkt A der erwartete dem tatsächlichen Wechselkurs entspricht ( 1 0etE E+ = ), ist die Zinsdifferenz zum Ausland gleich Null. • Aber auch Punkt B bedeutet ein Gleichgewicht, weil hier der Zinsnachteil von Inlandsanlagen ( i it t A< ) dadurch gerade aufgewogen wird, dass die Kapitalanleger eine Aufwertung der Inlandswährung erwarten ( Et → 0E ). Eine Zinsdifferenz zum Ausland kann also durch eine Auf- oder Abwertungserwartung kompensiert werden. • Oberhalb von ZP (Punkt C) ist der Inlandszins aus Sicht des Devisenmarktgleichgewichts zu hoch: Dies bedeutet einen Renditevorteil für Anlagen im Inland und zieht folglich Kapitalimporte an. Dies geht mit einer Aufwertungstendenz der Inlandswäh- 2.4 Zinsen und Wechselkurse 85 rung einher, bis die ZP-Linie erreicht ist. Umgekehrt wertet der Wechselkurs unterhalb von ZP ab. Die Zinsparitätsbedingung als Gleichgewichtsbedingung des Vermögensmarktes verlangt eine bestimmte Kursänderungsrate, hat aber einen Freiheitsgrad im Hinblick auf das Kursniveau. Die Theorie der Zinsparität erlaubt abhängig von der Konstellation auf dem Devisenmarkt unterschiedliche Aussagen: • In einem System flexibler Wechselkurse, in dem die Zinssätze direkt oder indirekt durch die beteiligten Notenbanken festgelegt werden, bestimmt die Zinsdifferenz und das künftig erwartete Kursniveau 1etE + den aktuellen Wechselkurs Et . Die Umformulierung von [2.74] zeigt den Wechselkurs als Vermögenspreis: Alle für die künftige Entwicklung relevanten Informationen spiegeln sich bereits im heutigen Marktpreis wider; der aktuelle Kurs ist vor allem von seinem erwarteten Wert in der Zukunft abhängig. Neue Informationen können zu sprunghaften Preisänderungen führen (Abschnitt 2.1.2). Eine etwaige Zinsdifferenz bewirkt nur eine geringfügige Modifikation des Zusammenhangs 1et tE E+ → . 1 1 1 A te t t t i E E i+ + = + [2.76] • Umgekehrt kann man aus einer gegebenen Zinsdifferenz und dem aktuellen Kassakurs auf die dazu passende Markterwartung über den künftigen Wechselkurs 1etE + schließen. Damit wird die Zinsparitätsbedingung zu einem Ansatz der Wechselkursprognose. • Bei fixen Wechselkursen (E Et = ) impliziert eine beobachtbare Zinsdifferenz, dass die Marktakteure eine spätere Abweichung vom Fixkurs erwarten ( 1etE E+ ≠ ). Das deutet darauf hin, dass die Kursfixierung nicht glaubwürdig ist. Die Zinsdifferenz wird zu einem Maß der Wahrscheinlichkeit und des Ausmaßes einer Kursänderung. i i0 C E0 i A ZP E A B Ee = E0t+1 Abbildung 2-22: Die Zinsparitätskurve 86 2. Theorie und Funktionsweise von Finanzmärkten Box 2-9: Gedeckte Zinsparität Die Gleichgewichtsbedingung [2.74] beschreibt die sog. "ungedeckte" Zinsparität, bei der das Risiko von Wechselkursänderungen von den Anlegern getragen wird. Wenn jedoch ein Währungsterminmarkt für die gewünschten Anlagefristen existiert, so kann ein Anleger bereits heute den Umtausch eines später in ausländischer Währung freiwerdenden Betrages vertraglich und preislich regeln. Wenn z.B. der Auslandszins steigt, so werden inländische Anleger auf dem Kassamarkt Devisen nachfragen, damit ausländische Finanzaktiva erwerben und zugleich den Tilgungsbetrag zum Terminkurs 1TtE + auf dem Terminmarkt verkaufen. Mit dieser Transaktion sind zwei Preiseffekte verbunden: Die Überschussnachfrage nach Devisen auf dem Kassamarkt bringt eine Abwertung der Inlandswährung mit sich ( Et steigt). Das Überschussangebot an Auslandswährung auf dem Terminmarkt wertet zugleich den Terminkurs der Inlandswährung auf ( 1TtE + sinkt). Das Kurssicherungsgeschäft kommt zum Erliegen, wenn der Verlust aus der Differenz zwischen Kassa- und Terminkurs den Zinsvorteil der Auslandsanlage gerade noch kompensiert. Im Gleichgewicht gilt die "gedeckte" Zinsparität 1 1 T tA t t t E i i E +− −= [2.77] bei der die Zinsdifferenz dem Swapsatz, d.h. der rechten Seite von [2.77] entspricht. Da Währungsterminmärkte nur im Bereich relativ kurzer Fristen existieren, ist eine vollständige Absicherung von Auslandsinvestitionen nicht möglich. 2.4.2 Störungen der Zinsparität: Abwertungserwartungen, Zinspolitik und Overshooting Die ZP-Kurve gilt sowohl bei flexiblen wie bei festen Wechselkursen, denn auch im letzteren Fall sind Wechselkursänderungserwartungen keineswegs ausgeschlossen. Auf jeder ZP- Kurve ist die Wechselkurserwartung konstant. Ändert sich der erwartete Wechselkurs oder der Auslandszins, so verschiebt sich die ZP-Kurve (Abbildung 2-23): (1) Bei einer in Punkt A auftretenden Abwertungserwartung ( 1 1etE E+ = ) verlagert sich die Zinsparitätslinie nach oben auf ZP'. In A ist nun der Inlandszins zu niedrig, um den bestehenden Wechselkurs 0E zu halten. Kapitalexporte bewirken eine Abwertung bis zum neuen Gleichgewicht B. Die Abwertungserwartung wird also direkt realisiert. Will die Geldpolitik jedoch den Kurs 0E verteidigen, so muss der Inlandszins auf 1i erhöht werden, um über die Zinsdifferenz zum unveränderten Auslandszins 0Ai die Anleger für die Abwertungserwartung zu entschädigen (Punkt C). Das mangelnde Vertrauen in die Stabilität des Wechselkurses muss also mit einer Zinsdifferenz zum Ausland bezahlt werden (zur Wirkung einer Abwertungserwartung auf die Zinsstruktur siehe Box 2-10). (2) Ein Anstieg des Auslandszinses auf 1Ai (wiederum von A ausgehend) setzt über den Kapitalexport unmittelbar eine Abwertung in Gang. Entscheidend sind nun zwei Randbedingungen des Portfoliogleichgewichts: 2.4 Zinsen und Wechselkurse 87 • Zunächst ist eine Erwartung über die Dauer der Zinsdifferenz zu bilden. Geht man im Extremfall davon aus, dass sie permanent anhalten wird, so gäbe es einen ebenfalls permanenten Anreiz zum Kapitalexport. Die Konsequenz wäre eine vollständige Entwertung der Inlandswährung. Daraus folgt, dass Zinsdifferenzen in der Erwartung der Anleger nur für eine bestimmte Zeitdauer bestehen können (es sei denn, der Zinsvorteil der Auslandswährung wird durch eine gleichzeitig aufgetretene Aufwertungserwartung der Inlandswährung z.B. im Ausmaß 0E → 2E neutralisiert; in diesem Fall gilt weiterhin ZP und A bleibt der Gleichgewichtspunkt). • Zugleich muss im Markt eine herrschende Meinung über das künftige Niveau des Wechselkurses bestehen. Wenn man glaubt, dass die ausländische Zinserhöhung in 1t + wieder revidiert wird, der Inlandszins konstant und der allgemein erwartete (Gleichgewichts-) Wechselkurs 1etE + bei 0E bleibt, so wird der Wechselkurs in t sprunghaft um AB abwerten. Das Ausmaß der Abwertung lässt sich aus dem totalen Differenzial der Zinsparitätsformel [2.75] berechnen: 0 A t tdE E d i= [2.78] Der durch den Zinsvorsprung angetriebene Kapitalexport, d.h. die Abwertung, stoppt in B, weil bei einem Umtausch der Inlandswährung zu einem Kurs oberhalb von B der relative Zinsgewinn der Auslandsanlage den zu erwartenden Kursverlust (Abwertung der Auslandswährung bzw. Aufwertung der Inlandswährung von B nach C) nicht mehr kompensiert. Während der nun folgenden Periode wertet die Inlandswährung schrittweise auf. Der Zeitablauf dieses Anpassungsprozesses wird in Abbildung 2-24 beschrieben. Nach der sprunghaften Abwertung A → B tritt zwischen B und C eine kontinuierliche Wiederaufwertung ein. Anleger, die zwischen t und 1t + die Auslandsinvestition wählen, können nur noch für kürzere Zeit von der Zinsdifferenz profitieren; deshalb muss der Wechselkurs wegen der zu erwartenden Abwertung der Auslandswährung auch immer näher am Gleichgewichtskurs 0E liegen. Wenn der Auslandszins erwartungsgemäß wieder auf 0Ai abgesenkt wird, hat der i i0 i1 B C E0 ZP ZP' E A i A0 1i AD E1E2 Abbildung 2-23: Zinsparität bei Abwertungserwartung oder Zinssteigerung im Ausland 88 2. Theorie und Funktionsweise von Finanzmärkten Marktkurs gerade den Wert 0E erreicht. Die Bewegung des Wechselkurses zwischen 2t + und 3t + beschreibt einen analogen Anpassungsprozess bei einer vorübergehenden Absenkung des Auslandszinses. Komplikationen des Anpassungsprozesses ergeben sich dadurch, dass die Dauer der Zinsdifferenz falsch eingeschätzt oder das Niveau des erwarteten Gleichgewichtskurses im Prozessverlauf revidiert wird. In diesem Zusammenhang ist zu betonen, dass die Zinsparität als Gleichgewichtsbedingung des Devisenmarktes gemäß [2.75] nur eine bestimmte Änderungsrate des (erwarteten) Wechselkurses verlangt; das absolute Niveau des Kurses bleibt jedoch unbestimmt. Gegeben eine bestimmte Zinsdifferenz, so kann die dazu korrespondierende Anpassung des Wechselkurses von B nach C, aber ebenso von D nach F verlaufen wenn nämlich 1E den neuen Fixpunkt der Wechselkurserwartungen darstellen sollte. (3) Geldpolitische Maßnahmen können den langfristig erwarteten Wechselkurs verändern und zu einer überschießenden Anpassungsbewegung des Wechselkurses führen. Das langfristige Gleichgewichtsniveau des Wechselkurses E∗ wird zumeist mit der Kaufkraftparitätentheorie erklärt. Nach dem "Gesetz des einheitlichen Preises" auf dem internationalen Gütermarkt müssen die Preise von homogenen Gütern ausgedrückt in einem gemeinsamen Standard gleich sein, weil ansonsten Arbitragegeschäfte lohnend werden (Box 6-1). Wenn keine sonstigen Transaktionskosten auftreten, muss E∗ damit aus Wettbewerbsgründen dem Verhältnis der Preisniveaus im In- und Ausland entsprechen bzw. sich nach der Differenz der nationalen Inflationsraten entwickeln: E P P e p pA A∗ ∗= ⇒ = − [2.79] Nach quantitätstheoretischer Vorstellung hängen die Preise in den einzelnen Ländern wiederum von der Geldmengenentwicklung ab (Abschnitt 2.2.2). Diese bestimmt danach auch den langfristig erwarteten Wechselkurs: E E0 t t+ A B C D F E1 t+ t+1 2 3 Abbildung 2-24: Zeitlicher Verlauf der Wechselkursanpassung bei ausländischen Zinsschocks 2.4 Zinsen und Wechselkurse 89 E f M M e f m mA A∗ ∗= FHG I KJ ⇒ = −d i [2.80] Kommt es zu einer Erhöhung der nominellen Geldmenge M, so wird sich das Preisniveau P bei Rigiditäten im Lohn- und Preisbildungsprozess erst mit einer Verzögerung anpassen. Deshalb steigt nun die reale Geldmenge M P ; im "Geldmarkt" geht dies mit einem Absinken des Zinssatzes von 0i auf 1i einher (A → B, Abbildung 2-25). Auf dem Devisenmarkt führt die höhere Geldmenge M nach [2.80] zu einem Anstieg des langfristig erwarteten Wechselkurses von 0E∗ auf 1E∗ ; die Zinsparitätskurve verschiebt sich nach rechts. Gleichzeitig ist aber kurzfristig eine Zinsdifferenz zum Ausland eingetreten. Diese ist gemäß der Zinsparitätsbedingung [2.75] nur bei einer Aufwertungserwartung mit einem Finanzmarktgleichgewicht vereinbar. Der über den Kapitalabfluss in Gang gesetzte Abwertungsprozess geht deshalb über den Gleichgewichtswechselkurs 1E∗ hinaus und hält solange an, bis bei den Anlegern eine Aufwertungserwartung vorherrscht, die den Zinsnachteil der Inlandswährung kompensiert. Auf der neuen ZP-Kurve wird so ein temporäres Gleichgewicht B' mit dem Wechselkurs 2E realisiert; dies bedeutet eine überschießende Abwertung im Vergleich zum neuen langfristigen Gleichgewichtskurs 1E∗ . Die nun einsetzende Preissteigerung auf dem Gütermarkt verringert die reale Geldmenge; dies geht mit einem Wiederanstieg des Inlandszinses einher (B → A). Auf dem Devisenmarkt hat dies eine kontiniuerliche Aufwertung zur Folge, bis in A'' der aktuelle Wechselkurs mit seinem neuen langfristigen Gleichgewichtswert übereinstimmt. Hier entspricht ebenfalls der Inlandszins wieder dem Auslandszins. Die überschießende Abwertung ist eine Konsequenz von Rigiditäten bei der Lohn- und Preisbildung (steigt das Preisniveau unmittelbar mit der Geldmenge, so bliebe die Zinssenkung aus und der Wechselkurs 1E∗ würde unmittelbar realisiert). Dabei liefert die Kaufkraftparität das durch Gütermarktbeziehungen bestimmte Gravitationszentrum der Marktdynamik und prägt die langfristigen Erwartungen der Wirtschaftssubjekte, während die i L, M/P L M/P i i0 A' i A ZP E A B E0∗ E1∗ E2 B' A'' i1 Abbildung 2-25: Überschießen des Wechselkurses nach Geldmengenerhöhung 90 2. Theorie und Funktionsweise von Finanzmärkten Zinsparität die kurzfristigen, temporären Finanzmarktgleichgewichte im Verlauf des Anpassungsprozesses steuert. Box 2-10: Abwertungserwartung und Zinsstruktur Die erwartete Abwertung einer Währung geht häufig mit einer inversen Zinsstruktur einher (Abschnitt 2.1.5). Die Zinsparitätsbedingung [2.74] für n Perioden ist ( ) ( )1 1 e nn t n A t t t E i i E ++ = + [2.81] Dabei bezeichnet ti den Zins für einperiodige Wertpapiere. Bei einer flachen Zinsstruktur (keine Zinsänderungserwartung) gilt jedoch im Ausgangspunkt A At nt t nti i i i= = = . Erwarten die Akteure nun innerhalb der n Perioden eine Abwertung der Inlandswährung ( et n tE E+ > ), so ergibt sich bei konstanten Auslandszinsen aus dem totalen Differenzial von [2.81] eine in Prozentpunkten berechnete Änderung des langfristigen Inlandszinses: 1 nt ent t n i d i e n + + = [2.82] Sie gilt auch, wenn die erwartete Abwertung bereits in der nächsten Periode erfolgt und der Wechselkurs dann bis zum Rücktausch des Anlagebetrages nach n Perioden konstant bleibt. Jedoch folgt aus der kurzfristigen Zinsparitätsbedingung, d.h. [2.81] mit 1n = , bei 1 e et n te e+ += die Änderung des kurzfristigen Inlandszinses mit: ( ) 1 1 et t td i i e += + [2.83] Offensichtlich steigt der kurzfristige Zins stärker an als der langfristige, d.h. t ntd i d i> bei 1n > , wenn zunächst t nti i= galt. Die Erklärung ist: Wenn innerhalb eines Jahres an einer Abwertung z.B. 10 % zu verdienen ist, so muss der Inlandszins für Ein-Jahres-Anlagen um etwa diesen Betrag ansteigen, um die Akteure von der Auslandsinvestition abzuhalten. In den folgenden Jahren gilt dann wieder Zinsgleichheit zum Ausland. Die Kompensation für langfristige Anleger verlangt dagegen einen pro Jahr geringeren Zinszuschlag, der aber länger gezahlt wird. War z.B. zunächst 5 %t nti i= = , so folgt aus [2.82] bei einem Zeithorizont von drei Jahren 3 [(1 0,05) 3] 0,1 0,035td i = + = mit 3 8,5 %ti = , und aus [2.83] (1 0,05) 0,1 0,105td i = + = mit 15,5 %ti = . Die inländische Zinsstrukturgleichung ist dann ( ) ( ) ( ) ( )31 0,155 1 0,05 1 0,05 1 0,085+ + + = + [2.84] Zusammenfassung 2.4.1 Die "ungedeckte" Zinsparität stellt eine Differenz zwischen den Zinssätzen in verschiedenen Währungsgebieten her, die der erwarteten Wechselkursänderungsrate entspricht und darüber das Risiko von Vermögensverlusten beim Rücktausch von Auslandsanlagen kom- Literatur 91 pensiert. Bei konstanten Wechselkurserwartungen zeigt die im Zins-Wechselkurs-Diagramm negativ geneigte Zinsparitätskurve die Menge aller Zins-Wechselkurs-Kombinationen, die ein Finanzmarktgleichgewicht darstellen. Existiert ein Währungsterminmarkt, so können sich Geldvermögensbesitzer gegen Wechselkursänderungen absichern, indem sie Devisen per Termin kaufen oder verkaufen. Bei der "gedeckten" Zinsparität entspricht die Zinsdifferenz dem Swapsatz, d.h. der Relation zwischen Termin- und Kassakurs. 2.4.2 Eine Abwertungserwartung wird bei flexiblen Wechselkursen unmittelbar realisiert oder muss durch einen relativ höheren Inlandszins kompensiert werden. Eine Zinssteigerung im Ausland zwingt entweder zu einer inländischen Zinsanpassung oder zu einer Abwertung; dabei wird die Veränderung des Wechselkurses im Zeitablauf von der erwarteten Dauer der Zinsdifferenz und vom Niveau des erwarteten Gleichgewichtskurses beeinflusst. Ist die Preisanpassungsgeschwindigkeit auf dem Devisenmarkt höher als auf dem Gütermarkt, kann eine aktive Geldpolitik zu überschießenden Wechselkursbewegungen führen. Der langfristig gemäß der Kaufkraftparitätentheorie erwartete Wechselkurs verändert sich proportional zur Geldmengenveränderung. Kurzfristig geht jedoch der realisierte Wechselkurs noch über diesen Wert hinaus, um bei zunächst rigiden Preisen eine solche Wechselkurs- änderungserwartung zu erzeugen, die der Zinsparitätsbedingung genügt. Literatur und zitierte Quellen zu Kapitel 2 Adrian, T. / Shin, H. S. (2009): Money, Liquidity, and Monetary Policy. American Economic Review, Papers and Proceedings, 99, 600-605. Adrian, T. / Shin, H. S. (2010): The Changing Nature of Financial Intermediation and the Financial Crisis of 2007-09. Federal Reserve Bank of New York, Staff Report 439. Belke, A. / Polleit, T. (2009): Monetary Economics in Globalised Financial Markets. Berlin / Heidelberg, Kap. 2-4. Blanchard, O. J. / Illing, G. (2009): Makroökonomie. 5. Aufl. München. Kap. 14, 15, 18.2., 22.1 Bofinger, P. (2001): Monetary Policy Goals, Institutions, Strategies, and Instruments. Oxford, Kap. 2, 12.3, App. 8.1. Bullard, J. u.a. (2009): Systemic Risk and the Financial Crisis − A Primer. 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References

Zusammenfassung

Entscheidungen von Notenbanken wirken sich nicht nur auf Geschäftsbanken, sondern auch auf das Wirtschaftsumfeld von privaten Haushalten und Unternehmen aus. Im Zentrum dieses Buches stehen folgende drei Themenbereiche:

* Finanzmärkte: Das Buch beschreibt die Rolle des Geldes in der Marktwirtschaft, die Tätigkeit der Banken sowie die Preisbildung auf Wertpapier- und Devisenmärkten. Vor diesem Hintergrund analysiert es die Wirkungsweise der geldpolitischen Instrumente.

* Ein „neuer Konsens“ in der Makroökonomie begreift nicht die Geldmenge, sondern den Zins als Hauptinstrument der Geldpolitik. Damit wird das traditionelle IS-LM-Modell durch einen Drei-Gleichungs-Ansatz ersetzt, in dem das Verhalten der Notenbank durch eine zinspolitische Reaktionsfunktion beschrieben wird.

* Die Konzeption zinspolitischer Strategien als Richtschnur für tagespolitische Entscheidungen der Notenbank berücksichtigt dabei wirtschaftspolitische Ziele, unterschiedliche Vorstellungen über die Funktionsweise einer Geldwirtschaft sowie Erfahrungen mit der Wirkungsweise geldpolitischer Instrumente.

Der Autor

Prof. Dr. Heinz-Peter Spahn, Professor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Wirtschaftspolitik, an der Universität Stuttgart-Hohenheim. Seine Lehr- und Forschungsgebiete sind insbesondere Makroökonomie, Geld- und Währungspolitik sowie Theoriegeschichte.