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Wolfgang Merk, 16.1 Überblick über den ambulanten Versorgungssektor in:

Jochen Drukarczyk, Dietmar Ernst (Ed.)

Branchenorientierte Unternehmensbewertung, page 364 - 369

3. Edition 2010, ISBN print: 978-3-8006-3654-9, ISBN online: 978-3-8006-4464-3, https://doi.org/10.15358/9783800644643_364

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16 Bewertung von Arztpraxen, Zahnpraxen und Medizinischen Versorgungszentren Von Wolfgang Merk* 16.1 Überblick über den ambulanten Versorgungssektor 16.1.1 Allgemeiner Überblick Das deutsche Gesundheitswesen kann im Hinblick auf die Art der medizinischen Versorgung der Bevölkerung als zweigeteilt bezeichnet werden. Die stationäre Versorgung der Bevölkerung wird von 2.087 Krankenhäusern gewährleistet, hinzukommen noch ca. 1.239 Vorsorge- und Rehabilitationseinrichtungen.1 Die ambulante Versorgung obliegt weitestgehend niedergelassenen Ärzten und Zahnärzten, die zu einem weit überwiegenden Teil in Praxen freiberuflich tätig sind.2 Seit dem * Prof. Dr. Wolfgang Merk, Duale Hochschule Baden-Württemberg, Sachverständiger zur Bewertung von Unternehmen und Praxen im Gesundheitswesen, Betriebsanalysen und Betriebsunterbrechungsschäden. 1 Vgl. Online-Informationen des Statistischen Bundesamtes, Tabellen, http://www.destatis.de/jetspeed/ portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Navigation/Statistiken/Gesundheit/Krankenhaeuser/Tabellen.psml vom 18.4.2009. 2 Vgl. zu einer detaillierten Übersicht zur Teilnahme an der ambulanten Versorgung Schirmer, H. D.: Vertragsarztrecht kompakt. 2005, S. 215 ff. 16.1 Überblick über den ambulanten Versorgungssektor. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 353 16.1.1 Allgemeiner Überblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 353 16.1.2 Arztpraxen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 354 16.1.3 Zahnarztpraxen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 356 16.1.4 Medizinische Versorgungszentren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 357 16.2 Besonderheiten bei der Bewertung von Arzt- und Zahnarztpraxen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 358 16.2.1 Betriebswirtschaftliche Spezifika . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 358 16.2.2 Starke Heterogenität der Bewertungsobjekte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 359 16.2.3 Hohe Relevanz des konkreten Bewertungsanlasses . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 361 16.3 Bewertungsmethoden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 362 16.3.1 Faustformeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 363 16.3.2 Bundesärztekammermethode . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 363 16.3.2.1 Richtlinie der Bundesärztekammer aus dem Jahre 1987 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 363 16.3.2.2 Empfehlungen der Bundesärztekammer aus dem Jahre 2008. . . . . . . . . . . . . . . . . . 365 16.3.3 Die Indexierte Basis-Teilwert-Methode. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 367 16.3.4 Die Ertragswertmethode. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 371 16.3.5 Die Discounted Cash-Flow-Verfahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 373 16.4 Der Markt für Arzt- und Zahnarztpraxen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 373 16.5 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 379 Wolfgang Merk354 Wirksamwerden des Gesetzes zur Modernisierung der gesetzlichen Krankenversicherung (GMG) zum Jahresbeginn 2004 sind zudem Medizinische Versorgungszentren (MVZ) als neue Entität innerhalb des Kanons der ambulanten medizinischen Leistungserbringer entstanden.3 Bis auf wenige Ausnahmen sind alle unternehmerisch selbständig tätigen Ärzte und Zahnärzte berechtigt, gesetzlich Versicherte zu behandeln und die vorgenommenen Leistungen zu Lasten der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) abzurechnen. Es handelt sich dann um eine vertragsärztliche bzw. vertragszahnärztliche Tätigkeit, die jedoch einer vorherigen Zulassung der Leistungserbringer durch einen Zulassungsausschuss bedarf. Durch die Erteilung einer Zulassung werden die ärztlichen und zahnärztlichen Leistungserbringer Teil des Systems der GKV, in dem ca. 85 % der deutschen Bevölkerung, sei es als Pflicht- oder als freiwillige Mitglieder, versichert sind. Die Einbindung in dieses komplexe System der GKV manifestiert sich für Vertragsärzte und -zahnärzte insbesondere dadurch, dass sie qua Zulassung Mitglied einer von 17 Kassenärztlichen bzw. 17 Kassenzahnärztlichen Vereinigungen (KV bzw. KZV) werden und damit in ein kollektivvertragliches Rechts- und Organisationsgefüge eingebunden werden, das insbesondere für die Honorierung ihrer erbrachten Leistungen an GKV-Patienten verantwortlich ist. Spätestens seit Verabschiedung des GKV-Wettbewerbsstärkungesetzes (GKV-WSG) zeichnet sich jedoch ab, dass das bisherige kollektivvertragliche System durch Selektivverträge zumindest ergänzt wird. So wurden z.B. in Baden-Württemberg und Bayern sog. Hausarztverträge nach § 73 b SGB V zwischen der AOK und alternativen Vertragspartnern (Medi-Verband e.V. und/oder Hausärzteverband) abgeschlossen. Die Anzahl der in einer Praxis rein privatärztlich tätigen Ärzte und Zahnärzte hat allerdings in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Gab es bei den Ärzten im Jahre 2001 ca. 5.700 reine Privatärzte, so hat sich diese Zahl um 1.600 bis zum Jahresende 2007 auf 7.300 erhöht.4 Dies entspricht einer Steigerungsrate um knapp 40 % in sechs Jahren. Auch hat sich der Anteil der Leistungen erhöht, die zwar von zugelassenen Vertragsärzten erbracht werden, die jedoch nicht durch die GKV erstattet werden und dem sog. Privat- oder Selbstzahlermarkt zuzurechnen sind. Dies ist dann der Fall, wenn es sich um einen privat- oder nicht versicherten Patienten handelt, ebenso bei GKV-Versicherten, bei denen die erbrachten Leistungen nicht im versicherten Leistungsumfang enthalten sind. So lag der Anteil der Umsätze bei niedergelassenen Vertragszahnärzten, die über die Kassenzahnärztlichen Vereinigungen vereinnahmt wurden, in den alten Bundesländern 1988 noch bei 71,6 %. Bis zum Jahr 2006 war der Anteil der GKV-Honorare auf 49,8 % vom Gesamtumsatz gefallen.5 16.1.2 Arztpraxen Zum Jahresende 2007 waren in der Bundesrepublik 118.858 Vertragsärzte zugelassen. Zusammen mit ermächtigten Ärzten, Partner-Ärzten und angestellten Ärzten nahmen insgesamt 134.172 Ärzte an der vertragsärztlichen Versorgung der gesetzlich Versicherten teil.6 Die Anzahl der vertragsärztlichen Einzelpraxen lag zu Jahresbeginn bei ca. 74.458, die von Gemeinschaftspraxen lag bei 20.405, davon waren ca. 3.567 fachübergreifend.7 Zusammen mit den reinen Privatpraxen ergeben sich damit ca. 100.000 ärztliche Praxen in der Bundesrepublik, die als Unternehmen zu kategorisieren sind und Gegenstand einer Unternehmensbewertung werden können. Eine Klassifikation der Praxen lässt sich etwa hinsichtlich der Fachdisziplinen oder der vorherrschenden Rechts- bzw. Praxisformen vornehmen. Die vertragsärztliche Niederlassung setzt seit 1994 den Abschluss einer abgeschlossenen fachärztlichen Weiterbildung voraus.8 Die (Muster-)Weiterbildungsordnung (MWBO) der Bundesärztekammer 3 Vgl. BGBl. 2003 I, S. 2190. 4 Vgl. Online-Informationen der Bundesärztekammer, Ärztestatistik, http://www.bundesaerztekammer.de/ downloads/Stat07Abbildungsteil.pdf vom 18.4.2009. 5 Vgl. Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (Hrsg.) KZVB Jahrbuch 2007, S. 125 ff. 6 Vgl. Kassenärztliche Bundesvereinigung (Hrsg.) Grunddaten 2008, S. 9 ff. 7 Vgl. Online-Informationen der Bundesärztekammer, Ärztestatistik, http://www.bundesaerztekammer.de/ downloads/Stat07Abbildungsteil.pdf vom 18.4.2009, eigene Berechnungen. 8 Es bestehen jedoch Ausnahmeregelungen, wie z.B. bei praktischen Ärzten. 16 Bewertung von Arztpraxen, Zahnpraxen u. Med. Versorgungszentren 355 mit Stand März 2008 sieht 32 (Fach-) Gebietsbezeichnungen und 43 Facharztbezeichnungen vor. Allgemeinärzte, Internisten, Frauenärzte, Kinderärzte, Augenärzte, Orthopäden und Nervenärzte sind dabei am zahlreichsten vertreten. Darüber hinaus kann von einem Arzt zusätzlich zur Facharztbezeichnung eine Schwerpunktbezeichnung geführt werden. Eine Schwerpunktbezeichnung weist darauf hin, dass in einem rechtlich und tatsächlich verselbständigten Teilgebiet innerhalb eines medizinischen Hauptgebietes (Gebietsbezeichnung) besondere Kenntnisse vorhanden sind. Die Führung der Schwerpunktbezeichnung ist nur mit der Facharztbezeichnung zulässig. Nach der MWBO vom März 2008 gibt es 18 Schwerpunktbezeichnungen. Ein Arzt, der umgangssprachlich als Kardiologe bezeichnet wird, ist demnach in entsprechender Terminologie ein „Facharzt für Innere Medizin“, der zusätzlich die Schwerpunktbezeichung „Kardiologie“ besitzt. Eine Zusatzbezeichnung weist dagegen auf zusätzlich erworbene Kenntnisse hin, die selber keine medizinischen Hauptgebiete oder verselbständigte Teilgebiete sind. Zusatzbezeichnungen dürfen nur mit der Berufsbezeichnung Arzt oder mit einer Facharzt- bzw. Gebietsbezeichnung geführt werden. Es gibt 46 führbare Zusatzbezeichnungen, Beispiele hierfür sind Akupunktur, Homöopathie, Plastische Operationen oder Sportmedizin. Neben diesen, in der MWBO vorgesehenen Bezeichnungen, kann ein Arzt nach dem sog. „Implantologie- Urteil“ des Bundesverfassungsgerichts vom Juli 2001 zudem sog. Tätigkeitsschwerpunkte ausweisen.9 Voraussetzung hierfür ist, dass der Arzt bestimmte Kenntnisse und Fähigkeiten erworben hat und seinen Tätigkeitsschwerpunkt nachhaltig ausübt. Durch die Novellierung der (Muster-)Berufsordnung (MBO) anlässlich des 107. Deutschen Ärztetages vom 18.–21. Mai 2004 sind die unternehmerischen Freiheitsgrade für Ärzte stark erweitert worden. So dürfen nach § 18 Abs. 2 der MBO vom 24.11.2006 Ärztinnen und Ärzte ihren Beruf einzeln oder gemeinsam in allen für den Arztberuf zulässigen Gesellschaftsformen ausüben, wenn ihre eigenverantwortliche, medizinisch unabhängige sowie nicht gewerbliche Berufausübung gewährleistet ist. Damit besteht grundsätzlich die Möglichkeit eine Arztpraxis als GmbH oder AG zu betrieben,10 das Vertragsarztrecht zieht jedoch hier einen deutlich engeren juristischen Rahmen und knüpft die Tätigkeit als Vertragsarzt grundsätzlich weiterhin an eine freiberufliche Tätigkeit. Daher sind Vertragsärzte in eigener Einzelpraxis bisher ausschließlich als Einzelunternehmer freiberuflich tätig. Vertragsärztliche Gemeinschaftspraxen sind aus selbigem Grund weit überwiegend Gesellschaften des bürgerlichen Rechts, gelegentlich finden sich auch Partnerschaftsgesellschaften (Ärztepartnerschaft). Im Rahmen einer Teilgemeinschaftspraxis bringen niedergelassene Ärzte nur einen Teilbereich ihrer Leistungen in eine Berufsausübungsgemeinschaft ein. Im Arztrecht findet sich zudem der Terminus Praxisgemeinschaft. Dies bezeichnet eine reine Organisationsgemeinschaft, bei der die Ärzte nach außen hin nicht gemeinschaftlich auftreten, sondern lediglich eine Kostengemeinschaft bilden. Jeder Arzt in einer Praxisgemeinschaft hat daher seine eigene Abrechnungsnummer, über die er mit der Kassenärztlichen Vereinigung abrechnet, es besteht daher nur eine „Innengesellschaft“, üblicherweise eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts. Die Zulassung zur vertragsärztlichen Versorgung ist ein durch den Zulassungsausschuss11 für Ärzte oder Zahnärzte erlassener Verwaltungsakt, der Voraussetzung für die Teilnahme an der vertragsärztlichen Versorgung ist. Jeder Arzt, der die persönlichen Zulassungsvoraussetzungen erfüllt, hat einen persönlich öffentlich-rechtlichen Anspruch auf Zulassung an dem Ort der eigenen Wahl durch den Zulassungsausschuss aufgrund der formalen Regelungen der Zulassungsverordnung. Etwas anderes gilt jedoch seit 1993 im Falle von Zulassungsbeschränkungen. Wird für einen Planungsbereich eine Überversorgung durch den Landesausschuss festgestellt, müssen Zulassungsbeschränkungen angeordnet werden. Im vertragsärztlichen Planungsbereich wird dann Ärzten der entsprechenden Facharztgruppe der Zugang zur vertragsärztlichen Versorgung durch eine Neuniederlassung verweigert (sog. gesperrtes Gebiet). Die Feststellung der Überversorgung erfolgt dabei nach vorgegebenen Arzt-/Einwohner-Relationen. Zulassungsbeschränkungen werden dann angeordnet, wenn der 9 Vgl. BVerG, 1 BvR 873/00 vom 23.7.2001. 10 Dies ist der Fall, sofern nicht die Heilberufekammergesetze der einzelnen Bundesländer hier entgegenstehen 11 Der Zulassungsausschuss ist ein Ausschuss der gemeinsamen Selbstverwaltung der Kassenärztlichen Vereinigung und der Landesverbände der Kassen und wird paritätisch von beiden Seiten besetzt. Wolfgang Merk356 bedarfsgerechnete Versorgungsgrad um 10 % überschritten wird. Für die meisten Ballungsräume in der Bundesrepublik waren zum Jahresbeginn 2009 für alle der Bedarfsplanung unterliegenden Arztgruppen Niederlassungsbeschränkungen angeordnet. In einzelnen Facharztgruppen bestehen dadurch de facto bundesweite Niederlassungsverbote. Für fachärztliche Internisten etwa war lediglich in einem von 395 bestehenden Planungsbereichen eine Neuniederlassung möglich, bei Radiologen waren ganze 4 Planungsbereiche „geöffnet“.12 Seit dem 1.1.2007 ist das Vertragsarztrechtsänderungsgesetz in Kraft. Dieses Gesetz schafft nach der berufsrechtlichen Liberalisierung des Arztrechts nun auch deutlich erweiterte unternehmerische Spielräume im vertragsärztlichen Sektor. Vertragsärzten und -zahnärzten ist es nun z.B. erlaubt, andere Ärzte auch anderer Facharztzugehörigkeit anzustellen und hierzu Zulassungen bereits niedergelassener Ärzte zu übernehmen, Filialpraxen zu gründen und Teilzulassungen inne zu haben. Die wohl wichtigste Neuerung hinsichtlich möglicher Strukturveränderungen bestand jedoch in der Tatsache, dass nun auch im vertragsärztlichen Bereich überörtliche Berufsausübungsgemeinschaften begründet werden können, unter bestimmten Voraussetzungen auch KV-Bezirksübergreifend. Seither haben sich durch Zusammenschlüsse, Zukäufe und Anstellungen eine Reihe von Großpraxen gebildet, in denen teilweise bis zu 40 Ärzte an mehreren Standorten unter einem gesellschaftsrechtlichen Dach praktizieren. 16.1.3 Zahnarztpraxen Zum Jahresende 2006 waren in der Bundesrepublik 65.463 behandelnde Zahnärzte tätig, davon waren 55.634 vertragsärztlich niedergelassen.13 Wie bei den Ärzten praktiziert die überwiegende Anzahl der Zahnärzte in Einzelpraxen, Ende 2006 existierten 39.823 Einzelpraxen 79,5 % und 7.669 Gemeinschaftspraxen 20,5 %. Von den Gemeinschaftspraxen bestehen 84,5 % zwischen zwei Ärzten, nur 15,5 % haben mehr als zwei Teilhaber. Damit ist ca. ein Drittel aller niedergelassenen Vertragszahnärzte in einer Gemeinschaftspraxis tätig.14 Nach der MWBO der Bundeszahnärztekammer existieren für Zahnärzte nur 2 Gebietsbezeichnungen, nämlich der Zahnarzt für Kieferorthopädie und der Zahnarzt für Oralchirurgie15. Zahnärzte für Oralchirurgie waren am 31.12.2007 im Bundesgebiet insgesamt 2.130 tätig, davon waren 1.725 niedergelassen.16 Zahnärzte für Kieferorthopädie waren 3.437 tätig, hiervon niedergelassen tätig 3.153.17 Wie bei Ärzten besteht bei Zahnärzten die Möglichkeit, Tätigkeitsschwerpunkte auszuweisen, dabei sind Implantologie, Paradontologie und Zahnärztliche Prothetik wohl die gebräuchlichsten. Insgesamt existieren damit in der Bundesrepublik zusammen mit den reinen zahnärztlichen Privatpraxen ca. 52.000 Zahnarztpraxen als unternehmerische Einheiten und stellen damit potenzielle Objekte einer Unternehmensbewertung dar. Hinsichtlich des Leistungsspektrums können Zahnarztpraxen auch insbesondere danach unterschieden werden, ob sie ein zahntechnisches Labor besitzen bzw. einen oder mehrere Zahntechniker angestellt haben. In den alten Bundesländern besaßen 2006 17,2 % aller Praxen ein Labor und hatten mindestens einen Techniker angestellt, der Anteil von Praxen mit Labors ohne angestellten Techniker lag bei 15,1 %. In den neuen Bundesländern lagen diese Anteile zwischen 10,4 % (Praxen mit Labor und Zahntechniker) und 11,2 % (Praxen mit Labor ohne Zahntechniker).18 Hinsichtlich der möglichen Rechtsformen unterscheiden sich Zahnarztpraxen nicht wesentlich von Arztpraxen. Auch bei Zahnärzten hat wie bei den Ärzten eine Liberalisierung der Berufsordnung 12 Vgl. Kassenärztliche Bundesvereinigung (Hrsg.) Grunddaten 2008, S. 29 f. 13 Vgl. Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (Hrsg.): KZBV Jahrbuch 2007, S. 162 ff. 14 Vgl. Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (Hrsg.): KZBV Jahrbuch 2007, S. 166. 15 Im Bereich der Zahnärztekammer Nordrhein existiert als Besonderheit die Gebietsbezeichnung Paradontologie, außerdem gibt es noch vereinzelt Zahnärzte für das öffentliche Gesundheitswesen. 16 Vgl. Online-Informationen der Bundeszahnärztekammer: http://www.bzaek.de/, am 15.4.2009. 17 ebenda. 18 Vgl. Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (Hrsg.): KZBV Jahrbuch 2007, S. 136 f. 16 Bewertung von Arztpraxen, Zahnpraxen u. Med. Versorgungszentren 357 stattgefunden, es finden sich in § 16 Abs. 1 der MBO für Zahnärzte vom 16.02.2005 die entsprechenden Bestimmungen analog der ärztlichen Berufsordnung. Wie für Ärzte galt für Zahnärzte seit 1993 eine Bedarfsplanung, diese wurde jedoch zum 01.04.2007 von Gesetzgeber wieder aufgehoben, so dass es dann für jeden Zahnarzt, der die Zulassungsvoraussetzungen erfüllt, wieder möglich ist, am Ort seiner Wahl eine vertragszahnärztliche Zulassung zu erhalten. Die oben angeführten Änderungen durch das Vertragsarztrechtsänderungsgesetz gelten ab dem 1.1.2007 grundsätzlich auch für Vertragszahnärzte, sie wurden jedoch durch abweichenden Regelungen in den Bundesmantelverträgen teilweise divergierend ausgestaltet. 16.1.4 Medizinische Versorgungszentren Seit Anfang 2004 besteht für Leistungserbringer in der GKV die Möglichkeit, Medizinische Versorgungszentren (MVZ) zu gründen.19 Die Legaldefinition eines MVZ ist in § 95 Abs. 1 SGB V enthalten: „Medizinische Versorgungszentren sind fachübergreifende ärztlich geleitete Einrichtungen, in denen Ärzte, die in das Arztregister (…) eingetragen sind, als Angestellte oder Vertragsärzte tätig sind. Die medizinischen Versorgungszentren können sich aller zulässiger Organisationsformen bedienen; sie können von den Leistungserbringern, die aufgrund von Zulassung, Ermächtigung oder Vertrag an der medizinischen Versorgung teilnehmen, gegründet werden“. Zu unterscheiden ist in diesem Kontext zwischen den Gründern und den Leistungserbringern. Bei den Gründern handelt es sich üblicherweise um die Gesellschafter bzw. Träger eines MVZ. Potenzielle Gründer eines MVZ sind z.B. Vertragsärzte, Vertragspsychotherapeuten und Vertragszahnärzte aber auch Krankenhausträger nach § 108 SGB V und Apotheken. Ein MVZ kann auch ohne die Beteiligung eines Arztes, z.B. durch einen Krankenhausträger gegründet werden, in dem MVZ müssen aber Ärzte als Leistungserbringer tätig sein, um die ärztliche Versorgung sicherzustellen. Ärzte können als Vertragsärzte Träger eines MVZ sein oder aber lediglich als Angestellte in einem MVZ tätig sein. Dadurch entsteht folgende MVZ-Typologie: Vertragsärztliches MVZ: Die Träger eines MVZ sind ausschließlich Vertragsärzte, die im MVZ ihre • vertragsärztliche Tätigkeit im Rahmen einer Personengesellschaft freiberuflich ausüben. Reines Angestellen-MVZ: Die Gründung eines MVZ erfolgt hier üblicherweise durch einen oder • mehrere Leistungserbringer, die selbst keine Vertragsärzte sind. Es hat sich gezeigt, dass die weit überwiegende Anzahl dieser MVZ-Gründungen durch Krankenhäuser erfolgt. Grundsätzlich besteht auch die Möglichkeit, dass ein oder mehrere Vertragsärzte ein MVZ gründen, in „ihrem“ MVZ aber nicht als Vertragsärzte, sondern als Angestellte tätig sind. Mischformen: Ein Misch-MVZ besteht dann, wenn sowohl freiberufliche Vertragsärzte als auch • angestellte Ärzte im MVZ tätig sind. Die Zulassung für die vertragsärztliche Versorgung erfolgt nicht für einen einzelnen Arzt, sondern als „institutionelle“ Zulassung für das gesamte MVZ. Da ein MVZ jedoch grundsätzlich der Bedarfsplanung unterliegt, ist die Tätigkeit als Vertragsarzt oder angestellter Arzt im MVZ nur dann möglich, wenn die leistungserbringenden Ärzte bereits eine „individuelle“ vertragsärztliche Zulassung besitzen oder eine Anstellung von Ärzten im Rahmen der Bedarfsplanung noch möglich ist. Ein MVZ kann jedoch Zulassungen bzw. Praxen von Vertragsärzten erwerben, um damit die Voraussetzung zu schaffen, weitere Ärzte in einem gesperrten Planungsbereich anstellen zu dürfen. Zum Ende des 4. Quartal 2008 waren in Deutschland 1.206 MVZ zugelassen. Darin waren insgesamt 5.536 Ärzte tätig, in einem Anstellungsverhältnis arbeiteten davon 4.270. In der Trägerschaft von Vertragsärzten befanden sich 54,1 % der MVZ, in reiner Trägerschaft eines Krankenhauses waren 19 Vgl. ausführlicher zu diesem Thema z.B. Altendorfer, R.; Merk, W.; Jentsch, I.: Das medizinische Versorgungszentrum: Rechtliche, wirtschaftliche und steuerliche Aspekte, Frankfurt am Main 2004 sowie aus rechtlicher Sicht Dahm, F.-J.; Möller, K.-H.; Ratzel, R.: Rechtshandbuch Medizinische Versorgungszentren, Berlin u.a. 2005. Wolfgang Merk358 37,4 %. Sonstige Trägerschaften bestanden in 8 % der Fälle. Von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) wird die durchschnittliche MVZ-Größe mit ca. 4,6 Ärzten angegeben, die häufigsten Rechtsformen von MVZ sind die GbR, die GmbH und die Partnerschaftsgesellschaft.20 16.2 Besonderheiten bei der Bewertung von Arzt- und Zahnarztpraxen 16.2.1 Betriebswirtschaftliche Spezifika Bereits 1961 bezog Erich Kosiol21 als einer der Nestoren der deutschsprachigen Betriebswirtschaftslehre den freien Beruf des Arztes explizit in das Forschungsgebiet der Wirtschaftswissenschaften ein. Den Forschungsgegenstand der Betriebswirtschaftslehre stellt dabei die wirtschaftliche Dimension von Entscheidungen dar, die bezüglich einer Arztpraxis getroffen werden. Eine Arzt- oder Zahnarztpraxis lässt sich dabei problemlos unter den betriebswirtschaftlichen Unternehmensbegriff subsumieren. Insbesondere durch die Verschlechterungen der allgemeinen Rahmenbedingungen innerhalb der GKV hat sich die Betriebswirtschaftslehre in Forschung und Praxis zunehmend der Arztpraxis zugewandt. So existiert zwischenzeitlich eine Reihe von Dissertationen zum Thema.22 Zudem sind eine große Anzahl von betriebswirtschaftlichen Ratgebern, insbesondere zu betrieblichen Funktionalbereichen (wie z.B. Marketing, Organisation, Kostenmanagement, Controlling etc.) erschienen. Seminare und gar Zusatzstudiengänge, in denen niedergelassenen Ärzten betriebswirtschaftliches Wissen vermittelt wird, können besucht werden, auch hat sich eine Vielzahl von betriebswirtschaftlichen Beratern auf die Lösung von ökonomischen Problemstellungen bei Arzt- und Zahnarztpraxen spezialisiert. Zusätzlich zu der bereits entstandenen bzw. sich in weiterer Entstehung befindlichen speziellen Betriebswirtschaftslehre von Arztpraxen ist es möglich, sich den Besonderheiten dieses Unternehmenstyps dadurch zu nähern, dass aus Sicht der Betriebswirtschaftslehre eine Arztpraxis in fünf bereits bestehende spezielle Betriebswirtschaftslehren eingeordnet werden kann. Jede der fünf Perspektiven eröffnet dabei den Blick auf betriebliche Besonderheiten, die ein sachverständiger Bewerter explizit berücksichtigen muss:23 Perspektive Dienstleistungsbetrieb • Perspektive freiberuflich geführter Betrieb • Perspektive öffentlich gebundener Betrieb • Perspektive Mittel- und Kleinbetrieb • Perspektive Medizin- oder Gesundheitsbetrieb • So resultieren bewertungsrelevante Besonderheiten von Arztpraxen z.B. dadurch, dass aus dem konstitutiven Merkmal der Immaterialität von Dienstleistungen Probleme für die Betriebsführung durch die fehlende Lagerfähigkeit und der notwendigen Simultaneität von Leistungserstellung und Konsum (uno-actu-Prinzip) erwachsen. Eine Einordnung in die Perspektive eines freiberuflich geführten Betriebes ergibt sich nicht nur durch die Regelungen des § 18 EStG, sondern insbesondere auch dadurch, dass es sich bei Arzt- und Zahnarztpraxen um Unternehmen handelt, bei denen der Freiberufler, der eine komplexe und divergierende Leistung erstellt, als personengebundener Produktionsfaktor agiert und dominiert. Für einen Unternehmensbewerter ist es hier folglich sehr bedeutsam, eine vorliegende hohe Personenbezogenheit adäquat zu würdigen. Durch eine partielle Instrumentalisierung 20 Vgl. Online-Information der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, http://www.kbv.de/koop/9173.html vom 16.5.2009. 21 Vgl. Kosiol, E.: Erkenntnisstand und methodologischer Standort der Betriebswirtschaftslehre. In: Zeitschrift für Betriebswirtschaft, 31. Jg. (1961), Heft 3, S. 129–136. 22 Vgl. hierzu ausführlich Merk, W.: Wettbewerbsorientiertes Management von Arztpraxen, Wiesbaden 1999, S. 10 ff. 23 Vgl. Merk, W.: Wettbewerbsorientiertes Management von Arztpraxen, Wiesbaden 1999, S. 10 ff.

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References

Zusammenfassung

Beschäftigt man sich mit der Praxis der Unternehmensbewertung, so zeigt sich, dass hier zahlreiche Spezifika vorliegen, die vom Bewerter berücksichtigt werden müssen. Diese sind zum einen in Marktpotenzialen begründet, in Lebenszyklen, in potenziellen Synergieeffekten oder in Integrationsproblemen.

Eine detaillierte Branchenkenntnis und -analyse ist Basis einer fundierten Unternehmensplanung, die wiederum maßgeblich die Qualität der Unternehmensbewertung beeinflusst.

Es gehört also zum Selbstverständnis, dass sich der Bewerter intensiv mit entsprechenden Branchen sowie deren Besonderheiten beschäftigt.

Dieses Buch wird ihm dabei wertvolle Hilfe sein.

- zur Bewertung von Unternehmen sind Branchenkenntnisse notwendig

- neue Beiträge über die Bewertung von Brauereien und von Infrastrukturprojekten wie dem Eurotunnel

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Peter Bömelburg, Die Wirtschaftsprüfung 2/2009

Die einzelnen Beiträge folgen einem einheitlichen und praxisorientierten Grundgerüst:

- Charakterisierung der Branche

- Ermittlung der Plandaten der Unternehmensbewertung

- Branchenspezifische Ansätze der Unternehmensbewertung

- Praxisbeispiele.

Prof. Dr. Dr. h.c. Jochen Drukarczyk war Inhaber des Lehrstuhls für Finanzierung an der Universität Regensburg. Er hat darüber hinaus zahlreiche Gastprofessuren in England, Frankreich, Österreich und Deutschland wahrgenommen. Seine bevorzugten Arbeitsgebiete sind Bewertung, Sanierung und Analyse institutioneller Regelungen auf Kreditmärkten.

Dr. Dr. Dietmar Ernst ist Professor für Corporate Finance an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) in Nürtingen. Ferner ist er Direktor des Deutschen Instituts für Corporate Finance (DICF).

Für Fach- und Führungskräfte aus den Bereichen Finanzierung, Rechnungslegung und Controlling, für Experten in Kreditinstituten sowie für Unternehmens-, Steuerberater und Wirtschaftsprüfer.