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2.6 Das Problem der unsicheren Erwartungen im Rahmen der betrieblichen Steuerpolitik in:

Dieter Schneeloch

Betriebswirtschaftliche Steuerlehre Band 2: Betriebliche Steuerpolitik, page 45 - 51

3. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8006-3697-6, ISBN online: 978-3-8006-4432-2, https://doi.org/10.15358/9783800644322_45

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8 Teil I: Grundlegende Zusammenhänge und Instrumentarium dem Zeitpunkt der Durchführung der Gestaltungsmaßnahme und endet mit dem Zeitpunkt, ab dem keine unterschiedlichen steuerlichen Folgen mehr auftreten. Dieses Verfahren kann allerdings in Einzelfällen Planungen über Jahrzehnte erfordern. In der Regel ist der Vergleichszeitraum aber wesentlich kürzer. In den Fällen, in denen im Rahmen einer steuerlichen Partialplanung der Vergleichszeitraum unabsehbar oder für eine sinnvolle Planung zu lang ist, muss geprüft werden, welche Festlegung des Planungszeitraums am zweckmäßigsten ist. Auf dieses Problem wird in den Teilen II bis IV wiederholt einzugehen sein. Gleiches gilt für den Fall einer integrierten Steuerplanung. 2.6 Das Problem der unsicheren Erwartungen im Rahmen der betrieblichen Steuerpolitik 2.6.1 Unsicherheit hinsichtlich der künftigen wirtschaftlichen Entwicklung des Betriebes Wirtschaftliches Planen erfordert das Vorausschätzen künftiger wirtschaftlicher Entwicklungen. Diese aber sind nicht mit Sicherheit vorhersehbar, ihre Prognose ist vielmehr mit Unsicherheit behaftet. Das sich hieraus ergebende Problem der Entscheidungen unter Unsicherheit gehört zu den schwierigsten der Betriebswirtschaftslehre. Da die Höhe der Steuerschulden von der wirtschaftlichen Entwicklung des Betriebes abhängt, ist es naheliegend anzunehmen, dass Unsicherheiten hinsichtlich dieser Entwicklung vergleichbare Unsicherheiten bei der Steuerplanung verursachen. Dass dies nur in wesentlich abgeschwächtem Maße der Fall ist, sollen die nachfolgenden Ausführungen erweisen. Der eine Grund für diese Behauptung liegt darin, dass die Höhe der Belastungsdifferenzen zwischen alternativen Gestaltungsmöglichkeiten durch unterschiedliche wirtschaftliche Entwicklungen des Datenkranzes vielfach nicht berührt wird. Das gilt immer dann, wenn bei keiner der Gestaltungsmöglichkeiten steuerliche Verluste oder progressive Steuertarife eine Rolle spielen. Lediglich Verluste oder progressive Steuersätze können nämlich Veränderungen der Steuerbelastungsdifferenzen zwischen alternativen Gestaltungsmöglichkeiten bei unterschiedlichen Zukunftslagen bewirken. Sieht man von gesetzgeberischen Änderungen des Steuertarifs ab, so sind nach derzeitigem deutschen Recht beachtenswerte Änderungen des Steuersatzes im Rahmen von steuerlichen Partialanalysen nur bei der Einkommensteuer zu verzeichnen. Einkommensteuerliche Progressionseffekte nach deutschem Recht treten derzeit aber nur für Einkommen bis zu rd. 53 T€ bei unverheirateten und bis zu 106 T€ bei verheirateten Steuerpflichtigen auf (Tarif für den Veranlagungszeitraum 2010 nach dem Rechtsstand im Sommer 2009). Nur bis zu diesen Einkommenshöhen können sich somit unterschiedliche wirtschaftliche Entwicklungen auf die Höhe der Steuerbelastungsdifferenzen auswirken. Sind also bei allen Alternativen und allen für möglich erachteten wirtschaftlichen Entwicklungen die angeführten Einkommen überschritten, so haben die unsi- 2 Betriebliche Steuerpolitik im Rahmen der Unternehmenspolitik 9 cheren Erwartungen keinen bzw. nur sehr geringen Einfluss auf die Höhe der Steuerbelastungsdifferenzen. Das hat zur Folge, dass ein exakter oder annähernd exakter steuerlicher Vorteilsvergleich auch bei unsicheren Erwartungen möglich ist. Ein exakter Vorteilsvergleich kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass bei Eintritt bestimmter Erwartungslagen einzelne Gestaltungsmöglichkeiten gegen die Nebenbedingung der Aufrechterhaltung der Liquidität verstoßen können. Dieser Frage muss dann im Rahmen einer Liquiditätsplanung nachgegangen werden. Hierbei müssen die Gesamtzahlungen der Alternativen berücksichtigt werden; die Kenntnis der Belastungsdifferenzen allein reicht dann nicht aus. Der andere Grund für die vergleichsweise geringe Bedeutung des Unsicherheitsproblems im Rahmen der Steuerplanung liegt darin, dass zumindest über zeitliche Steuerverlagerungen mit Hilfe von steuerlichen Aktionsparametern häufig erst dann entschieden zu werden braucht, wenn die Unsicherheit bereits völlig oder doch weitgehend beseitigt ist. Selbst wenn progressive Steuersätze oder Verluste vorliegen, spielt dann das Unsicherheitsproblem keine Rolle. Der Grund für die zwischenzeitlich eingetretene Sicherheit besteht darin, dass die Entscheidung über eine zeitliche Steuerverlagerung erst bei Einreichung der Steuererklärung getroffen zu werden braucht. Das aber ist i. d. R. erst ein Jahr, oftmals auch anderthalb Jahre nach Ablauf des Jahres der Fall, für das die Erklärung zu erstellen ist (Veranlagungszeitraum). So reicht es z. B. vielfach aus, über Bewertungswahlrechte für das Jahr 1 erst im Frühjahr des Jahres 3 zu entscheiden. Dann aber liegen die wirtschaftlichen Ergebnisse für die Jahre 1 und 2 dem Steuerpflichtigen bereits vor. Zumindest für das Jahr 3 dürften zudem hinsichtlich der Steuerbemessungsgrundlagen zuverlässige Prognosen möglich sein. Zum Planerstellungszeitpunkt im Frühjahr des Jahres 3 hat der Steuerpflichtige somit für drei Jahre des Planungszeitraumes bereits Kenntnis des tatsächlichen Sachverhaltes oder doch Anhaltspunkte für eine hinreichend genaue Prognose. Bilanzierende Steuerpflichtige haben zudem in Einzelfällen wesentlich später noch die Möglichkeit, im Wege einer Bilanzänderung die steuerlichen Bemessungsgrundlagen mit Wirkung für die Vergangenheit zu ändern. Hier sind allerdings die engen Voraussetzungen zu beachten, unter denen eine Bilanzänderung nach § 4 Abs. 2 EStG möglich ist. 2.6.2 Durch zu erwartende Steuerrechtsänderungen hervorgerufene Probleme Unsicherheit herrscht häufig nicht nur hinsichtlich der zu erwartenden wirtschaftlichen Entwicklung des Betriebes, sondern auch hinsichtlich zu erwartender Änderungen des Steuerrechts. Diese können durch den Gesetzgeber, die Steuerrechtsprechung sowie durch die Finanzverwaltung hervorgerufen werden. Von herausragender Bedeutung sind in diesem Zusammenhang die durch den Gesetzgeber verursachten Steuerrechtsänderungen. Ihre Zahl und ihr Umfang haben 10 Teil I: Grundlegende Zusammenhänge und Instrumentarium während der letzten beiden Jahrzehnte nach Einschätzung des Verfassers gegenüber früheren Zeiten deutlich zugenommen. Als für Steuerbelastungsvergleiche und damit für steuerplanerische Überlegungen besonders wichtige Steuerrechtsänderungen seit 1990 können genannt werden: • Senkung des Körperschaftsteuersatzes für thesaurierte Gewinne von 56 % auf 50 % zum 1.1.1990, • Senkung des Spitzensteuersatzes der Einkommensteuer von 56 % auf 53 % zum 1.1.19904, • Senkung des Körperschaftsteuersatzes für thesaurierte Gewinne von 50 % auf 45 % und des Steuersatzes für ausgeschüttete Gewinne von 36 % auf 30 % zum 1.1.19945, • Einführung eines Solidaritätszuschlags zum 1.7.1991, dessen Abschaffung zum 30.6.1992 und seine Wiedereinführung zum 1.1.19956, • Einfügung eines § 32c in das EStG und damit Einführung einer Tarifbegrenzung für gewerbliche Einkünfte auf 47 % ab 19947, • erhebliche Änderungen bei der Erbschaft- bzw. Schenkungsteuer ab 1.1.1996 in Form einer generellen Steuerverschärfung bei hohem Vermögen und Entlastung der Vererbung gewerblichen Vermögens8, • faktische Abschaffung der seit Jahrzehnten erhobenen Vermögensteuer zum 1.1.19979, • Abschaffung der seit Jahrzehnten erhobenen Gewerbekapitalsteuer zum 1.1.199810, • Senkung des Solidaritätszuschlags ab 1.1.1998 auf 5,5 %11, • Senkung des Spitzensteuersatzes der Einkommensteuer für gewerbliche Einkünfte (§ 32c EStG) von 47 % (bis 1998) über 45 % (1999) auf 43 % im Veranlagungszeitraum 2000, 4 Die in den ersten beiden Punkten genannten Steuersatzsenkungen ergeben sich aus dem Steuerreformgesetz 1990 v. 25.7.1988, BStBl 1988 I, S. 224, Art. 1 u. 2. 5 Siehe Standortsicherungsgesetz v. 13.9.1993, BGBl 1993 I, S. 1569, Art. 1 u. 2. 6 Siehe Solidaritätsgesetz v. 24.6.1991, BGBl 1991 I, S. 1318, Art. 1, zuletzt geändert durch Steueränderungsgesetz 1992 v. 25.2.1992, BGBl 1992 I, S. 297, Art. 19; Gesetz zur Umsetzung des Föderalen Konsolidierungsprogramms v. 23.6.1993, BGBl 1993 I, S. 944, Art. 31, geändert durch Mißbrauchsbekämpfungs- und Steuerbereinigungsgesetz v. 21.12.1993, BGBl 1993 I, S. 2310, Art. 21. 7 Siehe Standortsicherungsgesetz v. 13.9.1993, BGBl 1993 I, S. 1569, Art. 1. 8 Siehe Jahressteuergesetz 1997 v. 20.12.1996, BStBl 1996 I, S. 1523, Art. 2 u. 3. 9 Die Nichterhebung der Vermögensteuer basiert auf dem Beschluß des BVerfG v. 22.6.1995, 2 BvL 37/91, BStBl 1995 II, S. 655; vgl. auch Schüppen, M., Nichtanwendbarkeit, 1997, S. 225. 10 Siehe Gesetz zur Fortsetzung der Unternehmenssteuerreform v. 29.10.1997, BGBl 1997 I, S. 2590, Art. 4. 11 Siehe Gesetz zur Senkung des Solidaritätszuschlags v. 21.11.1997, BGBl 1997 I, S. 2743, Art. 1. 2 Betriebliche Steuerpolitik im Rahmen der Unternehmenspolitik 11 • Senkung des Spitzensteuersatzes der Einkommensteuer für alle nicht gewerblichen Einkünfte von 53 % (bis 1999) auf 51 % im Veranlagungszeitraum 2000, • Senkung des Körperschaftsteuersatzes für einbehaltene Gewinne von 45 % (bis 1998) auf 40 % ab 199912, • Abschaffung des (in 1977 eingeführten) körperschaftsteuerlichen Anrechnungsverfahrens und Einführung eines einheitlichen Körperschaftsteuersatzes von 25 % ab 1.1.2001, • Erfassung der Gewinnausschüttungen von Kapitalgesellschaften bei deren Gesellschaftern nur zur Hälfte durch das Halbeinkünfteverfahren ab 1.1.2001, • Streichung des erst 1994 eingeführten § 32c EStG und damit Abschaffung der Tarifbegrenzung für gewerbliche Einkünfte ab 1.1.2001, • Senkung der Einkommensteuersätze, insbesondere der Spitzensteuersätze, in mehreren Stufen, und zwar − auf 48,5 % ab 1.1.2001, − auf 47 % ab 1.1.2003 und − auf 43 % ab 1.1.2005, • Anrechnung von Gewerbesteuer auf die Einkommensteuer13, und zwar in Höhe des 1,8fachen des Steuermessbetrags bei gleichzeitiger Beibehaltung der Gewerbesteuer als abzugsfähige Betriebsausgabe ab 1.1.2001, • Senkung der degressiven AfA nach § 7 Abs. 2 EStG von maximal 30 % und höchstens dem Dreifachen der linear-gleichbleibenden AfA auf maximal 20 % und das Zweifache ab 1.1.200114, • Senkung der Einkommensteuersätze, insbesondere des Spitzensteuersatzes auf 42 %, ab 1.1.200515, • Einfügung des Spitzensteuersatzes der Einkommensteuer für zu versteuernde Einkommen von mehr als 250 T€ (Grundtarif) bzw. 500 T€ (Splittingtarif) i. H. v. 45 % (sog. Reichensteuer) ab 200716, • Abschaffung der Abzugsfähigkeit der Gewerbesteuer als abzugsfähige Betriebsausgabe bei gleichzeitiger Erhöhung des Anrechnungsfaktors von Gewerbesteuer auf die Einkommensteuer auf 3,8 ab 1.1.2008, 12 Die in den letzten drei Punkten genannten Steuersatzänderungen ergeben sich aus dem Steuerentlastungsgesetz 1999/2000/2002 v. 24.3.1999, BGBl 1999 I, S. 402, Art. 1 und 5, dem Gesetz zur Familienförderung v. 22.12.1999, BGBl 1999 I, S. 2552 und dem Steuerbereinigungsgesetz 1999 v. 22.12.1999, BGBl 1999 I, S. 2601. 13 In der Terminologie des § 35 EStG wird der hier mit „Anrechnung“ bezeichnete Vorgang „Steuerermäßigung“ genannt. Hierdurch soll zum Ausdruck kommen, dass es durch § 35 EStG nicht zu einer negativen Einkommensteuerschuld kommen kann. Vgl. Gliederungspunkt 4.2. 14 Die in den letzten sechs Punkten genannten Steuerrechtsänderungen sind alle eingeführt worden durch das Steuersenkungsgesetz v. 23.10.2000, BGBl 2000 I, S. 1433, Art. 1, 3 und 6. 15 Diese weitere Senkung der Einkommensteuersätze über das im Steuersenkungsgesetz beschlossene Maß hinaus ab 1.1.2005 ist herbeigeführt worden durch das Steuersenkungsergänzungsgesetz v. 19.12.2000, BGBl 2000 I, S. 1812. 16 Siehe Steueränderungsgesetz 2007 v. 24.7.2006, BGBl 2006 I, S. 1652. 12 Teil I: Grundlegende Zusammenhänge und Instrumentarium • Abschaffung der degressiven AfA für abnutzbare Wirtschaftsgüter des beweglichen Anlagevermögens ab 1.1.2008, • Einfügung einer Spezialvorschrift für die Begünstigung nicht entnommener Gewinne von Personenunternehmen in das Einkommensteuergesetz ab 1.1.2008, • Abschaffung des (in 2001 eingeführten) Halbeinkünfteverfahrens, Einführung eines gesonderten Steuersatzes für Einkünfte aus Kapitalvermögen und Ausgestaltung der Kapitalertragsteuer als Abgeltungsteuer ab 1.1.200917, • grundlegende Reform der Erbschaft- bzw. Schenkungsteuer und des Bewertungsrechts zum 1.1.200918, • zeitlich befristete Wiedereinführung der degressiven AfA für abnutzbare bewegliche Wirtschaftsgüter des Anlagevermögens mit einem Höchstsatz von 25 % der Anschaffungs- oder Herstellungskosten und maximal dem 2,5fachen der linear-gleichbleibenden AfA ab 1.1.200919. Angemerkt sei, dass nach der Bundestagswahl im Herbst 2009 eine Senkung des Einkommensteuertarifs möglich erscheint. Die Art der Senkung wird davon abhängen, welche Koalition die nächste Bundesregierung stellen wird20. Auch eine Erhöhung der „Reichensteuer“ ist im Gespräch21. Die Vielzahl von Steuerrechtsänderungen erschwert die Steuerplanung in erheblichem Maße. Um die Probleme zu mindern, kann der Steuerpflichtige bzw. sein Berater lediglich versuchen, künftige Steuerrechtsänderungen möglichst frühzeitig zu antizipieren. Hierzu sollte er sorgfältig die politische Diskussion zum Steuerrecht verfolgen. Hilfreich sind hierbei Publikationen, die insbesondere von Verbänden und Kammern zur Information ihrer Mitglieder herausgegeben werden. Auch das einschlägige Fachschrifttum bietet eine wichtige Orientierungshilfe. Dieses kann auch hilfreich sein, wenn es darum geht, mögliche Änderungen der höchstrichterlichen Rechtsprechung zu prognostizieren. Größte Bedeutung kommt hierbei dem Studium der Vorlagebeschlüsse einzelner Senate des BFH an den Großen Senat des BFH zu. Gleiches gilt hinsichtlich der Vorlagebeschlüsse des BFH an das Bundesverfassungsgericht. Auch Äußerungen von Richtern des BFH sowie von Angehörigen der Finanzverwaltung im Schrifttum können genutzt werden, um möglichst frühzeitig künftige Steuerrechtsänderungen prognostizieren zu können. 17 Die in den letzten vier Punkten genannten Steuerrechtsänderungen sind alle eingefügt worden durch das Unternehmensteuerreformgesetz 2008 vom 14.8.2007, BGBl 2007 I, S. 1912. 18 Siehe Erbschaftsteuerreformgesetz v. 24.12.2008, BGBl 2008 I, S. 3018. 19 Siehe Gesetz zur Umsetzung steuerrechtlicher Regelungen des Maßnahmenpakets „Beschäftigungssicherung durch Wachstumsstärkung“ v. 21.12.2008, BGBl 2008 I, S. 2896. 20 Vgl. die unterschiedlichen Vorstellungen zu künftigen Tarifgestaltungen in den Programmen der verschiedenen Parteien, so z. B. CDU/CSU, Regierungsprogramm, 2009; FDP, Deutschlandprogramm, 2009; SPD, Regierungsprogramm, 2009. 21 Vgl. SPD, Regierungsprogramm, 2009. 2 Betriebliche Steuerpolitik im Rahmen der Unternehmenspolitik 13 Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass eine sorgfältige Beobachtung der politischen Diskussion und des einschlägigen Schrifttums für die Steuerplanung äußerst wichtig ist. Doch kann sie nicht völlig vor unerwarteten Entwicklungen schützen. Hinzu kommt, dass häufig eine Anpassung an künftige Entwicklungen des Steuerrechts nicht oder nur mit erheblichem Zeitaufwand und hohen Kosten möglich ist. Positiv für die Steuerplanung wirkt sich allerdings die Vorschrift des § 176 AO aus. Nach Absatz 1 dieser Vorschrift darf eine Aufhebung oder Änderung eines bereits ergangenen Steuerbescheids zu Lasten des Steuerpflichtigen nicht auf folgende Sachverhalte gestützt werden: 1. Das Bundesverfassungsgericht stellt die Nichtigkeit einer gesetzlichen Vorschrift fest. 2. Ein oberstes Bundesgericht (i. d. R. der BFH) hält eine Steuerrechtsnorm für verfassungswidrig. 3. Ein oberstes Bundesgericht (i. d. R. der BFH) ändert seine Rechtsprechung. Insbesondere der dritte der genannten Gründe ist von außerordentlich großer praktischer Bedeutung. Hierdurch ist der Steuerpflichtige davor gefeit, dass seine steuerplanerischen Maßnahmen im Nachhinein durch eine Änderung der Rechtsprechung des BFH zunichte gemacht werden. Einmal auf der Grundlage der alten Rechtsprechung gezogene und durch einen Bescheid erhärtete Steuerfolgen dürfen also nicht aufgrund einer geänderten Rechtsprechung mit Wirkung für die Vergangenheit zu Ungunsten des Planenden geändert werden. Änderungen zu Gunsten des Steuerpflichtigen hingegen können und müssen berücksichtigt werden, vorausgesetzt, es besteht in formeller Hinsicht eine Änderungsmöglichkeit. Diese dürfte vielfach auf der Grundlage des § 164 AO (Vorbehaltsfestsetzung) gegeben sein. 3 Steuersätze im Rahmen der betrieblichen Steuerpolitik 3.1 Grundsätzliches, Durchschnitts-, Differenz- und Grenzsteuersatz Eine Steuerschuld besteht aus dem Produkt aus der Bemessungsgrundlage und dem hierauf anzuwendenden Steuersatz. Bei den meisten Steuerarten ist der Steuersatz konstant, d. h. er ist unabhängig von der Höhe der Bemessungsgrundlage. Von diesem Grundsatz gibt es - soweit ersichtlich - in allen Rechtsordnungen der Welt eine wichtige Ausnahme. Sie betrifft die Einkommensteuer. Bei dieser Steuerart ist der Tarif progressiv gestaltet, d. h. der Steuersatz steigt mit der Höhe des zu versteuernden Einkommens. Hierbei lassen sich systematisch die folgenden beiden Methoden zur Erreichung eines Progressionseffekts unterscheiden: 1. Der Einkommensteuersatz, mit dem die jeweils letzte Einheit des zu versteuernden Einkommens belastet wird, steigt mit steigendem zu versteuernden Einkommen stetig an. 2. Der Einkommensteuersatz steigt in Sprüngen, d. h. er beträgt z. B. für die ersten 10.000 Geldeinheiten 0 %, für die zweiten 30.000 Geldeinheiten 20 %, für die nächsten 30.000 Geldeinheiten 30 % und für alle (10.000 + 30.000 + 30.000 =) 70.000 Geldeinheiten übersteigenden Beträge 40 %. In der Bundesrepublik Deutschland sind die beiden Methoden miteinander verknüpft. Hierauf wird im nächsten Gliederungspunkt eingegangen. Bei der Einkommensteuer lassen sich drei Arten von Steuersätzen unterscheiden, und zwar • der Durchschnittssteuersatz, • der Differenzsteuersatz und • der Grenzsteuersatz. Der Durchschnittssteuersatz ist der Steuersatz, mit dem das zu versteuernde Einkommen durchschnittlich belastet ist. Es handelt sich also um den Quotienten aus der Einkommensteuerschuld und dem zu versteuernden Einkommen22. Der Differenzsteuersatz ist der Steuersatz, mit dem eine Einkommensdifferenz belastet ist. Es handelt sich also um den Quotienten aus der Steuerdifferenz und der Differenz aus dem zu versteuernden Einkommen. Der Ermittlung des Grenzsteuersatzes liegt eine Marginalbetrachtung zugrunde. Der Grenzsteuersatz ist der Steuersatz, mit dem eine marginale Einkommensänderung belastet ist. Er wird ermittelt aus dem Quotienten aus der durch eine margi- 22 Vgl. Michels, R., Wahlrechte, 1982, S. 146.

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References

Zusammenfassung

Die betriebswirtschaftliche Steuerlehre für BWLer.

Band 2 dieses zweibändigen Werkes behandelt die Steuerplanung aus der Sicht der einzelnen Unternehmen – das Kerngebiet der Betriebswirtschaftlichen Steuerlehre. Dabei geht es vor allem um methodische Grundlagen, die Steuerbilanzpolitik, die Berücksichtigung von Steuern im Rahmen von Investitions- und Finanzierungsentscheidungen sowie um die steuerlichen Aspekte bei der Rechtsformwahl und beim Rechtsformwechsel. Die Neuauflage beruht auf dem im Sommer 2009 geltenden Rechtsstand. Berücksichtigt sind somit bereits die Anfang 2009 in kraft getretenen Erbschaftsteuerreform, das Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz 2009 sowie das im Rahmen des Konjunkturpakets II erlassene Gesetz zur Sicherung der Beschäftigung und Stabilität in Deutschland mit dem veränderten Einkommensteuertarif des Jahres 2010.

* Grundlegende Zusammenhänge und Instrumentarium der betrieblichen Steuerpolitik

* Steuerbilanzpolitik, sonstige zeitliche Einkommensverlagerungspolitik

* Berücksichtigung von Steuern im Rahmen von Investitions- und Finanzierungsentscheidungen

* Rechtsformwahl und Rechtsformwechsel

* Lösungen zu den Aufgaben

Das Buch wendet sich an Studierende der Betriebswirtschaft an Universitäten und Fachhochschulen, Angehörige steuerberatender Berufe, Unternehmensberater und Juristen.

Der Autor

Prof. Dr. Dieter Schneeloch, Steuerberater, ist o. Professor der Betriebswirtschaftslehre an der FernUniversität in Hagen.