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3. Vorbereitung der Geldpolitik in:

Otmar Issing

Der Euro, page 75 - 83

Geburt, Erfolg, Zukunft

1. Edition 2008, ISBN print: 978-3-8006-3496-5, ISBN online: 978-3-8006-4381-3, https://doi.org/10.15358/9783800643813_75

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3. Vorbereitung der Geldpolitik 67 unterschiedlicher Intensität die Rolle der Ankerwährung. Estland hatte z.B. seine Währung schon 1992 in einem Währungsverbund (Currency Board) an die D-Mark gebunden und dieses Regime später auf den Euro übertragen. Alle neuen EU-Länder planen den Beitritt zur Währungsunion, sind nach dem Vertrag auch dazu verpflichtet, da in keinem Fall eine Opt-out-Klausel besteht. Aus dieser Konstellation ergeben sich vielfältige Aspekte, die Gegenstand der Beratung im Erweiterten Rat sind. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Konvergenzberichte. So hat der Bericht der EZB im Frühjahr 2006 Slovenien die Erfüllung der Konvergenzkriterien attestiert (zusammen mit dem Bereicht der Kommission) und damit den Beitritt zur Währungsunion per 1. Januar 2007 geebnet. Für Litauen erhoben dagegen beide Berichte ernst zu nehmende Bedenken. Inzwischen sind mit Bulgarien und Rumänien zwei weitere Länder der EU beigetreten. Entsprechend gehören die beiden Präsidenten der Notenbanken dem Erweiterten Rat an. Als Folge der Erweiterung der EU umfasst auch der Stab der EZB inzwischen Mitarbeiter aus den 27 Ländern der EU. 3. Vorbereitung der Geldpolitik a) Die Bedeutung des Starts Nach der Gründung der EZB im Juni 1998 blieben gerade einmal sieben Monate um die Vorbereitung für den Start der Währungsunion abzuschließen. Diese Aufgabe war in einer Institution zu bewältigen, deren Aufbau den Einsatz aller Kräfte erforderte. Es galt die interne Organisation aufzubauen, die Zusammenarbeit mit den nationalen Notenbanken des Eurosystems zu organisieren, die Kontakte mit der „Außenwelt“ aufzunehmen, vom Europäischen Parlament und dem Rat, anderen nationalen Notenbanken (vor allem der US-Federal Reserve, Bank of England, Bank of Japan) bis hin zu Wissenschaft, den Medien und den Märkten. Die Vorbereitung für die wichtigste Aufgabe, den Start der einheitlichen Geldpolitik im Januar 1999 hatte absoluten Vorrang. Zwar hatte das EWI wichtige Vorarbeiten geleistet, doch konnten und mussten jetzt die Entscheidungen für die künftige Geldpolitik getroffen werden. Alle Beobachter waren sich einig. Kaum jemals in der Geschichte stand eine Notenbank vor einer Herausforderung dieser Dimension: Geldpolitik für eine neue Währung, für einen äußerst komplexen, heterogenen und zudem in seiner Gesamtheit weitgehend unbekannten Währungsraum. Buch.indb 67 27.02.2008 8:29:59 Uhr III. Die EZB und die Grundlegung der Geldpolitik68 Die Skepsis war groß. Zweifellos: Würden der Start und die ersten Monate als Misserfolg bewertet, wäre das Vertrauen in die neue Institution und die neue Währung schwer beschädigt. Die Anleger und die Märkte würden mit Argwohn reagieren, das Misstrauen in die Stabilität des neuen Geldes würde sich in entsprechenden Risikoprämien und damit steigenden Zinsen niederschlagen. Die neue Notenbank würde vermutlich lange brauchen, um diesen Ansehensverlust wieder gut zu machen. Kurzum, die EZB hatte nur einen Versuch, dieser musste gelingen.46 Es kam also entscheidend darauf an, die Anfangsphase, den Übergang von den nationalen Währungen zum Euro, erfolgreich zu gestalten, und gleichzeitig die Geldpolitik vom Start an auf Kontinuität auszurichten. Die Leere meines Büros, das gerade noch fertig geworden war, signalisierte symbolisch die Stunde Null. Ein führender Mitarbeiter beschrieb den Eindruck in einem Beitrag zu meinem Abschied mit den Worten Dantes: „Lasciate ogni speranza voi ch’entrate“ (Lasst die ihr eintretet, jede Hoffnung fahren). Nun war zwar die EZB nicht die Hölle, und in der Hoffnung, alles zu einem guten Ende bzw. Start zu führen, bestärkten wir uns jeden Tag. Für blinden Optimismus gab es aber keinen Grund. Die Ausgangssituation war nun einmal alles andere als einfach. Wir mussten jeden Tag nutzen, um an einer Konzeption für die künftige Geldpolitik zu arbeiten. Der erste Schritt bestand darin, die Ausgangslage richtig zu erfassen. b) Geldpolitik unter Unsicherheit – die Situation der EZB Geldpolitik entfaltet ihre Wirkung im Allgemeinen nur mit großen zeitlichen Verzögerungen. Geldpolitische Entscheidungen jedoch wirken teilweise sofort, indem sie die Erwartungen der Akteure beeinflussen – dieser Effekt kann sogar schon im Vorfeld eintreten, wenn bestimmte geldpolitische Entscheidungen erwartet und damit zum Beispiel in Anlageentscheidungen vorweggenommen werden. Die Auswirkungen auf die wirtschaftliche Aktivität und die Preise treten aber erst mit großer zeitlicher Verzögerung ein. So kann 46 Die entscheidende institutionelle Voraussetzung für den Erfolg vom Beginn an liegt in der uneingeschränkten Übertragung der geldpolitischen Kompetenz und Verantwortung auf die neue Notenbank EZB. Dies zeigt sich z.B. deutlich beim Vergleich mit dem Federal Reserve Act von 1913. Dieser versäumte es, Entscheidung und Kontrolle bei einer Stelle zu konzentrieren. Interne Auseinandersezungen um Macht und Kontrolle waren die Folge. Diese wurden erst mit dem Banking Act von 1935 beendet. Das Finanzministerium (Treasury) behielt seinen starken Einfluss noch bis 1951 bei. Siehe dazu die beeindruckende, umfangreiche Monographie: A. H. Meltzer, A History of the Federal Reserve, Volume I, 1913–1951, Chicago 2003. Buch.indb 68 27.02.2008 8:29:59 Uhr 3. Vorbereitung der Geldpolitik 69 es – nach ökonometrischen Schätzungen – zwei bis drei Jahre dauern, bis sich der Effekt einer geldpolitischen Entscheidung vollständig auf das Preisniveau bzw. die Inflationsrate ausgewirkt hat. Diese Wirkungsverzögerungen sind nicht nur sehr lang, sie können sich im Zeitablauf auch verändern. Allein schon aus der verzögerten Wirkung resultiert ein hoher Grad an Unsicherheit für die Geldpolitik. Andere Gründe, wie mangelhafte Datenlage etc. kommen hinzu. Eine Notenbank darf sich daher niemals in Sicherheit über die Wirkung ihrer Politik wiegen, sie muss im Gegenteil das Wissen um die Unsicherheit zu einem fundamentalen Prinzip ihres Handelns erheben. Der ökonomische Kosmos ändert sich laufend unter dem Einfluss von Ereignissen, Schocks aller Art. Während sich die Marktteilnehmer in ihren Aktivitäten noch an vergangene Schocks anzupassen versuchen, können bereits wieder neue Ereignisse auftreten und nach neuen Anstrengungen verlangen, um die eigene Situation an die neuen Gegebenheiten anzupassen. Um nur ein, freilich besonders wichtiges Beispiel zu nennen: Die Globalisierung stellt die Wirtschaft, Unternehmen und Arbeitnehmer, Investoren und Sparer laufend vor neue Herausforderungen. Während sich Schocks üblicherweise im Zeitablauf ereignen, mit unterschiedlichster Frequenz und Intensität, gibt es auch Vorgänge von einmaliger Natur. Dazu zählt beispielsweise die Deutsche Wiedervereinigung, die das deutsche – jetzt gesamtdeutsche – Wirtschaftsgefüge grundlegend geändert und die Wirtschaftspolitik vor gewaltige Herausforderungen gestellt hat. So stand die Bundesbank nicht zuletzt vor der Frage, inwieweit sie ihre geldpolitische Strategie (Geldmengenziel) modifizieren oder gar wechseln sollte. Vor allem aus der Sicht der Geldpolitik verkörperte der Start der Europäischen Währungsunion eine nochmals um mehrere Dimensionen größere Herausforderung.47 Die Einmaligkeit dieses Vorgangs kann man kaum überbewerten, vergleichbare historische Erfahrungen lagen nicht vor. „Fahrt in unbekanntes Gewässer“ wurde zur gängigen Charakterisierung der Herausforderung für die EZB. In der ökonomischen Wissenschaft pflegt man in diesem Zusammenhang von einem Regimewechsel zu sprechen. Dieser Terminus steht generell für grundlegende Änderungen der Politik. Der Nobelpreisträger Robert Lucas hat in einem bahnbrechenden Beitrag die gravierenden möglichen Auswirkungen eines solchen Regimewechsels herausgearbeitet.48 Im Kern zeigt 47 Siehe: O. Issing, V. Gaspar, O. Tristani, D. Vestin, Imperfect Knowledge and Monetary Policy, The Stone Lectures in Economics, Cambridge 2005. 48 R. E. Lucas, Econometric Policy Evaluation: A Critique, Carnegie Rochester Conference Series on Public Policy 1, 1976. Buch.indb 69 27.02.2008 8:29:59 Uhr III. Die EZB und die Grundlegung der Geldpolitik70 seine Analyse, dass sich mit der Anpassung der einzelnen Akteure an die Änderung der Politik gesamtwirtschaftliche Größen wie etwa die Sparquote oder die Relation zwischen Output und Beschäftigung erheblich ändern können. Als Folge werden Modelle, die auf der Basis vergangener Daten mit empirisch ermittelten Parametern arbeiten, unzuverlässig oder schlicht unbrauchbar. Ignoriert die Politik den Einfluss des Regimewechsels und verlässt sich weiter auf die bisherigen Modelle bzw. Parameter, sind Fehlentscheidungen die unvermeidliche Konsequenz. Als Wissenschaftler hat mich die Argumentation dieses Artikels seinerzeit – erhärtet durch zahlreiche weitere Veröffentlichungen anderer Autoren – tief beeindruckt. Jetzt ging es darum, diese Erkenntnisse in der praktischen Politik richtig anzuwenden. Nach der schon erwähnten Situation in der Bundesbank galt es jetzt, in der Vorbereitung auf die künftige Geldpolitik der EZB, die möglichen Implikationen des bevorstehenden bzw. schon im Gang befindlichen fundamentalen Regimewechsels nie aus dem Auge zu verlieren. Das Wissen um den extremen Grad an Unsicherheit wurde gewissermaßen zum Leitmotiv in der Vorbereitung der Geldpolitik der EZB.49 c) Die Elemente der Unsicherheit Zum Thema „Unsicherheit und Geldpolitik“ gibt es eine unübersehbare Fülle an Literatur.50 Unsere Aufgabe war es zunächst, ausgehend von der allgemeinen Theorie die besondere Lage der EZB zu berücksichtigen. Grundsätzlich unterscheidet die Literatur zwischen folgenden Erscheinungsformen der Unsicherheit.51 Unsicherheit über die wirtschaftliche Lage Die Wirtschaftspolitik im Allgemeinen und die Notenbank im Besonderen müssen sich vor jeder Entscheidung einen umfassenden und zuverlässigen Überblick über die aktuelle wirtschaftliche Situation machen. Diese Forderung erscheint trivial. Bei näherer Betrachtung zeigt sich aber, wie schwierig 49 Die erste Konferenz, die die EZB zusammen mit dem Center for Financial Studies (CFS) organisierte, war folgerichtig dieser Thematik gewidmet: European Central Bank, Center for Financial Studies (eds.), Monetary Policy-Making under Uncertainty, Frankfurt 2000. 50 Siehe etwa den Band: Federal Reserve Bank of Kansas City (ed.), Monetary Policy and Uncertainty: Adapting to a Changing Economy, Kansas City 2003. Der Artikel von C. Walsh gibt eine gute Übersicht mit umfangreichen Literaturhinweisen. 51 Siehe dazu: O. Issing, Monetary Policy in a World of Uncertainty, Éonomie Internationale No. 92, 2002. Buch.indb 70 27.02.2008 8:29:59 Uhr 3. Vorbereitung der Geldpolitik 71 es ist, ihr wirklich gerecht zu werden. So ist die Verfügbarkeit von Daten oft begrenzt, ihre Qualität unbefriedigend oder sogar mangelhaft und die Aktualität alles andere als zufriedenstellend. Dazu kommt die teilweise hohe „Anfälligkeit“ für spätere Revisionen. Diese Aussage gilt für viele „einfache“ Daten, um so mehr aber für komplexe, synthetische Indikatoren wie zum Beispiel die Produktionslücke oder den realen Gleichgewichtszins. Dies sind Daten, die nicht direkt erfasst bzw. beobachtet werden können, sondern mit Modellen geschätzt werden müssen. Schätzungen für diese Größen gehen oft weit auseinander: Häufig werden die Ergebnisse anschliessend wesentlich revidiert, nicht selten auch noch Jahre später. Verlässlich sind solche Daten also bestenfalls mit großer Zeitverzögerung, stehen also in dieser Form zum Zeitpunkt der Entscheidung nicht zur Verfügung. Vertraut die Geldpolitik auf die aktuell vorliegenden Daten, wird sie daher unter Umständen gravierende Fehlentscheidungen treffen.52 Schließlich muss die Notenbank Art, Ausmaß und Dauer von etwaigen ökonomischen Schocks identifizieren. Handelt es sich um einen Angebotsschock oder um einen Nachfrageschock, stammt der Schock aus inländischen Quellen oder kommt er von außen, ist er einmaliger Natur oder dauert er an, und wie groß ist seine Bedeutung für einzelne Sektoren sowie für makroökonomische Größen wie etwa die Inflationsrate? Unsicherheit über die Struktur der Wirtschaft Ist die Kenntnis über die aktuelle wirtschaftliche Lage schon mehr oder weniger unsicher, so gilt dies in noch höherem Grade für die Struktur der Wirtschaft und ihre Funktionsweise. Diese Unsicherheit hat wiederum zwei Dimensionen. Zum einen gibt es zahlreiche Modelle, mit denen Experten versuchen, die „Wirklichkeit“ der wirtschaftlichen Zusammenhänge zu erfassen sowie in Simulationen die Wirkung geldpolitischer Maßnahmen zu schätzen. Diese Modelle unterscheiden sich teilweise gravierend, der definitive Test zu den jeweiligen Vorzügen bzw. Nachteilen steht noch aus (Modellunsicherheit).53 Zum anderen hängt der Grad der Unsicherheit von der Stärke und Stabilität der Strukturbeziehungen in diesen Modellen ab, die Ökonomen sprechen 52 A. Orphanides hat in einer Reihe von Untersuchungen gravierende Fehlentscheidungen nachgewiesen, die dadurch zustande kamen, dass die amerikanische Notenbank sich auf Informationen in Echtzeit über den Output Gap verließ. Siehe zum Beispiel A. Orphanides und S. van Norden, The Unreliability of Output Gap Estimates in Real Time, Review of Economics and Statistics 84(4), 2002. 53 Siehe dazu: B. McCallum, Issues in the design of Monetary Policy Rules, in: J. Taylor and M. Woodford (eds.), Handbook of Macroeconomics, Vol. IC, Amsterdam, 1999. Buch.indb 71 27.02.2008 8:29:59 Uhr III. Die EZB und die Grundlegung der Geldpolitik72 von Parameter-Unsicherheit. Selbst wenn ein Konsens über das „richtige“ Modell der Wirtschaft existierte – was nicht der Fall ist – bliebe immer noch die Unsicherheit über die Stärke und Verlässlichkeit der Beziehungen zwischen den einzelnen Variablen. Diese Beziehungen können sich im Zeitablauf ändern, das gilt vor allem im Zusammenhang mit einem Regimewechsel. Ein größerer Politikwechsel kann somit die Kluft zwischen den Modellergebnissen und der Wirklichkeit erheblich vergrößern. Strategische Unsicherheit Diese Unsicherheit betrifft die Interaktion zwischen den privaten Akteuren und der Politik. Für die Notenbank bleibt es eine ständige Herausforderung, die möglichen Reaktionen der Wirtschaftssubjekte, – Unternehmen und Haushalte, Sparer und Investoren sowie des Staates (Finanzpolitik) – auf ihre Entscheidungen einzuschätzen. Hier bleibt immer eine mehr oder weniger große Unsicherheit. Das Gleiche gilt grundsätzlich für die Einschätzung der Wirtschaftssubjekte selbst hinsichtlich Richtung, Ausmaß und Zeitpunkt geldpolitischer Maßnahmen der Notenbank. Verstärkt wird diese Unsicherheit auf beiden Seiten, wenn in der Wirtschaft größere strukturelle Veränderungen vor sich gehen. Für den Bereich der Geldpolitik sind hier Vorgänge im Finanzsektor von besonderer Bedeutung. Impulse der Geldpolitik, wie zum Beispiel Änderungen der Notenbankzinsen, laufen über den Finanzsektor, sowohl über Banken (zum Beispiel Kreditvergabe) als auch über Finanzintermediäre (wie Versicherungen) und Märkte. Der Finanzsektor spielt eine zentrale Rolle im Transmissionsmechanismus der Geldpolitik, d.h. im Wirkungszusammenhang zwischen den geldpolitischen Maßnahmen und den gesamtwirtschaftlichen Variablen Produktion und Preise. Aus den gegenseitigen Beobachtungen ergibt sich also eine Interaktion zwischen dem Entscheidungsträger Notenbank und den Wirtschaftssubjekten, die von den geldpolitischen Entscheidungen betroffen sind. Dies gilt in besonderem Maße für die Akteure auf den Finanzmärkten. d) Die Datenlage Wie jede andere Notenbank der Welt ist die EZB mit Unsicherheit in all ihren Erscheinungsformen konfrontiert. Der Regimewechsel von den nationalen Währungen zum Euro und von den nationalen Notenbanken zur einheitlichen Geldpolitik kam jedoch als Faktor hinzu, der alle drei Formen der Unsicherheit gravierend verstärken konnte. Buch.indb 72 27.02.2008 8:29:59 Uhr 3. Vorbereitung der Geldpolitik 73 Dies gilt zunächst für die Datenlage. Wer die umfassende, nicht selten schon fast erdrückende Informationsflut in einer etablierten Notenbank gewohnt war, musste die Situation beim Start der EZB als äußerst besorgniserregend empfinden.54 Wichtige Daten waren für den Euroraum überhaupt nicht verfügbar. Dies gilt z.B. für Preisindizes für Exporte und Importe, Informationen über die Aktivität im Bausektor oder den Dienstleistungsbereich, der nicht weniger als rund zwei Drittel des gesamten Sozialprodukts ausmacht. Die Quellen für Daten zum Beispiel über Grundstücks- und Hauspreise waren äußerst heterogen, von unterschiedlicher Qualität und kaum für eine Aggregation zu einem Euroraum-Indikator geeignet. Schließlich war die Aktualität der einzelnen Daten alles andere als befriedigend. In einem Vergleich mit den USA waren z.B. Unterschiede in der zeitlichen Verfügbarkeit von Daten für den Arbeitsmarkt von bis zu fünf Monaten zu beobachten.55 Auf einigen Gebieten sah die Informationslage entschieden besser aus. Mit dem Harmonisierten Index der Verbraucherpreise stellte Eurostat rechtzeitig den wichtigsten Indikator für die Preisentwicklung im Euroraum zur Verfügung. Im Bereich der monetären Statistiken hatten die nationalen Notenbanken gute Vorarbeit geleistet. Schon bald erwiesen sich die Daten etwa für die verschiedenen Geldmengenaggregate als verlässlich, die Aktualität war bemerkenswert. Das Problem lag auf diesem Gebiet vor allem darin, dass für ökonometrische Studien, etwa über den Zusammenhang von Geldmenge und Preisen für die Zeit vor dem Beginn der Währungsunion nur synthetische Zeitreihen zur Verfügung standen. Das „europäische“ Geldmengenaggregat musste also erst aus den nationalen Daten zusammengesetzt und um Unterschiede in der statistischen Abgrenzung und gegebenenfalls Wechselkursveränderungen bereinigt werden. Zudem bezogen sich die meisten Arbeiten nur auf einen mehr oder weniger kleinen Ausschnitt der Länder, die später an der Währungsunion teilnehmen sollten. Die entsprechenden Ergebnisse dieser Studien waren daher mit der gebotenen Vorsicht zu interpretieren. In jedem Falle verursachte die Umstellung auf eine gemeinsame statistische Basis eine Diskontinuität in den Zeitreihen. Es war aber alles andere als einfach abzuschätzen, in welchem Ausmaß die neuen Daten einen Bruch in der statistischen Ermittlung widerspiegelten. 54 Siehe dazu: EZB, Monatsbericht, April 2001. 55 Nicht zuletzt Dank des im September 2000 verabschiedeten EMU Action Plan hat sich die Situation wesentlich verbessert, lässt aber in einigen Bereichen noch immer sehr zu wünschen übrig. Buch.indb 73 27.02.2008 8:29:59 Uhr III. Die EZB und die Grundlegung der Geldpolitik74 e) Konsequenzen in der Vorbereitung In der Unsicherheit über die Struktur spielten zwei Faktoren eine wichtige Rolle. Zum einen ist der mit der Währungsunion verbundene Regimewechsel zu erwähnen, von dem offen bleiben musste, in welchem Maße er einzelne strukturelle Beziehungen beeinflussen und wesentlich verändern würde. Jedenfalls hatte die EZB mit der Möglichkeit solcher Strukturbrüche zu rechnen. Zum anderen befand sich der Finanzsektor in den einzelnen Ländern und damit in der künftigen Währungsunion insgesamt, nicht zuletzt im Gefolge der Globalisierung der Finanzmärkte, im Umbruch. Es war zu erwarten, dass der Übergang zu einer gemeinsamen Währung und einer einheitlichen Geldpolitik diesen Prozess beschleunigen würde. Die Erwartungen, inwieweit der Euro dabei eine Katalysatorrolle spielen könnte, waren durchaus verschieden, die Ungewissheit entsprechend groß. Schließlich warf auch die strategische Ungewissheit schwierige Fragen auf. Wie würden die Wirtschaftssubjekte auf die neue Währung reagieren? Hier kam es vor allem auf die mittel- bis längerfristigen Inflationserwartungen und das Vertrauen beziehungsweise mögliche Misstrauen in die neue Notenbank an. Das Ausmaß der strategischen Unsicherheit war damit zu einem erheblichen Teil von der EZB selbst abhängig. Würde es ihr gelingen, schon vor dem Start Vertrauenskapital aufzubauen oder würde sich die allgemeine Skepsis über die Handlungsfähigkeit der EZB und ihren Stabilitätswillen bestätigen? Vor diesem Hintergrund stand die EZB vor einer immensen Herausforderung. Ein Konzept für die künftige Geldpolitik musste dem hohen Grad an Unsicherheit Rechnung tragen. Gleichzeitig musste der EZB der Spagat gelingen, auch in dieser Hinsicht Transparenz gegenüber der Öffentlichkeit zu wahren und Vertrauen in ihre künftige Politik zu gewinnen. Diese Fragen bestimmten einen großen Teil der Arbeit in den beiden Generaldirektionen Volkswirtschaft und Forschung. Für intensive, kontinuierliche Diskussionen hatte ich eine Gruppe exzellenter Ökonomen aus den beiden Bereichen ausgewählt. Äußerst wichtig war es, unsere Überlegungen immer wieder auch mit externen Experten zu erörtern. Trotz der Intensität der Arbeit und der Kürze der Zeit fanden viele Seminare mit führenden Wissenschaftlern aus aller Welt statt. Zahlreiche bilaterale Gespräche gaben mir die Gelegenheit, kritischen Einwänden zu begegnen, die eigenen Überlegungen mit anderen Auffassungen zu konfrontieren und damit auf ihren theoretisch-empirischen Gehalt zu testen. Besonders hilfreich waren die Besuche von herausragenden Experten, die in ihrer Person wissenschaftlichen Hintergrund mit Notenbankerfahrung Buch.indb 74 27.02.2008 8:29:59 Uhr 4. Geldpolitische Optionen 75 verbanden. Trotz ihrer eigenen großen Belastung folgten die Kollegen meiner Einladung und standen uns für Seminare zu einschlägigen Fragen zur Verfügung. Mit dem Protagonisten Mervyn King konnten wir die ganze Palette der Aspekte des „Inflation Targeting“ diskutieren, von der Konzeption bis zu den praktischen Problemen einschließlich der Kommunikation. Neben geldpolitischen Fragen war die Erfahrung des amerikanischen Notenbanksystems für uns von besonderer Wichtigkeit, nicht zuletzt wegen der vergleichbaren Organisationsstruktur des Federal Reserve Boards in Washington und der einzelnen Federal Reserve Banken. Don Kohn vom Board war für diesen Meinungsaustausch geradezu prädestiniert. Zu den Möglichkeiten beziehungsweise Schwierigkeiten eines Geldmengenziels konnten wir einerseits auf Theorie und Praxis der Bundesbankpolitik zurückgreifen. Andererseits war es nützlich, die Erfahrungen der Schweizer Nationalbank mit ihren mehrjährigen Geldmengenzielen zu diskutieren. Hierzu gab es wiederum niemanden, der dies besser hätte tun können, als der in dieser Notenbank dafür zuständige Experte Georg Rich. Diese Seminare brachten eine wichtige Ergänzung zu unseren eigenen Studien und Überlegungen. Darüber hinaus schuf das gegenseitige Vertrauen eine Basis für eingehende, offene persönliche Gespräche, in denen ich viel gelernt habe. 4. Geldpolitische Optionen a) Rein diskretionäre Politik ohne Glaubwürdigkeit Im Vorfeld des Starts der Währungsunion musste sich die EZB entscheiden, wie sie ihre Geldpolitik gestalten und wie sie das Ergebnis ihrer Überlegungen - gegebenenfalls vorweg – kommunizieren wollte. Sollte sie vor die Öffentlichkeit treten, auf die extreme Unsicherheit verweisen und einfach erklären: „Wir wissen um die Schwierigkeit der Aufgabe, aber wir werden alles tun, um das Ziel der Preisstabilität zu erreichen.“ Diese Ankündigung einer Politik des „lasst es uns einfach machen“ (let’s do it)56 hätte kaum geholfen, die allgemeine Skepsis gegenüber der neuen Institution zu überwinden. Jeder Anschein einer rein diskretionären Politik hätte gerade im Fall einer neuen Institution Unsicherheit über das zukünftige Verhalten und Argwohn über die Entschlossenheit in der stabilitätspolitischen Ausrichtung erzeugt. Dies 56 Dazu: B. McCallum, Two Fallacies Concerning Central Bank Independence, American Economic Review, Papers and Proceedings 85, 1995. Buch.indb 75 27.02.2008 8:29:59 Uhr

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References

Zusammenfassung

Die Geschichte einer Währung erzählt vom »Vater des Euro«

Zehn Jahre nach dem Beschluss zur Einführung im Jahr 1998 zieht der "Vater des Euro" eine Zwischenbilanz: Wo sind die Ursachen für den guten Start und bisherigen Erfolg des Euro, und wo liegen mögliche Gefährdungen? Das Buch schildert die Vorgeschichte des Euro, den schweren Abschied der Deutschen von der D-Mark und belegt ausführlich die Gründe, die zum Erfolg des Euro und der Europäischen Zentralbank geführt haben. Der Verfasser beschreibt die Konfliktpotentiale der Währungshüter mit der Politik und die Gefährdungen für den Erfolg des Euro. Kann die Europäische Währungsunion ohne Politische Union überleben?

Der Autor

Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Otmar Issing war maßgeblich für den Erfolg des Euro verantwortlich. 1998 bis 2006 war er Chefvolkswirt und Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank. Er gilt als Vater der geldpolitischen Strategie der EZB.