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7. Der Euro als internationale Währung in:

Otmar Issing

Der Euro, page 160 - 167

Geburt, Erfolg, Zukunft

1. Edition 2008, ISBN print: 978-3-8006-3496-5, ISBN online: 978-3-8006-4381-3, https://doi.org/10.15358/9783800643813_160

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IV. Die EZB – Geldpolitik für einen stabilen Euro152 derartige Maßnahmen zuständig ist, fällt diese Rolle beim Euro eindeutig der EZB zu.161 Gleichzeitig ist die Euro-Gruppe in den Prozess der Meinungsbildung einbezogen. 7. Der Euro als internationale Währung Schon bevor der Euro überhaupt das Licht der Welt erblickte, gab es Spekulationen über seine Rolle als internationale Währung. Dem US-Dollar schien hier ein „Rivale“ zu erwachsen, und über die rein wirtschaftlichen Aspekte hinaus wurde der Euro bereits von manchen als eine Art „Waffe“ Europas gegenüber der Weltmacht USA gesehen, deren Hegemoniestellung nicht selten gerade mit der dominanten Position der amerikanischen Währung in Verbindung gebracht wurde. Ganz nüchtern und rein ökonomisch betrachtet ließen gewichtige Gründe erwarten, dass der Euro eine wichtige Rolle im internationalen Währungssystem spielen werde.162 Es waren die Faktoren, die schon in der Vergangenheit einzelne nationale Währungen in die Position einer internationalen Währung befördert hatten. Im Normalfall beschränkt sich die Funktion einer Währung im Wesentlichen auf das Gebiet der Emission, also eines Staates (oder Gruppen von Staaten), in dem sie das gesetzliche Zahlungsmittel darstellt. Von einer internationalen Währung spricht man dagegen dann, wenn sie in nennenswertem Maße auch außerhalb dieses Geltungsbereichs Geldfunktionen ausübt, also von Ausländern benutzt wird. Derartige internationale Währungen gab es faktisch zu allen Zeiten.163 Während zum Beispiel im 19. Jahrhundert das Pfund Sterling mit dem Finanzzentrum London dominierte, spielte später der US-Dollar, u. z. vor allem nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges die herausragende Rolle. Gelegentlich nahmen auch mehrere Währungen gleichzeitig eine führende Position ein. Aus der Währungsgeschichte wissen wir ferner, dass sich der Wechsel zwischen einzelnen Währungen meist nur sehr langsam, in einem länger dauernden Prozess vollzog. Die Stellung einer internationalen Währung beruht nicht auf Zufall, sondern ist die mehr oder weniger zwangsläufige Folge einer Kombination verschiedener Faktoren. Sieht man von rein politischen Hintergründen ab, wie sie 161 Siehe Art. 105.2 und 111 des Vertrages sowie Artikel 3.1 des Statuts der EZB. 162 Zu dieser Diskussion: O. Issing, Von der D-Mark zum Euro, Walter Eucken Institut, Tübingen 1998. C. F. Bergsten, The Dollar and the Euro, Foreign Affairs, Vol. 76, 4, 1997. 163 Siehe: O. Issing, Leitwährung und internationale Währungsordnung, Berlin 1965. Buch.indb 152 27.02.2008 8:30:26 Uhr 7. Der Euro als internationale Währung 153 zum Beispiel im Verhältnis von Kolonialmacht zu abhängigen Gebieten gegeben sind, handelt es sich um ökonomische Voraussetzungen, die im Laufe der Geschichte einerseits die gleichen geblieben sind, andererseits aber ihr relatives Gewicht verändert haben. Folgende Faktoren sind ausschlaggebend:164 1. Tiefe, Breite und Offenheit der inländischen Finanzmärkte (hier also der Finanzmärkte des Euro-Währungsgebiets). 2. Stabilität der Währung und Vertrauen in die künftige Stabilität. 3. Größe und Stärke der inländischen Wirtschaft und ihre internationale Verflechtung. Die unter (1) und (3) genannten Faktoren sind Ausdruck der Liquidität der finanziellen Instrumente, die auf eine bestimmte Währung lauten. Sie bestimmen die Möglichkeit, etwa Schuldtitel ohne große Umstände und besondere Kosten kaufen und verkaufen zu können. Mit der Größe eines Wirtschaftsraums und seiner internationalen Verflechtung (3) wachsen das Ausmaß der Wirtschaftsbeziehungen und damit auch Interesse wie Notwendigkeit Vermögenstitel zu halten, die auf die entsprechende Währung lauten, beziehungsweise sich in dieser Währung zu verschulden. Schließlich liegt auf der Hand, dass nur eine Währung, deren Stabilität außer Zweifel steht, auf längere Dauer eine internationale Rolle spielen kann (2). Um mit der zuletzt genannten Bedingung, der Anforderung an die Stabilität zu beginnen. Der Euro genoss von Anfang an das Vertrauen der Anleger, und zwar weltweit. Gleichzeitig entstand mit dem Eurogebiet der nach den USA zweitgrößte Wirtschaftsraum in der Welt mit einer einheitlichen Währung. Obgleich die Integration einzelner Teilmärkte noch zu wünschen übrig lässt, führte die Abschaffung der nationalen Währungen und die Einführung des Euro zu einem auch aus globaler Warte großen internationalen Finanzmarkt.165 Damit waren die Voraussetzungen für eine der Funktionen einer internationalen Währung erfüllt, nämlich die einer Währung, in der Investoren aus der ganzen Welt Vermögen anlegen oder in der man Kredite aufnimmt. Generell spricht man von einer Anlagewährung. 164 Siehe z.B. P. Hartmann, O. Issing, The international role of the euro, Journal of Policy Modeling, Vol. 24, No. 4, July 2002. 165 Die EZB veröffentlicht regelmäßig Berichte über die Position des Euro und dessen Entwicklung als internationale Währung. Siehe zum Beispiel ECB, Review of the International Role of the Euro, June 2007. Buch.indb 153 27.02.2008 8:30:26 Uhr IV. Die EZB – Geldpolitik für einen stabilen Euro154 Schon innerhalb kurzer Zeit erreichte der Euro auf einigen Sektoren beachtliche Marktanteile. Tabelle 5 weist wichtige Kennzahlen für den Euro als internationale Währung aus. Der hohe Anteil des Euro auf den internationalen Kredit- und Einlagemärkten ist zuletzt leicht gesunken. Der Anteil des Euro am täglichen Devisenhandel betrug von Juli 2005 bis Dezember 2006 durchschnittlich 39,3 %. Im Vergleich dazu spiegelt ein Anteil von 93 % die immer noch dominierende Stellung des US-Dollars im internationalen Zahlungsverkehr wider. Knapp die Hälfte des Güterexports und -imports des Euroraums wird in Euro abgewickelt. Der Anteil des Euro an den globalen Devisenreserven ist stetig gestiegen und belief sich Ende 2006 auf 25,8 %. Die kumulierten Nettolieferungen von Eurobanknoten zu Zielorten außerhalb des Währungsgebietes von 60 Mrd. Euro (Dezember 2006) sind ein Indiz für den wachsenden Umlauf von Euro außerhalb des Euroraumes. Gerade wegen seiner Stabilität, aber auch wegen der günstigen Finanzmarktbedingungen, war der Euro auch attraktiv für Anlagen der Währungsbehörden – im Allgemeinen der Notenbanken. In dieser Funktion als Reservewährung löste der Euro zunächst faktisch die D-Mark ab, die sich im Laufe der Zeit zur zweitwichtigsten Reservewährung nach dem US-Dollar entwickelt hatte. In diese Rolle war die D-Mark hineingewachsen, als der Außenwert des US-Dollar in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts deutlich sank und mehr und mehr Notenbanken eine Alternative zu Dollaranlagen suchten. Inzwischen trägt der Euro zunehmend zur Diversifizierung der Währungsreserven vieler Notenbanken bei. Der Euro ist – zwar mit weitem Abstand zum US-Dollar – die zweitwichtigste Reservewährung in der Welt. Tabelle 6 zeigt den Anteil des Euro an offiziellen Devisenreserven verschiedener Ländergruppen. In der Gruppe aller Länder hat der Euro im Vergleich zum US-Dollar seit Dezember 2004 leicht an Bedeutung gewonnen (von 24,9 % auf 25,8 %). Es versteht sich von selbst, dass bei den Entscheidungen der Notenbanken über die Anlage ihrer Währungsreserven ebenso wie bei der privater Investoren nicht nur das Vertrauen in die Stabilität der Währung, sondern auch das in die politischen und wirtschaftlichen Umstände eine zentrale Rolle spielt. Vermutungen, die besondere Komplexität des Euroraumes und seiner Erweiterungen könnten einen negativen Einfluss auf das Anlegerverhalten ausüben, haben sich nicht bestätigt. Weiter fungiert der Euro als Ankerwährung. Über 50 Länder, darunter allerdings sehr viele kleine Staaten, bedienen sich des Euro als Stabilitätsanker für ihre eigene Währungspolitik. Im Extremfall verfügen diese Staaten, wie etwas San Marino oder der Vatikanstaat über keine eigene Währung. Kosovo und Montenegro haben sich entschieden, auf die Ausgabe einer eigenen Währung zu verzichten und den Euro als Währung zu benutzen. Man spricht Buch.indb 154 27.02.2008 8:30:26 Uhr 7. Der Euro als internationale Währung 155 in solchen Fällen von der „Euroisierung“, ein Vorgang, dem eine einseitige Entscheidung des betreffenden Landes zugrunde liegt. Wie im Falle des US-Dollars („Dollarisierung“) stehen solche Entscheidungen außerhalb des Einflusses der Notenbank, die diese Währung emittiert.166167 166 In konstantem Wechselkurs von Q4 2006. 167 Der Konvention folgend, dass beide Seiten eines Devisenhandels berücksichtigt werden, addieren sich die Prozentzahlen zu 200 %. Dies bedeutet, dass der Anteil des Euro am Gesamtumsatz die Hälfte des in der Tabelle angegebenen Prozentsatzes ist. Quelle: ECB, Review of the International Role of the Euro, Juni 2007. Tabelle 5: Der Euro als internationale Währung Anteil des Euro: Datum Datum am eng definierten Bestand von internationa- – len Schuldtiteln 2006 Q4: 31,4 % 2005 Q2: 33,7 % an allen grenzüberschreitenden Krediten – 2006 Q4: 19,8 % 2005 Q1: 21,2 % an grenzüberschreitenden Krediten von Ban- – ken außerhalb der Eurozone an kreditnehmende Nichtbanken außerhalb der Eurozone166 2006 Q4: 16,7 % 2005 Q1: 20,2 % an allen grenzüberschreitenden Einlagen – 2006 Q4: 21,6 % 2005 Q1: 24,5 % an grenzüberschreitende Einlagen von Nicht- – banken außerhalb der Eurozone in Banken außerhalb ihres Heimatlandes ohne die Eurozone167 2006 Q4: 18,0 % 2005 Q1: 18,0 % täglicher Devisenhandel (vom CLS (Con- – tinuous Linked Settlement) abgewickelt)167 Jul. 2005 –Dez. 2006 (durchschn.) 39,3 % Jul. 2004 –Jun. 2005 (durchschn.) 40,7 % Abwicklung/Abrechnungen von Güterexpor- – ten von ausgewählten Ländern der Eurozone zu Ländern außerhalb der Eurozone 2005: 39 %–62 % 2004: 44 %–63 % Abwicklung/Abrechnungen von Güterimpor- – ten von Ländern außerhalb der Eurozone zu ausgewählten Ländern der Eurozone 2005: 34 %–56 % 2004: 41 %–61 % Anteil des Euro an den weltweiten Devisen- – reserven (zu gegenwärtigen Wechselkursen) Ende 2006: 25,8 % Ende 2004: 24,9 % Kumulierte Nettolieferungen von Eurobank- – noten zu Zielorten außerhalb der Eurozone Dez. 2006: 60 Milliarden Jun. 2005: 55 Milliarden Buch.indb 155 27.02.2008 8:30:26 Uhr IV. Die EZB – Geldpolitik für einen stabilen Euro156 Die Formen der Wechselkursbindung reichen von der Währungsbehörde über die Teilnahme am Europäischen Wechselkursmechanismus bis zu Arrangements, in denen der Euro ein bedeutendes Gewicht im jeweiligen Währungskorb einnimmt (zum Beispiel in Russland). Aus Tabelle 7 geht der regionale Charakter des Euro als Ankerwährung hervor. Die Hälfte der EU Länder, die bisher nicht dem Euroraum beigetreten sind, nimmt am Wechselkursmechanismus II teil. Die übrigen EU Staaten wie die heterogene Gruppe der übrigen in Tabelle 7 aufgeführten Länder praktizieren ein breites Spektrum von Wechselkursregimes.168 Zwangsläufig bedingt die Wechselkursbindung auch die Verpflichtung, gegebenenfalls am Devisenmarkt zu intervenieren, falls der Marktkurs sich außerhalb des vereinbarten Kursbandes zu bewegen droht. Folglich werden 168 Als prozentualer Anteil an den gesamten kenntlich gemachten Beständen. Quelle: ECB, Review of the International Role of the Euro, Juni 2007. Tabelle 6: Offizielle Devisenreserven: Währungsanteile168 Dez. 04 Dez. 05 Mär. 06 Jun. 06 Sep. 06 Dez. 06 Alle Länder US Dollar 65,8 66,7 66,5 65,5 65,8 64,7 Euro 24,9 24,2 24,6 25,4 25,1 25,8 Japanischer Yen 3,9 3,6 3,3 3,2 3,1 3,2 Pfund Sterling 3,4 3,6 4,0 4,2 4,3 4,4 Andere Währungen 2,0 1,8 1,6 1,7 1,7 1,8 Industrialisierte Länder US Dollar 71,5 73,6 74,0 72,9 73,1 71,9 Euro 20,8 19,0 19,1 19,8 19,6 20,4 Japanischer Yen 3,6 3,4 3,5 3,6 3,5 3,5 Pfund Sterling 1,9 2,1 2,1 2,3 2,3 2,5 Andere Währungen 2,3 1,8 1,4 1,4 1,4 1,6 Entwicklungs- und Schwellenländer US Dollar 60,2 61,0 60,6 59,9 60,4 59,7 Euro 29,0 28,5 29,0 29,5 29,2 29,6 Japanischer Yen 4,1 3,7 3,1 2,9 2,8 2,9 Pfund Sterling 4,9 4,9 5,5 5,6 5,7 5,8 Andere Währungen 1,8 1,9 1,9 1,9 2,0 2,0 Buch.indb 156 27.02.2008 8:30:26 Uhr 7. Der Euro als internationale Währung 157 Quelle: ECB, Review of the International Role of the Euro, Juni 2007. Tabelle 7: Länder mit an den Euro gebundenem Wechselkurs169 Region Wechselkursregime Länder Europäische Union (außerhalb der Eurozone) Wechselkursmechanismus (WKM) II Zypern, Dänemark, Estland, Lettland, Litauen, Malta, Slowakei Euro-basierte Currency Boards Bulgarien Feste Wechselkursbindung an den Euro mit fluktuierender Bandbreite Ungarn Managed Floating mit dem Euro als Referenzwährung Tschechische Republik, Rumänien Pro memoria: freie Wechselkursbindung Schweden, Vereinigtes Königreich, Polen Beitrittsländer, und Beitrittskandidaten Unilaterale Euroisierung Montenegro Euro-basierte Currency Boards Bosnien-Herzegovina Feste Wechselkursbindung oder Managed Floating mit dem Euro als Referenzwährung Kroatien, Mazedonien, Serbien Pro memoria: freie Wechselkursbindung Albanien, Türkei Andere Euroisierung Kosovo, Europäische Mikrostaaten, französische territoriale Gemeinden Feste Wechselkursbindung an den Euro CFA Zone, überseeische Gebiete Frankreichs, Kap Verde, Komoren Feste Wechselkursbindung und Managed Floating die auf Sonderziehungsrechten (SZR) und anderen Währungskörben basieren, die den Euro beinhalten (Anteil des Euro) Seychellen (37,7), Russische Föderation (40 %), Libyen, Botswana, Marokko, Tunesien, Vanuatu die betreffenden Notenbanken einen beträchtlichen Teil ihrer Währungsreserven in dieser Währung, hier also in Euro, halten.169 169 Datum: 1. Januar 2007. Malta und Zypern sind zum 1. Januar 2008 der Währungsunion beigetreten. Buch.indb 157 27.02.2008 8:30:26 Uhr IV. Die EZB – Geldpolitik für einen stabilen Euro158 Neben dieser quasi offiziell bedingten Rolle des Euro hat der Euro-Bargeldumlauf außerhalb des Euroraumes eine beachtliche Dimension erreicht. Schätzungen gehen dahin, dass darauf circa 10 bis 20 % des gesamten Bargeldumlaufs entfallen.170 Eine weitere Funktion liegt in der Rolle als Transaktionswährung. Hierbei handelt es sich um die Verwendung als Währung für Transaktionen am Devisenmarkt. Nicht zuletzt weil es für viele Währungen keine direkten Austauschbeziehungen gibt, jedenfalls nicht zu vertretbaren Kosten, werden solche Devisengeschäfte meist über eine dritte Währung, eben eine Transaktionswährung abgewickelt. Der Euro nimmt hier ebenfalls die zweite Position nach dem US-Dollar ein. Schließlich werden im Außenhandel Geschäfte häufig nicht in nationaler Währung, sondern in einer internationalen Währung fakturiert. Als Fakturierungswährung spielt der Euro bisher vorwiegend eine regionale Rolle. Die Denominierung etwa auf den internationalen Rohstoffmärkten erfolgt nach wie vor weitgehend in US-Dollar. Die verschiedenen Funktionen einer internationalen Währung ergänzen sich gegenseitig. Bei der Verbindung von Ankerwährung und Reservewährung liegt dieser Zusammenhang auf der Hand. Darüber hinaus liegt es aber auch nahe, dass Exporteure und Importeure Transaktionskasse in einer Währung halten, in der ihre Geschäfte im Außenhandel denominiert sind. Ähnliche Überlegungen gelten für die Aufnahme von Krediten oder die Anlage von Vermögenswerten. Die Funktionen einer internationalen Währung weisen also deutlich Eigenschaften eines sogenannten Netzwerkgutes auf, das heißt die einzelnen Funktionen befördern sich gegenseitig. Dies ist auch eine Erklärung dafür, dass sich große Veränderungen in den Positionen internationaler Währungen nur allmählich vollziehen. (Der „Amtsinhaber“ hat so gesehen Vorteile gegenüber dem „Herausforderer“.) Die EZB hat von Anfang an keinen Zweifel an ihrer neutralen Position gegenüber der Rolle des Euro als internationaler Währung gelassen: Weder würde sie Anstalten treffen diese Rolle zu befördern, noch würde sie etwas unternehmen um ihr entgegenzuwirken. Der Prozess, in dem sich der Euro als internationale Währung etabliert, wird also durch das Marktgeschehen determiniert. Die Präferenz der Marktakteure, ob offiziell (Notenbanken) oder privat, bestimmt, in welchem Umfang sie sich des Euro als einer internationalen Währung bedienen wollen. 170 Zur Entwicklung des Eurobargeldumlaufs außerhalb des Euroraumes siehe: ECB, Review of the International Role of the Euro, June 2007. Ende 2006 waren die entsprechenden Zahlen für den Euro vergleichbar mit denen für den US-Dollar. Buch.indb 158 27.02.2008 8:30:27 Uhr 8. Wissenschaft und geldpolitische Praxis 159 Die EZB hat sich auch nicht an einschlägigen Spekulationen über die Zukunft des Euro im internationalen Währungssystem beteiligt. Gegenwärtig spielt der US-Dollar nach wie vor die dominante Rolle im Weltwährungs- und Weltfinanzsystem. Darüber ist jedoch die gewachsene Bedeutung des Euro längst nicht mehr zu übersehen, während der japanische Yen im globalen Maßstab nach wie vor nur eine untergeordnete Position einnimmt. Es spricht wenig dafür, dass sich die Bedeutung der japanischen Währung erheblich vergrößern wird. Insoweit kann man eher von einem bi-polaren als von einem tri-polaren System sprechen. In der Währungsgeschichte haben sich Situationen mit mehr als einer führenden Währung dann als labil erwiesen, wenn das Vertrauen in eine dieser Währungen deutlich gesunken ist und sich im Gefolge einer Neueinschätzung der Anleger erhebliche Umschichtungen der internationalen Portfolios ergeben haben. Hier liegt eine potentielle Schwäche eines „Mehr-Währungssystems“. Auf der anderen Seite eröffnet die Existenz einer zweiten (oder dritten) Währung Möglichkeiten der Diversifikation, die das System weniger krisenanfällig machen. Die für die Währung letztlich verantwortliche Notenbank steht wegen der internationalen Rolle ihrer Währung in einer besonderen Verantwortung. Dieser wird sie am besten gerecht, indem sie das Vertrauen in die Stabilität ihrer Währung bewahrt. Nationale (inländische) und internationale Verantwortung stehen daher letztlich im Einklang miteinander. 8. Wissenschaft und geldpolitische Praxis Nie werde ich den Abend im Sommer 1998 vergessen. Zum wiederholten Male diskutierte ich mit einer für diese Aufgabe ausgewählten Gruppe von Ökonomen aus den Generaldirektorien Volkswirtschaft und Forschung die Konturen einer möglichen Strategie für die (künftige) Geldpolitik der EZB. Der Blick in die Runde zeigte lauter junge Gesichter. Wir waren gemeinsam auf der Suche nach einer Antwort auf offene Fragen. Diese Atmosphäre löste meinen spontanen Kommentar aus: Die Szene erinnert mich an ein Universitätsseminar. Doch zwei Dinge unterscheiden uns fundamental von der akademischen Übung. Erstens, die Zeit drängt, wir müssen unsere Überlegungen bald abschließen. Zweitens, seien wir uns bewusst, dass das Gelingen – und noch mehr ein mögliches Misslingen – der Geldpolitik der EZB ganz konkret das Schicksal so vieler Menschen beeinflussen wird. Kein Notenbanker wird seine Verantwortung, die ihm mit der Ernennung übertragen wurde, auch nur für einen Augenblick missachten. Hier aber, in dieser besonderen Buch.indb 159 27.02.2008 8:30:27 Uhr

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Zusammenfassung

Die Geschichte einer Währung erzählt vom »Vater des Euro«

Zehn Jahre nach dem Beschluss zur Einführung im Jahr 1998 zieht der "Vater des Euro" eine Zwischenbilanz: Wo sind die Ursachen für den guten Start und bisherigen Erfolg des Euro, und wo liegen mögliche Gefährdungen? Das Buch schildert die Vorgeschichte des Euro, den schweren Abschied der Deutschen von der D-Mark und belegt ausführlich die Gründe, die zum Erfolg des Euro und der Europäischen Zentralbank geführt haben. Der Verfasser beschreibt die Konfliktpotentiale der Währungshüter mit der Politik und die Gefährdungen für den Erfolg des Euro. Kann die Europäische Währungsunion ohne Politische Union überleben?

Der Autor

Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Otmar Issing war maßgeblich für den Erfolg des Euro verantwortlich. 1998 bis 2006 war er Chefvolkswirt und Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank. Er gilt als Vater der geldpolitischen Strategie der EZB.