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7. Chancen und Risiken einer angebotsorientierten Stabilisierungspolitik in:

Jürgen Pätzold, Daniel Baade

Stabilisierungspolitik, page 229 - 231

Grundlagen der nachfrage- und angebotsorientierten Wirtschaftspolitik

7. Edition 2008, ISBN print: 978-3-8006-3492-7, ISBN online: 978-3-8006-4323-3, https://doi.org/10.15358/9783800643233_229

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Chancen und Risiken einer angebotsorientierten Stabilisierungspolitik Die angebotsorientierte Wachstumspolitik wurde als offensive Strategie zur Lösung der Beschäftigungsprobleme bezeichnet. Durch Steigerung der gesamtwirtschaftlichen Güterproduktion soll die Nachfrage nach Arbeitskräften in dem Maße erhöht werden, bis ein gesamtwirtschaftlicher Ausgleich von Arbeitskräfteangebot und -nachfrage erreicht wird. Relativ unumstritten ist, dass die Wachstumsstrategie eine mögliche Option der Vollbeschäftigungspolitik ist. Zweigeteilt ist jedoch die Meinung, ob sich hierdurch tatsächlich die Beschäftigungsprobleme der Bundesrepublik lösen lassen. Vor die Wahl zwischen einer (staats-)nachfrageorientierten oder einer angebotsorientierten Wachstumsstrategie gestellt, haben sich in den achtziger Jahren nahezu alle westlichen Industriestaaten für die angebotsorientierte Variante entschieden. Extreme angebotsorientierte Konzepte werden vornehmlich in den Vereinigten Staaten (Reaganomics) und in England (Thatcherism) verfolgt. Ein gemäßigtes angebotsorientiertes Konzept das Nachfrageaspekte nicht völlig unberücksichtigt lässt, wird in der Bundesrepublik Deutschland vom Sachverständigenrat vertreten. Eine Wirtschaftspolitik, die den Grundsätzen der Angebotstheoretiker folgt, stößt naturgemäß auf Widerstände. Sie verheißt nicht, wie die postkeynesianische Nachfragesteuerung, rasche Erfolge, sondern ist langfristig angelegt. Politiker müssen jedoch möglichst rasche Erfolge vorweisen, um die nächste Wahl zu gewinnen. Dieser Druck ist permanent. Die Vorteile einer konsequent betriebenen Politik der Verbesserung der Rahmenbedingungen sind erst nach und nach wahrzunehmen. Mit kurzfristigen Programmen lassen sich demgegenüber rasche Erfolge für einzelne Bevölkerungsgruppen erreichen. Die negativen Auswirkungen des postkeynesianischen Interventionismus treten dagegen oft sehr spät auf und lassen sich dann nicht eindeutig einzelnen Politikern oder Parteien zurechnen – dies haben gerade die Erfahrungen mit der Wirtschaftspolitik der sechziger und siebziger Jahre in der Bundesrepublik Deutschland gezeigt. Widerstände gegen die Angebotspolitik erwachsen insbesondere aus der unterschiedlichen Betroffenheit und dem unterschiedlichen politischen Gewicht der gesellschaftlichen Gruppen. Viele Maßnahmen zur Verbesserung der Rahmenbedingungen werden seitens einzelner Bevölkerungsgruppen als sozialpolitisch „ungerecht“ und verteilungspolitisch schädlich empfunden („Verteilung von unten nach oben“). Dies gilt nicht nur für die Arbeitnehmer, sondern auch für die Arbeitgeber. Wenn beispielsweise Subventionen an Branchen, die dem Konkurrenzdruck aus dem Ausland nicht mehr standhalten können, verweigert oder gekürzt und schließlich eingestellt werden, wird der Schrumpfungsprozess dieser Branche schneller verlaufen als er verlaufen würde, wenn Subventionen gezahlt würden. Die betroffenen Gruppen fordern daher verständlicherweise regelmäßig Stützungsmaßnahmen zur Erhaltung von Produktion und Beschäftigung. Gerade im Subventionsbereich zeigt sich, dass Angebotspolitik in der Realität im Zweifel schwer durchsetzbar ist. Der deutschen Bundesregierung ist es in der Vergangenheit faktisch nicht gelungen, die Subventionen zu kürzen – das Gegenteil ist der Fall. Der Übergang zur Angebotskonzeption kann und sollte im Übrigen nicht abrupt vollzogen werden. Ein mittelfristig angelegtes Wirtschaftskonzept, wie die Angebotspolitik, kann nicht von heute auf morgen in einem „großen Sprung nach vorn“ 7. Teil D: Neoklassische Stabilisierungspolitik224 durchgesetzt werden. Gefragt ist in diesem Konzept Allmählichkeit, Gleichmäßigkeit und Berechenbarkeit. Im Zentrum steht ist also Gradualismus statt Radikalität. Die Schocktherapie in den Vereinigten Staaten unter Präsident Ronald Reagan, die abrupten und sehr weitgehenden Steuersenkungen und Ausgabenkürzungen (letztere allerdings fast nur im Sozialbereich), können kaum als nachahmenswert empfohlen werden. Die Folge dieser radikalen Politik waren extreme Haushaltsdefizite und, hiermit einhergehend, extreme Defizite in der Leistungsbilanz. Der Sachverständigenrat hat von Beginn an für einen gleitenden Übergang zur Angebotspolitik plädiert und allzu rigorosen Maßnahmen eine Absage erteilt. Wirtschaftspolitik muss nicht nur ökonomisch, sondern auch politisch tragfähig sein. Insbesondere in Großbritannien wurden in der Spätphase der Regierung Thatcher die zunehmenden politischen Probleme einer rigorosen Angebotspolitik deutlich. Die Angebotspolitik darf allerdings auch nicht als ein Sammelsurium von Einzelmaßnahmen missverstanden werden. Gefordert ist nicht einfach ein Konzept zur „Wirtschaftsförderung“, erforderlich ist vielmehr ein geschlossenes Konzept zur Verbesserung der Rahmenbedingungen. Angebotspolitik heißt schließlich nicht, dass die Nachfrageseite völlig vernachlässigt werden dürfte. Auch von angebotspolitischen Maßnahmen gehen (möglicherweise sogar negative) Nachfragewirkungen aus. Gerade bei einer radikalen Angebotspolitik, also z. B. bei einer radikalen Konsolidierungspolitik bzw. einer forcierten Lohnzurückhaltung dürfen die Nachfragerisiken nicht vernachlässigt werden. Der Sachverständigenrat spricht sich daher auch für eine „kreislaufmäßige Absicherung“ der Angebotspolitik durch nachfrageorientierte Maßnahmen aus. Angebotspolitik heißt also nicht, dass (postkeynesianische) konjunkturpolitische Maßnahmen völlig ausgeschlossen sind. Beim Einsatz der antizyklischen Konjunkturpolitik kann es heute allerdings nur noch darum gehen, extreme Konjunkturausschläge zu kappen, wobei stets eine klare Grenze zwischen konjunktureller und struktureller Entwicklungen im Auge behalten werden muss. Lang anhaltende Wachstumsstörungen sind nur mit einer langfristig angelegten Strategie der Revitalisierung, nicht aber mit einer kurzfristigen Strohfeuerpolitik zu bekämpfen. Dies gilt insbesondere mit Blick in die Zukunft, die für die Bundesrepublik durch zwei wesentliche ökonomische Veränderungen gekennzeichnet sein wird: die Globalisierung und der demographische Wandel. Es ist heute unter Experten praktisch unumstritten, dass beide Megatrends fundamentalen Einfluss auf die ökonomische Entwicklung der Bundesrepublik nehmen werden. Um beide Herausforderungen meistern zu können, sind wirtschaftspolitische Handlungen die die Rahmenbedingungen verbessern – d. h. angebotsorientierte Politik – aus heutiger Sicht am besten zur Sicherung eines auch zukünftig hohen Lebensstandards geeignet. Literaturverzeichnis 1. Zitierte Literatur Alesina, A./Summers, L. H. (1997): Central Bank Independence and Macroeconomic Performance: Some Comarative Evidence, Journal of Money, Credit and Banking, Bd. 5, Nr. 2, 1997 Borner, S. (1975): Versuch einer Neuinterpretation der Einkommenspolitik, in: Schneider, H. K., Wittmann, W. und Würgeler, H. (Hrsg.): Stabilisierungspolitik in der Marktwirtschaft, 2. Halbband, Berlin 1975 Boss, A./Rosenschon, A. (2006): Subventionen in Deutschland: Eine Bestandsaufnahme. Kieler Arbeitspapiere, Nr. 1267, Institut für Weltwirtschaft, Kiel 2006 Deutsche Bundesbank: Monatsberichte, div. Jahrg., Frankfurt/M. Eucken, W. (1990/1952): Grundsätze der Wirtschaftspolitik, 6. durchges. Aufl., Tübingen 1990 (1. 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Zusammenfassung

Prägnant, fundiert und leicht verständlich

Die „Stabilisierungspolitik“ ist im deutschsprachigen Raum eines der führenden Lehrbücher auf seinem Gebiet. Diese Auflage ist völlig neu überarbeitet und vermittelt prägnant, leicht verständlich und fundiert umfangreiches Fachwissen zur angewandten Wirtschaftspolitik. Dabei stellt das Buch sowohl angebots- als auch nachfrageorientierte Strategien zur Bekämpfung gesamtwirtschaftlicher Fehlentwicklungen vor. Es zeigt Schritt für Schritt, wie Arbeitslosigkeit und Inflation ursachenbezogen bekämpft werden kann, wie außenwirtschaftliches Gleichgewicht gewahrt sowie durch Verbesserung der Rahmenbedingungen die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes dauerhaft gestärkt und ein angemessenes Wirtschaftswachstum gesichert werden kann. Der übersichtlich strukturierte Text wird durch eine Vielzahl von Abbildungen und Beispielen aufgelockert, um die zum Teil komplexen Zusammenhänge der Wirtschaftspolitik anschaulich und lebendig darzustellen.

Das Lehrbuch richtet sich sowohl an Studenten der Wirtschaftswissenschaften an Universitäten, Fachhochschulen, Berufs- und Studienakademien als auch an Praktiker aus der Wirtschaftspolitik sowie an wirtschaftspolitisch Interessierte.

Die Autoren

Prof. Dr. Jürgen Pätzold, Dozent an der Universität Hohenheim.

Dr. Daniel Baade, Wirtschaftswissenschaftler, Promotion an der Universität Hannover.