12 Steuerungsrituale in:

Dorothee Echter

Führung braucht Rituale, page 126 - 135

So sichern Sie nachhaltig den Erfolg Ihres Unternehmens

2. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-4194-9, ISBN online: 978-3-8006-4195-6, https://doi.org/10.15358/9783800641956_126

Series: Management Competence

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Vahlen Competence – Echter, Führung braucht Rituale (2. Auflage) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 22.08.2011 Status: Druckdaten Seite 121 12 Steuerungsrituale Was Steuerungsrituale bewirken Es sind heute nicht isolierte Management-Heldinnen und Helden, die positive Veränderungen in Unternehmen herbeiführen, sondern diejenigen Persönlichkeiten, denen es gelingt, die besten Verbindungen zwischen kompetenten und tatkräftigen Menschen und ihrem Wissen herzustellen. Intelligente Steuerungsrituale, wie etwa die Kombination von Data Warehousing mit informellen, bereichsübergreifenden Wissenstransfer-Ritualen – etwa als Open-Space-Ritual81 – sorgen dafür, dass neue Produkte und Geschäftsmöglichkeiten entstehen und das Unternehmen sich entwickelt. Beraterinnen und Berater sind in der Gefahr, die Bedeutung der individuellen Eigenschaften der Führungspersonen und Mitarbeitenden für die Initiierung und Umsetzung von Organisationsveränderungen zu überschätzen, ist es doch unser Beruf, gerade sie zu erkennen und zu fördern. Kets de Vries schließt etwa aus seinen Erfahrungen: Wie gut Herausforderungen und Veränderungen verarbeitet würden, hänge „in hohem Maß von dem betreffenden Menschen selbst und seinen persönlichen Umständen ab.“82 Viele Betroffene stimmen dem vielleicht spontan zu, bestätigt diese Auffassung doch die eigene Großartigkeit im Vergleich zu vielen, die zu einer solchen Verarbeitung nicht so reibungslos in der Lage sind. Der Glaube an die Überlegenheit von individuellen Talenten und Eigenschaften bestimmter „natürlicher Führer“ in Organisationen hat zu Ritualen wie statischen Hierarchieinszenierungen, territorialem Anspruchsdenken und individuellen Statussymbolen geführt. Heute wissen wir: Die Top Executives sind entscheidend für die Unternehmensentwicklung, jedoch nicht ihre Talente, ihr Können, sondern ihre Gestimmtheit und ihre Rituale. Deshalb geraten in fortschrittlichen Unternehmen die interaktiven Prozesse der Steuerung, Kommunikation und Resonanz in den Mittelpunkt des Interesses, die zu einer klugen Vernetzung aller Kompetenz- und Leistungsträger führen. Weil einerseits die individualistische Sicht von Veränderungsmanagement viel zu kurz greift und keine guten Unternehmensergebnisse mehr erzeugt, und andererseits die immer ausgereifteren, schnelleren, transparenteren Kommunikationsprozesse mittels der neuen Medien sich durchsetzen, wandeln sich auch die Rituale. Das sind die Trends: ❏❏ von Hierarchie- und Projekt-Ritualen in Netzwerk-Rituale83 ❏❏ von offiziellen Gremien in beweglichere, multimediale, informelle oder freundschaftliche Rituale ❏❏ von Statussymbolen und Privilegien-Ritualen in kurzfristige, flexible Belohnungssysteme und Wertschätzungsfeiern, Vahlen Competence – Echter, Führung braucht Rituale (2. Auflage) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 22.08.2011 Status: Druckdaten Seite 122 12 Steuerungsrituale122 ❏❏ von klassischen Besprechungsritualen in dynamische Kommunikations- Events (siehe Beispiel unten: „Einkaufsrunde“), ❏❏ von starren Top-Down-Feedbacks und einseitigen Notengebungs-Ritualen in interaktive, multiple, wertschätzende Feedbackverfahren mit Fokus auf intensiven Entwicklungsgesprächen. Steuerungsrituale sind Rituale des Managementteams. Mit ihnen üben sie ihren Einfluss auf die Organisation auf mehr oder weniger intelligente und wirksame Weise aus. Steuerungsrituale sind das soziale Bindeglied zwischen den Ideen und Visionen der Leader und denjenigen, die sie im Unternehmen umsetzen. Durch Steuerungsrituale verstehen alle Mitarbeitenden den Sinn der Visionen, Strategien und Maßnahmen, und die Mission: was das Unternehmen in die Welt bringen möchte. So wird eine emotionale Botschaft als Corporate Identity vermittelt, eine Grundstimmung, wie Seriosität, Sicherheit, Intelligenz, Service, Diversity, Internationalität, Luxus, Jugendlichkeit, Freiheit oder Mobilität. Steuerungsrituale sollten die einzigartige inhaltliche und emotionale Mission des Unternehmens widerspiegeln. Im Idealfall kann ein Außenstehender die Identität des Unternehmens an jedem einzelnen Ritual ablesen. Erst dann wirken alle Faktoren in eine Richtung, die Wirkung des einzelnen Rituals potenziert sich. Ich empfehle meinen Klienten, wenn sie ihr Unternehmen neu ausrichten und alle Mitarbeitenden überzeugen und begeistern möchten, festzustellen, welche Steuerungsrituale es gibt und welche emotionale Wirkung sie auf die Menschen ausüben. Alle Rituale müssen gesichtet, geprüft und synchronisiert werden: ❏❏ wie Unternehmensvision und -strategie entwickelt werden, z. B. kreativer Strategie-Workshop mit externen Beratern in einer Berghütte, immer gleicher „long term forecast“ vor Geschäftsjahresschluss, oder: ein Unternehmer plant daheim, an Neujahr, mit der Ehefrau, „wie es weitergeht“ … ❏❏ wie Leistungsmanagement und Kontrolle durchgeführt werden, z. B. mit jährlichen schriftlichen Zielvereinbarungen per Intranet, mit monatlichen Updates, mit schriftlichem Projektcontrolling, mit Quartals-Präsentationen im Aufsichtsrat … ❏❏ wie alles rund um Arbeitsplatz, Arbeitszeit und Arbeitsentlohnung organisiert ist, z. B. mit freier Zeiteinteilung und sozialer Kontrolle im Großraumbüro, mit Einkaufs-Entscheidungskompetenz für jeden Mitarbeitenden bis zu 5000 Euro, mit Heimarbeit auf Vertrauensbasis … ❏❏ wie Hierarchie und Status inszeniert werden, z. B. mit Statussymbolen wie Zimmergröße, Dienstwagen, Redezeitregelung; mit klassischen Organigrammen oder in Projekt- oder Netzwerk-Mustern … ❏❏ wie Qualitätsstandards, Führungsleitlinien etc. erarbeitet und kommuniziert werden, z. B. durch Hochglanzbroschüren mit Großveranstaltungen, durch interaktives Firmen-TV, durch Meeting- oder Feedback-Rituale … ❏❏ wie die internationale Zusammenarbeit gestaltet ist, z. B. mit nur einer Firmensprache, mit Meetings in verschiedenen Ländern der Welt, durch offizielle Diversity-Policies84 … Vahlen Competence – Echter, Führung braucht Rituale (2. Auflage) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 22.08.2011 Status: Druckdaten Seite 123 Altes Steuerungsritual „Einkaufsrunde“ 123 ❏❏ wie der Top-down und Bottom-up Informations- und Kommunikationsfluss funktioniert, z. B. durch kaskadenartige Informations-Meetings: Vorstand, Bereich, Abteilung etc; durch Mitarbeiterzeitung; durch Mitarbeiterbefragungen, durch Ideenmanagementsysteme … ❏❏ wie die Zusammenarbeit in und mit Gremien und Verbänden (Aufsichtsrat, Betriebsrat, IHK …), wie Projektmanagement organisiert ist, z. B. in den gesetzlich vorgeschriebenen Gremien, in informellen Treffen, Geschäftsessen und -reisen; in der Aushandlung von Arbeitsbedingungen, Mantel- und Gehaltstarifen … ❏❏ wie das Unternehmen nach außen repräsentiert wird, z. B. durch Pressekonferenzen, Presseeinladungen zum Test der Produkte, Pressemitteilungen, Präsentationen für Investoren, überhaupt nicht … Altes Steuerungsritual „Einkaufsrunde“ Lassen Sie mich an einem Beispiel erläutern, wie ein typisches altes Steuerungsritual, das regelmäßige Treffen aller Managerinnen und Manager eines Bereichs, sinnvoll umgestaltet wurde. Mit dem alten Ritual der „Einkaufsrunde“ war schon lange niemand mehr zufrieden, man wusste auch nicht mehr so recht, wie es sich so entwickelt hatte. Niemand ging gerne hin, nicht einmal der Chef, obwohl die Festigung seiner Machtposition eine bedeutende Wirkung des Rituals war. Auch er betrachtete es als Zeitverschwendung, hatte aber weder die Ruhe noch das nötige Know-how, eine andere Form einzuführen. Die Veränderung war überfällig. Teilnehmende ▼ Der Leiter des Einkaufsbereich sowie alle Führungspersonen des Einkaufsbereichs aus fünf Ländern plus Sekretärin des Einkaufsleiters offizielle Rollen der Teilnehmenden ▼ Leiter des Einkaufsbereichs: Leitung des Rituals, Informieren, Informationen bekommen Sekretärin: Protokoll schreiben Andere Führungspersonen des Einkaufs: sich selbst und die Anderen informieren Verhalten der Teilnehmenden ▼ Leiter des Einkaufsbereichs: gibt verbale oder nonverbale Kommandos, wenn die anderen Teilnehmenden anfangen oder aufhören sollen zu sprechen, oder wenn sie zum Projektor gehen und etwas zeigen oder sich wieder hinsetzen sollen. Spricht ca. 80 % der Zeit. Sekretärin: führt Protokoll, ist freundlich und still, bewirtet/bedient Andere Führungspersonen Einkauf: sprechen manchmal eigen-initiativ, meist aber auf Kommando des Leiters, meist knapp und in ernsthaftem, sachlich-informativen Ton. Ihre gemeinsame Redezeit beträgt ca. 20 %. Sie beachten besonders, was der Leiter sagt und wie er sich verhält und reagieren darauf mit Respekt und Zustimmung. Man kann beobachten, dass sie sich so verhalten, dass sie die optimale Zustimmung und Beachtung vom Leiter des Vahlen Competence – Echter, Führung braucht Rituale (2. Auflage) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 22.08.2011 Status: Druckdaten Seite 124 12 Steuerungsrituale124 Rituals bekommen. Sie unterstreichen ihre Aussagen manchmal mit Folien, die sie auf den Projektor legen. Personen, die eine andere Muttersprache als Deutsch haben, sprechen ausschließlich, wenn sie persönlich gefragt werden, und dann auf Englisch. Bevor der Leiter kommt und nachdem er gegangen ist, legen sie ein anderes Verhalten an den Tag: sie sprechen mehr, lachen miteinander, sind lauter und stehen näher beieinander. Ort ▼ Konferenzraum im 3. Stock Name ▼ Einkaufsrunde Choreographie ▼ Immer gleiche Sitzordnung am ovalen Konferenztisch. Der Leiter sitzt mit dem Rücken zum Fenster und schaut schräg rechts auf die Eingangstüre und genau nach vorn auf die Projektionswand. Rechts und links neben seinem Stuhl ist mehr Platz als zwischen den anderen Stühlen. Auch die anderen Teilnehmenden belegen meist immer die gleichen Plätze. Die Sekretärin sitzt links vom Leiter, rechts sitzt sein Stellvertreter. Gegenüber dem Leiter, mit dem Rücken zur Projektionswand, sitzen die am wenigsten etablierten und geschätzten Teilnehmenden. Zeit ▼ Monatlich, erster Dienstag des Monats, 14–16 Uhr Ablauf ▼ Vorher: Einladung mit Agenda Einkaufsrunde: Chef eröffnet und leitet das Ritual. Er erinnert daran, die Handys auszuschalten. Er beginnt zu sprechen. Die Teilnehmenden stellen kurze Zwischenfragen oder geben kurze Erläuterungen. Mitunter gehen sie auf Aufforderung des Leiters an den Projektor und legen einige Folien auf, die sie erläutern. Dann geht es etwas lebhafter zu, mehrere Personen äußern sich dazu, teils zustimmend, teils kritisierend. Vom links vor ihm liegenden Papierstapel des Chefs nimmt er, während er spricht, Unterlage für Unterlage kurz in die Hand und bildet dann damit einen Papierstapel rechts vor ihm. Ab und zu läutet sein Handy, der Leiter äußert Unmut, sagt, er müsse es eingeschaltet lassen, da er einen Anruf von XY erwarte, und die Sekretärin antwortet. Wenn sie nicht schnell genug das Telefonat beendet, steigert sich regelmäßig der Unmut des Leiters. Manchmal springt er auch auf, greift das Handy und geht hinaus. Dann wird es wieder lebhafter und lauter im Raum, es wird gelacht, und neuer Kaffee wird eingeschenkt. Diese Pausen dauern bis zu 30 Minuten. Die Sekretärin schreibt während des Vortrags des Leiters und während der Gespräche und stellt kurze Zwischenfragen. Der Chef geht ab und zu zum Flipchart und schreibt etwas auf die großen Bögen, während er weiterspricht. Diese Bögen werden am Ende von der Sekretärin sorgfältig gefaltet und mitgenommen. Vahlen Competence – Echter, Führung braucht Rituale (2. Auflage) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 22.08.2011 Status: Druckdaten Seite 125 Altes Steuerungsritual „Einkaufsrunde“ 125 Die Aufzeichnungen der Sekretärin erscheinen später im Intranet. Sinn ▼ Querinformation, Top-Down-Information, Präsentation wichtiger Projekte – Meinung der Kollegen in Diskussion einholen Start ▼ Teilnehmende kommen in Zweier- oder Dreier-Gruppen, locker ins Gespräch vertieft, begrüßen lachend und mit Handschlag die anderen Ankommenden im Raum. Gegenseitiges Kaffee-Ausgießen der anwesenden Teilnehmenden. Man schaut zur Türe, wartet auf den Chef, während man in einigen kleinen Gruppen eilig, intensiv und ernsthaft spricht und sich Unterlagen zeigt, in anderen freundlich, lachend, informell. Der Chef kommt und gibt allen einzeln die Hand und nennt jeden beim Namen, „Herr…“. Er setzt sich, alle setzen sich. Er begrüßt. Ende ▼ Unruhe, wenn es auf 16 Uhr zugeht – gesteigerte Zwischenfragen- und Diskussionstätigkeit – eher nervöse, genervte Atmosphäre, Teilnehmende schauen öfter auf ihre Uhren, einige treten in Wettbewerb, wer jetzt noch sprechen darf. Innerhalb von 10 Minuten nach dem offiziellen Ende verlässt der Chef das Ritual. Darauf löst sich die Stimmung wieder, es ist mehr Bewegung im Raum, Gelächter, nach und nach verlassen alle Teilnehmenden das Ritual in Zweier- oder Dreier-Gruppen, im lockeren Gespräch vertieft. Das Ritual ist beendet. Do‘s ▼ Kleiderordnung: Anzug. Lachen, wenn Chef einen Witz macht. Man fragt, bevor man sein Jackett ablegt. Dont‘s ▼ Chef unterbrechen. Mehr als 2–4 Kekse essen (außer Leiter). Mehr als 2 Minuten ununterbrochen reden (außer Leiter). Handy klingeln lassen (außer Leiter). Das Meeting spontan verlassen ohne Kommentar. Unfreundlich zur Sekretärin sein. Zu spät kommen. Sich auf den Chefsessel setzen. Sanktionen bei Verstößen ▼ Missmutige Blicke der Teilnehmenden; spöttische, abwertende Bemerkungen – vorzugsweise durch den Leiter; unterbrochen werden; kürzere zugestandene Redezeit Symbole ▼ Demonstrativ preiswerte, z. B. von Kindern gebastelte Schreibutensilien, und andere schlichte Accessoires wie Uhren, Mappen, Kaffeetassen – deutlich keine teuren Werbegeschenke. Sie symbolisieren die „Unbestechlichkeit“ der teilnehmenden Einkaufs-Manager. Ebenfalls die Unbestechlichkeit symbolisieren soll der Inhalt einer Vitrine: sie ist voll von Geschenken von asiatischen, südamerikanischen und afrikanischen Lieferanten-Vertretern, die vom Leiter des Bereichs angenommen wurden, um sie dem Bereich zur Verfügung zu stellen. (Manchmal wird Vahlen Competence – Echter, Führung braucht Rituale (2. Auflage) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 22.08.2011 Status: Druckdaten Seite 126 12 Steuerungsrituale126 während einer Einkaufsrunde ein Gegenstand entnommen und einem Mitarbeitenden im Bereich für gute Leistungen überreicht.) 8 gerahmte Urkunden über „Beste Einkaufsleistung des Jahres“ an der Wand – sie werden ab und zu angeschaut oder es wird auf sie hingewiesen. Handy des Chefs auf dem Tisch bei der Sekretärin – wird als Zeichen des höheren Status, der Wichtigkeit wahrgenommen. Tabus ▼ Sich absichtlich berühren, außer beim Begrüßungshandschlag, und außer der Chef berührt einen anderen Teilnehmenden, zum Beispiel an der Schulter oder am Arm, und lächelt dazu. Über einen bestimmten Vorstand positiv sprechen. Unfreundlich zur Sekretärin sein. Meetings sind klassische Steuerungsrituale. Wenn wir unsere Erkenntnisse und Postulate für die Analyse anwenden, sehen wir, dass selbst das hier beschriebene alte Ritual noch einige positive Wirkungen entfaltet: ❏❏ es bestätigt die Rollenidentität und Zugehörigkeit der Teilnehmenden, ❏❏ es reduziert Komplexität – es verkleinert die denkbaren Kontaktmöglichkeiten und Gelegenheiten, ❏❏ es produziert positive Gefühle – die Teilnehmenden lachen miteinander, ❏❏ es vermittelt einige Werte und (vielleicht unbewusste) Kulturelemente des Unternehmens: die positive Bedeutung von Hierarchie und Macht, Reichtum und Seriosität; die Werte Disziplin, Ordnung, Regeln; die Verbindlichkeit des gesprochenen und geschriebenen Wortes; Unbestechlichkeit, ❏❏ es definiert die Organisation/den Bereich als soziale Einheit. Andere Funktionen werden dagegen nicht oder nicht genügend erreicht: ❏❏ das Ritual steigert nicht die Lebensfreude, die Teilnehmenden nehmen nicht freiwillig und nicht gerne am Ritual teil, ❏❏ es ist zu starr und lässt kaum Gestaltungsmöglichkeiten, offenbar nicht einmal dem Chef, der das Ritual auf immer gleiche Weise leitet, ohne dabei Freude zu empfinden, ❏❏ es drückt wenig Respekt und Wertschätzung für die Teilnehmenden aus, außer für den Chef, ❏❏ es dokumentiert die ungleiche Machtverteilung zwischen oben und unten und zelebriert sie unbewusst – der Chef wird durch das Ritual aufgebaut als Einzelkämpfer und allwissender Held, vor allem dadurch, dass er mit seinen Reden die meiste Zeit in Anspruch nimmt. Zeit und Aufmerksamkeit sind in modernen Unternehmen sehr wichtige und knappe Ressourcen und haben das Geld und viele mit Geld verbundene Statussymbole abgelöst, ❏❏ es reduziert nicht annähernd so viel Komplexität wie möglich, wenn man an die behandelten Inhalte und die Funktion der Entscheidungsvorbereitung denkt, und damit ❏❏ unterstützt es nicht genügend den wirtschaftlichen Zweck: gute Entscheidungen herbeizuführen. Vahlen Competence – Echter, Führung braucht Rituale (2. Auflage) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 22.08.2011 Status: Druckdaten Seite 127 Neues Steuerungsritual „Einkaufsrunde“ 127 Neues Steuerungsritual „Einkaufsrunde“ In fortschrittlichen Unternehmen gibt es solche Besprechungen nicht mehr. Eine Vielfalt von wirtschaftlich funktionalen Meetingritualen, an denen man gerne teilnimmt, ist neu entstanden. In unserem Einkaufsbereich hatte es eine Initiative von jüngeren Managerinnen und Managern gegeben, die im Rahmen ihres High-Potential-Förderkreises die Umgestaltung der Einkaufsrunde als Projektarbeit übernahmen. Zielsetzungen waren: ❏❏ Projekte und Personen sollten von den Diskussionen in der Einkaufsrunde profitieren, durch qualifiziertes Feedback sowie aktuelle und relevante Informationen, ❏❏ alle Teilnehmenden sollten Einfluss darauf nehmen können, welche Informationen sie geben und bekommen, ❏❏ alle Teilnehmenden sollten im Meeting selbst aktiv beteiligt sein, insbesondere auch die ausländischen Teilnehmenden, ❏❏ es sollte Zugehörigkeit, Kontakt und Verbundenheit untereinander stärken, ❏❏ es sollte entspannt, gut gelaunt und kurzweilig sein und insgesamt bei allen gute Gefühle hinterlassen. Sehen Sie selbst, was auf Initiative der jungen Managerinnen und Manager nach einem Jahr als neues Steuerungsritual aus der Einkaufsrunde entstanden ist. Teilnehmende ▼ Der Leiter des Einkaufsbereichs; diejenigen Führungspersonen des Einkaufsbereichs, die teilnehmen möchten; von einem Mitarbeitenden eingeladene Personen aus anderen Bereiche; eingeladene Mitarbeitende der Einkaufsteams; Sekretärin des Einkaufsleiters, wenn sie möchte Rollen ▼ Gastgeber/in (Wechselnde, gut englisch sprechende Person, nach Absprache): Sorgt für Einladung, Raum, Bewirtung, gestaltet Anfang und Ende, hilft bei sprachlichen Schwierigkeiten der nicht deutschsprachigen Teilnehmenden. Moderator/in, gleichzeitig Leiter/in des Rituals: Wechselnde Person aus dem Einkaufs- oder Personalentwicklungsbereich, die die Themen vorab abfragt, die Methode der Bearbeitung an Thementischen oder im Plenum vorschlägt, das leicht chaotische Geschehen im Überblick hat und wenn nötig ordnend eingreift. Sammeln und Zusammenstellen der Informationen, die in das Protokoll kommen. Versenden des Protokolls per Intranet. Leiter des Einkaufsbereichs: Begrüßt und heißt willkommen, verabschiedet und dankt. Wird zu den Thementischen gerufen. Arbeitet ansonsten an einem Tisch für sich allein. (Die Information über laufende Chef-Vorgänge, die früher ca. 70 % der Einkaufsrunde in Anspruch nahm, hat die Sekretärin per Intranet übernommen.) Andere Führungspersonen des Einkaufs: suchen sich Ansprechpartner für ihre Informations- und Entscheidungs-Anliegen und besprechen diese mit ihnen. Vahlen Competence – Echter, Führung braucht Rituale (2. Auflage) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 22.08.2011 Status: Druckdaten Seite 128 12 Steuerungsrituale128 Verhalten der Teilnehmenden ▼ Leiter des Einkaufsbereichs: Sucht freundlichen Kontakt zu einzelnen Personen und bietet „by walking around“ seine Beteiligung und seine Informationen an. Geht mitunter von Tisch zu Tisch oder sitzt an einem Extra-Tisch und arbeitet allein. Er wird oft zu kurzen Gesprächen an einzelne Tische eingeladen. Er lobt viel, dankt viel, ermutigt viel und demonstriert gute Laune. Er macht sich Notizen. Spontan lädt er manchmal seinen eigenen Chef oder andere Kollegen ein, an einem der Tische mitzuarbeiten. Gastgeber/in: Sorgt dafür, dass alle Kaffee und Kekse haben und fragt freundlich nach, ob alles in Ordnung ist. Lüftet den Raum zwischendurch. Bespricht sich mit dem Moderator/der Moderatorin, ob alles gut läuft, und was man noch unterstützend tun könnte. Ansonsten: arbeitet an einem Thementisch mit. Moderator/in: Erinnert an die Gesprächsregeln. Stellt Prozessfragen (im Gegensatz zu inhaltlichen Fragen): wie kommen Sie voran? Wieviel Zeit brauchen Sie noch? Wer könnte Sie unterstützen? Muss etwas von dem, was Sie hier besprechen, ins Protokoll? Haben Sie Wünsche zum Vorgehen? Verhält sich ansonsten wertschätzend und freundlich. Wenn Konflikte oder Konkurrenz um die Anwesenheit von Spezialisten oder des Chefs an Thementischen entsteht, organisiert sie den Verlauf und entscheidet notfalls autonom, wie es weitergeht. Alle 15 Minuten gibt sie ein akustisches Signal und bittet, die Thementische zu überlegen, ob man sich neu „sortieren“ möchte. Teilnehmende: Diskutieren intensiv und ernst, zwischendurch lachend, in Gruppen von 3–5 Personen, die sich um die Thementische gruppieren. Holen andere Personen hinzu. Einzelne kommen und verlassen den Raum autonom oder auf Bitte der Kleingruppen. Die Atmosphäre an den Tischen ist konzentriert, der Lärmpegel mittelhoch, ein Drittel der Anwesenden spricht gleichzeitig, die nicht deutschsprachigen Teilnehmenden beteiligen sich rege, teils wechselt die Diskussionssprache ins Englische. Bei Verständigungsproblemen wird die/der Gastgeber/in geholt. Niemand außer der Moderatorin scheint den Überblick über Themen, Personen, Ergebnisse zu haben. Gäste: Kommen und gehen, setzen sich an einen der Tische, oder sind bei der Plenumsdiskussion am Ende der Einkaufsrunde dabei. Ort ▼ Großer Seminarraum im Parterre. Name ▼ Einkaufsrunde Vahlen Competence – Echter, Führung braucht Rituale (2. Auflage) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 22.08.2011 Status: Druckdaten Seite 129 Neues Steuerungsritual „Einkaufsrunde“ 129 Choreographie ▼ Für die ca. 20 Teilnehmenden gibt es 6 Tische und 3 Flipcharts, um die sich zwischen 0 und maximal 5 Teilnehmenden gruppieren, in wechselnder Zusammensetzung. Auf manchen Tischen liegt eine Karte, auf der das Gesprächsthema in großer Schrift notiert ist. Zeit ▼ Monatlich, erster Dienstag des Monats, 14–18 Uhr Ablauf ▼ Keine Einladung, nur der Termin wird bekannt gegeben. Ausnahme: Personen aus anderen Bereichen, die man dabei haben möchte. Um 14 Uhr sind alle Teilnehmenden anwesend. Herzliche Begrüßung durch den Leiter des Einkaufsbereichs, durch den Moderator/die Moderatorin. 10 Erfolge oder kleine gelungene Schritte oder gute Nachrichten werden gemeinsam gesammelt und auf Flipchart notiert (Methode „Brainstorming“ – bei 10 ist Schluss). Danach zeigt und kommentiert der Leiter des Einkaufsbereichs 3–7 Charts, auf denen je ein wichtiges Projekt/Vorhaben dargestellt ist und auf dem die kleinen gelungenen Fortschritte visualisiert sind. Danach spricht jede/r Teilnehmende einen Dank aus für eine konkret erhaltene Unterstützung (Dank an Nicht-Anwesende wird später überbracht). Danach stellt der/die Moderierende einige Fragen zum weiteren Vorgehen und klärt dieses. Dann verteilt man sich auf die Tische – Chaos-System – und beginnt, miteinander zu arbeiten und zu sprechen. Auch zwischen den Tischen ist rege Kommunikation, manche Teilnehmende diskutieren an zwei Tischen mit. Nach 2 Stunden Themengesprächen im 15-minütigen Wechsel (siehe oben: Rolle der/s Moderierenden): lenkt die/ der Moderierende die Aufmerksamkeit auf sich und bittet um zusammen gefasste Informationen von den einzelnen Tischen/zu den Themen, sodann werden gemeinsame Aktivitäten angesprochen. Zunächst lebhafte, dann ruhigere Diskussion. Zu manchen Themen wird jeder einzelne Teilnehmende vom Moderierenden um Äußerungen gebeten, um gleichmäßige Beteiligung sicherzustellen. Danach wird der Chef meist noch von einigen Teilnehmenden nach weiteren Informationen gefragt, die er gibt. Danach dankt der Chef den Gästen aus anderen Bereichen sowie allen Beteiligten. Er macht noch eine anerkennende, lobende oder lustige Bemerkung zum Schluss und wünscht einen schönen Abend. Alle applaudieren. Man verlässt nach und nach den Raum – manchmal ist dies gegen 17 Uhr, manchmal erst gegen 19 Uhr. Der Chef schüttelt jedem die Hand. Das Protokoll erscheint einige Tage später im Intranet. Sinn ▼ Vorantreiben von wichtigen Projekten und Vorhaben über Abteilungs- und Bereichsgrenzen hinweg. Nutzen der Wissens- und Kompetenzvielfalt. Formaler und informeller Informationsaustausch. Positive Stimmung und Zusammengehörigkeitsgefühl stärken. Vahlen Competence – Echter, Führung braucht Rituale (2. Auflage) – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 22.08.2011 Status: Druckdaten Seite 130 12 Steuerungsrituale130 Start ▼ Teilnehmende kommen in Zweier- oder Dreier-Gruppen, locker ins Gespräch vertieft, begrüßen lachend und mit Handschlag die anderen Ankommenden im Raum. Gegenseitiges Kaffee-Ausgießen der anwesenden Teilnehmenden. Die/der Moderierende begrüßt um 14 Uhr die Anwesenden. Ende ▼ Applaus – siehe oben – und allmähliches Verlassen des Raums in Zweier- und Dreiergruppen, lachend. Do‘s ▼ Kleiderordnung: Anzug. Pünktliches Erscheinen. Ausschalten aller Handys. Man fragt, bevor man sein Jackett ablegt. Viel danken, viel loben. Fragen und Zuhören. Dont‘s ▼ Zu spät kommen. Zu lange sprechen. Unterbrechen. Keinen Dank, kein Lob aussprechen. Keine Erfolge ansprechen. Sanktionen bei Verstößen ▼ Missmutige Blicke der Teilnehmenden; spöttische, abwertende Bemerkungen. Tadel der/des Moderierenden. Symbole ▼ Demonstrativ preiswerte, z. B. von Kindern gebastelte Schreibutensilien, und andere schlichte Accessoires wie Uhren, Mappen, Kaffeetassen – deutlich keine teuren Werbegeschenke. Sie symbolisieren die „Unbestechlichkeit“ der teilnehmenden Einkaufs-Manager. Ebenfalls die Unbestechlichkeit symbolisieren soll der Inhalt einer Vitrine: sie ist voll von Geschenken von asiatischen, südamerikanischen und afrikanischen Lieferanten-Vertretern, die vom Leiter des Bereichs angenommen wurden, um sie dem Bereich zur Verfügung zu stellen. Mitunter wird ein Gegenstand entnommen und einem Mitarbeitenden im Bereich für gute Leistungen überreicht. 8 gerahmte Urkunden über „Beste Einkaufsleistung des Jahres“ an der Wand – werden ab und zu angeschaut, es wird ab und zu darauf verwiesen. Handy des Chefs auf dem Tisch bei der Sekretärin – wird als Zeichen des höheren Status, der Wichtigkeit wahrgenommen. Eine Tafel mit „unseren 10 aktuellen kleinen Schritten zum Erfolg“ und eine mit „unseren 10 herzlichen Dankeschöns“ an der Wand. Kopien befinden sich im Intranet. Tabus ▼ Rauchen. Über einen bestimmten Vorstand positiv sprechen (der mittlerweile nicht mehr im Unternehmen ist …). Unfreundlich zur Sekretärin sein.

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References

Zusammenfassung

Führung durch Rituale – Rituale motivieren Menschen.

Besser Führen durch Rituale

Als internationale Top-Management-Trainerin kennt die Autorin die Erfolgsgeheimnisse wirksamen Leaderships. Sie beweist in ihrem Buch, dass die kognitive Dimension für die heutigen anspruchsvollen Führungsaufgaben nicht mehr ausreichend ist. Entscheidend sind vielmehr positive Stimmungen und Empfindungen, die Führungskräfte in authentische Rituale vorleben. Sie reduzieren Komplexität, geben Halt und Struktur, erleichtern Wandel und Übergänge, entschärfen schwierige Situationen und wandeln negative Stimmungen in positive um. In diesen dynamischen Zeiten sind sie wichtiger als je zuvor, denn Rituale schaffen Vertrauen, Sicherheit, Orientierung und Zuversicht.

Führung braucht Rituale: Neu in der 2. Auflage

* Rituale in internationalen Unternehmen

* Neue Rituale im Kontext der Globalisierung

* Neubewertung von Ritualen in Netzwerken

Hohes Renommee

genießt die Autorin Dorothee Echter. Die studierte Soziologin war zunächst über 20 Jahre selbst im gehobenen Management von vier internationalen Unternehmen tätig, bis sie ihr eigenes Consultingunternehmen gründete.