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IV. Liquiditätsplanung in:

Louis Perridon, Manfred Steiner, Andreas W. Rathgeber

Finanzwirtschaft der Unternehmung, page 705 - 709

16. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-3991-5, ISBN online: 978-3-8006-4900-6, https://doi.org/10.15358/9783800649006_705

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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F. Finanzplanung694 IV. Liquiditätsplanung Zur Gewährleistung der Liquidität im Sinne der jederzeitigen Zahlungsfähigkeit müsste eine Liquiditätsplanung alle zukünftigen Ein- und Auszahlungen tagesgenau enthalten. Eine solche Planung ist jedoch meist nur sehr kurzfristig, in der Regel sogar nur für wenige Tage möglich. Der tägliche Liquiditätsstatus, der der Ermittlung der aktuellen Zahlungskraft dient, kann sich, soweit eine tagfertige Buchhaltung vorliegt, auf Ist- Größen stützen. Die tagesgenaue Liquiditätsvorschaurechnung baut dagegen bereits auf Prognosedaten auf. In der Praxis werden für die tagesgenaue Liquiditätsdisposition nur Zahlungsbewegungen von erheblicher Bedeutung erfasst. Für eine Liquiditätsplanung auf mittlere Sicht wird als Planungseinheit nicht der Tag, sondern die Woche oder der Monat gewählt (vgl. wiederum Abbildung F 4). Bei dieser Finanzplanung im engeren Sinne ist die Liquidität nur durchschnittlich für die Planungseinheit gewährleistet. Die Planung kann wie beim täglichen Liquiditätsstatus auf Einzahlungen und Auszahlungen oder aber auch auf der Basis von Einnahmen und Ausgaben beruhen. Die Grundstruktur des Finanzplans hat folgende Gestalt: Die in der Literatur vorgeschlagenen Finanzpläne unterscheiden sich im wesentlichen nach Art der Aufgliederung der Ein- und Auszahlungen. Eine häufig vorgenommene Trennung stellt die Aufteilung der Zahlungsbewegungen in ordentliche und außerordentliche dar. Ordentliche Zahlungsvorgänge resultieren aus dem Umsatzprozess, soweit er auf die Betriebstätigkeit zurückzuführen ist. Außerordentliche Zahlungen treten im Zusammenhang mit der Investitionstätigkeit und ihrer Finanzierung auf.24 Die Trennung der Zahlungsbewegungen in ordentliche und außerordentliche kann sogar zu einer Aufspaltung des Finanzplans in einen ordentlichen und einen außerordentlichen Plan führen. Der außerordentliche Finanzplan erfasst den Geldbedarf für Investitionszwecke und seine Abdeckung.25 Eine Gliederung, die mehr auf die Anbindung der Finanzplanung an die Finanzbuchhaltung abstellt, ist die Trennung in erfolgswirksame bzw. erfolgsunwirksame Ein- und Auszahlungen.26 Eine tiefere Untergliederung kann dann nach Art der Aus- bzw. Einzahlungen (Materialbeschaffung, Lohnzahlungen usw.) erfolgen. 24 Vgl. Mellerowicz, Planung und Plankostenrechnung, 1970, S. 530 ff.; Vieweg, Finanzplanung, 1971, S.31 ff. 25 Vgl. Sellien, Finanzierung und Finanzplanung, 1964, S.147 ff. 26 Vgl. Chmielewicz, Finanz- und Erfolgsplanung, 1972, S. 9 ff.; ders., Betriebliche Finanzwirtschaft I, 1976, S.31 ff. Abb. F 23: Grundstruktur des Finanzplans IV. Liquiditätsplanung 695 Auch eine Aufgliederung nach Abteilungen, Projekten oder Produkten ist möglich. Die Wahl der jeweiligen Gliederung des Finanzplans hängt wesentlich von den betriebsspezifischen Gegebenheiten ab. Die Gliederung nach Funktionsbereichen der Unternehmung bzw. nach Abteilungen bezeichnet man auch als Finanzstellenrechnung.27 Die Finanzstellenrechnung ist vor allem in Verbindung mit der Standardplanung geeignet, Vorgabewerte (Finanzbudgets) für die mittlere Führungsebene zu ermitteln. In Abbildung F 24 ist ein Finanzplan wiedergegeben, der eine Trennung der Zahlungen nach ihrer Herkunft aus dem laufenden Geschäft (ordentlicher Umsatzprozess), aus Investitions- und Desinvestitionsvorgängen sowie im Rahmen des Finanzverkehrs vornimmt.28 Die Über- oder Unterdeckung der Planperiode an liquiden Mitteln wird zunächst anhand der bereits festgelegten Zahlungsvorgänge ermittelt. Anschließend können die erforderlichen Ausgleichs- und Anpassungsmaßnahmen, wie Geldbeschaffung im Fall der Unterdeckung oder Geldanlage im Fall der Überdeckung, berücksichtigt und der Finanzplan auf den gewünschten Zahlungsmittelbestand am Periodenende hin ausgeglichen werden. 27 Vgl. Lücke, Finanzplanung, 1965, S. 55 f. 28 Vgl. auch die Gliederung bei Witte, Finanzplanung, 1983, S. 49 ff. Monate Jan. Febr. März April … I. Auszahlungen 1. Auszahlungen für laufende Geschäfte 1.1. Gehälter 1.2. Löhne 1.3. Rohstoffe 1.4. Hilfsstoffe 1.5. Betriebsstoffe 1.6. Frachten 1.7. Steuern und Abgaben 1.8. … 2. Auszahlungen für Investitionszwecke 2.1. Sachinvestitionen Ankäufe Vorauszahlungen Restzahlungen 2.2. Finanzinvestitionen 3. Auszahlungen im Rahmen des Finanzverkehrs (soweit bereits festgelegt) 3.1. Kredittilgung 3.2. Akzepteinlösung 3.3. Eigenkapitalminderungen (z.B. Privatentnahmen) F. Finanzplanung696 Die Planung der Zahlungsvorgänge kann direkt aus den übrigen betrieblichen Teilplänen, speziell aus dem Produktions- und Absatzplan erfolgen. Es ist jedoch auch eine Anbindung an die Erfolgsrechnung möglich, indem eine Korrektur der Aufwendungen und Erträge um nicht zahlungswirksame Vorgänge erfolgt bzw. eine Ergänzung um Zahlungsvorgänge vorgenommen wird, die nicht zu Aufwendungen und Erträgen führen. Für die Planung der Einzahlungen bietet sich in beiden Fällen als Planungshilfsmittel die Ermittlung von Verweilzeitverteilungen an. Eine Verweilzeitverteilung gibt an, welche Verweildauer ein bestimmtes Element A aufweist, bis es sich in ein Element B umgewandelt hat. So etwa im Rahmen der Finanzplanung, speziell wie lange Umsatzforderungen im Forderungsbestand verbleiben, bis Abb. F 24: Liquiditätsplan, hier Finanzplan i. e. S. Monate Jan. Febr. März April … II. Einzahlungen 1. Einzahlungen aus ordentlichen Umsätzen 1.1. Barverkäufe 1.2. Begleichung von Forderungen aus Lieferungen und Leistungen 2. Einzahlungen aus Desinvestitionen (soweit bereits festgelegt) 2.1. Anlageverkäufe (außerordentliche Umsätze) 2.2. Auflösung von Finanzinvestitionen 3. Einzahlungen aus Finanzerträgen 3.1. Zinserträge 3.2. Beteiligungserträge III. Ermittlung der Über- und Unterdeckung durch II ./. I + Zahlungsmittelbestand der Vorperiode IV. Ausgleichs- und Anpassungsmaßnahmen 1. Bei Unterdeckung (Einzahlungen) 1.1. Kreditaufnahme 1.2. Eigenkapitalerhöhung 1.3. Rückführung gewährter Darlehen 1.4. zusätzliche Desinvestitionen 2. Bei Überdeckung (Auszahlungen) 2.1. Kreditrückführung 2.2. Anlage in liquiden Mitteln V. Zahlungsmittelbestand am Periodenende nach Berücksichtigung der Ausgleichs- und Anpassungsmaßnahmen IV. Liquiditätsplanung 697 sie zu einer Einzahlung führen. Neben dem Übergang von Forderungen zu Einzahlungen existieren noch weitere für die Finanzplanung bedeutsame Phasenfolgen. So etwa die Abfolge Kundenauftrag, Fertigungsauftrag, Forderung, Einzahlung. Ähnlich kann aus Kundenaufträgen auch eine Phasenfolge für die Auszahlungen bestimmt werden: Kundenauftrag, Lieferbestellung, Verbindlichkeit aus Lieferung und Leistung, Auszahlung. Neben der Kenntnis der Phasenfolgen ist für die Planung die Ermittlung der Übergangszeiträume erforderlich. Für den Übergang von Forderungen aus Umsatzerlösen in Einzahlungen kann das Liquiditätsspektrum folgendes Aussehen aufweisen (vgl. Abbildung F 25): Im vorliegenden Beispiel erfolgt eine hundertprozentige Umwandlung der Forderungen zu Einzahlungen (inneres Produkt des Vektors = 1). In der Praxis werden vielfach auch Forderungsausfälle auftreten, so dass der Gesamtprozentsatz der Umwandlungen etwas unter 100 % liegen wird. Prinzipiell kann die Verweilzeitverteilung als Anzahlverteilung oder als Betragsverteilung wiedergegeben werden. Bei der Anzahlverteilung, wie sie im vorstehenden Beispiel vorliegt, ist eine multiplikative Verknüpfung mit dem jeweiligen Forderungsbestand zur Ermittlung der Einzahlungen erforderlich. Als Einzahlungen für die nächste Periode (t + 1) ergeben sich somit: Et + 1 = 0,4 Ft + 0,2 Ft – 1 + 0,3 Ft – 2 + 0,1 Ft – 3. Auch Verknüpfungen von Verweilzeitverteilungen mehrerer hintereinander ablaufender Phasenfolgen sind möglich. Sind etwa die Übergänge von Aufträgen in Forderungen einerseits und von Forderungen in Einzahlungen andererseits bekannt, so kann daraus der Übergang von Aufträgen in Einzahlungen ermittelt werden.29 Der Übergang vom Anfangs- zum Folgeereignis kann sowohl deterministisch als auch stochastisch sein. So wird sich der Übergang von Kundenaufträgen zum Materialaufwand vielfach deterministisch ergeben, während der Übergang zu Kundenein- 29 Vgl. Pönninghaus, Betriebswirtschaftliche Multiplikatoren, 1967, S. 659 ff. Abb. F 25: Beispiel für ein Liquiditätsspektrum F. Finanzplanung698 zahlungen fast ausschließlich stochastisch ist. Für die Ermittlung der stochastischen Verweilzeitverteilungen ist es erforderlich, dass eine ausreichende Grundgesamtheit vorliegt. Bestehen etwa pro Periode nur wenige Forderungen, so kann sich entsprechend den Zufallsschwankungen das Liquidationsspektrum von Periode zu Periode erheblich verändern. Die Begleichung der Forderungen darf ferner auch nicht voneinander abhängig sein, wie es etwa der Fall ist, wenn Großkunden Rechnungen unterschiedlicher Perioden zur Bezahlung zusammenfassen. Darüber hinaus führt die Wahl der Planungsperiode (Woche, Monat) zur Bildung von Mittelwerten und damit zu einer Nivellierung der Verteilung. Die kausale Prognose mit Verweilzeitverteilungen ist nur möglich, wenn der Phasenübergang eine für die Finanzplanung ausreichende Zeitspanne in Anspruch nimmt. Bei Phasenübergängen, die sich innerhalb von wenigen Tagen vollziehen, ergibt sich ein sehr kurzfristiger Planungshorizont.30 Liegt eine sehr gleichmäßige Umsatzentwicklung vor, so kann eine Zeitreihenanalyse der Einzahlungen aus Umsatzerlösen eine ähnlich gute Prognosequalität aufweisen, wie sie mithilfe der Verweilzeitverteilungen zu erzielen ist. Die auf dem Umsatzprozess beruhenden Auszahlungen können ebenfalls kausal in Abhängigkeit von Auftragseingang oder vom Produktionsplan abgeleitet werden. Zusätzlich sind die Auszahlungen im Rahmen des Finanzverkehrs zu berücksichtigen, wobei für Tilgung und Zinszahlungen die Fälligkeitstermine als bekannt angenommen werden können. Die Auszahlungen im Rahmen des Investitionsplans ergeben sich aus den vertraglichen Absprachen über die Zahlungskonditionen. V. Integrierte Finanzplanung Bei den bisher behandelten Finanzplanungsansätzen wurden die Größen des Finanzplans aus dem Zahlenmaterial der Finanzbuchhaltung, ergänzt um die Ergebnisse bestimmter betrieblicher Teilpläne, wie speziell des Absatzplans und des Produktionsplans, abgeleitet. Der Finanzplan wurde dabei jedoch isoliert vom übrigen Rechnungswesen geführt. Im Rahmen einer integrierten Finanzplanung wird nun versucht, die Finanzrechnung stärker in die vorhandenen betrieblichen Rechnungssysteme mit einzubeziehen. Zum einen kann eine Integration in die Finanzbuchhaltung und damit eine rechnungstechnische Verbindung mit der Bilanz und der Erfolgsrechnung erfolgen (Chmielewicz), zum anderen eine Anbindung der Finanzrechnung an die Plankostenrechnung (Niebling).31 Bei der Integration der Finanzrechnung in die Finanzbuchhaltung wird bei Verbuchung der Geschäftsvorfälle jeweils auch ihre Liquiditätswirkung mit berücksichtigt. Ein solches Buchungssystem, das neben dem Ausweis der Bestände und des Erfolgs auch einen Liquiditätssaldo aufführt, ist bereits in der „funktionalen Kontorechnung“ von Thoms verwirklicht.32 Die funktionale Kontorechnung wurde zunächst jedoch primär 30 Vgl. Langen, Unternehmensplanung, 1971; Edin, Prognose mittels Verweilzeitverteilungen, 1968; Edin, Schmitt, Verweilzeitverteilungen, 1969. 31 Vgl. Chmielewicz, Finanz- und Erfolgsplanung, 1972; Niebling, Kurzfristige Finanzrechnung, 1973. 32 Vgl. Thoms, Buchen und Bilanzieren der funktionalen Kontorechnung, 1956; ders., Vorteile der funktionalen Kontorechnung, 1956.

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Zusammenfassung

"...gehört zu den etablierten Standardwerken für den gesamten Bereich der Investition und Finanzierung." boerse.de-MAGAZIN

Dieses Lehrbuch und Nachschlagewerk ist das Standardwerk für den gesamten Bereich der Investition und Finanzierung nach deutschem Recht. Neben den wichtigen Methoden der klassischen Finanz- und Investitionstheorie werden auch neue Finanzinstrumente und Erkenntnisse im Bereich der Kapitalmärkte erläutert, sodass dem Leser ein fundierter Überblick über den aktuellsten Stand der Forschung ermöglicht wird.

Aus dem Inhalt

- Management der Vermögensstruktur - Investitionsrechnung und Disposition des Umlaufvermögens

- Wertpapiergeschäfte - Analyse von Aktien und Aktienindizes sowie Wertpapierprogrammentscheidungen und Risikomanagement mit Termingeschäften

- Alternativen der Kapitalaufbringung - Finanzierungsformen, Kapitalstruktur und Verschuldungspolitik

- Finanzanalyse - Kennzahlenanalyse und Kapitalflussrechnung

- Finanzplanung - Kapitalbedarf- und Liquiditätsplanung, Plananpassung und Kontrolle

Die Autoren

Dr. Dr. h.c. Louis Perridon und Dr. Manfred Steiner waren bis zu ihrer Emeritierung Professoren für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Augsburg. Dr. Andreas Rathgeber ist Professor am Institut Materials Resource Management und am Kernkompetenzzentrum Finanz- und Informationsmanagement an der Universität Augsburg.