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2. Standardfinanzplanung in:

Louis Perridon, Manfred Steiner, Andreas W. Rathgeber

Finanzwirtschaft der Unternehmung, page 702 - 705

16. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-3991-5, ISBN online: 978-3-8006-4900-6, https://doi.org/10.15358/9783800649006_702

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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III. Kapitalbedarfsplanung 691 Die Prognose knüpft an der gewünschten und absatzpolitisch als sinnvoll erachteten Ausbringung an. Daraus kann die durchschnittliche Tagesproduktion ermittelt werden, aus der sich die erforderliche Kapazität an Maschinen und maschinellen Anlagen ergibt. Die Art des Fertigungsverfahrens und die Kapazität bedingen die räumliche Ausstattung. Für das Umlaufvermögen ist die Kapitalbindungsdauer zu ermitteln. Diese ergibt sich aus der Rohstofflagerdauer, der Produktionsdauer, der Lagerdauer für Fertigprodukte und dem Debitorenziel (vgl. Abbildung F 20). Das Lieferantenziel kann bei der Kapitalbindung für Werkstoffe abgesetzt werden. Der Einsatz für den Fertigungslohn erstreckt sich nur auf den Zeitraum ab Produktionsbeginn. Aus dem täglichen durchschnittlichen Aufwand für Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe sowie für Fertigungslöhne und Gemeinkosten, soweit sie zu Zahlungen führen, multipliziert mit der jeweiligen Bindungsdauer, ergibt sich der Kapitalbedarf, bezogen auf das Ende des Betrachtungszeitraumes. Diese Zusammenhänge werden im Beispiel der Abbildung F 21 veranschaulicht. Es handelt sich hierbei um eine reine Kapitalbedarfsermittlung, die nicht an der Zahlungsebene anknüpft und somit keine Liquiditätsplanung darstellt. In den Kapitalbedarf ist daher auch ein gewisser Kassenmindestbestand zur Liquiditätssicherung mit einzubeziehen. 2. Standardfinanzplanung Die Standardfinanzplanung ist eine Vorgaberechnung, die ihren Niederschlag in den Budgetierungsansätzen findet. Es wird primär nicht auf eine Voraussage abgestellt, sondern ein als wünschenswert erachteter Sollzustand vorgegeben. Die Vorgaben sollen der mittleren Führungsebene als Ziel und Maßstab ihres Handelns dienen. Daher Abb. F 20: Kapitalbindung im Umlaufvermögen F. Finanzplanung692 erfolgt der Ansatz der Planwerte primär unter dem Gesichtspunkt des Leistungsanreizes. Die Planung der Verbrauchswerte und der Erlöse basiert weitgehend auf der Standardplankostenrechnung und erfolgt unter Optimalitätsgesichtspunkten. Wie verhaltenswissenschaftliche Untersuchungen gezeigt haben, gehen von Vorgaben, die nur unter größeren Anstrengungen zu erreichen sind, höhere Leistungsanreize aus als von Richtwerten mit geringem Anforderungsniveau.22 Der Ansatz von Optimalwerten kann dazu führen, dass der Planerfolg gegenüber dem tatsächlich zu realisierenden Ist-Erfolg zu hoch angesetzt wird. Diese Fehleinschätzung des Erfolgssaldos kann nach Ansicht von Chmielewicz zu einer Gefährdung der Liquidität führen. Ein Standardfinanzplan ist daher seiner Ansicht nach wegen der ihm immanenten Liquiditätsgefahren abzulehnen.23 Das Gefährdungselement tritt jedoch nur dann auf, wenn eine Unternehmung sich im Rahmen der Finanzplanung allein und ausschließlich auf eine Standardplanung stützt. Die Standardfinanzplanung ist von ihrem Zweck und von ihrer Ausrichtung her als längerfristiges Planungsinstrument nicht zur Liquiditätssicherung gedacht. Auch eine Prognoseplanung in Form einer langfristigen Kapitalbedarfs- und Kapitalbindungsplanung kann die Liquidität nicht gewährleisten. Beide Finanzplanungsarten bedürfen daher der Ergänzung durch eine kurzfristige Liquiditätsplanung, die auf eine vorsichtige, möglichst genaue Erfassung der Zahlungsströme ausgerichtet ist. Aufgabe der Standardfinanzplanung ist zum einen, eine explizite Formulierung der finanzwirtschaftlichen Unternehmenspolitik zu erreichen, und zum anderen, als Lenkungs- und Steuerungsinstrument für die mittlere Führungsebene zu dienen. Als Planungshilfen zur Standardfinanzplanung sind Kennzahlensysteme sowohl logisch-deduktiver als auch empirisch-induktiver Art geeignet (vgl. hierzu Abschnitt E II). 22 Vgl. Macharzina, Planungs- und Kontrollrechnungen, 1976; Steiner, Lernforschung in der Unternehmensrechnung, 1975; ders., Berücksichtigung personaler und sozialer Aspekte, 1977. 23 Vgl. Chmielewicz, Betriebliche Finanzwirtschaft I, 1982, S. 114 ff. Abb. F 21: Beispielrechnung für eine Kapitalbedarfsprognose im Gründungsfall III. Kapitalbedarfsplanung 693 So kann etwa das Du-Pont-Kennzahlensystem dazu verwendet werden, die erfolgswirtschaftlichen und finanzwirtschaftlichen Konsequenzen einer Steigerung des ROI (Return on Investment) abzuleiten. Das investierte Kapital kann dabei sowohl nach dem Gesichtspunkt der Kapitalherkunft als auch nach der Kapitalbindung in Vermögensteilen aufgegliedert werden. Die auf diese Weise ermittelten absoluten und relativen Kennzahlen, aufgespalten auf organisatorische Teileinheiten der Unternehmung, können dann als Vorgabewerte dienen. Empirisch ermittelte Kennzahlensysteme und -werte stellen eine Orientierungshilfe zur Ermittlung des als wünschenswert anzustrebenden Sollzustandes dar. Die Deckung des im Rahmen der langfristigen Prognose- oder Standardplanung ermittelten Kapitalbedarfs kann in einem langfristigen Finanzplan dargelegt werden. Der langfristige Finanzplan zerfällt in den Kapitalbedarfsplan, der sich aus den vorgesehenen kapitalbindenden und kapitalentziehenden Maßnahmen ergibt, sowie in den Kapitaldeckungsplan, der die ausgleichenden Kapitaldispositionen enthält (vgl. Abbildung F 22). Die kapitalbindenden Maßnahmen können entsprechend der Detailliertheit der Investitionsplanung spezifiziert werden. Abb. F 22: Kapitalbedarfs- und Kapitaldeckungsplan F. Finanzplanung694 IV. Liquiditätsplanung Zur Gewährleistung der Liquidität im Sinne der jederzeitigen Zahlungsfähigkeit müsste eine Liquiditätsplanung alle zukünftigen Ein- und Auszahlungen tagesgenau enthalten. Eine solche Planung ist jedoch meist nur sehr kurzfristig, in der Regel sogar nur für wenige Tage möglich. Der tägliche Liquiditätsstatus, der der Ermittlung der aktuellen Zahlungskraft dient, kann sich, soweit eine tagfertige Buchhaltung vorliegt, auf Ist- Größen stützen. Die tagesgenaue Liquiditätsvorschaurechnung baut dagegen bereits auf Prognosedaten auf. In der Praxis werden für die tagesgenaue Liquiditätsdisposition nur Zahlungsbewegungen von erheblicher Bedeutung erfasst. Für eine Liquiditätsplanung auf mittlere Sicht wird als Planungseinheit nicht der Tag, sondern die Woche oder der Monat gewählt (vgl. wiederum Abbildung F 4). Bei dieser Finanzplanung im engeren Sinne ist die Liquidität nur durchschnittlich für die Planungseinheit gewährleistet. Die Planung kann wie beim täglichen Liquiditätsstatus auf Einzahlungen und Auszahlungen oder aber auch auf der Basis von Einnahmen und Ausgaben beruhen. Die Grundstruktur des Finanzplans hat folgende Gestalt: Die in der Literatur vorgeschlagenen Finanzpläne unterscheiden sich im wesentlichen nach Art der Aufgliederung der Ein- und Auszahlungen. Eine häufig vorgenommene Trennung stellt die Aufteilung der Zahlungsbewegungen in ordentliche und außerordentliche dar. Ordentliche Zahlungsvorgänge resultieren aus dem Umsatzprozess, soweit er auf die Betriebstätigkeit zurückzuführen ist. Außerordentliche Zahlungen treten im Zusammenhang mit der Investitionstätigkeit und ihrer Finanzierung auf.24 Die Trennung der Zahlungsbewegungen in ordentliche und außerordentliche kann sogar zu einer Aufspaltung des Finanzplans in einen ordentlichen und einen außerordentlichen Plan führen. Der außerordentliche Finanzplan erfasst den Geldbedarf für Investitionszwecke und seine Abdeckung.25 Eine Gliederung, die mehr auf die Anbindung der Finanzplanung an die Finanzbuchhaltung abstellt, ist die Trennung in erfolgswirksame bzw. erfolgsunwirksame Ein- und Auszahlungen.26 Eine tiefere Untergliederung kann dann nach Art der Aus- bzw. Einzahlungen (Materialbeschaffung, Lohnzahlungen usw.) erfolgen. 24 Vgl. Mellerowicz, Planung und Plankostenrechnung, 1970, S. 530 ff.; Vieweg, Finanzplanung, 1971, S.31 ff. 25 Vgl. Sellien, Finanzierung und Finanzplanung, 1964, S.147 ff. 26 Vgl. Chmielewicz, Finanz- und Erfolgsplanung, 1972, S. 9 ff.; ders., Betriebliche Finanzwirtschaft I, 1976, S.31 ff. Abb. F 23: Grundstruktur des Finanzplans

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Zusammenfassung

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Dieses Lehrbuch und Nachschlagewerk ist das Standardwerk für den gesamten Bereich der Investition und Finanzierung nach deutschem Recht. Neben den wichtigen Methoden der klassischen Finanz- und Investitionstheorie werden auch neue Finanzinstrumente und Erkenntnisse im Bereich der Kapitalmärkte erläutert, sodass dem Leser ein fundierter Überblick über den aktuellsten Stand der Forschung ermöglicht wird.

Aus dem Inhalt

- Management der Vermögensstruktur - Investitionsrechnung und Disposition des Umlaufvermögens

- Wertpapiergeschäfte - Analyse von Aktien und Aktienindizes sowie Wertpapierprogrammentscheidungen und Risikomanagement mit Termingeschäften

- Alternativen der Kapitalaufbringung - Finanzierungsformen, Kapitalstruktur und Verschuldungspolitik

- Finanzanalyse - Kennzahlenanalyse und Kapitalflussrechnung

- Finanzplanung - Kapitalbedarf- und Liquiditätsplanung, Plananpassung und Kontrolle

Die Autoren

Dr. Dr. h.c. Louis Perridon und Dr. Manfred Steiner waren bis zu ihrer Emeritierung Professoren für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Augsburg. Dr. Andreas Rathgeber ist Professor am Institut Materials Resource Management und am Kernkompetenzzentrum Finanz- und Informationsmanagement an der Universität Augsburg.