Content

1. Abgrenzung der neoinstitutionalistischen Ansätze in:

Louis Perridon, Manfred Steiner, Andreas W. Rathgeber

Finanzwirtschaft der Unternehmung, page 583 - 585

16. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-3991-5, ISBN online: 978-3-8006-4900-6, https://doi.org/10.15358/9783800649006_583

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

Bibliographic information
V. Die neoinstitutionalistische Betrachtung der  Finanzierungsbeziehung 569 18.Welchen Beitrag liefert das WAT zur Bewertung der Unternehmensdiversifikation? 19.Erläutern Sie die Grundidee der Bestimmung von Kapitalkosten bei Unsicherheit mithilfe von Optionspreismodellen. V. Die neoinstitutionalistische Betrachtung der  Finanzierungsbeziehung 1. Abgrenzung der neoinstitutionalistischen Ansätze Die neoklassische Finanzierungstheorie erbringt unter sehr rigiden Prämissen wertvolle Aussagen zu wesentlichen Bereichen von Investition und Finanzierung. Gerade diese strengen Annahmen begrenzen jedoch gleichzeitig ihre Leistungsfähigkeit. Unter den Bedingungen eines vollkommenen Marktes und vollständiger, kostenloser Informationen aller Marktteilnehmer ist es möglich, die Betrachtung ausschließlich auf die Aspekte Rendite und (leistungswirtschaftliches) Risiko zu reduzieren und so jede Anlage hinreichend zu charakterisieren. Finanzierung erschöpft sich damit in der Aufteilung der Investitionserträge; sie ist reine Partenteilung und hat selbst keinen Einfluss auf das Investitionsergebnis.130 Aufgrund dieser Reduzierung lässt die neoklassische Finanzierungstheorie zwei Fragen unbeantwortet:131 1. Warum existieren in der Realität finanzielle Institutionen, wie Banken, Versicherungen und Börsen? In der neoklassischen Finanzierungstheorie sind grundsätzlich keine Institutionen vorgesehen, da alle Verträge direkt über den Markt abgeschlossen werden können. 2. Warum gibt es eine Vielfalt von Finanzierungsinstrumenten? Gilt die Theorie von Modigliani-Miller und ist damit die Kapitalstruktur irrelevant für den Unternehmenswert, so wäre die in der „Realität anzutreffende Vielfalt von Finanzierungsformen nur ein Ergebnis von Zufall und Willkür“.132 Diese Lücken zu schließen, ist das Ziel der neoinstitutionalistischen Finanzierungstheorie. Unter Aufgabe der Prämissen des vollkommenen Marktes, d.h. unter Berücksichtigung von Märkten, etwa mit Transaktionskosten, Interessendivergenz und Informationsasymmetrie, analysiert sie Institutionen und Finanzierungstitel nicht mehr allein unter dem Gesichtspunkt der Transformation gegebener Risiken, sondern auch hinsichtlich der Verhaltensanreize, die sie für die Unternehmensführung erzeugen und den Schutzvorkehrungen, die sie für die von Reichtumsverschiebungen bedrohten Kapitalgeber bieten.133 Hier liegt ebenfalls der Unterschied zur traditionellen Finanzie- 130 Vgl. Schmidt, Investitions- und Finanzierungstheorie, 1997, S. 193 ff. 131 Vgl. Schmidt, Ein neo-institutionalistischer Ansatz der Finanzierungstheorie, 1981, S. 136. 132 Vgl. Hax, Hartmann-Wendels, von Hinten, Moderne Entwicklung der Finanzierungstheorie, 1988, S.705. 133 Vgl. Hax, Hartmann-Wendels, von Hinten, Moderne Entwicklung der Finanzierungstheorie, 1988, S.705. D. Alternativen der Kapitalaufbringung570 rungslehre, die sich zwar ausführlich mit der Beschreibung von Erscheinungsformen in der Finanzierungssphäre und deren Einsatzmöglichkeiten befasst, jedoch keine Aussagen darüber macht, warum es diese verschiedenen Formen gibt. In Abbildung D 50 ist eine Einordnung der neoinstitutionalistischen Ansätze vorgenommen. Grundlage aller neoinstitutionalistischen Ansätze sind Austauschbeziehungen zwischen zwei oder mehreren Parteien. Die Ansätze lassen sich unterteilen in einen Anreizzweig und einen Transaktionskosten-Ansatz. Im Mittelpunkt des Transaktionskosten- Ansatzes steht der Vergleich zwischen Kosten, die durch Austauschbeziehungen am Markt entstehen und Kosten, die infolge von Austauschbeziehungen innerhalb einer Institution (Unternehmung) anfallen.135 Je nach Spezifität und Häufigkeit einer Transaktion ist es kostengünstiger, die Transaktion über den Markt bzw. innerhalb eines Unternehmens abzuwickeln. Als Transaktionskosten gelten hierbei Anbahnungs-, Vereinbarungs-, Kontroll- und Anpassungskosten.136 Ausgangspunkt des Anreizzweiges ist die Trennung von Eigentum und Entscheidungsmacht, z.B. die Trennung von Eigentümer und Manager eines Unternehmens. Es wird untergliedert in die Property Rights-Theorie und die Agency-Theorie. Im Rahmen der Property Rights-Theorie (Theorie der Eigentumsrechte) werden die Auswirkungen rechtlicher und institutioneller Regelungen auf das Verhalten der Wirtschaftssubjekte analysiert. Die Effizienz der Institutionen soll dadurch erreicht werden, dass Property Rights (Handlungs-, Vermögens- und Verfügungsrechte) definiert und transferiert werden können.137 Hierdurch werden Märkte geschaffen, über die bislang externe Effekte internalisiert werden. 134 Vgl. Williamson, The Economic Institutions of Capitalism, 1985, S. 23 ff. 135 Vgl. Picot, Transaktionskostenansatz in der Organisationstheorie, 1982, S. 267 ff. 136 Vgl. Picot, Transaktionskostenansatz in der Organisationstheorie, 1982, S. 270. 137 Vgl. Fischer, Der Property Rights-Ansatz, 1994, S. 316 ff. Abb. D 50: Die neoinstitutionalistischen Ansätze134 V. Die neoinstitutionalistische Betrachtung der  Finanzierungsbeziehung 571 Bei der Agency-Theorie geht es um die Delegation von Verfügungsrechten im Rahmen von Auftragsbeziehungen. In einer Prinzipal-Agent-Beziehung engagiert eine Person oder eine Personengruppe (Auftraggeber-Prinzipal) eine andere Person oder Personengruppe (Manager-Agent), damit diese im Interesse des Prinzipals Leistungen erbringt.138 Dabei wird bei der Agency-Theorie davon ausgegangen, dass der Agent seinen eigenen Nutzen maximiert, was nicht zwangsläufig im Sinne des Prinzipals ist. Ziel der Agency- Theorie ist die Analyse von Verträgen und Finanzierungsbeziehungen in der Hinsicht, dass die Interessenlage von Prinzipal und Agent untersucht wird. Im Rahmen der finanziellen Agency-Theorie werden die Finanzierungspolitik und damit sämtliche Kapitalstrukturmaßnahmen in Bezug auf Anreizbeziehungen zwischen Kapitalgeber und Kapitalnehmer analysiert. Problemquellen sind dabei sowohl die jeweiligen Kooperationen zwischen den Eigen- oder Fremdkapitalgebern auf der einen Seite und den Managern auf der anderen Seite, als auch die Beziehung der verschiedenen Kapitalgeber untereinander.139 In den folgenden Überlegungen steht die Agency-Theorie im Fokus. 2. Agency-Theorie und Finanzierungsbeziehungen Grundlage aller agency-theoretischen Modelle ist, dass es einen Interessenskonflikt und eine asymmetrische Informationsverteilung über Qualitätsmerkmale zwischen Agent und Prinzipal gibt und die Beschaffung von Informationen Kosten verursacht. Anderenfalls würden die herkömmlichen Ansätze der Neoklassik zur Problemlösung ausreichen. In der Literatur werden je nachdem, ob Informationen oder Aktionsmöglichkeiten teilweise im Verborgenen liegen, zwei unterschiedliche Ausprägungen der Informationsasymmetrie140 unterschieden: Hidden Information und Hidden Action. Diese beiden Effekte lassen sich auch ex post nicht beurteilen. Aber auch ex ante kann es Informationsasymmetrien geben, wie bspw. die Hold up-Gefahr. Darunter versteht man das Problem, dass der Prinzipal auch ex ante die Absichten des Agenten nicht einschätzen kann. Die folgende Abbildung D 51 gibt einen detaillierten Überblick über die zeitliche Struktur verschiedener Ausprägungen der Informationsasymmetrie wieder. a) Asymmetrische Informationsverteilung vor Vertragsabschluss Im Fall der „Hidden Information“ hat der Agent Informationen über Qualitätsmerkmale, die der Prinzipal nicht besitzt. Die Informationen können sich dabei z. B. auf die Managementfähigkeit des Agenten beziehen bzw. die laufenden Geschäfte eines Unternehmens betreffen. So kennt der Agent aufgrund seiner Insiderstellung in der Regel das Marktpotenzial, die anstehenden Innovationen und die Konkurrenzsituation besser als der Prinzipal und kann daher sehr viel besser die Höhe und Verteilung der zukünftigen Zahlungsüberschüsse und damit den wahren Unternehmenswert abschätzen. Im Falle der „Hidden Information“ wird regelmäßig davon ausgegangen, dass der Agent zwar nicht die Ausprägung der Qualitätsmerkmale ändern kann, aber für die Beurteilung seiner Leistung bzw. eines Unternehmens sind diese möglicherweise von Bedeutung. Für den Prinzipal besteht die Gefahr, dass der Agent die wirkliche Situation vor Vertragsabschluss verschleiert, um seinen eigenen Nutzen zu erhöhen. Dies kann 138 Vgl. Jensen, Meckling, Theory of the Firm, 1976, S.305 ff. 139 Vgl. Decker, Eine Prinzipal-Agent-theoretische Betrachtung, 1994, S. 11. 140 Vgl. Arrow, The Economics of Agency, 1985, S. 38.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

"...gehört zu den etablierten Standardwerken für den gesamten Bereich der Investition und Finanzierung." boerse.de-MAGAZIN

Dieses Lehrbuch und Nachschlagewerk ist das Standardwerk für den gesamten Bereich der Investition und Finanzierung nach deutschem Recht. Neben den wichtigen Methoden der klassischen Finanz- und Investitionstheorie werden auch neue Finanzinstrumente und Erkenntnisse im Bereich der Kapitalmärkte erläutert, sodass dem Leser ein fundierter Überblick über den aktuellsten Stand der Forschung ermöglicht wird.

Aus dem Inhalt

- Management der Vermögensstruktur - Investitionsrechnung und Disposition des Umlaufvermögens

- Wertpapiergeschäfte - Analyse von Aktien und Aktienindizes sowie Wertpapierprogrammentscheidungen und Risikomanagement mit Termingeschäften

- Alternativen der Kapitalaufbringung - Finanzierungsformen, Kapitalstruktur und Verschuldungspolitik

- Finanzanalyse - Kennzahlenanalyse und Kapitalflussrechnung

- Finanzplanung - Kapitalbedarf- und Liquiditätsplanung, Plananpassung und Kontrolle

Die Autoren

Dr. Dr. h.c. Louis Perridon und Dr. Manfred Steiner waren bis zu ihrer Emeritierung Professoren für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Augsburg. Dr. Andreas Rathgeber ist Professor am Institut Materials Resource Management und am Kernkompetenzzentrum Finanz- und Informationsmanagement an der Universität Augsburg.