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2. Finanzwirtschaftliche Entscheidungskriterien in:

Louis Perridon, Manfred Steiner, Andreas W. Rathgeber

Finanzwirtschaft der Unternehmung, page 28 - 34

16. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-3991-5, ISBN online: 978-3-8006-4900-6, https://doi.org/10.15358/9783800649006_28

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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II. Finanzwirtschaft und Zielsetzung der  Unternehmung 11 2. Behavioristische Unternehmenstheorien 2.1. Verhaltensorientierte Unternehmungstheorien (Behavioral Theory of the Firm) 2.2. Konflikttheoretische Unternehmungsanalyse Bei den holistischen Betrachtungsweisen wird die Unternehmung letztendlich als Entscheidungseinheit gesehen. Die Theorien gehen daher i. d. R. davon aus, dass nur ein oder wenige Unternehmensziele existieren, die zudem quantifizierbar sind. Dabei wird eine maximale oder optimale Zielerreichung angenommen. Die behavioristischen Unternehmenstheorien gehen demgegenüber von Individualzielen der Organisationsteilnehmer aus, die sich im Zeitablauf verändern. Ferner wird angenommen, dass sich die Organisationsteilnehmer mit einer befriedigenden Zielerreichung begnügen, da maximale oder optimale Zielverwirklichung in der Realität meist nicht erreichbar und häufig auch nicht messbar ist. Die Finanzierungs- und Investitionstheorien beruhen überwiegend auf holistischen Unternehmungsauffassungen. Dies ist darauf zurückzuführen, dass diese Theorien Ergebnis eines wohl definierten Bündels von Annahmen und Folgerungen, eines geschlossenen Modells, sind und neben Erklärungsmodellen auch Entscheidungsmodelle anbieten. Die behavioristischen Ansätze konzentrieren sich dagegen auf Erklärungsmodelle. Im Bereich der Finanzwirtschaft finden sie vor allem Verwendung beim Budgetmanagement (Budgetfestsetzung und -kontrolle unter Berücksichtigung von Verhaltensreaktionen), bei der Beurteilung von Humaninvestitionen und bei der Analyse der Zielsetzungen von Fremd- und Eigenkapitalgebern. Die Theorien, die nur mit einem oder wenigen quantifizierbaren Zielen arbeiten, haben den Vorteil, dass sich hierbei konkrete Zielfunktionen formulieren lassen und damit mathematische Methoden zur Lösung von Entscheidungsproblemen verwendet werden können. Je spezieller die Zielgröße jeweils gewählt wird und je enger die Annahmen über die Zielvorschrift sind, umso leichter lassen sich programmierte Rechenverfahren einsetzen, desto weniger allgemein gültig werden aber auch die Aussagen. 2. Finanzwirtschaftliche Entscheidungskriterien Als eher traditionelle finanzwirtschaftliche Entscheidungskriterien werden Unabhängigkeit (Erhaltung der unternehmerischen Dispositionsfreiheit), Liquidität, Rentabilität und Sicherheit (Risiko einer Kapitalanlage) angesehen. Andere Zielsetzungen, wie Macht, Ruf, Marktanteil usw., wie sie insbesondere bei behavioristischer Betrachtungsweise Verwendung finden, bleiben außer Ansatz. Ein allgemeineres Zielkriterium, das derartige Zielsetzungen mitberücksichtigt, stellt die Nutzenmaximierung dar. Dieses bedarf jedoch für Entscheidungsmodelle wiederum der Operationalisierung. a) Unabhängigkeit Bei finanzwirtschaftlichen Entscheidungen, insbesondere im Bereich der Kapitalaufbringung, ist auf die Erhaltung der Dispositionsfreiheit und der Flexibilität des Unternehmens zu achten. Mit der Aufnahme zusätzlichen Kapitals werden neue Mitspracherechte geschaffen. Bei Beteiligungsfinanzierung (Aufnahme zusätzlichen Eigenkapitals) ergeben sich i. d. R. größere Mitspracherechte als bei Kreditfinanzierung. Je nach Marktmacht und Umfang der Kreditierung kann jedoch auch die Einflussnahme A. Grundlagen der Finanzwirtschaft der Unternehmung 12 von Gläubigern die finanzwirtschaftliche Dispositionsfreiheit eines Unternehmens erheblich einengen. Bei Kreditaufnahme müssen vielfach Sicherheiten in Form von Hypotheken, Sicherungsübereignungen, Verpfändungen usw. gestellt werden, die die unternehmerische Verfügungsgewalt einengen und die Möglichkeiten weiterer Kreditaufnahmen begrenzen. Das Kriterium der finanzwirtschaftlichen Flexibilität verlangt daher eine gewisse Begrenzung der Sicherheitsleistungen einer Unternehmung. Der Erhaltung der finanzwirtschaftlichen Dispositionsfreiheit und Unabhängigkeit kommt weniger der Charakter eines Maximierungsproblems als der einer Nebenbedingung zu. Aus dem Unabhängigkeitsstreben heraus kann sich ein Verzicht auf weitere Kapitalaufnahme und Unternehmenswachstum ergeben. b) Liquidität Liquidität wird in der Literatur mit verschiedenen Inhalten gefüllt. Im Wesentlichen werden mit dem Begriff Liquidität folgende Tatbestände belegt: 1. Liquidität als positiver Zahlungsmittelbestand, 2. Liquidität als Deckungsverhältnis von Vermögensobjekten zur Rückverwandlung in Geld (Liquidierbarkeit), 3. Liquidität als Deckungsverhältnis von Vermögensteilen zu Verbindlichkeiten (Liquiditätsgrade) und 4. Liquidität als Eigenschaft von Wirtschaftssubjekten, ihren Zahlungsverpflichtungen bei Aufforderung in jedem Zeitpunkt nachkommen zu können. Wenn die Liquidität mit dem Zahlungsmittelbestand gleichgesetzt wird, dann ist ihr Umfang eindeutig und ihre Messung unproblematisch. Die Definition der Liquidität als positiver Zahlungsmittelbestand ist als finanzwirtschaftliches Kriterium wenig aussagekräftig. Ein Unternehmen als liquide zu bezeichnen, wenn sein aktueller Zahlungsmittelbestand nicht negativ ist, ist unzureichend.6 Nicht die Höhe des aktuellen, sondern des potenziellen Zahlungsmittelbestands ist ausschlaggebend. Es kommt darauf an, ob die Zahlungskraft einer Unternehmung insgesamt ausreicht, die an sie gestellten fälligen Anforderungen zu erfüllen. Der Zahlungsmittelbestand umfasst nur einen Teil des disponierbaren Geldes. Diese Tatsache wird vom zweiten Liquiditätsbegriff (Liquidität als Eigenschaft von Vermögensobjekten) berücksichtigt. Für die Geldnähe von Vermögensobjekten sind zwei Aspekte bestimmend: 1. Der Zeitraum, in dem sich die in den einzelnen Vermögensposten gebundenen Zahlungsmittel im Rahmen des üblichen Unternehmensablaufes wieder verflüssigen (self-liquidating period), 2. die Möglichkeit, vor Ablauf der Wiedergeldwerdungszeit ein Vermögensobjekt vorzeitig zu liquidieren (shiftability).7 Bei der vorzeitigen Liquidierung von Vermögensteilen muss häufig ein Disagio in Kauf genommen werden, das ex ante mitunter nicht exakt bestimmt werden kann. 6 Vgl. z.B. Schneider, Wirtschaftlichkeitsrechnung, 1973, S. 141. 7 Vgl. Stützel, Liquidität, 1959. II. Finanzwirtschaft und Zielsetzung der  Unternehmung 13 Beim Liquiditätsbegriff, der sich auf das Deckungsverhältnis von kurzfristigen Vermögensteilen zu kurzfristigen Verbindlichkeiten stützt, wird die Liquidität als Beziehungsverhältnis gesehen. Je nachdem, welche Teile des kurzfristigen Vermögens mit einbezogen werden, können verschiedene Grade der Liquidität unterschieden werden (vgl. auch Abschnitt E I 3 c bb). Bereits in dieser Aussage zeigt sich, dass bei diesem Liquiditätsbegriff nicht an die jederzeitige Zahlungsfähigkeit der Unternehmung gedacht ist, da es hierbei kein „Mehr“ oder „Weniger“ an Zahlungsfähigkeit geben kann, sondern nur den Tatbestand zahlungsfähig oder nicht zahlungsfähig.8 Die Liquiditätsgrade beziehen sich auf gegenwärtige Bestände an Forderungen, Verbindlichkeiten, Zahlungsansprüchen, Zahlungsverpflichtungen und verflüssigungsfähigen Vermögensteilen und beziehen zukünftige Entwicklungen nicht mit ein. Für die Aufrechterhaltung der Zahlungsfähigkeit sind jedoch nicht Vergangenheitsbestände, sondern zukünftige Einzahlungen und Auszahlungen bestimmend. Liquiditätsgrade garantieren daher nicht die jederzeitige Zahlungsfähigkeit einer Unternehmung, sie stellen jedoch im Rahmen der Finanzanalyse wichtige Indikatoren dar. Der zahlungsorientierte Liquiditätsbegriff stellt auf die Eigenschaft von Wirtschaftssubjekten ab, ihren Zahlungsverpflichtungen zu jedem Zeitpunkt und uneingeschränkt nachkommen zu können. Liquide zu sein bedeutet im Sinne dieses Liquiditätsbegriffes also nicht, über einen hohen Bestand an Zahlungsmitteln zu verfügen. Zu einem Zeitpunkt, an dem keine Auszahlungen getätigt werden müssen, kann der Zahlungsmittelbestand sogar Null sein. Eine größere Zahlungskraft, als sie von den Zahlungsanforderungen her bedingt wird, ist unnötig und unter dem Rentabilitätsgesichtspunkt unwirtschaftlich. Reicht die Zahlungskraft nicht aus, die auftretenden Zahlungsanforderungen zu erfüllen, so liegt Illiquidität vor. Die Angabe der Zahlungsfähigkeit der Unternehmung kann nicht in Begriffskategorien wie „mehr“ oder „weniger“, „über“ oder „unter“ erfolgen. Sie verlangt eine klare Feststellung durch ein „ja“ oder „nein“ bzw. „erfüllt“ oder „nicht erfüllt“.9 Die Aufrechterhaltung ausreichender Liquidität stellt deshalb kein Optimierungsproblem dar, sondern ein Deckungsproblem. Sie ist als strenge Nebenbedingung des Rentabilitätsstrebens anzusehen, da ihre Nichterfüllung zum Ausscheiden der Unternehmung aus dem Wirtschaftsprozess führt.10 Die Erhaltung der Liquidität ist Voraussetzung für das Rentabilitätsstreben. Umgekehrt führt Rentabilität nicht automatisch zu gesicherten Liquiditätsverhältnissen. Eine rentable Unternehmung muss bei Illiquidität zugrunde gehen, jedoch kann ein vorübergehend unrentables Unternehmen liquide bleiben. Die Gegensätze zwischen Liquidität und Rentabilität rühren daher, dass die Liquidität ein Zeitpunktproblem darstellt, während sich die Rentabilität als Zeitraumproblem erweist. Für die Erfolgs- und damit Rentabilitätsbeurteilung ist es nicht entscheidend, wann Aufwendungen zu Auszahlungen und Erträge zu Einzahlungen werden. Für die Liquiditätsbetrachtung sind dagegen die effektiven Zahlungszeitpunkte bestimmend. Das zeitliche Auseinanderfallen der Zahlungszeitpunkte und der Zeitpunkte der Erfolgseinwirkung kann dazu führen, dass die Erfolgsbeurteilung und die Liquiditätsbeurteilung eines zur Entscheidung stehenden Projektes gegensätzlich ausfallen. Dies gilt insbesondere für Investitionen im Anlagevermögen, wo die Zeitpunkte der 8 Vgl. Witte, Liquiditätspolitik, 1963, S. 10. 9 Vgl. Witte, Liquiditätspolitik, 1963, S. 15. 10 Vgl. Stützel, Liquidität, 1959. A. Grundlagen der Finanzwirtschaft der Unternehmung 14 Auszahlungen besonders weit von den Aufwendungen (Abschreibungen) entfernt sein können. Die Liquiditätsbetrachtung stellt insofern eine wichtige Ergänzung der Rentabilitätsanalyse dar. c) Rentabilität Die Rentabilität einer finanzwirtschaftlichen Maßnahme ergibt sich aus ihrem Ergebnis (Gewinn, Jahresüberschuss, Zahlungsüberschuss u. a.) im Verhältnis zum eingesetzten Kapital. Je nachdem, was als Ergebnis und was als Kapitaleinsatz betrachtet wird, sind verschiedene Rentabilitäten zu unterscheiden (vgl. Abschnitt E I 4 a bb). Die Erzielung maximaler Rentabilität bedingt das Ziel Gewinnmaximierung. Konsequente Gewinnmaximierung bei jedem einzelnen Geschäft kann jedoch zur vorzeitigen Beendigung des Unternehmens führen. Langfristige Gewinn- oder Rentabilitätsmaximierung setzt die Vorgabe einer endlichen Lebensdauer, d. h. eines begrenzten Planungshorizonts, voraus. Beim finanzwirtschaftlichen Entscheidungskriterium Rentabilität ist daher jeweils zu konkretisieren, ob der Periodengewinn oder das Ergebnis am Ende des Gesamtplanungszeitraums (Totalperiode) maximiert werden soll. Zu unterscheiden sind in diesem Zusammenhang drei denkbare Zielsetzungen:11 1. Vermögensmaximierung Maximierung des Unternehmensvermögens am Ende des Handlungszeitraums (Totalperiode) bei gegebenem Einkommen (Entnahmen) 2. Entnahmemaximierung Maximierung der Periodenentnahmen während des Handlungszeitraums bei gegebenem Endvermögen 3. Wohlstandsmaximierung Erreichung eines Optimums von Entnahmen und gleichzeitigem Vermögenszuwachs (Kombination von Einkommensmaximierung und Vermögensmaximierung), wobei für eine eindeutige Lösung eine Austauschregel für die beiden Zielgrößen bestehen muss, d.h. welcher zukünftige Vermögenszuwachs einen heutigen bestimmten Einkommensverzicht rechtfertigt. Die Wohlstandsmaximierung ist nur bei personenbezogenen Unternehmungen (z. B. Einzelfirma) möglich, nicht dagegen bei firmenbezogenen Unternehmungen (z. B. Publikums-Aktiengesellschaften), da es bei letzteren keine alle Anteilseigner gleichzeitig befriedigende Aufteilung zwischen Ausschüttung und Einbehaltung gibt. Bei Unternehmungen, deren Geschäftsführung nicht in den Händen der Eigentümer liegt (firmenbezogene Unternehmungen), können neben die Vermögens- und Einkommensmaximierungsziele der Anteilseigner (Eigentümer) auch Ziele der Unternehmensleitung (firmeneigene Ziele) treten. Ein Machtstreben der Geschäftsleitung kann sich z.B. in einem übertriebenen Umsatzwachstum ohne Rücksicht auf die Ertragslage äußern. Die Zielsetzungen Marktanteil und Marktmacht können dann das Rentabilitätsziel überlagern. Die Rentabilität kann im Rahmen einer Finanzanalyse ex post ermittelt werden zur Beurteilung des Unternehmenserfolgs in den abgelaufenen Perioden. Bei zukunftsgerichteten finanzwirtschaftlichen Entscheidungen muss die Rentabilität aufgrund von 11 Vgl. Schneider, Investition, Finanzierung und Besteuerung, 1992, S. 65 ff. II. Finanzwirtschaft und Zielsetzung der  Unternehmung 15 Erwartungsgrößen berechnet werden. Bei der retrospektiven Rentabilitätsmessung stehen die Probleme der „richtigen“ Gewinnermittlung und der zeitlichen, dimensionsfähigen und wertmäßigen Übereinstimmung der Bezugsgrößen im Vordergrund. Eine exakte Rentabilitätsberechnung bei wechselndem Kapitaleinsatz ist nur mit dynamischen Investitionsrechenverfahren (vgl. Abschnitt B I 3) möglich. Für die Ermittlung der Eigen- und Gesamtkapitalrentabilität einer Unternehmung geht man jedoch meistens vom durchschnittlichen Kapitaleinsatz in der Periode aus. Bei der prospektiven Rentabilitätsmessung kommt das Problem der Fehleinschätzung zukünftiger Erträge hinzu. Die Ungewissheit bedingt die Einbeziehung des Sicherheitsstrebens als ergänzendes Entscheidungskriterium. d) Unsicherheit Als komplementäres Entscheidungskriterium zur Rentabilität ist das einer finanzwirtschaftlichen Maßnahme innewohnende Risiko zu sehen, das mit dem für Investoren grundsätzlich anzunehmende Sicherheitsstreben konfligiert. Dies gilt sowohl für die Kapitalanlage- als auch die Kapitalaufbringungsentscheidungen der Unternehmung. Bei Kapitalaufbringungsentscheidungen steht das Sicherheitsstreben einer zu hohen Verschuldung entgegen. Mit zunehmendem Verschuldungsgrad wächst das Leverage- Risiko, weil den fest vereinbarten Auszahlungen an Fremdkapitalgeber unsichere Einzahlungen aus der Unternehmenstätigkeit gegenüberstehen. Bei Kapitalanlageentscheidungen steht das Sicherheitsstreben unsicheren und schwankenden Rückflüssen aus der Investition entgegen. Das Auftreten bestimmter Erträge bzw. Rentabilitäten kann ex ante meist nur mit subjektiven Wahrscheinlichkeiten belegt werden. Mit steigender maximal erzielbarer Rentabilität nimmt meist auch das Kapitalverlustrisiko zu. Abbildung A 3 zeigt zwei Kapitalanlagealternativen (A und B), deren Ertragserwartungen eine unterschiedliche Wahrscheinlichkeitsverteilung aufweisen. Das Projekt B verspricht eine höhere maximale Rendite, beinhaltet gleichzeitig aber auch ein wesentlich höheres Verlustrisiko als das Projekt A. Die Alternative A ist somit „sicherer“ als die Alternative B. Um zu einer rationalen Entscheidung bezüglich alternativer Anlage- und Finanzierungsmaßnahmen zu gelangen, ist eine quantitative Verbindung zwischen den Dimensionen Risiko und Rendite herzustellen, die die Risikopräferenz des Entscheiders berücksichtigt und gewährleistet, dass der Gesamtnutzen maximiert wird (vgl. ausführlich Abschnitt B I 5 und Abschnitt C IV 1 und 2). Die Ableitung eines eindimensionalen Beurteilungskriteriums geschieht über die Festlegung eines Rendite/Risiko-Trade-Off. Dieser bestimmt bei der Kapitalkostenmethode, wie sich die Rendite positiv verändern muss, damit sich bei einer bestimmten Erhöhung des Risikos die Vorteilhaftigkeit einer Maßnahme nicht verändert. Der in diesem Sinne notwendige Renditezuwachs bei Erhöhung des Risikos um eine Einheit ist als Preis für den Verzicht auf Sicherheit zu interpretieren und als Aufschlag auf die Kapitalkosten für sichere Anlagen zu kalkulieren (risikoadjustierte Kapitalkosten). Grundsätzlich äquivalent ist die Sicherheitsäquivalente-Methode, die in der Grundform den Rendite/ Risiko-Trade-Off an den Rückflüssen festmacht. Hierbei wird eine unsichere Verteilung von Rückflüssen in ein Sicherheitsäquivalent transformiert. Ein sicherer Rückfluss in Höhe des Sicherheitsäquivalents stiftet denselben Nutzen wie der zu bewertende unsichere Rückfluss. A. Grundlagen der Finanzwirtschaft der Unternehmung 16 e) Shareholder Value Die Möglichkeiten und Implikationen einer konsequenten Ausrichtung der unternehmerischen Tätigkeiten auf die positive Entwicklung des Unternehmenswertes aus Anteilseignersicht werden seit den 1980er Jahren unter dem Stichwort Shareholder- Value-Maximierung diskutiert. Ausgangspunkt ist die Analyse der Zielsetzungen der verschiedenen Anspruchsgruppen (Stakeholder) in der einzelnen Unternehmung. Hierzu zählen neben den Eigentümern die Arbeitnehmer, die Kunden, der Fiskus, die Bevölkerung in der Nähe der Produktionsstätten u. v.a. mehr. Der Shareholder-Value-Ansatz stellt zunächst eine Absage an jegliche Versuche dar, die unterschiedlichen und zumeist konfligierenden Gruppeninteressen gleichberechtigt in einem geschlossenen Zielsystem der Unternehmung zusammenbringen zu wollen. Im Mittelpunkt steht vielmehr allein der Shareholder (Eigentümer, Anteilseigner), für den ein (ausschließliches) Interesse an der Verbesserung seiner Einkommens-/Vermögensposition und damit an der Wertentwicklung seines Unternehmens unterstellt wird. Die Interessen der übrigen Stakeholder sind nur insofern zu berücksichtigen, als sie eine unumstößliche Nebenbedingung darstellen oder in einer Mittel-Zweck-Beziehung zum erklärten Oberziel stehen.12 Alle Maßnahmen in der Unternehmung – ob sie von den Eigentümern selbst oder von den mit der Geschäftsführung beauftragten Managern verantwortet werden – sind darauf hin zu beurteilen, ob sie den Wert des Unternehmens steigern. Das Konzept 12 Zum Shareholder-Value-Konzept vgl. u. a. Rappaport, Creating Shareholder Value, 1986; Bühner, Management-Wert-Konzept, 1990; Copeland, Koller, Murrin, Unternehmenswert, 2002; Gomez, Shareholder Value, 2001. Abb. A 3: Kapitalanlagealternativen mit unterschiedlicher Risikoverteilung III. Forschungsansätze in der Finanzwirtschaft 17 zwingt damit auch gerade strategische Überlegungen in ein finanzwirtschaftliches Kalkül. Zur Sicherstellung einer wertorientierten Unternehmenspolitik werden in der Praxis unterschiedliche Rechenwerke propagiert, die sich im Wesentlichen auf drei Ansätze zurückführen lassen:13 1. Discounted Cashflow als Barwert aller zukünftigen Zahlungsüberschüsse (Cashflows) aus dem Unternehmen, diskontiert mit einem risikoadjustierten Zinsfuß. Nach der sog. Entity-Methode werden die Zahlungsüberschüsse vor Fremdkapitalzinsen mit dem gewichteten Gesamtkapitalkostensatz diskontiert. Dieser Barwert ist um das Fremdkapital zu kürzen, um den Wert des Eigenkapitals zu erhalten. Nach der Equity-Methode, die vor allem für das Wertmanagement in Bankunternehmungen zum Einsatz kommt, erfolgt eine Abzinsung der Zahlungsüberschüsse nach Fremdkapitalzinsen mit dem risikoadjustierten Eigenkapitalkostensatz. 2. Cashflow ROI als Cashflow-Return auf das investierte Kapital. Der (erfolgswirtschaftliche) Cashflow vor Fremdkapitalzinsen (vgl. Abschnitt E  I  4  a) wird zur Summe der Investitionen, mit denen der Cashflow generiert wird, ins Verhältnis gesetzt. 3. Economic Value Added als Überschuss der Investitionen nach Fremdkapitalzinsen und risikoadjustierten Eigenkapitalkosten. Alle drei Ansätze benutzen risikoadjustierte Kapitalkostensätze, die aus Kapitalmarktinformationen generiert werden können. Somit wird sichergestellt, dass die Entscheidungen mit den Austauschregeln für Rendite und Risiko, die der Kapitalmarkt vorgibt, in Einklang gebracht werden können. III. Forschungsansätze in der Finanzwirtschaft Der wissenschaftliche Zweig der Finanzwirtschaft, die Finanzierungsforschung, stellt eine sehr junge Disziplin auf dem Gebiet der Betriebswirtschaftslehre dar.14 Ihre Zielsetzung ergibt sich aus den Anforderungen der Finanzierungspraxis. Diese lassen sich in zwei zentralen Fragestellungen zusammenfassen:15 1. Wie lässt sich die Auswahl der am Markt erhältlichen Gläubiger- und Beteiligungspositionen optimal gestalten? 2. Wie sieht der Raum möglicher Alternativen aus, aus dem heraus sich für den Kapitalgeber die optimale Finanzierung entwickeln lässt? Um diese Erkenntnisziele zu erfüllen, hat sich die Finanzierungsforschung im Besonderen der folgenden drei Komponenten anzunehmen, die die Gestaltung optimaler Kapitalgeber- und -nehmerbeziehungen bestimmen (vgl. Abbildung A 4): 13 Diese häufig als innovativ gepriesenen Verfahren sind im Prinzip in der Investitionsrechnung seit langem bekannt und lassen sich unter bestimmten Bedingungen ineinander überführen. 14 Allein die heute als Teilgebiet der Finanzierung definierte Investitionsrechnung ist wohl erheblich älter. Vgl. auch Schneider, Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, 1987, S. 350 ff. 15 Vgl. hierzu und im Folgenden Steiner, Kölsch, Finanzierung, 1989, S. 409 ff.; auch Loistl, Entwicklung der Finanzierungstheorie, 1990, S. 47 ff.

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References

Zusammenfassung

"...gehört zu den etablierten Standardwerken für den gesamten Bereich der Investition und Finanzierung." boerse.de-MAGAZIN

Dieses Lehrbuch und Nachschlagewerk ist das Standardwerk für den gesamten Bereich der Investition und Finanzierung nach deutschem Recht. Neben den wichtigen Methoden der klassischen Finanz- und Investitionstheorie werden auch neue Finanzinstrumente und Erkenntnisse im Bereich der Kapitalmärkte erläutert, sodass dem Leser ein fundierter Überblick über den aktuellsten Stand der Forschung ermöglicht wird.

Aus dem Inhalt

- Management der Vermögensstruktur - Investitionsrechnung und Disposition des Umlaufvermögens

- Wertpapiergeschäfte - Analyse von Aktien und Aktienindizes sowie Wertpapierprogrammentscheidungen und Risikomanagement mit Termingeschäften

- Alternativen der Kapitalaufbringung - Finanzierungsformen, Kapitalstruktur und Verschuldungspolitik

- Finanzanalyse - Kennzahlenanalyse und Kapitalflussrechnung

- Finanzplanung - Kapitalbedarf- und Liquiditätsplanung, Plananpassung und Kontrolle

Die Autoren

Dr. Dr. h.c. Louis Perridon und Dr. Manfred Steiner waren bis zu ihrer Emeritierung Professoren für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Augsburg. Dr. Andreas Rathgeber ist Professor am Institut Materials Resource Management und am Kernkompetenzzentrum Finanz- und Informationsmanagement an der Universität Augsburg.