Bernd Schauenberg, 1. Gegenstand und Methoden der Betriebswirtschaftslehre in:

Michael Bitz, Michel Domsch, Ralf Ewert, Franz W. Wagner (Ed.)

Vahlens Kompendium der Betriebswirtschaftslehre Bd. 1, page 14 - 68

5. Edition 2005, ISBN print: 978-3-8006-3134-6, ISBN online: 978-3-8006-4866-5, https://doi.org/10.15358/9783800648665_14

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A.l. Gegenstand und Methoden der Betriebswirtschaftslehre Bernd Schauenberg Gliederung 1 . Einleitung . . 2 . Gegenstand der Betriebswirtschaftslehre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4 2. 1 . Die Unternehmung als Gegenstand betriebs wirtschaftlicher Theorie 4 2.2. Die Entwicklung von Unternehmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 2.2. 1 . Entstehung und frühe Entwicklung von Großunternehmen 8 2.2.2. Der strukturelle Wandel von Großunternehmen . 1 1 2 .2 .3 . Die Persistenz von Großunternehmen 14 2 .3 . Die Entwicklung von Unternehmenstheorien 17 2 .3 . 1 . Klassik . . . . . . . . . . . . . . . 1 8 2 .3 .2 . Neoklassik . . . . . . . . . . . . 19 2 . 3 . 3 . Monopolistische Konkurrenz . 20 2.3 .4. Managertheorien . . . . . . . . . 2 1 2 .3 .5 . Behavioral Theory . . . . . . . . 22 2 .3 .6 . Betriebswirtschaftslehre und Unternehmenstheorie 23 2.4. Grundzüge der modernen Unternehmenstheorie 25 2.4. 1 . Märkte und Unternehmen . 25 2.4.2. Transaktionskosten . . 29 2.4.3 . Verfügungsrechte . . . 33 2 .4 .4 . Informationsäkonomie 34 2.4.5 . Verträge . . . . . . . . . 40 2.4.6. Die interne Organisation der Unternehmen . 44 3. Methoden der Betriebswitischaftslehre . . . . . . . . . . . 46 3 . 1 . Die Unübersichtlichkeit der betriebswirtschaftlichen Forschungspraxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46 3 .2 . Wissenschaftstheoretische Klärungsversuche 48 3 . 3 . Theorie und Praxis . . . . 54 Kommentierte Literaturhinweise . . . . . . . . . . . . 55 1. Einleitung Die Betriebswirtschaftslehre ist neben der Volkswirtschaftslehre ein Teil der Wirt schaftswissenschaften. Die Abgrenzung dieser bei den Disziplinen ist nicht einfach. Die Grenzen verschwinden gelegentlich. Bisweilen ist das Verhältnis auch umstrit ten. In einer ersten groben Annäherung kann man die beiden ökonomischen Teil disziplinen wie folgt unterscheiden. Die Betriebswirtschaftslehre untersucht das Ver halten von Unternehmen auf Märkten. Die Volkswirtschaftslehre beschäftigt sich vor nehmlich mit Märkten und deren Ordnungsrahmen. Diese Unterscheidung ist, wie gesagt, nicht unproblematisch. Unternehmen kann man nämlich nicht untersuchen, wenn man nicht eine Vorstellung von den Eigenschaften und Grenzen von Märkten hat. Märkte kann man wiederum nicht untersuchen, wenn man eine falsche Vorstel lung von den Eigenschaften und den Grenzen von Unternehmen hat. Genau diese Erkenntnis hat in den letzten Jahren dazu geführt, dass sich die Betriebswirtschafts lehre und die Volkswirtschaftslehre nach einer langen Phase getrennter Entwicklung (wieder) einander angenähert haben: Die "Einheit der Wirtschaftswissenschaften" , die von vielen Ökonomen für eine sehr lange Zeit nicht mehr erkannt werden konnte, gewinnt wieder kräftigere Konturen. Eine weitere Komplikation ergibt sich aus der Tatsache, dass die Einordnung der Betriebswirtschaftslehre in die Wirtschaftswissenschaften nicht unumstritten ist. Ge legentlich wird die Betriebswirtschaftslehre nämlich als eine Managementlehre ver standen. Nach diesem Verständnis stehen weniger die ökonomisch relevanten Aspekte des Verhaltens von Unternehmen auf Märkten im Vordergrund, sondern diejenigen Gestaltungsprobleme, mit denen die Eigentümer und die Manager von Unternehmen bei der Führung von Unternehmen befasst sind. Bei der Untersuchung dieser Probleme wird dann ganz in der Tradition der amerikanischen Business Schools auf psychologische, soziologische und andere sozialwissenschaftliche Diszi plinen zurückgegriffen. Dieses Verständnis von Betriebswirtschaftslehre kann, wie jedes andere Verständnis von einer Wissenschaft, nicht "richtig " oder "falsch" sein. Es kann nur mehr oder weniger zweckmäßig sein. Außerdem ist, wie viele Entwick lungen der letzen Jahre gezeigt haben und später noch deutlicher werden wird, ganz und gar nicht klar, ob sich aus einer Betonung der Gestaltungsprobleme von Unter nehmen wirklich ein so starker Gegensatz zu einem an ökonomischen Traditionen orientierten Verständnis von Betriebswirtschaftslehre ergeben muss, wie das lange Zeit behauptet wurde. Aus diesen einleitenden Bemerkungen folgt, dass zunächst einmal geklärt werden muss, was man unter dem "Verhalten von Unternehmen auf Märkten" zu verstehen hat. Das ist die Frage nach dem Gegenstand der Betriebswirtschaftslehre. Dann muss dargestellt und diskutiert werden, wie die Betriebswirtschaftslehre das Verhal ten von Unternehmen auf Märkten untersucht. Das ist die Frage nach den Methoden der Betriebswirtschaftslehre. Die Diskussion der Frage nach dem Gegenstand der Betriebswirtschaftslehre beginnt in Teil 2 mit einigen Thesen dazu, warum dieser Gegenstand nicht ohne weiteres zu bestimmen ist (Teil 2.1). Eine Möglichkeit der Klärung besteht darin, dass man die Entwicklung der Unternehmen in der Realität betrachtet. Unter Rückgriff auf einige wichtige Ergebnisse der Wirtschaftsgeschichte 4 A. l . Gegenstand und Methoden der Betriebswirtschaftslehre wird diese Entwicklung in Teil 2.2 grob skizziert. Eine andere Möglichkeit der Klä rung liegt darin, dass man die Entwicklung der Theorien von Wirtschaftswissen schaftlern über Unternehmen untersucht. Dies soll in Teil 2.3 geschehen. Zum Schluss soll in Teil 2.4 der Versuch unternommen werden, die heutigen Auffassun gen von Betriebswirten über das "Wesen der Unternehmung" in knapper Form dar zustellen. Diejenigen konzeptionellen und begrifflichen Grundlagen, die in weiten Teilen der Betriebswirtschaftslehre verwendet werden, sollen erläutert werden. Die Diskussion der Frage nach den Methoden der Betriebswirtschaftslehre beginnt in Teil 3 mit einigen Thesen über die Vielfalt oder auch die Unübersichtlichkeit der betriebswirtschaftlichen Forschungsmethoden (Teil 3.1). Diese Unübersichtlichkeit hat zu vielfältigen Versuchen geführt, die methodologischen Grundsatzfragen der Betriebswirtschaftslehre zu klären. In Teil 3.2 werden einige Beiträge zu dieser Dis kussion vorgestellt. Zum Schluss wird in Teil 3.3 das Verhältnis von Theorie und Praxis, ein immer wieder diskutiertes Problem der Betriebswirtschaftslehre, unter sucht. Dabei soll vor allem auf diejenigen Probleme eingegangen werden, die sich aus dem Verständnis der Betriebswirtschaftslehre als einer anwendungsorientierten wissenschaftlichen Disziplin ergeben. Zum Ende findet man einen Kommentar, in dem der Leser Hinweise auf die in den jeweiligen Teilen verwendete, aber auch auf weitergehende Literatur findet. Aus dem Charakter eines Kompendiums folgt, dass ein Überblick über den Stand der Diskussion und über die wichtigsten Ergebnisse einer Disziplin gegeben werden soll. Aus diesem Grund wird gelegentlich auf den einzelnen Nachweis von Quellen verzichtet und auf weiterführende Quellen mit weiteren Nachweisen hingewiesen. 2. Gegenstand der Betriebswirtschaftslehre 2.1. Die Unternehmung als Gegenstand betriebswirtschaftlicher Theorie Die Überschrift zu diesem Kapitel ist ein Zitat. Sie entspricht dem Titel der Habili tationsschrift von Erich Gutenherg ( 1929). In dieser Schrift legte Gutenherg die wissenschaftlichen Grundlagen für ein Konzept von Betriebswirtschaftslehre, das über viele Jahrzehnte die Entwicklung (nicht nur) der deutschsprachigen Betriebs wirtschaftslehre prägte. Gutenberg rückte die Unternehmung als Ganzes in den Mit telpunkt der Aufmerksamkeit. Für ihn war die Unternehmung einmal in Marktzu sammenhänge eingebunden: Unternehmen beschaffen Produktionsfaktoren auf mehr oder weniger vollkommenen Beschaffungsmärkten, transformieren die Faktoren zu Produkten und verkaufen diese Produkte auf unvollkommenen Absatzmärkten. An dererseits war die Unternehmung für ihn aber auch ein System von produktiven Be ziehungen zwischen den eingesetzten Produktionsfaktoren, dessen Gestaltung von den Unternehmern die Lösung einer Vielzahl von Entscheidungsproblemen verlangt. Dieses Konzept, das später noch genauer betrachtet werden wird (vgl. Teil 2.3 .6), war und ist außerordentlich einflussreich. Trotzdem stellte Gutenberg lange Jahre später in einem seiner letzten wissenschaftlichen Beiträge fest, dass die Betriebs- 2. Gegenstand der Betriebswirtschaftslehre 5 wirtschaftslehre noch "auf der Suche nach ihrem Gegenstand" (Gutenberg, 1989, S . 1 58) sei . Der Gegensatz zwischen der scheinbar eindeutigen Formulierung aus dem Jahr 1 929 und dem lang anhaltenden Erfolg des Forschungsprogramms von Gutenberg sowie der eher skeptischen Formulierung aus dem Jahr 1 989 ist klärungsbedürftig. In ihm deuten sich fundamentale Probleme der Betriebswirtschaftslehre an, ihren Gegenstand zu bestimmen. Die Fragen danach, was eine Unternehmung ist, warum sie existiert und unter welchen Bedingungen sie erfolgreich sein kann, sind in der Tat nicht ganz einfach zu beantworten. Zunächst ist also die Frage aufzuwerfen, was man sich unter einer Unternehmung als Gegenstand der Betriebswirtschaftslehre vorzustellen hat. Eine Antwort auf diese Frage fällt nicht leicht. Drei mögliche Wege zu ihrer Beantwortung sollen nun verfolgt werden. Alle drei Wege führen, wie sich zeigen wird, weiter, führen aber auch, wie sich ebenfalls zeigen wird, je weils zu neuen Fragen. Vor allem aber machen sie deutlich, dass die Betriebswirt schaftslehre kein einfaches, dafür aber ein aufregendes, reizvolles und durchaus spannendes Unterfangen sein kann. Der erste Weg beginnt mit der Feststellung, dass sich die bisherigen Ausführungen zum Verständnis von Betriebswirtschaftslehre zweifellos auf tatsächlich existierende Unternehmen in der Realität beziehen. Da liegt es nahe, die Datenquellen heranzu ziehen, die etwas über die Unternehmen in unserem Land aussagen. Informationen dieser Art findet man im Statistischen Jahrbuch für die Bundesrepublik Deutschland (v gl. dazu Statistisches Bundesamt, 1 997). Leider führt dies zunächst zu Begriffs problemen. Das Statistische Bundesamt bietet nämlich gleich drei einschlägige Be griffe an, mit denen es seine Datenerhebungen und Datenauswertungen vornimmt (vgl. a.a.O., S . 1 29-143) . Es spricht von Arbeitsstätten, Unternehmen und Betrieben. Arbeitsstätten sind räumlich eindeutig abgegrenzte Einheiten, in der eine oder meh rere Personen erwerbstätig sind. Bei einer Bank wird demnach jede Filiale als eine Arbeitsstätte erfasst. Unternehmen sind alle rechtlich selbständigen Einheiten, die einen gesonderten Jahresabschluss erstellen. Dies kann dazu führen, dass in einem Konzern alle Tochtergesellschaften als Unternehmen erfasst werden. Betriebe sind örtliche Einheiten von Unternehmen, die industriell oder handwerklich tätig sind. Im Konfliktfall ist davon auszugehen, dass Arbeitsstätten enger abgegrenzt werden als Betriebe. In der bislang letzten Arbeitsstättenzählung aus dem Jahr 1987 hat das Statistische Bundesamt 2 85 1 203 Arbeitsstätten ermittelt, in denen fast 27 Millionen Arbeitnehmer beschäftigt wurden (vgl. Tabelle 1 ) . Die Angaben für Unternehmen und Beschäftigte sind in anderer Weise ausgewiesen (vgl. a.a.O. , S. 1 32). Organisatio nen ohne Erwerbscharakter sowie Gebietskörperschaften und Sozialversicherungen werden nicht berücksichtigt. Ansonsten sind die Zahlen vergleichbar. Interessant ist die Verteilung auf die Größenklassen: Es gibt • 1 829 890 Unternehmen mit 1 -9 Beschäftigten, die 5 444 927 Arbeitnehmer, • 1 56 252 Unternehmen mit 10-19 Beschäftigten, die 2 056 748 Arbeitnehmer, • 108 353 Unternehmen mit 20-499 Beschäftigten, die 6 890 289 Arbeitnehmer und • 3357 Unternehmen mit 500 und mehr Beschäftigten, die 7 523 874 Arbeitnehmer beschäftigen. Die Zahlen sind eindrucksvoll. Sie belegen, dass es die Betriebswirtschaftslehre mit einem außerordentlich komplexen Gegenstand zu tun hat. Wegen der oben erläuter- 6 A. l . Gegenstand und Methoden der Betriebswirtschaftslehre Tab. A. 1-1: Arbeitsstätten und Beschäftigte 1 987 Wirtschaftszweig Arbeitsstätten Beschäftigte Land- und Forstwirtschaft, Fischerei 28 962 1 37 226 Energie- und Wasserversorgung, Bergbau 6 325 401 584 Verarbeitendes Gewerbe 360 466 8 339 1 1 4 Baugewerbe 1 86 342 1 85 1 652 Handel 707 1 2 1 4 027 502 Verkehr und Nachrichtenübermitt lung 1 22 092 1 547 283 Kredit institute und Versicherungswesen 1 2 1 795 965 469 Dienstleistungen 858667 4784898 Organisationen ohne Erwerbscharakter 79 420 1 1 66 002 Gebietskörperschaften und Sozialversicherungen 1 1 0 0 1 3 3 738 285 insgesamt 2851203 26959015 Quelle: Statistisches Bundesamt 1997, 8.131 ten Erhebungsmethode müssen die Zahlen aber vorsichtig interpretiert werden. Man kann nicht davon sprechen, dass es in unserem Land ca. 2,9 Millionen wirtschaftlich selbständige Unternehmen gibt. Viele der vom Statistischen Bundesamt erfassten Arbeitsstätten mögen zwar räumlich abgegrenzt sein. Sie können auch rechtlich selbständig sein. Sie sind es aber oft nicht in wirtschaftlicher Sicht, wenn sie z. B . i n einen Konzern eingebunden sind. Die Eigentumsverhältnisse lassen sich aus dem Zahlenmaterial des Statistischen Bundesamts nicht erschließen. Hier wird, das sei nur am Rande vermerkt, ein großes Problem der Betriebswirtschaftslehre deutlich: Öffentlich verfügbare Datensätze sind in aller Regel nicht auf Forschungsfragen der Betriebswirtschaftslehre zugeschnitten. Betriebswirtschaftliche Forscher sind oft dar auf angewiesen, ihre Datensätze selbst zu erheben, und sind dann von der (oft sehr begrenzten) Auskunftsbereitschaft der Unternehmen abhängig. Trotz dieser Ein schränkungen ergibt sich aber schon bei diesem ersten Blick auf Unternehmen in der Realität ein Bild der verwirrenden Vielfalt. Dieser Eindruck verstärkt sich noch, wenn man die Verteilung nach Größenklassen und nach Wirtschaftszweigen (Bran chen) mit einbezieht. Die Tatsache, dass "der Gegenstand" der Betriebswirtschafts lehre so vielfältig ist, hat sicherlich zu den von Gutenberg beklagten Problemen bei der Suche der Betriebswirtschaftslehre nach ihrem Gegenstand beigetragen. Ein zweiter Weg der Orientierung über den Gegenstand der Betriebswirtschaftslehre könnte darin bestehen, dass man möglichst genau zu ermitteln versucht, was reale Unternehmen alles tun, um ihre Ziele zu erreichen. Aber auch ein solcher Versuch trägt nicht weit. Er würde bestenfalls dazu führen, dass man eine unübersichtliche Fülle von Fakten über das Verhalten von Unternehmen sammelte. Vermutlich würde man aber vorher schon scheitern, weil man in der Flut der Fakten jede Orientierung verlöre und den Versuch frustriert aufgäbe. Außerdem liefe man Gefahr, eine Fülle von Trivialitäten zu ermitteln. Es hilft nämlich kaum, wenn man weiß, dass es sehr unterschiedliche Unternehmen gibt, und dass diese sehr unterschiedliche Dinge tun. Letztlich dürfte man schon vor einer solchen Erhebung wissen, dass sich die kleine Autowerkstätte um die Ecke wesentlich von einem weltweit operierenden Automo- 2. Gegenstand der Betriebswirtschaftslehre 7 bilkonzern unterscheidet. Die "Realität" lässt sich auf diesem Wege weder ermitteln noch verstehen. Allein der Nachweis einer verwirrenden Vielfalt von Verhaltenswei sen von Unternehmen wäre der Mühe nicht wert. Ein dritter Weg könnte darin bestehen, dass man sich anhand der betriebswirtschaft lichen Literatur zu orientieren versucht. Aber auch dieser Weg verspricht wenig Aussicht auf Erfolg. Er würde zu einer ungeheuren Zahl von zumeist gelehrten Stu dien zu den verschiedensten Einzelproblemen der betriebswirtschaftlichen For schung führen. Zu einer Orientierung über den Gegenstand der Betriebswirtschafts lehre würde man durch das Studium dieser Schriften nicht gelangen. Auch die Tat sache, dass man in dem vorliegenden Kompendium die stolze Zahl von zwanzig Beiträgen benötigt, um einen immer noch begrenzten Überblick über die wichtigs ten Themen und Ergebnisse der betriebswirtschaftlichen Forschung zu geben, weist auf die oft verwirrende Vielfalt der betriebswirtschaftlichen Forschung hin. Halten wir fest: Alle drei Orientierungsversuche haben gezeigt, dass der Gegenstand der Betriebswirtschaftslehre nicht ohne weiteres zu bestimmen ist. Das aber kann bei näherer Betrachtung auch nicht überraschen. Jede Orientierung benötigt nämlich Kriterien. Die haben wir bislang noch nicht eingeführt. Wir haben nur gezeigt, dass ein voraussetzungsloses Betrachten von Fakten, von Erscheinungsformen unterneh merischer Tätigkeit und von wissenschaftlichen Texten für sich allein genommen wenig hilft. Auch unsere Festlegung, dass sich die Betriebswirtschaftslehre mit dem Verhalten von Unternehmen auf Märkten beschäftigt, ist bestenfalls eine Metapher. Metaphern können hilfreich sein. Das aber ist erst dann der Fall, wenn man sie mit Theorien verbindet. Erst dann können sie ihre orientierende Funktion erfüllen. In den nächsten Teilen werden wir deshalb zunächst wirtschaftshistorische, dann wirt schaftswissenschaftliche und zuletzt betriebswirtschaftliche Theorien einführen, die uns helfen werden, den Gegenstand der Betriebswirtschaftslehre aus unterschied lichen Sichtweisen näher und genauer zu bestimmen. 2.2. Die Entwicklung von Unternehmen A. D. Chandler, der weltweit führende Vertreter der Business History, hat u. a. drei bedeutende Studien über die Wirtschaftsgeschichte der Großunternehmen vorgelegt. Bezogen auf den historischen Ablauf beschäftigt sich die erste Studie mit der Ent stehung und der frühen Entwicklung der Großunternehmen im Zeitraum zwischen 1840 und 1920 (vgl. Chandler, 1977) . Die zweite Studie beschäftigt sich mit einem interessanten Sonderproblem der Entwicklung von Großunternehmen, mit dem Übergang von der funktionalen zur divisionalen Organisationsstruktur bei einigen zuvor besonders erfolgreichen Unternehmen im Zeitraum zwischen 1 920 und 1 950 (vgl. Chandler, 1 962). Die dritte Studie setzt sich mit globalen Entwicklungsprozes sen auseinander (vgl. Chandler, 1 990). Sie untersucht die Erfolgsbedingungen von Großunternehmen aus den USA, Großbritannien und Deutschland im Zeitraum zwi schen 1890 und ca. 1950. In allen drei Studien nutzt Chandler einen offenbar sehr privilegierten Zugriff zu den Archiven von sehr vielen Großunternehmen. Auf die sem Wege gelingt es ihm, die interne Wahrnehmung von Entscheidungsproblemen, das Generieren von Lösungsideen und das Umsetzen dieser Lösungsideen in Unter nehmen sehr genau und sehr anschaulich zu rekonstruieren. 8 A.l. Gegenstand und Methoden der Betriebswirtschaftslehre Die theoretischen Grundlagen der Arbeiten von Chandler sind einfach zu bestim men (vgl. Chandler, 1 977, S . 6-1 4) . Er will den Übergang von traditionellen zu modernen Unternehmen sowie die weitere Entwicklung der Großunternehmen erklä ren. Unter traditionellen Unternehmen versteht er kleinere Unternehmen, die im We sentlichen von ihren Gründern und deren Familien geführt werden. Unter modernen Unternehmen versteht er größere Unternehmen, die aus mehreren Einheiten be stehen, von bezahlten Managern geführt werden und eine mehr oder weniger kom plexe hierarchische Organisation etabliert haben. Um diesen Übergang zu erklären, greift er auf die (in Teil 2.4.2 zu behandelnde) Transaktionskostentheorie zurück. Dies macht schon seine erste These deutlich: "The first proposition is that modern multiunit business enterprise replaced small traditional enterprise when administrative coordination permitted greater productivity, lower costs, and higher profits than coordination by market mechanism" (Chandler, 1977, S . 6). Unternehmen entstehen und entwickeln sich in dieser Perspektive nicht zufällig. Ihre Entstehung und ihre Entwicklung sind auf bewusste Entscheidungen von Eigen tümern und Managern zurückzuführen. Deren Entscheidungen müssen die jewei ligen technischen, wirtschaftlichen und sozialen Randbedingungen reflektieren. Diese Randbedingungen eröffnen Chancen, beinhalten aber auch Risiken. Im Wett bewerbsprozess wird über den Erfolg unterschiedlicher Koordinationsformen ent schieden. Vor der Entwicklung hin zur Großunternehmung haben die traditionellen Unternehmen vornehmlich den Markt als Mechanismus zur Koordination ihrer wirt schaftliche Aktivitäten genutzt. Seit der Mitte des vorletzten Jahrhunderts hat sich dies verändert. Die "administrative coordination" , also die interne Organisation wirtschaftlicher Aktivitäten in Unternehmen, die aber über ihre Außenbeziehungen noch in Märkte eingebunden sind, hat ihren Siegeszug angetreten. Zu klären sind die Randbedingungen, die zum Erfolg der Unternehmen geführt haben, aber auch diejenigen Problemlösungstechniken, die diesen Erfolg erst möglich gemacht haben. Man kann die Vorgehensweise von Chandler auch als den Versuch verstehen, durch einen Rückgriff auf die Geschichte von Großunternehmen deren Evolution zu erklä ren. Der Markt wird dabei als eine Art Selektionsinstanz verstanden, die über den Erfolg bzw. den Misserfolg von Unternehmen entscheidet. Die Unternehmen kön nen in dieser Perspektive als eine Institution verstanden werden, die durch das ste tige Generieren neuer Problemlösungstechniken versuchen, sich dem Selektions druck des Marktes zu entziehen. Alle drei Arbeiten von Chandler präsentieren eine ungeheure Fülle von Material. Sie können deshalb im Folgenden nur sehr verkürzt und auf ihre wesentlichsten Er gebnisse reduziert vorgestellt werden. Zwei Aspekte sollen im Vordergrund stehen, einmal knappe Skizzen der jeweils relevanten Determinanten des institutionellen Wandels und zum anderen kurze Darstellungen der von den Unternehmen generier ten Lösungsideen. Ansonsten sei auf die Originalliteratur verwiesen. 2.2.1. Entstehung und frühe Entwicklung von Großunternehmen Wenn man aus heutiger Sicht die Zeit vor etwa 1840 betrachtet, dann fällt zunächst einmal auf, dass es damals fast nur traditionelle Unternehmen gab (vgl. dazu und 2. Gegenstand der Betriebswirtschaftslehre 9 zum Folgenden Chandler, 1977). Diese Unternehmen waren vergleichsweise klein. Sie stellten einige wenige Produkte her oder handelten mit den Waren der Region. Die Größe der relevanten Märkte war durch die verfügbaren Transporttechniken be grenzt. Geführt wurden diese Unternehmen oft nach Gewohnheiten und Bräuchen, die sich über sehr lange Zeiten entwickelt hatten. Zu den wenigen Ausnahmen zähl ten Fernhandelshäuser, große landwirtschaftliche Güter und Manufakturen. Aber diese Unternehmen unterlagen oft staatlichen Einflüssen. Sie wurden ebenfalls nach überkommenen Gewohnheiten geführt. Seltene Ausnahmen, wie etwa die besondere Rechenschaftspflicht von Staatsgütern, haben an diesen Gewohnheiten wenig ändern können. Gelegentlich findet man Schriften, in denen diese Gewohnheiten aufge schrieben und festgehalten wurden. Ein Nachdenken, geschweige denn ein Reflek tieren dieser Gewohnheiten fand nicht statt. Das, was wir heute Betriebswirtschafts lehre nennen, hat es bis zu der damaligen Zeit nicht gegeben. In den SOer und 60er Jahren des vorletzten Jahrhunderts werden bedeutende Verän derungen in der Organisation wirtschaftlicher Aktivitäten vorbereitet. Auslöser sind Entwicklungen im Bereich der Infrastruktur: Eisenbahnen und Telegrafen erschlie ßen große Räume. Zusammen ermöglichen sie eine gewaltige Vergrößerung der relevanten Märkte. Im Zuge dieser Entwicklung entstehen mit den Eisenbahngesell schaften die ersten modernen Unternehmen, die in vielerlei Hinsicht den Weg hin zu modernen Unternehmen in anderen Branchen vorbereitet haben. Die Entwicklung des Eisenbahnwesens begann schon in den 40er Jahren. Zunächst war sie allein auf Städteverbindungen in den Regionen der Wirtschaftszentren beschränkt. Zuverläs sigkeit, Unabhängigkeit von Wetterbedingungen und Leistungsfähigkeit gaben ihnen schnell einen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Transportsystemen, vor allem gegenüber dem räumlich begrenzten Wassertransport. Der Ausbau von überregiona len und nationalen Streckensystemen über Wachstums- und Konzentrationsprozesse folgte unmittelbar. Die technischen und organisatorischen Probleme, die bei der Entwicklung des Eisen bahnwesens gelöst werden mussten, waren gewaltig und in der Geschichte von Un ternehmen völlig neu. Die Eisenbahngesellschaften waren fast ausnahmslos Aktien gesellschaften, die von bezahlten Managern, meist von Ingenieuren, geführt wurden. Aktiengesellschaften waren nötig, weil der Kapitalbedarf der Eisenbahngesellschaften von einzelnen Investoren nicht aufgebracht werden konnte. Bezahlte Manager waren erforderlich, weil allein sie über die notwendigen technischen Qualifikationen ver fügten. Die organisatorischen Qualifikationen waren auch bei den Eisenbahninge nieuren zunächst nicht vorhanden. Die Eisenbahngesellschaften waren aber nicht nur erfolgreiche Unternehmen. Sie waren zudem sehr schnell schon große und hier archisch organisierte Unternehmen. Sie boten ihren Managern erstmals in der Ge schichte die Möglichkeit von professionellen Karrieren. Dies reduzierte aus der Sicht der Manager das Risiko von sehr spezifischen Humankapitalinvestitionen: Die Eisen bahnmanager erwarben und entwickelten Qualifikationen, die sie zunächst allein bei Eisenbahngesellschaften verwerten konnten. Sie führten u. a. funktionale Organi sationsstrukturen ein, etablierten Stäbe und entwickelten Techniken zur zeitlichen Koordination, zur Planung, zur Kontrolle und zur Kalkulation. Größere Teile der jenigen Problem lösungs- oder Managementtechniken, die auch heute noch von Un ternehmen genutzt werden, wurden in kürzester Zeit geschaffen. Darüber hinaus 10 A.l. Gegenstand und Methoden der Betriebswirtschaftslehre entstanden auch schnell erste Formen des Austauschs von Managementerfahrungen, professionell orientierte Zeitschriften (wie z. B. das American Railroad Journal) und erste Vorformen von Ausbildungsstätten für den Managernachwuchs. Management wurde so in kurzer Zeit zu einer Profession. Der für die Eisenbahnen belegbare Zusammenhang zwischen der Größe eines Mark tes, dem Ausmaß an Realinvestitionen, dem Entstehen großer hierarchischer Organi sationen, der Möglichkeit professioneller Karrieren und der Realisation von spezifi schen Humankapitalinvestitionen lässt sich in der weiteren Entwicklung in vielen anderen Branchen nachweisen. Auch dort gilt, dass traditionelle Unternehmen schnell durch moderne Unternehmen vom Markt verdrängt wurden. Wieder waren es bezahlte Manager, die diesen Prozess organisierten. Die neue Profession der Ma nager musste sich aber auch hier im Wesentlichen über die Entwicklung immer neuer Problemlösungstechniken legitimieren. Mit der Entwicklung der Infrastruktur wurden die erreichbaren Märkte größer. Dies löste spätestens ab den 60er Jahren des vorletzten Jahrhunderts im Bereich der Dis tribution und der Produktion ähnliche Entwicklungen aus, wie zuvor im Bereich der Infrastruktur. Handel konnte wegen der neuen Transport- und Kommunikationssys teme über große Entfernungen und in großen Mengen organisiert werden. Das tradi tionelle, regional begrenzte Handelssystem wurde durch Warenhäuser, Versandhan del und Handelsketten ersetzt. Diese neuen Handelsunternehmen schafften es recht schnell, eine Fülle von Informationen über Markt- und Preisentwicklungen zu verar beiten. Außerdem mussten sie Techniken zur Koordination von großen Gütermengen über große Räume hinweg entwickeln. Vor allem bei der Lösung dieser Probleme sind die Handelsunternehmen dem Vorbild der Eisenbahnunternehmen gefolgt. In der Produktion konnten die Vorteile steigender Skalenerträge genutzt werden. Mög lich wurde das vor allem dadurch, dass Maschinen in großem Umfang in der Pro duktion eingesetzt wurden. Dieser Maschineneinsatz führte wiederum zu völlig neuen Planungs- und Organisationsproblemen. Maschinen waren jetzt nicht mehr nur ein Hilfsmittel in der Produktion. Sie wurden nach technischen Prinzipien so geplant und gebaut, dass sie mehrere Operationen nach- oder nebeneinander ausfüh ren konnten. Erste Formen von kontinuierlicher Prozesstechnologie mussten gestal tet werden. Neben der Nutzung von Skalenerträgen ging es dabei um die Nutzung der "economies of speed" . Realisiert wurde dieser Maschineneinsatz von Maschi nenbauingenieuren. Sie waren es, die zunächst einmal über die notwendigen techni schen Qualifikationen verfügten. Sie waren es aber auch, die neue Problemlösungs techniken zur Planung der Produktionsstätten, zur Produktionsplanung, zur Kosten rechnung und zur Lohnbestimmung entwickeln und realisieren mussten. Am Ende dieses Prozesse war es gelungen, die technischen und organisatorischen Probleme der Massenproduktion in den neu entstandenen Fabriken zu handhaben. Dem Vor bild der Eisenbahnmanager folgend wurden auch in diesem Bereich Professiona lisierungstendenzen ausgelöst. Ab den 70er Jahren wird ein Trend deutlich, der sich seitdem mehrfach wiederholt hat: Aus erfolgreichen Problemlösungen entstehen in einigen Unternehmen neue Probleme. Drei Typen von produzierenden Unternehmen traten in dieser Phase als Wegbereiter von massiven Veränderungen auf: Eine erste Gruppe von Unternehmen hatte ihre Produktionsmengen so stark ausgeweitet, dass ihre Produkte über das ver- 2. Gegenstand der Betriebswirtschaftslehre 1 1 fügbare Handelssystem nicht mehr reibungslos vertrieben werden konnten. Andere Unternehmen stellten zunehmend komplexere Produkte her, deren Vertrieb spezielle Dienstleistungen wie Einrichtung, Beratung und Wartung erforderte. Eine dritte Gruppe von Unternehmen hatte spezielle Vertriebsprobleme, weil ihre Waren schnell verderblich waren. Diese Unternehmen gingen dazu über, sich ihre eigenen Ver triebswege zu schaffen. Sie führten eine Integration von Produktion und Distribution herbei. Diese Vorgehensweise war so erfolgreich, dass sie schnell von vielen ande ren Produzenten imitiert wurde. Dabei realisierten einige dieser Unternehmen ihr Wachstum über vertikale Integrationsprozesse, andere über Fusionen. Am Ende die ses Prozesses war das entstanden, was Chandler als das moderne Großunternehmen bezeichnet: Sehr große Unternehmen mit einer komplexen Hierarchie, die von be zahlten Managern geführt wurden, in vielen Geschäftsfeldern aktiv waren und über ein elaboriertes System von Problemlösungstechniken verfügten. Die Entstehung und die frühe Entwicklung von amerikanischen Großunternehmen im vorletzten Jahrhundert kann mit den Ergebnissen von Chandler aufgeklärt wer den. Voraussetzung waren die Entwicklungen im Bereich der Infrastruktur. Sie er möglichten die Erschließung und Durchdringung großer Märkte. Schon in dieser Phase beginnt mit dem Entstehen der ersten großen Eisenbahngesellschaften ein Trend, der bis heute angehalten hat: Unternehmen haben im Wettbewerbsprozess nur dann eine Überlebenschance, wenn sie über eine leistungsfähige hierarchische Organisation verfügen. Eine solche Organisation muss systematisch geschaffen und betrieben werden. Unternehmen haben das einmal dadurch erreicht, dass sie spezi fische Problemlösungstechniken entwickelt haben. Neben technischen und wirt schaftlichen Einflussfaktoren kann auch der frühere Erfolg der eigenen Problem lösungstechniken neuen Problemdruck schaffen. Zum anderen müssen Unternehmen ihre Problemlösungstechniken über ihre Organisation effizient umsetzen. Ohne eine funktionsfähige Hierarchie, ohne ein professionelles Management und ohne sorgfäl tig gestaltete Karrieresysteme war und ist das kaum möglich. 2.2.2. Der strukturelle Wandel von Großunternehmen Chandler ( 1962) setzt an den Ergebnissen des oben beschriebenen Entwicklungspro zesses an. Die ersten großen Unternehmen waren entstanden. Sie hatten gelernt, wie man die Vorteile der Massenproduktion durch die Organisation der Produktion in den Fabriken nutzen kann. Ein leistungsfähiges Distributionssystem war ebenfalls entwickelt worden. Viele Unternehmen hatten zudem eine Integration von Produk tion und Distribution realisiert. Vor allem die erfolgreichen Unternehmen waren schnell gewachsen. Einige dieser Unternehmen hatten ihr Wachstum durch vertikale Integration und Fusionen, andere durch Diversifikation erreicht. In beiden Fällen konnte man beobachten, dass Unternehmen, die oft mit nur einem Produkt ihre Ent wicklung begonnen hatten, in sehr vielen unterschiedlichen Geschäftsfeldern tätig waren. Dies führte bei einigen derjenigen Unternehmen, die zuvor überdurchschnitt lich erfolgreich gewesen waren und deshalb auch ihren Wachstumsprozess finanzie ren konnten, zu erheblichen Problemen. Auch hier führte also früherer Erfolg zu neuem Problemdruck. 1 2 A. l . Gegenstand und Methoden der Betriebswirtschaftslehre Das zentrale Problem wurde in dieser Phase in der Organisationsstruktur gesehen. Die meisten Unternehmen waren seit ihrer Gründung und ihrer frühen Wachstums phase funktional organisiert. Zunächst hatte sich oft eine Trennung der technischen und der kaufmännischen Geschäftsführung ergeben. In späteren Phasen waren wei tere funktionale Differenzierungen hinzugekommen. Es gab dann in der Geschäfts führung Verantwortliche für die Beschaffung, die Produktion, den Vertrieb, die Fi nanzen usw. Diese funktionale Organisationsstruktur geriet jetzt unter Druck. Sie war nicht mehr in der Lage, die immer komplexer werdenden Koordinations und Kooperationsprobleme in den neu entstandenen Mehrproduktunternehmen zu lö sen (vgl. dazu Beispiel 1 ) . Chandler ( 1 962) hat Hinweise auf diese Problemkonstel lation u. a. bei du Pont, General Motors, Standard Gil und Sears, Roebuck and Com pany gefunden. Deutlich wurden diese Probleme in der Rezession nach dem Ersten Weltkrieg. Trotz aller Unterschiede zwischen den Unternehmen war ihre Reaktion vergleichbar: Sie schufen eine neue Organisationsstruktur. Du Pont war offenbar das erste Unternehmen, bei dem die neuen Probleme auftraten. Noch um die vorletzte lahrhundertwende operierte du Pont als ein erfolgreiches Familienunternehmen mit mehreren Fabriken in der Sprengstoffindustrie. Es war zum damaligen Zeitpunkt nicht sonderlich gut organisiert. Bis zum Ersten Weltkrieg wurde im Zuge perma nenter Reorganisationen eine leistungsfähige funktionale Organisation entwickelt. Das Unternehmen war aber überdurchschnittlich erfolgreich. Trotzdem musste die Strategie des Unternehmens geändert werden. Es erschien nicht mehr sinnvoll, die Produktionskapazitäten im Bereich der Sprengstoffindustrie auszuweiten. Man ent schied sich zu einer konsequenten Strategie der Diversifikation. Neue Geschäftsfelder wurden vor allem im Bereich der chemischen Industrie durch Fusionen erschlossen. Das Management war nun auf einmal mit der Führung eines Unternehmens Beispiel 1: Koordinationsprobleme bei einer funktionalen Organisationsstruktur Gegeben sei ein Unternehmen mit einer Zentrale Z, einer Produktionsabtei lung P und einer Verkaufsabteilung V. P stelle die beiden Produkte Y I und Y2 her. V verkaufe die beiden Produkte auf dem Markt. Die Manager von P und V werden erfolgsabhängig entlohnt. Der Manager von P soll die Produktions kosten für die angenommenen Aufträge möglichst gering halten, der Manager von V möglichst große Verkaufserfolge erzielen. Schon in dieser einfachen Situation ergeben sich erhebliche Koordinationspro bleme. Der Manager von P hat nämlich keinen Einfluss auf die Verkaufsbe mühungen des Managers von V. Dessen Erfolge beeinflussen aber das Pro duktionsprogramm, dessen Kosten er minimieren soll. Umgekehrt hat der Ma nager von V keinen Einfluss auf das Produktionsprogramm, z. B . auf die Rei henfolgeplanung. Das kann ihn in erhebliche Schwierigkeiten bringen, wenn er etwa Liefertermine zusagen und einhalten soll. Er ist also fortwährend von den Entscheidungen des Managers von P abhängig, der aber nach anderen Kriterien als er entlohnt wird. Im schlimmsten Fall muss die Zentrale laufend die Konflikte zwischen den Managern von P und V schlichten. Diese Pro bleme verschärfen sich, wenn die Anzahl der Produkte steigt. 2. Gegenstand der Betriebswirtschaftslehre Beispiel 2: Koordinationsprobleme bei einer divisionalen Organisationsstruktur Gegeben sei ein Unternehmen mit einer Zentrale Z und den beiden Divisio nen I und 2. Die beiden Divisionen werden jeweils von einem weitgehend gewinnverantwortlichen Manager geführt. Die Zentrale möchte aber sicher stellen, dass in den Divisionen nur solche Investitionen getätigt werden, die den Marktwert des Unternehmens erhöhen. Die Kapitalkosten des Unterneh mens seien k. Das Investitionsbudget sei B . Die Zentrale könnte den Divisionen jetzt vorschreiben, dass sie Investitions vorschläge erstellen, den Kapitalwert dieser Investitionen bei einem Zinssatz von k ermitteln und diese Vorschläge der Zentrale übermitteln. Eine einfache Lösung könnte nun darin bestehen, dass die Zentrale die Vorschläge der Divi sionen in eine Rangfolge bringt und diejenigen Investitionen mit den höchsten positiven Kapitalwerten genehmigt, die bei dem gegebenen Budget B zu fi nanzieren sind. Dies allerdings dürfte nicht sinnvoll sein. Die Zentrale müsste bedenken, dass die Divisionsmanager fehlerhafte Berechnungen angestellt ha ben könnten oder eigene Interessen verfolgen mögen. Außerdem sind die Ka pitalwerte von den Divisionen mutmaßlich unabhängig voneinander berechnet worden. Die Zentrale muss also nicht nur die einzelnen Vorschläge prüfen. Sie muss u. a. auch prüfen, ob sich bei der gemeinsamen Realisation der In vestitionsprojekte negative Verbund effekte ergeben. 1 3 betraut, das in vielen und zudem sehr unterschiedlichen Geschäftsfeldern tätig war. Die in Beispiel I skizzierten Probleme traten in massiver Form auf. Unter diesem Druck suchte man eine neue Organisationsstruktur. Man fand sie mit der divisiona len Organisationsstruktur: Jedes Geschäftsfeld wurde in eine Division eingebracht. Die Geschäfte jeder Division wurden von einem weitgehend gewinnverantwortlichen Manager geführt. Die Zentrale beschränkte sich einerseits auf die strategischen und andererseits auf Koordinations- und Kontrollaufgaben (vgl. Beispiel 2). Bei General Motors war die Situation etwas anders. Das Unternehmen bestand nach dem Ersten Weltkrieg aus sehr vielen unterschiedlichen, nur lose miteinander verbundenen Tei len. Es war lange Zeit erfolgreich gewesen, geriet aber in der Nachkriegsrezession ebenfalls in die Krise. Auch in diesem Unternehmen wurde in mehreren Schritten eine divisionale Organisationsstruktur eingeführt. Im Wesentlichen ging es bei die ser Reorganisation um die Funktionen der Zentrale. Die von A(fred P. Sloan, der lange Zeit Vorstands- und dann Aufsichtsratsvorsitzender von General Motors blei ben sollte, eingeführten Planungs- und Kontrollsysteme galten als vorbildlich. Sie wurden intensiv diskutiert, was sicherlich auch daran lag, dass Manager von Gene ral Motors ihre Erfahrungen ausgiebig öffentlich darstellten. Sie wurden ebenfalls, was angesichts des lang anhaltenden Erfolgs von Sloan kaum verwundern dürfte, häufig imitiert. Die Reorganisationsprozesse bei Standard Oil und Sears unterschie den sich von den Prozessen bei du Pont und General Motors. Sie liefen aber eben falls auf eine divisionale Organisationsstruktur hinaus. Der Übergang von der funktionalen zur divisionalen Organisationsstruktur bei den vier Unternehmen in den 20er Jahren ist aus mehreren Gründen interessant. Er 14 A. l . Gegenstand und Methoden der Betriebswirtschaftslehre macht zunächst einmal deutlich, dass das Wachstum von überdurchschnittlich er folgreichen Unternehmen zu neuen Organisationsproblemen führen kann. In diesem Fall sind die Probleme mit der alten Organisationsstruktur nicht allein darauf zu rückzuführen, dass die Unternehmen schlecht geführt worden waren. Sie sind auch wesentlich dadurch charakterisiert, dass in diesen Unternehmen die Nachteile einer funktionalen Organisationsstruktur früher als bei anderen Unternehmen deutlich geworden sind. Neue organisatorische Problemlösungen müssen in einer solchen Situation von den innovierenden Unternehmen "erfunden" werden. Die Lösungen haben sich in allen vier Unternehmen auch nicht sofort ergeben. Sie sind über einen längeren Zeitraum entwickelt und anschließend laufend verbessert worden. Mehr als eine tragfähige Grundkonzeption war zu Beginn des Reorganisationsprozesses in keinem der Unternehmen vorhanden. Vor allem hat es nie einen Plan gegeben, an dem sich die Beteiligten haben orientieren können. Erstaunlich ist, dass es auch noch in dieser Phase vor allem Ingenieure waren, die den Übergang von der funk tionalen zur divisionalen Organisationsstruktur realisierten (vgl. Chandler, 1 962, S . 3 14-323). 2.2.3. Die Persistenz von Großunternehmen Die dritte Studie von Chandler geht wieder auf die Mitte des vorletzten Jahrhun derts zurück. Zum damaligen Zeitpunkt war die britische Industrie weltweit führend. In wenigen Jahrzehnten hatte sie ihren Vorsprung verspielt. Chandler wirft die Frage auf, ob man in der Tradition seiner Arbeiten klären kann, welche Fehler die britischen Unternehmen gemacht haben bzw. welche strategischen Entscheidungen und organisatorischen Innovationen ihrer Konkurrenten sich als überlegen erwiesen haben. Zum Vergleich wählt er die Entwicklung in den USA und in Deutschland bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts . Da in diesem Zeitraum sehr viele Unternehmen erfolgreich waren, die es um die vorletzte Jahrhundertwende auch schon gegeben hat, möchte er zugleich die Bedingungen für einen persistenten Erfolg von Unter nehmen unter den früheren Weltmarktbedingungen klären (vgl. Chandler, 1 990). Die Entwicklung der Unternehmen in den drei Ländern wurde nach den Ergebnis sen von Chandler von einer Vielzahl von Randbedingungen, wie etwa der geogra phischen Lage, den politischen Verhältnissen, der Rechtsordnung, der Verfügbarkeit von natürlichen Ressourcen und dem Ausbildungssystem, beeinflusst. Sie ist, wie in seinen anderen Studien auch, auf eine Vielzahl von höchst unterschiedlichen unternehmerischen Entscheidungen von Eigentümer-Unternehmern, aber auch von Managern zurückzuführen. Trotzdem sind als Folge dieser unzähligen myopischen Entscheidungen auffällige Ähnlichkeiten und Unterschiede, also Muster in den Ent wicklungen der Großunternehmen dieser Länder festzustellen. Die überdurchschnitt lich erfolgreichen Unternehmen sind in allen drei Ländern moderne Unternehmen: Sie • werden fast ausnahmslos als Aktiengesellschaften von professionellen Managern geführt. • sind in mehreren, oft in vielen Geschäftsfeldern aktiv. Die einzelnen Geschäfts feider werden von mittleren Managern mehr oder weniger selbständig geführt. 2. Gegenstand der Betriebswirtschaftslehre 1 5 • verfügen über hoch entwickelte hierarchische Organisationen mit weiteren profes sionellen Managern. Die Zentrale der Unternehmen ist wesentlich mit Planungs und Kontrollaufgaben befasst. Sie hat die Bedingungen der Koordination und der Kooperation zwischen den dezentralen Einheiten zu gestalten und ist für strategi sche Entscheidungen verantwortlich. Die Probleme, die vor allem in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg zu lösen waren, sind nur teilweise neu: Erfolgreiche Unternehmen • realisieren immer noch Skalenerträge (economies of scale), • streben zunehmend häufiger Breitenvorteile (economies of scope) an, • vergrößern und verbessern laufend ihr Vertriebs system, • versuchen stetig durch neue organisatorische Vorkehrungen die internen Transak tionskosten (Organisationskosten) zu senken, • nutzen frühe Wettbewerbsvorteile (first mover advantage), um ihre Wettbewerbs position zu stärken, • sind häufig auf oligopolistischen Märkten aktiv, wo sie einen intensiven Wettbewerb um Marktanteile austragen, • weiten ihre Geschäftstätigkeit räumlich aus und • beginnen auch schon mit ersten Formen der Internationalisierung. Fasst man diese Tendenzen zusammen, so kann man "three sets of interrelated in vestments " (a.a.O. , S . 8) als Erfolgsfaktoren angeben: Überdurchschnittlich erfolg reiche Unternehmen haben 1. durch die Nutzung von Skalen- und Breitenvorteilen ihre Produktionskapazitäten ausgeweitet, 2. parallel zur Entwicklung ihrer Produktionskapazität ihr Vertriebssystem ausgebaut und 3. ihr Human- und Organisationskapital entwickelt. Wesentlich ist dabei, dass die Investitionen in den drei Bereichen nicht unabhängig voneinander realisiert wurden. Ein Unternehmen, das eine große Produktionskapazi tät, aber weder ein leistungsfähige Vertriebssystem noch eine funktionsfähige Hier archie realisiert hat, kann, wie man sich leicht klarmachen kann, nicht sonderlich erfolgreich sein. Erfolgreiche Unternehmensführung ist also nur über das systemati sche Schaffen und Beherrschen von Komplementaritäten zwischen den drei Investi tionsbereichen möglich. Gutenbergs Forderung, dass die Betriebswirtschaftslehre die "Unternehmung als Ganzes " in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen stellen solle, wird mit diesen Ergebnissen nicht nur bestätigt. Sie wird auch präzisiert. Man mag einwenden, dass dies ein triviales Ergebnis sei . Dem wird man kaum widersprechen können. Zu bedenken aber ist, dass die unternehmenstheoretische Bedeutung von Komplementaritäten, wie wir später in Teil 2.4.6 sehen werden, erst in den letzten Jahren in der Mikroökonomie und in der Betriebswirtschaftslehre erkannt und in den Mittelpunkt der theoretischen Diskussion gerückt worden ist. Die Voraussetzungen für diese Entwicklungen waren in den USA schon in dem Zeit raum vorhanden, den Chandler ( 1977) in "The Visible Hand" behandelt hat. Voll ständig zum Tragen kamen sie aber erst in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Die nachfolgende Entwicklung wird von Chandler ( 1 990) als "Competitive managerial capitalism" charakterisiert. Damit wird einmal darauf hingewiesen, dass fast aus- 1 6 A. l . Gegenstand und Methoden der Betriebswirtschaftslehre nahmslos bezahlte Manager Träger der Entwicklung waren, und zum anderen be tont, dass es in den USA fast nie zu überbetrieblichen Formen der Zusammenarbeit von Unternehmen gekommen ist. Die kritischen Erfolgsfaktoren lassen sich in fast allen relevanten, vor allem in den kapitalintensiven Branchen der USA nachweisen. Die Orientierung an "Seale and Scope" , so der Titel von Chandler ( 1 990), wird zum dominanten Erfolgskonzept bis hin in die ersten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Entwicklung in Großbritannien im gleichen Zeitraum wird von Chandler als "Personal capitalism" charakterisiert. Damit soll ausgedrückt werden, dass der Ein fluss von Gründerfamilien und von persönlichen Beziehungen zwischen den Akteu ren deutlich größer als in den USA und Deutschland war. Die britischen Unterneh men waren deutlich weniger modern. Sie wuchsen auch langsamer. Ihre Investitio nen in Produktionskapazitäten waren nur selten mit den amerikanischen vergleich bar. Sie tätigten deutlich geringere Investitionen in Vertriebssysteme. Sie setzten kleinere Managerteams ein und realisierten erheblich geringere Investitionen in Hu man- und Organisationskapital. Das führte nicht nur zu weitaus weniger leistungs fähigen Hierarchien. Da in Großbritannien weder die möglichen Skalenvorteile noch die möglichen Breitenvorteile konsequent genutzt wurden, waren zudem die Markt eintrittsbarrieren niedriger. Dadurch wurde nicht zuletzt der Markteintritt von aus ländischen Anbietern erleichtert. Dieser Effekt war vor allem in den technologisch anspruchsvollen Wachstumsindustrien stark ausgeprägt. Die Entwicklung in Deutschland wird von Chandler als "Cooperative managerial ca pitalism" charakterisiert. Dadurch soll einmal ausgedrückt werden, dass bezahlte und professionelle Manager für die Entwicklung deutscher Unternehmen eine ähnli che Bedeutung wie in den USA, aber eine größere Bedeutung als in Großbritannien hatten. Es soll aber auch darauf hingewiesen werden, dass das Ausmaß der über betrieblichen Zusammenarbeit in Deutschland deutlich höher war als in den USA und in Großbritannien. Die deutschen Unternehmen hatten schon sehr früh die ent scheidenden Merkmale von modernen Unternehmen. Sie realisierten ähnlich wie die amerikanischen Unternehmen die erfolgskritischen Investitionen: Sie weiteten ihre Produktionskapazitäten vor allem in den kapitalintensiven Wachstumsbranchen aus. Sie entwickelten ein leistungsfähiges Distributionssystem, das sehr früh auch auf die europäischen Nachbarländer ausgedehnt wurde. Parallel dazu bauten sie ihre organi satorischen Fähigkeiten aus. Die Unterschiede zu den USA und Großbritannien sind bemerkenswert. Die deutschen Investitionen erfolgten eher in der Investitionsgüter industrie als in der Konsumgüterindustrie. Der Einfluss von Gründerfamilien war deutlich geringer als in Großbritannien, aber größer als in den USA. Auffällig sind im internationalen Vergleich zwei Kooperationsmuster. Deutsche Unternehmen formten oft Kartelle und ähnliche Formen der Zusammenarbeit zwischen Unterneh men. In den USA waren solche Formen der überbetrieblichen Zusammenarbeit schon seit dem Shennan Antitrust Act von 1 890 verboten. In Großbritannien gab es ähnliche gesetzliche Regelungen. In Deutschland aber dauerte es bis in die 50er Jahre, bis ein vergleichbares gesetzliches Regelwerk entstand. Deutsche Unterneh men realisierten aber auch schon sehr früh sehr kooperative Formen der industriel len Beziehungen. Ihnen gelang es sehr viel besser als den Unternehmen in den USA und Großbritannien, eine auf Dauer angelegte Form der Zusammenarbeit mit ihren Arbeitnehmern und Gewerkschaften zu gestalten, was das Risiko von spezifischen 2. Gegenstand der Betriebswirtschaftslehre 1 7 Humankapitalinvestitionen erheblich minderte. Letztlich ist zu beobachten, dass in Deutschland der Bankeneinfluss stets größer war als in den bei den anderen Ländern. Eine befriedigende Erklärung für diesen deutschen "Sonderweg" hat auch Chandler nicht gefunden. Halten wir fest: Die Ergebnisse der Arbeiten von Chandler zur Business History, die hier nur sehr verkürzt skizziert werden konnten, ermöglichen einen sehr infor mativen Zugriff auf die "Unternehmung als Ganzes" . Unternehmen erscheinen in dieser Perspektive als Mechanismen der internen Koordination, die in Märkte und deshalb auch in Wettbewerbsprozesse eingebunden sind. Sie sind dauerhaft mit der Lösung von Problemen befasst, die entweder über ihre Randbedingungen oder als Folge ihrer früheren Lösungsversuche, oft auch als Folge von erfolgreichen früheren Lösungsversuchen, entstehen. Einzelne Probleme und einzelne Problemlösungen, wie sie in der betriebswirtschaftlichen Literatur regelmäßig diskutiert werden, sind nicht unwichtig. Ihre eigentliche Bedeutung wird allerdings erst dann klar, wenn sie im Verbund mit allen anderen Problemen und allen anderen Problemlösungsver suchen der Unternehmen gesehen werden. Vor allem der Nachweis von starken Komplementaritäten zwischen Produktion, Distribution und den organisatorischen Fähigkeiten erfolgreicher Unternehmen stützt diese Aussage. Deutlich ist aber auch geworden, dass die Betriebswirtschaftslehre ein schwieriges Erkenntnisobjekt hat. Diese Schwierigkeiten liegen vor allem darin, dass sich ihr Erkenntnisobjekt laufend verändert. Die "Suche nach ihrem Gegenstand" , die Gutenberg seit 1929 und noch 1989 als wesentliche Aufgabe der Betriebswirtschaftslehre ausgemacht hat, wird deshalb wohl auch nie beendet werden können. Letztlich ist darauf zu verweisen, dass die Arbeiten von Chandler auch als eine Evolutionstheorie der Unternehmen verstanden werden können. In dieser Hinsicht ist festzuhalten, dass sie im Kern mit der später noch zu behandelnden Transaktionskostentheorie (vgl. Teil 2.4.2) verträg lich erscheint. Man könnte sie sogar als einen Beleg für die Fruchtbarkeit dieses Ansatzes verstehen. Andererseits kann man sie aber auch als eine Weiterführung sehen, da sie das Konzept der internen Koordination wirtschaftlicher Aktivitäten in Unternehmen mit einer ungeheuren Fülle von Details bereichert hat. Diese Fragen aber führen schon zu den nachfolgend zu behandelnden unternehmenstheoretischen Versuchen und Konzepten. 2.3. Die Entwicklung von Unternehmenstheorien Im letzten Teil ist deutlich geworden, dass und wie sich die Unternehmen in den letzten 160 Jahren verändert haben. Daraus kann man schon folgern, dass sich die Unternehmenstheorien von Ökonomen im Zeitablauf ebenfalls geändert haben wer den. Das ist, wie ein Blick auf die Geschichte der ökonomischen Theorie zeigt, in einem erstaunlichem Ausmaß der Fall (vgl. dazu und zum folgenden Schauenberg, 1993 m. w. N.). Im Folgenden soll die Entwicklung der Theorie der Unternehmung in der Geschichte der ökonomischen Theorie möglichst knapp dargestellt und disku tiert werden. Dabei wird einmal der Frage nachgegangen, ob und gegebenenfalls wie die internen Funktionen der Unternehmung, die von Chandler so intensiv unter sucht wurden, thematisiert worden sind. Zum anderen soll die Tatsache mitbedacht werden, dass sich die Methoden und Instrumente der ökonomischen Theorie im 1 8 A. l . Gegenstand und Methoden der Betriebswirtschaftslehre Zeitablauf stark verändert haben. Die Darstellung und Diskussion beschränkt sich auf einige wenige, aber wesentliche Entwicklungsstufen der ökonomischen Theorie. Ein Anspruch auf Vollständigkeit wird nicht erhoben. 2.3.1. Klassik Ökonomische Fragen sind in der Geschichte der Menschheit stets wichtig gewesen und in vielen Beiträgen vor allem von Staatsmännern, Philosophen und Praktikern diskutiert worden. Zumeist beschränkten sich diese Beiträge aber auf eine mehr oder weniger detaillierte Darstellung von Handelsgebräuchen. Von einer systemati schen Diskussion ökonomischer Probleme kann deshalb lange Zeit nicht die Rede sein. Das änderte sich auch wegen der beginnenden Industrialisierung im späten 1 8 . Jahrhundert vor allem mit der ersten Auflage der "Wealth of Nations" von Adam Smith von 1 776 (vgl. Smith, 1 982). Smith und die anderen Klassiker der ökonomischen Theorie kennen die Unterschei dung in Volks- und Betriebswirtschaftslehre noch nicht. Sie sind vor allem an den Grundsatzfragen einer freiheitlich verfassten Wirtschaftsordnung interessiert. Bei Smith wird das in besonderer Weise deutlich. Er beschäftigt sich u. a. mit den Grund lagen der wirtschaftlichen Entwicklung, mit den Einkommensarten, den Grundlagen des Wettbewerbs, aber auch mit den praktischen Fragen der Wirtschaftspolitik. Im Mittelpunkt seines Werkes steht die Frage nach den Bedingungen einer marktwirt schaftlich verfassten Ordnung der Gesellschaft. Er versuchte zu zeigen, dass ein freiwilliger Tauschprozess von ihren eigenen Interessen folgenden Akteuren auch ohne Staatseingriffe zu einem markträumenden System von Gleichgewichtspreisen führt. Die "unsichtbare Hand" des Marktes sorgt dabei nicht nur für einen Aus gleich von Angebot und Nachfrage, sondern auch für einen Endzustand, der im Hinblick auf die Interessen der Akteure nicht mehr zu verbessern, also wohlfahrts maximal, ist. Unternehmen spielen bei den Ausführungen von Smith keine besondere Rolle. Sie werden als relevante Marktakteure zwar stets erwähnt. Mit ihnen sind aber keine wesentlichen Probleme verbunden. Ihre Existenz und ihre Funktionsweise wird ein fach unterstellt. Man kann dies schon an seinem berühmten Beispiel über die Vor teile der Arbeitsteilung bei der Produktion von Stecknadeln deutlich machen (vgl. Smith, 1 982, S . 9-1O) . Smith berichtet über eine arbeitsteilig organisierte Produktion von Stecknadeln mit verschiedenen spezialisierten Tätigkeiten. Ihn interessiert vor allem die Tatsache, dass mit der arbeitsteiligen Organisation ein enormer Produkti vitätsgewinn verbunden ist. Die organisatorischen Probleme behandelt er nicht. Die aber sind erheblich. Der Unternehmer in seinem Beispiel beschäftigt zehn Arbeit nehmer. Er muss Materialien beschaffen, die spezialisierten Tätigkeiten koordinie ren, den Absatz seiner Stecknadeln sichern und viele andere Dinge mehr tun. Diese Probleme werden von Smith nicht behandelt. Ein gewisses Interesse an unternehmenstheoretischen Fragestellungen könnte man mit den Ausführungen von Smith ( 1 982, S . 620-644) über die Aktiengesellschaft in Zusammenhang bringen. Er steht dieser Institution mit großen Vorbehalten gegen über und zweifelt an ihrer Effizienz. "Nachlässigkeit und Verschwendung in der Ge- 2. Gegenstand der Betriebswirtschaftslehre 1 9 schäftsführung" (a.a.O. , S . 630) sind für ihn wahrscheinlich, wenn Manager über das Geld anderer Leute verfügen. Eine genauere Analyse der entsprechenden Pas sagen macht deutlich, dass man diese Aussagen stark relativieren muss. Smith be schäftigt sich hier vor allem mit den Problemen von staatlich konzessionierten Ge sellschaften. Diese Gesellschaften sind mit den modernen Aktiengesellschaften aber nicht vergleichbar. 2.3.2. Neoklassik Um die Mitte des 1 9 . Jahrhunderts beginnt eine Veränderung des ökonomischen For schungsprogramms, deren Auswirkungen noch bis in unsere Zeit reichen. Die ersten Ökonomen rezipieren die damals verfügbare Mathematik und formulieren die Grund lagen ihrer Disziplin neu: Die Neoklassik beginnt. Von den ersten Arbeiten bis hin zur Allgemeinen Gleichgewichtstheorie in unserer Zeit steht die Markttheorie im Vordergrund. Gefragt wird, unter welchen Bedingungen die "unsichtbare Hand" des Marktes ihre Aufgaben erfüllt. Bei der Untersuchung dieser Frage werden zunächst nur die Differentialrechnung, dann die Theorie beschränkter Optimierungsprobleme und zuletzt das Instrumentarium der Mengenlehre sowie die Unsicherheitstheorie eingesetzt. Im Vordergrund stehen die Fragen nach der Existenz, der Stabilität und den Wohlfahrtseigenschaften von Konkurrenzgleichgewichten. Im Standardfall kennt die neoklassische Markttheorie nur zwei Typen von Akteuren - Unternehmen und Haushalte. Unternehmen kaufen Produktionsfaktoren und trans formieren diese gemäß ihrer technischen Kenntnisse zu Produkten. Die Beziehung zwischen den eingesetzten Faktormengen und den hergestellten Produktmengen wird durch Produktionsfunktionen erfasst. Das Entscheidungsproblem der Unterneh men besteht darin, ihr gewinnmaximales Produktionsprogramm zu bestimmen. Be schränkt wird sie dabei durch ihr technisches Wissen, also durch ihre Produktions funktion. Die Haushalte verfügen über eine Anfangsausstattung an finanziellen Mit teln und erwerben zusätzliche finanzielle Mittel dadurch, dass sie den Unternehmen ihre Arbeitskraft anbieten. Sie können Güter käuflich zu Konsumzwecken erwerben. Entscheidend für ihre Nachfrage ist der Nutzen, den die verschiedenen Konsumgü ter für sie bieten. Der Haushalt muss also über eine Nutzenfunktion über allen mög lichen Konsumgütern verfügen. Das Entscheidungsproblem des Haushalts besteht dann darin, ein nutzenmaximales Konsumgüterbündel zu bestimmen. Beschränkt wird er dabei durch seine endlichen finanziellen Mittel. Wesentlich für die Gleich gewichtsanalyse sind die formalen Eigenschaften von Produktionsfunktionen und von Nutzenfunktionen. Im Kern müssen gewisse Konvexitätsbedingungen erfüllt sein, die abnehmende Skalenerträge bei den Unternehmen und abnehmende Grenznutzen bei den Haushalten garantieren. Wenn diese und andere Bedingungen erfüllt sind, kann die Existenz eines Konkurrenzgleichgewichts belegt werden. Die "unsichtbare Hand" des Marktes führt dann wirklich zu einem gesellschaftlichen Zustand, der im Hinblick auf die Interessen der beteiligten Akteure nicht mehr verbessert werden kann. Das Standardmodell kann um Zeit und Unsicherheit erweitert werden. Kon kurrenzgleichgewichte können auch dann belegt werden. Die Unternehmenstheotie der neoklassischen Markttheorie ist nicht realistisch. Sie will und kann es auch nicht sein. Unternehmen werden bewusst einfach als stili- 20 A.l. Gegenstand und Methoden der Betriebswirtschaftslehre sierte Akteure abgebildet, um den Marktmechanismus zu untersuchen. Die Unter nehmen sind auf eine triviale Funktion begrenzt: Sie müssen, ausgehend von ihrem technischen Wissen, Faktor- und Güterpreise beobachten und dann zur Bestimmung ihres Angebotsverhaltens optimale Produktionspläne berechnen. Eine andere Auf gabe als die, wie eine Optimierungsmaschine zu funktionieren, haben sie nicht. Alle internen Prozesse der Unternehmen sind irrelevant. Erst wenn man eine der Annah men der neoklassischen Markttheorie aufhebt, ist ein komplexeres Konzept der Un ternehmung sowie eine Analyse der internen Prozesse möglich. Auch dieser Tat bestand hat zu einer Vielfalt von Unternehmenstheorien beigetragen. Da man näm lich sehr viele und sehr unterschiedliche Annahmen der neoklassischen Markttheo rie aufheben kann, sind, wie die nachfolgende Entwicklung der ökonomischen Theorie gezeigt hat und nun kurz skizziert werden soll, sehr viele und sehr unter schiedliche "realistischere" Theorien der Unternehmung möglich. 2.3.3. Monopolistische Konkurrenz Etwa um 1930 beginnt eine erste Diskussion um die Notwendigkeit einer Revision der neoklassischen Unternehmenstheorie. Bis zu diesem Zeitraum hatte man in der ökonomischen Theorie im Wesentlichen nur zwei Marktformen diskutiert - die voll kommene Konkurrenz und das Monopol. Im Fall der vollkommenen Konkurrenz müssen die Unternehmen die Preise des Marktes hinnehmen. Ihre Preis-Absatz Funktionen verlaufen horizontal. Ihre Angebotsfunktionen steigen. Im MonopolfaIl stehen die Unternehmen einer fallenden Preis-Absatz-Funktion gegenüber. Ihre An gebotsfunktionen steigen ebenfalls. Vor allem die Annahme steigender Angebots funktionen wurde angesichts der dauerhaft beobachtbaren Vorteile der Massenpro duktion zunehmend problematischer und letztlich unhaltbar. Diese Beobachtungen legten es nahe, die Existenz steigender Skalenerträge und damit auch fallender An gebotsfunktionen der Unternehmen nicht mehr auszuschließen. Mit Marktunvoll kommenheiten und der Möglichkeit monopolartiger Effekte war auch bei Konkur renz zu rechnen. Die Theorie der monopolistischen Konkurrenz führte zwei Modifikationen ein. Sie hob die Annahme homogener Güter auf und ließ heterogene (d. h. ähnliche, aber nicht identische und begrenzt substituierbare) Güter zu. Gleichzeitig schloss man die Möglichkeit steigender Skalenerträge nicht mehr aus. Diese bei den Modifikationen führten zu einer völlig neuen Unternehmenstheorie. Die Unternehmen müssen nun auf Märkten für heterogene Güter mit fallenden Preis-Absatz-Funktionen rechnen. Sie können also eine gewisse Monopolmacht ausüben. Dieser Monopolmacht sind aber enge Grenzen gesetzt, da die Haushalte bei zu hohen Preisen für ein Gut auf ähnliche Güter ausweichen können. Andererseits sind die Unternehmen bei steigen den Skalenerträgen einem nicht unerheblichen Kapazitätsauslastungsrisiko ausge setzt. Sie haben hohe Fixkosten, müssen einen Mindestabsatz erreichen, um Verluste zu vermeiden, und wissen zudem, dass ihre Gewinne mit steigenden Herstellungs und Absatzmengen steigen. Sie müssen deshalb eine aktive Preispolitik betreiben, um einen möglichst hohen und gleichmäßigen Absatz ihrer Produkte zu erreichen. Werbung, Lieferbedingungen, Service, Sortimente mit Nachfrageverbundeffekten und dergleichen werden nun untersucht. Die von Chandler beschriebenen Versuche 2. Gegenstand der Betriebswirtschaftslehre 2 1 von Unternehmen, bei Massenproduktion die Produktion und die Distribution zu in tegrieren, finden auf diesem Weg mit einer zeitlichen Verzögerung von ca. 40 Jahren ihre Behandlung in der ökonomischen Theorie. Methodisch gesehen ist die Theorie der monopolistischen Konkurrenz ein Muster beispiel für die Entwicklung der Unternehmenstheorie in den letzten Jahrzehnten. Zunächst werden einige Annahmen der neoklassischen Markttheorie aufgehoben. Als Folge ergeben sich reichhaltige Konsequenzen für die Unternehmenspolitik. Die Unternehmung ist nun nicht mehr eine weitgehend außengeleitete Optimierungsma schine. Sie ist ein Akteur mit durchaus eigenständigen Problemen, die weit über die Probleme des stilisierten Akteurs der neoklassischen Markttheorie hinausgehen. Diese Probleme werden mit den Instrumenten der Entscheidungstheorie formuliert und gelöst. Diese Entscheidungsprobleme der Unternehmung stehen im Zentrum der modemen betriebswirtschaftlichen Theorie. 2.3.4. Managertheorien Schon am Ende des 19 . Jahrhunderts waren fast alle erfolgreichen Großunternehmen der führenden Wirtschaftsnationen in der Rechtsform einer Aktiengesellschaft mit oft breit gestreuten Anteilen, also in Publikumsaktiengesellschaften, organisiert. Diese Rechtsform war und ist nicht ohne Probleme. A. Smith, dessen skeptische Einschät zung wir oben erwähnt haben, war nicht der Einzige, der massive Zweifel an der Effizienz dieser Institution hatte. Lebhafter wurde die Diskussion um die Aktienge sellschaft, als 1 932 BerZe und Means eine Studie über die amerikanischen Aktien gesellschaften veröffentlichten (vgl. BerlelMeans, 1 932). In der neoklassischen Unternehmenstheorie ist mit der Rechtsform einer Gesell schaft kein Problem verbunden. Der Eigentümer führt das Unternehmen. Er ist also zugleich auch Manager seines Unternehmens. Die Professionalisierung des Manage ments im 19 . Jahrhundert führte zu einer anderen Organisation der Führung von Großunternehmen. Die Anteilseigner bestellen über den Aufsichtsrat, um bei den deutschen Regelungen und Institutionen zu bleiben, den Vorstand einer Gesellschaft. Der Vorstand besteht üblicherweise aus bezahlten Managern. Er führt die Geschäfte. Die Kontrolle des Vorstands kann von den Eigentümern, aber auch von den Banken, potentiellen Käufern, dem Kapitalmarkt, letztlich sogar von den Arbeitnehmern aus geübt werden. BerlelMeans ( 1 932) stellten in ihrer Studie fest, dass die Entscheidungsspielräume der Manager außerordentlich groß geworden waren. Sie fanden vor allem bei Publi kumsaktiengesellschaften wenig Kontrollaktivitäten der Eigentümer. Manager waren zudem an den von ihnen geführten Gesellschaften kaum beteiligt. Aus diesen Be funden schlossen sie darauf, dass es erhebliche Interessenunterschiede zwischen den Eigentümern und den Managern von Aktiengesellschaften geben müsse. Manager würden sich an ihren eigenen Interessen und nicht an den Interessen der Aktienge sellschaft orientieren. Ausgehend von dieser Schlussfolgerung formulierten sie eine Reihe von Vorschlägen zur Reform der Verfassung von Aktiengesellschaften, die allerdings relativ folgenlos blieben. 22 A. l . Gegenstand und Methoden der Betriebswirtschaftslehre Die Studie von Berle und Means ist folgenreich für die theoretische Diskussion, aber auch stets umstritten gewesen. Ihr entscheidender Mangel lag darin, dass die Konflikte zwischen den Eigentümern und den Managern nur behauptet, aber nicht begründet wurden. Außerdem wurde der Einfluss aller anderen Kontrollmechanis men nicht untersucht. Seit den 60er Jahren wurde zunächst das erste Problem, spä ter auch das zweite Problem aufgegriffen. Konflikte zwischen den Eigentümern und den Managern wurden lange Zeit über unterschiedliche Zielfunktionen zu begrün den versucht. Im Lichte der empirischen Befunde aus der damaligen Zeit ging eine Argumentation davon aus, dass Manager ihre Karriereinteressen, auch auf dem Ma nagermarkt, am besten dadurch fördern können, dass sie den Umsatz der Unterneh men notfalls auch zu Lasten der Gewinne maximieren. Gewinnziele spielten dabei nur noch eine Nebenrolle. Als Restriktion wurde eingeführt, dass die Manager einen Mindestgewinn erzielen müssen, um ihre Entlassung zu vermeiden. Eine zweite Ar gumentation ging davon aus, dass die Manager die Wachstumsrate des Unterneh mens maximieren. Als Restriktion galt dabei, dass der Marktwert der Unternehmen so hoch sein müsse, dass er keine Ablösung des Managements oder eine feindliche Übernahme auslöst. Als Begründung wurden wiederum die Eigenschaften des Ma nagerrnarktes angeführt. Eine dritte Argumentation betonte den Einfluss von Aus gaben mit Konsumcharakter für den Manager. Gemeint waren damit Ausgaben für angenehme Arbeitsbedingungen, teure Firmenwagen u. a. m. Manager, so lautete die These, würden diese Ausgaben wegen ihres Konsumcharakters höher disponieren als ein gewinnmaximierender Eigentümer. Der Eigentümer kann dann entweder die entsprechenden Ausgaben kontrollieren oder mit den Ausgaben von anderen Unter nehmen vergleichen. Gemeinsam ist den älteren Beiträgen um die Managertheorien, dass sie einen gro ßen Entscheidungsspielraum der Manager behaupten, Interessenkonflikte mit den Eigentümern annehmen und eine Kontrolle des Managerverhaltens über exogen vor gegebene Restriktionen anstreben. Gemeinsam ist ihnen jedoch auch, dass sie den Einfluss von anderen Mechanismen der Managerkontrolle vernachlässigen. In der Realität ist der Einfluss dieser Mechanismen, wie z. B. die Kontrolle durch die Pro dukt- und Finanzmärkte, Großaktionäre, Wirtschaftsprüfer, Banken, feindliche Über nahmen und dergleichen mehr aber nicht zu vernachlässigen. Diese Mechanismen werden erst in den letzten Jahren genauer untersucht. Vor allem ihr Zusammenwir ken ist noch immer nicht abschließend geklärt. Sicher ist aber aus heutiger Sicht, dass die Entscheidungsspielräume von Managern nicht als so groß angenommen werden dürfen, wie das Berle und Means behauptet haben. Verschwunden sind sie aber sicherlich auch noch nicht. 2.3.5. Behavioral Theory Die "Behavioral Theory (�f the Firm" von Cyert und March weicht in zweifacher Weise von der neoklassischen Unternehmenstheorie ab (v gl. CyertlMarch, 1 963). Sie gibt einmal die Maximierungsthese auf und will zum anderen die internen Ent scheidungsprozesse der Unternehmen untersuchen. Sie ist also um ein realistisches Forschungsprogramm bemüht und kann deshalb als eine Variante des in Teil 2. 1 vorgestellten zweiten Orientierungswegs verstanden werden. 2. Gegenstand der Betriebswirtschaftslehre 23 Cyert und March gehen davon aus, dass alle Menschen kognitiven Beschränkungen unterliegen. Sie können deshalb weder den Gewinn noch sonst eine Zielgröße maxi mieren. Stattdessen gehen sie davon aus, dass Menschen beschränkt rational handeln und nur das Befriedigen von Ansprnchsniveaus anstreben. Aufgabe der Unterneh mensführung ist es unter diesen Bedingungen, die innerorganisatorischen Entschei dungsprozesse zu gestalten. Ziele sind ähnlich wie in den Managertheorien nur noch als Restriktionen relevant. Das Unternehmen wird als "Koalition" aufgefasst, in der verschiedene Gruppen von "Anspruchsberechtigten " Ziele und damit Restriktionen für die Entscheidungen des Vorstands einer Gesellschaft formulieren können. Kurz fristig versucht der Vorstand, die Koalitionsziele über standardisierte Problem lösungsverfahren zu erreichen. Auch diese Verfahren müssen keine optimalen, son dern nur befriedigende Lösungen bewirken. Erst dann, wenn das Erreichen dieser Ziele nicht mehr garantiert werden kann, kommt es zu einer Änderung der standar disierten Verfahren. Methodisch greift man zur Abbildung der Entscheidungspro zesse in Unternehmen auf Simulationstechniken zurück. Der Ansatz von Cyert und March wurde lange Zeit als sehr attraktiv, inzwischen wird er eher skeptisch beurteilt. Ihre Unternehmensmodelle sind außerordentlich komplex, ähnlich komplex wie die abgebildeten Unternehmen selbst. Das begrenzt den möglichen Erkenntnisgewinn. Ähnliches gilt für ihre Strategie der Modellierung von begrenzter Rationalität. Die schlichte Abbildung von menschlichen Entschei dungsverhalten in Modellen begrenzter Rationalität deckt die Ursachen von Rationa litätsdefiziten nicht auf. Sie lässt auch keine Untersuchung der Frage zu, ob die be obachteten Rationalitätsdefizite vermeidbar gewesen sind und gibt keine Hinweise darauf, durch welche organisatorischen Vorkehrungen sie gemindert werden können. Die Untersuchungsergebnisse der experimentellen Wirtschaftsforschung aus den letzten beiden Jahrzehnten haben größere Erkenntnisfortschritte ermöglicht. Ein weiterer Mangel der Theorie von Cyert und March ist darin zu sehen, dass sie den Bezug zur Markttheorie weitgehend aufgegeben haben. Eine Unternehmenstheorie aber, die die Tatsache nicht mehr reflektiert, dass die Unternehmen über ihre Au ßenbeziehungen in Märkte eingebunden sind, kann nicht befriedigen. Der bleibende Verdienst von Cyert und March für die Betriebswirtschaftslehre liegt darin, dass sie einen wesentlichen Beitrag zur Verbindung von Organisationstheorie und Unterneh menstheorie geleistet haben. 2.3.6. Betriebswirtschaftslehre und Unternehmenstheorie Die Betriebswirtschaftslehre ist vor ca. hundert Jahren als eigenständige wissen schaftliche Disziplin an Handelshochschulen und Universitäten entstanden. Lange Zeit hat sie sich mit einzelnen Aspekten ihres Erkenntnisobjektes auseinander ge setzt (vgl. dazu auch Schneider, 1 993, S . 204-288) . Zu ihren ersten Themen gehörte u. a. die Kalkulation von Angebotspreisen und die Bilanzierung bei steigenden Prei sen, also Einzelfragen der Unternehmensführung. Bei den führenden Vertretern der frühen Betriebswirtschaftslehre, vor allem bei Eugen Schmalenbach und Erich Gu tenberg, war allerdings die Verbindung zur Unternehmenstheorie sehr eng. Ihr Blick ging regelmäßig über die Einzelfragen der Unternehmensführung hinaus auf die "Unternehmung als Ganzes " . Die Tatsache, dass Unternehmen in Märkte eingebun- 24 A. l . Gegenstand und Methoden der Betriebswirtschaftslehre den sind, haben sie weitaus stärker als andere Vertreter der Betriebswirtschaftslehre mitbedacht. Bei Schmalenbach sind neben seinen praktischen Erfahrungen die Prägungen durch die frühe Neoklassik wesentlich für sein wissenschaftliches Werk. Häufig greift er auf Anregungen aus der Grenznutzentheorie zurück. Auch die Rückwirkungen von unternehmerischen Entscheidungen auf Märkte werden von ihm diskutiert. Deutlich wird das vor allem in seinem "Wiener Vortrag " (Schmalenbach, 1 928) . Angeregt durch Erfahrungen, die er bei der Arbeit an einem Gutachten zu einer Fusion ge wonnen hatte, geht er in diesem Vortrag den Konsequenzen von steigenden Skalen erträgen nach. Er stellt fest, dass die Stückkosten nach einer beantragten Fusion fallen werden, was, wenn man einmal von zusätzlichen Organisations- und Ver triebskosten absieht, bei steigenden Skalenerträgen zwingend der Fall sein muss. Er zweifelt nicht an der behaupteten Effizienz der Fusion aus der Sicht der Antragstel ler, aber an den behaupteten positiven Folgen für die Konsumenten, weil er die negativen Wettbewerbswirkungen deutlich sieht. Eine vergleichbare Einschätzung der Konzentrationsprozesse bei steigenden Skalenerträgen ist so früh in der Literatur kaum zu finden. Gutenberg ist noch deutlicher als Schmalenbach durch die Entwicklung der Markt theorie geprägt. Das gilt nicht nur für seine schon oben erwähnte Habilitations schrift (Gutenberg, 1 929) und für seine Arbeiten zur Produktionstheorie. Es gilt vor allem für seine Arbeiten zur Absatztheorie, die ganz in der Tradition der Theorie der monopolistischen Konkurrenz stehen (vgl. vor allem Gutenberg, 1 984, S . 238- 272). Die doppelt geknickte Preis-Ab satz-Funktion folgt direkt aus der Annahme heterogener Güter und der Existenz eines Firmenmarktes. Die Bedeutung von Sorti menten, von Informationskosten, von Reputationseffekten und von der Kundenbin dung werden von ihm beispielhaft untersucht. Dass die doppelt geknickte Preis-Ab satz-Funktion mittlerweile auch zum festen Bestand der Mikrotheorie gehört, belegt, dass die Beziehungen zwischen der Volks- und der Betriebswirtschaftslehre auch nicht einseitig, sondern von gegenseitiger Befruchtung geprägt sind. An bei den Beispielen wird deutlich, dass auch die Betriebswirtschaftslehre an der Weiterentwicklung der Unternehmenstheorie ihren Anteil hat. Erfolgreiche Arbeiten von Betriebswirten folgen dem, was hier als Entwicklungs- und Fortschrittsmodell der Unternehmens theorie nachgewiesen wurde: Erst dann, wenn man die Annahmen der neoklassischen Markttheorie aufhebt, kann man einerseits eine aussagekräftige Unternehmenstheorie entwickeln und andererseits gehaltvolle betriebswirtschaftliche Fragestellungen formulieren und lösen. Halten wir fest: Unternehmenstheorie war und ist eine Auseinandersetzung mit der Markttheorie. Gelten die Annahmen der neoklassischen Markttheorie, dann sind we der eine gehaltvolle Unternehmenstheorie noch eine interessante Betriebswirt schaftslehre möglich: Unter diesen Voraussetzungen löst der Markt alle denkbaren Koordinationsprobleme. Wenn allerdings die Annahmen der neoklassischen Markt theorie schrittweise aufgehoben werden, sind eine gehaltvolle Unternehmenstheorie und eine interessante Betriebswirtschaftslehre möglich. Die moderne Unternehmens theorie, der wir uns jetzt zuwenden werden, versucht, genau diesem Weg zu folgen. 2. Gegenstand der Betriebswirtschaftslehre 25 2.4. Grundzüge der modernen Unternehmenstheorie Seit den frühen 70er Jahren gibt es in der ökonomischen Literatur eine Vielzahl von Entwicklungstendenzen, die zu einer Neubelebung der unternehmenstheoretischen Diskussion geführt haben. Wesentliche Elemente dieser Entwicklung waren u. a. Er gebnisse • der Allgemeinen Gleichgewichtstheorie, die nicht nur klärten, unter welchen Bedin gungen Märkte als Koordinationsmechanismen funktionieren, sondern auch zeig ten, unter welchen Bedingungen mit Marktfehlern zu rechnen ist, • der Transaktionskostentheorie, die aufzuzeigen versuchten, wann ein Unternehmen Koordinationsaufgaben internalisiert, • der Theorie der Verfügungsrechte, die den Einfluss unterschiedlicher rechtlicher Arrangements auf die Unternehmen untersuchte, • der Informationsökonomie, die einmal die Bedingungen der Informationsnachfrage von unvollständig informierten Akteuren bei positiven Kosten der Informationsbe schaffung und -verarbeitung untersuchte und zum anderen die Bedeutung von asymmetrischen Informationsverteilungen zwischen Akteuren aufzeigte, sowie • der ökonomischen Vertragstheorie, die mit Hilfe von Prinzipal-Agenten-Modellen zeigte, wie ein unvollständig informierter Prinzipal Verträge mit einem besser in formierten Agenten schreiben kann. Das Unternehmen wird als Folge dieser Entwicklungen nicht mehr nur als eine Op timierungsmaschine oder als eine im Kern technische Veranstaltung zur Realisation von Skalenerträgen gesehen. Sie wird einerseits als ein Koordinationsmechanismus mit einer mehr oder weniger komplexen internen Struktur oder andererseits als ein Vertragssystem aufgefasst, das Koordination und Kooperation zwischen verschiede nen Akteuren mit nicht identischen Interessen sichern soll. Die Entwicklung dieser Unternehmenstheorie ist noch nicht abgeschlossen. Inzwischen liegen aber schon erste Lehrbücher vor, die wesentliche Elemente der jüngeren Unternehmenstheorie darstellen (vgl. vor allem MilgromiRoberts, 1 992; Neus, 2003 und Kräkel, 2004). Die wichtigsten dieser Elemente sollen nachfolgend erläutert werden. Dabei wird jeweils besonderes Gewicht auf die Darstellung der unternehmenstheoretischen Konsequenzen der einzelnen Elemente gelegt. 2.4.1. Märkte und Unternehmen Die neoklassische Markttheorie, vor allem die Allgemeine Gleichgewichtstheorie, hat die Bedingungen geklärt, unter denen ein Konkurrenzgleichgewicht existiert, effi zient und stabil ist. Wenn diese Bedingungen, die hier nicht näher dargestellt wer den sollen, gelten, dann können alle Tauschprozesse einer Ökonomie über den Markt als Koordinationsmechanismus abgewickelt werden. Unternehmen erfüllen dabei nur die oben dargestellten trivialen Funktionen. Wenn die Bedingungen allerdings nicht gelten, dann kann es dazu kommen, dass die Unternehmen weitere Funktionen bei der Koordination wirtschaftlicher Aktivitäten übernehmen und dadurch komplexer werden können. Aus den Ergebnissen der Untersuchungen von Chandler wissen wir, 26 A. l . Gegenstand und Methoden der Betriebswirtschaftslehre dass Unternehmen in der Geschichte oft nur deshalb tätig geworden sind, weil es keine Märkte gab oder weil die existierenden Märkte nicht befriedigend funktionier ten. Zu fragen ist deshalb, unter welchen Bedingungen die Existenz von Konkurrenz gleichgewichten nicht mehr garantiert werden kann oder Konkurrenzgleichgewichte nicht effizient im Sinne des Pareto-Kriteriums sind, also so genannte Marktfehler vorliegen. Die Frage nach den Bedingungen für Marktfehler ist einfach zu stellen, aber schwer zu beantworten. Das liegt zunächst einmal daran, dass alle Bedingungen, die in den mathematischen Analysen der Allgemeinen Gleichgewichtstheorie eingeführt wor den sind, verletzt sein können. Märkte können auf nur eine Weise vollkommen, aber auf sehr unterschiedliche Weisen unvollkommen funktionieren. Akteure können ana log nur auf eine Weise vollständig, aber auf sehr unterschiedliche Weisen unvoll ständig informiert sein. Das, was man unter einem Marktfehler verstehen kann, hängt zudem von dem Erkenntnisfortschritt der Ökonomie ab. Informationsbedingte Marktfehler, wie wir sie in Teil 2.4.4 diskutieren werden, sind z. B. erst seit den frühen 70er Jahren bekannt. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass in der Zu kunft noch weitere Marktfehler "entdeckt" werden. Eine "einfache Liste" von mög lichen Marktfehlern kann man also nicht angeben. Vollständig kann diese Liste auch nicht sein. Außerdem könnte der Fall vorliegen, dass in der Realität noch Einfluss faktoren auf Tauschprozesse wirken, die in der Allgemeinen Gleichgewichtstheorie gar nicht erfasst werden. Auch in diesem Fall wird gelegentlich, wenn auch etwas verwirrend, von Marktfehlern gesprochen. Die Rede von Marktfehlern ist also not wendigerweise unbestimmt und, was hier nicht verschwiegen werden soll, natürlich stets auch Fehlinterpretationen ausgesetzt. Eine pragmatische Variante zur Beantwortung der Frage nach möglichen Marktfeh lern hat Arrow ( 1969) vorgeschlagen. Arrow, ein Nobelpreisträger der Ökonomie, der wesentlich zur Entwicklung der Allgemeinen Gleichgewichtstheorie beigetragen hat, zeigt, dass zwei (Klassen von) Bedingungen wesentlich für mehrere Ergebnisse der Allgemeinen Gleichgewichtstheorie sind und demnach wegen ihrer Implikatio nen als in besonderer Weise wichtig eingeschätzt werden können. Die bei den Be dingungen sind die Konvexitätsbedingung und die Universalitätsbedingung. Die Be dingung der Konvexität fordert u. a., dass die Produktionsfunktionen der Unterneh men die Eigenschaft abnehmender Skalenerträge und die Nutzenfunktionen der Haushalte die Eigenschaft abnehmender Grenznutzen haben müssen, dass keine stochastisch bedingten Größenvorteile bei den Unternehmen vorliegen dürfen und alle Akteure risikoavers sind. Die Bedingung der Universalität fordert u. a., dass alle Produktionsfaktoren, die von den Unternehmen eingesetzt werden, und dass alle Gü ter, die den Nutzen der Haushalte beeinflussen, von den Unternehmen bzw. den Haushalten zu positiven Preisen auf Märkten beschafft bzw. gekauft werden. Daraus folgt, dass es keine externen Effekte geben darf. Die Konvexitätsbedingung ist we sentlich für die Existenz von Konkurrenzgleichgewichten. Die Universalitätsbedin gung sichert die Effizienz von Konkurrenzgleichgewichten im Sinne des Pareto-Kri teriums (vgl. Arrow, 1969) . Damit haben wir aber auch schon einen ersten Hinweis, wie es zu Marktfehlern kommen kann, nämlich dadurch, dass mindestens eine der beiden Bedingungen verletzt wird. 2. Gegenstand der Betriebswirtschaftslehre 27 Konvexitätsprobleme Die Möglichkeit, dass die Konvexitätsbedingung verletzt werden kann, haben wir schon mehrfach angesprochen. Dies ist immer dann der Fall, wenn es zu steigenden Skalenerträgen oder, allgemeiner formuliert, zu Größenvorteilen kommt. Bei steigen den Skalenerträgen fällt die Angebotskurve der Unternehmen. Sinkende Grenzkos ten sorgen bei positiven Preisen dafür, dass das Gewinnmaximum nicht mehr ein deutig bestimmt ist. Formal liegt es bei einer unendlichen Herstellungsmenge. Aber diese Information ist für ein Unternehmen nicht sonderlich hilfreich. Zur Planung seiner Angebotsmenge benötigt es zusätzlich noch Informationen über die Nach frage der Haushalte. Diese Informationen aber stellt das Preissystem bei steigenden Skalenerträgen nicht bereit. Die von Chandler beschriebenen Versuche von Unter nehmen, unter diesen Bedingungen die Produktion und die Distribution zu integrie ren, sind ein unvollkommener Lösungsversuch. Die grundsätzlichen Probleme blei ben. Sie verschärfen sich zudem, wenn alle Anbieter auf einem Markt steigende Skalenerträge realisieren können. Sie verschärfen sich auch, wenn, wofür es für die letzten Jahrzehnte deutliche Anhaltspunkte gibt, der Anteil der Fixkosten an den Gesamtkosten von Unternehmen aus technischen oder sonstigen Gründen zunimmt. Bei Unsicherheit können sich die Probleme wiederum verschärfen. Man stelle sich dazu eine Situation vor, in der die Technologie eines Unternehmen stochastischen Einflüssen ausgesetzt ist. Dann kann es über das Gesetz der großen Zahl ebenfalls zu Größenvorteilen, zu stochastisch bedingten Größenvorteilen, kommen. Außerdem kann es bei Unsicherheit zu Entscheidungsanomalien kommen (vgl. Klose, 1994). Viele empirische und experimentelle Befunde weisen nämlich darauf hin, dass die Annahme von risikoaversem Verhalten der Akteure nicht garantiert werden kann. Das ist offenbar vor allem dann der Fall, wenn die Eintrittswahrscheinlichkeiten be stimmter Risiken klein, die möglichen Schäden aber groß sind. Bei Erdbeben- und Hochwasserrisiken ist dies z. B. festgestellt worden. Als Folge dieser Anomalie ist die Versicherungsnachfrage zu gering. Universalitätsprobleme Zu Verletzungen der Universalitätsbedingung kann es bei externen Effekten kom men. Externe Effekte beruhen darauf, dass Eigentumsrechte unvollständig spezifi ziert sind. Sie können zu nachhaltigen Störungen eines Marktsystems führen. Nega tive externe Effekte liegen z. B . dann vor, wenn ein Unternehmen durch seine Pro duktion die Luft verschmutzt und dafür keinen Preis entrichten muss. Die Herstel lungsmenge dieses Unternehmens wird zu groß ausfallen. Positive externe Effekte kann z. B . ein sorgfältig gepflegter Garten ausüben. Die Nachbarn können sich daran erfreuen, ohne einen Preis für diese Freude zu bezahlen. Als Folge davon werden die Aktivitäten des Gartenfreundes aus gesamtwirtschaftlicher Sicht zu gering aus fallen. Bei Unsicherheit kann es außerdem dazu kommen, dass bedingte Verträge zwischen zwei möglichen Partnern nicht geschrieben werden können, weil die relevanten Um weltzustände nicht genau und vor allem nicht gerichtsfest beschrieben werden kön nen (Beschreibungsproblem) oder weil aus der Sicht eines Vertragspartners nicht un terschieden werden kann, ob das Eintreten eines Umweltzustandes auf die Umwelt 28 A.l. Gegenstand und Methoden der Betriebswirtschaftslehre oder auf die Handlungen seines Vertragspartners zurückzuführen ist (Unterschei dungsproblem). In diesen Fällen kann es möglich sein, dass Verträge, die aus der Sicht der Vertragspartner vorteilhaft wären, nicht abgeschlossen werden und deshalb Wohlfahrtsverluste zu verzeichnen sind. Noch schärfer werden diese Probleme, wenn Märkte nicht zustande kommen, weil sich die Beschreibungs- und Unterscheidungs probleme nicht lösen lassen. Dann verstärken sich auch die möglichen Wohlfahrts verluste. Varianten Die beiden Bedingungen, die Konvexitätsbedingung und die Universalitätsbedin gung, sind sehr allgemein formuliert. Sie decken deshalb auch eine Reihe von Va rianten ab. Eng verwandt mit dem Problem von steigenden Skalenerträgen ist das Problem der Monopohnacht. Häufig beruht es darauf, dass es einem Anbieter gelingt, die Vorteile der Massenproduktion schneller als andere zu realisieren. In diesem Fall gibt es zu wenig Anbieter auf dem Markt, um die Vorteile des Wettbewerbs zu nut zen. Der Monopolist bietet dann seine Waren über dem Gleichgewichtspreis an, was die Wohlfahrt seiner Kunden negativ beeinflusst. Das Problem der Nicht-Existenz von Märkten (missing markets) kann auch unabhängig von externen Effekten allein wegen der Beschreibungs- und der Unterscheidungsprobleme auftreten. Die nega tiven Konsequenzen bleiben aber. Letztlich kann es auch noch zu einer Reihe von Informationseffekten kommen, die in Teil 2.4.4 behandelt werden. Konsequenzen Wenn Marktfehler vorliegen, sind sehr viele und sehr unterschiedliche Konsequen zen denkbar. Marktfehler können einmal dauerhaft werden, weil sie entweder nicht bemerkt werden oder weil es keine Möglichkeiten zu ihrer Kompensation gibt. Marktfehler können auch Anlass zur Entwicklung von Konventionen und Normen sein. Denkbar sind aber auch Staatseingriffe entweder durch direktes staatliches Handeln oder durch die Schaffung einer neuen bzw. durch die Änderung einer be stehenden Rechtsordnung. Letztlich können unter den Bedingungen von Marktfeh lern auch Unternehmen aktiv werden, die im Gegensatz zu den Unternehmen der neoklassischen Markttheorie nicht mehr allein mit mehr oder weniger einfachen Op timierungsaufgaben befasst sind. Ein einfaches Beispiel mag die Entstehung von nicht trivialen Unternehmen verdeut lichen. Ein Unternehmen benötige für seine Produktion einen bestimmten Produk tionsfaktor in bestimmten Mengen, in einer bestimmten Qualität und über einen län geren Zeitraum hinweg zu bestimmten Zeitpunkten. Ist der Produktionsfaktor nicht verfügbar, erleide es große Verluste. Das Unternehmen kann diesen Produktionsfak tor aber nur bei einem einzigen Lieferanten, also bei einem Monopolisten, beschaf fen. Eine Lösungsmöglichkeit besteht nun darin, dass sich das Unternehmen und der Lieferant auf einen langfristigen Liefervertrag einigen. Das allerdings ist bei Un sicherheit nicht einfach und nicht billig. Es ist zudem wahrscheinlich, dass ein voll ständiger Vertrag, das ist ein Vertrag, der für alle denkbaren Zustände über den gesamten Vertragszeitraum alle Rechten und Pflichten der beiden Vertragsparteien eindeutig regelt, nicht geschrieben werden kann. Dann ist es denkbar, dass das Un ternehmen den Lieferanten aufkauft, um die Vertragsprobleme zu vermeiden. Die 2. Gegenstand der Betriebswirtschaftslehre 29 Befunde von Chandler zeigen, dass es in der Geschichte relativ häufig zu einer sol chen Form der vertikalen Integration gekommen ist. Unternehmen vermeiden unter diesen Bedingungen den Markt als Koordinationsmechanismus und internalisieren Koordinationsaufgaben. Üblicherweise tun sie das so, dass ihre Teiltätigkeiten nach einer Integration mehr oder weniger starke Verbundeffekte aufweisen. Dies führt dann zu den von Chandler auch schon empirisch nachgewiesenen Komplementari tätseffekten zwischen den Teiltätigkeiten eines Unternehmens . Nach der Integration stehen die Unternehmen aber zusätzlichen Koordinationsaufgaben gegenüber, die zu zusätzlichen internen Transaktionskosten oder zu zusätzlichen Organisationskosten führen. Dieses einfache Beispiel macht deutlich, warum die Unternehmen in der jüngeren Literatur gelegentlich als marktfehlerkompensierende Institution bezeichnet werden. Es macht aber auch deutlich, dass die Kompensation eines Marktfehlers nicht kosten los geschieht. Später wird dann noch in Teil 2.4.4 gezeigt werden, dass die Unter nehmen als Koordinationsmechanismen selbst nicht frei von Funktionsstörungen sein können. Analog zu Marktfehlern kann man dann von Organisationsfehlern reden. Halten wir fest: Unternehmen mit nicht trivialen Funktionen können entstehen, wenn Märkte nicht existieren oder unbefriedigend funktionieren. Unternehmen inter nalisieren dann mehrere Tätigkeiten oder Tätigkeitsfelder. Diese Tätigkeiten müssen koordiniert werden, was mit Kosten verbunden ist. Unternehmen funktionieren zu dem als Koordinationsmechanismus nicht immer perfekt. Wie bei allen anderen denkbaren Koordinationsmechanismen können sie fehlerhaft sein. Im nächsten Ab schnitt werden die hier relevanten Kosten behandelt. 2.4.2. Transaktionskosten Die Transaktionskostentheorie geht auf Arbeiten von Coase und Williamson zurück (vgl. Coase, 1938 und Williamson, 1 975 und 1 985) . Coase ging von einer einfachen und unscheinbaren Frage aus. Er wollte wissen, warum es überhaupt nicht triviale Unternehmen in einem marktwirtschaftlich verfassten Wirtschaftssystem gibt. Seine Antwort lässt sich einfach darstellen. Wenn es in einer Ökonomie nur triviale Unter nehmen gäbe, dann hätten diese Unternehmen alle hohe Kosten für die Durchfüh rung von Transaktionen zu tragen. Kosten würden zunächst einmal für die Anbah nung von Transaktionen bei der Suche nach Partnern, der Suche nach Preisen und ähnlichem anfallen. Wenn sich zwei oder mehr Partner gefunden hätten, müssten sie gegebenenfalls zusätzliche Kosten für die Vereinbarung von Leistung und Gegen leistung aufbringen. Wenn Leistung und Gegenleistung von den Vertragsparteien er bracht worden sind, könnten Kosten für die Kontrolle von Leistung und Gegenleis tung anfallen. Bei langfristigen Verträgen und bei neuen UmweItentwicklungen könnten Kosten für die Anpassung der Verträge und bei Vertragsstörungen Kosten für die Durchsetzung der Ansprüche vor Gericht oder in außergerichtlichen Verhand lungen zu tragen sein. Wenn die Akteure nur den Markt als Koordinationsmechanis mus verwenden können, fallen diese Transaktionskosten zwischen Unternehmen an. Man kann sie deshalb als Kosten für die Nutzung des Marktmechanismus oder als externe Transaktionskosten bezeichnen. 30 A. l . Gegenstand und Methoden der Betriebswirtschaftslehre Wenn, so lautet die These von Coase, die externen Transaktionskosten hoch sind, dann werden findige Unternehmen prüfen, wie sie diese Kosten vermeiden können. Ein Weg zur Vermeidung von externen Transaktionskosten besteht darin, dass die findigen Unternehmer nicht triviale Unternehmen schaffen, in denen sie mehrere Teiltätigkeiten vereinen und koordinieren. Dies führt allerdings zu internen Trans aktionskosten oder Organisationskosten. Findige Unternehmer werden ihre Aktivi täten ausweiten, solange die internen unter den externen Transaktionskosten liegen. Sie werden zudem dauerhaft bemüht sein, die internen Transaktionskosten niedrig zu halten. Der wesentliche Unterschied zwischen der neoklassischen Markttheorie und den Überlegungen von Coase liegt also darin, dass Coase von positiven Trans aktionskosten ausgeht. Auch hier finden wir also wieder die bekannte Vorgehens weise: Eine Annahme der neoklassischen Marktheorie wird aufgehoben. In der Folge ergibt sich ein reichhaltiges Konzept eines Unternehmens mit einer durchaus komplexen Binnenstruktur. Im nächsten Schritt kann man jetzt fragen, wovon die Höhe der Transaktionskos ten abhängt. Wenn man diese Frage nicht beantworten kann, dann droht die Ge fahr, dass man jede empirische Beobachtung über eine Form der Abwicklung einer Transaktion ohne nähere Begründung durch die Höhe von Transaktionskosten zu er klären versucht. Der Informationsgehalt solcher Erklärungen ist allerdings gering. Aus diesem Grund ist es nur zu verständlich, dass man in der Literatur mehrere Versuche findet, Einflussfaktoren auf die Höhe der Transaktionskosten zu unterschei den. Hier sollen nur einige wichtige Punkte vorgetragen werden (vgl. dazu Mil gromiRoherts, 1992, S . 30-33) . Spezifität Die Spezifität einer Investition ist die Differenz zwischen dem Wert einer Investi tion in einer geplanten Transaktion zu dem Wert der Investition in der nächstbesten Verwendung des durch die Investition beschafften Vermögensgutes. Beispiel 3 macht die Bedeutung einer spezifischen Investition an einem sehr einfachen Beispiel klar. Im Fall (a) ist der Zulieferer kaum gefährdet. Erhält er den Auftrag nicht, dann muss er einen Nachteil erdulden. Aber der hält sich in Grenzen. Im Fall (b) aller dings sieht die Situation ganz anders aus. Hier kann der Zulieferer einen erheb lichen Schaden erleiden, wenn er den Auftrag nicht erhält. Er wird nur dann bereit sein, die Investition zu tätigen, wenn er mit großer Wahrscheinlichkeit davon aus gehen kann, dass er den Auftrag auch erhält. Unter bestimmten Umständen wird ihm selbst das nicht ausreichen. Falls er nämlich befürchten muss, dass der Abneh- Beispiel 3: Die spezifische Investition eines Zulieferers Ein Zulieferer möchte einen Auftrag von einem Abnehmer erhalten. Für die sen Auftrag müsste er eine zusätzliche Maschine beschaffen. Wenn er den Auftrag erhält, dann sei der Kapitalwert der Investition 100. Wenn er den Auftrag nicht erhält, dann sei der Kapitalwert der Investition im Fall (a) 95 und im Fall (b) 5 . 2. Gegenstand der Betriebswirtschaftslehre 3 1 mer über die Preise nach verhandeln wird, wenn er die Investition erst einmal getä tigt hat, wird er in den Vertrag mit dem Abnehmer noch weitere Sicherungsmecha nismen einbauen wollen. Verträge, vor allem langfristige Verträge, zwischen einem Zulieferer und einem Abnehmer führen deshalb oft zu hohen Transaktionskosten. Die berechtigte Sorge des Zulieferers um den Wert seiner Investition könnte aller dings durch eine Beteiligung des Abnehmers an den Investitionsausgaben oder dem Unternehmen des Zulieferers gemindert werden. Eigenkapitalbeteiligungen an den Unternehmen ihrer wichtigsten Zulieferer halten vor allem größere japanische Un ternehmen. Deutlich wird aber auf jeden Fall, dass bei einer hoch spezifischen Inves tition der Investor ein Sicherungsinteresse hat, das sein Vertragspartner berücksich tigen muss. Häufigkeit Transaktionen können unterschiedlich häufig auftreten. Ein kleines Unternehmen wird z. B. nur selten Mitarbeiter einstellen. Die Einrichtung einer besonderen Perso nalabteilung lohnt sich nicht. Möglicherweise wird es aber die Leistungen eines Personal vermittlers in Anspruch nehmen. In einem großen Unternehmen wird sich die Einrichtung einer Personalabteilung eher lohnen. Die Mitarbeiter dieser Abtei lung können Spezialisierungsvorteile realisieren und zudem den spezifischen Nach fragebedingungen ihres Unternehmens Rechnung tragen. Außerdem bietet sich hier die Möglichkeit, langfristige Aufgaben, wie die Personalentwicklung, an die Perso nalabteilung zu delegieren. Die Häufigkeit von Transaktionen kann also einen we sentlichen Einfluss auf die Wahl der Organisationsform haben. Umweltunsicherheit Bei vielen Transaktionen ist der Einfluss der Unsicherheit nicht erheblich. Wenn sich z. B . ein Akteur auf dem Weg zu seiner Arbeitsstätte eine Zeitung kauft, dann wird dies kaum von exogener Unsicherheit beeinflusst. Außerdem kann man davon ausgehen, dass Käufer und Verkäufer über ähnliche Informationen bezüglich der Qualität der Zeitung verfügen. Ganz anders ist die Situation bei komplexen Leistun gen, wie etwa dem Bau einer Fabrik im Ausland oder einem langfristigen Vertrag zwischen einem Lieferanten und einem Abnehmer. In solchen Fällen kennen die Vertragsparteien zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses oft noch nicht alle relevan ten Informationen. Kostenabweichungen, die keine der beiden Parteien zu vertreten hat, sind ebenso möglich wie Umweltentwicklungen, die keine der beiden Parteien hat vorhersehen können. In solchen Situationen sind vollständige Verträge nicht möglich. Notwendig sind oft komplexe Rahmenverträge, die Rechte und Pflichten der beiden Parteien möglichst genau regeln, oder Anreizverträge, die sicherstellen müssen, dass beide Parteien auch bei nicht vorhergesehenen Umweltentwicklungen ihren Pflichten nachkommen. Die Transaktionskosten solcher Arrangements sind aber auf jeden Fall nicht zu vernachlässigen. Qualitätsunsicherheit Bei vielen Transaktionen ist ein Partner mit dem Problem konfrontiert, dass er die Qualität der Leistung seines Vertragspartners nicht ohne weiteres beurteilen kann. 32 A. l . Gegenstand und Methoden der Betriebswirtschaftslehre Wenn ein Automobilunternehmen Verschleißteile, wie z. B. Dichtungsringe, von sei nen Lieferanten bezieht, mögen zwar Tests möglich sein. Häufig stellt sich ein Mangel aber erst nach einer Dauerbelastung ein, die im Test nicht zu simulieren ist. Noch schwieriger ist die Situation, wenn es gar keinen Test gibt, die Leistung des Partners also gar nicht gemessen werden kann. Auch bei Qualitätsunsicherheit wird man Anreizverträge schreiben können. Das Automobilunternehmen könnte etwa sei nen Lieferanten in Abhängigkeit von der Fehlerrate bezahlen. Einfach ist eine sol che Lösung aber auch nicht, da sich beide Unternehmen dann auch auf ein nicht manipulierbares Verfahren zur Messung der Fehlerrate einigen sowie Fremdeinflüsse ausgeschlossen sein müssen. Verbundeffekte Transaktionen können häufig nicht isoliert und für sich allein abgewickelt werden. Wenn ein Automobilhersteller ein neues Auto entwickeln will, dann muss er dafür sorgen, dass alle Komponenten des Autos aufeinander abgestimmt werden. Ein star ker Motor macht wenig Sinn, wenn nicht gleichzeitig das Fahrgestell, die Bremsen und andere Komponenten auf die Motorleistungen bezogen werden. Einzelne Tätig keiten lassen sich in einem solchen Fall kaum isoliert messen und beurteilen. Not wendig erscheint in solchen Fällen, wie die Befunde von Chandler über Komple mentaritätseffekte gezeigt haben, eine laufende hierarchische Koordination und Kontrolle, also besondere organisatorische Fähigkeiten. Die Transaktionskostentheorie ist in der Betriebswirtschaftslehre inzwischen sehr prominent und beliebt geworden. Sie wird häufig und bei sehr unterschiedlichen Problemen herangezogen. Dieser Erfolg sollte aber den Blick auf ihre Grenzen nicht verstellen (vgl. Milgrom/Roberts, 1 992, S . 33-35 und Terberger, 1994) . Zunächst ist einmal kritisch darauf zu verweisen, dass sich die Transaktionskosten nicht von den anderen Kosten eines Unternehmens trennen lassen. Das gilt vor allem für die Pro duktionskosten. Jede Organisationsform wirkt gleichzeitig auf beide Kostenbereiche, auf die Produktionskosten und auf die Transaktionskosten. Kostenvergleiche setzen zudem voraus, dass die Erträge eines Unternehmens in bei den Vergleichsalternativen gleich sind und deshalb vernachlässigt werden dürfen. Auch das ist oft nicht der Fall. Transaktionskosten sollten, wie alle anderen Kosten in der Kostenrechnung ei nes Unternehmens, zu Opportunitätskosten angesetzt werden. Die aber sind gerade für Transaktionen oft nicht bekannt und zudem schwer zu schätzen. Transaktions kostentheoretiker setzen oft auf die Effizienz von bilateralen Verhandlungen, wenn z. B . Verträge zwischen zwei Parteien ausgehandelt werden müssen. Das aber ist sehr riskant, da bilaterale Verhandlungen häufig scheitern. Außerdem laden sie zu strategischem Verhalten ein, das von den Transaktionskostentheoretikern selten the matisiert wird. Am problematischsten aber erscheint, dass Transaktionskostentheo retiker regelmäßig von der Effizienz beobachtbarer Institutionen ausgehen. Die Effi zienz von Institutionen kann aber sicherlich nicht allein dadurch begründet werden, dass man auf ihre Existenz verweist. Zudem sollten vor allem Wirtschaftswissen schaftler die Existenz von ineffizienten oder dysfunktionalen Institutionen nicht im Voraus ausschließen, wie ein Blick auf die Geschichte ihres Gegenstands zeigt. 2. Gegenstand der Betriebswirtschaftslehre 33 2.4.3. Verfügungsrechte Lange Zeit ging man in der ökonomischen Theorie davon aus, dass allein die physi schen Eigenschaften von Gütern Nutzen stiften können. Diese Vorstellung ist in den letzten Jahrzehnten durch die Theorie der Verfügungsrechte erweitert worden (vgl. Ricketts, 2002) . Diese betont die Rechte von Akteuren, über Güter verfügen zu kön nen. Üblicherweise unterscheidet man • das Recht, ein bestimmtes Gut zu nutzen, • das Recht, ein Gut zu verändern, • das Recht, die Früchte aus einem Gut zu tragen, und • das Recht, das Gut zu veräußern. Verfügungsrechte von Akteuren können durch die Rechtsordnung, aber auch durch Verträge begrenzt werden. Ein Besitzer eines Grundstücks darf nicht beliebige Ver anstaltungen auf seinem Grundstück durchführen. Das begrenzt sein Nutzungsrecht. Möglicherweise darf er auch nicht beliebig Gebäude auf dem Grundstück errichten. Das begrenzt sein Veränderungsrecht. Wenn er das Grundstück nicht an einen Kon zertveranstalter vermieten darf, kann er einen bestimmten Vorteil nicht realisieren. Und wenn er Auflagen beim Verkauf zu beachten hat, ist sein Veräußerungsrecht begrenzt. Aus ökonomischer Sicht kann der Wert eines Gutes als der Wert aller Rechte verstanden werden, die der Eigentümer realisieren kann. Ein grundsätzliches Problem von Verfügungsrechten haben wir schon im Zusam menhang mit externen Effekten angesprochen. Es gibt Güter, wie z. B. die Luft, aber auch die Wirkung eines gepflegten Gartens auf Dritte, für die keine Eigen tumsrechte spezifiziert sind. Ein weiteres Problem ergibt sich aus der Tatsache, dass die Verfügungsrechte in unterschiedlicher Weise auf Personen verteilt sein können. Drei Fälle kann man unterscheiden. Im ersten Fall sind private Verfügungsrechte ge geben. Ein einzelner Akteur hat alle Verfügungsrechte gegenüber einem Gut. Alle Handlungen, die durch die Rechtsordnung nicht verboten bzw. erlaubt sind, kann er dann durchführen. Im zweiten Fall liegen gemeinschaftliche Verfügungsrechte vor. Nehmen wir an, fünf Freunde pachten zusammen ein bestimmtes Jagdgebiet, haben aber keine weiteren Vereinbarungen getroffen. Gerade bei diesem Beispiel sieht man, dass es jetzt zu einer zusätzlichen Komplikation kommen kann. Grundsätzlich hat jeder der fünf Freunde das Recht zu jagen. Wenn aber jeder der fünf Jäger sein Recht in unbegrenzter Weise nutzt, dann kann es dazu kommen, dass der Wildbe stand zu sehr gemindert wird und kein Jäger mehr sein Recht realisieren kann. Lös bar ist das Problem durch einen Übergang zu einem privaten Verfügungsrecht. Ein Jäger pachtet dann das Jagdgebiet und verkauft einzelne Jagdrechte an die anderen Jäger. Denkbar ist aber auch, dass die Jäger ein Verfahren finden, wie sie die er laubte oder bestandsschützende Jagdquote gemeinsam verteilen. Dies führt aber schon zum nächsten Fall. Im dritten Fall liegen kollektive Verfügungsrechte vor. Wenn eine bestimmte Personengruppe nur zusammen über ein bestimmtes Recht verfügen kann, liegt dieser Fall vor. Üblicherweise setzt die Verfügung hier eine kollektive Entscheidung (oder Gruppenentscheidung) der Berechtigten voraus. Das Beispiel der Aktiengesellschaft macht deutlich, dass die Besitzer eines kollektiven 34 A. l . Gegenstand und Methoden der Betriebswirtschaftslehre Verfügungsrechts ihr Recht auch an eine andere Person oder eine Gruppe von Per sonen delegieren kann. Für die Unternehmenstheorie sind mehrere Konsequenzen aus der Theorie der Ver fügungsrechte wichtig. Zunächst einmal kann man schon aus den bisherigen Aus führungen lernen, dass das fundamentale Konzept des Eigentums recht kompliziert ausgestaltet sein kann. Letztlich wichtig sind aber jene Verfügungen, die ein Akteur tatsächlich über ein bestimmtes Wirtschaftsgut treffen kann. Eingeschränkt werden die Verfügungen einmal durch die Rechtsordnung, aber auch, wie die Forschung in den letzten Jahren betont, durch vertragliche Bindungen, die ein Verfügungsberech tigter eingegangen ist. Die verbleibenden Rechte kann man als die residualen Kon trollrechte bezeichnen. Sie bestimmen den Wert eines Gutes. Außerdem ist für den Eigentümer noch wichtig, dass er das Recht hat, ein Gut auch zu verkaufen. Der jenige Überschuss, der nach Abzug seiner Kosten verbleibt, wird als residuales Ein kommen bezeichnet. Der Alleineigentümer eines Unternehmen ist ein residualer Einkommensbezieher. Bei ihm liegen aber auch die residualen Kontrollrechte. In diesem Fall kann man davon ausgehen, dass er nachhaltig um den Wert seines Ver mögens bemüht sein wird. Wenn die residualen Kontrollrechte von dem Recht auf das residuale Einkommen getrennt werden, sind schwächere Anreizwirkungen zu er warten. Die Publikumsaktiengesellschaft wird häufig als ein Beispiel für diesen Fall genannt. 2.4.4. Informationsökonomie Die neoklassische Markttheorie ging lange Zeit davon aus, dass alle Akteure voll ständig und symmetrisch informiert sind. Vollständig heißt bei Unsicherheit, dass die Akteure alle Handlungsalternativen, alle Umweltzustände, deren Eintrittswahrschein lichkeiten und die Ergebnisse kennen. Symmetrisch heißt, dass bei jeder Transaktion alle Beteiligten über die gleichen Informationen verfügen. Beide Annahmen sind in den 70er Jahren und danach aufgehoben worden. Die Diskussion über die Konse quenzen dieser Modifikationen hält noch an. Hebt man die Vollständigkeitsannahme auf, dann gelangt man zu dem vor allem von Laux entwickelten Informationswert kalkül (vgl. Laux, 1 982, S . 28 1-3 14) . Hebt man die Symmetrieannahme auf, dann muss man sich mit den Problemen von asymmetrischen Informationsverteilungen auseinander setzen (vgl. Milgrom/Roherts, 1992, S . 1 25-165) . Dabei weiß jeweils eine Marktseite oder ein Vertragspartner etwas, was die andere Seite oder der an dere Partner nicht weiß. Informationswertkalkül Beim Informationswertkalkül geht man davon aus, dass ein unvollständig informier ter risikoneutraler Akteur einem Entscheidungsproblem bei Unsicherheit gegenüber steht. Dieser Akteur überlegt, ob er zusätzliche Informationen beschaffen und ver arbeiten soll. Gegeben seien die Handlungsalternativen, die Umweltzustände, die a priori-Wahrscheinlichkeiten der Umweltzustände und die Ergebnisse. Der Akteur kann dann die optimale Alternative a* nach dem Erwartungswertkriterium bestim men. Jetzt fragt sich der Akteur, ob er zusätzliche Informationen beschaffen soll. 2. Gegenstand der Betriebswirtschaftslehre 35 Dies ist wiederum ein Entscheidungsproblem bei Unsicherheit. Dessen Lösung kann man wie folgt skizzieren. Gegeben sei mindestens ein Informationssystem. Informa tionssysteme erzeugen unsichere Nachrichten. Sie können durch Likelihoods be schrieben werden. Likelihoods erfassen den stochastischen Zusammenhang zwi schen den Nachrichten m eines Informationssystems und den Umweltzuständen s . Mit den a priori-Wahrscheinlichkeiten und den Likelihoods können die Nachrichten wahrscheinlichkeiten und die a posteriori-Wahrscheinlichkeiten nach dem Theorem von Bayes berechnet werden. Je Nachricht m ist dann die Alternative a m mit dem maximalen bedingten a posteriori-Erwartungswert zu berechnen. Gewichtet man diese Erwartungswerte mit den Nachrichtenwahrscheinlichkeiten, erhält man den a posteriori-Erwartungswert eines Informationssystems. Der Wert der Information er gibt sich dann als nicht negative Differenz zwischen dem a posteriori-Erwartungs wert des Informationssystems und dem a priori-Erwartungswert. Er kann als maxi male Zahlungs bereitschaft eines Akteurs für ein bestimmtes Informationssystem, also als Grenzpreis, verstanden werden. Letztlich ist dann noch der Informations wert mit den als bekannt unterstellten Kosten des Informationssystems zu verglei chen. Erst dieser Vergleich entscheidet die Frage, ob der Akteur die Informationsbe schaffungsaktivität durchführt. Der Informationswertkalkül analysiert den Prozess der Revision von Wahrschein lichkeitsurteilen. Er führt aus mehreren Gründen dazu, dass ein Akteur neue Infor mationen nicht reibungslos in neue Entscheidungen umsetzt. Bei der Informations verarbeitung treten also Trägheitseffekte auf. Ein erster Trägheitseffekt ergibt sich über die Eigenschaften von Informationssystemen. Informationssysteme, für die die a posteriori-Wahrscheinlichkeiten gleich den a priori-Wahrscheinlichkeiten sind, be ruhen auf Nachrichten, die von den Umweltzuständen stochastisch unabhängig sind. Sie werden als Nullinformationssysteme oder als uninformative Informationssysteme bezeichnet. Uninformative Informationssysteme sind wertlos. Wenn es informative Informationssysteme gibt, kann allerdings nicht darauf geschlossen werden, dass ein rationaler Akteur solche Informationssysteme auch beschafft. Wenn nämlich alle Nachrichten eines solchen Informationssystems dazu führen, dass die Alternativen a m mit den maximalen bedingten a posteriori-Erwartungswerten mit der a priori optimalen Alternative a* übereinstimmen, wenn also kein bedingter Alternativen wechsel durch die Nachrichten bewirkt wird, dann ist das informative Informations system ebenfalls wertlos. Es würde von einem rationalen Akteur nicht beschafft werden, was wiederum zu Trägheit führt. Der letzte Trägheitseffekt ist ein trivialer Kosteneffekt. Wenn ein Informationssystem informativ und wertvoll ist, also zu mindestens einem durch seine Nachrichten bedingten Alternativenwechsel führt, dann kann der Wert dieses Informationssystems noch immer kleiner als seine Kos ten sein. Ein rationaler Akteur wird auch in diesem Fall auf die Beschaffung neuer Informationen verzichten. Der Informationswertkalkül macht also deutlich, dass man die Annahme vollständi ger Information aufheben kann. Er geht davon aus, dass ein Akteur unvollständig informiert ist. Offen bleibt, wie es zu unvollständiger Information gekommen ist. Gefragt wird nur, ob die Beschaffung zusätzlicher Informationen sinnvoll ist. Aus inhaltlichen Gründen wird diese Frage auf die Beschaffung von zusätzlichen Infor mationen über das Wahrscheinlichkeitsurteil eines Akteurs begrenzt. Unter diesen 36 A.l. Gegenstand und Methoden der Betriebswirtschaftslehre Voraussetzungen wird gezeigt, wie man den Wert zusätzlicher Informationen be rechnen kann. Dieser Wert muss dann noch mit den als bekannt unterstellten Kosten der Informationsbeschaffung verglichen werden. Es kann aus mehreren Gründen dazu kommen, dass es nicht zur Beschaffung neuer Information kommt. Die Infor mationsverarbeitung eines Akteurs ist dann träge. Die ursprünglichen Informationen wirken für die Informationsverarbeitung wie ein Lock-in-Effekt: Sie sind eine Bar riere, die durch den Neuigkeitsgehalt neuer Informationen erst überwunden werden muss. Mangelnde Anpassung an neue Umweltentwicklungen, aber auch mangelnde Innovationsfähigkeit können die Folge sein. Asymmetrische Informationsverteilungen Bei der Analyse von asymmetrischen Informationsverteilungen betrachtet man stets zwei Seiten einer Transaktion. Dann kann es sein, dass eine Seite etwas weiß, was die andere Seite nicht weiß. Der Verkäufer einer Ware kann z. B. die Qualität seiner Waren oft besser als der Käufer beurteilen. Die Versicherung kann den Gesundheits zustand ihrer Kunden nicht genau beurteilen. Die Kunde kennen ihn aber oft besser. Eine Verschärfung der Situation liegt dann vor, wenn jede Seite einer Transaktion etwas weiß, was die andere Seite nicht weiß. So kennt z. B. ein Arbeitsplatzbewer ber seine Fluktuationsneigung besser als ein Arbeitgeber. Andererseits kennt der Ar beitgeber die tatsächlichen Arbeitsbedingungen besser als der Arbeitsplatzbewerber. Die Folgen einer asymmetrischen Informationsverteilung können sehr vielfältig, gelegentlich sogar schwerwiegend sein. Grundsätzlich besteht bei asymmetrischer Informationsverteilung stets die Gefahr, dass der besser informierte Akteur seine In formationen zu verbergen oder falsch darzustellen versucht, wenn dies seinen Inter essen dient. Das zwingt den schlechter Informierten entweder zur Beschaffung zusätzlicher Informationen oder zu dem Versuch, den besser Informierten zur Auf deckung seiner privaten Informationen zu veranlassen. Da diese Aktivitäten mit Kosten verbunden sind, kann es bei asymmetrischer Informationsverteilung stets zu Wohlfahrtsverlusten kommen. Versuche zur Lösung des Problems können aber auch scheitern. Noch größere Wohlfahrtsverluste sind dann möglich. Mehrere Fälle kön nen bei asymmetrischer Information unterschieden werden. Die wesentlichen Merk male und die Lösungsmöglichkeiten dieser Fälle sollen nun dargestellt werden. Adverse Selektion Zu adverser Selektion kann es kommen, wenn eine Seite etwas weiß, die andere Seite nichts oder auch nur weniger weiß und die schlechter informierte Seite keine weiteren Informationen beschaffen kann. Im schlimmsten Fall kann dann eine für viele Akteure vorteilhafte Tauschbeziehung gar nicht erst zustande kommen. In Bei spiel 4 sind die wesentlichen Voraussetzungen für adverse Selektion erfüllt. Die Versicherungsnehmer können ihr individuelles Risiko relativ gut beurteilen, die Ver sicherungsgesellschaft nicht. Wichtig ist zudem, dass einige der besser Informierten keinen Anreiz haben, ihre privaten Informationen aufzudecken. Das sind im Bei spiel die Versicherungsnehmer mit den höheren Risiken. Die Versicherungsnehmer mit geringen Risiken haben dagegen einen Anreiz, ihre privaten Informationen auf zudecken. Ihren Versuchen, Informationen zu übertragen, wird die Versicherungs- 2. Gegenstand der Betriebswirtschaftslehre Beispiel 4: Adverse Selektion bei einer Versicherung Man betrachte das Beispiel einer Versicherung. Alle potentiellen Versiche rungsnehmer kennen ihr individuelles Risiko. Die Versicherungsgesellschaft habe über die individuellen Risiken keine Informationen. Sie kann sich nach Auswertung öffentlich verfügbarer Informationen allein am Durchschnitts risiko der potentiellen Versicherungsnehmer orientieren. Sie biete nun einen Versicherungsvertrag an, dessen faire Prämie sich am Durchschnittsrisiko orientiere. Diejenigen potentiellen Versicherungsnehmer, die genau wissen, dass sie zu den guten Risiken gehören, müssen sich nun überlegen, ob sie das Angebot der Versicherung annehmen. Die Informationsprobleme des Versiche rungsunternehmens führen für sie zu einem Nachteil. Sie werden durch die Durchschnittskalkulation genauso behandelt wie die potentiellen Versiche rungsnehmer mit hohen Schadenswahrscheinlichkeiten und hohen Schäden. Sie können zu dem Ergebnis kommen, dass die Prämie für sie zu hoch ist und den Versicherungsvertrag nicht annehmen. Dann aber verschlechtert sich das verbleibende Risikokollektiv. Das Versicherungsunternehmen muss die Prämie erhöhen. Weitere potentielle Versicherungsnehmer werden den Vertrag nicht annehmen. Am Ende verbleiben im schlimmsten Fall nur noch die potentiel len Versicherungsnehmer mit den höchsten Risiken. Wenn deren Anzahl aber nicht ausreicht, um die Fixkosten des Versicherungsunternehmens zu decken, kommt kein Versicherungsvertrag zustande. 37 gesellschaft aber kaum glauben, da sie zwischen den unterschiedlichen Risikotypen nicht unterscheiden kann und deshalb damit rechnet, dass alle Versicherungsnehmer sagen werden, dass sie zu den guten Risiken gehören. Adverse Selektion wirkt vor vertraglich: Wegen der asymmetrischen Informationsverteilung kommen vorteilhafte Verträge nicht zustande. Alle beteiligten Akteure erleiden dann einen Nachteil in der Form eines Wohlfahrtsverlusts. Die Gefahr von adverser Selektion kann ein Unternehmen unter Handlungszwang setzen, wie Beispiel 5 zeigt (vgl. dazu MilgromiRoberts, 1992, S. 154) . Das Unter nehmen wird die Entlassungsmaßnahme auch dann wählen, wenn es die Lohnsen- Beispiel 5: Personalpolitische Zwänge bei Gefahr von adverser Selektion Ein Unternehmen sei in einer Krise. Die Diagnose der Krise habe eindeutig ergeben, dass die Lohnkosten gesenkt werden müssen. Zwei Maßnahmen wer den erwogen - eine Lohnsenkung für alle Arbeitnehmer und eine gezielte Entlassung einiger Arbeitnehmer. Wenn das Unternehmen die Löhne senkt, dann kann das dazu führen, dass die guten Arbeitnehmer das Unternehmen verlassen und am Ende nur die schlechten Arbeitnehmer verbleiben. Das würde zu adverser Selektion führen. Bei gezieIten Entlassungen ist das nicht zu befürchten. 38 A.l. Gegenstand und Methoden der Betriebswirtschaftslehre kung eigentlich vorzieht. Die Gefahr von adverser Selektion wird allerdings gemin dert, wenn die guten Arbeitnehmer über viel betriebs spezifisches Humankapitalver fügen und/oder ihre Qualität einem anderen Arbeitgeber nicht gut belegen können. In diesen Fällen ist für sie ein Wechsel zu einem anderen Unternehmen nicht ohne weiteres möglich. Signalisieren Bei der Darstellung des Problems der adversen Selektion haben wir schon gesehen, dass es bei asymmetrischen Informationsverteilungen immer verschiedene Gruppen von Akteuren mit unterschiedlichen Interessen gibt. Es gab • die besser Informierten, die ein Interesse an der Aufdeckung ihrer privaten Infor mationen hatten, • die besser Informierten, die kein Interesse an der Aufdeckung ihrer privaten In formationen hatten, und • die schlechter Informierten, deren Handlungsmöglichkeiten wir erst später analy sieren werden. Die besser Informierten sind, allgemeiner gesprochen, von unterschiedlicher Quali tät, im einfachsten Fall von guter oder von schlechter Qualität. Sie gehören zu un terschiedlichen Typen. Gute Qualität kann in den Analysen von asymmetrischen Informationsverteilungen Unterschiedliches bedeuten, beispielsweise ein geringes Risiko eines potentiellen Versicherungsnehmers oder eine geringe Fluktuationsbe reitschaft eines Arbeitnehmers. Die besser Informierten von guter Qualität haben oft ein Interesse daran, ihre Qua lität aufzudecken. Alle Maßnahmen, die sie dazu ergreifen, nennt man Signalisieren. Signalisieren ist allerdings nicht ganz einfach. Es muss das berechtigte Misstrauen der schlechter Informierten überwinden. Aus deren Sicht kann nämlich jeder be haupten, dass er von guter Qualität sei. Wenn die besser Informierten von guter Qualität ihre privaten Informationen aufdecken wollen, müssen sie also ein Signal setzen, dessen Erwerb ihnen Kosten verursacht und überprütbar ist. Zudem müssen üblicherweise zwei Bedingungen gelten: 1. Die besser Informierten von guter Qualität müssen einen Anreiz haben, das Si gnal wirklich zu setzen. 2. Für die besser Informierten von schlechter Qualität muss das Setzen des Signals zu teuer sein. Man kann sich diese Zusammenhänge gut am Beispiel des Erwerbs von Bildungs zertifikaten verdeutlichen. Arbeitsplatzbewerber wissen, dass Arbeitgeber über ihre Qualität schlecht informiert sind. Sie kennen allerdings ihre eigene Qualität. Die Arbeitsplatzbewerber von guter Qualität versuchen deshalb bei positiven privaten Kosten, ein Bildungszertifikat zu erwerben. Das Signalisieren kann allerdings nur dann gelingen, wenn die Arbeitsplatzbewerber von schlechter Qualität das Zertifikat nicht oder nur mit schlechteren Noten oder nur mit längeren Ausbildungszeiten er werben können. Dann kann aus der Sicht der schlechter informierten Arbeitgeber ein Separieren der guten von den schlechten Qualitäten möglich werden. Vorausset zung für das Signalisieren allerdings ist, dass die besser Informierten genau wissen, 2. Gegenstand der Betriebswirtschaftslehre 39 was die schlechter Informierten nicht wissen, und dass sie ein geeignetes Signal er werben können. Umgekehrt müssen die schlechter Informierten wissen, was sie nicht wissen und das Signal für aussagekräftig halten. Bemerkenswert ist hier zu dem, dass der Erwerb von Bildungszertifikaten eine positive Wirkung auch dann hat, wenn Bildung die Produktivität der Arbeitnehmer nicht erhöht. Prüfen (Screening) Unter Prüfen versteht man alle Maßnahmen, die die schlechter Informierten ergrei fen können, um ihr Informationsdefizit abzubauen. Grundsätzlich gibt es dazu zwei Möglichkeiten: Sie können testen oder eine Selbstselektion induzieren. Testen setzt zunächst einmal voraus, dass es aussagekräftige Testverfahren gibt, die von den schlechter Informierten eingesetzt werden können. Testen ist zudem mit Kosten ver bunden. Die oben behandelten Trägheitseffekte können auch beim Testen auftre ten. Ein weiteres Problem ist möglich - das Problem der Aneignung oder auch der Appropriation der Testerträge. Man betrachte dazu wiederum das Beispiel einer schlecht informierten Versicherungsgesellschaft. Diese Gesellschaft habe unter ho hen Kosten einen perfekten Test entwickelt. Perfekt heißt in diesem Zusammen hang, dass von den Testergebnissen mit Sicherheit auf die tatsächliche Qualität der potentiellen Versicherungsnehmer geschlossen werden kann. Die Versicherungsge sellschaft testet und bietet allen Teilnehmern mit positivem Testergebnis einen Ver trag an. Wenn die Konkurrenten der Versicherungsgesellschaft die Testqualität ken nen, können sie allen Testpersonen mit positiven Testergebnissen einen günstigeren Vertrag anbieten und die gesamten Testkosten sparen. Wenn die erste Versicherungs gesellschaft dies antizipiert und keinen Ausweg findet, wird sie auf die Entwicklung des Tests verzichten. Testen ist also auch dann, wenn aussagefähige Tests existieren, kein unproblematisches Instrument der Informationsbeschaffung. Das Induzieren von Selbstselektion kann als die Kunst der schlechter Informierten beschrieben werden, gezielte Fragen an die besser Informierten so zu stellen, dass diese mit der Beantwortung der Fragen ihre privaten Informationen aufdecken. So kann ein Unternehmen z. B. einem Bewerber für eine Managerposition entweder einen Vertrag mit hohem Fixgehalt und einem geringen Prämienanteil oder einen Vertrag mit geringerem Fixgehalt und einem höheren Prämienanteil anbieten. Aus der Beantwortung dieser Frage kann das Unternehmen dann Rückschlüsse auf die Leistungsmotivation und die Risikobereitschaft des Bewerbers ziehen. Verfahren der Selbstselektion gehen also wiederum davon aus, dass die schlechter Informierten wissen, was sie nicht wissen. Außerdem nutzen sie die Idee, dass die Antworten auf bestimmte Fragen Informationen übertragen können. Moral Hazard Das Problem des Moral Hazard geht auf Erfahrungen von Versicherungsunterneh men zurück. Es kann wie folgt vereinfacht dargestellt werden. Eine Versicherung bietet für ein bestimmtes Risiko Versicherungsschutz an. Das Risiko sei bisher noch nicht versichert. Das Versicherungsunternehmen kalkuliert die Prämien unter der An nahme, dass die potentiellen Versicherungsnehmer nach dem Erwerb des Versiche rungsschutzes weiterhin Eigenvorsorge betreiben. Die Versicherungsnehmer aber 40 A.l. Gegenstand und Methoden der Betriebswirtschaftslehre reduzieren ihre Eigenvorsorge, nachdem sie den Versicherungsschutz erworben ha ben, weil ihr Risiko jetzt versichert ist. Das wiederum erhöht die Schadenshöhe und/oder die Schadenswahrscheinlichkeit und beeinträchtigt die Prämienkalkulation der Versicherung. Vorausgesetzt wird dabei, dass die Versicherung die Handlungen der Versicherungsnehmer nicht beobachten kann. Man beachte, dass die Versiche rung die Anreize einer Versicherung auf das Verhalten der Versicherungsnehmer in diesem Beispiel nicht antizipiert hat. Man kann in diesem Fall auch von einer feh lerhaften Kalkulation sprechen. Das "moralische Risiko" hat demnach wenig mit der Moral der Versicherungsnehmer, dafür aber viel mit ihren Anreizen zu tun. Moral Hazard bezieht sich also auf asymmetrische Informationsverteilungen nach einem Vertragsabschluss . Es ist immer dann möglich, wenn mindestens eine der beiden Seiten nach Vertragsabschluss eine ineffiziente Handlungsweise ergreift, die von der anderen Seite nicht oder auch nur schlecht beobachtet werden kann. Die handelnde Seite muss dann nicht alle Konsequenzen ihrer Handlungen tragen. Mo ral Hazard-Effekte kann es in sehr vielen Variationen geben. Die reduzierte Eigen vorsorge eines Versicherungsnehmers, die Leistungszurückhaltung eines Arbeitneh mers, das übervorsichtige Investitionsverhalten von Managern, aber auch die risiko verlagernden Handlungen eines Fremdkapitalnehmers sind nur einige Beispiele von vielen. Gegen Moral Hazard kann die gefährdete Seite sehr unterschiedliche Maß nahmen ergreifen. Zunächst einmal kann sie eine Kontrolle durchführen. Das ist in allen unseren Beispielen möglich. Sie kann auch das Einsetzen von Pfändern verlan gen. Pfänder können z. B. in Arbeitsverträgen am Anfang eines Vertrages in der Form einer Eintrittsgebühr (up front bonds), am Ende eines Vertrages in der Form einer Abfindung (back front bonds) oder über die Vertragsdauer in der Form von steilen Lohnprofilen (between front bonds) gestellt werden. In jeder Variante führt ein Fehlverhalten des Arbeitnehmers dazu, dass er sein Pfand verliert. Handelt er aber stets vertragsgemäß, erhält er sein Pfand nach Ablauf des Vertrages in voller Höhe zurück. Eine letzte Möglichkeit besteht darin, dass die schlechter informierte Seite mit der besser informierten Seite einen Anreizvertrag schreibt. Solche Verträge werden im nächsten Abschnitt behandelt. 2.4.5. Verträge Die ökonomische Analyse von Vertragsbeziehungen geht im einfachsten Fall davon aus, dass ein Prinzipal einen Agenten mit der Durchführung einer Aufgabe betraut. Bei Sicherheit sind damit keine Komplikationen verbunden. Bei Unsicherheit muss das Risiko zwischen den beiden Akteuren aufgeteilt werden. Bei asymmetrischer Informationsverteilung kann es zu einem Moral Hazard-Problem kommen: Der Prin zipal muss durch das Setzen geeigneter Anreize sicherstellen, dass der Agent seine privaten Informationen nicht gegen seine Interessen nutzt. Formal wird die Auf tragsbeziehung mit dem Prinzipal-Agenten-Modell untersucht. Prinzipal-Agenten Modelle gibt es mittlerweile in unübersichtlicher Vielfalt. Im Folgenden werden zu nächst die wesentlichen Elemente des Standardmodells von Auftragsbeziehungen dargestellt und dann einige Varianten skizziert. 2. Gegenstand der Betriebswirtschaftslehre 4 1 Standardmodell Gegeben sei ein risikoneutraler Prinzipal, der einen risikoaversen Agenten mit der Durchführung einer Aufgabe betraut. Der Agent kann das unsichere Ergebnis durch seinen Arbeitseinsatz beeinflussen. Bei höherem Arbeitseinsatz treten die günstige ren Ergebnisse mit größerer Wahrscheinlichkeit ein. Den Arbeitseinsatz des Agenten kann der Prinzipal nicht beobachten. Die Ergebnisse hängen nicht nur vom Arbeits einsatz des Agenten, sondern auch von dem eintretenden Umweltzustand ab. Das führt zu einem gravierenden Rückschlussproblem für den Prinzipal : Er kann von dem Ergebnis nicht auf den Arbeitseinsatz des Agenten schließen. Hohe Ergebnisse können die Folge von einem hohen Arbeitseinsatz, aber auch von günstigen Um weltentwicklungen sein. Niedrige Ergebnisse können die Folge von einem geringen Arbeitseinsatz, aber auch von ungünstigen Umweltentwicklungen sein. Der Prinzi pal maximiert seinen Erwartungsnutzen über dem Nettoergebnis. Das Nettoergebnis ergibt sich aus der Differenz zwischen dem (Brutto-)Ergebnis und den zustands abhängigen Löhnen. Der Agent maximiert seinen Erwartungsnutzen über den zu standsabhängigen Löhnen, die wiederum von seinem Arbeitseinsatz abhängen. Der Prinzipal hat unter diesen Bedingungen ein beschränktes Optimierungsproblem zu lösen. Seine Ziel funktion haben wir schon beschrieben. Er muss nun aber noch zwei Nebenbedingungen beachten. Zunächst einmal muss er dem Agenten einen Vertrag anbieten, der für diesen zu einem Erwartungsnutzen führt, der mindestens so hoch wie der Nutzen seiner Außenoption ist. Die Außenoption ergibt sich aus dem Verzicht des Agenten auf die nächstbeste Beschäftigung. Sie beschreibt also die Opportunitätskosten des Agenten. Diese Nebenbedingung heißt die Teilnahme bedingung. Die zweite Nebenbedingung ist die Anreizkompatibilitätsbedingung. Sie ist der eigentliche Kern des Prinzipal-Agenten-Modells . Der Prinzipal hat zu beden ken, dass der Agent den Erwartungsnutzen seiner zustandsabhängigen Löhne unter Berücksichtigung seines Arbeitsleids maximieren wird. Er muss also die Interessen unterschiede zwischen ihm und dem Agenten erfassen. Dazu ist er gezwungen, weil er den Arbeitseinsatz des Agenten nicht beobachten kann. Wenn diese Nebenbedin gung bindet, wovon im Allgemeinen auszugehen ist, dann ist der optimale Vertrag bei asymmetrischer Informationsverteilung im Vergleich zu einem optimalen Vertrag bei symmetrischer Informationsverteilung mit einem Wohlfahrtsverlust verbunden. Lösungen des Prinzipal-Agenten-Modells sind unter allgemeinen Bedingungen nicht immer zu erreichen. Deshalb sind in der Literatur eine Vielzahl von Vereinfachun gen vorgetragen worden. Einige Effekte sind aber in den meisten Lösungen zu fin den. Typisch ist zunächst einmal der Konflikt zwischen der Risikoteilung und dem Setzen von Anreizen. Wenn der Prinzipal den Agenten nicht zustandsabhängig ent lohnt, beteiligt er ihn auch nicht am Risiko. Dann allerdings hätte der Agent keinen Anreiz, einen hohen Arbeitseinsatz zu realisieren. Entlohnt der Prinzipal den Agen ten zustandsabhängig, dann muss er ihm auch eine Risikoprämie bezahlen. Dafür hat der Agent aber auch einen Anreiz, einen hohen Arbeitseinsatz zu realisieren. Wichtig ist zudem, dass der Prinzipal alle informativen Signale über den Arbeitsein satz des Agenten in den Vertrag aufnimmt. Das führt dazu, dass die Lösungen von Prinzipal-Agenten-Modellen recht komplex werden können. Genau an dieser Tatsa che ist Kritik geübt worden. In der Realität lassen sich nämlich nur selten Verträge 42 A.l. Gegenstand und Methoden der Betriebswirtschaftslehre beobachten, die von ähnlicher Komplexität wie die optimalen Lösungen des Stan dardmodells sind. Nicht zuletzt diese Kritik hat zur Formulierung einer Reihe von Varianten geführt, die jetzt kurz skizziert werden sollen. Varianten Im Standardmodell dauert die Zusammenarbeit zwischen einem Prinzipal und einem Agenten nur eine Periode. Das ist unrealistisch. In der Realität geht die Zusammen arbeit oft über mehrere Perioden. Die Annahme von nur einer Periode ist aber auch aus inhaltlichen Gründen problematisch. Sie dramatisiert die Gefahren, die aus dem Moral Hazard-Problem folgen. Wenn ein Agent nämlich nur eine Periode mit sei nem Prinzipal zusammenarbeitet, dann kann der Prinzipal aus einem möglichen Fehlverhalten des Agenten kaum Konsequenzen ziehen. Bei langfristig angelegten Beziehungen ändert sich das (vgl. Schauenberg, 199 1). Jetzt muss der Agent damit rechnen, dass seinem heutigen Verhalten Konsequenzen in der Zukunft folgen wer den. Fehlverhalten kann in der Zukunft aufgedeckt und sanktioniert werden. Die Un sicherheit über die Qualität des Agenten baut sich über die Zeit ab. Die oben er wähnten Rückschlussprobleme des Prinzipals mindern sich mit jeder Ergebnisreali sation. Der Prinzipal muss jetzt allerdings auch neue Probleme lösen. Zunächst ein mal wird er sich nicht mehr darauf beschränken können, für jede Periode einen eigenen Lohn zu bestimmen. Er wird Folgen von Periodenlöhnen, also Lohnprofile, zu gestalten haben. Die Barwerte dieser Lohnprofile stehen für ihn im Vordergrund, nicht mehr die einzelnen Periodenlöhne. Üblicherweise steigen die Lohnprofile. Die Löhne des Agenten steigen also mit der betrieblichen Verweildauer. Steigende Lohn profile wirken wie Pfänder und mindern damit die Wahrscheinlichkeit eines Fehlver haltens des Agenten. Außerdem wird aus der Sicht des Prinzipals nun das Alter des Agenten bzw. die Restlaufzeit des Vertrages relevant. Wenn der Agent kurz vor dem Ausscheiden aus dem Unternehmen steht, sinken die soeben aufgezeigten Vorteile langfristiger Beziehungen. Es drohen Endspieletfekte, die mit anderen Mitteln, etwa mit Betriebsrenten oder durch gezielte Kontrollen, gelöst werden müssen. Der Prinzipal hat, wie gesagt, stets ein Interesse daran, zusätzliche Informationen zu beschaffen. Diese Aufgabe kann er selbst durchführen. Er kann aber auch Dritte einsetzen. Dann entstehen mehrstufige Beziehungen zwischen dem Prinzipal, einem Dritten und dem Agenten. Zwei Möglichkeiten bieten sich an - das Überwachen (monitoring) und das Prüfen (auditing). Überwachen liegt dann vor, wenn der Prin zipal einen Supervisor einsetzt, der den Agenten kontrollieren soll. Um dies zu ver deutlichen, nehmen wir an, dass der Agent einen unsicheren Produktivitätsparameter (etwa den Zustand einer Maschine) gut, der Supervisor den Parameter etwas schlechter und der Prinzipal den Parameter gar nicht beobachten kann. Der Agent beobachtet den Parameter und wählt dann seinen Arbeitseinsatz. Der Supervisor be obachtet den Agenten und benachrichtigt den Prinzipal. Der Prinzipal kann gegebe nenfalls die Nachrichten des Supervisors kontrollieren und muss die Löhne für den Agenten sowie den Supervisor festlegen. Dabei kann er auf Informationen über das Ergebnis und auf die Nachrichten des Supervisors zurückgreifen. In dieser Situation muss der Prinzipal bedenken, dass es zwischen dem Agenten und dem Supervisor zu Absprachen (oder allgemeiner zu einer kollusiven Koalitionsbildung) kommen kann. Wenn der Prinzipal dies verhindern will , dann muss er den Lohn für den 2. Gegenstand der Betriebswirtschaftslehre 43 Supervisor so bestimmen, dass der keinen Anreiz mehr hat, die Koalition einzuge hen. Formal führt das für den Prinzipal zu einer weiteren Nebenbedingung, zu einer Anti-Koalitionsbedingung. Prüfen liegt dann vor, wenn der Prinzipal den Agenten zur Mitteilung des Ergebnisses verpflichtet, der Agent das Ergebnis bestimmt und der Prinzipal Dritte damit beauftragt, die Bestimmung des Ergebnisses zu kontrol lieren. Zur Verdeutlichung betrachte man die Eigentümer einer Aktiengesellschaft als Prinzipal, den Vorstand als Agenten, eine Prüfungsgesellschaft als dritte Partei und den Bilanzgewinn als Ergebnis . Auch für diesen Fall wird man eine Koalitions bildung zwischen Vorstand und Prüfungsgesellschaft nicht ausschließen können. Eine weitere Variante ergibt sich dann, wenn der Prinzipal mehrere Agenten beschäf tigt. Das führt zu einer neuen Komplikation. Neben der Unsicherheit wirken nun die Arbeitseinsätze aller Agenten zusammen auf das Ergebnis . Der Prinzipal kann aber oft nur das Ergebnis beobachten und deshalb die Arbeitseinsätze seiner Agenten nicht mehr unterscheiden. In dieser Situation muss der Prinzipal mit Freifahrer- oder Trittbrettfahrereffekten rechnen. Alle Agenten könnten ihren Arbeitseinsatz reduzie ren. Eine erste Lösung dieses Problems geht davon aus, dass der Prinzipal zu For men der hierarchischen Kontrolle greifen muss, um einen ausreichend hohen Ar beitseinsatz seiner Agenten zu sichern. Vertrags theoretische Lösungen setzen dage gen an Entlohnungsformen an. Wenn der Prinzipal Informationen über den Arbeits einsatz bei Abwesenheit von Trittbrettfahrereffekten hat, kann er die Entlohnung seiner Agenten über eine Sollvorgabe so miteinander verbinden, dass diese mit ihrem Arbeitseinsatz nicht mehr nur ihren eigenen Lohn, sondern auch den aller anderen Agenten beeinflussen. Vorteilhaft kann sich die Tatsache auswirken, dass der Prinzi pal seine Agenten miteinander vergleichen und dadurch interne Wettbewerbseffekte zwischen seinen Agenten induzieren kann. Dazu sind absolute Leistungsvergleiche, bei denen die Leistung der Agenten exakt gemessen wird, nicht notwendig . Relative Leistungsvergleiche, bei denen die Leistungen der Agenten nur in eine Rangordnung gebracht werden müssen, reichen hin. Das hat vor allem den Vorteil, dass Umwelt entwicklungen, die auf die Ergebnisse aller Agenten wirken, herausgefiltert werden. Nachteilhaft aber ist, dass die Agenten bei relativen Leistungsvergleichen ihre Posi tion auch durch kontraproduktive Tätigkeiten, z . B. durch Versuche, die Vorgesetzten zu beeinflussen oder durch eine Behinderung anderer Agenten, verbessern können. Außerdem könnte es auch hier zu Koalitionsproblemen kommen. Denkbar ist auch der Fall mit mehreren Prinzipalen, die einen Agenten einsetzen. Das kann explizit geschehen, wenn mehrere Eigentümer einen Geschäftsführer be schäftigen. Es kann aber auch, wenn man an die Beziehungen mehrerer Kunden zu einem privaten ArbeitsvermittIer denkt, nur impliziter Natur sein. Probleme entste hen sicherlich dann, wenn die Prinzipale unterschiedliche Ziele haben und/oder über unterschiedliche Informationen verfügen. Zudem muss bei expliziten Beziehungen auch geklärt werden, wie die Kontrolle des Agenten erfolgen soll. Hier kann sich nicht jeder Prinzipal darauf verlassen, dass ein anderer kontrolliert. Der Fall einer Publikumsaktiengesellschaft, deren Anteile im Streubesitz gehalten werden, mag zur Veranschaulichung dienen. Hier kann ein klassisches Freifahrerproblem entstehen, wenn alle Eigentümer keinen ausreichenden Anreiz haben, die Kosten der Kontrolle zu tragen. Die Delegation der Kontrollaufgabe an eine Teilmenge von Anteilseig nern, etwa an den Aufsichtsrat, ist eine denkbare Lösungsmöglichkeit. Eine andere 44 A.l. Gegenstand und Methoden der Betriebswirtschaftslehre Lösung kann darin liegen, die Kontrollaufgabe an Dritte, etwa an eine Prüfungs gesellschaft, zu delegieren. Von bei den Lösungsmöglichkeiten wird man nicht zu viel erwarten dürfen. Ein Prinzipal kann aber auch den Wunsch haben, dass sein Agent mehrere Aufgaben erfüllen soll. Man betrachte dazu den Fall, dass ein Arbeitnehmer • dann, wenn eine Maschine läuft, produzieren soll, • dann, wenn die Maschine defekt ist, reparieren soll und • außerdem noch andere Arbeitnehmer in der Bedienung der Maschine unterweisen soll. Nach der Tinbergen-Regel benötigt dieser Prinzipal für seine drei Anreizziele auch drei Mittel. Er muss also drei Leistungsmaße einsetzen und drei Prämienparameter bestimmen. Die Bestimmung der Parameter ist kein triviales Problem. Man kann dies wie folgt veranschaulichen. Der Prinzipal wird die Parameter so bestimmen wollen, dass sie im Hinblick auf seine Ziele eine möglichst große Wirkung entfal ten. Der Agent aber wird seine Arbeitszeit so auf die drei Teilaufgaben verteilen, dass ein möglichst gutes Verhältnis zwischen Prämie und Arbeitsleid entsteht. Wenn der Prinzipal also eine Fehlsteuerung der Zeitallokation des Agenten verhindern will, wird er genaue Informationen über das Arbeitsleid des Agenten bei den drei Teilaufgaben benötigen. Zusätzliche Probleme entstehen dann, wenn einige der Teil aufgaben nur schwer messbar sind. Das gilt in unserem Beispiel insbesondere für die dritte Aufgabe. Diese Überlegungen machen deutlich, dass Prinzipal-Agenten Probleme bei mehreren Aufgaben nur schwer lösbar sind. Letztlich bietet sich dem Prinzipal aber noch eine weitere Lösungsmethode an. Er kann die Aufgaben seiner Agenten so gestalten, dass die hier aufgezeigten Probleme verschwinden oder zu mindest gemindert werden. Eine letzte Variante wird in der jüngsten Zeit verstärkt diskutiert. Sie bezieht sich auf externe Wettbewerbseffekte. Oben haben wir kurz interne Wettbewerbseffekte betrachtet. Sie liegen dann vor bzw. sind dann möglich, wenn ein Prinzipal Wett bewerb zwischen seinen Agenten induziert. Externe Wettbewerbseffekte können sich dann ergeben, wenn man mehrere Prinzipale mit jeweils einem Agenten betrachtet. Ein Prinzipal kann dann seinen Agenten durch einen Anreizvertrag zu intensiverem Wettbewerbsverhalten anregen. Die Lösungen solcher Modelle sind allerdings nicht sonderlich robust. Sie hängen sehr stark von der unterstellten Wettbewerbssituation, von der Informationsverteilung und von den Beobachtungsmöglichkeiten ab. 2.4.6. Die interne Organisation der Unternehmen Die theoretischen Entwicklungen aus den letzten 30 Jahren, die wir in diesem Teil dargestellt haben, findet man heute fast in allen Teilen der Betriebswirtschaftslehre. Sie haben mit dazu beigetragen, dass sich die Vorstellungen von dem Unternehmen als dem Gegenstand der betriebswirtschaftlichen Theorie nachhaltig geändert haben. Als Folge dieser Entwicklungen ist das Unternehmen nicht mehr nur eine Optimie rungsmaschine. Es ist auch mehr als eine Produktionsfunktion, die das technische Wissen eines Unternehmers abbildet. Es ist weitaus komplexer. 2. Gegenstand der Betriebswirtschaftslehre 45 Die Unternehmen der modemen Betriebswirtschaftslehre sind in Marktzusammen hänge eingebettet. Die Märkte, auf denen sie handeln, sind mehr oder weniger voll kommen. Finanzmärkte gelten als relativ vollkommen, Beschaffungs-, Produkt- und Arbeitsmärkte als relativ unvollkommen. Die Unternehmen müssen zunächst einmal festlegen, welche Tätigkeiten sie internalisieren und wie spezifisch ihre Investitio nen sind. Das setzt voraus, dass sie über spezifische Fähigkeiten verfügen, und führt dazu, dass ihre Tätigkeiten mehr oder weniger starken Komplementaritätseffekten unterliegen. Die Handhabung dieser Komplementaritätseffekte entscheidet wesent lich über ihren Erfolg. Die Handlungen von Unternehmen können in Außen- und in Innenhandlungen unterschieden werden. Außenhandlungen sind unmittelbar auf Märkte, Innenhandlungen sind auf die Gestaltung der internen Organisation und nur mittelbar auf Märkte bezogen. Bei der Gestaltung von Außen- und Innenhandlungen nützen die Unternehmen Verträge. Diese Verträge sind regelmäßig unvollständig. Vollständig ist ein Vertrag dann, wenn alle Parteien für alle Umweltzustände bin dende, notfalls auch vor Gericht durchsetzbare Vereinbarungen über ihre Rechte und Pflichten sowie über Kosten- und Nutzenaufteilungen treffen. Solche Verträge sind nur dann möglich, wenn die Vertragsparteien alle Umweltzustände kennen, keine der Parteien das Eintreten dieser Umweltzustände beeinflussen kann, alle Beschrei bungs- und Unterscheidungsprobleme gelöst werden können, keine Partei jemals ein Interesse am Abweichen von den getroffenen Vereinbarungen haben wird und zu dem Nachverhandlungen ausgeschlossen sind. Diese Voraussetzungen sind aus meh reren Gründen nicht erfüllt. Unternehmen können nicht alle zukünftigen Umweltzu stände vorhersehen. Mit ex post-Überraschungen (das sind Umweltzustände, deren Eintreten nicht vorhergesehen wurde oder nicht vorhergesehen werden konnte) und mit asymmetrischen Informationsverteilungen ist stets zu rechnen. Die Beschrei bungs- und Unterscheidungsprobleme sind nicht immer lösbar. Um hohe Trans aktionskosten zu vermeiden, müssen Verträge oft vereinfacht werden. Letztlich sind auch schlichte Fehler bei der Vertragsgestaltung nicht auszuschließen. Bei unvoll ständigen Verträgen sind die Unternehmen einem Verhaltensrisiko ausgesetzt. Sie wissen nicht, wie sich ihre Partner dann verhalten werden, wenn nicht kontrahierte Umweltzustände eintreten. Das macht deutlich, dass Unternehmen nicht nur Ent scheidungsprobleme lösen müssen. Sie sind auch mit Problemen der strategischen Interaktion mit ihren Partnern konfrontiert. Sie müssen also auch spieltheoretische Probleme lösen (vgl. Schauenberg, 1995) . Außerdem werden, wie gezeigt, bei un vollständigen Verträgen Verfügungsrechte relevant. Gerade in nicht kontrahierten Umweltzuständen sind die residualen Kontrollrechte wesentlich. Die interne Organisation von Unternehmen ist unter diesen Bedingungen zunächst einmal mit dem Problem der Informationsverarbeitung konfrontiert. Die oben be schriebenen Trägheitseffekte sind dabei zu erwarten. Außerdem ist die Zusammen arbeit von oft vielen Akteuren zu gestalten. Dabei lassen sich Probleme der Ko ordination und der Kooperation unterscheiden (vgl. Föhr, 1997) . Koordinationspro bleme ergeben sich dadurch, dass die Handlungen aller Organisationsmitglieder in sachlicher, räumlicher und zeitlicher Hinsicht aufeinander abgestimmt werden müs sen. Sie sind oft nicht eindeutig zu lösen, da es regelmäßig mehrere gleich oder ähnliche gute Koordinationsgleichgewichte gibt. Koordinationsfehler können dann dadurch entstehen, dass entweder kein Gleichgewicht oder ein dominiertes Gleich- 46 A.l. Gegenstand und Methoden der Betriebswirtschaftslehre gewicht realisiert wird. Kooperationsprobleme ergeben sich dadurch, dass die Hand lungen aller Organisationsmitglieder bei unterschiedlichen Interessen und Informa tionen auf ein gemeinsames Ziel hin abgestimmt werden müssen. Dieses Problem ist im Normalfall nur dadurch zu lösen, dass der Organisationsgestalter die Hand lungsspielräume der Organisationsmitglieder im Hinblick auf die legitimierten Orga nisationsziele begrenzt. Unternehmen haben zu diesem Zweck oft komplexe orga nisatorische Vorkehrungen zu treffen, die im Wesentlichen an der Delegation von Teilaufgaben, an den notwendigen Anreizen zur Aufgabenerfüllung und an der Kon trolle der Aufgaben orientiert sind. Die Entwicklung der modernen Unternehmenstheorie ist sicherlich noch nicht ab geschlossen. Mehrere Fragen, die in diesem Teil angesprochen wurden, sind noch offen. Das gilt u. a. für die Konsequenzen von spezifischen Investitionen, vor allem für spezifische Humankapitalinvestitionen, für die Analyse von Komplementaritäts effekten, für das Konzept der organisatorischen Fähigkeiten, für das Lernen von Or ganisationen und für die Fragen der Unternehmenskontrolle. Aber das konzeptionelle Rüstzeug der modernen Betriebswirtschaftslehre ist mittlerweile so weit entwickelt, dass auch zu diesen Fragen bald bessere Antworten gefunden werden sollten. 3. Methoden der Betriebswirtschaftslehre 3.1. Die Unübersichtlichkeit der betriebswirtschaftlichen Forschungspraxis Wenn man sich einen Überblick über die betriebs wirtschaftliche Forschungspraxis durch ein Studium der Beiträge in den einschlägigen Medien, in wissenschaftlichen Zeitschriften, Monographien, Handwörterbüchern, Kompendien und Lehrbüchern zu verschaffen versucht, dann wird man feststellen, dass Betriebswirte nicht nur eine außerordentlich bunte Vielfalt von Themen diskutieren. Sie wenden dabei auch eine mindestens genau so unübersichtliche Vielfalt von Methoden an. Man findet u. a. eine große Anzahl von Modellen, die mit unterschiedlichem mathematischen Auf wand formuliert und gelöst werden, empirische Untersuchungen, die auf sehr unter schiedliche statistische und ökonometrische Verfahren zurückgreifen, verbale Ana lysen der verschiedensten Art, regelmäßig auch Auslegungen von gesetzlichen und anderen Normen, neuerdings auch in zunehmender Anzahl Ergebnisse von experi mentellen Untersuchungen. Unter Methoden kann man in einer ersten Annäherung alle überprüfbaren Verfahren der Gewinnung von Erkenntnissen verstehen. Überprüfbar meint in diesem Zusam menhang, dass ein kompetenter Leser eines betriebswirtschaftlichen Textes in der Lage sein muss nachzuvollziehen, wie ein Autor zu seinen Ergebnissen gekommen ist. Überprüfbarkeit ist eine Minimalanforderung an wissenschaftliche Texte. Im Zu sammenhang mit Nachvollziehbarkeit weist sie darauf hin, dass Wissenschaft auch und nicht zuletzt ein sozialer Prozess ist. Dieser Prozess setzt Kommunikation, Dis kussion und notwendigerweise auch Kritik voraus. Ohne eine Überprüfbarkeit der Verfahren der Erkenntnisgewinnung lässt sich Wissenschaft nicht organisieren. Zu 3. Methoden der Betriebswirtschaftslehre 47 den Vorkehrungen bei der Organisation von Wissenschaft gehören u. a. Gutachten vor der Publikation von Texten, Tagungen zur Präsentation und Diskussion von neuen Forschungsergebnissen sowie Rezensionen in Fachzeitschriften. Diese Vorkehrungen sollen sicherstellen, dass nur neue Erkenntnisse publiziert und Fehler vor (notfalls auch nach) der Publikation ausgemerzt werden. Sie funktionieren zumeist erstaun lich gut. Bei der Publikation zu ganz neuen Fragestellungen oder von ganz neuen Methoden kann es allerdings zu Verzögerungen kommen. Wissenschaften differen zieren Denkstile und Denkstilgemeinschaften (vgl. Schneider, 1992, S. 140-148) aus, die gelegentlich gewisse retardierende Eigenschaften aufweisen. Vermeidbar ist das nicht, wenn man die soziale Einbindung des wissenschaftlichen Prozesses und die notwendigen organisatorischen Vorkehrungen zur Sicherstellung der Überprüfung von neuen Forschungsergebnissen bedenkt. Die Vorkehrungen zur Organisation von Wissenschaft haben einen wesentlichen Beitrag zur Qualitätssicherung in der Betriebswirtschaftslehre geleistet. Die bunte Vielfalt der betriebswirtschaftlichen Fragestellungen und Methoden haben sie nicht verhindern können. Das wirft die Frage auf, ob es für diese Vielfalt auch gute Gründe gibt. Eine erste Antwort haben wir im letzten Teil vorbereitet. Die Unter nehmen als Gegenstand der betriebswirtschaftlichen Theorie weisen eine zuneh mende Komplexität auf. Mit ihren Verhaltensweisen lassen sich deshalb auch zu nehmend mehr Fragen verbinden. Viele dieser Fragen führen zudem zu Fragestel lungen, die auch in Nachbarwissenschaften (wie der Rechtswissenschaft, den Inge nieurwissenschaften und den Sozialwissenschaften) behandelt werden. Beide Tendenzen haben dazu geführt, dass sich das methodische Spektrum der Betriebs wirtschaftslehre erweitert hat. Eine zweite Antwort haben wir schon in Teil 2.2 ge funden: Unternehmen ändern ihre Verhaltensweisen unter dem Einfluss von techni schem, wirtschaftlichem, und sozialem Wandel . Viele dieser Veränderungen führen zu neuen Fragestellungen, die oft auch neue Methoden notwendig erscheinen lassen. Ein Beispiel mag dazu genügen. Die Betriebswirtschaftslehre hat lange Zeit nur die einschlägige nationale Rechtsordnung bei der Analyse der Bilanzierung von Unter nehmen untersucht. Inzwischen gibt es aber schon erste Formen einer supranationa len Rechtsordnung auf der Ebene der Europäischen Union und zudem deutliche An zeichen für eine internationale Harmonisierungstendenz. Letztlich wird man aber auch bedenken müssen, dass die Entwicklung der ökonomischen Theorie, die wir in den Teilen 2.3 und 2.4 skizziert haben, ständig zu neuen Fragestellungen und zu neuen Methoden geführt hat. Diese Überlegungen machen deutlich, dass die bunte Vielfalt der betriebs wirtschaftlichen Forschungspraxis, zumindest bis zu einem ge wissen Grad, verständlich und durch ihren Gegenstand legitimiert ist. Die Betriebswirtschaftslehre ist aber auch eine ökonomische Disziplin. Ihre Metho den sind durch die ökonomische Forschungspraxis geprägt. Diese Prägung ist zwar umstritten. Sie ist aber trotzdem wesentlich für das Verständnis der betriebswirt schaftlichen Forschungspraxis. Ganz vereinfacht und sicherlich auch etwas ideali siert kann man die Methode einer ökonomischen Analyse in etwa wie folgt darstellen. Ökonomen gehen bei der Analyse des Verhalten von Unternehmen üblicherweise davon aus, dass Unternehmen ihre Verhaltensweisen nicht zufällig ergreifen. Unter nehmen sind in Märkte und damit auch in Wettbewerbsprozesse eingebunden. Auch auf unvollkommenen Märkten führt das dazu, dass sie sich um rationales Verhalten 48 A. l . Gegenstand und Methoden der Betriebswirtschaftslehre bemühen müssen. Ökonomen formulieren dann für eine bestimmte Fragestellung, ausgehend von ihren Theorien, ein Modell. Modelle sind eine vereinfachte Abbil dung der Realität. Die oft vorgetragene Kritik, dass Modelle die Realität nicht ge nau abbilden, ist müßig. Modelle können "die Realität" nie "genau" abbilden. Wenn sie es täten, wären sie überflüssig, weil sie dann genau so komplex wie die Realität wären. Entscheidend ist, dass Modelle die wesentlichen Elemente einer Fra gestellung erfassen. Wenn sie das tun, dann können auch sehr einfache Modelle hilfreich sein. Modelle müssen die Ziele, Handlungsalternativen und Restriktionen aller Akteure erfassen. Sie müssen aber auch deutlich machen, ob ein Akteur in Wettbewerbsprozesse eingebunden ist. Dies ist vor allem dann hilfreich, wenn man Marktgleichgewichte unterstellen kann. Die Annahme von Gleichgewichten verein facht nämlich häufig die ModelIierung einer ökonomischen Fragestellung. Wenn das Modell formuliert ist, dann ist regelmäßig auch ein Optimierungsproblem für einen Akteur bestimmt. Dieses Optimierungsproblem muss gelöst werden. Die Lösung kann als eine Aussage über die Realität verstanden werden. Die Aussage wäre etwa "Rationale Unternehmer werden in der Situation S die Alternative a wählen. " . Sol che Aussagen sind in empirischen Untersuchungen zu überprüfen. Empirische Unter suchungen gibt es in vielen, aber nicht in allen Bereichen der Betriebswirtschafts lehre. Das liegt einmal daran, dass die Aussagen bestimmter Modelle nur sehr schwer zu testen sind (vgl. zu einem Beispiel Schauenberg, 1995, S . 534-536), und zum anderen daran, dass es für viele betriebs wirtschaftliche Fragestellungen nicht möglich ist, die notwendigen Daten zu erheben oder die öffentlich verfügbaren Da ten nicht geeignet sind. Die Ergebnisse von empirischen Untersuchungen können unterschiedlich sein. Sie können die Modelle und die in ihnen enthaltenen Theorien widerlegen oder nicht. Auf die damit verbundenen Probleme wird im nächsten Ab schnitt eingegangen werden. Häufig sind die Ergebnisse empirischer Untersuchun gen aber nicht eindeutig. Dann sollte der Prozess der Modellbildung und der empi rischen Überprüfung von neuem beginnen, bis die Forschungsbemühungen zu einem in aller Regel vorläufigen Ergebnis gekommen sind. Diese Skizze einer ökonomischen Analyse ist zweifellos idealisiert. Sie deckt auch nur einen Teil der betriebswirtschaftlichen Forschungspraxis ab. Selbst da, wo sie ein einigermaßen zutreffendes Bild zeichnet, baut sie die Vielfalt betriebswirtschaft licher Methoden nicht wesentlich ab. Außerdem hilft das beschriebene Vorgehen in den Bereichen der betriebswirtschaftlichen Forschungspraxis wenig, in denen die angegebenen Voraussetzungen, vor allem die Möglichkeiten zu empirischen Unter suchungen, nicht gegeben sind. Das führt zu der Frage, ob man nicht auf einer grundsätzlicheren Ebene klären kann, wie die betriebswirtschaftliche Forschungspra xis betrieben werden soll. Solche Fragen werden in der Wissenschaftstheorie disku tiert, die die Forschungspraxis der Wissenschaften zum Gegenstand hat. Deren mög licher Beitrag soll im nächsten Abschnitt erörtert werden. 3.2. Wissenschaftstheoretische Klärungsversuche Die Wissenschaftstheorie ist eine Metatheorie. Sie hat wissenschaftliche Theorien zu ihrem Gegenstand. Wissenschaftstheorie kann man empirisch, aber auch norma tiv betreiben. Empirische Wissenschaftstheorie untersucht die Entwicklung von Theo- 3. Methoden der Betriebswirtschaftslehre 49 rien und versucht Bedingungen zu finden, unter denen die Wahrscheinlichkeit für erfolgreiche Theorien besonders hoch sind. Normative Wissenschaftstheorie versucht Regeln zu formulieren, denen Wissenschaftler folgen sollen, wenn sie erfolgreiche Theorien erzeugen wollen. Sie haben zumeist auch eine empirische Basis, die man oft in den Naturwissenschaften und dort eher in der Physik findet. Wissenschafts theoretische Bemühungen hat es in der Betriebswirtschaftslehre vor allem in den 70er Jahren gegeben. In der gegenwärtigen Diskussion spielen sie eine eher unter geordnete Rolle. Rückblickend betrachtet hatte das damalige Interesse an wissen schaftstheoretischen Fragestellungen einerseits viel mit dem damals unbefriedigen den Stand der Marktheorie, vor allem in seinen Lehrbuchvarianten, und mit einer Krise des betriebswirtschaftlichen Forschungsprogramms in der Tradition von Gu tenberg zu tun. Mit dem Entstehen derjenigen Unternehmenstheorie, deren Grund züge wir in Teil 2.4 behandelt haben, ist das Interesse an wissenschaftstheoretischen Fragestellungen zurückgegangen. Damit soll allerdings nicht angedeutet werden, dass wissenschaftstheoretische Bemühungen immer nur in einer Krise stattfinden, obwohl dies für die Betriebswirtschaftslehre nicht ganz unplausibel ist. Die Wissenschaftstheorie ist eine eigenständige Disziplin, die hier nicht annähe rungsweise sachgerecht dargestellt werden kann. Behandelt werden im Nachfolgen den einige wenige Themen, die von breiterer Bedeutung für die Betriebswirtschafts lehre waren und sind (vgl. Schor, 199 1 m. w. N.) . Auf oft notwendige Präzisierungen wird verzichtet. Im Vordergrund steht der Bezug zu betriebs wirtschaftlichen Frage stellungen. Erklärung, Prognose und Gestaltung Die ältere Wissenschaftstheorie unterscheidet im Wesentlichen drei Ziele für die Wissenschaften. Wissenschaften sollen und wollen die Realität erklären, zukünftige Ereignisse prognostizieren und Hilfe bei der Gestaltung der Realität geben. Aus gangspunkt für das Erreichen dieser Ziele sind stets Gesetze. Unter Gesetzen ver steht man allgemeine Aussagen der Art "Immer wenn x, dann y. " . Erklärungen werden dann mit einem einfachen Schema erläutert. Man benötigt drei Komponen ten - eine Randbedingung, ein Gesetz und einen zu erklärenden Sachverhalt. Die Randbedingung kann aus einem oder mehreren empirischen Sätzen bestehen, die sich auf die Wenn-Komponente eines Gesetzes beziehen. Das Gesetz muss in der oben beschriebenen Form einer All-Aussage vorliegen. Der zu erklärende Sachver halt kann wiederum aus einem oder mehreren empirischen Sätzen bestehen, die sich auf die Dann-Komponente einer All-Aussage beziehen. Randbedingung und Gesetz werden zusammen als das Explanans, der zu erklärende Sachverhalt als das Expla nandum bezeichnet. Das Explanandum soll logisch aus dem Explanans folgen. For mal ergibt sich folgendes Schema, das Hempel-Oppenheim-Schema: I . Randbedingung 2. Gesetz 3. Explanandum Gesucht ist bei einem Erklärungsversuch das Gesetz. Ein einfaches Beispiel mag das Schema veranschaulichen: Wir beobachten, dass die Börsenkurse steigen (Ex planandum). Ein Kapitalmarkttheoretiker, den wir befragen, sagt uns, dass die Bör- 50 A.l. Gegenstand und Methoden der Betriebswirtschaftslehre senkurse immer dann steigen, wenn die Ertragserwartungen der Unternehmen stei gen (Gesetz). Wir schlagen in der Zeitung nach und stellen fest, dass die Regierung vor einigen Tagen die Ertragssteuern gesenkt hat (Randbedingung) . Damit hätten wir auch schon eine Erklärung: Die Börsenkurse sind gestiegen, weil das erwähnte Gesetz gilt und die Ertragserwartungen wegen der Steuersenkung gestiegen sind. Eine Prognose ist einer Erklärung logisch äquivalent. Sie setzt die Kenntnis eines Gesetzes und einer bestimmten Randbedingung voraus. Wenn wir wissen, dass die Börsenkurse mit den Ertragserwartungen steigen und die Ertragssteuern heute sin ken, dann können wir ein Steigen der Börsenkurse vorhersagen. Selbst eine Gestal tung ist einer Erklärung logisch äquivalent. Wenn die Regierung erreichen will, dass die Börsenkurse steigen und von der Geltung des Gesetzes überzeugt ist, dann muss sie die Ertragssteuern senken. Die Unterschiede zwischen einer Erklärung, einer Prognose und einer Gestaltung liegen also darin, dass bei einer Erklärung ein Ge setz gesucht wird, bei einer Prognose ein zukünftiger Tatbestand vorhergesagt wird und bei einer Gestaltung die Wenn-Komponente des Gesetzes manipuliert wird. Das Hempel-Oppenheim-Schema ist oft kritisiert worden. Die Kritik weist vor allem darauf hin, dass das Schema sehr strenge Anforderungen an eine Erklärung stellt. Randbedingungen und Gesetze müssen gelten, also in einem bestimmten Sinne "wahr" sein. Das Explanandum muss logisch aus dem Explanans folgen. Das sind Anforderungen, die in vielen Wissenschaften, auch in der Betriebswirtschaftslehre, nicht immer erfüllt, teilweise auch nicht erfüllbar sind. Diese Kritik kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Erklärungsschema sinnvolle Anforderungen an das stellt, was man eine Erklärung nennen könnte. Falsifikation Erklärungsversuche setzen die Existenz und die Geltung von Gesetzen voraus. Ge setze können, wie die Alltagserfahrung schon lehrt, unterschiedlich "gut" sein. Was das aber heißen mag, ist unklar. Die klassische Antwort auf die Frage nach der Güte von Gesetzen ging davon aus, dass allein die Empirie als relevante Instanz zu ak zeptieren sei. Das gilt als weithin unbestritten. Die klassische Auffassung ging aber auch davon aus, dass man Gesetze anhand von Beobachtungen so stützen kann, dass diese Gesetze als wahr oder als verifiziert gelten können. Wenn, so argumentierte man, eine Beobachtung ein Gesetz (oder auch eine Hypothese) bestätigt und wenn es viele solcher Beobachtungen gibt, dann kann man von diesen bestätigenden Be obachtungen auf die Wahrheit des Gesetzes schließen. Das Argument beruht also auf einem induktiven Schluss von Beobachtungen auf die Wahrheit eines Gesetzes. Induktive Schlüsse von bestätigenden Beobachtungen auf die Wahrheit von Geset zen hat vor allem Popper kritisiert (vgl. Popper, 1 97 1 ) . Gesetze sind All-Aussagen. Sie müssen immer gelten. Die Menge ihrer Anwendungsfälle ist demnach eine un endliche Menge. Das aber heißt, dass man ein Gesetz nicht verifizieren kann. Auf unser Beispiel bezogen heißt das, dass wir selbst aus sehr vielen bestätigenden Be obachtungen nicht darauf schließen können, dass die Börsenkurse immer mit den Ertragserwartungen steigen. Bestenfalls können wir sagen, dass wir bislang noch keine andere Bobachtung gemacht haben. Morgen aber können wir eine solche Be obachtung schon machen. Ein Gesetz kann man aber falsifizieren. Dazu reicht be reits eine einzige abweichende Beobachtung aus. 3. Methoden der Betriebswirtschaftslehre 5 1 Die Konsequenzen, die Popper aus der Kritik am Induktionsprinzip zieht, sind weit reichend. Theorien sind für ihn Mutmaßungen, die in der Realität geprüft werden müssen. Sie müssen überprüfbar und damit auch falsifizierbar sein. Aussagen, die nicht überprüfbar sind, gehören für ihn nicht zur Wissenschaft. Theorien können aber überprüft werden und bei positivem Befund als vorläufig bewährt gelten. Wahr werden sie dadurch aber nicht. Wissenschaft hat die Aufgabe, Fehler auszumerzen, also möglichst viele Versuche zu unternehmen, Hypothesen zu widerlegen. Die Güte einer Theorie steigt, wenn sich sowohl die Wenn-Komponente als auch die Dann Komponente eines Gesetzes präzisieren lässt. In diesem Sinne ist unser Gesetz be züglich der Börsenkurse nicht sonderlich gut. Sowohl seine Wenn-Komponente als auch seine Dann-Komponente sind sehr weit. Das Gesetz ist also nicht sehr infor mativ. Die Wissenschaftstheorie von Popper ist normativ. Sie will Regeln begründen, die zu besseren Theorien führen. Damit ist sie aber nicht falsifizierbar. Man kann sie als Ganzes oder auch nur in Teilen positiv beurteilen oder nicht. Das aber kann die wissenschaftstheoretische Position von Popper weder bestätigen noch widerlegen. Sie ist auch in verschiedener Hinsicht kritisiert worden (vgl . Caldwell, 199 1). Im Zentrum der Kritik stand die Frage, ob die Theorie von Popper das Verhalten von erfolgreichen Wissenschaftlern zutreffend beschreibt. Beispiele dafür, dass eine falsifizierte Theorie von Wissenschaftlern aufgegeben wird, lassen sich nicht viele finden. Üblicherweise besteht die erste Reaktion von Wissenschaftlern auf einen kri tischen Befund darin, dass man die relevante Theorie modifiziert, erneut testet, not falls nochmals modifiziert, usw. In den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften ist zudem eingewendet worden, dass die Methodologie von Popper den Besonderheiten dieser Disziplinen nicht Rechnung trägt. Ein Beispiel mag das verdeutlichen. Ein Ökonom möchte eine Theorie testen, die sich auf Marktpreise bezieht. Wenn er das tun will, muss er u. a. zwei Klassen von Annahmen einführen - eine Klasse von Annahmen, die sich auf das Verhalten der Akteure bezieht und eine Klasse von An nahmen, die sich auf das Funktionieren der relevanten Märkte bezieht. Nehmen wir an, er unterstellt rationales Verhalten der Akteure und vollkommene Märkte. Wenn er jetzt eine Beobachtung macht, die seine Theorie nicht vorhergesagt hat, dann hat er ein schwer lösbares Rückschlussproblem. Er weiß nicht, ob seine Annahmen über die Akteure oder seine Annahmen über die Märkte widerlegt worden sind. Hilfestel lungen zur Lösung dieses Problems sind bei Popper nicht zu finden. Strukturalismus Eine Alternative zu dem bisher behandelten Verständnis von Methoden hat D. Schneider für die betriebswirtschaftliche Theorie vorgeschlagen (vgl. Schneider, 1 993, S . 1 55-203) . Diese Alternative besteht aus vier Komponenten, die sich wech selseitig beeinflussen - aus einer Problemstellung, einem Strukturkern, mindestens einem Musterbeispiel und aus Hypothesen. Problemstellungen ergeben sich nicht von selbst. Sie beginnen dann, wenn ein Forscher auf einen Tatbestand stößt, der ihn verwundert. Verwunderung ist dabei nicht umgangssprachlich zu verstehen. Der Tat bestand muss vor dem Hintergrund des Wissens eines Forschers als erklärungsbe dürftig erscheinen. Er muss mit den Theorien des Forschers nicht in Übereinstim mung zu bringen sein. Zu einer Problemstellung gehört aber auch eine Lösungsidee. 52 A.l. Gegenstand und Methoden der Betriebswirtschaftslehre Lösungsideen können sich aus verschiedenen Quellen speisen. Der Kreativität des Forschers sind dabei keine engen Grenzen gesetzt. Ein Strukturkern ist eine verein fachte Abbildung der Problemstellung. Er wird, ausgehend von einer Theorie, in einer wissenschaftlichen Sprache formuliert und unterliegt insofern auch gewissen Präzisionspflichten. Die Abbildung führt zu einern Modell . Modelle bestehen aus Elementen und aus Relationen zwischen diesen Elementen. Aus den zugelassenen formalen Operationen wird ein Modellergebnis abgeleitet. Ein Modellergebnis ist, wenn es zutreffend ist, eine logisch wahre Aussage. Es darf nicht mit einer Hypo these verwechselt werden. Musterbeispiele sind allgemein in einer Wissenschaft an erkannte Anwendungen der Problemlösungsidee oder des Modellergebnisses auf eine empirische Fragestellung. Die hier relevanten Anerkennungsprobleme sind nicht trivial. Die theoretischen Begriffe des Modells müssen beobachtbaren Sachver halten zugeordnet werden. Wegen der oft genauen Bestimmtheit der Wissenschafts sprache und der oft großen Unbestimmtheit der Beobachtungssprache müssen dabei komplexe Messprobleme gelöst werden. Hypothesen sind allgemeine Aussagen über die Realität. Sie entstehen, wenn Problemlösungsideen erfolgreich angewendet wur den und weitere Anwendungen erwartet werden dürfen. Die Konzeption von Schneider schließt an jüngere Entwicklungen m der Wissen schaftstheorie an. Bemerkenswert an diesem Versuch ist, dass er viele Punkte auf greift, die in anderen Ansätzen ausgeklammert werden. Das gilt schon für den Pro blembegriff, der an das bisherige Wissen einer Disziplin angebunden wird. Es gilt aber auch für den Hinweis darauf, dass Lösungen in einem Kommunikationsprozess von Wissenschaftlern diskutiert und dann vorläufig akzeptiert werden müssen. Man mag das als einen sehr vordergründigen Konventionalismus einschätzen. Dem aller dings wäre entgegenzuhalten, dass Wissenschaft ohne solche sozialen Prozesse mit all ihren Problemen kaum denkbar und kaum organisierbar wäre. Rationale Rekonstruktion Die bisher behandelten Ansätze gehen nicht von der ökonomischen Forschungspra xis, die wir oben kurz charakterisiert haben, aus, sondern von metatheoretischen Ansätzen. Ökonomische Analysen folgen oft einer Methode, die als rationale Re konstruktion bezeichnet werden kann (vgl. Ullmann-Margalit, 1 977). Eine rationale Rekonstruktion geht stets von einer empirisch beobachteten Verhaltensweise aus, die als erklärungsbedürftig angesehen wird. Einzelne Verhaltensweisen kommen dabei nicht in Betracht, sondern nur dauerhaft beobachtete Verhaltensweisen, also persis tentes Verhalten. Im Allgemeinen wird man nicht sagen können, wann eine beob achtete Verhaltensweise als erklärungsbedürftig angesehen wird. Es kann aber davon ausgegangen werden, dass ein Wissenschaftler als Beobachter das beobachtete Ver halten vor dem Hintergrund seines Wissens als überraschend und deshalb erklä rungsbedürftig betrachtet. Zur Erklärung des beobachteten Verhaltens werden zu nächst die Situationsbedingungen bestimmt, unter denen die Verhaltensweise beob achtet wurde. Im nächsten Schritt nimmt der Wissenschaftler an, dass das beobach tete Verhalten nicht zufällig, sondern als Ergebnis eines an Rationalität orientierten Verhaltens zustande gekommen ist. Diese Annahme ist nicht zu beweisen. Sie wird aber umso plausibler, je dauerhafter bzw. je massenhafter das entsprechende Verhal ten beobachtet worden ist. Gesucht ist dann ein rationales Modell, welches das be- 3. Methoden der Betriebswirtschaftslehre 53 ob achtete Verhalten unter den Situationsbedingungen als optimale Lösung erzeugt. Die formale Struktur einer rationalen Rekonstruktion kann dann als S J\ R �V geschrieben werden, wobei S für die Situationsbedingungen, R für das rationale Modell und V für das beobachtete Verhalten steht. Eine Erklärung, die aus einer rationalen Rekonstruktion folgt, kann unterschiedlich "gut" sein. Gütekriterien können auf die drei konstitutiven Elemente einer rationa len Rekonstruktion bezogen werden. Die Elemente S und V müssen als empirische Sätze oder Satzsysteme aufgefasst werden. Eine rationale Rekonstruktion ist dem nach umso besser, je genauer S und V durch empirische Sätze bestimmt werden. Das Element R hat einerseits eine Rationalitätskomponente und andererseits eine Modellkomponente. Ein ähnlich einfaches und ähnlich präzises Gütekriterium wie für empirische Sätze gibt es hier nicht. In der Forschungspraxis werden aber ein fachere Erklärungsversuche komplexeren Erklärungsversuchen vorgezogen. Ange sichts vieler empirischer Befunde über die Grenzen menschlicher Rationalität ist diese Präferenz für Einfachheit gut zu begründen. Die Methode der rationalen Rekonstruktion ist vergleichsweise einfach anzuwenden. Darin liegt eine Gefahr. Man kann sich zu schnell auf zu einfache Erklärungen ein lassen (vgl. Terberger, 1994) . Diese Gefahr kann nur dann gemindert werden, wenn die Gütekriterien ernst genommen werden. Vor allem die Gütekriterien, die sich auf die Komponenten S und V beziehen, sind zu beachten. Ohne ein solides empi risches Fundament können rationale Rekonstruktionen schnell zu einfachen und we nig informativen "Geschichten" werden. In der jüngeren Literatur steigt zwar die Toleranz gegenüber dem "Erzählen von Geschichten" . Die damit verbundenen Pro bleme dürfen aber nicht verdrängt werden. Vor allem darf man nicht vergessen, dass es auch für diese Methode Gütekriterien gibt. Situationslogik Die Situationslogik ist eine Methode, die mit einer rationalen Rekonstruktion ver wandt ist (vgl. Caldwell, 1 99 1 , S . 1 3-17 ; Schor, 199 1 , S . 85-92; Schneider, 1 993, S . 1 28-1 32). Sie wurde bemerkenswerterweise von Popper vorgeschlagen (vgl. Pop per, 1985) . Popper geht in diesem Beitrag davon aus, dass es nicht nur Ähnlichkei ten, sondern auch Unterschiede zwischen natur- und sozialwissenschaftlichen Erklä rungen gibt. Sozial- und damit auch wirtschafts wissenschaftliche Erklärungen kön nen nicht auf allgemeine Gesetze zurückgreifen. Sie müssen das Rationalitätsprinzip verwenden. Eine situationslogische Erklärung beginnt mit der Klärung der Situa tionsbedingungen, zu denen auch die Ziele und das Wissen eines Akteurs gehören. Sie fragt dann, welche Verhaltensweise in einer solchen Situation angemessen ist. Wenn man zusätzlich noch die Geltung des Rationalitätsprinzips unterstellt, kann man eine bestimmte beobachtete Verhaltensweise erklären: Sie ist diejenige Verhal tensweise, die einer Situation angemessen ist. Das Rationalitätsprinzip muss bei einer situationslogischen Erklärung also wie ein Gesetz bei einer naturwissenschaftlichen Erklärung verstanden werden. Aber es ist nach Poppers eigenen Worten nicht gültig (a.a.O. , S. 360) ! Es soll zudem auch dann nicht aufgegeben werden, wenn eine Erklärung einer bestimmten Verhaltensweise 54 A. l . Gegenstand und Methoden der Betriebswirtschaftslehre nicht gelingt. Zweckmäßiger sei es, in einem solchen Fall die Beschreibung der Situation zu verändern. Die Chancen für einen Erkenntnisfortschritt wären dann größer. Diese Thesen von Popper sind nicht ganz klar (vgl. Caldwell, 1 99 1 ) . In einem Punkt kann man seiner Argumentation aber wohl folgen: Wenn man bei einer Erklärung von menschlichem Verhalten ohne jeden Zwang und ohne nähere Begrün dung stets eine Abweichung vom Rationalitätsprinzip unterstellt, dann lernt man nichts . Ansonsten wir man aus heutiger Sicht aber wohl darauf verweisen müssen, dass man inzwischen auch sehr präzise Aussagen über die Grenzen menschlicher Rationalität machen kann (vgl. Klose, 1 994) . 3.3. Theorie und Praxis Die Betriebswirtschaftslehre ist nach ihrem Selbstverständnis eine anwendungs orientierte Wissenschaft. Dass dies so ist bzw. so sein soll , ist in der Disziplin völlig unbestritten. Was man aber unter Anwendungsorientierung zu verstehen hat, wird selten, wenn überhaupt, präzisiert (vgl. Schauenherg, 1 994). Eine umfassende Dis kussion dieses Problems kann hier nicht geleistet werden. Andererseits wäre dieser Beitrag aber unvollständig, wenn er alle mit der Praxis der Betriebswirtschaftslehre verbundenen Probleme völlig ausklammern würde. Eine knappe Skizze der wich tigsten Probleme soll deshalb zum Abschluss dieses Beitrags vorgetragen werden. Anwendungsorientierung bezieht sich auf die Praxis der Betriebswirtschaftslehre. Ei nem Vorschlag von Schor folgend (vgl. Schor, 1 99 1 , S . 1 03-135) sollen im Folgen den die Handlungen betrachtet werden, die bei dem Prozess der Entstehung, Ver wendung und Wirkung von Wissen relevant sind. Als Handelnde betrachten wir die Produzenten und die Anwender von Wissen. Produzenten von Wissen können "Theo retiker" und "Praktiker" , Anwender können wiederum "Theoretiker" und "Prak tiker" sein. Wenn man sinnvoll von der Praxis der Betriebswirtschaftslehre sprechen will, muss es mindestens zwei Handelnde geben - einen Theoretiker und einen Praktiker. Der Theoretiker sei zunächst einmal nur mit der Produktion von Wissen befasst. Er verfüge über Theorien. Für diese Theorien sei angenommen, dass sie den methodologischen Minimalstandards, die wir in diesem Teil erläutert haben, genü gen. Der Praktiker sei mit der Lösung von Problemen in Unternehmen befasst. Ohne Wissen, aber auch ohne Theorien, wird er seine Probleme nicht lösen können. Für diese Theorien fordern wir nicht, dass sie den methodologischen Standards ge nügen müssen. Sie müssen nur hilfreich bei der Lösung praktischer Fragen sein. Von der Praxis der Betriebswirtschaftslehre kann man zunächst einmal sprechen, wenn die Theorien des Theoretikers auf praktische Probleme anwendbar sind. Dies ist der Praxisbezug der Betriebswirtschaftslehre. Praxisbezug ist für eine anwen dungsorientierte Disziplin unverzichtbar. Er kann vergleichsweise einfach behauptet, gelegentlich aber schwer belegt werden. Ein Beispiel mag das verdeutlichen. Schon in den 50er Jahren hat sich die Betriebswirtschaftslehre mit der Frage beschäftigt, ob und wie man mathematische Optimierungstechniken (wie z. B. die Verfahren der linearen Optimierung) auf praktische Planungsprobleme von Unternehmen anwen den kann. Für diese Verfahren wurde stets Praxisbezug behauptet. In den Unterneh men wurden die Verfahren aber lange Zeit nicht oder nur sehr zögerlich eingesetzt. 3. Methoden der Betriebswirtschaftslehre 55 Inzwischen hat sich das geändert. Praxisbezug ist also gelegentlich nur als potentiel ler Praxisbezug zu verstehen und deshalb abhängig von subjektiven Urteilen, die, wie die Geschichte der Betriebswirtschaftslehre zeigt, oft falsch sind. Von der Praxis der Betriebswirtschaftslehre kann man aber auch sprechen, wenn es zu einer konkreten Interaktion zwischen einem Theoretiker und einem Praktiker kommt. Dies ist der Praxisvollzug der Betriebswirtschaftslehre. Praxisvollzug be ginnt damit, dass ein Praktiker ein Problem hat, dessen Lösung ihm Schwierigkeiten bereitet. Denkbar ist nun, dass es einen Theoretiker gibt, der davon überzeugt ist, dass seine Theorien einen Beitrag zur Lösung des Problems des Praktikers leisten können. Wenn der Praktiker dies weiß und wenn er auch davon überzeugt ist, dass die Theorien des Theoretikers bei der Lösung seines Problems hilfreich sein kön nen, dann kann es zu aktiven Handlungen beider Akteure kommen, die das Ziel haben, die Theorien des Theoretikers auf die Probleme des Praktikers anzuwenden. Über den Praxisvollzug der Betriebswirtschaftslehre wissen wir bis heute so gut wie nichts . Dieses Defizit bezieht sich vor allem auf drei Fragen. Zunächst einmal dürfte klar sein, dass es im Zuge des Praxisvollzugs zu Konflikten kommen kann, wenn sich unsere idealisierten Akteure streng an ihre Rollen halten. Theoretiker dürften (oder sollten) vornehmlich an Erklärungszielen, also an Wahrheitsfragen, Praktiker dürften vornehmlich an ihren Handlungszielen, also an Nützlichkeit, inter essiert sein. Das erste Defizit besteht darin, dass wir über das Verhältnis von Wahr heit und Nützlichkeit, vor allem über mögliche Konflikte, nichts wissen. Das zweite Defizit liegt darin, dass der Anwendungsprozess von Theorien auf praktische Pro bleme völlig unbekannt ist. Die spannende Frage, ob für eine Anwendung nur das theoretische Wissen eines Theoretikers oder auch noch weiter gehendes Wissen nö tig ist, kann, wie viele andere einschlägige Fragen, nicht beantwortet werden. Völlig im Dunkeln liegt auch der Interaktionsprozess zwischen Theoretikern und Prakti kern. Bemerkenswert ist, dass man über den Praxis vollzug in anderen anwendungs orientierten Disziplinen, wie z. B. den Ingenieurwissenschaften und der Medizin, deutlich mehr weiß. Zu hoffen ist, dass die hier angesprochenen Defizite in der Zukunft einmal abgebaut werden können. Arbeiten in der Tradition von Chandler zu diesen Fragen würden, so ist zu vermuten, nicht nur das Interesse von betriebs wirtschaftlichen Methodologen, sondern auch von vielen anderen Gruppen finden. Kommentierte Literaturhinweise Die historische Entwicklung von Großunternehmen wird in den Schriften von Chandler ( 1962, 1 977, 1 990) in anschaulicher und gut nachvollziehbarer Weise be handelt. Zur ideengeschichtlichen Entwicklung der Betriebswirtschaftslehre sei er gänzend auf Schneider ( 1 993) verwiesen. Die Grundzüge der modernen Unterneh menstheorie werden neben vielen anderen interessanten Themen in dem Lehrbuch von Milgrom/Roherts ( 1992) behandelt. Dort findet man auch einführende Passagen zu den modelltheoretischen Grundlagen der modernen Betriebswirtschaftslehre, die in diesem Beitrag aus Platzgründen nicht behandelt werden konnten, und viele nütz liche Literaturhinweise. In deutscher Sprache liegen inzwischen mit Neus (2003) und Kräkel (2004) zwei exzellente Lehrbücher zu diesem Themenkreis vor. Über die Grenzen der modernen Betriebswirtschaftslehre informiert in vorbildlicher Weise 56 A.l. Gegenstand und Methoden der Betriebswirtschaftslehre Terberger ( 1 994). Zu einer anderen, stärker prozesstheoretischen Annäherung an den Gegenstand der Betriebswirtschaftslehre ist wiederum Schneider ( 1 993) zu empfehlen. Zu den methodologischen Fragen sei auf die Arbeit von Schor ( 199 1 ) und auf die dort zitierte Literatur verwiesen.

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References

Zusammenfassung

Das Kompendium gibt einen einführenden Überblick über den derzeitigen Entwicklungsstand der Allgemeinen Betriebswirtschaftslehre und verdeutlicht zugleich sich abzeichnende Weiterentwicklungen. Es besteht aus 18 Einzelbeiträgen, die die Sichtweise des jeweiligen Autors widerspiegeln, in ihrer Gesamtheit aber ein repräsentatives Bild der Lehrinhalte darstellen, die an deutschen Universitäten im Rahmen der Allgemeinen Betriebswirtschaftslehre vermittelt werden. Adressaten dieses Kompendiums sind in erster Linie Studierende wirtschaftswissenschaftlicher Studiengänge. Den in Unternehmungen und sonstigen Bereichen der Wirtschaft tätigen Praktikern vermittelt es einen Überblick über Stand und Entwicklungstendenzen der Allgemeinen Betriebswirtschaftslehre und ermöglicht mit Hilfe der kommentierten Literaturhinweise die weitere Erschließung des einschlägigen Schrifttums. Als Nachschlagewerk für Fragen aus der Allgemeinen Betriebswirtschaftslehre ist das Kompendium uneingeschränkt zu empfehlen.