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11 Anpassungsmängel in:

Michael Fritsch

Marktversagen und Wirtschaftspolitik, page 309 - 335

Mikroökonomische Grundlagen staatlichen Handelns

9. Edition 2014, ISBN print: 978-3-8006-4771-2, ISBN online: 978-3-8006-4772-9, https://doi.org/10.15358/9783800647729_309

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 289 11. Anpassungsmängel Bisher wurden fast ausschließlich Gleichgewichtssituationen betrachtet und miteinander verglichen, wobei der Prozess des Übergangs zwischen solchen Marktgleichgewichten weitgehend ausgeblendet blieb. In diesem Kapitel werden nun dynamische Prozesse untersucht, die u.U. zu einer unbefriedigenden Funktionsweise des Maktes führen. Dabei geht es einmal um Konstellationen, in denen kein Marktgleichgewicht existiert (Abschnitt  11.1). Zweitens kann es sein, dass es zwar ein Gleichgewicht auf dem Markt gibt, dieses Gleichgewicht sich aber als instabil erweist bzw. die Steuerungsfunktion des Marktpreises durch starke Preisschwankungen beeinträchtigt wird (Abschnitt 11.2). Besonders schwerwiegende Auswirkungen können Spekulationswellen („spekulative Blasen“) haben, die u. U. erhebliche Instabilitäten erzeugen (Abschnitt 11.2.3). Drittens schließlich werden Situationen behandelt, in denen es zumindest fraglich ist, inwiefern der Markt hinsichtlich der Geschwindigkeit und des Ablaufs einer Anpassung an ein neues Gleichgewicht versagt (Flexibilitätsmängel; Abschnitt 11.3). Abschnitt 11.4 fasst die wesentlichen Ergebnisse zusammen. 11.1 Märkte ohne Gleichgewicht In der üblichen Darstellung eines Marktes in Form eines Preis-Mengen-Diagramms ist ein Marktgleichgewicht dann vorhanden, wenn Angebots- und Nachfragekurve einen Schnittpunkt aufweisen. Ein solcher Schnittpunkt muss aber nicht zwangsläufig existieren. Verläuft beispielsweise – wie in Abbildung 11.1 dargestellt – die Angebotskurve im gesamten Bereich oberhalb der Nachfragekurve, so sind die Pläne der Marktakteure in einem Maße inkompatibel, dass keinerlei Markttransaktionen stattfinden; es kommt kein Markt zustande. Es wäre aber wohl verfehlt, hier von einem Marktversagen zu sprechen. Denn die Tatsache, dass der höchste Preis, den ein Nachfrager zu zahlen bereit ist (P0 in Abbildung 11.1), unter dem minimalen Preis P1 liegt, zu dem ein Produzent das entsprechende Gut bereitstellen würde, bedeutet ja, dass bei jeder Menge des Gutes die anfallenden Kosten höher sind als die entsprechenden Nutzen. Von daher ist es auch ökonomisch sinnvoll, wenn hier keine Transaktionen stattfinden; d. h. es liegt kein Marktversagen vor. Es kann allerdings sein, dass die Entstehung eines Marktes für ein bestimmtes Gut als „sozial erwünscht“ angesehen wird bzw. damit gerechnet werden kann, dass die Fertigungskosten und damit die Preise in Zukunft sinken werden (Beispiel: Windkraftanlagen, Solarenergie). In diesem Falle könnte das Zustandekommen eines Marktes mittels Subventionen für An bieter (→ Verschiebung der Angebotskurve nach unten) und/oder Nachfrager → (Verschiebung der Nachfragekurve nach oben) beschleunigt werden. Weitere Konstellationen ohne Schnittpunkt von Angebots- und Nachfragekurve ergeben sich dann, wenn sowohl die Angebots- als auch die Nachfragekurve voll- Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 290 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 290 kommen preisunelastisch bzw. preiselastisch verlaufen. Abbildung 11.2 zeigt einen Fall, in dem beide Kurven einen vollkommen preiselastischen Verlauf aufweisen; dabei wird zum Preis P1 jede beliebige Menge nachgefragt, oberhalb des Preises P1 käme keinerlei Nachfrage zustande. Für die Anbieter gilt, dass sie zum Preis P2 jede beliebige Menge bereitstellen; bei einem Preis unterhalb von P2 sind sie zu keinem Angebot bereit. Vollkommen preiselastisch verlaufende Nachfrage- und Angebotskurven führen also immer dazu, dass die Gleichgewichtsmenge nicht determiniert ist. Da in Abbildung 11.2 die Nachfragekurve oberhalb der Angebotskurve verläuft, könnten zwar Transaktionen zu Preisen zwischen (maximal) P1 und (minimal) P2 Abbildung 11.1: Inkompatible Pläne Der Angebotspreis ist für alle Nachfragergruppen höher als die Zahlungsbereit schaft. Es kommen keine Transaktionen zu Stande. Abbildung 11.2: Vollkommen preiselastische Angebots und Nachfragekurven Bei jeder Menge übersteigt die Nachfrage das Angebot. Die  Gleichgewichtsmenge ist unbestimmt. 11. Anpassungsmängel 291 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 291 zustande kommen, freilich blieben die tatsächlich angebotenen und nachgefragten Mengen völlig offen. Würden vollkommen preiselastische Angebots- und Nachfragekurven ineinander fallen, so wäre zwar der Gleichgewichtspreis bestimmt; das Grundproblem vollkommen preiselastischer Angebots- und Nachfragekurven, die Unbestimmtheit der Gleichgewichtsmenge, bliebe aber trotz allem bestehen. Ein vollkommen preiselastischer Verlauf sowohl der Angebots- als auch der Nachfragekurve auf einem Markt erscheint jedoch wenig plausibel. Zum einen ist nämlich in der Regel zu erwarten, dass ab einer bestimmten Menge Sättigungstendenzen zum Tragen kommen und die Nachfrage deshalb sinkt; zum anderen dürften die Grenzkosten der Anbieter ab einer bestimmten Menge aufgrund von Engpässen ansteigen, was dann einen entsprechenden Anstieg der Angebotskurve zur Folge hat. Liegt eine dieser beiden Konstellationen vor, so verläuft die Angebots- bzw. Nachfragekurve nicht mehr horizontal, und es ergibt sich allein schon aus diesem Grunde ein Schnittpunkt zwischen beiden Kurven. Das Problem der Mengenunbestimmtheit ist dann beseitigt. In der Abbildung 11.3 ist eine Konstellation dargestellt, wo sowohl die Angebotsals auch die Nachfragekurve vollkommen preisunelastisch verlaufen. Hier kommen zwar Transaktionen zustande, allerdings ist deren Ausmaß durch die jeweils ‚kürzere‘ Marktseite – in dem hier dargestellten Beispiel: durch die Nachfrage – limitiert. Der in Abbildung 11.3 unterstellte völlig preisunelastische Verlauf der Kurven bedeutet, dass Angebots- oder Nachfrageüberhänge keinerlei Mengenreaktionen, sondern ausschließlich Preisänderungen hervorrufen. In diesem Fall kann der Marktpreis Angebot und Nachfrage nicht in Übereinstimmung bringen. Da es keine endogene Tendenz zur Markträumung gibt, wäre eine Über einstimmung von Angebots- und Nachfragemenge purer Zufall, wobei eine solche Übereinstimmung insofern kein Gleichgewicht darstellt, weil dann immer noch der Marktpreis unbestimmt wäre. Der Koordinationsmechanismus Markt versagt. Abbildung 11.3: Vollkommen preisunelastische Angebots und Nachfragekurven Die Angebotsmenge ist bei jedem Preis größer als die Nachfrage. Es existiert kein Gleichgewichtspreis, bei dem der Markt geräumt wird. Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 292 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 292 Eine geringe Preiselastizität von Angebot oder Nachfrage deutet auf fehlende Anpassungsmöglichkeiten der Marktakteure hin. Ein solcher Verlauf der Angebots- bzw. Nachfragekurve wird vielfach hinsichtlich des Agrarmarktes sowie in Bezug auf den Arbeitsmarkt behauptet. Auf dem Agrarmarkt könnte sich ein völlig preisunelastisches Angebot daraus ergeben, dass die Menge der Nahrungsmittel nach einer Ernte nicht mehr variiert werden kann; eine geringe Preiselastizität der Nachfrage ließe sich damit begründen, dass eine bestimmte Menge an Nahrungsmitteln zum Überleben erforderlich ist und somit – unabhängig vom Preis der Nahrungsmittel – nachgefragt werden muss. Was den Arbeitsmarkt betrifft, so bestünde eine Erklärung für eine geringe Preiselastizität des Angebotes der Arbeitnehmer von Arbeit darin, dass sie auf Arbeit angewiesen sind, um von dem Entgelt ihren Lebensunterhalt zu bestreiten und die individuell angebotene Arbeitszeit aufgrund der praktisch herrschenden Regelarbeitszeiten nur in geringem Maße variiert werden kann. Die Erklärung einer vom Lohnsatz weitgehend unabhängigen Arbeitsnachfrage der Arbeitgeber ist komplexer und gilt nur für den Fall eines unterausgelasteten Kapitalstocks. Unter den mikroökonomischen Standardannahmen ergibt sich die Arbeitsnachfrage der Unternehmen aus dem Wertgrenzprodukt der Arbeit, die bei partieller Faktorvariation (d. h. bei konstantem Kapitaleinsatz) in der Regel abnimmt; dies hat dann zur Folge, dass die nachgefragte Arbeitsmenge bei steigendem Lohnsatz sinkt (vgl. Abschnitt 3.2.1). Bei unterausgelasteten Kapazitäten findet bei einer Erhöhung des Arbeitseinsatzes aber eine totale Faktorvariation statt, da eine zusätzliche Einheit Arbeit mit ansonsten brachliegenden Bestandteilen des Kapitalstocks (und somit ohne wesentliche Kapitalkosten) ‚kombiniert‘ werden kann. In diesem Falle ist die Annahme eines abnehmenden Wertgrenzproduktes des Faktors Arbeit im Rahmen des Standardmodells nicht mehr zwingend, sondern es könnte sich auch eine konstante Grenzproduktivität ergeben. Sofern der Lohnsatz die konstante Grenzproduktivität nicht übersteigt, ist die Arbeitsnachfrage vom Lohnsatz unabhängig. Entsprechend wird in dieser „keynesianischen“ Sichtweise des Arbeitsmarktes unterstellt, dass die Arbeitsnachfrage vor allem von der Güternachfrage bestimmt wird. Es spricht einiges dafür, dass mit einer solchen, durch weitgehend preis unelastisches Anbieter- und Nachfragerverhalten geprägten Konstellation nur auf bestimmten Märkten zu rechnen ist. Dabei hängt die Wahrscheinlichkeit für ein fehlendes Gleichgewicht wesentlich von der zeitlichen, räumlichen und sachlichen Ausdehnung des betreffenden Marktes ab. So ist die Preiselastizität des Angebots umso höher, je lagerfähiger die betreffenden Güter sind, d. h. je leichter sich das Angebot auf spätere Perioden verschieben lässt (zeitliche Marktausdehnung). Bei überregionalen bzw. international offenen Märkten kann ein Angebotsüberschuss exportiert oder ein Nachfrageüberhang durch Importe gedeckt werden, was die Preiselastizität tendenziell erhöht (räumliche Marktausdehnung). Je enger schließlich der Markt in sachlicher Hinsicht abgegrenzt ist, desto höher ist die Preiselastizität der Nachfrager, da sich dann die Substitu tionsmöglichkeiten durch ähnliche Produkte zeigen. Beispielsweise dürfte die Preiselastizität der Nachfrage nach Nahrungsmitteln aufgrund ihrer lebensnotwendigen Bedeutung relativ gering sein; demgegen- über fällt die Preiselastizität für einzelne Nahrungsmittel (z. B. Rindfleisch, Kaviar) erheblich höher aus, da sich einzelne Nahrungsmittel relativ leicht durch andere substituieren lassen. Aufgrund der in den letzten Jahren vergrößerten räumlichen Ausdehnung des Agrarmarktes sowie nicht zuletzt auch infolge verbesserter Lagerfähigkeit landwirtschaftlicher Produkte dürfte ein völlig preisunelastisches Angebot auf dem Agrarmarkt kaum mehr zu erwarten sein. Alles in allem ist die Nichtexistenz eines Gleichgewichtes aufgrund geringer Preiselastizitäten zwar durchaus möglich; es spricht aber einiges dafür, dass es 11. Anpassungsmängel 293 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 293 sich dann um ein temporäres, auf bestimmte Märkte beschränktes Phänomen handelt. Insbesondere setzt das Fehlen eines Gleichgewichtes voraus, dass sowohl das Angebot als auch die Nachfrage relativ preisunelastisch sind. Zudem: Selbst wenn sich bestimmte Anbieter- oder Nachfragergruppen vollkommen preisunelastisch verhalten, so ist es durchaus nicht unwahrscheinlich, dass die aggregierte Angebots-bzw. Nachfragekurve aufgrund preiselastischer Verhaltensweisen anderer Marktteilnehmer dennoch den üblichen, geneigten Verlauf aufweist. 11.2 Märkte mit unzureichender Tendenz zum Gleichgewicht Von einer unzureichenden Tendenz zum Gleichgewicht kann man dann sprechen, wenn zwar eine Preis-Mengen-Kombination existiert, bei welcher der Markt geräumt wird, dieses Gleichgewicht aber instabil ist oder nur eine relativ schwache Tendenz hin zu diesem Gleichgewicht besteht. Solche Instabilitäten können drei Arten von möglichen Ursachen haben: Erstens ein anomaler bzw. inverser Verlauf von Angebots- und/oder Nachfragekurve (Abschnitt 11.2.1), zweitens bestimmte Formen der Erwartungsbildung, die zu stark schwankenden Preisen und Mengen im Verlauf von Anpassungsprozessen führen („Cobweb“-Modelle, Abschnitt 11.2.2); drittens schließlich können starke Preisschwankungen auch eine Folge von Spekulationswellen und „spekulativen Blasen“ sein (Abschnitt 11.2.3). 11.2.1 Anomale (inverse) Angebots- oder Nachfragereaktion Das Modell der vollständigen Konkurrenz geht davon aus, dass die unendliche Reaktionsgeschwindigkeit der Marktakteure immer zu einem Gleichgewicht führt. Man veranschaulicht diese Annahme häufig mit dem Bild eines „Walrasianischen Auktionators“: Der Auktionator ruft für jedes Gut Preise aus, und jeder Marktakteur nennt die zu diesem Preis von ihm angebotene bzw. nachgefragte Menge. Auf der Grundlage dieser Informationen ermittelt der Auktionator den Gleichgewichtspreis; Transaktionen finden nur zu diesem Gleichgewichtspreis statt. Auf realen Märkten existiert – abgesehen von Ausnahmefällen, wie z. B. Wertpapier-Börsen – kein solcher Auktionator. Die Akteure müssen sich dann ohne eine derartige Hilfe mit ihren dezentralen Entscheidungen an ein neues Gleichgewicht annähern. Ob und, falls ja, wie schnell sie dieses neue Gleichgewicht erreichen, hängt entscheidend von ihrem Verhalten bzw. – wenn man so will – von ihrer Suchstrategie ab. Eine ebenso einfache wie plausible Verhaltensannahme besteht darin, dass die Akteure in Ungleichgewichtssituationen auf Preisänderungen mit einer Variation der von ihnen jeweils angebotenen bzw. nachgefragten Menge reagieren. Die Abbildungen 11.4 bis 11.6 zeigen solche Angebots- und Nachfragekurven, die als Mengenreaktionskurven im Ungleichgewicht zu verstehen sind. Zur Verdeutlichung entsprechender Anpassungsprozesse wird zunächst eine normale Reaktion auf beiden Marktseiten unterstellt. In Abbildung 11.4 besteht beim Preis P1 ein Angebotsüberhang im Ausmaß X1A – X1N. Ein solcher Angebotsüberschuss führt dazu, dass die Anbieter den Preis senken um ihre Produktion möglichst vollständig abzusetzen. ‚Normal‘ reagierende Anbieter schränken bei sinkenden Preisen die von ihnen angebotene Menge ein; normal reagierende Nachfrager dehnen bei einem Preisverfall ihre nachgefragte Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 294 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 294 Menge aus. Bei einem solchen Verlauf von Angebots- und Nachfragekurve wird das beim Preis P1 bestehende Ungleichgewicht durch die Reaktionen der Marktteilnehmer abgebaut, bis das neue Gleichgewicht (Punkt G in Abbildung 11.4) erreicht ist. Im Falle eines Nachfrageüberhangs, der sich in Abbildung 11.4 etwa beim Preis P2 in Höhe von X2N – X2A ergibt, erfolgt ein analoger Anpassungsprozess: Die mit dem Nachfrageüberhang verbundene Konkurrenz um das relativ knappe Angebot führt zu Preiserhöhungen. Als Reaktion auf den gestiegenen Preis weiten normal reagierende Anbieter die Menge aus und normal reagierende Nachfrager schränken die Menge ein. Durch diese Verhaltensanpassungen wird das Ungleichgewicht abgebaut und über kurz oder lang wiederum das Gleichgewicht erreicht. Verhält sich zumindest eine der beiden Marktseiten anomal, so kann es zu einer Verstärkung von Ungleichgewichten kommen. Man spricht von einer anomalen Reaktion der Nachfrager, wenn diese auf eine Preiserhöhung (Preissenkung) mit einer Zunahme (Abnahme) der gewünschten Menge reagieren. Eine anomale Reaktion der Anbieter würde bedeuten, dass sie bei einem sinkenden Preis (ansteigenden Preis) die angebotene Menge ausdehnen (reduzieren). Abbildung 11.5 zeigt einen Markt, auf dem sowohl die Angebots- als auch die Nachfragekurve anomal geneigt ist. Obwohl sich in dem dargestellten Beispiel beide Marktseiten anomal verhalten, wäre hier bei der Preis-Mengenkombination PG/XG ein markt räumendes Gleichgewicht möglich; allerdings ist dieses Gleichgewicht instabil. Kommt es nämlich zu einem Ungleichgewicht, so bewirken die Reaktionen der Akteure eine immer größere Abweichung von der gleichgewichtigen Preis-Mengen-Kombination. An- Abbildung 11.4: Normal geneigte Angebots und Nachfragekurven Die Anbieter reagieren auf eine Preiserhöhung mit einer Ausdehnung der Angebotsmenge; bei einer Preissenkung schränken sie die Menge ein. Bei Preis steigerungen verringert sich die nachgefragte Menge; Preissenkungen führen zu einer Ausdehnung der Nachfrage. 11. Anpassungsmängel 295 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 295 genommen, es liegt ein Ungleichgewicht in Form eines Nachfrageüberhanges (X1N-X1A) beim Preis P1 vor. Dieser Nachfrageüberhang führt zu einem Preisanstieg. Entsprechend der hier unterstellten Verhaltensannahme reagieren die Anbieter mit einer Reduktion der von ihnen angebotenen Menge. Steigt beispielsweise der Preis auf P2, so sinkt die Angebotsmenge auf X2A. Die Preissteigerung induziert bei anomalem Verhalten der Nachfrager eine Ausdehnung der Menge auf X2N. Infolge der anomalen Reaktion beider Marktseiten erhöht sich der Nachfrageüberhang auf X2N-X2A. Da die Anbieter hierauf wiederum mit einer Reduktion der Angebotsmenge reagieren und die nachgefragte Menge nochmals ausgeweitet wird, nimmt der Nachfrageüberhang weiter zu. Es zeigt sich also, dass ein Nachfrage überhang bei anomal geneigten Angebots- und Nachfragekurven nicht abgebaut wird, sondern sich immer weiter verstärkt. Analog lässt sich anhand von Abbildung 11.5 zeigen, dass auch ein Angebotsüberhang bei einem Preis unterhalb des Gleichgewichtspreises zu einer immer größeren Abweichung von der gleichgewichtigen Preis-Mengen-Kombination führt. Eine solche Situation ist beim Preis P3 gegeben; hier wird die Menge X3A angeboten, wohingegen die Nachfrage lediglich die Menge X3N umfasst. Reagieren nun die Anbieter auf die sich einstellende Preissenkung mit einer Ausdehnung der angebotenen Menge, während die nachgefragte Menge infolge des Preisrückgangs reduziert wird, so vergrößert sich der Angebotsüberhang. Die Marktakteure entfernen sich immer weiter vom Gleichgewicht. Reagiert lediglich eine der beiden Marktseiten anomal, so kann es nur dann zu einem sich verstärkenden Ungleichgewicht kommen, wenn oberhalb des Gleichgewichts- Abbildung 11.5: Anomal geneigte Angebots und Nachfragekurven Verhalten sich beide Marktseiten anomal, so führt jede Abweichung vom Marktgleichgewicht zu größeren, sich weiter verstärkenden Ungleichgewichten. Der Markt ist instabil. Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 296 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 296 preises ein Nachfrageüberschuss bzw. unterhalb des Gleichgewichtspreises ein Angebotsüberhang besteht. Diese Bedingung bedeutet grafisch nichts anderes, als dass die anomale Kurve flacher als die normal geneigte Kurve verläuft. Abbildung 11.6 zeigt eine solche Konstellation mit anomal geneigter Angebotskurve. Wie schon im Fall anomal geneigter Kurven auf der Angebots- und der Nachfrageseite (vgl. Abbildung 11.5) wäre auch hier ein markträumendes Gleichgewicht bei der Preis-Mengen-Kombination PG/XG möglich, allerdings ist dieses Gleichgewicht instabil. Kommt es nämlich zu einem Ungleichgewicht, so führen die Reaktionen der Akteure zu einer immer größeren Abweichung von der gleichgewichtigen Preis-Mengen-Kombination. Besteht beispielsweise beim Preis P1 ein Angebots- überhang im Ausmaß der Menge X1A–X1N und sinkt deshalb der Preis, so veranlasst dies die Anbieter zu einer Ausweitung ihrer Angebotsmenge, wodurch sich das Ungleichgewicht weiter verstärkt. Bei einem Nachfrageüberhang (etwa beim Preis P2) bestünde hier die anomale Reaktion darin, dass die angebotene Menge trotz steigender Preise von X2N auf X2A reduziert wird, was dann ein zunehmendes Ungleichgewicht zur Folge hat. Analoge Tendenzen ließen sich für den Fall einer anomal geneigten Nachfragekurve bei normal verlaufender Angebotskurve zeigen. Wie kann man derartige anomale Reaktionen erklären, und wie wahrscheinlich ist das Auftreten eines solchen anomalen Verhaltens in der Realität? Was die Nachfrageseite betrifft, so dürfte mit anomalem Verhalten in dem beschriebenen Sinne wohl nur in Ausnahmefällen zu rechnen sein. Ein in diesem Zusammenhang in der Literatur häufig angeführter Fall stellt das sogenannte Giffensche Paradoxon Abbildung 11.6: Anomal geneigte Angebotskurve und normal geneigte Nachfragekurve Verläuft die Nachfragekurve steiler als die Angebotskurve, so führt anomales Ver halten der Anbieter zu einer Verstärkung von Ungleichgewichten. Bei einem Angebotsüberschuss dehnen sie die bereitgestellte Menge aus, was zu einer Vergrößerung des Überschusses führt. Bei einem Nachfrageüberhang wird die Angebotsmenge eingeschränkt. 11. Anpassungsmängel 297 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 297 dar. Die notwendige Voraussetzung für das Auftreten dieses Paradoxons besteht darin, dass es sich bei dem betreffenden Gut um ein inferiores Gut handelt. Inferiore Güter sind dadurch gekennzeichnet, dass sie bei steigendem Einkommen immer weniger nachgefragt werden (z. B. einfache Grundnahrungsmittel wie Kartoffeln oder Brot). Zu einer vermehrten Nachfrage eines inferioren Gutes bei steigendem Preis kann es dann kommen, wenn der Substitutionseffekt (Ersatz des relativ teurer werdenden Gutes) vom Einkommenseffekt (Erhöhung der Nachfrage nach dem betreffenden Gut infolge Verminderung des Realeinkommens) überkompensiert wird. Man kann wohl davon ausgehen, dass es sich bei derartigen anomalen Reaktionen der Nachfrager um Ausnahmefälle handelt. Und selbst wenn es auf einigen Märkten zu derartigen anomalen Reaktionen einzelner Nachfrager oder Nachfragergruppen kommen sollte, so kann die aggregierte Nachfragekurve dennoch normal verlaufen, sofern nur eine hinreichend große Anzahl anderer Nachfrager nicht anomal reagiert. Mit einer anomalen Reaktion der Anbieter ist vor allem im Falle eines Angebots- überhanges zu rechnen. Der Grund hierfür besteht darin, dass bei Nachfrageüberschüssen der Markt über die Möglichkeit zu Preis- und Gewinnsteigerungen in der Regel starke Anreize bietet, bestehende Angebotslücken – durch Ausdehnung der Produktionsmenge oder durch Marktzutritte neuer Anbieter – zu schließen. Dauerhafte Nachfrageüberhänge treten also wohl nur dann auf, wenn die normale Reaktionsweise des Marktes durch staatliche Regulierung von Preisen (wie beispielsweise in bestimmten Bereichen des Wohnungsmarktes der Fall) bzw. von Gewinnen verhindert oder wenn der Marktzutritt neuer Anbieter beschränkt wird. Ein anomales Verhalten der Anbieter ist also nur im Falle eines Angebotsüberhangs zu erwarten: Es manifestiert sich darin, dass die Anbieter die von ihnen bereitgestellte Menge trotz sinkender Preise ausdehnen. Entsprechende Tendenzen werden etwa für den Arbeitsmarkt sowie für den Agrarmarkt behauptet. Dabei wird der Grund für die Erhöhung der Angebotsmenge jeweils darin gesehen, dass die Anbieter durch Erhöhung der angebotenen Menge Einkommensverluste aufgrund sinkender Preise zu vermeiden versuchen. Beispiel Agrarmarkt: Besteht auf dem Markt für Milchprodukte ein Angebotsüberschuss, der einen Druck auf die Milchpreise ausübt, so würde anomales Angebotsverhalten implizieren, dass die Milchbauern ihren Kuhbestand vergrößern, um den Einkommensverlust durch sinkende Preise zu kompensieren. Ein solches Verhalten wäre aber nur dann ökonomisch rational, wenn der daraus zu erzielende Ertrag den zusätzlich entstehenden Aufwand deckt. Haben die Anbieter im Ausgangszustand bereits ihr Produktionsoptimum realisiert, so ist dies nicht zu erwarten. Häufig wird als empirischer Beleg für anomales Angebotsverhalten auf dem Agrarmarkt darauf verwiesen, dass die landwirtschaftliche Produktion in den vergangenen Jahrzehnten trotz gefallener Preise angestiegen ist. Dies stellt allerdings keinen zwingenden Beleg für anomales Anbieterverhalten dar, sondern kann ebenso durch einen entsprechend starken Effizienzanstieg infolge technischen Fortschritts bedingt sein. Beispiel Arbeitsmarkt: Anomales Anbieterverhalten auf dem Arbeitsmarkt bedeutet, dass die Arbeitnehmer als Anbieter ihrer Arbeitskraft auf einen sinkenden (realen) Lohnsatz, der sich immer mehr dem Existenzminimum nähert, statt mit einem abnehmenden, mit einem zunehmenden Angebot reagieren. Als Beleg für anomales Verhalten der Arbeitnehmer wird häufig die Entwicklung des Arbeitsmarktes im 19. Jahrhundert herangezogen. Bedingt durch einen starken Produktivitätszuwachs infolge zunehmender Mechanisierung, durch ein kräftiges Wachstum der Erwerbsbevölkerung sowie massive Landflucht vergrößerte sich in dieser Zeit das städtische Arbeitsangebot in erheblichem Ausmaße; die Löhne fielen, und das durchschnittliche Einkommen der Arbeitnehmer(-Haushalte) ging zurück, obwohl Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 298 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 298 die Arbeitszeit verlängert wurde und auch Kinder zur Arbeit herangezogen wurden. Nicht zuletzt aufgrund dieser Entwicklung wurden in jener Zeit Maßnahmen zum Schutz der Arbeitnehmer wie Arbeitszeitregelungen oder das Verbot der Kinderarbeit erlassen. Allgemein dürften Tendenzen zu anomalen Angebotsreaktionen umso bedeutender sein, je •• inflexibler die Anbieter in räumlicher oder sektoraler Hinsicht sind. •• geringer die Vermögensbestände der Anbieter sind; leicht mobilisierbares Vermögen eröffnet einem Anbieter die Möglichkeit, schlecht bezahlte Transaktionen auszuschlagen. •• weniger umfassend das System der sozialen Sicherung ausgebaut ist; beispielsweise sichern Sozialtransfers wie Arbeitslosengeld, Wohngeld oder Sozialhilfe den Arbeitnehmern das Existenzminimum und vermindern somit den Zwang, Arbeit um jeden Preis anbieten zu müssen. Alles in allem dürfte anomales Verhalten in Deutschland unter den heutigen rechtlichen und sozialen Bedingungen eher eine rare Ausnahme als die Regel darstellen. Es ist eine weitgehend offene Frage, welche wirtschaftspolitischen Mittel angebracht sind, falls es zu einem Ausmaß an anomalem Verhalten kommt, welches zu wesentlichen Instabilitäten auf dem betreffenden Markt führt. Eine Möglichkeit zur Reaktion auf anomales Verhalten auf dem Arbeitsmarkt bestünde in mobilitätsfördernden Maßnahmen (z. B. Umschulungs- oder Umzugsbeihilfen) oder Instrumenten der Einkommenssicherung. Eingriffe wie das Setzen von Mindestpreisen (z. B. Mindestlöhne auf dem Arbeitsmarkt durch den Staat oder im Rahmen von Tarifvereinbarungen) sind demgegenüber wesentlich heikler: Liegt der Mindestpreis nämlich dauerhaft über dem markträumenden Gleichgewichtspreis, so werden hierdurch Ungleichgewichte – wie etwa Überproduktion auf dem Agrarmarkt oder Mindestlohn-Arbeitslosigkeit auf dem Arbeitsmarkt – induziert. 11.2.2 Cobweb-Prozesse Starke Preisschwankungen können die Lenkungs- bzw. Signalfunktion des Preises wesentlich beeinträchtigen, d. h. sie erschweren es den Markt akteuren, die wahren Knappheitsrelationen zu erkennen und ihre Aktivitäten daran auszurichten. Dies kann zum einen Irrtümer und entsprechende Fehlallokationen zur Folge haben. Zum anderen erhöhen sich für die Akteure die Informationsaufwendungen, und sie werden u. U. dazu gezwungen, sich gegen zukünftige Preisschwankungen abzusichern, indem sie beispielsweise hohe Liquiditätsreserven bzw. Lagerbestände halten oder Kurssicherungsgeschäfte abschließen, was mit entsprechenden Kosten verbunden ist (vgl. hierzu auch Abschnitt 10.5). Eine Erklärung für derartige Preisschwankungen stellen die sogenannten Spinngewebe- bzw. Cobweb-Modelle dar. Im Rahmen von Cobweb-Modellen wird üblicherweise unterstellt, dass die Anbieter ihre Entscheidung über die Produktionsmenge allein an dem Preis ausrichten, der sich in der Vorperiode ergeben hat. Weiterhin geht man davon aus, dass die zu produzierenden Güter nicht lagerfähig sind und zu ihrer Erstellung mindestens eine Periode benötigt wird. Beide Faktoren verhindern eine sofortige Anpassung der angebotenen Menge, 11. Anpassungsmängel 299 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 299 falls ein Ungleichgewicht auftritt. In Abbildung 11.7 ist ein zu einem neuen Gleichgewicht konvergierender Cobweb-Prozess dargestellt. Ausgangspunkt sei das durch die Preis-Mengen-Kombination P1/X1 im Schnittpunkt von Angebots- und Nachfragekurve N1 gegebene Gleichgewicht. Verschiebt sich nun in der Periode 2 die Nachfragekurve von N1 nach N2, so werden Anpassungen erforderlich. Die in Abbildung 11.7 dargestellte Verschiebung der Nachfragekurve nach rechts oben bedeutet beispielsweise, dass die Nachfrager für das betreffende Gut einen höheren Preis zu zahlen bereit sind. Da sich die Anbieter hinsichtlich der von ihnen bereitgestellten Menge an den Marktbedingungen der Periode 1 orientieren, bieten sie nur die Menge X1 an. Infolge des Nachfrageüberhanges steigt der Preis auf P2. Der gestiegene Preis veranlasst die Anbieter dazu, in der Folgeperiode ihre Angebotsmenge auf X3 auszudehnen; dies impliziert allerdings ein Überangebot, so dass der Preis auf P3 sinkt (da die Güter annahmegemäß nicht lagerfähig sind und somit in der Periode 3 vollständig abgesetzt werden müssen). Die Angebotsmenge in der Periode 4 orientiert sich wiederum am Preis P3, wodurch der Preis auf P4 ansteigt, etc. In dem hier dargestellten Beispiel konvergiert dieser Prozess auf ein neues Gleichgewicht hin, welches durch den Schnittpunkt der Nachfragekurve N2 mit der Angebotskurve angegeben wird. Ob der Anpassungsprozess zu einem neuen Gleichgewicht konvergiert oder vom Gleichgewicht wegführt, hängt vom Verlauf der Angebots- und Nachfragekurve ab. Ist die Nachfragekurve flacher als die Angebotskurve, so nähert sich der Prozess einem neuen Gleichgewicht; verläuft die Nachfragekurve steiler als die Angebotskurve, so kommt ein Prozess in Gang, bei dem Preise und Mengen Abbildung 11.7: Konvergierender Cobweb Prozess Die Anbieter reagieren zeitlich verzögert, indem sie die von ihnen bereitgestellte Menge am Preis der Vorperiode ausrichten. Verläuft die Angebotskurve steiler als die Nachfragekurve, so wird nach mehreren Perioden ein neues Gleichgewicht erreicht. Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 300 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 300 von Periode zu Periode immer stärker schwanken und sich immer weiter von der gleichgewichtigen Preis-Mengen-Kombination entfernen. Sind beide Kurven gleich steil, so verharrt der Markt im Ungleichgewicht, wobei Preise und Mengen mit konstanter Amplitude um die Gleichgewichtswerte schwanken. Abbildung 11.8 zeigt einen Fall, in dem sich die Ungleichgewichte – ausgehend vom Gleichgewicht P1/X1 – bei einer Verschiebung der Nachfragekurve von N1 nach N2 mit der Zeit verstärken. In sämtlichen Fällen ist die Marktdynamik durch mehr oder weniger stark ausgeprägte Preisschwankungen gekennzeichnet. Stark ausgeprägte und periodisch wiederkehrende Preis- bzw. Mengenschwankungen ließen sich in der Vergangenheit nicht nur bei einer Reihe von landwirtschaftlichen Produkten (insbesondere der „Schweinezyk lus“ bei Mastschweinen, aber ebenso bei Hopfen, Eiern, Kaffee und Schlachtrindern), sondern auch im Schiffbau, bei bestimmten Ausbildungsgängen sowie bei der Bereitstellung von Bürofläche in Städten beobachten. Derartige Zyklen sind dadurch gekennzeichnet, dass auf Perioden mit einer reichlichen Angebotsmenge zu entsprechend niedrigem Preis, Zeiten knappen Angebots zu hohen Preisen folgten (vgl. Abbildung 11.9). Dabei fallen die Preisschwankungen umso stärker aus, je weniger lagerfähig die betreffenden Produkte sind, denn lässt sich das Angebot mit relativ geringen Kosten auf einen späteren Zeitpunkt verschieben, dann lohnt es sich u. U., bei relativ niedrigem Preis auf Lager zu produzieren und günstigere Marktbedingungen abzuwarten. In vielen Fällen wird das Zustandekommen solcher überschießender Reaktionen dadurch begünstigt, dass die Folgen der individuellen Entscheidungen (z. B. Ausweitung des Angebots) für die anderen Marktteilnehmer erst mit zeitlicher Abbildung 11.8: In einen explodierenden Prozess mündende Preisschwankungen Verläuft die Angebotskurve flacher als die Nachfragekurve, so führt die verzöger te Anpassung der Angebotsmenge zu immer stärkeren Schwankungen von Preis und Menge. Der Prozess ,explodiert’; es wird kein neues Gleichgewicht erreicht. 11. Anpassungsmängel 301 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 301 Verzögerung erkennbar werden, weil für die Bereitstellung des betreffenden Gutes ein entsprechender Zeitbedarf besteht. Beispiel „Schweinezyklus“: Historische Untersuchungen zeigen, dass über längere Zeiträume das Angebot an Mastschweinen mit einer Verzögerung von ca. 14 bis 15 Mo naten auf Änderungen des Verhältnisses zwischen Schweinefleisch- und Mastfutterpreis reagiert hat. In Zeiten großen Angebotes gaben die Schweinefleischpreise nach, was eine Reduktion der Menge zur Folge hatte. War hingegen das Angebot knapp und der Preis für Schweinefleisch dementsprechend hoch, so wurden die Herden vergrößert. Da – bedingt durch den Zeitbedarf für die Aufzucht – die Entscheidung zur Vergrößerung des Bestandes an Mastschweinen erst mit zeitlicher Verzögerung angebotswirksam wurde, konnte es zu überschießenden Reaktionen kommen. Heutzutage dürften solche Zyklen aber wohl eher eine Ausnahme darstellen. Ein wesentlicher Grund hierfür ist darin zu sehen, dass die Markt akteure aus ihren in der Vergangenheit gemachten Erfahrungen Konsequenzen ziehen und nach einigen Perioden mit eklatanten Ungleichgewichten lernen, ihr Angebot nicht allein vom Preis in der Vor periode abhängig zu machen. Im Fall landwirtschaftlicher Erzeugnisse kommt hinzu, dass die Methoden der Lagerhaltung bei vielen Produkten im Laufe der Zeit stark verbessert wurden und somit die Anbieter heutzutage häufig über die Möglichkeit verfügen, im Falle eines Angebots überschusses die Läger aufzufüllen bzw. die Läger bei einem Nachfrageüberschuss zu räumen. Der Anstoß für starke Preisschwankungen durch verzögerte Anpassung kann sowohl von der Angebotsseite wie auch von der Nachfrageseite des Marktes ausgehen. Nachfrageschwankungen, wie z. B. saisonale Schwankungen der Nachfrage nach Transportdienstleistungen, führen zu umso stärkeren Preisveränderungen, je preisunelastischer das Angebot reagiert. Analog sind die durch Veränderungen der Angebotsmenge induzierten Preisvariationen umso ausgeprägter, je preisunelastischer die Nachfragekurve verläuft. Eine stark schwankende Angebotsmen- Abbildung 11.9: Zyklische Schwankungen um die Gleichgewichtslösung („Schweinezyklus“) Eine zeitlich verzögerte Anpassung der Angebotsmenge an den Preis kann zu zyklischen Schwankungen von Preis und Menge auf einem Markt führen. Die  wesentliche Ursache einer solchen verzögerten Anpassung besteht meist im  Zeitbedarf für die Erzeugung des betreffenden Gutes. Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 302 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 302 ge kann insbesondere auf Agrarmärkten auftreten, wo die Produktion wesentlich von der Witterung abhängig ist. Eine besondere Form von nachfrageinduzierten Preisschwankungen stellen Spekulationswellen dar, die zu spekulativen Blasen führen können, die Gegenstand des nachfolgenden Abschnitts 11.2.3 sind. Man kann wohl darüber streiten, ab welchem Ausmaß Preisschwankungen die Lenkungsfunktion des Preises ernsthaft beeinträchtigen. Maßnahmen wie wechselkursstabilisierende Aktivitäten von Zentralbanken oder das zeitweise Aussetzen des Handels mit Aktien nach starken Kurs einbrüchen („circuit breaker“) bzw. wenn das betreffende Unternehmen in Turbulenzen geraten ist, stellen Beispiele für Eingriffe dar, die in der Regel primär zur Sicherung der Lenkungsfunktion des Preises dienen. Sofern derartige mit dem Ziel der Stabilisierung betriebene Maßnahmen auf die Einhaltung von bestimmten Ober- und Untergrenzen für Preise („Stabilitätskorridore“, Bandbreiten für Wechselkurse) abzielen, sind sie fragwürdig. Denn niemand kann den richtigen Preis im vorhinein kennen, da dieser erst im Verlauf des Wettbewerbs entdeckt wird. Da Preisschwankungen direkte Auswirkungen auf die Einkommen der Marktakteure haben, führen sie u. U. zu verteilungspolitischen Problemen, weshalb die Forderung nach staatlichen Eingriffen nicht selten primär verteilungspolitisch motiviert ist. Beispiele hierfür sind etwa Kappungsgrenzen (z. B. für Mieten), mit denen die während eines bestimmten Zeitraums zulässigen Preissteigerungen nach oben hin limitiert werden. Man kann wohl davon ausgehen, dass derartige Beschränkungen von zulässigen Preisänderungen im Zweifel eher zu einer Schwächung als zu einer Stärkung der Lenkungsfunktion der Preise führen, also die Anpassung an sich wandelnde Rahmenbedingungen verzögern und somit wohlfahrtsschädlich wirken. Kappungsgrenzen könnten allerdings – ebenso wie Bandbreiten und Stabilitätskorridore – ein geeignetes Mittel darstellen, um zu hohe Flexibilität (hierzu Abschnitt 11.3) zu dämpfen. Nur: Wer kennt das optimale Ausmaß an Flexibilität? 11.2.3 Spekulative Blasen Spekulative Blasen sind dadurch gekennzeichnet, dass der Preis für ein Gut bzw. Wertpapier deutlich über seinen fundamentalen Wert steigt und Nachfrager in Erwartung zukünftig steigender Preise weiterhin in das Gut investieren. Die zunehmende Nachfrage führt zu immer höheren Preisen, weit über den fundamentalen Wert des betreffenden Gutes hinaus. Schließlich platzt die Blase: Eine erste Verkaufswelle führt zu Preissenkungen, die bewirken, dass viele Marktteilnehmer nunmehr für die Zukunft sinkende Preise erwarten, was panikartige Verkäufe auslöst. Der Preis fällt schlagartig und unerwartet auf oder unter seinen fundamentalen Wert und weist auch in der Folgezeit häufig relativ starke Schwankungen auf. Beispiele für solche spekulativen Blasen sind etwa die Tulpenzwiebel-Hausse in Holland in den Jahren 1630 bis 1637, der Börsencrash an der Wallstreet im Jahr 1929, die Kursentwicklung für Technologie-Aktien und deren starker Kursverfall im Jahr 2000 („Internet-Blase“) sowie die Preisentwicklung auf dem US-amerikanischen Häusermarkt und dessen Zusammenbruch im Jahre 2007 mit sich daran anschließender Bankenkrise. 11. Anpassungsmängel 303 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 303 Die Tulpenzwiebel-Hausse in den Niederlanden zwischen 1630 und 1637 stellt eine der ältesten Spekulationsblasen der Geschichte dar. Als holländische Züchter Anfang des 17. Jahrhunderts begannen, verschiedene Arten von Tulpen zu kreuzen und aus einfarbigen Blumen Tulpen mit bunt gemusterten Blüten erzeugten, wurde die Tulpe zum Kultobjekt. Da es nie sehr große Mengen einer bestimmten Zwiebelart gab, stiegen die Preise äußerst schnell an. Kostete eine Tulpenzwiebel zu Beginn der Hausse noch einen Gulden, so mussten wenig später bereits 1.000 Gulden und mehr gezahlt werden. An den holländischen Börsen wurden Zwiebeln seltener Züchtungen schon bald parallel zu Aktien gehandelt. In den Jahren 1636/37 hatte das Tulpenfieber seinen Höhepunkt erreicht. Im Jahre 1637 wurde eine Zwiebel einer besonders seltenen Sorte zu 10.000 Gulden gehandelt, was dem damaligen Preis eines Amsterdamer Grachtenhauses entsprach. Erste Verkäufe lösten einen lawinenartigen Kursrutsch aus. Der starke Preisverfall führte zu einer Vielzahl von Konkursen und die Wirtschaft des Landes kam auf Jahre zum Erliegen. Das Platzen einer spekulativen Blase führt nicht nur auf dem betreffenden Markt zu Turbulenzen, sondern kann auch auf anderen Märkten zu erheblichen Beeinträchtigungen wirtschaftlicher Abläufe bewirken und im schlimmsten Fall in eine andauernde allgemeine Wirtschaftskrise münden. Dabei sind insbesondere folgende Abläufe und Zusammenhänge relevant: •• Zunächst führt der drastische Preisverfall bei den Akteuren, die das Gut vor Platzen der Blase zu spekulativ überhöhten Preisen gekauft haben, zu finanziellen Verlusten und in der Folge dann vielfach zu Liquiditätsengpässen, die sowohl Verkäufe des Spekulationsgutes wie auch die Veräußerung anderer Güter bzw. Wertpapiere notwendig machen können. Durch solche Notverkäufe kann die Krise auch auf andere Märkte übergreifen mit der Gefahr, dass es zu einer allgemeinen Rezession kommt. Notverkäufe treten insbesondere dann auf, wenn die Käufe während des Entstehens der Blase mit Krediten finanziert worden sind und die Mittel nun zurück gefordert werden. Wird ein wesentlicher Anteil der Marktakteure nach dem Platzen der Blase zahlungsunfähig, so müssen Banken entsprechende Kredite abschreiben und können dadurch in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten. •• Die durch die Blase ausgelösten starken Preisschwankungen können eine Erhöhung der allgemeinen Unsicherheit auf den Märkten bewirken, die wiederum zu einem wesentlichen Vertrauensschwund führt. Eine wesentliche Folge hiervon kann dann eine Rationierung der Kreditvergabe durch Banken sein. Durch stark ausgeprägte Zurückhaltung von Finanzinstituten bei der Kreditvergabe greift die Krise dann auch auf andere Märkte und auf nicht direkt am Entstehen der Blase beteiligte Akteure über. Dabei besteht die Gefahr, dass das relativ hohe Maß an Marktturbulenz im Zusammenwirken mit Kreditrationierung durch Banken den Marktaustritt grundsätzlich wettbewerbsfähiger Unternehmen erzwingt bzw. dazu führt, dass nicht die am wenigsten leistungsfähigen Unternehmen als erste den Markt verlassen (falsche Reihenfolge des Marktaustritts). Dies hat dann wiederum Wohlstandseinbußen zur Folge. •• Reagiert der Staat mit Unterstützungsmaßnahmen für in Not geratene Unternehmen, so kann dies wiederum eine Verzerrung der Marktselektion bewirken. Mit einer solchen Verzerrung der Marktselektion ist dann zu rechnen, wenn nicht sämtliche Marktteilnehmer in gleicher Weise von der staatlichen Unterstützung profitieren. Als Ursache für das Entstehen einer spekulativen Blase ist an erster Stelle die Erwartung weiterhin steigender Preise, unabhängig vom fundamentalen Wert des Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 304 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 304 betreffenden Gutes, zu nennen. Selbst dann, wenn ein Akteur davon überzeugt ist, dass der Preis für das betreffende Gut deutlich überhöht ist und er den Blasen- Charakter der Entwicklung erkennt, kann es für ihn Akteur durchaus rational sein, in das Gut zu investieren und damit den Preis weiter nach oben zu treiben. Das Kalkül besteht in diesem Falle schlicht darin, durch den Verkauf zu einem späteren Zeitpunkt überdurchschnittliche Gewinne zu realisieren, wozu man die entsprechenden Risiken bewusst eingeht. Die Mehrzahl der Akteure handelt während des Entstehens einer spekulativen Blase also keineswegs irrational! Selbst wenn Sie davon überzeug sind, dass die Blase irgendwann einmal platzen wird, investieren sie in der Hoffnung, rechtzeitig abzuspringen, indem sie das Spekulationsgut wieder verkaufen. Tatsächlich aber werden die meisten Akteure vom Zeitpunkt des Kurszusammenbruchs überrascht. Die Herausbildung einer spekulativen Blase kann durch die Finanzierung der Käufe über Kredite wesentlich verstärkt werden. Kreditfinanzierung der Transaktionen verstärkt insbesondere auch die Effekte beim Platzen der spekulativen Blase, da der Zwang zur Rückzahlung der Kredite die Notwendigkeit von Verkäufen wesentlich steigert. Die spekulativen Blasen der jüngsten Vergangenheit wurden vermutlich noch dadurch verschärft, dass es an relativ turbulenten Handelstagen durch extrem hohes Transaktionsvolumen zu einem Zusammenbruch von elektronischen Handelssystemen kam, so dass für viele Marktteilnehmer keine Transaktionen möglich waren. Hierdurch wurde die ohnehin herrschende Panik im Zweifel noch gesteigert. Als Maßnahmen gegen das Entstehen spekulativer Blasen kommt einmal der Versuch zur Eindämmung „übermäßiger“ Spekulationen durch Bereitstellung von Informationen über den wahren Wert des betreffenden Gutes infrage. Dabei kann es bei zukunftsorientierten Transaktionen durchaus fraglich sein, inwiefern sich dieser wahre Wert tatsächlich einigermaßen zuverlässig bestimmen lässt. Moralische Appelle bzw. die Ermahnung, nicht „irrational“ zu handeln, dürften sich während der Entstehung einer spekulativen Blase als wenig wirksam erweisen, da die meisten Spekulanten aus ihrer subjektiven Sicht ja durchaus rational agieren. Ein weiteres Mittel könnte in der Einschränkung bzw. sogar dem Verbot bestimmter Arten von Transaktionen wie z.B. von kreditfinanzierten Käufen oder Leerverkäufen gesehen werden, was allerdings die Funktionsfähigkeit der betreffenden Märkte einschränkt und daher im Zweifel kontraproduktiv wirkt. Bliebe als wichtige vorbeugende Maßnahme allein die Absicherung der Funktionsfähigkeit von Handelssystemen bei hohem Transaktionsvolumen, um einen zeitweisen Zusammenbruch des Handelssystems, der eine Panik im Zweifel verstärkt, zu vermeiden. Während des Platzens einer spekulativen Blase kommen vor allem zwei Arten von Maßnahmen in Betracht. Dabei handelt es sich einmal um temporäre Handelseinschränkungen, sogenannte Circuit Breaker, und zum anderen um Liquiditätshilfen zur Verhinderung von Notverkäufen, wodurch ein Preisverfall abgemildert werden soll. Die Grundidee einer Verhängung temporärer Handelsbeschränkungen besteht darin, die Märkte zu beruhigen. Die Marktteilnehmer sollen „zur Besinnung“ kommen, in dem die Möglichkeit zur Verbreitung von Informationen gegeben wird, die eine „korrekte“ Bewertung des aktuellen Handelsgeschehens ermöglichen. Als Formen 11. Anpassungsmängel 305 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 305 von temporären Handelsbeschränkungen, die in der einen oder anderen Form an den meisten Börsen dieser Welt implementiert sind, kommen die Aussetzung des Handels einzelner Werte, die Aussetzung des gesamten Börsenhandels oder die Beschränkung einzelner Auftragsarten in Frage. Empirische Untersuchungen konnten bisher allerdings keinen signifikanten Stabilisierungseffekt von temporären Handelsbeschränkungen nachweisen. Vereinzelte Beispiele legen vielmehr sogar den Verdacht nahe, dass die Möglichkeit der Verhängung einer temporären Handelsbeschränkung zu destabilisierenden „Magneteffekten“ führen kann. Diese Magneteffekte bestehen etwa darin, dass die Erwartung einer Handelsbeschränkung massive Verkäufe induziert und/oder nach Aufhebung der Handelsbeschränkung aus Furcht vor weiteren Einschränkungen besonders viele Verkäufe getätigt werden. Dies führt – entgegen der eigentlichen Intention des Instruments – zu einer Verstärkung des Kurseinbruchs. Um einem Übergreifen der Krise auf andere Märkte entgegen zu wirken, könnte daran gedacht werden, in Not geratene Unternehmen vorübergehend zu unterstützen, um einen als „unnötig“ erachteten Marktaustritt zu verhindern. Im Extremfall kommt es dann zu staatlicher Beteiligung oder der kompletten Verstaatlichung von Unternehmen. Dies kann insbesondere dann eintreten, wenn die betreffenden Unternehmen als „systemrelevant“ in dem Sinne gelten, dass ihr Zusammenbruch weitere wesentliche negative Folgen für die Märkte nach sich zöge. Hierzu ist grundsätzlich anzumerken, dass eine staatliche Unterstützung für in Not geratene Unternehmen oder sogar staatliche Beteiligung ein bewusstes Außerkraftsetzen des Marktmechanismus darstellt und aus diesem Grunde als hochgradig problematisch angesehen werden muss. Werden Unterstützungsmaßnahmen nicht sämtlichen auf dem betreffenden Markt tätigen Unternehmen gewährt, so ergibt sich hieraus eine Wettbewerbsverzerrung, so dass auch andere Marktteilnehmer entsprechende Hilfen für sich einfordern werden. Will man die Hilfen aber nicht sämtlichen Marktteilnehmern gewähren, so muss die Politik begründen, warum bestimmte Unternehmen staatlich gestützt werden sollen und andere nicht. Darüber hinaus besteht eine zentrale Frage natürlich darin, wie die staatlichen Hilfen finanziert werden sollen und wer letztendlich die Lasten für solche Maßnahmen trägt. Wenn staatliche Unterstützung für solche Unternehmen gefordert wird, die als „systemrelevant“ angesehen werden, dann ist einmal nach der genaueren Definition von „Systemrelevanz“ zu fragen. Zum anderen legt dies die Frage nahe, ob und wie verhindert werden kann, dass einzelne Unternehmen systemrelevant werden und Politiker dann mit dem Hinweis auf die Systemrelevanz unter Druck gesetzt werden können. Die Politik hat als Reaktion auf die Finanzkrise der Jahre 2007/2008 eine ganze Reihe von Maßnahmen ergriffen, die sowohl ein frühzeitiges Erkennen spekulativer Blasen als auch eine Abmilderung der Folgen des Platzens einer Blase bewirken sollen. Der frühzeitigen Identifikation von Risiken dienen u. a. „Stresstests“ von Banken, bei denen ihre Krisenanfälligkeit mittels Durchspielen alternativer Belastungszenarien ermittelt werden soll. Erhöhte Anforderungen an die Eigenkapitalausstattung der Finanzinstitute haben das Ziel, ihre Widerstandsfähigkeit im Falle von Krisen zu stärken. Weiterhin wäre daran zu denken, große Banken, die als systemrelevant eingestuft werden, zur Abtrennung einzelner Geschäftsbereiche zu zwingen, um damit zu verhindern, dass ihr Bankrott das Finanzsystem insgesamt gefährdet und deshalb eine staatliche Stützung erforderlich wird („too big to fail“). Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 306 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 306 Alles in allem zeigt sich, dass die Politik nur recht beschränkte Möglichkeiten hat, spekulative Blasen zu verhindern. Als Schlussfolgerung für die Politik bietet sich an, dass sie möglichst klare Signale setzen sollte, die den Handelnden deutlich machen, dass sie für die Folgen ihres Tuns selbst einzustehen haben und nicht mit staatlichen Hilfen rechnen können. Dies schließt eine Unterstützung von solchen Unternehmen aus, die nach dem Platzen der Blase aufgrund eigener spekulativer Geschäfte in Not geraten. Hilfsmaßnahmen für Unternehmen auf anderen Märkten, die nicht an dem Entstehen der Blase beteiligt waren, sind hingegen sicherlich differenzierter zu beurteilen. 11.3 Flexibilitätsmängel Das Modell der vollständigen Konkurrenz unterstellt vollkommene Flexibilität in Form vollständiger Faktormobilität und unendlich hoher Reaktionsgeschwindigkeit der Marktakteure. In der Realität ist diese Annahme nur in Ausnahmefällen erfüllt, da meist ein ganz erheblicher Zeitbedarf für Anpassungen an veränderte Rahmenbedingungen besteht. Wie im Folgenden zu zeigen sein wird, wäre es allerdings falsch, in der Exis tenz derartiger Inflexibilitäten generell eine Ursache für Marktversagen zu sehen. Da nämlich Flexibilität immer mit entsprechenden Kosten verbunden ist, gibt es hier ein Optimum (vgl. im folgenden Punkt 11.3.1). Dementsprechend wäre es auch denkbar, dass Anpassungen zu schnell stattfinden und der Markt aufgrund von Überflexibilität versagt. Besondere Anpassungsprobleme können sich im Fall von Strukturkrisen ergeben, d. h. wenn die Nachfrage auf einem bestimmten Markt dau erhaft zurückgeht. Hier werden nicht selten zwei Argumente für staatliches Eingreifen vorgebracht, die Fehlfunktionen eines unbeschränkten Marktmechanismus behaupten: Zum einen können sich Preise ergeben, die für viele Anbieter ‚ruinös‘ sind; zum anderen besteht die Gefahr, dass der bei sinkender Nachfrage erforderliche Marktaustritt von Anbietern insofern in der ‚falschen Reihenfolge‘ stattfindet, als die ineffizienten Anbieter im Markt verbleiben, während die relativ effizienten Anbieter den Markt verlassen (vgl. hierzu Punkt 11.3.2). 11.3.1 Optimale Flexibilität Inflexibilität ökonomischer Systeme schlägt sich immer in beschränkter Mobilität von Produktionsfaktoren nieder. Inwieweit Ressourcen als immobil anzusehen sind, ist dabei auch eine Frage des Zeithorizontes: Sehr langfristig betrachtet sind nämlich fast sämtliche Faktoren mobil; der Grad der (Im-)Mobilität wird somit wesentlich von der Zeitdauer des Anpassungsprozesses bestimmt. Das mögliche Ausmaß an Flexibilität von Marktakteuren bzw. Ressourcen ist vom Grad ihrer Spezialisierung abhängig. Je stärker die Ausrichtung von Ressourcen auf eine bestimmte Verwendung, desto mehr Aufwand verursacht es, sie in andere Verwendungen zu überführen bzw. desto höher sind die mit der Umwidmung verbundenen sunk costs. Da die Spezialisierung von Ressourcen auf eine bestimmte Einsatzweise in der Regel zu Kostenvorteilen führt, impliziert die Entscheidung 11. Anpassungsmängel 307 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 307 für eine bestimmte Anlage oder eine bestimmte Einsatzweise von Ressourcen ein Optimierungsproblem: Die Kostenvorteile spezialisierter Ressourcen sind gegen die Nachteile der damit verbundenen Inflexibilität abzuwägen. Besonders schwierig ist die Abwägung zwischen Flexibilität und Spezialisierung dann, wenn die Entscheidung zu relativ langfristigen Bindungen führt. So kann man sich zwar im Einzelfall zwischen einer Universal- und einer Spezialmaschine entscheiden; in welcher Branche man aber als Unternehmer tätig sein möchte, ist meist eine langfristige Entscheidung, die u. U. nur unter hohen Kosten revidierbar ist. Auch viele Qualifikationen der Arbeitnehmer sind häufig auf einen bestimmten Beruf oder ein bestimmtes Unternehmen zugeschnitten. Insbesondere die Spezialisierung auf einen bestimmten Arbeitgeber kann leicht zu einer Abhängigkeit des Faktors Arbeit führen, die mit der Gefahr eines Hold up (vgl. Abschnitt 10.2.3) verbunden ist. Inflexibilität in Form von Kündigungsschutzregelungen kann eine wesentliche Voraussetzung dafür sein, dass ein Arbeitnehmer dazu bereit ist, in produktivitätssteigernde betriebsspezifische Qualifikation zu investieren. Insofern besteht u. U. ein Konflikt zwischen Flexibilität und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit. Häufig erfordert der Investitionsvorgang auch eine räumliche Festlegung. Gegen eine hohe räumliche Mobilität des Faktors Arbeit sprechen dann die direkten Kosten einer Stand ortveränderung (Umzugskosten, eventuell auftretender Wertverlust des Hauses am bisherigen bzw. höhere Preise für Kauf oder Neubau am neuen Wohnort) sowie insbesondere auch die vielfältigen gesellschaftlichen und sozialen Bindungen an den alten Standort (Freunde, Bekannte, Schulen). Auch beim Faktor Sachkapital fallen die Kosten der Standortveränderung u. U. so hoch aus, dass einmal getätigte Investitionen als räumlich weitgehend immobil anzu sehen sind (Fabrikgebäude und -gelände, seltener: Maschinen). Aufgrund solcher Mobilitätskosten werden Betriebsverlagerungen in der Regel auch nur bei sehr extremen Engpässen am alten Standort und meist in Verbindung mit einer grundlegenden Erweiterung und Erneuerung des Anlagenbestandes vorgenommen. In der Realität wird es sich also kaum vermeiden lassen, Investitionen zu tätigen, die in einer anderen als der geplanten Verwendung einen wesentlich geringeren Ertrag erwirtschaften bzw. deren Standortverlagerung mit erheblichen Kosten verbunden ist. Rein statisch gesehen müssen Inflexibilitäten kein Problem darstellen, denn ist erst einmal ein Optimum erreicht, so können sogar sämtliche Faktoren vollständig inflexibel sein, ohne dass dies – sofern die das Optimum bestimmenden Faktoren unverändert bleiben – irgendwie wohlfahrtsmindernd wäre. Da in der Realität aber laufend Anpassungen erforderlich sind, können Inflexibilitäten zu erheblichen Problemen führen. Wichtig ist die Feststellung, dass nicht maximale, sondern nur optimale Flexibilität bzw. Mobilität ein sinnvolles wirtschaftspolitisches Ziel darstellt. Damit stellt sich die in der Praxis meist wohl nur sehr schwer zu beantwortende Frage, inwiefern in einer bestimmten Konstellation das Ausmaß an Flexibilität vom Optimum abweicht. Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 308 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 308 11.3.2 Ruinöse Konkurrenz und falsche Reihenfolge des Marktaustritts in Strukturkrisen Wirtschaftliche Entwicklung ist untrennbar mit Strukturwandlungen verbunden. Der technische Fortschritt, steigende Einkommen, sich wandelnde Präferenzen der Nachfrager sowie Veränderungen in der Wettbewerbsfähigkeit in- und ausländischer Konkurrenten haben Auswirkungen auf die Knappheitsverhältnisse und somit auch auf die Preisrelationen der Güter. Unter Strukturkrisen versteht man Anpassungsprozesse an eine langfristig zurückgehende Nachfrage, die sich über längere Zeiträume erstrecken und mit massiven Überkapazitäten einhergehen. Die Überkapazitäten führen zu einem anhaltenden Verfall der Preise, so dass die Anbieter ihre Kosten nicht mehr decken können; aus Sicht der Anbieter sind die Preise ruinös. Mit dem Argument, der Markt würde bei der Bewältigung der notwendigen Anpassungen unzureichend funktionieren, wird in solchen Situationen häufig staatliches Eingreifen gefordert. Aus welchen Gründen kommt es zu derartigen Strukturkrisen, inwiefern kann man in diesem Zusammenhang von Marktversagen sprechen, und welche wirtschaftspolitischen Schlussfolgerungen sind zu ziehen? Beispiele: Die europäische Stahlindustrie ist vom Strukturwandel negativ betroffen: Sie sieht sich einer zunehmenden Importkonkurrenz der Schwellenländer gegenüber (da diese insbesondere aufgrund niedrigerer Faktorpreise kostengünstiger produzieren können); zudem geht die Stahlnachfrage insgesamt zurück (weil Stahl zunehmend durch andere Materialien substituiert werden kann). Der Agrarmarkt stellt zumindest in Deutschland einen schrumpfenden Markt dar, denn die Nachfrage wächst unterproportional bzw. das Angebot nimmt durch die vermehrte Konkurrenz auf dem Weltmarkt und die intensivere Nutzung der landwirtschaftlichen Ressourcen dauerhaft zu. In beiden Bereichen bestehen ganz erhebliche Überkapazitäten. Die Existenz eines längerfristig bestehenden Überangebotes lässt auf die Existenz von spezialisierten Ressourcen bzw. Irreversibilitäten schließen, welche zur Folge haben, dass bei einem Marktaustritt sunk costs wirksam werden (vgl. Abschnitt 7.4). Lägen nämlich keine solchen Marktaustrittsbarrieren vor, dann könnten bei einem Nachfragerückgang die ineffizientesten Anbieter den Markt kostenlos verlassen, so dass es zu keinen Überkapazitäten kommt. Die Marktselektion bei einem Nachfragerückgang ohne wesentliche Marktaustrittsbarrieren kann anhand von Abbildung 11.10 veranschaulicht werden. Angenommen, es gibt drei Gruppen von Anbietern, die sich hinsichtlich der Höhe ihrer (langfristigen) Durchschnittskosten unterscheiden. Die Anbieter der Gruppe I weisen die niedrigsten Kosten, die der Gruppe III weisen die höchsten Kosten auf; die Anbieter der Gruppe II liegen hinsichtlich ihrer Kosten zwischen diesen beiden Extremen. Im Ausgangszustand verlaufe die Nachfrage entsprechend N1, so dass insgesamt die Menge X1 zum Preis P1 umgesetzt wird. Bestehen keinerlei Marktaustrittsbarrieren und geht die Nachfrage von N1 auf N2 zurück, so werden die Anbieter der Gruppe III den Markt verlassen, da sie beim neuen Gleichgewicht (Menge X2, Preis P2) Verluste erwirtschaften. Der Marktaustritt dieser Anbietergruppe ist gesamtwirtschaftlich gesehen auch erwünscht, da sie im Vergleich zu den anderen Anbietern die höchsten Stückkosten aufweisen. Ohne Marktaustrittsbarrieren verlassen die ineffizientesten Anbieter den Markt, und es kann zu keinen längerfristig bestehenden Überkapazitäten bzw. zu Strukturkrisen kommen. 11. Anpassungsmängel 309 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 309 Inwiefern ändert sich nun das Ergebnis, wenn Irreversibilitäten bestehen und der Marktaustritt mit einem erheblichen Maß an sunk costs verbunden ist? In diesem Zusammenhang werden vor allem zwei Argumente vorgebracht, welche die Gefahr eines Marktversagens behaupten: Zum einen wird angeführt, dass die Gefahr ruinöser Konkurrenz bestehe; zum anderen könne es sein, dass nun nicht mehr die Anbieter mit den höchs ten Kosten den Markt verlassen und es zu einer falschen Reihenfolge des Marktaustritts kommt. Beide Argumente lassen sich anhand von Abbildung 11.10 veranschaulichen. Geht die Nachfrage von N1 auf N2 zurück und reduziert keiner der Anbieter seine Menge, so würde sich hier der Preis P2’ einstellen, der nicht nur für die nicht mehr wettbewerbsfähigen Anbieter der Gruppe III, sondern auch für die bei der Menge X2 und dem Preis P2 wettbewerbsfähigen Anbieter der Gruppe II längerfristig ruinös ist, da sie zu diesem Preis ihre Kosten nicht mehr vollständig decken können. Verlassen nun lediglich Anbieter der Gruppe II den Markt, so ist dies volkswirtschaftlich gesehen unerwünscht, da dann weniger effiziente Anbieter (Gruppe III) im Markt verbleiben; der Marktaustritt erfolgt in falscher Reihenfolge. Da beide Argumente voraussetzen, dass Anbieter im Markt verbleiben, auch wenn die zu erzielenden Preise ihre Gesamtkosten nicht decken, ist zu fragen, wann mit einem solchen Verhalten zu rechnen ist. Liegt der Preis unter den insgesamt entstehenden Kosten, so lässt sich ein Verbleib im Markt mit der Existenz von irreversiblen Kostenbestandteilen bzw. sunk costs erklären. In diesem Fall ist es für den Anbieter sinnvoll, zwischen den reversiblen und den irreversiblen Kosten zu unterscheiden. Denn bei einem Marktaustritt spart er lediglich die reversiblen Kosten ein (bzw. erhält sie bei Verkauf der betreffenden Ressourcen vergütet), während Abbildung 11.10: Marktaustritt der Anbieter mit den höchsten Kosten Bei einem Rückgang der Nachfrage von N1 nach N2 tritt der Anbieter mit den höchsten Stückkosten (Anbieter III) aus dem Markt aus. Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 310 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 310 die irreversiblen Kosten versinken. Liegt der Preis nun über den reversiblen Kosten, so ist es für den Anbieter vorteilhaft, für eine gewisse Zeit im Markt zu verbleiben; da er nämlich bei einem Marktaustritt nur die reversiblen Kostenbestandteile realisieren kann, würde er sich hierdurch schlechter stellen (vgl. Abschnitt 7.5). Erst wenn der Preis unter die reversiblen Kosten sinkt, ist ein sofortiger Marktaustritt sinnvoll. Letztendlich hängt es also von den reversiblen Kosten und den erzielbaren Erlösen ab, wann ein Anbieter trotz Marktaustrittskosten den Markt verlässt. Diesen Zusammenhang verdeutlicht Abbildung 11.11. In dem dargestellten Beispiel ist wiederum unterstellt, dass sich die Anbietergruppen hinsichtlich der Höhe der insgesamt anfallenden Durchschnittskosten unterscheiden: Die Anbieter der Gruppe III haben die höchsten Durchschnittskosten und die Anbieter der Gruppe I weisen die niedrigsten Durchschnittskosten auf. Es sind nun eine ganze Reihe unterschiedlicher Konstellationen hinsichtlich des Anteils der reversiblen Kosten an den Gesamtkosten denkbar, bei denen es zu einer falschen Reihenfolge des Marktaustritts kommen kann. Der Einfachheit halber sei unterstellt, dass sämtliche Anbieter gleich hohe reversible Kosten aufweisen. Geht die Nachfrage von N1 auf N2 in Abbildung 11.11 zurück und reduziert zunächst keiner der Anbieter die bereitgestellte Menge, so stellt sich der Preis P2’ ein. Dieser Preis ist sowohl für die Anbieter der Gruppe II als auch für die Anbieter der Gruppe III ruinös; die Anbieter der Gruppe I können bei diesem Preis hingegen ihre gesamten Kosten decken. Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht wäre es wünschenswert, wenn die Anbieter der Gruppe III den Markt verlassen, da sie das betreffende Gut mit den höchsten Kosten Abbildung 11.11: Falsche Reihenfolge des Marktaustritts bei dauerhaftem Nachfragerückgang Aufgrund der Existenz irreversibler Kosten kann es dazu kommen, dass ein relativ effizienter Anbieter aus dem Markt ausscheidet und der Anbieter mit den höchs ten Durchschnittskosten im Markt verbleibt. In langfristiger Perspektive ist eine solche falsche Reihenfolge des Marktaustritts aber wohl irrelevant. P P 1 0 X 2 X 1 XX I N 1 Kostenreversible III N 2 Durchschnittskosten P 2 II P 2 ‘ 2 ‘ 11. Anpassungsmängel 311 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 311 bereitstellen. Nach Marktaustritt der Anbieter der Gruppe III ergäbe sich das neue Marktgleichgewicht beim für die verbleibenden Anbieter nicht-ruinösen Preis P2, und die Strukturkrise wäre beendet. Treten hingegen die Anbieter der Gruppe II aus dem Markt aus, so ergäbe sich bei uneingeschränkter Kapazität der verbleibenden Anbieter ebenfalls der Preis P2, der für die Anbieter der Gruppe III immer noch ruinös ist; langfristig muss daher auch ein Teil der Anbieter der Gruppe III den Markt verlassen bzw. die Angebotsmenge reduzieren, bis das kostendeckende Gleichgewicht bei der Menge X2’ und dem Preis P1 erreicht ist. Da P1 deutlich höher als P2 ist, wären die Konsumenten hierdurch allerdings schlechter gestellt als bei einem Marktaustritt der Anbieter der Gruppe III und dem Verbleib der Anbieter der Gruppe II. Ob es zu einer solchen falschen Reihenfolge des Marktaustritts kommt, hängt im Wesentlichen davon ab, bei welchen Anbietern zuerst Ersatzinvestitionen in irreversible Ressourcen erforderlich werden, wobei u. U. auch dem Ausmaß der vorhandenen Liquiditätsreserven und somit dem finanziellen Durchhaltevermögen Bedeutung zukommt. Allerdings dürfte das sich bei falscher Reihenfolge des Marktaustritts ergebende Gleichgewicht im Zweifel nicht stabil sein. Verbleiben nämlich die Anbieter der Gruppe III im Markt und pendelt sich der Marktpreis bei P1 ein (vgl. Abbildung 11.11), so ist es für die Anbietergruppe II wieder lohnend, in den Markt einzutreten, was dann erneut zu ruinöser Preissetzung führt. Inwiefern mit einem solchen Wiedereintritt zu rechnen ist, hängt vom Ausmaß der hierfür erforderlichen irreversiblen Investitionen ab. Im Ergebnis zeigt sich, dass nur bei richtiger Reihenfolge des Marktaustritts ein gegenüber dem Wiedereintritt von Wettbewerbern stabiles Gleichgewicht erreicht wird! Zusammenfassend ist festzustellen, dass es bei einem dauerhaften Nachfragerückgang dann zu ruinöser Konkurrenz – eventuell verbunden mit einer falschen Reihenfolge des Marktaustritts – kommen kann, wenn wesentliche Kostenbestandteile der Anbieter irreversibel sind, so dass der Wert der entsprechenden Kapitalgüter bei einem Marktaustritt versinkt. Die Folge sind Fehlallokationen während des Anpassungsprozesses an ein neues stabiles Gleichgewicht. Langfristig dürfte sich also die richtige Reihenfolge des Marktaustritts durchsetzen. Ein mögliches Mittel der Politik zur Vermeidung von (nicht völlig auszuschlie- ßenden) Ineffizienzen während des Anpassungsprozesses in Strukturkrisen bestünde etwa in Mobilitätshilfen bzw. der Erleichterung des Marktaustritts (z. B. Abwrackprämien in der Binnenschifffahrt oder Abschlacht- bzw. Flächenstilllegungsprämien in der Landwirtschaft). Ein anderes Instrument stellen Strukturkrisenkartelle dar. Hierbei handelt es sich um (in der Regel zeitlich befristete) Absprachen zwischen den Anbietern auf einem von einem längerfristigen Nachfragerückgang betroffenen Markt. Das Ziel solcher Absprachen besteht darin, einen Marktaustritt von Kapazitäten in der richtigen Reihenfolge zu gewährleisten und ruinöse Konkurrenz zu verhindern. Eine Preis-Regulierung in Form der Setzung von Mindestpreisen zur Verhinderung ruinöser Konkurrenz birgt demgegenüber die Gefahr, dass der vorgegebene Mindestpreis über dem (ex ante unbekannten) Gleichgewichtspreis liegt und somit der Anpassungsprozess u. U. unnötig verlängert wird. Nicht selten fordern die von einer Strukturkrise betroffenen Unternehmen staatliche Marktzugangsbeschränkungen, um sich vor zusätzlicher Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 312 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 312 Konkurrenz zu schützen. Staatliche Marktzugangsbeschränkungen bei Strukturkrisen sind allerdings insofern unzweckmäßig, als sie das Auftreten neuer Anbieter mit niedrigeren Kosten und somit ein dadurch u. U. mögliches Sinken des Gleichgewichtspreises verhindern. Zudem sind Marktzugangsbeschränkungen zur Verhinderung ruinöser Konkurrenz im Zweifel nicht notwendig, da mit solchen Anpassungsproblemen nur bei einem relativ hohen Anteil irreversibler Kosten zu rechnen ist; gerade in diesem Fall ist der Marktzutritt von Newcomern aber eher unwahrscheinlich. 11.4 Zusammenfassung wesentlicher Ergebnisse Es lassen sich drei Formen von möglichen Anpassungsmängeln des Marktes unterscheiden. Erstens kann es sein, dass kein Marktgleichgewicht existiert, d. h. dass Angebots- und Nachfragekurve keinen Schnittpunkt aufweisen; in diesem Falle ist der Markt aus sich heraus nicht in der Lage, die gewünschte Koordination von Angebot und Nachfrage zu leisten. Existiert ein Marktgleichgewicht, so ist die Anpassungsleistung zweitens eventuell dadurch beeinträchtigt, dass dieses Gleichgewicht instabil ist, da die Preise und Mengen relativ stark um das Gleichgewicht schwanken oder sogar bei Störungen des Gleichgewichtes immer stärkere Abweichungen von der markträumenden Preis-Mengen-Kombination auftreten. Drittens schließlich kann der Anpassungsprozess an ein neues Gleichgewicht durch zu langsame Reaktionen, ruinöse Konkurrenz und/oder durch eine falsche Reihenfolge des Marktaustritts bei rückläufiger Nachfrage gestört sein. Sofern kein Gleichgewicht existiert, könnte die Ursache hierfür vor allem in einem relativ preisunelastischen Verlauf von Angebots- und Nachfragekurve bestehen. Ein entsprechendes Marktversagen ist auf bestimmten Märkten wie etwa dem Arbeitsmarkt oder dem Agrarmarkt nicht ganz auszuschließen, dürfte in der Regel aber ein temporäres Phänomen darstellen, da entsprechende Verläufe der Angebots- und Nachfragekurve nur kurzfristig plausibel sind. Wesentliche Instabilitäten des Marktgleichgewichtes können verschiedene Gründe haben, nämlich einmal anomal verlaufende Angebots- und/oder Nachfragekurven, zweitens bestimmte Formen der Erwartungsbildung bei zeitlich verzögerter Angebotsanpassung (Cobweb-Prozesse) sowie drittens Überreaktionen und primär spekulativ motivierte Transaktionen, welche zu starken Preisschwankungen führen. Es handelt sich bei solchen Instabilitäten um Ausnahmeerscheinungen, die jeweils bestimmte Märkte betreffen und u. U. stabilisierende Interventionen wie informationspolitische Maßnahmen, Setzung von Mindestpreisen, kurzfristige Aussetzung des Handels etc. erforderlich machen können. Wesentlich gravierender können die Folgen von Spekulationswellen sein, insbesondere dann, wenn sie zu spekulativen Blasen führen. Greift die durch das Platzen einer spekulativen Blase ausgelöste Krise auf andere Märkte über, so besteht u. U. die Gefahr länger anhaltender wirtschaftlicher Stagnation. Die Behandlung der Ursachen spekulativer Blasen hat gezeigt, dass die Möglichkeiten der Politik zur Verhinderung solcher Spekulationswellen recht begrenzt sind. Dies insbesondere auch deshalb, weil das Verhalten vieler Akteure, die an der Entstehung einer 11. Anpassungsmängel 313 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 313 spekulativen Blase beteiligt sind, durchaus als rational anzusehen ist. Wichtig ist in diesem Zusammenhang wohl insbesondere, die Beteiligen auf das Risiko der Spekulation hinzuweisen und ihnen klar zu signalisieren, dass sie für die Folgen ihrer Handlungen selber einzustehen haben, um so ihre Eigenverantwortlichkeit zu stärken. Damit ist allerdings in keiner Weise ausgeschlossen, dass der Staat solchen Akteuren Hilfestellung leistet, die sich nicht an der Spekulation beteiligt haben und unverschuldet in wirtschaftliche Not geraten sind. Auf diese Weise kann insbesondere auch verhindert werden, dass die Krise auf weitere Bereiche der Wirtschaft übergreift. Im Gegensatz zur im Modell der vollständigen Konkurrenz enthaltenen Annahme unendlicher Reaktionsgeschwindigkeit benötigen reale Anpassungsprozesse in der Regel Zeit. Da eine Anpassung (etwa räumliche Mobilität) meist mit entsprechenden Kosten verbunden ist, kann die Erhöhung der Reaktionsgeschwindigkeit an sich kein sinnvolles Ziel der Wirtschaftspolitik darstellen, sondern es gibt hier ein Optimum. Wird also behauptet, der Markt versage aufgrund zu langsamer Anpassung, so muss gezeigt werden, dass die Anpassungsgeschwindigkeit von diesem Optimum abweicht. In Strukturkrisen, die durch langfristig rückläufige Nachfrage gekennzeichnet sind, kann der Anpassungsprozess dann behindert sein, wenn wesentliche Irreversibilitäten vorliegen und ein Marktaustritt mit Sunk Cost verbunden ist. Es besteht dann die Gefahr ruinöser Konkurrenz durch Setzung nicht-kostendeckender Preise, wodurch der Marktaustritt von Anbietern verzögert wird. Ruinöse Konkurrenz kann wiederum dazu führen, dass die Reihenfolge des Markt austritts insofern verzerrt ist, als relativ effiziente Anbieter den Markt verlassen, während relativ ineffiziente Anbieter verbleiben. Es lässt sich allerdings zeigen, dass ein auf einer derart falschen Reihenfolge des Marktaustritts beruhendes Gleichgewicht langfristig nicht stabil ist und letztendlich die jeweils relativ ineffizienten Anbieter den Markt verlassen müssen. Ursachenadäquate Maßnahmen zur Verminderung derartiger Probleme bestehen vor allem in der Erleichterung des Marktaustritts (etwa: Abwrackprämien in der Binnenschifffahrt und Stilllegungssubventionen in der Landwirtschaft). Übungsaufgaben zu Kapitel 11 1. Zeigen Sie mit Hilfe einer Zeichnung, in welchem Fall trotz preisunelastisch verlaufenden Nachfrage- und Angebotskurven jeder Nachfrager die gewünschte Menge erhält! 2. Diskutieren Sie die praktische Relevanz eines Ungleichgewichtes aufgrund preisunelastischer Nachfrage- oder Angebotskurven! Auf welche Ursachen kann ein solcher Verlauf der Angebots- bzw. Nachfragekurve zurückzuführen sein? 3. „Je offener eine Volkswirtschaft, desto preiselastischer verläuft die Angebotskurve.“ Warum? 4. Warum spielt anomales Verhalten in der Praxis nur auf der Angebotsseite und dort nur bei Angebotsüberschüssen eine Rolle? 5. Erläutern Sie verbal und graphisch, in welchen Fällen ein Gleichgewicht instabil ist! 6. Erläutern Sie, auf welche Weise das Platzen einer spekulativen Blase Auswirkungen auf andere Märkte bzw. die Gesamtwirtschaft haben kann! Sollte der Staat die in Not geratenen Unternehmen unterstützen? 7. Diskutieren Sie, wie die Politik die Entstehung spekulativer Blasen verhindern könnte. Teil II: Marktversagen: Ursachen und Therapiemöglichkeiten 314 Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 314 8. „Je spezifischer Produktionsfaktoren auf einen bestimmten Zweck hin zugeschnitten werden, desto besser.“ Diskutieren Sie diese These! 9. Warum führen Strukturkrisen nicht zu Marktversagen, sofern der Marktaustritt kostenlos möglich ist? 10. Erläutern Sie anhand einer Zeichnung, unter welchen Umständen es in einer Strukturkrise zu einer falschen Reihenfolge des Marktaustritts kommen kann! Wie relevant ist dieses Problem in langfristiger Sicht? 11. Aussage eines fiktiven Spediteurs: „Der Straßengüterfernverkehr ist ohne staatliche Hilfen nicht funktionsfähig, da die zu erzielende Erträge nur in guten Zeiten gerade die Kosten decken; in schlechten Zeiten gibt es viel zu wenig Aufträge für viel zu viele Anbieter. Die Preise fallen dann auf ein ruinöses Niveau. Der Staat sollte unbedingt den Marktzutritt beschränken, um dieses Marktversagen auszuschließen!“ Hat der Spediteur Recht? Literaturhinweise zu Kapitel 11 Zum Problemkreis des Marktversagens durch Anpassungsmängel ist mir keine umfassende Darstellung bekannt. Noch am ehesten zu einem Überblick geeignet ist der Bericht der Deregulierungskommission (1991, Tz. 11). Flexibilitätsmängel werden vor allem für die Landwirtschaft und den Arbeitsmarkt diskutiert; zum Agrarmarkt siehe vor allem Bartling (1984); zum Arbeitsmarkt Meyer (1987) sowie Deregulierungskommission (1991, Tz. 560 und 565). Eine lehrbuchmäßige Darstellung des Cobweb-Modells bieten beispielsweise Schumann/Meyer/ Ströbele (2011, 231–236) sowie Wied-Nebbeling/Schott (2007, 190–194). Zum Problem zyklischer Schwankungen um die Gleichgewichtslösung (sogenannter „Schweinezyklus“) siehe Schumann/Meyer/Ströbele (2011, 223–228). Zum wichtigsten Anwendungsfall, der Landwirtschaft, siehe Bartling (1984). Zur Entstehung spekulativer Blasen siehe Hense (2008), der auch die Wirkungen temporärer Handelsbeschränkungen eingehend untersucht. Eine Kurzfassung hiervon findet sich bei Fritsch/Hense (2006). Analysen der Tulpenzwiebel-Hausse in Holland im 17. Jahrhundert bieten Garber (1989) und Thompson (2006). Vahlens Handbücher Fritsch – Marktversagen und Wirtschaftspolitik (9. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Änderungsdatum: 19.02.2014 Status: Imprimatur Seite 315 12. Nichtrationalität Es gibt Verhaltensweisen von Menschen, die für viele Beobachter nicht als „rational“ nachzuvollziehen sind. Hierzu gehören etwa eine unzureichende Alters- und Pflegevorsorge, das Mitmachen von Modewellen oder die verschiedenen Formen von Suchtverhalten. Solche Handlungen werfen die Frage auf, inwiefern eine unbefriedigende Funktionsweise des Marktes auch auf Nichtrationalität zurückgeführt werden kann. Insbesondere fragt sich, ob man hieraus eine Rechtfertigung für politische Eingriffe ableiten kann. Die Problematik der Identifikation nichtrationalen Verhaltens und die Begründung entsprechender staatlicher Eingriffe sind Gegenstand dieses Kapitels. Man kann durchaus unterschiedlicher Auffassung darüber sein, was unter rationalem Verhalten zu verstehen ist. Im Folgenden stellt Abschnitt 12.1 die in der ökonomischen Theorie gebräuchlichen Formen der Rationalitätsannahme vor. Darauf aufbauend werden dann verschiedene Arten nichtrational erscheinender Verhaltensweisen behandelt (Abschnitt 12.2). Abschnitt 12.3 diskutiert mögliche wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen. Die Überlegungen ergeben, dass Nichtrationalität als Begründung für staatliche Eingriffe auf der Grundlage des ökonomischen Ansatzes abzulehnen ist. 12.1 Rationalität versus Nichtrationalität Wenn die ökonomische Theorie rationales Verhalten der Individuen voraussetzt, so ist hiermit eine bestimmte Form der Rationalität gemeint, die als Zweckrationalität bezeichnet wird. Eine zweckrationale Entscheidung ist dadurch gekennzeichnet, dass sie am Ergebnis der betreffenden Handlung orientiert ist, wobei irgendeine Form der Abwägung zwischen Mittelaufwand und Ertrag zu Grunde liegt. Nach dem Konzept der Zweckrationalität kommt es allein auf die Folgen einer Handlung an, die Handlung selbst besitzt keinerlei Eigenwert (,Der Zweck heiligt die Mittel‘). Im Gegensatz dazu stünde die Wertrationalität; nach diesem Konzept ist nicht allein das Ergebnis einer Handlung relevant, sondern der Handlung selbst wird (etwa unter ethischen oder religiösen Gesichtspunkten) ein gewisser Wert beigemessen. Entsprechend dem Aufwand, der bei der Abwägung zwischen Mitteleinsatz und Ertrag betrieben wird, unterscheidet man zwischen objektiver und subjektiver Rationalität. Bei der objektiven Rationalität handelt es sich um eine Extremwertforderung: Es wird unterstellt, die Akteure würden ihre Entscheidungen so treffen, dass ihr Zielerreichungsgrad jeweils maximiert wird. Sie versuchen also, mit gegebenem Mitteleinsatz das bestmögliche Ergebnis bzw. ein bestimmtes Ergebnis mit geringstmöglichem Aufwand zu erzielen (ökonomisches Prinzip). In einer Welt ohne Unsicherheit impliziert dies, dass vollständige Informationen über sämtliche zur

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References

Zusammenfassung

Prof. Dr. Michael Fritsch lehrt Volkswirtschaftslehre an der Friedrich-Schiller-Universität Jena mit dem Schwerpunkt Innovation, Entrepreneurship und wirtschaftlicher Wandel.

Wirtschaftspolitische Eingriffe werden häufig damit begründet, dass der Markt „versagt“. Das zentrale Thema dieses Buches ist die Rechtfertigung solcher Maßnahmen auf der Grundlage der mikroökonomischen Theorie. Wann ist staatliches Eingreifen aufgrund einer mangelnden Funktionsweise des Marktes erforderlich? Auf welche Weise sollte ein solcher Eingriff erfolgen?

Im ersten Teil des Buches wird gezeigt, wie ein Markt funktioniert und was von einer normalen Funktionsweise eines Marktes erwartet werden kann.

Gegenstand des zweiten Teils ist die Analyse der verschiedenen Ursachen für eine mangelnde Funktionsfähigkeit des Marktes. Behandelt werden externe Effekte, Unteilbarkeiten und Marktmacht, Informationsmängel, Anpassungsmängel und Irrationalität. Dabei wird – vielfach anhand praktischer Beispiele – insbesondere auch auf alternative wirtschaftspolitische Maßnahmen gegen ein Marktversagen eingegangen.

Der dritte Teil dieses Buches behandelt zunächst die ökonomische Rechtfertigung des Staates und des Umfangs der Staatstätigkeit. Weiterhin geht es um die Funktionsweise des politischen Systems und mögliche Gründe für ein „Politikversagen“. Schließlich wird der Frage nachgegangen, durch welche Regelungen erreicht werden kann, dass die Ergebnisse des politischen Prozesses den aus der Theorie des Marktversagens und aus praktischen Erfahrungen mit verschiedenen Eingriffsarten gewonnenen Schlussfolgerungen besser entsprechen.