II. Der Gütermarkt in:

Gerhard Mussel

Einführung in die Makroökonomik, page 57 - 120

11. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4616-6, ISBN online: 978-3-8006-4617-3, https://doi.org/10.15358/9783800646173_57

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Abb. 2.3: Rivalisierende Kausalzusammenhänge auf dem Gütermarkt 51 51 II. Der Gütermarkt Im Mittelpunkt des realwirtschaftlichen Sektors stehen die Güternachfrage und das Güterangebot. Da die Herstellung von Waren und Dienstleistungen mithilfe des Einsatzes von Produktionsfaktoren erfolgt, ist mit dem Angebot untrennbar die Beschäftigung verknüpft. Die Aufgabe der Ex-ante-Analyse ist es nun, die Determinanten dieser Aggregate sowie deren Interdependenzen aufzudecken. In einem ersten Überblick lassen sich die Positionen der rivalisierenden Paradigmen wie folgt skizzieren: Die Klassiker gehen von der Beschäftigung aus. Sie bestimmt die Produktion, die auf den Märkten das Angebot und damit die Höhe des Volkseinkommens bildet. Dieses wiederum entscheidet über die in der Volkswirtschaft getätigten Käufe, d.h. über die Nachfrage. Genau entgegengesetzt sieht Keynes die Zusammenhänge. Nach seiner Ansicht bildet die Güternachfrage den Ausgangspunkt des realwirtschaftlichen Geschehens. Die auf den Märkten auftretenden Kaufwünsche entscheiden über den Umfang der Angebotserstellung, die ihrerseits das Beschäftigungsvolumen festlegt. Eine genauere Analyse dieser rivalisierenden Auffassungen bildet den Gegenstand der folgenden Ausführungen, die sich zunächst der Klassik zuwenden. 1. Der klassische Ansatz Die klassische Sicht des güterwirtschaftlichen Sektors wird verständlich, wenn man sich die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse des 18. und 19. Jahrhunderts vergegenwärtigt. Während dieser Phase der aufkommenden Industrialisierung bestand eine große Massenarmut. Der Wunsch der Menschen nach mehr Gütern war nur allzu verständlich. Daher gingen die Klassiker von unbegrenzten Bedürfnissen hinsichtlich des Erwerbs von Gütern aus. Dies bedeutet eine Ablehnung der sog. Sättigungsthese. In der damaligen Zeit war jedoch die Güterproduktion im Verhältnis zu den Bedürfnissen viel zu gering. Es lag eine Angebotslücke vor, die klassische Wirtschaft S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 51 Abb.2.4: Ertragsgebirge war angebotsbeschränkt. Zur Lösung dieses Problems bietet sich kurzfristig ein möglichst effizienter Einsatz der vorhandenen Produktionsfaktoren an. Eine solche optimale Faktorallokation setzt jedoch die volle Funktionsfähigkeit der Märkte, insbesondere die freie Preisbildung, voraus. Auf längere Sicht hingegen bedarf es zur Ausweitung des Güterangebots einer Erhöhung bzw. Verbesserung der Einsatzfaktoren. Daher achten die Klassiker primär auf die Produktionssphäre. a. Produktionsfunktion Den formalen Rahmen der Herstellung von Gütern bildet die Produktionsfunktion. Sie beschreibt den quantitativen Zusammenhang zwischen dem Einsatz von Produktionsfaktoren als den unabhängigen Variablen und der Ausbringungsmenge als abhängiger Größe. Bekanntlich richtet sich die Gestalt der Produktionsfunktion nach dem Einsatzverhältnis der Produktionsmittel. Nach klassischer Ansicht sind die Produktionsmittel komplementär mit variablem Einsatzverhältnis, d.h. begrenzt substituierbar. Bezogen auf die makroökonomisch relevanten Produktionsfaktoren heißt dies zunächst, dass mit zunehmendem (abnehmendem) Einsatz von Arbeit oder Kapital auch eine Zunahme (Abnahme) der Ausbringungsmenge verbunden ist. Die Produktionszuwächse werden jedoch immer geringer, d.h. die Grenzerträge nehmen ab. Bei gegebener Technik und Qualität der Arbeit lautet die Produktionsfunktion:1 Y = Y (B,K) ‚ mit dY > 0, dY > 0, und d 2Y < 0, d 2Y < 0 dB > 0, dK > 0, und dB2 < 0, dK2 Graphisch dargestellt folgt hieraus das Ertragsgebirge (Abb.2.4): 52 Zweiter Teil: Ex-ante-Analyse des Volkseinkommens 1 Sofern nichts anderes gesagt, stellen die im folgenden betrachteten Variablen durchweg reale Größen dar. Die mathematische Unterscheidung zwischen δ und d wird vernachlässigt. S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 52 Abb. 2.5: Partielle Produktionsfunktionen und erste Ableitungen 53 II. Der Gütermarkt 53 Zumeist betrachtet man produktionstheoretische Zusammenhänge anhand partieller Faktorvariationen, indem man nur einen Produktionsfaktor variiert und alle übrigen konstant hält. Daraus folgen dann die partiellen Produktionsfunktionen für den Faktor Arbeit (bei gegebenem Kapitalbestand K) bzw. Kapital (bei gegebener Arbeitsmenge B) sowie deren erste Ableitungen (Abb.2.5): Zur Verschiebung einer Produktionsfunktion kommt es immer dann, wenn sich eine bisher konstant gehaltene Größe verändert. Beispielsweise verschiebt sich die partielle Produktionsfunktion des Faktors Arbeit nach oben, falls die Maschinen zahlenmäßig erhöht oder technisch verbessert werden. Die in den Produktionsfunktionen enthaltenen Variablen Y, B und K bilden die Basis für verschiedene wichtige Definitionen, in denen diese Variablen zueinander ins Verhältnis gesetzt werden. Diese Quotienten tauchen im Rahmen ganz unterschiedlicher Fragestellungen der Volkswirtschaftslehre immer wieder auf. Im Einzelnen handelt es sich dabei um folgende Relationen: • Y = durchschnittliche Arbeitsproduktivität; eine Produktivität gibt allgemein B das Verhältnis zwischen output und input an. Dementsprechend setzt die durchschnittliche Arbeitsproduktivität das Sozialprodukt in Relation zur Einsatzmenge des Produktionsfaktors Arbeit. • Y = durchschnittliche Kapitalproduktivität hierbei setzt man den gesamt- K wirtschaftlichen Output in Beziehung zum Sachkapitalbestand. S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 53 Abb.2.6: Gleichgewichtseinkommen • dY = Grenzproduktivität der Arbeit; dieser auch als physisches Grenzprodukt dB der Arbeit bezeichnete Ausdruck zeigt die Veränderung des Outputs bei einer Veränderung des Arbeitsinputs um eine Einheit. • dY = Grenzproduktivität des Kapitals; entsprechend gibt dieses physische dK Grenzprodukt des Kapitals an, wie die Produktion auf eine Variation des Kapitaleinsatzes reagiert. • B = Arbeitskoeffizient; hierbei handelt es sich um den Kehrwert der durch- Y schnittlichen Arbeitsproduktivität, also um das Verhältnis vom gesamten Arbeitsinput zum gesamtwirtschaftlichen Output. • K = Kapitalkoeffizient; er liefert Informationen über den Kapitaleinsatz pro Y erzeugter Gütereinheit. • K = Kapitalintensität; dieser Quotient setzt die beiden Input-Faktoren zuein- B ander ins Verhältnis. Aus ihm gehen die Kosten eines Arbeitsplatzes in der Volkswirtschaft hervor. • B = Arbeitsintensität; sie stellt den Kehrwert der Kapitalintensität dar, also K die Relation zwischen dem Produktionsfaktor Arbeit und dem Produktionsfaktor Kapital. b. Gleichgewicht in der stationären Wirtschaft Die Bestimmung des Gleichgewichtseinkommens ist mithilfe der Produktionsfunktion alleine nicht möglich. Hierzu sind genauere Kenntnisse über den Faktoreinsatz erforderlich. Wie noch an späterer Stelle nachgewiesen wird, neigt die Volkswirtschaft nach klassischer Auffassung zur Vollbeschäftigung (B*), so dass die Beschäftigungsmenge der Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital bekannt ist. Damit liegt auch die gleichgewichtige Produktionsmenge (Y*) fest (ein Stern bedeutet, dass diese Größe dem Gleichgewichtswert entspricht). Für die partielle Produktionsfunktion des Faktors Arbeit ergibt sich folgendes Bild: 54 Zweiter Teil: Ex-ante-Analyse des Volkseinkommens S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 54 Abb. 2.7: Gleichgewicht in der Zwei-Güter-Wirtschaft 55 II. Der Gütermarkt 55 Über die Produktionsstruktur liegen allerdings keine Informationen vor. Prinzipiell denkbar ist, dass die gleichgewichtige Produktionsmenge Y* (1) nur ein einziges Konsumgut (2) verschiedene Konsumgüter (3) Konsum- und Investitionsgüter enthält. Die ersten beiden Fälle bedingen eine stationäre Wirtschaft, auf deren Implikationen zunächst eingegangen wird. Aus dem dritten Fall folgt eine evolutorische Wirtschaft, deren Erörterung im Anschluss geschieht. Als einfachster Typ einer stationären Wirtschaft kommt die sog. „Ein-Gut-Wirtschaft“ in Betracht. Sie beruht auf der heroischen Prämisse, die Produktion bestehe aus nur einem einzigen Konsumgut (Cx): Y = Cx Infolge der Konstanz des vorhandenen Sachkapitalbestandes verharrt die Produktion des Gutes Cx im Zeitablauf auf einem unveränderten Niveau. Die Herstellung des Gutes erzeugt in gleicher Höhe Einkommen. Da in einer stationären Wirtschaft kein Sparen erfolgt, verausgaben die Haushalte ihr Einkommen vollständig. Auf diese Weise findet das gesamte Angebot auch seinen Absatz. Komplizierter liegen die Dinge in einer stationären Mehr-Güter-Wirtschaft. Aus Vereinfachungsgründen soll dieser Fall anhand eines Zwei-Güter-Modells darge- S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 55 Abb. 2.8: Veränderung der Nachfragestruktur stellt werden. Die Gesamtproduktion setzt sich aus zwei verschiedenen Konsumgütern (Cx und Cy) zusammen: Y = Cx + Cy Im Ausgangszeitpunkt herrsche auf dem Gütermarkt ein Gleichgewicht, das Angebot (A) an Konsumgütern stimmt bei den Preisen px* und py* mit der jeweiligen Nachfrage (N) überein. Bei gegebener Kapitalausstattung steht mit der Produktionsstruktur auch die Aufteilung des Arbeitseinsatzes fest (vgl. Abb.2.7; aus darstellerischen Gründen werden dabei die Achsen der Produktionsfunktionen vertauscht). Die entscheidene Frage lautet nun: Bleibt das güterwirtschaftliche Gleichgewicht bei einer Veränderung der Nachfragestruktur erhalten? Um dies zu prüfen, soll von einer Verringerung der Nachfrage nach Cx ausgegangen werden. Dadurch verschiebt sich die Nachfragefunktion Nx nach links (Abb.2.8), was bei Flexibilität der Preise zu einem Rückgang von px,1 auf px,2 führt. Die damit einhergehende Reduzierung des Umsatzes schmälert den Gewinn in der Cx-Branche; dies hat eine Produktionseinschränkung von Cx,1 auf Cx,2 zur Folge. Die geringere Cx-Produktion zieht nach Maßgabe des Verlaufs der Produktionsfunktion Entlassungen in diesem Bereich nach sich. Da in dieser Modellwirtschaft jedoch kein Sparen zugelassen ist, muss die geänderte Bedürfnisstruktur notwendigerweise mit einer Mehrnachfrage nach dem Konsumgut Cy verbunden sein. Dadurch kommt es auf diesem Markt zu Preissteige- 56 Zweiter Teil: Ex-ante-Analyse des Volkseinkommens S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 56 57 II. Der Gütermarkt 57 rungen (von py,1 auf py,2). Die hierdurch ausgelöste Gewinnsteigerung veranlasst die Unternehmer zu einer Ausdehnung ihres Angebots auf Cy,2. Produktionstechnisch steht dem nichts im Wege, denn die benötigten Arbeitskräfte wurden in der x- Branche freigesetzt und sind somit für die Herstellung der Cy-Güter verfügbar. Das Beispiel zeigt, dass die Umschichtung von Produktionsfaktoren (weg vom „absterbenden“ hin zum „aufblühenden“ Markt) durch Preissignale ausgelöst wird. Sie übernehmen sozusagen die Rolle eines Verkehrsleitsystems und zeigen den Unternehmern an, wo sich der Einsatz von Produktionsfaktoren lohnt bzw. nicht lohnt. Die Preise übernehmen damit die für das Funktionieren einer Marktwirtschaft so wichtige Aufgabe der Allokationsfunktion. Die Preisbewegungen lenken den Einsatz der Produktivleistungen an den Ort, d.h. auf den Markt, wo die Effizienz am höchsten ist. Sähen sich die Cy-Produzenten infolge der Gewinnsteigerung zu einer Kapazitätsausweitung veranlasst, so würde sich die Angebotsfunktion Ay nach rechts verschieben. Gemäß der Funktionsverläufe käme es dabei zu einer Abschwächung des Preisanstiegs. Entsprechendes gilt für den Markt des Gutes Cx. Damit liegt die Antwort auf die eingangs gestellte Frage vor. Trotz einer geänderten Bedarfsstruktur bleibt das güterwirtschaftliche Gleichgewicht aufrechterhalten. Der Angebotsüberschuss (Nachfrageüberschuss) auf dem Markt des Gutes Cx (Cy) verschwindet bei unendlicher Reaktionsgeschwindigkeit der Märkte sofort wieder, so dass weiterhin Gesamtangebot und Gesamtnachfrage übereinstimmen. Ein Gleichgewicht, welches nach einer Störung wiederhergestellt wird, heißt stabiles Gleichgewicht. Das Niveau der Produktion ist trotz der geänderten Bedürfnisstruktur unverändert geblieben. Allerdings hat die Produktionsstruktur eine Änderung erfahren: ↓ ↑ Y = Cx + Cy Ursache hierfür war der Wandel in der Nachfragestruktur; er zog gegenläufige Preisbewegungen nach sich. Während auf dem Markt des Gutes Cx die Preise und als Folge hiervon die Mengen rückläufig waren, stiegen auf dem Markt des Gutes Cy die Preise und Mengen. Aus diesem Ergebnis werden zwei wichtige Aspekte der Klassik ersichtlich: • Bezüglich der zeitlichen Abfolge reagieren zuerst die Preise und erst dann die Mengen. Preiseffekte lösen also Mengeneffekte aus. • Eine Änderung der Produktionsstruktur tritt nur dann ein, falls sich das Verhältnis der Preise untereinander verschiebt. Es muss mit anderen Worten zu einer Veränderung der sog. relativen Preise kommen. Die Annahme einer unendlich hohen Reaktionsgeschwindigkeit erweist sich jedoch als unrealistisch. So ist es durchaus vorstellbar, dass die Unternehmer bei der Produktionsplanung zunächst abwarten, ob die neue Bedarfsstruktur nur vorübergehender Natur ist oder für längere Zeit Gültigkeit haben dürfte. Auch bestehen unter Umständen technologische bzw. institutionelle Hindernisse bei der Produktionsveränderung und dem damit einhergehenden geänderten Faktoreinsatz (z.B. Kündigungsschutz). Die Klassiker konzedierten derartige Probleme und hielten vorübergehend auftretende Ungleichgewichte für durchaus möglich. Auf Dauer S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 57 Abb. 2.9: Saysches Theorem in der stationären Wirtschaft bleibt jedoch nach ihrer Auffassung die Übereinstimmung von Gesamtangebot und Gesamtnachfrage aber erhalten. Die bisher geschilderten Zusammenhänge bilden den Inhalt des bekannten Sayschen Theorems. Es wird häufig auf den einfachen Nenner gebracht: „Jedes Angebot schafft sich seine eigene Nachfrage“. Dahinter steht zunächst die Vorstellung, dass die Menschen unendlich große Bedürfnisse haben, die nur durch Nutzung von Gütern zu befriedigen sind. Hierzu ist aber der Erwerb dieser Güter erforderlich, was seinerseits den Erhalt von Einkommen voraussetzt. Dieses kann aber nur durch Beteiligung am Produktionsprozess verdient werden. Das hierbei erstellte Angebot führt zu einem wertgleichen Einkommen, welches angesichts der unendlichen Bedürfnisse voll verausgabt, also zu gleich hoher Nachfrage verwendet wird. Abbildung 2.9 verdeutlicht diese Zusammenhänge in schematischer Form: 58 Zweiter Teil: Ex-ante-Analyse des Volkseinkommens Sofern auf Teilmärkten eine Überschußnachfrage existiert, steht dieser auf anderen Teilmärkten ein gleich hohes Überschußangebot („Verstopfung der Absatzwege“) gegenüber. Dieser partielle Ungleichgewichtszustand ist allerdings nur vorübergehender Natur. Der Preismechanismus sorgt auf Dauer wieder dafür, dass es keine allgemeine Überproduktion gibt. Damit wird auch die durch den Strukturwandel verursachte Arbeitslosigkeit lediglich zu einem temporären Problem. c. Die Sparfunktion Die bisherigen Überlegungen galten für eine stationäre Wirtschaft. Nunmehr soll geprüft werden, ob die Einführung des Sparens und Investierens an den grundsätzlichen Ergebnissen der Klassik etwas ändert. Hierzu ist es zunächst notwendig, die den Übergang zur evolutorischen Wirtschaft kennzeichnenden Größen S und I zu „erklären“, d.h. auf ihre Ursachen zurückzuführen. Bereits an früherer Stelle wurde das Sparen als Nichtverbrauch von Einkommensteilen definiert. Diese Aussage ist jedoch zu relativieren, wenn der Zeitaspekt berücksichtigt wird. In der Tat bedeutet das während einer Zeitperiode vorgenommene Sparen einen Nachfrageausfall. Die Ersparnisse können jedoch bereits in der darauf folgenden Periode aufgelöst und damit wieder nachfragewirksam werden. Sparen bedeutet mithin einen Verzicht auf Gegenwartskonsum zugunsten des Zukunftskonsums. An diesem Punkt setzt die Erklärung der Klassiker an. Nach Auffassung von E.v.Böhm-Bawerk, dem in diesem Zusammenhang das Hauptverdienst gebührt, besteht bei den Wirtschaftssubjekten grundsätzlich eine Höherschätzung von Gegenwartsgütern im Vergleich zu Zukunftsgütern. Da sich die Haushalte annah- S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 58 Abb.2.10: Die klassische Sparfunktion 59 II. Der Gütermarkt 59 megemäß nutzenmaximierend verhalten, ist das Sparen, d.h. der Verzicht auf den höher bewerteten Gegenwartsnutzen, offenbar nicht rational. Der Sparentschluss erscheint nur dann als sinnvoll, falls derjenige, der auf den unmittelbaren Genuss von Gegenwartsgütern verzichtet, als Belohnung hierfür ein Mehr an Zukunftsgütern erhält. Dieses Aufgeld, auch „Agio“ genannt, ist nichts anderes als der Zins. Er entspricht der Wertdifferenz zwischen Gegenwarts- und Zukunftsgütern. Dieser Tatbestand macht auch die gelegentlich anzutreffende Bezeichnung „Zeitpräferenzäquivalent“ verständlich. Je höher der Zins liegt, umso größer ist die Bereitschaft, den Konsum in die Zukunft zu verlagern, also zu sparen, und umgekehrt. Der Zins (z) ist nach klassischer Ansicht die entscheidende Determinante des Sparens. Die nutzentheoretisch fundierte Sparfunktion der Klassik lautet somit: S = S(z) Graphisch dargestellt ergibt sich folgendes Bild: Im Hinblick auf die Sparformen stand dem „klassischen Sparer“ allerdings bei weitem nicht die heute anzutreffende breite Palette von Anlagemöglichkeiten zur Verfügung. Die einzige Form des Sparens besteht nach klassischer Ansicht im Erwerb festverzinslicher Wertpapiere; sie werden auch als Anleihen, Renten, Obligationen oder „Bonds“ bezeichnet. Insbesondere schied die Bildung eines Barvermögens aus, da sowohl Bargeld als auch Giroguthaben praktisch keine Verzinsung erbringen, die einen Ausgleich für den entgangenen Gegenwartsnutzen darstellt. Die Haltung von Geld zur Bildung von Vermögen, das heißt zur Wertaufbewahrung, ist nach klassischer Auffassung irrational und kommt deshalb nicht in Frage. Da festverzinsliche Wertpapiere in der makroökonomischen Theorie eine große Rolle spielen, soll diese Anlageform etwas genauer erläutert werden. Es handelt sich dabei um Wertpapiere, die von Unternehmen und öffentlichen Stellen zwecks Beschaffung finanzieller Mittel verkauft (emittiert) werden. Sie lauten auf einen bestimmten Betrag, den sog. Nominalwert, der nach Ablauf einer vereinbarten Laufzeit an den Besitzer des Wertpapiers zurückbezahlt wird. Der Preis der Obligation ist der Kurs; er kann während der Laufzeit durchaus vom Nominalwert abweichen. S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 59 Abb.2.11: Nachfrage nach festverzinslichen Wertpapieren Zu bestimmten Terminen (üblicherweise jährlich) zahlt der Emittent an den Wertpapierbesitzer einen vorab fest vereinbarten Zins, den sog. Nominalzins oder Kontraktzins (j). Er bezieht sich auf den Nominalwert des Papiers und bleibt während der gesamten Laufzeit unverändert. Je nach Höhe von Kurs und Nominalzins errechnet sich eine bestimmte Rendite; sie entspricht der sog. Effektivverzinsung (z) des Wertpapiers. Ein Zahlenbeispiel soll diese Zusammenhänge verdeutlichen: 60 Zweiter Teil: Ex-ante-Analyse des Volkseinkommens Tab. 1: Verzinsung von Obligationen Anlage Kontrakt- feste Zins- Kurs Anzahl der Zinsertrag Effektivsumme zins (j) zahlung1) Wertpapiere zins (z) 1000,– 6 % 6,– 200 5 Stk. 30,– 3 % 1000,– 6 % 6,– 100 10 Stk. 60,– 6 % 1000,– 6 % 6,– 50 20 Stk. 120,– 12 % 1) bezogen auf einen Nominalwert von 100,– EUR Bei einem festverzinslichen Wertpapier errechnet man die Effektivverzinsung (unter Vernachlässigung der Spesen und bei unendlicher Laufzeit) nach der Formel: j z = –––––– · 100 Kurs Zwischen Kurs und Effektivzins besteht also ein inverses Verhältnis. Die Klassik geht davon aus, dass die Haushalte die Obligationen direkt bei den Unternehmungen erwerben. Es werden also weder Kreditvermittler noch Geschäftsbanken eingeschaltet. Das Angebot an Sparmitteln ist daher identisch mit der Nachfrage nach Obligationen (O). Je höher der Kurs, desto niedriger die Effektivverzinsung und desto geringer die Nachfrage nach festverzinslichen Wertpapieren: Den Rahmen für die Ausgabenentscheidungen der Haushalte bildet das Einkommen. Da der Nichtkonsum (S) zinsabhängig ist, folgt hieraus in Verbindung mit der Budgetrestriktion S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 60 61 II. Der Gütermarkt 61 Y = C + S auch die Zinsabhängigkeit des Konsums als komplementärer Größe. Die Konsumfunktion hat in der Klassik somit die Form: C = C(z) wobei zwischen Konsum und Zins eine negative Beziehung besteht. d. Die Investitionsfunktion Neben den Ersparnissen sind die Investitionen konstituierendes Element der evolutorischen Wirtschaft. Während Ersparnisse als Zukunftskonsum interpretiert werden können, handelt es sich bei den Investitionen um Zukunftsproduktion. Investitionen vergrößern den Sachkapitalbestand im Zeitablauf: dK––– = I dt Bei gegebener Arbeitsmenge und Faktorqualität ist eine Erhöhung der künftigen Produktion nur durch eine Ausweitung des Kapitalstocks möglich. Die Herstellung von Investitionsgütern bindet allerdings Produktionsfaktoren, die nicht für die Produktion von Konsumgütern zur Verfügung stehen. Erst längerfristig sorgt dann die Erweiterung der Produktionskapazitäten für ein erhöhtes Konsumgüterangebot. Diesen Tatbestand umschreibt die Klassik mit der sog. „Mehrergiebigkeit von Produktionsumwegen“. Aus güterwirtschaftlicher Sicht ist die künftige Mehrproduktion von Konsumgütern insofern eine Notwendigkeit, als die spätere Auflösung von Ersparnissen eine künftige Mehrnachfrage nach Konsumgütern impliziert. Sie muss auf ein entsprechend höheres Güterangebot stoßen, wenn das Sparen lohnend bleiben soll. Um festzustellen, ob die Spar- und Investitionspläne einander entsprechen, sind genauere Kenntnisse über die Bestimmungsgründe der Investitionen erforderlich. Ihrer angebotsorientierten Grundidee folgend, fundiert die Klassik die Bildung von neuem Sachkapital produktionstheoretisch. Hierbei bedient sie sich des mikroökonomischen Ansatzes der Gewinnmaximierung. Der Gewinn ist definiert als Differenz zwischen Erlös (als Produkt aus Preis und Menge) und Kosten, wobei hier lediglich die Kosten des variablen Produktionsfaktors Kapital berücksichtigt sind (i = Kapitalkostensatz). Um den Gewinn zu maximieren, muss die Gleichung für den Gewinn nach K abgeleitet werden; daraus folgt dann der für das Gewinnmaximum erforderliche Kapitaleinsatz: G = P · Y – i · K dG dY––– = P · ––– – i = 0 dK dK dYP· ––– = i dK dY i––– = – = irdK P Dieses Ergebnis ist nichts anderes als der bekannte Grenzproduktivitätssatz. Für den Investor heißt dies, dass er seine gewinnmaximale Position dann erreicht, wenn der mithilfe einer zusätzlichen Maschine erzielte Umsatz (Grenzwertpro- S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 61 Abb.2.13: Angebot an festverzinslichen Wertpapieren Abb.2.12: Klassische Investitionsfunktion dukt des Kapitals) gleich dem Kapitalkostensatz ist. Oder anders ausgedrückt, wenn das physische Grenzprodukt des Kapitals dem realen Kapitalkostensatz (ir = –iP ) entspricht. Der Unternehmer wird gemäß dieser Regel so lange zusätzliche Maschinen beschaffen, also investieren, bis er diese gewinnmaximale Situation erreicht. Graphisch dargestellt entspricht die Investitionsnachfrage der ersten Ableitung der partiellen Produktionsfunktion des Kapitals: 62 Zweiter Teil: Ex-ante-Analyse des Volkseinkommens Je höher also der reale Kapitalkostensatz liegt, desto geringer fällt die Investitionstätigkeit aus und umgekehrt. Die Investitionsfunktion lautet: I = I(ir) Zur Finanzierung der Investitionen emittiert der Unternehmer die bereits beschriebenen Obligationen. Die Nachfrage nach Investitionsgütern ist somit identisch mit dem Angebot an festverzinslichen Wertpapieren (Abb.2.13). S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 62 Abb.2.14: Rolle des Zinses in der Klassik 63 II. Der Gütermarkt 63 Bei hohem Kurs und damit hohem Mittelaufkommen für die Unternehmer ist die Bereitschaft für Wertpapieremissionen groß, dagegen fällt das Bondsangebot bei niedrigen Kursen gering aus. e. Gleichgewicht in der evolutorischen Wirtschaft Die Kenntnis der das Sparen und Investieren betreffenden Funktionalzusammenhänge erlaubt nunmehr die Herleitung des Gleichgewichts in einer wachsenden Wirtschaft. Bekanntlich liegt dieser Zustand dann vor, wenn geplantes Sparen und geplantes Investieren übereinstimmen. Bildhaft gesprochen, wenn das „Loch“ in der Nachfrage (Sparen) von den Unternehmern freiwillig „gestopft“ wird (Investieren). Wie gezeigt, sind beide Variablen zinsabhängig, so dass die Gleichgewichtsbedingung lautet: S(z) = I(ir) Im Gleichgewicht ist damit der „Sparzins“ gleich dem „Investitionszins“, es gilt also: z = ir Damit kann die Gleichgewichtsbedingung für den Kapitalmarkt auch geschrieben werden als: S(z) = I(z) Das Gleichgewicht auf dem Kapitalmarkt stellt nichts anderes dar als das Gleichgewicht auf dem Gütermarkt. Dies macht eine einfache Überlegung deutlich. Die Gleichgewichtsbedingung auf dem Gütermarkt lautet allgemein: geplantes Angebot = geplante Nachfrage. Aus Sicht der Klassik kann hierfür geschrieben werden: C(z) + S(z) = C(z) + I(z) Der Konsum kann herausgekürzt werden, so dass übrig bleibt: S(z) = I(z) Da der Zins in der Klassik zugleich das Sparen und das Investieren determiniert, führt er das Gleichgewicht auf dem Kapital- bzw. Gütermarkt herbei. Schematisch ergibt sich folgendes Bild: Die Unternehmer sorgen bei einem bestimmten Zins (Gleichgewichtszinssatz) mit ihren Investitionen freiwillig für den Nachfrageausgleich, der in der Volkswirtschaft durch das Sparen, d.h. die von den Haushalten hinterlassene Nachfra- S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 63 Abb.2.16: Gleichgewicht auf dem Bondsmarkt Abb. 2.15: S-I-Gleichgewicht in der Klassik gelücke entsteht. Unter Zugrundelegung der Spar- und Investitionsfunktion hat das Gleichgewicht graphisch folgendes Aussehen: 64 Zweiter Teil: Ex-ante-Analyse des Volkseinkommens Für den Ausgleich von Spar- und Investitionsplänen ist die freie Beweglichkeit des Zinses erforderlich. Nach klassischer Ansicht ist diese Voraussetzung stets erfüllt, da der Kapitalmarkt, auf dem sich Sparen und Investieren gegenüberstehen, ein Konkurrenzmarkt ist. Wie bereits erwähnt, erfolgt die Ersparnisbildung technisch ausschließlich durch den Kauf festverzinslicher Wertpapiere. Ebenso können sich die Unternehmer ihre für Investitionen benötigten Mittel nur durch den Verkauf von Obligationen beschaffen. Es gilt somit: Sparen = Angebot an Kapital = Obligationsnachfrage bzw. Investieren = Nachfrage nach Kapital = Obligationsangebot Aufgrund dieses Sachverhalts lässt sich das Gleichgewicht auf dem Kapitalmarkt auch mithilfe des Bondsmarkts ermitteln (Abb.2.16): S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 64 Abb. 2.17: Erhöhung des Zukunftskonsums 65 II. Der Gütermarkt 65 Die Beweglichkeit des Kurses als dem Preis der festverzinslichen Wertpapiere garantiert auf diesem Markt die Herbeiführung eines Gleichgewichts. Analog zur stationären Zwei-Güter-Welt kann man auch in der evolutorischen Wirtschaft prüfen, welche Auswirkungen bei einer Änderung der Nachfragestruktur eintreten. Ausgangspunkt sei eine Verringerung der Konsumgüternachfrage. Als Folge hiervon sinken Preis und Menge auf dem Konsumgütermarkt (linkes Diagramm in Abb. 2.17): Der Nachfragerückgang nach Gegenwartsgütern führt simultan zu einem Anstieg der Nachfrage nach Zukunftsgütern, d.h. zu höherem Sparen. Die Folge ist eine Rechtsverschiebung der Nachfragefunktion auf dem Obligationenmarkt; dadurch steigen dort der Kurs und die Menge an. Ebenso wie in der stationären Zwei-Güter-Welt finden auch hier gegenläufige Preis-Mengen-Bewegungen statt. Allerdings kommt es hier nicht zu einer Umschichtung innerhalb der Produktion von Gegenwartsgütern, sondern zwischen Gegenwarts- und Zukunftsgütern. Dies folgt deutlich aus der Betrachtung des S-I-Marktes. Hier verschiebt sich die Sparfunktion nach rechts. Dadurch geht der Zins zurück, was seinerseits die Investitionstätigkeit auf das Niveau des erhöhten Sparens anhebt. Das Gleichgewicht bleibt somit erhalten. Aus diesen Überlegungen geht hervor, dass die Nachfragestruktur der Haushalte die Produktionsstruktur bestimmt. Schätzen die Haushalte den Gegenwartskonsum geringer ein, so impliziert dies eine höhere Konsumgüternachfrage in der Zukunft. Darauf stellen sich die Unternehmungen ein, indem sie über Investitionen die Produktionskapazitäten erweitern. Die hierdurch ermöglichte Mehrproduktion ist erforderlich, um den Sparern zu einem späteren Zeitpunkt ein Güteräquivalent für ihre Zinseinkommen bereitzustellen. Der damit verbundene höhere Nutzen, der in der Zukunft entsteht, stellt die Belohnung für den durch das Sparen zunächst entgangenen Gegenwartsnutzen dar. Umgekehrt ist eine Zunahme der Konsumgüternachfrage, d.h. des Gegenwartskonsums, mit einem Rückgang des Sparens verbunden. Aufgrund des dabei eintretenden Zinsanstiegs verringern die Unternehmungen ihre Investitionen. Dieser Fall ist ebenfalls anhand von Abbildung 2.17 leicht nachvollziehbar und braucht nicht näher ausgeführt werden. S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 65 Abb. 2.19: Saysches Theorem in der evolutorischen Wirtschaft Abb. 2.18: Produktionsstruktur Graphisch lässt sich die Produktionsstruktur, also die Aufteilung der Gesamtproduktion in Konsumgüter und Investitonsgüter, auf einfache Weise ermitteln. Hierzu wird der Kapitalmarkt (aus zeichnerischen Gründen sind die Achsen vertauscht) mit der Produktionsfunktion verknüpft: 66 Zweiter Teil: Ex-ante-Analyse des Volkseinkommens Das Saysche Theorem behält aber nach wie vor seine Gültigkeit. Weiterhin schafft sich jedes Angebot seine eigene Nachfrage. Die Modifikation besteht in einer evolutorischen Wirtschaft nur darin, dass die im Zuge der Angebotserstellung entstandenen Einkommen nicht sofort vollständig für die Konsumgüternachfrage verwendet, sondern teilweise gespart werden. An die Stelle des durch das Sparen der Haushalte hervorgerufenen Nachfrageausfalls an Konsumgütern tritt eine gleich hohe Nachfrage nach Wertpapieren. Den Verkaufserlös verwenden die Unternehmungen zum Kauf von Investitionsgütern, womit die durch das Sparen entstandene Nachfragelücke wieder geschlossen wird. Das Saysche Theorem gilt also auch partiell auf dem Kapitalmarkt. Dort schafft sich wegen der Wirksamkeit des Preisbzw. Zinsmechanismus jedes Kapitalangebot (Sparen) seine Kapitalnachfrage (Investieren): Auch in der evolutorischen Wirtschaft kann es jedoch infolge der bereits erwähnten Gründe im Zuge der Umstellung der Produktionsstruktur vorübergehend zu S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 66 67 II. Der Gütermarkt 67 Friktionen kommen. Auf Dauer stellt sich hingegen in der Volkswirtschaft die Übereinstimmung von Güterangebot und Güternachfrage wieder ein. Zusammenfassend kann man die klassische Sichtweise des realwirtschaftlichen Sektors auf wenige wesentliche Punkte reduzieren. Diese theoretischen Ergebnisse bilden zugleich die Basis für wirtschaftspolitische Konsequenzen: • Aufgrund der Gültigkeit des Sayschen Theorems existiert langfristig immer ein güterwirtschaftliches Gleichgewicht. Da sich jedes Angebot seine eigene Nachfrage schafft, kann es keine allgemeine Überproduktion geben. Voraussetzung ist allerdings, dass die angebotenen Güter auch auf entsprechende Bedürfnisse stoßen. Auf längere Sicht erfordert dies die Einführung neuer Waren und Dienstleistungen, d. h. das Auftreten von Innovationen. Für die Wirtschaftspolitik folgt hieraus die Aufforderung, für ein forschungsfreundliches Klima zu sorgen sowie eine entsprechende Forschungs- und Entwicklungspolitik (F&E) zu betreiben. • Entscheidend für die Erfüllung des Sayschen Theorems ist die Funktionsfähigkeit des Preismechanismus. Auf sämtlichen Güter- und Faktormärkten müssen die Preise (Güterpreise, Löhne, Zinsen) vollkommen flexibel sein. Dadurch werden alle Märkte jederzeit geräumt. Wiederum folgen hieraus Implikationen für die Wirtschaftspolitik. In diesem Punkt ist primär die Wettbewerbspolitik gefordert. Sie hat dafür Sorge zu tragen, dass der Wettbewerb nicht durch Wettbewerbsbeschränkungen, d.h. wettbewerbsbeschränkendes Verhalten und wettbewerbsbeschränkende Marktstrukturen gestört, sondern erhalten und gefördert wird. • Die Haushalte legen mit ihren Spar- bzw. Konsumplänen die Produktionsstruktur fest. Zeitlich gesehen geht das Sparen stets dem Investieren voraus. Dabei sorgt der Zins für die Übereinstimmung von Sparen und Investieren. Allerdings hängt die Investitionstätigkeit in der Realität nicht nur vom Zinssatz, sondern auch von weiteren Determinanten wie Unternehmensbesteuerung, Arbeitskosten oder Regulierungen ab. Hier ist es Hauptaufgabe der Wirtschaftspolitik, für geeignete Rahmenbedingungen bezüglich der Investitions- und damit der Produktionstätigkeit der Unternehmen zu sorgen, also die „Standortbedingungen“ zu verbessern. 2. Der Keynesianische Ansatz Die klassische Theorie gelangte zu dem Ergebnis, dass in einer Volkswirtschaft ein dauerhaftes Ungleichgewicht auf dem Gütermarkt ebenso unmöglich ist wie eine schwere Beschäftigungskrise. Vollkommene Märkte garantieren langfristig ein Gleichgewicht auf dem Gütermarkt bei Vollbeschäftigung. Spätestens gegen Ende der zwanziger Jahre dieses Jahrhunderts schien jedoch die Weltwirtschaftskrise die Gültigkeit der klassischen Theorie zu widerlegen. Diese historische Entwicklung sollte indes nicht vorschnell dazu verleiten, die klassische Lehre als „falsch“ abzutun. Vielmehr waren in den zwanziger Jahren die Prämissen der Klassik nicht erfüllt. Vor allem der Preismechanismus wurde durch aufkommende Kartellierungs- und Monopolisierungstendenzen zunehmend außer Kraft gesetzt. Damit zerbrach eine entscheidende Säule der klassischen Theorie. S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 67 Als Auslöser der Weltwirtschaftskrise gilt der Börsencrash an der New Yorker Börse am 24.Oktober 1929 („schwarzer Donnerstag“). Innerhalb weniger Tage brachen die zuvor spekulativ in die Höhe getriebenen Aktienkurse fast um die Hälfte ein. Die darauf einsetzenden Liquiditätsschwierigkeiten führten zum Rückruf von Krediten, die unter anderem an Deutschland gewährt wurden bzw. zum Abzug von Geldern, die in Deutschland angelegt waren. Dies bedeutete einen massiven Abfluss von Devisen aus Deutschland. Verstärkt wurde diese Tendenz durch einen stark rückläufigen Welthandel, d.h. sinkende Exporte. Zu diesem Zeitpunkt basierte das internationale Währungssystem auf dem sog. „Gold-Devisen-Standard“; dieser lief darauf hinaus, dass der Banknotenumlauf durch die vorhandenen Gold- und Devisenbestände zu decken war. Aufgrund des Devisenabflusses musste die Reichsbank ein Absinken der Geldmenge zulassen. Fehlendes Vertrauen in die wirtschaftliche und politische Zukunft veranlasste die Anleger in Deutschland, ihre Guthaben von den Banken abzuziehen. Die solchermaßen entstandene Bankenkrise gipfelte im Juli 1931 in Schalterschließungen. Angesichts der Liquiditätsprobleme schränkten die Banken ihre Kreditvergabe ein, wodurch sich der Rückgang der Geldmenge zusätzlich beschleunigte. Mit der gesunkenen Geldmenge ging ein Rückgang des Preisniveaus um ca. 20 % einher, es kam zu Deflation. Die Reichsregierung unterstützte diese Entwicklung durch Verordnungen von Preis- und Lohnsenkungen. Die Folgen waren verheerend. Sinkende Preise schmälerten die Investitionen, die um mehr als die Hälfte zurückgingen. Die niedrigeren Löhne erzwangen bei den privaten Verbrauchern eine Verringerung der Konsumnachfrage; zusätzlich verstärkt wurde die Kaufzurückhaltung in Erwartung weiterer Preissenkungen. Da die Sparpolitik der Regierung ebenfalls geringere Ausgaben nach sich zog und die Güterexporte rückläufig waren, brach die Nachfrage auf breiter Front ein. Die Deflation wurde dadurch weiter vorangetrieben. Das Ergebnis war ein Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Produktion um ca. 40 %, verbunden mit einem Anstieg der Arbeitslosenquote auf über 30 %. Vor dem Hintergrund dieser historischen Gegebenheiten verfasste Keynes verschiedene Abhandlungen. Sein Hauptwerk „General Theory of Employment, Interest, and Money“ erschien im Jahr 1936. Die Exegese dieses nicht leicht verständlichen Werkes sowie anderer Veröffentlichungen von Keynes bildet den Gegenstand der Keynesianischen Theorie, die im Folgenden in den Grundzügen vorgestellt wird. Inzwischen zeigte sich allerdings, dass die gemeinhin bekannte Auslegung der Arbeiten von Keynes nicht immer mit dessen Intentionen übereinstimmt. Daher stößt man in jüngerer Zeit auf einige Arbeiten, die eine Neuinterpretation der Werke von Keynes vorschlagen. Gleichwohl soll in den weiteren Ausführungen im Wesentlichen an der insgesamt „bewährten“ Präsentation der Keynesschen Theorie festgehalten werden. Sie geht vor allem auf die beiden Ökonomen J.R. Hicks und A.H. Hansen zurück. Die Etikettierungen „Keynes“ und „Keynesianer“ werden im Folgenden synonym verwendet. Grundlegend für die Position von Keynes ist die Auffassung, dass die entscheidende Ursache wirtschaftlicher Krisen auf der Nachfrageseite liegt. Nicht ein zu geringes Angebot, sondern eine zu geringe Nachfrage bildet das Hauptproblem hochentwickelter Industriestaaten. Infolge technischer Neuerungen kommt es verstärkt 68 Zweiter Teil: Ex-ante-Analyse des Volkseinkommens S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 68 69 II. Der Gütermarkt 69 zur Massenproduktion. Dadurch treten auf den entsprechenden Märkten allmählich Sättigungstendenzen auf. Keynesianer sind also „Sättigungspessimisten“; die Bedürfnisse der Menschen werden als endlich eingestuft. Die Volkswirtschaften sind also prinzipiell nachfragebeschränkt, d.h. auf den Gütermärkten muss mit einem Nachfragemangel gerechnet werden. In der Tat entsprach dies den historischen Verhältnissen der „Goldenen zwanziger Jahre“; dem damals zu verzeichnenden enormen Ausbau der Produktionskapazitäten stand letztlich kein entsprechender Anstieg der Nachfrage gegenüber. Nach Keynes entscheidet die Höhe der effektiven Nachfrage über das Produktionsvolumen. Diese Sichtweise erscheint durchaus plausibel. Denn sinkt beispielsweise die Nachfrage, wird also weniger gekauft, so gehen bei den Firmen die Auftragseingänge zurück. Daraufhin sehen sich die Unternehmen veranlasst, ihre Produktion zu drosseln, die Auslastung der Kapazitäten geht zurück. Die Nachfrage schafft sich sozusagen ihr eigenes Angebot, das Saysche Theorem wird also umgedreht. Da die Produktion nach Maßgabe der technischen Gegebenheiten die Beschäftigung fixiert, entscheidet die Nachfrage letzlich auch über den Beschäftigungsgrad in einer Volkswirtschaft. Für den Fall eines Nachfragerückgangs ist mit Kurzarbeit und steigender Arbeitslosigkeit zu rechnen. Im Zentrum der Keynesianischen Theorie steht damit die gesamtwirtschaftliche Nachfrage. Sie bildet den Inhalt der bekannten Verwendungsgleichung des Inlandsprodukts: Y = C + Ib + G + Ex – Im Diese Gleichung stellt den formalen Ausgangspunkt der Keynesianischen Analyse des güterwirtschaftlichen Sektors dar. In ihr kommt die konjunkturelle Entwicklung einer Volkswirtschaft zum Ausdruck. Da die Komponenten der volkswirtschaftlichen Endnachfrage kurzfristig starken Schwankungen unterliegen können, impliziert die Betonung der Nachfrage deutlich den kurzfristigen Charakter der Keynesianischen Theorie. Es ging Keynes letzlich darum, der Wirtschaftspolitik theoretisch fundierte Handlungsanweisungen zu liefern, mithilfe derer die Wirtschaft schnellstmöglich aus einer „Talsohle“ herausgeführt werden kann. Im Folgenden sind daher die Bestimmungsgründe der Nachfragekomponenten sowie deren volkswirtschaftliche Bedeutung herauszuarbeiten. a. Konsum- und Sparfunktion Der private Konsum ist ein äußerst komplexes Aggregat, in das eine Vielzahl von Waren und Dienstleistungen eingeht, welche die privaten Haushalte nachfragen. Entsprechend vielfältig sind auch die in Betracht kommenden Determinanten: • Bevölkerungsgröße • Altersaufbau • Einkommensverteilung • Veränderungen des Preisniveaus • Werbung • Prestigedenken Die Liste ließe sich leicht verlängern. All diese Faktoren sind zweifellos bedeutsam für Konsumentscheidungen. Die wichtigste Größe ist jedoch nach Keynesiani- S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 69 scher Ansicht das Einkommen, welches die Haushalte beziehen. Unter Anwendung der Ceteris-paribus-Klausel, d. h. bei Konstanz der oben erwähnten sowie sonstiger denkbarer Einflussgrößen lautet die Konsumfunktion allgemein: C = C(Y) Es handelt sich hierbei um eine typische Verhaltensgleichung, mit der die Konsumpläne der privaten Haushalte erklärt werden. Da die Ex-ante-Analyse grundsätzlich mit Plangrößen arbeitet, kann in den folgenden Ausführungen auf die entsprechende Indizierung (g = geplant) verzichtet werden. Keynes geht davon aus, dass die Haushalte ihre Konsumentscheidungen am realen Einkommen orientieren. Unterstellt man ein im Zeitablauf konstantes Preisniveau mit dem Wert von Eins (und davon wird in den weiteren Überlegungen zunächst ausgegangen), so ist die Unterscheidung zwischen nominellem Konsum (C) und realem Konsum (Cr) nicht erforderlich. Aus Vereinfachungsgründen wird zunächst auch vom Staat und vom Ausland abstrahiert, es liegt mit anderen Worten ein dreipoliges Kreislaufmodell zugrunde. Dadurch steht den Haushalten das verdiente Einkommen vollständig zur freien Verfügung. Aufgrund der Budgetrestriktion (Y = C+S) steht über den Konsum automatisch auch das Sparen fest, das bei Keynes logischerweise ebenfalls vom Einkommen abhängt. Die Sparfunktion lautet daher: S = S(Y) Im Gegensatz zur Klassik spielt in der Keynesianischen Theorie die Verzinsung der Ersparnisse auf gesamtwirtschaftlicher Ebene nur eine untergeordnete Rolle. Aus dieser Prämisse folgen, wie noch näher zu zeigen sein wird, weit reichende Konsequenzen für das güterwirtschaftliche Gleichgewicht. An dieser Stelle sollte nochmals auf das Wesen monokausaler Erklärungen hingewiesen werden. Die Reduzierung auf nur eine einzige Determinante geschieht einerseits aus Gründen der analytischen Vereinfachung. Zum anderen geht man davon aus, dass die abhängige Variable zwar durchaus von verschiedenen Faktoren abhängen kann; im Vergleich zu den zahlreichen anderen in Betracht kommenden Bestimmungsfaktoren übt jedoch die explizit in der Funktion auftauchende Determinante einen dominanten Einfluss auf die abhängige Variable aus. Der kurzfristigen Betrachtungsweise folgend, sieht Keynes den laufenden Konsum als abhängig vom laufenden Einkommen an. Üblicherweise bezeichnet man diese Annahme über das makroökonomische Konsumverhalten als die „absolute Einkommenshypothese“. Plausibel erscheint eine – auch empirisch anzutreffende – positive Beziehung zwischen C und Y, d.h. mit steigendem Einkommen nimmt der Konsum zu und umgekehrt. Für eine genauere Spezifikation der Konsum- und damit auch der Sparfunktion ist es notwendig, die Konsum- und Spargewohnheiten der Bevölkerung exakt zu definieren. Bezieht man die gesamten Konsumausgaben auf das Volkseinkommen, so erhält man die durchschnittliche Konsumquote (c). Setzt man hingegen die Ver- änderung der Konsumausgaben ins Verhältnis zur Einkommensveränderung, so ergibt sich die marginale Konsumneigung (c’). Analoges gilt für die Spargewohnheiten. Mithin lauten die Definitionen: 70 Zweiter Teil: Ex-ante-Analyse des Volkseinkommens S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 70 71 II. Der Gütermarkt 71 = Cc = –– = durchschnittliche Konsumquote = Y = dCc’ = ––– = marginale Konsumneigung = dY = Ss = –– = durchschnittliche Sparquote = Y = dSs’ = ––– = marginale Sparneigung = dY Die Konstanz von c’ impliziert einen linearen Verlauf der Konsum- und damit auch der Sparfunktion. Dagegen bedingt ein abnehmendes c’ einen degressiven Verlauf der Konsumfunktion bzw. eine progressiv verlaufende Sparfunktion. Eine weitere Eigenschaft des Konsumverhaltens betrifft den so genannten autonomen Konsum (C). Diese auch als Basiskonsum bezeichneten Konsumausgaben tätigen die Haushalte unabhängig von der Höhe des Einkommens. Sofern ein autonomer Konsum vorliegt, verlaufen die Konsum – und damit die zugehörige Sparfunktion nicht durch den Ursprung, sie sind inhomogen. Damit kommen prinzipiell vier Funktionstypen in Betracht (Abbildung 2.20). Das Einkommen als unabhängige Variable ist auf der Abszisse und zusätzlich zusammen mit dem Konsum auf der Ordinate abgetragen. Die gestrichelt gezeichnete 45o-Linie entspricht der sog. „Einkommenslinie“; sie bildet auf Dauer eine Obergrenze für den Konsum. Die dem jeweiligen Einkommen zugeordneten Sparwerte lassen sich als vertikaler Abstand zwischen 45o-Linie und Konsumfunktion ermitteln. Liegt der Konsum oberhalb des Einkommens (Funktionstypen 2 und 4), so ist das Sparen negativ, was ökonomisch als Auflösung vorhandener Ersparnisse interpretiert werden kann. Am Beispiel der Funktion 2 sind die durchschnittliche Konsumquote und marginale Konsumneigung dargestellt. Letztere ist nichts anderes als die Steigung der Konsumfunktion. Dagegen benötigt man zur Ermittlung der durchschnittlichen Konsumquote einen Fahrstrahl, also eine Gerade vom Nullpunkt durch einen beliebigen Punkt auf der Konsumfunktion. Der Tangens des eingeschlossenen Winkels entspricht der durchschnittlichen Konsumquote, also dem Wert von c. Die Eigenschaften der unterschiedlichen Konsumfunktionen sind in Tabelle 2 zusammengestellt (analoges ließe sich leicht für die Sparfunktion herleiten). S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 71 72 Z w eiter Teil: E x-ante-A nalyse des V olkseinkom m ens Abb.2.20: Keynesianische Konsum- und Sparfunktionen S . 4 1 - 1 7 4 2 . T e i l . q x d 0 5 . 1 2 . 2 0 1 2 8 : 0 5 U h r S e i t e 7 2 73 II. Der Gütermarkt 73 Tab. 2: Eigenschaften unterschiedlicher Konsumfunktionen Homogenität homogen inhomogen Linearität TYP ➀ TYP ➁ c’ = konstant c’ = konstant c’ = konstant c’ = abnehmend linear 0 < c’ = c < 1 0 < c’ < c < 1 Beispiel: Beispiel: C = 0.8 Y C = 20 + 0.8 Y TYP ➂ TYP ➃ nicht linear c’ = abnehmend c’ = abnehmend c’ = abnehmend c’ = abnehmend 0 < c’ < c < 1 0 < c’ < c < 1 Beispiel: Beispiel: C = Y0,5 C = 20 + Y0,5 Aus der Ableitung der Gleichung Y = C + S nach Y folgt: dY dC dS––– = ––– + –––, und damit dY dY dY 1 = c’ + s’ wobei üblicherweise gilt: 0 < s’ < c’ < 1. Die marginale Konsum- und Sparneigung ergänzen sich notwendigerweise immer zu Eins. Gleiches gilt für die Durchschnittsquoten: Y = C + S, bzw. Y C S–– = –– + –– Y Y Y , und damit 1= c + s In der Tatsache, dass der Konsumzuwachs geringer ausfällt als der Einkommenszuwachs, die marginale Konsumneigung also größer als Null aber kleiner als Eins ist, sieht Keynes ein „fundamentales psychologisches Gesetz“, d.h. mit steigendem Einkommen nimmt der private Konsum nur unterproportional zu. Dies bedeutet aber nichts anderes wie das Auftreten von Sättigungstendenzen. In diesem Punkt unterscheidet sich die Keynesianische Theorie wesentlich von der Klassik. Während letztere von unendlichen Bedürfnissen ausging und damit Sättigungstendenzen für unwahrscheinlich hielt, sind nach Keynesianischer Auffassung die Bedürfnisse zumindest auf mittlere Sicht endlich. Die Folge ist ein Stagnieren der Konsumnachfrage. Gleichwohl sollen die weiteren Überlegungen an Hand des Funktionstyps 1, also einer linear homogenen Konsum- und Sparfunktion durchgeführt werden. Dieser S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 73 74 Zweiter Teil: Ex-ante-Analyse des Volkseinkommens Funktionstypus ist analytisch der einfachste. Die Verwendung einer komplizierteren Funktion würde an den prinzipiellen Ergebnissen der Keynesianischen Theorie jedoch nichts ändern. Die Einfachheit des gewählten Funktionstyps geht aus folgendem Zahlenbeispiel hervor: Tab. 3: Linear homogene Konsum- und Sparfunktion Y C c c’ S s s’ (1) (2) (3) (4) (5) (6) (7) 50 40 0,8 0.8 10 0,2 0,2 100 80 0,8 0,8 20 0,2 0,2 150 120 0,8 0,8 30 0,2 0,2 200 160 0,8 0,8 40 0,2 0,2 250 200 0,8 0,8 50 0,2 0,2 300 240 0,8 0,8 60 0,2 0,2 : : : : : : : Trägt man die Werte in ein Koordinatensystem ein, so ergibt sich der bereits bekannte Verlauf der Konsum- und Sparfunktion. Für jedes Einkommen existiert ein bestimmter Wert für C und S. Durch Vertikaladdition der Konsum- und Sparfunktion erhält man die Winkelhalbierende (Abbildung 2.21). Beispielsweise belaufen sich bei einem Einkommen von 100 die Konsumausgaben auf 80 und die Ersparnisse auf 20. Hinter der solchermaßen konstruierten Einkommenslinie steht also die Summe von C und S: Y = C(Y) + S(Y) Da das Einkommen aber wertgleich dem Angebot ist, stellt die 45o-Linie nichts anderes als einen Ausdruck für das volkswirtschaftliche Güterangebot (A) dar (siehe Abbildung 2.21). Neben Keynes sehen auch zahlreiche andere Ökonomen im Einkommen die entscheidende Determinante des Konsums, allerdings innerhalb eines längerfristigen Zeithorizonts. Nach der „permanenten Einkommenshypothese“ (Friedman) werden die Konsumentscheidungen nicht nur vom gegenwärtigen, sondern auch vom künftig erwarteten Einkommen sowie von Vermögenswerten geprägt. In diese fiktive Größe fließen neben Zukunftserwartungen auch Vergangenheitserfahrungen ein. Die „Lebenszyklushypothese“ (Ando/Modigliani) dehnt ihre Betrachtung auf die Beziehung zwischen dem während des ganzen Lebens getätigten Konsum und dem in dieser Zeit verdienten Einkommen aus. Das nur zögernde Reagieren des Konsums auf Einkommensveränderungen bildet den Inhalt der „Habit- Persistence-Hypothese“ (Brown). Gemäß der „relativen Einkommenshypothese“ (Duesenberry) hängen die Konsumausgaben von der relativen Einkommensposition der privaten Haushalte und damit von deren sozialer Stellung ab. S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 74 75 II. Der Gütermarkt 75 Abb. 2.21: Herleitung der Angebotslinie Daneben existieren noch weitere Konsumhypothesen, auf die aber an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden soll. Im Folgenden steht vielmehr wieder die kurzfristig konzipierte absolute Einkommenshypothese Keynesianischer Prägung im Vordergrund. b. Gleichgewicht und Ungleichgewicht bei autonomen Investitionen Bislang beschränkten sich die Betrachtungen vor allem auf das güterwirtschaftliche Angebot. Zur Ermittlung des Gleichgewichts bedarf es aber noch der Einführung der Nachfrage. Aufgrund der Modellannahmen beinhaltet die Gesamtnachfrage zunächst lediglich den Konsum und die Investitionen. Nachdem die Konsumnachfrage bereits erklärt wurde, ist nunmehr auf die Investitionen genauer einzugehen. Die folgenden Überlegungen basieren auf dem Geschehen im 3-poligen Kreislauf, d.h. die Größe I enthält lediglich private Nettoinvestitionen. Die Bestimmungsgründe der Investitionstätigkeit sind vielfältig. Absatzerwartungen, Zinsen, steuerliche Vorschriften usw. beeinflussen die Entscheidungen der Unternehmer, ihre Produktionskapazitäten zu erweitern. Zunächst soll jedoch die explizite Berücksichtigung der Investitionsdeterminanten außer Acht bleiben. Es erweist sich für die elementaren Gleichgewichtsüberlegungen als zweckmäßig, in einem ersten Schritt von autonomen Investitionen (I) auszugehen: I = I Diese Investitionsfunktion besagt, dass die Unternehmer aus nicht näher bekannten Gründen eine bestimmte Investition planen. Sie bedeutet für uns eine vorgegebene Größe, die sich aber im Zeitablauf durchaus verändern kann, ohne dass die Ursachen hierfür bekannt sind. Da die autonomen Investitionen unter anderem S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 75 76 Zweiter Teil: Ex-ante-Analyse des Volkseinkommens Abb.2.23: Gesamtwirtschaftliche Nachfrage bei autonomen Investitionen Abb. 2.22: Autonome Investitionen auch nicht vom Einkommen abhängen, resultiert für die Investitionsfunktion in Bezug auf das Einkommen folgender Verlauf: Für die gesamtwirtschaftliche geplante Nachfrage folgt hieraus: N = C + I, bzw. N = C(Y) + I Unter Verwendung einer linear-homogenen Konsumfunktion erhält man: N = c’ Y + I Zeichnerisch kann die gesamte Nachfrage durch Vertikaladdition der Konsumund Investitionsfunktion konstruiert werden. Der jeweilige Wert des einkommensabhängigen Konsums wird also einfach um den konstanten Betrag der Investitionen aufgestockt. Dadurch verschiebt sich die Konsumfunktion um die Strecke der autonomen Investitionen parallel nach oben (siehe Abb.2.23). S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 76 77 II. Der Gütermarkt 77 Abb. 2.24: Übereinstimmung von Sparen und Investieren im Ex-post- und im Ex-ante-Sinne Güterwirtschaftliches Gleichgewicht herrscht, wenn geplantes Angebot und geplante Nachfrage bzw. geplantes Sparen und geplantes Investieren übereinstimmen. Abbildung 2.24 verdeutlicht nochmals den Unterschied zwischen der Übereinstimmung im Ex-post-Sinne und im Ex-ante-Sinne. In diesem Zusammenhang ist die Unterscheidung zwischen geplanten und ungeplanten Größen explizit erforderlich. Zeichnerisch kann das güterwirtschaftliche Gleichgewicht auf zwei Wegen dargestellt werden. Entweder bringt man die Angebotslinie mit der gesamtwirtschaftlichen Nachfragefunktion oder aber die Spar- und Investitionsfunktion zum Schnitt. Abbildung 2.25 zeigt die alternative Ermittlung des Gleichgewichtseinkommens und damit des güterwirtschaftlichen Gleichgewichts. Die beiden Graphiken machen deutlich, dass nur ein einziger Einkommenswert existiert, der das Gleichgewicht auf dem Gütermarkt garantiert. Das Gleichgewichtseinkommen kann auch rechnerisch ermittelt werden. Im Gleichgewicht gilt die Bedingung: A = N Da das Angebot mit dem Einkommen identisch ist, gilt immer: A = Y Die Nachfrage lautet in ihrer einfachsten Form: N = c’ Y + I S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 77 78 Zweiter Teil: Ex-ante-Analyse des Volkseinkommens Abb. 2.25: Ermittlung des Gleichgewichtseinkommen Durch Einsetzen in die Gleichgewichtsbedingung ergibt sich Y = c’ Y + I Löst man diese Gleichung nach Y auf, so erhält man das Gleichgewichtseinkommen: Y – c’ Y = I Y (1 – c’) = I 1Y* = ––––– · I 1 – c’ Die Verwendung einer Konsumfunktion mit autonomem Konsum modifiziert das Ergebnis entsprechend. Wegen C = C + c’ Y errechnet sich das Gleichgewichtseinkommen über die Gleichung Y = C + c’ Y + I als 1Y* = ––––– · (C + I) 1 – c’ S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 78 79 II. Der Gütermarkt 79 An dieser Stelle ist ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass das Symbol N in der Nachfragegleichung nur dann durch das Symbol Y ersetzt werden darf, wenn ein Gleichgewicht vorliegt. Die Gleichgewichtsüberlegungen kann man leicht verständlich anhand einer Tabelle nachvollziehen. Dabei wird auf die bereits in Tabelle 3 verwendeten Werte für die marginale Konsum- und Sparneigung (0,8 bzw. 0,2) zurückgegriffen, die autonomen Investitionen haben einen Wert von 40. Tab. 4: Gleichgewicht und Ungleichgewichte auf dem Gütermarkt Fall geplantes geplanter geplantes geplante geplante = realisiertes Konsum Sparen Investi- Nach- Angebot (c’ = 0,8) (s’ = 0,2) tion frage = Volks- (C + I) einkommen A = Y C S I N (1) (2) (3) (4) (5) (6) 1 50 40 10 40 80 2 100 80 20 40 120 3 150 120 30 40 160 4 200 160 40 40 200 5 250 200 50 40 240 6 300 240 60 40 280 Während sich das geplante Angebot aus der Summe der Spalten 3 und 4 berechnet, erhält man die Nachfrage aus der Addition der Spalten 3 und 5. In den Fällen 1 bis 3 haben die Produzenten die Nachfrage unterschätzt, es besteht eine sog. Angebotslücke. Hier liegt der beabsichtigte Nachfrageausfall der Haushalte (= Sparen) unter der Nachfrage der Unternehmer (= Investieren). Umgekehrt verhält es sich in den Fällen 5 und 6, wo eine Überproduktion bzw. Nachfragelücke herrscht. Lediglich bei einem Einkommen von 200 (Fall 4) stimmen die Pläne der Anbieter und Nachfrager überein. Es gilt also immer: A = N ↔ S = I Gleichgewicht A < N ↔ S < I Ungleichgewicht A > N ↔ S > I Im Gleichgewicht tauchen keinerlei ungeplante Größen auf. Anders dagegen verhält es sich bei Vorliegen eines Ungleichgewichts. Hierbei treten notwendigerweise ungeplante Größen auf, wie sie bereits an früherer Stelle erörtert wurden. In den Fällen 1 bis 3 kann die Ex-post-Gleichheit von A und N bzw. S und I durch folgende möglichen Vorgänge zustandekommen: • Die Unternehmer befriedigen die überschüssige Nachfrage durch Rückgriff auf bestehende Lagervorräte, d.h. durch Lagerabbau (– Iu); ⎫⎪⎬⎪⎭ S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 79 80 Zweiter Teil: Ex-ante-Analyse des Volkseinkommens • Die Preise werden hochgesetzt; dadurch entstehen bei den Unternehmern ungeplante Gewinne (Su,U). Die Haushalte müssen auf einen Teil des geplanten Konsums verzichten (–Cu), es entsteht also das sog. „Zwangssparen“ (Su,H); • Die Unternehmer reagieren mit Lieferfristen; dadurch müssen die Haushalte auf einen Teil des in der betrachteten Periode geplanten Konsums verzichten (– Cu = Su,H). Entsprechend umgekehrt verhält es sich in den Fällen 5 und 6. Die exakten Werte für die jeweiligen Fälle sind in Tabelle 5 aufgeführt. Die Betrachtungen haben gezeigt, dass die Realisierung eines güterwirtschaftlichen Gleichgewichts reiner Zufall ist. Da jedes Einkommens- und damit Produktionsniveau mit einem ganz bestimmten Beschäftigungsgrad verbunden ist, deutet sich schon an dieser Stelle die Zufälligkeit der Erreichung eines Vollbeschäftigungszustandes an. Realistischerweise dürfte in der Regel wohl kaum mit dem Zustandekommen eines gleichgewichtigen Einkommens zu rechnen sein. Damit erhebt sich aber die Frage, welche Konsequenzen aus einer Ungleichgewichtssituation resultieren. Dies ist der Gegenstand des folgenden Punktes. c. Anpassungsprozesse Definiert man Gleichgewicht als einen Zustand, bei dem für die Wirtschaftssubjekte kein Anlass zu Planrevisionen besteht, so folgt hieraus unmittelbar, dass ein Ungleichgewichtszustand zu Änderungen der Wirtschaftspläne führt. Planrevisionen lösen jedoch ihrerseits Anpassungsprozesse aus. Derartige Vorgänge lassen sich allerdings nicht mehr mithilfe der bislang verwendeten statischen (zeitpunktbezogenen) Betrachtungsweise erfassen. Erforderlich ist hierfür vielmehr eine dynamische Analyse, in der ökonomische Entwicklungen im Zeitablauf betrachtet werden. Zur Beschreibung der Verhaltensweisen von Wirtschaftssubjekten im Zeitablauf bedarf es der Einführung von Reaktionshypothesen. Sie enthalten Annahmen über die zeitliche Abhängigkeit ökonomischer Variablen. Für den Sektor der Haushalte wäre es beispielsweise vorstellbar, dass er seine Konsumausgaben am zukünftig erwarteten Einkommen orientiert. Auch könnte er das laufende Einkommen als Plandatum des laufenden Konsums ansehen. Ebenso denkbar erscheint die Orientierung der Konsumausgaben einer Periode am Einkommen der Vorperiode; diese zeitliche Verzögerung des Konsums nennt man den „Robertsonlag“. Für die Produktionstätigkeit der Unternehmungen wird bei Keynes die Abhängigkeit von der Nachfrage, d.h. den Verkaufserfolgen, unterstellt. Unter zeitlichem Aspekt können die Unternehmer die Produktion einer Periode vergangenheitsbezogen, gegenwartsbezogen oder zukunftsbezogen planen. Rechnen die Unternehmer beispielsweise damit, dass sie das Verkaufsergebnis des Vorjahres auch im laufenden Jahr wieder erreichen werden, so wird die laufende Produktion genau in der Höhe der Nachfrage der vergangenen Periode geplant. Damit nehmen die Reaktionshypothesen folgende Gestalt an (t = Zeitindex) (siehe Seite 82): S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 80 81 II. D er G üterm arkt 81 Tab. 5: Ex-post-Ausgleichsmöglichkeiten güterwirtschaftlicher Ungleichgewichte sowie Gleichgewicht geplantes geplantes geplantes geplantes geplantes geplantes = reali- = reali- (auto- Konsum- Sparen Nachsiertes siertes nome) nach- (S = 0,2 Y frage Angebot Konsum- Investi- frage = (3) + (4) EX-ANTE- = Volks- angebot tionen (C = 0,8 Y) (UN)GLEICHeinkom- GEWICHTSmen ZUSTAND Ex-post-Über- Ex-Post-Über- Iu einstimmung SUu einstimmung Cu Cu SHuvon A und N von A und N A = Y CA I CNg Sg Ng bzw. S und I bzw. S und I (1) (2) (3) (4) (5) (6) (7) (8) (9) (10) (11) (12) (13) (14) 50 10 40 40 10 80 – 30 + 30 – 30 – 30 + 30 Ag < Ng Sg = Ig + Iu Sg + Su = Ig 100 60 40 80 200 120 – 20 + 20 – 20 – 20 + 20 Sg < Ig Stats = Itats Stats = Itats 150 110 40 120 30 160 – 10 + 10 – 10 – 10 + 10 Ag = Ng Su = 0200 160 40 160 40 200 Sg = Ig 0 Iu = 0 0 Cu = 0 0 0 0 250 210 40 200 50 240 Ag > Ng + 10 Sg = Ig + Iu – 10 Sg + Su = Ig + 10 300 260 40 240 60 280 Sg > Ig + 20 Stats = Itats – 20 Stats = Itats + 20 ⎫⎪⎬⎪⎭ ⎫ ⎪ ⎪ ⎪ ⎪ ⎬ ⎪ ⎪ ⎪ ⎪ ⎭ ⎫⎪⎬⎪⎭ ⎫ ⎪ ⎪ ⎪ ⎪ ⎬ ⎪ ⎪ ⎪ ⎪ ⎭ ⎫⎪⎬⎪⎭ ⎫ ⎪ ⎪ ⎪ ⎪ ⎬ ⎪ ⎪ ⎪ ⎪ ⎭ E X - P O S T- A U S G L E I C H R e a l a u s g l e i c h (= Lagerbestandsveränderungen Iu) P r e i s a u s g l e i c h (= ungeplante Unternehmergewinne SUu bzw. ungeplanter Konsum Cu) L i e f e rf r i s t e n S . 4 1 - 1 7 4 2 . T e i l . q x d 0 5 . 1 2 . 2 0 1 2 8 : 0 5 U h r S e i t e 8 1 82 Zweiter Teil: Ex-ante-Analyse des Volkseinkommens Reaktionshypothesen Haushalte: Unternehmer: Ct = Ct (Yt) At = Nt Ct = Ct (Yt + 1) At = Nt + 1 Ct = Ct (Yt –1) (= „Robertson-lag“) At = Nt – 1 (= „Lundberg-lag“) Für die weiteren Überlegungen wird von einem unverzögerten Konsumentenverhalten Ct = c’ Yt sowie einem verzögerten Produzentenverhalten, d.h. dem Lundberg-lag At = Nt – 1 ausgegangen. Am einfachsten kann man sich die Folgen eines Ungleichgewichtszustandes wiederum anhand eines Zahlenbeispiels vor Augen führen. Den Ausgangspunkt hierfür bilden die bereits in Tabelle 4 verwendeten Daten für das Verhalten der Haushalte und der Unternehmungen. Anhand des dort aufgeführten Falles 5 soll der Anpassungsprozess zahlenmäßig durchgespielt werden. In dieser Situation beträgt die gesamtwirtschaftliche geplante Nachfrage 240 und reicht damit nicht aus, um das Angebot von 250 vollständig aus dem Markt zu nehmen. Diese Konstellation liegt in Tabelle 6 der Ausgangsperiode 1 zugrunde. Kurzfristig können die Unternehmer ihre Lagerbestände aufstocken (wie in Tab. 6 unterstellt) bzw. Preisabschläge beschliessen. In der nächsten Periode werden sie jedoch die Produktion auf die Höhe der Nachfrage von Periode 1, also auf 240, zurücknehmen. Dadurch sinkt aber in der Periode 2 auch das Einkommen auf 240. Dies veranlasst die Haushalte zu einer Reduzierung ihres Konsums. Bei gleich bleibenden Investitionen geht die gesamtwirtschaftlichen Nachfrage auf 232 zurück, was die Unternehmer mit einer weiteren Produktionsdrosselung in der Periode 3 beantworten. Der Prozess setzt sich solange fort, bis schrittweise ein Tab. 6: Kontraktionsprozess Periode A = Y C S I – N Iu (c’=0,8) (s’ =0,2) (=C+I – ) (1) (2) (3) (4) (5) (6) (7) 1 250,6 200,6 50,4 40 240,6 + 10,4 2 240,6 192,6 48,4 40 232,6 + 8,4 3 232,6 185,6 46,4 40 225,6 + 6,4 4 225,6 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . n 200,6 160,6 40,4 40 200,6 0,4 S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 82 83 II. Der Gütermarkt 83 Abb. 2.26: Graphische Darstellung des Kontraktionsprozesses Gleichgewicht beim Einkommen von 200 erreicht wird. Streng mathematisch dauert dieser Anpassungsprozess, hinter dem sich eine unendliche geometrische Reihe verbirgt, allerdings unendlich viele Zeitperioden an. Sollten die Unternehmer die Erhöhung der Lagerbestände einer Periode in die Produktionspläne der folgenden Periode einkalkulieren, so würde dies an den prinzipiellen Ergebnissen des Prozesses nichts ändern. Der Prozess liefe zwar in größeren Schritten ab. Der Endwert bliebe jedoch derselbe, da in der Periode n die Ersparnisse auf den Wert der Investitionen schrumpfen müssen. Dieser Zustand erfordert aufgrund der vorgegebenen Zahlen ein Gleichgewichtseinkommen von 200. Der beschriebene Anpassungsprozess lässt sich auch graphisch darstellen: Die Annäherung an das Gleichgewichtseinkommen erfolgt treppenförmig, wobei die „Treppenstufen“ immer niedriger werden. Auch bei Keynes tendiert die Volkswirtschaft also zu einem Gleichgewicht auf dem Gütermarkt. Zu dessen Herbeiführung sind allerdings – im Gegensatz zur Klassik – Einkommensänderungen erforderlich. Verantwortlich für die Rückbildung des Einkommens ist eine sog. Nachfragelücke oder Kontraktionslücke. Im Zuge des Kontraktionsprozesses kann es, wie bereits erwähnt, durchaus zu einer Rückbildung des Preisniveaus, d.h. zu einer Deflation kommen, denn das Angebot an Gütern ist größer als die Güternachfrage. Daher bezeichnet man die Situation A > N bzw. S > I häufig auch als „deflatorische Lücke“. Der Ex-post-Ausgleich würde in diesem Fall über einen positiven ungeplanten Konsum hergestellt. Das Auftreten deflatorischer Tendenzen kann den Abschwungprozess in der Wirtschaft sogar beschleunigen. Denn wenn die Preise erst einmal zu sinken beginnen, S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 83 84 Zweiter Teil: Ex-ante-Analyse des Volkseinkommens erwarten die Wirtschaftsakteure möglicherweise weitere Preisrückgänge. Diese Preiserwartungen führen zu einer Kaufzurückhaltung, wodurch die gegenwärtige Nachfrage noch stärker einbricht. Es entstehen sog. kumulative deflatorische Prozesse. Allerdings muss eine Deflation nicht zwangsläufig als Begleiterscheinung eines Kontraktionsprozesses auftreten. Die Bezeichnung „deflatorische Lücke“ sollte daher mit gewissen Vorbehalten verwendet werden. Bisher erstreckten sich die Betrachtungen auf die Situation A > N. Liegt das Einkommen hingegen unterhalb der Nachfrage bzw. das Sparen unterhalb des Investierens, so spricht man von einer Angebotslücke. Sie trägt auch die Bezeichnungen „Expansionslücke“ oder „inflatorische Lücke“. Auf eine ausführliche Darstellung dieses Falles, der zu den entsprechend umgekehrten Ergebnissen führt, soll jedoch verzichtet werden. Generell kann man festhalten, dass bei Vorliegen eines Ungleichgewichts auf dem Gütermarkt systemimmanente Kräfte wirksam werden, die schließlich ein neues Gleichgewicht herbeiführen. Das güterwirtschaftliche Gleichgewicht ist mithin stabil. Der Anpassungsprozess hin zu einem neuen Gleichgewicht läuft dabei über die Anpassung der Ersparnisse an die Investitionen ab. Aufgrund der Einkommensabhängigkeit des Sparens verändert sich auf dem Weg zum Gleichgewicht stets das Volkseinkommen, d.h. die Produktion. Möglicherweise kommt es dabei zu Veränderungen des Preisniveaus. In jedem Falle aber reagieren zuerst die Mengen und erst dann die Preise. Die zeitliche Abfolge von Mengen- und Preiseffekten ist damit genau umgekehrt wie in der Klassik. Im Zuge der Veränderung der Produktion ist auch mit Rückwirkungen auf den Arbeitsmarkt zu rechnen. Im Falle einer Expansionslücke bedarf es zur Steigerung der Produktion des Mehreinsatzes von Arbeitskräften. Eine Lücke I > S bedeutet somit eine günstige Voraussetzung zum Abbau von Arbeitslosigkeit. Umgekehrt geht von einer Kontraktionslücke die Gefahr von Unterbeschäftigung in der Volkswirtschaft aus („konjunkturelle Arbeitslosigkeit“). Die explizite Einbeziehung des Arbeitsmarktes erfolgt jedoch ebenso wie die Berücksichtigung von Preisniveauveränderungen erst an späterer Stelle. Einen zusammenfassenden Überblick der Ungleichgewichtssituationen und ihrer makroökonomischen Konsequenzen vermittelt Abbildung 2.27. Die Realisierungschancen des Gleichgewichts auf dem Gütermarkt schätzte Keynes als sehr gering ein. Dieser Gleichgewichtspessimismus erscheint verständlich, wenn man bedenkt, dass Sparer und Investoren verschiedene Personengruppen sind. Sie stellen ihre Wirtschaftspläne aufgrund ihrer individuellen wirtschaftlichen Interessen unabhängig voneinander auf. Eine „Benachrichtigung“ zwischen den beiden Gruppen über die erstellten Wirtschaftspläne geschieht nicht. Damit wäre eine Übereinstimmung der Spar- und Investitionspläne reiner Zufall. Was den Typ des Ungleichgewichts anbetrifft, so ging Keynes davon aus, dass „reife“ Volkswirtschaften zu kontraktiven Lücken (S > I) und damit zu Wirtschaftskrisen neigen. In dieser Einschätzung tritt der „Marktpessimismus“ von Keynes deutlich zutage. Zum einen liegt das Zustandekommen einer Kontraktionslücke an der längerfristigen Zunahme der Sparneigung. Sie findet ihre Erklärung u. a. im „psychologischen Gesetz“ sowie in einer zunehmenden Ungewissheit über die Zukunft („Krisensparen“). Zum anderen ist ein tendenzieller Rückgang der Investi- S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 84 85 II. Der Gütermarkt 85 tionen zu befürchten. Das Investitionsrisiko steigt infolge der immer ungewisseren Zukunft, vor allem wegen einer ständigen Verbreiterung der Produktpalette und der damit verbundenen Gefahr, am Markt „vorbeizuproduzieren“. Daraus wird deutlich, dass Keynes die volkswirtschaftliche Bedeutung des Sparens gänzlich anders sieht als die Klassik. Ein höheres Sparen zieht nach klassischer Auffassung höhere Investitionen nach sich. Bei Keynes hingegen ist eine Zunahme der Sparneigung zwar einzelwirtschaftlich eine Tugend, gesamtwirtschaftlich aber schädlich, denn es stellt einen Nachfrageausfall dar, dem die Unternehmer mit Produktionseinschränkungen begegnen (sog. „Sparparadoxon“). Abbildung 2.28 verdeutlicht die rivalisierenden Positionen in schematischer Form. Im Zuge dieses Vergleichs tritt ein weiterer wichtiger Unterschied zwischen den beiden Paradigmen nochmals deutlich hervor: Das Scharnier zur Erreichung eines neuen Gleichgewichts ist in der Klassik der Zins, bei Keynes hingegen das Einkommen. Kommt es in einer hochentwickelten Volkswirtschaft zu dem von Keynes erwarteten Schrumpfungsprozess des Volkseinkommens und der damit einhergehenden Arbeitslosigkeit, so muss es Aufgabe der Wirtschaftspolitik sein, durch Schaffung von Nachfrage die Kontraktionslücke zu schließen bzw. in eine Expansionslücke umzukehren. Aus wirtschaftspolitischer Sicht bieten sich vor allem die Investitionen als eine zur Steuerung geeigneten privaten Nachfragekomponente an. Die Auswirkungen von Änderungen der Investitionen auf das Volkseinkommen kann man dabei, zumindest theoretisch, exakt beziffern. Diese Berechnung ist Gegenstand des nächsten Punktes. Abb.2.27: Ungleichgewichte auf dem Gütermarkt und Auswirkungen Typ des Ungleichgewichts Bezeichnung Auswirkungen Konjunkturabschwung, Kontraktionsprozess A > N bzw. Nachfragelücke, Produktions- und S > I Kontraktionslücke Einkommensrückgang, deflatorische Lücke Lageraufbau, Tendenz zu Preissenkungen, Anstieg der Arbeitslosigkeit Konjunkturaufschwung, Expansionsprozess A < N bzw. Angebotslücke, Produktions- und S < I Expansionslücke Einkommenszunahme, inflatorische Lücke Lagerabbau, Tendenz zu Preissteigerungen, Rückgang der Arbeitslosigkeit S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 85 86 Zweiter Teil: Ex-ante-Analyse des Volkseinkommens Abb.2.29: Graphische Herleitung des Investitionsmultiplikators d. Investitionsmultiplikator Die Kreislaufeffekte von Änderungen einer Nachfragekomponente sollen im Folgenden am Beispiel einer Erhöhung der Investitionen durchgespielt werden. Die entsprechenden Ergebnisse gelten sinngemäß auch für eine Reduzierung der Investitionstätigkeit. Da es sich bei den Investitionen annahmegemäß weiterhin um eine autonome Größe handelt, bedarf deren Anstieg keiner weiteren Erklärung. Der Einkommenseffekt (ΔY) kann graphisch exakt ermittelt werden: Abb.2.28: Sparen in der Klassik und bei Keynes S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 86 87 II. Der Gütermarkt 87 Ausgehend vom Dreieck DEF berechnet man den Einkommenseffekt mithilfe einer komparativ-statischen Betrachtungsweise über das Verhältnis von Gegenkathete (EF = Δ I) zu Ankathete (DE = ΔY): Δ Itg α = s’ = ––– ΔY hieraus folgt: Δ I 1ΔY = ––– = –– · Δ I s’ s’ wegen c’ + s’ = 1 gilt auch: 1ΔY = ––––– · Δ I 1 – c’ Dieser Ausdruck zeigt das Prinzip des Investitionsmultiplikators. Dabei bringt der reziproke Wert der marginalen Sparneigung den Investitionsmultiplikator im engeren Sinne zum Ausdruck. Da die marginale Sparneigung üblicherweise zwischen Null und Eins liegt, ist der Wert des Bruches größer Eins. Somit führt die Veränderung der Investitionen um einen bestimmten Betrag zu einer gleichgerichteten Änderung des Volkseinkommens um ein Mehrfaches. Die „Durchschlagskraft“ hängt von der Höhe der marginalen Sparneigung ab: Je niedriger (höher) s’, desto größer (kleiner) ist die Wirkung auf das Einkommen. Damit kommt den Konsum- und Spargewohnheiten der Bevölkerung eine entscheidende Bedeutung für die Kreislaufeffekte von Investitionen zu. Den Investitionsmultiplikator kann man auch auf mathematischem Wege herleiten. Hierzu wird die Gleichung Y = C(Y) + I nach I differenziert, wodurch man Aufschluss über die Auswirkungen einer Investitionsänderung auf das Einkommen erhält: dY dC dY––– = ––– · ––– + 1 dI dY dI dY dC––– (1 – –––) = 1 dI dY dY 1 1––– = ––––––– = ––––– dI dC 1 – c’1 – ––– dY Die mathematische Herleitung des Investitonsmultiplikators liefert also dasselbe Ergebnis wie die graphische Herleitung. Im Übrigen würde man bei Verwendung einer linear-inhomogenen Konsumfunktion zum analogen Resultat gelangen. In diesem Fall hätte eine Veränderung des autonomen Konsums den gleichen Einkommenseffekt wie eine Veränderung der autonomen Investitionen. Die gesamte Einkommenssteigerung erhält man allerdings nicht „schlagartig“, sondern erst allmählich, d.h. im Zeitablauf. Dies macht die graphische Darstellung deutlich; sie zeigt eine treppenförmige Annäherung an ein neues Gleichgewicht (siehe Abb.2.30). S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 87 88 Zweiter Teil: Ex-ante-Analyse des Volkseinkommens Abb. 2.30: Anpassungsprozess bei einer dauerhaften Investitionszunahme Die Investitionszunahme reißt sozusagen eine expansive Lücke (I > S) auf, in deren Gefolge ein Expansionsprozess abläuft. Er dauert so lange an, bis schließlich der gestiegenen Nachfrage ein gleich hohes Angebot gegenübersteht. Ein Zahlenbeispiel verdeutlicht die schrittweise Anpassung an das neue Gleichgewicht (siehe Tab. 7). Tab. 7: Investitionsmultiplikator bei dauerhafter Investitionserhöhung Periode A = Y C S I – N Iu (c’=0,8) (s’ =0,2) (=C+I – ) (1) (2) (3) (4) (5) (6) (7) 1 200,4 160,4 40,6 40 200,4 – 0,4 2 200,4 160,4 40,6 50 210,4 – 10,4 3 210,4 168,4 42,6 50 218,4 – 8,4 4 218,4 174,4 43,6 50 224,4 – 6,4 5 224,4 179,5 44,9 50 229,5 – 5,1 . . . . . . . . . . . . . . n 250,4 200,4 50,6 50 250,4 – 0,4 Ausgangspunkt ist in Periode 1 die bereits aus Tabelle 4 bekannte Gleichgewichtssituation mit einem Gleichgewichtseinkommen von 200. Nun steigen in der Periode 2 die autonomen Investitionen um 10 auf den Wert von 50 an (Spalte 5); auf diesem Niveau verharren sie für die weitere Zukunft, ohne dass die Gründe hierfür bekannt sind. Daraus ergibt sich eine expansive Lücke. Als Ex-post-Ausgleich sind S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 88 89 II. Der Gütermarkt 89 in der Tabelle wieder ungeplante Investitionen aufgeführt; über den Abbau von Lagerbeständen wird die gestiegene Nachfrage kurzfristig befriedigt (Spalte 7). Jedoch reagieren die Unternehmer in der 3. Periode gemäß des Lundberg-lags mit einer Produktionsausweitung. Das dabei entstehende höhere Einkommen ermöglicht den Haushalten höhere Konsumausgaben. Zusammen mit den erhöhten Investitionen übersteigt die Nachfrage jedoch weiterhin das Angebot. Der Prozess setzt sich so lange fort, bis die expansive Lücke nach unendlich vielen Perioden verschwindet. Im Zuge dieses Expansionsprozesses erreicht das Einkommen schließlich in der Periode n den neuen Gleichgewichtswert von 250. Der durch die Multiplikatorformel errechnete Wert für die Einkommenssteigerung kommt also hier in der Differenz zwischen Anfangs- und Endeinkommen zum Ausdruck. Eine Modifikation ist zu verzeichnen, sofern die Zunahme der Investitionen nicht dauerhaft, sondern lediglich einmalig geschieht. In Tabelle 8 steigen die autonomen Investitionen in der Periode 2 plötzlich um 10 an; jedoch kehren sie ab der Periode 3 wieder auf ihren ursprünglichen Wert zurück. Dies löst folgenden Anpassungsprozess aus: Tab. 8: Investitionsmultiplikator bei einmaliger Investitionserhöhung Periode A = Y C S I – N Iu (c’=0,8) (s’=0,2) (=C+I – ) (1) (2) (3) (4) (5) (6) (7) 1 200,4 160,4 40,6 40 200,4 + 0,6 2 200,4 160,4 40,6 50 210,4 – 10,6 3 210,4 168,4 42,6 40 208,4 + 2,6 4 208,4 166,4 41,6 40 206,4 + 1,6 5 206,4 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . n 200,4 160,4 40,6 40 200,4 + 0,6 Wie man sieht, folgt hieraus in der Periode 2 zunächst wiederum eine expansive Lücke. In diesem Fall steigt das Einkommen aber nur vorübergehend auf den „Spitzenwert“ von 210. Denn bereits in der 3. Periode dreht sich das Ungleichgewicht zu einer kontraktiven Lücke, die in den folgenden Perioden erhalten bleibt. Dadurch bildet sich das Einkommen wieder sukzessive auf den ursprünglichen Gleichgewichtswert von 200 zurück. Der sich nach der Multiplikatorformel errechnete Einkommenszuwachs von 50 gilt aber auch hier. Allerdings besteht die Modifikation jetzt darin, dass der Einkommensanstieg von 50 der Summe aller gegenüber dem Ausgangswert entstehenden Einkommenszuwächse der einzelnen Perioden entspricht. Eine schematische Darstellung verdeutlicht nochmals den Ablauf des Multiplikatorprozesses für den Fall einer einmaligen Investitionserhöhung (siehe Abbildung 2.31). In jeder „Runde“ verliert ein Teil des zusätzlich entstandenen Einkommens an Nachfragewirksamkeit in Gestalt der Ersparnisbildung. Das Sparen S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 89 90 Zweiter Teil: Ex-ante-Analyse des Volkseinkommens Abb. 2.31: Schematische Darstellung des Prinzips des Investitionsmultiplikators „versickert“ und kehrt nicht wieder in den Wirtschaftskreislauf zurück. Je höher dieser Abfluss ausfällt, desto geringer wird verständlicherweise der Einkommenseffekt der Investitionen – ein Tatbestand, der im Nenner der Multiplikatorformel seinen Niederschlag findet. Die Überlegungen zum Investitionsmultiplikator machen einen weiteren wichtigen Aspekt der Keynesianischen Theorie deutlich: Investitionen gehen zeitlich dem Sparen voraus. Investitionen induzieren das Sparen über das Einkommen. Auch in diesem Punkt zeigt sich der Gegensatz zur Klassik, wo das Sparen über den Zins die Investitionen nach sich zog, d.h. die zeitliche Abfolge umgekehrt war. Trotz der formalen Eleganz des Multiplikatoransatzes sind verschiedene Kritikpunkte anzumelden, die überwiegend die kurzfristige Betrachtungsweise des Multiplikatormodells betreffen. So erscheint es fraglich, ob die Konsum- und Spargewohnheiten der Bevölkerung während streng genommen unendlich vieler Zeitperioden unverändert bleiben. Auch die Vorstellung von nicht im Kreislauf regenerierenden Ersparnissen ist problematisch, denn viele Wirtschaftssubjekte üben lediglich einen vorübergehenden Konsumverzicht im Sinne eines Anschaffungssparens, z.B., um ein Auto kaufen zu können, so dass die zukünftige Nachfragewirksamkeit der Ersparnisse zumindest teilweise als gesichert gelten kann. Ein weiterer Kritikpunkt beinhaltet die Behandlung der Investitionen. Prinzipiell vereinen Investitionen kurz- und langfristige Eigenschaften, weshalb man gelegentlich auch vom „Januskopf“ der Investitionen spricht. Der kurzfristige Aspekt enthält die Nachfrage der Unternehmer nach Investitionsgütern, bei deren Herstellung Einkommen entsteht. Die langfristige Seite der Investitionen ist in der Vergrößerung der Produktionskapazitäten zu sehen, die ein höheres Angebot ermöglichen, nachdem die Investitionsgüter fertig gestellt sind: Einkommenseffekt Investitionen Kapazitätseffekt (kurzfristig, Nachfrage) (langfristig, Angebot) Der Multiplikatoransatz betont ausschließlich den Einkommenseffekt, also die kurzfristige Einkommenswirkung der Investitionen. Hingegen wird der längerfristig wirksame Kapazitätseffekt vernachlässigt. Dieser steht erst im Rahmen der Postkeynesianischen Wachstumstheorie im Vordergrund. Des weiteren betrachtet man den Entwicklungspfad der Volkswirtschaft nur unter Nachfragegesichtspunkten. Angebotsseitige Aspekte bleiben völlig außer Acht. Hierzu gehören etwa exogene Preisschocks oder technologische Neuerungen, in S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 90 91 II. Der Gütermarkt 91 deren Gefolge ein struktureller Wandel einsetzt, der die weitere wirtschaftliche Entwicklung beeinflusst. Schließlich geht der Multiplikatoransatz von einem konstanten Preisniveau aus. Kurzfristig mag dies zutreffen, über viele Perioden hinweg erscheint diese Annahme jedoch unrealistisch. Im Hinblick auf den Begriff „Perioden“ wäre noch anzumerken, dass über die Länge dieser Zeiträume keine konkreten Angaben gemacht werden. Allerdings stoßen die erwähnten Kritikpunkte insofern ins Leere, als Keynes seine Theorie ganz bewusst unter kurzfristigen Gesichtspunkten konzipierte. Sein berühmt gewordenes Zitat „In the long run, we are all dead“ untermauert seine Betrachtungsweise sehr drastisch. Ungeachtet der genannten Vorbehalte impliziert die Erkenntnis, dass Änderungen in der Investitionstätigkeit zumindest kurzfristig einen starken Einfluss auf das Volkseinkommen ausüben, die prinzipielle Bedeutung des Multiplikatorprinzips für die Wirtschaftspolitik. Zur Überwindung einer Depression ist es demnach notwendig, die Investitionstätigkeit zu beleben. Eine Beeinflussung der privaten Investitionstätigkeit erscheint auf vielerlei Wegen möglich. Geänderte Abschreibungsmodalitäten, Investitionshilfen, steuerliche Maßnahmen oder Zinssatzvariationen können die Unternehmer durchaus zu einer entsprechenden Veränderung ihres Kapitalbestandes veranlassen. Die Effizienz derartiger Maßnahmen hängt aber sicherlich von der jeweiligen wirtschaftlichen Ausgangslage ab. Herrscht eine schwere Depression, so erscheint es sehr fraglich, ob sich die Unternehmer angesichts brachliegender Kapazitäten zum Kauf zusätzlicher Produktionsmittel entschließen. In einer solchen Situation liegt es nach Auffassung von Keynes am Staat, durch „ausgleichende Ausgaben“ eine höhere Nachfrage, d.h. eine expansive Lücke zu schaffen. Die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen zusätzlicher staatlicher Ausgaben, insbesondere öffentlicher Investitionen, sind dabei, wie gleich näher zu zeigen sein wird, prinzipiell dieselben wie bei privaten Investitionen. Bereits eine einmalige öffentliche Investition kann dazu führen, dass die privaten Unternehmer infolge des vom Staat ausgelösten Aufschwungs positive Zukunftserwartungen entwickeln und ebenfalls mehr investieren. Die öffentliche Hand gibt also die „Initialzündung“ („pump priming“) für eine Steigerung der privaten wirtschaftlichen Aktivitäten. Der Staat kann die expansiven Maßnahmen auf seiner Ausgabenseite noch über die Einnahmenseite unterstützen, indem er Steuern und Abgaben senkt, um so die private Nachfrage zu stärken. Zusätzlich wirken in der Abschwungsphase sog. „automatische Stabilisatoren“ („built-in-flexibility“): Zum einen werden in einem progressiven Steuersystem die sinkenden Einkommen überproportional steuerlich entlastet, zum anderen fallen erhöhte staatliche Ausgaben für die gestiegene Arbeitslosigkeit an. All diese Faktoren begünstigen die Ankurbelung der Güternachfrage. In Anbetracht der Wirtschaftskrise und der damit verbundenen niedrigeren Steuereinnahmen dürfte dem Staat die Finanzierung derartiger Konjunktur- und Beschäftigungsprogramme zweifellos Schwierigkeiten bereiten. Zur Lösung dieses Problems plädiert Keynes für die Bildung von Haushaltsdefiziten („deficit spending“). Diese Forderung stellt eine klare Abkehr vom klassischen Prinzip des S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 91 92 Zweiter Teil: Ex-ante-Analyse des Volkseinkommens Haushaltsausgleichs dar. Nach Ansicht von Keynes ist die Finanzierungslücke jedoch nur ein temporäres Problem; die Haushaltsdefizite sind konjunktureller Natur. Denn im Zuge des einsetzenden konjunkturellen Aufschwungs können die Staatsausgaben wieder gesenkt und steuerliche Erleichterungen rückgängig gemacht werden. Ein zusätzlicher Finanzierungseffekt für die öffentlichen Kassen geht wiederum von den automatischen Stabilisatoren aus; das progressives Steuersystem sorgt für überproportional steigende Staatseinnahmen, während sich rezessionsbedingte öffentliche Ausgaben wie Arbeitslosengelder von selbst zurückbilden. Die sich solchermaßen im Aufschwung bildenden überschüssigen Kassenmittel können dazu verwendet werden, die Schuldendienste aus der Rezession zu bedienen bzw. Haushaltsüberschüsse zu bilden, mit denen der nächste Abschwung bekämpft werden kann. Das konjunkturelle Defizit finanziert sich also im Aufschwung von selbst. Damit tritt an die Stelle des von Klassikern geforderten Budgetausgleichs innerhalb eines Haushaltsjahres bei Keynes ein Budgetausgleich über den Konjunkturzyklus hinweg. Abbildung 2.32 verdeutlicht diese Zusammenhänge in stilisierter Form. Die Strategie der Wirtschaftspolitik, Rezessionen und Boomphasen zu bekämpfen, also die Ausschläge der konjunkurellen Entwicklung zu glätten und die Gesamtnachfrage in Richtung Normalauslastung zu „drücken“, nennt man antizyklische Konjunkturpolitik. Wird diese „stop-and-go“Politik von den öffentlichen Haushalten betrieben, so liegt eine antizyklische Fiskalpolitik vor. Abb. 2.32: Budgetausgleich im Konjunkturzyklus S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 92 93 II. Der Gütermarkt 93 Schon an dieser Stelle ist allerdings darauf hinzuweisen, dass es bei der praktischen Umsetzung des Konzeptes der antizyklischen Konjunkturpolitik zu vielschichtigen Problemen kommen kann. Dies gilt in besonderem Maße für die Fiskalpolitik. Dem Erfolg des Konzept eines sich selbst finanzierenden Budgetdefizits stehen vor allem die politische Durchsetzbarkeit der erforderlichen Maßnahmen, Mitnahmeeffekte, das nicht vorhersagbare Konsum- und Investitionsverhalten, zeitliche Verzögerungen (time lags) sowie ein zu schwacher Aufschwung, der strukturelle Defizite zur Folge hat, entgegen. Auch liegen die Hintergründe für eine „schwache Wirtschaft“ vielfach nicht auf der Nachfrageseite, sondern auf der Angebotsseite der Volkswirtschaft. Zu erwähnen sind hierbei insbesondere ungünstige Rahmenbedingungen für Investitionen wie hohe Unternehmensteuern oder zu viele Regulierungen. Auf diese Aspekte wird an späterer Stelle im Rahmen der Erörterung der wirtschaftspolitischen Konsequenzen noch näher eingegangen. Die Bedeutung der staatlichen ökonomischen Aktivitäten im Wirtschaftskreislauf soll nunmehr genauer beleuchtet werden. e. Einbeziehung des Staates Die bei der Erfüllung staatlicher Aufgaben anfallenden Kreislaufströme wurden bereits im Rahmen der Ex-post-Analyse aufgezeigt. Es geht nunmehr darum, die Kreislaufwirkungen der relevanten Ströme herauszuarbeiten. In Betracht kommen insbesondere die staatlichen Ausgaben für den Kauf von Waren und Diensten sowie Transferzahlungen und Staatseinnahmen. Die Erklärung dieser Ströme bereitet in der makroökonomischen Theorie keine großen Probleme. Im Gegensatz zum Sparen und dessen komplementärer Größe, dem Konsum, bedarf es nicht der Suche nach Determinanten und der Formulierung von Verhaltensgleichungen. Die staatlichen Aktivitäten werden durch institutionelle Gleichungen erfasst. Dies bedeutet, dass etwa die Höhe der Staatsausgaben oder der Steuereinnahmen das Ergebnis politischer Entscheidungen sind, deren Bestimmungsgründe keiner weiteren Hinterfragung bedürfen. Bezieht man die staatlichen Ausgaben, die autonom getätigt werden (G), mit in die Betrachtungen ein, so erweitert sich die Nachfragegleichung um diese Komponente. Im Folgenden enthält I weiterhin nur die privaten Investitionen, während die staatlichen Investitionen dem Posten G zugeschlagen werden. Dann gilt: N = C + I + G Aus Vereinfachungsgründen sei zunächst unterstellt, dass der Staat zur Finanzierung seiner Ausgaben auf bestehende Haushaltsüberschüsse zurückgreift. Diese Mittel kann und soll der Staat nach Keynesianischer Auffassung während einer Boomphase bilden (sog. Konjunkturausgleichsrücklagen). Für das Gleichgewichtseinkommen folgt dann: Y = c’Y + I + G, bzw. nach Y aufgelöst 1Y* = ––––– (I + G) 1 – c’ Hieraus geht hervor, dass die Kreislaufwirkungen von Veränderungen der Staatsausgaben denen der privaten Investitionen exakt entsprechen: S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 93 94 Zweiter Teil: Ex-ante-Analyse des Volkseinkommens 1ΔY = ––––– · ΔG 1 – c’ Den „Staatsausgabenmultiplikator“ berechnet man also auf dieselbe Weise wie den Investitionsmultiplikator. In der graphischen Darstellung würde sich die Nachfrage- bzw. Investitionsfunktion parallel um die Strecke der Änderungen der Staatsausgaben verschieben. Da die Anpassungsprozesse im Prinzip gleich ablaufen wie beim bereits ausführlich behandelten Investitionsmultiplikator, kann im folgenden auf graphische und tabellarische Darstellungen der Staatsausgabenmultiplikatoren weitgehend verzichtet werden. Die Kreislaufwirkungen von Steuern sollen ebenfalls isoliert hergeleitet werden. Nimmt man an, dass der Staat unabhängig von der Leistungsfähigkeit und anderen Kriterien von jedem Haushalt denselben Steuerbetrag erhebt (T = „Kopfsteuer“ oder „Pauschalsteuer“), so kommt bei den Haushalten eine weitere Komponente der Einkommensverwendung hinzu: Y = C + S + T Der den Haushalten verbleibende Teil des Einkommens, das Nettoeinkommen oder „verfügbare“ Einkommen (Yv) ist folglich definiert als Yv = Y – T An diesem Einkommen orientieren die Haushalte ihre Konsum- und Sparpläne. Allgemein lauten dann die Konsumfunktion: C = C(Yv) sowie die Sparfunktion: S = S(Yv) Sofern der Staat die Steuereinnahmen stilllegt, lautet die gesamtwirtschaftliche Nachfrage: N = C + I N = c’Yv + I N = c’(Y – T) + I Das Gleichgewichtseinkommen errechnet sich dann als Y= c’(Y – T) + I Y – c’Y= I – c’T Y(1 – c’) = I – c’T 1Y* = ––––– (I – c’T) 1 – c’ Separiert man den Einfluss von Steuern auf das Volkseinkommen durch partielle Differentiation der Gleichung nach T, so ist (bei endlichen Veränderungen): – c’ΔY = – ––––– · ΔT – 1 – c’ Der Quotient von marginaler Konsumneigung und marginaler Sparneigung ist der „Steuermultiplikator“, der sich im Zähler und im Vorzeichen vom Staatsausgabenmultiplikator unterscheidet. Daraus geht hervor, dass die Änderung der S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 94 95 II. Der Gütermarkt 95 Steuern nach Maßgabe der Konsum- und Spargewohnheiten das Einkommen in entgegengesetzter Richtung verändert. Beträgt die marginale Konsumneigung beispielsweise 0,8, so führt eine Steuersenkung um 10 Mrd.EUR zu einem Einkommensanstieg um 40 Mrd.EUR. Der „Vervielfacher“ ist beim Steuermultiplikator also geringer als beim Staatsausgabenmultiplikator: c’ 1––––– < ––––– 1 – c’ 1 – c’ Seine ökonomische Erklärung findet dieser Tatbestand darin, dass durch zusätzliche Staatsausgaben in genau diesem Umfang eine neue Nachfrage durch den Staat geschaffen wird. Senkt der Staat hingegen die Steuern, so fließt das solchermaßen gestiegene Nettoeinkommen wegen der Spartätigkeit der Haushalte nicht voll, sondern nur teilweise dem Konsum zu, wird also nur teilweise nachfragewirksam. Ein einfaches Zahlenbeispiel verdeutlicht diesen Sachverhalt. Allgemein gilt: C = c’ · Yv = c’(Y – T) In der Ausgangssituation seien Y = 100 c’ = 0,8 , s’ = 0,2 T1 = 20 daraus folgt C1 = 0,8 (100 – 20) = 0,8 · 80 = 64 Nun senke der Staat die Steuern um 10 Einheiten: T2 = 10 dann ist C2 = 0,8 (100 – 10) = 0,8 · 90 = 72 Bei einer marginalen Konsumneigung von 0,8 steigt die Konsumnachfrage also um 8, wenn die Steuern um 10 gesenkt werden. Der Rest des zusätzlichen verfügbaren Einkommens, nämlich 2 Geldeinheiten, fließt dem Sparen zu. Bisher wurden die Kreislaufeffekte von Staatsausgaben und Steuern getrennt betrachtet. Geht man davon aus, dass diese staatlichen Aktivitäten gleichzeitig auftreten, so folgt für die gesamtwirtschaftliche Nachfrage: N = c’Yv + I + G und für das Gleichgewichtseinkommen Y*= c’(Y – T) + I + G, bzw. 1 Y* = ––––– (I + G – c’T) 1 – c’ Die Kombination von Staatsausgabenmultiplikator und Steuermultiplikator fördert ein interessantes Ergebnis zutage. Erhöht nämlich der Staat die Kopfsteuer um einen bestimmten Betrag, den er in vollem Umfang wieder verausgabt, so steigert S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 95 96 Zweiter Teil: Ex-ante-Analyse des Volkseinkommens Abb.2.33: Haavelmo-Theorem dieser Vorgang per Saldo das Volkseinkommen. Der dabei auftretende positive Einkommenseffekt kann genau beziffert werden. Beispielsweise beläuft sich der expansive Einkommenseffekt zusätzlicher Staatsausgaben von 10 auf 1 1 ΔY = ––––– · Δ G = –––––– · 10 = + 50 1 – c’ 1 – 0,8 Die Steuererhöhung um ebenfalls 10 Einheiten führt zu einem Einkommensrückgang von 40 Einheiten: c’ 0,8 ΔY = – ––––– · ΔT = – –––––– · 10 = – 40 1 – c’ 1 – 0,8 Unter dem Strich erbringen die mit zusätzlichen Steuern finanzierten Mehrausgaben des Staates somit einen Einkommenszuwachs um 10 Einheiten. Allgemein kann der auf das Volkseinkommen ausgehende Nettoeffekt einer gleichgerichteten Variation der Staatsausgaben und Staatseinnahmen durch Addition der beiden relevanten Multiplikatoren folgendermaßen berechnet werden: ΔY ΔY 1 c’ 1 – c’––– + ––– = ––––– – ––––– = ––––– = 1 ΔG ΔT 1 – c’ 1 – c’ 1 – c’ Der Wert 1 besagt, dass die Einkommensveränderung per Saldo genau den Betrag der Ausgaben- bzw. Steuervariation erreicht, was man anhand des Zahlenbeispiels leicht nachprüfen kann. Man bezeichnet diesen Tatbestand, wonach ein ausgeglichenes Zusatzbudget das Einkommen um den Betrag der Budgetvariation verändert, auch als das „Haavelmo-Theorem“. Ein ausgeglichener Staatshaushalt ist also keineswegs „einkommensneutral“. Abbildung 2.33 illustriert diesen Sachverhalt. Daraus wird das Ausmaß deutlich, in dem der Steuermultiplikator kontraktiv, der Staatsausgabenmultiplikator dagegen expansiv auf das Einkommen wirkt. S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 96 97 II. Der Gütermarkt 97 Realistischer als die Kopfsteuer ist eine einkommensabhängige Steuer. Geht man von einer proportionalen Einkommensteuer aus, so gehört zu jedem Einkommen ein gleich hoher Steuersatz (t’). Daraus folgt die Steuerfunktion: T = t’Y, mit 0 < t’ < 1 Die Konsumfunktion lautet dann: C = c’Yv = c’(Y - T) = c’(Y - t’Y), bzw. C = c’(1 - t’) Y Ihre Steigung ist offenbar geringer als bisher, was graphisch einen flacheren Verlauf impliziert. Unterstellt man wieder, dass der Staat die Steuereinnahmen stilllegt, so lautet die Nachfragefunktion: N = c’(1 - t’) Y + I Im Gleichgewicht gilt: Y = c’(1 - t’) Y + I Aufgelöst nach Y errechnet sich das Gleichgewichtseinkommen als 1Y* = –––––––––––– · I 1 – c’ (1 – t’) Die Einbeziehung einer proportionalen Einkommensteuer hat demnach Auswirkungen auf den Multiplikator, der nun einen kleineren Wert aufweisen muss als bisher: 1 1–––––––––––– < ––––– wobei 0 < t’, c’ < 1 1 – c’ (1 – t’) 1 – c’ Auch für andere autonome Nachfragekomponenten hat dieser Multiplikator entsprechende Gültigkeit. Erhöhen etwa die Unternehmer ihre Investitionstätigkeit, so fällt der Einkommenszuwachs nunmehr geringer aus. Ebenso würde ein Investitionsrückgang das Volkseinkommen in schwächerem Maße schrumpfen lassen. Im Vergleich zu einer Wirtschaft mit Kopfsteuer reagiert das Einkommen bei Existenz einer proportionalen Einkommensteuer nicht mehr so stark auf Nachfrageschwankungen. Somit trägt die einkommensabhängige Besteuerung zur automatischen Stabilisierung der Wirtschaft bei. Der Stabilisierungseffekt fällt noch stärker aus, falls ein progressives Steuersystem vorliegt. Neben den Zahlungen für Güterkäufe bilden die Transferzahlungen (Tr) eine weitere bedeutsame Ausgabenkategorie des Staates. Da deren Umfang der politischen Willensbildung unterliegt, handelt es sich hierbei ebenfalls um eine autonome Variable. Zur Verdeutlichung der Kreislaufeffekte der Transferausgaben wird zunächst wiederum von den übrigen staatlichen Strömen abstrahiert. Ökonomisch erhöhen Transfers, wie z.B. Renten oder Kindergeld, das Einkommen der privaten Haushalte: Yv = Y + Tr so dass die Konsumfunktion die Form C = c’Yv = c’(Y + Tr) hat. Die Nachfragefunktion lautet dann: N = c’(Y + Tr) + I S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 97 98 Zweiter Teil: Ex-ante-Analyse des Volkseinkommens Daraus lässt sich das Gleichgewichtseinkommen ermitteln als Y= c’(Y + Tr) + I bzw. nach Y aufgelöst 1Y* = –––––– (c’Tr + I) 1 – c’ Für die Einkommenswirkung von geänderten Transferzahlungen folgt hieraus: c’ΔY = ––––– · ΔTr 1 – c’ Der „Transfermultiplikator“ hat denselben Wert wie der Steuermultiplikator, wobei jedoch zwischen der Änderung der Transferausgaben und der Einkommensänderung eine positive Beziehung besteht. Für die Ausgabentätigkeit des Staates folgt hieraus, dass Güterkäufe das Einkommen stärker beeinflussen als die Zahlungen an Haushalte ohne spezifische ökonomische Gegenleistung, da der Staatsausgabenmultiplikator einen höheren Wert aufweist als der Transfermultiplikator. Die Begründung ist darin zu sehen, dass Gelder, welche den Haushalten zufließen, nicht in voller Höhe nachfragewirksam werden, da ein Teil von ihnen in die Ersparnisbildung fließt. Allerdings vernachlässigt diese Überlegung, dass innerhalb des Haushaltssektors gerade bei Empfängern von Transfers die Konsumneigung überdurchschnittlich hoch sein und damit der Einkommenseffekt entsprechend stärker ausfallen kann. Fasst man sämtliche hier diskutierten Arten staatlicher Aktivität zusammen, so lautet die gesamtwirtschaftliche Nachfragefunktion allgemein: N = c’(Y – T + Tr) + I + G Unter der Annahme, dass die relevanten Variablen durchweg autonome Größen sind, erhält man für das Gleichgewichtseinkommen: 1Y* = ––––– (- c’T + c’Tr + I + G) 1 – c’ Die Einbeziehung des Staates bewirkt notwendigerweise eine Modifikation der bislang aus dem 3-poligen Kreislauf bekannten Gleichgewichtsbedingung S = I, die besagt, dass den „kreislaufschwächenden“ Abflüssen aus dem Wirtschaftskreislauf (Sparen) genau gleich hohe „kreislaufbelebende“ Zuflüsse (Investitionen) gegenüberstehen müssen. Zur Herleitung der Gleichgewichtsbedingung des 4-poligen Kreislaufes benötigt man die um die staatlichen Aktivitäten erweiterten Gleichungen für Angebot und Nachfrage. Den Haushalten fließen neben dem Einkommen aus der Produktionstätigkeit zusätzlich Transferzahlungen zu. Die gesamten Einkünfte verwenden die Haushalte für Güterkäufe, Ersparnisbildung und Steuerzahlungen: Y + Tr = C + S + T Daraus folgt die Gleichung für das Angebot: A = Y = C(Yv) + S(Yv) + T – Tr Die Nachfrage setzt sich zusammen aus: N = C + I + G S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 98 99 II. Der Gütermarkt 99 Abb.2.34: Importfunktion Im Gleichgewicht gilt: A = N bzw. C + S + T - Tr = C + I + G oder S + T = I + G + Tr Erwartungsgemäß tritt in der erweiterten Gleichgewichtsbedingung neben dem Sparen ein weiteres „kreislaufschwächendes“ Element in Gestalt von Steuerzahlungen auf. Dem stehen auf der anderen Seite neben den Investitionen die ebenfalls „kreislaufbelebenden“ Ströme der Staatsausgaben und Transferzahlungen entgegen. Das teilweise anzutreffende Begriffspaar „Sickerverluste“ (linke Seite) und „Injektionen“ (rechte Seite) veranschaulicht auf plastische Weise die Kreislaufwirkungen der in dieser Gleichgewichtsbedingung auftretenden Variablen. Analog zur Vorgehensweise in der Ex-post-Analyse soll auch in der Ex-ante-Analyse zum Abschluss das Ausland in die Betrachtungen einbezogen werden. f. Einbeziehung des Auslandes Zur Ermittlung der kreislauftheoretischen Implikationen einer offenen Volkswirtschaft bedarf es der Formulierung von Funktionen für die hier im Mittelpunkt stehenden Exporte und Importe. Die Auslandsnachfrage hängt in erster Linie vom Wechselkurs, dem Inflationsgefälle zwischen In- und Ausland sowie der Höhe des ausländischen Sozialprodukts ab. Da sich insbesondere letzteres einer unmittelbaren Beeinflussung des Inlandes entzieht, unterstellt die makroökonomische Theorie, zumindest in einfachen Modellen, eine autonome Exportnachfrage: Ex = Ex Auch die Käufe ausländischer Güter, die das heimische Güterangebot vergrößern, sind teilweise autonom, wenn man bedenkt, dass bestimmte, unverzichtbare Produkte, wie beispielsweise Rohstoffe, in jedem Fall aus dem Ausland bezogen werden müssen. Daneben enthalten die Importe aber eine endogene Komponente, da ein Teil der Einfuhren einkommensabhängig ist. Mit steigendem inländischen Einkommen nimmt üblicherweise die Nachfrage nach ausländischen Produkten zu und umgekehrt. Die Importfunktion hat dann folgendes Aussehen: S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 99 100 Zweiter Teil: Ex-ante-Analyse des Volkseinkommens Abb.2.35: Gleichgewicht in der offenen Volkswirtschaft Die Importfunktion lautet: Im = Im + m’Y wobei m’ als marginale Importneigung definiert ist. Dabei gilt: dImm’= –––– , mit 0 < m’ < 1 dY Um die Kreislaufwirkungen der internationalen Handelsströme zu verdeutlichen, soll vom Staat abstrahiert werden. Die Nachfragefunktion lautet dann: N = c’Y + I + Ex – (Im + m’Y) Aus der Gleichgewichtsbedingung Y= c’Y + I + Ex – Im – m’Y folgt 1Y* = –––––––––– (I + Ex – Im) 1 – c’ + m’ Die graphische Ermittlung des Gleichgewichtseinkommens zeigt Abbildung 2.35: Aufgrund der Einkommensabhängigkeit des Konsums und der Importe beträgt die Steigung der Nachfragefunktion c’ – m’, die Verschiebung nach oben entspricht der Summe aller autonomen Nachfragekomponenten. Aus der Formel zur Berechnung des Gleichgewichtseinkommens ist der nunmehr gültige Multiplikator abzulesen. Der in diesem Zusammenhang interessierende Einkommenseffekt der Exportnachfrage beträgt: 1ΔY = –––––––––– · ΔEx 1 – c’ + m’ Der hierin auftretende Quotient heißt „Exportmultiplikator“. Verglichen mit dem Investitionsmultiplikator in der geschlossenen Volkswirtschaft ohne Staat ist der Wert nun niedriger, da im Nenner der Koeffizient m’ hinzukommt. Ökonomisch findet dieser Sachverhalt seine Erklärung in der Tatsache, dass zusätzlich S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 100 101 II. Der Gütermarkt 101 Abb.2.36: Schematische Darstellung des Exportmultiplikators entstandenes Einkommen nicht nur auf den heimischen Märkten, sondern teilweise auch auf ausländischen Märkten zur Nachfrage verwendet wird. Eine schematische Darstellung macht dies deutlich: Bezieht man den Staat mit in die Betrachtungen ein, so erhält man unter der Annahme einer Kopfsteuer die gesamtwirtschaftliche Nachfrage als: N = c’(Y – T + Tr) + I + G + Ex – Im – m’Y woraus sich nach der bekannten Vorgehensweise das Gleichgewichtseinkommen 1Y* = –––––––––– (I + G + c’Tr-c’T + Ex – Im) 1 – c’ + m’ errechnet. Die Einbeziehung des Auslandes kommt auch in der Gegenüberstellung der gleichgewichtstheoretisch erforderlichen Kreislaufzu- und -abflüsse zum Ausdruck. Dabei stellen die Importe einen „Sickerverlust“ und die Exporte eine „Injektion“ dar. Die entsprechende Gleichung ist Tabelle 9 zu entnehmen; in ihr sind die Gleichgewichtsbedingungen der einfacheren Kreislauftypen ebenfalls noch einmal aufgeführt. Tab. 9: Kreislaufmodelle und Gleichgewichtsbedingungen Kreislaufmodell Gleichgewichtsbedingung 3-polig (H, U, VÄ) S = I 4-polig (H, U, VÄ, St) S + T = I + G + Tr 5-polig (H, U, VÄ, St, A) S + T + Im = I + G + Tr + Ex Bezüglich der Determinanten dieser Größen ist zu sagen, dass das Sparen, die Importe und gegebenenfalls auch die Steuern durch das Einkommen „erklärt“ werden können. Die übrigen in den Gleichgewichtsbedingungen auftauchenden Variablen galten bisher als autonom. Dies mag insbesondere für die staatliche Aktivität vertretbar sein. Hingegen erscheint die Annahme autonomer Investitionen wenig realistisch. Die Endogenisierung dieser Größe, also die Suche nach den Bestimmungsfaktoren der Investitionstätigkeit, ist Gegenstand des nächsten Punktes. S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 101 102 Zweiter Teil: Ex-ante-Analyse des Volkseinkommens g. Investitionsfunktion Die Unternehmer treffen ihre Investitionsentscheidungen unter Beachtung einer Vielzahl von Faktoren. In Betracht kommen beispielsweise: • steuerliche Überlegungen • Einsparung von Arbeitskräften • Beseitigung von Produktionsengpässen • Verbesserung der Qualität der Erzeugnisse • Beschaffungsmöglichkeiten von Fremdkapital • finanzielle Situation der Unternehmung • gesamtwirtschaftliche Lage. Gemeinsam ist all diesen plausiblen Bestimmungsgrößen ihr unmittelbarer oder zumindest mittelbarer Einfluss auf den Gewinn. Denn letztlich erweitern bzw. verbessern die privaten Unternehmer nur dann den Kapitalstock, wenn dies eine Rendite verspricht. Da Investitionen als eine in die Zukunft gerichtete Produktion interpretiert werden können, stellen die in der Gegenwart getätigten Investitionen die Weichen für den Gewinn zukünftiger Perioden. Die Zukunft ist jedoch nicht bekannt, daher sind Investitionen mit Risiko behaftet. In der Risikoeinschätzung unterscheidet sich Keynes grundlegend von den Klassikern, die von vollständiger Voraussicht der wirtschaftlichen Akteure ausgingen. Die Unternehmer hatten quasi die Garantie dafür, dass die mithilfe neuer Investitionen hergestellten Güter in der Zukunft ihre Abnehmer finden würden. Die für das Keynesianische Denken typische unvollständige Voraussicht schlägt sich auch in der Investitionsentscheidung nieder. Der erwartete künftige Gewinn ist die Differenz zwischen erwartetem Erlös und erwarteten Kosten. Beide Komponenten sind den Unternehmern jedoch unbekannt. Auf der Erlösseite müssen sowohl für die Absatzpreise als auch für die Verkaufsmengen Schätzungen vorgenommen werden, da weder die künftige Wettbewerbssituation noch die zukünftige Konjunktur usw. bekannt sind. Ebenso fehlen gesicherte Daten über die Kosten; die künftige Lohnentwicklung ist genauso ungewiss wie die Entwicklung der Rohstoffpreise und anderer Kostenarten. Um eine Investitionsentscheidung treffen zu können, muss der Unternehmer für all diese Größen bestimmte Werte annehmen. Der solchermaßen geschätzte zukünftige Einnahmenstrom ist also ein hypostasierter Betrag, der unter dem Aspekt der Unsicherheit zustandekommt. Unterstellt der Investor eine erwartete jährliche Nettoeinnahme (E), so kann er bei Kenntnis der Lebensdauer (n Jahre) der anzuschaffenden Maschine den Gegenwartswert der Investitionen berechnen. Als Gegenwarts- oder Barwert bezeichnet man die Summe der auf den Anschaffungszeitraum herabdiskontierten Nettoeinnahmen aus der Investition. Dabei dient als Abzinsungsfaktor der Marktzins (z). Die Berechnung des Gegenwartswertes (GE) geschieht unter Anwendung der bekannten Formel: E1 E2 E3 EnGE = –––––– + –––––– + –––––– + · · · · · · + –––––– (1 + z) (1 + z)2 (1 + z)3 (1 + z)n Da der Investor die Höhe der Anschaffungskosten (AK) der Investition kennt, kann er auch berechnen, mit welchem Zinssatz (q) sich der für den Erwerb des In- S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 102 103 II. Der Gütermarkt 103 Abb.2.37: Investitionsentscheidung des „Keynesschen“ Unternehmers vestitionsobjektes bereit gestellte Geldbetrag verzinst, wenn dieselbe jährliche Nettoeinnahme wie oben unterstellt wird: E1 E2 E3 EnAK = –––––– + –––––– + –––––– + · · · · · · + –––––– (1 + q) (1 + q)2 (1 + q)3 (1 + q)n Derjenige Zinssatz q, der die Summe der abdiskontierten Einnahmen den Anschaffungskosten gleich macht, ist nichts anderes wie der interne Zins, den Keynes als „Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals“ („marginal efficiency of capital“) bezeichnet. Die Investitionsentscheidung wird anhand eines Vergleiches zwischen Marktzins und Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals getroffen. Der Unternehmer steht vor der Alternative, sein Geld risikolos in Nominalwerten wie beispielsweise festverzinslichen Wertpapieren anzulegen, oder in Sachwerte zu gehen, d.h. zu investieren. Im ersten Fall verzinst sich die eingesetzte Anlagesumme mit dem Marktzins, im zweiten Fall mit der Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals. Eine Investition wird immer dann vorgenommen, wenn die Bedingung q > z erfüllt ist. Dies impliziert notwendigerweise, dass der Gegenwartswert der Investition über deren Anschaffungskosten liegen muss. Stimmen q und z exakt überein, so hängt die Entscheidung möglicherweise von der Risikofreudigkeit des Unternehmers ab. Falls q kleiner als z ausfällt, unterbleibt jedoch die Investition. Schematisch kann die Investitionsentscheidung folgendermaßen dargestellt werden: Überträgt man die mikroökonomisch fundierte Investitionsentscheidung auf die gesamtwirtschaftliche Ebene, so mündet dies in die makroökonomische Investitionsfunktion. Bei gegebener Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals, in der die subjektiven Erwartungen der Unternehmer ihren Ausdruck finden, wird umso mehr investiert, je niedriger der Marktzins, d.h. je größer die Spanne zwischen q und z ist. Umgekehrt sinkt die Nachfrage nach Investitionsgütern mit steigendem z. Folglich lautet die Investitionsfunktion bei gegebener Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals: I = I (z, q) S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 103 104 Zweiter Teil: Ex-ante-Analyse des Volkseinkommens Abb.2.38: Keynesianische Investitionsfunktion Sie weist folgenden Verlauf auf: Die Steigung der Kurve zeigt die „Investitionsneigung“ oder „Zinsreagibilität der Investitionen“ (z’) an und ist als dItg α = z’ = ––– < 0 dz definiert. Ein steiler Verlauf bedeutet eine hohe Investitionsneigung, hier lösen bereits geringe Zinsänderungen große Mengeneffekte aus. Analoges gilt für einen flachen Verlauf. Während die Investitionsneigung den Verlauf der Funktion bestimmt, hängt ihre Lage von der Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals ab. Sie sinkt beispielsweise bei einer Verschlechterung der Zukunftserwartungen der Unternehmer; dadurch verschiebt sich die Investitionsfunktion nach links. Nach Keynesianischer Auffassung muss permanent mit solchen Verschiebungen gerechnet werden, denn die Unternehmer revidieren immer wieder ihre Erwartungen und damit q. Die Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals ist somit eine höchst instabile Größe. Infolgedessen ist auch die Investitionsnachfrage als instabil anzusehen. Ein bestimmter Marktzins ist daher nicht immer in vorhersehbarer Weise mit einem bestimmten Investitionsvolumen verbunden. Damit wird aber die Investitionsnachfrage zu einer unkalkulierbaren Nachfragekomponente für die Wirtschaftspolitik. Ein Vergleich mit der klassischen Investitionsfunktion fördert zunächst eine wesentliche Gemeinsamkeit zutage, denn in beiden Theorien hängt die Investitionsnachfrage negativ vom Zins ab. Trotz dieser formalen Ähnlichkeit dürfen aber die verschiedenartigen Erklärungsinhalte nicht übersehen werden. Die Klassik fundiert die Investitionsfunktion produktionstheoretisch; für die Investitionsentscheidung wird das durch die Produktionstechnik festgelegte physische Grenzprodukt des Kapitals mit den realen Kapitalkosten verglichen. Demgegenüber erklärt S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 104 105 II. Der Gütermarkt 105 Keynes die Investitionstätigkeit psychologisch; in die Schlüsselgröße der Investitionsentscheidung, nämlich die Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals, fließen subjektive Zukunftserwartungen der Unternehmer ein. Empirische Untersuchungen zeigen ein differenziertes Bild. Für Ausrüstungsinvestitionen scheint der Zinssatz nur von untergeordneter Bedeutung zu sein. Lagerinvestitionen weisen eine größere Zinsabhängigkeit auf. Den stärksten Einfluss übt der Zins offenbar auf Bauinvestitionen aus. Dieser Tatbestand dürfte seine Erklärung vermutlich in der Fristigkeit finden. Da Bauinvestitionen einen langfristigen Charakter haben, schlagen Finanzierungskosten in stärkerem Maße auf die Investitionsentscheidung durch, als dies insbesondere bei Ausrüstungsinvestitionen der Fall sein dürfte. Neben dem Zinssatz stößt man in der Makrotheorie auch auf das Volkseinkommen als einer wichtigen Bestimmungsgröße der Investitionstätigkeit. Diese Hypothese klingt durchaus plausibel, besagt sie doch, dass die Investoren ihre Entscheidungen an der konjunkturellen Entwicklung orientieren. Insofern geht diese Hypothese über die bisherigen Betrachtungen expansiver und kontraktiver Prozesse hinaus, in denen unterstellt wurde, dass die Unternehmer ihre Produktion an die Nachfrage anpassen, ohne hierbei ihre Produktionskapazitäten zu verändern. Wenngleich dieser Typ der einkommensabhängigen Investitionsfunktion in den weiteren Betrachtungen nicht in Erscheinung tritt, soll er doch an dieser Stelle aus Gründen der Vollständigkeit kurz erläutert werden. Allgemein lautet die hierbei zugrundeliegende Investitionsfunktion: I = I(Y) Ebenso wie bei der Konsumfunktion kommen alternative Spezifikationen prinzipiell unter Berücksichtigung der Kriterien der Homogenität und Linearität in Frage. Die weiteren Überlegungen basieren auf einer linear inhomogenen Funktion: I = I + i’Y wobei i’ die „Einkommensreagibilität der Investitionen“ darstellt: dIi’ = ––– , mit 0 < i’ < 1 dY Der Koeffizient i’ bezieht sich also auf Einkommensänderungen und darf deshalb nicht mit dem oben erwähnten Koeffizienten z’ verwechselt werden, dessen Ansatzpunkt Zinsänderungen sind. In einer geschlossenen Volkswirtschaft ohne staatliche Aktivität geschieht die Berechnung des Gleichgewichtseinkommens mithilfe der bekannten Vorgehensweise: Y= C(Y) + I(Y) = c’Y + I + i’Y bzw. 1Y* = ––––––––– · I 1 – c’ – i’ Man bezeichnet diesen Multiplikator gelegentlich auch als den Supermultiplikator. Er weist im Vergleich mit dem Multiplikator autonomer Investitionen einen höheren Wert auf, da der Nenner nunmehr kleiner ausfällt. Die ökonomische Erklärung ist darin zu sehen, dass die während des Multiplikatorprozesses auftretenden Einkommensänderungen nicht nur die Konsumnachfrage, sondern nunmehr S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 105 106 Zweiter Teil: Ex-ante-Analyse des Volkseinkommens Abb.2.39: Anpassungsprozeß bei einkommensabhängigen Investitionen auch die Investitionsnachfrage beeinflussen. Da aber, wie gezeigt, jede Nachfrageänderung eine gleichgerichtete Produktionsänderung auslöst, wird die Einkommensänderung verstärkt. Eine schematische Darstellung verdeutlicht diesen Sachverhalt am Beispiel einer Nachfragesteigerung: Den „Verstärkereffekt“ einkommensabhängiger Investitionen betont auch ein anderer, in seinen Grundzügen bereits zu Beginn dieses Jahrhunderts entwickelter Ansatz, der in das sog. „Akzelerationsprinzip“ mündet. Ausgangspunkt ist der produktionstechnische Zusammenhang zwischen Kapitaleinsatz und Ausbringungsmenge, der im durchschnittlichen Kapitalkoeffizienten seinen Ausdruck findet. Als marginalen Kapitalkoeffizienten oder Akzelerator (β) definiert man: ΔKβ = –––, mit β > 1 ΔY wobei für β ein konstanter Wert unterstellt wird. Da die Veränderung des Sachkapitalbestandes identisch mit den Investitionen ist, kann der Akzelerator auch als Iβ = ––– ΔY geschrieben werden. In diesem Fall ist β eine technische Größe, die angibt, wie viel zusätzliche Einheiten an Sachkapital benötigt werden, um eine zusätzliche Gütermenge herzustellen. Daneben kann β aber auch als Verhaltensparameter der Investoren interpretiert werden: Iβ = –––– ΔN Hier besagt b, um wieviele Kapitaleinheiten die Unternehmer ihren Kapitalbestand zu verändern wünschen, wenn sich die Nachfrage um eine Einheit verändert. Aus der Definition des Akzelerators erhält man unmittelbar die relevante Investitionsfunktion: I = β · ΔN Häufig reduziert die Akzeleratoranalyse die Betrachtungen auf die Konsumnachfrage. In diesem Fall lautet die Investitionsfunktion: I = β · ΔC Schwankungen der Nachfrage sind ein typisches Phänomen einer Volkswirtschaft, sie prägen das Bild der Konjunktur. Betrachtet man den Konsum im Zeitablauf, so tritt an die Stelle der ersten Differenz die erste Ableitung nach der Zeit. Die Investitionsfunktion lautet dann S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 106 107 II. Der Gütermarkt 107 Abb.2.40: Das Akzeleratorprinzip dCI = β · ––– dt In Abbildung 2.40 sind die Schwankungen der Konsumnachfrage sowie die hieraus „induzierten“ Investitionen stilisiert dargestellt: Aufgrund des sinusförmigen Verlaufs der Konsumnachfrage nehmen in der Phase 1 die Wachstumsraten des Konsums zu. Hierauf reagieren die Unternehmer mit einer Ausweitung ihrer Kapazitäten, d.h. zusätzliche Investitionen werden getätigt. In der zweiten Phase steigt die Konsumnachfrage weiter an, allerdings nur noch unterproportional, d.h. die Wachstumsraten von C werden geringer, sind aber noch positiv. Folglich tätigen die Unternehmer weitere Investitionen, die jedoch immer niedriger ausfallen. Nach Überschreiten des konjunkturellen Hochpunktes geht der Konsum absolut zurück. Dabei fällt dessen prozentualer Rückgang zunächst stärker (Phase 3) und dann schwächer (Phase 4) aus, bis schließlich eine neue Aufschwungsphase einsetzt. Die Unternehmer begegnen dieser Entwicklung mit einem entsprechenden Abbau der Kapazitäten. Daraus gehen die allgemeinen Schlussfolgerungen aus dem Akzelerationsprinzip hervor. Die Investitionstätigkeit wird nicht von der absoluten Höhe der Nachfrage, sondern von Nachfrageänderungen bestimmt. Bereits ein relativer Rückgang der Nachfrage, d. h. eine Verlangsamung des Wachstums, führt zu einem absoluten S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 107 108 Zweiter Teil: Ex-ante-Analyse des Volkseinkommens Abb.2.41: Güterwirtschaftliche Gleichgewichtspositionen Rückgang der Investitionen. Der Koeffizient β wirkt dabei wie ein Verstärker bzw. Beschleuniger, da sein Wert größer als Eins ist. Schon geringe prozentuale Veränderungen der Nachfrage bewirken vergleichsweise große Veränderungen der Investitionen, so dass der Investitionszyklus stärkere Amplituden als der Konjunkturzyklus aufweist. Des weiteren macht Abbildung 2.40 deutlich, dass die „Investitionskonjunktur“ der konjunkturellen Entwicklung der Konsumgüternachfrage zeitlich vorausläuft. Es liegt nun nahe, das Akzelerationsprinzip mit dem Multiplikatorprinzip zu kombinieren. Derartige Ansätze bilden den Gegenstand von teilweise recht komplizierten Modellen (z.B. von Samuelson oder Hicks), die auf die Erklärung des Konjunkturphänomens abzielen. Auf deren Darstellung soll jedoch hier verzichtet werden. h. Gleichgewicht bei zinsabhängigen Investitionen Die Endogenisierung der Investitionen bleibt nicht ohne Folgen für die Gleichgewichtsbedingung auf dem Gütermarkt. Bekanntlich liegt ein Gleichgewicht dann vor, wenn geplantes Angebot und geplante Nachfrage übereinstimmen. Vernachlässigt man den Staat und das Ausland, so lautet die Gleichgewichtsbedingung unter der Annahme zinsabhängiger Investitionen: Y = C(Y) + I(z) bzw. S(Y) = I(z) War bei Vorliegen autonomer Investitionen „nur“ ein bestimmtes Einkommen erforderlich, welches ein Gleichgewicht herbeiführte, so bedarf es nunmehr zusätzlich eines ganz bestimmten Zinssatzes. Einige einfache Zahlenbeispiele sollen diesen Sachverhalt verdeutlichen. Dazu werden in Abbildung 2.41 eine linear-homogene Sparfunktion (mit s’ = 0,2) sowie eine zinsabhängige Investitionsfunktion eingezeichnet und die Achsen mit willkürlich gewählten Zahlenwerten skaliert. Aus den Funktionsverläufen und der Skalierung resultieren beispielhaft drei Fälle, die alle ein Gleichgewicht auf dem Gütermarkt bedeuten: S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 108 109 II. Der Gütermarkt 109 Abb. 2.42: IS-Kurve Tab. 10: „Gleichgewichtige“ Einkommens-Zins-Kombinationen auf dem Gütermarkt Fall Y S I z (1) (2) (3) (4) (5) 1 100 20 20 7 % 2 200 40 40 3 % 3 300 60 60 2 % Im ersten Fall beläuft sich das Volkseinkommen auf 100, von dem die Haushalte gemäß ihrer Spargewohnheiten 20 sparen. In dieser Situation kann ein güterwirtschaftliches Gleichgewicht erreicht werden, wenn an die Stelle des Nachfrageausfalls der Haushalte eine gleich hohe Nachfrage der Unternehmer tritt. Die Unternehmer orientieren ihre Investitionspläne aber am Zins. Deshalb kommen die gleichgewichtstheoretisch erforderlichen Investitionen von 20 nur zustande, wenn der Zins bei 7 % liegt. Eine Gleichgewichtsposition auf dem Gütermarkt ist somit gegeben, wenn das Einkommen 100 und der Zins 7 % betragen. Umgekehrt ist es ebenso gut möglich, von einem bestimmten Zins auszugehen. Beläuft er sich auf beispielsweise 3 % (Fall 2), so steht damit die geplante Investition von 40 fest. Soll in dieser Situation ein Gleichgewicht herrschen, dann muss das Sparen ebenfalls 40 betragen. Die Haushalte, die ihr Sparen am Einkommen ausrichten, entschließen sich zu diesem Konsumverzicht jedoch nur bei einem Einkommen von 200. Somit führt auch die Kombination von Y = 200 und z = 3 % zu einem Gleichgewicht. Entsprechendes gilt für den Fall 3. Trägt man die ermittelten drei Fälle der gleichgewichtigen Einkommens-Zins- Kombinationen in ein Diagramm ein, so ergibt sich folgendes Bild: Das Vorgehen könnte für beliebig viele Zahlenbeispiele durchgeführt werden. Die Verbindungslinie sämtlicher gleichgewichtiger Einkommens-Zins-Zuordnungen könnte man als „I = S-Kurve“ bezeichnen. Sie heißt üblicherweise einfach IS-Kurve (oder SI-Kurve). Diese Kurve ist der geometrische Ort aller Y-z-Kombinationen, die ein Gleichgewicht auf dem Gütermarkt (S = I) garantieren. S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 109 110 Zweiter Teil: Ex-ante-Analyse des Volkseinkommens Abb.2.43: Bedeutung von Einkommen und Zins für das güterwirtschaftliche Gleichgewicht Die Notwendigkeit „passender“ Einkommens- und Zinswerte geht auch aus einer schematischen Überlegung hervor: Das güterwirtschaftliche Gleichgewicht erfordert die Übereinstimmung von S und I. Da das Sparen vom Einkommen und das Investieren vom Zins abhängen, müssen für gleich hohe S- und I-Werte auch ganz bestimmte Y- und z-Werte „im Hintergrund“ vorliegen. Die Zuordnung von Einkommen und Zins ist dabei invers, d.h. gegenläufig. Beispielsweise determiniert ein hohes Einkommen aufgrund der Sparfunktion ein hohes Sparen. Im Gleichgewicht muss das Investieren gleich und damit notwendigerweise ebenfalls hoch sein; gemäß der Investitionsfunktion ist dies aber nur bei einem niedrigen Zins der Fall: ! Y hoch ⇒ S hoch ⇒ I hoch ⇒ z niedrig Ebenso gut kann man auch vom Zins ausgehen. Liegt im „Startpunkt“ ein hoher Zins vor, so bedingt dieser gleichgewichtstheoretisch ein niedriges Einkommen: ! z hoch ⇒ I niedrig ⇒ S niedrig ⇒ Y niedrig Aus diesen Überlegungen wird deutlich, dass die IS-Kurve keine Funktion ist. Einkommen und Zins sind gleichrangige Variablen, die sich gegenseitig bedingen. Natürlich besteht die Möglichkeit, die IS-Kurve auch auf allgemeine Weise herzuleiten (Abb.2.44). In der 4-Quadranten-Darstellung sind im ersten Quadranten die Sparfunktion und im 2. Quadranten die Investitionsfunktion eingezeichnet. Die horizontalen Hilfslinien sorgen für die Übereinstimmung von S und I. Der 3. Quadrant enthält eine Spiegelachse, mit deren Hilfe die auf der Abszisse von Quadrant 2 stehenden Zinssätze auf die Ordinate des Quadranten 4 übertragen werden. In den 4. Quadranten werden auch die Y-Werte aus Quadrant 1 senkrecht nach unten projiziert. Die Verbindung der in diesem 4. Quadranten konstruierten Punkte ergibt die IS-Kurve. Auch diese Herleitung macht deutlich, dass die Spar- und Investitionsfunktion die Bausteine der IS-Kurve bilden. Damit hängen die analytische Eigenschaften der IS- Kurve (d.h. Steigung und Lage) vom Verhalten der dahinter stehenden Wirtschaftsakteure, also der Haushalte und der Unternehmen, ab. Abbildung 2.45 zeigt die Steigung der IS-Kurve an einem beliebigen Punkt P. S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 110 111 II. Der Gütermarkt 111 Abb. 2.45: Steigung der IS-Kurve Abb.2.44: Graphische Herleitung der IS-Kurve Wie aus dieser Darstellung hervorgeht, beträgt die Steigung der IS-Kurve allgemein: dztg α = ––– < 0 dY Dieses Winkelmaß kann unter Berücksichtigung der Steigung der beiden relevanten Funktionen (Spar- und Investitionsfunktion) auch in anderer Form geschrieben werden. Die Investitionsfunktion hat die Steigung: dIz’ = ––– < 0 auf, woraus folgt dz S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 111 112 Zweiter Teil: Ex-ante-Analyse des Volkseinkommens dIdz = ––– < 0 z’ Die Steigung der Sparfunktion wurde definiert als dSs’ = ––––– > 0, so dass dY dSdY = ––– s’ Daher kann die Steigung der IS-Kurve geschrieben werden als: dI––– dz z’ dI · s’tg α = ––– = ––– = –––––– < 0 dY dS z’ · dS––– s’ Auf der IS-Kurve muss zur Aufrechterhaltung des Gleichgewichts dI = dS sein; somit ist: dz s’tg α = ––– = –– < 0 dY z’ Ein steiler Verlauf der IS-Kurve kommt zustande, wenn die marginale Sparneigung hoch bzw. die Zinsreagibilität der Investitionen niedrig ist. Um hier von einem Gleichgewichtspunkt zu einem anderen zu gelangen, bedarf es geringer Einkommensänderungen und großer Zinsänderungen. Denkbar wäre sogar der Extremfall einer senkrecht verlaufenden IS-Kurve, sofern die Investitionsnachfrage völlig zinsunelastisch wäre, d.h. in Abbildung 2.44 die Investitionsfunktion waagerecht verliefe. Diesen Spezialfall nennt man „Investitionsfalle“. Entsprechende Überlegungen gelten für einen flachen Verlauf der IS-Kurve. Die Einbeziehung des Staates bzw. des Auslandes zeigt insofern Auswirkungen auf die Neigung der IS-Kurve, als einkommenabhängige Steuern ebenso wie die marginale Importneigung eine entsprechend geänderte Steigung der Sparfunktion nach sich ziehen. Zur Verschiebung der IS-Kurve kommt es durch Verlagerungen der Spar- bzw. Investitionsfunktion. So zieht z. B. eine Zunahme des autonomen Konsums oder ein Anstieg der marginalen Konsumneigung ebenso eine Rechtsverschiebung nach sich wie eine höhere Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals. Daneben sind auch staatliche sowie internationale Einflüsse für die Lage der IS-Kurve verantwortlich. Der Staat kann eine Verschiebung nach rechts dann auslösen, wenn er die autonomen Staatsausgaben bzw. Transferzahlungen erhöht oder die Kopfsteuer bzw. den Steuersatz senkt. Derselbe Effekt kommt bei einer Zunahme der Auslandsnachfrage oder Abnahme autonomer Importe bzw. einer geringeren marginalen Importneigung zustande. Schließlich entscheidet auch das – bisher als konstant angenommene – Preisniveau über die Lage der IS-Kurve. Eine Preisniveausenkung erhöht den realen Wert des Finanzvermögens, wodurch der Konsum steigt. Dadurch fühlen sich die Wirtschaftssubjekte reicher und verringern ihre Spartätigkeit aus dem laufenden Einkommen, d. h. die Konsumausgaben steigen. Dieser Effekt, auf den an späterer Stelle noch ausführlicher eingegangen wird, verschiebt die IS-Kurve ebenfalls nach rechts. Entsprechend hat eine Erhöhung des Preisniveaus eine Linksverschiebung der IS-Kurve zur Folge. Existiert eine Einkommens-Zins-Kombination außerhalb der IS-Kurve, so besteht auf dem Gütermarkt ein Ungleichgewicht. Unter Verwendung des obigen Zahlen- S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 112 113 II. Der Gütermarkt 113 Abb.2.46: Kontraktionslücke auf dem Gütermarkt beispiels wäre dies etwa bei einem Einkommen von 200 und einem Zins von 7 % der Fall: Im Punkt A „passen“ das Einkommen und der Zins nicht zusammen, es herrscht ein Ungleichgewicht auf dem Gütermarkt. Die Situation in Punkt A ist gekennzeichnet durch ein Sparen von 40 und ein Investieren von 20. Allgemein bedeutet eine Position oberhalb der IS-Kurve ein Ungleichgewicht vom Typ: S > I Es liegt also eine Kontraktionslücke vor. Zur Wiederherstellung des Gleichgewichts sind, bezogen auf das Zahlenbeispiel, drei verschiedene Möglichkeiten denkbar (siehe Abb.2.46): (1) Das Sparen muss von 40 auf 20 zurückgehen; hierzu ist bei unverändertem Zins eine Senkung des Einkommens von 200 auf 100 erforderlich, d.h. es findet ein Kontraktionsprozess statt; (2) Das Investieren muss von 20 auf 40 ansteigen; dies bedarf bei gleich bleibendem Einkommen eines Rückgangs des Zinssatzes von 7 % auf 3 %; (3) S muss so absinken und I so ansteigen, dass ein neues Gleichgewicht durch einen kombinierten Einkommens- und Zinsrückgang zustandekommt. Zur Herstellung eines Gleichgewichts wäre prinzipiell auch eine Verschiebung der IS-Kurve nach rechts denkbar. Die „neue“ IS-Kurve müsste dann durch den Punkt A gehen. Die umgekehrten Überlegungen gelten für Einkommens-Zins-Kombinationen, die unterhalb der IS-Kurve liegen. In diesen Fällen handelt es sich um eine expansive Lücke; hierbei ist stets I > S. Zur Herbeiführung eines Gleichgewichtes bedürfte es entsprechender Einkommens- bzw. Zinserhöhungen. Ungeachtet des Ungleichgewichtstyps werden bei einem Abweichen des Sparens vom Investieren endogene Kräfte im System wirksam, die wieder zu einem Gleichgewicht führen. Ob dies über Einkommensänderungen und/oder Zinsänderungen geschieht, ist theoretisch offen. Nach Keynesianischer Auffassung ist jedoch eher mit einer Anpassung des Einkommens als mit Zinsreaktionen zu rechnen. Da S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 113 114 Zweiter Teil: Ex-ante-Analyse des Volkseinkommens Abb. 2.47: Zusammenfassende Übersicht des Gütermarktes (ohne Staat und Ausland) Keynes für hochentwickelte Volkswirtschaften ein Ungleichgewicht vom Typ S > I als wahrscheinlich ansieht, ist ständig mit der Gefahr von Abschwungsprozessen bzw. Wirtschaftskrisen zu rechnen. Die dabei eintretenden negativen Folgen, vor allem für Produktion und Beschäftigung, wurden bereits an früherer Stelle erörtert. Damit sind die in der makroökonomischen Theorie anzutreffenden Grundpositionen bezüglich des Gütermarktes aufgezeigt. Wie in der zusammenfassenden Übersicht in Abbildung 2.47 dargestellt, liefert die Ex-post-Analyse die Definitionsgleichungen, die von den rivalisierenden Paradigmen „erklärt“ werden. Im Vordergrund stand dabei die Erörterung des 3-poligen Kreislaufs, in dem der Staat und das Ausland vernachläßigt sind. Nach klassischer Auffassung hängen Sparen und Investieren als konstituierende Größen des güterwirtschaftlichen Gleichgewichts vom Zinssatz ab. Seine Flexibilität garantiert in Verbindung mit dem Sayschen Theorem stets die Übereinstimmung von Sparen und Investieren. Mit dem güterwirtschaftlichen Gleichgewicht geht der Zustand der Vollbeschäftigung einher. Dagegen hängt nach Keynesianischer Meinung das Sparen vom Einkommen ab. Unter der Voraussetzung autonomer Investitionen ist die Erreichung des Gleichgewichts nur bei einem bestimmten Einkommen möglich. Ob dieses Gleichgewichtseinkommen jedoch erreicht wird, ist äußerst fraglich. Bei zinsabhängigen Investitionen erfordert das güterwirtschaftliche Gleichgewicht neben einem bestimmten Einkommen zusätzlich einen bestimmten Zins. Sollte dieser Zustand tatsächlich eintreten, so ist damit aber noch nichts über die Beschäftigungssituation gesagt, da das güterwirtschaftliche Gleichgewicht prinzipiell mit jedem Niveau des Einkommens und damit der Beschäftigung vereinbar ist. S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 114

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References

Zusammenfassung

Der Klassiker zur Einführung in die Makroökonomik.

Makroökonomik

Im Mittelpunkt stehen Darstellung und Vergleich des Güter-, Geld- und Arbeitsmarktes sowie des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts bei „Klassikern“ und „Keynesianern“. Die Schwerpunkte:

– Einordnung und Gegenstand der Makroökonomik

– Methoden der Analyse des Wirtschaftsprozesses

– Der Wirtschaftskreislauf

– Ergebnis des Wirtschaftskreislaufs

– Globalgrößen des Arbeitsmarktes

– Der Gütermarkt

– Der Geldmarkt

– Der Arbeitsmarkt

– Gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht

– Klassischer Ansatz und angebotsorientierte Wirtschaftspolitik

– Keynesianischer Ansatz und nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik

Die Neuauflage

ist insgesamt überarbeitet und aktualisiert. Geblieben ist jedoch ein besonderes Anliegen dieses Buches: die Präsentation der makroökonomischen Standardmodelle in einer möglichst verständlichen Form. Dies findet seinen Ausdruck unter anderem in einer Vielzahl von Abbildungen und Zahlenbeispielen.

Der Autor

Prof. Dr. Gerhard Mussel unterrichtet Volkswirtschaftslehre an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart.

Zielgruppe

Das Buch wendet sich an Studierende der Wirtschaftswissenschaften an Universitäten, Fachhochschulen und Akademien.

"Zum Erfolgsrezept des Autors gehört auch, die mathematischen Ausführungen auf das erforderliche Mindestmaß zu beschränken. Der Leser wird also nicht mit Formeln und Funktionen überschwemmt, die für das Verständnis gesamtwirtschaftlicher Zusammenhänge oft eher hinderlich sind."

in: Studium, Wintersemester 07/08, zur 9. Auflage 2007