I. Vorbemerkungen in:

Gerhard Mussel

Einführung in die Makroökonomik, page 48 - 56

11. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4616-6, ISBN online: 978-3-8006-4617-3, https://doi.org/10.15358/9783800646173_48

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Zweiter Teil: Ex-ante-Analyse des Volkseinkommens und der Beschäftigung S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 41 43 43 I. Vorbemerkungen 1. Modelle Bislang beschränkten sich die Ausführungen auf die Systematisierung und Erfassung gesamtwirtschaftlicher Grössen. Die Ursachen für das Zustandekommen dieser Aggregate blieben unbeachtet. An diesem Punkt setzt nun die makroökonomische Theorie an. Ihre Aufgabe besteht, wie schon erwähnt, in der Erklärung dieser Variablen, d.h. in der Aufdeckung von Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen. Dies geschieht mithilfe von Modellen, die ein Abbild der Realität darstellen. Angesichts der komplexen Realität erscheint es allerdings unumgänglich, von Teilen der Wirklichkeit zu abstrahieren und nur solche Aspekte herauszugreifen, die bezüglich des Untersuchungszwecks und Ergebnisses als wichtig erachtet werden. Wie schon beim Wirtschaftskreislauf, so stehen auch in der Ex-ante-Analyse verschiedene Sprachsysteme für die Modellbildung zur Verfügung. Am leichtesten verständlich dürfte wohl die verbale Sprache sein, die jedoch sehr umständlich wirken kann, wenn es um die Darstellung vielschichtiger Zusammenhänge geht. Verbreitet ist auch die graphische Sprache, die wegen ihrer Anschaulichkeit recht instruktiv wirkt, jedoch bei der Abbildung mehrdimensionaler Beziehungen versagt. Diesen Nachteil kennt die mathematische Sprache nicht. Sie bringt die Verknüpfung auch vieler Variablen in kurzer und klarer Form zum Ausdruck. Voraussetzung für die Verwendung dieser Sprache sind allerdings entsprechende „Sprachkenntnisse“. Verbleibt man in der mathematischen Sprache, so drückt man die für ein Modell benötigten Bausteine in Gleichungsform aus. Hierfür kommen prinzipiell fünf verschiedene Typen von Gleichungen in Betracht: • Verhaltensgleichungen, • technische Gleichungen, • institutionelle Gleichungen, • Definitionsgleichungen (Identitätsgleichungen), • Gleichgewichtsbedingungen. Von zentraler Bedeutung sind zunächst Verhaltensgleichungen. In ihnen erfolgt die Bildung von Hypothesen bezüglich des ökonomischen Verhaltens von Wirtschaftssubjekten mithilfe von Funktionen. Sieht man beispielsweise das Investitionsverhalten als vom Zins (z) abhängig an, so lautet die Investitionsfunktion: I = I(z) Der Zins als unabhängige Größe ist in dieser Funktion formal die einzige Determinante der Investitionen. Andere mögliche Bestimmungsfaktoren wie beispielsweise Abschreibungs- oder Steuersätze finden in dieser Funktion keinen expliziten Eingang. Sie werden – ohne deshalb deren prinzipielle Bedeutung in Abrede zu stellen – entsprechend der Ceteris-paribus-Klausel als konstant angenommen. Die S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 43 makroökonomische Theorie versucht nun, solche Determinanten zu ermitteln, die dem Durchschnittsverhalten der Wirtschaftssubjekte am nächsten kommen. Zumeist arbeitet man hierbei mit monokausalen Beziehungen, was zwar eine starke Vereinfachung gegenüber der Realität bedeutet, jedoch den Vorzug der analytisch einfachen Handhabung in sich birgt. Als weitere Gleichungsart gelten technische Gleichungen. Hierbei geht es um die Darstellung technologischer Gegebenheiten und Vorgänge in Gleichungsform. Ein bekanntes Beispiel ist die Produktionsfunktion Y = Y (B,K) die besagt, dass die Ausbringungsmenge funktional vom Einsatz der Arbeit (B) und des Sachkapitals (K) abhängt. Hinter den institutionellen Gleichungen steht das Verhalten von Institutionen wie dem Staat oder der Zentralbank. Diese Entscheidungsträger legen bestimmte ökonomische Größen aufgrund ihrer Autorität bzw. gesetzlicher Kompetenzen fest. So bringt etwa die Geldangebotsfunktion M = M zum Ausdruck, dass die Zentralbank die im Umlauf befindliche Geldmenge (M) autonom festsetzt. Ebenso lassen sich für Staatsausgaben und Staatseinnahmen derartige Gleichungen aufstellen. Ein weiterer Gleichungstyp läuft auf die bereits aus der Ex-post-Analyse bekannten Definitionsgleichungen hinaus. Nach Maßgabe des Untersuchungszwecks haben sie allgemein begriffliche Festlegungen zum Inhalt, indem bestimmte Größen miteinander in Beziehung gebracht werden. Deshalb können Definitionsgleichungen niemals falsch, sondern nur unzweckmäßig sein. Zum Beispiel stellt die aus dem dreipoligen Kreislauf hergeleitete Gleichung Y = C + S eine immer erfüllte Bedingung dar, weil das Einkommen definitionsgemäß entweder zu Konsumzwecken verwendet oder gespart werden kann. Eine andere Verwendungsmöglichkeit des Einkommens existiert nicht. Daher spricht man bei derartigen Gleichungen häufig auch von Identitätsgleichungen. Sie spielen in der makroökonomischen Theorie eine entscheidende Rolle, denn sie liefern die Basis für die Formulierung von Verhaltensgleichungen, in denen die definierten Variablen dann „erklärt“, d.h. auf ihre Bestimmungsgründe zurückgeführt werden. Kennzeichnend für makroökonomische Modelle sind schließlich auch Gleichungen, in denen Gleichgewichtsbedingungen formuliert werden. Der Gleichgewichtsbegriff spielt in der ökonomischen Theorie eine zentrale Rolle. Unter Gleichgewicht versteht man prinzipiell einen Zustand, in dem die Wirtschaftssubjekte keine Veranlassung sehen, ihre Verhaltensweise zu ändern. Planrevisionen sind nicht erforderlich, geplante und realisierte Größen entsprechen sich, so dass keine ungeplanten Größen auftreten. Dies ist allgemein dann der Fall, wenn das geplante Angebot und die geplante Nachfrage übereinstimmen. Beispielsweise herrscht auf dem Gütermarkt ein Gleichgewicht, wenn geplantes Güterangebot und geplante Güternachfrage gleich hoch sind: Ag = Ng 44 Zweiter Teil: Ex-ante-Analyse des Volkseinkommens S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 44 45 I. Vorbemerkungen 45 Grundsätzlich können sich auf sämtlichen Märkten als den ökonomischen Orten des Tausches in einer Volkswirtschaft Gleichgewichtszustände bilden. Die Makroökonomik analysiert neben dem Gütermarkt insbesondere den Geldmarkt und den Arbeitsmarkt. Oft bezeichnet man ein Modell auch als Theorie. Diese besteht aus einem System von Hypothesen. Eine wesentliche Anforderung an Hypothesen bzw. eine Theorie stellt dabei deren empirische Überprüfbarkeit dar. Die Variablen und Gleichungen sollten eine Formulierung aufweisen, die eine Festellung darüber erlaubt, ob der unterstellte Kausalzusammenhang in der Realität auch zutrifft. Hält eine Hypothese bzw. eine Theorie einer empirischen Überprüfung stand, so gilt sie allerdings noch nicht als generell „richtig“. Dagegen muss eine Hypothese als falsch abgelehnt werden, wenn sie sich in einem Test nicht bestätigen sollte (sog. „Asymmetrie der Falsifizierbarkeit“). Ein konstituierendes Merkmal eines jeden Modells ist der Zeitaspekt. In dieser Hinsicht unterscheidet man zwischen zwei Modelltypen. Beziehen sich sämtliche im Modell auftretenden Größen auf einen bestimmten Zeitpunkt, so liegt ein statisches Modell vor. Betrachtet man dagegen die Variablen im Zeitablauf, d.h. analysiert man Prozesse, so ist das Modell dynamisch. Eine Zwischenstellung nehmen komparativ-statische Modelle ein; in ihnen werden Zustände zu verschiedenen Zeitpunkten miteinander verglichen. Diese für die zeitliche Betrachtungsweise geltende Klassifikation darf nicht mit dem Begriffspaar „stationär-evolutorisch“ verwechselt werden, welches sich auf eine nicht wachsende bzw. wachsende Wirtschaft bezieht. Unter dem Aspekt der Beeinflussbarkeit kann man die in Modellen auftauchenden Variablen in exogene und endogene Größen einteilen. Exogen bedeutet „von außen vorgegeben“, d.h. diese Größen werden außerhalb des Modells festgesetzt. Sie sind ein Datum und bedürfen keiner weiteren Erklärung. Ein Beispiel für eine exogene Größe ist der Steuersatz, den der Gesetzgeber festlegt. Gebräuchlich ist für derartige Variablen auch die Bezeichnung „autonom“. Demgegenüber handelt es sich bei endogenen Größen um im Modell bestimmte Variablen, die in den Modellgleichungen als Abhängige erscheinen. Eine weitere Unterscheidung im Rahmen der Modellanalyse betrifft schließlich die Betrachtungsebene. Sofern in ein Modell sämtliche makroökonomischen Fragestellungen eingehen, spricht man von einem Totalmodell. Erstreckt sich die Betrachtung hingegen lediglich auf bestimmte Aggregate oder einzelne Märkte, so liegt ein Partialmodell vor. 2. Die makroökonomischen Paradigmen Angesichts der Komplexität des Wirtschaftsprozesses kann es nicht verwundern, dass im Laufe der Zeit verschiedene Theorien über das Wirtschaftsleben entwickelt wurden. Zum einen wird darin den spezifischen, einer Zeitepoche entspringenden Problemen Rechnung getragen, wobei diese einem steten Wandel unterliegen. Man bezeichnet diesen Tatbestand als den „Raum-Zeit-Bezug“ einer Theorie. Zum anderen unterscheiden sich diese Theorien im Hinblick auf die zugrundeliegenden Prämissen sowie die unterstellten Kausalzusammenhänge. Gerade der letzte S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 45 Aspekt tritt beim Vergleich makroökonomischer Modelle in Form unterschiedlich formulierter Verhaltenshypothesen deutlich zutage. Im Wesentlichen unterscheidet die Volkswirtschaftslehre zur Erklärung makro- ökonomischer Zusammenhänge zwei Modellansätze, nämlich die klassische und die Keynesianische Theorie. Dahinter verbergen sich zwei grundlegend verschiedene Vorstellungen über gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge und deren Ergebnisse. Derartige Denkrichtungen heißen Paradigmen; sie beinhalten ganz bestimmte „Weltanschauungen“. Zum besseren Verständnis des klassischen und des Keynesianischen Ansatzes, die im Mittelpunkt der folgenden Ausführungen stehen, erscheint es zweckmäßig, bereits vorab die zentralen Positionen und Ergebnisse dieser beiden Theorien kurz zu skizzieren. Sowohl in diesem ersten Überblick als auch in den nachfolgenden detaillierten Darstellungen werden dabei die theoretischen Standpunkte zum Teil bewusst überpointiert und rivalisierend vorgestellt, um die unterschiedlichen Sichtweisen deutlicher hervorzuheben. a. Das klassische Paradigma Dogmengeschichtlich verbindet man mit dem Begriff der Klassik die etwa von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts anzutreffende Sicht wirtschaftlicher Vorgänge. Eine stattliche Zahl glanzvoller Arbeiten kennzeichnet den wirtschaftswissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt dieser Epoche. Als Hauptvertreter gelten vor allem Adam Smith (1723–1790), David Ricardo (1772–1823) und Jean Baptiste Say (1767–1832). Die klassische Theorie ist allerdings in der Form, wie sie im Folgenden dargestellt wird, nicht unmittelbar einem oder einigen wenigen Autoren zurechenbar. Vielmehr soll der Grundtenor der damaligen mehrheitlichen Auffassung zahlreicher Autoren, die teilweise nur bestimmte Problembereiche behandelten, vermittelt werden. Insofern tragen die nachfolgenden Ausführungen einen synoptischen Charakter. Die Arbeiten der Klassiker sind vor dem Hintergrund der sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse der industriellen Revolution sowie der geistig-philosophischen Ideen der Aufklärung zu sehen und zu verstehen. Entsprechend fielen die Fragestellungen und die Sichtweise bezüglich des Wirtschaftsprozesses aus. Das Interesse galt in erster Linie der Angebotsseite einer Volkswirtschaft. Im Vordergrund standen Untersuchungen über die Mehrung des Wohlstandes durch Produktionssteigerung sowie Verteilungsfragen. Die Weiterentwicklung der klassischen Lehre verengte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Mikrotheorie. Diesen Zeitabschnitt bezeichnet man als die Neoklassik. Hinsichtlich makroökonomischer Analysen ist sie untrennbar mit dem Namen von Knut Wicksell (1851–1926) verknüpft. Sowohl „rein“ klassische als auch neoklassische Gedanken werden im Folgenden unter dem Etikett „Klassik“ behandelt. Grundlegend für die klassische Sichtweise wirtschaftlicher Zusammenhänge ist der Glaube an die inhärente (innewohnende) Stabilität des privaten Sektors. Danach sind die Privathaushalte und die privaten Unternehmen in einem privatwirtschaftlich-kapitalistisch organisierten Wirtschaftssystem prinzipiell in der Lage, mit ihren wirtschaftlichen Problemen selber fertig zu werden. Aus heutiger Sicht könnte man sagen, dass eine Volkswirtschaft auf längere Sicht von sich heraus das in §1 Stabi- 46 Zweiter Teil: Ex-ante-Analyse des Volkseinkommens S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 46 47 I. Vorbemerkungen 47 litäts- und Wachstumsgesetz geforderte „gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht“, also das magische Viereck, erreicht. So tritt beispielsweise Arbeitslosigkeit allenfalls kurzfristig auf, langfristig herrscht in der Volkswirtschaft Vollbeschäftigung. Diese Optimalzustände erscheinen nach klassischer Auffassung möglich, weil sich zum einen die Wirtschaftssubjekte utilitaristisch verhalten, indem sie ihr individuelles Wohl zu maximieren versuchen, was letztlich auch zu einem maximalen Gesamtwohl führt. Zum anderen sollte den Dingen gemäß des dem Liberalismus entstammenden „Laissez-faire-Prinzips“ freier Lauf gelassen werden. Es existieren Selbstheilungskräfte, eine unsichtbare Hand („invisible hand“) sorgt für befriedigende Gleichgewichtszustände. Ökonomisch steht dahinter ein voll funktionsfähiger Preismechanismus und damit ein funktionierender Wettbewerb auf allen Märkten. Daraus folgen unmittelbar die wirtschaftspolitischen Konsequenzen. Der Staat hat mit der Schaffung entsprechender Rahmenbedingungen wie freiem Marktzutritt oder Sicherung des Privateigentums ordungspolitische Aufgaben wahrzunehmen. Insbesondere ist der Preismechanismus durch eine funktionstüchtige Wettbewerbspolitik zu flankieren. Ansonsten sollte der Staat dem Wirtschaftsgeschehen fernbleiben („Nachtwächterstaat“). Die Finanzierung der öffentlichen Aufgaben hat unter Beachtung des jährlichen Budgetausgleichs zu erfolgen. Spätestens mit Ausbruch der Weltwirtschaftskrise im Jahre 1929 wurde der Glaube an die klassische Theorie jedoch erschüttert, und es dauerte rund dreißig Jahre, bis klassische Gedanken wieder verstärkte Beachtung fanden. Vor allem die Bekämpfung der aufkommenden Inflation nach dem 2. Weltkrieg führte zu einer Renaissance der Klassik in Gestalt einer Strömung, die die Bezeichnung „Monetarismus“ trägt und untrennbar mit dem Namen von M. Friedman verbunden ist. Er betont die Rolle des Geldes und die Bedeutung der Geldpolitik. Sie hat für Preisniveaustabilität als dem obersten Ziel der Wirtschaftspolitik zu sorgen, um den Allokationsmechanismus zu erhalten. Das Inflationsproblem trat vor allem in den siebziger Jahren als Folge der drastischen Erhöhung der Rohstoffpreise in den Vordergrund. Zu dessen Lösung sowie den damit verbundenen Problemen auf der Angebotsseite der Volkswirtschaft kristallisierte sich eine wirtschaftspolitische Konzeption heraus, die ebenfalls auf klassischen Gedanken basiert. Sie ist jedoch umfassender als der Monetarismus und findet unter dem Etikett der „Angebotsorientierten Wirtschaftspolitik“ zunehmende Beachtung. Häufig bezeichnet man auch diesen Ansatz als „Neoklassik“. Es handelt sich dabei um eine längerfristig angelegte Strategie der Wirtschaftspolitik, die in erster Linie auf eine Verbesserung der Rahmenbedingungen für die Leistungserstellung im privaten Sektor abzielt. b. Das Keynesianische Paradigma Die von 1929 bis 1933 andauernde Weltwirtschaftskrise erforderte ein Überdenken der klassischen Theorie. Sie war nicht in der Lage, die damalige Massenarbeitslosigkeit in Verbindung mit drastischen Produktionsrückgängen und Preissenkungen zu erklären. Allerdings lagen in dieser Zeit bestimmte Voraussetzungen der Klassik, wie etwa die Flexibilität der Preise, nicht mehr vor. Während dieser Zeit entwickelten daher verschiedene Ökonomen neue Ansätze zur Erklärung einer langanhaltenden Wirtschaftskrise. Von ihnen erlangte die „Allgemeine Theorie“ S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 47 des Engländers John Maynard Keynes (1883–1946) die mit Abstand größte Bekanntheit. Keynes, der sämtliche vor seiner Zeit abgefassten Arbeiten der Klassik zurechnete, übernahm bzw. erweiterte verschiedentlich die bis dahin anzutreffenden Lehrmeinungen. In zahlreichen Punkten entwickelte er jedoch entgegengesetzte Positionen, die in Lehrbuchdarstellungen teilweise bewusst überpointiert dargestellt werden. Nach Auffassung von Keynes neigen hochentwickelte Volkswirtschaften prinzipiell zu wirtschaftlichen Störungen, da der Marktmechanismus versagt. Der private Sektor weist eine inhärente Instabilität auf. Dadurch kann es zu länger anhaltenden Krisen im Wirtschaftsprozess kommen. Wirtschaftspolitisch gesprochen läuft dies auf die Nichterreichnung des im Stabilitäts- und Wachstumsgesetzes verankerten „gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts“ hinaus, d. h. es kommt zu Verletzungen der „magischen Ziele“. Die Ursachen für wirtschaftliche Krisen liegen nach Keynesianischer Meinung primär in einer zu geringen gesamtwirtschaftlichen Nachfrage. Sie schöpft die vorhandenen Produktionsmöglichkeiten nicht voll aus. Diese Überlegungen machen bereits deutlich, dass im Keynesianischen Paradigma den volkswirtschaftlichen Kreislaufzusammenhängen eine dominierende Rolle zukommt. Neigt eine privatwirtschaftlich organisierte Volkswirtschaft zu Instabilitäten, so bedarf es konsequenterweise der Steuerung der Gesamtnachfrage („demand management“). Die Wirtschaftspolitik sollte nachfrageorientiert sein. Damit besitzt diese Strategie einen kurzfristigen Charakter. Falls die Möglichkeiten der Beeinflussung der privaten Nachfrage versagen sollten, muss der Staat als geeignete Instanz aktiv in Erscheinung treten. Damit nimmt die Fiskalpolitik mit ihren konjunkturell gezielt einsetzbaren Veränderungen der Staatsausgaben und Staatseinnahmen („Konjunkturprogramme“) eine Schlüsselrolle ein. Zur Finanzierung der notwendigen „ausgleichenden Ausgaben“ kann sich der Staat vorübergehend durchaus verschulden, d.h. konjunkturelle Haushaltsdefizite bilden. In diesem Postulat sehen viele Anhänger der Keynesianischen Theorie die prinzipielle Legitimation für die Staatsverschuldung. Wie noch zu zeigen sein wird, entspricht diese pauschale Schlussfolgerung jedoch nicht den Intentionen von Keynes. Da die Arbeiten von Keynes nicht immer leicht verständlich geschrieben sind, wurden sie von J.R. Hicks und A.H. Hansen in eine einfachere Form „übersetzt“. Diese Interpretation liegt den meisten gängigen Lehrbuchdarstellungen zugrunde und soll auch hier Verwendung finden. Ebenso wie die Klassik erlebte auch die Keynesianische Theorie in den sechziger Jahren eine Renaissance in Gestalt der so genannten Postkeynesianischen bzw. Neokeynesianischen Theorie. Hierin erfolgt eine Weiterentwicklung und Neuinterpretation der Theorie von Keynes. Auf diese Aspekte wird jedoch im Rahmen dieses Buches nicht näher eingegangen. Ein abschließender Überblick verdeutlicht nochmals die wichtigsten Positionen der beiden rivalisierenden Theorien (Abbildung 2.1): 48 Zweiter Teil: Ex-ante-Analyse des Volkseinkommens S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 48 Abb. 2.1: Makroökonomische Paradigmen 49 I. Vorbemerkungen 49 3. Weitere Vorgehensweise Unabhängig von den unterschiedlichen Standpunkten beschäftigen sich beide Paradigmen mit demselben Erkenntnisobjekt, nämlich der Volkswirtschaft. Ziel ist die Erklärung des Wirtschaftsprozesses. Er umfasst die Gesamtheit der Tauschhandlungen, die auf den Märkten stattfinden. Üblicherweise reduzieren die makroökonomischen Modelle die zahllosen Märkte auf drei globale Typen, nämlich den Gütermarkt, den Geldmarkt und den Arbeitsmarkt. Auf dem Gütermarkt stehen sich Käufer und Verkäufer von Waren und Dienstleistungen gegenüber. Entsprechend gilt das Interesse der Höhe und Struktur des gesamtwirtschaftlichen Angebots sowie der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage. Die Analyse des Gütermarktes umfasst auch das Sparen und Investieren, wobei diese Aktivitäten gelegentlich in einem gesonderten Markt, dem sog. Kapitalmarkt, Eingang finden. Der Begriff „Geldmarkt“ darf in makroökonomischen Betrachtungen nicht banktechnisch als Geldhandel innerhalb des Finanzsektors verstanden werden. Volkswirtschaftlich geht es hierbei um die Geldnachfrage, d.h. den Geldbedarf aller Wirtschaftssubjekte, sowie um das Geldangebot, also die Bereitstellung des Geldes durch das Bankensystem. Auf dem Arbeitsmarkt treffen sich das Arbeitsangebot der Haushalte und die Arbeitsnachfrage der Unternehmungen. Diese drei Märkte bilden den Gegenstand der weiteren Überlegungen. Sie werden sowohl aus klassischer als auch aus Keynesianischer Sicht dargestellt. Angesichts S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 49 50 Zweiter Teil: Ex-ante-Analyse des Volkseinkommens Abb.2.2: Schematische Darstellung des weiteren Vorgehens der außerordentlichen Komplexität dieser Märkte erweist es sich als zweckmäßig, diese zunächst isoliert zu betrachten, d.h. eine Partialanalyse durchzuführen, um sie dann in einem weiteren Schritt zu einem Ganzen zusammenzufügen (Totalanalyse). Daraus ergibt sich das weitere Vorgehen des Buches (siehe die schematische Darstellung in Abbildung 2.2; dort sind in Klammern die Gliederungspunkte angegeben). Zunächst erfolgt die Erörterung des Gütermarktes, die in das güterwirtschaftliche Gleichgewicht mündet. Entsprechendes gilt für die anschließende Analyse des Geldmarktes und des Arbeitsmarktes. Die Anbindung dieser drei Teilmärkte mündet in die Betrachtung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts. Den Abschluss des Buches bilden schließlich einige wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen, die aus der klassischen und der Keynesianischen Theorie resultieren. S. 41-174 2. Teil.qxd 05.12.2012 8:05 Uhr Seite 50

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References

Zusammenfassung

Der Klassiker zur Einführung in die Makroökonomik.

Makroökonomik

Im Mittelpunkt stehen Darstellung und Vergleich des Güter-, Geld- und Arbeitsmarktes sowie des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts bei „Klassikern“ und „Keynesianern“. Die Schwerpunkte:

– Einordnung und Gegenstand der Makroökonomik

– Methoden der Analyse des Wirtschaftsprozesses

– Der Wirtschaftskreislauf

– Ergebnis des Wirtschaftskreislaufs

– Globalgrößen des Arbeitsmarktes

– Der Gütermarkt

– Der Geldmarkt

– Der Arbeitsmarkt

– Gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht

– Klassischer Ansatz und angebotsorientierte Wirtschaftspolitik

– Keynesianischer Ansatz und nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik

Die Neuauflage

ist insgesamt überarbeitet und aktualisiert. Geblieben ist jedoch ein besonderes Anliegen dieses Buches: die Präsentation der makroökonomischen Standardmodelle in einer möglichst verständlichen Form. Dies findet seinen Ausdruck unter anderem in einer Vielzahl von Abbildungen und Zahlenbeispielen.

Der Autor

Prof. Dr. Gerhard Mussel unterrichtet Volkswirtschaftslehre an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart.

Zielgruppe

Das Buch wendet sich an Studierende der Wirtschaftswissenschaften an Universitäten, Fachhochschulen und Akademien.

"Zum Erfolgsrezept des Autors gehört auch, die mathematischen Ausführungen auf das erforderliche Mindestmaß zu beschränken. Der Leser wird also nicht mit Formeln und Funktionen überschwemmt, die für das Verständnis gesamtwirtschaftlicher Zusammenhänge oft eher hinderlich sind."

in: Studium, Wintersemester 07/08, zur 9. Auflage 2007