II. Der Wirtschaftskreislauf in:

Gerhard Mussel

Einführung in die Makroökonomik, page 17 - 33

11. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4616-6, ISBN online: 978-3-8006-4617-3, https://doi.org/10.15358/9783800646173_17

Bibliographic information
II. Der Wirtschaftskreislauf Die Gesamtheit der wirtschaftlichen Vorgänge bezeichnet man als den Wirtschaftsprozess. Dieser ist gekennzeichnet durch eine Vielzahl von Tauschhandlungen bzw. wirtschaftlichen Aktivitäten. Sie sind letztlich Ausdruck der Arbeitsteilung. Aufgrund unterschiedlicher Neigungen, Begabungen, Erfahrungen und Ausbildungen ist es für die einzelnen Wirtschaftssubjekte sinnvoll, sich ganz bestimmten Tätigkeiten zuzuwenden. Dieses Organisationsprinzip ist typisch für die modernen Volkswirtschaften, die man auch Verkehrswirtschaften oder Geldwirtschaften nennt. Letztere Bezeichnung resultiert aus der Tatsache, dass Geld als das allgemein akzeptierte Tauschmittel fungiert. Der hohe Grad an Spezialisierung bildet eine wesentliche Voraussetzung für die Verbreiterung und Verbesserung des Güterspektrums; dadurch wird eine höhere und bessere Güterversorgung der Bevölkerung eines Landes möglich. Allerdings dürfen die Probleme, welche die Einführung der Arbeitsteilung aufwirft, nicht übersehen werden. Hierzu zählen z.B. die Entstehung von Abhängigkeiten, die Verteilung der Mehrproduktion, die Gefahr der Überproduktion oder die Monotonie der Arbeit – Probleme also, die sich den heutigen Wirtschaften und Gesellschaften nahezu permanent stellen. Die durch Arbeitsteilung bedingten Tauschhandlungen vollziehen sich auf Märkten. Sie sind der ökonomische Ort, wo sich Anbieter und Nachfrager gegenüberstehen. Dem Preis fällt dabei die Aufgabe zu, einen Ausgleich von Angebot und Nachfrage herbeizuführen. Träger der vielfältigen wirtschaftlichen Handlungen und Entscheidungen sind auf aggregierter Ebene inländische und ausländische Privathaushalte, Unternehmungen sowie staatliche Stellen. Diese Personenkreise entfalten während eines Wirtschaftsjahres sehr unterschiedliche ökonomische Aktivitäten: • Produktion von Gütern, • Einkommenserzielung, -verwendung, -verteilung, und -umverteilung, • Vermögensbildung, • Finanzierung und • Auslandsbeziehungen. Kennzeichnend für die wirtschaftliche Aktivität der Privathaushalte (im Folgenden kurz Haushalte) im Wirtschaftskreislauf sind primär die Einkommenserzielung und Einkommensverwendung sowie die Vermögensbildung in Form von Sparen. Die Unternehmungen treten typischerweise als Güterproduzenten und Investoren (innerhalb der Vermögensbildung) sowie als „Anlaufstelle“ für Exporte und Importe in Erscheinung. Der Staat übernimmt eine Doppelfunktion als Produzent und Konsument; daneben ist insbesondere auf seine Rolle im Rahmen der Einkommensumverteilung hinzuweisen. Fasst man beispielsweise sämtliche Haushalte zu einer Gruppe zusammen, so spricht man in der Kreislaufanalyse von einem „Pol“ bzw. „Sektor“ oder „Trans- 10 S. 7-40 1. Teil.qxd 05.12.2012 8:04 Uhr Seite 10 Abb. 1.2: Grafische Darstellung des 2-poligen Kreislaufs 11 II. Der Wirtschaftskreislauf 11 aktor“. Die zwischen den Polen zu verzeichnenden wirtschaftlichen Aktivitäten heißen „Ströme“ bzw. „Transaktionen“. Um den hochkomplexen Wirtschaftsprozess der Realität beschreiben zu können, geht die Analyse des Wirtschaftskreislaufs schrittweise vor: • im 2-poligen Kreislauf erfolgt die Darstellung der grundlegenden ökonomischen Transaktionen zwischen Haushalten und Unternehmungen; • im 3-poligen Kreislauf findet die Vermögensbildung dieser Sektoren Berücksichtigung; • im 4-poligen Kreislauf erfolgt die Einbeziehung der ökonomischen Kreislaufaktivitäten des Staates; • im 5-poligen Kreislauf findet zusätzlich die wirtschaftliche Verflechtung des Inlandes mit dem Ausland Eingang. Im Folgenden werden diese vier Kreislaufmodelle näher beschrieben. 1. Haushalte und Unternehmungen: Der 2-polige Kreislauf Bereits in der mikroökonomischen Theorie finden sich die elementaren Kreislaufbeziehungen zwischen einem Haushalt und einer Unternehmung. Dabei werden die Ausgaben des Haushalts zum Erlös der Unternehmung, und umgekehrt entsprechen die Ausgaben der Unternehmung den Faktoreinkommen des Haushalts. Buchhalterisch stimmen bei jedem Wirtschaftssubjekt die linke und rechte Seite des Kontos überein, es herrscht ein Budgetgleichgewicht im Sinne der Übereinstimmung von Ausgaben und Einnahmen. An diesen Tatbestand knüpft die gesamtwirtschaftliche Kreislaufanalyse an, indem sie gemäß ihrer Fragestellung die Einnahmen-Ausgaben-Beziehungen auf Aggregate überträgt. Die auf makroökonomischer Ebene zwischen den Haushalten und den Unternehmungen auftretenden Kreislaufströme sind in Abbildung 1.2 dargestellt. S. 7-40 1. Teil.qxd 05.12.2012 8:04 Uhr Seite 11 Zum Haushaltssektor (H) zählen nicht nur die Arbeitnehmerhaushalte, sondern auch die Unternehmerhaushalte. Die Haushalte werden zunächst als alleinige Eigentümer der zur Herstellung der Güter erforderlichen dauerhaften Produktionsmittel (Gebäude, Maschinen, Werkzeuge usw.) behandelt. Aus Vereinfachungsgründen unterstellt man also zunächst, dass die Unternehmungen keine eigene Rechtspersönlichkeit besitzen. Der Produktionsprozess selbst vollzieht sich überwiegend im Pol der Unternehmungen (U). Hierbei setzen die Unternehmungen nach Maßgabe der zu produzierenden Güter die unterschiedlichsten Input-Faktoren ein. Diese werden üblicherweise in Vorleistungen (z.B. Roh- und Betriebsstoffe) und Faktorleistungen (Nutzung von Sachkapital und Boden sowie Einsatz menschlicher Arbeitsleistung) unterteilt. Aus volkswirtschaftlicher Sicht kommt dabei den Faktorleistungen eine weitaus höhere Bedeutung zu als den Vorleistungen. Der Einsatz von Input-Faktoren dient dem Ziel der Erstellung des Outputs, also der Herstellung von Gütern. Sie können sowohl materiell (Waren) als auch immateriell (Dienstleistungen) sein. Wie bereits erwähnt, stellen die Haushalte den Unternehmungen die erforderlichen Faktorleistungen zur Verfügung (in Abbildung 1.2 der gestrichelte Strom von H nach U). Hinter den Faktorleistungen stehen die Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital (Sachkapital einschließlich Boden). Für die Bereitstellung ihrer Faktorleistungen erhalten die Haushalte als Gegenleistung Konsumgüter (gestrichelter Strom von U nach H). Den sich solchermaßen ergebenden Kreislauf nennt man auch den „äußeren“ Kreislauf. In ihm werden reale Ströme, also „echte“ Güter- und Leistungsbewegungen, erfasst. Da die Faktorleistungen und Güter jedoch äußerst heterogen sind, benötigt man einen Vergleichsmaßstab. Hierfür bieten sich die Güter- und Faktorpreise an, d.h. die Kreislaufströme werden in Geldeinheiten ausgedrückt. Die Bewertung eines realen Stromes ergibt einen monetären Strom. Graphisch ist dieser (in Abbildung 1 durchgezogene) Strom dem realen Strom stets entgegengerichtet. Die Faktoreinkommen (Y) bestehen aus Löhnen, Gehältern, Gewinnen, Mieten, Pachten, Zinsen und Dividenden; diese Einkommen fließen als bewertete Faktorleistungen vom Pol U zum Pol H. Analoges gilt für die privaten Konsumausgaben (C) der Haushalte, die von H nach U fließen. Durch die Verwendung monetärer Ströme gelangt man zum „inneren“ Kreislauf. Üblicherweise arbeitet man in den Kreislaufmodellen nur mit monetären Strömen, eine Konvention, die auch den folgenden Ausführungen zugrunde liegt. Im 2-poligen Kreislauf wird die Vermögensbildung zunächst vernachlässigt. Für den Haushaltssektor kommt dies in der Tatsache zum Ausdruck, dass die Konsumausgaben die gleiche Höhe wie die Faktoreinkommen aufweisen, d.h. es wird nichts gespart. Veränderungen des Produktionsapparats seitens der Unternehmungen, also Nettoinvestitionen, finden zunächst ebenfalls noch nicht statt. Dadurch bleibt die Höhe der Güterproduktion im Zeitablauf unverändert. Eine solche Modellwirtschaft ohne Sparen und Investieren heißt „stationär“. Kennzeichnend für die Kreislaufanalyse ist die Regel, dass für jeden Pol der Wert der hereinfließenden Ströme genau so hoch wie der Wert der herausfließenden Ströme ist. Man bezeichnet diesen Tatbestand auch als „geschlossenen Kreislauf“ oder als Kreislaufaxiom. Als allgemeine Gleichung geschrieben lautet das Kreislaufaxiom folglich für jeden beliebigen Pol: 12 Erster Teil: Ex-post-Analyse des Volkseinkommens S. 7-40 1. Teil.qxd 05.12.2012 8:04 Uhr Seite 12 Abb.1.3: Kontenform des 2-poligen Kreislaufs 13 II. Der Wirtschaftskreislauf 13 Summe der herausfließenden Ströme = Summe der hereinfließenden Ströme Sofern ökonomische Transaktionen innerhalb eines Pols stattfinden, z.B. Lieferungen zwischen Unternehmungen (sog. intrasektorale Ströme), werden diese in den Betrachtungen des Wirtschaftskreislaufs üblicherweise nicht erfasst. Prinzipiell existieren also keine „In-sich-Ströme“. Die Kreislauftheorie registriert vielmehr nur die Ströme, die zwischen den Polen fließen (sog. intersektorale Ströme). Im Hinblick auf die in den Kreislaufmodellen auftretenden Ströme darf der Begriff „Kreislauf“ allerdings nicht zu wörtlich genommen werden. So fließen die Faktorleistungen nur ein einziges Mal von den Haushalten zu den Unternehmungen, wo sie im Zuge des Produktionsprozesses „verbraucht“ werden. Ebenso verbleiben die gekauften Konsumgüter im Haushaltspol und fließen nicht wieder in den Unternehmenspol zurück. Der Begriff Wirtschaftskreislauf soll vielmehr sinnbildlich zum Ausdruck bringen, dass bestimmte Vorgänge im Wirtschaftsleben ständig wiederkehren. Einen Kreislauf im physischen Sinne führt nur das Geld durch, welches zur Finanzierung der Transaktionen eingesetzt wird. Den bisherigen Überlegungen lag die graphische Darstellungsform des Wirtschaftskreislaufs zugrunde. Daneben stehen noch weitere Möglichkeiten zur Verfügung, Kreislaufzusammenhänge aufzuzeigen, nämlich die • Gleichungsform, • Kontenform und • Matrixform. Bei der Gleichungsform stellt man für jeden Pol eine eigene Gleichung gemäß des Prinzips des Kreislaufaxioms auf. Im 2-poligen Kreislauf lauten dann die entsprechenden Gleichungen: für Pol H: Y = C für Pol U: C = Y Bei der Kontenform erhält jeder Pol ein eigenes Konto. Darin sind auf der linken Seite die während einer Zeitperiode herausfließenden Ströme (Ausgaben) und auf der rechten Seite die im betrachteten Zeitraum hereinfließenden Ströme (Einnahmen) verbucht. Angenommen, die Faktoreinkommen und damit auch die Konsumausgaben belaufen sich auf jeweils 100, so lässt sich der Kreislauf in seiner einfachsten Form wie in Abbildung 1.3 dargestellt abbilden. Ausg. U Einn. Y = 100 C = 100 Y = 100 C = 100 Ausg. H Einn. C = 100 Y = 100 C = 100 Y = 100 Hier findet das Kreislaufaxiom seinen Ausdruck in der Gleicheit von linker und rechter Seite der Konten. S. 7-40 1. Teil.qxd 05.12.2012 8:04 Uhr Seite 13 Abb.1.4: Matrixform des 2-poligen Kreislaufs 14 Erster Teil: Ex-post-Analyse des Volkseinkommens Wegen der Vernachlässigung von In-sich-Strömen bleibt die Hauptdiagonale frei. Das Kreislaufaxiom spiegelt sich hier in der Übereinstimmung von jeweiliger Zeilen- und Spaltensumme wider. Als gebräuchliche Darstellungsmethoden kommen vor allem die graphische Form und die Gleichungsform in Betracht. Während die zeichnerische Darstellung den Vorzug der Anschaulichkeit bietet, erweist sich die Gleichungsform insbesondere bei komplizierteren Kreislaufzusammenhängen als überlegen, da sie in kurzer und prägnanter Weise die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den Sektoren zeigt. 2. Berücksichtigung der Vermögensbildung: Der 3-polige Kreislauf Den bisherigen Überlegungen lag unter anderem die Annahme zugrunde, dass die Wirtschaftssubjekte kein Vermögen bilden. Diese realitätsferne Prämisse soll nunmehr aufgegeben werden. Aus volkswirtschaftlicher Sicht bilden die Haushalte typischerweise Geldvermögen (Nominalvermögen, Finanzvermögen). Dies geschieht, indem sie Teile des ihnen zufließenden Einkommens nicht verausgaben. Dieser Konsumverzicht stellt das Sparen der Haushalte dar. Es konkretisiert sich in den unterschiedlichsten Formen wie der Bildung von Bankguthaben, Anlagen bei Versicherungsgesellschaften und Bausparkassen oder dem Kauf von Wertpapieren. Für die Ex-post-Analyse ist hierbei jedoch nicht die Struktur, sondern nur die Höhe der Ersparnisse entscheidend. Auch spielen zunächst die Motive für den Sparentschluss keine Rolle. Schließlich lassen sich Kreislaufzusammenhänge auch in Form einer Matrix wiedergeben. Eine solche „Tabelle mit doppeltem Eingang“ enthält in der Kopfzeile und in der Vorspalte die relevanten Pole in der gleichen Reihenfolge. Für den 2-poligen Kreislauf ergibt sich dann Abbildung 1.4. S. 7-40 1. Teil.qxd 05.12.2012 8:04 Uhr Seite 14 15 II. Der Wirtschaftskreislauf 15 Streng zu unterscheiden ist in diesem Zusammenhang zwischen dem Geldvermögen, das die Haushalte einerseits insgesamt bereits besitzen (z.B. als Ergebnis jahrzehntelanger Spartätigkeit oder infolge eines Erbes) und andererseits in einem Jahr neu bilden. Im ersten Fall bezieht man das Geldvermögen auf einen bestimmten Zeitpunkt (z.B. Guthaben auf einem Sparbuch zum 31.12. 2012). Das Geldvermögen ist in diesem Sinne als eine sog. Bestandsgröße (Zeitpunktgröße) zu interpretieren; es belief sich beispielsweise in Deutschland am Ende des Jahres 2011 auf ca. 4,7 Bio. EUR. Im zweiten Fall dagegen misst man die Veränderung des Geldvermögens (z.B. der Zuwachs an Ersparnissen vom 1.1. 2012 bis 31.12. 2012). Bei dieser Betrachtung hat das Geldvermögen die Eigenschaft einer sog. Stromgröße (Zeitraumgröße). In der Kreislaufanalyse ist typischerweise die Verwendung von Stromgrößen, d.h. die Erfassung von Vermögensänderungen relevant. Auch Unternehmungen bilden Vermögen. Im Unternehmenspol geschieht dies in erster Linie durch die Bildung von Sachvermögen (Realvermögen). Hierbei handelt es sich um die Anschaffung bzw. den Erhalt von dauerhaften Produktionsmitteln. Beispiele hierfür sind die Erstellung von Verwaltungsgebäuden, der Kauf von Maschinen, Werkzeugen, Computern oder Fahrzeugen. Die Vermögensbildung vollzieht sich bei den Unternehmungen also vorrangig in güterwirtschaftlicher Weise. Bei der Vermögensbildung im Unternehmenssektor muss ebenfalls zwischen Bestands- und Stromgröße unterschieden werden. Die Bestandsgröße ist hier die Gesamtheit aller dauerhaften Produktionsmittel, die sich zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Volkswirtschaft befinden. Man spricht vom volkswirtschaftlichen Sachkapitalbestand bzw. vom „Kapitalstock“, oder einfach kurz vom Kapital. In Deutschland lag dessen Wert z.B. Ende 2008 bei knapp 6,1 Bio. EUR. Kommen während eines Jahres neue Maschinen oder Gebäude hinzu, so vergrößert sich der Kapitalstock. Diese Erhöhung bezeichnet man als Nettoinvestitionen. Sie sind eine typische Stromgröße. Diese Teile der Produktion (Maschinen usw.) gelangen nicht zu den Haushalten, sondern verbleiben in den Unternehmungen. Hinzuweisen ist an dieser Stelle auf die verengte Definition des Investitionsbegriffs in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Als Investitionen im weiten Sinne sollten nämlich sämtliche Aktivitäten gelten, welche die Produktionskapazitäten steigern. Hierzu zählen neben den in der VGR erfassten materiellen reproduzierbaren (Anlage)investitionen auch immaterielle Investitionen. Diese können insbesondere in Bildung und Ausbildung, Forschung und Entwicklung, Gesundheit oder Erhaltung der natürlichen Umwelt erfolgen. Gleichwohl werden diese für die Vergrößerung der Produktionskapazitäten wichtigen immateriellen Investitionen in der VGR nicht als „investiv“ behandelt und tauchen daher nicht auf. Innerhalb der „offiziellen“ Investitionen kann es sich prinzipiell um zwei Kategorien von Gütern handeln: • Anlageinvestitionen; man unterteilt diese in der Statistik üblicherweise in Ausrüstungsinvestitionen, Bauten und sonstige Anlagen. Da derartige Investitionen von den Unternehmungen ganz bewusst getätigt werden, spricht man auch von geplanten oder freiwilligen Investitionen; • Lagerinvestitionen; sie werden auch als Vorratsveränderungen bezeichnet und können als Lageraufbau oder Lagerabbau auftreten. Sie kommen in der Regel ungeplant, also unfreiwillig zustande. S. 7-40 1. Teil.qxd 05.12.2012 8:04 Uhr Seite 15 Abb. 1.6: Der elementare 3-polige Kreislauf Um die Kreislaufwirkungen der Vermögensbildung zu erfassen, ist die Einführung eines zusätzlichen Pols erforderlich. Er hat die Aufgabe, sämtliche vermögenswirksamen Transaktionen zu erfassen. Da er nur die Stromgrößen, d.h. die Änderungen des Geld- und Sachvermögens erfasst, heißt er Vermögensänderungspol (VÄ). Bei diesem Pol handelt es sich um einen abstrakten, funktionellen Pol, in dem sich bildhaft gesprochen keine Personen befinden. Demgegenüber stellen die Pole U und H sog. institutionelle Pole dar. Daher ist es nicht zutreffend, den Vermögensänderungspol als den Sektor der Kreditinstitute zu interpretieren, denn diese produzieren Finanzdienstleistungen und sind konsequenterweise im Pol der Unternehmungen enthalten. Fügt man die beschriebenen Arten der Vermögensbildung in das Kreislaufdiagramm ein, so ergibt sich folgendes Bild: 16 Erster Teil: Ex-post-Analyse des Volkseinkommens Die unterschiedlichen Arten der Vermögensbildung kommen in Abbildung 1.5. im durchgezogenen (monetären) Strom der Geldvermögensbildung der Haushalte (S = Sparen) und im gestrichelten (realen) Strom der Sachvermögensbildung der Unternehmungen (Ir = reale Nettoinvestitionen) zum Vorschein. Obwohl die Investitionen aus güterwirtschaftlicher Sicht einen In-sich-Strom darstellen (z.B. liefert eine Firma einer anderen Firma eine Maschine), tauchen sie wegen ihres Vermögenseffektes im Kreislaufdiagramm auf. Da jedem realen Strom ein monetärer Strom entgegensteht, und die Konvention getroffen wurde, sämtliche Ströme wertmäßig zu erfassen, erscheinen die Nettoinvestitionen folglich als monetärer Strom vom Pol VÄ zum Pol U (Abbildung 1.6). Abb. 1.5: Berücksichtigung der Vermögensbildung Damit hat man die graphische Darstellung des 3-poligen Kreislaufs in seiner einfachsten Form vor sich. Eine Wirtschaft, in der positive Ersparnisse und Nettoin- S. 7-40 1. Teil.qxd 05.12.2012 8:04 Uhr Seite 16 Abb.1.7: Zusammenhang zwischen Angebot, Produktion und Einkommen 17 II. Der Wirtschaftskreislauf 17 Das im Unternehmenspol erwirtschaftete Einkommen, welches also wertmäßig gleich dem Angebot ist, kann von den Einkommensbeziehern entweder konsumiert oder gespart werden. Die für den Haushaltspol aufgestellte Gleichung (1): Y = C + S lässt sich mithin als die Angebotsgleichung einer Volkswirtschaft interpretieren. Die Zuordnung der Angebotsgleichung zum Haushaltssektor darf jedoch nicht zu Missverständnissen führen. Zwar geschieht die Erstellung des Angebots im Unternehmenspol. Aber das dabei entstandene wertgleiche Einkommen fließt den Haushalten zu, die dieses zum Konsum oder zum Sparen verwenden. vestitionen vorliegen, heißt evolutorisch. Die Erhöhung des Sachkapitalbestandes bedeutet eine Ausweitung der volkswirtschaftlichen Produktionskapazitäten. Dies ermöglicht eine Vergrößerung der Produktion, d.h. wirtschaftliches Wachstum. Auch für den 3-poligen Kreislauf stehen die bereits beschriebenen alternativen Darstellungsmethoden zur Verfügung. Um die ökonomischen Implikationen dieses Kreislaufmodells, welches der Ex-ante-Analyse vielfach als Ausgangstatbestand zugrunde liegt, zu verdeutlichen, erscheint es zweckmäßig, sich an dieser Stelle auch der Gleichungsform zu bedienen. Sie lautet für die entsprechenden Pole: (1) für Pol H : Y = C + S (2) für Pol U : Y = C + I (3) für Pol VÄ : S = I Diese drei Gleichungen sind von elementarer Bedeutung für das Verständnis makroökonomischen Zusammenhänge. Da sie bei den weiteren Überlegungen immer wieder auftauchen, sollen sie etwas genauer interpretiert werden. Aus Gleichung (1) geht hervor, wie die Haushalte ihr Einkommen in Konsum und Sparen aufteilen. Das Einkommen resultiert aus der Bereitstellung von Faktorleistungen der Haushalte, die in den Produktionsprozess eingehen. Grundsätzlich gilt, dass in dem Maße, wie produziert wird, auch Einkommen entsteht. Damit entspricht der Wert der Güterproduktion genau dem Wert des Einkommens. Die Herstellung von Gütern geschieht ihrerseits in der Absicht, diese auch zu verkaufen, d.h. auf Märkten anzubieten. Infolgedessen ist die Produktion zugleich identisch mit dem Angebot. Dieser grundlegende Zusammenhang ist in Abbildung 1.7 schematisch dargestellt. S. 7-40 1. Teil.qxd 05.12.2012 8:04 Uhr Seite 17 Abb. 1.8: Ex-post-Identität Von entscheidender Bedeutung für das Verständnis gesamtwirtschaftlicher Zusammenhänge ist auch Gleichung (2): Y = C + I Sie stellt die Formel für die volkswirtschaftliche Nachfrage im dreipoligen Kreislauf dar. Als Käufer (= Nachfrager) treten in unserer Modellwirtschaft zum einen die Haushalte auf, die Konsumgüter erwerben. Zum anderen sind dies die Unternehmungen, deren Nachfrage sich definitionsgemäß auf Investitionsgüter richtet. Schließlich kommt in Gleichung (3): S = I die sog. Ex-post-Identität zum Ausdruck. Danach müssen Sparen und Investieren am Ende eines Wirtschaftsjahres immer übereinstimmen. Das Sparen stellt, zumindest kurzfristig, einen Nachfrageausfall dar. In dem Umfang, in dem gespart wird, gelangen Teile der Produktion jedoch nicht in die Haushalte. Diese Produkte verbleiben daher zwangsläufig in den Unternehmungen. Logischerweise müssen dies die Investitionsgüter sein, nämlich Güter, die nicht in den Haushaltssektor flossen. Es ist dabei unbedeutend, ob dies geplant (Anlageinvestitionen) oder ungeplant (Lagerinvestitionen) geschah. Die Gleichheit von Sparen und Investieren ist also ex post eine güterwirtschaftliche Notwendigkeit. Diesen grundlegenden Sachverhalt macht auch Abbildung 1.8. deutlich. 18 Erster Teil: Ex-post-Analyse des Volkseinkommens wir d be im K auf von Kon sum güte rn verw end et (= C) wird ges part (= S ) Zusammenfassend können die drei Polgleichungen also interpretiert werden als: Y = C + S ⇒ ANGEBOT Y = C + I ⇒ NACHFRAGE S = I ⇒ EX-POST-IDENTITÄT S. 7-40 1. Teil.qxd 05.12.2012 8:04 Uhr Seite 18 Abb.1.9: Ungleichgewicht auf dem Gütermarkt 19 II. Der Wirtschaftskreislauf 19 Gelegentlich findet sich bei diesen Gleichungen anstelle des Gleichheitszeichens ein Identitätszeichen. Diese Schreibweise unterstreicht, dass es sich bei diesen Gleichungen um stets erfüllte Bedingungen handelt. Allerdings darf man hier die Übereinstimmung von Angebot und Nachfrage bzw. von Sparen und Investieren nicht als ein Gleichgewicht auf dem Gütermarkt deuten. Der Gleichgewichtszustand herrscht, wie später noch genauer zu zeigen sein wird, nur dann, wenn sich die relevanten Größen im geplanten Sinne entsprechen. Die Ex-post-Analyse betrachtet jedoch tatsächliche, realisierte Größen, die durchaus auch ungeplante Elemente beinhalten können. Da die Unterscheidung zwischen der Übereinstimmung von S und I im Ex-post-Sinne und im Ex-ante-Sinne von grundlegender Bedeutung ist, soll auf diesen Aspekt anhand einiger einfacher Zahlenbeispiele noch etwas näher eingegangen werden. Ausgangspunkt sei eine Produktion im Wert von 250, im Zuge derer ein gleich hohes Einkommen entsteht (Abbildung 1.9). Die Unternehmungen legen dabei zu Beginn des Jahres die Struktur ihrer Produktion, d.h. ihres Angebots, folgendermaßen fest: Für den eigenen Sektor planen sie die Herstellung von Investitionsgütern (Ig‚ g = geplant) im Wert von 40; für die Haushalte wollen sie Konsumgüter von wertmäßig 210 erstellen (CAg = geplantes Konsumgüterangebot). Diese Produktionspläne werden dann von den Unternehmungen im Laufe des Wirtschaftsjahres auch realisiert. Demgegenüber planen die Haushalte als Bezieher des Volkseinkommens von 250 lediglich Konsumausgaben in Höhe von 200 (CNg = geplante Konsumgüternachfrage); damit ist zugleich eine geplante Ersparnisbildung von 50 (Sg = geplantes Sparen) festgelegt. Wie Abbildung 1.9 zeigt, herrscht in dieser Wirtschaft ein Ungleichgewicht. Angebot (A) und Nachfrage (N) stimmen im geplanten Sinne (ex ante) nicht überein. Die Unternehmungen überschätzten hier die bestehenden Kaufwünsche der Haushalte, das geplante Sparen ist größer als das geplante Investieren. In Gleichungsform ausgedrückt ergibt sich: S. 7-40 1. Teil.qxd 05.12.2012 8:04 Uhr Seite 19 Abb. 1.10: Ausgleich durch Lageraufbau Ag = CNg + Sg = 200 + 50 = 250 Ag > Ng Ng = CNg + Ig = 200 + 40 = 240 bzw. Sg = 50 Sg > Ig Ig = 40 Infolge des bestehenden Ungleichgewichts treten ungeplante Größen auf. Prinzipiell ist es nun denkbar, dass entweder die Pläne der Unternehmungen oder aber die Pläne der Haushalte nicht in Erfüllung gehen. Im ersten Fall müssen die Unternehmungen ihre nicht an die Haushalte verkauften Produkte auf Lager nehmen (Abbildung 1.10). Der Lageraufbau entspricht einer ungeplanten Aktion der Unternehmer. Okönomisch handelt es sich hierbei um eine positive ungeplanten Investition (+ Iu) in Höhe von 10. In diesem Fall können die Haushalte ihre Ausgabenpläne realisieren, d.h der geplante Konsum von 200 kommt tatsächlich zustande (Ctats‚ tats = tatsächlich, realisiert). 20 Erster Teil: Ex-post-Analyse des Volkseinkommens ⎫⎪⎬⎪⎭ ⎫ ⎪ ⎪ ⎪ ⎬ ⎪ ⎪ ⎪ ⎭ ⎫⎪⎪⎬⎪⎪⎭ Es gilt hier: Atats = Ag = 250 Ntats = CNg + Ig + Iu Atats = Ntats = 200 + 40 + 10 = 250 S. 7-40 1. Teil.qxd 05.12.2012 8:04 Uhr Seite 20 Abb.1.11: Ausgleich durch Preissenkungen 21 II. Der Wirtschaftskreislauf 21 bzw. Stats = Sg = 50 Itats = Ig + Iu Stats = Itats = 40 + 10 = 50 Die Konsumgüter, die im Verlauf des Jahres nicht an die Haushalte verkauft werden konnten, befinden sich am Jahresende (ex post) weiterhin im Besitz der Unternehmungen, obwohl dies nicht von den Firmen gewollt war. Hier führt ein Lageraufbau die Ex-post-Übereinstimmung von Angebot und Nachfrage bzw. Sparen und Investieren herbei. Da dieser Ausgleich gütermäßig vonstatten geht, spricht man auch von einem „Realausgleich“. Wollen die Unternehmungen ihre Lagerbestände jedoch nicht aufstocken bzw. sind die Waren nicht lagerfähig, so kommt als weitere prinzipielle Ausgleichsmöglichkeit eine Preissenkung in Betracht (Abbildung 1.11). Die in der laufenden Periode hergestellten Konsumgüter werden dann für lediglich 200 Geldeinheiten – und nicht, wie zunächst kalkuliert, für 210 Geldeinheiten – abgesetzt. Dies läuft auf eine Preissenkung von 4,8 % hinaus. Infolge dieser Verbilligung erhalten die Haushalte für die bereit gestellten 200 Geldeinheiten eine größere Gütermenge als ursprünglich eingeplant. Dadurch entsteht ein ungeplanter realer Mehrkonsum von 10 Gütereinheiten (+Cu = 10). ⎫⎪⎪⎬⎪⎪⎭ Dem ungeplanten physischen Mehrkonsum entspricht aufgrund der Definition des Sparens ein negatives ungeplantes Sparen (– Su). Denn die Haushalte wollten ursprünglich auf den Kauf von 50 Gütereinheiten verzichten, am Ende der Periode erhielten sie jedoch infolge der Preissenkungen 10 Gütereinheiten mehr, d.h. es er- S. 7-40 1. Teil.qxd 05.12.2012 8:04 Uhr Seite 21 gab sich ein geringerer Konsumverzicht als ursprünglich geplant. In diesem Fall treten also bei den Haushalten ungeplante Größen auf, während die Unternehmungen ihre Investitionspläne realisieren. Hier sorgt der sog. „Preisausgleich“ für die Ex-post-Übereinstimmung von Angebot und Nachfrage bzw. Sparen und Investieren. Für die relevanten Gleichungen erhält man: Atats = Ag = 250 Ntats = CNg + Cu + Ig Atats = Ntats = 200 + 10 + 40 = 250 bzw. Stats = Sg + Su = 50 + (– 10) = 40 Stats = Itats Itats = Ig = 40 Analoge Ergebnisse ergeben sich für den umgekehrten Fall, wenn das geplante Angebot unterhalb der geplanten Nachfrage liegt, oder anders ausgedrückt, wenn die geplanten Ersparnisse geringer sind als das geplante Investieren. Die Unternehmungen können hierauf mit einem Abbau ihrer Lagerbestände reagieren, d. h. es entstehen negative ungeplante Investitionen (– Iu). Denkbar wären auch Preiserhöhungen. Dadurch erhielten die Haushalte eine geringere Menge an Konsumgütern als ursprünglich eingeplant (– Cu), es käme zu einem sog. „Zwangssparen“ (+ Su). Dieser Effekt würde auch eintreten, falls die Unternehmungen mit Lieferfristen reagierten. Allgemein gilt, dass sich eine tatsächliche Größe aus geplanten und ungeplanten Elementen zusammensetzen kann: Ctats = Cg + Cu Stats = Sg + Su Itats = Ig + Iu Dieser Sachverhalt hat zur Konsequenz, dass die Gleichheit von Angebot und Nachfrage bzw. Sparen und Investieren ex post immer gewährleistet sein muss. Eventuell vorhandene Differenzen zwischen geplanten und realisierten Größen werden über das Auftreten der beschriebenen ungeplanten Variablen ausgeglichen. Die Ex-post-Identität Stats = Itats stellt daher eine immer erfüllte Bedingung dar. Dagegen ist die Ex-ante-Übereinstimmung Sg = Ig d.h. die Erreichung eines Gleichgewichts im güterwirtschaftlichen Bereich, reiner Zufall. Abschließend sind noch zwei Tatbestände zu erwähnen, die in Zusammenhang mit der volkswirtschaftlichen Vermögensbildung stehen, nämlich 22 Erster Teil: Ex-post-Analyse des Volkseinkommens ⎫⎪⎪⎬⎪⎪⎭ ⎫ ⎪ ⎪ ⎬ ⎪ ⎪ ⎭ S. 7-40 1. Teil.qxd 05.12.2012 8:04 Uhr Seite 22 Abb.1.12: Der erweiterte 3-polige Kreislauf 23 II. Der Wirtschaftskreislauf 23 • Abschreibungen und • unverteilte Gewinne. Beim Einbau der Investitionen in den Wirtschaftskreislauf standen bisher die Nettoinvestitionen im Vordergrund. Interpretiert man den Strom I lediglich als (positive) Nettoinvestitionen, die den Sachkapitalbestand erhöhen, dann müssen die Ersatzinvestitionen noch gesondert berücksichtigt werden. Diese werden von den Unternehmungen getätigt, um die bei der Produktion anfallenden Verschleißerscheinungen zu beseitigen. Sie sind, bildhaft gesprochen, zur Reparatur der Abnutzungserscheinungen, die im Zuge der Güterherstellung an den eingesetzten Produktionsmitteln auftreten, erforderlich. Derartige Investitionen, die zur Aufrechterhaltung des Wertes des Produktionsapparates in der Volkswirtschaft erforderlich sind, nennt man auch Reinvestitionen. Da sie ebenfalls einen Vermögenseffekt haben, werden sie über den Pol VÄ erfasst. Zu ihrer Finanzierung legen die Unternehmungen entsprechende Geldbeträge zurück, die aus den Erlösen der Güterverkäufe stammen. Buchhalterisch handelt es sich bei diesen finanziellen Mitteln um Abschreibungen (D). Die Summe aus Netto- und Ersatzinvestitionen ergibt die Bruttoinvestitionen (Ib). Aus volkswirtschaftlicher Sicht sind die Nettoinvestitionen von weitaus größerer Bedeutung, da sie die Produktionskapazitäten der Wirtschaft erhöhen und somit eine maßgebliche Voraussetzung für wirtschaftliches Wachstum und die Schaffung neuer Arbeitsplätze bilden. Die zweite Erweiterung berücksichtigt die Tatsache, dass nicht alle Faktoreinkommen an die Haushalte zu fließen brauchen. Das Vorhandensein von Unternehmungen mit eigener Rechtspersönlichkeit, also Kapitalgesellschaften wie z. B. Aktiengesellschaften, impliziert die Einbehaltung von Einkommensteilen im Unternehmenssektor. Solche unverteilten Gewinne lassen sich als Sparen der Unternehmungen (SU) interpretieren (in der Symbolik zeigt der tiefgestellte Index im folgenden immer, aus welchem Pol der jeweilige Strom austritt). Der erweiterte 3-polige Kreislauf ist in Abbildung 1.12 in graphischer Form dargestellt. Auf die alternativen Darstellungsformen dieses Kreislaufs sei an dieser Stelle verzichtet. Sie lassen sich jedoch mit Hilfe der erläuterten Methoden leicht nachvollziehen. S. 7-40 1. Teil.qxd 05.12.2012 8:04 Uhr Seite 23 3. Einbeziehung des Staates: Der 4-polige Kreislauf Bislang blieben die ökonomischen Aktivitäten des Staates aus den Betrachtungen ausgeklammert. Die Vielfalt des staatlichen wirtschaftlichen Handelns resultiert aus den zahlreichen Aufgabenstellungen der öffentliche Hand. Zum einen hat der Staat im Rahmen der Erfüllung der Allokationsfunktion für die Bereitstellung bestimmter Waren und Dienstleistungen zu sorgen, sei es, weil diese Güter nicht von Privaten angeboten werden (z.B. Rechtswesen, Sicherheit) oder sei es, weil gesellschaftliche Gesichtspunkte gegen eine private Bereitstellung bestimmter Güter (Gesundheitsbereich, Bildungseinrichtungen usw.) sprechen. Die Finanzierung der dabei anfallenden Ausgaben erfolgt primär über Steuern und Abgaben, teilweise jedoch auch durch Kreditaufnahme seitens der öffentlichen Stellen. Zum anderen obliegt dem Staat die Aufgabe, eine möglichst gerechte Verteilung der Einkommen zu erzielen. Empfindet der Staat die durch den Produktionsprozess entstandene Einkommensverteilung (Primärverteilung) als ungerecht, so kann er über eine entsprechende Gestaltung seiner Einnahmen und Ausgaben eine Umverteilung der Einkommen herbeiführen (Sekundärverteilung). In diesem Sinne übernimmt der Staat eine Redistributionsfunktion. Nach Maßgabe der konjunkturellen Situation können die Staatsausgaben und Staatseinnahmen auch gezielt zur Steuerung des Wirtschaftsablaufs eingesetzt werden. In dieser Stabilisierungsfunktion sieht man eine weitere typische Aufgabe der öffentlichen Hand. Allerdings ist die Wahrnehmung dieser Funktion in jüngerer Vergangenheit zunehmend strittig. Die bei der Erfüllung staatlicher Aufgaben auftretenden Ströme lassen sich auf relativ einfache Weise in das Kreislaufdiagramm einfügen. Hierzu ist ein eigener Pol für den Staat (St) erforderlich. Dadurch gelangt man zum 4-poligen Kreislauf. Die relevanten Ströme sind in Abbildung 1.13 erfasst. In die Kategorie der Ausgaben fallen Zahlungen an Unternehmungen für die Käufe bzw. Nutzung von Gütern (AuSt) sowie Löhne und Gehälter der öffentlich Bediensteten (YSt). Außerdem erhalten die Wirtschaftssubjekte staatliche Gelder ohne spezifische ökonomische Gegenleistungen; an die Unternehmungen fließen Subventionen (Zu), während Haushalte sog. Transferzahlungen (Tr) wie Renten, Sozialhilfe oder Kindergeld empfangen. Sofern der Staat seine Güterkäufe in Form von Investitionen tätigt (ISt), haben diese einen Vermögenseffekt. Er findet seine Berücksichtigung (analog zur Vorgehensweise bei den privaten Investitionen der Unternehmungen) im Strom vom Pol VÄ zum Pol St; anfallende Abschreibungen auf den Bestand des öffentlichen Sachkapitals (DSt) erfasst man als gegenläufigen Strom. Wichtigste Einnahmenquelle des Staates sind Steuern, Beiträge und Gebühren. Bei den Zahlungen der privaten Haushalte an den Staat (THd) sind neben Gebühren vor allem die Beiträge für die gesetzlichen Sozialversicherungen (Renten-, Kranken-, Arbeitslosen- und Pflegeversicherung) sowie die Steuern auf Einkommen und Vermögen bedeutsam. Derartige Steuern werden als „direkte“ Steuern bezeichnet. Die Unternehmen müssen ebenfalls neben Gebühren die Arbeitgeberbeiträge zu den Sozialversicherungen sowie Steuern an den Staat abführen. Innerhalb der Steuern tauchen hier zusätzlich die „indirekten“ Steuern auf (TUi). Beispiele hierfür sind die Mehrwertsteuer oder die Mineralölsteuer. Diese sog. Verbrauchsteuern werden zwar faktisch von den privaten Haushalten bezahlt, sind also im Strom CH enthalten. Die Haushalte sind somit die eigentlichen „Steuerträ- 24 Erster Teil: Ex-post-Analyse des Volkseinkommens S. 7-40 1. Teil.qxd 05.12.2012 8:04 Uhr Seite 24 25 II. Der Wirtschaftskreislauf 25 ger“. Allerdings erfolgt die Abführung dieser Steuern an die Finanzämter durch die Unternehmer, die dadurch die offiziellen „Steuerzahler“ sind. Indirekte Steuern sind also – im Gegensatz zu den direkten Steuern – „überwälzbar“. In aller Regel ist der Staatshaushalt nicht ausgeglichen. Falls die Einnahmen höher als die Ausgaben liegen sollten, wird dieser Budgetüberschuss als ein Strom vom Pol des Staates zum Vermögensänderungspol gezeichnet (Sparen des Staates SSt). Für den umgekehrten Fall eines Budgetdefizits hätte der Strom SSt einen negativen Wert. 4. Einbeziehung des Auslandes: Der 5-polige Kreislauf Gegenstand der bisherigen Betrachtungen war eine geschlossene Volkswirtschaft, in der keine wirtschaftlichen Transaktionen mit dem Ausland stattfanden. Gibt man diese angesichts der zunehmenden Globalisierung höchst unrealistische Prämisse auf, so gelangt man zur offenen Volkswirtschaft. In ihr findet der Handel mit Waren und Dienstleistungen Eingang, der zwischen den Wirtschaftssubjekten der heimischen Volkswirtschaft und denen des Auslandes stattfindet. Aus Vereinfachungsgründen sollen die für das Kreislaufgeschehen relevanten Aktivitäten nur zwischen den Unternehmungen und dem Ausland (A) als fünftem Pol laufen. Verkauft die heimische Volkswirtschaft Güter an andere Länder, so fließt der reale Strom von U nach A. Da jedoch nur monetäre Ströme erfasst werden sollen, verlaufen die Exporte (Ex) in umgekehrter Richtung, also von A nach U (vgl. Abb.1.13). Analoges gilt für die Einfuhren, also die Importe (Im). Allerdings dürfte kaum damit zu rechnen sein, dass Importe und Exporte gleich hohe Werte annehmen. Fallen die Ausfuhren höher aus als die Einfuhren, so entsteht ein Export- überschuss (ExÜ). Er bedeutet für das Inland per Saldo einen Devisenüberschuss und damit eine Zunahme des Geldvermögens. Die Forderungen des Inlandes gegenüber dem Ausland steigen, was im Kreislaufdiagramm als Strom von VÄ nach A seinen Ausdruck findet. Umgekehrt ließe sich ein Importüberschuss als Sparen des Auslandes interpretieren, was in einem Strom vom Ausland zum Vermögensänderungspol zum Ausdruck käme. Damit kommt man in Abbildung 1.13 zum abschließenden Bild des fünfpoligen Kreislaufs. S. 7-40 1. Teil.qxd 05.12.2012 8:04 Uhr Seite 25 Angesichts der vielfältigen Ströme drängt sich die Frage auf, wie man das Ergebnis des Wirtschaftskreislaufs messen kann. Dies ist der Gegenstand des nächsten Punktes. 26 Erster Teil: Ex-post-Analyse des Volkseinkommens Abb.1.13: Der 5-polige Kreislauf S. 7-40 1. Teil.qxd 05.12.2012 8:04 Uhr Seite 26

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Der Klassiker zur Einführung in die Makroökonomik.

Makroökonomik

Im Mittelpunkt stehen Darstellung und Vergleich des Güter-, Geld- und Arbeitsmarktes sowie des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts bei „Klassikern“ und „Keynesianern“. Die Schwerpunkte:

– Einordnung und Gegenstand der Makroökonomik

– Methoden der Analyse des Wirtschaftsprozesses

– Der Wirtschaftskreislauf

– Ergebnis des Wirtschaftskreislaufs

– Globalgrößen des Arbeitsmarktes

– Der Gütermarkt

– Der Geldmarkt

– Der Arbeitsmarkt

– Gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht

– Klassischer Ansatz und angebotsorientierte Wirtschaftspolitik

– Keynesianischer Ansatz und nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik

Die Neuauflage

ist insgesamt überarbeitet und aktualisiert. Geblieben ist jedoch ein besonderes Anliegen dieses Buches: die Präsentation der makroökonomischen Standardmodelle in einer möglichst verständlichen Form. Dies findet seinen Ausdruck unter anderem in einer Vielzahl von Abbildungen und Zahlenbeispielen.

Der Autor

Prof. Dr. Gerhard Mussel unterrichtet Volkswirtschaftslehre an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart.

Zielgruppe

Das Buch wendet sich an Studierende der Wirtschaftswissenschaften an Universitäten, Fachhochschulen und Akademien.

"Zum Erfolgsrezept des Autors gehört auch, die mathematischen Ausführungen auf das erforderliche Mindestmaß zu beschränken. Der Leser wird also nicht mit Formeln und Funktionen überschwemmt, die für das Verständnis gesamtwirtschaftlicher Zusammenhänge oft eher hinderlich sind."

in: Studium, Wintersemester 07/08, zur 9. Auflage 2007