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1 Kommunikation in:

Stefan Müller, Katja Gelbrich

Interkulturelle Kommunikation, page 9 - 40

1. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4600-5, ISBN online: 978-3-8006-4601-2, https://doi.org/10.15358/9783800646012_9

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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Te il A Teil A: Einführung & theoretische Grundlagen Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 1 1 Kommunikation 1.1 Begriffe & Abgrenzungen Kommunikation Im Mittelpunkt dieses Buches steht die inhaltliche Seite von Kommunikation: ihre – häufig kulturell, religiös oder durch die jeweilige Sprachstruktur geprägte – Verständigungsfunktion. Von großem Interesse sind überdies die intrakulturellen und die interkulturellen Kommunikationsprobleme. Im Übrigen dient Kommunikation nicht nur der Verständigung, sondern häufig auch der Machtdemonstration bzw. Machtausübung. Mit der formalen Seite von Kommunikation befassen sich Linguisten, Sprachwissenschaftler und verwandte Disziplinen. Interkultur In der Alltagssprache begegnet uns der Begriff der Kultur in vielfältigen Spielarten (vgl. Abb. 1), etwa in der schichtspezifischen Differenzierung und Wertung des Kulturbegriffs: • Hochkultur (= Gesamtheit der Normen und Werte des Bildungsbürgertums; ⇒ Kultur), • Modalkultur (= Gesamtheit der Normen und Werte des Bürgertums), • Gegenkultur (= Gesamtheit der Normen und Werte von Subkulturen wie den Hackern oder den Gothics). Teil A: Einführung & theoretische Grundlagen 1.1 Begriffe & Abgrenzungen „Die westliche Kultur hat ein großes Maul und kleine Ohren.“ G. Tandwa (Professor für Philosophie, Universität Yaounde, Kamerun) Inhaltsverzeichnis 1.1 Begriffe & Abgrenzungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3 1.2 Kommunikation & kulturelle Diversität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6 1.2.1 Intrakulturelle Kommunikationsprobleme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6 1.2.2 Interkulturelle Kommunikationsprobleme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6 1.2.3 Überblick über die sieben Kapitel des Buches . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 1.3 Modelle & Theorien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 1.3.1 Kommunikationsmodelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 1.3.2 Anthropologische Kommunikations- und Kulturtheorie von Hall & Hall . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18 1.4 Interkulturelle Kompetenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28 1.4.1 Ein Strukturmodell . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28 1.4.2 Sonstige Formen von Kompetenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 2 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 3 4 Teil A: Einführung & theoretische Grundlagen Modalkultur (Kultur der Mehrheitsgesellschaft) Subkultur (Kultur der Außenseiter) Trivialkultur (Massen-, Volkskultur) Hochkultur (Kultur des Bildungsbürgertums und der Eliten) Abb. 1: Erscheinungsformen von Kultur Der Begriff der „Inter-Kultur“ geht auf Müller-Jacquier (1986) zurück. Wie die von Thomas (2003e) entwickelte Schemaskizze verdeutlicht, entsteht etwas vollkommen Neuartiges, wenn Angehörige unterschiedlicher Kulturen interagieren: die Interkultur (vgl. Abb. 2). Charakteristisch für diese virtuelle Drittkultur ist das in jeder interkulturellen Überschneidungssituation aufs Neue und in einmaliger Weise geschaffene Spannungsverhältnis zwischen dem Eigenen (= dem Vertrauten) und dem Fremden (= dem Unvertrauten). Abhängig von einer Reihe von Kontextfaktoren (z.B. Ethnozentrismus, interkulturelle Kompetenz) kann dieses Spannungsverhältnis als anregend oder überfordernd erlebt werden. Eigenkultur „Das Eigene“ Kulturelle Überschneidungssituation Fremdkultur „Das Fremde“ „Das Interkulturelle“ Abb. 2: Interkultur als Ergebnis der Interaktion von Eigen- und Fremdkultur Quelle: auf Basis von Thomas (2003e, S. 46). Interkulturelle Kommunikation Barmeyer (2004, S. 79) definiert Interkulturelle Kommunikation als „Austausch und Interaktion von Ideen, Bedeutungen und Gefühlen durch symbolische Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 4 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 5 1.1 Begriffe & Abgrenzungen 5 Zeichen (z.B. gesprochene, geschriebene Sprache oder Gestik und Mimik) oder Handlungen zwischen Personen mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund“. Damit grenzt er Interkulturelle Kommunikation insofern gegenüber Internationaler Kommunikation ab, als Interkulturelle Kommunikation „grundsätzlich auch innerhalb einer Nation stattfinden kann, nämlich zwischen Vertretern verschiedener ethnischer Gruppen“ (Lüsebrink 2008, S. 8). Im weiteren Verlauf konkretisiert Barmeyer (2004, S. 79 f.) sein Verständnis von Interkultureller Kommunikation: „Durch die Unterschiedlichkeit von Annahmen, Wissensbeständen, Werten, Gefühlen sowie Denk- und Verhaltensweisen der Interaktionspartner kommt es zu divergierenden Bedeutungszuschreibungen, weshalb der interkulturelle Kommunikationsprozess komplizierter verläuft als der intrakulturelle Kommunikationsprozess.“ Im Übrigen schließen wir uns dem von H.-J. Lüsebrink vorgeschlagenen Begriffsverständnis an. Es reicht weiter und erfasst nicht nur die verschiedenen Formen der interpersonalen Kommunikation (vgl. Kap. B), sondern auch die Ebene der „mediatisierten Interkulturellen Kommunikation“ (Lüsebrink 2008, S. 8). Diese unter Einsatz der klassischen und der modernen Medien betriebene Art der Kommunikation bezeichnen wir als Kommerzielle Kommunikation (vgl. Kap. F). Interkulturelle Wirtschaftskommunikation Wie Abb. 3 zum Ausdruck bringt, gehen wir von einem weiter gefassten Kommunikationsbegriff aus: Er schließt nicht nur die verbale, nonverbale, paraverbale und extraverbale Kommunikation ein, sondern auch das Informations-, Entscheidungs- und Kaufverhalten. Bolten (2007), Müller (1991) und andere haben dafür den Begriff der Interkulturellen Wirtschaftskommunikation geprägt. Darüber hinaus behandeln wir in diesem Buch mit „Religion“ und „Sprache“ zwei der wichtigsten Antezedenzen der Landeskultur. Landeskultur Normen & Werte Einstellungen & Lebensstil Informationsverhalten Kommunikationsverhalten Entscheidungsverhalten Kaufverhalten Religion (vgl. Lavoie /Chamlee- Wright 2000) (vgl. Huntington 1996) Sprache Abb. 3: Antezedenzen und Konsequenzen der Landeskultur Interkulturelle vs. Internationale Kommunikation Kommunikation vs. Interkulturelle Wirtschaftskommunikation antecedens (lat.) = das Vorausgehende, die Ursache Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 4 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 5 6 Teil A: Einführung & theoretische Grundlagen 1.2 Kommunikation & kulturelle Diversität 1.2.1 Intrakulturelle Kommunikationsprobleme Sven ist sauer. Stinksauer. Vergangene Woche hatte seine Arbeitsgruppe vereinbart, dass bis heute jeder das erste Kapitel des zur Prüfungsvorbereitung notwendigen Skripts liest. Denn angesichts des nahenden Klausurtermins wollte man sofort mit der Arbeit beginnen und keine Zeit mit dem üblichen Vorgeplänkel verlieren. Und nun behaupten Katharina und Jürgen, das sei ganz anders gemeint gewesen. Sie hätten es so verstanden, dass jeder sich zunächst ’mal einen Überblick verschaffen solle, damit man heute festlegen könne, wer welches Kapitel eingehend liest und dazu einen Fragenkatalog erarbeitet. Christoph versucht, wie üblich, durch Scherze das Problem zu überspielen, und Andrea schweigt – auch wie üblich. Jeder kennt derartige Situationen, in denen die Begrenztheit zwischenmenschlicher Kommunikation offenbar wird. Worte erweisen sich dann als weniger eindeutig, als es den Anschein hat: • Ist das schöne neue Kleid wirklich „schön“? Oder soll das Kompliment nur helfen, einen Konflikt zu vermeiden? Was heißt überhaupt „schön“? Liegt Schönheit nicht im „Auge des Betrachters“? • Ist das Appartement, welches der Makler als „hell und freundlich“ anpreist, sonnendurchflutet, oder muss man es tagsüber nur an sehr regnerischen Tagen künstlich beleuchten? • Markus hat so merkwürdig verlegen-süffisant gelächelt, als er sich das Versprechen abringen ließ, im Keller für Ordnung zu sorgen. Macht er sich über meine Ordnungsliebe nur lustig? Oder hat er womöglich gar nicht vor, das Gerümpel in den Wertstoffhof zu schaffen? • Warum fällt Alexander mir eigentlich immer ins Wort? Ist er unhöflich oder sind meine Ansichten so uninteressant? 1.2.2 Interkulturelle Kommunikationsprobleme Die Schwierigkeiten potenzieren sich und erlangen eine ganz eigene, häufig unangenehme Qualität, wenn die Gesprächspartner ihre Sprachcodes und Sprachroutinen in unterschiedlichen kulturellen Umfeldern erworben haben. Ein drastisches Beispiel dafür, was geschehen kann, wenn Angehörige verschiedener Kulturen miteinander kommunizieren, lieferte ein Japan-Besuch der deutschen Fußballnationalmannschaft. Der nette Herr O. „Oliver Kahn wollte einfach nur nett sein. Passend zu seinem neuen freundlichen Image erwidert der Torwart der deutschen Nationalelf die Begrüßung einer Japanerin bei der Ankunft in Miyazaki mit zwei herzhaften Schmatzern auf deren Wangen. Doch die junge Frau erstarrte vor Schreck. Und vor Scham. Übertragen auf die Konventionen der japanischen Gesellschaft, in der zwischenmenschlicher Körperkontakt in der Öffentlichkeit praktisch nicht vorkommt und sogar Händeschütteln Gänsehaut verursacht, hatte sie gerade auf offener Straße Sex mit einem Fremden gehabt.“ Finkenzeller (2002) 1.2 Kommunikation & kulturelle Diversität Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 6 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 7 1.2 Kommunikation & kulturelle Diversität 7 Kulturbedingte Kommunikationsprobleme sind deshalb so brisant, weil kulturelle Diversität einer der Megatrends unserer Zeit ist. Sicht- und greifbar wird dieses Phänomen in den unterschiedlichsten Statistiken (vgl. Tab. 1). So wird Jahr für Jahr der „Reiseweltmeister“ gekürt. Je nachdem, welchem Maßstab man dabei anlegt, sind dies … • Deutschland (= Gesamtausgaben), • Österreich (= Pro-Kopf-Ausgaben) oder • China (= Anzahl Auslandsreisende: 2011 reisten 70,2 Mio. Chinesen ins Ausland). Auch Studenten begeben sich zunehmend auf Reisen und erkunden das Fremde: In den Ferien mit einem InterRail-Ticket, das unbegrenztes Bahnfahren in 30 europäischen Ländern ermöglicht, und während der Vorlesungszeit als Erasmus- Studenten. Mitte der 1980er-Jahre war ein Auslandssemester noch eine Angelegenheit von Exoten und Mutwilligen. Heute sinken in vielen Berufsfeldern die Aussichten drastisch, wenn man seine gesamte Studienzeit im Inland verbracht hat, womöglich in der dem eigenen Geburtsort nächstgelegenen Universitätsstadt. Tab. 1: Indikatoren kultureller Diversität Ausgaben für Auslandsreisen (2011, in Mrd. €) DAX-Unternehmen (mit dem größten vs. dem geringsten Anteil ausländischer Mitarbeiter) Mitarbeiter weltweit (2009, in 1.000) Anteil ausländischer Mitarbeiter (in %) Teilnehmer Erasmus-Programm 1987/88 2006/07 Deutschland 64 Fres. Med. Care 68,0 94,3 Belgien 58 5.119 USA 61 Adidas 39,6 91,1 Dänemark 57 1.587 Großbritannien 41 Linde 47,7 84,6 Deutschland 649 23.884 Frankreich 31 Beiersdorf 20,3 70,0 Frankreich 895 22.981 Kanada 24 Merck 33,1 68,8 Griechenland 39 2.465 Japan 23 ……… ……. ……. Großbritannien 925 7.235 Italien 22 Daimler 256,4 36,5 Irland 112 1.524 Niederlande 18 K+S 15,2 33,0 Italien 220 17.195 Australien 16 Commerzbank 62,7 26,9 Niederlande 169 4.502 Belgien 15 BMW 96,2 24,8 Portugal 25 4.424 Spanien 14 Salzgitter 25,6 21,5 Spanien 95 22.322 Quellen: Statistisches Bundesamt; Geschäftsberichte 2009; Europäische Kommission. Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 6 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 7 8 Teil A: Einführung & theoretische Grundlagen Auch in anderen Lebensbereichen sammeln immer mehr Menschen Erfahrungen mit fremden Ländern und Kulturen, etwa am Arbeitsplatz. Denn längst bevor die Euro-Krise arbeitslose griechische, italienische und spanische Ingenieure veranlasste, in der prosperierenden deutschen mittelständischen Wirtschaft ihre Chance zu suchen, hat die Großindustrie die Zeichen der Zeit erkannt: kulturelle Vielfalt. Ein Blick in die Geschäftsberichte der umsatzstärksten börsennotierten deutschen Unternehmen zeigt, dass erfolgreiche Organisationen immer mehr Mitarbeiter mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund beschäftigen. Selbst in den DAX- Unternehmen, die noch stark auf den inländischen Arbeitsmarkt konzentriert sind, ist bereits jeder vierte Mitarbeiter ausländischer Herkunft (vgl. Tab. 1). So unterschiedlich diese Statistiken auch sein mögen: Sie alle belegen, dass „interkulturelle Kontaktsituationen“ eher die Regel als die Ausnahme sind: Immer häufiger begegnen Menschen Angehörigen fremder Kulturen. Wie sie dabei kommunizieren, ist Gegenstand dieses Buches. Im Einzelnen werden behandelt: • ,cultural universals‘ der Kommunikation, • kulturspezifische Kommunikationstechniken, • kulturbedingte Missverständnisse etc. 1.2.3 Überblick über die sieben Kapitel des Buches Kap. A: Theoretische Grundlagen Im Mittelpunkt des ersten Kapitels steht die Diskussion der Schlüsselkonzepte „Kultur“ (vgl. Abb. 4) und „Kommunikation“ (vgl. Abb. 5). Auf die knappe Darstellung der verschiedenen Modelle, die im Laufe der vergangenen 50, 60 Jahre entwickelt wurden, um den Kommunikationsprozess erklären zu können (z.B. lineare und symmetrische Kommunikation), folgt eine ausführlichere Erörterung der Kulturtheorie von Hall & Hall, die man mit Fug und Recht auch Kommunikationstheorie nennen kann. Denn die Maxime der beiden Wissenschaftler lautet: „Culture is communication.“ Universum Mentale Kultur Soziale Kultur Materielle Kultur Artefakte Mentefakte NaturKultur Abb. 4: Strukturmodell der Kulturforschung Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 8 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 9 1.2 Kommunikation & kulturelle Diversität 9 Als überaus einflussreich haben sich folgende der von Hall & Hall in die Diskussion eingeführten Konzepte erwiesen: • Kontext (z.B. Grad der Kontextabhängigkeit der Kommunikation [vgl. Tab. 2] und der Grad der Direktheit/Indirektheit der Kommunikation), • Proxemik (z.B. Intensität des Körperkontakts bei der interpersonalen Kommunikation; vgl. Tab. 2), • Chronemik (z.B. monochrones vs. polychrones Zeitverständnis). Tab. 2: Kurzcharakteristik zweier wichtiger Konzepte der Hall’schen Kulturtheorie Kulturtyp Abkürzung Besonderheit Quelle Low Context- vs. High Context- Kultur LC- vs. HC-Kultur Angehörige von HC-Kulturen erschließen die konkrete Bedeutung kommunikativer Signale in hohem Maße aus deren Zusammenhang, während in LC-Kulturen vorwiegend explizit und direkt kommuniziert wird. Hall (1976) Low Touch- vs. High Touch- Kultur LT- vs. HT-Kultur In LT-Kulturen fällt der vergleichsweise seltene und zumeist ritualisierte zwischenmenschliche Körperkontakt kürzer und flüchtiger aus als in HT-Kulturen. Hall (1963) Den Abschluss dieses Kapitels bildet eine kurze Darstellung der Kulturtheorien von Hofstede (2001) sowie von House et al. (2004). Letztere wurde unter dem Akronym GLOBE bekannt. Kap. B: Interpersonale Kommunikation Menschen kommunizieren auf vielfältige Weise (vgl. Tab. 3). Nur wenige der dabei zu beobachtenden Kommunikationsformen und Inhalte sind ,cultural universals‘, d.h. weltweit gleichermaßen verständlich. Überwiegend wird kulturspezifisch kommuniziert. Verständigung setzt deshalb nicht nur voraus, dass die Beteiligten über interkulturelle Kommunikationskompetenz verfügen (z.B. Empathie, Toleranz, Relativierungsvermögen), sondern auch in der Lage sind, kulturspezifische Signale zu decodieren: z.B. … • Grußformeln und Regeln des Small Talk (= verbale Kommunikation), • Stimmlage, Tonhöhe und Lachen (= paraverbale Kommunikation), • Mimik, Gestik sowie Art und Dauer des Blickkontakts (= nonverbale Kommunikation), • Distanz und Nähe, körperliche Begrüßungsrituale und Gastgeschenke (= extraverbale Kommunikation). Ein Vergleich der einschlägigen Usancen von Deutschen und Franzosen offenbart die Kulturabhängigkeit des Kommunikationsstils: Abschiedsfloskeln und höchst kunstvoll verschlungene Imponier-Unterschriften, wie sie in Frankreich auch in Geschäftsbriefen üblich sind, mögen uns antiquiert erscheinen, als: „Umgangsformen wie am Hofe des Sonnenkönigs“ (Häg 2002, S. 24). Zwar haben sich auch dort die Zeiten geändert. Aber nach wie vor dienen liebenswürdige Begrüßungs- Kommunikationsstil: Art und Weise der kommunikativen Praxis. Bolten (2007, S. 76) Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 8 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 9 10 Teil A: Einführung & theoretische Grundlagen und Abschiedsfloskeln, Nuancierungen und Wortspiele, gekonnt formulierte Komplimente und charmante Übertreibungen in Frankreich ein und demselben Ziel: eine die Geschäfte fördernde, angenehme Atmosphäre zu schaffen. Der „gradlinige“, zielorientierte Kommunikationsstil, den die überwiegende Mehrzahl der Deutschen im Einklang mit ihrer Landeskultur gerade im Geschäftsleben für angemessen hält, wirkt auf Franzosen formlos, grob und uninspiriert. Angehörige beider Nationen wären allerdings vermutlich gleichermaßen schockiert, wenn ihre chinesischen Geschäftspartner sie mit den Worten „Sie sind aber schön dick geworden“ begrüßten. Als Nicht-Chinesen mit den Gebräuchen des Landes unvertraut, bemerkten sie vermutlich nicht, dass ihnen soeben ein großes Kompliment zuteil wurde. Denn nur der beruflich Erfolgreiche wird zu vielen Geschäftsessen eingeladen (vgl. Stehle-Wolters 1996). Vom Small-Talk zum Big Business: das Beispiel Russland • Persönliche Kommunikation ist Bestandteil russischer Geschäftskultur und wird anderen Kommunikationsformen vorgezogen. Russen möchten ihre Geschäftspartner kennen lernen. Wer sich öffnet, signalisiert Bodenständigkeit, Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit. • Schwacher Blickkontakt sollte nicht überbewertet werden. Dies ist der Kulturstandard. • Im modernen Russland wird auf hochwertige Kleidung Wert gelegt. Männer tragen Anzug und Krawatte. Es ist wichtig, nicht jeden Tag die gleiche Krawatte zu tragen. • Bei Tisch lautet der Kulturstandard: gut und viel essen. Sonst könnte der Gastgeber annehmen, das Essen habe nicht geschmeckt. Die Bedienung wird durch Blickkon- Tab. 3: Formen der interpersonalen Kommunikation Kommunikationsform Definition Kulturbedingte Besonderheiten Verbale Kommunikation Gesamtheit der sprachgebundenen Ausdrucksformen Inuits verfügen über weit mehr Begriffe, um über ihre Erfahrungswelt „Schnee und Eis“ sowie das Farbspektrum Weiß-Blau zu kommunizieren, als Mitteleuropäer (Araber = Farbspektrum Gelb–Braun– Ocker; Bewohner des Amazonasgebietes = Farbspektrum Grün) Nonverbale Kommunikation Gesamtheit der nicht-sprachlichen Ausdrucksformen (Gesichtsausdruck, Körpersprache, Schweigen etc.) „Aufgerissene“ Augen interpretieren Deutsche als Ausdruck von Erstaunen, Japaner und andere Asiaten hingegen als Zeichen von Verärgerung. Paraverbale Kommunikation Gesamtheit der die verbale Kommunikation unterschwellig begleitenden Ausdrucksformen (Sprechgeschwindigkeit, -rhythmus, -pausen etc.) Das in Ostasien verbreitete „soziale Lächeln“ ist Angehörigen des westlich-individualistischen Kulturkreises fremd. Extraverbale Kommunikation Gesamtheit der die übrigen Kommunikationsformen begleitenden Ausdrucksformen der Zeit und des Raumes Nordamerikanern (Nordeuropäern etc.) ist ein größerer Körperabstand zwischen sich und anderen angenehm als Südamerikanern (Südeuropäern etc.) Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 10 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 11 1.2 Kommunikation & kulturelle Diversität 11 takt herbeigerufen. Herbeiwinken und explizites Ansprechen galten lange Zeit als unhöflich. Bei der Rechnung interessiert nur die Summe. Es gilt als ungehobelt, die Rechnung eingehend zu studieren. • Bisweilen sind russische Gesprächspartner mehr an der Persönlichkeit ihres Gegen- übers als an der Agenda interessiert. • Das erste Gespräch ist üblicherweise eine Formalität und dient dazu, die Glaubwürdigkeit ihres Gegenübers und dessen Unternehmen zu erkunden. • Russland ist eine HC-Kultur. Deshalb sind der Gesamtkontext, die Körpersprache, die Mimik, das Raumverhalten, Statussymbole etc. wichtige Informationsquellen. • Präsentationen sollten leicht zu verstehen sein. Die in westlichen Ländern üblichen visuellen Effekthaschereien irritieren nur. Aussagen sollten durch Zahlen und Fakten belegt werden. • Entscheidungen brauchen einen langen Atem. Sie werden nur von der Hierarchiespitze getroffen. Untergeordnete Mitarbeiter haben zumeist wenig Entscheidungskompetenz. • Die meisten Geschäfte werden beim Abendessen besiegelt. Das Arbeitsfrühstück ist nicht Teil der russischen Geschäftskultur. • Verträge werden nicht als unumstößlich angesehen. Quelle: Pfister International Group 2007; leicht modifiziert. Kap. C: Einfluss der Landeskultur Die Sicherheit des Luftverkehrs hängt u.a. von der Transparenz und Offenheit der Kommunikation zwischen Pilot, Co-Pilot und den anderen Beteiligten ab (z.B. Bordpersonal, Tower-Besatzung). Wie im Folgenden am Beispiel Koreas gezeigt wird, geraten Angehörige von machtdistanten Gesellschaften (vorzugsweise Afrika, Asien, Naher Osten) aufgrund der zahlreichen Hierarchie- und Statusunterschiede, denen sie Rechnung tragen müssen, immer wieder in unlösbare Konfliktsituationen (vgl. Gladwell 2009). Korean Air erlitt nicht zuletzt aufgrund der hierarchischen Überund Unterordnung von Pilot und Co-Pilot in den 1990er-Jahren einige Abstürze und stand kurz vor der Insolvenz. Deshalb ließ die Fluggesellschaft ihre Piloten von Alteon, einem US-amerikanischen Unternehmen, schulen. Sie sollten u.a. lernen, aus ihrer durch die Landeskultur vorgegebenen Rolle herauszutreten. Als Schlüssel zur Lösung des Problems erwies sich die Sprache. „Wenn die Piloten Englisch sprachen, konnten sie sich aus der koreanischen Hierarchie befreien. Seit 1999 hat Korean Air eine makellose Sicherheitsstatistik“ (Blech 2009, S. 119). Dieses Beispiel belegt den engen Zusammenhang, der zwischen Landeskultur, Sprache und Kultur besteht. Tab. 4: Kulturdimensionen nach G. Hofstede im Überblick Englischsprachige Bezeichnung Deutschsprachige Bezeichnung Abkürzung Individualism Index Individualismus vs. Kollektivismus IDV Long-term Orientation Langfrist- vs. Kurzfristorientierung LTO Masculinity Index Maskulinität vs. Feminität MAS Power Distance Index Akzeptanz von Machtdistanz PDI Uncertainty Avoidance Index Ungewissheitsvermeidung UAI Akzeptanz von Machtdistanz: Eine der fünf Kulturdimensionen, welche G. Hofstede vorgeschlagen hat. Das gebräuchliche Kürzel lautet PDI (vgl. Tab. 4). Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 10 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 11 12 Teil A: Einführung & theoretische Grundlagen Kap. D: Einfluss der Religion Angesichts ihrer theologischen Divergenzen kann es nicht überraschen, dass die Weltreligionen (Judentum, Christentum, Islam, Buddhismus und Hinduismus) verschiedene Lebensbereiche grundlegend beeinflusst haben. Nicht zuletzt formten sie, wie in diesem Kapitel gezeigt wird, durch ihre jeweiligen Werte und Schlüsselkonzepte (vgl. Tab. 5) Art und Weise der zwischenmenschlichen Kommunikation. Obwohl der Konfuzianismus keine Religion ist, wird auch er in diesem Kapitel behandelt. Denn diese Staats- und Gesellschaftslehre erfüllt im ostasiatischen Raum in vielerlei Hinsicht religionsähnliche Funktionen (⇒ Staat; ⇒ Gesellschaft). Tab. 5: Identitätsstiftende Werte & Konzepte der Weltreligionen und des Konfuzianismus Weltreligion Identitätsstiftende Werte & Konzepte Buddhismus Leid und Toleranz Christentum, Judentum Sünde, Bekenntnis und Vergebung Würde des Mitmenschen Schuld Armut und Reichtum (Prädestinationslehre) Hinduismus Reinheit, Entsagung und Schonung aller Lebewesen Islam Barmherzigkeit, Ehre Konfuzianismus Stabilität und Ordnung, Harmonie und Loyalität, Leistung Scham, Schande Kap. E: Einfluss der Sprache Kulturen unterscheiden sich am offensichtlichsten durch ihre Sprachen und die Art und Weise, wie ihre Mitglieder miteinander kommunizieren (vgl. Huntington 1996). So differenziert die deutsche Sprache, wie auch das Französische, zwischen Baum (= ,arbre‘), Holz (= ,bois‘) und Wald (= ,foret‘). Im Dänischen hingegen werden alle drei Sachverhalte mit ein und demselben Begriff bezeichnet: ,trœ‘. Dies führt zu der Frage, ob der unterschiedliche Grad an semantischer Differenziertheit mehr als ein Übersetzungsproblem ist? Lässt sich daraus bspw., wie in der Sapir- Whorf-Hypothese unterstellt, auf entsprechende kognitive Unterschiede schlie- ßen? Oder reflektiert die in diesem Bereich geringere sprachliche Differenziertheit des Dänischen lediglich die faktisch geringere Bedeutung, die Bäume und Holz in einem Land wie Dänemark haben. Warum bestehen, um ein anderes Beispiel anzuführen, systematische Unterschiede in der Art und Weise, wie in Europa geschimpft, beleidigt bzw. geflucht wird? Während im deutschsprachigen Raum dabei zumeist die Fäkalsprache dominiert, überwiegen im „restlichen“ Europa sexuelle Bezüge. Wenn etwa der uns sprachlich eigentlich nahestehende Holländer sagt: „Ich fühl mich hodig“, dann meint er nichts anderes als: „Ich fühl mich besch …“. Woher rührt diese Eigen art der Deutschen? Haben sie, wie manche meinen, bei der Entwicklung ihres Nationalcharakters die anale Phase nicht überwunden? Ist dies die Kehrseite ihres angeblichen Reinlichkeitswahns? Oder handelt es sich um einen letztlich nicht Anteil der Waldfläche an der Gesamtfläche: Dänemark = 11,3 % Deutschland = 29,5 % Frankreich = 31,1 % Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 12 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 13 1.2 Kommunikation & kulturelle Diversität 13 erklärbaren „linguistischen Sonderweg“ (Gauger 2012), den die Deutschen eher zufällig im Mittelalter eingeschlagen haben? Aufgrund ihrer sprachlichen Besonderheiten differieren Sprach- und Kulturräume in vielerlei Hinsicht, bspw. hinsichtlich der präferierten Denk- und Problemlösungsstrategien sowie ihres Welt- und Menschenbildes. Zu den Besonderheiten zählen weiterhin kulturspezifische … • Sprachcodes und Sprachroutinen, • Sprachstrukturen und Sprachstile. In welchem Maße Kommunikations- und Unternehmensstrategien davon betroffen sein können, belegt folgendes Beispiel. Bayer musste in Ländermärkten, deren Bewohner Worte, die auf „ … n“ enden, nur schwer aussprechen können, Aspirin umbenennen, bspw. für den portugiesisch- und den spanischsprachigen Raum in Aspirina. Dies ist insofern bemerkenswert, als im Regelfall die Unternehmen allergrößten Wert darauf legen, Markennamen (Produktmarken, Unternehmensmarke) möglichst weltweit zu standardisieren. Kap. F: Kommerzielle Kommunikation Jede Form von Kommunikation, welche mittelbar bzw. unmittelbar den Absatz von Waren oder Dienstleistungen fördert, wird als kommerzielle Kommunikation eingestuft. Diesem Zweck dienen allen voran Printwerbung und elektronische Werbung – die klassischen Beeinflussungsstrategien der Unternehmen. Auch Verkaufsförderung, Online-Werbung und Vergleichende Werbung werden aus diesem Grund betrieben (⇒ Beeinflussbarkeit). Andere Instrumente der kommerziellen Kommunikation sind primär dazu bestimmt, das Erscheinungsbild eines Unternehmens, einer sonstigen Organisation oder einer natürlichen Person, welche eine Tätigkeit im Handel, Gewerbe bzw. Handwerk oder einen freien Beruf ausübt, in einer gewünschten Weise zu gestalten: Public Relations, Sponsoring und Reputationsmanagement. Im Kontext des Gemeinschaftsrechts der Europäischen Union regelt eine Reihe von Gesetzen Art und Intensität insb. der elektronischen Formen der kommerziellen Kommunikation. Aufgrund des „Gesetzes zum Elektronischen Geschäftsverkehr“ ist sie eindeutig als solche zu kennzeichnen. Vor allem dann, wenn es sich um nicht angeforderte kommerzielle Kommunikation handelt, muss der werbliche Charakter der Maßnahme für einen durchschnittlich informierten Verbraucher eindeutig erkennbar sein. Auch muss der Auftraggeber – sei es eine natürliche oder eine juristische Person – identifizierbar sein. Diesem Gebot unterliegen weiterhin Gewinnspiele, Preisnachlässe, Preisausschreiben, Zugaben, Geschenke und andere denkbare Formen der Verkaufsförderung. Nicht zuletzt muss jedermann problemlos in den Genuss dieser Maßnahmen kommen können. Die Bedingungen, unter denen dies möglich ist, sind klar und unzweideutig zu kommunizieren. Kap. G: Stile der Kommunikation In Verhandlungssituationen lassen sich, wie in vielen anderen sozialen Interaktionen auch, charakteristische, kulturell bedingte Argumentationstechniken, Verhandlungsstile und Urteilsverzerrungen beobachten. Während Europäer im Deduktiver Argumentationsstil: Leitet aus dem Allgemeinen das Spezielle ab. Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 12 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 13 14 Teil A: Einführung & theoretische Grundlagen Regelfall ihr Verhandlungsziel möglichst direkt anstreben, wobei mit fortschreitender Zeit idealerweise immer mehr Widerstände aus dem Weg geräumt werden, verläuft die chinesische Verhandlungsführung oft in „Schleifen“: Man kommt auf das scheinbar schon abschließend Geklärte noch einmal zurück, diesmal möglicherweise aber aus einem anderen Blickwinkel. Außerdem argumentieren Personen, die im individualistisch-westlichen Kulturraum aufgewachsen sind, meist deduktiv. Chinesen und andere hingegen sind darin geschult, anhand vieler Details eine generelle Lösung zu erarbeiten. Als Verhandlungsführer sollten In kollektivistischen Ländern vorzugsweise ältere Mitarbeiter eingesetzt werden, da sie dort allein schon ihres Alters wegen eine besondere Wertschätzung erfahren. Auch das Geschlecht der Entsandten ist zu beachten. Nach wie vor werden in weiten Teilen der Welt Frauen nicht in einer führenden Funktion akzeptiert. Die Fähigkeit zur Konfliktlösung hängt u.a. ab von (vgl. Tab. 6): • Konfliktbereitschaft (Wahrscheinlichkeit, Interessenunterschiede aufzudecken und aufzulösen), • Konfliktstil (Präferenz für eine bestimmte Art und Weise, mit Konflikten umzugehen) und den verschiedenen • Strategien des Konfliktmanagements. Tab. 6: Konfliktstile & Strategien des Konfliktmanagements Harmoniemodell Konfrontationsmodell Regulationsmodell Ausgangsbedingung (Art und Intensität von Konflikten) Berücksichtigung wechselseitiger Interessen und Verpflichtungen (geringe Intensität) Akzeptanz individualistischer Ziele (starke Intensität) zahlreiche verbindliche Regeln und Vorgaben (geringe Intensität) Kognitive Reaktion ganzheitliche, kontextorientierte Interpretation des Konflikts analytische Interpretation des Konflikts (Differenzierung einzelner Aspekte des Konflikts) analytische Interpretation des Konflikts (nach Maßgabe universeller Prinzipien) Emotionale Reaktion negative Gefühle unterdrücken negative Gefühle ausdrücken negative Gefühle ausdrücken Verhalten (Konfliktstil) Vermeiden bzw. Anpassen Konfrontation bzw. Kompromiss Vermeiden bzw. Zwang Erfolgskriterien Wahrung des Gesichts Art und Ergebnis der Konfliktlösung Art und Ergebnis der Konfliktlösung Intervention durch … • Dritte häufig, nachhaltig, informell seltener, wenig nachhaltig formell • das Management ➢➢ Methode Mediation Argumentative Unterstützung Restrukturieren, Laissez-faire ➢➢ Oberstes Prinzip Harmonie und Scham Vernunft und Fairness Vernunft und Absprache Quelle: auf der Basis von Kozan (1997, S. 354). Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 14 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 15 1.3 Modelle & Theorien 15 1.3 Modelle & Theorien 1.3.1 Kommunikationsmodelle Lineare Kommunikationsflussmodelle Lasswell-Formel. Lasswell (1948) strukturierte den Kommunikationsprozess aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht. Dieses simple Ablaufschema („Wer → sagt was → zu wem → mit welchem Effekt?) war indessen nicht dazu bestimmt, den Kommunikationsprozess zu erklären. Vielmehr wollte H.D. Lasswell damit lediglich beschreiben, welche kommunikationswissenschaftlichen Disziplinen dieses Forschungsfeld bearbeiten. • Wer? (= Kommunikator: Erkenntnisobjekt der Kommunikatorforschung) • sagt was? (= Botschaft: Erkenntnisobjekt der ⇒ Inhaltsanalyse) • in welchem Kanal? (= Medium: Erkenntnisobjekt der Medienkunde) • zu wem? (= Rezipient, Publikum: Erkenntnisobjekt der Publikumsforschung) • mit welchem Effekt ? (= Wirkung: Erkenntnisobjekt der Wirkungsforschung). Allgemeines Kommunikationsflussmodell. Ausgehend von den Yale-Studies-of-Communication (vgl. Hovland et al. 1953) haben Kommunikationswissenschaftler, Soziologen und Sozialpsychologen das allgemeine lineare Kommunikationsflussmodell empirisch konkretisiert. Abb. 5 dokumentiert die wichtigsten der dabei identifizierten abhängigen und unabhängigen Variablen (z.B. Glaubwürdigkeit des Kommunikators, Reihenfolge der Argumente, Darbietungsform, Interesse der Rezipienten). Sender-/Empfänger-Modelle. Mit Blick auf jene Formen der Kommunikation, die auf technische Hilfsmittel angewiesen sind, führten Shannon/Weaver (1949) das Konzept des Signals in die kommunikationswissenschaftliche Diskussion ein. Es besagt, dass Mitteilungen umgewandelt werden müssen (bspw. in elektrische oder elektronische Impulse), damit Kommunikation möglich wird. Diese Umwandlung kann durch „Rauschen“ (,noise‘) gestört werden. In ihrer Theorie der optimalen Signalübertragung setzen die beiden Wissenschaftler Kommunikation mit Signalübertragung gleich. 1.3 Modelle & Theorien erklären vs. beschreiben Rauschen: Informationen ohne Informationswert Träger der Botschaft RezipientBotschaftKommunikator Glaubwürdigkeit Sympathie Durchschaubarkeit der Absichten Darbietungsstil Kompetenz Komplementarität Kontaktqualität Informationsgehalt Glaubwürdigkeit Agenda-Setting Intelligenz Interesse Selbstwertgefühl Geschlecht Qualität der Argumente Einseitige vs. zweiseitige Argumentation Reihenfolge der Argumente Implizite vs. explizite Schlussfolgerung Abb. 5: Strukturmodell der Kommunikationsforschung gemäß den Yale-Studies-of-Communication Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 14 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 15 16 Teil A: Einführung & theoretische Grundlagen Schramm (1954) nutzte den im Kontext der mathematischen Informationstheorie entwickelten Erklärungsansatz für die kommunikationswissenschaftliche Forschung. Signalübertragung lässt sich mit Blick auf die interpersonale Kommunikation demzufolge als Wechselspiel von Codieren und Decodieren, von Verschlüsseln und Entschlüsseln von Informationen beschreiben. Da bei der Faceto-Face-Kommunikation der Sender gleichzeitig Encoder ist (und der Empfänger gleichzeitig Decoder), beschränkt sich das kommunikationswissenschaftliche Sender-/Empfänger-Modell auf vier Analyseeinheiten: • Sender (bzw. Quelle), • Botschaft (bzw. Kommunikationsinhalt), • Kanal (bzw. Medium) sowie • Empfänger. Der Sender verschlüsselt („encodiert“) seine Botschaft mit Hilfe von Zeichen, Signalen, Symbolen etc. und transferiert diese mittels eines Mediums (z.B. Telefon, Telefax, Brief, persönliches Gespräch). Sodann entschlüsselt („decodiert“) der Empfänger die erhaltene Nachricht. Ob aus dem Nachrichtenaustausch Kommunikation wird, hängt davon ab, wie groß der Anteil gleichsinnig interpretierter Codes ist. Möchte bspw. ein englischer Manager einen italienischen Geschäftspartner zu einer Feier einladen, die ein „ungezwungenes Beisammensein“ sein soll, dann empfiehlt es sich, die Art der Feier („ungezwungen“) nicht durch den englischen Begriff ,informal‘ zu encodieren. Denn vermutlich wird der Italiener diesen mit ,nonformale‘ decodieren und „einen draufmachen“ verstehen. Kritische Würdigung. Die gravierendste Schwachstelle der linearen Kommunikationsmodelle ist die Simplifizierung des Kommunikationsgeschehens. Sie ignorieren, dass Kommunikation im Regelfall … • nicht statisch-linear, sondern dynamisch-rückgekoppelt ist, • kein technisches, sondern ein soziales Ereignis ist, wobei die kommunikativen Signale keine Bedeutung determinieren, sondern variable individuelle Assoziationen und Interpretationen auslösen, • nur bedeutungsvoll ist, wenn Sender und Empfänger über ein hinreichend großes gemeinsames soziales Wissen verfügen. Bsp.: Weihnachtsfeier Interkulturelle Kommunikation Englischer Gastgeber: „Ungezwungenes Zusammensein“ Italienischer Geschäftspartner „Einen drauf machen“ decodieren encodieren informel nonformale Kommunikation gemäß dem Sender-/Empfänger-Modell Sender encodieren gesendetes Signal Empfänger decodieren Kommunikation Abb. 6: Struktur des Sender-/Empfänger-Modells Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 16 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 17 1.3 Modelle & Theorien 17 Dass der Empfänger einer Botschaft diese in der gleichen Weise interpretiert wie der Sender, ist umso unwahrscheinlicher, je größer die kulturelle Distanz, die zwischen beiden besteht. Denn dann verfügen Sender und Empfänger nur über einen begrenzten gemeinsamen Zeichenvorrat. Modelle der symmetrischen Kommunikation Die einfachste Möglichkeit, der Kritik an der als realitätsfern angesehenen Linearität der vorgestellten Modelle Rechnung zu tragen, besteht darin, diese Erklärungsansätze um eine Feedback-Schleife zu erweitern. Aber auch eine simple Rückkoppelung des Kommunikationsflusses ermöglicht es nicht, das Kommunikationsgeschehen realitätsgerecht umfassend zu modellieren (vgl. Burkart 2003, S. 25). Modell des Rollentausches. Hilfreicher ist das rollentheoretisch begründete Osgood-/ Schramm-Modell. Es geht davon aus, dass alle an einer Kommunikation beteiligten Personen jederzeit die Rolle des Senders oder die des Empfängers übernehmen (d.h. encodieren, interpretieren und decodieren) und sich wechselseitig beeinflussen (vgl. Schramm/Roberts 1971). Kommunikation wird nun nicht mehr nur als (technische) Übertragung von Zeichen, Informationen etc. verstanden, sondern als (sozialer) Austausch (vgl. Schugk 2004, S. 11). Schematheorien. Die Sozialpsychologie behandelt die Sachverhalte, welche die Kommunikationswissenschaften als „Signalerkennung und Signalinterpretation“ bezeichnet, aus der Perspektive der Informationsverarbeitung als soziale Kommunikation (,information processing‘). Deren Verlauf hängt nicht nur vom Input an Signalen, sondern mehr noch vom kognitiven System des Rezipienten ab – etwa von dessen selektiver Aufmerksamkeit. Aufgrund ihrer begrenzten Informationsverarbeitungskapazität können Menschen nur einen Bruchteil der Informationen verarbeiten, die in den Signalen, die sie erreichen, enthalten sind. Schemata sind vereinfachte Abbilder der Realität. Jeder Mensch verfügt, geordnet nach … • Objektbereichen (z.B. Tiere), • Handlungen (z.B. Reiten) und • Ereignissen (z.B. Urlaub), über zahllose, zumeist hierarchisch strukturierte Schemata. Zusammengenommen zeichnen diese Schemata eine individuelle „kognitive Landkarte der Welt“ (Neisser 1976). Mit Blick auf die zwischenmenschliche Kommunikation (vgl. Kap. B) besagt die zentrale Aussage: „Der Informationsverarbeitungsprozess ist schemageleitet“. Dies hat drei Konsequenzen: (1) Selektivität. Der Empfänger wählt aus den Signalen bzw. Informationen des Senders jene aus, die in sein Schema (d.h. sein Erklärungskonzept) passen, dieses bestätigen oder in anderer Weise für ihn relevant sind. (2) Veränderung. Die Informationen, welche den Aufmerksamkeitsfilter überwunden haben, werden verarbeitet und insofern verändert, als der Empfänger sie mit den in seinen Schemata gespeicherten Informationen vernetzt. So wird ein Reiter Informationen über Reitunfälle vermutlich mit seinem Selbstschema „Ich bin ein erfahrener, vorsichtiger Reiter“ vernetzen und ihnen dadurch ihre Warnfunktion nehmen. Selektive Aufmerksamkeit: (Un) bewusste Steuerung der Informationsaufnahme. Schema: Im Gedächtnis vereinfachend repräsentierte Informationen über Personen, Objekte bzw. Ereignisse. Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 16 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 17 18 Teil A: Einführung & theoretische Grundlagen (3) Erkundung. Schemata wirken sich auch auf der Verhaltensebene aus. Reiter, welche der Information über Reitunfälle auf der kognitiven Ebene ihren bedrohlichen Charakter genommen haben, werden dies auch auf der konativen Ebene anstreben und bspw. die Nähe anderer Reiter suchen, die gleichfalls der Meinung sind, dass sie die Risiken „im Griff haben“. 1.3.2 Anthropologische Kommunikations- und Kulturtheorie von Hall & Hall 1.3.2.1 Grundlagen Der bekannte Anthropologe und Kommunikationswissenschaftler E.T. Hall gilt als Begründer der wissenschaftlichen Disziplin „Interkulturelle Kommunikation“. Als einer der ersten Vertreter der „strukturierten Kulturforschung“ (Hasenstab 1999, S. 98) wollte er übergeordnete Kriterien erkennen, definieren und beschreiben, welche es ermöglichen, die verschiedenen Landeskulturen systematisch miteinander zu vergleichen (vgl. Tab. 7). Zwischen 1959 und 1983 formulierte E.T. Hall und in den Folgejahren zumeist gemeinsam mit M.R. Hall, seiner Frau, in sechs Monographien eine vergleichsweise umfassende und überaus einflussreiche Kulturtheorie. Sie basiert auf biologischen, linguistischen sowie insb. auf kommunikationstheoretischen Überlegungen und hat die weiterführende Forschung stark beeinflusst. Da nonverbale Kommunikation weitgehend unbewusst abläuft, fließt in diese Kulturtheorie auch tiefenpsychologisches Gedankengut ein. Um seine Vorstellung von der Existenz eines kulturspezifischen kollektiven Unbewussten (,cultural unconscious‘) zu begründen, nutzte E.T. Hall die interpersonale, feldtheoretisch fundierte Theorie des Psychiaters H.S. Sullivan. Grundlegend und Anlass für seine Arbeiten aber waren E.T. Halls Erfahrungen als anthropologisch geschulter Mitarbeiter des US- Außenministeriums, der den Auftrag hatte, das wenig erfolgreiche Foreign Aid Program der USA zu evaluieren. Als wesentliche Ursache des Misserfolgs machte er die chauvinistisch-ethnozentrische Einstellung vieler damaliger Entwicklungshelfer und deren ungenügende Kenntnis fremder Kulturen aus. „Culture is communication and communication is culture.“ Hall (1959) Feldtheorie: Die von K. Lewin (1890–1947) begründete Theorie versucht, menschliches Verhalten mathematisch zu simulieren: als eine Funktion von Feldbzw. Vektorkräften, die auf das Individuum in seinem Lebens- bzw. topologischen Raum einwirken. Die auch Vektortheorie bzw. topologische Theorie genannte Feldtheorie zählt zu den Vorläufern der Gruppendynamik. Anthropologie: Ganzheitliche Wissenschaft vom Menschen und seiner Entwicklung. Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 18 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 19 1.3 Modelle & Theorien 19 1.3.2.2 Meilensteine der Entwicklung einer anthropologischen Kulturtheorie Nonverbale Kommunikation & kulturelles Unbewusstes (1959) In „The Silent Language“ skizziert Hall (1959) eine umfassende „Theorie der Kultur“ und deren Bedeutung für das individuelle sowie das kollektive Leben. Im Mittelpunkt seiner Argumentation stehen die menschliche Kommunikation im Allgemeinen wie auch deren nonverbalen, zumeist unbewussten Anteile im Besonderen (d.h. das kollektive Unbewusste einer Kultur). Eine Schlüsselrolle spielen weiterhin die ,ten primary kinds of human activity‘, die E.T. Hall in seinen späteren Arbeiten detaillierter ausführt. Neben Maskulinität vs. Feminität haben folgende Konzepte im weiteren Verlauf die kulturvergleichende Forschung entscheidend beeinflusst: • Proxemik: Raumbezug menschlichen Verhaltens, • Kontext: Umfeldbezug menschlichen Verhaltens, • Chronemik: Zeitbezug menschlichen Verhaltens. Räumliche Dimension der Kommunikation (1966) Proxemik. Im Mittelpunkt von „The Hidden Dimension“ stehen die sog. Proxemics: „… the interrelated observations and theories of man’s use of space as a specialized elaboration of culture“ (Hall 1966, S. 1). Weiteren Aufschluss gibt eine Definition, welche E.T. Hall drei Jahre zuvor veröffentlicht hat: „… the study of how man unconsciously structures microspace: The distance between men in the conduct of daily transactions, the organization of space in his houses and buildings, and ultimately the layout of his towns“ (Hall 1963, S. 1003). Zusammenfassend lässt sich Proxemiks-Forschung definieren als die Wissenschaft von der kulturbedingten … • Wahrnehmung und Nutzung des Raums • kommunikativen Dimension des Raumverhaltens, • Gestaltung von Nähe und Distanz. Maskulinität vs. Feminität: Kulturspezifische Auslegung der Geschlechterrollen (vgl. Kap. A-3.3.2). proximus (lat.) = der Nächste proximity (engl.) = Nachbarschaft, Nähe, Umgebung Tab. 7: Formen & Entwicklungsstadien der sozialwissenschaftlichen Kulturforschung Deskriptive Kulturforschung Strukturierte Kulturforschung Empirische Kulturforschung Anekdotischer Kulturvergleich Zielsetzung: Kultur definieren sowie Landeskulturen verstehen und beschreiben Tylor (1871) Qualitativer Kulturvergleich Zielsetzung: Landeskulturen anhand von Wertorientierungen beschreiben und typisieren Douglas (1992) Hall/Hall (1990) Kluckhohn/Strodtbeck (1961) Quantitativer Kulturvergleich Zielsetzung: Landeskulturen anhand von Kulturdimensionen „vermessen“ und systematisch vergleichen Hofstede (1991; 1980) House et al. (2004a) Inglehart (1997; 1977) Schwartz (1992) Trompenaars (1993) Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 18 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 19 20 Teil A: Einführung & theoretische Grundlagen Wie wir im Folgenden zeigen, wird das Verhalten im Raum von ungeschriebenen und zumeist unbewussten „territorialen Gesetzen“ gesteuert. Distanzkonzepte. Durch systematische Beobachtung identifizierte E.T. Hall insgesamt 19 Faktoren, welche das Territorialverhalten des Menschen beeinflussen. Für die zwischenmenschliche Interaktion sind vor allem die verschiedenen Kategorien von Distanz bedeutsam: intime, persönliche, soziale und öffentliche Distanz. Bei Körperkontakt besteht die geringstmögliche Distanz. Während im angelsächsisch geprägten nordamerikanischen Kulturraum die intime Distanz von 0 cm (= Körperkontakt) bis 45 cm Abstand reicht und die persönliche, dem Umgang mit Freunden vorbehaltene Distanz von 45 cm bis 120 cm, ist in anderen Regionen der von Fremden zu respektierende Intimbereich deutlich enger gefasst (z.B. Lateinamerika = 36–40 cm, Saudi Arabien = 25 cm). Dies hat u.a. folgende Konsequenz: Befolgen amerikanische und saudi-arabische Manager in einer Gesprächssituation ihren jeweiligen Kulturstandard, ohne sich dessen kultureller Relativität bewusst zu sein, wird der Amerikaner den Saudi als aufdringlich und distanzlos, dieser den Amerikaner jedoch als distanziert und unfreundlich wahrnehmen – und beide sich unbehaglich fühlen. Die Mehrzahl der Kulturräume zählt zu den sog. Low Touch-Kulturen: angefangen bei der arabisch-islamischen bis hin zur asiatisch-buddhistischen und zur  asiatisch-konfuzianischen Welt. In ritualisierter Form kommt es allerdings auch dort zu Körperkontakt (vor allem bei der Begrüßung oder beim Abschied).  Indessen fallen in diesen Regionen die landestypischen Begrüßungsrituale weitaus kürzer und „lockerer“ (z.B. Händedruck) bzw. flüchtiger (z.B. Wangenkuss) aus als bspw. in den High Touch-Kulturen Südamerika und Südeuropa (vgl. Kap. B). Anordnung. Ein weiteres Schlüsselkonzept der Proxemik ist die Anordnung: Wie sind Menschen aufeinander ausgerichtet, wenn sie miteinander kommunizieren: z.B. von Angesicht zu Angesicht, Rücken an Rücken, Seite an Seite, in einem 90°-Winkel oder ohne räumlichen Bezug? Daraus, aber auch aufgrund der Sitzordnung – d.h. der Anordnung von Gesprächspartnern um einen Tisch herum – lässt sich prognostizieren, wer mit wem sprechen wird und in welcher Weise. Im arabischen Kulturraum etwa gilt es als unhöflich, Gespräche zu führen, indem man den Gesprächspartner von der Seite her anspricht, oder indem bei einem gemeinsamen Spaziergang beide nach vorne schauen. Dort lautet der Kulturstandard: von Angesicht zu Angesicht (vgl. Hall 1990, S. 161). Validierung. Remland et al. (1991) konnten E.T. Halls Systematik des Raumverhaltens in der Realität nur partiell bestätigen. Sie ließen in drei europäischen Ländern natürliche Alltagssituationen durch Video-Aufnahmen dokumentieren. Dabei zeigte sich, dass Niederländer, die beieinander sitzen, erwartungsgemäß größeren Abstand halten als Franzosen und Engländer. Überraschenderweise aber wahrten die englischen Versuchspersonen die geringste körperliche Distanz. Insgesamt jedoch agierten Franzosen „körperlicher“ als Engländer und Niederländer. Low Touch- Kulturen: Meiden unmittelbare körperliche Berührungen. Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 20 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 21 1.3 Modelle & Theorien 21 Kontext der Kommunikation (1976) Beyond Culture. In dieser Monographie entwickelte Hall (1976) seine Kulturtheorie mit der Unterscheidung von „High Context-Kulturen (HC) und Low Context- Kulturen“ (LC) weiter und integrierte seine bisherigen Überlegungen in ein Gesamtkonzept. Nunmehr lag der Fokus auf der kulturspezifischen Art der Informationsgewinnung und Informationsverarbeitung sowie der damit einhergehenden sozialen Vernetzung. Explizite vs. implizite Kommunikation. Kulturen unterscheiden sich grundlegend darin, in welchem Maße die Menschen es gewohnt sind, explizit zu kommunizieren (d.h. vorrangig verbal) und in welchem Maße implizit: d.h. vorrangig nonverbal, paraverbal bzw. extraverbal (vgl. Kap. B). Wie der Wortursprung zu erkennen gibt, transportiert bei impliziter Kommunikation die Nachricht zwar relevante Informationen. Aber die eigentliche Botschaft steckt „gerade nicht im Gesagten, sondern im Ungesagten. Dennoch ist sie dem Zuhörer zugänglich, wenn er die aktuelle Situation, den Kontext, die Haltung des Anderen, seine nonverbalen Signale, die gemeinsame Vorgeschichte, den geteilten Bildungshintergrund, den gemeinsamen Erfahrungshintergrund als Interpretationshilfen heranzieht“ ( Demangeat/Molz 2007, S. 29). Institut oder Institut? „Welche Bedeutung hat das Wort ,Institut‘? In dem Satz ,Er hat das Institut vor fünf Minuten verlassen‘ steckt eine andere Bedeutung als in dem Satz ,Er hat das Institut vor zwei Jahren verlassen‘. Auch ,verlassen‘ bedeutet in beiden Fällen etwas Verschiedenes. Und in dem Satz ,Das Institut verlässt die Stadt zu einem Ausflug‘ ist ,Institut‘ wieder etwas ganz anderes. Das Wort ,Institut‘ transportiert also die verschiedensten Bedeutungen. Erstaunlicherweise haben wir damit gewöhnlich keine Schwierigkeiten, denken keine Sekunde bewusst über die Bedeutung nach. Irgendetwas in uns setzt ,automatisch‘ das Richtige ein.“ Dörner (1998, S. 48) Kontext. Um auch den impliziten Anteil einer Botschaft verstehen zu können, muss der Empfänger deren Bedeutung aus dem Kontext der Kommunikation erschließen. So bezeichnet E.T. Hall jene „Informationen“, welche eine Botschaft „umgeben“ und die in der Kommunikation zumeist unbewusst „mitgeliefert“ werden. Beispielsweise besagt die Aussage: „Ich muss Dir etwas Wichtiges sagen“ höchst Unterschiedliches, je nachdem, ob sie von einem ernsten oder einem freudigen Gesichtsausdruck (= Kontext) begleitet wird. Und die Warnung vor einer „Schlange“ wird, je nachdem, wo und von wem sie ausgesprochen wird (z.B. von einem ADAC-Staumelder oder einem Ranger in einem afrikanischen Naturschutzreservat), gänzlich andersartige Reaktionen auslösen. In den drei folgenden – zwar beispielhaften, aber realen – Fällen lässt die bürokratische Sprache (= Kontext) auf mangelnde Kundenorientierung schließen (= implizite Botschaft): • Ein Energie-Versorgungsunternehmen spricht seine Kunden in einem Geschäftsbrief nicht als Kunden, sondern als „Stromabnehmer“ an. • Das Finanzamt fordert den „Steuerpflichtigen“ auf, sein Einkommen zu erklären. • Die Lehrerin „bestellt“ die Eltern ihrer Schüler zu einem Gespräch „ein“. In früheren Zeiten, als die Farbe Schwarz eindeutig Trauerfarbe und nicht auch Modefarbe verschiedener Subkulturen war, musste eine schwarz gekleidete Person nicht explizit mitteilen, dass sie trauert. Denn damals ergab sich die Information („Ich bin in Trauer“) eindeutig aus der schwarzen Kleidung: der Trauerkleidung. HC-Kultur vs. LC-Kultur implizit (lat.) = inbegriffen, mit einbezogen, mit gemeint Kontext: Durch die Situation zumeist unbewusst „mitgelieferte“ Informationen. Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 20 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 21 22 Teil A: Einführung & theoretische Grundlagen High Context-Kulturen. In HC-Gemeinschaften dominiert der implizite Informationsaustausch. Die Menschen unterhalten ständige und intensive Beziehungen. Deshalb müssen dort viele Informationen nicht explizit vermittelt werden. Denn sie sind ein „Abfallprodukt“ der engen sozialen Vernetzung. Die vielgestaltigen Informationsnetzwerke integrieren neben Familienmitgliedern und Freunden auch Arbeitskollegen oder Kunden. Angehörige von HC-Kulturen „wissen“, dass die eigentliche Bedeutung von Informationen sich erst aus dem sozialen Kontext von Transaktionen sowie den begleitenden non- und paraverbalen Zeichen ergibt (Mimik, Gestik, Blickkontakt, Körperhaltung etc.). So kann ein scheinbar eindeutiges (verbales) „Nein“ durch ein (nonverbales) Lächeln entkräftet bzw. relativiert werden (vgl. Kap. B-4.3.1). Diese Menschen sind es somit gewohnt, die für eine Interaktion erforderlichen Informationen dem Kontext der Kommunikation zu entnehmen (vgl. Hall/ Hall 1990, S. 6 f.). Individuelle Absichten, ⇒ Bedürfnisse oder Wünsche drücken sie häufig bildhaftmetaphorisch aus. Die implizite Kommunikation dominiert im arabischen und im mediterranen Raum sowie in lateinamerikanischen Ländern, insbesondere aber in kollektivistischen Kulturen wie Japan. Auch in Afrika und in Nahen sowie im Mittleren Osten wird vorzugsweise indirekt kommuniziert. Low Context-Kulturen. Für andere Gesellschaften ist hingegen eine schwache soziale Vernetzung charakteristisch. Arbeits- und Privatleben sind nur wenig miteinander verbunden, und die soziale Interaktion beschränkt sich auf kleine, mehr oder minder unverbundene soziale Einheiten. Da es überdies nicht üblich, vielfach sogar unangemessen wäre, sich eingehend mit „dem Anderen“ zu befassen, sofern kein besonderes Vertrauensverhältnis besteht, sind in LC-Ländern viele Hintergrundinformationen notwendig, um interagieren zu können. Entsprechend groß ist das Bedürfnis nach expliziten Informationen. Bevorzugt wird die verbale Form der Kommunikation. In individualistischen Kulturen wird häufiger direkt und weitgehend kontextunabhängig kommuniziert (insb. in den deutschsprachigen und den skandinavischen Ländern ist dies der Fall). Hinzu kommt, dass die dort lebenden Menschen vergleichsweise strikt zwischen den verschiedenen Lebensbereichen trennen (z.B. Berufs-/Arbeitsleben). So waren nordirische Manager in einem Experiment wenig davon angetan, als die Versuchsleiter ihnen etwas vorschlugen, was in HC-Kulturen gang und gäbe ist: mit einem Kunden zu Mittag zu essen. Als Angehörige einer LC-Kultur wollten die Iren das eine (Kundenbetreuung bzw. Arbeitszeit) nicht mit dem anderen (Mittagessen als individuelles soziales Ereignis) vermischen (vgl. Lane/Kaufman 1992). Die mittlerweile weit verbreitete Klassifikation von Ländern in HC- und LC- Länder basiert allerdings nicht auf einer konsistenten und nachprüfbaren Zuordnung, sondern geschieht zumeist anhand subjektiver Evidenz. Kittler et al. (2011) erblicken darin eine entscheidende Ursache der häufig inkonsistenten Befunde der HC-/LC-Forschung. The Arab culture is high context, meaning the communication style is embedded in the context of the message, therefore the listener must understand the contextual cues in order to interpret the meaning of the message. On the other hand the American culture is low-context. U.S. customers rely more on direct communication (information and details). The American communication style requires clarity of communication.“ Kalliny et al. (2007) Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 22 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 23 1.3 Modelle & Theorien 23 Direkte vs. symbolische Kommunikation. Angehörige von HC-Kulturen kleiden ihre individuellen Absichten, ⇒ Bedürfnisse oder Wünsche häufig in Metaphern (vgl. Gudykunst/Ting-Toomey 1988). Neben Japanern und Arabern sind auch Italiener und Franzosen daran gewöhnt, sensible Botschaften diskret „zwischen den Zeilen“ zu übermitteln. Die gerade in Deutschland übliche Direktheit empfinden sie nicht nur als brüsk und bisweilen verletzend, sondern auch als plump – was im romanischen Kulturraum möglicherweise das Schlimmere ist. Denn dort spielt die äußere Form eine hervorragende Rolle: ,bella figura‘. Deutscher Kommunikationsstil – französischer Kommunikationsstil „Implizite Kommunikation entfaltet sich besonders gut in dynamischen Gesprächssituationen. Je wesentlicher die Inhalte, desto eher wird die mündliche Kommunikation gewählt. Stark implizites Kommunikationsverhalten, wie es in Frankreich häufig vorkommt, arbeitet gezielt mit vielfältig interpretierbaren Andeutungen. Dabei durch andere Personen Informationen einholen oder streuen zu lassen, ist durchaus üblich, akzeptiert und erfolgreich. Insgesamt dominiert die Informations-Holschuld. Es ist weitgehend normal, wenn keine Benachrichtigungen erfolgen und Erklärungen und Begründungen nur auf Nachfrage gegeben werden. Bei einem stark expliziten Kommunikationsverhalten, wie es in der deutschen Kultur üblich ist, lässt sich die relevante Information praktisch vollständig dem entnehmen, was ausdrücklich geäußert wurde. Tatbestände und Wünsche werden sehr direkt und möglichst präzise formuliert. Nur auf das, was auf diese Weise geäußert wird, kann man sich verlässlich beziehen, besonders, wenn dies schwarz auf weiß geschieht. Je wesentlicher die Inhalte, desto eher werden sie der schriftlichen Kommunikation anvertraut. Darüber hinaus erscheint es selbstverständlich, dass relevante Informationen unaufgefordert bzw. vereinbarungsgemäß eingebracht werden (Informations-Bringschuld).“ Demangeat/Molz (2007, S. 29) Regionale Verbreitung. Implizite Kommunikation ist charakteristisch für kontextsensitive Regionen wie Ostasien, Arabien und Lateinamerika (vgl. Abb. 7). Häufig hängt in diesen HC-Kulturen die Verständlichkeit einer Botschaft stärker vom Kontext und vom Modus der Kommunikation (verbal, non-, para-, extraverbal) ab als von deren Inhalt. Ein scheinbar eindeutiges verbales Nein etwa kann durch ein (nonverbales) Lächeln entkräftet bzw. relativiert oder sogar in sein Gegenteil verkehrt werden. Indem Japaner die japanische Höflichkeitssprache ,keigo‘ nutzen, um die soziale Positionen der an einem Gespräch beteiligten Personen zu beschreiben, bringen sie implizit den großen Stellenwert, den die gesellschaftliche Hierarchie in diesem Land hat, zum Ausdruck. Mit Ausnahme der Briten sind die in Mittel- und Nordeuropa ansässigen Industrienationen tendenziell kontextunabhängige Gesellschaften (vgl. Abb. 7). Als LC-Kulturen pflegen sie die explizite, direkte Kommunikation und übermitteln den weit überwiegenden Teil der Informationen verbal. Blumig oder direkt? „Deutsche sind bekannt für ihre direkten Ansagen. In den Niederlanden und Österreich mag das funktionieren. Aber schon die Briten sind anders. Sie formulieren in E-Mails für gewöhnlich so: ,Ich schlage vor, dass ihr die Idee überdenkt.‘ Oder: ,Ich denke, das bedarf einer Nachbesserung.‘ Was würde ein Deutscher sagen? ,Nein, so machen wir das nicht.‘ In anderen Kulturen wird mehr umschrieben, sind die Formulierungen blumiger. Wenn Geschäftspartner sagen wollen: ,Ihr Bericht ist voller Fehler‘, schreiben sie auf Englisch: ,There seem to be some issues in your report.‘ Und die Aussage ,Sie haben die Verkaufszahlen vergessen‘, klänge so: ,I can’t seem to find the sales numbers.‘ Die Formulierung In Arabic, „circumlocution, ambiguity, and metaphor help to cushion against the danger of candor.“ Cohen (1990, S. 43) Silent Language: Wortlose, extreme Form der impliziten Kommunikation. Hall (1959). Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 22 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 23 24 Teil A: Einführung & theoretische Grundlagen ist indirekt, mit dem Ziel, die Beziehung zu schützen. Die deutsche Kultur ist eine eher sachorientierte Kultur. Da gibt es weniger Bedenken, die Beziehung zum Empfänger zu gefährden.“ Frick (2012, S. 79) Bedeutung für die interkulturelle Kommunikation. Die Unterscheidung von kontextabhängigen und kontextunabhängigen Gesellschaften wurde und wird weltweit herangezogen, um kulturelle Unterschiede im Kommunikationsverhalten erklären zu können. Vor diesem theoretischen Hintergrund ging Lin (1993) der Frage nach, ob diese Variable Einfluss auf die Gestaltung von TV-Werbespots hat (vgl. Kap. F-4.2), während Mintu-Wimsatt/Gassenheimer (2000) untersuchten, ob und wie sich Kontextabhängigkeit/-unabhängigkeit auf den Verhandlungsstil von Managern auswirkt (vgl. Kap. G-2.3). Zeitliche Struktur der Kommunikation (1990) Chronemik. Alle menschlichen Verhaltensweisen sind auf die ein oder andere Weise zeitlich strukturiert, häufig in Rhythmen – d.h. in regelmäßig wiederkehrenden Mustern (⇒ Zeit). Dies sowie die Dauer, Gleichzeitigkeit und Abfolge von Handlungen sind Gegenstand der Chronemik. In „Understanding Cultural Differences“ erläutern Hall/Hall (1990) am Beispiel Deutschlands, Frankreichs und der USA zwei konträre Formen des Zeitverständnisses bzw. des Umgangs mit Zeit: monochron vs. polychron. Chronem: Dauer von Lauten erfasst, die für die Wortunterscheidung bedeutsam sind (bspw. „das“ vs. „dass“). Abb. 7: Kontextabhängigkeit des Informationsaustausches in ausgewählten Regionen • Japaner •Araber • Lateinamerikaner • Italiener • Engländer • Franzosen • Nordamerikaner • Skandinavier • Deutsche • Deutsch-Schweizer Vorrang hat ... ... verbaler Informationsaustausch direkte Kommunikation symbolische Kommunikation ... nonverbaler Informationsaustausch Quelle: in Anlehnung an Hall (1976, S. 102). Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 24 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 25 1.3 Modelle & Theorien 25 Monochrone Gesellschaften. In Nordamerika sowie in Nord- und Mitteleuropa begreifen die Menschen Zeit als etwas Reales, mit dem man möglichst sparsam umgehen sollte. „Zeit sparen“ gilt vielen als Tugend. Zentrales Ordnungsprinzip ist die lineare Zeitstruktur. Aufgaben werden vorzugsweise eine nach der anderen „abgearbeitet“, wobei die volle Konzentration jeweils der Aufgabe zu gelten hat, die gerade „dran“ ist. Zeitpläne sind wichtig und werden möglichst – oder besser: unbedingt – eingehalten. Dass Pünktlichkeit, Termintreue etc. zu Lasten zeitlicher Flexibilität gehen, wird akzeptiert. Unpünktlichkeit gilt als Charakterschwäche. Polychrone Gesellschaften. Die meisten Schwellen- und Entwicklungsländer sind P-Time- Kulturen. Folglich entspricht es dort der Norm, mehrere Aufgaben gleichzeitig zu erledigen. Zeitangaben werden zumeist mehrdeutig formuliert und sind wenig verbindlich (vgl. Hall/Hall 1985, S. 29). Beziehungsqualität hat Vorrang vor Termintreue. So ist es in P-Time-Kulturen wichtiger, eine laufende Besprechung zu Ende zu bringen, auch wenn sie länger als geplant dauert, als sie nur deshalb zu beenden, weil man unbedingt einen Folgetermin einhalten möchte. Die polychrone Zeitstruktur korreliert mit einer Präferenz für implizite Kommunikation (vgl. Tab. 8). 1.3.2.3 Kritische Würdigung von Halls Theorie am Beispiel der Chronemik Konstruktvalidität & Diskriminanzvalidität P-Time-Kulturen sind im Regelfall zugleich High Context-Kulturen: Menschen, die stark kontextabhängig sozialisiert wurden, neigen auch dazu, Zeit polychron zu strukturieren und mehrere Tätigkeiten zugleich auszuüben. Umgekehrt sind M-Time-Kulturen im Regelfall auch LC-Kulturen (vgl. Abb. 8). Diese Koinzidenz wirft die Frage nach der Existenzberechtigung beider ⇒ Konstrukte auf. Welchen Erklärungswert besitzt das P-Time/M-Time-Kon- „Monochronic time means paying attention to and doing only one thing at a time. Polychronic time means being involved with many things at once. Like oil and water, the two systems do not mix.” Hall/Hall (1990, S. 13) M-Time- Kultur: Gesellschaft mit einem monochronen Zeitverständnis. Terminvereinbarung mit russischen Geschäftspartnern: • Erforderlich sind Geduld, Beharrlichkeit und ausreichender zeitlicher Vorlauf. • Zeitpläne werden ständig geändert, auch in letzter Minute. • Es empfiehlt sich, Termine mehr als nur einmal bestätigen zu lassen. • Während die Pünktlichkeit russischer Geschäftspartner vom Stellenwert der Geschäftsbeziehung abhängt, erwarten sie von den „pünktlichen Deutschen“ nicht nur Pünktlichkeit, sondern auch zeitliche Flexibilität. • Denn Meetings sind nicht selten ,open end‘. • Im Übrigen ist es ratsam, sich den Eingang von Dokumenten und anderen Lieferungen bestätigen zu lassen. Quelle: www.pfister-group.de/seminare.html P-Time- Kultur: Gesellschaft mit einem polychronen Zeitverständnis. Konstrukt: Komplexer, nicht beobachtbarer Sachverhalt, der aus Indizien erschlossen werden kann. Konstruktvalidität: In welchem Maße erfasst die gewählte Operationalisierung das theoretische ⇒ Konstrukt (bzw. die latente Variable eines Messmodells)? Diskriminanzvalidität: In welchem Maße korrelieren die Messdaten, die theoretisch unterschiedlich begründete Konstrukte messen sollen (möglichst gering)? Prognosevalidität: Erlaubt ein gemessenes Konstrukt (z.B. Intelligenzquotient) eine verlässliche Verhaltensvorhersage (z.B. Berufserfolg)? Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 24 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 25 26 Teil A: Einführung & theoretische Grundlagen zept, der über den Erklärungswert des LC-/HC-Konzepts hinausreicht? Möglicherweise sollten beide Konstrukte zu einem übergeordneten Konstrukt zusammengefasst werden. Tab. 8: Konsequenzen der Zeitstruktur für das Arbeits- und Sozialverhalten Angehörige von M-Time-Kulturen … Angehörige von P-Time-Kulturen … … bearbeiten zu einer bestimmten Zeit nur eine Aufgabe. … bearbeiten gewöhnlich mehrere Aufgaben gleichzeitig. … konzentrieren sich auf ihre Arbeit. … lassen sich leicht ablenken. … betrachten Termine und Zeitabsprachen als verbindlich. … betrachten Termine und Zeitabsprachen nur bedingt als verbindlich. … sind wenig kontextabhängig. … sind stark kontextabhängig. … messen Arbeit und Karriere großen Stellenwert bei. … messen menschlichen Beziehungen großen Stellenwert bei. … halten sich strikt an Pläne. … ändern Pläne oft und schnell. … respektieren die Privatsphäre und achten auf Distanz. … unterhalten enge Beziehungen zu vertrauten Personen. … respektieren Privateigentum (leihen bzw. verleihen selten Gegenstände). … leihen und verleihen Gegenstände häufig und ohne Bedenken. … bevorzugen direkte Kommunikation (explizite, verbale Informationen). … bevorzugen indirekte Kommunikation (implizite, non-verbale Informationen). … sind bestrebt, Anliegen prompt zu erledigen. … behandeln Anliegen in Abhängigkeit von der persönlichen Beziehung. … unterhalten viele kurzfristige (Kunden-) Beziehungen. … tendieren dazu, lebenslange Beziehungen aufzubauen. Quelle: auf Basis von Hall/Hall (1990, S. 15). Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 26 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 27 1.3 Modelle & Theorien 27 Westeuropa LC- Kultur M-Time- Kultur USA Japan Sozialleben Japan Arbeitsleben Afrika Asien Südamerika individualistische Kultur kollektivistische Kultur HC- Kultur P-Time- Kultur Legende: HC = ,high context‘ LC = ,low context‘ P-Time = polychrones Temposoziales M-Time = monochrones soziales Tempo Abb. 8: Zeitbezogene Kulturtypologie Prognosevalidität Die Verhaltensrelevanz der Chronemik ist umstritten. Ob Zeit monochron oder polychron strukturiert wird, hängt nicht allein von der Landeskultur bzw. der Gesellschaftsform, sondern auch von zahlreichen situativen Einflüssen ab: bspw. davon, … • welcher Lebensbereich (= 1) betroffen ist und • welches Geschlecht (= 2) die Akteure haben. (1) Japaner strukturieren lediglich die Arbeitswelt monochron, andere Lebensbereiche hingegen polychron. Auch achten sie zwar darauf, dass geschäftliche Besprechungen, Verhandlungen etc. pünktlich beginnen (vgl. Abb. 8). Ist diese kulturelle Norm aber erfüllt, so verlieren Zeitpläne im weiteren Verlauf des Meetings ihre Bedeutung. Franzosen wiederum denken monochron, verhalten sich häufig jedoch polychron (vgl. Hall 1983, S. 58). Wie begrenzt der Erkenntnisbeitrag derartiger Faustregeln sein kann, zeigt die Unternehmensrealität, wie sie sich in Befragungen darstellt. Gemäß Czipin & Proudfoot Consulting gaben 34 % der an ihrer Studie beteiligten japanische Manager und 46 % der deutschen Manager an, dass in ihrem Unternehmen Meetings „häufig“ bzw. „gelegentlich“ verschoben werden (vgl. Abb. 9). Dies widerspricht dem P-Time/M-Time-Konzept. Da Deutschland dem termintreuen und zeitbewussten monochronen Kulturraum angehört und Japan dem polychronen Kulturraum, war zu erwarten gewesen, dass deutsche Unternehmen Besprechungen wesentlich seltener verschieben als japanischen Unternehmen. Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 26 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 27 28 Teil A: Einführung & theoretische Grundlagen Frankreich USA Deutschland Südafrika Australien Ungarn Großbritannien Japan Österreich häufig verschoben gelegentlich verschoben fast nie verschoben k.A. Meetings werden ... 4 8 9 9 10 11 11 12 20 30 43 46 39 46 48 41 36 43 60 47 42 48 42 37 44 47 36 6 2 3 4 2 4 3 5 1 Abb. 9: Pünktlichkeit von Geschäftstreffen (in %) Quelle: Czipin & Proudfoot Consulting, in: Lebensmittelzeitung, Nr. 33 (16.8.2002), S. 61. (2) Mann und Frau praktizieren, entsprechend ihrer kulturell definierten Geschlechterrolle, im Arbeits- und Familienleben eine unterschiedliche Zeitwahrnehmung und Zeitverwendung (vgl. Greenhaus 1988). Frauen nehmen stärker polychron wahr und können deshalb das Arbeits- und das Familienleben besser synchronisieren als Männer. Karambayya/Reilly (1992) erklären dies damit, dass Frauen aufgrund ihrer Doppelbelastung durch Familie und Beruf seit jeher zu einem effizienten Zeitmanagement gezwungen waren. 1.4 Interkulturelle Kompetenz 1.4.1 Ein Strukturmodell Interkulturelle Kompetenz ist eine der Schlüsselqualifikationen von Mitarbeitern international tätiger Unternehmen (vgl. Fritz/Möllenberg 2003). Hierbei handelt es sich um die mit Blick auf die Internationalisierung bzw. Globalisierung der Unternehmenstätigkeit reformulierte Variante des klassischen personalwirtschaftlichen Kriteriums „soziale Kompetenz“. Damit ist die Fähigkeit gemeint, in unterschiedlichen sozialen Situationen „angemessen“ und „effektiv“ zu reagieren (vgl. Bastians/Runde 2002). Entsprechend versteht man unter interkultureller Kompetenz die Fähigkeit, mit Angehörigen fremder Kulturen, z.B. in einer Verhandlungssituation, effektiv und angemessen zu interagieren. Von Entsandten wird bspw. erwartet, dass es ihnen gelingt, einerseits die eigenen Ziele sowie die Effizienz: Das gesetzte Ziel mit geringstmöglichem Mitteleinsatz erreicht. 1.4 Interkulturelle Kompetenz Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 28 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 29 1.4 Interkulturelle Kompetenz 29 ihres Unternehmens zu erreichen (= Effektivität). Andererseits sollten interkulturell kompetente Mitarbeiter aber auch in der Lage sein, zugleich die Ziele der Interaktionspartner zu respektieren sowie soziokulturelle Regeln und Normen, die in deren Augen wichtig sind, zu befolgen bzw. zu achten (= Angemessenheit). Im Zuge der in den 1950er-Jahren einsetzenden, zunächst empirizistischen, später stärker theoretisch begründeten empirischen Forschung wurde interkulturelle Kompetenz als mehrdimensionales, multifaktorielles Konstrukt beschrieben. Metaanalytisch, d.h. auf Basis einer kritischen Literaturübersicht, ließen sich 16 Faktoren interkultureller Kompetenz identifizierten (vgl. Abb. 10). Diese repräsentieren die … • affektive Ebene (z.B. Einfühlungsvermögen), • kognitive Ebene (z.B. realistische Erwartungen) und • konative Ebene des Konstrukts (z.B. Sprachfertigkeit). • Vorzeitiger Abbruch des Auslandseinsatzes (-) • Geschäftsabschluss • Folgeaufträge Weiche Erfolgskriterien Affekt (,motivation‘) Kognition (,knowledge‘) Konation (,skills‘) Harte Erfolgskriterien Effektivität Angemessenheit • Absicht, den Auslandsaufenthalt vorzeitig abzubrechen (-) • Arbeitszufriedenheit • Anpassung • Externe Schuldzuweisung (-) • Einhaltung von Regeln und Normen • Wahrung des Gesichts Interkulturelle Kompetenz Weltoffenheit Unvoreingenommenheit Offenheit für Neues Einfühlungsvermögen Kulturelles Bewusstsein Wissen über das Land Selbstbewusstsein Wertschätzung des Selbst Entspanntheit Respekt Flexibilität Erfolgsorientierung Sprachfertigkeit Realistische Erwartungen Ambiguitätstoleranz Angemessene Selbstoffenbarung Abb. 10: Antezedenzen & Konsequenzen interkultureller Kompetenz Quelle: Müller/Gelbrich (2001, S. 252). Da das Forschungsgebiet lange Zeit von Kommunikationswissenschaftlern dominiert wurde, sprechen insb. angelsächsische Autoren vielfach auch von interkultureller Kommunikationskompetenz. Begründet wird diese fachspezifische Wortwahl damit, dass interkulturelle Interaktion ihrem Wesen nach nichts anderes sei als Kommunikation: nämlich Kommunikation zwischen Vertretern verschiedener Kulturen. Empirizistisch: Theoretisch nicht hinreichend begründetes Sammeln und Auswerten von Daten. Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 28 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 29 30 Teil A: Einführung & theoretische Grundlagen 1.4.2 Sonstige Formen von Kompetenz Emotionale Kompetenz Die Fähigkeit, sachgerecht und konstruktiv mit eigenen und fremden Emotionen umzugehen – insb. mit belastenden bzw. sog. negativen Emotionen wie Wut oder Eifersucht –, wird als … • emotionale Kompetenz (vgl. Saarni 2000) bzw. • emotionale Intelligenz (vgl. Mayer et al. 2008) bezeichnet. Diese Fähigkeit ist Voraussetzung für eine angemessene Auseinandersetzung mit der sozialen Umwelt. In Gesellschaften, für welche der Kulturstandard „Gesicht wahren“ (vgl. Kap. A-3.4) zentral ist, werden negative Emotionen (z.B. Zorn) üblicherweise durch das „soziale Lächeln“ (vgl. Kap. B-4.2) kaschiert (vgl. Berking/Znoj 2006). Interkulturelle Handlungskompetenz Anlässlich einer Analyse der „kritischen Ereignisse“, welche mehr als 300 deutsche Fach- und Führungskräfte kurz nach einem längeren Auslandsaufenthalt berichteten, extrahierten Kühlmann/Stahl (1998) einen Katalog jener Merkmale bzw. Persönlichkeitseigenschaften, welche ihrer Studie zufolge interkulturelle Handlungskompetenz ausmachen. Im Einzelnen sind dies Ambiguitätstoleranz, Verhaltensflexibilität, Zielorientierung und Kontaktfreudigkeit. Weiterhin tragen nach Ansicht dieser Wissenschaftler folgende Eigenschaften bzw. Fähigkeiten zu interkultureller Handlungskompetenz bei: Empathie, Polyzentrismus und metakommunikative Kompetenz. Letzteres meint die angeborene bzw. erlernte Fähigkeit, in „schwierige Gesprächssituationen steuernd einzugreifen und Kommunikationsstörungen zu beheben“ (Kühlmann/Stahl 1998, 217). Ein übergeordnetes Merkmal interkultureller Handelskompetenz ist die Fähigkeit zur Variation und Anpassung wichtiger Verhaltensparameter wie Führungsstil, Verhandlungsverhalten oder Konfliktlösungsstrategie an die jeweiligen fremdkulturellen Bedingungen. Die Zusammensetzung dieses Eigenschaftskatalogs verdeutlicht die enge Verwandtschaft – bzw. negativ ausgedrückt: die geringe Diskriminanzvalidität – der beiden Konstrukte „interkulturellen Kompetenz“ und „interkulturelle Handlungskompetenz“. Offensichtlich erfassen sie ähnliche Sachverhalte. Das auf dieser Basis entwickelte interkulturelle Handlungstraining soll Entsandte in die Lage versetzen, die für die erfolgreiche Gestaltung eines längerfristigen Auslandseinsatzes erforderliche Anpassungsleistung zu erbringen (vgl. Thomas 1998). Aufgabe dieses Trainings ist es, Einsichten, Kenntnisse und Fertigkeiten länder- bzw. kulturspezifisch in verschiedenen Verhaltensbereichen zu vermitteln. Hierzu zählt z.B. die Fähigkeit, Normen zu erkennen, die für angemessenes soziales Verhalten, etwa gegenüber Vorgesetzten, älteren Personen etc., in einem fremden Land bedeutsam sind. Dahinter steht folgende Überlegung: Nur wer eine realitätsnahe Vorstellung davon besitzt, warum sich Verhandlungspartner in einer bestimmten, zumeist ungewohnten Weise verhalten und welche Ziele sie dabei verfolgen, kann soziale Ereignisse sowie interaktives Verhalten vorhersagen und beeinflussen. Kritische Ereignisse: Ereignisse, welche als besonders angenehm, oder unangenehm, konfliktträchtig etc. erinnert werden. Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 30 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 31 1.4 Interkulturelle Kompetenz 31 Interkulturelle Kommunikationsfähigkeit Gudykunst/Lee (2001) begreifen „interkulturelle Kommunikationsfähigkeit“ als zentrale Facette interkultureller Kompetenz, während andere Wissenschaftler beide Konstrukte gleichsetzen. Als besondere einflussreich erwies sich die Konzeptionalisierung von Ruben (1976). Auf dessen Vorarbeit aufbauend entwickelten Koester/Olebe (1988) die Behavioral Assessment Scale for Intercultural Communication Effectiveness. Sie konzeptionalisierten interkulturelle Kommunikationsfähigkeit als achtdimensionales ⇒ Konstrukt: • Respekt: Fähigkeit, Angehörige anderer Kulturen zu achten, • Empathie: Fähigkeit, sich mitfühlend in andere zu versetzen, • Wissen: Kenntnis von Kulturstandards, • Bewertung: Fähigkeit, anderen unvoreingenommen und in einer nicht wertenden Weise zu begegnen, • Ursachenzuschreibung: Art und Dynamik der Ursachen, welche Personen ihrem eigenen Verhalten und dem Verhalten anderer Personen attribuieren (d.h. zuschreiben), • Rollenangemessenheit: Fähigkeit, sich in Abhängigkeit von der jeweiligen Situation angemessen aufgabenorientiert sowie sozioemotional zu verhalten, • Interaktionsmanagement: Fähigkeit, Interaktionen aktiv zu gestalten, • Ambiguitätstoleranz: Fähigkeit, mit neuen bzw. mehrdeutigen Situationen unbefangen und ohne Unbehagen umzugehen. Fraglich ist allerdings, ob Faktorenstruktur stabil ist (vgl. Graf/Harland 2005). Problematisch ist überdies, dass jedes Konstrukt nur mit einem Item operationalisiert wird. Interpersonale Kompetenz Dieses Konstrukt wird teils mit sozialer Kompetenz gleichgesetzt und teils als Bestandteil interkultureller Kompetenz aufgefasst. Als Operationalisierung stehen der Interpersonal Competence Questionnaire (ICR) und dessen deutschsprachige Adaption zur Verfügung (vgl. Riemann/Allgöwer 1993). Mit Hilfe von 40 Items werden die fünf Dimensionen dieses Konstrukts gemessen: • Beziehungen und Interaktionen initiieren können, • eigene Rechte behaupten und andere kritisieren können, • Privates preisgeben können, • andere Personen emotional unterstützen können, • interpersonale Konflikte effektiv handhaben können. Interreligiöse Kompetenz Die Fähigkeit, mit Andersgläubigen kompetent zu interagieren, wird als interreligiöse Kompetenz bezeichnet (vgl. Willems 2011). In diesem Fall verkörpert die andersartige Religion das Fremde, welche es zu tolerieren bzw. verstehen gilt. Zusammen mit interkultureller Kompetenz ist interreligiöse Kompetenz der „Schlüssel“ zum Verstehen fremder Kulturen sowie zur bewussten Auseinandersetzung mit eigenkulturellen Besonderheiten. Thomas et al. (2006) beschreiben interreligiöse Kompetenz als integralen Bestandteil interkultureller Kompetenz. Operationalisierung: Festlegung der Operationen, die erforderlich sind, um ein theoretisches Konstrukt zu messen. Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 30 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 31 32 Teil A: Einführung & theoretische Grundlagen Kulturelle Intelligenz Earley/Ang (2003) definieren ,cultural intelligence‘ als die Fähigkeit, mit Angehörigen anderer Kulturen zu interagieren und sich dabei den andersartigen Bedingungen anzupassen. Dazu bedarf es … • sog. metakognitiver Strategien, • der Fähigkeit und Bereitschaft, Informationen auch außerhalb des bisherigen eigenen Erfahrungsbereiches zu suchen und • Beharrlichkeit (angesichts von unausweichlichen Hindernissen und Rückschlägen). Johnson et al. (2006) haben ihre Konzeptualisierung interkultureller Kompetenz (,cross-cultural competence‘) deutlicher als andere von der kommunikationswissenschaftlichen Richtung abgegrenzt und einerseits in die Denktradition der internationalen Unternehmensführung eingebettet. Andererseits haben sie ihre Definition mit dem Konstrukt der kulturellen Intelligenz verknüpft. Auch würdigen die Wissenschaftler, dass häufig Hemmnisse, welche der Unternehmensumwelt zuzuordnen sind, verhindern, dass die von ihnen als Antezedenzen interkultureller Kompetenz verstandenen Fähigkeiten und Eigenschaften wirksam werden können (vgl. Abb. 11). Institutional Ethnocentrism Cross- Cultural Competence Cultural Distance Failures in International Business IB environment, Political, Legal, Economic, Geography, Context of Communication External Factors • Production • Marketing • Management • Finance Internal Factors: the Firm Behavioral Learning Cross- Cultural Training Personal Attributes Personal Skills Cultural Knowledge • Values • Beliefs, Norms • Personality Traits • General • Specific • Abilities • Aptitudes • Flexibility • Perseverance, • Self-Efficacy, etc. • Factual • Conceptual • Attributional Abb. 11: Kulturelle Kompetenz & internationale Unternehmensführung Quelle: Johnson et al. (2006, S. 536). Metakognition: Fähigkeit, über das (eigene) Denken nachzudenken. Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 32 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 33 2 Kultur Inhaltsverzeichnis 2.1 Entstehungsgeschichte des Konstrukts Kultur Der auf den ersten Blick vergleichsweise eindeutige Begriff „Kultur“ erweist sich bei näherer Betrachtung rasch als mehrdeutig. Dafür sorgt nicht zuletzt der Umstand, dass die verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen und intellektuellen Denktraditionen diesen Terminus in fachspezifischer und damit häufig unterschiedlicher Weise verwenden (vgl. Bahadir 2003). Im angelsächsischen Sprachraum lässt sich das Wort ,culture‘ erstmals 1483 in gedruckter Form nachweisen: i.S. von ,worship‘ und ,reverential homage‘. Gemäß Oxford English Dictionary (1989, S. 121) war damit „Verehrung“ bzw. „ehrerbietende Huldigung“ gemeint (vgl. Abb. 12). Abb. 12: Bedeutungswandel des Kulturbegriffs Vergleich verschiedener Gesellschaften Ethnologie / Vergleichende Kulturwissenschaft PflegeAusbildung Kultur vs. Natur Verehrung, ehrerbietende Gefolgschaft angelsächs. frühdt. „kultiviert“ Lebensstil gepflegt gebildet höfischer Griech.römische Antike 1492 19. Jh 18. Jh 1692 ,agricultura‘ vs. ,cultura animi‘ Europäische, afrikanische, asiatische Kultur Entdeckungsreisen z.B. A. von Humboldts Weltreise Das Begriffsverständnis variierte im Laufe der Zeit. Wenn Cicero mit ,cultura animi‘ die Philosophie bezeichnete und diese von der ,agricultura‘ abhob, so deutete sich bereits damals eine begriffliche Mehrdeutigkeit an, die auch für das 2.1 Entstehungsgeschichte des Konstrukts Kultur 2.1 Entstehungsgeschichte des Konstrukts Kultur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33 2.2 Konzepte & Definitionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35 2.2.1 Überblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35 2.2.2 Inhaltliche Kriterien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37 2.3 Kulturgenese & Enkulturation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 32 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 33

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References

Zusammenfassung

Prof. em. Dr. Stefan Müller lehrte Marketing an der Technischen Universität Dresden.

Prof. Dr. Katja Gelbrich ist Inhaberin des Lehrstuhls für Internationales Management an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

Menschen kommunizieren auf vielfältige Weise. Nur wenige der dabei zu beobachtenden Kommunikationsformen und -inhalte sind weltweit gleichermaßen verständlich. Verständi­gung setzt deshalb u.a. voraus, dass die Beteiligten in der Lage sind, kulturspezifische Signale zu decodieren, z.B.:

• Grußformeln und Regeln des Small Talk (= verbale Kommunikation),

• Stimmlage, Tonhöhe und Lachen (= paraverbale Kommunikation),

• Mimik, Gestik sowie Art und Dauer des Blickkontakts (= nonverbale Kommunikation),

• Distanz und Nähe, körperliche Begrüßungsrituale und Gastgeschenke (= extraverbale Kommunikation).

Ausgehend von E. T. Halls berühmter These, dass „Kommunikation Kultur ist und Kultur Kommunikation“, erörtern die Autoren den Einfluss der Landeskultur auf die Kommuni­kation. Vor dem Hintergrund kulturabhängiger Weltbilder, Mythen, Helden, Rituale, Symbole, Tabus, Normen und Werte diskutieren sie die Möglichkeiten des Verstehens

und des Missverstehens.

Neben den Besonderheiten und Gesetzmäßigkeiten der interpersonellen Kommunikation in kulturübergreifenden Interaktionen behandelt das Buch die Grundlagen der interkulturellen kommerziellen Kommunikation. Sie umfasst Print-, TV- und elektronische Werbung, Public Relations, Verkaufsförderung, Sponsoring, vergleichende Werbung, Direkt­marketing und Empfehlungsmanagement bei Zielgruppen mit unterschiedlicher kultureller Orientierung. Ein weiteres Kapitel befasst sich mit den verschiedenen kommu­nikativen Stilen. Hierzu zählen Denk-, Argumentations- und Verhandlungsstile sowie Führungsstile und Konfliktstile.