Content

7 Allgemeine Rechtsprinzipien & grundlegende Kategorien zwischenmenschlicher Kommunikation in:

Stefan Müller, Katja Gelbrich

Interkulturelle Kommunikation, page 278 - 286

1. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4600-5, ISBN online: 978-3-8006-4601-2, https://doi.org/10.15358/9783800646012_278

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

Bibliographic information
7 Allgemeine Rechtsprinzipien & grundlegende Kategorien zwischenmenschlicher Kommunikation 7.1 Gerechtigkeit & Fairness 7.1.1 Normative Sichtweise Verschiedene Gesellschaften, Religionsgemeinschaften bzw. Kulturräume entwickelten unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie die Ergebnisse gemeinsamen Handelns unter den Akteuren bzw. Berechtigten gerechterweise aufzuteilen sind. Die jüdisch-christlichen Gesellschaften des mehr oder minder individualistischen Westens präferieren im Regelfall das Equity-Prinzip, während in den übrigen Weltregionen das egalitäre Equality-Prinzip vorherrscht. Da bspw. in den konfuzianisch beeinflussten Ländern Ostasiens zumeist nicht das Individuum, sondern die Gruppe die relevante Denkkategorie ist, haben dort Harmonie und Solidarität Vorrang, weshalb unterschiedliche Leistungen nach Möglichkeit als gleichwertig angesehen werden. Aber auch in westlichen Gesellschaften erlangen immer wieder Subkulturen Einfluss auf den öffentlichen Diskurs, die egalitäre Werthaltungen vertreten (z.B. die Kommunitarier; vgl. Reese-Schäfer 1994; Etzioni 1993). Sie sehen Gerechtigkeit erst dann verwirklicht, wenn Gleichheit herrscht. Der Globalegalitarismus fordert, dass jeder Mensch, ungeachtet seiner Staats-, Kultur- und/oder Religionszugehörigkeit, gleich behandelt werden sollte (vgl. Rawls 2002). 7.1 Gerechtigkeit & Fairness Equity-Prinzip: Erfolgsbeteiligung gemäß dem individuellen Leistungsbeitrag. Equality- Prinzip: Gleiche Entlohnung aller, mehr oder minder unabhängig vom individuellen Leistungsbeitrag. Inhaltsverzeichnis 7.1 Gerechtigkeit & Fairness . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 275 7.1.1 Normative Sichtweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 275 7.1.2 Befunde der empirischen Forschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 276 7.2 Vergeltung vs. Vergebung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 276 7.3 Ehre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 276 7.4 Wahrhaftigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 278 7.5 Vertrauen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 278 7.6 Harmonie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 279 7.7 Konservatismus & Risikobereitschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 280 7.8 Intellektualität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 280 7.9 Nationalstolz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 281 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 274 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 275 276 Teil D: Einfluss der Religion 7.1.2 Befunde der empirischen Forschung Die Ergebnisse der kulturvergleichenden Forschung zur Präferenz für Equityoder Equality-Lösungen ergeben ein inkonsistentes Bild. Zwar bestätigen die meisten Studien die normativ begründeten Hypothesen – dass bspw. Angehörige von kollektivistischen Gesellschaften eine vom individuellen Input unabhängige Gleichverteilung des Outputs präferieren. Allerdings liegen auch Forschungsergebnisse vor, welche das Gegenteil belegen (vgl. Bolino/Turnley 2008). Hinzu kommt, dass festgestellte Unterschiede häufig nivelliert werden, wenn man den Einfluss der Einkommensverteilung – als eine besonders manifeste Form der Gleichheit/Ungleichheit in einer Gesellschaft – herausrechnet (mit dem Gini- Koeffizienten als Kontrollvariable). 7.2 Vergeltung vs. Vergebung Das alttestamentarische Rechtsprinzip Talion basiert auf der Reziprozitätsnorm. Sie fordert, Gleiches mit Gleichem zu vergelten (vgl. Stegbauer 2002). Reziprozität ist eine universelle Norm. Denn menschliche Gesell schaften sind auf wechselseitige Verpflichtung angewiesen. Hierdurch werden soziale Beziehungen und Vertrauen und somit die Voraussetzung von Kooperation geschaffen (⇒ Kooperationsbereitschaft). Nach Becker (1956) wurde der Mensch erst durch die Reziprozitätsnorm human. Das durch das Römische Recht beeinflusste Christentum lehnte diese ethische Basis der Blutrache ab. Christen sollen vergeben, weil Gott den Menschen vergab, dass sie seinen Sohn getötet haben. Der vermutlich einzigartige Beitrag des Christentums zur Menschheitsgeschichte besteht darin, dass es nicht Vergeltung fordert, sondern Vergebung und Versöhnung. Deshalb sind ,common law‘ und ,civil law‘ weitgehend frei vom „Auge um Auge, Zahn um Zahn-Denken“. Wie nicht zuletzt der Palästina-Konflikt deutlich macht, überdauerte diese archaische Vorstellung von Gerechtigkeit im jüdischen wie auch im islamischen Kulturkreis. Das ,islamic law‘ etwa setzt bei sog. vergeltbaren Verbrechen auf Vergeltung – es sei denn, die geschädigte Partei lässt sich ihren Anspruch abgelten (zumeist durch Blutgeld). 7.3 Ehre Angehörige von beziehungsorientierten Gesellschaften (⇒ Beziehungskultur) empfinden ihre Ehre als existentiell. Wie das konfuzianische „Gesicht“ (vgl. Kap. D-4.6.1) kann „Ehre“ als soziales Kapital beschrieben werden: Als die Reputation, die ein Menschen in der Gesellschaft genießt, und als das Vertrauen, welches die Gesellschaft in ihn setzt. Zwischen Ehre einerseits und Loyalität gegenüber der Familie (bzw. dem Clan), der Unbescholtenheit der Frauen und dem persönlichen Ansehen andererseits besteht ein unauflösbarer Zusammenhang. Gini-Koeffizient: Konzentrationsmaß, das von 0 (= vollkommene Gleichverteilung) bis 1 (= vollkommene Ungleichverteilung) reicht. 7.2 Vergeltung vs. Vergebung „Wenn Dich einer auf die rechte Backe schlägt, dann halte ihm auch die andere Backe hin.“ Mt 5,39 7.3 Ehre Honor: „A cultural syndrome prizing female chastity, familial loyalty, and reputation.” Ijzerman/ Cohen (2011) Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 276 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 277 7.3 Ehre 277 Verletzt wird die Ehre zumeist durch Beleidigungen und Demütigungen. Sie lösen in der Mehrzahl der Gesellschaften bei den Betroffenen ein Gefühl der Scham aus und in deren Folge den Wunsch, den Gesichtsverlust zu tilgen, indem sie sich an dem Ehrabschneider rächen. Bis ins 20. Jahrhundert hinein unterwarf sich auch das europäische Bürgertum dem „Ritual des Duells“ (Speitkamp 2010), um nach einer (häufig vermeintlichen) Beleidigung seine Reputation zurückzugewinnen. Der Erste Weltkrieg und indirekt auch der Zweite Weltkrieg wurden entfacht, um die „Ehre der Nation“ wiederherzustellen. Das dadurch ausgelöste Desaster bewirkte in den westlichen Wohlstandsgesellschaften eine Rückbesinnung auf die Ideale der Aufklärung. Würde war nun wichtiger als Ehre. Ehrverletzungen wurden zwar nach wie vor geahndet, allerdings „würdevoll“, d.h. vergleichsweise emotionslos – mit den Mitteln der institutionalisierten Rechtspflege. Fieses Miststück „In der Nachkriegszeit haben die westlichen Wohlstandsgesellschaften es geschafft, das Ehrgefühl wieder weitgehend zu privatisieren. Auch der Deutsche sei zwar immer noch gerne beleidigt, schreibt der Historiker Speitkamp, regele das aber mittlerweile lieber über das Amtsgericht: Laut ADAC-Tabelle muss man für den Ausruf „Du Wichser“ im Straßenverkehr mit 1.000 € Strafe rechnen, ein „fieses Miststück“ kostet 2.500 €.“ Herrmann (2010, S. 18) In arabischen, orthodoxen und anderen Gesellschaften des kollektivistischen Kulturraumes ist es hingegen insb. für Männer eine persönliche Pflicht, die Ehre ihrer Familie und damit ihre Ehre zu verteidigen, häufig mit Gewalt. Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass jährlich 5.000 Mädchen und Frauen „im Namen der Ehre“ getötet werden. Ehrenmord „Verletzt eine Frau durch ihr Verhalten eine traditionelle Norm, schadet sie dem Ansehen der ganzen Familie. Das Ansehen ist elementar in Gesellschaften, in denen Frauen als Besitz des Mannes gelten. Mit einem Mann, der seinen Besitz nicht unter Kontrolle hat, macht man ungern Geschäfte. Er gilt als schwach und unzuverlässig. Einen solchen Makel kann er wettmachen, wenn er sich mit Geld aus seiner Schmach herauskauft. Oder wenn er die Frau – für alle erkennbar – züchtigt. Für diese Art, die vermeintlich verletzte Ehre wiederherzustellen, erklärt der Ethnologe J. Kizilhan, gibt es klare Handlungsprogramme. Im äußersten Fall zählt dazu auch ein Mord.“ Windmann (2012, S. 33) Wie Daradkeh (1988) berichtet, ist allerdings nicht nur Jordaniern, sondern auch Italienern in auffälliger Weise daran gelegen, ihre Ehre zu schützen. Demnach hat sich auch in Teilen des individualistischen Kulturraumes die „Kultur der Ehre“ erhalten, wie Cohen et al. (1966) diesen Wertekomplex bezeichnet (im Gegensatz zur „Kultur der Würde“ der westlichen, von der Aufklärung beeinflussten Gesellschaften). D. Cohen und seine Kollegen konnten mit Hilfe von „Rüpel-Experimenten“ auch innerhalb eines Landes ein starkes Würde-Ehre- Gefälle nachweisen. Werden weiße Südstaaten-Amerikaner angerempelt und als „Arschloch“ beleidigt, so reagieren sie darauf wesentlich heftiger als weiße Nordstaaten-Amerikaner mit … Rüpel-Experiment: Ein ,stooge‘, d.h. ein Vertrauter des Versuchsleiters, demütigt in einer lebensnahen Experimentalsituation Menschen körperlich (Anrempeln) bzw. verbal (Beleidigung). Die Betroffenen werden erst im Nachhinein über ihre Rolle als Versuchsperson aufgeklärt (= Debriefing). Kultur der Ehre vs. Kultur der Würde Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 276 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 277 278 Teil D: Einfluss der Religion • einer vermehrten Ausschüttung des Stresshormons Cortisol (= physiologische Ebene), • der Androhung von Gewalt (= kognitive Ebene), • aggressiver Vergeltung (= Verhaltensebene). Vergleichbare intrakulturelle Unterschiede beobachteten auch Ijzerman et al. (2007). Ihr Feldexperiment zeigt, dass Niederländer, denen vor allem Ehre und Status wichtig sind, ehrabschneidendes Verhalten aggressiv abwehren. Die Vergleichsgruppe wurde von Niederländern gebildet, deren vorrangiger Wertmaßstab Würde ist. Ihnen bereitet dieselbe Situation (= Möglichkeit von Ehrverlust) vor allem Angst. 7.4 Wahrhaftigkeit Intrinsisch Religiöse haben das Gebot „Du sollst nicht lügen“ verinnerlicht. Ihren hohen moralischen Anspruch generalisieren sie – u.a. auf den Wahrheitsgehalt von Werbebotschaften. Deshalb nehmen sie übertriebene bzw. gar irreführende Werbeaussagen in besonderem Maße übel. Aber nicht nur dies: Auch Qualitäts-, Liefer- und andere Zusagen begreift diese ⇒ Zielgruppe als uneingeschränkt verbindlich. 7.5 Vertrauen Die subjektive Gewissheit, dass Personen bzw. Organisationen sich pflicht- oder erwartungsgemäß bzw. in Einklang mit gemeinsamen Werten verhalten werden, bezeichnet man als Vertrauen. Historisch gesehen erfüllt es eine unerlässliche Funktion für die Entwicklung arbeitsteiliger Gesellschaften. In dem Maße, wie diese mit fortschreitender ⇒ Zivilisation sowie politischer und technischer Entwicklung immer komplexer werden, müssen Menschen einander und der Gesellschaft insgesamt, aber auch anderen Nationen (vgl. Brewer et al. 2005) vertrauen können. Nur dann kann das Zusammenleben in hinreichend geordnetem Rahmen ablaufen. Deshalb wird Vertrauen auch als soziale Ressource bezeichnet. Denn es erübrigt soziale Kontrolle, welche die Effizienz von Transaktionen aller Art mindert (vgl. Berger 1988). • Politische Institutionen (z.B. Bundespräsident), • öffentlich-rechtliche Institutionen (z.B. Bundesverfassungsgericht), • ökonomische Institutionen (z.B. Unternehmen mit Reputation) und • soziale Institutionen (z.B. Fa mi lie, Religion) … sind „Produzenten von Vertrauen und Werten“. Die für die Organisation des privaten und des öffentlichen Lebens zentrale Frage, wem man vertrauen kann, beantworten kollektivistische Gesellschaften konkret, aber sehr rigide: den Familienmitgliedern, dem Clan, dem Family Business Network etc. In individualistischen Gesellschaften fällt die Antwort hingegen eher ab strakt aus: allen Menschen, die meine Werte und Überzeugungen teilen – z.B. weil sie derselben Religionsgemeinschaft angehören. 7.4 Wahrhaftigkeit 7.5 Vertrauen Definition Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 278 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 279 7.6 Harmonie 279 Für Online-Shops etwa ist Vertrauen ein wichtiger, wenn nicht der wichtigste Erfolgsfaktor. Wie Siala et al. (2004) am Beispiel der realen Webseiten von christlichen, islamischen und nicht-konfessionell gebundenen Online-Buchhändlern nachweisen, vertrauen Online-Kunden Webseiten, deren Betreiber der eigenen Glaubensrichtung angehören, signifikant mehr als Webseiten von Betreibern mit einer anderen bzw. keiner religiösen Orientierung. Während aber Muslime ausschließlich islamischen Online-Buchhändlern ihr Vertrauen schenken, akzeptieren christliche und atheistische Online-Nutzer auch Anbieter, die keiner bzw. einer anderen Religion angehören. Dass für Muslime die gleiche Konfession Geschäftsbeziehungen nicht nur fördert, sondern notwendige Voraussetzung ist, erklären die Wissenschaftler mit der deutlich negativen Einstellung gegenüber anderen Religionsgemeinschaften. 7.6 Harmonie Harmonie ist das wichtigste Ordnungsprinzip des Konfuzianismus (vgl. Kap. D-4.6.1). Wie folgendes Beispiel illustriert, ist es nicht nur für soziale Interaktionen bedeutsam, sondern auch für die ökonomische Lebenssphäre. Obwohl Shiseido zu den weltweit führenden Kosmetikunternehmen zählt, ist es stets ein japanisches Unternehmen geblieben. Dies bedeutet, dass das Management danach strebt, die aus dem konfuzianischen Weltbild ableitbaren Empfehlungen (z.B. Ganzheitlichkeit, Harmonie, Hierarchie) mit dem instrumentalen Ansatz der westlich inspirierten Management- und Marketinglehre zu verbinden und so eine Unternehmenskultur zu formen, welche sowohl in der Tradition als auch in der Moderne wurzelt. Aus konfuzianischer Sicht befindet sich die Natur sich immer im Gleichgewicht. Denn sie vereint in sich Gegensätzliches: Kälte & Wärme, Tag & Nacht, Ebbe & Flut. Von diesem Vorbild ausgehend verfolgt Shiseido seit den 1920er-Jahren das Ziel, Gegensätzliches so miteinander zu verbinden, dass eine harmonische Unternehmensführung möglich ist: „Östliche Ästhetik und westliches Wissen, ehrwürdige Tradition und moderne Forschung, perfekte Hautpflege und gesunde Lebensführung“ (Braun 1997, S. 42). Das für einen Kosmetikhersteller überaus bedeutsame Schönheitsideal ist kulturabhängig und wurzelt im ostasiatischen Raum gleichfalls in der konfuzianischen Lehre: Schönheit als – insb. im Gesicht – sichtbarer Ausdruck einer harmonischen Lebensweise. Für das Verhältnis zwischen Lieferanten und Kunden bedeutet das Harmonieprinzip, dass in konfuzianisch geprägten Ländern Vertragsstrafen, bspw. bei Lieferverzögerung, kaum durchgesetzt werden können. Denn Strafen zerstören die Harmonie. Auch verlangt das Harmonieprinzip, dass es in Transaktionen aller Art weder Gewinner noch Verlierer gibt. Im sowohl konfuzianisch als auch buddhistisch geprägten China ist das Mondfest der traditionsreichste und bedeutsamste Festtag. Chinesen verschenken dann Mondkuchen, nicht zuletzt an Geschäftsfreunde. Getreu der Yin-/Yang-Philosophie, wo nach Gegensätze ein harmonisches Ganzes ergeben, vereint der handflächengroße und äußerst kalorienreiche Mondkuchen Süßes und Salziges, Helles und Dunkles. Der Geber signalisiert dem Beschenkten seine Wertschätzung, wenn 7.6 Harmonie Unternehmenskultur: Gesamtheit der grundlegenden Überzeugung und Werte, welche die Unternehmenspolitik beeinflussen. Unternehmensführung: Gesamtheit der Zielsetzungs-, Planungs-, Entscheidungs-, Koordinations-, Kontroll- und Personalprozesse. Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 278 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 279 280 Teil D: Einfluss der Religion der Mondkuchen von einer exklusiven Bäckerei gefertigt wurde, was durch die Marke und eine aufwändige Verpackung signalisiert wird. Auch muss der Mondkuchen unbedingt persönlich überreicht werden. 7.7 Konservatismus & Risikobereitschaft Religiöse Menschen neigen zu Dogmatismus und Traditionalismus. Zusammen mit ihrem verstärkten Bedürfnis nach Richtlinien und Verhaltensempfehlungen (vgl. Smith/Frankenberger 1991) hat dies nachhaltige Konsequenzen u.a. für ihr Mediennutzungsverhalten. Ihr starkes Informationsbedürfnis veranlasst insb. katholische Religiöse häufiger als Nicht-Religiöse, Zeitungen, Fernsehen und andere Massenmedien zu nutzen, vor allem konfessionell gebundene Medien (vgl. Bailey/Sood 1983). Erklären lässt sich das Persönlichkeitsprofil der Religiösen vermutlich damit, dass Dogmatiker Religionen auf das Regelhafte zu reduzieren, auf Gebote und Verbote, und darüber das Spirituelle zu vernachlässigen. Wenn man das Merkmalsprofil der Religiösen positiv interpretiert und sie als Menschen begreift, die in ihren grundlegenden Überzeugungen und Werten gefestigt sind, wird verständlich, dass dieser Typus optimistischer ist als Nicht-Religiöse (vgl. Rudski 2004). Die negative Sichtweise konzentriert sich auf die rigide Persönlichkeitsstruktur religiöser Menschen (vgl. McDaniel/Burnett 1990): ihren Konservatismus, ihre Autoritätsgläubigkeit sowie ihre Risikoaversion (vgl. Gibson 2010; Blanchard et al. 2001; Delener 1994; Poythress 1975). Neuartigen Situationen empfinden Religiöse als überdurchschnittlich risikohaft (vgl. Delener 1990). Zur Risikominderung suchen sie nicht nur intensiver als andere nach Informationen, sondern halten auch nach Möglichkeit an Bewährtem fest (vgl. Bond et al. 2004). Im Alltagsleben wie auch als Konsumenten orientieren Religiöse sich an den traditionellen Geschlechterrollen. Dass sie dennoch häufiger als Nicht-Religiöse wichtige Kaufentscheidungen gemeinsam, d.h. als familiäres Buying-Center fällen, lässt sich mit der Neigung von Religiösen, soziale Bindungen stärker zu berücksichtigen als individuelle Kosten-/Nutzenabwägungen, erklären. 7.8 Intellektualität In einem einflussreichen Essay formulierte Ellis (1955) eine Hypothese, die als Anti-Intellektualitäts-These in die Literatur einging. Demzufolge sind (amerikanische) Katholiken überdurchschnittlich fatalistisch sowie weniger entschlossen und innovativ als jüdische oder protestantische Vergleichspersonen (vgl. auch Kalliny/Hausman 2007; Delener 1990b). Erklärt wurde dies mit der rigiden, zentralistisch-hierarchischen Struktur der katholischen Kirche. Sie hemme die intellektuelle Entwicklung gläubiger Katholiken. Während Essoo/Dibb (2004) die Anti-Intellektualitäts-These empirisch bestätigen, kommen andere zu dem gegenteiligen Schluss: „We found Catholics and non-Catholics to be virtually indistinguishable in their intellectual orientations“ (Rigney/Hoffmann 1993, S. 211). Sozialwissenschaftler begründen die Gegenposition mit dem nivellierenden Ein- 7.7 Konservatismus & Risikobereitschaft Buying Center: Gruppe von Mitarbeitern innerhalb eines Unternehmens, die gemeinsam Kaufentscheidungen vorbereiten bzw. treffen. 7.8 Intellektualität Zweites Vatikanisches Konzil: Von Johannes XXIII 1962 einberufen und mit der ökumenischen Erneuerung der Katholischen Kirche beauftragt. Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 280 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 281 7.9 Nationalstolz 281 fluss der Säkularisierung, während Religionswissenschaftler auf die intellektuelle Erstarrung der katholischen Kirche in der Zeit vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil verweisen (vgl. Reher 1989). Im Übrigen ist, wie die erschütternde Ignoranz und Unwissenheit der im Regelfall protestantischen Bewerber um die Position des republikanischen Herausforderers von B. Obahma im Präsidentschaftswahlkampf von 2012 belegt, Anti-Intellektualität kein „Privileg“ des Katholizismus, sondern Teil des amerikanischen Mainstreams. US-Republikaner hadern mit ihren unzulänglichen Kandidaten „Eine Handvoll Bewerber hatten sie schon enthusiastisch auf den Schild gehoben und schnell wieder fallen gelassen. Der großmäulige Milliardär D. Trump und der ernsthafte, aber farblose Gouverneur T. Pawlenty wurden zu Anfang der Vorpräsidentschaftswahlen aussortiert. Dann kam die rechte Heroine M. Bachmann, die aber nicht einmal einfachste Fakten der amerikanischen Geschichte beherrschte. Der texanische Gouverneur R. Perry blamierte und verhaspelte sich in Debattenauftritten und während einer Rede mit betrunkenem Kopf. H. Cain, der ehemalige Pizzaketten-Manager, faselte von einem Hochspannungszaun an der Grenze zu Mexiko und hat wenig Ahnung von den Vorgängen in Libyen.“ Klüver (2011, S. 4) 7.9 Nationalstolz Religiöse Menschen sind auf ihre Nationalität überdurchschnittlich stolz. Anders als Chauvinismus ist Nationalstolz eine konstruktive Emotion, die aus dem Gefühl der Zugehörigkeit erwächst. Wie der World Value Survey zu entnehmen ist, sind nur wenige Deutsche, Niederländer, Japaner oder Russen auf ihre Nationalität „sehr stolz“, während vor allem Iren, Inder, US-Amerikaner, Polen, Nigerianer und Türken sich zu diesem Gefühl bekennen (vgl. Abb. 66). Wer, wie Nike, nationale Symbole für kommerzielle Zwecke nutzt, nimmt leichtfertig in Kauf, den Nationalstolz seiner ⇒ Zielgruppe zu verletzen. Der globale Sportartikelhersteller brüskierte zahllose Chinesen, als er in einem Werbespot den amerikanischen NBA-Star LeBron James nicht nur einen legendären chinesischen Kung Fu-Meister, sondern auch einen Drachen, das Nationalsymbol Chinas, besiegen ließ. Während dieses Fabelwesen im christlichen Kulturkreis schlecht beleumundet ist und in der Nibelungen-Sage der Drachentöter Siegfried verehrt wird, symbolisiert der Drache für Chinesen Macht, Stärke und das Kaisertum. Es ist somit völlig undenkbar, dass ein Fremder, ein Ausländer einen Drachen besiegt. 7.9 Nationalstolz NBA: National Basketball Association Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 280 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 281 282 Teil D: Einfluss der Religion Abb. 66: Religiosität & Nationalstolz Quelle: Inglehart (1998, S. 127). Anteil derer, die auf ihre Nation „sehr stolz“ sind (in %) Anteil derer, die Gott „große Bedeutung“ für ihr Leben zumessen (in %) 0 10 20 30 40 50 60 70 20 40 60 80 China Dänemark Schweden Belgien Frankreich Weißrussland Japan Russland Ostdeutschland Niederlande WestdeutschlandMoskau Lettland Norwegen Slowenien Großbritannien Island Österreich Ungarn Finnland Tschechoslowakei Spanien Portugal Italien Litauen Nordirland Argentinien Kanada Indien Irland USA Mexiko Chile Polen Südafrika Brasilien Nigeria Türkei Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 282 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 283 8 Hilfreiche Links http://www.wdr.de/themen/kultur/religion/weltreligionen118.html Diese Webseite informiert ausführlich über die fünf Weltreligionen und über „andere Religionen“ (z.B. Bahai). http://www.heiliges-indien.de Diese Webseite informiert über Grundlagen und Lehren des Hinduismus. http://www.katholisch.de Die offizielle Webseite der katholischen Kirche Deutschlands dokumentiert die Position der katholischen Kirche zu aktuellen Themen (z.B. Bekämpfung der Armut, Finanzierung der Kirchen, Sterbehilfe) und ermöglicht über zahlreiche Links den Zugang zu vielen weiteren einschlägigen Webseiten. http://www.islam.de Die offizielle Webseite des Zentralrats der Muslime in Deutschland verschafft Zugang zu einem umfassenden Informationsangebot, angefangen bei einer Übersetzung des Korans bis hin zu Stellungnahmen zu aktuellen politischen Themen. Der Zentralrat ist die Dachorganisation muslimischer Organisationen in Deutschland. http://www.transafrika.org/pages/informationen-afrika/religion Thema dieser kommerziellen Webseite ist Afrika als Reiseland. In knapper Form informiert sie aber auch über den Animismus und die Verbreitung der Weltreligionen in Afrika. Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 282 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 283

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Prof. em. Dr. Stefan Müller lehrte Marketing an der Technischen Universität Dresden.

Prof. Dr. Katja Gelbrich ist Inhaberin des Lehrstuhls für Internationales Management an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

Menschen kommunizieren auf vielfältige Weise. Nur wenige der dabei zu beobachtenden Kommunikationsformen und -inhalte sind weltweit gleichermaßen verständlich. Verständi­gung setzt deshalb u.a. voraus, dass die Beteiligten in der Lage sind, kulturspezifische Signale zu decodieren, z.B.:

• Grußformeln und Regeln des Small Talk (= verbale Kommunikation),

• Stimmlage, Tonhöhe und Lachen (= paraverbale Kommunikation),

• Mimik, Gestik sowie Art und Dauer des Blickkontakts (= nonverbale Kommunikation),

• Distanz und Nähe, körperliche Begrüßungsrituale und Gastgeschenke (= extraverbale Kommunikation).

Ausgehend von E. T. Halls berühmter These, dass „Kommunikation Kultur ist und Kultur Kommunikation“, erörtern die Autoren den Einfluss der Landeskultur auf die Kommuni­kation. Vor dem Hintergrund kulturabhängiger Weltbilder, Mythen, Helden, Rituale, Symbole, Tabus, Normen und Werte diskutieren sie die Möglichkeiten des Verstehens

und des Missverstehens.

Neben den Besonderheiten und Gesetzmäßigkeiten der interpersonellen Kommunikation in kulturübergreifenden Interaktionen behandelt das Buch die Grundlagen der interkulturellen kommerziellen Kommunikation. Sie umfasst Print-, TV- und elektronische Werbung, Public Relations, Verkaufsförderung, Sponsoring, vergleichende Werbung, Direkt­marketing und Empfehlungsmanagement bei Zielgruppen mit unterschiedlicher kultureller Orientierung. Ein weiteres Kapitel befasst sich mit den verschiedenen kommu­nikativen Stilen. Hierzu zählen Denk-, Argumentations- und Verhandlungsstile sowie Führungsstile und Konfliktstile.