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4 Nonverbale Kommunikation in:

Stefan Müller, Katja Gelbrich

Interkulturelle Kommunikation, page 103 - 116

1. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4600-5, ISBN online: 978-3-8006-4601-2, https://doi.org/10.15358/9783800646012_103

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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4 Nonverbale Kommunikation Inhaltsverzeichnis 4.1 Grundlagen So unstrittig die metakommunikative Schlüsselrolle der nonverbalen Kommunikation (vgl. Knapp/Hall 2006), so wenig strukturiert ist das Forschungsgebiet (vgl. Hasenstab 1999, S. 163). Beispielsweise subsumiert Rothlauf (2009) ihm die Körper-, die Zeit-, die Raum- sowie die Vertragssprache (vgl. Abb. 33) und damit auch Forschungsfelder, die Hasenstab (1999) teilweise der extraverbalen Kommunikation zurechnet. Andere reduzieren die nonverbale Kommunika tion mehr oder minder auf die Körpersprache (vgl. Argyle 2012). Deshalb gelten Mimik, Gestik und Blickkontakt als kleinster gemeinsamer Nenner der nonverbalen Kommunikation. Unstrittig jedoch ist, dass sie, anders als die verbale Kommunikation, zumeist unbewusst verläuft und deshalb häufig mehr über die Emotionen der kommunizierenden Personen aussagt als der verbalisierte Anteil der Kommunikation. Wie Wahrlich (2002) betont, gibt es „keine natürlichen mimischen oder gestischen Zeichen, die überall auf der Welt richtig interpretiert und verstanden werden könnten. Dass wir lachen und weinen und Gefühle mimisch ausdrücken, liegt in der Natur des Menschen. Aber wann und wie wir das tun, ist abhängig von der Kultur, in der wir aufgewachsen sind. Sie prägt die Gefühlsausdrücke, diszipliniert und überformt sie. Deswegen gibt es auch keine natürliche Sprache der emotionalen Gestik, auf die wir uns im Umgang mit Fremden verlassen könnten.“ 4.2 Mimik Mimik dient wesentlich dazu, Emotionen körperlich auszudrücken. Als erster befasste sich C. Darwin systematisch-vergleichend mit diesem Sachverhalt. Er wollte nachweisen, dass der Mensch seine wichtigsten Emotionen (Freude, Trauer, Ärger, 4.1 Grundlagen Nonverbale Kommunikation: Absichtliche bzw. unabsichtliche Verständigung „ohne Worte“. 4.2 Mimik 4.1 Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97 4.2 Mimik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97 4.2.1 Emotionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98 4.2.2 Lächeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101 4.3 Gestik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104 4.3.1 Universalität & Spezifität von Gesten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104 4.3.2 Ausdruck von Emotionen durch die Körperhaltung . . . . . . . . . . . . 107 4.4 Blickkontakt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108 4.4.1 Dauer des Blickkontakts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108 4.4.2 Art des Blickkontakts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 96 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 97 98 Teil B: Interpersonale Kommunikation Furcht etc.) durch spezifische, vorrangig mimische und stimmliche Ausdrucksmuster kommuniziert, die ange boren sind (d.h. universalistisch). 4.2.1 Emotionen Universalistische vs. kulturrelativistische Erklärungsansätze Pankulturelle Emotionen. Anfänglich bestätigten kulturvergleichende Untersuchungen die erstmals von Darwin (1872) formulierte universalistische Position der Emotionsforschung. Stellvertretend für diese Strömung seien vier Studien genannt: • Weltweit fürchten Kinder sich vor plötzlichen, ungewohnt lauten Geräuschen, ohne dieses Reiz-Reaktionsmuster vorher erlernt zu haben (vgl. Tomkins 1962). • Bei amerikanischen wie auch bei japanischen Säuglingen provoziert eine leichte Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit einen leidenden Gesichtsaus druck und Laute des Missfallens (vgl. Camras et al. 1992). • Weiße wie schwarze US-amerikanische Studenten drücken Verlegenheit aus, indem sie den Kopf zur Seite drehen und auf den Boden sehen bzw. auf andere Weise den Kopf abwenden (vgl. Keltner 1995). • Sowohl indische als auch amerikanische Probanden dekodieren den in Videosequenzen dokumentierten mimischen Ausdruck von zehn grundlegenden Emotionen (z.B. Ekel, Erstaunen, Furcht, Scham) weitgehend zutreffend (vgl. Hejmadi et al. 2000). Zusammenfassend besagt das Konzept der pankulturellen Emotionen, dass es Gefühle gibt, die weltweit auf die gleiche Weise empfunden und ausgedrückt werden. Neben Furcht werden zumeist Ekel, Fröhlichkeit, Trauer, Überraschung, Bewegungseinschränkung: Die Hände der Säuglinge wurden über dem Bauch verschränkt. Abb. 33: Formen nonverbaler Kommunikation Quelle: Rothlauf (2009, S. 188), leicht modifiziert. Zeitsprache Vertragssprache Nonverbale Kommunikation Zeitbewusstsein Zeitvorstellung Zeitauffassung Körperabstand Privater vs. öffentlicher Raum Begrüßungsrituale Gestik Mimik Körperhaltung Blickkontakt Schriftliche vs. mündliche Form Grad der Detailliertheit Hierarchische Position der Verhandlungsführer Körpersprache Raumsprache Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 98 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 99 4.2 Mimik 99 Verachtung und Wut der Klasse der pankulturellen Emotionen (bzw. Basisemotionen) zugerechnet. Kulturspezifische Emotionsregeln. Im weiteren Verlauf der Forschung wurden jedoch immer mehr Studienergebnisse publiziert, die durch den universalistischen Ansatz nicht hinreichend erklärt werden konnten. Zwar stellt der kulturrelativistische Ansatz der Emotionsforschung die bisherigen Erkenntnisse nicht prinzipiell in Frage, modifiziert sie aber in entscheidender Weise (vgl. Grossmann et al. 2003). Charakteristisch hierfür sind Studien, wie sie u.a. Mesquita/ Frijda (1992, S. 191) sowie Ekman/ Friesen (1986) durchgeführt und publiziert haben. Demnach erkennen und deuten Personen unabhängig von ihrer Kulturzugehörigkeit bestimmte Emotionen in vergleichbarer Weise (nämlich Ekel, Fröhlichkeit, Furcht, Trauer, Überraschung, Verachtung und Wut). Allerdings moderiert die kulturelle Prägung die Verlässlichkeit, mit der Emotionen aufgrund nonverbaler Signale erkannt werden: „Accuracy was higher when emotions were both expressed and recognized by members of the same national, ethnic, or regional group suggesting an in-group advantage“ (Elfenbein/ Amabady 2002). Erklären lässt sich dies damit, dass gemäß der kulturrelativistischen Position Gefühle nicht vollständig genetisch determiniert sind (⇒ Determinismus). Vielmehr entscheiden häufig kulturell geprägte Emotionsregeln über die sozial erwünschte Ausdrucksmodalität (vgl. Argyle 2012). So drücken die meisten Menschen, angefangen bei Esten bis hin zu Vietnamesen, Verachtung unilateral aus: Sie pressen ihre Lippen aufeinander und ziehen einen Mundwinkel nach oben (vgl. Matsumoto/Ekman 2004). Wie Ricci-Bitti et al. (1989) berichten, befolgen auch Amerikaner diese Emotionsregel. Italiener hingegen zeigen ihre Verachtung bilateral: Sie ziehen beide Mundwinkel nach unten. Die in Japan und anderen, konfuzianisch geprägten Gesellschaften gültigen Emotionsregeln wiederum sorgen dafür, dass dort Gefühle im Allgemeinen und negative Gefühle (z.B. Ärger, Schadenfreude) im Besonderen seltener mimisch offenbart werden als im westlichen Kulturraum (vgl. Henley 1995; 1977). „Dies ist unzweifelhaft auch, was hinter dem westlichen Stereotyp liegt, dass Asiaten ,unergründlich‘ wären und ,schwer zu verstehen‘ “ (Aronson et al. 2004, S. 108). Mimik ist demnach auch eine gelernte Reaktion auf kulturelle Konventionen: Welche Gefühle sollen bzw. dürfen Mitglieder einer Kultur kaschieren oder zeigen (vgl. Aune/ Aune 1996)? Einigkeit besteht insofern, als die Extremposition innerhalb des kulturrelativistischen Ansatzes („Emotionen sind soziale Konstruktionen“; Harrés 1986)) fraglos übertrieben und vermutlich Ausdruck eines Artefakts ist (vgl. Barrett 2006; Hacking 1999). Denn die vergleichende Emotionsforschung untersucht Gefühle zumeist nicht direkt, sondern anhand der jeweiligen verbalen Bezeichnung. Und da kulturelle Unterschiede, in Gestalt spezifischer Werte, Interaktionsgewohnheiten etc., nicht nur die Gefühle, sondern auch die jeweilige Sprachentwicklung beeinflusst haben, ist es nicht verwun derlich, dass interkulturelle Studien große Unterschiede im sog. Emotionsvoka bular nachweisen konnten (vgl. Scherer/ Wallbott 1994). Emotionsregel: Vom jeweiligen kulturellen Umfeld geprägter Verhaltensstandard, der festlegt, ob und in welcher Weise (z.B. verbal bzw. nonverbal) bestimmte Emotionen (z.B. Wut, Zorn) ausgedrückt werden können bzw. sollen. Artefakt: Durch Fehler im Untersuchungsaufbau geschaffener Befund. Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 98 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 99 100 Teil B: Interpersonale Kommunikation Ein typischer Befund dieser Forschungsrichtung lautet: Tahitianern stehen nur wenige Begriffe zur Verfügung stehen, um Zustände der Trauer auszudrücken (z.B. „sich schwer und müde fühlen“, „keinen inneren Anschub verspüren“). Hingegen ist ihr Vokabular reichhaltig, wenn es gilt, Ärger und ähnliche Gefühle zu ver balisieren (vgl. Levy 1984). Gefühle & Sprache Zwei emigrierte Juden begegnen sich nach einiger Zeit in New York wieder. Fragt der eine den anderen: „Are you happy in the new country?“ Und als der Zweite antwortet: „Yes, I am. Why do you ask?“, fragt der Erste nochmals: „Are you really, really happy?“ Und schließlich: „Biste glicklich?“ Nun erst erhält er die zutreffende Antwort: „No, glicklich natür lich nicht.“ Denn befreit von der mit der amerikanischen Sprache verbundenen Emotionsregel „Be happy“ konnte der Befragte seinen wahren Gefühlszustand offenbaren. Die massenhafte Kommunikation im Internet hat eine spezielle Form nonverbaler ,cultural universals‘ ermöglicht: die Smileys. Es soll der US-Amerikaner S. Fahlman gewesen sein, der anfangs der 1980er-Jahre die ersten „Gefühlsbotschaften“ versandte (vgl. Tab. 25). Dem Betrachter erschließen sie sich, wenn er den Kopf nach links neigt. Tab. 25: Smileys: ,cultural universals‘ des Internet :-) User ist fröhlich/lächelt/hat Spaß :-)) User ist besonders fröhlich ;-) Augenzwinkern. User meint etwas ironisch oder flirtet :-D User lacht jemanden aus :-( Enttäuschung, Trauer. User findet etwas nicht witzig :-c User ist traurig :-C User ist unglaublich traurig :‘-( User weint :-I User ist uninteressiert bzw. leicht verärgert :-II User ist sehr verärgert :-@ User ist extrem verärgert/schreit :-> User gibt gerade sehr sarkastischen Kommentar ab :-o Überraschung („o nein!“) I-( Es ist spät in der Nacht, und User ist müde I-I User schläft :-x Kuss :-/ User ist skeptisch :*) User ist betrunken (-: User ist Linkshänder ::-) User trägt normale Brille II*( User bietet Händedruck (zur Versöhnung) an … Quelle: www.wiso.uni-erlangen.de/wiaklsmileys.html; in: Psychologie Heute, 2001, 28(12): 9. Neuro-kultureller Erklärungsansatz Ekman (1971, S. 212ff.) erklärt den zwischen der Art und Weise der verbalen Bezeichnung von Gefühlszuständen einerseits und dem Erleben von Gefühlen andererseits bestehenden Zusammenhang damit, dass beim Ausdruck von Gefühlen Gehirn (= genetisches Erbe) und Kultur (= soziales Erbe) interagieren. Diese Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 100 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 101 4.2 Mimik 101 Theorie wird nicht nur herangezogen, um interkulturelle, sondern auch um intrakulturelle Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu erklären. Typische Beispiele dieser Forschungsrichtung sind: • Kindern ist es weltweit zumeist erlaubt, ihre Gefühle ungehemmter auszudrücken als Erwachsenen. • Angehörige der oberen sozialen Schicht sind gewöhnlich durch die Normen, die in ihrer Klasse gelten, zu emotionaler Zurückhaltung verpflichtet: Contenance als schichtspezifische soziale Norm, die bspw. in Frankreich nach wie vor beachtet wird (vgl. Wickert 1999). Für die soziale Unterschicht hinge gen gilt gemeinhin eine stärkere Emotionalität als angemessen (vgl. Kraus et al. 2011; Irvine 1990). 4.2.2 Lächeln Echtes vs. falsches Lächeln Anders als das auch vernehmbare Lachen ist Lächeln ein ausschließ lich mimisches Phänomen. Dabei sind zwei Varianten unterscheiden: Echtes Lächeln erkennt man an den gleichmäßig nach oben gezogenen Mund winkeln, den dadurch entstehenden Grübchen und den Krähenfüßchen an den Augenwinkeln. Es wird als eine freundliche Aufforderung zur Annäherung, zum Gespräch etc. verstanden. Davon ist das falsche bzw. verächtliche Lächeln zu unterscheiden, das zwar auch die nach oben gezogenen Mundwinkel und die Grübchen erzeugt, aber anders als das echte Lächeln zusätzlich die Winkel der Lippen kontrahiert. Chinesen, Japaner, Koreaner etc. setzen ihr aus westlicher Sicht „typisch asiatisches Lächeln“ weitaus differenzierter ein als Europäer. Zum einen drücken sie damit die üblichen positiven Emotionen aus (z.B. Sympathie, Freude). Zum anderen versetzt sie diese gelernte stereotype Mimik in die Lage, eine Vielzahl von sozial unerwünschten Gefühlen (z.B. Ärger, Trauer, Verlegenheit, Verwir rung) zu verbergen. Denn in Japan und anderen asiatischen Ländern lautet ein zentraler Kulturstandard: Lächle in misslichen Lebenslagen, belästige deine Mitmenschen nicht mit deinen Problemen und versuche nicht, ihr Mitleid zu erregen. Dieses soziale Lächeln ist derart vielgestaltig, dass es Kulturfremden zumeist nicht gelingt, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Erklären lässt sich dies damit, dass Asiaten Mimik und die damit verbundenen Emotionen nur aus der Augenregion erschließen, während Angehörige des westlichen Kulturkreises dabei auch die Mundregion beachten. Jack et al. (2009) begründen ihre These mit der Analyse von Augenbewegungen. Dabei hat sich gezeigt, dass asiatische Probanden vor allem die Augen der auf Photographien dargestellten Menschen registrieren, Versuchspersonen aus westlichen Ländern hingegen das gesamte Gesicht. Dieses Ost-West-Muster lässt sich auch in den jeweiligen „Emotiocons“ nachweisen: Während im westlichen Kulturraum E-Mail-Schreiber dem Empfänger üblicherweise durch einen stilisierten Mund mitteilen, in welcher Stimmung sie sind, erfüllen in den entsprechenden „asiatischen Smileys“ die Augen diese Funktion (vgl. Abb. 34). Unechtes Lächeln: Verrät „sich durch starke Asymmetrie, das Fehlen der Krähenfüßchen und sein abruptes Erscheinen oder Verschwinden.“ Grammer/ Eibl-Eibesfeldt (1993, S. 319) „Das Leben meistert man lächelnd – oder gar nicht.“ Chinesisches Sprichwort Emotiocon: Durch Satzoder Sonderzeichen erzeugte standardisierte digitalgraphische Gefühlsäußerung in einer E-Mail. Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 100 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 101 102 Teil B: Interpersonale Kommunikation Abb. 34: Smileys im Ost-/West-Vergleich Westlicher Kulturkreis :-) :-( (^_^) (; _ ;) Östlicher Kulturkreis Masuda et al. (2008) bestätigen mit einem ganz anderen Untersuchungsansatz die These eines grundlegenden Ost-/West-Unterschieds bei der Personenbeurteilung. Sie weisen experimentell nach, dass japanische Studenten den Gesichtsausdruck einer Person – und damit letztlich deren jeweilige Stimmung – weit stärker aus deren Umfeld erschließen als amerikanische Studenten: In welchem Maße sie die in einem Cartoon dargestellte zentrale Figur als glücklich, traurig, ärgerlich oder neutral einstuften, hing bei den befragten Japanern stark von dem (glücklichen, traurigen, ärgerlichen oder neutralen) Gesichtsausdruck der vier peripheren Figuren, welche die zentrale Figur umgeben, ab (= Kontext der Informationsverarbeitung). Wie auch die in einer zweiten Studie durchgeführte Blickregistrierung bestätigte, richteten die amerikanischen Probanden hingegen ihre ganze Aufmerksamkeit auf die zentrale Figur und deren – schematisch dargestellten – Gesichtsausdruck. Dass Japaner selbst bei einer Entschuldigung oder bei einer traurigen Nachricht lächeln, missverstehen Kulturfremde zumeist (vgl. Rothlauf 2009, S. 495). Hierfür wie auch für den Umstand, dass das „asiatische Lächeln“ häufig als masken haft (z.B. stereotyp, erstarrt) empfunden wird, dürfte primär das mangelnde Differenzierungsvermögen von Nicht-Asiaten verantwortlich sein. Denn im konfuzianischen Kulturraum erfüllt das Lächeln höchst unter schiedliche kommunikative und soziale Funktionen. „Es reicht vom Lächeln zur Begrüßung, über Zustimmung als Zeichen der Freude und Anerkennung, es wird für eine Ermahnung einge setzt, als Zeichen der Verlegenheit oder für eine Bitte um einen Gefallen ver wendet, kommt aber auch als indirekte Botschaft der Trauer zur Anwendung“ (Rothlauf 2009, S. 449). Im Land des Lächelns I „Freundlich lächelnd erklärt Herr Ohara seinen europäischen Gästen, dass der Skiurlaub ins Wasser fallen müsse: Sein langjähriger Geschäftspartner und Freund liege im Sterben. Weder Tonfall noch Mimik verrieten, was Herr Ohara wirklich fühlte. Mit Stäbchen zu essen: Das hatten die Besucher aus dem Westen nach zwei Wochen Aufenthalt in Tokyo inzwischen gelernt. Auch an die jungen Frauen im Kaufhaus, die den Lift bedienen, sich vor jedem Kunden verbeugen und dem ,hochgeschätzten Gast‘ höflich erzählen, in welchem Stockwerk er was kaufen kann. Doch diese stoische Freundlichkeit verschlug ihnen die Sprache. Lächeln als Maske, um die wahren Gefühle zu verbergen? Aber das Lächeln war keineswegs falsch: Vielmehr wollte Herr Ohara die Harmonie seiner Gäste nicht stören, indem er sie mit seinen eigenen Problemen behelligt.“ Itakura (2001, S. 87) „Westerners see emotions as individual feelings, whereas Japanese see them as inseparabel from the feelings of the group“ Masuda (2008, S. 365) Periphere Personen: Merklich kleiner und im Hintergrund abgebildete Personen. Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 102 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 103 4.2 Mimik 103 Im Land des Lächelns II „Der freundliche Herr Y. Kadokawa, den seine Geschäftskarte als ,Direktor des Forschungsinstituts für Lächeln und Liebenswürdig keit‘ ausweist, demonstriert die wahre Kunst des Lächelns. Er führt die strahlende Pose immer wieder vor, erklärt, wie das Gefühl in den Wangen knochen und wie der Augenausdruck kommen müssen. Wer immer noch glaubt, im ,Land des Lächelns‘ sei die sprichwörtliche Freundlichkeit angeboren, irrt. Immer mehr Japaner besu chen Benimmschulen, Charme- und Lächelkurse, um in der zunehmend rauen Arbeitswelt mit einer strahlenden Erscheinung bessere Chancen für Jobs oder den Ver kauf ihrer Produkte zu erlangen. Lächellehrer, die natürlich darauf schwören, dass diese Kunst trainiert werden müsse, verlangen auf Kommando: Knipsen Sie Ihr nettestes Gesicht an. Die ideale Einstimmung, sich wirkungsvoll am Telefon zu melden, sei übrigens ein bestimmtes Wort: Ausgesprochen beim letzten Läuten, ehe man den Hörer abhebt, entlocke es fast automatisch ein Strahlen, und der Anrufer hört eine freundliche Stimme. Das Wort heißt Whisky.“ Köhler (1997, S. 3) Im Land des Lächelns III „Es gibt einiges, was die Deutschen den Amerikanern wirklich übelnehmen. Da wären der Vietnamkrieg, die Präsidentschaft von G.W. Bush, die Deepwater-Horizon-Katastrophe und die Verbreitung von Klimaanlagen. Was die Bundesbürger aber am meisten irritiert, ist das reflexhafte Lächeln, ausgeprägt vor allem bei Angehörigen der Dienstleistungswirtschaft. So mancher Amerika-Heimkehrer fühlt sich vom fröhlichen „How can I help you? Is everything okay?“ dermaßen verfolgt, dass er die Tage nach der Rückkehr unbedingt auf der Kfz-Zulassungsstelle, der Baubehörde oder auf Verkäufersuche im Elektronikmarkt verbringen muss, um wieder eine Dosis heimische Ignoranz zu tanken. Entspricht doch das Idealgesicht des Deutschen eher jenem amtlich vorgeschriebenen Gesicht für das Foto im elektronisch lesbaren Reisepass oder zumindest dem von Fußballbundestrainer J. Löw, wenn er M. Neuer bei der Parade beobachtet.“ Borchardt (2010, S. 17) Angeboren oder erlernt? Dass das soziale Lächeln nicht genetisch programmiert, sondern erlernt ist, zeigt folgendes Experiment. Ekman (1984) beobachtete bei Japanern und Amerikanern, die einen bestimmten Film betrachteten und sich dabei unbeo bachtet wähnten, einen weitgehend vergleichbaren Gesichtsausdruck (d.h. in Abhängigkeit von der filmischen Darstellung zeigten sie Anzeichen von Trauer, Furcht, Freude etc.). Erst als ein Angehöriger des eigenen Kulturkreises den Raum betrat, änderte sich bei einem Teil der Probanden die Mimik. Während die japanischen Versuchsteilnehmer nunmehr ihre nega tiven Gefühle mit einem Lächeln maskierten, behielten die amerikanischen Probanden ihren ursprünglichen Gefühlsausdruck bei. Dieser Effekt lässt sich mit der unterschiedlichen Verbindlichkeit sozialer Normen erklären: Die westliche Kultur ist geprägt von moralischen Werten, die im Christentum wurzeln. Wer an die göttliche Vergebung glaubt, für den ist es vergleichsweise unbedeutend, wie andere Menschen sein Verhalten beurteilen, auch wenn es sich dabei um nahestehende Personen handelt: lebt man doch selbst im Einklang mit einer höheren Instanz. Japaner hingegen orientieren sich vergleichsweise wenig an verinnerlichten Normen. Für sie sind externe Normen bedeutsamer: Wie bewertet die ,in group‘ das eigene Verhalten? Besteht die Gefahr, dass dieses Verhalten die Harmonie, d.h. die Beziehung zwischen Indi viduum und Umwelt stört (vgl. Matsuda 1981)? Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 102 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 103 104 Teil B: Interpersonale Kommunikation Drinnen & draußen Der angesehenen japanischen Soziologin C. Nakane zufolge basiert das japanische Normensystem auf der Unterscheidung von drinnen und draußen. „Drinnen (,uchi‘) sind die, die zusammengehören, eine Gruppe bilden. Das sind in der Regel Familien, Betriebe und Schulklassen. Für sie gelten klare Pflichten, feste Regeln und Verhaltensvorgaben. ,Alle machen alles zusammen und sehr einheitlich, selbst wenn das sehr stressig ist. Fast automatisch ordnet man sich unter‘. Draußen (,soto‘) stehen die Fremden, und die hält man möglichst auf Distanz. Auch Manager, die von ihren Firmen ins Ausland entsendet werden, spüren bei ihrer Rückkehr das tiefe Misstrauen der Kollegen. Häufig werden sie erst einmal ins Abseits gestellt, bis die Chefs sich überzeugt haben, dass alle fremden Allüren verschwunden sind. ,Als ich nach acht Jahren aus den Vereinigten Staaten zurückkam, hat mir mein Boss ziemlich klar zu verstehen gegeben, dass mich Amerika verdorben habe. Ich bekam einen Posten, bei dem ich kaum Kontakte zu den Kunden hatte‘, erinnert sich T. Matsumoto. Der 51-jährige Manager eines großen japanischen Unternehmens musste sich auch wieder an die andere Diskussionskultur in Japan gewöhnen. ,In einer Konferenz erwartet keiner hier, dass man sich äußert oder sofort reagiert.‘ “ Köhler (2000, S. 66) 4.3 Gestik 4.3.1 Universalität & Spezifität von Gesten Während Lächeln und andere Phänomene nonverbalen Verhaltens primär dazu dienen, Emotionen sichtbar zu machen – oder auch zu kaschieren, stehen Gesten in engem Zusammenhang mit dem Denken (vgl. Golden- Meadow 2005). Manche halten sie sogar für die Urform der menschlichen Sprache (vgl. Tomasello 2009). Dennoch wurde diese Form der nonverbalen Kommunikation im Gegensatz zum Gesichts- und Stimmausdruck von der empirischen Forschung lange Zeit vernachlässigt. Wenn, dann konzentrierten sich die Studien zumeist auf die Untersuchung „rede-begleitender Handbewegungen“ (z.B. Müller 1998; Feyereisen/ de Lannoy 1991). Auf Darwin (1872) geht die Vor stellung von einer kulturinvarianten spezifischen Motorik zurück, die mehr oder minder zwangsläufig bestimmte Emotionen begleitet (z.B. Händeringen oder das Gesicht in den Händen verbergen). So kann es evolutionstheoretisch betrachtet sinnvoll und deshalb weltweit verbreitet sein, sich „klein“ zu machen, wenn man sich ängstigt und sich buchstäblich unter würfig fühlt. Nicht minder zweckmäßig ist es für Polizisten und Soldaten, sich durch Helme, Mützen, Schulterstücke etc. größer und breiter zu machen, als sie tatsächlich sind (d.h. „eindrucksvoller“). Die preußische Pickelhaube etwa kann als Drohgebärde oder Machtsymbol gedeutet werden, dazu bestimmt, den Einbrecher, den Verkehrssünder etc. auf den sprichwörtlich „ersten Blick“ einzuschüchtern. Empirisch wurde die universalistische Auf fassung in diesem Bereich zwar in ihrer Grundaussage bestätigt, u.a. durch die Arbeiten von Eibl-Eibesfeldt (1972). Dennoch sind zahlreiche Gesten Embleme, d.h. kulturspezifisch modifiziert. Sie geben bei interkulturellen Begeg nungen regelmäßig Anlass für Missverständnisse. 4.3 Gestik „Gesten wie das Zeigen auf Subjekte und Objekte standen am Anfang der Entwicklung von Sprache und Kultur.“ Tomasello (2009) „Gestures are not merely an embellisment of speech but are integral parts of language itself.“ McNeil (2000) Evolution: Allmähliche, von niederen zu höheren Formen verlaufende Entwicklung der Arten Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 104 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 105 4.3 Gestik 105 Anerkennung oder Beleidigung? Wenn Daumen und Zeigefinger einen Kreis formen und die anderen Finger der Hand gestreckt nach oben zeigen, dann verstehen Angelsachsen dies als Zeichen für „alles o.k.“. Die meisten Bewohner romanischer und südamerikanischer Länder hingegen würden sich durch diese Geste beleidigt fühlen. Denn sie interpretieren es wie das amerikanische Flipping-the-Bird-Zeichen: „Du kannst mich mal.“ Japaner wiederum deuten diese Geste als ein Zeichen für Geld (Frankreich = „Null“, Mexiko und Äthiopien = „Sex“ bzw. „Homosexualität“; vgl. Gudykunst 2003). Thumb Up-Geste. Der nach oben gerichtete Daumen, signalisiert in westlichen Ländern, aber bspw. auch in Brasilien Aner kennung („gut gemacht!“) und in Frankreich „exzellent“. Vielfach wird sie auch als Ausdruck von Stolz verstanden (vgl. Tracy/ Robins 2008, S. 518). Ghanaer empfinden diese Geste hingegen als vulgär und Iraner sowie Sarden gar als Beleidigung (vgl. Mitchell 2000, S. 107). Japaner wiederum signalisieren so „Freund“ bzw. „Partner“, aber auch die Zahl Fünf. Abb. 35: Mehrdeutige Gesten Quelle: in Anlehnung an flatworldknowledge.com. Hand-Purse-Geste. Dieses Zeichen ist im Mittelmeerraum bedeutsam. Dabei werden Daumen und die übrigen Finger so zusammengefügt, dass sie sich an den Fingerspitzen berühren und nach oben zeigen. Italiener signalisieren mit dieser Geste „Was versuchst Du, mir gerade zu sagen?“, Spanier „gut“ und Tunesier „nicht so schnell“ (vgl. Aronson et al. 2004, S. 109). Vor der Brust verschränkte Arme. Bewohner der Fidschi-Inseln drücken so Respekt aus, während Finnen diese Geste als arrogant oder beleidigend werten (vgl. Rothlauf 2009, S. 192). Auf den Gesprächspartner gerichtete Schuhsohlen. In Thailand, auf der arabischen Halbinsel und in vielen anderen Ländern gelten Schuhsohlen, wie Schuhe insgesamt oder die linke Hand, als unrein. Auch könnte das Gegenüber aus dieser (Sitz-) Haltung folgern, er sei „unter“ den Schuhsohlen seines Gesprächs- bzw. Verhandlungspartners angesiedelt und damit minderwertig (vgl. z.B. Doser 2006, S. 70). Das bis vor kurzem in anderen Teilen der Welt noch unbekannte bzw. ungebräuchliche Schuhsymbol hat sich in erstaunlich kurzer Zeit global verbreitet. Von Deutschland, anlässlich des Protests gegen zu Guttenbergs Lügen, bis nach China reicht der Bogen. Dort bewarf ein unbekannter Student mit dem Nutzernamen @ hanunyi den Rektor der Pekinger Post- und Telekom-Universität mit einem Schuh und vermeldete auf Twitter seine Tat. Dieser Professor ist Chinas Studenten „seit langem verhasst, weil er als Erfinder der Great Firewall gilt. Mit diesem technisch komplizierten System aus Filtern zensiert Chinas Kommunistische Partei das Internet“ (Bork 2011, S. 11). Emblem: Kulturspezifisch definierte nonverbale Geste (z.B. „OK- oder „Bei dir piepst es wohl-Zeichen.“ Archer (1997) Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 104 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 105 106 Teil B: Interpersonale Kommunikation Ja oder nein? Anlass zu teilweise gravierenden Fehl interpretationen gibt auch die Geste des Kopfnickens. In Mitteleuropa, Nordamerika etc. signalisiert es Zustimmung, hingegen im Einflussbereich des ehemaligen osmanischen Reiches (Bulgarien, Griechenland, Türkei), aber auch in Saudi- Arabien, Teilen Afrikas, Indiens und Malaysias Ablehnung oder Verneinung. In konfuzianisch geprägten Gesellschaften wiederum kann ein Kopfnicken weder als Zustimmung noch als Ablehnung gedeutet werden. Japaner, Chinesen u.a. drücken damit häufig lediglich aus, dass sie verstanden haben, was ihr Gegenüber gesagt hat. Nicht ein mal, dass er verstanden wurde, ist sicher. Möglicherweise wollte ihm sein Gesprächspartner höflicherweise nur zu verstehen geben, dass er dem Gespräch folgt. Wie vielfältig die Möglichkeiten im Japanischen, Ablehnung auf sozial verträgliche, die Harmonie wahrende Weise auszudrücken, zeigt Tab. 26. Thailänder kennen gar mindestens 70 Möglichkeiten, nicht unverblümt „Nein“ sagen zu müssen (vgl. Deveney 2005). In konfuzianisch wie auch in buddhistisch geprägten Gesellschaften wird im Regelfall ein eindeutiges „Nein“ vermieden. Dass Y. Noda, Japans Premierminister, bei seinem Amtsantritt im Frühherbst 2011 offiziell verkündete, man dürfe nicht glauben, Japan könne nach dem Unglück von Fukushima neue Reaktoren bauen, drei Wochen später, vor den Vereinten Nationen, jedoch verlautbarte, sein Land setze auch künftig auf Atomkraft, ist aus japanischer Sicht nicht wirklich ein Widerspruch: „Wie viele Japaner sagte Noda jeweils das, was er für das Erwartete hielt. Freundlich lächelnd stimmen Japaner allem zu. Ärgert sie jemand zu sehr, schweigen sie. […] Japans Elite hat keine Ideologie, sie dulded viele Meinungen – je nach Gesprächspartner. Ihr einziges Ziel ist es, Macht und Status zu erhalten. Dafür ist nicht wichtig, was einer denkt, sondern mit wem er verbandelt ist“ (Neidhart 2011, S. 10). Wenn Deutsche, Franzosen, Italiener oder Amerikaner den Kopf von einer Seite zur anderen schütteln, so bedeutet dies mit großer Wahrscheinlichkeit „nein“. Zu den Nationen, die auf diese Weise Zustimmung ausdrücken, zählen neben Bulgarien, Griechenland und der Türkei auch Indien und manche Regionen Afrikas. „Um die Situation noch ein wenig komplizierter zu machen: In Korea bedeutet ein Kopfschütteln zur Seite ,Ich weiß (es) nicht‘, was in Amerika wie in Deutschland durch ein Schulterzucken kommuniziert wird. Die Bulgaren schließlich zeigen ihr Nicht-Einverstanden-Sein dadurch, dass sie ihren Kopf kurz zurückwerfen, um ihn dann wieder in eine aufrechte Stellung zu bringen. Diese Geste wird von Nicht-Bulgaren häufig als Einverständnis (miss-) gedeutet“ (Aronson et al. 2004, S. 109). Völlig anders verhält es sich wiederum im Orient, wo ein Wiegen der Hand „Ein chinesischer Geschäftspartner würde niemals Nein sagen oder etwas ablehnen. Deutsche Geschäftsleute kommunizieren hingegen gerne direkt. Ihnen fällt es daher schwer, ein chinesisches Nein zu erkennen. Chinesen antworten mit einer Gegenfrage, wechseln das Thema oder benutzen die schwammige Formulierung ,Ich weiß nicht, was du meinst‘, um etwas abzulehnen. Der Grund: Wer zugibt, dass er etwas nicht kann oder möchte, verliert sein Gesicht und bringt dazu noch sein Gegenüber in eine peinliche Situation. Denn die Ablehnung impliziert nach chinesischem Verständnis, dass der Geschäftspartner seine Forderung nicht klar formuliert oder keine ausreichenden Vorbereitungen getroffen hat, damit der andere die Aufgabe bewältigen kann. Aus chinesischer Sicht ist derjenige, der die Aufgabe stellt, immer mitverantwortlich für ihre Ausführung.“ Schröder (2012, S. 79) Mai Chai: In Thai gibt es kein Wort für „Nein“. Die Alternative ,mai chai‘ bedeutet „nicht-ja“. Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 106 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 107 4.3 Gestik 107 in Höhe des Gesichtes „nein“ meint (vgl. Rothlauf 2009, S. 192). Auch in Europa wird diese Geste gezeigt, um Ablehnung auszudrücken, während Nordamerikaner sie üblicherweise nutzen, um auf sich aufmerksam zu machen oder andere zu grüßen. 4.3.2 Ausdruck von Emotionen durch die Körperhaltung Wie verleihen Menschen ihrem Stolz körperlichen Ausdruck? Wie im Folgenden gezeigt wird, spricht dieses Beispiel dafür, dass die Somatisierung von Emotionen eine universell verständliche Form der Kommunikation und somit eher angeboren als erlernt ist. Zusammen mit Verachtung und Scham bildet Stolz die Gruppe der sog. sozialen Emotionen. Diese Emotionen setzen komplexe Prozesse der Selbstbewertung voraus und entstehen entwicklungsgeschichtlich später als die sechs Basisemotionen (vgl. Ekman 1999). Der prototypische nonverbale Ausdruck von Stolz (schmales Lächeln, leicht – d.h. ca. 20° – zurückgeworfener Kopf, weit ausladende, in die Hüfte gestemmte Arme; vgl. Abb. 36) wird nicht nur im westlichen Kulturkreis (Italien und USA), sondern auch in afrikanischen (Burkina Faso) und in asiatischen Gesellschaften weit überzufällig richtig erkannt (vgl. Tracy/Robins 2008). Somit scheint es sich um ein ‚cultural universal‘ zu handeln. Basisemotionen: • Glück/ Freude • Überraschung • Trauer, Traurigkeit • Furcht/ Angst • Ekel • Ärger, Wut • Verachtung Tab. 26: Sechzehn Möglichkeiten, auf Japanisch „nein“ zu sagen 1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. Ein unbestimmtes Nein Unbestimmt-zweideutiges Ja oder Nein Schweigen Eine Gegenfrage Abschweifende Antworten Das Verlassen des Raumes Lügen (doppelsinnige Antwort oder Vorschieben eines Vorwands: z.B. Krankheitsfall, frühere Verpflichtung) Kritik an der Frage selbst üben Die Frage ablehnen 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. Ein bedingtes Nein Ja, aber … Die Antwort aufschieben („Wir schreiben Ihnen“) Im Inneren denkt man ja, nach außen sagt man nein Im Inneren denkt man nein, nach außen sagt man ja Sich entschuldigen Ein Wort verwenden, das dem englischen Nein entspricht (wird meist nur beim Aus füllen amtlicher Formulare und nicht im Gespräch genutzt). Quelle: in Anlehnung an Ueda (1974, S. 185ff.). Abb. 36: Weltweit gebräuchlicher nonverbaler Ausdruck von Stolz Quelle: eigene Photographie entsprechend Tracy/Robins (2008, S. 517). Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 106 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 107 108 Teil B: Interpersonale Kommunikation 4.4 Blickkontakt 4.4.1 Dauer des Blickkontakts In vielen Gesellschaften ist es üblich, Interesse dadurch zu signalisieren, dass man sein Gegen über in „angemessener“ Weise an schaut. Was aber gilt als angemessen? Die sozial erwünschte Dauer des Blickkontakts etwa variiert in den einzelnen Regionen bzw. Kulturräumen in Abhängigkeit vom Grad der wechselseitigen Be kanntheit der an der Interaktion Beteiligten (je vertrauter, desto länger) sowie deren sozialer Stellung (je höher die hierarchische Position, desto länger). Die Kontaktdauer, die bspw. im arabischen Raum als angemessen gilt, ist spürbar länger als in der westlichen Hemisphäre. Dennoch erscheint auch Amerikanern und Europäern eine Per son, welche mutmaßlich den Blickkontakt meidet, „verdächtig“ (vgl. Hasenstab 1999, S. 164). Dabei bestehen erhebliche intraregionale Unterschiede. Amerikaner bspw. empfinden Deutsche aufgrund deren Eigenheit, ununterbrochen Blickkontakt zu halten, als anstrengende Gesprächspartner. „ ,Häufig haben sie das Gefühl, regelrecht angestarrt zu werden‘, sagt D. Klein vom interkulturellen Beratungsunternehmen ICUnet.AG. ,Dieser ununterbrochene Augenkontakt ist für Amerikaner ungewohnt‘ “ (Schröder 2102, S. 81). Briten wiederum empfinden eine bestimmte Blickkontaktdauer zwar weniger schnell als US-Amerikaner als „stechend“ und ihr Gegenüber als unhöflich. Aber auch ihnen ist die Intensität des Blickkontakts, den viele Deutsche suchen, suspekt. Jeden falls raten die Autoren eines beliebten Reiseführers ihren britischen Lesern, bei persönlichen Gesprächen mit Deutschen diesen unmittel bar in die Augen zu sehen, da sie sonst als unsicher bzw. gehemmt gelten wür den. Wäre John Wayne ein Deutscher gewesen, so hätte er nach Ansicht Schulte-Peevers et al. (2010) in seinen großen Filmmomenten nicht sinnend den Horizont abge sucht, sondern die Pupillen seines Gegners fixiert. Dauert ein Blickkontakt, zumal zwischen Fremden, „zu lange“, so können unbeabsichtigte Folgen eintreten: • Schwarze Amerikaner oder Westafrikaner (z.B. Nigerianer) empfinden di rekten Blickkontakt als Dro hung (vgl. Knapp 1995, S. 16). Und Lateinameri kaner wie auch einige afrikanische Kulturen werten es als Ausdruck mangelnden Respekts, wenn Angehö rige niederer sozialer Schichten Hö hergestellte unmittelbar anschauen (vgl. Blom/ Meier 2002, S. 86). • Ganz anders verhält es sich auf der arabischen Halbinsel, wo es dem Kulturstandard (unter Männern) entspricht, „in den Augen des anderen zu lesen“. Nicht-Araber empfinden einen derart intensiven Blickkontakt zumeist als unangenehm-stechend (vgl. Richmond/McCroskey 2004). Wer erleben möchte, dass auch die „Sprache der Augen“ eine Fremdsprache sein kann, muss nicht unbedingt weit reisen. Denn 40 Jahre Trennung haben genügt, um auch auf diesem Gebiet Sprachlosigkeit zwischen Ost- und Westdeutschen entstehen zu lassen (vgl. Klein 2009). 4.4 Blickkontakt Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 108 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 109 4.4 Blickkontakt 109 Deutsch-deutsche Verständigungsprobleme „Seit der Wiedervereinigung wissen es alle: Es hapert mit der deutsch-deutschen Verständigung. Obgleich sie dieselbe Sprache sprechen, reden sie aneinander vorbei. ,Ihr könnt uns einfach nicht verstehen‘, ruft einer von drüben und nennt als Gründe der Verständigungsschwierigkeiten bspw. das Blickverhalten, die Sprechpausen oder den unterschiedlich großen Abstand zwischen den Gesprächspartnern. Die aus dem Osten suchen und halten aber auch länger den Blickkontakt mit dem Gegenüber. Diesen interessierten Ostler-Blick empfinden die Westler als prüfend und aufdringlich. Andererseits interpretieren die aus dem Osten den kürzeren Blickkontakt des Westlers als Uninteressiertheit. Während der Ostdeutsche im Gespräch größere Pausen macht und versucht, seinem Gegenüber nicht ins Wort zu fallen, verhält sich der Westler wie ein Alleinunterhalter, weil er glaubt, die Sprechpausen des Gegenübers zureden zu müssen. Schließlich scheinen die Ostdeutschen die Sprachgeste ,Ich will Dir nicht zu nahe treten‘ nicht mehr so ernst zu nehmen. Sie stehen im Gespräch enger beieinander als die aus dem Westen.“ Köhler (2000, S. 66) 4.4.2 Art des Blickkontakts Asiaten schauen ihren Gesprächspartner im Regelfall immer nur für einen Augenblick an. Zwischendurch wandert der Blick für etwas längere Zeit zum Boden oder zum eigenen Schoß. In Japan besteht ein elementares Ziel einer traditionellen Erziehung darin, den direkten Blickkontakt möglichst zu meiden. Wer mit einem anderen Menschen kommunizieren möchte, begibt sich dort in eine leicht vorge neigte Position, um auf diese Weise Respekt zu bezeugen (vgl. Moran et al. 2010). Vielfach ist nicht nur der direkte Blick in die Augen des Gesprächspartners verpönt, sondern auch der Blick ins Gesicht. Respektvoll ist es stattdessen, auf die Region des Adamsapfels, des Krawattenknotens etc. zu schauen. Schau mir – nicht – ins Gesicht „Einer meiner Kollegen wuchs sowohl in Curaçao (Niederländisch Antillen) wie auch in Surinam (Südamerika) auf. Als Junge versuchte er, Blickkontakt zu vermeiden, woraufhin ihm seine Großmutter aus Curaçao eine Ohrfeige gab (in einigen Kulturen kann Körpersprache recht drastisch sein) und sagte: ,Schau mir gefälligst ins Gesicht!‘ Leonel lernte schnell. Wieder zurück in Surinam, schaute er der dortigen Großmutter mit dem gebührenden Respekt fest ins Gesicht. Doch auch sie gab ihm eine Ohrfeige. Denn in Surinam meiden wohlerzogene Kinder Blickkontakt.“ Trompenaars (1993, S. 105) Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 108 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 109 5 Extraverbale Kommunikation Inhaltsverzeichnis Die verschiedenen Formen der extraverbalen Kommunikation (z.B. Distanz und Nähe) manifestieren sich im Zeit- und Raumverhalten (⇒ Zeit). Wie bei der zeitbezogenen Strukturierung von Erleben und Verhalten sind auch bei der Analyse des Raumverhaltens viele kulturspezifische Codes zu beachten. Während etwa Südeuropäer und Südamerikaner intensiv extraverbal kommunizieren, setzen Nordeuropäer dieses Ausdrucksmittel vergleichsweise sparsam ein (vgl. Abb. 37). Wegweisend für die kulturvergleichende Erforschung beider Verhaltensbereiche – Chronemik und Proxemic – waren die Untersuchungen der Anthropologen E.T. Hall und M.R. Hall (vgl. Kap. A-1.3.2). Abb. 37: Extraverbale Kommunikation in Verbindung mit verbaler und nonverbaler Kommunikation expressive extraverbale Kommunikation Nordamerikaner nonverbale Kommunikation verbale Kommunikation Araber Lateinamerikaner Skandinavier Deutschsprachige Italiener Franzosen zurückhaltende extraverbale Kommunikation 5.1 Distanz & Nähe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111 5.1.1 Privater Raum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111 5.1.2 Demonstrative Raumaneignung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113 5.2 Extraverbale Begrüßungsrituale . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113 5.2.1 Körperliche Begrüßung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113 5.2.2 Reihenfolge der Begrüßung und andere geschlechtsspezifische Regeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118 5.2.3 Kontextbedingungen der extraverbalen Kommunikation . . . . . . . 118 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 110 Vahlens Handbuch – Müller/Gelbrich – Interkulturelle Kommunikation Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.11.2013 Status: Druckdaten Seite: 111

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Zusammenfassung

Prof. em. Dr. Stefan Müller lehrte Marketing an der Technischen Universität Dresden.

Prof. Dr. Katja Gelbrich ist Inhaberin des Lehrstuhls für Internationales Management an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

Menschen kommunizieren auf vielfältige Weise. Nur wenige der dabei zu beobachtenden Kommunikationsformen und -inhalte sind weltweit gleichermaßen verständlich. Verständi­gung setzt deshalb u.a. voraus, dass die Beteiligten in der Lage sind, kulturspezifische Signale zu decodieren, z.B.:

• Grußformeln und Regeln des Small Talk (= verbale Kommunikation),

• Stimmlage, Tonhöhe und Lachen (= paraverbale Kommunikation),

• Mimik, Gestik sowie Art und Dauer des Blickkontakts (= nonverbale Kommunikation),

• Distanz und Nähe, körperliche Begrüßungsrituale und Gastgeschenke (= extraverbale Kommunikation).

Ausgehend von E. T. Halls berühmter These, dass „Kommunikation Kultur ist und Kultur Kommunikation“, erörtern die Autoren den Einfluss der Landeskultur auf die Kommuni­kation. Vor dem Hintergrund kulturabhängiger Weltbilder, Mythen, Helden, Rituale, Symbole, Tabus, Normen und Werte diskutieren sie die Möglichkeiten des Verstehens

und des Missverstehens.

Neben den Besonderheiten und Gesetzmäßigkeiten der interpersonellen Kommunikation in kulturübergreifenden Interaktionen behandelt das Buch die Grundlagen der interkulturellen kommerziellen Kommunikation. Sie umfasst Print-, TV- und elektronische Werbung, Public Relations, Verkaufsförderung, Sponsoring, vergleichende Werbung, Direkt­marketing und Empfehlungsmanagement bei Zielgruppen mit unterschiedlicher kultureller Orientierung. Ein weiteres Kapitel befasst sich mit den verschiedenen kommu­nikativen Stilen. Hierzu zählen Denk-, Argumentations- und Verhandlungsstile sowie Führungsstile und Konfliktstile.