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1.2 Deskriptive Entscheidungstheorie in:

Günter Bamberg, Adolf Gerhard Coenenberg, Michael Krapp

Betriebswirtschaftliche Entscheidungslehre, page 17 - 23

15. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-4518-3, ISBN online: 978-3-8006-4519-0, https://doi.org/10.15358/9783800645190_17

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

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1.2 Deskriptive Entscheidungstheorie 5 lichen Informationsentscheidungen des Entscheidungsträgers in die entscheidungstheoretische Analyse einbezogen werden. Zusammenfassend lässt sich die präskriptive Entscheidungstheorie als Analyse von Entscheidungen unter dem Postulat subjektiver Formalrationalität kennzeichnen. 1.2 Deskriptive Entscheidungstheorie Während die präskriptive Entscheidungstheorie der Frage nachgeht: „Wie sind Entscheidungen bei gegebenen Entscheidungsprämissen zu treffen, so dass sie dem Postulat subjektiver Formalrationalität entsprechen?“, versucht die deskriptive Entscheidungstheorie die Frage zu beantworten: „Wie werden Entscheidungen in der Wirklichkeit getroffen und warum werden sie so und nicht anders getroffen?“ Wie schon ausgeführt, wird mit dieser Fragestellung offenkundig, dass die deskriptive Entscheidungstheorie nicht von gegebenen Entscheidungsprämissen ausgehen kann, sondern deren Zu-Stande-Kommen zum Untersuchungsobjekt erheben und daher empirisch beobachtete Begrenzungen der Rationalität in ihre Aussagen einbeziehen muss. Der deskriptiven Entscheidungstheorie stellen sich – wie jeder deskriptiven Theorie – explikative und explanatorische Aufgaben. Die explikative Aufgabe besteht in der Bildung exakter Begriffe und deren Abgrenzung zu den Begriffen der Umgangssprache oder anderer wissenschaftlicher Disziplinen sowie in der Schaffung begrifflich-theoretischer Bezugsrahmen als Vorstufe der Modellentwicklung. Die Aufdeckung und Erklärung empirischer Zusammenhänge zwischen den Variablen des Bezugssystems gehört zur explanatorischen Aufgabenstellung. Auf der Basis hinreichend abgesicherter Gese eshypothesen und bekannter Ausgangsbedingungen gilt es zu erklären, warum bestimmte Ereignisse eingetreten sind bzw. eintreten werden. Solche wissenschaftlichen Erklärungen basieren auf einer einheitlichen Formalstruktur, die sich auf folgende Elemente zurückführen lässt: Explanandum: Eine Menge von beschreibenden, empirisch gewonnenen Aussagen über den zu erklärenden Sachverhalt. Explanans: 1) Ein Gese , das für die Erklärung des infrage stehenden Sachverhaltes relevant ist. 2) Anfangsbedingungen, die im konkreten Fall die Gese esaussage festlegen. Die Erklärung besteht in der Ermi lung eines unbekannten Explanans aus einem bekannten Explanandum. Folgendes Beispiel mag zur Verdeutlichung dienen: Es gilt, die in den vergangenen Zeitperioden um einen gewissen Betrag gestiegene Nachfrage nach 6 1. Erkenntnisziele der Entscheidungstheorie einem bestimmten Produkt einer Unternehmung zu erklären (Explanandum). Als Explanans wäre in diesem Falle denkbar eine – statistisch zu ermi elnde – Nachfragefunktion, die die Absa menge als abhängige Variable der Parameter Preis und Werbeausgaben darstellt (Gese eshypothese), und die empirisch beobachtete Tatsache, dass das Unternehmen den Preis gesenkt und dasWerbebudget erhöht hat (Anfangsbedingung). Damit wird zugleich klar, dass sich das Erklärungsmodell auch zur Erstellung von Prognosen verwenden lässt, indem aus dem bekannten Explanans mi els logischer Ableitung auf das unbekannte Explanandum geschlossen wird. Erklärung und Prognose stellen – wie in Abbildung 1.2 veranschaulicht – zueinander inverse Operationen dar. PrognoseErklärung Explanandum Explanans (1) Gesetz (2) Anfangsbedingung Abb. 1.2: Erklärung und Prognose Man kann die Bemühungen um eine deskriptive Entscheidungstheorie nach der historischen Abfolge zwei Richtungen zuordnen. Zunächst verzichteteman auf die Bildung spezieller deskriptiver Modelle des Entscheidungsverhaltens. Sta dessen bemühte man sich, die Modelle der präskriptiven Entscheidungstheorie zur Erklärung des Entscheidungsverhaltens zu benu en und, soweit sich Widersprüche zu empirischen Beobachtungen ergaben, die Modelle insbesondere im Hinblick auf die Berücksichtigung von Persönlichkeitsfaktoren des Entscheidungsträgers und die Situationsbezogenheit der Modell-Ansä e zu erweitern. Auf Grund empirischer Untersuchungen, deren Ergebnisse hier nicht im Einzelnen nachgezeichnet werden können, wird im Schrif um vielfach die Ansicht vertreten, dass die Modelle und Modellerweiterungen der präskriptiven Entscheidungstheorie allenfalls einen geringen real verwertbaren Erkenntnisgewinn generieren können. Die Ursache hierfür wird im Ansa dieser Richtung der Entscheidungstheorie begründet gesehen. Als primär präskriptive Theorie geht sie weit gehend von gegebenen Tatsachen- undWertprämissen aus und postuliert Rationalität des Entscheidungsverhaltens. Eine auf Erklärung und Prognose des Entscheidungsverhaltens ausgerichtete Theorie muss aber – wie bereits ausgeführt – das Zu-Stande-Kommen der Entscheidungsprämissen und empirisch zu beobachtende Abweichungen vom Rationalverhalten in ihre Modellansä e einbeziehen. Diese Erkenntnis, die nicht ausschließt, dass aus der zunehmenden Durchdringung der Wirtschaftswissenschaften mit präskriptiven Rationalmodellen des 1.2 Deskriptive Entscheidungstheorie 7 Entscheidungsverhaltens und mit der zunehmenden Verbreitung solcher Modelle in der Wirtschaftspraxis tief greifende Veränderungen des tatsächlichen Entscheidungsverhaltens zu erwarten sind, hat zu einer anderen Richtung in den Bemühungen um eine deskriptive Entscheidungstheorie geführt. Sie ist durch den Übergang von der Rationalitätsanalyse der Entscheidung zu einer interdisziplinären, insbesondere verhaltenswissenschaftlichenAnalyse der den Entscheidungs- und Problemlösungsprozessen zu Grunde liegenden kognitiven Prozesse des Individuums gekennzeichnet. Der grundlegenste und wegen seiner Bezugnahme auf Entscheidungen in Unternehmen betriebswirtschaftlich besonders interessante Ansa zu einer eigenständigen deskriptiven Entscheidungstheorie ist die von Cyert/March (2001) konzipierte und von Simon (1957, 1981; March/Simon, 1993) stark beeinflusste „behavioral theory of the firm“. Diese im betriebswirtschaftlichen Schrif um viel beachtete Theorie des Entscheidungsverhaltens in Organisationen soll nachfolgend in kurzen Zügen dargestellt werden. Ausgangspunkt der Verhaltenstheorie der Unternehmung ist die psychologische Erkenntnis, dass die Rationalität wegen der limitierten Informationsgewinnungs- und -verarbeitungskapazität des Individuums Begrenzungen unterliegt und deshalb nur von intendierter Rationalität ausgegangen werden kann. Auf diese Begrenzungen der Informationsgewinnungs- und -verarbeitungskapazität reagiert der Entscheidungsträger durch mehr oder weniger starke Vereinfachungen des Entscheidungsproblems, die sich sowohl auf die faktischen als auch auf die wertenden Prämissen beziehen. Einerseits beschränkt der Entscheidungsträger seine Informationsgewinnungsakte auf einen sehr begrenzten Bereich des Entscheidungsfeldes, andererseits strebt er nicht nach optimalen, sondern lediglich nach befriedigenden Lösungen seines Entscheidungsproblems. Die Folge dieser Vereinfachungen ist ein adaptives Problemlösungsverhalten, das sich als Strategie der kleinen Schri e oder als Strategie des „Durchwurstelns“ charakterisieren lässt. Neben dem eigentlichen Auswahlprozess stehen damit in der Verhaltenstheorie der Unternehmung das Zu-Stande-Kommen der faktischen und wertenden Entscheidungsprämissen, nämlich der Prozess der Informationsgewinnung und Zielbildung, im Mi elpunkt der Betrachtung. Die Verhaltenstheorie der Unternehmung rückt von der traditionellen Konzeption der Unternehmung als einer konfliktfreien Wirtschaftseinheit – repräsentiert durch den Eigentümer, den Manager oder durch eine fiktive „Unternehmung an sich“– ab und betrachtet die Unternehmung als Instrument der Zielrealisation sämtlicher an der Unternehmung beteiligten Personen. Nach dieser Interpretation erscheint die Unternehmung als eine Koalition, der alle mit der Unternehmung in direkter Beziehung stehenden Personen, also etwa Unternehmensleitung, Beschäftigte, Anteilseigner, Kreditgeber, Kunden und Lieferanten angehören. Das organisatorische Zielsystem, das durch einen Verhandlungsprozess zwischen den Koalitionsteilnehmern zu Stande kommt, weist zwei Merkmale auf: Einerseits stehen die Ziele je nach Zusammensetzung der Koalition und je nach Stärke der Verhandlungspartner in mehr oder minder großem Umfang miteinander in Konflikt. Andererseits sind die Ziele 8 1. Erkenntnisziele der Entscheidungstheorie nicht an Extremalforderungen, sondern an befriedigenden Anspruchsniveaus orientiert. Die Zielansprüche sind dabei keine fest vorgegebenen Größen; vielmehr ändern sie sich mit demGrad der tatsächlich als realisierbar angesehenen Zielerreichung. Dies kann auf Grund eigener Erfahrungen oder auf Grund von Erfahrungen vergleichbarer Unternehmungen geschehen. Die Zielansprüche passen sich den vergangenen Erfahrungen nur mit einer gewissen Zeitverzögerung und lediglich in gedämpftem Ausmaß an. Ursache für diese relative Stabilisierung der Zieländerungsprozesse gegenüber fluktuierenden Umfeldbedingungen ist ein Stabilisierungsmechanismus, der sich im Wechselspiel zwischen organisatorischen Anspannungssituationen (organizational pressure) und organisatorischen Entspannungssituationen (organizational slack) äußert. Zielunterschreitungen führen zu einer Anspannungssituation, die sich in einem Druck nach Leistungsverbesserungen in allen Teilen der Organisation und in einer Intensivierung der Suche nach neuen Alternativen bemerkbar macht. Zielüberschreitungen haben eine Entspannungssituation zur Folge; erzielte Überschüsse bilden ein Reservepolster für künftige Anspannungssituationen. Der Informationsprozess gipfelt in der Bildung von Erwartungen über den Erfolg geplanter Maßnahmen, die durch die Auswertung gewonnener Informationen zu Stande kommen. Sie werden damit außer von den verwendeten Auswertungsmethoden und den Persönlichkeitsfaktoren des Entscheidungsträgers von der Intensität und Richtung des Informationsgewinnungsprozesses bestimmt. Die Informationsgewinnung ist durch motivierte Suchprozesse gekennzeichnet. Die Suche beginnt infolge realisierter oder erwarteter Zieluntererfüllungen. Sie dauert an, bis eine zieladäquate Alternative gefunden oder bis die Zielansprüche den verfügbaren Aktionsmöglichkeiten angepasst wurden. Die Intensität des Suchprozesses ist somit entscheidend vom Grad der organisatorischen Anspannung abhängig. Die Richtung der Informationsgewinnung ist durch die Problemorientierung der Suchprozesse gekennzeichnet: Die Suche konzentriert sich auf die Nachbarschaft des Problem-Symptoms und orientiert sich zunächst an den bestehenden Problemlösungen. Erst wenn dieses schri weise Vorgehen erfolglos bleibt, werden neuartige Problemlösungen in Betracht gezogen. Der eigentliche Auswahlprozess ist durch folgende drei Merkmale gekennzeichnet: Problemorientierung, Orientierung an den Standardentscheidungsregeln und Orientierung an zufrieden stellenden Handlungsalternativen. Problemdefinition, Standardentscheidungsregeln undReihenfolge der Betrachtung von Alternativen bilden zusammen mit ihren vielfältigen Einflussfaktoren die entscheidenden Determinanten des Auswahlprozesses. Nach der Verhaltenstheorie der Unternehmung stehen diese Einflussfaktoren über vier Konzepte miteinander in Beziehung: die Quasi-Lösung von Konflikten, die Vermeidung von Ungewissheit, die problemorientierte Suche und der organisatorische Lernprozess.Tro inkonsistenter Zielvorstellungen der Organisationsteilnehmer kommt es selten zu offenen Konflikten. Es werden vielmehr Quasi-Konfliktlösungen herbeigeführt. Dies geschieht durch die organisatorische Partition von Zielsystem und Entscheidungsfeld, durch die Se ung 1.2 Deskriptive Entscheidungstheorie 9 anspruchsbezogener sta extremaler Zielforderungen und schließlich durch die sequenzielle und nicht simultane Beachtung der Organisationsziele entsprechend einer Dringlichkeitsordnung. Das Streben nach Ungewissheitsabsorption äußerst sich in zwei Verhaltensweisen: einerseits in einem an den dringenden Problemen orientierten kurzfristigen reaktiven Verhalten sowie in der Auflösung größerer Entscheidungsprobleme in relativ unabhängige Teilentscheidungen, andererseits in dem Bemühen um Stabilisierung des Entscheidungsfeldes durch langfristige Absprachen, Verträge und Ähnlichem. Die problemorientierte Suche ist, wie schon ausgeführt, vor allem durch die Orientierung der Informationsgewinnung an den Problem-Symptomen und den bisherigen Lösungsverfahren gekennzeichnet. Organisatorische Lernprozesse zeigen sich in der Abhängigkeit der Zielansprüche, der Dringlichkeitsordnung für die Beachtung von Zielen und Alternativen und des Suchverhaltens von den gewonnenen Erfahrungen (vgl. Cyert/March, 2001, S. 126). In der Forschung wurden die Konzepte von Cyert/March (2001) weitläufig aufgegriffen, einer Vielzahl anderer Theorien zu Grunde gelegt und in ihnen weiterentwickelt. Ein vollständiger Überblick über sämtliche mit der betriebswirtschaftlichen Entscheidungstheorie in Verbindung stehender Ideen und Ansä e, die von der Arbeit von Cyert/March profitiert haben, würde sowohl den Rahmen dieses Lehrbuches sprengen als auch nicht seiner primären Aufgabe entsprechen. Somit wird im Folgenden ein kurzer – und mitnichten vollständiger – Einblick in die im hier betrachteten Kontext wesentlichsten Forschungsgebiete gegeben. Eine ausführlichere Betrachtung und Würdigung kann beispielsweise bei Argote/Greve (2007) gefunden werden. Die nach wie vor am direktesten mit den Konzepten von Cyert/March verbundenen Forschungsgebiete sind vor allem die Evolutionsökonomik sowie die Lerntheorie der Organisation. Die Evolutionsökonomik befasst sich primär mit der Frage, welche Position Wissen und die Koordination desselben in der Entwicklung der Wirtschaft einnimmt. Ihr zentraler Erkenntnisgegenstand ist somit das Wachstum und die Koordination ökonomisch relevanten Wissens sowie die Untersuchung von Entwicklungsprozessen in Organisationen bzw. Unternehmen. Eine genaue Abgrenzung dieses Forschungsgebietes ist aktuell nicht endgültig möglich, das Gebiet ist noch sehr inhomogen und seine fachlichen Grenzen sind – wie bei neuen Forschungszweigen üblich – noch nicht endgültig definiert. Selbst die Stellung der Evolutionsökonomik innerhalb der Wirtschaftswissenschaften ist nicht abschließend geklärt. Während einige Forscher sie als eine gleichberechtigte Teildisziplin innerhalb des Gesamtkomplexes wirtschaftswissenschaftlicher Theorien begreifen, argumentieren andere, dass die Idee der Evolutionsökonomik die theoretischen Grundlagen der Wirtschaftswissenschaft reformiert. Kerngedanke der Evolutionsökonomik ist im Grunde die Idee, das zentrale wirtschaftliche Problem weniger in der Knappheit als vielmehr in der Unwissenheit bzw. im Fehlen von Information zu sehen. „Wirtschaften“ wird in dieser Sichtweise primär als die Erzeugung bzw. Koordination von Wissen verstanden, das Kriterium der Effizienz bzw. das Wirtschaftsgeschehen als Koordinationsmechanismus der einzelnen Optimierungskalküle der Akteure tri somit in den Hintergrund. Vielmehr werden 10 1. Erkenntnisziele der Entscheidungstheorie Unternehmen als an Verhaltensroutinen gebundene Akteure betrachtet, deren Strategien sich weniger durch Optimierung als vielmehr durch (Informations-) Suche schri weise an die Gegebenheiten anpassen. Ein bedeutender Zweig der Evolutionsökonomik befasst sich beispielsweise mit der Pfadabhängigkeit von Verhaltensroutinen sowie deren Einfluss auf die Heterogenität der Fähigkeiten bzw. Möglichkeiten innerhalb derselben Population von Organisationen. Kogut/Zander (2000) zeigen, dass diese Heterogenität stärker durch die Historie des zentralen Unternehmens beeinflusst wird als durch seine Umgebung. Auch in der Spieltheorie, speziell im Bereich der Evolutorischen Spiele, finden sich analoge Ansä e wieder, wobei das Augenmerk hier primär auf einzelnen strategischen Interaktionen und weniger auf ganzen Ne en von Akteuren ruht. Eine repräsentative Arbeit aus dem Bereich der Evolutionsökonomik ist – selbstverständlich neben vielen anderen – beispielsweise Dosi et al. (2006). Eine aktuelle Einführung in die Evolutorische Spieltheorie findet sich bei Berninghaus et al. (2010). Die Lerntheorie der Organisation orientiert sich nach wie vor stark an den von Cyert/March (2001) vorgeschlagenen Konzepten, hat jedoch einige neue Forschungsfragen aufgeworfen sowie generell den Horizont des Forschungsbereiches erweitert. Wie der Name nahe legt, befasst sich die Lerntheorie der Organisation schwerpunktmäßig mit Lernprozessen. Je nach Ausrichtung handelt es sich um Lernprozesse innerhalb von Teilen der Organisation (also in Bezug auf Abteilungen bzw. andere Organisationseinheiten), auf Ebene der gesamten Organisation oder um Lernprozesse zwischen verschiedenen Organisationen. Es existiert eine bemerkenswerte Anzahl von Reviews zum Thema Lerntheorie von Organisationen, repräsentativ seien Argote/Ophir (2002) (intraorganisatorisches Lernen), Schulz (2002) (gesamtorganisatorische Ebene) sowie Ingram (2002) (interorganisatorisches Lernen) erwähnt. Besonders ins allgemeine Interesse gerückt und vor allem in Bezug auf die Rationalitätsannahmenmit Cyert/March (2001) verbunden ist in der jüngeren Vergangenheit auch die Prospect Theory. Im Jahre 2002 erhielt Daniel Kahneman (neben Vernon L. Smith) den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften „for having integrated insights from psychological research into economic science, especially concerning human judgment and decision-making under uncertainty“ – und damit für die Entwicklung der Prospect Theory. Sie übt Kritik an der Erwartungsnu entheorie zur Untersuchung von Entscheidungen unter Risiko und integriert psychologische Erkenntnisse in Bezug auf das Verhalten bzw. die Nu eneinschä ung der Entscheidungsträger in den Entscheidungsprozess. Im Gegensa zur Erwartungsnu entheorie, in welcher die Vermögensendwerte als Entscheidungsgrundlage dienen, beziehen sich die Nu eneinschä ungen der Prospect Theory auf Zuwächse bzw. Abnahmen, während die Wahrscheinlichkeiten derselben durch „Gewichte“ erse t werden. Dieser Zugang ist der Erwartungsnu entheorie unter anderem insofern überlegen, als dass die Entscheidungen auf Basis des Erwartungsnu ens zu diversen Ergebnissen kommen können, die mit den Grundannahmen der Nu entheorie eigentlich nicht vereinbar sind – ein Problem, das in der Prospect Theory nicht 1.3 Die Entscheidungstheorie als Grundlage der BWL 11 auftri . Als Einführung in die Prospect Theory sei dem interessierten Leser vor allem das ursprüngliche Paper von Kahneman/Tversky (1979) ans Herz gelegt. 1.3 Die Entscheidungstheorie als Grundlage der Betriebswirtschaftslehre In den vorangegangenen Abschni en wurden einige wesentliche Charakteristika der präskriptiven und der deskriptiven Entscheidungstheorie grob skizziert. Es stellt sich nun die Frage nach der betriebswirtschaftlichen Relevanz dieser beiden Richtungen der Entscheidungsforschung: Geht es um ein „Entweder-oder“ oder um ein „Sowohl-als-auch“ von präskriptiver und deskriptiver Entscheidungstheorie? Eine Antwort auf diese Frage lässt sich nur aus dem Wissenschaftsziel der Betriebswirtschaftslehre, so wie sie sich heute darstellt, ableiten. Nach heute übereinstimmender Auffassung ist die Betriebswirtschaftslehre eine angewandte Wissenschaft. Ihre Aufgabe besteht darin, die in betriebswirtschaftlichen Organisationen tätigen Menschen bei ihren Entscheidungen sowie den Gese geber bei der Konzipierung unternehmensrelevanter Normen beratend zu unterstü en. Dabei gehört es nicht zu ihrer Aufgabe, im Sinne einer bekennend-normativenWissenschaft neben der Ableitung zielentsprechender Handlungsprogramme auch Empfehlungen über zu verfolgende Ziele zu geben. Als angewandte Entscheidungslehre ist die Betriebswirtschaftslehre von heute vielmehr eine praktisch-normative Wissenschaft, die Aussagen darüber abzuleiten hat, wie das Entscheidungsverhalten der Menschen in der Betriebswirtschaft sein soll, wenn diese bestimmte Ziele bestmöglich erreichen wollen. Das endgültige Ziel der Betriebswirtschaftslehre besteht mithin in der Entwicklung normativer Entscheidungsmodelle, die die Ableitung rationaler Problemlösungen für praktische Entscheidungssituationen ermöglichen. Dieser Gestaltungsaufgabe freilich ist eine Erklärungsaufgabe vorgelagert, denn ohne deskriptive Entscheidungsmodelle fehlt es an den für praktisch-normative Entscheidungsmodelle notwendigen erfahrungswissenschaftlichen Aussagen über verfolgte Ziele, mögliche Handlungsprogramme sowie die Konsequenzen der alternativenAktionsprogramme. Die deskriptive Entscheidungstheorie schafft somit erst die Grundlagen, auf denen eine Lösung des Entscheidungsproblems basieren muss. Weder im alltäglichen noch im wissenschaftlichen oder praktischen Umfeld kann eine Entscheidung als adäquat erscheinen, die ohne Kenntnis der eigentlichen Handlungsziele oder ohne Beachtung möglicher Entscheidungskonsequenzen getroffenwurde. Obgleich der präskriptiven Entscheidungstheorie also in der Praxis eher geringe Beachtung zukommt, ist sie doch von essenzieller Bedeutung. Natürlich ist es jedoch im betriebswirtschaftlichen Kontext nicht zielführend, sich lediglich auf die Untersuchung der Rahmenbedingungen einer Entscheidung zu beschränken. In einer angewandten Wissenschaft ist die Beschreibung des tatsächlichen Ablaufs von Entscheidungsprozessen von zentraler Bedeutung. So ist es in nahezu jeder Entschei-

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Zusammenfassung

Vorteile

- Ein Lehr- und Lernbuch für einen einführenden Kurs in die Entscheidungstheorie

- Mit zahlreichen Aufgaben und Lösungen

Zum Werk

In Unternehmen werden und müssen Entscheidungen getroffen werden, deren Auswirkungen zum Teil große Konsequenzen auf die eigene Geschäftstätigkeit haben können.

Dieses Lehrbuch führt den Leser in die Entscheidungstheorie ein und stellt Entscheidungen bei Sicherheit, Risiko und Unsicherheit ausführlich dar. Es erläutert die Grundbegriffe der Spieltheorie ebenso wie die der dynamischen Programmierung.

Autoren

Prof. em. Dr. Dr. h.c. Günter Bamberg war Inhaber des Lehrstuhls für Statistik an der Universität Augsburg.

Prof. em. Dr. Dres. h.c. Adolf G. Coenenberg war Inhaber des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Wirtschaftsprüfung und Controlling, an der Universität Augsburg.

Prof. Dr. Michael Krapp ist Extraordinarius für Quantitative Methoden an der Universität Augsburg.

Zielgruppe

Studierende der Wirtschaftswissenschaften an Universitäten, Fachhochschulen und Berufsakademien.