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9.3 Die Suche nach kollektiv-rationalen Lösungen in:

Norbert Hirschauer, Oliver Mußhoff

Modernes Agrarmanagement, page 574 - 587

Betriebswirtschaftliche Analyse- und Planungsverfahren

3. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4743-9, ISBN online: 978-3-8006-4457-5, https://doi.org/10.15358/9783800644575_574

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9.3 Die Suche nach kollektiv-rationalen Lösungen 567 Immaterielle Anreize, die in Richtung eines Regelbruchs wirken, müssen nicht immer gleich Null sein. Einimmaterieller Nutzen aus dem Regelbruch kann auch bei ehrbaren Mitgliedern einer bestimmten Berufs-gruppe entstehen, wenn es nach Regelverschärfungen oder einer Erhöhung der Kontrolldichte zu einemGefühl des „Gegängeltwerdens“ und in der Folge zu Reaktanz kommt. Reaktanz bedeutet, dass die Ein-schränkungen des eigenen Handlungsspielraums als illegitim wahrgenommen werden. In der Folgekommt es zu reaktantem Verhalten. Das heißt, der immaterielle Nutzen aus der verbotenen Handlung ge-winnt an Bedeutung und diese wird nun trotz oder gerade wegen des Verbots vorgenommen, um sich dieals legitim empfundenen Freiheiten zurückzuholen. Der Bruch einer Regel aus dem insgeheimen Gefühlheraus, „sich sein Recht trotz der von oben verordneten unsinnigen Regeln zu nehmen“, wäre so ein Fall.Die in Tab. 9-12 gewählten Auszahlungsbeträge sind rein didaktischer Natur. Sie geben einen Hinweis da-rauf, welche Handlungsanreize im Rahmen des Mechanismusdesigns grundsätzlich gestaltet wer-den können. Offensichtlich gibt es mit Blick auf den Abbau von sozial ineffizienten Lösungen ja nicht denrichtigen Mechanismus, sondern nur einen Mechanismus, der angesichts der Präferenzen der Akteurebessere oder schlechtere Aussicht hat, das erwünschte kollektiv-rationale Ergebnis herbeizuführen. Ange-sichts der Heterogenität der Akteure und der praktischen Unmöglichkeit, für jeden Akteur eine spezifischeRegelung festzulegen, wird dieser Mechanismus aber immer einen Kompromiss darstellen. Verstärkt wirddies durch die Schwierigkeit, die Präferenzen sozialer Akteure und insbesondere ihre erwarteten immate-riellen Nutzenkomponenten quantitativ zu fassen. Um hier Abhilfe zu schaffen, kann man zunächst aufökonomische Analysen für kleine, möglichst homogene Gruppen von Akteuren zurückgreifen. Dies ermög-licht eine risikobasierte Vorgehensweise und gibt erste Hinweise für ein geeignetes Mechanismusdesign:Ohne die Akteure genau zu kennen, ist anzunehmen, dass dort, wo die materielle Versuchung besondershoch ist, auch viele Akteure dazu neigen, Regeln zu brechen. 9.3 Die Suche nach kollektiv-rationalen Lösungen 9.3.1 Externe Effekte, Gütereigenschaften und institutionelle RegelungenExterne Effekte werden i.d.R. mit den Gütereigenschaften „Ausschließbarkeit im Konsum“ (excludability)und „Rivalität im Konsum“ (subtractability) in Verbindung gebracht. Was hat es damit auf sich? „Ausschließbarkeit im Konsum“ bedeutet, dass man andere von der Nutzung eines Gutes ausschließenkann. Dies ist bei einem privaten Gut wie einem Sack Kartoffeln, den man für einen gewissen Preis gekaufthat, der Fall. In einem Rechtsstaat, der das Gewaltmonopol innehat und die Eigentumsordnung garantiert,liegt das alleinige Nutzungsrecht für diese Kartoffeln beim Eigentümer. Von der Nutzung der Meeresfisch-gründe kann bei den bestehenden internationalen Regelungen dagegen niemand ausgeschlossen werden.Nicht-Ausschließbarkeit im Konsum liegt auch bei der öffentlichen Sicherheit vor. „Rivalität im Konsum“ meint, dass ein Gut knapp ist in dem Sinne, dass sich seine Menge verringert,wenn es von einem Wirtschaftssubjekt genutzt wird. Dies ist bei allen klassischen privaten Gütern derFall. Man denke bspw. an den Sack Kartoffeln. Aber auch bei der gemeinsam zugänglichen Ressource„Fischgründe der Weltmeere“ besteht Rivalität im Konsum. Durch den industriellen Fischfang nehmen dieFischbestände ab. Im Gegensatz dazu besteht bei dem Gut „öffentliche Sicherheit“ keine Rivalität im Kon-sum. Die öffentliche Sicherheit verringert sich nicht durch die Nutzung.Abb. 9-7 beschreibt den Zusammenhang zwischen dem Externalitätenproblem und den beiden Güter-eigenschaften. Dabei werden drei grundlegende Konstellationen unterschieden: (1) Die Ausschließbarkeitin Verbindung mit der Rivalität im Konsum, also der Fall privater Güter. (2) Die Nicht-Ausschließbarkeit inVerbindung mit der Rivalität im Konsum, also der Fall der sog. Gemeingüter. (3) Nicht-Ausschließbarkeitin Verbindung mit der Nicht-Rivalität im Konsum, also der Fall der sog. öffentlichen Güter. Abb. 9-7: Der Zusammenhang zwischen externen Effekten einerseits und Ausschließbarkeit im Konsum sowie Rivalität im Konsum andererseitsGütereigenschaften Ausschließbarkeit imKonsum Nichtausschließbarkeit imKonsum Richtiger Preis Gar kein PreisZu geringer Preis NatürlicheRessourcenProduzierteGüter Rivalität im Konsum b) Negativerexterner Effekt(Übernutzung)c) Positiverexterner Effekt(Unterproduktion) Keine Rivalität im KonsumRivalität im Konsum NatürlicheRessourcenProduzierteGüter d) Negativerexterner Effekt(Übernutzung)e) Positiverexterner Effekt(Unterproduktion) a) Kein Problem NatürlicheRessourcenProduzierteGüter g) Kein Problem f) Positiverexterner Effekt(Unterproduktion) Rivalität im Konsum 1 ) P r i v a t e G ü t e r 2 ) G e m e i n g ü t e r 3 ) Ö f f e n t l i c h e G ü t e r 568 9 CorporateSocialResponsibility-ÜberdieGrenzendereinzelwirtschaftlichenSichthinaus 9.3 Die Suche nach kollektiv-rationalen Lösungen 569 (1) Private Güter: Ein Gut, von dessen Konsum andere ausgeschlossen werden können und bei dem Riva-lität im Konsum vorliegt, ist ein Privatgut, für das ein Einzelner gegen Zahlung eines Preises die Verfü-gungsrechte erworben hat. Wenn dieser Preis die kollektive Knappheit richtig widerspiegelt, fallen indivi-duelle und kollektive Rationalität sowohl bei individuellen Nutzungs- als auch bei individuellen Produkti-onsentscheidungen zusammen. Es kommt nicht zu sozialen Ineffizienzen, da kein Externalitätenproblemexistiert. Ist dagegen der individuell relevante Preis (d.h. die Grenzkosten des Nutzers) für ein Privatgutim Vergleich zur kollektiven Knappheit (d.h. den sozialen Grenzkosten) zu gering, sind zwei Fälle zu un-terscheiden: Bei natürlichen Ressourcen, die nur in einer bestimmten Menge vorhanden oder nur in ei-nem gewissen Maß reproduzierbar sind, kommt es durch die individuell-rationale Nutzungsentscheidungzu negativen externen Effekten und damit einer Übernutzung. Ein Beispiel stellt die Nutzung fossilerEnergieträger dar, bei denen die Klimaschäden noch nicht in ausreichender Höhe eingepreist sind. Wennes sich dagegen um Güter handelt, die hergestellt werden können, führen zu geringe Preise nicht nur zueiner Übernutzung, sondern auch zu einer Unterproduktion, da der aus Sicht des Produzenten externeNutzen nicht internalisiert werden kann. Anders gesagt: Der Grenznutzen des Produzenten ist geringer alsder soziale Grenznutzen. Ein Beispiel hierfür sind staatlich verordnete Höchstpreise für Grundnahrungs-mittel wie Brot. Dies untergräbt die Binnenproduktion und macht zur Deckung der Nachfrage erhöhte Ein-fuhren von Nahrungsmitteln durch den Staat erforderlich. Gleichzeitig kann es zur Ver(sch)wendung vonBrot, z.B. in Form von Viehfutter, kommen, wenn es dieses kostengünstig substituiert. 2) Gemeingüter: Ein Gut, das Nicht-Ausschließbarkeit im Konsum, aber Rivalität im Konsum aufweist,bezeichnet man als Gemeingut. Alternativ wird auch der Begriff „Allmendegüter“ (common pool resour-ces) verwendet. Das berühmte Beispiel der Allmende, d.h. einer von Landwirten gemeinsam genutztenViehweide, die bei fehlender Zugangsbeschränkung übernutzt wird, dient hier als Namensgeber für knap-pe Güter, die ein Übernutzungsproblem aufweisen. Dies ist unter der Bezeichnung „tragedy of thecommons“ bekannt geworden. Wenn es sich bei Gemeingütern um knappe natürliche Ressourcen, wie z.B.Weiden, Wasser, die Fischgründe der Weltmeere oder saubere Luft, handelt, kommt es zu einer Übernut-zung. Dies liegt daran, dass die Nutzung trotz der Knappheit frei, d.h. zu einem Preis von Null, möglich ist.Spieltheoretisch handelt es sich dabei um ein soziales Dilemma mit negativen Externalitäten (vgl.Tab. 9-5a). Für jeden einzelnen Spieler ist es individuell rational zu defektieren, d.h. die Kosten des eige-nen Handelns zu externalisieren und die Ressource bis zu einem individuellen Grenzertrag von Null aus-zunutzen. Bei Gemeingütern, die erst hergestellt werden müssen, hat man dagegen das Problem, dass siein einer Wettbewerbswirtschaft mit ausschließlich eigennützigen Akteuren nicht bereitgestellt werden.Wird ein Gemeingut - durch welchen Mechanismus auch immer - aber doch bereitgestellt, ohne dass dannfür die Nutzung ein Preis bezahlt werden muss, tritt bei rein eigennützigen Akteuren die bekannte Über-nutzungsproblematik auf. Ein Beispiel sind saubere Straßen: Wenn jeder die saubere Straße nutzen kann,ohne zu zahlen, kann das Gut „saubere Straße“ nicht über den Markt bereitgestellt werden. Man hätte janur Kosten, könnte aber für die Leistung keinen Preis erzielen. Die saubere Straße kann aber durch einestaatliche Institution (z.B. die kommunale Stadtreinigung), durch altruistisches Handeln (z.B. eine ehren-amtliche Freiwilligenaktion) oder durch kollektives Handeln (z.B. jeder ist einmal monatlich mit Fegendran) bereitgestellt werden. Ist das Gut dann da, hat man wieder das Problem der Übernutzung. Andersgesagt: Wenn man es mit eigennützigen Akteuren zu tun hat, die keinerlei Zugangsbeschränkungen zudem Gut „saubere Straße“ unterliegen, wird die Straße bald wieder dreckig sein - ein Phänomen, das si-cher jeder schon einmal beobachtet hat. 3) Öffentliche Güter: Bei einem Gut, von dessen Konsum andere nicht ausgeschlossen werden können, istdie Nutzung frei, d.h. zu einem Preis von Null, möglich. Ist dies der Fall und liegt gleichzeitig Nicht-Rivalität im Konsum vor, spricht man von einem öffentlichen Gut. Wenn es sich dabei um Güter handelt,die erst unter Kosten hergestellt werden müssen, entsteht trotz der Nicht-Rivalität im Konsum wegen desPreises von Null ein Unterproduktionsproblem. Genauer gesagt: Solange die Nutzer keinen Preis zahlen,werden öffentliche Güter durch die Initiative eigennütziger Akteure nicht bereitgestellt. Diese können ja 570 9 Corporate Social Responsibility - Über die Grenzen der einzelwirtschaftlichen Sicht hinaus den aus ihrer Sicht externen Nutzen nicht in ihrem individuell-rationalen Kalkül internalisieren. Beispielesind die bereits genannte öffentliche Sicherheit oder auch ein Hochwasserschutzdeich. Spieltheoretischhandelt es sich um ein soziales Dilemma mit positiven Externalitäten, wie wir es bereits bei dem Problemder Bereitstellung des Naherholungswaldes kennen gelernt haben (vgl. Tab. 9-5b). Für jeden einzelnenSpieler ist es individuell rational, zu defektieren, d.h. keinen Beitrag zur Herstellung des öffentlichen Guteszu leisten, da sich dies individuell nicht lohnt. Handelt es sich bei dem öffentlichen Gut aber um eine natür-liche Ressource, entsteht kein Externalitätenproblem. Es ist dann ja ein Gut, das einen Preis von Null hat,weil es nicht knapp ist, da die Nutzung durch ein Individuum nicht mit der Nutzung durch ein anderes In-dividuum konkurriert. Ein Beispiel hierfür war die Ressource „Luft“ - genauer gesagt, ein klimaunschädli-cher CO2-Gehalt der Luft -, solange die Weltbevölkerung gering war und auf einem vorindustriellen Niveauwirtschaftete.Die beiden Dimensionen „Grad der Ausschließbarkeit im Konsum“ und „Grad der Rivalität im Konsum“ermöglichen eine einfache, von Abb. 9-7 abweichende Klassifizierung von Gütern. Dazu nimmt man beiden beiden Attributen „Ausschließbarkeit“ und „Rivalität“ eine dichotome Unterscheidung in „sehr hochbzw. vorhanden“ und „sehr gering bzw. nicht vorhanden“ vor, obwohl es sich eigentlich jeweils um einKontinuum handelt. Die Extremausprägungen der beiden Dimensionen werden dann genutzt, um Güter ineine Matrix mit vier Kategorien zu unterteilen: 1) Private Güter, 2) Gemeingüter, 3) öffentliche Güter und4) Clubgüter (vgl. Tab. 9-13). Tab. 9-13: Güterkategorien nach dem Grad der Rivalität und dem Grad der AusschließbarkeitG r a d d e r A u s s c h l i e ß b a r k e i t i m K o n s umSehr hoch Sehr gering Gradd erRiva litätim Konsu m Sehrho ch 1) Private Güter (private goods) 2) Gemeingüter (common goods)(Nutzungsperspektive)Beispiele- Sack Kartoffeln- Auto- Haus- Kostenpflichtiger ÖPNV mit Überfüllung Beispiele- Fischgründe der Meere- Saubere Atmosphäre im Jahr 2010- Saubere Straße- Freier ÖPNV mit Überfüllung Sehrge ring 4) Clubgüter (club goods) 3) Öffentliche Güter (public goods)(Produktionsperspektive)Beispiele- Golfclub- Gebührenfernsehen- Kostenpflichtiger ÖPNV ohne Überfüllung- (Staatlich bereitgestellte Güter) Beispiele- Öffentliche Sicherheit- Hochwasserschutzdeich- Naherholungswald- Freier ÖPNV ohne Überfüllung Die Dimension „Ausschließbarkeit“ ist explizit mit „Grad der Ausschließbarkeit“ überschrieben. Das hatzwei Gründe: (i) Bei dem Attribut „Ausschließbarkeit“ handelt es sich nicht um eine originäre Eigenschafteines Gutes. Die Ausschließbarkeit oder Nicht-Ausschließbarkeit ergibt sich vielmehr erst aus der Verbin-dung der physischen Gütereigenschaften mit bestimmten institutionellen Regelungen. Bei allen Güternlassen sich institutionelle Regelungen vorstellen, die das Externalitätenproblem lösen, indem sie Aus-schließbarkeit herstellen. Beispiele hierfür sind die Meeresfischgründe oder die Atmosphäre. (ii) Die insti-tutionellen Ausschlussregelungen sind bei den verschiedenen Gütern unterschiedlich teuer. So sind dieVerfügungsrechte, die andere von der Nutzung Ihres Sacks Kartoffeln ausschließen, relativ leicht durchzu- 9.3 Die Suche nach kollektiv-rationalen Lösungen 571 setzen. Die Meeresfischgründe oder die Atmosphäre brauchen komplexere Regelungsmechanismen, umdie Nutzung einzuschränken. Eine geringe Ausschließbarkeit oder gar Nicht-Ausschließbarkeit im Kon-sum bedeutet also, dass eine institutionelle Exklusionsregelung sehr hohe bzw. prohibitiv hohe Transakti-onskosten verursachen würde.Die Dimension „Rivalität“ ist ebenfalls explizit mit „Grad der Rivalität“ überschrieben. Auch hier bestehtzwischen den beiden Extremausprägungen eigentlich ein Kontinuum. So war bspw. ein klimaunschädli-cher CO2-Gehalt der Atmosphäre vor 2 000 Jahren kein knappes Gut, um dessen Nutzung Rivalität ent-standen wäre. Im Zuge der Industrialisierung hat sich diese Rivalität aber zunehmend eingestellt. Gleicheskann für herstellbare Güter gelten. Ein Beispiel ist ein kostenloser öffentlicher Personennahverkehr(ÖPNV). Solange es relativ wenig Nutzer gibt, ist er als öffentliches Gut zu betrachten, bei dessen Nutzungkeine Rivalität besteht und für das sich in einer Wirtschaft mit ausschließlich eigennützigen Akteuren „le-diglich“ das Problem der Nichtproduktion ergibt. Wer soll die Kosten aufbringen, wenn für die Leistungnicht bezahlt wird? Wenn ein kostenloser ÖPNV jedoch bspw. durch den Staat bereitgestellt wird, bestehtdie Gefahr, dass es zu viele Nutzer gibt und man überfüllte Verkehrsmittel hat. Es ergibt sich also Rivalitätim Konsum und ein Übernutzungsproblem. Kurz gesagt: Bei Übernutzung und dem damit verbundenenEinsetzen von Rivalität im Konsumwerden öffentliche Güter zunehmend zu Gemeingütern.Die Matrix in Tab. 9-13 ist eine stark vereinfachte Darstellung des Externalitätenproblems. Sie be-zieht sich auf besonders prägnante Extremsituationen und greift lediglich die Fälle a), d) und f) vonAbb. 9-7 auf. Die Verbindung zwischen Abb. 9-7 und Tab. 9-13 lässt sich wie folgt verdeutlichen:1. Die rechte Seite von Tab. 9-13 beschreibt Güter, bei denen Nicht-Ausschließbarkeit vorliegt, d.h.alle Akteure haben eine freie Nutzungsmöglichkeit (open access). Aufgrund der Nicht-Ausschließbarkeit kommen eigennützig-rationale Akteure nicht zu Kaldor-Hicks-effizienten Gleich-gewichtslösungen. Aus Sicht der einzelnen Akteure geht es ja um Güter, bei deren Konsum oder Pro-duktion die Kosten bzw. der Nutzen zu 100% extern sind. Man könnte auch sagen, die rechte Seite derMatrix beziehe sich auf die Teilmenge der externen Effekte, bei denen der Preis des betroffenen Gutesnicht nur zu gering, sondern gleich Null ist.2. Die Externalitätenproblematik, die sich bei zu geringen Preisen ergibt (vgl. die Fälle b) und c)von Abb. 9-7), ist in Tab. 9-13 nicht dargestellt, kann allerdings „hineininterpretiert“ werden. VieleSituationen, in denen ein zu geringer Preis eines privaten Gutes vorliegt, können als Situationenverstanden werden, in denen die Produktion oder der Konsum eines privaten Gutes mit einem öf-fentlichen Gut oder einem Gemeingut gekoppelt ist. Man würde also bspw. nicht mehr sagen, derPreis von Braunkohle ist zu gering, da die sozialen Grenzkosten ihrer Verbrennung höher sind alsdie individuellen Grenzkosten des Nutzers. Vielmehr würde man das Problem nun darin sehen, dassdie Verbrennung von Kohle mit einer kostenlosen Nutzung des frei zugänglichen Gutes „Luft“ ge-koppelt ist.3. Obwohl Tab. 9-13 auf lediglich zwei Dimensionen fokussiert, wird mit der Gegenüberstellung von Gemeingütern und öffentlichen Gütern i.d.R. ein Wechsel bei einer weiteren Dimension impliziert: Man nimmt bei Gemeingütern die Nutzungsperspektive ein und fokussiert auf Über-nutzungsprobleme. Bei öffentlichen Gütern nimmt man dagegen eine Produktionsperspektive einund fokussiert auf Unterproduktionsprobleme. Auch wir haben dies mit den gewählten Beispielenimplizit getan. Diese Sichtweise ist allerdings nicht vollständig. Anders gesagt: die Fälle e) und g)von Abb. 9-7 fehlen in der Matrix. Zum einen kann es auch bei Gemeingütern, also bei Gütern mitRivalität im Konsum und fehlender Ausschließbarkeit, am Markt zu einem Unterproduktionsprob-lem kommen. Ein Beispiel ist die Bereitstellung des Gutes „saubere Straße“. Zum anderen gibt esöffentliche Güter in Form natürlicher Ressourcen, bei denen Nicht-Rivalität mit Nicht-Ausschließbarkeit verbunden ist, aber kein Unterproduktionsproblem besteht. Als Beispiel sei hierdas nicht knappe Gut „klimaunschädliche Atmosphäre“ vor 2 000 Jahren angeführt. 572 9 Corporate Social Responsibility - Über die Grenzen der einzelwirtschaftlichen Sicht hinaus 4. Die linke Seite der Tab. 9-13 beschreibt marktbasierte Lösungen für die Externalitätenprobleme, die durch fehlende Ausschließbarkeit entstehen. Indem private Verfügungsrechte vergeben wer-den, lässt sich Ausschließbarkeit herstellen. Im Fall der Gemeingüter gibt es ein bekanntes Beispiel,nämlich die CO2-Kontingentregelung mit Versteigerung und Handelbarkeit der Zertifikate: Die Luftwird von einem frei zugänglichen Gut zu einem privaten Gut gemacht. Im Fall der öffentlichen Güterbesteht eine mögliche Lösung darin, die Güter zu sog. Clubgütern zu machen. Alternativ findet sichauch die Bezeichnung „Gebührengüter“ (toll goods). Dies bedeutet, dass die Nutzung eines Gutes- obwohl keine Rivalität im Konsum vorliegt - nicht mehr frei ist, sondern auf die gebührenzahlendenMitglieder einer bestimmten Gruppe beschränkt wird. Als Beispiel sei hier ein Golfclub angeführt,dessen Mitglieder eine Eintrittsgebühr bezahlen und damit den Betrieb der Golfanlage ermöglichen,dann aber unbegrenzt spielen können. Eine derartige Lösung für das Unter- bzw. Nichtproduktions-problem stellen aber auch das Gebührenfernsehen oder Nutzungskarten für den ÖPNV dar, solangedie öffentlichen Verkehrsmittel nicht überfüllt sind und keine Rivalität besteht. Clubgüter sind ihrer-seits in Abb. 9-7 nicht dargestellt.Zur Vermeidung von Missverständnissen sei abschließend noch darauf hingewiesen, dass die Güter oftmals unterschiedlich kategorisiert werden. Mit anderen Worten: Die Verwendung der Begriffe „öffent-liche Güter“, „Gemeingüter“ und „Clubgüter“ ist uneinheitlich. Zwar wird als zentrale Definitionshilfe i.d.R.auf die Matrix in Tab. 9-13 zurückgegriffen, aber daneben finden sich auch die folgenden Verwendungen: • Gelegentlich wird der Aspekt besonders betont, dass es sich sowohl bei der Ausschließbarkeit alsauch bei der Rivalität eigentlich um ein Kontinuum handelt, von dem in der Matrix lediglich dieExtremfälle dargestellt sind. Dies erfolgt, indem man die beiden bipolaren Extrempunkte als „rein private Güter“ (pure private goods) und als „rein öffentliche Güter“ (pure public goods) bezeichnet. • Die rein privaten Güter mit eindeutigen Verfügungsrechten und Preisen, die sich über den Markt bil-den, werden gelegentlich von allen anderen Gütern unterschieden, indem letztere als kollektive Güter (collective goods) bezeichnet werden. Dazu zählt man dann die rein öffentlichen Güter, dieGemeingüter und die Clubgüter. • Clubgüter und Gemeingüter, also alle Güter, die weder als rein private noch als rein öffentliche Güterzu klassifizieren sind, werden auch unter dem Begriff „unreine öffentliche Güter“ zusammengefasst.Während die deutsche Übersetzung eher ungewöhnlich ist, hat sich der englischsprachige Begriff„impure public goods“ als Fachterminus durchgesetzt. • Gelegentlich wird mit der Bezeichnung „impure public goods“ allein auf Clubgüter abgestellt. Das heißt,das Attribut der Nicht-Rivalität im Konsum wird als die maßgebliche Eigenschaft angesehen, um ein Gutunter der Rubrik „öffentliches Gut“ einzureihen. Dies führt zu der Aussage, dass es sich für die Clubmit-glieder - wenn das betreffende Gut erst einmal bereit gestellt ist - um ein öffentliches Gut handelt. Im Ge-gensatz dazu wird mit „impure public goods“ gelegentlich auch ausschließlich auf die Gemeingüter abge-zielt. In diesem Fall wird also die Eigenschaft der Nicht-Ausschließbarkeit als maßgeblich für die Definiti-on als öffentliches Gut angesehen. Dies führt zu der Aussage, dass es öffentliche Güter mit Übernutzungsproblematik gibt. Im Englischen findet sich dafür der Begriff „public goods with congestion“. • Manchmal wird ein Gut auch als öffentliches Gut bezeichnet, wenn es durch die öffentliche Hand bereitgestellt wird. Diese Begriffsverwendung sollte der Klarheit halber im Zusammenhang mit derExternalitätenproblematik vermieden werden, da sie nicht der ökonomischen Definition eines öffent-lichen Gutes entspricht. 9.3.2 Lösungsansätze für ExternalitätenproblemeDie Quintessenz der bisherigen Ausführungen lässt sich mit Blick auf CSR wie folgt ausdrücken: Es gibt Si-tuationen, in denen das einzelwirtschaftliche Handeln externe Effekte hat, die gesellschaftlich uner- 9.3 Die Suche nach kollektiv-rationalen Lösungen 573 wünscht sind. Es gibt auch Situationen, in denen gesellschaftlich erwünschte externe Effekte nicht bereit-gestellt werden. Derartige empirische Phänomene lassen sich entweder als moralisches Versagen und un-genügende CSR oder als Versagen der institutionellen Regeln verstehen. Institutionelles Versagen bedeu-tet, dass es zu sozialen Dilemmata kommt. Soziales Dilemma heißt, dass individuell-rationale gewinnori-entierte Akteure in Strategiegleichgewichten landen, die sozial nicht effizient sind. Dies wird mit der For-mulierung „Auseinanderfallen von individueller und kollektiver Rationalität“ auf den Punkt gebracht. Ausdiesem Problemverständnis heraus ergeben sich zwei Fragen: (1)Welche Akteure sollen Maßnahmen suchen und umsetzen, die zu einem Mehr an kollektiver Rationalität führen? (2)Welche Maßnahmen sind geeignet, um die unerwünschten Folgen des einzelwirtschaftlichen Handelns bestmöglich zu ver-meiden oder zu reduzieren?Abb. 9-8 systematisiert die grundsätzlich zur Verfügung stehenden Lösungsansätze. Zum leichteren Ver-ständnis haben wir einige einschränkende Annahmen getroffen: • Wir gehen nicht auf das Problem ein, dass es durch mangelndes Können zu unerwünschten externenEffekten kommen kann. Wir sprechen also nicht von Human Capacity Building. • Wir setzen voraus, dass externe Effekte und soziale Dilemmata vorliegen, gehen aber nicht auf dasProblem ein, wer festlegt, ob, wo und in welchem Umfang es zu einem Auseinanderfallen von indivi-dueller und kollektiver Rationalität kommt. • Wir setzen einen Akteur voraus, der als Mechanismusdesigner dem Gemeinwohl verpflichtet ist undnach „Spielregeln“ sucht, die zu sozial effizienteren Ergebnissen führen. Einem solchen Akteur stehendie nachstehend beschriebenen grundsätzlichen Lösungsansätze zur Verfügung. • Wir beschäftigen uns nicht mit der Frage, welche Arten von sozialen Akteuren es geben kann, die nachkollektiv-rationalen Lösungen suchen. Vielmehr beziehen wir uns von vornherein auf einen staat-lichen Akteur als Mechanismusdesigner. Wir nehmen diese Perspektive der Übersichtlichkeit halberund aufgrund der besonderen Bedeutung staatlichen Handelns ein. Dies impliziert nicht, dass das kol-lektive Handeln nicht-staatlicher Akteure und die Suche nach einem besseren Design institutionellerRegelungen außerhalb von Staat und Markt keine Bedeutung haben. • Das hier verfolgte Ziel ist es, die Suche nach einem grundsätzlich besseren Design von institutionellenRegelungen zu strukturieren. Es geht hier nicht um die Diskussion der Frage der politischenImplementierbarkeit einer institutionellen Veränderung. • Fragestellungen, die spieltheoretisch reine Konstantsummenspiele darstellen und keine Kaldor-Hicks-Verbesserung ermöglichen, werden nicht betrachtet. a) Förderung von Corporate Social ResponsibilityMaßnahmen zur Förderung des gesellschaftlich erwünschten Unternehmerverhaltens setzen an den Motivationsquellen menschlichen Handelns an (vgl. Tab. 9-11). Dabei beeinflusst ein und dieselbeMaßnahme häufig gleichzeitig mehrere Motivationsquellen. Dies lässt sich anhand der United NationsGlobal Compact-Initiative (vgl. Abschnitt 9.2.1) zeigen. Welche CSR-fördernde Wirkung hat denn dieMöglichkeit, sich öffentlich auf einer Plattform der UN zur Einhaltung ethischer Prinzipien zu verpflich-ten?1. Durch die UNGC-Initiative werden allgemeingültige gesellschaftliche Wertentscheidungen an hervor-gehobener Stelle dargestellt und für einen Normappell genutzt. Das heißt, die Reputation der UN wirdgenutzt, um zu verdeutlichen, was richtig und falsch ist. Man erhofft sich davon, dass Menschen, dieals Unternehmer tätig sind, diese gesellschaftlichen Wertentscheidungen verinnerlichen. Es geht alsoum die Veränderung des Unternehmerverhaltens durch die Beeinflussung der immateriellintrinsischen Motivation. Durch die aktive Zustimmung, die ethischen Prinzipien der UNGC ein-zuhalten, soll die Wirksamkeit dieses Normappells zusätzlich gestärkt werden. Abb. 9-8: Systematisierung von Lösungsansätzen für institutionelles Versagen Beeinflussung der intrinsischenMotivation der Akteure Beeinflussung der extrinsischenAnreize der Akteure e) Ordnungsrechtliche Maßnahmen d) Pigou- Steuer c) Zuteilung neuer Verfügungsrechte VerboteGebotePositive SteuerNegative Steuer… nach der Laissez-faire-Regel Beeinflussung der immateriellenextrinsischen Anreize imsozialen Umfeld Beeinflussung der materiellenextrinsischen Anreize derAkteure b) Förderung des Marktmechanismus Verbesserte Durch-setzung bestehenderGe- und Verbote… nach derVerursacherregel OrdnungspolitischeMaßnahmen a ) F ö r d e r u n g v o n C S R Instrumente zum Abbau von externenEffekten Durchsetzung desSchadensersatzrechts f) Bereitstellung von Gütern durch den Staat Staatliche Einkäufe beiprivaten Produzenten Direkte Produktiondurch den Staat Gewährleistung vonTransparenz 574 9 CorporateSocialResponsibility-ÜberdieGrenzendereinzelwirtschaftlichenSichthinaus 9.3 Die Suche nach kollektiv-rationalen Lösungen 575 2. Neben der direkten Beeinflussung der intrinsischen Motivation des Einzelnen zielt der Normappellauch darauf ab, ein Umfeld zu schaffen, in dem ein sozial verantwortliches Unternehmerverhalten ge-sellschaftliche Anerkennung mit sich bringt. Im Gegenzug sollen Verstöße gegen Menschenrechts- undUmweltschutzziele sowie Korruption nicht mehr als „Kavaliersdelikte“ angesehen, sondern sozialmissbilligt werden. Das zweite Ziel der UN-Initiative besteht also in der Beeinflussung des Unterneh-merverhaltens durch die Beeinflussung der immateriell-extrinsischen Motivation, die aus demsozialen Umfeld resultiert.3. Neben dem Normappell, der für sich genommen möglicherweise oft nicht ausreicht, um sozial ver-antwortliches Unternehmerverhalten hervorzurufen, soll durch die UNGC-Initiative auch eine Verschiebung der materiell-extrinsischen Anreize von Unternehmen in „die richtige Richtung“ erfol-gen. Dies bedeutet, dass sich die Unternehmen aus wohlverstandenem Eigeninteresse sozial verant-wortlich verhalten. Damit dies funktioniert, müssen zwei Transparenzvoraussetzungen erfüllt sein:(1) Die Unternehmen müssen aus dem öffentlichen Beitritt zur UNGC-Plattform einen Wettbewerbs-vorteil erzielen können. (2) Die Unternehmen müssen mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit amMarkt ein Negativimage erleiden und sanktioniert werden, wenn sie gegen die Prinzipien verstoßen.Die UNGC-Initiative stellt eine Maßnahme zur Förderung von CSR dar. Dabei geht es nicht nur um denNormappell, sondern auch darum, durch Transparenz und den Marktmechanismus die materiellen Anrei-ze von Unternehmen zu beeinflussen. Üblicherweise wird bei der Diskussion um CSR aber nur auf die bei-den immateriellen Motivationsquellen abgezielt. Zur Definition von CSR wird also nicht die Art des unter-nehmerischen Verhaltens genutzt, sondern die Art der Motivation. Ein gesellschaftlich erwünschtes Ver-halten, das aus reinen Marketingüberlegungen und damit aus „wohlverstandenemmateriellem Eigennutz“entsteht, wird damit nicht unter CSR eingeordnet. Diesem üblichen Verständnis folgt auch die Systemati-sierung in Abb. 9-8. Wohl wissend, dass moralische Überzeugungen auch im Wirtschaftsleben von großerBedeutung sind, konzentrieren wir uns im Folgenden aber nicht darauf, wie man die moralischen Über-zeugungen von Menschen am besten verändern kann. Vielmehr geht es hier im Sinne des klassischen Me-chanismusdesigns darum, welche institutionellen Lösungsansätze es gibt, die gesellschaftlich erwünsch-ten Ergebnisse zu produzieren, gerade wenn man es mit eigennützigen Akteuren zu tun hat. b) Förderung des MarktmechanismusUnter dem Begriff „Maßnahmen zur Förderung des Marktmechanismus“ lassen sich drei unterschiedlicheArten von Instrumenten zusammenfassen: (1) ordnungspolitische Maßnahmen und Regelungen zur Ge-währleistung einer funktionierenden Wettbewerbsordnung, (2) das zivilrechtliche Schadensersatz- undVertragsrecht und (3) Maßnahmen zur Förderung von Markttransparenz. Man geht davon aus, dass esohne den Einsatz dieser Instrumente zu Marktversagen und Externalitätenproblemen kommt. Die Instru-mente sollen dazu dienen, auf bestehenden Märkten die individuellen Grenzkosten (den individuellenGrenznutzen) eines Gutes den gesellschaftlichen Grenzkosten (dem gesellschaftlichen Grenznutzen) an-zunähern. Man könnte sie als „Schmiermittel“ für private Gütermärkte bezeichnen, die ansonsten starkunvollkommene Märkte darstellen würden.Ein wichtiges Beispiel für ordnungspolitische Regelungen zur Gewährleistung einer funktionierenden Wettbewerbsordnung ist das sog. Kartellgesetz. Es beinhaltet eine Vielzahl von Regelungen gegenden Missbrauch von Marktmacht (z.B. das Kartellverbot und das Verbot des Missbrauchs einer markt-beherrschenden Stellung). Kurz gesagt soll vermieden werden, dass es durch monopolistische Preis-setzungsspielräume zu einem Auseinanderfallen von individueller und kollektiver Rationalität kommt.Ein funktionierendes Schadensersatz- und Vertragsrecht, d.h. die Möglichkeit, einen Ausgleich für einenerlittenen Schaden zu erhalten und Verträge durchzusetzen, gewährleistet die Durchsetzung bestehenderVerfügungsrechte. Es ist die Voraussetzung, um die Externalisierung von Kosten zu verhindern, die durchwiderrechtliche Eingriffe in die Verfügungsrechte des Einzelnen entstehen würden. Ein funktionierendes 576 9 Corporate Social Responsibility - Über die Grenzen der einzelwirtschaftlichen Sicht hinaus Schadensersatz- und Vertragsrecht hat damit eine Präventionsfunktion. Wirtschaftliche Akteure müssenja erwarten, dass sie zunächst externalisierte Kosten später doch zu internalisieren haben. Wenn sie daserwarten, werden sie erst gar nicht versuchen, diese Kosten zu externalisieren.Neben Marktmacht und einer mangelnden Durchsetzung von Verfügungsrechten ist fehlende Trans-parenz ein weiterer Grund für das Entstehen von Externalitäten. Bei Qualitätsunsicherheit kauft einKunde möglicherweise ein Produkt, dessen Preis höher ist als der Nutzen, den er aus dem Produktzieht. Er isst z.B. in gutem Glauben in einem Restaurant, in dem die Küchenhygiene unzureichend ist.Sind ihm diese hygienischen Zustände nicht bekannt, kann das Restaurant die Kosten, die durch das er-höhte Risiko einer Gesundheitsschädigung entstehen, externalisieren. Mehr Markttransparenz würdedies verhindern, weil die Qualität dem Kunden bekannt wäre. Zur Erhöhung der Markttransparenzbei Qualitätsunsicherheit gibt es eine Reihe unterschiedlicher Maßnahmen. Hier ist zunächst die Zertifizierung durch unabhängige und vertrauenswürdige Institutionen zu nennen. Beispiele sind das Bio-Siegel, das FSC-Siegel (Forest Stewardship Council) für Produkte aus einer nachhaltigen Waldwirtschaftoder das Fair-Trade-Siegel für Produkte aus einem fairen Handel. Zu den transparenzerhöhenden Maß-nahmen gehören aber auch sog. name-and-shame Maßnahmen. Ähnlich wie beim Schadensersatz-recht zielt man dabei auf eine präventive Wirkung. Die Internalisierung der Kosten soll nun aber nichtüber die Gerichte, sondern durch eine Sanktionierung über den Markt (reputational sanctioning) erfol-gen. Ein Beispiel hierfür sind die sog. Smiley-Programme, durch die der Kunde über die Ergebnisse derstaatlichen Lebensmittelüberwachung über Symbole informiert wird, die bspw. an den Eingangstürenvon Restaurants angebracht werden. c) Zuteilung von Verfügungsrechten und Coase-VerhandlungslösungDas sog. Coase-Theorem besagt, dass Externalitätenprobleme effizient gelöst werden können, wenn manfür das bisher frei zugängliche Gut private Verfügungsrechte vergibt und dann dem Markt die Lösungüberlässt. Dies gilt unabhängig davon, wem die Verfügungsrechte zuerkannt werden. Es gilt allerdings nurdann, wenn man davon ausgeht, dass keine Transaktionskosten entstehen. Dies ist genau die kritischeAnnahme, da die Transaktionskosten in der Praxis nie gleich Null, sondern oft sehr hoch sind.Die Bedeutung des Coase-Theorems lässt sich am besten mit Hilfe eines Beispiels darstellen: Ein Fabrik-besitzer verunreinigt durch Produktionsabwässer einen Fluss. Eine Vermeidung der Verschmutzungdurch eine Investition in eine Reinigungsanlage würde ihn 50 000 kosten. Dies ist weniger als der Gewinnseiner wirtschaftlichen Tätigkeit von 100 000, die zur Verschmutzung führt. Eine Verschmutzung desWassers beeinträchtigt das Wohlergehen eines Landwirts flussabwärts, da dieser Wasser zur Beregnungaus dem Fluss entnimmt. Zur Bewässerung kann nur sauberes Wasser verwendet werden. Der wirtschaft-liche Gewinn aus der Bewässerung ist mit 200 000 höher als die Reinigungskosten. Die nachträgliche Rei-nigung durch den Landwirt ist mit 80 000 aber deutlich teurer als die direkte Vermeidung der Verschmut-zung durch den Fabrikbesitzer.Was passiert nun, wenn man dem Fabrikbesitzer nach der sog. Laissez-faire-Regel (was so viel bedeutetwie „machen lassen“) das Verfügungsrecht über das Flusswasser und damit das Recht auf Verschmutzungzuerkennt? In einem Marktsystem, in dem private Güter handelbar sind, wird der Landwirt demFabrikbesitzer sein Recht zu verschmutzen gegen 50 000 (oder ein bisschen mehr) abkaufen und dieserwird dann das Wasser unter Aufbringung der Kosten von 50 000 reinigen (vgl. hierzu das ähnlich struktu-rierte Beispiel 9-3). Teilt man dagegen dem Landwirt gemäß der sog. Verursacherregel das Verfügungs-recht über das Flusswasser zu, hat er einen Schadensersatzanspruch gegen den Fabrikbesitzer, wenn die-ser ihn durch die Verschmutzung in seinem Verfügungsrecht am Flusswasser beeinträchtigt. Was passiertnun? Der Fabrikbesitzer wird zur Vermeidung der Schadensersatzforderungen von 80 000 das Wasserebenfalls reinigen. Unabhängig davon, wem die Verfügungsrechte gegeben werden, ergibt sich die Kaldor-Hicks-effiziente Lösung und die Verschmutzung wird dort behoben, wo dies am kostengünstigsten ist. Die 9.3 Die Suche nach kollektiv-rationalen Lösungen 577 Frage, an wen die Verfügungsrechte vergeben werden, hat unter den getroffenen Annahmen keine Aus-wirkung auf die effiziente Lösung, sondern nur Auswirkungen auf die Einkommensverteilung.Das Coase-Theorem gilt nur dann, wenn jede vertragliche Vereinbarung, die zu einem gegenseitigen Nut-zen führt, auch geschlossen wird. Das Coase-Theorem unterstellt damit, dass kooperative Spiele möglich sind, in denen soziale Dilemmata durch bindende vertragliche Vereinbarungen aufgelöst werdenkönnen. Man könnte auch sagen: Das Coase-Theorem gilt nur, wenn jede Kaldor-Hicks-Verbesserung ohnejeglichen Verlust durch Seitenzahlungen in eine Pareto-Verbesserung überführt werden kann, der dannalle beteiligten Marktpartner zustimmen. Tab. 9-14 bringt den Sachverhalt spieltheoretisch auf den Punkt. Tab. 9-14: Auszahlungsmatrix für Fabrikbesitzer und Landwirt a) Landwirt reinigt nicht Landwirt reinigt Fabrikbesitzer reinigt nicht 100 000 ; 0 100 000 ; 120 000 Fabrikbesitzer reinigt 50 000 ; 200 000 50 000 ; 120 000a) Strategiekombinationen, bei denen die Ergebnisse für beide Spieler fett gedruckt sind, stellen Nash-Gleichgewichte dar. Die Kaldor-Hicks-effiziente Lösung ist grau unterlegt.Wenn der Fabrikbesitzer das Flusswasser verschmutzt und der Landwirt nicht reinigt, erzielt der Fabrik-besitzer einen Gewinn von 100 000. Der Landwirt erzielt keinen Gewinn aus dem Bewässerungslandbau.Wenn der Landwirt reinigt, erzielt der Fabrikbesitzer weiterhin einen Gewinn von 100 000, der Gewinndes Landwirts reduziert sich aber von den potenziellen 200 000 auf 120 000. Diese Strategiekombinationist das Nash-Gleichgewicht. Wenn der Fabrikbesitzer das Wasser reinigt, bleibt ihm ein Gewinn von50 000 und der Landwirt kann einen Gewinn von 200 000 erzielen. Wenn beide in Reinigungsanlagen in-vestieren würden, verbliebe dem Fabrikbesitzer ein Gewinn von 50 000 und dem Landwirt ein Gewinnvon 120 000. Das ineffiziente Nash-Gleichgewicht „Fabrikbesitzer reinigt nicht, Landwirt reinigt“ wird vonder effizienten Strategiekombination „Fabrikbesitzer reinigt, Landwirt reinigt nicht“ Kaldor-Hicks-dominiert. Wenn der Landwirt und der Fabrikbesitzer ohne Kosten bindende Seitenzahlungen vereinba-ren könnten, wäre die effiziente Lösung möglich.In der Praxis entstehen allerdings für alle vertraglichen Vereinbarungen Kosten, nämlich Transaktionskosten. Transaktionskosten verhindern, dass Kaldor-Hicks-Verbesserungen 1:1 in Pareto-Verbesse-rungen überführt werden. Man stelle sich bspw. vor, dass es 100 000 Landwirte gäbe. Liegen die Ver-fügungsrechte bei den Landwirten, müsste jeder einen Schadensanspruch von 0,80 gegen den Fabrik-besitzer geltend machen. Aufgrund der Transaktionskosten für Verwaltungsabläufe, Rechtsanwälte, Rich-ter usw. wird vermutlich gar kein Schadensersatzanspruch geltend gemacht und der Fabrikbesitzer ver-schmutzt weiterhin den Fluss. Zu dieser ineffizienten Lösung kommt es voraussichtlich auch dann, wenndas Verfügungsrecht beim Fabrikbesitzer liegt. In diesem Fall müssten sich ja 100 000 Landwirte organi-sieren und dem Fabrikbesitzer sein Verschmutzungsrecht abkaufen. Auch hierfür dürften die Trans-aktionskosten zu hoch sein, insbesondere weil die Landwirte untereinander ein soziales Dilemma zu lösenhaben. Jeder einzelne ist ja versucht, sich als Trittbrettfahrer zu verhalten und keinen Beitrag zu leisten. d) Pigou-SteuerDer Grundgedanke der Pigou-Steuer besteht darin, dass man bei Vorliegen externer Kosten den Preisdes verbrauchten Gutes durch eine Steuer bis auf das Niveau erhöht, bei dem die individuellen Grenz-kosten den sozialen Grenzkosten entsprechen und damit die Externalität internalisiert wird. Was bedeutetdas konkret? Vergegenwärtigen wir uns nochmals das Beispiel des Oberanrainers (Fabrikbesitzers) unddes Unteranrainers (Landwirts) des Flusses. Der Gewinnausfall auf Seiten des Landwirts beträgt 200 000, 578 9 Corporate Social Responsibility - Über die Grenzen der einzelwirtschaftlichen Sicht hinaus wenn dieser keinen Bewässerungslandbau mehr durchführen kann. Nehmen wir an, der Staat würde einePigou-Steuer erheben, durch die der Preis der Flusswassernutzung für den Fabrikbesitzer von Null auf200 000 ansteigt. Die Pigou-Steuer könnte man in diesem Fall auch als Umweltabgabe bezeichnen. Esergäbe sich die bereits bekannte sozial effiziente Lösung: Der Fabrikbesitzer würde das Flusswasser nichtmehr zur Abwasserentsorgung nutzen, sondern die Reinigungsanlage für 50 000 installieren.Das Problem der Pigou-Steuer ist, dass dem Staat die Höhe der externen Kosten bekannt sein müsste,um die richtige Steuerhöhe festzulegen. Das sind aber regelmäßig Informationen, die einem staatlichenRegulator nicht zur Verfügung stehen. In unserem Fall ist bspw. die vordergründig richtige Pigou-Steuervon 200 000 falsch, da die externen Kosten der Verschmutzung lediglich 80 000 betragen. Um diesen Be-trag verringert sich ja der Gewinn rationaler Landwirte, die sich schadensmindernd anpassen, indem siedas Flusswasser reinigen. In unserem Zahlenbeispiel ergibt sich zwar sowohl bei einer (zu hohen) Pigou-Steuer von 200 000 als auch bei einer (richtigen) Steuer von 80 000 die effiziente Lösung. Dies ist aberbspw. nicht mehr der Fall, wenn die Kosten der Flusswasserreinigung durch den Fabrikbesitzer c.p. von50 000 auf 90 000 steigen. In dieser Konstellation führt eine (zu hohe) Pigou-Steuer von 200 000 dazu,dass der Fabrikbesitzer das Wasser reinigt, obwohl die Reinigung durch die Landwirte effizienter wäre.Kostet die Vermeidung des Umweltschadens durch den Fabrikbesitzer c.p. mehr als 100 000, würde beider zu hohen Pigou-Steuer seine wirtschaftliche Aktivität sogar zum Erliegen kommen. Dem geschildertenNachteil der Pigou-Steuer stehen ihre - im Vergleich zu anderen Lösungsansätzen für das Externalitäten-problem - geringen Transaktionskosten gegenüber. Die Pigou-Steuer stellt immer dann die Methode derWahl dar, wenn die Transaktionskosten zur Erreichung der Optimallösung prohibitiv hoch wären, manaber die private Grenzkostenkurve der sozialen Grenzkostenkurve zumindest annähern möchte.Neben der verbrauchsbezogenen positiven Pigou-Steuer lassen sich noch weitere Formen dieser Steuerunterscheiden. Tab. 9-15 gibt einen Überblick. Tab. 9-15: Verschiedene Formen der Pigou-SteuerVerbrauchtes Gut Produziertes GutPositive Pigou-Steuer Umweltabgabe ErzeugerpreisabgabeNegative Pigou-Steuer Faktorbezogene Subvention ErzeugerpreisstützungVerbrauchsbezogene Umweltabgaben wie in dem Beispiel mit dem Fabrikbesitzer sind ein klassischesBeispiel für positive Pigou-Steuern. Daneben gibt es aber auch das Instrument der negativen Pigou-Steuer.Bekannte Beispiele hierfür sind faktorbezogene Subventionsregelungen, wie z.B. die Gasölbeihilfe. Auchein solcher Eingriff kann nur sinnvoll sein, wenn man anfänglich ein Externalitätenproblem diagnostizierthat. Im Falle der Gasölbeihilfe müsste also die Tatsache, dass die Verbrennung von Diesel durch Landwirteerfolgt, mit einem positiven externen Effekt verbunden sein. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dasseine Pigou-Steuer auch bei produzierten Gütern ansetzen kann. Hier führt eine positive Steuer zu einerVerringerung des Produktpreises und eine negative Steuer zu einer Erhöhung des Preises für den Produ-zenten. e) Ordnungsrechtliche MaßnahmenDas Ordnungsrecht (nicht zu verwechseln mit der Ordnungspolitik; vgl. Punkt 9.3.2b) umfasst alle staat-lichen Vorschriften in Form von Ge- und Verboten. Solche Vorschriften reichen von der Reglementie-rung des Straßenverkehrs über die Nichtraucherschutzgesetzgebung, Taubenfütterungsverbote und dasVerbot der Kampfhundehaltung bis hin zum Waffen- und Sprengstoffrecht. Ge- und Verbote sind auchhäufig die erste Assoziation, wenn es darum geht, wie den unerwünschten gesellschaftlichen Folgen deseinzelwirtschaftlichen Handelns begegnet werden soll. In diesem Zusammenhang geht es dann um dieordnungsrechtlichen Vorschriften für den Umweltschutz, den Gesundheits- und Verbraucherschutz, den 9.3 Die Suche nach kollektiv-rationalen Lösungen 579 Tierschutz etc. Wie wir bereits gesehen haben, stellen derartige Vorschriften aber nur eine Teilmengeder möglichen Lösungsansätze dar, die für unerwünschte Externalitäten zur Verfügung stehen.Die Funktionsweise von Ge- und Verboten mit Blick auf die Lösung des Externalitätenproblems lässt sicham besten im Vergleich zur Pigou-Steuer erklären. Die Pigou-Steuer versucht, zumindest einen Teil der ex-ternen Kosten zu internalisieren und damit die private Grenzkostenkurve der sozialen Grenzkostenkurveanzunähern. Die mengenmäßigen Verbrauchs- und Produktionsentscheidungen bleiben aber weiterhindem jeweiligen wirtschaftlichen Akteur überlassen. Ein Unternehmer wird also bspw. eine zusätzlicheEinheit eines Produktionsinputs einsetzen, solange es sich für ihn lohnt, den durch die Pigou-Steuer er-höhten Preis zu zahlen. Demgegenüber bedeutet ein ordnungsrechtliches Verbot, dass bestimmte Ent-scheidungen absolut zu unterlassen sind. Ein Beispiel ist das Verbot eines bestimmten Tierarzneimittelsaus Gründen des gesundheitlichen Verbraucherschutzes. Aus ökonomischer Sicht bedeutet die Durchset-zung eines derartigen Verbots, dass man die externen Kosten des Einsatzes dieses Arzneimittels als pro-hibitiv hoch ansieht. Dementsprechend könnte man auch sagen, dass die Durchsetzung eines Verbots einer unendlich hohen Pigou-Steuer entspricht.Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass das Ordnungsrecht, obwohl es häufig in Gegensatz zu der pri-vatrechtlichen Lösung des Coase-Theorems und der Pigou-Steuer gebracht wird, auch bei diesen Lösungs-ansätzen eine wichtige Funktion erfüllt. Während die Durchsetzung privatrechtlicher Verfügungsrechtezunächst in die Zuständigkeit der Zivilgerichte fällt, kommt dem Ordnungsrecht eine unterstützendeFunktion zu. Zu den Schutzgütern der öffentlichen Sicherheit gehört nämlich auch der Schutz der Indivi-dualrechtsgüter (Eigentum, Leben, körperliche Unversehrtheit etc.), deren Verletzung nicht nur im Rah-men des Deliktrechtes nach dem BGB, sondern in schweren Fällen auch strafrechtlich geahndet wird. f) Staatliche Bereitstellung von GüternEine staatliche Bereitstellung von öffentlichen Gütern (hier verstanden als reine öffentliche Güter undGemeingüter) kommt dann in Frage, wenn andere Lösungsansätze zu höheren oder gar prohibitiv hohenTransaktionskosten führen würden. Man denke nur an das Gemeingut „saubere Straße“. Grundsätzlichwäre zwar bspw. die Vergabe von Verfügungsrechten nach dem Verursacherprinzip denkbar. Dazu müss-ten alle Nutznießer einer sauberen Straße gegen die Verschmutzer eine Schadensersatzlösung durchset-zen. Auch eine Pigou-Steuer wäre prinzipiell denkbar. Man müsste dazu für jeden Akt der Verschmutzungeinen Preis verlangen, der den sozialen Kosten der Verschmutzung entspricht. Ohne das Transaktions-kostenargument hier in voller Länge auszuführen, ist klar, dass es in der geschilderten Weise wahrschein-lich nicht zu einer sauberen Straße kommen würde. Eine staatliche Bereitstellung eines öffentlichen Gutesist sinnvoll, wenn der gesellschaftliche Nutzen des Gutes die mit seiner Bereitstellung verbundenen Kos-ten überschreitet und wenn andere Lösungen nicht existieren oder teurer wären.Für den Staat bestehen zwei Möglichkeiten, wie er öffentliche Güter bereitstellen kann: Zum einen ist eine direkte staatliche Bereitstellung von öffentlichen Gütern möglich. Zum anderen kommt eine staatliche Bereitstellung durch den Einkauf bei privaten Produzenten in Betracht. Im Falle der Straßen-reinigung wäre beides möglich. Der Staat kann selbst Personal für die Straßenreinigung einstellen. Erkann aber auch eine Straßenreinigungsfirma beauftragen. Bei den ökosystemaren Dienstleistungen „schö-ne Landschaft“ und „Biodiversität“, die als Kuppelprodukte der landwirtschaftlichen Erzeugung entstehen,kann der Staat das öffentliche Gut nicht selber herstellen. Will der Staat eine bestimmte ökosystemareDienstleistung einkaufen, muss seineWillingness-to-Pay (und damit die der Gesellschaft) mindestens die Willingness-to-Accept, d.h. die betrieblichen Bereitstellungkosten der Landwirte, decken.Die staatliche Bereitstellung öffentlicher Güter könnte man als Lösung des Unterproduktionsproblemsdurch Bereitstellung in Form von Clubgütern verstehen. Der Unterschied zu herkömmlichen Clubgüternbesteht darin, dass diese Clubmitgliedschaft nicht freiwillig ist und die Zahlung der Gebühr in Form derSteuerpflichtigkeit erfolgt. Das Problem hierbei liegt in der Bestimmung der Menge, da sich diese - im Ge- 580 9 Corporate Social Responsibility - Über die Grenzen der einzelwirtschaftlichen Sicht hinaus gensatz zu dem Angebot an Golfplätzen durch Golfclubs - nicht als Ergebnis von Angebot und Nachfrageergeben kann. Als Beispiel kann wieder die öffentliche Sicherheit dienen, die der Staat für seine Bürgergegen Zahlung von Steuern bereitstellt. Die richtige Menge an öffentlicher Sicherheit muss im politischenProzess ausgehandelt werden. 9.4 Dringlichkeitsadäquates kollektives HandelnDas vorliegende Kapitel mit seinem Anliegen, über die einzelwirtschaftliche Sicht hinauszugehen, hat mög-licherweise mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet. Dies ist angesichts der Komplexität von Externalitätenproblemen unvermeidlich. Die Umweltproblematik und der Klimawandel sind hierfür gute Beispiele:Wir haben ja bereits Mühe, die physischen Probleme zu identifizieren, die durch das Wirtschaften in einerWelt mit begrenzten Ressourcen entstehen. So hat es lange gedauert, bis man einigermaßen gesichert davonausgehen konnte, dass es durch die Anreicherung von CO2 und anderen klimaschädlichen Gasen in derAtmosphäre zu einem Klimawandel kommt. Inzwischen gilt dies als gesichert. Es bleibt aber weiterhin un-klar, mit welcher Geschwindigkeit er eintreten und in welchem Umfang er die natürliche Lebensumwelt unddamit die Grundlagen des Lebens und Wirtschaftens verändern wird. Es bleibt auch unklar, wie hoch die ex-ternen Kosten bestimmter wirtschaftlicher Aktivitäten sind, die zur Freisetzung klimaschädlicher Gase füh-ren. Neben den Transaktionskosten müsste man aber diese externen Kosten kennen, um eindeutig diejeni-gen Regulierungsmechanismen identifizieren zu können, die zu einem kollektiv-rationalen Ergebnis führen.Angesichts der Komplexität von Externalitätenproblemen im Allgemeinen und des Umweltproblems imBesonderen ist es nicht nur unvermeidlich, sondern richtig, dass in diesem Kapitel mehr Fragen aufgewor-fen als beantwortet wurden. Die unabdingbare Voraussetzung für Verbesserungsansätze ist die Fähigkeit, analytische Fragen stellen zu können. Diese Fähigkeit ist „einfachen Weisheiten“ - also dem,was im angelsächsischen Sprachraum bezeichnenderweise als „conventional wisdom“ bezeichnet wird -auf jeden Fall vorzuziehen. In diesem Sinne hoffen wir, den Leser vor „zu einfachen Antworten“ bewahrtzu haben. Dies gilt insbesondere für die zentrale Frage, wann und wie der Staat in das Wirtschaftslebeneingreifen soll, die auch innerhalb der Ökonomenzunft häufig als Glaubensfrage abgehandelt wird. Wirhoffen auch, dem Leser ein Instrumentarium an die Hand gegeben zu haben, das ihm hilft, Externalitäten-probleme zu strukturieren und so objektiv wie möglich zu durchdringen. Dies bildet nicht nur die Voraus-setzung für ein eigenes Urteil, sondern erleichtert auch die Kommunikation und ggf. Absprachen mitanderen „Spielern“. Zur eigenen Urteilsbildung gehört, sich klarzumachen, dass es in vielen Situationengeradezu irrational wäre, einfache Antworten und Lösungen einzufordern, die es angesichts der zur Ver-fügung stehenden Informationen sowie aufgrund der Komplexität der Fragestellungen nicht geben kann.In diesem Zusammenhang sei ein Zitat von H.L. Mencken (New York Evening Mail, 16. November 1917)angeführt: „There is always an easy solution to every human problem - neat, plausible, and wrong.“Angesichts der Dringlichkeit und Größenordnung von Umweltproblemen, wie z.B. dem Klimawandel, istdas Fragenstellen aber nicht genug. Die zukünftigen Kosten, die bei unverändertem Wirtschaften ent-stehen, sind ja möglicherweise enorm hoch. Verschärft wird dies, wenn diese Kosten nicht einfach stetigzunehmen, sondern z.B. bei Überschreitung einer bestimmten Schwelle sprunghaft ansteigen. In dieser Si-tuation drängt sich geradezu die Frage auf, wie die zugrunde liegenden Externalitätenprobleme in denGriff zu bekommen sind. Es ist zu fordern, dass eine frühzeitige Reaktion in informations- und dringlich-keitsadäquater Form erfolgt, die dem Vorsorgeprinzip (precautionary principle) entspricht. Die unsichereInformationslage macht hierfür über quantitative Analysen hinaus Expertenurteile erforderlich. Diesewerden nicht den Anspruch erheben können, die Optimallösung zu identifizieren. Als Ergebnis eines ehrli-chen Abwägens der Vor- und Nachteile verschiedener Maßnahmen können sie aber bestenfalls eine wohlbegründete Vermutung (educated guess) liefern, welche Maßnahmen und Maßnahmenkombinationenvon der Wirkungsrichtung her zu einer Reduzierung der Probleme beitragen. Dabei wird es sich um eineMischung der hier dargestellten Lösungsansätze handeln müssen. Einfache Weisheiten in Form einer rea-

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References

Zusammenfassung

Gemäß dem Motto „Nichts ist praktischer als eine gute Theorie“ geht es im vorliegenden Lehrbuch darum, Studierenden und Praktikern beim Erwerb analytischer Fähigkeiten und einer problemlösungsorientierten Methodenkompetenz zu helfen.

Für die Unternehmen der Agrar- und Ernährungswirtschaft haben sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in den letzten Jahren stark verändert. Insbesondere der Wettbewerbsdruck und das unternehmerische Risiko sind infolge der Liberalisierung der Agrarmärkte und des Klimawandels angestiegen. Hinzu kommen ein laufender Anpassungsdruck an veränderte Verbraucherwünsche, neue gesellschaftliche Anforderungen sowie eine zunehmende Verflechtung zwischen den verschiedenen Stufen der Wertschöpfungskette. Das vorliegende Lehrbuch trägt diesen Entwicklungen durch die Fokussierung auf die praktische unternehmerische Entscheidungsunterstützung unter Risiko Rechnung.

Dieses Buch schafft zum einen das theoretisch-konzeptionelle Verständnis für die grundlegenden ökonomischen Strukturen der wichtigsten unternehmerischen Entscheidungsanlässe. Zum anderen vermittelt es das handwerkliche Können im Umgang mit betriebswirtschaftlichen Analyse- und Planungsinstrumenten, über das Manager in einer unsicheren Unternehmensumwelt verfügen müssen, um erfolgreiche Entscheidungen fällen zu können.

Aus dem Inhalt:

• Grundlagen und Ziele unternehmerischen Entscheidens

• Kontrolle und Analyse

• Produktionstheorie

• Produktionsprogrammplanung

• Investitionsplanung und Finanzierung

• Querschnittsaufgabe Risikomanagement

• Bewertung und Taxation

• Corporate Social Responsibility

Über die Autoren:

Prof. Dr. Oliver Mußhoff leitet den Arbeitsbereich für Landwirtschaftliche Betriebslehre am Department für Agrarökonomie und Rurale Entwicklung der Georg-August-Universität Göttingen.

Prof. Dr. Norbert Hirschauer ist Inhaber der Professur für Unternehmensführung im Agribusiness am Institut für Agrar- und Ernährungswissenschaften der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

(Logo Vahlens Online Materialien)

Für Dozenten steht auf der Website ein auf das Buch abgestimmter Foliensatz mit den Abbildungen und Tabellen des Buches zur Verfügung. Für Studierende sind Übungsaufgaben formuliert.