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II. Determinanten der Preisregulierung in:

Marcell Schweitzer, Hans-Ulrich Küpper

Systeme der Kosten- und Erlösrechnung, page 825 - 832

10. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3804-8, ISBN online: 978-3-8006-4414-8, https://doi.org/10.15358/9783800644148_825_1

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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C. Spezifische Anforderungen und Konzepte der Kosten- und Erlösrechnung bei öffentlicher Preisregulierung I. Bedeutung kostenrechnerischer Konzepte bei der Preisregulierung In einer Reihe von Wirtschaftsbereichen vollziehen sich gegenwärtig Prozesse, durch die eine Liberalisierung von Märkten erreicht werden soll. Sie sind unter anderem ausgelöst durch die in verschiedenen Ländern zu beobachtende Privatisierung staatlicher Unternehmungen, die europäische Einigung sowie eine höhere Akzeptanz marktwirtschaftlicher Konzepte. Die Politik der Europäischen Union und insbesondere der Europäischen Kommission zielt explizit auf eine stärkere Liberalisierung der Märkte beispielsweise bei Telekommunikation, Wasser, Entsorgung, Energie (Strom und Gas), Bahn, Straßen oder Versicherungen ab. Eine Regulierung ist primär dort unumgehbar, wo monopolistische Engpassbereiche dauerhaft erhalten bleiben. Aber auch die Prozesse der Liberalisierung erfordern eine Regulierung, vor allem beim Übergang von staatlicher Verwaltung zu kommerziellen Wirtschaftsunternehmen. Für die mit der Regulierung aufgeworfenen Probleme kommt der Unternehmungsrechnung eine besondere Bedeutung zu. Dies liegt einmal darin begründet, dass eine Regulierung Transparenz erfordert und die Regulierungsprozesse nachprüfbar sein müssen. Zum anderen steht bisher häufig die kostenorientierte Preisregulierung im Vordergrund. Dafür soll die Kostenrechnung der betroffenen Unternehmungen die wesentlichen Informationen liefern. Begriffe und Konzepte der Kostenrechnung rücken in das Zentrum der Auseinandersetzung um die Entgeltfestsetzung. II. Determinanten der Preisregulierung 1. Form der Preisregulierung Die Bestimmung der Preise auf regulierten Märkten richtet sich nach der vom Gesetzgeber gewählten Regulierungsform. Als wichtigste Formen unterscheidet man ‚Price cap‘1178, ‚Revenue cap‘ und ‚Price cap with cost passthrough‘ Regulierung sowie das ‚Rate-of-return‘-System. Den deutlichsten Eingriff nimmt ein Regulierer bei der Einzelgenehmigung bzw. -festlegung von Entgelten vor1179. Dazu muss die einer Regulierung unterliegende Unternehmung einen Antrag auf Entgeltgenehmigung bei der Regulierungsbehörde stellen und durch entsprechende Unterlagen begründen. Mit der Entscheidung der Regulierungsbehörde liegt ein bestimmter Preis fest, der von der Unternehmung höchstens über eine Klage und einen darauf erfolgenden Gerichtsbeschluss geändert werden kann. Gesteht der Regulierer in dem Preis eine bestimmte Kapitalverzinsung zu, dann kann man die Einzelge- 1178 Vgl. hierzu ALEXANDER, I./MAYER C./WEEDS H. (Structure), S. 11 f.; KNIEPS, G. (Wettbewerbsökonomie), S. 83 ff. 1179 Vgl. REGULIERUNGSBEHÖRDE FÜR TELEKOMMUNIKATION UND POST (Tätigkeitsbericht), S. 153. 5. Kapitel: Weiterentwicklung der Kosten- und Erlösrechnung794 nehmigung zur ‚Rate-of-return‘ Regulierung zählen, nach der die Preise so festgelegt werden, dass eine bestimmte Verzinsung zu erwarten ist. Der deutsche Gesetzgeber hat bisher insbesondere im Telekommunikationsbereich eine Regulierung eingeführt und dazu die Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post (RegTP) eingerichtet. Er hat sich dafür entschieden, dass marktbeherrschende Anbieter z.B. von Telekommunikationsdienstleistungen wie die Deutsche Telekom AG Entgelte durch die Regulierungsbehörde genehmigen lassen müssen1180. Dies erfolgt für die meisten Dienste durch Einzelgenehmigung, während beim Sprachtelefondienst die Form des Price Cap1181 angewandt wird. Da in diesem Bereich die Regulierung in Deutschland am weitesten vorangeschritten und bei ihr die Probleme einer kostenorientierten Preisregulierung besonders deutlich werden, steht sie im Folgenden im Vordergrund. Für die Bereiche Strom und Gas sind dieselben Konzepte relevant, weil sie entweder in freiwillige Verbändevereinbarungen1182 oder eine möglicherweise von einer Behörde durchgeführte Regulierung eingehen. 2. Wichtige Rahmenbedingungen der Preisregulierung In marktwirtschaftlichen Systemen besteht das Bestreben, die Erzeugung und den Verkauf von Gütern möglichst weitgehend über Wettbewerbsmärkte zu steuern, um eine hohe Effizienz zu erreichen. Bei einer Reihe von Gütern ist dies nicht oder nur schwer möglich. Hierzu gehören öffentliche Güter wie die Sicherheit eines Landes, bei der einzelne Individuen nicht vom Konsum ausgenommen werden können. Ferner kann eine Leistungsbereitstellung mit derart ausgeprägten Größenvorteilen verbunden sein, dass zu wenige Anreize für die Erzeugung derartiger Güter durch mehrere Unternehmungen bestehen1183. Solche natürlichen Monopole bestehen insbesondere bei öffentlichen Netzstrukturen der Wasserversorgung, Abwasserbeseitigung, des Straßen- und Schienenverkehrs sowie bei Post, Telekommunikation und Energieversorgung. Neben der bestehenden Marktstruktur spielen die beobachtbare und die erwünschte Marktentwicklung eine wichtige Rolle. Für die in der EU zu liberalisierenden Märkte besteht die explizite Absicht, von einer monopolistischen zu einer Wettbewerbsstruktur zu gelangen. Eine Regulierung hat sich an anderen Prinzipien zu orientieren, wenn ein Markt durch zunehmenden Wettbewerb gekennzeichnet ist, als wenn eine marktbeherrschende Stellung 1180 § 25 Abs. 1 i.V.m. § 39 TKG. 1181 Price-Cap-Regulierung Telefondienst, veröffentlicht als Mitteilung Nr. 202/97 im Amtsblatt des BMPT Nr. 34/1997 vom 17.12.1997. Bei diesem Verfahren wird eine Preisobergrenze für einen Korb von Dienstleistungen festgelegt, die sich an den gewichteten Preisen der einbezogenen Güter in der Vorperiode orientiert, die um den Konsumentenpreisindex abzüglich einem Produktivitätsfaktor erhöht werden. Damit verringern es die Informationsprobleme zwischen Regulierer und regulierten Unternehmungen und bietet letzteren Anreize zu Effizienzsteigerungen. 1182 Für den Gasbereich vgl. Verbändevereinbarung Erdgas (VV Erdgas) und Verbändevereinbarung Erdgas II (VV Erdgas II). 1183 Vgl. KNIEPS, G. (Wettbewerbsökonomie), S. 21 ff. C. Kosten- und Erlösrechnung bei öffentlicher Preisregulierung 795 beispielsweise aufgrund eines unveränderlichen natürlichen Monopols bestehen bleibt. Schließlich liegt eine maßgebliche Rahmenbedingung im Geltungsbereich der Regulierung. Durch die europaweite Öffnung der Märkte kommt es zu Regulierungen auf europäischer Ebene. Gegenwärtig besitzen die nationalen Gesetzgeber und Regulierungsbehörden noch ein großes Gewicht. Diese sollen die Richtlinien der EU in nationales Recht umsetzen und die Empfehlungen der EU-Kommission beachten, besitzen aber auch eigene Handlungsspielräume. 3. Zwecksetzungen und Prinzipien der Regulierung Grundlegende Zwecksetzungen einer Preisregulierung sind (1) die Kontrolle von Marktmacht, (2) die Sicherung von Umfang und Qualität der Güterversorgung sowie (3) die Erfüllung gesellschaftlicher Ziele1184. Die auch als ökonomische Regulierung bezeichnete erste Zwecksetzung soll insbesondere den Missbrauch von Monopolmacht, wettbewerbsfeindliches Verhalten und die Diskriminierung von Konkurrenten verhindern. Die zweite Zwecksetzung ist auf die Kunden der regulierten Leistung gerichtet. Sie kann darin bestehen, eine ausreichende Versorgung mit bestimmten Gütern wie Wasser, Krankenversorgung u.ä. oder die Einhaltung von Qualitätsanforderungen an die betreffenden Güter sicherzustellen und externe Effekte zu korrigieren. Schließlich kann die dritte Zwecksetzung einer Regulierung darin liegen, gesellschaftliche Gesichtspunkte wie die Rechte sozial schwacher Menschen (zum Beispiel Kranke, Behinderte, Rentner) oder die Interessen bestimmter Gruppen (zum Beispiel Landwirtschaft) zu berücksichtigen. Neben diesen grundlegenden Zwecksetzungen sind auch allgemeine ökonomische und rechtliche Ziele eines Staates für die Ausgestaltung einer Regulierung von Bedeutung. Von diesen erscheinen insbesondere wirtschaftliches Wachstum, die Sicherung der staatlichen Haushaltsziele und die Rechtmäßigkeit staatlichen Handelns bedeutsam. Aus diesen Zwecksetzungen lassen sich konkrete Prinzipien herleiten, wie sie insbesondere für eine kostenorientierte Preisregulierung maßgebend sind. Um die Zwecksetzung einer Kontrolle von Marktmacht zu erreichen, sind Entgelte festzusetzen, die den Preisen auf Märkten mit funktionierendem Wettbewerb nahekommen. Deshalb sind die Entgelte so festzulegen, dass sie den Eintritt von Wettbewerbern in den betreffenden Markt fördern. Auch die EU verfolgt die einheitliche Regulierung der Netzmärkte mit dem Zweck, durch die Schaffung von mehr Wettbewerb die Effizienz1185 und damit entsprechend den beiden anderen grundlegenden Zwecksetzungen die Wohlfahrt für ihre Bürger zu erhöhen1186. Daher bilden Wettbewerb und Wohlfahrt zwei grundlegende Kategorien zur Ableitung und Systematisierung von Prinzipien der Regulierung. Da durch sie das Verhalten von Unterneh- 1184 Vgl. BROMWICH, M./VASS, P. (Accounting), Sp. 1678. 1185 Vgl. BROMWICH, M./VASS, P. (Accounting), Sp. 1678. 1186 Vgl. zum Folgenden KRETSCHMER, T./KÜPPER, H.-U./PEDELL, B. (Bedingungen). 5. Kapitel: Weiterentwicklung der Kosten- und Erlösrechnung796 mungen auf den betreffenden Märkten beeinflusst werden soll, tritt hierzu entsprechend Abb. 5-11 eine dritte Kategorie unternehmensbezogener Prinzipien. Diese Prinzipien lassen sich jeweils durch eine Reihe von Einzelprinzipien konkretisieren. Wettbewerbsprinzipien ? Ausrichtung an Markt- und Wettbewerbsbedingungen ? Übergang auf Wettbewerbsstrukturen und Förderungvon Eigenwirtschaftlichkeit ? Marktöffnungund freier Marktzugang ? Fairer Wettbewerb und Nichtdiskriminierung Unternehmensbezogene Prinzipien ? Kapitaltheoretische Erfolgsneutralität ? Marktbezug ? Separation der Geschäftsbereiche und Rechnungssysteme ? Verzicht auf Quersubventionierung ? Transparenz und Nachprüfbarkeit ? Verhältnismäßigkeit Wohlfahrtsprinzipien ? Effizienz ? Schaffung von Investitionsanreizen und Förderung von Fortschritt und Innovation Regulierungsprinzipien Abb. 5-11: Prinzipien der Regulierung a) Wettbewerbsprinzipien Mit den Wettbewerbsprinzipien sollen auch auf regulierten Märkten Bedingungen geschaffen werden, die jene auf freien Märkten möglichst gut imitieren. Dazu sind entsprechende Regeln für die Öffnung von Märkten, einen (möglichst) freien Marktzugang sowie fairen Wettbewerb und Nichtdiskriminierung zu schaffen. Diese Einzelprinzipien lassen sich wie folgt näher begründen. ? Ausrichtung an Markt- und Wettbewerbsbedingungen Aus der für eine kapitaltheoretische Sichtweise charakteristischen Ausrichtung auf Märkte folgt, dass sich auch eine Preisbestimmung auf regulierten Märkten soweit als möglich an Markt- und Wettbewerbsbedingungen zu orientieren hat. Eine Regulierung sollte dazu dienen, die einem Wettbewerb nahekommenden Bedingungen umzusetzen. Entgelte sind so festzusetzen, dass sie den Preisen auf Märkten mit funktionierendem Wettbewerb weitgehend entsprechen. Auf solchen Märkten sollen Unternehmungen eigenwirtschaftlich tätig sein. Der auf ihnen wirksame Marktmechanismus zwingt die Unternehmungen zu einer effizienten Gestaltung ihrer Prozesse. C. Kosten- und Erlösrechnung bei öffentlicher Preisregulierung 797 ? Übergang auf Wettbewerbsstrukturen und Förderung von Eigenwirtschaftlichkeit Vielfach will man durch eine Regulierung den Übergang auf eine Wettbewerbsstruktur fördern. Die festzulegenden Entgelte sollen daher den Eintritt von Wettbewerbern in den betreffenden Markt ermöglichen. Zu niedrige (Dumping-) Preise würden den Eintritt neuer Wettbewerber verhindern. Dagegen bieten hohe, nicht zu unterschreitende Festpreise einen Anreiz für neue Unternehmungen, in den Markt einzutreten. Wenn sich jedoch eine gleichbleibende Nachfrage auf mehrere Anbieter verteilt, können zu hohe Preise die Rentabilität der bisher im Markt aktiven Unternehmung(en) so beeinträchtigen, dass ihr Verbleiben im Markt gefährdet wird. Dies gilt vor allem, wenn die Festpreise einseitig nur für bestimmte Unternehmungen vorgeschrieben werden und von neuen Unternehmungen unterboten werden können. Zudem kann durch sie die Nachfrage verringert werden. Übernimmt der Staat die regulierte Unternehmung nicht selbst, muss eine Regulierung von den individuellen ökonomischen Zielen der aktuellen und potentiellen Anteilseigner dieser Unternehmung ausgehen und damit deren Eigenwirtschaftlichkeit fördern. Anderenfalls besteht die Gefahr, dass die Regulierung zu einer nicht direkt erkennbaren impliziten Verstaatlichung führt. ? Marktöffnung und freier Marktzugang Das Ziel der Regulierung kann auch darin liegen, den Wettbewerb auf dem betreffenden Markt zu verstärken, indem er vor allem für bisher nicht auf ihm tätige Unternehmungen geöffnet wird. In diesen Fällen muss die Regulierung klare Regeln für eine derartige Marktöffnung und die Gestaltung eines freien Marktzugangs enthalten. ? Fairer Wettbewerb und Nichtdiskriminierung Wenn möglichst wettbewerbsähnliche Bedingungen geschaffen werden sollen, darf es keine Diskriminierung einzelner Marktpartner geben. Nur bei gleichen und damit fairen Wettbewerbsbedingungen für alle tatsächlichen und potentiellen Marktteilnehmer wird mehr Wettbewerb entstehen. b) Wohlfahrtsprinzipien Wettbewerb ist kein Selbstzweck, sondern dient letztlich dem Nutzen eines Landes und seiner Bevölkerung. Um diesen zu steigern, müssen Unternehmungen effizient arbeiten und Ressourcen möglichst gut nutzen. Da sich in einer dynamischen Welt die Rahmenbedingungen durch technischen Fortschritt u.°a. laufend ändern, wird eine einmal erreichte Effizienz nur bewahrt, wenn Fortschritt gefördert wird und die Unternehmungen Anreize zur Reduktion ihrer Kosten, zur Vornahme von Investitionen und zur Steigerung ihrer Qualität haben. Effizienz- und Anreizprinzipien sind daher wichtige Instrumente für die Wohlfahrt. ? Effizienz 5. Kapitel: Weiterentwicklung der Kosten- und Erlösrechnung798 Funktionierender Wettbewerb erzwingt effiziente Prozesse. Trotz seines vielfältigen Gebrauchs in der Wirtschaftswissenschaft ist der Begriff der Effizienz oft nicht leicht operationalisierbar. Unter gegebenen Realbedingungen ist ein hohes Maß an wirtschaftlicher Effizienz um so eher erreichbar, je vollkommener ein Markt funktioniert und je besser damit der Wettbewerb ist. Diese Anforderung wird in rechtlichen Vorschriften wie z. B. § 31 Abs. 1 des Telekommunikationsgesetzes von 2004 häufig in dem grundlegenden Kriterium einer ‚effizienten Leistungsbereitstellung’ ausgedrückt. ? Schaffung von Investitionsanreizen sowie Förderung von Fortschritt und Innovation Ein Investor wird seine Ressourcen nur dann einsetzen, wenn er mit einer Verzinsung rechnen kann, die nicht unter den Renditen alternativer Einsatzmöglichkeiten liegt. Deshalb müssen die mit regulierten Preisen erzielbaren Einzahlungen so hoch sein, dass sie eine derartige Rendite sichern und dadurch ein Anreiz zur Investition besteht. Auch regulierte Märkte sollten Investoren Erfolgspotentiale eröffnen. Damit die Produkte nicht veralten, müssen regulierte Preise den Fortschritt fördern. Gerade in den äußerst fixkostenintensiven Netzindustrien müssen die Entgelte eine Verzinsung umfassen, die Anreize zur Erneuerung des Netzes bietet. Nur über rentable Investitionen und technischen Fortschritt können die Netze auf einem modernen, (international) konkurrenzfähigen Stand gehalten werden. c) Unternehmensbezogene Prinzipien Die Prinzipien zu Wettbewerb und Wohlfahrtsorientierung schlagen sich in konkreten Normen für die einzelnen Unternehmungen nieder. Aus ihnen lässt sich dementsprechend eine Reihe unternehmensbezogener Prinzipien ableiten und begründen. ? Kapitaltheoretische Erfolgsneutralität Aus der ökonomischen Sichtweise folgt, dass auch regulierte Preise eine angemessene Verzinsung des zur Verfügung gestellten Kapitals gewähren müssen. Diese hat sich nach den Marktbedingungen zu richten und muss daher einen Risikozuschlag einschließen, wie er auf dem Kapitalmarkt für das der regulierten Unternehmung entsprechende systematische Risiko gezahlt wird. Daraus lässt sich das Prinzip der kapitaltheoretischen Erfolgsneutralität begründen. Nach diesem dürfen die Preise über die im Zinssatz zugestandene angemessene Verzinsung hinaus keine Gewinnbestandteile enthalten und sollen in diesem Sinne ‚erfolgsneutral‘ sein. Deshalb hat z. B. bei Kapitalkosten die Summe aus dem Barwert der Abschreibungen und den Zinsen für das gebundene Kapital gleich den Anschaffungsauszahlungen zu sein. Dahinter steht die Überlegung, dass ein Investor die Anschaffung unter ökonomischen Gesichtspunkten nur dann tätigen wird, wenn die zum Kalkulationszinsfuß abgezinsten Rückflüsse mindestens die Anschaffungskosten zum Entscheidungszeitpunkt decken. Dies erfordert, dass sowohl die C. Kosten- und Erlösrechnung bei öffentlicher Preisregulierung 799 Rendite als auch die Verzinsungsbasis (Regulatory Asset Base) angemessen sein müssen. ? Marktbezug Jede Unternehmung muss sich an ihren Märkten sowie den dort bestehenden Angebots- und Nachfragebedingungen orientieren. Aus dieser allgemeinen Bedingung für erwerbswirtschaftliche Unternehmungen ergibt sich das Prinzip des Marktbezugs für die Bestimmung regulierter Preise. Nach ihm sind die für eine Marktpreisbildung relevanten Determinanten, wie die Entwicklungen der Einsatzgüterpreise und der Technologie, zu berücksichtigen. Dies schließt ein, dass Preise sich nicht unbedingt nur an den angefallenen Kosten zu orientieren haben, sondern bei der Preisbestimmung weitere Kriterien relevant sein können. Insbesondere betrifft es die Vorgänge auf dem Beschaffungsmarkt des betreffenden Anlageguts und deren Auswirkungen auf den Absatzmarkt der Produkte, die mit ihm erzeugt werden. ? Separation der Geschäftsbereiche und Rechnungssysteme Stellt eine Unternehmung verschiedene Güter und/oder Dienstleistungen her, die nicht alle der Regulierung unterliegen, macht eine nachvollziehbare Bestimmung von Preisen für die regulierten Produkte eine rechnungsmäßige Trennung der Geschäftsbereiche erforderlich. Um die regulierten Preise zu begründen, muss sie die spezifisch für die regulierten Güter sowie Dienstleistungen anfallenden Gütereinsätze und deren Kosten aufzeigen können. Dies ist nur dann mit ausreichender Zuverlässigkeit umsetzbar, wenn eine entsprechende Separation der Geschäftsbereiche und der sie erfassenden (Teil-) Rechnungssysteme innerhalb ihrer Unternehmensrechnung besteht. ? Verzicht auf Quersubventionierung Separation zwischen regulierten und nicht regulierten Produkten einer Unternehmung schließt den Verzicht auf Quersubventionierung ein, sofern diese nicht politisch gewünscht ist. Im Normalfall dürfen weder die Preise regulierter Güter und Dienstleistungen zur Stützung der auf freien Märkten angebotenen Produkte genutzt werden noch die auf freien Märkten erzielten Erlöse und Gewinne zur Deckung von Kosten für regulierte Produkte verwendet werden. Darauf wird höchstens verzichtet, wenn im Rahmen einer Universaldienstverpflichtung politisch erreicht werden soll, dass sich eine gleiche Ausgangssituation von etablierten und neu in den Markt eingetretenen Unternehmungen im Wettbewerb ergibt. ? Transparenz und Nachprüfbarkeit In einem Regulierungssystem haben die betroffenen Unternehmungen zu belegen, wie sie kostenorientierte Preise bestimmen. Dabei müssen die Aufsichtsorgane in die Lage versetzt werden, die bei der Preisermittlung angewandten Verfahren und Daten nachzuprüfen. Entsprechend dem sich hieraus ergebenden Prinzip der Transparenz und Nachprüfbarkeit muss die Bestimmung regulierter Preise transparent und anhand von Belegen der Unternehmung kontrollierbar sein. Deshalb müssen die Rechnungssysteme der Unternehmungen klar aufgebaut sein, die zur Preisbestimmung erforderlichen Daten bereitstellen sowie einer Nachprüfbarkeit unterzogen werden 5. Kapitel: Weiterentwicklung der Kosten- und Erlösrechnung800 können. Auf der anderen Seite müssen Berechnungen des Regulierers zur Entgeltfestsetzung für die betroffene Unternehmung im Einzelnen nachvollziehbar sein. Im Hinblick auf diese Nachprüfbarkeit muss es auch eine Kontrollinstanz geben, um Beschwerden von Unternehmungen über Regulierungsentscheidungen vorzubringen. ? Verhältnismäßigkeit Wie generell bei öffentlichen Regelungen ist schließlich ein Prinzip der Verhältnismäßigkeit zu beachten. Dieses erfordert, im Fall von Spielräumen die jeweils mildeste mögliche Form eines Regulierungseingriffs zu wählen, mit dem sich der Regulierungszweck verwirklichen lässt. III. Rechtliche Vorgaben für die Bestimmung kostenorientierter Preise 1. Bestimmungen der EU für die Preisregulierung auf dem Telekommunikationsmarkt Die Kommission der Europäischen Gemeinschaften hat bislang insbesondere Richtlinien und Empfehlungen zum Telekommunikationsmarkt erlassen, aus denen Prinzipien und Konzepte für die Bestimmung regulierter Preise deutlich werden. Schon die Richtlinie 90/38/EWG vom 28.6.1990 verlangt, auf dem Telekommunikationsmarkt einen wirklichen Wettbewerb zu gewährleisten und fordert Transparenz bezüglich der Kostenrechnung. Nach der Richtlinie 95/62/EG vom 13.12.1995 sollen Telefontarife den Grundsätzen der Kostenorientierung und der Transparenz entsprechen. Ferner soll nach der Richtlinie 97/33/EG1187 das Kostenrechnungssystem ermöglichen, „die Beziehung zwischen Kosten und Entgelten im Zusammenhang mit den Netzkomponenten und Netzdiensten zu verdeutlichen“. Die Europäische Kommission empfiehlt, „die Zurechnung von Kosten, eingesetztem Kapital und Erträgen gemäß den Grundsätzen der Kostenverursachung (zum Beispiel der aktivitätsorientierten Kostenerfassung „ABC“) vorzunehmen“1188. Die Kostenerfassung solle dazu ausreichend detailliert sein. Nach Auffassung der Kommission ermöglicht „ein gut definiertes Kostenzurechnungssystem ... eine Zuweisung von mindestens 90 % der Kosten auf Grundlage direkter oder indirekter Kostenverursachung“1189. Um das Verursachungsprinzip zu befolgen, empfiehlt sie eine Differenzierung der Buchführung und gibt Leitlinien für die Gliederung der Buchführung1190 sowie der Kostenarten vor. Für die Umsetzung dieser Prinzipien empfiehlt die Kommission eine ‚mehrschichtige‘ Kostenzurechnung. In ihr sollen direkte Kosten den Diensten, 1187 Art. 7 Abs. 5. 1188 KOMMISSION (Empfehlung), S. L 141/8. 1189 KOMMISSION (Empfehlung), S. L 141/8. 1190 Nach Kernnetz, Ortsanschlußnetz, Einzelkundengeschäft und sonstigen Tätigkeiten, KOMMISSION (Empfehlung), S. L 141/8 und S. L 141/10.

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Zusammenfassung

Dieses Standardwerk liefert Ihnen einen umfassenden Überblick über die Aufgaben, Techniken und Systeme der Kosten- und Erlösrechnung. Zunächst führt es in die Grundlagen ermittlungsorientierter Systeme ein. Dazu gehören die Kostenarten-, Kostenstellen- und Kostenträgerrechnung, ein Spektrum, das in jeder Vorlesung zur Kostenrechnung gelehrt wird. Daran schließt sich die Darstellung planungs- und verhaltenssteuerungsorientierter Systeme an. Dabei handelt es sich um Methoden wie Prozesskosten-, Grenzplankosten- oder Deckungsbeitragsrechnungen und Target Costing, die im Alltag von höchster praktischer Relevanz sind. Abgeschlossen wird das Buch durch die Behandlung aktueller Weiterentwicklungen auf dem Gebiet der Kostenrechnung. Hierbei spielen insbesondere die Herausforderungen der Preisregulierung bei den Strom-, Gas- und Telekommunikationsmärkten eine große Rolle.

Die Autoren

Prof. Dr. Marcell Schweitzer lehrte Betriebswirtschaftslehre an der Universität Tübingen.

Prof. Dr. Dr. h.c. Hans-Ulrich Küpper ist Inhaber des Lehrstuhls für Produktionswirtschaft und Controlling an der LMU in München.