Content

III. Klassifikation der Arten von Arbeitslosigkeit in:

Gerhard Mussel, Jürgen Pätzold

Grundfragen der Wirtschaftspolitik, page 38 - 39

8. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-4261-8, ISBN online: 978-3-8006-4374-5, https://doi.org/10.15358/9783800643745_49

Bibliographic information
C. Hoher Beschäftigungsstand38 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 Beginn der 1970er Jahre jedes Jahrzehnt die Arbeitslosenquote einen „Sprung nach oben“ gemacht hat. Bemerkenswert ist, dass in der jüngsten Krise der Weltwirtschaft 2008/09 in Deutschland die Arbeitslosigkeit nur vergleichsweise gering angestiegen ist. Dies ist in erster Linie darauf zurückzuführen, dass infolge der großzügigen Kurzarbeiterregelungen die Unterbeschäftigung nur bedingt offenkundig geworden ist. Die nahezu gleichbleibend hohen registrierten Arbeitslosenzahlen in der Grö- ßenordnung von 3 bis 4  Millionen Personen könnten die Vermutung nahe legen, auf dem deutschen Arbeitsmarkt gäbe es kaum Bewegung. Dieser vordergründige Eindruck erweist sich jedoch als völlig falsch. Der Arbeitsmarkt in Deutschland ist vielmehr durch eine enorme Dynamik gekennzeichnet. So lagen die Zugänge zur Arbeitslosigkeit im Jahr 2009 bei 9,25 Mio. Personen und die Abgänge aus Arbeitslosigkeit bei 9,0 Mio. Personen. Die Arbeitslosigkeit ist folglich im Krisenjahr 2009 um 250.000 Personen gestiegen. III. Klassifikation der Arten von Arbeitslosigkeit Vor dem Hintergrund der zumindest in der Vergangenheit sehr hohen Arbeitslosigkeit in Deutschland sowie in den meisten anderen Volkswirtschaften stellt sich die Frage, was gegen die Verletzung des Beschäftigungszieles getan werden kann. Prinzipiell hat eine erfolgreiche Strategie zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit an deren Ursachen anzusetzen. Dies mündet in die Klassifikation der Arten von Arbeitslosigkeit ein. Eine umfassende Typisierung der Arbeitslosigkeit ist jedoch nicht zweifelsfrei möglich. In der Literatur finden sich unterschiedliche Klassifikationsraster. Nachfolgend soll ein einfaches Schema (Abbildung C. 4) zugrunde gelegt werden, in das sich nahezu alle im Schrifttum anzutreffenden „Arten von Arbeitslosigkeit“ integrieren lassen. Ausgangspunkt dieses Rasters und der nachfolgenden Überlegungen sind zwei Einteilungskriterien: Zum einen kann Arbeitslosigkeit im Hinblick auf ihre Verbreitung analysiert werden. Daraus folgt die Unterteilung in gesamtwirtschaftliche und teilwirtschaftliche (strukturelle) Arbeitslosigkeit. Zum andern kann Arbeitslosigkeit hinsichtlich ihrer Dauer in ,,kurzfristige“, vorübergehende III. Klassifikation der Arten von Arbeitslosigkeit Abb. C.4: Klassifikation der Arbeitslosigkeit III. Klassifikation der Arten von Arbeitslosigkeit 39 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 (,,temporäre“) und anhaltende (,,zählebige“) Arbeitslosigkeit unterschieden werden. Gesamtwirtschaftliche Arbeitslosigkeit liegt dann vor, wenn die Unterbeschäftigung in etwa gleichmäßig über sämtliche Regionen, Branchen und Berufe der Volkswirtschaft streut. Teilwirtschaftliche (strukturelle) Arbeitslosigkeit ist demgegenüber dann gegeben, wenn die Unterbeschäftigung konzentriert in einzelnen Regionen, Branchen und/oder Berufen auftritt. Kombiniert man diese beiden Formen der Arbeitslosigkeit mit dem Kriterium der Fristigkeit, so lassen sich die in Abbildung C.4 dargestellten sechs Arten von Arbeitslosigkeit unterscheiden. Die Übergänge sind dabei allerdings fließend. Generell kann gesagt werden, dass die friktionelle und die saisonale Arbeitslosigkeit nur kurzfristiger Natur sind. Eher mittelfristiger, aber dem Grunde nach vorübergehender, also temporärer Art, ist die konjunkturelle Arbeitslosigkeit. Sie ist dadurch gekennzeichnet, dass infolge eines Rückgangs der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage, also eines Konjunkturabschwungs, in nahezu sämtlichen Branchen und Regionen der Volkswirtschaft die Produktion gedrosselt wird. Damit geht häufig zunächst Kurzarbeit einher, in der Folgezeit kommt es jedoch zu Entlassungen. Konjunktureinbrüche können allerdings auch auf bestimmte Wirtschaftszweige, Regionen oder Berufe beschränkt sein (z. B. ,,schlechte Baukonjunktur“). In einem solchen Fall tritt ,,strukturalisierte konjunkturelle Arbeitslosigkeit“ auf. Kennzeichnend für konjunkturelle Einbrüche ist, dass die daraus resultierende Arbeitslosigkeit im nächsten Boom wieder verschwindet. Bleibt der Aufschwung auf Dauer aus, dann handelt es sich nicht um einen vorübergehenden konjunkturellen Einbruch, sondern um eine länger anhaltende Wachstumsschwäche. Derjenige Teil der Arbeitslosigkeit, der weder saisonaler, noch friktioneller, noch konjunktureller Natur ist, wird vielfach auch als ,,strukturelle Arbeitslosigkeit im weitesten Sinne“ bezeichnet. Diese strukturelle Arbeitslosigkeit ist ,,zählebiger“ Natur und nicht mittels schnell wirkender Maßnahmen bekämpfbar. Die strukturelle Arbeitslosigkeit (im weitesten Sinne) kann jedoch ebenfalls dahingehend unterschieden werden, ob sie eher gesamtwirtschaftlicher oder teilwirtschaftlicher Natur ist. Eine gesamtwirtschaftlich strukturelle Arbeitslosigkeit liegt dann vor, wenn die Unterbeschäftigung zwar in sämtlichen Branchen, Regionen und Berufen in etwa gleichmäßig auftritt, die Unterbeschäftigung allerding nicht nur auf einen temporären gesamtwirtschaftlichen Konjunktureinbruch, sondern auf ein länger anhaltend ,,zu geringes“ Wirtschaftswachstum zurückzuführen ist. Diese Form der Arbeitslosigkeit wird daher im Folgenden als ,,wachstumsdefizitäre Arbeitslosigkeit“ bezeichnet („growth-gap-unemployment“). Strukturelle Arbeitslosigkeit im engeren Sinne herrscht dagegen dann, wenn es sich um ein teilwirtschaftliches Phänomen handelt. Hierbei konzentriert sich die anhaltende Unterbeschäftigung lediglich auf einzelne Branchen, Berufe, Personengruppen und/oder Regionen. Wenn nachfolgend von ,,struktureller Arbeitslosigkeit“ gesprochen wird, so ist damit diese strukturelle Arbeitslosigkeit im engeren Sinne gemeint. Nach diesem ersten Überblick sollen nunmehr die verschiedenen Arten der Arbeitslosigkeit genauer beleuchtet werden. Daran anschließend werden ur-

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Wirtschaftspolitik verständlich erklärt.

"Wer eine kompakte und verständliche Einführung in die Wirtschaftspolitik sucht, ist mit diesem schon seit langem erfolgreichen und weitverbreiteten Lehrbuch bestens bedient."

in: Studium 90/2012

Alles zur Wirtschaftspolitik

Dieses Lehrbuch befasst sich mit den Grundfragen und den aktuellen, zentralen Aufgabenfeldern der Wirtschaftspolitik: Sicherung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts und Gewährleistung einer nachhaltigen ökologischen Entwicklung. Die Neuauflage geht jetzt noch ausführlicher auf die Problematik des demografischen Wandels sowie die Eurokrise ein.

"Wer immer eine gelungene Einführung in die Wirtschaftspolitik sucht - ob Studierende der Wirtschaftswissenschaften im Grundstudium bzw. Teilnehmer vergleichbarer Aus- und Fortbildungsstätten oder am Wirtschaftsgeschehen interessierte Praktiker - wird von diesem Lehrbuch nicht enttäuscht werden."

in: www.rezensionen.ch 15.5.12

Autoren

Prof. Dr. Gerhard Mussel unterrichtet Volkswirtschaftslehre an der Dualen Hochschule

Baden-Württemberg Stuttgart.

Prof. Dr. Jürgen Pätzold ist Honorarprofessor an der Universität Hohenheim.