Content

IV. Marktmäßige Bekämpfungsmöglichkeiten von Zahlungsbilanzungleichgewichten in:

Gerhard Mussel, Jürgen Pätzold

Grundfragen der Wirtschaftspolitik, page 231 - 243

8. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-4261-8, ISBN online: 978-3-8006-4374-5, https://doi.org/10.15358/9783800643745_242

Bibliographic information
IV. Marktmäßige Bekämpfungsmöglichkeiten 231 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 IV. Marktmäßige Bekämpfungsmöglichkeiten von Zahlungsbilanzungleichgewichten Marktmäßige Bekämpfungsmaßnahmen von Ungleichgewichten in der Zahlungsbilanz sind darauf ausgerichtet, die Devisenströme auf indirektem Wege zu steuern. Dies geschieht über die Beeinflussung der Determinanten von Devisenzuflüssen und Devisenabflüssen. 1. Beeinflussung des Wechselkurses Wie bereits ausgeführt, nimmt der Wechselkurs eine Doppelstellung ein. Zum einen ist er das Ergebnis von Devisenzuflüssen und Devisenabflüssen, d. h. er ist als Wirkung von Devisenströmen anzusehen. Zum andern stellt er eine wesentliche Ursache von Devisenzu- und -abflüssen dar. Angesichts dieser überragenden Bedeutung des Wechselkurses ist daher genauer auf dessen Bildung und Beeinflussung einzugehen. a. Der Devisenmarkt Der Wechselkurs bildet sich grundsätzlich auf dem Devisenmarkt. Das ist der Ort, wo Devisenangebot (= Devisenzuflüsse) und Devisennachfrage (= Devisenabflüsse) aufeinandertreffen. Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist darauf hinzuweisen, dass der Devisenmarkt der Marktform eines vollkommenen Marktes sehr nahe kommt, denn auf ihm sind die aus der Mikrotheorie bekannten Vollkommenheitskriterien (homogenes Gut, keine Präferenzen, Markttransparenz, unendliche Reaktionsgeschwindigkeit) nahezu perfekt erfüllt. Technisch läuft der Devisenhandel entweder auf dem freien Markt (zwischen den Banken im sog. Freiverkehr) oder am organisierten Devisenmarkt (amtliche Devisenbörsen) ab. Den sich dabei bildenden Wechselkurs (wk) kann man auf zweierlei Weise feststellen: • Preisnotierung: hierbei wird ermittelt, welchen Preis man für eine Einheit ausländischer Währung bezahlen muss, ausgedrückt in Inlandswährung. Beispiel: 1 US-Dollar kostet 0,7012 Euro (,,1 Dollar in Euro“); • Mengennotierung: hier wird festgestellt, wie viele Einheiten an ausländischer Währung bezahlt werden müssen, um eine Einheit Inlandswährung zu erhalten. Beispiel: 1 Euro kostet 1,4261 US-Dollar (,,1 Euro in Dollar“). Die Mengennotierung findet Anwendung für den täglich von der Europäischen Zentralbank festgestellten „Referenzkurs“ des Euro. In Anlehnung an Abbildung F. 2 können die Funktionen für das Devisenangebot (AD) und die Devisennachfrage (ND) geschrieben werden als: AD = AD (PI, PA, VPA, YA, zI, zA, wk) bzw. ND = ND (PI, PA, VPI, YI, zI, zA, wk) Unter Anwendung der ceteris-paribus-Bedingung erhält man in Bezug auf den Wechselkurs die monokausalen Funktionen des Devisenmarktes: IV. Marktmäßige Bekämpfungsmöglichkeiten F. Außenwirtschaftliches Gleichgewicht232 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 AD = AD (wk), bzw. ND = ND (wk) Grafisch nimmt der Devisenmarkt die aus Abbildung F.  4 ersichtliche Gestalt an. Den Wechselkurs wk* (hier: Preisnotierung) bezeichnet man als den gleichgewichtigen Wechselkurs oder Gleichgewichtskurs, die dabei gehandelte Menge an ausländischer Währung heißt Gleichgewichtsmenge. Von zentraler Bedeutung für außenwirtschaftliche Fragestellungen ist es, ob sich der Wechselkurs auf dem Devisenmarkt gemäß den Marktkräften frei bildet. Man unterscheidet hierbei zwei idealtypische Systeme: • Die Wechselkurse bilden sich völlig frei gemäß Angebot und Nachfrage. Man nennt dies ein System flexibler Wechselkurse; • in die freie Wechselkursbildung wird von staatlicher Seite eingegriffen und ein bestimmter Kurs (eventuell mit Schwankungsbreite) garantiert. Dies ist ein System fester oder stabiler Wechselkurse. Die „Garantiekurse“ werden zwischen den beteiligten Regierungen vereinbart. Es ist dann Aufgabe der jeweiligen Zentralbanken, durch Devisenmarktinterventionen dafür Sorge zu tragen, dass die politisch vorgegebenen Wechselkurse auch tatsächlich zustande kommen. Die Ausgestaltung dieses alternativen Wechselkurssystems sowie dessen Implikationen für die Erreichung und Beeinflussung des außenwirtschaftlichen Gleichgewichts werden im Folgenden genauer behandelt. Abb. F.4: Der Devisenmarkt (Wechselkurs als Preisnotierung) IV. Marktmäßige Bekämpfungsmöglichkeiten 233 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 b. Das System flexibler Wechselkurse Ein System flexibler Wechselkurse besteht gegenwärtig beispielsweise gegen- über den zahlreichen Dollarwährungen. Dieses Wechselkurssystem wurde 1973 auch gegenüber dem US-Dollar eingeführt; ebenso sind etwa der japanische Yen oder der Schweizer Franken frei schwankende Währungen. Am besten wird die Funktionsweise eines Systems flexibler Wechselkurse anhand eines Beispiels klar. Angenommen, die Bundesrepublik liefere dank eines Großauftrages aus den USA eine große Menge an Fahrzeugen in die Vereinigten Staaten. Der amerikanische Importeur bezahlt die auf US-Dollar lautende Rechnung umgehend. Dadurch fließen Devisen an den deutschen Automobilhersteller, der diese bei seiner Bank in Euro umtauscht. Die Bank bietet dann ihrerseits diese Dollarmenge auf dem Devisenmarkt an. Dort verschiebt sich durch diesen Vorgang das Devisenangebot nach rechts (Abbildung F.5). Infolge des gestiegenen Devisenangebotes sinkt der Preis der US-Währung. Man nennt den Rückgang des Wechselkurses (von wk1* auf wk2*, wiederum Preisnotierung) eine Euro-Aufwertung; sie ist gleichbedeutend mit einer Dollar- Abwertung. Derselbe Effekt käme auch zustande, falls die Rechnung in Euro ausgestellt würde. In diesem Fall würde nicht die deutsche Bank, sondern der amerikanische Importeur das Angebot an Dollars auf dem Devisenmarkt erhöhen. Diese einfache Überlegung macht deutlich, dass ein völlig frei beweglicher Wechselkurs stets die Übereinstimmung von Devisenzuflüssen und Devisenabflüssen herbeiführt. Das ist aber nichts anderes als der Zustand eines Abb. F.5: Exportüberschuss bei flexiblen Wechselkursen F. Außenwirtschaftliches Gleichgewicht234 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 Zahlungsbilanzgleichgewichts im Sinne des Ausgleichs der Devisenbilanz. Da die Kursbildung bei einem System flexibler Wechselkurse grundsätzlich ohne das Eingreifen der Zentralbank geschieht, weist der Saldo der Devisenbilanz einen Wert von null auf. Wegen dieses automatischen Zahlungsbilanzausgleichs plädieren zahlreiche Ökonomen für ein System flexibler Wechselkurse. Nun könnte man einwenden, dass sich hinter dem neuen Gleichgewichtskurs wk2* ein Überschuss in der Handels- und Dienstleitungsbilanz und insoweit ein materielles Ungleichgewicht in der Leistungsbilanz verbirgt. Dieses verschwindet aber wieder von selber. Denn der gesunkene Wechselkurs macht die heimischen Güter für das Ausland teurer, sodass wieder mit einem Rückgang der Exporte zu rechnen ist, d. h. die Devisenzuflüsse zurückgehen. Gleichzeitig verbilligt der niedrigere Wechselkurs die Importe, und es kommt zu einem Devisenabfluss. Im Endergebnis stellt sich der ursprüngliche Gleichgewichtskurs wieder ein. Man nennt diesen automatischen Ausgleich der Leistungsbilanz auch den Wechselkursmechanismus. Sein Funktionieren ist jedoch an verschiedene Voraussetzungen geknüpft. So müssen die Exporte und Importe auf (wechselkursbedingte) Preisänderungen reagieren, also preiselastisch sein; in der Realität sind jedoch zahlreiche Startseiten zu beobachten. Auch können Vorgänge innerhalb des Kapitalverkehrs zu Wechselkursänderungen führen, die ihrerseits Ungleichgewichte in der Leistungsbilanz hervorrufen. Ferner ist der Zeitbedarf des Mechanismus unbekannt. Zu beachten ist auch die Rolle der Zentralbank. Sie muss zwar nicht auf dem Devisenmarkt eingreifen (,,intervenieren“), kann es aber tun, sofern sie es für erforderlich hält. Derartige Interventionen der Zentralbank in einem System prinzipiell flexibler Wechselkurs bezeichnet man auch als ,,schmutziges“ oder ,,manage floating“. Beispielsweise stellt eine Euro-Abwertung (der Wechselkurs des Dollars steigt) eine Gefahr für die binnenländische Preisniveaustabilität dar, denn dadurch verteuern sich wechselkursbedingt die Importe. In diesem Fall kann die Zentralbank Devisen aus ihrem Besitz verkaufen und so den Wechselkurs herabdrücken. Dadurch behindert sie allerdings den Wechselkursmechanismus. Genau an dieser Stelle liegt der Ansatzpunkt zur wirtschaftspolitischen Beeinflussung von Devisenströmen in einem System flexibler Wechselkurse. Die Zentralbank kann durch ihre Interventionen auf dem Devisenmarkt nämlich Einfluss auf den Wechselkurs nehmen, also Wechselkurspolitik betreiben. Da die Eingriffe auf dem Devisenmarkt erfolgen, handelt es sich um eine marktkonforme Maßnahme. Sie hat zum Ziel, die internationalen wirtschaftlichen Transaktionen in bestimmte Bahnen zu lenken. Allerdings ist die Zentralbank nicht zu derartigen Eingriffen verpflichtet. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass die Währungsbehörde nicht in der Lage ist, sich auf Dauer gegen die Marktkräfte zu stemmen. In diesem Sinne akzeptierte in der Vergangenheit auch die Deutsche Bundesbank die trendmäßige Entwicklung des Dollarkurses. Gleiches gilt inzwischen für das Europäische System der Zentralbanken. Kurzfristig können Eingriffe der Zentralbank in das Marktgeschehen jedoch durchaus sinnvoll sein, um ,,Ausreißer“ des Wechselkurses IV. Marktmäßige Bekämpfungsmöglichkeiten 235 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 (sog. ,,erratische Schwankungen“) zu glätten, da diese die Marktteilnehmer irritieren könnten. Die Devisenmarktinterventionen der Zentralbank sind auch geeignet, auf die Wechselkurserwartungen der Marktteilnehmer einzuwirken. Dies spielt vor allem eine wichtige Rolle für Geld- und Kapitalanlagen und hat damit Auswirkungen auf die Kapitalbilanz. Kauft die Zentralbank beispielsweise eine ausländische Währung an, so macht sie damit deutlich, dass sie eine (weitere) Aufwertung ihrer Währung nicht zulassen möchte. Bei ausländischen Kapitalanlegern kann dies zu der Erwartung führen, dass nicht mit spekulativen Aufwertungsgewinnen zu rechnen ist. Als Folge davon unterbleiben Kapitalimporte und der Aufwertungsdruck auf die heimische Währung lässt nach. c. Das System fester Wechselkurse Im System fester (,,fixer“ oder stabiler) Wechselkurse setzt die Regierung eines Landes die Marktkräfte teilweise, im Extremfall sogar vollständig außer Kraft. Hierzu legt die Regierung (in Absprache mit den betroffenen ausländischen Regierungen) fest, welcher Wechselkurs auf dem Devisenmarkt zu Stande kommen soll. Entweder es wird ein exakt vorgegebener Wechselkurs vereinbart, oder aber eine Spanne (,,Bandbreite“), innerhalb derer sich der Wechselkurs dann frei bewegen darf. Üblich ist die Vorgabe von Bandbreiten. Der höchste (niedrigste) gerade noch tolerierte Wechselkurs heißt ,,oberer (unterer) Interventionspunkt“. Für die Erreichung bzw. Einhaltung der politisch vorgegebenen Kurse hat dann die Zentralbank zu sorgen, indem sie auf dem Devisenmarkt in der erforderlichen Richtung interveniert. Beteiligen sich die Zentralbanken beider Währungen an den Eingriffen, so spricht man von bilateralen Interventionen. Die Funktionsweise eines Systems fester Wechselkurse soll wiederum am Beispiel eines Exportüberschusses erklärt werden. Als Handelspartner Deutschlands fungiere dabei Dänemark, es bestehe eine Bandbreite (Abbildung F.6). Wiederum erfolgt die Notierung des Wechselkurses als Preisnotierung, diesmal bezogen auf die dänische Krone (dkr). Aufgrund des erhöhten Devisenangebots kommt es zur Verlagerung der Angebotsfunktion nach rechts. Dadurch müsste sich wiederum der niedrigere Wechselkurs wk2* einstellen. Jetzt existieren jedoch institutionelle Barrieren: Der Kronenkurs darf höchstens bis auf wku (,,unterer Interventionspunkt“) absinken. Da der marktmäßige Kurs aber niedriger als der untere Interventionspunkt liegen würde, muss die Europäische Zentralbank nun Stützungskäufe zugunsten der dänischen Währung tätigen, d. h. dänische Kronen nachfragen. Im Bild verlagert sich dadurch die Kurve der Devisennachfrage nach rechts. Dies geschieht so lange, bis der untere Interventionspunkt erreicht ist. Die angekaufte Devisenmenge (Interventionsmenge) entspricht der Strecke DE; in diesem Umfang nehmen die Währungsreserven der EZB zu. Parallel dazu müsste nach den gegenwärtigen Vereinbarungen die dänische Zentralbank ihre eigene Währung kaufen, d. h. Euro aus ihren Währungsreserven verkaufen; dies F. Außenwirtschaftliches Gleichgewicht236 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 würde ebenfalls den Kurs der dänischen Krone in die vorgegebene Richtung treiben („bilaterale Interventionen“). Mit dem Ankauf der dänischen Währung durch die EZB ist aber im inländischen Währungsraum die Schaffung von Zentralbankgeld verbunden. Dies wirkt dann inflatorisch, wenn (bei konstanter Umlaufgeschwindigkeit des Geldes) die heimische Geldmenge infolge der Interventionen stärker als das Inlandsprodukt wächst. Die Folge ist dann ein Anstieg des inländischen Preisniveaus (importierte Inflation). Dieser Effekt verringert die internationale Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Volkswirtschaft; die Exporte sinken, während die Importe steigen. In der Folgezeit verschwindet also der ursprüngliche Exportüberschuss wieder von allein; es tritt somit auch im System fester Wechselkurse ein Ausgleich der Zahlungsbilanz ein. Man nennt diesen Mechanismus des automatischen Zahlungsbilanzausgleichs bei festen Wechselkursen den sog. ,,Geldmengen-Preis-Mechanismus“. Sein Funktionieren ist jedoch wiederum an verschiedene Prämissen gebunden, die in der Realität nicht immer erfüllt sind. Versagt dieser Mechanismus, und setzen zudem spekulative Kapitalbewegungen ein, so erhöht sich der Interventionsbedarf für die Zentralbank laufend. Die inländische Geldmenge wächst dann möglicherweise ins Uferlose. Der Zielkonflikt zwischen Stabilisierung des Wechselkurses („Außenwert“) und Erhaltung der Preisniveaustabilität („Binnenwert“) wird immer offenkundiger. Im Zweifel sehen sich die Regierungen veranlasst, die Paritätskurse neu zu vereinbaren (z. B. wk2*), also das Wechselkursband nach unten zu verschieben (sog. Abb. F.6: Exportüberschuss bei festen Wechselkursen IV. Marktmäßige Bekämpfungsmöglichkeiten 237 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 ,,Realignment“). Durch Herabsetzung des Wechselkurses wird die heimische Währung gegenüber dieser Devise aufgewertet. Wurde der neue Paritätskurs ,,richtig“ gewählt, so bildet dies die Voraussetzung für das Zustandekommen einer ausgeglichenen Zahlungsbilanz. Würden die Regierungen die Anpassung der Paritätskurse ,,geräuscharm“ und in kurzen Zeitabständen vornehmen, so würde sich dieses System ,,anpassungsfähiger fester Wechselkurse“ kaum von einem flexiblen Wechselkurssystem unterscheiden. In der Praxis halten die Regierungen jedoch möglichst lange an vereinbarten Kursen fest, und zwar auch dann, wenn der vom Markt ,,gewünschte“ Kurs erheblich davon abweicht. Es kommt zu Die Folge sind spekulative Kapitalbewegungen. Die ausländischen Kapitalanleger setzen darauf, dass die Aufwertung des Euro über kurz oder lang doch beschlossen wird. Es kommt zu Kapitalimporten großen Ausmaßes, die ihrerseits den Euro noch mehr unter Aufwertungsdruck bringen. Das feste Wechselkurssystem war viele Jahre im Europäischen Währungssystem (EWS) verankert. Feste Wechselkurse weisen für die Wirtschaftsakteure im Vergleich zu flexiblen Wechselkursen den Vorzug der Kalkulationssicherheit auf. Dieser Tatbestand wirkt prinzipiell integrationsfördernd. Daher wurde beschlossen, als Vorstufe für die Einführung einer europäischen Gemeinschaftswährung ein System fester Wechselkurse zu installieren. Dieses sollte den europäischen Einigungsprozess von der Währungsseite her flankieren. Seit der Einführung des EWS im Jahr 1979 traten die beteiligten EU-Länder zu unterschiedlichen Zeitpunkten dem Festkurssystem bei. Die Festsetzung der Wechselkurse geschah dabei über ein Gitter von Paritätskursen mit Bandbreiten. Die meisten Wechselkurse durften innerhalb einer Marge von + /– 2,25 % schwanken, einige Währungen hatten vorübergehend eine Bandbreite von + /– 6 %. Im Sommer 1993 wurde die Bandbreite angesichts starker Unruhen an den Devisenmärkten auf + /– 15 % angehoben. Zum 1. Januar 1999 wurde die Bandbreite für die Währungen der elf Länder, die den Euro zu diesem Zeitpunkt einführten, aufgehoben. Die Währungen dieser Länder hatten bis zum 31. Dezember 2001 unwiderruflich absolut feste Wechselkurse. Dies galt zeitverzögert auch für die griechische Währung. Nach vollständiger Einführung des Euro auch als Bargeld zum 1. Januar 2002 stellte sich das Problem des Wechselkurssystems logischerweise nicht mehr, da es seitdem in den siebzehn Teilnehmerstaaten eine einheitliche Währung gibt. Feste Wechselkurse mit Bandbreite weisen gegenwärtig nur noch Dänemark (± 2,25 %) sowie einige osteuropäische Beitrittsländer (± 15 %) auf. 2. Beeinflussung des internationalen Preisgefälles Einen weiteren Ansatzpunkt der Außenwirtschaftspolitik bildet das internationale Preisgefälle. Wie bereits ausgeführt, findet es seinen Ausdruck in unterschiedlich hohen Inflationsgeschwindigkeiten im Inland und im Ausland. Dies hat entsprechende Rückwirkungen auf die Entwicklung der Handelsund Dienstleistungsbilanz. Die folgenden Überlegungen gelten für den Fall, dass die Inflationsrate im Inland höher als im Ausland liegt. Dadurch steigen F. Außenwirtschaftliches Gleichgewicht238 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 ceteris paribus die Importe an, während die Exporte zurückgehen. Die Folge ist eine Passivierung der Leistungsbilanz und damit ein außenwirtschaftliches Ungleichgewicht. Die Wirtschaftspolitik steht in einer solchen Situation vor der Aufgabe, eine Umkehr der preisbedingten Güterströme herbeizuführen. Dazu muss es gelingen, über eine entsprechende Beeinflussung des internationalen Preisgefälles die Importe zu drosseln und die Exporte zu steigern. Die Preisentwicklung im Ausland ist jedoch für die nationale Wirtschaftspolitik eine exogen vorgegebene Größe, d. h. ein Datum. Weder die heimische Regierung noch die Zentralbank haben einen direkten Einfluss auf die Inflationsrate in ausländischen Volkswirtschaften. Daher muss die nationale Wirtschaftspolitik die Preisniveauentwicklung im Inland stabilisieren, damit bei Vorliegen eines Leistungsbilanzdefizits die Importe geringer und die Exporte größer werden. Die Möglichkeiten der Inflationsbekämpfung wurden bereits im Rahmen der Erörterung des Zieles der Preisniveaustabilität behandelt. Besonders die Geldpolitik ist hier gefordert, das Geldmengenwachstum einzudämmen. Auf die Technik der Geldmengensteuerung soll an dieser Stelle nicht nochmals eingegangen werden. Entscheidend ist hier vielmehr, dass sich das internationale Preisgefälle im Zuge einer erfolgreichen Geldpolitik zugunsten des Inlandes verringert. Dadurch gehen bei preiselastischer Nachfrage die Importe zurück, während die Exporte ansteigen. Infolge der Aktivierung der Leistungsbilanz kommt es zu einem außenwirtschaftlichen Gleichgewicht. Allerdings gerät die Geldpolitik bei der Verfolgung des außenwirtschaftlichen Gleichgewichts in eine Konfliktsituation. Der restriktive Kurs der Notenbank trägt zwar zum Ausgleich der Zahlungsbilanz bei. Gleichzeitig behindert die restriktive Zentralbankpolitik jedoch das Wachstum und damit die Beschäftigung, da im Zuge des Bremskurses mit einem Anstieg der inländischen Zinsen zu rechnen ist. Der Zielkonflikt zwischen der Erreichung binnenwirtschaftlicher und außenwirtschaftlicher Ziele war in der Vergangenheit immer wieder kennzeichnend für die Situation, in der sich die Deutsche Bundesbank befand. Bei festen Wechselkursen ist zudem eine hinreichend autonome Wirtschaftspolitik, die nicht außenwirtschaftlich unterlaufen wird, faktisch kaum möglich. Soll die Stabilisierung des Preisniveaus im Inland gelingen, so ist eine restriktive Geldpolitik erforderlich. Logische Konsequenz und Voraussetzung für eine erfolgreiche Stabilisierungspolitik sind hohe Zinsen im Inland. Steigt aber das inländische Zinsniveau über das des Auslandes, so setzen Kapitalimporte ein. Die Folge ist, dass der Euro verstärkt nachgefragt wird, und die entsprechende Devise (z. B. US-Dollar) unter Abwertungsdruck gerät. Um zu verhindern, dass der Wechselkurs des Dollars unter den unteren Interventionspunkt fällt, müsste die heimische Zentralbank Dollars aus dem Markt nehmen. Die Folge dieser Interventionen ist aber, dass die inländische Geldmenge steigt, obwohl die Zentralbank ja ursprünglich die Absicht verfolgte, das Geldmengenwachstum zu drosseln. In einem internationalen Währungssystem mit festen Wechselkursen wird die Geldpolitik außenwirtschaftlich konterkariert. Wechselkursstabilisierung bedeutet dann aber immer, dass die nationalen Zie- IV. Marktmäßige Bekämpfungsmöglichkeiten 239 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 le hinter das Außenwirtschaftsziel gestellt werden müssen. Ein System fester Wechselkurse funktioniert nur dann, wenn alle am System beteiligten Länder dasselbe machen: Entweder betreiben sie alle eine Politik der Preisniveaustabilität, oder aber sie inflationieren alle. Es ist jedoch nicht möglich, dass ein Land in diesem System den „Stabilitätsapostel“ spielen will, während andere Länder eine inflatorische Wirtschaftspolitik betreiben. Im Zweifel wird in diesem Fall über die einsetzenden Interventionen der Notenbanken zur Stabilisierung der Wechselkurse die höhere Inflationsrate in das Inland übertragen (,,importierte Inflation“). Die Vorstellung einer völlig ,,harmonisierten“ Wirtschaftspolitik ist umso unrealistischer, je größer der Kreis der Beteiligten an dem Fest-Wechselkurssystem ist und je unterschiedlicher diese Länder sind. Es ist daher kein Wunder, dass das ursprüngliche System von Bretton Woods auf die Dauer nicht aufrechtzuerhalten war. Wie die Erfahrungen zeigen, war es auch innerhalb Europas schwierig, den erforderlichen „Gleichklang“ der Wirtschaftspolitik herbeizuführen, um die Funktionsfähigkeit des Europäischen Währungssystems zu garantieren. Neben der Zentralbank kann auch die Regierung das Ziel verfolgen, das internationale Preisgefälle zu steuern. Ist die inländische Inflationsrate höher als die des Auslandes, so kann der Staat über eine solide Haushaltspolitik, d. h. über eine rückläufige Staatsverschuldung bzw. eine Verringerung der Staatsausgaben zur Stabilisierung des Preisniveaus beitragen. Darüber hinaus könnte die Regierung auch zu protektionistischen Maßnahmen greifen. Diese sind zwar administrativer Natur; da ihr Einsatz jedoch gezielt zur Beeinflussung der Export- und Importpreise erfolgt, sollen sie hier innerhalb der Kategorie der marktmäßigen Bekämpfungsmaßnahmen erörtert werden. Zu unterscheiden sind Zölle (sog. ,,tarifäre Handelshemmnisse“) sowie spezifische preispolitische Maßnahmen (als Teil der ,,nichttarifären Handelshemmnisse“). Bekanntlich haben Zölle eine doppelte Funktion: Zum einen bringen sie als ,,Finanzzölle“ dem Staat Einnahmen; dieser Aspekt spielt insbesondere für zahlreiche Entwicklungsländer eine maßgebliche Rolle. Zum andern schützen Zölle die heimische Wirtschaft vor unliebsamer ausländischer Konkurrenz; man spricht daher von ,,Schutzzöllen“, die zum sog. ,,tarifären Protektionismus“ gerechnet werden. Ungeachtet dieser unterschiedlichen Funktionen besitzen Zölle die Eigenschaft, dass sie das internationale Preisgefälle verzerren und damit Handelsströme induzieren, die unter rein marktmäßigen Gegebenheiten nicht zustande kämen. Sollen die Exporte angeregt werden, so gilt es, bestehende Exportzölle abzubauen. Dadurch werden heimische Güter für das Ausland preiswerter, und es kommt zu der erwünschten Zunahme der Exporte und damit zum tendenziellen Ausgleich der Leistungsbilanz. Weitaus verbreiteter als Exportzölle sind Importzölle. Sie zielen auf eine Drosselung der Importnachfrage ab. Importzölle verteuern sozusagen künstlich die ausländischen Güter, haben also denselben Effekt wie eine Erhöhung des Preisniveaus im Ausland. Dies verringert den inländischen „Inflationsvorsprung“ gegenüber dem Ausland. Die Folge dürfte ein Rückgang der Importe sein, wodurch sich das Leistungsbilanzdefizit zurückbildet. F. Außenwirtschaftliches Gleichgewicht240 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 Aus volkswirtschaftlicher Sicht sind Importzölle jedoch abzulehnen. Sie bieten zwar einen kurzfristigen Schutz für heimische Betriebe, deren Wettbewerbsfähigkeit künstlich erhalten bleibt. Die Probleme werden jedoch dadurch nur zeitlich verschoben. Denn der Anpassungszwang an den Strukturwandel wird längerfristig durch Zölle nicht aufgehoben. Verkrustete Sektoren werden es später umso schwerer haben, den Anschluss an die geänderten Strukturen zu finden. Dies gilt umso mehr, als erfahrungsgemäß die Innovationskraft der geschützten Bereiche wegen der Existenz von Zöllen erlahmt. Im Übrigen sind Zölle generell abzulehnen, da sie den freien Welthandel behindern und zu einem ineffizienten Einsatz von Produktionsfaktoren führen. Damit unterbinden Zölle die Vorteile, die sich aus der internationalen Arbeitsteilung für alle beteiligten Volkwirtschaften ergeben können. Der Abbau von Zöllen ist daher eine wichtige Voraussetzung für die weltweite Steigerung des Lebensstandards. Auf supranationaler Ebene bemühte sich seit dem Jahr 1948 das GATT (,,General Agreement of Tariffs and Trade“) um die schrittweise Beseitigung von Zöllen. Dessen Nachfolgeorganisation zur Liberalisierung des Welthandels wurde die im Jahr 1995 gegründete WTO (,,World Trade Organisation“). Diesem Handelsabkommen, das sich lediglich auf Waren, nicht jedoch auf Dienstleitungen bezieht, gehört die Mehrzahl der Länder der Erde an. Gleichwohl gelang es bisher aber nicht, alle Zölle abzuschaffen. Neben der Erhebung von Zöllen existieren für die Regierung zahlreiche weitere preispolitische Instrumente, um die Export- bzw. Importpreise zu beeinflussen und dadurch die Handelsströme in die gewünschte Richtung zu lenken. Dies kann beispielsweise durch die Gewährung von Exportsubventionen geschehen. Sollen die Exporte gesteigert werden, so müssten für das Ausland preisliche Anreize für den Kauf dieser Güter geschaffen werden. Dies ist durch die Bezuschussung von sonst international nicht konkurrenzfähigen Ausfuhrgütern möglich. Faktisch wirken diese staatlichen Zuschüsse für das Ausland genauso wie eine Verringerung der inländischen Inflationsrate. Dieses Ergebnis lässt sich auch über Maßnahmen wie Zinssubventionen für Exportkredite, Ausnahmetarife für Verkehrsmittel, Exportgarantien bzw. Exportbürgschaften auf Exportforderungen, sonstige staatliche Beihilfen oder die staatliche Ausrichtung von Auslandsmessen erreichen. Derartige staatliche Leistungen stellen versteckte Exportsubventionen dar. Ordnungspolitisch problematisch sind diese Maßnahmen allesamt. Das internationale Preisgefälle kann auch durch steuerliche Regelungen beeinflusst werden. So ist zur Förderung der Ausfuhren eine Umsatzsteuerbefreiung ebenso möglich wie überkompensierende Umsatzsteuerrückvergütungen. Auch können bestehende Ausfuhrsteuern herabgesetzt bzw. abgeschafft werden. Entsprechend lassen sich die Importe drosseln, wenn der Staat die Einfuhrumsatzsteuer erhöht oder sonstige Nebenabgaben erhebt. Aus fiskalischer Sicht stellen Zölle ebenso wie Importbelastungen eine Möglichkeit zur Erhöhung der Staatseinnahmen dar. Umgekehrt belasten die verschiedenartigen Exporthilfen den öffentlichen Etat. Ungeachtet des dabei entstehenden Saldos muss das Problem der Verzerrung des internationalen Preisgefüges und damit der Behinderung des freien Welthandels durch den Staat gesehen IV. Marktmäßige Bekämpfungsmöglichkeiten 241 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 werden. Die Erfahrung zeigt, dass ein Land, welches seine Wirtschaft vor ausländischer Konkurrenz bewahren und die eigene Exportwirtschaft stärken möchte, mit Gegenmaßnahmen der Handelspartner rechnen muss. Handelskriege sind aber letztlich für alle beteiligten Länder kontraproduktiv. Hinzuweisen ist an dieser Stelle auf weitere exportfördernde Aktivitäten des Staates. Zum einen ist die Rolle der Politik als „Türöffner“ zu erwähnen. Dahinter steht die Aufgabe der Regierungen, die politischen Kontakte mit anderen Staaten zu pflegen bzw. weiter zu verbessern, um so den Weg für eine Intensivierung der Handelsbeziehungen zu ebnen. Zum andern können staatliche Stellen ihre Exportwirtschaft unterstützen, indem sie durch Initiierung oder Förderung von Auslandsmessen dazu beitragen, den Bekanntheitsgrad der Güter der heimischen Wirtschaft im Ausland zu erhöhen. Umgekehrt werden Exporte verhindert, sofern die Regierung beispielsweise Exportverbote in bestimmte Regionen verhängt. 3. Beeinflussung des internationalen Einkommensgefälles Die Auflistung der Determinanten der Devisenzu- und -abflüsse zeigte, dass auch die konjunkturelle Entwicklung, d. h. die Höhe bzw. Entwicklung des Inlandsprodukts und damit des Einkommens im Inland und im Ausland für die Importe und Exporte eine Rolle spielt. Aus Sicht des Inlandes kommt es ceteris paribus zu einer Passivierung der Leistungsbilanz, wenn • das Inlandseinkommen hoch ist und damit die (einkommensabhängigen) Importe hoch sind, bzw. • das Auslandseinkommen niedrig und damit die (aus inländischer Sicht) Exporte gering sind. Wird bei Vorliegen eines Leistungsbilanzdefizits ein außenwirtschaftliches Gleichgewicht über steigende Exporte angestrebt, so muss das Auslandseinkommen zunehmen. Hierauf hat die nationale Wirtschaftspolitik aber keinen unmittelbaren Einfluss. Die Entwicklung des Inlandsprodukts der Handelspartner ist vielmehr in erster Linie das Resultat der dortigen Wirtschaftstätigkeit bzw. der dort betriebenen Wirtschaftspolitik. Aus inländischer Sicht ist das Auslandseinkommen damit eine autonome Größe. Demgegenüber hat die nationale Wirtschaftspolitik sehr wohl einen Einfluss auf das Inlandseinkommen und damit auf die Importe. Um sie zu drosseln, muss das Inlandseinkommen bzw. dessen Wachstum verringert werden. Hierzu bedarf es vor allem einer restriktiven Geld- und Fiskalpolitik. Für die Zentralbank heißt dies, das Geldmengenwachstum zu verringern bzw. die Zinssätze zu erhöhen. Der Staat muss seinerseits die Ausgaben reduzieren und Steuern erhöhen. Allerdings garantiert eine restriktive Geld- und Fiskalpolitik auch dann noch keinen Rückgang der Importe, wenn die Verringerung des Inlandseinkommens gelingt. Denn auf die Importnachfrage wirken neben dem Einkommen noch weitere Einflussfaktoren wie etwa Präferenzen oder die Nichtverfügbarkeit von F. Außenwirtschaftliches Gleichgewicht242 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 Gütern. Diese Determinanten besitzen unter Umständen eine höhere „Durchschlagskraft“ auf die Einfuhren als das Einkommen. Als weiteres Problem tauchen auch hier Zielkonflikte auf. Steht die Geld- und Fiskalpolitik im Dienste der Außenwirtschaftspolitik, so bedeutet ein restriktiver Kurs eine Gefahr für Wachstum und Beschäftigung in der heimischen Volkswirtschaft. Sollte im Inland eine hohe Arbeitslosigkeit herrschen, dann wird es sicherlich schwierig, im Parlament eine Mehrheit zu finden, die dem außenwirtschaftlichen Gleichgewicht eine höhere Priorität einräumt als der Vollbeschäftigung. Für die Zentralbank ergäbe sich insoweit keine Konfliktsituation, als das hohe Inlandseinkommen als Ausdruck eines konjunkturellen Booms vermutlich mit hohen Preissteigerungen einhergehen dürfte. In diesem Fall käme eine restriktive Geldpolitik sowohl dem Ziel des außenwirtschaftlichen Gleichgewichts als auch der Geldwertstabilität zugute; zwischen diesen beiden Zielen bestünde also eine Zielharmonie. Allerdings bliebe der binnenwirtschaftliche Zielkonflikt zwischen Preisniveaustabilität einerseits und Vollbeschäftigung bzw. Wachstum andererseits auch für die Geldpolitik bestehen. 4. Beeinflussung des internationalen Zinsgefälles Das internationale Zinsgefälle wirkt unmittelbar auf die Kapitalbilanz. Es beruht auf der Differenz zwischen dem inländischen und dem ausländischen Zinsniveau. Liegen die Zinsen im Inland höher als im Ausland, so werden ceteris paribus die Kapitalimporte zunehmen und die Kapitalexporte abnehmen, d. h. es kommt per Saldo zu einem Devisenzufluss. Umgekehrt entsteht eine passive Kapitalbilanz, d. h. es fließen Devisen ab, wenn die Zinsen im Ausland höher liegen als im Inland. Die Steuerung des ausländischen Zinsniveaus ist wiederum nicht direkt möglich. Prinzipiell könnte zwar auf die ausländische Zentralbank bzw. Regierung politischer Druck ausgeübt werden. Der Erfolg ist jedoch fraglich. Dies gilt umso mehr, je autonomer die ausländische Notenbank ist. Damit ist der ausländische Zinssatz eine weitgehend autonome Größe für die binnenländische Wirtschaftspolitik. Dagegen liegt das inländische Zinsniveau im Einflussbereich der nationalen Wirtschaftspolitik. Vorrangig ist hier die Zentralbank gefordert, mit Hilfe der ihr zur Verfügung stehenden Mittel die heimischen Zinsen zu steuern. Weist die Kapitalverkehrsbilanz ein Defizit auf, sind also die Kapitalabflüsse größer als die Kapitalzuflüsse, so müssen für die Erreichung einer ausgeglichenen Kapitalbilanz die Zinsen im Inland erhöht werden. Dies lockt Geld aus dem Ausland an, fördert also Kapitalimporte. Gleichzeitig wird es für heimische Anleger attraktiver, ihr Geld im Inland zu belassen, sodass Kapitalexporte unterbleiben. Umgekehrt bedarf ein Überschuss in der Kapitalverkehrsbilanz einer ,,Politik des billigen Geldes“. Sinkende Zinsen bewirken Kapitalabflüsse und sorgen so für einen Ausgleich der Kapitalbilanz. IV. Marktmäßige Bekämpfungsmöglichkeiten 243 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 Wie bereits erwähnt, kann die Zentralbank im Rahmen ihrer außenwirtschaftlich orientierten Geldpolitik jedoch in eine Situation der Zielkonflikte geraten. Im Zuge einer restriktiven Politik beeinträchtigen steigende Zinsen die kreditfinanzierte Nachfrage auf den inländischen Gütermärkten, insbesondere die privaten Investitionen. Dadurch kollidiert die Verfolgung des Ausgleichs der Kapitalverkehrsbilanz mit dem Beschäftigungs- und dem Wachstumsziel. Umgekehrt müsste die Zentralbank bei Vorliegen eines Überschusses in der Kapitalverkehrsbilanz die Devisenzuflüsse bremsen. Eine hierzu eingeleitete expansive Geldpolitik könnte zwar die inländischen Zinsen senken und auf diese Weise einen Devisenabfluss erzeugen. Jedoch birgt der Expansionskurs der Notenbank die Risiken einer Inflation in sich. Auf den ersten Blick scheint die Verantwortung für das internationale Zinsgefälle und damit die Entwicklung der Kapitalbilanz allein in den Händen der Zentralbank zu liegen. Jedoch ist auch die Regierung in der Lage, die Zinsdifferenz und damit den Status der Kapitalbilanz zu beeinflussen. Dies geschieht einmal über die Verschuldung an den nationalen Kreditmärkten. Die Finanzierung von Haushaltsdefiziten erhöht die inländische Kreditnachfrage und wirkt – ebenso wie eine restriktive Geldpolitik – zinssteigernd. Dadurch kommt es zu höheren Kapitalimporten und rückläufigen Kapitalexporten, d. h. zu einem Überschuss in der Kapitalbilanz. Zu dessen Bekämpfung müsste der Staat seine Nettokreditaufnahme im Inland wieder reduzieren. In diesem Zusammenhang ist auf eine weitere Möglichkeit hinzuweisen, mit der die Regierung einen direkten Einfluss auf die Kapitalbilanz ausüben kann. Es handelt sich dabei um die staatliche Kreditaufnahme im Ausland. Auch über diesen Weg können öffentliche Defizite finanziert werden. Dabei kommt es zu einem Devisenzufluss und damit einem Überschuss in der Kapitalbilanz. Im Übrigen kann der Staat Maßnahmen ergreifen, die zwar nicht unmittelbar auf das internationale Zinsgefälle wirken, wohl aber für die Kapitalbilanz relevant sind. Ein Beispiel hierfür bieten etwa Steuergesetze. Wie die jüngeren Erfahrungen in der Bundesrepublik Deutschland zeigen, kann der Staat dadurch einen beträchtlichen Einfluss auf die Kapitalbilanz ausüben. Die Erhebung der Quellensteuer in der ersten Hälfte des Jahres 1988 hatte zwar keine außenwirtschaftlichen Hintergründe; trotzdem kam es zu außenwirtschaftlichen Wirkungen in Form massiver Devisenabflüsse ins Ausland. Auch die seit 1. 1. 1993 gültige Zinsabschlagsteuer sorgte für massive Kapitalexporte, obwohl zu diesem Zeitpunkt das internationale Zinsgefälle durchaus für Geld- und Kapitalanlagen in Deutschland sprach. Hervorzuheben ist an dieser Stelle auch eine indirekte Einflussnahme des Staates auf den langfristigen Kapitalverkehr. Sie ist über eine Beeinflussung der Direktinvestitionen möglich. Ist die Kapitalverkehrsbilanz beispielsweise passiv, so könnte (neben einer restriktiven Politik der Zentralbank) auch die Schaffung günstiger Investitionsbedingungen langfristiges Kapital ins Inland locken bzw. Abflüsse vermeiden. Zu erwähnen sind hier Verbesserungen der Standortbedingungen wie etwa die Senkung der Grenzsteuersätze für die Einkommen- und Körperschaftsteuer oder die Deregulierung. Die Verbesserung der Rahmenbedingungen hat ceteris paribus höhere Direktinvestitionen

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Wirtschaftspolitik verständlich erklärt.

"Wer eine kompakte und verständliche Einführung in die Wirtschaftspolitik sucht, ist mit diesem schon seit langem erfolgreichen und weitverbreiteten Lehrbuch bestens bedient."

in: Studium 90/2012

Alles zur Wirtschaftspolitik

Dieses Lehrbuch befasst sich mit den Grundfragen und den aktuellen, zentralen Aufgabenfeldern der Wirtschaftspolitik: Sicherung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts und Gewährleistung einer nachhaltigen ökologischen Entwicklung. Die Neuauflage geht jetzt noch ausführlicher auf die Problematik des demografischen Wandels sowie die Eurokrise ein.

"Wer immer eine gelungene Einführung in die Wirtschaftspolitik sucht - ob Studierende der Wirtschaftswissenschaften im Grundstudium bzw. Teilnehmer vergleichbarer Aus- und Fortbildungsstätten oder am Wirtschaftsgeschehen interessierte Praktiker - wird von diesem Lehrbuch nicht enttäuscht werden."

in: www.rezensionen.ch 15.5.12

Autoren

Prof. Dr. Gerhard Mussel unterrichtet Volkswirtschaftslehre an der Dualen Hochschule

Baden-Württemberg Stuttgart.

Prof. Dr. Jürgen Pätzold ist Honorarprofessor an der Universität Hohenheim.