Content

II. Operationalisierung der Preisniveaustabilität in:

Gerhard Mussel, Jürgen Pätzold

Grundfragen der Wirtschaftspolitik, page 114 - 120

8. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-4261-8, ISBN online: 978-3-8006-4374-5, https://doi.org/10.15358/9783800643745_125

Bibliographic information
D. Preisniveaustabilität114 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 II. Operationalisierung der Preisniveaustabilität 1. Preisindizes Die bisherigen Ausführungen gingen vom Begriff der Inflation aus, ohne diesen näher zu präzisieren. Als vergleichsweise einfach erweist sich die quantitative Operationalisierung. Preisniveaustabilität liegt theoretisch dann vor, wenn die Inflationsrate null Prozent beträgt. Erfahrungsgemäß geben sich Wirtschaftspolitiker und Zentralbanken aber auch mit geringen Teuerungsraten zufrieden. So verfolgte die Deutsche Bundesbank die Zielsetzung, den Preisauftrieb mittelfristig auf maximal 2 Prozent zu begrenzen. Auch die Europäische Zentralbank strebt eine Inflationsrate von „mittelfristig unter, aber nahe 2 Prozent“ an. Als weitaus schwieriger erweist sich der Schritt der qualitativen Operationalisierung. Es geht dabei um die genaue Festlegung eines Warenkorbes, d. h. eines Güterbündels, dessen Verteuerung dann im Zeitablauf zu messen ist. Hierfür stehen verschiedene Konzepte zur Verfügung. Sie unterscheiden sich letztlich in der Zugrundelegung unterschiedlicher Warenkörbe. Von den zahlreichen Preisindizes sind für die Wirtschaftspolitik besonders zwei Kategorien relevant: • die Preisindizes der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen (VGR) und • die Preisindizes der Lebenshaltung (Verbraucherpreisindizes). Die Preisindizes der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen (VGR) sind am breitesten angelegt. Den Rahmen bildet die bekannte Verwendungsgleichung des Bruttoinlandsprodukts zu Marktpreisen. Je nachdem, welche Komponenten auf ihre Preisentwicklung (P) hin erfasst werden, erhält man verschiedene Preisindizes (PI). II. Operationalisierung der Preisniveaustabilität Abb. D.5: Preisindizes der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung II. Operationalisierung der Preisniveaustabilität 115 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 Am umfassendsten ist der Preisindex des Bruttoinlandsprodukts. Er enthält die Preisentwicklung sämtlicher Waren und Dienstleistungen einer Volkswirtschaft und wird als sog. Deflator verwendet, um vom nominellen zum realen Inlandsprodukt zu gelangen (sog. Deflationierung des nominalen BIP). Der Preisindex der letzten Verwendung eliminiert die Entwicklung der Einfuhrpreise. Im Preisindex der letzten inländischen Verwendung sind zusätzlich die Exportgüterpreise ausgeschaltet. Die Bundesregierung operationalisierte in der Vergangenheit das Ziel der Preisniveaustabilität anhand unterschiedlicher Preisindizes der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen. Diese gesamtwirtschaftlichen Inflationsmaße dürften jedoch bei den meisten Menschen nur auf geringes Interesse stoßen. Sie spüren zumindest nicht unmittelbar die Preisentwicklung beispielsweise von Maschinen, sondern lediglich die Preissteigerungen von Konsumgütern. Die Verteuerung des Nachfrageaggregats ,,Privater Konsum“ (C) wird mit Hilfe des Preisindex des privaten Verbrauchs erfasst. Er misst die Preissteigerungen der Konsumgüter, die in der Volkswirtschaft typischerweise von den privaten Haushalten verbraucht werden. Die Berechnung der VGR-Preisindizes erfolgt inzwischen auf ,,Vorjahrespreisbasis“ (sog. Verkettung). Hierbei wird die Volumenentwicklung eines Jahres mit den Preisen des jeweiligen Vorjahres bewertet. Dadurch erhält man einen zeitnahen und unverzerrten Einblick in die Entwicklung des realen BIP sowie seiner Komponenten. Dieser VGR-Index darf jedoch nicht mit dem bekannten Preisindex der Lebenshaltung verwechselt werden. Auch dieser sog. Verbraucherpreisindex (VPI) setzt am privaten Verbrauch an; erfasst werden aber bei weitem nicht alle Konsumgüter, sondern nur ein kleiner Ausschnitt. Er bildet den Inhalt eines repräsentativen Warenkorbes der privaten Haushalte ab, dessen Teuerung monatlich ermittelt wird. Adressaten dieser Messlatte für Geldwertstabilität sind also die privaten Haushalte. Nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass dieser Personenkreis auch die Wählerschaft bildet, findet der Preisindex der Lebenshaltung in der Politik die größte Beachtung. Bei ihren Zielprojektionen ist die Bundesregierung allerdings verpflichtet, sich der Sprache der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung zu bedienen. Sie wählt daher die oben erläuterten VGR- Preisindizes. Die Europäische Kommission und die Europäische Zentralbank weisen die Inflationsentwicklung an Hand eines europäisch harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) aus. Im Zweifel ist durch die Nutzer von Preisindizes genau zu unterscheiden, welcher Index im konkreten Fall verwendet worden ist. Die Teuerungsraten dieser Warenkörbe unterschieden sich in der Regel nur relativ gering. Das individuelle Verbrauchsverhalten eines Haushalts und die individuelle Preissteigerungsrate weichen jedoch zum Teil erheblich voneinander ab – d. h. ,,die“ Inflation gibt es letztlich nicht; die Geldentwertung eines Haushaltes oder einer Gruppe von (gleichartigen) Haushalten hängt letztlich davon ab, welche Güter konkret konsumiert werden und wie deren Preisentwicklung verläuft. Die amtliche Statistik berichtet über den seit 2003 vom Statistischen Bundesamt ermittelten Verbraucherpreisindex (VPI) monatlich, D. Preisniveaustabilität116 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 wobei die Daten sowohl für Deutschland insgesamt als auch getrennt nach Bundesländern ausgewiesen werden. Der Warenkorb, der dem Verbraucherpreisindex zugrunde liegt, enthält gegenwärtig rund 750 verschiedene Waren und Dienstleistungen. Dieses Güterbündel wird als repräsentativ für die durchschnittliche Lebenshaltung angesehen. Seit der Vereinigung der deutschen Staaten wird auch für Ostdeutschland die Preisentwicklung nach der gleichen Methode beobachtet. Die Ermittlung der Preise dieser Waren erfolgt nach einem aufwändigen schematisierten Verfahren. Monatlich werden in Deutschland in ca. 40.000 Geschäften etwa 350.000 Preiserhebungen durchgeführt; dies geschieht in 190 Gemeinden der Bundesrepublik Deutschland. Um festzustellen, wie stark der Preisanstieg der einzelnen Produkte auf die gesamte Teuerung ,,durchschlägt“, muss man wissen, welches Gewicht die betreffenden Ausgaben im Gesamtbudget des Haushalts haben. Gegenwärtig liegt den Berechnungen das Verbrauchsverhalten des Jahres 2005 zugrunde. Der Warenkorb wird in Abständen von jeweils ca. fünf Jahren aktualisiert (,,neues Basisjahr“). Einen genauen Einblick in den deutschen Warenkorb des Jahres 2005 und damit in das Wägungsschema des Verbraucherpreisindex liefert Abbildung D.6. Auf der Grundlage dieser Daten werden dann die Preissteigerungen der einzelnen Güter entsprechend gewichtet. Die Berechnung der Inflationsrate erfolgt mit der sog. ,,Laspeyres-Methode“. Dabei hält man den gewählten Warenkorb über eine längere Periode hinweg in seiner Mengenzusammensetzung Quelle: Statistisches Bundesamt Abb. D.6: Warenkorb für alle privaten Haushalte (Basis: 2005) II. Operationalisierung der Preisniveaustabilität 117 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 konstant. Dann errechnet man, wie sich dieses Güterbündel im Zeitablauf gegenüber dem Basisjahr verteuert. Ausgehend von einem Basiswert in Höhe von 100 lassen sich sodann die nachfolgenden Indexwerte berechnen. Auf der Grundlage dieser Indexwerte errechnet man die prozentuale Steigerungsrate (Inflationsrate) gegenüber dem betreffenden Monat des Vorjahres bzw. dem durchschnittlichen Indexwert des Vorjahres (Jahresveränderungsrate). Hinzuweisen ist an dieser Stelle noch auf die unterschiedliche Inflationsgeschwindigkeit bestimmter Gütergruppen. So lässt sich in der jüngeren Vergangenheit in Deutschland feststellen, dass Dienstleistungen deutlich höhere Teuerungsraten aufweisen als Industriewaren, die i. d. R. ein höheres Rationalisierungspotenzial aufweisen. Von Bedeutung ist auch die Unterscheidung nach dem Personenkreis, der die Preise festlegt. Gegenwärtig werden in Deutschland rund 40 % der im Preisindex der Lebenshaltung erfassten Güter direkt oder indirekt vom Staat bestimmt. Beispiele sind Verkehrstarife sowie Gebühren für Rundfunk und Fernsehen, Müllbeseitigung, Schornsteinreinigung oder TÜV-Abnahme. Diese so genannten staatlich administrierten Preise sind in den zurückliegenden Jahren stärker gestiegen als die von der Privatwirtschaft in Rechnung gestellten Marktpreise. In neueren Statistiken trifft man gelegentlich auf den Begriff der „Kerninflation“ („core inflation“). Diese Größe erfasst die Entwicklung der Verbraucherpreise ohne die Bereiche Energie sowie saisonabhängige Nahrungsmittel. Das Statistische Amt der Europäischen Union (Eurostat) veröffentlicht zudem seit 1997 den bereits erwähnten so genannte ,,harmonisierte Verbraucherpreisindizes“ (HVPI) für die Mitgliedstaaten der Eurozone. Da die Verbrauchsgewohnheiten und damit die monetären Verbrauchsausgaben der privaten Haushalte für einzelne Produkte von Land zu Land unterschiedlich sind, basiert der HVPI eines Landes nicht auf einem einheitlichen Warenkorb, der für alle Euroländer gilt, sondern berücksichtigt die nationalen Verbrauchsgewohnheiten; dabei gleicht der nationale HVPI weitgehend dem nationalen VPI. Um einen HVPI für die gesamte Euro-Währungszone zu erhalten, erfolgt eine Gewichtung der HVPIs der einzelnen Euroländer. Als Gewicht dient hierbei der Anteil der Konsumausgaben eines Landes an den gesamten Konsumausgaben in der Eurozone. Eurostat veröffentlicht die Entwicklung des HVPI monatlich; jeweils zu Beginn eines Jahres erfolgt eine Aktualisierung. Der HVPI ist ein zentraler Indikator für die geld- und währungspolitischen Entscheidungen der Europäischen Zentralbank. Der HVPI ersetzt jedoch nicht den offiziellen Preisindex für die Lebenshaltung des Statistischen Bundesamtes. Er ist vielmehr als ein zusätzlicher Index für zwischenstaatliche Inflationsvergleiche in Europa konzipiert. 2. Aussagefähigkeit der Preisindizes Die regelmäßig veröffentlichten Inflationsraten erwecken in der Öffentlichkeit überwiegend den Eindruck großer Genauigkeit, werden doch die Werte bis hinter das Komma ausgewiesen. Trotz dieser ,,optischen“ Exaktheit dürfen D. Preisniveaustabilität118 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 jedoch verschiedene methodische Probleme nicht übersehen werden, die den Teuerungszahlen anhaften. Innerhalb der VGR-Indizes ist der Preisindex der letzten inländischen Verwendung mit den geringsten methodischen Problemen belastet. Allerdings enthält er mit den Investitionen und den Staatsausgaben zwei Komponenten, deren Teuerung die privaten Haushalte nicht unmittelbar betrifft. Beim Preisindex der letzten Verwendung kommt mit den Exporten ein weiteres Problem hinzu. Da die Entwicklung der Exportpreise das Ausland betrifft, ergeben sich nicht sinnvoll interpretierbare Aussagen für die Preisniveauentwicklung im Inland. Noch stärker verzerrt der Preisindex des Inlandsproduktes das Bild des Preisgeschehens: Da hier die Importe mit negativem Vorzeichen in die Gleichung eingehen, führen z. B. steigende Einfuhrpreise – ceteris paribus – zu einer Verringerung der Inflationsrate. Angesichts der mit dem Preisindex des Bruttoinlandsprodukts verbundenen Probleme schlägt der Sachverständigenrat vor, das Inlandsprodukt mit dem Preisindex der letzten inländischen Verwendung zu deflationieren und auf dieser Basis einen sog. „Realwert des Inlandsprodukts“ zu errechnen. Methodische Probleme weist auch der Verbraucherpreisindex auf. Wird zu lange an einem alten Warenkorb festgehalten, so verringert sich die aktuelle Aussagekraft des Preisindex in zunehmendem Maße. Das Statistische Bundesamt passt daher den Warenkorb von Zeit zu Zeit den Veränderungen der Verbrauchsgewohnheiten an. Eine permanente Anpassung ist jedoch nicht sinnvoll, denn dann könnte nicht mehr eindeutig gesagt werden, ob der Warenkorb teurer geworden ist, weil die Preise der Waren und Dienste gestiegen sind, oder ob er teurer wurde, weil sich seine Zusammensetzung verändert hat. Bisher galten folgende Basisjahre: 1962, 1970, 1976, 1980, 1985, 1991, 1995 und 2000. Zurzeit gilt – wie erwähnt – das Basisjahr 2005. Als künftiges Basisjahr wird voraussichtlich das Jahr 2010 fungieren. Im Zeitablauf hat sich die Verbrauchsstruktur zum Teil gravierend geändert. Vergleicht man die Zusammensetzung der Verbrauchsausgaben mit früheren Warenkörben, so ist festzustellen, dass der Anteil der Ausgaben für Ernährung an den Gesamtausgaben im Zeitablauf deutlich abgenommen hat (1950: 43,2 Prozent, 2005: 10,4 Prozent), der Anteil der Ausgaben für Miete hat sich dagegen verdreifacht (1950: 10,2 Prozent, 2005: 30,8 Prozent). Drastisch erhöhte sich auch der Anteil der Ausgaben für Verkehr und Nachrichtenübermittlung (1950: 2,8 Prozent, 2005: 16,3 Prozent). Würde man noch heute die Inflation mit dem Warenkorb von 1950 ermitteln, so würden Preissteigerungen bei Nahrungsund Genussmitteln mit dem Gewicht von damals (43,2 %) in die Inflationsrate eingehen, obwohl sich die Bedeutung von Preissteigerungen in diesem Sektor inzwischen deutlich verringert hat (2005: 10,4 %). Umgekehrt würden Mietpreissteigerungen – gemessen an der aktuellen Bedeutung (30,8 %) – mit einem zu geringen Gewicht (10,2 %) in die Inflationsrate eingehen. Die Veränderung der Verbrauchsstruktur erzwingt daher schon aus diesem Grund eine periodische Umstellung des Warenkorbes. Ein weiteres Problem ergibt sich aus dem Auftreten neuer und dem Ausscheiden alter Güter aus dem Verbrauchssortiment. Bei der Umstellung des Wa- II. Operationalisierung der Preisniveaustabilität 119 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 renkorbs werden stets solche Güter herausgenommen, deren Verbrauch eine immer geringere Rolle spielt bzw. neue Güter einbezogen, die für den privaten Verbrauch immer wichtiger werden. So wurden bei der letzten Umstellung des Warenkorbs für das Jahr 2005 gegenüber dem zuvor geltenden Warenkorb von 2000 verschiedene Güter neu aufgenommen, so z. B. Flatrate-Tarife fürs Internet, DVD-Player, MP3-Player oder Espresso-Maschinen. Teilweise wurden alte Produkte durch moderne ersetzt, z. B. werden nur noch Preise für Digital-Kameras erfasst. Manche Produkte wurden ganz gestrichen. Die offizielle Teuerungsrate berücksichtigt auch nicht den Wechsel von Verkaufsstellen. Neue Vertriebsformen des Einzelhandels wie verstärktes Auftreten von Discountern oder Handel im Internet führen zu spürbaren Verschiebungen der Marktanteile zu Gunsten dieser preisgünstigen Anbieter. Die dabei entstehenden Einspareffekte werden im Preisindex der Lebenshaltung nur unzureichend erfasst. Des Weiteren müssten Qualitätsänderungen berücksichtigt werden. Verbessert sich die Qualität eines Produkts (z. B. bessere Grundausstattung von Fahrzeugen) und steigt gleichzeitig der Preis dieses Produkts im Ausmaß der Qualitätsverbesserung, so liegt eigentlich keine Inflation vor. In der Realität wird also möglicherweise eine Inflationsrate ausgewiesen, obwohl deren „echter“ Wert unter Berücksichtigung von Qualitätsverbesserungen eigentlich niedriger hätte sein müssen. Schätzungen gehen davon aus, dass die statistisch ermittelte Inflationsrate um ein bis zwei Prozentpunkte gekürzt werden müsste, um die Qualitätsverbesserungen adäquat zu erfassen. Anders formuliert: Mit Blick auf die unzureichende Erfassung von Qualitätsverbesserungen kann man eine Inflationsrate von ein bis zwei Prozent als Preisniveaustabilität interpretieren. Inzwischen hat das Statistische Bundesamt damit begonnen, die deutsche Preisstatistik in Bezug auf Qualitätsveränderungen mit Hilfe der sog. „hedonischen Qualitätsbereinigung“ zu erweitern. Bei diesem Verfahren, das in den USA bereits seit längerem angewendet wird, erfolgt ein Zerlegung eines Gutes in Qualitätseigenschaften; mit mathematischen Methoden kann dann der Einfluss der Qualitätsmerkmale auf den Preis ermittelt werden. Dadurch ist es möglich, Preisänderungen, die ausschließlich auf Qualitätsänderungen beruhen, von reinen Preisänderungen zu separieren. Die hedonische Qualitätsbereinigung ist insbesondere für innovative technische Güter, etwa aus dem IT-Bereich, geeignet. Trotz der Vorbehalte, die gegen die Verfahren zur Inflationsmessung vorgebracht werden können, ist relativ unumstritten, dass die herrschende Inflationsstatistik die allgemeine Teuerung der Lebenshaltung recht zutreffend widerspiegelt. Empirisch ermittelbar ist allerdings nur die offene Inflation, also derjenige Teil der Geldentwertung, der auf effektive Preissteigerungen zurückzuführen ist. Derjenige Teil der Geldentwertung, der sich trotz stabiler Preise daraus ergibt, dass das vorhandene Einkommen mangels Verfügbarkeit von Gütern nicht verausgabt werden kann, wird dagegen nicht erfasst. Eine derartige zurückgestaute Inflation trat häufig in sozialistischen Ländern auf. In den westlichen Volkswirtschaften stellt dieses Problem nur eine Randerscheinung dar. D. Preisniveaustabilität120 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 Eine zusammenfassende Übersicht über die Konsequenzen und Messung der Inflation vermittelt Abbildung D.7. 3. Empirischer Befund Abschließend sollen noch einige Daten einen Einblick in die „Inflationsgeschichte“ der jüngeren Vergangenheit geben. Wie aus Abbildung D.8 hervorgeht, verlief die Teuerung in der Nachkriegszeit in den alten Bundesländern wellenförmig. Inflatorische Schübe waren vor allem zu Beginn der siebziger und der achtziger Jahre zu verzeichnen. Diese Tendenz zeigt sich in abgeschwächter Form auch zum Anfang der neunziger Jahre. Die jüngste große Wirtschaftskrise 2008/09 hat – wie erwartet – zu einem deutlichen konjunkturellen Rückgang der Inflationsrate geführt (2009: 0,4 %). Ein ungünstigeres Bild zeigte sich im Anschluss an die Wiedervereinigung für die neuen Bundesländer. Dort erreichte die Preisniveausteigerung Ende 1991 Abb. D.7: Zusammenfassende Übersicht zu Konsequenzen und zur Messung der Inflation

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Wirtschaftspolitik verständlich erklärt.

"Wer eine kompakte und verständliche Einführung in die Wirtschaftspolitik sucht, ist mit diesem schon seit langem erfolgreichen und weitverbreiteten Lehrbuch bestens bedient."

in: Studium 90/2012

Alles zur Wirtschaftspolitik

Dieses Lehrbuch befasst sich mit den Grundfragen und den aktuellen, zentralen Aufgabenfeldern der Wirtschaftspolitik: Sicherung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts und Gewährleistung einer nachhaltigen ökologischen Entwicklung. Die Neuauflage geht jetzt noch ausführlicher auf die Problematik des demografischen Wandels sowie die Eurokrise ein.

"Wer immer eine gelungene Einführung in die Wirtschaftspolitik sucht - ob Studierende der Wirtschaftswissenschaften im Grundstudium bzw. Teilnehmer vergleichbarer Aus- und Fortbildungsstätten oder am Wirtschaftsgeschehen interessierte Praktiker - wird von diesem Lehrbuch nicht enttäuscht werden."

in: www.rezensionen.ch 15.5.12

Autoren

Prof. Dr. Gerhard Mussel unterrichtet Volkswirtschaftslehre an der Dualen Hochschule

Baden-Württemberg Stuttgart.

Prof. Dr. Jürgen Pätzold ist Honorarprofessor an der Universität Hohenheim.